Author Topic: Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)  (Read 170 times)

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« on: July 22, 2018, 11:36:20 AM »
Kategorie:Umweltgefährlicher Stoff
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Umweltgef%C3%A4hrlicher_Stoff

Kategorie:Ökotoxikologie
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:%C3%96kotoxikologie

Glyphosat ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Phosphonate. Es ist die biologisch wirksame Hauptkomponente einiger Breitband- bzw. Totalherbizide und wurde seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre von Monsanto als Wirkstoff unter dem Namen Roundup zur Unkrautbekämpfung auf den Markt gebracht. Weltweit ist es seit Jahren der mengenmäßig bedeutendste Inhaltsstoff von Herbiziden. Glyphosatprodukte werden mittlerweile von mehr als 40 Herstellern vertrieben. ... Ausgehend von Medienberichten und einigen kontrovers diskutierten Studien über mögliche Gesundheitsgefahren von Glyphosat hat sich seit Jahren eine intensive öffentliche und wissenschaftliche Debatte entwickelt. Ab 2015 verschärfte sich die Diskussion zusehends. Eine europäische Bürgerinitiative forderte mit fast 1,1 Millionen gültigen Unterschriften das Verbot von Glyphosat....
https://de.wikipedia.org/wiki/Glyphosat

"EU verlängert Glyphosat-Zulassung um fünf Jahre" (27.11.2017)
Glyphosat ist ein hoch umstrittenes Unkrautvernichtungsmittel, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Die EU-Kommission hat die Zulassung des Pestizids nun um fünf Jahre verlängert. ... 18 Mitgliedstaaten hätten für den Vorschlag der Kommission für eine Verlängerung um fünf Jahre gestimmt, neun dagegen, ein Land habe sich enthalten. Damit sei die nötige qualifizierte Mehrheit erreicht. Auch Deutschland hat für die weitere Zulassung gestimmt. ... Behörden, die sich um Risikobewertung kümmern, kommen im Zusammenhang mit Glyphosat zum Schluss, dass keine Gefahr für den Verbraucher besteht. So etwa die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa, die Chemikalienagentur Echa und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung.
Unabhängig davon gibt es Bedenken, unter anderem beim Umweltbundesamt, gegen die Vernichtung von Kräutern und Gräsern auf Ackerflächen. Damit werde Insekten und Feldvögeln großflächig die Lebensgrundlage entzogen. Bauernverbände warnen hingegen, sie müssten bei einem Verbot noch schädlichere und gleichzeitig weniger wirksame Pestizide einsetzen.
Die EU-Kommission wollte ursprünglich eine Verlängerung der Lizenz um zehn Jahre. Dafür bekam sie aber im Kreis der EU-Mitgliedsländer keine Unterstützung. Auch ein neuer Antrag auf Verlängerung um fünf Jahre fiel Anfang November zunächst durch. Daraufhin beantragte die Brüsseler Behörde das Vermittlungsverfahren, das nun erfolgreich war. Nach Angaben der EU-Kommission darf jedoch jedes Mitgliedsland noch selbst entscheiden und bei ernsten Bedenken den Verkauf von Glyphosat verbieten.
Die deutsche Bundesregierung, die seit der Bundestagswahl nur noch geschäftsführend im Amt ist, ist sich nicht einig. Das CSU-geführte Landwirtschaftsministerium war für und das SPD-geführte Umweltministerium gegen eine weitere Zulassung. Wegen dieses Widerspruchs enthielten sich deutsche Vertreter bei den vorangegangenen Abstimmungen - ein wesentlicher Grund, dass zuvor weder für noch gegen die Zulassung die nötige Mehrheit der Mitgliedstaaten zustande gekommen war.
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/glyphosat-eu-verlaengert-zulassung-um-fuenf-jahre-a-1180544.html

"Argentinien: Krank durch Glyphosat?" Simon Plentinger (21.07.2018)
In Argentinien werden Glyphosat und andere Agrarchemikalien in riesigen Mengen eingesetzt, vor allem beim Anbau von genmodifiziertem Soja. Es gibt zwar wissenschaftliche Hinweise, dass dies auf Kosten der Gesundheit der Landbevölkerung geht. Aber in Politik und Medien findet keine Diskussion darüber statt. ...
https://www.deutschlandfunk.de/argentinien-krank-durch-glyphosat.724.de.html?dram:article_id=423508

"Washington: USA: Glyphosat auf der Anklagebank" Dirk Hautkapp (16.07.2018)
Tausende Krebskranke wollen Chemiekonzern Bayer wegen seines Unkrautvernichters verklagen. Die Chemikalie trage Schuld an ihrer Erkrankung ... Bevor Johnson stirbt, so sagt sein Anwalt Timothy Litzenburg, soll in einem Jahrhundert-Prozess der Verursacher der Erkrankung haftbar gemacht werden. Nach Überzeugung von Johnson ist das der just für rund 63,5 Milliarden Dollar im deutschen Bayer-Konzern aufgegangene Agrar-Chemie-Riese Monsanto. Genauer: dessen weltweit jährlich rund fünf Milliarden Dollar einbringender Verkaufsschlager im Segment der Unkrautvernichter: Glyphosat. In Amerika und andernorts unter dem Namen „Roundup“ im Handel....
Dagegen steht ein Gutachten der zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörenden Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC). Dort hatten Wissenschaftler 2015 konstatiert, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend bei Menschen“ sei. Kalifornien, regelmäßig progressiver in Umweltfragen als andere Bundesstaaten, stufte Glyphosat danach als krebserregend ein.
Die Anwälte von Dewayne Johnson wissen, dass ihnen der lückenlose wissenschaftliche Nachweis der Krebsgefahr bei Glyphosat kurzfristig nicht gelingen kann. Stattdessen, so zeichnete sich beim Prozessauftakt am 9. Juli ab, unternehmen sie den Versuch, die Neutralität und Gründlichkeit der Untersuchungen zu erschüttern, die zur behördlichen Unbedenklichkeitsbescheinigung geführt hat.
Unabhängige Wissenschaftler, die Zweifel an der Monsanto-Lesart hegten, seien unter Druck gesetzt worden. Wisner will dies unter anderem anhand von internen Unterlagen belegen, die man von ehemaligen Monsanto-Angestellten bekommen habe.
Die Papiere werfen ein ungünstiges Licht auf das Unternehmen. Eine Mitarbeiterin konstatiert: „Wir haben keine Krebsstudien mit Roundup gemacht.“ In einem anderen Schriftverkehr heißt es, dass Monsanto-Angestellte als „ghostwriter“ an oberflächlich unabhängigen Studien mitgetextet haben sollen, was Monsanto bestreitet.
Im Gericht, so schilderte der Jurist Robert Kennedy Jr., der 800 Glyphosat-Opfer vertritt, wurde bereits der frühere Chef-Toxikologe Monsantos, Mark Martens, vernommen. Er soll geschildert haben, wie die Firma in den 90er-Jahren Studien wegdrückte, die Glyphosat als potenziell schädlich für die menschliche Genetik einstuften. Als der damals weithin anerkannte Experte Dr. James Parry als Gegengutachter angeheuert wurde, den prekären Befund jedoch bestätigte, soll die damalige Produktionsleiterin von Monsanto, Donna Farmer, erwogen haben, den Wissenschaftler zu bestechen, damit er seine Resultate abschwächt.
Damit fangen für Bayer die Probleme aber erst an. Parallel zum Präzedenzfall Johnson hat in der vergangenen Woche ebenfalls in San Francisco Bundesrichter Vince Chhabria die Schleuse für 400 weitere Klagen gegen Monsanto wegen Glyphosat geöffnet. Der Konzern hatte bis zuletzt erbittert um die Abweisung der Anträge gekämpft, hinter denen sich Landwirte, Gartenbaubetriebe und private Nutzer von „Roundup“ befinden. ...
https://www.morgenpost.de/web-wissen/article214853361/USA-Glyphosat-auf-der-Anklagebank.html

