Author Topic: Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)  (Read 5200 times)

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #20 on: December 19, 2019, 11:36:28 PM »
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[...] Es ist das Jahr sieben nach dem Beginn der Krise, aber zur Informationsveranstaltung in einer Mehrzweckhalle in Baden-Baden strömen immer noch über 200 Bürgerinnen und Bürger. Sie wollen wissen, was mit ihrem Trinkwasser ist und ob sie den Spargel und die Erdbeeren von den Feldern hier im Umland tatsächlich weiter essen können.

Konzentriert folgen sie den Fachvorträgen über lang- und kurzkettige per- und polyfluorierte Chemikalien, kurz PFC. Diese Fluorchemikalien sind es, die das Grundwasser einer ganzen Region gefährden und damit Landwirte und Konsumenten vor drängende Fragen stellen: Was, wenn das Grundwasser nicht mehr ohne Filter trinkbar ist, die Ernte auf Jahre ausfallen könnte?

„Hat das Land genug getan?“, fragen die Bürger an diesem Abend die Experten. „Ist es wirklich gerecht, dass für eine Filteranlage, die die Giftstoffe zurückhält, der Wasserpreis in Baden-Baden steigt? Und was ist eigentlich mit dem Verursacher dieser Umweltkatastrophe, von der eine breite Öffentlichkeit bisher noch nicht einmal Kenntnis genommen hat?

Es muss wohl Anfang der 2000er Jahre gewesen sein, als der Kompostunternehmer Franz Vogel aus Bühl Bauern in der Region Papierschlämme, gemischt mit Kompost, als Düngemittel anbot – kostenlos. In der Region gibt es viele Papierfabriken, der Schlamm fällt bei der Produktion an. Viele Papiere werden mit PFC behandelt, um sie schmutz- und fettabweisend zu machen.

Es lässt sich wohl nicht mehr lückenlos nachweisen, woher Vogel Papierabfälle für seinen Kompost bezogen hat. Sicher ist: Allein zwischen 2006 bis 2008 hat Vogel 106.000 Tonnen Papierschlämme angenommen und an Bauern in der Rheinebene abgegeben, die sie auf ihre Felder ausbrachten. Die meisten dieser Flächen weisen heute PFC-Belastungen auf.

Bislang hat man die Chemikalien auf 877 Hektar Boden gefunden. Das entspricht einer Fläche mehr als vier mal so groß wie das Fürstentum Monaco. Nach Schätzung der Rastatter Wasserwerke sind mindestens 130 Millionen Kubikmeter Grundwasser verseucht. Mindestens 150 Landwirte sind in irgendeiner Form von der PFC-Belastung betroffen.

Die Rolle der Papierfabriken und diverser Zwischenhändler im PFC-Skandal ist juristisch nach wie vor ungeklärt. Vogel selbst bestreitet, dass seine Papierschlamm-Kompostmischungen für die Verunreinigung in der Rheinebene verantwortlich seien. Im Januar 2017 wurde ein Strafverfahren gegen ihn eingestellt. Die Staatsanwaltschaft hatte nur wegen minder schwerer Umweltdelikte ermittelt, auch deshalb sind mögliche frühere Taten verjährt. Das Verwaltungsgericht geht hingegen davon aus, dass die Papierschlämme mit PFC belastet waren und für die Bodenbelastung verantwortlich sind.

Dabei sind per- und polyfluorierte Chemikalien eigentlich eine praktische Sache. Sie sind wasser-, fett- und schmutzabweisend. Man findet sie in Feuerlöschschäumen, Teflonpfannen, Outdoorbekleidung, Backpapier und Make-up-Produkten. Bisher gibt es weder eine Kennzeichnungspflicht für PFC noch bundesweite Höchstwerte. Und das, obwohl die Moleküle bisher ungehindert in die Umwelt gelangen und sich dort immer weiter anreichern. Man findet sie in Trinkwasser und Fisch, aber auch in Innereien, Milchprodukten oder pflanzlichen Lebensmitteln.

Nur für Trinkwasser gibt es verschiedene sogenannte Leitwerte, die die kommunalen Wasserversorger bei Verdacht auf PFCs untersuchen müssen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat Ende 2018 immerhin „neue gesundheitsbezogene Richtwerte“ für die beiden bekanntesten PFC-Verbindungen, PFOA und PFOS, veröffentlicht und die wöchentliche Menge in Lebensmitteln, die als gesundheitlich unbedenklich gilt, drastisch gesenkt.

