Author Topic: Umweltschutz | Naturschutz | Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)  (Read 12855 times)

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Umweltschutz | Naturschutz | Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #40 on: August 19, 2020, 09:21:57 AM »
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[...] Die Umweltchemikalie Bisphenol A (BPA) erhöht einer Studie zufolge die Sterblichkeit. Menschen, bei denen höhere BPA-Werte gemessen worden waren, hatten ein höheres Risiko dafür, vorzeitig zu sterben, als Menschen mit niedrigeren BPA-Werten, berichten US-Forscher im Fachmagazin „JAMA Network Open“.

Die zugrundeliegenden Mechanismen seien noch nicht bekannt. Denkbar sei, dass die Chemikalie Entzündungsprozesse hervorruft oder die Steuerung der genetischen Aktivität beeinflusst.

Bisphenol steckt in zahlreichen Alltagsprodukten vor allem aus bestimmten Kunststoffen oder Epoxidharzen – in Plastikflaschen, Konservendosen, Thermopapier, CDs, Bodenbelägen oder auch medizinischen Materialien wie Zahnfüllungen. Spuren der Substanz sind auch im menschlichen Körper nachweisbar – in den USA etwa bei 90 Prozent der Bevölkerung, wie die Forscher um Wei Bao von der University of Iowa schreiben.

Seit 2018 ist BPA in der EU als „besonders besorgniserregender Stoff“ in der Chemikalienverordnung „Reach“ gelistet. Bereits seit 2011 darf die Substanz nicht mehr zur Herstellung von Baby-Trinkflaschen eingesetzt werden. Seit Januar dieses Jahres gilt ein Verbot von BPA in Thermopapier, etwa in Kassenbons.

BPA zählt zu den Stoffen mit hormonähnlicher Wirkung – greift also in das Hormonsystem von Menschen und Tieren ein – und kann etwa die Sexualfunktion und Fruchtbarkeit bei Männern und Frauen beeinträchtigen. Studien weisen auch auf eine Verbindung mit der Entstehung von Fettleibigkeit, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin.

Langzeitstudien zu den gesundheitlichen Auswirkungen seien aber rar und die Frage, inwieweit Bisphenol A die Sterblichkeit beeinflusst, ebenfalls unklar, schreiben die Forscher. Sie analysierten nun Daten von insgesamt 3883 Teilnehmern einer US-Bevölkerungsstudie, in denen verschiedenen Aspekte zu Gesundheit und Ernährung über längere Zeit untersucht wurden.

Die Teilnehmer beantworteten unter anderem Fragen zu ihrem Verhalten und gaben Urinproben ab, in der die Forscher den BPA-Gehalt maßen. Die Wissenschaftler verfolgten das Schicksal der Teilnehmer im Schnitt zehn Jahre lang. Schließlich verknüpften sie die Daten der Teilnehmer mit der nationalen Sterbefall-Datenbank, in der auch die Todesursachen erfasst sind.

Im Beobachtungszeitraum verstarben 344 Teilnehmer, darunter 71 an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung und 75 an Krebs. Probanden, bei denen eine höhere BPA-Belastung (über 5,7 Nanogramm pro Milliliter) gemessen worden war, hatten der Auswertung zufolge ein 1,5 Mal höheres Risiko, vorzeitig an Krankheiten aller Ursachen zu sterben, als die der am niedrigsten belasteten Gruppe (0,7 Nanogramm pro Milliliter). Der Unterschied war statistisch bedeutsam.

Ebenfalls erhöht war das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, allerdings war dieser Zusammenhang nicht statistisch signifikant. Für Krebserkrankungen fanden die Forscher keinen Zusammenhang.

Andere mögliche Einflussfaktoren wie die ethnische Zugehörigkeit, Alter, Geschlecht, verschiedene Ernährungs- und Lebensstilfaktoren und Körpergewicht hatten die Forscher bei der Analyse herausgerechnet.

«Der mögliche Mechanismus, der dem mit BPA assoziierten erhöhten Sterberisiko zugrunde liegt, muss noch erforscht werden», schreiben die Wissenschaftler. Denkbar sei, dass die Substanz den Kalziumstoffwechsel im Herz beeinflusse, Ionenkanäle hemme oder aktiviere, oxidativen Stress und Entzündungen hervorrufe oder die genetische Aktivität verändere.

Ein Schwachpunkt der Studie sei, dass der BPA-Wert nur in einzelnen Urinproben der Teilnehmer gemessen worden sei. 24-Stunden-Messungen seien in Studien mit vielen Teilnehmern schlicht zu aufwendig. Es sei zudem denkbar, dass es weitere, unbekannte Einflussfaktoren gebe, die die Forscher in ihrer statistischen Auswertung nicht berücksichtigt haben und die die Zusammenhänge erklären könnten.

Obwohl die BPA-Exposition in den USA zurückgegangen sei, sei die Chemikalie auch 2013/14 noch in fast 96 Prozent der Urinproben der Studienteilnehmer nachgewiesen worden. Aufgrund der vielfältigen toxischen Wirkungen sei es dringend geboten, die Exposition zu senken. Die Forscher raten allerdings zu Vorsicht bei den derzeit zunehmend eingesetzten Alternativen wie Bisphenol F oder Bisphenol S.

Die gesundheitlichen Wirkungen dieser Substanzen seien weitgehend unerforscht. Einige vorläufige Studienergebnisse deuteten darauf hin, dass auch sie gesundheitsschädlich sind.  (dpa)


Aus: "Umweltgift: Früherer Tod durch Bisphenol A" (18.08.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/umweltgift-frueherer-tod-durch-bisphenol-a-/26105746.html

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« Reply #41 on: September 08, 2020, 09:24:31 AM »
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[...] In der EU steht laut einer Studie etwa jeder achte Todesfall in Zusammenhang mit Umweltverschmutzung. 630.000 Todesfälle im Jahr 2012 in der Europäischen Union und dem damals noch zur EU gehörenden Großbritannien hätten auf Umweltverschmutzungen zurückgeführt werden können, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Untersuchung der Europäischen Umweltagentur (EUA).