"BSAG rückt von Glyphosat ab" Elke Hoesmann (22.07.2018)
Die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) hat erstmals seit Jahren das Unkraut auf ihren Gleisanlagen nicht mit glyphosathaltigen Mitteln bekämpft. Aus eigenem Antrieb geschah das aber nicht. ... Es war vielmehr der Pflanzenschutzdienst des Landes, der einen BSAG-Antrag auf Ausbringen von Glyphosat ablehnte. Begründet wurde dies mit einem neuen Bürgerschaftsbeschluss. SPD, Grüne und Linke im Landesparlament hatten der BSAG vergangenen Dezember einen Denkzettel verpasst.
Das kommunale Verkehrsunternehmen soll keine Produkte mit Glyphosat mehr verwenden, wurde beschlossen. Außerdem sollen für diese Mittel keine weiteren Nutzungsgenehmigungen in Bremen ausgestellt werden. Kurz vor dem Votum hatte der WESER-KURIER berichtet, dass die BSAG zweimal jährlich glyphosathaltige Unkrautvernichter aufs Gleisbett bringt – insgesamt knapp 120 Liter auf zwölf Hektar....
... Die Substanz werde direkt auf das Schotterbett verteilt, erläutert Holling, so gebe es keinen Sprühnebel. Etwa eine Woche später welken die Pflanzen und sterben ab. Der Dienstleister protokolliert den Einsatz, der Pflanzenschutzdienst erhält die Aufzeichnungen. Laut Gesundheitsbehörde nahm der Dienst sogar eine Bodenprobe, um zu überprüfen, dass kein Glyphosat im Spiel war.
Kampf gegen Wildwuchs ohne Chemie – in kleinerem Umfang wird das in Bremen schon seit Längerem praktiziert. Auf Glyphosat und andere Pflanzenschutzmittel verzichten zum Beispiel der Umweltbetrieb oder Werder Bremen. Und bereits seit etlichen Jahren wird am Flughafen  das Unkraut mit heißem Schaum oder heißem Wasser niedergemacht. Auch Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) will nun den Glyphosat-Einsatz erheblich einschränken – aber wohl nicht im Gleisbereich: Ihre für nächstes Jahr geplante Verordnung soll kein Anwendungsverbot für die Deutsche Bahn enthalten....
https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-bsag-rueckt-von-glyphosat-ab-_arid,1751029.html

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #1 on: July 22, 2018, 06:28:44 PM »
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[...] Chlordecon rettete einst Bananenplantagen. Nun vergiftet es die Menschen auf den französischen Antillen. Der Fall zeigt, wie unberechenbar Pestizide sind. ... Ohne Pestizide könnte die Landwirtschaft nicht genug Nahrung für die Welt produzieren. Heißt es. Also wird schnellstmöglich gespritzt, was erlaubt ist  – ohne, dass langfristige Folgen abzusehen sind. In den aktuellen Debatten über das Unkrautgift Glyphosat oder die Insektenvernichter Neonicotinoide stehen sich Befürworter und Gegner dieser Stoffe unversöhnlich gegenüber. Dabei ließe sich aus der Geschichte lernen: Kaum ein Stoff hat besser gezeigt, wie riskant der exzessive Umgang mit Pestiziden ist wie Chlordecon.
Das Gift ist ein Musterbeispiel dafür, wie Behörden und die Lobby der Landwirtschaft mit falschen Entscheidungen die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürgern bedrohen, weil der Profit der Ernte über alles gestellt wird.
Galt Chlordecon in den Siebzigerjahren noch als Retter für die Bananenplantagen auf den französischen Antillen, ist es heute der Feind. So befreite Chlordecon einst die Stauden von Rüsselkäfern, die sich in Scharen über die Bananen hermachten, sich in die Früchte bohrten und sie faulen ließen. Doch fest steht auch: Die heute als krebserregend eigestufte PCB-Verbindung hat für Jahrhunderte Gewässer und Böden verseucht sowie Nahrungsmittel vergiftet.

Bereits 1979 schätzte die Weltgesundheitsorganisation WHO den Stoff als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Er gehört zum "Dreckigen Dutzend", einer Gruppe von zwölf Chemikalien, die sich im Körper anreichern, über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, in der Umwelt bestehen bleiben und über Nahrung in den Körper gelangen können. "Chlordecon ist ein monströser, bislang noch völlig unterschätzter Skandal", sagt Suzanne Dall, Agrarexpertin von Greenpeace in Frankreich. Zum ersten Mal sei ein Zusammenhang zwischen Erkrankungen wie Prostatakrebs und einem Pestizid nachgewiesen worden. "Die Bauern haben es massiv versprüht und über so große Flächen, dass die Folgen unbestreitbar sind." Erst 1993 wurde die Chemikalie verboten.

Noch heute, fast dreißig Jahre nach dem Verbot von Chlordecon, müssen die Antillaisen aufpassen, was sie trinken. Wenn die Kohlefilter auf der Inselgruppe ausfallen, fließt das Pestizid wieder aus dem Hahn. Zuletzt geschah das im Mai. Den gesamten Monat lang tranken die Anwohner verseuchtes Wasser, bis die Gesundheitsbehörde schließlich einschritt und Plastikwasserflaschen verteilte. Nun sollen die Kohlefilter erneuert werden.

