Author Topic: Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)  (Read 54 times)

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« on: July 22, 2018, 11:36:20 AM »
Kategorie:Umweltgefährlicher Stoff
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Umweltgef%C3%A4hrlicher_Stoff

Kategorie:Ökotoxikologie
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:%C3%96kotoxikologie

Glyphosat ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Phosphonate. Es ist die biologisch wirksame Hauptkomponente einiger Breitband- bzw. Totalherbizide und wurde seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre von Monsanto als Wirkstoff unter dem Namen Roundup zur Unkrautbekämpfung auf den Markt gebracht. Weltweit ist es seit Jahren der mengenmäßig bedeutendste Inhaltsstoff von Herbiziden. Glyphosatprodukte werden mittlerweile von mehr als 40 Herstellern vertrieben. ... Ausgehend von Medienberichten und einigen kontrovers diskutierten Studien über mögliche Gesundheitsgefahren von Glyphosat hat sich seit Jahren eine intensive öffentliche und wissenschaftliche Debatte entwickelt. Ab 2015 verschärfte sich die Diskussion zusehends. Eine europäische Bürgerinitiative forderte mit fast 1,1 Millionen gültigen Unterschriften das Verbot von Glyphosat....
https://de.wikipedia.org/wiki/Glyphosat

"EU verlängert Glyphosat-Zulassung um fünf Jahre" (27.11.2017)
Glyphosat ist ein hoch umstrittenes Unkrautvernichtungsmittel, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Die EU-Kommission hat die Zulassung des Pestizids nun um fünf Jahre verlängert. ... 18 Mitgliedstaaten hätten für den Vorschlag der Kommission für eine Verlängerung um fünf Jahre gestimmt, neun dagegen, ein Land habe sich enthalten. Damit sei die nötige qualifizierte Mehrheit erreicht. Auch Deutschland hat für die weitere Zulassung gestimmt. ... Behörden, die sich um Risikobewertung kümmern, kommen im Zusammenhang mit Glyphosat zum Schluss, dass keine Gefahr für den Verbraucher besteht. So etwa die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa, die Chemikalienagentur Echa und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung.
Unabhängig davon gibt es Bedenken, unter anderem beim Umweltbundesamt, gegen die Vernichtung von Kräutern und Gräsern auf Ackerflächen. Damit werde Insekten und Feldvögeln großflächig die Lebensgrundlage entzogen. Bauernverbände warnen hingegen, sie müssten bei einem Verbot noch schädlichere und gleichzeitig weniger wirksame Pestizide einsetzen.
Die EU-Kommission wollte ursprünglich eine Verlängerung der Lizenz um zehn Jahre. Dafür bekam sie aber im Kreis der EU-Mitgliedsländer keine Unterstützung. Auch ein neuer Antrag auf Verlängerung um fünf Jahre fiel Anfang November zunächst durch. Daraufhin beantragte die Brüsseler Behörde das Vermittlungsverfahren, das nun erfolgreich war. Nach Angaben der EU-Kommission darf jedoch jedes Mitgliedsland noch selbst entscheiden und bei ernsten Bedenken den Verkauf von Glyphosat verbieten.
Die deutsche Bundesregierung, die seit der Bundestagswahl nur noch geschäftsführend im Amt ist, ist sich nicht einig. Das CSU-geführte Landwirtschaftsministerium war für und das SPD-geführte Umweltministerium gegen eine weitere Zulassung. Wegen dieses Widerspruchs enthielten sich deutsche Vertreter bei den vorangegangenen Abstimmungen - ein wesentlicher Grund, dass zuvor weder für noch gegen die Zulassung die nötige Mehrheit der Mitgliedstaaten zustande gekommen war.
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/glyphosat-eu-verlaengert-zulassung-um-fuenf-jahre-a-1180544.html

"Argentinien: Krank durch Glyphosat?" Simon Plentinger (21.07.2018)
In Argentinien werden Glyphosat und andere Agrarchemikalien in riesigen Mengen eingesetzt, vor allem beim Anbau von genmodifiziertem Soja. Es gibt zwar wissenschaftliche Hinweise, dass dies auf Kosten der Gesundheit der Landbevölkerung geht. Aber in Politik und Medien findet keine Diskussion darüber statt. ...
https://www.deutschlandfunk.de/argentinien-krank-durch-glyphosat.724.de.html?dram:article_id=423508

