Author Topic: Diskursanalyse ...  (Read 7555 times)

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Diskursanalyse ...
« on: November 26, 2017, 02:26:14 PM »
Diskursanalyse ist ein Oberbegriff für die sozial- und geisteswissenschaftliche Analyse von Diskursphänomenen. Je nachdem, was als Diskurs betrachtet wird, gibt es hierfür unterschiedliche Herangehensweisen. ... Die sozialwissenschaftliche Diskursforschung untersucht die Regeln und Regelmäßigkeiten des Diskurses, seine Möglichkeiten zur Wirklichkeitskonstruktion, seine gesellschaftliche Verankerung und seine historischen Veränderungen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Diskursanalyse

https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Diskursanalyse

https://de.wikipedia.org/wiki/Gespr%C3%A4chsanalyse

Deutungsrahmen sind gesellschaftlich verbreitete und individuell angeeignete Wissensstrukturen, auf die Prozesse des Verstehens aufbauen. Deutungsrahmen sind vor allem auch für das Verständnis von sprachlicher Kommunikation bedeutsam, indem sie in der meist ungenauen Alltagskommunikation das Gesagte oder Geschriebene mit Kontextinformationen anreichern, die ihm erst seinen vollen Sinn verleihen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutungsrahmen

Konsenstheorie der Wahrheit
https://de.wikipedia.org/wiki/Konsenstheorie_der_Wahrheit

Mentalitätsgeschichte ist der Versuch von Historikern, die Mentalitäten, d. h. die Einstellungen, Gedanken und Gefühle der Menschen einer Epoche darzustellen und zu erklären.  ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Mentalit%C3%A4tsgeschichte
« Last Edit: October 01, 2020, 07:20:01 PM by Link »

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Diskursanalyse ...
« Reply #1 on: November 26, 2017, 02:32:51 PM »
"Diskursanalyse - Aktueller theoretischer Ort und methodische Möglichkeiten" Andreas Gardt (Datum ?)
Zu Beginn des Beitrags soll der Begriff der Diskursanalyse in einem Feld von  drei  Kategorien  betrachtet ....
https://www.uni-kassel.de/fb02/fileadmin/datas/fb02/Institut_f%C3%BCr_Germanistik/Dateien/DISKURSANALYSE_gardt.pdf

"Rechtspopulismus: Eigentlich waren wir religiös" Anselm Neft (25. November 2017)
Wie soll man mit Rechten umgehen? Argumente blocken sie ab, sagt unser Autor, der früher selbst ein Rechter war. Er empfiehlt das Schwierigste überhaupt: Menschlichkeit.
http://www.zeit.de/kultur/2017-11/rechtspopulismus-rechtsextremismus-debatte-reden-anselm-neft

Anselm Neft (* 6. Juli 1973 in Bonn) ist ein deutscher Romanautor, Satiriker und Publizist.
https://de.wikipedia.org/wiki/Anselm_Neft

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Quote
[...] Es wird hier eben nicht (nur) über konkrete Handlungsnotwendigkeiten und -optionen diskutiert, sondern (auch) auf einer Metaebene über die prinzipielle Frage, welche Argumente in diesen Diskussionen überhaupt zugelassen sind. ... Jedenfalls wird man der Idee, den Angriff auf bisherige diskursive Selbstverständlichkeiten dadurch abzuwehren, dass man deren Geltung durch Gesprächsverweigerung zu bekräftigen versucht, eher skeptisch gegenüberstehen müssen. Natürlich gibt es Dinge, die jenseits des Diskutierbaren liegen; Brandanschläge auf Flüchtlingsheime und offener Rassismus („einen Boateng wollen sie nicht als Nachbarn haben“) gehören fraglos dazu.

Aber wer für Zuzugsbegrenzungen, für Obergrenzen oder für die Wahrung der – was immer das sein soll – kulturellen Identität eintritt, ruft damit nicht zur Gewalt gegen die Flüchtlinge auf, die schon hier sind. Dies zu unterstellen ist der untaugliche Versuch, unangenehme Fragen loszuwerden, indem man sie in den Bereich des völlig Inakzeptablen drängt.
Die Rechtspopulisten wollen ethnische, religiöse und nationale Homogenitätsvorstellungen wieder auf die Tagesordnung setzen, die wir schon hinter uns gelassen glaubten. Dabei sind die Befürchtungen, dass Deutschland islamisiert wird oder es hier in großen Teilen demnächst aussieht wie in Berlin-Neukölln, sicherlich grotesk übertrieben. Das ändert aber nichts daran, dass die Frage gestellt wird, ob das Gemeinwesen nicht doch einmal etwa diskutieren muss, wie viel öffentliche Präsenz des Islam wir eigentlich wollen. Vielleicht kann und soll man das in einer freiheitlichen Gesellschaft gar nicht beeinflussen, aber dann muss man das auch sagen. Durch peinlich berührtes Beschweigen wird man das Problem nicht los.
Was in der Demokratie noch verhandelbar ist, ist eben legitimerweise selbst eine verhandelbare Angelegenheit. ...


Aus: "Schweigen hilft nicht weiter" Stefan Huster (5.6.2016)
Quelle: https://www.taz.de/Debatte-Umgang-mit-Rechtspopulisten/!5307087/
« Last Edit: October 01, 2020, 07:22:12 PM by Link »

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Diskursanalyse ...
« Reply #2 on: August 26, 2018, 11:00:15 AM »
""Desintegriert euch!": Gegen das deutsche Wir" Eine Rezension von Ann-Kristin Tlusty (23. August 2018)
Ein Buch im richtigen Moment: Der Autor Max Czollek rechnet in seinem furiosen Essay mit einem verklärten deutschen Selbstverständnis im Integrationsdiskurs ab.  Desintegriert euch! heißt eine nun erschienene Polemik, die die Integrationsdebatte allein deshalb neu beleben wird, weil sie ihre zentrale Vokabel ablehnt. Der Autor: Max Czollek, 31 Jahre alt, Publizist, Lyriker und Kurator im Umfeld des Berliner Maxim-Gorki-Theaters. Sein Buch, leitet Czollek ein, sei zudem das "von einem, der auszog, kein Jude zu werden. Sondern ein Politikwissenschaftler, ein Schriftsteller und Intellektueller. Und von einem, der schließlich auch Jude wurde".  ...
Czollek schreibt also aus jüdischer Perspektive gegen das Integrationsparadigma an. Um ihm in seinem Appell zur Desintegration folgen zu können, muss man erst einmal verstehen, worin sein Problem mit der Integration besteht: Czollek spricht von einem "Integrationstheater", der stetigen Inszenierung einer Denkweise, für die die Idee eines gesellschaftlichen Zentrums maßgeblich ist. Ein monolithisches deutsches "Wir" spiele in dieser Inszenierung die Hauptrolle, das komplementäre "Ihr" sei vertreten durch zwei Nebenrollen. Auf der einen Seite die guten (das heißt: hervorragend integrierten) Migrantinnen und Migranten, auf der anderen Seite die bösen (also: gruppenvergewaltigenden, barbarischen, integrationsunfähigen). Ein deutsches Selbstverständnis speise sich vor allem aus der Abgrenzung zu diesem bösen "Ihr", während das gute "Ihr" die Weltoffenheit der eigenen Gesellschaft demonstriere.
Die Beobachtung einer romantischen Verklärung von Migranten, ihrer Funktion als "Superdeutsche" ist vermutlich so alt wie der Integrationsdiskurs selbst. Czollek geht jedoch weiter: Das Integrationstheater sei nur eine von zwei Inszenierungen der deutschen Öffentlichkeit, denen er Publikum und Darsteller abtrünnig machen möchte: Eng verwandt sei das "Gedächtnistheater". Diesen Begriff prägte der Soziologe Michal Bodemann, um die Zurschaustellung einer betont vergangenheitsbewussten Erinnerungskultur zu beschreiben, die die jüdische Bevölkerung nach 1945 bis heute in eine perfide Rolle drängt. ...
https://www.zeit.de/kultur/literatur/2018-08/desintegriert-euch-max-czollek-migranten-juden-deutschland/komplettansicht