PFC stehen im Verdacht, für den Menschen krebserregend zu sein. Die Stoffe nehmen auch Einfluss auf das Immun- und Hormonsystem. Die Universität Padua untersuchte in der Region Venetien, einer der vier am stärksten mit PFC belasteten Regionen weltweit, die Wirkung der Chemikalien auf den Hormonhaushalt. Dabei wiesen die Wissenschaftler unter anderem eine schlechtere Spermienqualität, verringertes Hodenvolumen und eine reduzierte Penislänge nach.

In den letzten Jahren wurden auch in Deutschland immer wieder neue PFC-Belastungen entdeckt. Die Wasserwerke Rastatt haben im Oktober eine bundesweite PFC-Schadenskarte erstellen lassen, die rund 250 Fälle zeigt. Nirgends ist die Kontamination stärker als in Mittelbaden.

Der belastete Boden, 877 Hektar groß, nahe dem Rhein, das ist nur ein vorläufiger Wert. „Ein Ende ist immer noch nicht in Sicht“, sagt Reiner Söhl­mann im Landratsamt Rastatt. Einen Umweltskandal dieser Dimension kann man nicht beseitigen, man kann nur versuchen, ihn zu managen. Bei Söhlmann im Landratsamt von Rastatt laufen die Fäden in Sachen PFC zusammen. 2015 wurde hier im Zentrum des Gebiets eine PFC-Geschäftsstelle eingerichtet, einer Art Kompetenzzentrum, das mittlerweile bundesweit Anerkennung findet. Damit Landwirtschaft in der Region überhaupt noch möglich ist, haben das Landratsamt und das Regierungspräsidium Konzepte entwickelt. Es werden Bodenproben entnommen, Filter für das Grundwasser getestet und Ackerfrüchte vor der Ernte auf ihren PFC-Gehalt untersucht.

So auch Erdbeeren, Himbeeren und Spargel bei Landwirt Joachim Huber. Huber hat einen Hof in Iffezheim bei Baden-Baden. Der Ort ist vor allem wegen seiner Pferderennen bekannt. Hubers Hofladen hat in der Region einen guten Ruf zu verlieren. Außerdem betreibt er seit ein paar Jahren in der Saison auch noch ein Restaurant auf seinem Hof. Der PFC-Skandal ist nicht gut für sein ohnehin schon hartes Geschäft. „Das Wichtigste ist, dass in unseren Produkten nie etwas gefunden wurde“, sagt Huber. Am Computer in seinem Büro plant er die kommende Erntesaison.

Seit auf seinen Äckern PFC gefunden wurde, muss er an der Fruchtfolge auf seinen Böden lange tüfteln. Belastete Äcker braucht er nicht ganz brachliegen lassen. In Freiland- und Laborversuchen hat man in den letzten Jahren herausgefunden, dass etwa Mais kaum PFC aufnimmt. In Weizen und im Pollen von Raps lagern sich PFC dagegen stark ab und gelangen auf diese Weise in Nahrungsmittel.

Huber hat keinen Kompost von Vogel angenommen, er fand das kostenlose Angebot damals schon suspekt. Aber er hat mit einem der Bauern, die wohl die belasteten Schlämme genutzt haben, Land getauscht. Jetzt hat er den Schlamassel. „Mir bleibt nichts, als das Problem auszusitzen, wir können ja hier nicht weg.“ Einmal im Jahr bekommt Huber nun Besuch vom Regierungspräsidium Karlsruhe, das ihm das aktuelle Managementkonzept für seine PFC-Flächen erläutert.

Wenn es nur der Boden wäre. Aber Joachim Huber weiß heute schon, dass seinen Hof über das Grundwasser wohl zusätzliche PFC-Schadstoffe erreichen werden. Kommen sie eines Tages in Iffezheim an, wird er wohl teure Filter einbauen müssen. Für die Beregnung ganzer Weizenfelder wird das zu teuer. Er kann dann nur noch Früchte anbauen, die er mit sparsameren Techniken bewässern kann. Huber sagt mit fatalistischem Unterton: „Mit diesem Problem wird sich auch noch mein Sohn herumschlagen, wenn er den Hof übernommen hat.“