"Washington: USA: Glyphosat auf der Anklagebank" Dirk Hautkapp (16.07.2018)
Tausende Krebskranke wollen Chemiekonzern Bayer wegen seines Unkrautvernichters verklagen. Die Chemikalie trage Schuld an ihrer Erkrankung ... Bevor Johnson stirbt, so sagt sein Anwalt Timothy Litzenburg, soll in einem Jahrhundert-Prozess der Verursacher der Erkrankung haftbar gemacht werden. Nach Überzeugung von Johnson ist das der just für rund 63,5 Milliarden Dollar im deutschen Bayer-Konzern aufgegangene Agrar-Chemie-Riese Monsanto. Genauer: dessen weltweit jährlich rund fünf Milliarden Dollar einbringender Verkaufsschlager im Segment der Unkrautvernichter: Glyphosat. In Amerika und andernorts unter dem Namen „Roundup“ im Handel....
Dagegen steht ein Gutachten der zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörenden Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC). Dort hatten Wissenschaftler 2015 konstatiert, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend bei Menschen“ sei. Kalifornien, regelmäßig progressiver in Umweltfragen als andere Bundesstaaten, stufte Glyphosat danach als krebserregend ein.
Die Anwälte von Dewayne Johnson wissen, dass ihnen der lückenlose wissenschaftliche Nachweis der Krebsgefahr bei Glyphosat kurzfristig nicht gelingen kann. Stattdessen, so zeichnete sich beim Prozessauftakt am 9. Juli ab, unternehmen sie den Versuch, die Neutralität und Gründlichkeit der Untersuchungen zu erschüttern, die zur behördlichen Unbedenklichkeitsbescheinigung geführt hat.
Unabhängige Wissenschaftler, die Zweifel an der Monsanto-Lesart hegten, seien unter Druck gesetzt worden. Wisner will dies unter anderem anhand von internen Unterlagen belegen, die man von ehemaligen Monsanto-Angestellten bekommen habe.
Die Papiere werfen ein ungünstiges Licht auf das Unternehmen. Eine Mitarbeiterin konstatiert: „Wir haben keine Krebsstudien mit Roundup gemacht.“ In einem anderen Schriftverkehr heißt es, dass Monsanto-Angestellte als „ghostwriter“ an oberflächlich unabhängigen Studien mitgetextet haben sollen, was Monsanto bestreitet.
Im Gericht, so schilderte der Jurist Robert Kennedy Jr., der 800 Glyphosat-Opfer vertritt, wurde bereits der frühere Chef-Toxikologe Monsantos, Mark Martens, vernommen. Er soll geschildert haben, wie die Firma in den 90er-Jahren Studien wegdrückte, die Glyphosat als potenziell schädlich für die menschliche Genetik einstuften. Als der damals weithin anerkannte Experte Dr. James Parry als Gegengutachter angeheuert wurde, den prekären Befund jedoch bestätigte, soll die damalige Produktionsleiterin von Monsanto, Donna Farmer, erwogen haben, den Wissenschaftler zu bestechen, damit er seine Resultate abschwächt.
Damit fangen für Bayer die Probleme aber erst an. Parallel zum Präzedenzfall Johnson hat in der vergangenen Woche ebenfalls in San Francisco Bundesrichter Vince Chhabria die Schleuse für 400 weitere Klagen gegen Monsanto wegen Glyphosat geöffnet. Der Konzern hatte bis zuletzt erbittert um die Abweisung der Anträge gekämpft, hinter denen sich Landwirte, Gartenbaubetriebe und private Nutzer von „Roundup“ befinden. ...
https://www.morgenpost.de/web-wissen/article214853361/USA-Glyphosat-auf-der-Anklagebank.html