Dies entsprach einem Anteil von 13 Prozent. Die Daten von 2012 sind die jüngsten, die für die Studie vorlagen.

Als Umweltfaktoren, von denen das größte Risiko für die Gesundheit der EU-Bürger ausgeht, nannte die in Kopenhagen ansässige EUA die Luftverschmutzung und die Belastung durch Chemikalien. Als weitere schädliche Faktoren werden in dem Report unter anderem hohe Lärmbelastung und extremes Wetter infolge des Klimawandels aufgeführt.

Umweltverschmutzung wird insbesondere mit Krebserkrankungen sowie Erkrankungen des Herzkreislaufsystems und der Atemwege in Verbindung gebracht. Die EU-Umweltagentur betonte, dass Todesfälle durch diese Krankheiten mittels der Beseitigung von "Umweltrisiken" verhindert werden könnten.

Die EUA hob auch die starken regionalen Unterschiede innerhalb der Europäischen Union hervor. So sei in Rumänien fast jeder fünfte Todesfall auf Umweltverschmutzungen zurückzuführen. Dies war dem Bericht zufolge der EU-weit höchste Anteil. In Dänemark und Schweden war der Anteil der Todesfälle mit Verbindung zu Umweltverschmutzungen mit jeweils einem von zehn am niedrigsten innerhalb der Europäischen Union. (AFP)


Aus: "EU-Studie: Jeder achte Todesfall in EU in Verbindung mit Umweltverschmutzung" (08.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/eu-studie-jeder-achte-todesfall-in-eu-in-verbindung-mit-umweltverschmutzung/26166718.html

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« Reply #42 on: September 30, 2020, 11:27:27 AM »
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[...] In der Landwirtschaft verwendete Pestizide und deren Abbauprodukte verbreiten sich einer Studie zufolge kilometerweit durch die Luft. Das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und das Umweltinstitut München gaben Messungen an 163 Standorten in Deutschland in Auftrag – an rund drei Viertel davon wurden demnach jeweils mindestens fünf und bis zu 34 Pestizidwirkstoffe sowie deren Abbauprodukte gefunden.

Für die Studie wurden nach Angaben der Auftraggeber von März bis November 2019 Pestizide in der Luft gemessen. Untersucht wurden Standorte im Umkreis von weniger als 100 bis hin zu mehr als 1.000 Metern Entfernung von potenziellen Quellen: in Städten und auf dem Land, in konventionellen und Bio-Agrarlandschaften sowie in unterschiedlichen Schutzgebieten. Die Daten seien mit Hilfe neu entwickelter Passivsammelgeräte, aus Filtermatten in Be- und Entlüftungsanlagen von Gebäuden sowie durch die Analyse von Bienenstöcken und Baumrinden erhoben worden. Landwirte, Imker und Privatpersonen hätten zudem Proben eingesandt.

Das Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat sei in allen Regionen Deutschlands und weit abseits von potenziellen Ursprungsäckern nachgewiesen worden, erklärten die Auftraggeber. Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz seien zwölf Pestizide nachweisbar. Insgesamt hätten sich deutschlandweit 138 Stoffe gefunden, von denen 30 Prozent zum jeweiligen Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen gewesen seien.

Der Agrarexperte im Umweltinstitut München, Karl Bär, nannte die Ergebnisse der Studie "schockierend". Pestizide landeten "in schützenswerten Naturräumen, auf Bio-Äckern und in unserer Atemluft". Boris Frank, Vorsitzender vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, kritisierte insbesondere, dass biologisch bewirtschaftete Äcker kontaminiert würden. "Ganze Ernten gehen so verloren."

Beide forderten ein sofortiges Verbot der fünf Pestizide, die sich am meisten verbreiteten, darunter Glyphosat. Bis 2035 müsse die EU-Kommission schrittweise alle chemisch-synthetischen Pestizide verbieten. Ökolandwirte müssten bei der Kontamination ihrer Ernte über einen Schadensausgleichsfonds entschädigt werden – den Fonds füllen sollen demnach zehn Prozent der deutschen Umsätze der Pestizidhersteller.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze forderte Maßnahmen gegen die Verbreitung von Pestiziden über die Luft. Dies sei besorgniserregend für den Ökolandbau und die Natur, sagte die SPD-Politikerin. "Wir wissen überhaupt noch nicht, wie dieser Cocktail aus verschiedenen Pflanzenschutzmitteln am Ende wirkt." Um eine Verbreitung kritischer Substanzen einzudämmen, könne unter anderem bei der Zulassung und einem deutlich reduzierten Pestizideinsatz angesetzt werden.

Der Industrieverband Agrar (IVA), der die Interessen der agrochemischen Industrie vertritt, erklärte, die Funde seien "offenbar selten" und die dabei nachgewiesenen Mengen "so minimal, dass sie für Mensch und Umwelt unbedenklich sind". Hier werde ein Thema "künstlich aufgebauscht", kritisierte IVA-Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer.


Aus: "Studie zu Umweltgiften: Pestizide verbreiten sich kilometerweit durch die Luft" (29. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-09/studie-umweltgifte-pestizide-verbreitung-luft-landwirtschaft-umweltinstitut-muenchen-kilometerweit

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FreundMeinesFreundes #1

... aber was soll man da auch tun als Umweltministerin?


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Secundus v. Quack #5

Österreich z.B. hat Glyphosat verboten. Aber es kam nicht dazu:
https://www.agrarheute.com/politik/eu-kommission-stoppt-oesterreichs-glyphosat-verbot-571976


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violettagetyourgun #5.1

Jaja, die liebe EU. ...


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Nigella #5.2

Wieviel Lobbyisten kommen auf einen EU-Abgeordneten? ...


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Karl Josef Schleidweiler #6

Große Überraschung, dass der Wind etwas verwehen kann, und dass Feldgrenzen dieses Verwehen nicht stoppen können: erstaunliche Erkenntnis.
Ebenso die der Wirkung verschiedener Gifte, die als Cocktail im Grundwasser landen.