Max Czollek: "Desintegriert euch!" Hanser, München 2018, 208 Seiten

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Diskursanalyse ...
« Reply #3 on: August 29, 2018, 12:29:47 PM »
Quote
[...] In Wiesbaden steht eine riesige Erdogan-Statue. Die Kunstaktion der Wiesbaden-Biennale bringt Migranten in Rage. ... Trotz der Aufregungen entschied der Magistrat, sie aus Gründen der Kunstfreiheit stehen zu lassen, solange davon keine Gefahr für die öffentliche Ordnung ausgehe. Polizisten bewachen das Kunstwerk.

„Die Statue steht da, damit die Leute über die Figur diskutieren“, erklärt Uwe Eric Laufenberg, Intendant des hessischen Staatstheaters und verantwortlich für die Biennale, einem Jugendlichen, der an Deutschland kein gutes Haar lässt. „Ihr mit eurer Meinungsfreiheit“, schleudert dieser dem Intendanten entgegen. Warum da nicht Merkel stehe oder Trump? Über eine Stunde stellt sich Laufenberg den Fragen und Beschimpfungen der aufgebrachten Leute. „Kunst zeigt, was ist, das müssen wir aushalten“, wiederholt er sich.
Manche Menschen freuen sich, dass „ihrem Präsidenten“ so viel Ehre zuteil wird; einige Frauen lassen sich vor der Statue fotografieren. Andere erbost zutiefst, dass Erdogan für Kunst herhalten solle, um ihn damit zu kritisieren. ...


Aus: "Der goldene Erdogan" Madeleine Reckmann (29.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/rhein-main/erdogan-in-wiesbaden-der-goldene-erdogan-a-1572161

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Quote
[...] "Nach Einschätzung der Ordnungskräfte wäre eine ruhige und friedliche Atmosphäre nur durch den dauerhaften Einsatz starker Polizeikräfte zu erreichen gewesen." Nach Angaben der Polizei sind am Abend rund einhundert Beamte vor Ort gewesen. Die Lage habe sich zwar hochgeschaukelt, etwas strafrechtlich Relevantes sei allerdings nicht passiert, sagte ein Polizeisprecher.

Im Laufe des Tages sei dann zudem bekannt geworden, dass kurdische Kreise dazu aufgefordert hätten, überregional zu Protestaktionen nach Wiesbaden anzureisen, sagte Stadtsprecher Munser. Das hätte nach Einschätzung der Stadt "einen massiven dauerhaften Polizeieinsatz" nötig gemacht.

In dieser Situation hätten Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) und Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) kurz vor 21 Uhr den Abbau beschlossen ...


Aus: "Goldene Erdogan-Statue abgebaut: Das war der Grund" (29.08.2018)
Quelle: https://www.tag24.de/nachrichten/wiesbaden-hessen-grund-abbau-der-goldenen-erdogan-statue-kurden-aufmaersche-polizei-auseinandersetzung-754337

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Quote
[...] An Recep Tayyip Erdogan ist so gar nichts Witziges. Aber die Kunstaktion in Wiesbaden, bei der der türkische Präsident jetzt die Hauptrolle spielte, steckt voller Witze. Es sind keine guten.

Der erste schlechte Witz ist die goldene Statue selbst, die ein unbekannter Künstler im Rahmen der Wiesbadener Biennale aufgestellt hatte. Wenn er provozieren wollte, hätte er sich sicher etwas Intelligenteres ausdenken können. Die halbwegs naturgetreue Wiedergabe des Autokraten, die das „Denkmal“ darstellte, erschien doch allzu platt, um in die Kunstgeschichte einzugehen.

Der zweite schlechte Witz besteht darin, dass die Provokation trotzdem gelang. Auf dem Wiesbadener Platz der Deutschen Einheit versammelten sich nicht nur, aber offenbar zahlreich, diejenigen Menschen, denen in ihrer verbohrten Denke jede ironische Distanz abhandengekommen ist, falls je vorhanden. Statt sich auch nur einen einzigen Gedanken zu machen, ob sich hinter dem Abbild nicht doch eine Botschaft verbirgt, warfen sie sich ihre Meinung zu dem Menschenrechtsverächter gegenseitig an die Köpfe – brüllend und offenbar bis nah an die Grenze zur Gewalt. Meinungen, die, nicht zu erweichen durch Argumente, so fest in Stein gemeißelt sind wie ein Standbild.

Der dritte schlechte Witz ist der Umgang der Stadt mit dem Thema: Den ganzen Dienstag lang – auch, als schon Polizeipräsenz notwendig geworden war –, beteuerten die Verantwortlichen, die Kunstfreiheit habe Vorrang, solange die öffentliche Sicherheit nicht in Gefahr sei. Aber dann, abends um viertel vor elf, fiel ihnen ein, dass ihnen die Sache doch zu riskant erschien. Wie prekär die Lage zu diesem Zeitpunkt war, ist von außen schwer einzuschätzen, es gab unterschiedliche Angaben dazu.

So oder so: Das war der Moment, in dem das gar nicht witzige Endergebnis des Vorgangs amtlich wurde. Mit der Statue verschwand ein Stück Kunstfreiheit aus dem öffentlichen Raum. Es verschwand deshalb, weil das Geschrei der Empörten (und der Erdogan-Fans) offenbar stärker war als die Macht des Staates, Schlimmeres zu verhindern. Insofern hat die Statue, unabhängig von ihrer Qualität, ein Stück Aufklärung über die unerfreuliche Lage im Land geleistet.

An eines muss offenbar erinnert werden: Kunstfreiheit erweist sich gerade darin, dass sie auch „schlechte“ Kunst, selbst schlechte Witze, schützt. Kunst, die keinen stört, kann jeder schützen. Dass Kunst auch polarisieren können muss: Dieses Grundprinzip von Demokratie hat in Wiesbaden eine Niederlage erlitten.


Aus: "Mit Erdogan verschwindet die Kunstfreiheit" Stephan Hebel (29.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/politik/meinung/kommentare/streit-um-erdogan-statue-mit-erdogan-verschwindet-die-kunstfreiheit-a-1572425
« Last Edit: August 29, 2018, 12:59:13 PM by Link »

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Diskursanalyse ...
« Reply #4 on: April 22, 2020, 04:24:19 PM »
Ruth Wodak (* 12. Juli 1950 in London) ist eine österreichische Sprachwissenschaftlerin und ehemalige Professorin für Sprachwissenschaften der Universität Wien und der Lancaster University. Wodak ist eine der exponiertesten Vertreterinnen der kritischen Diskursanalyse und hat sich intensiv mit der Vorurteilsforschung auseinandergesetzt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Wodak

Quote
[...] Angesichts der Wahlerfolge einschlägiger Parteien kommt dem Populismus in der öffentlichen Wahrnehmung eine hohe Bedeutung zu. Beachtenswert dabei sind aber nicht nur die einzelnen Akteure, also die gemeinten Parteien und Politiker. Besonderes Interesse verdient auch die Art und Weise, wie sie sich mit ihrem Publikum in Verbindung setzen wollen.