Der aktuelle Fall zeigt einmal mehr: Chlordecon ist ein dramatisches Beispiel dafür, wie über Jahrzehnte die Schäden von Pestiziden unterschätzt wurden. Heute streiten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit darüber, ob Glyphosat krebserregend ist – die internationale Agentur für Krebsforschung IARC der WHO stuft Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" ein, während die Gesundheitsbehörden der europäischen Länder diese Krebsgefahr als nicht bewiesen ansehen. Auch die Debatte um Chlordecon war vor drei Jahrzehnten lange nicht entschieden: Die Wissenschaftler waren sich über die Schädlichkeit von Chlordecon so wenig einig wie sie es heute bei Glyphosat sind. Die Bananen wiesen weder damals noch heute Rückstände von Chlordecon auf, weswegen das Pestizid fälschlicherweise als unschädlich eingestuft wurde. Dass sich der Stoff Jahre später in Wurzelgemüsen und in Flüssen und Trinkwasser wiederfinden würde, war damals nicht klar.

Alleine die USA verboten Chlordecon bereits 1976, weil in einer ihrer Produktionsfirmen die Angestellten unter Gedächtnisstörungen, unwillkürlichen Augenbewegungen und depressiven Verstimmungen litten. Drei Jahre später dann schätzte die IARC Chlordecon als "möglicherweise krebserregend" ein. Inzwischen gilt es sogar als "bewiesenermaßen krebserregend".

Die französischen Behörden wollten bis vor wenigen Jahren die potenziellen gesundheitlichen Schäden ihrer Bürgerinnen und Bürger nicht erforschen. Erst knapp zwanzig Jahre nach dem Chlordecon-Verbot auf den Antillen bewies eine Studie des staatlichen Pariser Forschungsinstituts Inserm im Jahr 2012: Kinder, die schon während der Schwangerschaft oder auch nach der Geburt Chlordecon ausgesetzt sind – etwa durch das Trinkwasser oder verseuchte Nahrung – entwickeln sich körperlich und kognitiv schlechter als nicht belastete Kinder. Beispielsweise konnten sie sich insgesamt später Bilder merken und auch ihre motorischen Fähigkeiten, etwa kleine Dinge zu greifen und zu bedienen, entwickelten sich schlechter. Eine weitere Studie desselben Instituts bewies, dass Kinder von Müttern mit Chlordecon im Körper häufiger zu früh und unterentwickelt zur Welt kommen.

Noch immer hat Frankreich keine Eile, auf den Antillen über die Folgen des Pestizids aufzuklären. Eine erste staatlich finanzierte, inselweite Studie über die Folgen des Gifts für die Bürgerinnen und Bürger wurde 2013, ein Jahr nach dem Start, beendet. Das Argument: Der wissenschaftliche Beirat befand, die Methode sei nicht fehlerfrei. Noch heute sagt der Hauptautor der geplanten Studie, seine Forschungen seien gestoppt worden, weil der Regierung die Ergebnisse nicht gepasst hätten. Die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn will Geld zur Verfügung stellen, um eine neue Studie auszuschreiben. 2018: Das ist 25 Jahre nach dem Ende von Chlordecon in den Plantagen und fast fünfzig Jahre, nachdem Arbeiter begannen, die Inseln in einen Pestizidnebel zu versenken.

Da stellt sich die Frage: Hat Frankreich seine Bürgerinnen und Bürger in den Überseeregionen nicht ausreichend geschützt? Auf französischen Feldern in Europa war der Stoff schon 1990 verboten, auf den Antillen erst drei Jahre später. Eine Klage gegen unbekannt wegen der "Gefährdung Dritter und Nutzung von schädlichen Substanzen" wurde zwar von Umweltorganisationen vor dem Pariser Verwaltungsgericht schon 2006 eingereicht. Die Ermittler sind aber noch immer mit der Beweisaufnahme beschäftigt.

Selbst eine Entschädigung könnte den Bewohnern der Antillen nicht mehr ihr fruchtbares Land zurückbringen. Denn nicht nur die Plantagen sind belastet, sondern auch die umliegenden Felder und privaten Kleingärten. Die zuvor autarke Bevölkerung ist heute darauf angewiesen, ihre Lebensmittel zu importieren, um kein Chlordecon zu schlucken. So kam eine Studie der französischen Behörde Anses im Dezember 2017 zu dem Schluss, dass vor allem Fische aus den Bächen sowie Gemüse und Obst aus Familiengärten mehr Giftstoffe enthielten, als zulässig ist. Besonders also die ärmeren Menschen essen verseuchte Lebensmittel. Tatsächlich hat die Pariser Behörde Chlordecon in auf den Antillen weitverbreiteten Lebensmitteln gefunden – in Eiern, Süßkartoffeln, Fisch und der Ignamwurzel. Die Empfehlung der Behörde, nur noch viermal in der Woche Fisch zu essen und zweimal Wurzelgemüse, befolgen die rund 800.000 Bewohner bislang kaum. Beides gehört zu ihren Grundnahrungsmitteln. Es ist in etwa so, als ob deutsche Gesundheitsbehörden Kartoffeln und Brot auf den Index stellen würden.

Selbst diejenigen, die ihr Essen aus Importwaren bestreiten, sind laut der Pariser Zeitung Le Monde vor dem Pestizid nicht sicher. Eine Studie, die im Herbst dieses Jahres erscheinen soll, weist bei 90 Prozent der Bevölkerung einige Milligramm Chlordecon pro Liter Blut nach. Und: Schon 2010 bewiesen Forscher auf den Antillen, dass die Bewohner ein deutlich höheres Risiko haben, an Prostatakrebs zu erkranken – Männer leiden demnach 50 Prozent häufiger an diesem Krebs als beispielsweise in Europa (Journal of Clinical Oncology: Multigner et al., 2010).

Was bedeutet das nun für aktuelle Debatten um Pestizide? Zunächst einmal: Nur was verboten ist, wird nicht mehr gespritzt. Weder der Skandal um Chlordecon noch die Streitigkeiten um Glyphosat und Neonicotinoide haben den Verbrauch von Pestiziden verringert. Laut Bundesumweltamt sind zurzeit mehr als 750 Substanzen zugelassen, die auf Feldern weltweit versprüht werden dürfen. Und: Landwirte und Landwirtinnen nutzen seit Jahrzehnten ständig mehr von dieser Chemie. Obwohl sie eben nicht für eine ertragreiche Landwirtschaft nötig wäre, wie die Vereinten Nationen (UN) betonen.

Das Gegenteil sei der Fall. Pestizide würden die weltweite Nahrungsproduktion gefährden, weil sie Felder und Menschen vergiften. "Es ist ein Mythos der Chemielobby, dass nur mit Pestiziden die Menschheit ernährt werden kann", sagt Hilal Elver, Berichterstatterin für das Recht auf Nahrung bei der UN. Im Gegenteil: Pestizide zerstörten fruchtbare Landschaften. Langfristig könne nur eine ökologische, kleinteiligere Landwirtschaft den Hunger besiegen.