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Zeitloch #6.1

...2017 hat Agrarminister "Glyphosat Lobbyist" Schmidt (CSU, natürlich) einer weiteren Verwendung von Glyphosat in der EU zugestimmt - entgegen der Abmachung der Bundesregierung. Und hat somit zu einer Verlagerung des Problems in die Zukunft beigetragen...

...hat sich bei der Verklappung von Gülle auf den Feldern schon etwas geändert. Meine letzte Info darüber ist, dass Deutschland Strafzahlungen ins Haus stehen, wegen zu hoher Belastungen der Äcker uund Böden...


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Wuerther #10

Welch ein Wunder ! Ohne die Studie hätte ich mir nicht vorstellen können, dass Pestizide, die versprüht werden, weit verfrachtet werden können (Achtung: Ironie).


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land of oppurtunities #10.1

JA, über diese Studie bin auch heilfroh und dafür sehr dankbar, wer hätte denn das erahnen können ;) .


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genug #12

Dass konventionell hergestellte Nahrungsmittel, also hergestellt mit dem Einsatz von Pestiziden, Antibiotika oder Wachstumshormonen - günstiger sind als Bio-Produkte, liegt daran, dass die Folgekosten der Nebenwirkungen nicht im Preis enthalten sind:

Pestizide > Insektensterben, zuviel Gülle > Nitrat im Trinkwasser > teure Filterung des Trinkwassers, wenn überhaupt möglich > oder mehr Krebstote. Massentierhaltung > Methan > CO2-Anstieg > Klimawandel > Unwetter, Dürren, Migration usw.

Der Raubbau am Boden, am Urwald, der für Rinderweiden oder Soja zur Fütterung der Rinder abgeholzt wird, am Wasser, an der Luft, also an den Lebensgrundlagen aller Menschen hat keinen Preis. Das muss sich ändern!

Ein Pestizidverbot, eine CO2-Lenkungsabgabe oder eine Zuckersteuer wäre ein kleiner Anfang.

Ein Austausch der netten Marionette Klöckner wäre ein erster Schritt.


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  TomS. #15

Irgendwie dubios, das Ganze...
Glyphosat auf dem Brocken? Was soll man daraus lernen?
Dass die ganze Landschaft verseucht ist?
Oder dass die chromatographischen/spektrometrischen Nachweismethoden mittlerweile extrem sensitiv geworden sind?
Ich bleibe ratlos zurück.


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Schneeregen #15.1

Dass es Wind gibt?


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« Reply #43 on: October 05, 2020, 09:36:19 AM »
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[...] Moskau – An der Küste der Halbinsel Kamtschatka im Fernen Osten Russlands ist es zu einem massenhaften Tiersterben gekommen. Der Gouverneur der Region, Wladimir Solodow, warnte am Samstag Einwohner und Touristen vor dem Besuch der Strände. "Das einzige, was man bisher sagen kann, ist, dass es eine Wasserverschmutzung gibt", sagte er einer Mitteilung zufolge.

Vermutet werde, dass Erdölprodukte aus Schiffen ins Meer gelangt seien. Das russische Verteidigungsministerium wies Vorwürfe zurück, dass Schiffe der Pazifikflotte verantwortlich sein könnten.

Zuvor hatten die Umweltschützer von Greenpeace Alarm geschlagen. Demnach wurde eine große Zahl toter Meerestiere vor Kamtschatka angespült. In Videos waren ein mutmaßlicher Erdölteppich und tote Robben, Kraken und Fische zu sehen. Touristen an den bei Surfern beliebten Stränden hatten zudem über Vergiftungsbeschwerden geklagt. (APA, 4.10.2020)


Aus: "Umweltverschmutzung: Massenhaftes Tiersterben an Küste von russischer Halbinsel Kamtschatka" (4. Oktober 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000120469260/massenhaftes-tiersterben-an-kueste-von-russischer-halbinsel-kamtschatka

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« Reply #44 on: October 08, 2020, 04:40:37 PM »
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[...] Laut eines Urteils des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) durfte Frankreich den Einsatz bienenschädlicher Pestizide, sogenannter Neonikotinoide, trotz EU-Zulassung verbieten. Frankreich habe die Kommission wirksam über die "Notwendigkeit von Notfallmaßnahmen" insbesondere zum Schutz der Bienen unterrichtet, urteilte der EuGH. Es ging dabei um fünf Pestizide, deren Anwendung Frankreich ab September 2018 untersagt hatte.

Bienen und Hummeln können durch Neonikotinoide geschädigt werden, weswegen ihre Anwendung in der EU stark eingeschränkt ist. Drei der Mittel sind im Freiland verboten, eines inzwischen komplett. Das französische Verbot war aber umfangreicher und umfasste mehr Wirkstoffe.

EU-Mitgliedsstaaten dürfen zwar eigene Schutzmaßnahmen erlassen, jedoch nur, wenn sie zuvor gegenüber der EU-Kommission Bedenken erhoben haben und diese nicht selbst agiert. Der Verband der Pflanzenschutzindustrie hatte vor dem obersten Verwaltungsgericht dagegen geklagt. Er bezweifelte, dass die französische Mitteilung an die Kommission den Anforderungen genügte.

Der EuGH entschied nun aber, dass Frankreich sehr wohl die EU-Kommission offiziell über seine Pläne unterrichtet habe. Eine solche Unterrichtung sei gegeben, wenn "diese Mitteilung eine klare Darlegung der Anhaltspunkte enthält, die zum einen belegen, dass diese Wirkstoffe wahrscheinlich ein schwerwiegendes Risiko für die Gesundheit (...) darstellen, und zum anderen, dass diesem Risiko ohne die (...) Maßnahmen nicht begegnet werden" könne, hieß es in der Urteilserklärung.

In der Nacht zum Mittwoch hatte die französische Nationalversammlung beschlossen, einige Neonikotinoide wieder begrenzt zuzulassen, was für das Urteil des EuGH jedoch keine Rolle spielte.