Welche Diskurstechniken dabei genutzt werden, konnte man in Österreich bereits seit Ende der 1980er Jahre anhand von Jörg Haiders Rechtspopulismus beobachten.

Dies tat damals schon Ruth Wodak, die 1991 als Professorin für Angewandte Sprachwissenschaft an die Universität Wien berufen wurde. Sie publizierte fortan eine Fülle von diskursanalytischen Studien zum Populismus-Phänomen in ihrem Heimatland. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklung kann nicht verwundern, dass Wodak beim Thema blieb. In ihrem Buch "Politik mit der Angst. Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse" will sie die "Mikropolitik des Rechtspopulismus" (S. 13) anhand von 14 Textbeispielen nachzeichnen

Die Autorin verdeutlicht dabei, wie rechtspopulistische Parteien "ihre Ideologien und ihre ausgrenzende Propaganda tatsächlich produzieren und reproduzieren, im politischen Alltag, in den Medien, im Wahlkampf, auf Plakaten, in Parolen und Reden" (S. 18f.). Damit soll auch ein Beitrag zur Erklärung von deren Wahlerfolgen geliefert werden.

Den Einstieg wählt Wodak über eine Auseinandersetzung mit der Definition von Populismus, wobei sie auf den Aspekt der Angsterzeugung und Ausgrenzung, aber auch der Identitätsbeschwörung und die Skandalisierungen intensiver eingeht. Dies geschieht nicht nur an einem Beispiel, nimmt sie doch Phänomene aus den unterschiedlichsten Ländern ins Visier. Dabei wird auch deutlich, dass es sich eben nicht um ein besonderes nationales Phänomen handelt, kann man doch ähnliche Entwicklungen in unterschiedlichen Staaten konstatieren. Die Diskurse weisen dabei in Form und Inhalt viele Parallelen auf. Insofern können die bei der Analyse gewonnenen Erkenntnisse auch auf nicht genannte Fallbeispiele übertragen werden.

Wodak stellt dabei auf unterschiedliche Aspekte ab: Sie verweist darauf, dass Normen und Tabus verletzt werden. Die Beschwörung von Identitäten wird als typisches Merkmal herausgearbeitet. Besondere Aufmerksamkeit widmet die Autorin dann der Politik der Ausgrenzung, wobei auch Besonderheiten herausgearbeitet werden. Diese bestehen etwa in der Leugnung von Rassismus, wozu Dementis und Rechtfertigungsstrategien dienen. Sie erkennt im populistischen Diskurs aber auch eine Politik des Nationalismus, nicht nur bezogen auf Grenzen oder die Nation, sondern auch auf die Familie und den Körper.

Ein besonderes Kapitel widmet sich dem Antisemitismus, wobei sowohl klassische wie moderne Formen der Judenfeindschaft im Rechtspopulismus thematisiert werden. Es geht aber auch um die Bedeutung von Charisma und den Medien ebenso wie um das Geschlechterverständnis und die Körperpolitik. Und schließlich problematisiert Wodak die schleichende Normalisierung populistischer Diskursformen und –inhalte.

Das Besondere an der Buchveröffentlichung ist die diskursanalytische Perspektive. Auch wenn die Autorin sich hier und da zur Entwicklung rechtspopulistischer Akteure äußert, steht doch deren öffentliches Wirken im Vordergrund. Dabei wird sowohl mit abstrakten Bildern wie mit konkreten Fallbeispielen zur Veranschaulichung gearbeitet. Gelegentlich geschieht dies etwas sprunghaft und unverbunden. In der Gesamtschau werden die angesprochenen Mechanismen aber überzeugend herausgearbeitet. Ganz am Ende hätte man sich noch eine Art bilanzierende Theorie gewünscht, wo die Diskurs- und Manipulationstechniken populistischen Vorgehens systematisch zusammengestellt worden wären. Dadurch hätten sich die Gemeinsamkeiten zwischen so scheinbar unterschiedlichen Akteuren wie der FPÖ in Österreich und der Tea Party in den USA noch deutlicher aufzeigen lassen. Interessant wären auch Reflexionen zu der Frage gewesen, ob es eine Art Populismus "von links" oder aus der "Mitte" mit ähnlichen Strukturmerkmalen gibt.

Ruth Wodak, Politik mit der Angst. Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse, Wien – Hamburg 2017 (Edition Konturen), 254 S., ISBN 978-3-902968-10-4


Aus: "Diskursanalysen zum Rechtspopulismus" Armin Pfahl-Traughber" (3. Jan 2018)
Quelle: https://hpd.de/artikel/diskursanalysen-zum-rechtspopulismus-15137

Quote

Klarsicht am 3. Januar 2018 - 10:44

Populist.

Im gesellschaftlichen Diskurs wird immer noch in inflationärer Art und Weise der negativ besetzte Begriff „Populist“ verwendet. Gemeinhin gilt jemand als „Populist“, der mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen hausieren geht. In dem Kontext ist es schon eine Weile sehr beliebt, den Begriff „Rechtspopulist“ zu verwenden. In unserer Gesellschaft scheint mir ein großes „Nest solcher Populisten“ aus den christlichen und islamischen Klerikern und deren „Gefolgschaften“ zu bestehen. Denn sie orientieren sich bei ihrem Lebensvollzug an Ideologien, die inhaltlich eindeutig (rechts)populistische Charakterzüge aufweisen. Und diese „Nest-Mitglieder“ empfehlen, dass sich alle Gesellschaftsmitglieder so wie sie verhalten sollten – populistisch.

Zum politischen Spektrum in der BRD gehören die aktiven Mitglieder der SPD, CDU, CSU, Linken, Grünen, FDP, AfD, NPD usw. usf. sowie deren Sympathisanten. In der politischen Auseinandersetzung kommt es nicht gerade selten vor, dass man sich wechselseitig vorwirft, ein (Rechts)Populist zu sein. Viele dieser Mitglieder und Sympathisanten gehören über alle Konfessionen hinweg zu den „Gefolgschaften“ der Kleriker. Alle diese Mitglieder sind letztlich durch dasselbe suspekte religiöse Weltbild vereint: Sie alle empfinden sich als Christen oder Muslime. Somit könnte man sie unter der Bezeichnung „Religions- und Glaubens-Populisten“ subsumieren.

Gruß von
Klarsicht



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Diskursanalyse ...
« Reply #5 on: April 22, 2020, 04:33:18 PM »
Quote
[...] Viele seiner Gedanken, Begriffe und Methoden sind in jene Gebiete der Kultur aufgenommen werden, die er zuvor kritisiert hatte. Foucaults Diskursanalyse, mit der er jene Strukturen herausarbeitete, die dem Denken und Handeln der Menschen in einer bestimmten Zeit ihr Gepräge geben, ist eine anerkannte Methode in etlichen wissenschaftlichen Disziplinen geworden: in der Soziologie, Ethnologie, Literatur- und Geschichtswissenschaft und in der Philosophie.