Quote
Schillerschuppe #15

Der Wahnsinn so was. Aber man sieht ja an Bayer/Monsant, dass die Lobby eine gewaltige Macht hat.

Eine kritische Bemerkung hätte ich zum Artikel aber, wo die Pestizid-Problematik so schon erklärt wurde. Eher geographischer Art. Man könnte die Inseln zum besseren Verständnis mal benennen: Guadeloupe, Martinique, Saint-Martin und Saint-Barthélemy. Es gibt noch eine Menge mehr Inseln, die zu den Antillen gehören.


...


Aus: "Chlordecon: Das Pestizid, das aus dem Wasserhahn tropft" Annika Joeres (21. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-06/pestizid-chlordecon-gift-glyphosat-antillen/komplettansicht

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #2 on: July 22, 2018, 06:39:41 PM »
Quote
[...] Meda ist eine von vielen kleinen Städtchen in der Lombardei – und außerhalb von Italien wäre sie den meisten Menschen unter normalen Umständen heute wohl völlig unbekannt. Doch in den Tagen nach dem 10. Juli 1976 gelangt der Ort zu trauriger Berühmtheit. In der Stadt unweit von Mailand ereignet sich an diesem Samstag einer der größten Chemieunfälle in der Geschichte Europas. Mittags um 12.37 Uhr kommt es in der dort ansässigen Chemiefabrik Icmesa zu einem fatalen Fall menschlichen Versagens. Durch einen Bedienungsfehler steigt die Temperatur in einem Behälter der Anlage immer weiter an und die Überhitzung erzeugt eine starke Druckerhöhung. Das Problem: In dem Behälter wird Trichlorphenol (TCP) produziert, ein Stoff, der noch heute als Vorprodukt für die Desinfektionsmittelherstellung verwendet wird. Läuft dieser Prozess bei zu hohen Temperaturen ab, entstehen große Mengen des Umweltgiftes Dioxin.

Diese werden in die Luft geblasen, als ein Sicherheitsventil des Kessels dem rasanten Temperatur- und Druckanstieg irgendwann nicht mehr standhalten kann. Die angeheizte Reaktion endet in einer gewaltigen Explosion. Mehrere Kilogramm 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-Dioxin (TCDD) werden dabei mutmaßlich freigesetzt – wie viel genau, weiß niemand.

Die giftgeschwängerte Gaswolke breitet sich nach dem Unfall blitzschnell aus und verseucht nicht nur Wiesen, Bäume und Ackerflächen rund um das Fabrikgelände. Sie treibt mit dem Wind auch in Orte wie Seveso – tagelang schwebt die Wolke über der Gemeinde, die dem Unglück später seinen Namen gibt. Insgesamt verteilt sich das Gift Schätzungen zufolge über eine Fläche von 320 Hektar.

Pflanzen, Tiere und Menschen sind in den betroffenen Gebieten akuter Gefahr ausgesetzt. Denn TCDD hat es in sich. Es gilt als eines der stärksten Gifte überhaupt. Schon ein Millionstel Gramm Dioxin reicht völlig aus, um Nagetiere wie Ratten oder Meerschweinchen zu töten. Beim Menschen hat es unter anderem eine krebsauslösende Wirkung. Trotzdem informiert die Firmenleitung die Öffentlichkeit zunächst nicht über die möglichen Risiken des Vorfalls. Auch die Produktion in der Fabrik geht erst einmal ohne Einschränkungen weiter.

Erst eine Woche nach dem Unglück wird bekannt, was die Icmesa-Betreiber von Beginn an wussten. Dass etwas nicht stimmt, bemerken die Menschen jedoch schon vor der offiziellen Bestätigung. Denn in den folgenden Tagen hinterlässt das Gift ein Bild der Verwüstung: Blumen verwelken, Bäume lassen ihre Blätter hängen, Tiere wirken aufgebläht und verenden. Kadaver säumen die Straßen.

Menschliche Todesopfer gibt es bis heute offiziell zwar nicht. Allerdings erkranken zahlreiche Bewohner der Gegen an einer gefährlichen "Chlorakne" mit den typischen, chronischen Hautveränderungen – betroffen sind fast ausschließlich Kinder. Sie sind es auch, die Untersuchungen zufolge seit dem Unglück vermehrt unter Entwicklungsstörungen leiden. Mehrere Studien haben zudem mittlerweile festgestellt, dass sich in den damals durch das Dioxin verseuchten Gebieten, tatsächlich bestimmte Krebsformen und Hautgeschwüre in der Bevölkerung häufen.

Die Schuld an dem Dioxin-Desaster will naturgemäß niemand tragen. Nach dem Ereignis mehren sich jedoch Hinweise darauf, dass nicht nur die schlampige Arbeit einer Person zu dem Unfall geführt hat. Es ist von Managementfehlern und mangelndem Wissen über die Gefahren des Trichlorphenols die Rede.

Zudem kursieren Gerüchte, dass das Dioxin in der Icmesa-Fabrik womöglich sogar mit Vorsatz erzeugt worden sein könnte: Als Zutat für die Produktion von Agent Orange – jenes Entlaubungsmittels, dass von den USA im Vietnam-Krieg massiv als chemische Waffe eingesetzt wurde. Ob an solchen Vermutungen etwas dran ist, ist auch lange nach dem Seveso-Unglück nicht endgültig geklärt.

In Meda erinnert 40 Jahre nach dem Vorfall kaum noch etwas an die Icmesa-Anlage und das, was dort am 10. Juli passierte. Auf dem Gelände der abgerissenen Fabrik befindet sich heute ein Sportplatz. Lediglich der Straßenname "Via Privata Icmesa" zeugt von der einstigen Chemiefabrik.