Aus: "Europäischer Gerichtshof: Frankreichs Verbot bienenschädlicher Pestizide war rechtens" (8. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2020-10/europaeischer-gerichtshof-urteil-frankreich-neonikotinoide-pestizide-verbot

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mörso #4

"Verband der Pflanzenschutzindustrie" - das ist doch mal ein lustiger Euphemismus!


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namevergeben2 #4.1

Wer nennt sich schon freiwillig "Verband der Giftmischer"?


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mofateam #4.9

Ja, darüber bin ich auch direkt gestolpert.

"Lebensmittelindustrie" für Firmen, die uns mit High Fructose Corn Syrup und Fett zu adipösen Diabetikern aufpumpen, ist ja gängige Wortwahl.

Fehlt noch "Friedenssicherungsindustrie" für Rüstungsfirmen.



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« Reply #45 on: October 13, 2020, 09:26:27 AM »
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[...] Auf das, was am Strand von Omoa seit Wochen ankommt, würden die Bewohner der honduranischen Hafenstadt nur allzu gerne verzichten. Es ist ein endloser Tsunami aus Müll. Gespeist wird er aus dem Nachbarland Guatemala. Über den Fluss Motagua an dessen Ufern Hunderte, wenn nicht gar Tausende kleine illegale Mülldeponien für ständigen Nachschub sorgen. Die Dimension ist erschreckend. Bei einer ersten Reinigungsaktion befreiten die Honduraner den Strand von Dutzenden Tonnen von Müll. Doch der stinkende, dreckige Strom von Plastik, Kleidung, gebrauchten Hygieneartikeln und Nahrungsresten versiegt einfach nicht. In dieser Woche kam der nächste Schub. Wieder sind es Hunderte Tonnen, die sich über den rund 500 Kilometer langen Fluss erst durch Guatemala und dann ins karibische Meer ergießen. Von da aus schwappt die stinkend-giftige, wabbelige Masse an die Strände von Omoa.

Die Müllmengen sollen so groß sein, dass sich unweit der honduranischen Karibikinsel Roatán die Anfänge einer künstlichen Plastikinsel gebildet haben sollen, berichten lokale Anwohner. Die Insel Roatán ist als Teil des riesigen mesoamerikanischen Riffs bekannt für ihre Strände, Tauchplätze und Meeresbewohner. Unter anderem gibt es hier Walhaie. Sie sind von dem Müll aktiv bedroht.

Neben der unzureichenden Müllentsorgung in Guatemala, scheint auch der Klimawandel nicht ganz unschuldig an der Entwicklung zu sein. „Wir haben allein in den ersten zwei Wochen 60 Tonnen Müll eingesammelt“, heißt es in einer Stellungnahme des guatemaltekischen Umweltministeriums. „Aber der starke Regen sorgt dafür, dass die Müllmengen, die in den Fluss gelangen, ansteigen.“ Tatsächlich haben die Tropenstürme der letzten Wochen Tonnen von Regenwasser über Mittelamerika entladen. In einigen Regionen deutlich mehr als sonst üblich. Auf dem Boden angekommen, schwemmen sie die Abfälle der illegalen Müllhalden in den Fluss. Von da aus uns Meer und am Ende der „Lieferkette“ stehen dann die verzweifelten Einwohner von Omoa in Honduras.

Guatemala habe zwar Anfang des Jahres eine Abfangeinrichtung für das Auffangen des Mülls eingeweiht, doch die Menge an Müll sei wegen der starken Regenfälle zu groß gewesen, springt der honduranische Direktor des Projektes „Pro-Rio Motagua“ Kessel Rosales Menjivar seinen Kollegen bei. So lange es aber weiterhin illegale Mülldeponien entlang des Flusses gebe, werde das Problem nicht gelöst werden können. Rosales Menjívar kündigte an, gemeinsam mit verschiedenen Institutionen, darunter auch die honduranische Marine, nach Lösungen zu suchen, um die Strände von den Tonnen von Müll zu säubern. Es habe bereits erste Reinigungstage gegeben.

Bereits im vergangenen Jahr kündigten die Regierungen beider Länder an, das Problem in den Griff bekommen zu wollen, allerdings ohne Erfolg. Nun wollen sich Honduras und Guatemala erneut zusammensetzen, um ein entsprechendes Abkommen zu unterzeichnen, dessen Ziel ein nachhaltiges Müllmanagement sein soll. Doch Absichtserklärungen helfen den Menschen in Omoa nicht weiter. Was sie brauchen ist eine funktionierende Müllentsorgung und Wiederaufbereitung, sodass der Fluss Motagua nicht dauerhaft zu einer vergifteten Lebensader für die ganze Region wird.


Aus: "Honduras Strände ersticken in Tonnen von Abfall" Tobias Käufer (12.10.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/muell-tsunami-in-lateinamerika-honduras-straende-ersticken-in-tonnen-von-abfall/26267432.html

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« Reply #46 on: October 16, 2020, 10:45:41 AM »
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[...] Die japanische Regierung will Kühlwasser aus der Kraftwerkruine in Fukushima nach einem Filterungsprozess ins Meer ableiten. Grund ist, dass allmählich kein Platz mehr zur Lagerung des kontaminierten Wassers auf dem Gelände des 2011 in Folge eines Erdbebens und Tsunamis zerstörten Atomkraftwerks ist. Nach siebenjähriger Debatte könnte noch in diesem Monat die formelle Entscheidung fallen, berichteten mehrere japanische Medien.

... Ein Expertengremium hatte der Regierung zu Jahresbeginn vorgeschlagen, das radioaktiv verseuchte Wasser ins Meer zu leiten. Die vom Industrieministerium einberufenen Fachleute nannten dies eine sichere Methode, die auch bei normalen Atomreaktoren angewendet werde. Der Plan stößt jedoch auf großen Widerstand örtlicher Fischerinnen und Landwirte. Sie fürchten, dass Verbraucherinnen Produkte aus der Region meiden könnten.

...