Die Sache mit dem Grundwasser war es, die Ulrich Schumann und Andreas Adam zu PFC-Experten hat werden lassen. Die beiden Männer stehen im idyllischen Park des Schlosses Favorite nahe Rastatt. Von hier aus kann man das Wasserwerk Kuppenheim sehen. Der Kulturhistoriker Schumann und der Jurist Adam wissen seit Sommer 2013, dass das Grundwasser hier mit PFC verseucht ist. Die Stadt hat damals pflichtschuldig im Anzeigenblatt die Bürger darüber informiert. Mehr geschah erst mal nicht. Deshalb gründeten die beiden eine Bürgerinitiative und verteilten Flugblätter über die Belastung des Grundwassers für all jene, die das Amtsblatt nicht lesen. Mittlerweile ist nach Angaben der Initiative das Kuppenheimer Trinkwasser so belastet, dass es für Säuglinge und Kleinkinder nicht mehr trinkbar sei. Die Bürgerini­tiative hat auch die ersten Blutproben in der Bevölkerung auf eigene Kosten organisiert.

Damals hat man ihnen Panikmache vorgeworfen, inzwischen hat das Landessozialministerium selbst eine groß angelegte Blutuntersuchung organisiert, die die Belastung in der Region zeigt und nun alle zwei Jahre wiederholt werden soll. Dabei wurden bei einem Landwirt nahe Baden-Baden an die tausend Mikrogramm PFOA pro Liter Blut festgestellt. Die allgemeine Grundbelastung der Bevölkerung liegt bei 6 Mikrogramm, die Werte, die das Umweltbundesamt für unbedenklich hält, liegen noch darunter.

Jetzt müssen die Trinkwasserversorger der Region die PFC-Spuren kostenintensiv herausfiltern. Die Stadtwerke Baden-Baden haben dafür eine Niederdruckumkehrosmoseanlage für über 4 Millionen Euro eingebaut, die Rastatter Wasserwerke haben sich für Aktivkohlefilter entschieden, die Kosten liegen hier bislang bei 6 Millionen Euro. Kosten, die auf den Verbraucher umgelegt werden.

Aus Sicht von Adam und Schumann wird von der Politik zu wenig getan, um die PFC aus der Natur herauszuhalten. Eine großflächige Sanierung des verunreinigten Grundwassers und der belasteten Böden, die sie sich wünschen würden, ist nach aktuellem Kenntnisstand nicht zu machen. Insgesamt hat das Land aber bereits mehr als 8 Millionen Euro in die Erfassung des Schadens, in Forschungsvorhaben und Managementansätze gesteckt.

Doch kann es tatsächlich sein, dass Bürger und Verwaltung Millionenschäden schultern müssen und die mutmaßlichen Verursacher davonkommen? Fragt man beim Verband der Papierindustrie nach, was sie tut, um Verunreinigungen wie die bei Baden-Baden künftig zu verhindern, stößt man auf ohrenbetäubendes Schweigen. Mit dem Hinweis auf laufende juristische Verfahren verweigert deren Sprecher, Gregor Geiger, jede Stellungnahme. Auch deshalb wissen Behörden bis heute nicht, welche PFC in den Papierschlämmen enthalten waren, wonach sie also gezielt suchen könnten. Unklar bleibt deshalb auch, ob anderswo in Deutschland belastete Schlämme in den Kompost geraten sind. Der ehemalige Nabu-Chef und heutige Staatssekretär im baden-württembergischen Landesumweltministerium, Andre Baummann, sprach deshalb schon vor Jahren von einem hektargroßen „trojanischen Pferd“, das die Papierindustrie hinterlassen habe.

Wie groß das trojanische Pferd mit Namen PFC aber tatsächlich ist, das weiß nicht einmal das Umweltbundesamt. Die Behörde hat trotz bundesweiter Abfrage nur PFC-Daten aus sechs Bundesländern vorliegen. Was wohl nicht bedeutet, dass die anderen Länder keine Belastung haben, sondern eher, dass dort nicht untersucht wurde. Der Rastatter Landrat Toni Huber vermutet in den fehlenden Regionen eine Vogel-Strauß-Politik: „Das will keiner gern wissen. Aber wenn die mal zu suchen anfangen, dann werden die wahrscheinlich ganz schön überrascht sein“, sagt er.