"BSAG rückt von Glyphosat ab" Elke Hoesmann (22.07.2018)
Die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) hat erstmals seit Jahren das Unkraut auf ihren Gleisanlagen nicht mit glyphosathaltigen Mitteln bekämpft. Aus eigenem Antrieb geschah das aber nicht. ... Es war vielmehr der Pflanzenschutzdienst des Landes, der einen BSAG-Antrag auf Ausbringen von Glyphosat ablehnte. Begründet wurde dies mit einem neuen Bürgerschaftsbeschluss. SPD, Grüne und Linke im Landesparlament hatten der BSAG vergangenen Dezember einen Denkzettel verpasst.
Das kommunale Verkehrsunternehmen soll keine Produkte mit Glyphosat mehr verwenden, wurde beschlossen. Außerdem sollen für diese Mittel keine weiteren Nutzungsgenehmigungen in Bremen ausgestellt werden. Kurz vor dem Votum hatte der WESER-KURIER berichtet, dass die BSAG zweimal jährlich glyphosathaltige Unkrautvernichter aufs Gleisbett bringt – insgesamt knapp 120 Liter auf zwölf Hektar....
... Die Substanz werde direkt auf das Schotterbett verteilt, erläutert Holling, so gebe es keinen Sprühnebel. Etwa eine Woche später welken die Pflanzen und sterben ab. Der Dienstleister protokolliert den Einsatz, der Pflanzenschutzdienst erhält die Aufzeichnungen. Laut Gesundheitsbehörde nahm der Dienst sogar eine Bodenprobe, um zu überprüfen, dass kein Glyphosat im Spiel war.
Kampf gegen Wildwuchs ohne Chemie – in kleinerem Umfang wird das in Bremen schon seit Längerem praktiziert. Auf Glyphosat und andere Pflanzenschutzmittel verzichten zum Beispiel der Umweltbetrieb oder Werder Bremen. Und bereits seit etlichen Jahren wird am Flughafen  das Unkraut mit heißem Schaum oder heißem Wasser niedergemacht. Auch Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) will nun den Glyphosat-Einsatz erheblich einschränken – aber wohl nicht im Gleisbereich: Ihre für nächstes Jahr geplante Verordnung soll kein Anwendungsverbot für die Deutsche Bahn enthalten....
https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-bsag-rueckt-von-glyphosat-ab-_arid,1751029.html

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #1 on: July 22, 2018, 06:28:44 PM »
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[...] Chlordecon rettete einst Bananenplantagen. Nun vergiftet es die Menschen auf den französischen Antillen. Der Fall zeigt, wie unberechenbar Pestizide sind. ... Ohne Pestizide könnte die Landwirtschaft nicht genug Nahrung für die Welt produzieren. Heißt es. Also wird schnellstmöglich gespritzt, was erlaubt ist  – ohne, dass langfristige Folgen abzusehen sind. In den aktuellen Debatten über das Unkrautgift Glyphosat oder die Insektenvernichter Neonicotinoide stehen sich Befürworter und Gegner dieser Stoffe unversöhnlich gegenüber. Dabei ließe sich aus der Geschichte lernen: Kaum ein Stoff hat besser gezeigt, wie riskant der exzessive Umgang mit Pestiziden ist wie Chlordecon.
Das Gift ist ein Musterbeispiel dafür, wie Behörden und die Lobby der Landwirtschaft mit falschen Entscheidungen die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürgern bedrohen, weil der Profit der Ernte über alles gestellt wird.
Galt Chlordecon in den Siebzigerjahren noch als Retter für die Bananenplantagen auf den französischen Antillen, ist es heute der Feind. So befreite Chlordecon einst die Stauden von Rüsselkäfern, die sich in Scharen über die Bananen hermachten, sich in die Früchte bohrten und sie faulen ließen. Doch fest steht auch: Die heute als krebserregend eigestufte PCB-Verbindung hat für Jahrhunderte Gewässer und Böden verseucht sowie Nahrungsmittel vergiftet.

Bereits 1979 schätzte die Weltgesundheitsorganisation WHO den Stoff als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Er gehört zum "Dreckigen Dutzend", einer Gruppe von zwölf Chemikalien, die sich im Körper anreichern, über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, in der Umwelt bestehen bleiben und über Nahrung in den Körper gelangen können. "Chlordecon ist ein monströser, bislang noch völlig unterschätzter Skandal", sagt Suzanne Dall, Agrarexpertin von Greenpeace in Frankreich. Zum ersten Mal sei ein Zusammenhang zwischen Erkrankungen wie Prostatakrebs und einem Pestizid nachgewiesen worden. "Die Bauern haben es massiv versprüht und über so große Flächen, dass die Folgen unbestreitbar sind." Erst 1993 wurde die Chemikalie verboten.