Aus: "Japan will radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer ableiten" (16. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2020-10/japan-fukushima-atomkatastrophe-kuehlwasser-ableitung-meer-fischer-radiaktiv-verseucht

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« Reply #47 on: October 22, 2020, 05:24:03 PM »
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[...] Zeitgeschichte Greenpeace startet seine erste imposante Aktion in Deutschland. Sie richtet sich auch gegen Bayer, weil der Konzern tonnenweise Dünnsäure in der Nordsee verklappen lässt.

Vergleiche mit dem Kampf von David gegen Goliath werden häufig bemüht, gerade für die Arbeit von Umweltaktivisten. Passender für die erste Aktion von Greenpeace in Deutschland wäre das der Realität entnommene Bild „Schlauchboot gegen Industrietanker“. Im Oktober 1980 wurde nahe Bremerhaven mittels aufgepumpter Rettungsinseln über Tage hinweg ein Schiff der Firma Kronos Titan blockiert, das Dünnsäure in die Nordsee leiten sollte. Das fand zwar ein großes Medienecho, doch es sollte dauern, bis Greenpeace Gehör fand. Die Non-Profit-Organisation war 1970 im kanadischen Vancouver als pazifistische Bürgerinitiative entstanden und hatte sich zunächst vorrangig gegen Atomtests und Walfang eingesetzt. Es folgten Greenpeace-Filialen in London, Amsterdam und – im Anschluss an die erste Schlauchboot-Aktion – 1981 in Deutschland.

Heute wirkt die David-Metapher überholt: Greenpeace Deutschland ist mittlerweile ein millionenschwerer Verband mit über 600.000 Fördermitgliedern, etwa ein Fünftel der organisierten Unterstützer weltweit. Während deutsche Unternehmen inzwischen ihre giftigen Abfälle vielfach in ärmere Länder „exportieren“, wurden in den 1980ern ätzende Chemikalien schlicht der Nordsee überlassen, und das mit behördlicher Genehmigung. Das zuständige Deutsche Hydrologische Institut (DHI) in Hamburg gab grünes Licht, Dünnsäure durfte ins Meer entsorgt werden. Industrievertreter behaupteten, dies sei harmlos. Das DHI ging davon aus, die Schiffsschraube werde die Säure im Wasser schnell verdünnen.

Bei der Substanz handelte es sich um ein Abfallprodukt, das neben Wasser 25 Prozent Schwefelsäure sowie weitere Schwermetalle enthalten konnte. Allein Kronos Titan leitete seinerzeit bis zu 1.200 Tonnen Dünnsäure pro Tag in die Nordsee, das ergab Hunderttausende von Tonnen pro Jahr. Dabei hätte es für Kronos schon 1980 die freilich kostspieligere Option gegeben, die Bestandteile der Säure teilweise zu recyceln und erneut zu verwenden. Laut Greenpeace besaß die Firma hierfür bereits ein Patent, dennoch kam es wie bei Industrieabfällen von Bayer zur Ableitung in die Nordsee. Umweltschützer sprachen von einer gelblichen Färbung des Meerwassers, die für Stunden anhalte. Um dagegen zu protestieren, stiegen Greenpeace-Aktivisten am 13. Oktober 1980 morgens in zwei Rettungsinseln, die vor dem Bug und am Steuerruder des Tankers Kronos festgebunden wurden, um das Schiff daran zu hindern, aus dem Hafen in Nordenham zu laufen und die Säure hinter der Wesermündung zu verklappen.

Mit dabei waren Aktivisten vom Bielefelder „Verein zur Rettung von Walen und Robben“ und aus dem „Kölner Arbeitskreis Chemische Industrie“. Technische Hilfe kam von Greenpeace-Aktivisten aus den Niederlanden, die den deutschen Partnern zwei Motoren, ein Schlauchboot sowie eine Rettungsinsel zur Verfügung stellten. Von Anfang an waren sich die Greenpeacer über die Symbolkraft der Bilder im Klaren, die ihre Aktionen liefern würde. Kanadische Umweltschützer hatten ihre Einsätze gegen Walfänger auf dem Meer mit eigenem Equipment gefilmt und fotografiert. Wie sonst hätte 1995 die Ölplattform „Brent Spar“ so viel Beachtung gefunden, die besetzt wurde, als sie im Meer versenkt werden sollte. Bei der Aktion in Nordenham wartete am frühen Morgen bereits ein Presseschiff des Norddeutschen Rundfunks (NDR) darauf, dass etwas passieren würde. Im Nachhinein beschrieb eine Aktivistin die Berichterstattung von ARD und ZDF als „unerwartet positiv“.

Parallel zur Blockade im Hafen von Nordenham kam es um die gleiche Zeit zu weiteren Greenpeace-Unternehmungen. Demonstriert wurde im belgischen Gent und vor der Zentrale des Kronos-Mutterkonzerns in New York. In mehreren Städten der Bundesrepublik fanden Informationsveranstaltungen über die Aktion und deren Hintergründe statt. Zudem wurde weiter auf die Überzeugungskraft der Bilder gesetzt: Aktivisten luden zentnerweise kranke Fische ab – vor dem Pförtnerhaus von Bayer in Brunsbüttel, vor der Zentrale des Konzerns in Leverkusen und vor dem Hamburger DHI. Die Fische wiesen Geschwüre, Hauttumore und andere Krankheiten auf, die auf Dünnsäure zurückzuführen seien, so Greenpeace. Über eine Woche lang blieb die Anlegestelle blockiert, an der die Verklappung von Giftstoffen ihren Anfang nahm. Den gestoppten Tanker konnten die Umweltschützer letztlich dreieinhalb Tage aufhalten. Am zweiten Tag geriet die Besatzung einer Rettungsinsel in Gefahr, als ein holländisches Schiff versuchte, am Firmenpier anzulegen und dabei die angeleinten Aktivisten unter Wasser drückte. Die Insel lief voll und wäre beinahe untergegangen, beide Insassen zeigten den Kapitän anschließend wegen versuchten Totschlags an.