Seine Schriften zu modernen Machttechniken zeigen, wie eng Macht mit Wissen und körperlich wirksamen Disziplinen verbunden ist. Sie haben einen neuen Typus wissenschaftlichen Denkens geprägt. Die intellektuelle und biografische Unrast des Michel Foucault machte es schon zu seinen Lebzeiten schwer, ihm einen Stempel zu verpassen. Wahlweise als Kommunist, Dandy, Reaktionär, Antihumanist oder Anarchist bezeichnet, wurde ihm keine dieser Zuschreibungen gerecht. Vor allem in seiner letzten Schaffensphase bestand er auf der Möglichkeit zur Wandlung der eigenen Gestalt und suchte jenseits des Zugriffs moderner Macht nach Formen der Selbstgestaltung.

Bis zuletzt hat sich Foucault philosophisch wie politisch, im Hörsaal und auf der Straße bemüht, für jene zu sprechen, die in der herrschenden Ordnung keine Stimme haben – die Wahnsinnigen, die Inhaftierten, diejenigen, deren Begehren die Gesellschaft als pervers bezeichnet.

Auszug aus dem Manuskript der Ersten Stunde: Die Verschränkung von Leben und Werk – Stationen einer Biografie - Michel Foucault: „Was mich beeindruckt, wenn ich mir meine Kindheitseindrücke in Erinnerung zu rufen versuche, ist, dass beinahe alle meine gefühlsmäßig starken Reminiszenzen mit der politischen Situation verknüpft sind. Die Drohung des Krieges war unser Horizont, unser Existenzrahmen. Weitaus mehr als das Familienleben bilden die Ereignisse des ‚Weltlaufs‘ die eigentliche Substanz unseres Erinnerungsvermögens. Ich sage ‚unseres‘, weil ich sicher bin, dass die Mehrzahl der Jungen und Mädchen damals dieselbe Erfahrung machte. Unser Privatleben war wahrhaft bedroht. Und das ist wahrscheinlich der Grund, weswegen ich von der Geschichte und von der Beziehung zwischen persönlicher Erfahrung und jenen Ereignissen fasziniert bin, in die wir verstrickt sind. Ich glaube, das ist der Ausgangspunkt meiner theoretischen Neigung.“

Dieser autobiografische Splitter stammt aus einem der späten Gespräche, in denen Foucault bereitwilliger als in jüngeren Jahren über persönliche Belange Auskunft erteilt. Der Philosoph verortet den Ursprung seines Denkens hier in den Erfahrungen der Kindheit.

...


Aus: "Die Spur der Macht in uns allen" Christoph David Piorkowski (08.10.2016)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/eine-lange-nacht-ueber-michel-foucault-die-spur-der-macht.704.de.html?dram:article_id=365838

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Diskursanalyse ...
« Reply #6 on: August 17, 2020, 09:55:19 AM »
Quote
[...] ... Die Kunst des Zuhörens verdient jede Förderung. ... Erzählzeit zu kapern, nur weil der Gesprächspartner kurz innehält, ist wirklich eine grobe Unhöflichkeit. Man bringt damit zum Ausdruck, dass man sich für sein Gegenüber im Grunde überhaupt nicht interessiert, die Geschichte des anderen total langweilig findet und die eigene superspannend. Das ist nicht nur sehr egoistisch, sondern auch ein bisschen dumm.

Man lernt ja in der Regel mehr, wenn man einem anderen zuhört, als wenn man Anekdoten aus dem eigenen Leben erzählt.

...


Aus: "Die Kunst des Zuhörens" Elisabeth Binder (16.08.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/kolumne-sonntagsfragen-die-kunst-des-zuhoerens/25996782.html


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Diskursanalyse ...
« Reply #7 on: August 26, 2020, 10:35:56 AM »
Quote
[...] Eins vorweg: Wenn Sie das Coronavirus für eine Erfindung halten und Bill Gates für den heimlichen Chef einer Weltverschwörung, dann sollten Sie besser nicht weiterlesen. Oder falsch: Gerade dann sollten Sie weiterlesen! Schon klar: Egal, was wir von der gelenkten und lügenhaften Mainstream-Fake-Presse hier schreiben, Sie werden es uns ohnehin nicht glauben. Dabei ist es überaus erfrischend, sich mit den Argumenten anderer auseinanderzusetzen. Deshalb wollen wir das an dieser Stelle tun – voilà: Fünf Dinge, mit denen Corona-Leugner anderen in der Pandemie ziemlich auf die Nerven gehen.

1. Kein Maß

Die Zustände, unter denen wir in Deutschland leben, sind die besten, die dieses Land je erlebt hat. Wer hier lebt, kann frei seine Meinung sagen, ohne Repressionen oder Schlimmeres befürchten zu müssen; die Demokratie ist stabil, die staatlichen Strukturen funktionieren reibungslos, es gibt sauberes Trinkwasser und ein dichtes soziales Netz. Vor allem ist unser Gesundheitssystem so gut, dass es selbst eine Pandemie in Schach halten kann, die es nach Meinung vieler Coronaleugner gar nicht gibt. Wer deshalb ernsthaft davon überzeugt ist, das Tragen von Papier- oder Stoffmasken – von Masken! – sei ein Akt staatlicher Bevormundung und ein massiver „Eingriff in unsere Freiheitsrechte“, der hat offenkundig noch nie von Ländern gehört, in denen Freiheitsrechte wirklich massiv eingeschränkt werden, von Nordkorea über Weißrussland bis nach China oder Tschetschenien. Die Kritik an den angeblich so „repressiven“ Maßnahmen in der Corona-Pandemie entbehrt deshalb jeder Verhältnismäßigkeit. Angesichts der Bilder im Frühjahr aus Spanien oder Norditalien, wo die Krankenhäuser von schwer- und schwerstkranken Covid-19-Patienten überfüllt waren und die Leichen der Gestorbenen in der Nacht mit Militärfahrzeugen in improvisierte Leichenhallen geschafft werden mussten, sind Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen und Nies-Etikette ein mehr als vertretbarer Preis dafür, dass Deutschland die Pandemie bislang sehr gut gemeistert hat.

2. Keine Toleranz (für Fehler)

Ja, es stimmt: Manche Politiker haben zu Beginn der Krise noch anders geredet als ein paar Monate später. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hielt eine allgemeine Maskenpflicht noch im März nicht für geboten – um sie wenige Wochen später dann plötzlich doch für sinnvoll zu erachten. Auch Infektiologen wie Christian Drosten von der Berliner Charité haben sich in den vergangenen Monaten immer wieder selbst korrigiert – und schon begann in den Kreisen jener, die Behörden, Politiker und die Vertreter des „Systems“ ohnehin für Scharlatane halten, wieder das Geraune von „Fake-News“. Wie billig – und wie unehrlich. Denn: Dieses Virus ist neu, und nicht nur die Politik, sondern auch die Forschung mussten sich erst Stück für Stück mit ihm und der neuen Bedrohung vertraut machen. Falschannahmen und Fehleinschätzungen, die man wenig später wieder korrigieren muss, weil sie von neuen Forschungserkenntnissen überholt wurden, sind dabei nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und sie sind nicht automatisch ein Zeichen mutwilligen Betrugs oder von „Fake-News“, sondern einer Wissenschaft, die zu ihrer Fehlbarkeit steht und dadurch umso glaubwürdiger wird. Dasselbe gilt für Politiker: Lieber Volksvertreter, die offen mit Fehleinschätzungen umgehen und hoffentlich aus ihnen lernen, als ein egomaner, besserwisserischer Präsident wie Donald Trump, der sich schon zu Beginn der Pandemie zum größten denkbaren Fachmann für Corona-Fragen stilisierte und den Amerikanern unter anderem den gefährlichen Ratschlag gab, sich Desinfektionsmittel zum Schutz gegen das Virus zu spritzen.

