Author Topic: Umweltschutz | Naturschutz | Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)  (Read 11161 times)

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #20 on: December 19, 2019, 11:36:28 PM »
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[...] Es ist das Jahr sieben nach dem Beginn der Krise, aber zur Informationsveranstaltung in einer Mehrzweckhalle in Baden-Baden strömen immer noch über 200 Bürgerinnen und Bürger. Sie wollen wissen, was mit ihrem Trinkwasser ist und ob sie den Spargel und die Erdbeeren von den Feldern hier im Umland tatsächlich weiter essen können.

Konzentriert folgen sie den Fachvorträgen über lang- und kurzkettige per- und polyfluorierte Chemikalien, kurz PFC. Diese Fluorchemikalien sind es, die das Grundwasser einer ganzen Region gefährden und damit Landwirte und Konsumenten vor drängende Fragen stellen: Was, wenn das Grundwasser nicht mehr ohne Filter trinkbar ist, die Ernte auf Jahre ausfallen könnte?

„Hat das Land genug getan?“, fragen die Bürger an diesem Abend die Experten. „Ist es wirklich gerecht, dass für eine Filteranlage, die die Giftstoffe zurückhält, der Wasserpreis in Baden-Baden steigt? Und was ist eigentlich mit dem Verursacher dieser Umweltkatastrophe, von der eine breite Öffentlichkeit bisher noch nicht einmal Kenntnis genommen hat?

Es muss wohl Anfang der 2000er Jahre gewesen sein, als der Kompostunternehmer Franz Vogel aus Bühl Bauern in der Region Papierschlämme, gemischt mit Kompost, als Düngemittel anbot – kostenlos. In der Region gibt es viele Papierfabriken, der Schlamm fällt bei der Produktion an. Viele Papiere werden mit PFC behandelt, um sie schmutz- und fettabweisend zu machen.

Es lässt sich wohl nicht mehr lückenlos nachweisen, woher Vogel Papierabfälle für seinen Kompost bezogen hat. Sicher ist: Allein zwischen 2006 bis 2008 hat Vogel 106.000 Tonnen Papierschlämme angenommen und an Bauern in der Rheinebene abgegeben, die sie auf ihre Felder ausbrachten. Die meisten dieser Flächen weisen heute PFC-Belastungen auf.

Bislang hat man die Chemikalien auf 877 Hektar Boden gefunden. Das entspricht einer Fläche mehr als vier mal so groß wie das Fürstentum Monaco. Nach Schätzung der Rastatter Wasserwerke sind mindestens 130 Millionen Kubikmeter Grundwasser verseucht. Mindestens 150 Landwirte sind in irgendeiner Form von der PFC-Belastung betroffen.

Die Rolle der Papierfabriken und diverser Zwischenhändler im PFC-Skandal ist juristisch nach wie vor ungeklärt. Vogel selbst bestreitet, dass seine Papierschlamm-Kompostmischungen für die Verunreinigung in der Rheinebene verantwortlich seien. Im Januar 2017 wurde ein Strafverfahren gegen ihn eingestellt. Die Staatsanwaltschaft hatte nur wegen minder schwerer Umweltdelikte ermittelt, auch deshalb sind mögliche frühere Taten verjährt. Das Verwaltungsgericht geht hingegen davon aus, dass die Papierschlämme mit PFC belastet waren und für die Bodenbelastung verantwortlich sind.

Dabei sind per- und polyfluorierte Chemikalien eigentlich eine praktische Sache. Sie sind wasser-, fett- und schmutzabweisend. Man findet sie in Feuerlöschschäumen, Teflonpfannen, Outdoorbekleidung, Backpapier und Make-up-Produkten. Bisher gibt es weder eine Kennzeichnungspflicht für PFC noch bundesweite Höchstwerte. Und das, obwohl die Moleküle bisher ungehindert in die Umwelt gelangen und sich dort immer weiter anreichern. Man findet sie in Trinkwasser und Fisch, aber auch in Innereien, Milchprodukten oder pflanzlichen Lebensmitteln.

Nur für Trinkwasser gibt es verschiedene sogenannte Leitwerte, die die kommunalen Wasserversorger bei Verdacht auf PFCs untersuchen müssen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat Ende 2018 immerhin „neue gesundheitsbezogene Richtwerte“ für die beiden bekanntesten PFC-Verbindungen, PFOA und PFOS, veröffentlicht und die wöchentliche Menge in Lebensmitteln, die als gesundheitlich unbedenklich gilt, drastisch gesenkt.

PFC stehen im Verdacht, für den Menschen krebserregend zu sein. Die Stoffe nehmen auch Einfluss auf das Immun- und Hormonsystem. Die Universität Padua untersuchte in der Region Venetien, einer der vier am stärksten mit PFC belasteten Regionen weltweit, die Wirkung der Chemikalien auf den Hormonhaushalt. Dabei wiesen die Wissenschaftler unter anderem eine schlechtere Spermienqualität, verringertes Hodenvolumen und eine reduzierte Penislänge nach.

In den letzten Jahren wurden auch in Deutschland immer wieder neue PFC-Belastungen entdeckt. Die Wasserwerke Rastatt haben im Oktober eine bundesweite PFC-Schadenskarte erstellen lassen, die rund 250 Fälle zeigt. Nirgends ist die Kontamination stärker als in Mittelbaden.

Der belastete Boden, 877 Hektar groß, nahe dem Rhein, das ist nur ein vorläufiger Wert. „Ein Ende ist immer noch nicht in Sicht“, sagt Reiner Söhl­mann im Landratsamt Rastatt. Einen Umweltskandal dieser Dimension kann man nicht beseitigen, man kann nur versuchen, ihn zu managen. Bei Söhlmann im Landratsamt von Rastatt laufen die Fäden in Sachen PFC zusammen. 2015 wurde hier im Zentrum des Gebiets eine PFC-Geschäftsstelle eingerichtet, einer Art Kompetenzzentrum, das mittlerweile bundesweit Anerkennung findet. Damit Landwirtschaft in der Region überhaupt noch möglich ist, haben das Landratsamt und das Regierungspräsidium Konzepte entwickelt. Es werden Bodenproben entnommen, Filter für das Grundwasser getestet und Ackerfrüchte vor der Ernte auf ihren PFC-Gehalt untersucht.

So auch Erdbeeren, Himbeeren und Spargel bei Landwirt Joachim Huber. Huber hat einen Hof in Iffezheim bei Baden-Baden. Der Ort ist vor allem wegen seiner Pferderennen bekannt. Hubers Hofladen hat in der Region einen guten Ruf zu verlieren. Außerdem betreibt er seit ein paar Jahren in der Saison auch noch ein Restaurant auf seinem Hof. Der PFC-Skandal ist nicht gut für sein ohnehin schon hartes Geschäft. „Das Wichtigste ist, dass in unseren Produkten nie etwas gefunden wurde“, sagt Huber. Am Computer in seinem Büro plant er die kommende Erntesaison.

Seit auf seinen Äckern PFC gefunden wurde, muss er an der Fruchtfolge auf seinen Böden lange tüfteln. Belastete Äcker braucht er nicht ganz brachliegen lassen. In Freiland- und Laborversuchen hat man in den letzten Jahren herausgefunden, dass etwa Mais kaum PFC aufnimmt. In Weizen und im Pollen von Raps lagern sich PFC dagegen stark ab und gelangen auf diese Weise in Nahrungsmittel.

Huber hat keinen Kompost von Vogel angenommen, er fand das kostenlose Angebot damals schon suspekt. Aber er hat mit einem der Bauern, die wohl die belasteten Schlämme genutzt haben, Land getauscht. Jetzt hat er den Schlamassel. „Mir bleibt nichts, als das Problem auszusitzen, wir können ja hier nicht weg.“ Einmal im Jahr bekommt Huber nun Besuch vom Regierungspräsidium Karlsruhe, das ihm das aktuelle Managementkonzept für seine PFC-Flächen erläutert.

Wenn es nur der Boden wäre. Aber Joachim Huber weiß heute schon, dass seinen Hof über das Grundwasser wohl zusätzliche PFC-Schadstoffe erreichen werden. Kommen sie eines Tages in Iffezheim an, wird er wohl teure Filter einbauen müssen. Für die Beregnung ganzer Weizenfelder wird das zu teuer. Er kann dann nur noch Früchte anbauen, die er mit sparsameren Techniken bewässern kann. Huber sagt mit fatalistischem Unterton: „Mit diesem Problem wird sich auch noch mein Sohn herumschlagen, wenn er den Hof übernommen hat.“

Die Sache mit dem Grundwasser war es, die Ulrich Schumann und Andreas Adam zu PFC-Experten hat werden lassen. Die beiden Männer stehen im idyllischen Park des Schlosses Favorite nahe Rastatt. Von hier aus kann man das Wasserwerk Kuppenheim sehen. Der Kulturhistoriker Schumann und der Jurist Adam wissen seit Sommer 2013, dass das Grundwasser hier mit PFC verseucht ist. Die Stadt hat damals pflichtschuldig im Anzeigenblatt die Bürger darüber informiert. Mehr geschah erst mal nicht. Deshalb gründeten die beiden eine Bürgerinitiative und verteilten Flugblätter über die Belastung des Grundwassers für all jene, die das Amtsblatt nicht lesen. Mittlerweile ist nach Angaben der Initiative das Kuppenheimer Trinkwasser so belastet, dass es für Säuglinge und Kleinkinder nicht mehr trinkbar sei. Die Bürgerini­tiative hat auch die ersten Blutproben in der Bevölkerung auf eigene Kosten organisiert.

Damals hat man ihnen Panikmache vorgeworfen, inzwischen hat das Landessozialministerium selbst eine groß angelegte Blutuntersuchung organisiert, die die Belastung in der Region zeigt und nun alle zwei Jahre wiederholt werden soll. Dabei wurden bei einem Landwirt nahe Baden-Baden an die tausend Mikrogramm PFOA pro Liter Blut festgestellt. Die allgemeine Grundbelastung der Bevölkerung liegt bei 6 Mikrogramm, die Werte, die das Umweltbundesamt für unbedenklich hält, liegen noch darunter.

Jetzt müssen die Trinkwasserversorger der Region die PFC-Spuren kostenintensiv herausfiltern. Die Stadtwerke Baden-Baden haben dafür eine Niederdruckumkehrosmoseanlage für über 4 Millionen Euro eingebaut, die Rastatter Wasserwerke haben sich für Aktivkohlefilter entschieden, die Kosten liegen hier bislang bei 6 Millionen Euro. Kosten, die auf den Verbraucher umgelegt werden.

Aus Sicht von Adam und Schumann wird von der Politik zu wenig getan, um die PFC aus der Natur herauszuhalten. Eine großflächige Sanierung des verunreinigten Grundwassers und der belasteten Böden, die sie sich wünschen würden, ist nach aktuellem Kenntnisstand nicht zu machen. Insgesamt hat das Land aber bereits mehr als 8 Millionen Euro in die Erfassung des Schadens, in Forschungsvorhaben und Managementansätze gesteckt.

Doch kann es tatsächlich sein, dass Bürger und Verwaltung Millionenschäden schultern müssen und die mutmaßlichen Verursacher davonkommen? Fragt man beim Verband der Papierindustrie nach, was sie tut, um Verunreinigungen wie die bei Baden-Baden künftig zu verhindern, stößt man auf ohrenbetäubendes Schweigen. Mit dem Hinweis auf laufende juristische Verfahren verweigert deren Sprecher, Gregor Geiger, jede Stellungnahme. Auch deshalb wissen Behörden bis heute nicht, welche PFC in den Papierschlämmen enthalten waren, wonach sie also gezielt suchen könnten. Unklar bleibt deshalb auch, ob anderswo in Deutschland belastete Schlämme in den Kompost geraten sind. Der ehemalige Nabu-Chef und heutige Staatssekretär im baden-württembergischen Landesumweltministerium, Andre Baummann, sprach deshalb schon vor Jahren von einem hektargroßen „trojanischen Pferd“, das die Papierindustrie hinterlassen habe.

Wie groß das trojanische Pferd mit Namen PFC aber tatsächlich ist, das weiß nicht einmal das Umweltbundesamt. Die Behörde hat trotz bundesweiter Abfrage nur PFC-Daten aus sechs Bundesländern vorliegen. Was wohl nicht bedeutet, dass die anderen Länder keine Belastung haben, sondern eher, dass dort nicht untersucht wurde. Der Rastatter Landrat Toni Huber vermutet in den fehlenden Regionen eine Vogel-Strauß-Politik: „Das will keiner gern wissen. Aber wenn die mal zu suchen anfangen, dann werden die wahrscheinlich ganz schön überrascht sein“, sagt er.

Um endlich einen Überblick über das Ausmaß der Belastung zu bekommen, ist das Bundesumweltministerium (BMU) dabei, eine bundesweite Untersuchung von Äckern, Wiesen und gegebenenfalls auch Wäldern auf PFC-Verbindungen zu finanzieren. Ein Verbot ist jedoch nicht einfach umzusetzen, sagt Thomas Straßburger vom BMU: „Es ist ein bisschen wie das Hase-und-Igel-Spiel. Die Regulierung über die europäische Chemikalienverordnung ist ein mühsamer Prozess.“ Vor allem aber ist es frustrierend. „Kaum ist die Verwendung einer bestimmten Verbindung eingeschränkt, hat die Industrie bereits neue PFC entwickelt, über die man im Zweifelsfall noch weniger weiß.“

Immerhin testen Flughäfen inzwischen PFC-freie Löschschäume, Unternehmen wie Vaude und Jack Wolfskin verzichten auf PFC in ihrer Outdoorkleidung, und L’Oréal hat einige der PFC aus der Kosmetikproduktion gestrichen. Für eine EU-weite Vermeidung hat sich unter anderem auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) ausgesprochen. Bislang sind jedoch nur zwei der Stoffe, nämlich PFOA und PFOS, weltweit verboten.

Eine PFC-Verbindung alle zehn Jahre? Geht die Regulierung der rund 5.000 bekannten Verbindungen in dieser Geschwindigkeit weiter, lässt sich leicht ausrechnen, wie viele Tausend Jahre es bräuchte, um die Gefahr verseuchter Grundwässer zu stoppen.