Zunächst angekündigte Verhandlungen mit Konzernvertretern über einen alternativen Umgang mit den Industrieabfällen wurden kurzerhand von Kronos abgesagt. Begründung: Das Haus eines Mitarbeiters sei beschmiert worden. Greenpeace sah sich zudem mit Schadenersatzforderungen von einer halben Million Mark konfrontiert, da die Produktion um zwei Drittel gedrosselt werden musste und womöglich eine Stilllegung von Werksanlagen drohte. Am vierten Tag erhielten die Aktivisten eine einstweilige Verfügung, mit der eine Räumung angekündigt wurde, bald darauf vollzogen durch ein Großaufgebot der Wasserschutzpolizei. Die Operation war damit zwar beendet, aber der mediale Achtungserfolg ließ sich nicht mehr verhindern.

So sehr es gelungen war, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren – dies änderte nichts daran, dass der Widerstand gegen eine Verklappung von Dünnsäure im Meer noch längst nicht am Ziel war. Der Bayer-Konzern konnte sich erst 1982 dazu durchringen, diese Art von Abfallentsorgung zu beenden. Bei Kronos verging hingegen deutlich mehr Zeit: Erst 1990 stellte das Unternehmen in Norddeutschland komplett auf ein Recycling der Schwefelsäure um. Die Kritik galt allerdings weniger dieser Firma als dem Deutschen Hydrologischen Institut: Die Behörde erteilte noch bis Ende 1989 Genehmigungen für die Ableitung von Dünnsäure in die Nordsee. Erst danach wurde dieses zerstörerische Verfahren verboten. Die Aktivisten von Greenpeace brauchten ihre Zeit, um gegen behäbige Behörden mehr als nur Achtungserfolge zu verbuchen.

Umweltschutzbewegungen kamen in Westdeutschland während der 1960er und 1970er Jahre zumeist wegen lokaler Ereignisse wie des Fischsterbens im Rhein oder wegen geplanter Kernkraftwerke zustande. Die Anti-Atom-Bewegung war das Aushängeschild. Den organisatorischen Überbau für viele Großdemonstrationen gegen AKWs und Atomwaffen lieferte der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), der 1972 gegründet wurde. Bis heute gehören dem BBU mehrere Hundert Verbindungen an. Gleichwohl kam mit Greenpeace 1980 ein Player zur westdeutschen Umweltbewegung hinzu, der allein wegen der internationalen Erfahrung ein anderes Kaliber war. Was Unbehagen über dessen Verhalten nicht ausschloss, wenn sich Greenpeace mit Unternehmen arrangierte, um durch Kompromisse auch der Gegenseite zu gefallen. Schon 1977 trat Paul Watson, der im Gründungsjahr beigetreten war, aus und gründete die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd. Watson kritisierte Greenpeace als zu passiv und meinte, die Organisation sei ein Geschäft, das jedem ein gutes Gewissen verkaufe. Kurz nach der Gründung von Greenpeace Deutschland zogen sich auch hierzulande Mitglieder wieder zurück und gründeten Robin Wood. Sie bemängelten eine undemokratische Verbandsstruktur sowie eine fehlende Mitbestimmung und beschrieben die Organisation als „Öko-Multi“.

Wenngleich die Dünnsäure-Aktionen 1980 langfristig durchaus Wirkung zeigten: Aufgrund der multiplen Umweltprobleme und Gewässerverschmutzungen muss konstatiert werden, dass die Anzahl der (vermeintlichen) Davids heutzutage noch sehr viel mehr anwachsen müsste, um gegen die vielen Goliaths der Welt zu bestehen.


Aus: "1980: Kranke Fische" Ben Mendelson (Ausgabe 42/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/benmen/1980-kranke-fische

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« Reply #48 on: November 17, 2020, 10:58:12 AM »
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[...] Der Giftstoff Quecksilber erreicht selbst die entlegensten Winkel der Erde: US-Forscher haben hohe Werte des Schwermetalls bei Flohkrebsen und Fischen in zwei Tiefseegräben im Pazifik nachgewiesen - dem Marianengraben und dem Kermadecgraben.

In den „Proceedings“ der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften beschreibt das Team um Joel Blum von der University in Michigan in Ann Arbor, auf welchen Wegen das Umweltgift zu diesen tiefsten Orten des Planeten gelangt.

Die Forscher untersuchten sowohl Flohkrebse (Amphipoda) als auch Scheibenbäuche (Liparidae), die aus den beiden Tiefseegräben in Tiefen von 6000 bis gut 10.000 Metern gefangen wurden. Dabei analysierten sie das Quecksilber im Gewebe auf mehrere stabile Isotope.

Daraus schließen sie nicht nur, dass das giftige Schwermetall überwiegend anthropogenen Ursprungs ist, also durch menschliche Aktivitäten freigesetzt wurde. Sondern auch, wie es in die Tiere gelangte.

„Quecksilber sowohl natürlicher als auch anthropogener Herkunft zirkuliert durch die Atmosphäre und die Ozeane“, schreiben sie. „In der Atmosphäre hat gasförmiges Quecksilber eine Verweildauer von etwa einem Jahr und gilt daher als globaler Giftstoff.“ Mehr als 2000 Tonnen gelangen demnach jährlich etwa aus Bergbau, Kraftwerken und Zementfabriken in die Luft, wo sie sich über die Erde verteilen.

An Land wurde Quecksilber sowohl in der arktischen Tundra nachgewiesen als auch in Grönland und der Antarktis. Über die Kreisläufe in den Ozeanen wusste man bislang nur wenig, das gilt insbesondere für Tiefseerinnen wie den Marianengraben, der mit etwa 11.000 Metern die tiefste Stelle der Ozeane enthält.

Erst im Juni hatten chinesische Forscher berichtet, dass Flohkrebse in drei Tiefseegräben stärker mit Quecksilber belastet waren als in Küsten- oder Süßwasserregionen. Um die Ursache des Phänomens zu ermitteln, untersuchte das US-Team Fische und Flohkrebse aus dem Marianen- und Kermadecgraben auf sieben stabile Quecksilber-Isotope. Daraus leiteten sie dann die Route ab, über die der Großteil des Quecksilbers in die Rinnen gelangt ist.