3. Der Generalverdacht

Die Corona-Pandemie ist für viele ein gefundenes Fressen, die ohnehin ein tiefes Misstrauen gegenüber der Politik hegen. Deshalb sind die Proteste gegen die Pandemiemaßnahmen auch ein Sammelbecken für viele, die ihren Frust loswerden wollen: Frust über die Flüchtlingspolitik der Merkel-Regierung und die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich; über das Gefühl der Machtlosigkeit und die empfundene Bevormundung der „kleinen Leute“; über unsere immer unübersichtlicher werdende Welt und angebliche „Chemtrails“, mit denen eine vermeintliche Riege mächtiger Verschwörer um Bill Gates sich die Welt untertan machen will. Statt zu differenzieren und rational zu argumentieren, ventilieren viele nur noch ein diffuses Unbehagen gegen „dieses System“ und „die da oben“, denen per se jede Aufrichtigkeit abgesprochen wird.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist richtig und notwendig, Politiker, Behörden, Ärzte und Forscher kritisch zu hinterfragen und nicht jede vermeintliche Wahrheit unwidersprochen hinzunehmen. Das gilt für die Corona-Pandemie genauso wie für alle anderen Zeiten auch. Und selbstverständlich kann man die Corona-Maßnahmen, die die Regierung getroffen hat, über- oder untertrieben, noch angemessen oder schon zu freiheitseinschränkend finden. Doch dieser für eine Demokratie eigentlich lebenswichtige „kritische Bürgersinn“ ist bei manchen längst aus dem Ruder gelaufen, weil er nur noch der Legitimation eines destruktiven Widerstands gegen „dieses System“ dient: Hauptsache, dagegen – weil nicht sein kann und darf, was gerade „Mainstream-Meinung“ oder gängiger Forschungsstand ist.

Wer aber jeglichen wissenschaftlichen Fakt schon deshalb ablehnt, weil es in Zeiten des Internets für jede Zahl eine Gegenzahl gibt und jede Erkenntnis schon im Moment ihrer Veröffentlichung von selbsternannten „Experten“ in irgendeinem obskuren Netzforum „widerlegt“ wird, der darf an gar nichts mehr glauben. Nicht daran, dass die Welt eine Kugel ist – und schon gar nicht an den alleinigen Wahrheitsanspruch der obersten Verschwörungstheoretiker. Niemand kann für sich in Anspruch nehmen, die ultimative Wahrheit zu vertreten, kein Politiker, kein Wissenschaftler, aber eben auch kein Attila Hildmann. Und so lange keine besseren Fakten verfügbar sind, müssen wir uns mit denen begnügen, die wir haben. Das erfordert Kraft und Geduld, die viele nicht (mehr) aufbringen wollen oder können. Lieber erfinden sie – oder glauben an – alternative Fakten.

4. Der Egozentrismus

Nun könnte man ja sagen: Lasst denen, die nicht an die Gefährlichkeit des Coronavirus glauben wollen, doch ihre Meinung! Lasst sie doch protestieren und dabei keine Maske tragen – denn das versteht man doch unter Freiheit in einer Demokratie: anderer Auffassung sein zu dürfen, ohne deshalb Repressionen befürchten zu müssen. Richtig: Jeder hat die Freiheit, sich mit einem Virus anzustecken, an das er gar nicht glaubt. Und natürlich dürfen Tausende in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen. Wenn sie dabei aber einen neuen Infektions-Hotspot heraufbeschwören und nicht nur sich selbst, sondern auch viele andere gefährden, dann hat das nichts mehr mit Freiheit zu tun, sondern mit Ignoranz. Statt zu sagen, ich glaube zwar nicht an Corona, aber aus Solidarität mit denen, die an das Virus glauben, trage ich trotzdem eine Maske, kreisen gerade viele angebliche Kämpfer für die Bürger- und Freiheitsrechte nur um einen Fixstern: um sich selbst. Dabei ist es ein bisschen wie mit dem Rauchen, das im öffentlichen Raum aus gutem Grund seit vielen Jahren sukzessive reglementiert wurde: Wer rauchen und seine eigene Gesundheit ruinieren möchte, der soll das tun – aber ohne dadurch andere Menschen zu gefährden. Und wer nicht an die Gefährlichkeit des Coronavirus glaubt, etwa weil er jung und weniger gefährdet ist, der sollte sich selbst nicht zum Maßstab aller Dinge erklären. Sondern auch an die Älteren und Gefährdeten denken, bevor er die Maske im Supermarkt abnimmt.

5. Die Diskussionskultur (der Kritiker der Corona-Skeptiker)

Richtig gelesen: Wir nehmen sie auch in Schutz, diejenigen, die die Corona-Maßnahmen skeptisch sehen. Denn gerade darum geht es doch: die Dinge differenziert zu betrachten. Deshalb ist es ein Problem, wenn die SPD-Vorsitzende Saskia Esken die Anti-Corona-Protestler pauschal als „Covidioten“ bezeichnet. Schließlich gibt es unter jenen, die sich kritisch über die Pandemiemaßnahmen äußern und dafür auf die Straße gehen, sehr viele sehr kluge Menschen. Sie argumentieren differenziert, wägen Argumente ab, sind bereit, ihre Meinung auch zu ändern, wenn sie zu neuen Erkenntnissen gekommen sind. Eine pauschale Bezeichnung dieser Kritiker als „Covidioten“ ist nicht konstruktiv und schürt noch die Vorbehalte gegenüber „denen da oben“, die die Bedenken vieler Bürger angeblich nicht ernstnehmen.

Es ist legitim, Menschen auf das Heftigste zu kritisieren, die wilde, unreflektierte Verschwörungstheorien über das Virus und seine Herkunft verbreiten und für Argumente nicht (mehr) zugänglich sind. Aber das ist es nur dann, wenn man gleichzeitig diejenigen ernst nimmt, die noch bereit zur rationalen Diskussion sind. Eine Debatte erfordert schließlich die Bereitschaft zur Einsicht. Auf beiden Seiten.


Aus: "Kolumne „Fünf Dinge“: Fünf Dinge, die an Corona-Leugnern nerven" Oliver Georgi (26.08.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/fuenf-dinge/verschwoerungstheorien-diese-fuenf-dinge-nerven-an-corona-leugnern-16918502.html

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« Reply #8 on: October 01, 2020, 07:18:51 PM »
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[...] Ständige Unterbrechungen und Beleidigungen: Das erste TV-Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden hinterlässt verärgerte Zuschauer. Der Moderator konnte kaum mäßigen.

Chaos, Unterbrechungen und Beleidigungen haben das erste TV-Duell von US-Präsident Donald Trump und seinem Wahlherausforderer Joe Biden geprägt. Trump gab bei der Fernsehdebatte den Ton vor, indem er dem Präsidentschaftskandidaten der oppositionellen Demokraten ständig ins Wort fiel. Biden wiederum bezeichnete Trump als "Lügner", "Clown" und "Rassisten" – und fuhr ihn einmal mit den Worten "Halt den Mund, Mann!" an.