Aus: "Verseuchter Ackerboden - Leben mit dem Gift"  Ein Artikel von Patricia Klatt und Benno Stieber (19.12.2019)
Quelle: https://taz.de/Verseuchter-Ackerboden/!5647265/


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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #21 on: December 23, 2019, 11:54:36 AM »
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[...] Nach einem Schiffsunfall bei den Ga­la­pa­gos­in­seln bedroht austretender Dieselkraftstoff das Weltnaturerbe. Der ecuadorianische Umweltminister Raúl Ledesma Huerta teilte auf Twitter mit, die Regierung habe Sofortmaßnahmen ergriffen, um das Umweltrisiko zu vermindern und das Problem einzudämmen, das durch den Untergang des Schiffs entstanden sei. Der Nationalpark der Galapagosinseln twitterte, es würden Schutzbarrieren errichtet und ölabsorbierende Mittel eingesetzt. Auf dem Schiff seien umgerechnet ungefähr 2.500 Liter Dieselkraftstoff gelagert gewesen.

Das Schiff sank am Sonntag an einem kleinen Pier vor der Insel San Cristóbal. Zuvor war ein Kran während des Verladens eines Containers zusammengebrochen und dieser auf das Schiff gestürzt, wie die Zeitung El Comercio berichtete. Die Besatzungsmitglieder konnten sich ins Meer retten. Ein Mensch wurde verletzt.

Die Galapagosinseln zählen wegen ihrer besonderen Flora und Fauna seit 1978 zum Unesco-Weltnaturerbe. Der Archipel mit seinen rund 130 Inseln gehört politisch zum etwa 1.000 Kilometer entfernten Ecuador. Zu den nur dort vorkommenden Arten zählen Meerechsen, Landleguane und Galapagosfinken.


Aus: "Diesel bedroht Ga­la­pa­gos­in­seln" (23. Dezember 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-12/galapagos-inseln-diesel-weltnaturerbe-ecuador

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"Schiffsunfall vor den Galapagos-Inseln - Naturparadies wohl außer Gefahr" Bernd Pickert (23.12.2019)
2.500 Liter Diesel aus einem havarierten Schiff bedrohten das Weltnaturerbe vor Ecuador. Jetzt soll die Situation unter Kontrolle sein. ... BERLIN taz/dpa/afp | Nach einem Schiffsunfall vor den Galapagos-Inseln haben Ecuadors Behörden eigenen Angaben zufolge eine Naturkatastrophe verhindert: Die Ausbreitung von Dieselkraftstoff aus dem sinkenden Schiff sei „unter Kontrolle“, teilte Ecuadors Regierung am Sonntag mit. „Eine Reihe von Maßnahmen wurden ergriffen, um die möglichen Auswirkungen zu mildern“, erklärte das Kommunikationsbüro des Präsidenten.
Zuvor hatten die Behörden den Notstand ausgerufen, weil austretender Dieselkraftstoff von einem sinkenden Schiff die Inseln bedrohte. Es wurden „Sofortmaßnahmen“ eingeleitet, um die Umweltgefahren für eines der empfindlichsten und unberührtesten Ökosysteme der Erde einzudämmen, wie Umweltminister Raúl Ledesma auf Twitter schrieb. Der Galápagos-Nationalpark twitterte, es würden Schutzbarrieren errichtet und ölabsorbierende Mittel eingesetzt. Auf dem Schiff seien umgerechnet ungefähr 2.500 Liter Dieselkraftstoff gelagert gewesen. Dieser drohte die empfindliche Artenvielfalt auf den Inseln zu belasten. ...
https://taz.de/Schiffsunfall-vor-den-Galapagos-Inseln/!5646992/

« Last Edit: December 29, 2019, 08:43:46 PM by Link »

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #22 on: December 29, 2019, 08:48:47 PM »
"Ostsee: Perspektiven der Kontamination"  Jens Mattern (28. Dezember 2019)
Sollte nur ein Sechstel der chemischen Stoffe aus den Behältern der mitsamt Waffen versenkten Schiffe austreten, so würde dies jegliches Meeresleben in großen Teilen der Ostsee auf über 100 Jahre hinaus unmöglich machen. Als besonders problematisch für das polnische Hoheitsgebiet der Ostsee gelten der Tanker Franken sowie das Lazarettschiff Stuttgart. ... Nach Angaben des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung lagern auf dem Grund der Ostsee 300.000 Tonnen konventioneller Munition und chemischer Kampfstoffe. Zur ersten Kategorie gehört TNT und Phosphor. Aus TNT bilden sich Arsen-Verbindungen, die zu Tumoren bei Fischen führten, zudem könnten viele Bomben noch explodieren. Zu den chemischen Kampfstoffen gehören Senfgas, Sarin, Tabun, Phosgen oder arsenhaltige Kampfstoffe, z. B. Clark I und II oder Adamsit.
Die Bundesregierung Deutschland scheut bislang die Bergung, da es dabei zum unkontrollierten Austritt der Stoffe kommen kann. Allerdings sollen die Metallmantel der Bomben und Torpedos in zwanzig Jahren brüchig werden. ...
https://www.heise.de/tp/features/Ostsee-Perspektiven-der-Kontamination-4624119.html

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"Atomkraftwerk Philippsburg stillgelegt: KKP2 hat ausgestrahlt" (1.1.2020)
... Das Unternehmen rechnet nun damit, dass zehn bis fünfzehn Jahre nötig sein werden, um die atomaren Hinterlassenschaften aufzuräumen.
Zurück bleiben werden nach Erhebungen des Fachportals Atommüllreport 951 Tonnen Schwermetall aus Brennelementen – das ist die nüchterne Umschreibung des Atommülls, der in 35 Betriebsjahren entstanden ist und nun Millionen von Jahren strahlen wird. An welchem Ort auch immer. ...
https://taz.de/Atomkraftwerk-Philippsburg-stillgelegt/!5648972/

« Last Edit: January 01, 2020, 07:21:19 PM by Link »

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #23 on: January 14, 2020, 02:54:47 PM »
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[...] 2011 traf ein heftiger Tsunami Japan und zerstörte tausende Menschenleben und zahlreiche Gebäude. Im Atomkraftwerk Fukushima kam es zur Kernschmelze. Radioaktive Stoffe, die damals austraten, lassen sich bis heute in der Umwelt nachweisen. Inzwischen haben sie ihren Weg bis in die Beringsee vor Alaska gefunden, berichten Forscher von der University of Alaska in Fairbanks.

Ein Einwohner von St. Lawrence Island hat über Jahre an der Nordwestspitze der Insel Wasserproben genommen. 2018 waren die Werte für Cäsium 137 schließlich leicht erhöht. Die Forscher fanden 2,4 Becquerel pro Kubikmeter Wasser. Vor dem Nuklearunfall von Fukushima waren im Pazifik Werte von unter 2 Becquerel pro Kubikmeter normal.

Eine Gefahr für die Gesundheit bestehe nicht, schreiben die Wissenschaftler gleich im ersten Absatz einer Mitteilung zu dem Fund. US-Behörden halten selbst Trinkwasser mit 7400 Becquerel pro Kubikmeter Wasser für sicher - ein Wert, der mehr als dreitausend Mal höher ist als der in der Beringsee gemessene.

"Die Fundstelle ist die nördliche Grenze der radioaktiven Ausbreitung", sagt Forscherin Gay Sheffield. Cäsium 137 entsteht bei der Kernspaltung von Uran und hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren. Nach dieser Zeit ist die Hälfte des Stoffs zerfallen. Bis dahin setzt er sich etwa im Boden fest und wird in stark betroffenen Gebieten zum Problem für die Landwirtschaft, weil es Lebensmittel kontaminiert.

Zuvor hatten Forscher radioaktive Stoffe aus Fukushima bereits an anderen Stellen der amerikanischen Westküste entdeckt, etwa vor dem kanadischen Bundesstaat British Columbia und im Golf von Alaska. 2014 hatten Wissenschaftler der amerikanischen Ozeanbehörde NOAA zudem in Muscheln aus der Beringsee Radionuklide aus Fukushima nachgewiesen. Auch im Gewebe von Seebären fanden sie den Stoff. Das Wasser wurde damals aber nicht untersucht.

Für die Bewohner von St. Lawrence Island kommt die Entdeckung nicht nur deshalb wenig überraschend. Sie hätten erwartet, dass Radionuklide irgendwann bei ihnen ankommen, erklärt Sheffield. Die Strömung im Meer sei dafür verantwortlich. "Es war klar, dass die Nuklide irgendwann kommen, die Leute wussten nur nicht genau, wann."


Aus: "Forscher weisen radioaktive Substanz vor Alaska nach" (02.04.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/fukushima-caesium-137-vor-alaska-entdeckt-a-1260717.html


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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #24 on: January 15, 2020, 10:12:00 AM »
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[...] Heute lädt das Brandenburger Imkerpaar Camille und Sebastian Seusing ganze vier Tonnen von Glyphosat-belastetem Honig vor dem Bundeslandwirtschaftsministerium ab. So wollen die Imker vom „Bündnis zum Schutz der Bienen“ und die Demonstranten von „Wir haben es satt!“ ihrer Wut über die Agrarpolitik Ausdruck verleihen. ...


Aus: "Morgenlage aus der Hauptstadt" (15.01.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/morgenlage-aus-der-hauptstadt-elektropanzer-fuers-schlachtfeld/25434242.html

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[...] Berlin/Bernau. Camille und Sebastian Seusing haben für diesen Mittwoch eine ungewöhnliche Aktion geplant: Um 11 Uhr will das Imkerpaar aus Bernau tonnenweise Honig vor dem Bundesministerium für Agrarwirtschaft in Berlin abladen.

Der Grund: Mehr als vier Tonnen ihres Honigs aus dem Vorjahr sind Glyphosat-belastet, wohl weil das Mittel auf Feldern verbreitet eingesetzt wird. Dieser Honig kann nun nicht mehr verkauft werden. Zum Teil wurden Grenzwert-Überschreitungen vom bis zu 152-Fachen des erlaubten Glyphosatgehalts festgestellt. Die Folgen für die Bio-Imkerei sind bedrohlich. „Nach dem aktuellen Stand müssen wir die Imkerei aufgeben“, sagt Sebastian Seusing, der die Imkerei mit seiner Frau führt.

Für die Imker ist das nicht nur ein privates, sondern auch ein politisches Problem. Sebastian Seusing fordert daher in erster Linie ein Verbot jeglicher chemischer Spritzmittel in blühenden Pflanzenbeständen. „Wir sind aber auch ganz klar für einen konkreten Glyphosatstopp, möglichst schnell“, sagt der Imker.

Wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft der Berliner Morgenpost mitteilte, habe die Bundesregierung den Ausstieg aus der Glyphosat-Anwendung zum klaren Ziel. Ein Totalverbot sei wegen EU-Regulierungen allerdings erst ab Dezember 2023 möglich. „Deshalb arbeiten wir an einer Minderungsstrategie, die den Einsatz nur noch in wenigen Fällen zulassen wird“, so Pressesprecher Matthias Paul.

Dennoch: Die Agrarpolitik setze ihren Fokus auf großindustrielle Agrarwirtschaft, anstatt bäuerliche Landwirtschaft zu unterstützen und Umweltleistungen zu honoriere, sagt Seusing. Eine solche Politik lasse zu, dass Landwirte verantwortungslos Glyphosat und andere Pestizide verwenden können.

Für etwa die Hälfte des belasteten Honigs sei nachweislich ein benachbarter Landwirt verantwortlich, der auf seinen Feldern Glyphosat eingesetzt habe. Laut Johann Lütke Schwienhorst, Agrar-Referent der Stiftung Aurelia, habe das Ehepaar bereits geklagt. Die Aurelia-Stiftung, die sich hauptsächlich für den Erhalt von Bienen einsetzt, unterstützt das Ehepaar im laufenden Prozess, unter anderem mit Spenden.

Der verantwortliche Landwirt habe eine Schadensersatzzahlung vorerst verweigert. Für das Spritzmittel hatte er eine Genehmigung, die Verwendung sei nicht illegal gewesen. „Wer für den erstandenen Schaden haften wird, ist auf Grund rechtlicher Missstände ungeklärt“, sagt Lütke Schwienhorst. Der Fall sei für ihn aber klar: „Das, was die Imkerei Seusing erlebt, ist ungerecht.“ Darüber hinaus kritisiert er die „unverbindlichen Empfehlungen für Glyphosat-Anwendung, die bei keinem Bauern ankommen“.

Konkret bedeutet die Verunreinigung des Honigs für das Familienunternehmen nach eigenen Angaben einen direkten Schaden in Höhe von 60.000 Euro. Zusätzlich rechnen die Imker mit einem ähnlich hohen Schaden im kommenden Jahr. Hinzu kommen die Entsorgungskosten, die die Imkerei tragen muss. Bisher habe sich keine Firma für die Entsorgung bereit erklärt, da sich Honig nicht für Müllverbrennung eigne. Im Zweifel müssten die Imker eine Spezialentsorgungsfirma beauftragen.

Der Fall zeige auf, wie schnell es jede Imkerei treffen kann, sagt Lütke Schwienhorst. Besonders problematisch sei es deshalb auch, dass Imker ihr Qualitätsmanagement freiwillig betreiben. Zertifizierte Labore bieten dafür eine Untersuchung von Honigproben an, die Kosten der Analyse müssen allerdings die Unternehmen selbst übernehmen. „Die meisten Imker untersuchen ihren Honig daher erst bei einem konkreten Verdacht auf Verschmutzung“, so Lütke Schwienhorst. Ob jeder Honig im Verkauf den Standards entspricht, könne deshalb nicht garantiert werden.

Wie Ministeriumssprecher Paul sagt, handle es sich bei der Glyphosatüberschreitung der Imkerei Seusing um einen Einzelfall. Im Jahr 2016 hätte ein spezifisches Landesprogramm zur Untersuchung von Honig gezeigt, „dass erhöhte Glyphosatrückstände in Honig kein flächendeckendes Problem in Brandenburg darstellen“, teilt der Sprecher mit. Eine Gefahr für die Gesundheit von Verbrauchern gebe es laut des Bundesinstituts für Risikobewertung daher nicht.