Aus: "40 Jahre Seveso-Unglück: Giftwolke über Italien" (2016)
Quelle: https://www.wissen.de/40-jahre-seveso-unglueck-giftwolke-ueber-italien

Das Sevesounglück war ein Chemieunfall, der sich am Samstag, 10. Juli 1976, in der chemischen Fabrik Icmesa im italienischen Meda, 20 Kilometer nördlich von Mailand, ereignete. Icmesa war ein Tochterunternehmen von Givaudan, das wiederum eine Tochter von Roche war. Das Betriebsgelände berührte das Gebiet von vier Gemeinden, unter ihnen Seveso, das Namensgeber des Unglücks wurde.
https://de.wikipedia.org/wiki/Sevesoungl%C3%BCck

"Die Fässer von Seveso" (2007)
In den 41 Fässern lagerte Abfall, kontaminiert mit 200 Gramm einer Chlorverbindung: TCDD-Dioxin, eines der stärksten je synthetisierten Gifte. Ein Millionstelgramm genügt, um einem Meerschweinchen den Garaus zu machen. Das Material stammte aus einem havarierten Chemie-Reaktor der Firma Icmesa bei Seveso, nördlich von Mailand. Icmesa gehörte zu Givaudan, einer Tochter des Basler Pharmaziekonzerns Roche. ... Der Chemieunfall in der Firma Icmesa bei Seveso ereignete sich am 10. Juli 1976. Sechs Jahre später sollten die hochgiftigen Rückstände aus dem Chemie-Reaktor an einem geheim gehaltenen Ort entsorgt werden. Die Fässer verschwanden, doch unter dem Druck der Öffentlichkeit wollten auch die Regierungen Italiens, Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz bald Klarheit. Der skandalöse Umgang mit dem Giftmüll hatte positive Seiten: 1989 einigten sich 116 Staaten auf die «Konvention von Basel», die unter anderem grenzüberschreitende Giftmülltransporte stark einschränkt. Diese sogenannten Seveso-Richtlinien sind 1999 durch griffige Haftpflichtbestimmungen ergänzt worden. In der Schweiz trat 1983 aufgrund des Skandals ein wirksames Umweltschutzgesetz in Kraft. (AdM.)
https://www.nzz.ch/die_faesser_von_seveso-1.559284

"Dementis, Lügen und verlorene Fässer - Die Praktiken der Chemiebosse" (Dieter Lohmann, Stand: 12.11.2010)
In den Tagen und Wochen nach dem Seveso-Unglück gab die Icmesa – ein Tochterunternehmen eines Tochterunternehmens des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche – ein denkbar schlechtes Bild ab.
http://www.scinexx.de/dossier-detail-518-7.html
« Last Edit: July 22, 2018, 06:42:05 PM by Link »

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« Reply #3 on: July 22, 2018, 06:45:10 PM »
""Agent Orange" im VietnamkriegDer größte Chemie-Angriff der Geschichte" Otto Langels (Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.02.2017)
Im Krieg gegen die Vietcong versprühte die US-Luftwaffe jahrelang tonnenweise Entlaubungsmittel über Vietnam. Doch es enthielt hochgiftiges Dioxin und hatte verheerende Folgen – bis heute. Vor 50 Jahren begann der flächendeckende Einsatz von "Agent Orange". Über 70 Millionen Liter Herbizide versprühte die US-Luftwaffe, darunter allein 45 Millionen Liter "Agent Orange" mit mehreren hundert Kilogramm Dioxin, die ein Siebtel der Gesamtfläche Vietnams langfristig kontaminierten. Die Folgen waren verheerend, denn Dioxin schädigt das Erbgut über Generationen und führt zu Missbildungen. ...
https://www.deutschlandfunkkultur.de/agent-orange-im-vietnamkrieg-der-groesste-chemie-angriff.932.de.html?dram:article_id=378270

Agent Orange ist die militärische Bezeichnung eines chemischen Entlaubungsmittels, das die USA im Vietnamkrieg und im Laotischen Bürgerkrieg großflächig zur Entlaubung von Wäldern und zum Zerstören von Nutzpflanzen einsetzten. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Agent_Orange





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« Reply #4 on: November 17, 2018, 06:05:31 PM »
"Dioxinfund in Hamburg "Kinder sollten Spielplätze in der Umgebung nicht benutzen"" Ein Interview von Astrid Ehrenhauser  (2018)
Im Osten Hamburgs hat die Umweltbehörde hohe Dioxinwerte gemessen. Eine Toxikologin erklärt, wie gefährlich das für Menschen in der Nähe ist - und was man auf keinen Fall tun sollte. ...
http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/boberger-niederung-hamburg-wie-gefaehrlich-ist-der-dioxin-fund-a-1238844.html

"Boberger Niederung: Sehr hoher Dioxin-Wert" (08.11.2018)
Nach dem Fund von krebserregendem Dioxin im Naturschutzgebiet Boberger Niederung hat Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) am Donnerstag erste Ergebnisse der Bodenuntersuchungen mitgeteilt. Die Dioxin-Konzentration liegt demnach in dem betroffenen Gebiet bei 700 Mikrogramm pro Kilogramm. Schon ab einem Mikrogramm müssen Behörden Schutzmaßnahmen ergreifen. Da bislang nur das Ergebnis einer einzelnen Messung vorliege, sei noch nicht klar, ob es sich um eine punktuelle oder großflächige Belastung handele, so Kerstan. Ergebnisse weiterer Proben sollen im Januar vorliegen. Unabhängig von der Größe des Gebiets handele es sich schon angesichts des jetzt vorliegenden "sehr, sehr hohen Wertes" um ein "schweres Umweltvergehen". ...
https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Boberger-Niederung-Sehr-hoher-Dioxin-Wert,dioxin628.html

"Frühere Dioxin-Funde in Hamburg - Die zwei Skandale" (9.11. 2018)
Nicht zum ersten Mal wurde in Hamburg Dioxin gefunden. Ein Chemiewerk Boehringer und eine Mülldeponie waren mit dem Gift verseucht. ...
http://www.taz.de/!5549285/