Um endlich einen Überblick über das Ausmaß der Belastung zu bekommen, ist das Bundesumweltministerium (BMU) dabei, eine bundesweite Untersuchung von Äckern, Wiesen und gegebenenfalls auch Wäldern auf PFC-Verbindungen zu finanzieren. Ein Verbot ist jedoch nicht einfach umzusetzen, sagt Thomas Straßburger vom BMU: „Es ist ein bisschen wie das Hase-und-Igel-Spiel. Die Regulierung über die europäische Chemikalienverordnung ist ein mühsamer Prozess.“ Vor allem aber ist es frustrierend. „Kaum ist die Verwendung einer bestimmten Verbindung eingeschränkt, hat die Industrie bereits neue PFC entwickelt, über die man im Zweifelsfall noch weniger weiß.“

Immerhin testen Flughäfen inzwischen PFC-freie Löschschäume, Unternehmen wie Vaude und Jack Wolfskin verzichten auf PFC in ihrer Outdoorkleidung, und L’Oréal hat einige der PFC aus der Kosmetikproduktion gestrichen. Für eine EU-weite Vermeidung hat sich unter anderem auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) ausgesprochen. Bislang sind jedoch nur zwei der Stoffe, nämlich PFOA und PFOS, weltweit verboten.

Eine PFC-Verbindung alle zehn Jahre? Geht die Regulierung der rund 5.000 bekannten Verbindungen in dieser Geschwindigkeit weiter, lässt sich leicht ausrechnen, wie viele Tausend Jahre es bräuchte, um die Gefahr verseuchter Grundwässer zu stoppen.


Aus: "Verseuchter Ackerboden - Leben mit dem Gift"  Ein Artikel von Patricia Klatt und Benno Stieber (19.12.2019)
Quelle: https://taz.de/Verseuchter-Ackerboden/!5647265/


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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #21 on: December 23, 2019, 11:54:36 AM »
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[...] Nach einem Schiffsunfall bei den Ga­la­pa­gos­in­seln bedroht austretender Dieselkraftstoff das Weltnaturerbe. Der ecuadorianische Umweltminister Raúl Ledesma Huerta teilte auf Twitter mit, die Regierung habe Sofortmaßnahmen ergriffen, um das Umweltrisiko zu vermindern und das Problem einzudämmen, das durch den Untergang des Schiffs entstanden sei. Der Nationalpark der Galapagosinseln twitterte, es würden Schutzbarrieren errichtet und ölabsorbierende Mittel eingesetzt. Auf dem Schiff seien umgerechnet ungefähr 2.500 Liter Dieselkraftstoff gelagert gewesen.

Das Schiff sank am Sonntag an einem kleinen Pier vor der Insel San Cristóbal. Zuvor war ein Kran während des Verladens eines Containers zusammengebrochen und dieser auf das Schiff gestürzt, wie die Zeitung El Comercio berichtete. Die Besatzungsmitglieder konnten sich ins Meer retten. Ein Mensch wurde verletzt.

Die Galapagosinseln zählen wegen ihrer besonderen Flora und Fauna seit 1978 zum Unesco-Weltnaturerbe. Der Archipel mit seinen rund 130 Inseln gehört politisch zum etwa 1.000 Kilometer entfernten Ecuador. Zu den nur dort vorkommenden Arten zählen Meerechsen, Landleguane und Galapagosfinken.


Aus: "Diesel bedroht Ga­la­pa­gos­in­seln" (23. Dezember 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-12/galapagos-inseln-diesel-weltnaturerbe-ecuador

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"Schiffsunfall vor den Galapagos-Inseln - Naturparadies wohl außer Gefahr" Bernd Pickert (23.12.2019)
2.500 Liter Diesel aus einem havarierten Schiff bedrohten das Weltnaturerbe vor Ecuador. Jetzt soll die Situation unter Kontrolle sein. ... BERLIN taz/dpa/afp | Nach einem Schiffsunfall vor den Galapagos-Inseln haben Ecuadors Behörden eigenen Angaben zufolge eine Naturkatastrophe verhindert: Die Ausbreitung von Dieselkraftstoff aus dem sinkenden Schiff sei „unter Kontrolle“, teilte Ecuadors Regierung am Sonntag mit. „Eine Reihe von Maßnahmen wurden ergriffen, um die möglichen Auswirkungen zu mildern“, erklärte das Kommunikationsbüro des Präsidenten.
Zuvor hatten die Behörden den Notstand ausgerufen, weil austretender Dieselkraftstoff von einem sinkenden Schiff die Inseln bedrohte. Es wurden „Sofortmaßnahmen“ eingeleitet, um die Umweltgefahren für eines der empfindlichsten und unberührtesten Ökosysteme der Erde einzudämmen, wie Umweltminister Raúl Ledesma auf Twitter schrieb. Der Galápagos-Nationalpark twitterte, es würden Schutzbarrieren errichtet und ölabsorbierende Mittel eingesetzt. Auf dem Schiff seien umgerechnet ungefähr 2.500 Liter Dieselkraftstoff gelagert gewesen. Dieser drohte die empfindliche Artenvielfalt auf den Inseln zu belasten. ...
https://taz.de/Schiffsunfall-vor-den-Galapagos-Inseln/!5646992/