Aus: "Protest gegen Glyphosat: Imkerpaar will tonnenweise Honig vor Ministerium abladen" Anna Lindemann (14.01.2020)
Quelle: https://www.morgenpost.de/berlin/article228143453/Imkerpaar-will-tonnenweise-Honig-vor-dem-Ministerium-abladen.html

https://www.maz-online.de/Brandenburg/Imker-Protest-vor-Ministerium-Verseuchter-Honig-fuer-Julia-Kloeckner

"Landwirtschaft: Glyphosat im Honig" Kerstin Ewald (22.05.2019)
https://www.moz.de/landkreise/barnim/bernau/artikel3/dg/0/1/1730361/


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« Reply #25 on: January 15, 2020, 11:59:23 AM »
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[...] Der Geologe Jens Greinert sitzt an seinem PC am Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und zoomt in eine bunt eingefärbte Karte. Sie zeigt das Relief des Meeresbodens, die Bathymetrie der Kieler Förde. An der Stelle, die Greinert heranzoomt, sieht es aus, als hätte jemand auf dem ebenmäßig abfallenden Boden ein paar Streusel verteilt.

„Bei der Länge und dem Durchmesser, den ich hier sehe, kann ich sagen: Es ist wahrscheinlich eine Grundmine. Längere Körper, die sind jetzt nicht auf der Karte, die sind so fünf Meter lang, da kann ich sagen, das ist ein Torpedo.“

Wie viele Minen, Torpedos und andere Munitionskörper am Grunde der Ostsee und anderer europäischer Meeren noch schlummern, weiß Greinert nicht. Es gibt eine Schätzung, nach der in den deutschen Gebieten der Nord- und Ostsee etwa 1,6 Millionen Tonnen alte Munition und rund 5.000 Tonnen chemische Kampfstoffe liegen. Doch die Zahlen gelten als sehr unsicher. Denn man weiß gar nicht genau, wo überall Munitionsreste liegen.

Im europäischen Forschungsprojekt „Basta“ will Greinert daher mit anderen deutschen und belgischen Forschern eine neue Technik zum Auffinden von Munition entwickeln. Im Gegensatz zu bisherigen Methoden sollen die Messgeräte dann nicht mehr von einem Schiff über den Meeresboden geschleppt werden.

„Was wir jetzt in dem „Basta“-Projekt machen wollen, ist AUVs – Autonomous Underwater Vehicles – also ein robotisches System, was autonom in der Wassersäule rumschwimmen kann, mit Magnetometern auszustatten, dass die automatisch magnetische Körper finden und dabei selber lernen. Also sich dann automatisch zurechtfinden, wissen, wo sie hingehen sollen, wissen: ok, wenn dieses Objekt, was ich aus der bathymetrischen Karte eventuell schon kenne, wenn das nicht magnetisch ist und das nächste auch nicht und das dritte auch nicht, dann sind wahrscheinlich die anderen fünfhundert, die ähnlich aussehen in der Bathymetrie, das auch nicht. Also fahre ich zu anderen Lokationen.‘“

Am Ende des Projektes, sollen diese Unterwasserroboter jedoch nicht nur magnetische Messungen machen, sondern mit verfeinerten hydroakustischen Methoden auch in den Meeresboden schauen. Dort könnte dann vom Sediment verdeckte Munition aufgespürt werden. Zudem sollen die AUV auch Fotos von verdächtigen Gegenständen machen, um eventuell bewachsene Munition genauer betrachten zu können, aber auch um die Fehlerquote zu senken. Denn wenn heute etwa ein neues Windpark-Gebiet von einem Schiff aus überprüft wird, sind neun von zehn Munitionsfunden Fehlalarme – schlichtweg, weil es auch sehr viel anderen Schrott auf dem Meeresboden gibt.

Die Fototechnik haben Greinert und seine Kollegen bereits in einem Vorläuferprojekt ausprobiert. Greinert zoomt in ein neues Gebiet. Statt der bunten Reliefkarte sieht man nun ein richtiges Bild des Meeresbodens.

„Das ist nämlich das Gebiet mit diesem offen liegenden TNT. In dem Bild hab ich hier so einen grauen Block liegen. Das ist Schießwolle 39, irgendwie deutscher Sprengstoff. Und das hier ist auch ein Sprengstoff, der aber leuchtend orange ist. Und da wissen wir gar nicht so ganz so genau, es kann sein, dass das irgendwas, eine britische Mixtur ist, die da gelandet ist.“

Die Bilder machen ein Problem offensichtlich, das mit der Zeit dringlicher werden wird: Die Munitionskörper rosten weg, der Sprengstoff bleibt. Das führe zum einen dazu, dass sich die Stoffe dann kaum noch entdecken lassen – weder magnetisch, noch optisch über die Form, sagt der Kieler Kollege und Umweltwissenschaftler Torsten Frey.

„Und das andere ist, dass man schon davon ausgeht, dass in ein paar Jahren es natürlich dazu kommen kann, dass dann mal irgendwann eine kritische Menge an Bomben durchrostet und gleichzeitig Explosivstoffe abgibt, die krebserregend sind und Tumore in Fischen hervorrufen, die dann womöglich auf unserem Speisezettel landen könnten.“

In dem Forschungsprojekt soll daher auch eine moderne Datenbank entstehen, in der Munitionsfunde genau verzeichnet sind. Und dann, so meinen die beiden Forscher, wäre es dringend Zeit für ein Monitoring, damit man weiß, wo wie viel Sprengstoff freigesetzt wird und welche Folgen das haben kann.


Aus: "Wie Forscher Munitionsaltlasten aufspüren wollen" Tomma Schröder (14.01.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/minensuche-im-meer-wie-forscher-munitionsaltlasten.676.de.html?dram:article_id=467839

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« Reply #26 on: January 28, 2020, 09:56:48 AM »
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[...] Keine andere Spezies hinterlässt auf dem Planeten derart viel Müll wie der Mensch. Der Great Pacific Garbage Patch – eine Ansammlung von Plastikmüll im Pazifik – ist bereits vom All aus sichtbar. Doch kein Abfall hat derart schwerwiegende langfristige Folgen für das Ökosystem wie Atommüll. Plutonium, das etwa in Nuklearwaffen eingesetzt wird, stellt auch noch in hunderttausenden Jahren eine radioaktive Gefahr für Flora und Fauna dar.

Umso beunruhigender ist der Befund, den eine soeben veröffentlichte Studie den aktuellen Atommülllagern ausstellt: Wie Forscher im Fachblatt "Nature Materials" berichten, sind die derzeitigen Methoden, um Atommüll zu lagern, weniger beständig als bisher angenommen. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die aktuellen Methoden möglicherweise nicht ausreichend sind, um den Abfall sicher zu verstauen", sagt der Erstautor der Studie, Xiaolei Guo, stellvertretender Direktor des Ohio State Center for Performance and Design of Nuclear Waste Forms and Containers.

Der Grund für die Unzulänglichkeit der bisherigen Lagerungsmethoden klingt recht einfach: Korrosion. In der Studie wurde die Lagerung von hochkontaminiertem Atommüll untersucht, der insbesondere durch Nuklearwaffen anfällt. Einige der darin enthaltenen radioaktiven Substanzen haben Halbwertszeiten von rund 30 Jahren, andere wiederum solche von zehntausenden Jahren. Die Halbwertszeit ist jene Zeit, innerhalb derer die Hälfte des radioaktiven Materials zerfallen ist. Bis das gesamte Material zerfallen ist, dauert es hingegen um ein Vielfaches länger.

Bislang ist Finnland das einzige Land, das damit begonnen hat, ein langfristiges Endlager für hochkontaminierten radioaktiven Abfall zu errichten. In fast allen anderen Ländern ist es üblich, hochverstrahltes Material mit anderen Materialien zu mischen, wodurch Glas oder Keramik entsteht. Diese radioaktive Mischung wird in Stahlkanistern eingeschlossen, welche in unterirdischen Lagerungsstätten verstaut werden, oft in der Nähe des Produktions orts. Doch wie die Forscher um Guo in der aktuellen Studie schreiben, ist bislang nur die langfristige Beständigkeit von radioaktivem Glas und Keramik einerseits und den Edelstahlkanistern andererseits untersucht worden. Doch die Wechselwirkungen zwischen dem radioaktiven Glas oder Keramik mit den Metallkanistern blieb dagegen bislang weitgehend unerforscht.
Yucca Mountain in Nevada ist als permanente US-Lagerstätte für Atommüll im Gespräch.
Foto: Reuters/Stringer

In Laborexperimenten stellten die Wissenschafter die Lagerungsbedingungen unter Tage nach, sprich: bestimmte Temperatur- und Druckverhältnisse und das mögliche Eindringen von Wasser. Besonders hatten die Forscher dabei die Bedingungen im Yucca Mountain im US-Bundesstaat Nevada im Blick, der als permanente US-Lagerstätte für Atommüll vorgeschlagen worden ist.

In den Versuchen zeigte sich, dass es an den angrenzenden Flächen von radioaktivem Glas oder Keramik mit dem Stahlfass zu Korrosion kam – und das in einem selbstverstärkenden Prozess. In Wasser reagierte sowohl Glas und wie auch Keramik mit dem Edelstahl. "In einem realistischen Szenario liegen das Glas oder die Keramik eng am Edelstahl an. Unter bestimmten Bedingungen läuft die Korrosion des Edelstahls völlig aus dem Ruder", sagt Guo. "Es bildet sich ein extrem aggressives Milieu, das die angrenzenden Materialien korrodieren lässt."

Der Grund dafür, warum die aktuellen Methoden zur Atommülllagerung weniger langlebig sind als ursprünglich angenommen, ist letztlich im Periodensystem der chemischen Elemente zu finden: Edelstahl wird vor allem aus Eisen hergestellt, gemischt mit anderen Elementen wie Nickel und Chrom. Eisen hat eine chemische Affinität zu Silizium, was wiederum ein wesentlicher Bestandteil von Glas ist.

Für den Erstautor Xiaolei Guo ist das Fazit der Studie klar: "Die Ergebnisse zeigen, dass wir eine neue Methode entwickeln müssen, um nuklearen Abfall zu lagern." (Tanja Traxler, 28.1.2020)


Aus: "Atommüllfässer korrodieren schneller als gedacht" Tanja Traxler (27. Jänner 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000113818969/atommuellfaesser-korrodieren-frueher-als-gedacht

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Wolfgang Mizelli

atomstrom ist eben besonders nachhaltig.


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Austria01

Atomares Endlager Meeresgrund
Nach den Erkenntnissen der italienischen Staatsanwaltschaft versenkte die Mafia 32 Schiffe mit Giftmüll und Atomabfall im Mittelmeer. Das größte Wrack, die 110 m lange „Cunsky“, liegt mit insgesamt 120 Behältern radioaktiven Abfalls 28 km vor der Küste Kalabriens in 500 m Tiefe. Sie wurde Ende der 80er-Jahre mit drei anderen Frachtern durch Explosionen versenkt.

Acht europäische Staaten versenkten zwischen 1949 und 1982 atomaren Abfall an 14 Stellen im Ärmelkanal einfach im Meer, insgesamt 222.732 mit Beton oder Asphalt verstärkte Metallfässer. Alle Fässer rosten vor sich hin und haben schon lange Radioaktivität frei gesetzt.

Über 100.000 Tonnen Atommüll liegen schätzungsweise am Meeresgrund. Erst 1993 wurde diese Entsorgung verboten.


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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #27 on: February 06, 2020, 03:15:39 PM »
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[...] Der Pfarrer wählt einen drastischen Namen für die Gegend, in der er lebt. Er spricht vom "Viereck des Todes" und meint damit die Umgebung der Städte Augusta, Syrakus, Melilli und Priolo, die an der Ostküste Siziliens liegen.

Don Palmiro Prisuttos Kirche steht im Zentrum des 35.000-Einwohner-Ortes Augusta, ein Lichtstrahl im Hauptschiff trifft auf sein blitzsauberes weißes T-Shirt. Weiße T-Shirts seien das offizielle Symbol der von ihm geführten Protestbewegung gegen die "tödliche Verschmutzung", sagt er. Boden, Luft und Wasser seien verseucht: mit Asbest, Arsen, Blei, Benzol, Quecksilber und anderen gesundheitsgefährdenden Stoffen. Nach Jahrzehnten intensiver Belastungen durch die Industrie und zahlreichen Fällen von illegaler Müllentsorgung sei die Umwelt in der Region am Ende – und viele Menschen krank.

Seit etwa 70 Jahren ist die Gegend um Syrakus ein Zentrum der italienischen Chemie- und Erdölindustrie. Die erste Erdölraffinerie entstand dort 1949, heute sind insgesamt zehn Industrieanlagen aktiv: zwei Raffinerien, zwei Chemiefabriken, ein Zementwerk, zwei Industriegasanlagen und drei Kraftwerke. Deren Geschichte ist reich an Skandalen, doch erst jetzt beginnt die Politik, die Probleme wirklich zur Kenntnis zu nehmen.

Mitte November kam der parteilose italienische Umweltminister Sergio Costa zu Besuch – solch hochrangige Besucher hatten sich hier lange nicht blicken lassen. Costa versprach, dem "Teufelskreis" ein Ende zu bereiten, der die Bevölkerung zwinge, mit der Gefahr zu leben.

Er hatte wohl auch kaum eine andere Wahl. Wenige Wochen zuvor hatte das Krebsregister der Provinz Syrakus eine Studie veröffentlicht, der zufolge wohl nur die Umweltverschmutzungen erklären konnten, "warum es im industriellen Viereck zu einem Anstieg der Fälle kommt, während auf nationaler Ebene die Mortalität zurückgeht". Anselmo Madeddu, der Gesundheitsdirektor des Krebsregisters, warnte: "Die Krankheit verbreitet sich nunmehr von der Industriezone auf das umliegende Gebiet." Diese Erkenntnisse decken sich mit denen des Forschungsprojekts Sentieri, das im Auftrag des italienischen Gesundheitsministeriums verschmutzte Gebiete im ganzen Land untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass Todesfälle durch Lungen- und Darmkrebs in der Gegend "exzessiv" zunähmen, ebenso Atemwegserkrankungen und Erkrankungen des Verdauungsapparats.