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« Reply #5 on: February 07, 2019, 09:50:41 AM »
"Tickende und leckende Zeitbomben im Meer" (06.02.2019)
Der Meeresboden in der Ost- und Nordsee ist an vielen Stellen übersät mit tickenden Zeitbomben. «In der Kieler Bucht liegen in Sichtweite beliebter Strände Torpedokopf neben Sprengmine», sagt der Meeresbiologe Matthias Brenner vom Alfred-Wegener-Institut Helmholtz Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Der Großteil davon stammt aus dem Zweiten Weltkrieg. Allein auf deutschem Gebiet sollen insgesamt 1,6 Millionen Tonnen an konventionellen Waffen in Nord- und Ostsee liegen. Dazu kommen 300 000 Tonnen chemischer Waffen in der Ost- und Nordsee. «Das ist gewaltig, was da liegt», sagt Brenner. ...
... 70 Jahre lang habe es kaum jemanden interessiert, was in den Meeren vor sich hin rostet. «Am besten rührt man es nicht an. Das zersetzt sich sowieso, hieß es lange», sagt Brenner. Dass das falsch war, sehe man heute: Viele Bomben können immer noch explodieren. Mit der Zeit werden sie sogar immer empfindlicher. Eine geringe Druckänderung oder ein Schlag können sie zur Detonation bringen. «Die Munitionskörper sind teilweise komplett verrottet. Aus anderen tritt Sprengstoff aus», sagt Brenner. Diese giftige Substanzen sowohl aus chemie- als auch aus konventionellen Waffen gelangen ungehindert ins Meer. Die Folgen für die Umwelt sind erheblich.
Das AWI und Partner haben in dem Projekt «Chemsea» vor einigen Jahren die Auswirkungen der Chemikalien auf die Umwelt erforscht. Der Meeresbiologe Brenner sagt, bei zehn bis 13 Prozent des Speisefisches Ostseedorsch seien Stoffe aus chemischen Waffen im Filet nachgewiesen worden. Die Menge sei zwar gering. «Es kann aber sein, dass so ein Fisch auch auf dem Teller landet», sagt er. Inwiefern diese geringen Mengen Auswirkungen auf den Verbraucher haben, sei noch nicht erforscht.
Im Februar endet das Nachfolgeprojekt «Daimon» («Decision Aid for Marine Munition»), wieder in Zusammenarbeit mit nationalen wie internationalen Partnern. Anfang Februar fand die Abschlusskonferenz in Bremerhaven statt. Die Forscher hatten den Effekt von konventionellen Waffen auf die Umwelt untersucht. Das Thünen-Institut für Fischereiökologie hat den Plattfisch Kliesche unter die Lupe genommen, der am Meeresboden in der Kieler Bucht lebt. In diesem Gebiet lägen etwa 35 000 Tonnen konventioneller Munition, sagt Thomas Lang, stellvertretender Leiter des Instituts.
Bei 25 Prozent der Exemplare fanden die Forscher Lebertumore. In unbelasteten Gebieten liegt die Quote dagegen bei nur 5 Prozent. «Am Boden gibt es TNT-Klumpen, die sich im Wasser lösen. Die Abbauprodukte gelangen über das Wasser oder die Nahrung in den Organismus», sagt Lang. Laborversuche haben gezeigt, dass die Abbauprodukte von TNT die DNA von Fischen schädigen, was eine mögliche Erklärung für die hohe Tumorrate sei. Gefischt und vermarktet werde die Kliesche allerdings nicht, so dass für den Menschen keine Gefahr bestehe.
Neben Umweltschützern hat allerdings auch die Wirtschaft ein Interesse daran, den Meeresboden von Munition zu befreien. «Die Munition stellt ein Risiko für die Schifffahrt dar und für den Bau von Windkraftanlagen und das Verlegen von Seekabeln», sagt Lang. Taucher sind daher laufend damit beschäftigt, Fahrrinnen von Minen zu befreien, die eigentlich als unbelastet galten. ...
https://www.tagesspiegel.de/wissen/munitions-altlasten-tickende-und-leckende-zeitbomben-im-meer/23956860.html

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Babsack 07:41 Uhr

    70 Jahre lang habe es kaum jemanden interessiert, was in den Meeren vor sich hin rostet. «Am besten rührt man es nicht an. Das zersetzt sich
    sowieso, hieß es lange», sagt Brenner. Dass das falsch war, sehe man heute


So sind wir nicht nur eine Generation,die kommenden Generationen einige unangenehme Überraschungen aus wirtschaftlichen Interessen hinterläßt,sondern sind vielleicht in ein paar Jahren auch selbst noch Opfer einer Generation,die es sich nach dem Krieges einfach machen wollte und das Meer als Mülleimer unendlichen Fassungsvermögens begriff.
Bis jetzt haben alle nachkriegsgeborenen Generationen ja wirklich nur die Schokoladenseite all des skrupellosen Wirtschaftens und Waltens genießen dürfen.
Übrigens ist Fisch,besonders fetter Fisch, aus der Ostsee schon heute extrem belastet,so dass er größtenteils nicht in den Verkauf an Menschen geht,sondern man es etwas trickreicher gestaltet,indem man daraus Fischfutter herstellt,mit dem dann der "gute Norwegische Zuchtlachs" gefüttert wird,der dadurch und durch Medikamente zum giftigsten Lebensmittel wird,was man im Supermarkt noch legal kaufen kann.
Aber auch hier gilt selbstverständlich:
Was uns nicht umbringt,reichert sich langsam an.


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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #6 on: March 07, 2019, 01:25:24 PM »
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[...] Rom/Straßburg – Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat ein Verfahren gegen Italien wegen der illegalen Giftmüllentsorgung in der von der Camorra kontrollierten Gegend zwischen Neapel und Caserta aufgenommen, die als "Feuerland" bekannt ist. Der EGMR nahm einen dementsprechenden Antrag von Bürgern und Verbänden an, die ihr Recht auf Gesundheit gefährdet sehen, berichteten italienische Medien. Die Kritiker behaupten, dass der italienische Staat ungenügende Maßnahmen zur Reduzierung der Risiken für die öffentliche Gesundheit ergriffen habe, obwohl er sich über die Gefahren im Klaren sei. Wegen illegaler Müllentsorgung sei in den vergangenen Jahren die Zahl der Krebserkrankungen in der Gegend besonders stark gestiegen. Betroffen seien vor allem Kinder.

Schätzungen zufolge wurden in den Jahren 1991 bis 2013 rund zehn Millionen Tonnen Industrieabfall in dem Landstrich verbrannt, obwohl offene Mülldeponien in der Europäischen Union verboten sind. Das Geschäft mit dem Mist ist seit dem Ende der 1980er-Jahre eine lukrative Einnahmequelle für die neapolitanische Mafia. Die Camorra lässt selbst giftige Abfälle wie Asbest, Lösungsmittel, Autoreifen und Kühlschränke auf den Feldern auskippen und zündet sie unterschiedslos an. Der Begriff "Feuerland" leitet sich von den hunderten brennenden Mülldeponien ab, auf denen die Müllmafia, die sich mit der Giftmüllentsorgung bereichert, riesige Mengen von Haushalts- und Industrie- sowie Sonderabfall illegal ablagert und verbrennt. Internationale Aufmerksamkeit erfuhr die Region durch den Bestsellerautor Roberto Saviano, der in seinem Buch "Gomorrha" aus dem Jahr 2006 über die Camorra schrieb. Unternehmen im ganzen Land zahlen demnach lieber Schmiergeld an die Mafia, als seriöse Müllfirmen damit zu beauftragen, ihren Unrat zu entsorgen. Durch diese Praxis werden nicht nur gesundheitsschädigende Gase freigesetzt, sondern auch die Erde und das Grundwasser verseucht. Viele Feldfrüchte sind mit Arsen und Schwermetallen belastet. (APA, 6.3.2019)


Aus: "Menschenrechtsgericht leitet wegen Giftmülls Verfahren gegen Rom ein" (6. März 2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000099027221/Menschenrechtsgericht-leitete-Verfahren-gegen-Rom-wegen-Giftmuell-ein

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #7 on: March 21, 2019, 10:22:24 AM »
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[...] Schwarze Klumpen an Surfstränden, verklebte Vögel und sterbende Austern: An der westfranzösischen Küste erwarten die Menschen eine Ölpest. 330 Kilometer vor dem Festland ist vor wenigen Tagen das Containerschiff Grande America havariert. Dabei sind rund 2.000 Tonnen Schweröl ausgelaufen; Wellen und Strömungen im Atlantik werden bestimmen, wann der Dreck die Küste erreicht. Betroffen sein werden die Regionen, die im Sommer die meisten Touristen anziehen: die Strände nördlich von Biarritz, wo Surferinnen wellenreiten, die Vogelinseln vor Arcachon, die Stadt mit der höchsten Düne Europas, und die Bucht südlich von Bordeaux, in der Austern gezogen werden.