Noch heute, fast dreißig Jahre nach dem Verbot von Chlordecon, müssen die Antillaisen aufpassen, was sie trinken. Wenn die Kohlefilter auf der Inselgruppe ausfallen, fließt das Pestizid wieder aus dem Hahn. Zuletzt geschah das im Mai. Den gesamten Monat lang tranken die Anwohner verseuchtes Wasser, bis die Gesundheitsbehörde schließlich einschritt und Plastikwasserflaschen verteilte. Nun sollen die Kohlefilter erneuert werden.

Der aktuelle Fall zeigt einmal mehr: Chlordecon ist ein dramatisches Beispiel dafür, wie über Jahrzehnte die Schäden von Pestiziden unterschätzt wurden. Heute streiten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit darüber, ob Glyphosat krebserregend ist – die internationale Agentur für Krebsforschung IARC der WHO stuft Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" ein, während die Gesundheitsbehörden der europäischen Länder diese Krebsgefahr als nicht bewiesen ansehen. Auch die Debatte um Chlordecon war vor drei Jahrzehnten lange nicht entschieden: Die Wissenschaftler waren sich über die Schädlichkeit von Chlordecon so wenig einig wie sie es heute bei Glyphosat sind. Die Bananen wiesen weder damals noch heute Rückstände von Chlordecon auf, weswegen das Pestizid fälschlicherweise als unschädlich eingestuft wurde. Dass sich der Stoff Jahre später in Wurzelgemüsen und in Flüssen und Trinkwasser wiederfinden würde, war damals nicht klar.

Alleine die USA verboten Chlordecon bereits 1976, weil in einer ihrer Produktionsfirmen die Angestellten unter Gedächtnisstörungen, unwillkürlichen Augenbewegungen und depressiven Verstimmungen litten. Drei Jahre später dann schätzte die IARC Chlordecon als "möglicherweise krebserregend" ein. Inzwischen gilt es sogar als "bewiesenermaßen krebserregend".

Die französischen Behörden wollten bis vor wenigen Jahren die potenziellen gesundheitlichen Schäden ihrer Bürgerinnen und Bürger nicht erforschen. Erst knapp zwanzig Jahre nach dem Chlordecon-Verbot auf den Antillen bewies eine Studie des staatlichen Pariser Forschungsinstituts Inserm im Jahr 2012: Kinder, die schon während der Schwangerschaft oder auch nach der Geburt Chlordecon ausgesetzt sind – etwa durch das Trinkwasser oder verseuchte Nahrung – entwickeln sich körperlich und kognitiv schlechter als nicht belastete Kinder. Beispielsweise konnten sie sich insgesamt später Bilder merken und auch ihre motorischen Fähigkeiten, etwa kleine Dinge zu greifen und zu bedienen, entwickelten sich schlechter. Eine weitere Studie desselben Instituts bewies, dass Kinder von Müttern mit Chlordecon im Körper häufiger zu früh und unterentwickelt zur Welt kommen.

Noch immer hat Frankreich keine Eile, auf den Antillen über die Folgen des Pestizids aufzuklären. Eine erste staatlich finanzierte, inselweite Studie über die Folgen des Gifts für die Bürgerinnen und Bürger wurde 2013, ein Jahr nach dem Start, beendet. Das Argument: Der wissenschaftliche Beirat befand, die Methode sei nicht fehlerfrei. Noch heute sagt der Hauptautor der geplanten Studie, seine Forschungen seien gestoppt worden, weil der Regierung die Ergebnisse nicht gepasst hätten. Die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn will Geld zur Verfügung stellen, um eine neue Studie auszuschreiben. 2018: Das ist 25 Jahre nach dem Ende von Chlordecon in den Plantagen und fast fünfzig Jahre, nachdem Arbeiter begannen, die Inseln in einen Pestizidnebel zu versenken.

Da stellt sich die Frage: Hat Frankreich seine Bürgerinnen und Bürger in den Überseeregionen nicht ausreichend geschützt? Auf französischen Feldern in Europa war der Stoff schon 1990 verboten, auf den Antillen erst drei Jahre später. Eine Klage gegen unbekannt wegen der "Gefährdung Dritter und Nutzung von schädlichen Substanzen" wurde zwar von Umweltorganisationen vor dem Pariser Verwaltungsgericht schon 2006 eingereicht. Die Ermittler sind aber noch immer mit der Beweisaufnahme beschäftigt.