Laut des Konzepts sollten sechs Themenblöcke für jeweils 15 Minuten diskutiert werden. Der Moderator stellt eine Frage, die Kandidaten haben jeweils zwei Minuten für ihr Statement, danach folgt eine offene Diskussion. Diese Struktur fiel schnell auseinander, der erfahrene TV-Journalist Chris Wallace vom konservativen Fernsehsender Fox News hatte als Moderator der Debatte große Probleme, Trump zur Ordnung zu rufen. Er versuchte wiederholt, ihm Einhalt zu gebieten und ermahnte ihn, die Regeln der Debatte einzuhalten. Der angesehene Journalist blieb dabei allerdings meist erfolglos.

Biden wiederum lachte immer wieder – um deutlich zu machen, dass er sich von dem Präsidenten nicht provozieren lassen wollte. Er reagierte häufig mit einem ironischen Lächeln und wehrte sich gelegentlich mit leicht resigniertem Ton. "Würden Sie mal die Klappe halten, Mann?", fragte er an einer Stelle. Und: "Es ist schwer, mit diesem Clown auf den Punkt zu kommen." Häufig sprach er auch direkt in die Kamera, um sich an die Fernsehzuschauer zu wenden.

Neben den ständigen Unterbrechungen mit lauter Stimme warf Trump seinem Rivalen vor, die "radikale Linke" habe ihn um den "kleinen Finger gewickelt". Der frühere Vizepräsident sei zudem alles andere als "schlau". Der Präsident attackierte Biden auch für Geschäfte von dessen Sohn Hunter in der Ukraine und mit China. Außerdem mokierte er sich darüber, dass sein 77-jähriger Herausforderer wegen der Corona-Pandemie so häufig eine Schutzmaske trage – "die größte Maske, die ich jemals gesehen habe".

Biden hielt dagegen – und fuhr selbst scharfe Attacken gegen den Präsidenten. "Alle wissen, dass er ein Lügner ist", sagte der Ex-Vizepräsident. Er machte Trump für das verheerende Ausmaß der Corona-Krise in den USA mit bislang mehr als 205.000 Toten verantwortlich. Er habe schon im Februar über die Gefahr durch Covid-19 Bescheid gewusst, sagte Biden. "Er hat gewartet und gewartet und gewartet. Er hat noch immer keinen Plan." Biden bezeichnete Trump als "schlimmsten Präsidenten, den Amerika jemals hatte". Trump sei außerdem ein "Hündchen" des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

... Bei den Zuschauern kam das Spektakel nicht gut an. Befragt nach ihrem überwiegenden Gefühl beim Anschauen der Debatte antworteten in einer CBS-Blitzumfrage mehr als zwei Drittel (69 Prozent), die Diskussion habe sie vor allem verärgert. Nur 31 Prozent fühlten sich davon unterhalten. In der Umfrage mit mehreren Antwortmöglichkeiten gaben zudem 19 Prozent an, sie seien nach der Sendung pessimistisch. Lediglich 17 Prozent erklärten, die Debatte sei für sie informativ gewesen. Den Ton der Diskussion, bei der vor allem der republikanische Amtsinhaber Trump seinem Herausforderer wiederholt ins Wort fiel, empfanden 83 Prozent der Befragten als negativ, nur 17 Prozent als positiv.

Auf die Frage, wer die Debatte gewonnen hat, nannten 48 Prozent Biden und 41 Prozent Trump. Rund zehn Prozent bewerteten den Ausgang als unentschieden.

Die erste TV-Debatte zwischen Trump und Biden fünf Wochen vor der Präsidentschaftswahl am 3. November wurde in der Case Western Reserve University in Cleveland im Bundesstaat Ohio ausgetragen. Der in Umfragen zurückliegende Republikaner Trump und der Demokrat Biden werden vor der Wahl noch in zwei weiteren Fernsehdebatten am 15. Oktober und am 22. Oktober aufeinandertreffen.


Aus: "TV-Duell zwischen Biden und Trump: "Würden Sie mal die Klappe halten, Mann?"" (30. September 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-09/tv-duell-donald-trump-joe-biden-debatte-corona-politik-rbg-nachfolge

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marcelmuellberg #9

Die präsidiale Schlammschlacht ist wie ein Unfall in Zeitlupe.
Man weiß, es ist schlecht, aber man kann nicht wegsehen.


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Nightrider #9.1

“Never wrestle with pigs. You both get dirty and the pig likes it.”


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this is so contemporary #10

Ich finde es unglaublich wie es ein Mann in einer Machtposition wie Trump nicht einmal schafft sich an einfachste Kindergartenregeln zu halten, wie ist der bitte dort hingekommen? ...


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Einfacher Bürger #10.1

"...wie ist der bitte dort hingekommen?"

"...wie Trump nicht einmal schafft sich an einfachste Kindergartenregeln zu halten,"

Genau deshalb.

Eine Menge Amerikaner hatten die etablierten US-Politiker einfach satt - was ich sogar verstehen kann. Dass sie mit Trump vom Regen in die Traufe gekommen sind, ist diesem Teil der Amerikaner dann auch schon egal. Dass so eine Einstellung überhaupt entstehen kann, macht klar, was Republikaner und Demokraten in den letzten Jahrzehnten versaut und gesät haben.
Das ist die Ernte.


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Dynamite Larry #14

Wallace war nicht echt zu beneiden. Aber ich finde, er hat seinen schwierigen Job heute recht gut erledigt.


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Instant Karma #28

Wenn ich jemals einen US-Präsidenten erlebt habe, der in aller Öffentlichkeit versucht hat, sein Gegenüber verbal zu vergewaltigen, dann heute morgen.
Ich habe einige Jahrzehnte in angelsächsischen Ländern verbracht, dies war wirklich auch sprachlich und geistig der Tiefpunkt, the absolute low point of my experience of a debating culture, thanks to the present incumbent. Biden sollte die zwei weiteren vorgesehenen Debatten mit diesem Schlägertyp absagen.
Oder der Moderator sollte einen Knopf haben, der bei Unterbrechungen Trump auf "stumm" schalten kann. Biden konnte in der ersten halben Stunde kaum seine kurzen zwei Minuten Statements formulieren, Mr. Wallace hätte eigentlich die Debatte abbrechen müssen, da sich Trump nicht an die vereinbarten Regeln hielt.


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Tendulkar #37

Die ‘Diskussion’ hat für mich gezeigt: Trump kennt nur eine Regel - seine eigene, Biden hat versucht ihm regelkonform zu begegnen!
Die Wähler werden entscheiden welche Vorgehensweise sie unterstützen!


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Dunciad #39

"Finden sie eine Diskussionskultur wie die von Trump für einen US-Präsidenten tatsächlich für angemessen?"

Ja. Das ist keine Papstwahl.


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Die Kommentarfunktion könnt ihr uns nehmen #41

Sehr starker Auftritt von Trump, der Biden sprichwörtlich alt hat aussehen lassen. Ich denke, die Wahl wird nun für Trump noch leichter zu gewinnen sein.


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Henry C. Chinaski #41.2

Man sollte so früh am Morgen noch nix trinken...


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FormSinn #50

Und auf solche Krawall-TV-Auftritte stützen die Amerikaner ihre Wahlentscheidung? ...


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Herr Wolke #58

Biden hat eigentlich alles richtig gemacht, als er die meiste Zeit nach dem Motto gehandelt hat: Laß Dich nicht auf eine Diskussion mit einem Idioten ein .... er zieht Dich auf sein Niveau herunter und schlägt Dich dann mit seinen Waffen.