« Last Edit: December 29, 2019, 08:43:46 PM by Link »

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #22 on: December 29, 2019, 08:48:47 PM »
"Ostsee: Perspektiven der Kontamination"  Jens Mattern (28. Dezember 2019)
Sollte nur ein Sechstel der chemischen Stoffe aus den Behältern der mitsamt Waffen versenkten Schiffe austreten, so würde dies jegliches Meeresleben in großen Teilen der Ostsee auf über 100 Jahre hinaus unmöglich machen. Als besonders problematisch für das polnische Hoheitsgebiet der Ostsee gelten der Tanker Franken sowie das Lazarettschiff Stuttgart. ... Nach Angaben des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung lagern auf dem Grund der Ostsee 300.000 Tonnen konventioneller Munition und chemischer Kampfstoffe. Zur ersten Kategorie gehört TNT und Phosphor. Aus TNT bilden sich Arsen-Verbindungen, die zu Tumoren bei Fischen führten, zudem könnten viele Bomben noch explodieren. Zu den chemischen Kampfstoffen gehören Senfgas, Sarin, Tabun, Phosgen oder arsenhaltige Kampfstoffe, z. B. Clark I und II oder Adamsit.
Die Bundesregierung Deutschland scheut bislang die Bergung, da es dabei zum unkontrollierten Austritt der Stoffe kommen kann. Allerdings sollen die Metallmantel der Bomben und Torpedos in zwanzig Jahren brüchig werden. ...
https://www.heise.de/tp/features/Ostsee-Perspektiven-der-Kontamination-4624119.html

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"Atomkraftwerk Philippsburg stillgelegt: KKP2 hat ausgestrahlt" (1.1.2020)
... Das Unternehmen rechnet nun damit, dass zehn bis fünfzehn Jahre nötig sein werden, um die atomaren Hinterlassenschaften aufzuräumen.
Zurück bleiben werden nach Erhebungen des Fachportals Atommüllreport 951 Tonnen Schwermetall aus Brennelementen – das ist die nüchterne Umschreibung des Atommülls, der in 35 Betriebsjahren entstanden ist und nun Millionen von Jahren strahlen wird. An welchem Ort auch immer. ...
https://taz.de/Atomkraftwerk-Philippsburg-stillgelegt/!5648972/

« Last Edit: January 01, 2020, 07:21:19 PM by Link »

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« Reply #23 on: January 14, 2020, 02:54:47 PM »
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[...] 2011 traf ein heftiger Tsunami Japan und zerstörte tausende Menschenleben und zahlreiche Gebäude. Im Atomkraftwerk Fukushima kam es zur Kernschmelze. Radioaktive Stoffe, die damals austraten, lassen sich bis heute in der Umwelt nachweisen. Inzwischen haben sie ihren Weg bis in die Beringsee vor Alaska gefunden, berichten Forscher von der University of Alaska in Fairbanks.

Ein Einwohner von St. Lawrence Island hat über Jahre an der Nordwestspitze der Insel Wasserproben genommen. 2018 waren die Werte für Cäsium 137 schließlich leicht erhöht. Die Forscher fanden 2,4 Becquerel pro Kubikmeter Wasser. Vor dem Nuklearunfall von Fukushima waren im Pazifik Werte von unter 2 Becquerel pro Kubikmeter normal.

Eine Gefahr für die Gesundheit bestehe nicht, schreiben die Wissenschaftler gleich im ersten Absatz einer Mitteilung zu dem Fund. US-Behörden halten selbst Trinkwasser mit 7400 Becquerel pro Kubikmeter Wasser für sicher - ein Wert, der mehr als dreitausend Mal höher ist als der in der Beringsee gemessene.