Selbst eine Entschädigung könnte den Bewohnern der Antillen nicht mehr ihr fruchtbares Land zurückbringen. Denn nicht nur die Plantagen sind belastet, sondern auch die umliegenden Felder und privaten Kleingärten. Die zuvor autarke Bevölkerung ist heute darauf angewiesen, ihre Lebensmittel zu importieren, um kein Chlordecon zu schlucken. So kam eine Studie der französischen Behörde Anses im Dezember 2017 zu dem Schluss, dass vor allem Fische aus den Bächen sowie Gemüse und Obst aus Familiengärten mehr Giftstoffe enthielten, als zulässig ist. Besonders also die ärmeren Menschen essen verseuchte Lebensmittel. Tatsächlich hat die Pariser Behörde Chlordecon in auf den Antillen weitverbreiteten Lebensmitteln gefunden – in Eiern, Süßkartoffeln, Fisch und der Ignamwurzel. Die Empfehlung der Behörde, nur noch viermal in der Woche Fisch zu essen und zweimal Wurzelgemüse, befolgen die rund 800.000 Bewohner bislang kaum. Beides gehört zu ihren Grundnahrungsmitteln. Es ist in etwa so, als ob deutsche Gesundheitsbehörden Kartoffeln und Brot auf den Index stellen würden.

Selbst diejenigen, die ihr Essen aus Importwaren bestreiten, sind laut der Pariser Zeitung Le Monde vor dem Pestizid nicht sicher. Eine Studie, die im Herbst dieses Jahres erscheinen soll, weist bei 90 Prozent der Bevölkerung einige Milligramm Chlordecon pro Liter Blut nach. Und: Schon 2010 bewiesen Forscher auf den Antillen, dass die Bewohner ein deutlich höheres Risiko haben, an Prostatakrebs zu erkranken – Männer leiden demnach 50 Prozent häufiger an diesem Krebs als beispielsweise in Europa (Journal of Clinical Oncology: Multigner et al., 2010).

Was bedeutet das nun für aktuelle Debatten um Pestizide? Zunächst einmal: Nur was verboten ist, wird nicht mehr gespritzt. Weder der Skandal um Chlordecon noch die Streitigkeiten um Glyphosat und Neonicotinoide haben den Verbrauch von Pestiziden verringert. Laut Bundesumweltamt sind zurzeit mehr als 750 Substanzen zugelassen, die auf Feldern weltweit versprüht werden dürfen. Und: Landwirte und Landwirtinnen nutzen seit Jahrzehnten ständig mehr von dieser Chemie. Obwohl sie eben nicht für eine ertragreiche Landwirtschaft nötig wäre, wie die Vereinten Nationen (UN) betonen.

Das Gegenteil sei der Fall. Pestizide würden die weltweite Nahrungsproduktion gefährden, weil sie Felder und Menschen vergiften. "Es ist ein Mythos der Chemielobby, dass nur mit Pestiziden die Menschheit ernährt werden kann", sagt Hilal Elver, Berichterstatterin für das Recht auf Nahrung bei der UN. Im Gegenteil: Pestizide zerstörten fruchtbare Landschaften. Langfristig könne nur eine ökologische, kleinteiligere Landwirtschaft den Hunger besiegen.

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Schillerschuppe #15

Der Wahnsinn so was. Aber man sieht ja an Bayer/Monsant, dass die Lobby eine gewaltige Macht hat.

Eine kritische Bemerkung hätte ich zum Artikel aber, wo die Pestizid-Problematik so schon erklärt wurde. Eher geographischer Art. Man könnte die Inseln zum besseren Verständnis mal benennen: Guadeloupe, Martinique, Saint-Martin und Saint-Barthélemy. Es gibt noch eine Menge mehr Inseln, die zu den Antillen gehören.


...