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Abdul Alhazred #67.1

Naja, er hat ja den richtigen Ansatz von seinen Beratern reingehämmert bekommen "rede nicht mit Trump, rede mit den Leuten da draußen". Leider hat er sich oft von Trump aus der Fassung bringen lassen, die Geschichte über seinen Sohn am Ende war so gewiss nicht geplant - das war rein emotional.


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ClimateJustice #73

Die Taktik von Trump war offensichtlich Distracting. Denn inhaltlich konnte er nur verlieren.

Insofern muss man sagen, Trumps Taktik ist aufgegangen. Dass Menschen von diesem constant bullying abgestoßen werden, ist ihm gleichgültig. Er hat nur zum inneren Zirkel der Trump-Sekte gesprochen. Er glaubt irrigerweise, dass dessen Mobilisierung ihn über die Ziellinie bringen wird.


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Mahatma Pech #74

Biden ist der schlechteste Gegenkandidat, den man gegen Trump hätte ins Rennen schicken können. Ein guter Rhetoriker hätte Trump an diesem Abend mühelos in die Schranken weisen können.


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Kay-Ner #74.2

Selbst der Moderator hat das nicht geschafft und seine Mühen das zu verbergen.

Auch ein guter Rethoriker weiß, das Schweigen & Reden lassen, manchmal schon ausreichend sind.
Trump hat durch sein Verhalten gegenüber dem Moderator und dem Gegenkandidaten mehr über sich & seine Eigenschaften belegt, als Biden jemals verbal hätte platzieren können.

Ich weiß ich nicht welch heroischen Leistungen von einem Rethoriker erwarten.
Wie wären Sie denn mit Trump umgegangen, wenn der einen dauernd unterbricht?


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ottonis #75

Das fundamentale Problem bei Debatten mit Trump ist, dass es fast unmöglich ist, *die* richtige Umgangsform mit ihm zu finden:

Hält man sich an die Regeln und Gepflogenheiten, an feine Umgangsformen, erscheint man als Schwächling, der sich nicht wehren kann.

Schiesst man hingegen zurück, indem man ihm über den Mund fährt oder beleidigt, steigt man unweigerlich auf sein Niveau herab und erscheint als "auch nicht besser" als er, ganz davon abgesehen, dass Trump im "Bullying" absolute Weltklasse ist.

Da Trump sich an keine Regeln hält, gibt es aus meiner Sicht nur zwei Möglichkeiten:

1. Entweder keine direkte Interaktion mit ihm, also keine direkte Debatte

oder:

2. Strikte Regeln in Bezug auf Umgangsformen, deren Bruch jedes Mal zu einer direkten Strafe führt, z. B. 2 Minuten Redepause für den "offender", während der der Opponent reden darf.

Letzteres würde Trump derart durcheinander bringen, dass er innerhalb von 10 Minuten jede Debatte verlieren würde.


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Lionardo di ser Piero #75.2

Und nun stellen wir uns mal vor, dass das nicht nur in Debatten so ist, sondern jeden Tag im Weißen Haus, wenn sich irgendwelche Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter zu internen Besprechungen mit ihm treffen oder Papiere vorlegen.

Kann dabei eine Politik rauskommen, die rational und zielgerichtet ist?


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Lionardo di ser Piero #75.4

Der Punkt ist: Herr Trump hat von der ersten Sekunde an laut und heftig losgepoltert. Wie ein Duracell-Häschen mit frischen Batterien – die mit der doppelten Spannung.

Damit waren in den ersten Sekunden die Herren Wallace und Biden überrumpelt, komplett ohne Rhythmus. Biden hat sich dann irgendwie wieder gefangen, der Moderator kam aber nie wieder richtig in Takt. Zumal Trump dann auch immer wieder solche polternden Vorstöße einstreute, sowohl Wallace als auch Biden permanent ins Wort fiel.

Der Moderator hatte nie den Hauch einer Chance.


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ClimateJustice #78

16 öffentliche Lügen an jedem Tag seiner Amtszeit hat Trump bis zum 9. Juli produziert: https://www.washingtonpost.com/graphics/politics/trump-claims-database/ Mindestens. Seit Beginn der heißen Wahlkampfphase dürfte das Lügenbarometer durch die Decke geschossen sein. Seine gestrige Performance kommt noch on top.


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kajot #81

Mit Trump erblickt uns eine für einen Präsidenten unfassbare Primitivität und Skrupellosigkei. Und dafür, dass es generell unmöglich ist, mit derartigen Menschen eine zivilisierte, wenn nicht gar konstruktive Diskussion zu führen, hat sich Biden gut geschlagen. Wahrscheinlich hätte Kamala Harris - als ehemalige Staatsanwältin gewohnt, mit zwielichtigen Gestalten umzugehen - eine bessere Figur gemacht, aber dann hätte die gesamte verblendete, da auf Trump eingeschworene Rechte wahrscheinlich "Sozialistin" oder "Antifa-Aktivistin" geschrien.
Diese Wahl ist ein gigantischer Schein-Wettkampf, denn es ist nun einmal Faktum - da belegbar -, dass Trump permanent lügt, sein Amt missbraucht, sich durch das Amt bereichert, Vetternwirtschaft betreibt, das Gesetz beugt, Zeugenaussagen beeinflusst, das Finanzamt und die Banken betrügt und vor allem für über 200.000 tote Amerikaner einen großen Schuldanteil trägt.
Und was spricht für ihn?

Einzig die angeblichen "Fake News".


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Azog der Schlämmer #86

... Biden konnte Trump nicht in die Augen sehen. Jedes mal wenn Trump das Wort ergriff, stockte Biden und schloss schmerzerfüllt die Augen, um danach hilfesuchend in Richtung Moderator zu schauen. Er schien stehend K.O. Trump war unbeirrbar in seinem Drängen. Trump erzieht viel Quatsch, aber er hat Energie, Biden ist einfallslos und schwach.


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  vom Brocke #94

Einer der Tiefpunkte der demokratischen Debatte. Und der Beweis, dass der aktuelle Präsident eine armselige Fehlbesetzung ist.


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QoS #95

Habe jetzt die FAZ, die SZ, die ZEIT, den Spiegel, die WELT und lokale Medien gelesen. Wie unterschiedlich doch die Wahrnehmungen sind.


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Dombaumeister #95.1

Nennt sich Meinungsvielfalt.


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John Murphy #96

"Bei den Zuschauern kam das Spektakel nicht gut an. Befragt nach ihrem überwiegenden Gefühl beim Anschauen der Debatte antworteten in einer CBS-Blitzumfrage mehr als zwei Drittel (69 Prozent), die Diskussion habe sie vor allem verärgert. Nur 31 Prozent fühlten sich davon unterhalten. "

Ich habe das Duell nicht gesehen, also kann ich zum Inhalt nichts beitragen.

Was mich aber schon etwas schockiert ist die Feststellung, dass sich 31 Prozent der Zuschauer davon "unterhalten" fühlten. What?

Muss man von einem Politikerduell unterhalten werden? Geht es da nicht eher um Informationen und das, was die Politiker wollen? Oder werden diese Fernsehduelle von einem Drittel der Bevölkerung eher als eine Art Reality-Soap wahrgenommen?

Dann sollte es einen nicht wundern, wenn Trump auch die kommende Wahl gewinnt.


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Latouche Tréville #109

Biden hat verloren.

Letztendlich ist es egal, Weil der Supreme Court Trump sowieso zum Präsidenten machen wird, völlig egal, wie die Wahl ausgeht.
Noch so ein Duell, und Trump braucht den Supreme Court nicht.