Die spektakuläre Havarie zeigt, dass der Schiffsverkehr in Europa und weltweit für das Meer insgesamt bedrohlich geworden ist. Mehr als 80 Prozent aller Waren werden inzwischen über das Meer transportiert, vor allem, weil es so günstig ist. Dabei wird alles immer größer, wie Zahlen des französischen Meereswirtschaftsinstituts ISEMAR zeigen. Heute ist ein durchschnittliches Frachtschiff 350 Meter lang und es transportiert 16.000 Container – viermal so viele wie noch vor 20 Jahren. Diese große Fracht wird von vergleichsweise wenigen Menschen begleitet, nur 16 Besatzungsmitglieder fahren durchschnittlich mit, die meisten stammen aus dem Exportland China. Weil die Lohnkosten dort niedrig sind, macht der lange Weg bei einem von China nach Deutschland transportierten Fernsehers oder Staubsaugers am Ende nur rund ein Prozent des Preises aus.

Der Preisdruck bringt zwei Gefahren mit sich. Erstens müssen kleine Crews mit immer größeren und oft auch brennbaren oder explosiven Ladungen fertig werden. Zweitens fahren die meisten Tanker mit Schweröl, das billig ist, aber besonders viele schädliche Abgase produziert.

Auch die Grande America fuhr mit Schweröl. Diese 2.000 Tonnen Schweröl aus dem Tank sind es auch, die nun an die Küsten gespült werden. Am 8. März war das Schiff um 3 Uhr nachts aus dem Hamburger Hafen ausgelaufen. Am Abend des 10. März brach ein Feuer aus. Die Löschung der haushohen Flammen dauerte nicht nur einen ganzen Tag, sie verursachte möglicherweise auch die Havarie des Bootes. Wahrscheinlich führten die vielen Kubikmeter Löschwasser erst zu einer Schlagseite und ließen das Boot schließlich auf den 4.600 Meter tiefen Grund des Atlantik sinken. Die 27 Männer und Frauen an Bord konnten gerettet werden, aber das Schiff und seine Ladung liegen nun im Meer.

Laut der italienischen Grimaldi Group, die das Schiff besitzt, bestand die Ladung aus 2.100 neuen und gebrauchten Fahrzeugen. Außerdem waren knapp 400 Container an Bord, davon 45 mit gefährlichen Stoffen. Details nannte sie nicht.

Dieser Informationsmangel ist typisch für die rasant wachsende Branche. Weder der Hamburger Hafen noch die Firma, die den Tanker beladen hat, weiß, welche Waren vor ihren Augen umgeschlagen wurden. Inzwischen hat die französische Präfektur bekannt gegeben, dass unter den gefährlichen Stoffen Salz und Schwefelstoffe waren. Die Grimaldi Group hingegen hatte ausgeschlossen, dass das Schiff korrosive Stoffe, zu denen Schwefel gehört, an Bord führte.

Ein offensichtlicher Widerspruch, die französische NGO Robin Hood fordert Aufklärung: "Wir verlangen von den französischen Behörden eine vollständige Liste der Stoffe", schreibt die Umweltorganisation. Die Organisation hatte zuvor bereits angekündigt, die Grimaldi Group wegen "Verschmutzung des Meeres und des Zurücklassens von Abfällen", zu verklagen. "Die Grande America war ein Schrottschiff, das Schrott transportierte", schreiben sie.

Tatsächlich lässt sich auf der Seite von Equasis, einer Seite, die Informationen über die Sicherheit der Schifffahrt sammelt und zur Verfügung stellt, nachvollziehen, dass bei der Grande America im Laufe der vergangenen Jahre zahlreiche Mängel festgestellt wurden. Vor allem mangelhafter Feuerschutz wird in der von der Europäischen Union gegründeten Datenbank immer wieder erwähnt.

Das scheint allerdings kein Grund gewesen zu sein, das Schiff aus dem Verkehr zu ziehen. Die Grande America habe vier- bis sechsmal pro Jahr im Hamburger Hafen angelegt, sagt Kai Gerullis, Sprecher der Hamburger Hafenbehörde, es habe keine besonderen Vorkommnisse gegeben.

Dass Unfälle von Containerschiffen zunehmen, kann das Havariekommando in Cuxhaven, das für Unfälle auf der Nord- und Ostsee zuständig, aus seinen Statistiken nicht erkennen. "Die Unfallzahlen schwanken stark – mal haben wir zwei, mal neun sogenannte komplexe Schadenslagen pro Jahr", sagt Simone Starke von der Bundesbehörde. Seit der Gründung des Havarkiekommandos vor 16 Jahren habe es 79 Schiffe in der Ostsee und der deutschen Nordsee bei Unfällen helfen müssen, bei denen Menschenleben und die Umwelt in Gefahr gewesen seien. Im Januar dieses Jahres verlor das Frachtschiff MSC Zoe 270 Container auf offener Nordsee; es dauerte Wochen, bis sie geborgen werden konnten. Doch nicht all diese Unfälle werden auch öffentlich bekannt. 

Viele Französinnen und Franzosen erinnern sich angesichts des Unfalls der Grande America heute an die Ölpest, die das vor der Bretagne gestrandete Ölschiff Erika 1999 verursachte. Monatelang sammelten damals Freiwillige Ölklumpen vom Strand, Zehntausende Tiere verendeten mit verklebten Gefiedern oder Kiemen. Dieses Mal, beschwichtigen die französischen Behörden, werde voraussichtlich dreimal weniger Öl angeschwemmt.

"So eine Havarie mit Schweröl an Bord ist aber in jedem Fall eine Katastrophe. Zuallererst für die Vögel", sagt der Meeresexperte Kim Detloff vom Naturschutzbund Nabu. Mehr als 130.000 Arten von Vögeln lebten in den möglicherweise betroffenen französischen Feuchtgebieten. Schon ein walnussgroßer Ölklumpen auf einem Vogel lasse ihn verenden, denn das Gefieder verliere dadurch seine isolierende Wirkung, die Tiere erfrören. Auch um die Blauwale der Region macht sich Detloff Sorgen. "Die Biskaya ist ein Hotspot für Blauwale und seltene Schnabelwale, weil das Land dort so tief absinkt."