Für viele der etwa 180.000 Menschen, die im Viereck des Todes leben, kommt die neue politische Aufmerksamkeit jedoch sehr spät. "Wenn ich an Krebs sterben sollte, wäre das vorsätzliche Tötung!", donnert Pater Prisutto in seiner Kirche. Er hat genügend Gründe, zu glauben, dass die Krankheit eines Tages auch über ihn hereinbrechen wird. Der Krebs hat schließlich schon viele Bewohner der Region dahingerafft. "Im Viereck hat jeder inzwischen einen Angehörigen, der an Krebs gestorben ist", sagt er. Sein Bruder sei ihm zum Opfer gefallen, auch eine seiner beiden Schwestern, während die andere derzeit um ihr Leben kämpfe.

Mit ernster Miene und eingezogenen Schultern deutet Pater Prisutto auf eine große Tafel am Eingang seiner Kirche. Lange Listen mit Namen und Daten hängen dort, es sind fast Tausend. Darüber ein Schild mit der Aufschrift "Platz der Märtyrer des Krebses". Seit fünf Jahren, an jedem 28. eines Monats, verliest der Pfarrer während seiner Predigt die Namen der neu verstorbenen Personen, ihr Alter und die Art des Krebses. "Um die Opfer nicht zu vergessen und das Bewusstsein der Bewohner zu wecken, die die Augen vor dem Sichausbreiten der Krankheit lieber verschließen", erklärt er.

Denn auch wenn es überraschen mag – der Schicksalsglaube hat die Oberhand im Viereck des Todes. "Besser an Krebs sterben als verhungern" ist ein zynischer Slogan der Bewohner, die um ihre Arbeit fürchten. Die Resignation sei die Folge einer "permanenten Erpressung am Arbeitsplatz, in einer von Arbeitslosigkeit betroffenen Gesellschaft", sagt Giusi Nané, Rechtsanwältin in Syrakus und Mitglied des Komitees "Stop Veleni". So wie fast jede Familie einen Krebstoten beklage, zähle sie oft auch einen Fabrikangestellten, sagt die Juristin.

Die Giftstoffe sind überall. Auf der Halbinsel Magnisi in der Nähe von Priolo wurden vor Jahrzehnten chemischen Schlacken aus einem der nahe gelegenen Werke abgelagert. Die Abfälle wurden damals unter Plastikplanen zurückgelassen, die von Pfosten gehalten wurden. Regen und Sonne haben die Abdeckung längst verwittern lassen. "Der Wind verteilt die Staubteilchen in der Luft", sagt Pippo Giaquinta vom lokalen Büro der Umweltorganisation Legambiente. Mit dem Finger deutet er auf einen Strand in weniger als 500 Meter Entfernung, an dem zwei kleine Mädchen vergnügt in Wassernähe Sand sieben.

Im Wasser ist es noch schlimmer. Schon 2003 wies die Biologin Mara Nicotra, die damals an der Universität von Catania arbeitete, in den Meeressedimenten eine Quecksilberkonzentration von mehr als 22 Milligramm pro Kilo nach. Die italienische Umweltbehörde Ispra ermittelte sogar einen dreimal so hohen Wert – dabei liegt die maximal tolerable Konzentration bei gerade mal einem Milligramm. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1958 und 1980 bis zu 500 Tonnen Quecksilber ins Meer gelangt sein könnten. Das wäre "eine größere Menge als die, die in der Bucht von Minamata angespült worden war, das waren schätzungsweise ungefähr 400 Tonnen", sagt Nicotra. Bis in die Sechzigerjahre hinein waren in der japanischen Küstenstadt mehr als zweitausend Menschen gestorben, nachdem sie mit Quecksilber vergiftete Fische gegessen hatten. Der Skandal führte zur Verabschiedung der Minamata-Konvention durch die Vereinten Nationen, um die Gefahren des Schwermetalls einzudämmen.

Als eine wesentliche Quelle der Verschmutzung galt stets das damalige Chemiewerk von Montedison. Das Unternehmen existiert allerdings schon lange nicht mehr, das Werk gehört mittlerweile dem italienischen Energie- und Erdölkonzern ENI. Auf Nachfrage beruft sich ENI heute darauf, dass die italienische Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren in der Sache schon 2007 eingestellt habe. "Die damals verfügbaren technischen Daten schlossen eine Haftung des Unternehmens für die in der Bucht von Augusta festgestellte Kontamination aus", teilt die Pressestelle mit und weist jede Verantwortung für die Quecksilbereinträge von sich.

Der Staatsanwalt, der das Verfahren damals einstellte, heißt Maurizio Musco. Doch Musco wurde im Frühjahr 2019 durch den Consiglio Superiore della Magistratura (CSM) – ein Selbstverwaltungsorgan der italienischen Justiz – vom Dienst als Staatsanwalt suspendiert. Presseberichten zufolge soll er seit Langem eine enge persönliche Freundschaft zu einem hochrangigen ENI-Juristen gehabt und mit diesem auch geschäftlich verbunden gewesen sein. Hat ihn das in seiner Entscheidung möglicherweise beeinflusst? "Was für eine unsinnige Behauptung!", sagte Musco damals, wies den Vorwurf zurück und ging juristisch gegen die Suspendierung des CSM vor. Eine Entscheidung darüber steht allerdings noch aus.

Was das alles für die Menschen in Syrakus und Umgebung bedeutet? Eigentlich müsste die gesamte Gegend komplett saniert werden, sagt Gesundheitsdirektor Madeddu vom Krebsregister. Doch die Industrie will davon nicht mehr viel wissen. "Seit 2000 hat die Branche bereits fast vier Milliarden Euro in den Umweltschutz in Sizilien investiert", sagt Diego Bivona, der Vorsitzende des örtlichen Arbeitgeberverbands Confindustria Siracusa und damit so etwas wie die Stimme der petrochemischen Industrie. Weiter würden seine Mitgliedsunternehmen nicht gehen. Das viele Geld habe dazu gedient, "60 Prozent der verseuchten Anlagen, die sich auf privatem Terrain der Industrie befinden, zu sanieren". Demgegenüber beklagt er, dass die öffentliche Hand für die Bereiche, für die sie selbst verantwortlich ist, "nichts getan" habe.

Immerhin traut sich nun auch die Politik, ihr Wort gegen die Industrie zu erheben. Im Mai 2019 forderte der Präsident der Region Sizilien, Nello Musumeci, die Fabriken im Todesviereck zu einer "industriellen Umkehr" auf. Er legte einen Plan zur Luftreinhaltung vor, gegen den sich Industrievertreter vor dem Verwaltungsgericht Palermo allerdings wehren. Die Stadtverwaltungen Augusta und Syrakus unterstützen Musumeci in dem Verfahren. Seit auch der italienische Umweltminister Ende 2019 so klare Worte fand, schöpfen die Menschen etwas Hoffnung. "Es bleibt zu hoffen, dass diese Initiativen nicht Neuauflagen der bisherigen Theaterstücke sind", sagt Umweltaktivist Giaquinta.

Übersetzt aus dem Französischen von Andrea Bazzato.


Aus: "Sizilien: Im "Viereck des Todes"" Fabio Lo Verso (29. Januar 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/2020/06/umweltverschmutzung-sizilien-ostkueste-industrieabfall-krebstote-quecksilber/komplettansicht

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mom #4

Was läuft schief, wenn die Menschen argumentieren: Besser an Krebs sterben als verhungern! ? So viel Resignation ist kaum auszuhalten.


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Lavendelzweig #4.1

So ähnlich ist es aber auch bei uns: Lieber Überkonsum statt Umweltschutz.


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StamoKap2019 #5

Das ist erst der sichtbare Anfang einer verhängnisvollen Entwicklung. Mafia und Kapitalistische Produktionsweise sind wesensgleich. ...


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peter.krau #8

Cosa Nostra - Finde es sehr bedauerlich/schade das die uralt-gesellschaftlich-strukturierte Mafia auf Sizilien, die keinerlei Interesse an der Umwelt/Natur hat, im Bericht oben keinerlei Erwähnung findet.


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Burlington #10

Die Giftstoffe sind überall.
Nicht nur in Italien, überall in Europa wurde Giftmüll illegal in "ärmere EU-Länder" exportiert und dort überwiegend einfach verbuddelt.
Jede Menge Giftmüll wird die ärmsten Regionen der Welt exportiert ohne das dort auch nur ansatzweise eine "Recyclingindustrie" existiert.
Die korrupten Potentaten in solchen Ländern sind aus der Portokasse zu bezahlen und die Gewinne für die "Exporteure" sind gewaltig. ...


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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #28 on: March 18, 2020, 04:45:15 PM »
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[...] BOSTON, 15. März (WNM/The Harvard Gazette) – Forscher der Harvard Medical School und des New York State Department of Health haben herausgefunden, wie ein oft eingesetzter Weichmacher, der mit menschlichen Fortpflanzungsstörungen in Verbindung gebracht wird, Schäden auf molekularer Ebene verursacht. Das berichtet The Harvard Gazette (https://news.harvard.edu/gazette/story/2020/01/plastic-additive-linked-to-excessive-reproductive-abnormalities/).

Seit Jahren verbinden Wissenschaftler den Kontakt mit DEHP – eine Chemikalie, die vielen Kunststoffen beigemischt wird, um diese flexibel zu machen – mit einem erhöhten Risiko für Gesundheitsprobleme, einschließlich reproduktiver Anomalien wie Geburtsschäden und männlicher Unfruchtbarkeit.

Verschiedene US-Bundes- und Landesbehörden hatten bereits darauf reagiert, indem sie Gesetze verabschiedeten, die den erlaubten Prozentsatz von DEHP und anderen Phthalaten in Kinderspielzeug, Lebensmittelverpackungen, Trinkwasser und anderen Dingen begrenzten. Trotzdem wird DEHP auch heute noch in vielen Produkten des täglichen Bedarfs wie Medizinprodukten, Regenbekleidung oder Shampoo eingesetzt.

Monica Colaiácovo, Professorin für Genetik am Blavatnik-Institut der Harvard Medical School, und Kollegen haben in ihrer Studie „Caenorhabditis elegans“ eingesetzt – das sind Würmer, die ein gängiger Modellorganismus für das Studium der Humangenetik und -biologie sind.

Die Ergebnisse zeigen, dass DEHP die Meiose – also die Art der Zellteilung, die zu Eizellen und Spermien führt – auf verschiedene Weise stört. Das kann wiederum zu Defekten während der Eizellenbildung und einer sehr frühen Embryonalentwicklung führen.

„Das sind völlig neue Erkenntnisse, die hoffentlich Aufschluss darüber geben, wie sich dieses Phthalat auf die menschliche Fortpflanzung auswirkt“, sagte die leitende Studien-Autorin Colaiácovo The Harvard Gazette.

Die Erkenntnisse könnten Auswirkungen auf Schwangere oder Frauen im gebärfähigen Alter haben, aber auch auf die Regulierung von DEHP und anderen Phthalaten, sowie auf die weitere Entwicklung von „grünen Chemikalien“, die Phthalate ersetzen sollen.


Aus: "Harvard-Studie: Plastik-Weichmacher zerstören die DNA" (16. März 2020)
Quelle: https://world-news-monitor.de/umwelt/2020/03/16/harvard-studie-plastik-weichmacher-zerstoeren-die-dna/

"DNA damage linked to plastic additive" (January 9, 2020)
https://news.harvard.edu/gazette/story/2020/01/plastic-additive-linked-to-excessive-reproductive-abnormalities/

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #29 on: March 31, 2020, 08:59:02 PM »
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[...] der Rummelsburger See, der eigentlich eine Bucht der Spree ist. [Gelegentlich] sieht man ... jemanden, der sich ins Wasser stürzt. Doch wohl nicht nur das Schwimmen, sondern sogar der Aufenthalt auf dem Wasser gilt dem Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) als gesundheitsgefährdend. Das WSA warnt in einem Schreiben an Nutzer des Sees wie Bootsverleihe vor dem „dauerhaften Aufenthalt auf dem Wasser“.

Die Informationen stammen aus einer Urteilsbegründung zum Verbot von sogenannten „Floating Homes“. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hatte bereits vor Jahren den Bau von schwimmenden Häusern in der Bucht verboten. Ende 2016 wurde eine Klage gegen den Beschluss vom Gericht abgelehnt.

Auf Nachfrage sagte ein Sprecher des WSA, man erachte es als wichtig, die Nutzer des Sees über die Gefahren zu informieren. Für alles Weitere sei die Wasserbehörde des Senats zuständig. Diese teilte auf Anfrage mit, dass man „als Unweltverwaltung zu gesundheitlichen Auswirkungen nicht seriös Stellung nehmen“ könne. Das Problem sei seit Jahren bekannt. „Schon aus Vorsorgegründen muss man mit der Gefahr durch die Sedimente sehr vorsichtig umgehen“, sagte ein Sprecher.

Die Folgen der Belastung – ein Cocktail giftiger Schwermetalle durch einstige Industrie – seien „komplex“, Auswirkungen auf das Wohnumfeld an den Ufern seien jedoch unwahrscheinlich. Auf dem Wasser wolle man lieber nichts bauen, da Arbeiten den giftigen Boden aufwühlen könnten. Trotzdem solle der See für alle Bürger zugänglich gehalten werden.

Unterdessen geht das sommerliche Treiben auf dem See munter weiter. Eine Segelausbildung wird angeboten, bei der auch Kinder aktiv sind, die dabei auch mal ins Wasser fallen. Dass man in dem See nicht baden sollte, sei allgemein bekannt, sagt ein Sprecher der „Interessengemeinschaft Eigentümer in der Rummelsburger Bucht“. Verbotsschilder aufzustellen oder ein offizielles Verbot auszusprechen, erachte man als nicht notwendig. Anwohner wüssten, dass Schwimmen im See gesundheitsgefährdend sein kann. Auf der Website der Interessensgemeinschaft wird nicht auf eine Gefahr hingewiesen.