Demnach stammt der überwiegende Teil des Quecksilbers aus der Atmosphäre und gelangt durch Niederschläge in die Ozeane, ein kleinerer Teil gelangt aus Flüssen ins Meer. In den oberen 1000 Metern der Wassersäule wird das Schwermetall von Meeresbewohnern wie etwa Fischen aufgenommen. Nach deren Tod sinken ihre Kadaver mit dem eingelagerten Schwermetall auf den Meeresgrund und werden von den dortigen Tieren verzehrt.

Das schließen die Forscher daraus, dass die Quecksilber-Isotope in den Tiefseebewohnern und weiter oben in nur etwa 500 Metern Tiefe lebenden Fischen übereinstimmen. Nur ein geringer Teil des Quecksilbers sinkt demnach mit Partikeln wie etwa Planktonresten in die Tiefe.

„Die Bedeutung von Aas für die Nahrungsketten in den Rinnen passt zu Beobachtungen am Meeresboden von Gemeinschaften aus Fischen und Flohkrebsen aus anderen Tiefseeregionen, die zur Nährstoffversorgung von Aas abhängig sind“, schreiben die Wissenschaftler. „Wenn Aasfresser wie Scheibenbäuche und Flohkrebse Kadaver fressen, wird Methylquecksilber vom Gewebe von weiter oben lebenden Organismen in das Gewebe von Meeresgrund-Bewohnern transferiert.“

Frühere Studien hatten in Bewohnern von Tiefseegräben schon andere anthropogen verursachte Stoffe nachgewiesen. Darunter sind Blei, Polychlorierte Biphenyle (PCBs) und das Kohlenstoff-Isotop C14 aus Atomwaffentests. (dpa)


Aus: "Wie giftiges Quecksilber in tiefe Ozeangräben gelangt" (16.11.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/schwermetall-in-der-tiefsee-wie-giftiges-quecksilber-in-tiefe-ozeangraeben-gelangt/26629584.html

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Umweltschutz | Naturschutz | Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #49 on: November 18, 2020, 10:39:15 AM »
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[...] BERLIN taz | Gülle mit antibiotikaresistenten Keimen und Antibiotikarückständen wird offenbar regelmäßig durch ganz Deutschland kutschiert. Das ist das Ergebnis einer Greenpeace-Recherche, die der taz vorab vorlag. Dafür wurden Gülleproben aus Schweineställen in Niedersachsen analysiert: Alle 11 untersuchten Proben enthielten Antibiotikarückstände, 7 wiesen teilweise multiresistente Keime auf.

Die 86 nachverfolgten Gülletransporte liefen im Durchschnitt über eine Distanz von etwa 220 Kilometern, häufig in andere Bundesländer. Der „Gülletourismus“ aus Regionen mit Massentierhaltung kann fatale Folgen haben: Auf den Feldern wirken die Bakterien auf Bodenorganismen ein und können ins Grundwasser gelangen.

Überschüssige Gülle ist ein Problem der Massentierhaltung. Um die Belastung des Grundwassers mit Nitraten zu begrenzen, wird Gülle in anderen Regionen verkauft – mit ihr die Antibiotika aus der Tierhaltung. Sie tragen dazu bei, dass krank machende Bakterien unempfindlich gegen Medikamente werden.

In Deutschland sterben laut einer Studie jährlich etwa 2.400 Menschen, weil sie sich mit einem resistenten Keim infiziert haben. Unklar ist lediglich, wie hoch der Anteil der Landwirtschaft an der Bildung von Resistenzen ist. 2018 wurden in Deutschland 722 Tonnen Antibiotika an Masttiere gegeben – mehr als in der Humanmedizin.

Die Transporte verbreiteten „Resistenzen gegen überlebenswichtige Antibiotika. Damit wächst die Gefahr, dass Infektionskrankheiten immer schwerer zu behandeln sind“, sagte Greenpeace-Experte Dirk Zimmermann.

„Diese unverantwortliche Streuung der Risiken der industriellen Tierhaltung kann nicht die Lösung für die Überproduktion von Billigfleisch und Gülle sein. Nur wenn weniger Tiere besser gehalten werden, lässt sich die Gülleflut stoppen.“


Aus: "Recherche zu Massentierhaltung: Gülletourismus verbreitet Erreger" Kai Schöneberg (18. 11. 2020)
Quelle: https://taz.de/Recherche-zu-Massentierhaltung/!5725448/


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« Reply #50 on: November 26, 2020, 12:32:44 PM »
Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen
PFAS haben keine natürliche Quelle. Sie werden industriell hergestellt und in einer Vielzahl von Produkten verwendet. Viele PFAS reichern sich in der Umwelt sowie im menschlichen und tierischen Gewebe an. Einige PFAS stehen im Verdacht krebserregend zu sein.  ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Per-_und_polyfluorierte_Alkylverbindungen

https://de.wikipedia.org/wiki/Per-_und_polyfluorierte_Alkylverbindungen#PFT_in_deutschen_Gew%C3%A4ssern

Contaminants in New Jersey Soil and Water Are Toxic, Documents Reveal
Solvay had previously withheld information about the PFAS chemicals on the grounds that it was “confidential business information.”
Sharon Lerner, November 25 2020, 11:05 p.m.
https://theintercept.com/2020/11/25/solvay-new-jersey-pfas-documents/

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« Reply #51 on: January 14, 2021, 09:51:23 AM »
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[...] Giftfund an der Berliner Havel: bis zu 280.000 Euro Schaden? Seit zehn Monaten („6. März 2020“) ist der östliche Uferweg zwischen der Insel Eiswerder und der Spandauer-See-Brücke gesperrt. „Kampfmittelfund“ stand auf einem Flyer am Bauzaun, doch damit waren keine rostigen Patronen gemeint. „Leider war es nicht nur ein Kampfmittelfund“, erfuhr jetzt Bettina Domer, SPD, im Abgeordnetenhaus. ...  „Die stark arsenhaltigen Ablagerungen auf dem Ufergrundstück umfassen ca. 30 m² und befinden sich genau unter dem Uferwanderweg auf Höhe der Steganlagen.“
Die Sanierung soll im Mai 2021 abgeschlossen sein. Kosten: zwischen 170.000 und 280.000 Euro. Anschließend muss der Uferweg neu gebaut werden. ...