Zwar baue die französische Marine derzeit Ölbarrieren auf, aber sie würden in dem riesigen Gebiet kaum helfen. Detloff ist pessimistisch. "Es ist nicht ein Unglück in einem gesunden System. Sondern eine ökologische Katastrophe in einem Meer, das ohnehin chronisch vergiftet ist." Die Schifffahrt wird laut Detloff viel zu wenig kontrolliert. "Zu Unrecht gelten Meeresfrachter als umweltfreundliches Transportmittel."

Tatsächlich existieren für die Schifffahrtsbranche bislang Sonderregeln. Bei der Weltklimakonferenz 2015 in Paris waren beispielsweise viele Expertinnen und Experten überrascht, wie es die Lobby der Transporteure und Handelskonzerne geschafft hatte, CO2-Einsparziele für Schiffe zu vertagen. Dabei gelten die Abgase der Schiffe nicht nur als schädlich für das Klima, sondern auch für die menschliche Gesundheit. Einige Studien (CEEH Scientific Report No 3, Jorgen Brandt et al., 2011) kamen zu dem Ergebnis, dass jährlich 50.000 Menschen in der Europäischen Union frühzeitig sterben, weil sie toxischen Abgasen der Schiffe in Küstengebieten ausgesetzt sind.

Der wichtigste Grund dafür ist das Schweröl im Tank, das eigentlich ein Abfallprodukt der Benzinindustrie ist und günstiger als Marineöl. Einige Häfen lassen Schiffe nur noch anlegen, wenn sie mit normalem Benzin fahren. Allerdings haben manche Reedereien dafür eine gemischte Lösung gefunden: Viele Schiffe fahren mit zwei Tanks, einem großen mit Schweröl für die offene See und einem kleineren mit gereinigtem Benzin für die Häfen. Die Abgase von der See erreichen die Städte trotzdem. Der Nabu hatte beispielsweise am Hamburger Hafen eine hundertmal höhere Belastung an Feinstaub gemessen, als gesundheitlich akzeptabel sei. Immerhin hat die Weltschifffahrtsorganisation IMO den erlaubten Schwefelgehalt im Schweröl ab 2020 von 3,5 auf 0,5 Prozent gesenkt. 


Aus: "Schifffahrt: Eine Havarie mit Schweröl ist immer eine Katastrophe" Eine Analyse von Annika Joeres (19. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-03/schifffahrt-schweroel-frankreich-container-transport-meere-verschmutzung/komplettansicht

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LoveIsTheLaw #6

In der Doku - schwarze Tränen des Meeres - , gesendet von ARTE, ging es um ein viel größeres Problem. Es liegen weltweit tausende Schiffe mit großen Mengen an Treibstoff und Kampfmitteln in den Meeren und Binnengewässern. Diese Altlasten stammen aus den vergangenen Weltkriegen. Ein besonders hervorzuhebenes Details ist die Schuld Deutschlands an dieser Misere. Jedoch ist derzeit ausschliesslich Norwegen dazu bereit auf eigene Kosten die Altlasten soweit noch möglich aus den Wracks die in norwegischen Gewässern liegen zu beseitigen. Deutschland ruht sich auf der Ausrede des Kriegsfalls aus und zieht sich somit aus der Affäre. Das in der Ost und Nordsee in Küstennähe schon zahlreiche Schiffe undicht sind und schleichend das Ökosystem töten spielt dabei offensichtlich keine Rolle. Ganz nach dem Motto, soll es doch die Zukunft von selbst richten. Ich würde mich sehr über eine Berichterstattung seitens deutscher Journalisten freuen, besser auch gleich offensiv auf die Politiker zugehen.  ...

[ [27.04.2017] Der Boden ist durch auslaufendes Schweröl aus dem Wrack kontaminiert. Eine Fläche, so groß wie 50 Fußballfelder, ist mittlerweile verseucht. Teilweise werden Umweltgrenzwerte für krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe um das Tausendfache überschritten. Insgesamt 450.000 Kubikmeter Meeresgrund müssten entsorgt werden. Und das Wrack der "Stuttgart" ist nur die Spitze eines gefährlichen Eisbergs. ... https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/schiffwracks-100.html ]


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xy1 #6.2

Man sollte auch die im Hafen von Murmansk in freier Luft oder in geringer Tiefe verrottenden Kernreaktoren aus den Altbeständen der Sowjetmarine nicht vergessen.


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Horst44a #12


Bei der Verarbeitung von Erdöl entsteht Schweröl als Rückstand der Destillation oder aus Crackanlagen. Es müßte aufwendig entsorgt werden oder aber, es wird in Seeschiffen zwecks Antrieb und Stromerzeugung als sehr kostengünstiger Kraftstoff verbrannt.
Kleiner Vergleich zum Thema Kreuzfahrt-Schwerölschiff:
Das neue (gefeierte!) größte Kreuzfahrtschiff der Welt befördert 9000 Passagiere. Nach Angaben von WDR2 benötigt es pro Tag 360.000 Liter Kraftstoff. Das bedeutet pro Passagier und Tag (nur) 40 Liter. Schweröl ist aber 2500-mal schwefelhaltiger als Straßenfahrzeug-Diesel. Also produziert jeder Passagier Schwefeldioxid-Abgase als würden 40 x 2500 Liter Normaldiesel verbrannt, am Tage dann also wie von 100.000 Liter Auto-Diesel ohne Abgasreinigung in die Umwelt gesetzt!
Schwefeldioxid ist giftig bei Einatmen und verursacht konzentriert Verätzungen der Haut und Augenschäden.
Beim Feinstaub sieht die Rechnung etwas anders aus. Schwerölabgase sind eher Grobstaub.
Die Kraftstoffqualität hat entscheidenden Einfluss auf die Schwefeldioxid-Anteile im Abgas. Die Binnenschifffahrt fährt nicht mit Schweröl sondern mit Schiffs-Diesel (Marinedieselöl). Dieser hat meist (nur) 100 mal so viel Schwefelanteile wie Auto-Diesel, bei See-Frachtern und Bespaßungs-Kreuzfahrtschiffen mit Schwerölantrieb ist bis zu dem 3500fachen erlaubt!

[ ... "Die Kreuzfahrtschiffe seien auf hoher See immer noch mit giftigem Schweröl unterwegs und deshalb dreckige Rußschleudern...."
QUELLE: https://www.abendblatt.de/hamburg/article108212711/Naturschutzbund-Aida-Schiffe-sind-schlimmste-Russschleudern.html ... ]


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