"Die Fundstelle ist die nördliche Grenze der radioaktiven Ausbreitung", sagt Forscherin Gay Sheffield. Cäsium 137 entsteht bei der Kernspaltung von Uran und hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren. Nach dieser Zeit ist die Hälfte des Stoffs zerfallen. Bis dahin setzt er sich etwa im Boden fest und wird in stark betroffenen Gebieten zum Problem für die Landwirtschaft, weil es Lebensmittel kontaminiert.

Zuvor hatten Forscher radioaktive Stoffe aus Fukushima bereits an anderen Stellen der amerikanischen Westküste entdeckt, etwa vor dem kanadischen Bundesstaat British Columbia und im Golf von Alaska. 2014 hatten Wissenschaftler der amerikanischen Ozeanbehörde NOAA zudem in Muscheln aus der Beringsee Radionuklide aus Fukushima nachgewiesen. Auch im Gewebe von Seebären fanden sie den Stoff. Das Wasser wurde damals aber nicht untersucht.

Für die Bewohner von St. Lawrence Island kommt die Entdeckung nicht nur deshalb wenig überraschend. Sie hätten erwartet, dass Radionuklide irgendwann bei ihnen ankommen, erklärt Sheffield. Die Strömung im Meer sei dafür verantwortlich. "Es war klar, dass die Nuklide irgendwann kommen, die Leute wussten nur nicht genau, wann."


Aus: "Forscher weisen radioaktive Substanz vor Alaska nach" (02.04.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/fukushima-caesium-137-vor-alaska-entdeckt-a-1260717.html


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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #24 on: January 15, 2020, 10:12:00 AM »
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[...] Heute lädt das Brandenburger Imkerpaar Camille und Sebastian Seusing ganze vier Tonnen von Glyphosat-belastetem Honig vor dem Bundeslandwirtschaftsministerium ab. So wollen die Imker vom „Bündnis zum Schutz der Bienen“ und die Demonstranten von „Wir haben es satt!“ ihrer Wut über die Agrarpolitik Ausdruck verleihen. ...


Aus: "Morgenlage aus der Hauptstadt" (15.01.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/morgenlage-aus-der-hauptstadt-elektropanzer-fuers-schlachtfeld/25434242.html

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[...] Berlin/Bernau. Camille und Sebastian Seusing haben für diesen Mittwoch eine ungewöhnliche Aktion geplant: Um 11 Uhr will das Imkerpaar aus Bernau tonnenweise Honig vor dem Bundesministerium für Agrarwirtschaft in Berlin abladen.

Der Grund: Mehr als vier Tonnen ihres Honigs aus dem Vorjahr sind Glyphosat-belastet, wohl weil das Mittel auf Feldern verbreitet eingesetzt wird. Dieser Honig kann nun nicht mehr verkauft werden. Zum Teil wurden Grenzwert-Überschreitungen vom bis zu 152-Fachen des erlaubten Glyphosatgehalts festgestellt. Die Folgen für die Bio-Imkerei sind bedrohlich. „Nach dem aktuellen Stand müssen wir die Imkerei aufgeben“, sagt Sebastian Seusing, der die Imkerei mit seiner Frau führt.

Für die Imker ist das nicht nur ein privates, sondern auch ein politisches Problem. Sebastian Seusing fordert daher in erster Linie ein Verbot jeglicher chemischer Spritzmittel in blühenden Pflanzenbeständen. „Wir sind aber auch ganz klar für einen konkreten Glyphosatstopp, möglichst schnell“, sagt der Imker.

Wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft der Berliner Morgenpost mitteilte, habe die Bundesregierung den Ausstieg aus der Glyphosat-Anwendung zum klaren Ziel. Ein Totalverbot sei wegen EU-Regulierungen allerdings erst ab Dezember 2023 möglich. „Deshalb arbeiten wir an einer Minderungsstrategie, die den Einsatz nur noch in wenigen Fällen zulassen wird“, so Pressesprecher Matthias Paul.

Dennoch: Die Agrarpolitik setze ihren Fokus auf großindustrielle Agrarwirtschaft, anstatt bäuerliche Landwirtschaft zu unterstützen und Umweltleistungen zu honoriere, sagt Seusing. Eine solche Politik lasse zu, dass Landwirte verantwortungslos Glyphosat und andere Pestizide verwenden können.