Aus: "Giftige Schwermetalle in der Rummelsburger Bucht" Stefan Jacobs Robert Klages (23.05.2017)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/baden-in-berlin-giftige-schwermetalle-in-der-rummelsburger-bucht/19839162.html

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0815-a 23.05.2017, 08:43 Uhr

    Die Folgen der Belastung – ein Cocktail giftiger Schwermetalle durch einstige Industrie – seien „komplex“

Viel diffuser und nebulöser geht's wohl nicht? ...


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bikeraper 23.05.2017, 08:38 Uhr

Keiner will zuständig sein und die DDR Altlasten dort entsorgen. Ein Trauerspiel. Wie so oft.


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velo07 23.05.2017, 08:28 Uhr

Auf der Unterhavel gibt es jetzt schon einen Algenteppich, hellbraune Algen, die es hier noch nie gab ...


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berlinradler 23.05.2017, 07:28 Uhr

Die armen Hündchen, die da an der Bucht ab und zu mal was trinken :-)


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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #30 on: April 13, 2020, 09:58:41 AM »
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Illia Ponomarenko @IAPonomarenko 2:58 PM · Apr 10, 2020

The Chernobyl Alienation Zone is a burning inferno now.
Even in Kyiv one can see the sunlight painted orange, probably the effect of soot in the atmosphere.
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https://twitter.com/IAPonomarenko/status/1248596110572224514

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[...] Update vom Mittwoch, 22.04.2020, 10.30 Uhr: Die internationale Ärzteorganisation zur Verhinderung eines Atomkriegs (IPPNW) hat vor einer Verharmlosung der Waldbrände im radioaktiv belasteten Gebiet rund um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl gewarnt. Demnach gebe es radioaktive Wolken über der Ukraine. „Bei ungünstiger Wetterlage und Windrichtung könnte auch der Rest Europas, könnte auch Deutschland von den radioaktiven Wolken betroffen sein“, teilte der IPPNW-Co-Vorsitzende Alex Rosen mit. (ktho)

Erstmeldung vom Dienstag, 21.04.2020, 17.32 Uhr: Kiews Bewohner brauchen seit einigen Wochen starke Nerven. In der Sperrzone von Tschernobyl nordöstlich der Stadt brachen Anfang April große Waldbrände aus, in der ukrainischen Hauptstadt wurde erhöhte, aber durchaus noch zulässige Radioaktivität gemessen. Vergangenen Dienstag, die Flammen hatten sich laut Augenzeugen dem Unglücksreaktor von 1986 schon auf 200 Meter genähert, löschte ein Wolkenbruch die meisten Feuer.
Waldbrand bei Tschernobyl: Kiew war die schmutzigste Stadt der Welt

Tage später verhüllten neue Rauchwolken die Stadt. Kein radioaktiver Rauch, er stammte diesmal von Waldbränden der westlichen Nachbarregion Schytomyr. Am Samstag lag der Luftverschmutzungsindex mit 361 Punkten das Siebenfache über der zulässigen Norm. Kiew war an diesem Tag die schmutzigste Stadt der Welt. Bei heftigem Wind flammten dann auch die Feuer in der Sperrzone Tschernobyl wieder auf. Am Dienstag brannten die Wälder dort schon 19 Tage, auf insgesamt 35 000 Hektar. Mehr als 900 Feuerwehrleute sind mit 150 Fahrzeugen und drei Hubschraubern im Einsatz. Aber angesichts extremer Trockenheit befürchten Umweltschützer, dass die Brände in den atomar verseuchten und 260 000 Hektar großen Urwäldern noch immer nicht gelöscht werden können.

„Die Brandherde befinden sich oft in unzugänglichen Gehölzen, sind für Löschfahrzeuge nicht erreichbar“, sagt Ljudmila Bogun, Bloggerin und Tschernobyl-Expertin, unserer Zeitung. „Es brennt auch in der Umgebung eines Schrottplatzes für atomaren Müll.“ Abgesehen von der akuten Gefahr drohen Klimawandel und Fahrlässigkeit die Waldbrände in der Sperrzone zu einem chronischen Problem zu machen.

Laut Bogun hätten stürmische Winde die am vergangenen Dienstag nur noch glimmenden Feuer neu entfacht. „Ein regelrechter Sandsturm tobte, und das in unseren Breiten.“ Sergij Gaschtschak vom Tschernobyl-Zentrum für Atomare Sicherheit und Radioökologie schreibt auf Facebook, die verwilderten Kiefermischwälder, aus denen die Zone zu 70 bis 80 Prozent bestehe, seien durch milde Winter mit sehr geringen Niederschlägen ausgetrocknet worden, ebenso Wasserläufe und Torfsümpfe. „Kaum irgendwo in Europa gibt es solch einen Umfang toter, hängender oder liegender Baumstämme. Eine wertvolle Komponente für ein neu wachsendes Ökosystems, aber im dürren Zustand reiner Brennstoff.“

Nach Ansicht der Umweltschützer haben es die ewig klammen und oft korrupten Behörden versäumt, in dieser Taiga Brandschneisen anzulegen. Jetzt redet Innenminister Arsen Awakow von gezielter Brandstiftung, einer seiner Berater spekuliert auf Facebook über Provokateure, die mit dem Feuer Panik sähen wollten. Aber bei den bisher gefassten Verdächtigen handelt es sich um Dorfeinwohner, die zu Düngezwecken Altgraswiesen abbrennen wollten.

„Wegen der Quarantäne“, glaubt Sergij Mirny, Gründer und Chefökologe des Reiseunternehmens Tschernobyl Tour, „haben die Leute aus lauter Langeweile Gras angezündet.“ Außerdem strömten immer mehr illegale Touristen, „Stalker“ in die Sperrzone. „Früher waren die meisten Stalker Philosophen“, sagt Ljudmila Gobun, „sie betrachteten die Zone als Heiligtum.“ Aber es tauchten zunehmend Idioten auf, die sich betränken, grillten, in Ruinen Partys veranstalteten.

Die EU hat der Ukraine Hilfe angeboten und will die Region per Satellit überwachen, um Brandherde schneller zu entdecken. Aber der radioaktiv besonders verseuchte „rothaarige Wald“ der Zone ist zum Teil schon abgebrannt.

Und in Kiew wurden Cäsium-Werte von 200 Mikrobecquerel gemessen, ein noch ungefährlicher Wert, der aber die natürliche Konzentration 200 mal übersteigt. „Wir reden von Cäsium, weil es gut erforscht ist“, erklärt der Atomwissenschaftler Ivan Kovalets der Zeitung „Fakty“. Im Gegensatz zu Strontium und anderen hochaktiven Radionukliden, die viel schwieriger zu messen seien. „Cäsium hin oder her, es ist unbekannt, was hinter solch einem ungewöhnlich hohem Wert steht.“ Niemand weiß, was der Rauch der Tschernobyler Waldbrände nach Kiew und anderswohin tragen kann.


Aus: "Wald um Tschernobyl brennt seit Wochen: Ärzte warnen vor radioaktiver Wolke – auch über Deutschland" Stefan Scholl (22.04.2020)
Quelle: https://www.fr.de/panorama/tschernobyl-atomkraftwerk-waldbrand-aerzte-warnen-radioaktiver-wolke-ueber-deutschland-13685057.html

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Gregor Gerland

Homo demens in Hochform - "Vollkommen sicher, völlig gefahrlos", verkündete die Atomindustrie jahrelang, als es darum ging, ihre unverantwortliche Katastrophentechnik politisch durchzusetzen. Als 1979 in Harrisburg der Reaktorkern schmolz, hieß es, es sei ja "nicht wirklich etwas passiert", bei dem von Tschernobyl wurde abgewunken, es sei eben ein "Schrottreaktor der Russen" als in Fukushima gleich drei Kernreaktoren westlicher Bauart an einem Tag durchgingen, war man etwas kleinlauter, vorübergehend. Der "Schrottreaktor der Russen" strahlt jetzt wieder, fast 40 Jahre "danach". ...


...
« Last Edit: April 22, 2020, 11:39:46 AM by Link »

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #31 on: April 22, 2020, 01:05:53 PM »
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[...] Mit Gülle aus Schweineställen gelangen antibiotikaresistente Keime und Antibiotika großflächig in die Umwelt. Das ist das Ergebnis einer Laboranalyse von 15 Gülleproben aus Schweineställen in fünf Bundesländern. 12 der 15 Proben enthielten Bakterien mit Resistenzen gegen Antibiotika, in elf Proben ließen sich Bakterien mit Resistenz gegen Colistin nachweisen. Colistin ist als Reserveantibiotikum eines der letzten Mittel gegen bestimmte Infektionskrankheiten beim Menschen.

"Es ist unverantwortlich, Antibiotika und resistente Keime über die Gülle großflächig auf Äckern zu verteilen", sagt Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Dirk Zimmermann. "Damit steigt das Risiko, dass Bakterien oder ihre Resistenzen Menschen erreichen und die Behandlung von Infektionen erschweren oder gar unmöglich machen. Reserveantibiotika wie Colistin müssen endlich aus der Tierhaltung verbannt werden."

Die Proben sind Greenpeace in den vergangenen Monaten zugespielt worden. Sie stammen aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Greenpeace prüfte die Angaben zu Ort und Zeit der Probenahmen und beauftragte ein Labor mit der Untersuchung. Das Ergebnis dieser Stichprobe wirft ein Schlaglicht auf eine besorgniserregende Entwicklung, die auch den Kampf gegen Pandemien erschweren kann. Zwar wirken Antibiotika nicht gegen Viren wie das Coronavirus. Aber Virusinfektionen werden oft von bakteriellen Infektionen begleitet. Und Bakterien können ebenfalls Auslöser von Epidemien sein - wie etwa Tuberkulose - die bislang dank Antibiotika noch beherrschbar sind.

Nach Angaben der EU-Kommission sterben schon jetzt allein in Europa jährlich etwa 33.000 Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor einem "postantibiotischen Zeitalter", in dem Medikamente gegen bakterielle Infektionen auf breiter Front nicht mehr wirken, und fordert ein entschiedenes Vorgehen gegen zunehmende Resistenzen. In den Tierställen in Deutschland wurde in den Jahren 2011 bis 2018 zwar die Gesamtmenge eingesetzter Antibiotika von 1706 Tonnen auf 722 Tonnen gesenkt. Doch diese Entwicklung ist inzwischen ins Stocken geraten und bei besonders wichtigen Wirkstoffen ist der Rückgang weniger deutlich.

Würden Tiere wie in der ökologischen Landwirtschaft artgerecht auf mehr Fläche gehalten, könnten Antibiotika gezielter in viel geringeren Mengen eingesetzt werden. Damit wäre das Risiko geringer, dass Bakterien in den Ställen Resistenzen entwickeln. "Schlechte Haltungsbedingungen dürfen nicht länger durch Medikamente ausgeglichen werden", sagt Zimmermann. "Die Tierhaltung muss dringend umgestellt werde, sonst droht die globale Bedrohung durch Antibiotikaresistenzen außer Kontrolle zu geraten."

Quelle: ntv.de, lwe/dpa


Aus: "Greenpeace analysiert Gülle Schweinehalter verbreiten resistente Keime" (Mittwoch, 22. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wissen/Schweinehalter-verbreiten-resistente-Keime-article21731067.html


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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #32 on: April 30, 2020, 12:02:28 PM »
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[...] Daniela Dahn ist Schriftstellerin und Publizistin. Zuletzt erschien ihr Buch Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute (Rowohlt 2019)

Wir entscheiden uns jetzt für Menschenleben, gegen die Wirtschaft, heißt es allenthalben stolz in Politik und Medien. Das ist das eigentlich Atemberaubende an dieser Corona-Situation, denn in der bisherigen Menschheitsgeschichte und bis vorgestern lief es immer umgekehrt. Wie war es mit einem Mal möglich, im Namen der Humanität alle bisher geltenden Spielregeln außer Kraft zu setzen? Selbst die des Profits und die der Ignoranz? Auch die Freiheitsrechte, weil sie jetzt angeblich eine tödliche Gefahr sein können? Woher die plötzliche und, ja, löbliche Ehrfurcht vor dem Leben? Man hatte sie bisher in der Politik, der Wirtschaft, selbst in Teilen der Medizin schmerzlich vermisst. Für dieses Phänomen hat es noch keine plausible Erklärung gegeben, nur Staunen. Und Angst.

Es geht hier also um anhaltende Wahrnehmungsprobleme von uns Verunsicherten, nicht um Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Medizin. Obwohl wir plötzlich herausgefordert werden, uns mit kausalen Zusammenhängen von Krankheit und Tod zu beschäftigen, sie zum Verständnis statistisch einzuordnen. Dabei wird man oft ganz schwindlig von Zahlen, zu denen jedes Koordinatensystem fehlt. Die hehre Absicht, sich für Menschenleben und gegen die Wirtschaft zu entscheiden, begann mit dem Lockdown im chinesischen Wuhan. Einem Riesenreich, in dem die normale tägliche Sterbezahl schon bei über 42.000 liegt. Die Sorge, die von Mensch zu Mensch übertragbare Epidemie hätte Millionen dahinraffen können, musste ernst genommen werden, bei diesem aggressiven Virus. Anfang Januar gaben chinesische Wissenschaftler das vollständig diagnostizierte Genom an die WHO, damit global Maßnahmen ergriffen werden können. Seither hat ein Staat nach dem anderen das Primat der Politik zurückerobert und im Namen der Humanität dirigistisch durchgegriffen.

Erstaunlich bleibt, dass seit Jahr und Tag, von der Gesellschaft ignoriert und unbetrauert, Millionen sterben, die mit ähnlich konsequenten Zugriffen zu retten gewesen wären. Da meine ich nicht mal die Krankheiten, die von der westlichen Medizin unzureichend erforscht werden, weil sie hauptsächlich die Entwicklungsländer betreffen. Ich meine uns. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sowohl 2013 wie auch 2018 übereinstimmende Studien veröffentlicht, nach denen pro Jahr sieben Millionen Tote allein durch verschmutzte Luft zu beklagen sind. Die Medien haben es unaufgeregt gemeldet: Die Menschen sterben an giftigen Partikeln in der Luft, an Sulfat, Nitrat, Ruß, Feinstaub – den Hinterlassenschaften der Wirtschaft und des Auto- und Flugverkehrs. Diese Stoffe sind für einen Großteil aller chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen und Lungenkrebs verantwortlich, aber auch für ein Viertel der Todesfälle durch Herzkrankheiten und Hirnschlag. „Luftverschmutzung bedroht uns alle“, wurde WHO-Chef Ghebreyesus zitiert. In Europa sterben an verdreckter Luft jährlich 550.000 Menschen – das wurde schon seltener erwähnt. In keiner Zeitung fand ich den Hinweis, dass die Lebenserwartung jedes Europäers durch verschmutzte Luft im Schnitt mindestens um ein Jahr gesenkt wird. Könnte, wenn man selbst unmittelbar betroffen ist, nicht endlich Erschrecken einsetzen? Keine Zeitung vermerkte die Todesopfer in Deutschland.