Aus: "Giftfunde an der Berliner Havel" André Görke (14.01.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/280-000-euro-schaden-giftfunde-an-der-berliner-havel/26793994.html

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« Reply #52 on: February 23, 2021, 10:27:20 AM »
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[...] JERUSALEM taz | „Ich glaube nicht, dass ich im Sommer mit meinen Kindern an diesen Strand kommen kann.“ Michal Hasson schüttelt den Kopf und hebt einen kleinen schwarzen Klumpen vom Boden auf. Normalerweise geht sie hier am Strand von Palmachim, eine halbe Stunde südlich von Tel Aviv, baden. Doch heute hockt sie mit einer Mülltüte, einer Maske gegen toxische Gase und Plastikhandschuhen im Sand und sammelt auf, was in den letzten Tagen aus dem Meer angespült wurde: Ölreste.

Die ersten Nachrichten über die Verschmutzung an Israels Stränden tröpfelten letzte Woche ein. Am vergangenen Donnerstag verendete ein Finnwal am Strand von Nitzanim. Bei der Autopsie wurde schwarze Flüssigkeit in dem Tier entdeckt. Kurz darauf spülten die Wellen an zahlreichen Stellen verklebte Schildkröten an die Strände; Ölreste lagerten sich auf einer Länge von 170 Kilometern Küstenlinie von Rosh Hanikra an der libanesischen Grenze bis hinunter zum Gazastreifen an.

Israelische Behörden sprechen von einer der schlimmsten israelischen Umweltkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte. Die Natur- und Parkbehörde befürchtet, dass die Reinigung Jahre dauern könnte. Es sei damit zu rechnen, dass weiterhin Öl und verklebte Tiere angespült werden.

Die Ursache der Verschmutzung ist indes noch nicht geklärt. Laut Umweltschutzministerium zeigen Satellitenbilder vom 11. Februar einen verdächtigen schwarzen Fleck auf der Meeresoberfläche etwa 50 Kilometer von Israels Küste entfernt. Zehn Schiffe seien um diese Zeit in der Gegend gewesen. Das Ministerium arbeite daran, den Vorgang aufzuklären. Ungeklärt ist bislang auch, ob die Quelle der Funde Rohöl oder schwerer Dieselkraftstoff war.

Am Wochenende kamen zahlreiche Freiwillige zum Säubern an die Strände. Einige von ihnen haben dabei wohl giftige Dämpfe eingeatmet und mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die israelische Natur- und Parkbehörde schloss daraufhin am Sonntag vorerst die Strände und rief die Freiwilligen dazu auf, nur nach Anweisung vorzugehen.

Zahlreiche Umweltschutzorganisationen kritisierten die Krisenbewältigung der Regierung. „Allen ist klar, dass eine solche Verschmutzung eine Frage der Zeit war, dennoch ist die Regierung überrascht“, sagt etwa Leehee Goldenberg von der Umweltschutzorganisation Mensch, Umwelt, Recht: „Je mehr Öltanker im Mittelmeer unterwegs sind, desto höher ist das Risiko, dass es zu solch einer Katastrophe kommt.“

Goldenberg betont dies vor allem angesichts einer Vereinbarung, die Mitte Oktober 2020, kurz nach dem Normalisierungsabkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), getroffen wurde: der sogenannten Red-Med-Vereinbarung zwischen den Emiraten und der israelischen Eilat Ashkelon Pipeline Company. Darin geht es darum, Öl vom Golf über Israel nach Europa zu transportieren.

Öl der Vereinigten Arabischen Emirate soll auf dem Seeweg mit Öltankern vom Persischen Golf nach Eilat am Roten Meer gebracht werden. Weitertransportiert werden soll es von dort mit einer Pipeline an das Mittelmeer, nämlich an den Hafen von Ashkelon. Von dort geht es mit Öltankern weiter nach Europa.

Die Pipeline dafür existiert bereits, wird derzeit aber nur wenig genutzt. „Es gibt immer wieder Pannen mit dieser völlig veralteten Pipeline“, sagt Dov Khenin, ehemaliges Knessetmitglied für die arabisch-jüdische Partei Chadash und Umweltaktivist. Im Dezember 2014 sorgte beispielsweise ein Unfall an der Pipeline dafür, dass mehrere Millionen Liter Rohöl ausliefen und einen großen Teil des Evrona-Naturschutzgebiets verunreinigten.

„Sollte Eilat in einen großen Ölhafen verwandelt werden, wäre die ganze Gegend bedroht“, so Khenin. Rund um die Hafenstadt Eilat am Roten Meer gibt es einzigartige Korallenriffe und Naturschutzgebiete unter Wasser, Ähnliches gilt für das angrenzende Sinai Ägyptens und die jordanische Küstenregion.

Dort, wo die Pipeline endet, in der Nähe von Ashkelon am Mittelmeer, liegt eine große Entsalzungsanlage, die Trinkwasser für Israelis bereitstellt. 75 Prozent des israelischen Trinkwassers wird aus Entsalzungsanlagen gewonnen. Im Fall eines Unfalls wären auch diese akut bedroht.

Khenin macht internationale Interessen mit für die Pläne verantwortlich. Einige Israelis gehen gar davon aus, dass die Möglichkeit, Öl vom Golf über Israel nach Europa zu bringen, zentraler ökonomischer Beweggrund für das von den USA vermittelte Normalisierungsabkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten gewesen sei. „Die EU redet viel von erneuerbarer Energie. Das hier ist der Test“, so Khenin: „Sie sollten dieses Öl auf keinen Fall kaufen.“


Aus: "Verschmutzter Strand: Mysteriöse Ölpest an Israels Küste" Judith Poppe (22. 2. 2021)
Quelle: https://taz.de/Verschmutzter-Strand/!5750287/