Aus: "Chlordecon: Das Pestizid, das aus dem Wasserhahn tropft" Annika Joeres (21. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-06/pestizid-chlordecon-gift-glyphosat-antillen/komplettansicht

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #2 on: July 22, 2018, 06:39:41 PM »
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[...] Meda ist eine von vielen kleinen Städtchen in der Lombardei – und außerhalb von Italien wäre sie den meisten Menschen unter normalen Umständen heute wohl völlig unbekannt. Doch in den Tagen nach dem 10. Juli 1976 gelangt der Ort zu trauriger Berühmtheit. In der Stadt unweit von Mailand ereignet sich an diesem Samstag einer der größten Chemieunfälle in der Geschichte Europas. Mittags um 12.37 Uhr kommt es in der dort ansässigen Chemiefabrik Icmesa zu einem fatalen Fall menschlichen Versagens. Durch einen Bedienungsfehler steigt die Temperatur in einem Behälter der Anlage immer weiter an und die Überhitzung erzeugt eine starke Druckerhöhung. Das Problem: In dem Behälter wird Trichlorphenol (TCP) produziert, ein Stoff, der noch heute als Vorprodukt für die Desinfektionsmittelherstellung verwendet wird. Läuft dieser Prozess bei zu hohen Temperaturen ab, entstehen große Mengen des Umweltgiftes Dioxin.

Diese werden in die Luft geblasen, als ein Sicherheitsventil des Kessels dem rasanten Temperatur- und Druckanstieg irgendwann nicht mehr standhalten kann. Die angeheizte Reaktion endet in einer gewaltigen Explosion. Mehrere Kilogramm 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-Dioxin (TCDD) werden dabei mutmaßlich freigesetzt – wie viel genau, weiß niemand.

Die giftgeschwängerte Gaswolke breitet sich nach dem Unfall blitzschnell aus und verseucht nicht nur Wiesen, Bäume und Ackerflächen rund um das Fabrikgelände. Sie treibt mit dem Wind auch in Orte wie Seveso – tagelang schwebt die Wolke über der Gemeinde, die dem Unglück später seinen Namen gibt. Insgesamt verteilt sich das Gift Schätzungen zufolge über eine Fläche von 320 Hektar.

Pflanzen, Tiere und Menschen sind in den betroffenen Gebieten akuter Gefahr ausgesetzt. Denn TCDD hat es in sich. Es gilt als eines der stärksten Gifte überhaupt. Schon ein Millionstel Gramm Dioxin reicht völlig aus, um Nagetiere wie Ratten oder Meerschweinchen zu töten. Beim Menschen hat es unter anderem eine krebsauslösende Wirkung. Trotzdem informiert die Firmenleitung die Öffentlichkeit zunächst nicht über die möglichen Risiken des Vorfalls. Auch die Produktion in der Fabrik geht erst einmal ohne Einschränkungen weiter.

Erst eine Woche nach dem Unglück wird bekannt, was die Icmesa-Betreiber von Beginn an wussten. Dass etwas nicht stimmt, bemerken die Menschen jedoch schon vor der offiziellen Bestätigung. Denn in den folgenden Tagen hinterlässt das Gift ein Bild der Verwüstung: Blumen verwelken, Bäume lassen ihre Blätter hängen, Tiere wirken aufgebläht und verenden. Kadaver säumen die Straßen.

Menschliche Todesopfer gibt es bis heute offiziell zwar nicht. Allerdings erkranken zahlreiche Bewohner der Gegen an einer gefährlichen "Chlorakne" mit den typischen, chronischen Hautveränderungen – betroffen sind fast ausschließlich Kinder. Sie sind es auch, die Untersuchungen zufolge seit dem Unglück vermehrt unter Entwicklungsstörungen leiden. Mehrere Studien haben zudem mittlerweile festgestellt, dass sich in den damals durch das Dioxin verseuchten Gebieten, tatsächlich bestimmte Krebsformen und Hautgeschwüre in der Bevölkerung häufen.

Die Schuld an dem Dioxin-Desaster will naturgemäß niemand tragen. Nach dem Ereignis mehren sich jedoch Hinweise darauf, dass nicht nur die schlampige Arbeit einer Person zu dem Unfall geführt hat. Es ist von Managementfehlern und mangelndem Wissen über die Gefahren des Trichlorphenols die Rede.

Zudem kursieren Gerüchte, dass das Dioxin in der Icmesa-Fabrik womöglich sogar mit Vorsatz erzeugt worden sein könnte: Als Zutat für die Produktion von Agent Orange – jenes Entlaubungsmittels, dass von den USA im Vietnam-Krieg massiv als chemische Waffe eingesetzt wurde. Ob an solchen Vermutungen etwas dran ist, ist auch lange nach dem Seveso-Unglück nicht endgültig geklärt.