Man kann aber in Bonn, beim WHO-Regionalbüro für Europa, nachfragen. Die zuletzt veröffentlichte Studie geht davon aus, dass in Deutschland jährlich über 37.000 Menschen an den Folgen vergifteter Luft versterben. Ist Wundern noch erlaubt? Bei solchen Angaben ist man jetzt hellhörig geworden. Ich will von den Experten wissen, ob die Betroffenen an oder mit vergifteter Luft gestorben sind, ob die Kausalitäten so eindeutig feststellbar sind. Mir wird versichert, dass zwar nicht Individualfälle ausgewertet wurden, dass aber über längere Zeiträume repräsentative Rückmeldungen und ein besseres Verständnis der biologischen Mechanismen, die einsetzen, wenn man verschmutzter Luft ausgesetzt ist, ein nachweisbares Quantifizieren ermöglichen. Meine illustrierende Nachfrage, ob man davon ausgehen könne, dass diese verfrühten Todesfälle nicht eingetreten wären, wenn die Menschen in einem Luftkurort gelebt hätten, wurde eindeutig bejaht.

Jetzt hat der Lockdown aus dem ganzen Land einen Luftkurort gemacht. Doch die Ehrfurcht vor dem Leben galt nicht den 37.000 Klima-Opfern des Jahres 2020. Auch wurde dem Robert-Koch-Institut im vorigen Jahr kaum Beachtung geschenkt, als es seine Studie vorstellte, nach der in Deutschland jährlich bis zu 20.000 Menschen an Infektionen sterben, die sie nicht bekommen hätten, wenn sie nicht ins Krankenhaus gekommen wären. Die Gesellschaft für Krankenhaushygiene geht von weit höheren Zahlen aus. Eine Freundin wurde bei der Entbindung mit Salmonellen infiziert und hat seither ein chronisches Darmleiden. Ungezählte kommen krank aus Krankenhäusern zurück. Muss im 21. Jahrhundert wirklich noch an Krankenhauskeimen gelitten und gestorben werden? Dort, wo Infektionsschutz den Kliniken kein Geld bringt und deshalb an Hygienepersonal und Laboren gespart wird, allemal. In den Niederlanden hat der Kampf gegen Keime einen ganz anderen Stellenwert – dort gibt es dieses Problem kaum.

Halten wir fest: Wir haben in Deutschland durch versiffte Luft und versiffte Krankenhäuser, also durch von Menschen verursachte Übel, etwa 60.000 Todesfälle im Jahr. Da haben wir noch nicht über die überschrittenen Grenzwerte von Nitrat im Grundwasser gesprochen, für die Deutschland vom Europäischen Gerichtshof verurteilt wurde, oder das undurchsetzbare Tempolimit. All das wird hingenommen, ohne sich für das Leben, gegen die Wirtschaft zu entscheiden. Keine Katastrophe des Humanitären? „How dare you?“ wurde zur Anklageformel gegen die Verantwortlichen in Politik und Konzernen.

Sicher, immer schon haben neue, ansteckende Epidemien mehr Aufmerksamkeit erfahren als die nicht übertragbaren schweren Gesundheitsschäden durch verseuchte Umwelt. Dabei fängt mit dem Begriff Umwelt die Verharmlosung schon an. Als seien wir der unangreifbare Fels, der zusieht, wie die Welt um ihn herum Schaden nimmt. Als seien vor allem Bäume, Bienen und Korallen gefährdet. Nein, Umweltschaden ist ein Euphemismus, der unterschlägt, dass wir Teil des Geschehens sind. Der Mensch selbst ist der personifizierte Umweltschaden. Mit unseren entzündeten Atem- und Verdauungstrakten, den geschwächten Immunsystemen, sind wir die perfekten Wirte für Keime und Viren aller Art. Eine vorbeugende Impfung gegen Klimaschäden wird es nie geben. Eine Pille auch nicht. Und Intensivtherapie kommt erst, wenn intensive Prävention versäumt wurde.

Die WHO bemüht sich seit Jahren, ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu schaffen. Doch die Betroffenen waren bisher ohnmächtig gegen eine Wirtschaft, die ein Geschäft aus dem Leid macht. Allein die Kosten zur Behandlung derjenigen, die noch nicht an vergifteter Luft gestorben sind, schätzen die WHO-Experten in ihrem Bericht zur Klimakonferenz in Kattowitz auf mehr als fünf Milliarden Dollar im Jahr. Der Preis des Klimawandels schlägt sich in den Hospitälern nieder. Wenn EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen fordert, man müsse nun den Unternehmen helfen, „angesichts der von ihnen unverschuldeten Corona-Krise“, übersieht sie, dass den Bürgern schon immer die Rechnung für den Naturverschleiß der Wirtschaft auferlegt wurde. Die Staaten mit dem höchsten Ausstoß an krankmachenden Gasen müssen etwa vier Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aufbringen, um die Schäden ihrer Unternehmen einzudämmen. Dabei würde es nur ein Prozent der globalen Wirtschaftsleistung kosten, den Pariser Klimavertrag zu erfüllen. Und so auf Dauer Millionen Menschen vor dem Tod zu bewahren. Warum greifen hier die humanistischen Werte nicht?

Die WHO ist nicht erst jetzt ins Gerede gekommen, wo der oberste Welt-Sündenbock-Finder ihr ausgerechnet in größter Not die US-Beiträge streicht. Zwar konnte sie die Pocken ausrotten und durch Aufklärung den Verbrauch von Nikotin stark senken. Und die Lebenserwartung ist in den meisten Ländern trotz allem gestiegen, auch wenn die gewonnenen Jahre oft mit Einschränkungen verbunden sind. Aber angesichts ihrer auf das Überleben der Menschheit gerichteten Aufgabe, war die WHO immer unterfinanziert. Letztlich ist diese UN-Organisation in Forschung und Betreuung nicht leistungsfähiger, als es der Wille ihrer 194 Mitgliedstaaten zulässt. Das macht sie abhängig von privaten Sponsoren, die inzwischen zum Hauptgeldgeber geworden sind. Man muss einem Bill Gates nicht jeglichen Altruismus absprechen. Aber Unternehmer verbinden ihren Edelmut am liebsten mit Geschäftemacherei. Die Gates-Stiftung hat Kinder und Frauen insbesondere aus Afrika zur Feldforschung benutzt, ihre Impfungen haben geholfen und geschadet. Jetzt wartet alle Welt auf den Messias, der Erlösung durch Corona-Impfung bringt. Also nicht nur eine vorübergehende, sondern die ultimative Lösung. Wieso sollte es gelingen, einen Stoff zu entwickeln, der schneller da ist als die Mutation von Covid-19? Wir kennen das Hase-und-Igel-Rennen von den Grippeimpfungen. Heilsversprechen ist zu misstrauen, erst recht, wenn sie von Privatfirmen kommen.

Der Machtkampf in der WHO spielt sich nur vordergründig zwischen den USA und China ab. Der eigentliche Konflikt besteht zwischen denjenigen, die das Übel an der Wurzel packen wollen, also an der Armut, den maroden privatwirtschaftlichen Gesundheitssystemen und der vergifteten Natur, deren Teil wir Menschen sind. Und denjenigen, die gegen das Gift vor allem ein Gegengift verkaufen wollen. Medikamente, Impfungen, Intensivtherapien, Apps. Diese Wirtschaft tötet, hat Papst Franziskus angeklagt, ohne dass sich etwas verändert hätte. Erst als das tödliche Virus kam und mit ihm die tägliche Katastrophen-Berichterstattung ein intransparentes Gefährdungsgefühl verbreitete, bebildert auf den Smartphones der Welt erstmals mit als Marsmenschen verkleideten Medizinern, mit überfüllten Leichenhallen, Särgen und gespenstisch leeren Städten, musste und durfte die große Wirtschaft vorübergehend aufhören zu töten. Während die kleine mitgeopfert wurde.

Der Autor der Pest, Albert Camus, wusste: „Es ist die natürliche Neigung des Menschen, sich und alle Welt mit sich zu ruinieren.“ Ist, was wir gerade erleben, mit der Logik des Absurden besser zu beschreiben als mit der des Rationalen? Denn die würde die Ursache als Prämisse nehmen und die Folge in Relation zu vergleichbaren Folgen setzen. Wer die Ängste und Entbehrungen der letzten Wochen mit der Hoffnung entschädigt, so bald wie möglich zu seinem gewohnten Leben zurückzukehren, hat die Botschaft des Virus nicht verstanden..


Aus: "Verrückte Maßstäbe" Daniela Dahn (Ausgabe 17/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/daniela-dahn/verrueckte-massstaebe

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gsyme | Community

Schöner Artikel. Für mich ist das aber überhaupt kein Rätsel, warum beispielsweise beim Theme Luftverschmutzung nichts passiert, obwohl mehr Menschen jährlich daran sterben.
An der Luftverschmutzung leiden ja nicht alle gleich. Wer an einer Hauptstraße zur Miete wohnt, oder die Autobahn repariert leidet um ein vielfaches mehr. Selbst in der dreckigen Autostadt Stuttgart kann man saubere Luft atmen, wenn man in eines der Villenviertel geht. Ach ja, die CDU/SPD Regierung ist der Autolobby hörig, noch fragen?

Wenn im Krankenhaus Menschen an Keimen sterben, juckt das die Menschen nicht, die sich ohnehin in Privatkliniken behandeln lassen, wo ganz andere Standards gelten. Wen wählen die noch gleich?

Beim Virus ist es aber nicht so leicht sich zu schützen. Es kann jeden treffen, egal wie dick der Geldbeutel ist. Auch vor der Villa muss jemand das Gras mähen und bei dem kann man sich anstecken, oder beim Lieferservice. Die eingenen Kinder sind in der Privatschule ebenfals nicht mehr sicher.

Deshalb wird etwas dagegen unternommen und dabei was von "Menschlichkeit vor Wirtschaft" gefaselt. Wie weit man dem glauben kann wird schön in dem Artikel erläutert.

Ach ja, und wer stirbt an dem Virus noch mal am leichtesten? Etwa der Teil der Bevölkerung der noch CDU wählt?! Gibt es da vielleicht auch einen Zusammenhang?


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eichardt-29221celle | Community

Liebe Daniela Dahn, Sie fragen in Ihrem Artikel: "Wie war es mit einem Mal möglich, im Namen der Humanität alle bisher geltenden Spielregeln außer Kraft zu setzen? Selbst die des Profits und die der Ignoranz?" Und letztlich "Warum greifen hier die humanistischen Werte nicht?" Und verbleiben ohne Antwort. Vielleicht darf ich unternehmen, Ihnen einen Antwortansatz vorzuschlagen: Meine Freunde und ich haben uns diese Fragen regelrecht baff bereits Mitte März gestellt und sind, um mein großes Vorbild Käpt'n zu zitieren, durch "bloßes Nachdenken" auf folgenden Erklärungsansatz gekommen: Würden sich die Corona-Opfer übers Jahr verteilen, würde dies kein Lockdown, keine Schutzmasken, keine Absage von Veranstaltungen nach sich ziehen - es würde, so wie viele andere Todes- und Leidensursachen (die ökonomische Gründe haben) billigend in Kauf genommen werden. Das exponentielle Wachstum zeitigt ungebremst aber die Folge, dass sich der Peak der Sterberate in einem relativ kurzen Zeitraum ereignet. Sprich, jedes Gesundheitssystem, auch unser durch das DRG-System zusammengespartes Gesundheitssystem, wäre mit solch einer Rate überlastet. Es geht bei dem Ganzen um das Sichtbare, das nicht mehr "unter den Tisch zu kehrende" . Daher, sagen z. B. auch alle Ministerpräsidenten, die bei Markus Lanz eingeladen sind, dass es im Kern um die Anzahl der Intensivbetten geht und dass die Zahl der Infizierten so gering zu halten ist, dass ausreichend Intensivbetten zur Verfügung. Es also vor allem um eins geht: eine Triage unter allen Umständen zu vermeiden. Denn das wird m. E. als Bankrotterklärung des Staates, der Regierung und damit des Systems verstanden. Denn der Deal zwischen Staat und Bürger wird so gesehen: Der Bürger tritt alle möglichen Rechte an den Staat ab und der Staat garantiert dafür im Gegenzug bestimmte Infrastrukturleistungen im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge, bestimmter öffentlicher Güter und Rechtssicherheit. Sprich, es geht im Kern um die Legitimation der Macht. So, ist mein Blick auf die Sache in der von Ihnen gestellten Frage. Ich denke aber, dass das den meisten Politikern nicht bewusst ist, respektive von denen nicht so gesehen wird. Angela Merkel, so mein Gefühl, hat dafür aber einen ausgesprochenen "Riecher", welche Bilder sie in der öffentlichen Wahrnehmung zulassen darf und welche nicht. So sehe ich z. B. auch ihr zeitweiliges Handeln in der Flüchtlingspolitik ("Willkommenskultur) motiviert - und nicht als ethisch motiviert.

Mit Ihren letzten Absatz mag ich mich gar nicht anfreunden. Ich habe alle Bücher von Camus gelesen, eine "Logik des Absurden" gibt es bei Camus nicht. Im "Mythos von Sisyphos" geht es um andere existentielle Kategorien, und vor allem sollte man "Der Mensch in der Revolte" und dessen essenziellen Ansatz rezipiert haben, wenn man sich zu Camus äußert. Eine Analogie von Camus Roman "Die Pest" (in meinen Augen sein literarisch schlechtester Text) zur jetzigen Pandemie finde ich wohlfeil. Camus "Pest" sollte zudem immer auch als Allegorie auf totalitäre Systeme gelesen werden. Und ob es eine Botschaft eines Virus gibt, habe ich bereits bei HIV und damit einhergehenden Konnotationen bezweifelt.