Für etwa die Hälfte des belasteten Honigs sei nachweislich ein benachbarter Landwirt verantwortlich, der auf seinen Feldern Glyphosat eingesetzt habe. Laut Johann Lütke Schwienhorst, Agrar-Referent der Stiftung Aurelia, habe das Ehepaar bereits geklagt. Die Aurelia-Stiftung, die sich hauptsächlich für den Erhalt von Bienen einsetzt, unterstützt das Ehepaar im laufenden Prozess, unter anderem mit Spenden.

Der verantwortliche Landwirt habe eine Schadensersatzzahlung vorerst verweigert. Für das Spritzmittel hatte er eine Genehmigung, die Verwendung sei nicht illegal gewesen. „Wer für den erstandenen Schaden haften wird, ist auf Grund rechtlicher Missstände ungeklärt“, sagt Lütke Schwienhorst. Der Fall sei für ihn aber klar: „Das, was die Imkerei Seusing erlebt, ist ungerecht.“ Darüber hinaus kritisiert er die „unverbindlichen Empfehlungen für Glyphosat-Anwendung, die bei keinem Bauern ankommen“.

Konkret bedeutet die Verunreinigung des Honigs für das Familienunternehmen nach eigenen Angaben einen direkten Schaden in Höhe von 60.000 Euro. Zusätzlich rechnen die Imker mit einem ähnlich hohen Schaden im kommenden Jahr. Hinzu kommen die Entsorgungskosten, die die Imkerei tragen muss. Bisher habe sich keine Firma für die Entsorgung bereit erklärt, da sich Honig nicht für Müllverbrennung eigne. Im Zweifel müssten die Imker eine Spezialentsorgungsfirma beauftragen.

Der Fall zeige auf, wie schnell es jede Imkerei treffen kann, sagt Lütke Schwienhorst. Besonders problematisch sei es deshalb auch, dass Imker ihr Qualitätsmanagement freiwillig betreiben. Zertifizierte Labore bieten dafür eine Untersuchung von Honigproben an, die Kosten der Analyse müssen allerdings die Unternehmen selbst übernehmen. „Die meisten Imker untersuchen ihren Honig daher erst bei einem konkreten Verdacht auf Verschmutzung“, so Lütke Schwienhorst. Ob jeder Honig im Verkauf den Standards entspricht, könne deshalb nicht garantiert werden.

Wie Ministeriumssprecher Paul sagt, handle es sich bei der Glyphosatüberschreitung der Imkerei Seusing um einen Einzelfall. Im Jahr 2016 hätte ein spezifisches Landesprogramm zur Untersuchung von Honig gezeigt, „dass erhöhte Glyphosatrückstände in Honig kein flächendeckendes Problem in Brandenburg darstellen“, teilt der Sprecher mit. Eine Gefahr für die Gesundheit von Verbrauchern gebe es laut des Bundesinstituts für Risikobewertung daher nicht.


Aus: "Protest gegen Glyphosat: Imkerpaar will tonnenweise Honig vor Ministerium abladen" Anna Lindemann (14.01.2020)
Quelle: https://www.morgenpost.de/berlin/article228143453/Imkerpaar-will-tonnenweise-Honig-vor-dem-Ministerium-abladen.html

https://www.maz-online.de/Brandenburg/Imker-Protest-vor-Ministerium-Verseuchter-Honig-fuer-Julia-Kloeckner

"Landwirtschaft: Glyphosat im Honig" Kerstin Ewald (22.05.2019)
https://www.moz.de/landkreise/barnim/bernau/artikel3/dg/0/1/1730361/


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« Reply #25 on: January 15, 2020, 11:59:23 AM »
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[...] Der Geologe Jens Greinert sitzt an seinem PC am Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und zoomt in eine bunt eingefärbte Karte. Sie zeigt das Relief des Meeresbodens, die Bathymetrie der Kieler Förde. An der Stelle, die Greinert heranzoomt, sieht es aus, als hätte jemand auf dem ebenmäßig abfallenden Boden ein paar Streusel verteilt.