In Meda erinnert 40 Jahre nach dem Vorfall kaum noch etwas an die Icmesa-Anlage und das, was dort am 10. Juli passierte. Auf dem Gelände der abgerissenen Fabrik befindet sich heute ein Sportplatz. Lediglich der Straßenname "Via Privata Icmesa" zeugt von der einstigen Chemiefabrik.

Aus: "40 Jahre Seveso-Unglück: Giftwolke über Italien" (2016)
Quelle: https://www.wissen.de/40-jahre-seveso-unglueck-giftwolke-ueber-italien

Das Sevesounglück war ein Chemieunfall, der sich am Samstag, 10. Juli 1976, in der chemischen Fabrik Icmesa im italienischen Meda, 20 Kilometer nördlich von Mailand, ereignete. Icmesa war ein Tochterunternehmen von Givaudan, das wiederum eine Tochter von Roche war. Das Betriebsgelände berührte das Gebiet von vier Gemeinden, unter ihnen Seveso, das Namensgeber des Unglücks wurde.
https://de.wikipedia.org/wiki/Sevesoungl%C3%BCck

"Die Fässer von Seveso" (2007)
In den 41 Fässern lagerte Abfall, kontaminiert mit 200 Gramm einer Chlorverbindung: TCDD-Dioxin, eines der stärksten je synthetisierten Gifte. Ein Millionstelgramm genügt, um einem Meerschweinchen den Garaus zu machen. Das Material stammte aus einem havarierten Chemie-Reaktor der Firma Icmesa bei Seveso, nördlich von Mailand. Icmesa gehörte zu Givaudan, einer Tochter des Basler Pharmaziekonzerns Roche. ... Der Chemieunfall in der Firma Icmesa bei Seveso ereignete sich am 10. Juli 1976. Sechs Jahre später sollten die hochgiftigen Rückstände aus dem Chemie-Reaktor an einem geheim gehaltenen Ort entsorgt werden. Die Fässer verschwanden, doch unter dem Druck der Öffentlichkeit wollten auch die Regierungen Italiens, Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz bald Klarheit. Der skandalöse Umgang mit dem Giftmüll hatte positive Seiten: 1989 einigten sich 116 Staaten auf die «Konvention von Basel», die unter anderem grenzüberschreitende Giftmülltransporte stark einschränkt. Diese sogenannten Seveso-Richtlinien sind 1999 durch griffige Haftpflichtbestimmungen ergänzt worden. In der Schweiz trat 1983 aufgrund des Skandals ein wirksames Umweltschutzgesetz in Kraft. (AdM.)
https://www.nzz.ch/die_faesser_von_seveso-1.559284

"Dementis, Lügen und verlorene Fässer - Die Praktiken der Chemiebosse" (Dieter Lohmann, Stand: 12.11.2010)
In den Tagen und Wochen nach dem Seveso-Unglück gab die Icmesa – ein Tochterunternehmen eines Tochterunternehmens des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche – ein denkbar schlechtes Bild ab.
http://www.scinexx.de/dossier-detail-518-7.html
« Last Edit: July 22, 2018, 06:42:05 PM by Link »

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Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #3 on: July 22, 2018, 06:45:10 PM »
""Agent Orange" im VietnamkriegDer größte Chemie-Angriff der Geschichte" Otto Langels (Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.02.2017)
Im Krieg gegen die Vietcong versprühte die US-Luftwaffe jahrelang tonnenweise Entlaubungsmittel über Vietnam. Doch es enthielt hochgiftiges Dioxin und hatte verheerende Folgen – bis heute. Vor 50 Jahren begann der flächendeckende Einsatz von "Agent Orange". Über 70 Millionen Liter Herbizide versprühte die US-Luftwaffe, darunter allein 45 Millionen Liter "Agent Orange" mit mehreren hundert Kilogramm Dioxin, die ein Siebtel der Gesamtfläche Vietnams langfristig kontaminierten. Die Folgen waren verheerend, denn Dioxin schädigt das Erbgut über Generationen und führt zu Missbildungen. ...
https://www.deutschlandfunkkultur.de/agent-orange-im-vietnamkrieg-der-groesste-chemie-angriff.932.de.html?dram:article_id=378270

Agent Orange ist die militärische Bezeichnung eines chemischen Entlaubungsmittels, das die USA im Vietnamkrieg und im Laotischen Bürgerkrieg großflächig zur Entlaubung von Wäldern und zum Zerstören von Nutzpflanzen einsetzten. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Agent_Orange