Viele GrüßeStefan Eichardt29221 Celle


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Hjoburg | Community

Diese Heuchelei ist einfach unerträglich. Ich könnte hier unendliche Artikel aus den vergangenen Jahren zitieren, die genau das Gegenteil ausgesagt haben. Hier nur ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

Was für unerbittliche Spaltungsversuche wurden in der Rentenfrage unternommen, um Jung und Alt zum Nachteil der Alten auseinanderzudividieren? Oder wie war es mit den unerträglichen Debatten, ob man Älteren über 80 Jahre noch ein neues Hüftgelenk implantieren sollte? Oder die Armutsrenten, die täglich zigtausende zur Suppenküchen, Flaschensammeln motivieren?

Auch stellte sich Fridays for Future die Frage, warum denn die Großeltern immer noch jedes Jahr reinreden würden? Schließlich seien sie eh bald nicht mehr dabei. Oder war das nur wieder ... Satire?

Halten wir fest: In weiten Teilen der medialen Darstellung und der öffentlichen Wahrnehmung galten alte Menschen zunehmend als jene gesellschaftlichen Störfaktoren, die keinen wirtschaftlichen Mehrwert erbringen, die dem jungen Steuerzahler sowieso nur auf der Tasche liegen würden und zu guter Letzt auch noch die Welt versaut hätten, in der die heute jungen Menschen nun leben müssten.

Und jetzt auf einmal stellen wir dieser langjährigen Aversion zum Trotz das öffentliche Leben ein, um diese — Vorsicht! Ironie! — alten Säcke zu schützen? Dies passt nicht zusammen!


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gelse | Community

>>In Europa sterben an verdreckter Luft jährlich 550.000 Menschen…<<

Im Alltag verliert das Grauen seine Grausamkeit eben durch die Alltäglichkeit. Schon drängen allerlei Kapitallobbyisten, allen voran der Automobilindustrie auf Wiederherstellung des tödlichen Alltages. Dass der Strassenunfall, mit ca. 3500 Toten und ca. 60 000 Schwerverletzten jährlich auch elektrisch herstellbar ist: Fast vergessen, denn zuerst muss der kranke Atemluftstandard wiederhergestellt werden. ...


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qbz | Community

Ihr Beitrag hat mich angeregt, über Ihre Fragestellung nachzudenken.

Die Infektionsschutzmassnahmen ergeben sich zwingend (!) aus dem § 2 des Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“ Träger dieses Rechtes ist jeder Mensch und es verpflichtet die staatliche Gewalt, es zu schützen. So muss z.B. jede Tuberkulose dem Gesundheitsamt gemeldet werden, das dafür sorgt, notfalls mit Zwangsmitteln wie psychiatrische Einweisung, dass ein Erkrankter sich behandeln lässt und keine anderen Menschen durch Ansteckung gefährdet. Jeder hat das Recht, vor einer möglicherweise tödlichen Infektionskrankheit durch die staatliche Gewalt geschützt werden. In den Ländern, wo das nicht der Fall ist, sterben weltweit ca. 1,4 Millionen an Tuberkulose und es werden dort auch Millionen wegen Covid-19 sterben.

Wie nun die staatliche Gewalt die körperliche Unversehrtheit garantiert, muss in der Demokratie ausgehandelt werden, was natürlich auch eine Frage der Machtverhältnisse zwischen den sozialen Klassen ist. So existieren für die Luftverschmutzung und viele Umweltgifte, an die alle irgendwie direkt oder indirekt beteiligt sind, eben zwischen den Klassen ausgehandelte Grenzwerte, welche der Staat einhalten muss. Und für eine möglichweise neue tödliche Infektionskrankheit müssen die Erkrankten und Kontaktpersonen in Quarantäne, damit das Recht der anderen auf Unversehrtheit gewahrt bleibt.

Der von Ihnen aufgestellte Hauptkonflikt:

"Der eigentliche Konflikt besteht zwischen denjenigen, die das Übel an der Wurzel packen wollen, also an der Armut, den maroden privatwirtschaftlichen Gesundheitssystemen und der vergifteten Natur, deren Teil wir Menschen sind. Und denjenigen, die gegen das Gift vor allem ein Gegengift verkaufen wollen. Medikamente, Impfungen, Intensivtherapien, Apps."

teile ich so nicht. Medikamente, Impfungen, Intensivtherapien pauschal als Gift zu bezeichnen, ist doch absurd. Überall da, wo diese "Gifte" fehlen, sterben die Menschen viel früher als in den Ländern, wo sie für alle verfügbar. Dass nun die medizinischen Güter ebenfalls der Profitmaximierung dienen, heisst jetzt nicht, sich gegen diese Güter zu wenden. Das wäre Maschinenstürmerei.


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Lacrima | Community

"Wahrnehmungsprobleme von uns Verunsicherten"

... von euch Verunsicherten, wer immer sich darunter subsummieren lassen mag; ich bin nicht verunsichert.

Eine interessante Frage, wie man sich das Leben von derzeit etwa 7 Milliarden Menschen ohne Wirtschaftskreisläufe und Lieferketten vorstellt. Es steht zu befürchten, dass die Fragestellung des Blogs darauf hinweist, dass der Autorin der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und schierem Überleben von Milliarden nicht klar ist.


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Insel-Banker | Community

Herzlichen Dank für die im Detail absolut zutreffende Analyse der humanitären Verirrungen des Homo sapiens, dem gnadenlosen systemischen Manipulator des eigentlich Natürlichen! Ich schätze Ihre Arbeit sehr und möchte ausdrücklich anerkennen, dass Sie den Finger in verschiedene Wunden legen, von denen es aber noch so unglaublich viele mehr gibt.

Allerdings ist Ihr Text auf der anderen Seite (augenscheinlich völlig unbewusst) ein leibhaftiger Ausdruck dessen, warum die Menschen permanent daran scheitern, „Humanität“ angemessen zu leben: Wie fast alle Menschen heutzutage bringen Sie Ursache und Wirkung durcheinander. In Ihrer Frage wird dieses deutlich:

Dahn: „Wie war es mit einem Mal möglich, im Namen der Humanität alle bisher geltenden Spielregeln außer Kraft zu setzen? Selbst die des Profits und die der Ignoranz? … Woher die plötzliche und, ja, löbliche Ehrfurcht vor dem Leben?“

Orientiert man sich allerdings an der historischen Wirklichkeit, dass der Mensch aus evolutionärer Sicht der Meister der Kooperation und damit (wie so viele wissenschaftliche Erkenntnisse nahelegen) ein höchstgradig soziales Wesen ist, und nicht an der eingeredeten Illusion, also an dem extrem manipulativen ökonomischen Mantra, dass der Mensch von Natur aus ein völliger Egoist sei und schon immer das Gesetz des Stärkeren gelte, dann müsste diese Frage genau andersherum lauten:

Wie konnte es in der Entwicklung der Menschen geschehen, dass ökonomisch bedingte Ignoranz und allumfassendes Profitstreben die tief im Menschen verwurzelte Humanität verdrängt hat?

Achtung: An dieser Stelle geht es in erster Linie um ökonomische Zusammenhänge und nicht um Machtmissbrauch und Unterdrückung anderer und der damit verbundenen barbarischen Gewalt.

Durch die Industrialisierung (ab etwa dem 18. Jh.) und die Ökonomisierung des Lebensalltags erfuhren die Lebensart und die geistige Haltung der Menschen einen tiefen Wandel. Hiezu die Darstellung des Soziologen Gerhard Vowinkel (geb. 1946). Er beschreibt im Folgenden – mit Verweis auf das Werk »Der moderne Kapitalismus« von Werner Sombart (1931, S. 258f) – die gesellschaftlichen Veränderungen, die die neue Wirtschaftsordnung mit sich brachte:

"Im Mittelalter war wirtschaftliche Tätigkeit personal orientiert gewesen. Menschen wuchsen – nicht als wirtschaftliche Funktionsträger, sondern als individuelle, durch ihre Abstammung in soziale Beziehungsnetze eingebundene Personen – in Lebenszusammenhänge hinein, in denen die unterschiedlichen menschlichen Lebenstätigkeiten noch nicht voneinander differenziert waren. Das heißt, ihr wirtschaftliches Handeln konnte sich niemals nach vorwiegend wirtschaftlichen Gesichtspunkten richten. Es wurde dominiert durch die verwandtschaftlich-ständischen Bindungen. Die mit ihnen verbundenen Solidaritätspflichten waren wichtiger als Gewinn und Verlust. Mehr noch, alles Handeln nach Gesichtspunkten rein wirtschaftlicher Rationalität wurde als asozial und unmoralisch angesehen. Mit der Entstehung des Kapitalismus spalteten sich die Handel und Gewerbe treibenden Personen innerlich auf in Geschäfts- und Privatleute. Der Geschäftsmann nahm nicht mehr länger Rücksicht auf die Verpflichtungen des Privatmannes. Er kannte Verwandte und Freunde nicht mehr und orientierte sein Verhalten nur noch am wirtschaftlichen Erfolg, am Gewinn. Er nahm als Geschäftsmann keine Rücksicht auf andere Leute und erwartete keine von ihnen. … Der Geschäftsmann, der seine private Person nicht aus dem Geschäft heraushalten kann, der bei Freunden kauft, statt beim billigsten Anbieter, der statt eines leistungsfähigen Fachmannes seinen Sohn zum Geschäftsführer macht, gefährdet das Unternehmen. Unternehmen, die solche Gefahren abwehren können, überleben diejenigen, die es nicht können." („Verwandtschaft und was Kultur daraus macht“, Gerhard Vowinkel, aus: „Zwischen Natur und Kultur“, Stuttgart 1994, S. 60:)

Fazit: Es sind die Menschen selber, die sich Inhumanität aus ökonomischen Gründen permanent einreden. Im Grunde ist der ökonomisch infizierte Mensch schlimmer als der „schlimmste“ Junkie, der sich eine andere Realität erst gar nicht mehr vorstellen kann. Und dann plötzlich bahnt sich das Humane völlig unverhofft doch seinen Weg: vor allem in Extremsituationen, in denen nicht der eingeredete Schwachsinn, sondern die tiefste Prägungen, ja sogar genetisch Verankertes abgerufen werden. Das sollte die entscheidende Erkenntnis in diesen Zeiten sein.

Wenn wir Menschen daraus wirklich lernen wollen, dann müssen wir erkennen, dass wir so schnell wie möglich tabulos Inhumanität fördernde Systeme verlassen und Humanität fördernde installieren.

Wenn in tausend Jahren auf uns zurückgeblickt wird, dann dürfte wohl an erster Stelle die erstaunte Belustigung darüber stehen, wie wir uns einerseits ein absolut asoziales, alles dominierendes Wirtschaftssystem geleistet und uns andererseits in humanistischen Sonntagsreden darüber empört haben, wie egoistisch und inhuman sich viele Einzelne denn verhielten.

Wer also jetzt wirklich dazu lernen möchte, dem bleibt genau nichts anderes übrig, als von jetzt an die Neuinstallation eines wesentlich klügeren Systems lautstark kompromisslos einzufordern, denn innerhalb eines auf falschen Voraussetzungen basierenden Systems, kann es auf Dauer keine „richtigen“ Maßnahmen geben.

Wir brauchen den Systemwechsel jetzt. Solidarität und Kooperation müssen das Fundament der künftigen Gesellschaft sein, in der Eigen-, Fremd-, Gemein- und Universalwohl gleichermaßen ernsthaft und je nach Situation abgewogen berücksichtigt werden müssen! Und natürlich soll die Demokratie dadurch gestärkt und nicht geschwächt werden, und natürlich geht es um ein funktionstüchtiges System und kein „sozialistisches Wolkenkuckucksheim“.

Dahin kommt man allerdings nur, wenn man die richtigen Fragen stellt und die Antworten dann auch zu Kenntnis nimmt.


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reziplikativ | Community

„In der Krise gehen Menschenleben vor Wirtschaft.“

Ist dem so? Wer zynischen und gleichermaßen profilierungsgeilen Politikerdarstellern wie Lindner oder Palmer zuhört, den Bundestagspräsidenten aufmerksam liest, sich journalistische Kommentare und Tweets reinzieht, der könnte in einigen Bereichen durchaus zu einem anderen Urteil kommen. Es sind aktuell ja gerade Teile der Eliten und der Meinungsmacher, die verbal mit dem Leben anderer Vabanque spielen, dabei "eindrucksvoll" zeigen, wie wenig bis nichts sie z. B. für Alte und Schwache übrig haben. Es kommt halt eben auch weiterhin zuerst das Fressen, erst dann kommt die Moral. Daran wird selbst das Virus nichts ändern.


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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #33 on: May 25, 2020, 09:01:03 PM »
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[...] BERLIN taz/afp/rtr | Der Chemiekonzern Bayer hat sich im Rechtsstreit über Krebserkrankungen durch das Pestizid Glyphosat einem Medienbericht zufolge mit vielen Klägern geeinigt. Das Leverkusener Unternehmen habe Vereinbarungen mit 50.000 bis 85.000 der schätzungsweise 125.000 Kläger in den USA getroffen, meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg am Montag unter Berufung auf Verhandlungskreise. Die Vereinbarungen müssten noch unterzeichnet werden.

Die Entschädigungen für die Kläger reichen von einigen Tausend Dollar bis zu einigen Millionen Dollar pro Fall. Laut Bloomberg wird Bayer der Vergleich rund 10 Milliarden Dollar kosten.

Bayer hatte 2018 den US-Saatguthersteller Monsanto übernommen, der auch glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel produziert. Die Kläger machen diese Pestizide für ihre Krebserkrankungen verantwortlich. Nach ersten Gerichtsentscheidungen begann ein Mediationsverfahren, in dem Möglichkeiten für einen Vergleich ausgelotet werden sollen. Laut Bloomberg sollen die nun erzielten Vereinbarungen im Juni bekannt gemacht werden. Der Aufsichtsrat von Bayer müsse zuvor noch zustimmen.

„Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass dieser Vergleich im Rechtsstreit über Glyphosat so abgeschlossen wird“, sagte Markus Mayer, Analyst von Chemieaktien bei der Baader Bank, der taz. Allerdings: „Wenn der Vergleich 10 Milliarden Dollar kosten wird, wird sich die Übernahme nicht rechnen. Sie wird mehr kosten, als sie einspielt. Meine Bewertungsmodelle zeigen, dass die Übernahme ohne die Glyphosat-Rechtsrisiken binnen 20 Jahren nur 5 bis 7 Milliarden Dollar Wertsteigerung bringen würde.“

Auch die Debatte über das mutmaßliche Krebsrisiko durch Glyphosat dürfte der Vergleich nicht beenden. „Das ist ein Zugeständnis an die Kläger“, sagte Helmut Burtscher-Schaden, Biochemiker der österreichischen Umweltorganisation Global 2000, der taz. In den bisher drei US-Prozessen sei Bayer zu hohen Schadenersatzzahlungen verurteilt worden, weil das Pestizid Tumore verursacht habe. Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation stufe Glyphosat nach wie vor als „wahrscheinlich krebserregend“ ein.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Harald Ebner kritisierte, es sei widersinnig, dass Bayer in den USA Vergleiche mit Geschädigten schließen wolle und in der EU eine neue Zulassung für Glyphosat beantragt habe. Bayer-Aktien legten nach dem Bloomberg-Bericht um fast 7 Prozent auf 61,58 Euro zu. Ein Unternehmenssprecher erklärte lediglich, Bayer habe in den Mediationsgesprächen Fortschritte erzielt.

Aktionäre hatten den Monsanto-Kauf scharf kritisiert, weil der Aktienkurs verfiel. Bei der Hauptversammlung Ende April 2019 hatten sie deshalb Konzernchef Werner Baumann und dem Vorstand mehrheitlich die Entlastung verweigert. Der Aufsichtsrat stellte sich damals aber hinter den Vorstand. Glyphosat ist der weltweit meistverkaufte Pestizidwirkstoff. Umweltschützer machen ihn mitverantwortlich für das Aussterben von Pflanzen- und Tierarten.


Aus: "Einigung mit vielen Krebsklägern" Jost Maurin (25.5.2020)
Quelle: https://taz.de/Glyphosat-Prozesse-gegen-die-Bayer-AG/!5684927/

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Otto2 #9

Blackrock war der Strippenzieher. Der Vermögensverwalter verfügte über Anteile bei Bayer und Monsanto. Monsanto steckte mit Glyphosat in einer gewaltigen Klemme.
Die Idee: Bayer kauft Monsanto, zahlt neben dem Kaufpreis viele Mrd. Entschädigung und die Vermögen, die Blackrock verwaltet sind - wenn es gut geht - gerettet.
Fazit: Dieser Vermögensverwalter hat die Fähigkeit, selbst Weltkonzerne zu dirigieren - eine interessante Weiterentwicklung von Marktwirtschaft!
Lesen Sie dazu in der Süddeutschen Zeitung:

21. September 2016, 15:20 Uhr: Monsanto und Bayer:Bei Bayer und Monsanto reden auf beiden Seiten dieselben Investoren mit
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/monsanto-und-bayer-bei-bayer-und-monsanto-reden-auf-beiden-seiten-dieselben-investoren-mit-1.3170377


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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #34 on: May 28, 2020, 10:04:05 AM »
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[...] BERLIN taz | Der Pestizidhersteller Monsanto hat viel mehr für Lobbyarbeit zur Wiederzulassung von Glyphosat gezahlt, als er im EU-Transparenzregister angegeben hatte. Das US-Unternehmen überwies der PR-Agentur FleishmanHillard für die Kampagne 2016/2017 rund 14,5 Millionen Euro, wie aus einem Bericht im Auftrag des Bayer-Konzerns hervorgeht, der Monsanto 2018 übernommen hat. Monsanto teilte dem amtlichen Register jedoch mit, man habe maximal 1,45 Millionen Euro für seine gesamte Lobbyarbeit von September 2016 bis August 2017 aufgewendet – genauso wie im Jahr danach.

„Monsanto hat die Öffentlichkeit irregeführt“, sagte Nina Holland, Rechercheurin bei Corporate Europe Observatory (CEO), am Dienstag der taz. Das Transparenzregister von EU-Kommission und Europaparlament soll offenlegen, wie Organisationen mit finanziellen und personellen Mitteln die Politik beeinflussen.

Ziel der Lobbykampagne von Monsanto war die Wiederzulassung von Glyphosat in der EU, was 2017 tatsächlich erfolgte – obwohl die Weltgesundheitsorganisation den weltweit meistverkauften Pestizidwirkstoff 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft.

FleishmanHillard legte Listen über insgesamt 1.500 Industrie- und Verbandsvertreter, Politiker, Lobbyisten und Journalisten in mehreren EU-Ländern an. Die Agentur sollte Argumentationen entwickeln und zum Beispiel Bauern helfen, in Briefen an Politiker für das Pestizid zu werben. An der Kampagne beteiligten sich 59 Lobbyisten von FleishmanHillard oder deren Sub-Auftragnehmer. All das veröffentlichten die Unternehmen erst, nachdem Medien 2019 auf die Datensammlungen der PR-Leute gestoßen waren.

„Es gab keinen Zweifel, dass die Summe von 14,5 Millionen Euro hätte offengelegt werden müssen“, sagte CEO-Aktivistin Holland. Den Regeln zufolge muss das Register jegliches Lobbying „zum Zweck der unmittelbaren oder mittelbaren Einflussnahme auf EU-Organe, unabhängig vom Ort, an dem die Tätigkeiten ausgeführt werden“, enthalten.

„Die Wiederzulassung von Glyphosat war eine EU-Entscheidung, mit einer endgültigen Abstimmung durch die EU-Mitgliedstaaten“, argumentiert die Aktivistin. FleishmanHillard habe gezielt Entscheider in Brüssel sowie in den EU-Ländern beeinflusst. Die Firmen hätten die Kosten in ihren Registereinträgen nennen müssen. „Das hätte der Öffentlichkeit und den Entscheidungsträgern ein realistischeres Bild der Lobbymacht der Pestizidindustrie vermittelt“, sagte Holland. Monsanto und FleishmanHillard müssten aus dem Register gestrichen werden – und dadurch den Zutritt zu Gebäuden des Europäischen Parlaments verlieren.

Das Sekretariat des Registers antwortete CEO, Monsanto habe nur die Kosten für das Lobbying in Brüssel, aber nicht die Tätigkeiten in den Mitgliedsländern gemeldet. Um Interpretationen in diesem Sinne künftig zu verhindern, werde man die Regeln ändern. Da Monsanto nach der Übernahme keinen eigenen Eintrag im Register mehr habe und Bayer die Zahlen schließlich veröffentlicht habe, seien keine weiteren Sanktionen nötig.

Die angekündigte Klarstellung begrüßte CEO. Aber „Strukturprobleme“ des Registers, weshalb zu geringe Angaben über Lobbyausgaben lange unentdeckt blieben, würden fortbestehen: Das Sekretariat habe zu wenig Personal, um die Daten zu prüfen, sagte Holland. Bayer-Sprecher Holger Elfes schrieb der taz, dass der Konzern „anders [als Monsanto] gehandelt und auch die Aktivitäten in den EU Mitgliedstaaten in seine Erklärung aufgenommen“ habe. „Wir werden selbstverständlich auch in Zukunft höchste Standards in Sachen Transparenz einhalten“, so Elfes.


Aus: "Pestizidhersteller Monsanto: Die heimlichen Glyphosat-Gelder" Jost Maurin (27. 5. 2020)
Quelle: https://taz.de/Pestizidhersteller-Monsanto/!5688629/

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #35 on: July 08, 2020, 12:00:31 AM »
Quote
[...] Bei einer Ölkatastrophe im Norden Russlands bei Norilsk ist nach Behördenangaben ein Schaden in Milliardenhöhe für die Umwelt entstanden. Allein an den Gewässern belaufe sich die Summe auf mehr als 147 Milliarden Rubel (1,8 Milliarden Euro), teilte die russische Naturschutzbehörde Rosprirodnadsor mit. Der Schaden für die Böden liege noch einmal bei rund 739 Millionen Rubel.

Ende Mai waren nach einer Havarie in einem Heizkraftwerk des Unternehmens Nornickel in Sibirien 21.000 Tonnen Öl ausgeflossen. Umweltschützer von Greenpeace sprachen von der größten Ölkatastrophe in der Geschichte der russischen Arktis.

"Das Ausmaß des Schadens an den arktischen Gewässern ist beispiellos", sagte auch Umweltminister Dmitri Kobylkin der Agentur Interfax zufolge. Präsident Wladimir Putin hatte den Ausnahmezustand angeordnet. Er verpflichtete den Inhaber von Nornickel, Wladimir Potanin, für den Schaden aufzukommen. Der vermögende Potanin hatte nur eine Millionen-Summe für die Beseitigung der Schäden nahe der Industriestadt Norilsk genannt.

Zuletzt hatten sich in der russischen Tundra die Umweltskandale gehäuft. Nornickel hatte eingeräumt, hochgiftige Flüssigabfälle mit Schwermetallen und Säure in einen Fluss geleitet zu haben. Zudem brannte in der Nähe von Norilsk eine Müllkippe mit Industrieabfällen. Die russischen Ermittlungsbehörden leiteten mehrere Strafverfahren ein.

Die kremlkritische Zeitung Nowaja Gaseta kritisierte Behördenversagen bei den Umweltkontrollen in der seit Jahrzehnten von Verschmutzung geplagten Region. Zudem gebe es Kungeleien zwischen der Konzernführung von Nornickel und dem Staat, weshalb Verstöße gegen Umweltauflagen ungesühnt blieben, hieß es.


Aus: "Russland: Milliarden-Schaden durch Ölkatastrophe in Norilsk" (6. Juli 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2020-07/russische-arktis-oelkatastrophe-milliarden-schaden

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1971koepi #7

"Ein reicher Industrieller soll zahlen"

Was ist das für eine Formulierung?...


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Rudi_57 #7.1

Das stimmt nicht ganz, stimmt auch im ZON - Artikel nicht.
Nornickel, vormals Norilsk Nickel, ist eine AG nach russischem Recht, an der Moskauer Börse notiert.
Wladimir Potanin ist lediglich über eine Holding größter Aktienbesitzer mit ca 34%, weitere Prominente in dem Aktionärsclub der Nornickel sind Oleg Derispaska und Chelsea's Roman Abramovich. Natürlich sind die Herrschaften jeweils über Holdings beteiligt. Sie persönlich haftbar zu machen, dürfte in Russland schwierig werden. ...

https://en.wikipedia.org/wiki/Nornickel

https://www.nornickel.com/


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Umweltschutz | Naturschutz | Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #36 on: July 29, 2020, 10:30:12 AM »
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[...] Im vergangenen Jahr sind weltweit 212 Umweltschützer getötet worden, wie aus einer am Mittwoch von der Nichtregierungsorganisation Global Witness veröffentlichten Studie hervorgeht. Das sind durchschnittlich mehr als vier Morde pro Woche – und mehr als jemals zuvor. Zudem werden Umweltschützer in vielen Ländern wegen ihrer Arbeit immer wieder bedroht, verleumdet und vor Gericht gebracht.

Die meisten Morde an Umweltaktivisten wurden der Studie zufolge in Kolumbien (64), den Philippinen (43) und Brasilien (24) verübt. Mehr als zwei Drittel aller Fälle registrierte Global Witness in Lateinamerika. Aber auch im EU-Land Rumänien wurden im vergangenen Jahr zwei Umweltaktivisten getötet. Die Organisation geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der getöteten Umweltschützer noch deutlich höher liegt, weil viele Fälle vertuscht oder nicht angezeigt werden.

Hinter den Gewalttaten stecken laut der Nichtregierungsorganisation meist Unternehmen, Farmer und teilweise auch staatliche Akteure sowie kriminelle Banden, paramilitärische Gruppen und Rebellen. "Landwirtschaft, Öl, Gas und Bergbau sorgen für die Gewalt gegen Umweltschützer – das sind genau die Industrien, die durch Abholzung und Emissionen auch den Klimawandel befeuern", sagt Rachel Cox von Global Witness.

Die meisten Morde stehen im Zusammenhang mit Bergbau (50), gefolgt von Landwirtschaft (34) und Forstwirtschaft (24). "Viele der schlimmsten Menschenrechtsverletzungen haben mit der Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen sowie Korruption in Politik und Wirtschaft zu tun", sagt Cox. "Umweltschützer sind jene, die dagegen aufstehen."

Auch Deutschland importiert Kohle aus Kolumbien. Allerdings ging die Menge zuletzt deutlich zurück. War das südamerikanische Land 2016 mit 8,1 Millionen Tonnen nach Russland noch der zweitgrößte Steinkohlelieferant für die deutschen Kraftwerke, rutschte es mit 2,1 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr auf den vierten Platz.

Trotz des Friedensvertrags zwischen der kolumbianischen Regierung und der linken Guerillaorganisation FARC hat die Gewalt gegen soziale Anführer, Menschenrechtsaktivisten und Umweltschützer in dem südamerikanischen Land zuletzt zugenommen. Die Zahl der Morde an Umweltaktivisten stieg 2019 um 150 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mit 64 Fällen entfallen etwa 30 Prozent aller Morde weltweit auf Kolumbien.


Aus: "Mehr als 200 Umweltschützer weltweit getötet" (29. Juli 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2020-07/lateinamerika-morde-umweltschuetzer-bericht-global-witness-kolumbien

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thd. #3

Schön, dass sowas in der ZEIT auch mal erwähnt wird, wenigstens summarisch.

Der Guardian hatte zwei Jahre lange eine Rubrik 'The defenders', in der wöchentlich die weltweiten Morde an Umweltschützern und Angriffe auf sie dokumentiert wurden. Solche Artikel gibts dort auch weiterhin regelmäßig. Hierzulande kaum einmal.

https://www.theguardian.com/environment/series/the-defenders

https://www.theguardian.com/environment/activism


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