„Bei der Länge und dem Durchmesser, den ich hier sehe, kann ich sagen: Es ist wahrscheinlich eine Grundmine. Längere Körper, die sind jetzt nicht auf der Karte, die sind so fünf Meter lang, da kann ich sagen, das ist ein Torpedo.“

Wie viele Minen, Torpedos und andere Munitionskörper am Grunde der Ostsee und anderer europäischer Meeren noch schlummern, weiß Greinert nicht. Es gibt eine Schätzung, nach der in den deutschen Gebieten der Nord- und Ostsee etwa 1,6 Millionen Tonnen alte Munition und rund 5.000 Tonnen chemische Kampfstoffe liegen. Doch die Zahlen gelten als sehr unsicher. Denn man weiß gar nicht genau, wo überall Munitionsreste liegen.

Im europäischen Forschungsprojekt „Basta“ will Greinert daher mit anderen deutschen und belgischen Forschern eine neue Technik zum Auffinden von Munition entwickeln. Im Gegensatz zu bisherigen Methoden sollen die Messgeräte dann nicht mehr von einem Schiff über den Meeresboden geschleppt werden.

„Was wir jetzt in dem „Basta“-Projekt machen wollen, ist AUVs – Autonomous Underwater Vehicles – also ein robotisches System, was autonom in der Wassersäule rumschwimmen kann, mit Magnetometern auszustatten, dass die automatisch magnetische Körper finden und dabei selber lernen. Also sich dann automatisch zurechtfinden, wissen, wo sie hingehen sollen, wissen: ok, wenn dieses Objekt, was ich aus der bathymetrischen Karte eventuell schon kenne, wenn das nicht magnetisch ist und das nächste auch nicht und das dritte auch nicht, dann sind wahrscheinlich die anderen fünfhundert, die ähnlich aussehen in der Bathymetrie, das auch nicht. Also fahre ich zu anderen Lokationen.‘“

Am Ende des Projektes, sollen diese Unterwasserroboter jedoch nicht nur magnetische Messungen machen, sondern mit verfeinerten hydroakustischen Methoden auch in den Meeresboden schauen. Dort könnte dann vom Sediment verdeckte Munition aufgespürt werden. Zudem sollen die AUV auch Fotos von verdächtigen Gegenständen machen, um eventuell bewachsene Munition genauer betrachten zu können, aber auch um die Fehlerquote zu senken. Denn wenn heute etwa ein neues Windpark-Gebiet von einem Schiff aus überprüft wird, sind neun von zehn Munitionsfunden Fehlalarme – schlichtweg, weil es auch sehr viel anderen Schrott auf dem Meeresboden gibt.

Die Fototechnik haben Greinert und seine Kollegen bereits in einem Vorläuferprojekt ausprobiert. Greinert zoomt in ein neues Gebiet. Statt der bunten Reliefkarte sieht man nun ein richtiges Bild des Meeresbodens.

„Das ist nämlich das Gebiet mit diesem offen liegenden TNT. In dem Bild hab ich hier so einen grauen Block liegen. Das ist Schießwolle 39, irgendwie deutscher Sprengstoff. Und das hier ist auch ein Sprengstoff, der aber leuchtend orange ist. Und da wissen wir gar nicht so ganz so genau, es kann sein, dass das irgendwas, eine britische Mixtur ist, die da gelandet ist.“

Die Bilder machen ein Problem offensichtlich, das mit der Zeit dringlicher werden wird: Die Munitionskörper rosten weg, der Sprengstoff bleibt. Das führe zum einen dazu, dass sich die Stoffe dann kaum noch entdecken lassen – weder magnetisch, noch optisch über die Form, sagt der Kieler Kollege und Umweltwissenschaftler Torsten Frey.

„Und das andere ist, dass man schon davon ausgeht, dass in ein paar Jahren es natürlich dazu kommen kann, dass dann mal irgendwann eine kritische Menge an Bomben durchrostet und gleichzeitig Explosivstoffe abgibt, die krebserregend sind und Tumore in Fischen hervorrufen, die dann womöglich auf unserem Speisezettel landen könnten.“

In dem Forschungsprojekt soll daher auch eine moderne Datenbank entstehen, in der Munitionsfunde genau verzeichnet sind. Und dann, so meinen die beiden Forscher, wäre es dringend Zeit für ein Monitoring, damit man weiß, wo wie viel Sprengstoff freigesetzt wird und welche Folgen das haben kann.


Aus: "Wie Forscher Munitionsaltlasten aufspüren wollen" Tomma Schröder (14.01.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/minensuche-im-meer-wie-forscher-munitionsaltlasten.676.de.html?dram:article_id=467839