Biden hat sich auf Trumps Niveau herabziehen lassen.

Das ist niemals gut. Stellenweise hat er sich verunsichern lassen und wirkte unkonzentriert. Auch nicht gut. Souverän ist anders.

48% zu 41% ist nicht sehr überzeugend.

Trump hat seinen radikalen Anhängern die Show geliefert, die sie haben wollten.
Biden muss in den beiden noch ausstehenden Duellen besser werden.
So wird das nichts.


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Kay-Ner #109.3

Dafür das Trump unentwegt Biden ins Wort fiel, hat Biden sich Staatsmännisch & eloquent gezeigt. Dass ihm Trumpo dauernd ins Wort fiel und selbst der Moderator das kaum einschränken könnte (Mr President, we and your team agreed ...) kann man Biden nicht anlasten.


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spiegelwechsler #110

Laut Trumpfans übersteht "Sleepy Joe" doch kein Fernsehduell.
Was sagt man in der Blase denn jetzt dazu?


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fpwhaaat #110.2

Das Narrativ wurde schon im Vorfeld geschaffen: Biden stand selbstverständlich unter Drogen.


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Tico77 #110.3

Trump lieferte die beste Performance in der Geschichte der TV-Duelle. Wird das ernsthaft verbreitet? Ja, ernsthaft.
Andererseits ist der Foxnews-Moderator, offenbar von den Demokraten gekauft, an allem Schuld. Auch ernsthaft? Natürlich.


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8ball07 #113

Trump ist sich selber treu geblieben und hat gezeigt das er eine zweite Chance verdient hat.


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Karl Lauer #117

Verstörend ist das Trump im Stile eines Mafia-Paten nur von "my people" spricht. Wer soll das bitteschön sein?


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elfotografo #124

"Proud Boys – haltet euch zurück und haltet euch bereit." Trump.


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Latouche Tréville #117.2

Seine Wähler. Die Proud Boys. Bewaffnete Milizen. Die Leute, die ihn im Amt halten sollen, falls der Supreme Court ihn wider Erwarten doch nicht zum Präsidenten erklärt.


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reasono #119

Der Artikel ist insofern tendenziös, als er unterstellt, dass beide Kandidaten schlechten Stil gezeigt hätten. Das ist absolut falsch. Trump hat sich aufgeführt wie ein missgelauntes Kleinkind.

Man stelle sich einmal vor, in der Debatte hätten sich zwei Trumps gegenüber gestanden.
Man stelle sich einmal vor, in der Debatte hätten sich zwei Bidens gegenüber gestanden.

Na? ...


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Latouche Tréville #119.1

"Trump hat nur ein Ziel gehabt: Das Zustandekommen einer Diskussion zu verhindern. Das ist ihm gelungen."

-> Und damit hat er das Duell gewonnen. ...


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Joanofarc #130

What a shame. Einem Narzissten beim Dekompensieren zuzusehen, macht keinen Spaß. Und hat mit Politik eigentlich nichts mehr zu tun. Man möchte fragen:, Ist ein Arzt anwesend?“


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Hofrat Behrens #150

Eine leidenschaftliche Debatte, voller Spontaneität und Emotionen. So spannend kann Fernsehen sein!


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Mia W. #150.1

Meine Oma hätte gesagt: "Sie haben einen Geschmack, wie ein krankes Huhn."


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Hau Tscho Hi #152

Diese TV Duell war eine gelungene Beschreibung des Zustandes, in dem sich die USA zur Zeit befinden. ...


...

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Diskursanalyse ...
« Reply #9 on: November 19, 2020, 03:57:03 PM »
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.11.2020
Überzeugend findet Rezensent Nico Hoppe die Kritik der französischen Feministin Caroline Fourest an der postmodernen Linken. In "Generation Beleidigt" legt sie dar, wie die linke Identitätspolitik mit dem Verweis auf die Herkunft Radikalismus verharmlost und zudem einen Opferkult aufbaut, der als lebenserhaltende Maßnahme für jene Diskriminierung und Privilegierung funktioniert, die von ihr eigentlich angeprangert wird. Wie genau es aber dazu kommen konnte, dass ursprünglich linke Ideale wie Diversität und Aufgeschlossenheit sich in ihr Gegenteil verkehrten, schafft sie leider nicht einleuchtend zu erklären, so der abwägende Rezensent.


Aus: "Caroline Fourest: Generation Beleidigt - Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei" (2020)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/caroline-fourest/generation-beleidigt.html

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[...] Will man in den USA einen Film machen, ist „Sensitivity Counselor“ fast so wichtig wie der Drehbuchautor, der Kameramann oder der Regisseur. Wie durch ein Minensucher leitet der Sensitivity Counselor das Filmteam über das Feld der Befindlichkeiten. Wird die Rolle des Transsexuellen auch durch einen Transsexuellen verletzt? Könnten Text oder Teile der Ausstattung eine Minderheit beleidigen? Darf der Regisseur überhaupt diesen Film drehen? Nehmen sich Weiße eines Thema wie Rassismus an, ist das schon einmal schwierig. Aber als Spike Lee den in Chicago spielenden Film Chi-Raq drehte gab es Kritik, dass Lee ja gar nicht aus Chicago kommt, sondern, in Atlanta geboren, in Brooklyn aufwuchs. Der Koch Jamie Oliver bekam Probleme, weil er ein Reisgericht mit einer jamaikanischen Gewürzmischung vorstelle – die in Jamaika allerdings nur für Hähnchengerichte genutzt wird.
Caroline Fourest Buch „Generation Beleidigt – Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei“ ist voll solcher Beispiele. Sind Yoga-Kurse kulturelle Aneignung?  Warum werden die Rollen von Indigenen beim Théâtre du Soleil nicht ausschließlich mit Indigenen besetzt? Mit der Frage, ob eine französische, feministische Laizistin sich über das Kopftuch äußern darf, wurde Fourest während ihrer Arbeit an einer amerikanischen Universität selbst konfrontiert. Und das sind noch die harmlosesten Beispiele, die sie beschreibt. Als der Biologieprofessor Bret Weinstein, ein engagierter Bürgerrechtler und Vorkämpfer gegen Diskriminierung jeder Art, sich an der Evergreen Universität dagegen aussprach, dass Weißen an einem Tag der Zugang zur Hochschule untersagt werden sollte, weil dies für ihn als „Bürgerrechtler – vielleicht sollte ich sagen, auch als Jude – inakzeptable (ist). Wenn die Leute anfangen, mir zu sagen, wohin ich gehen kann und wohin nicht, klingt das für mich wie ein Warnsignal.“ Studenten forderten daraufhin die Entlassung Weinsteins, bedrängten und bedrohten ihn. Auf Hilfe seiner Universität konnte er nicht setzen. Schließlich verließ er den Campus.

Es solche Vorfälle, um die es geht, wenn auch in Kontinentaleuropa über Cancel Culture diskutiert wird. Und nach der Lektüre des Buchs ist klar, dass solche Zustände verhindert werden müssen. Es geht darum, dass Gruppen an den Hochschulen und auch immer mehr in den Medien jeder Freiheit der Debatte einschränken, keine Diskussion mehr wollen und die Identität in das Zentrum rückt. Dürfen sich Weiße zu Rassismus reden? Laizisten zum Islam? In den USA, sagt die Autorin, hätten Professoren Angst, Themen anzusprechen, über die sich ihre Studenten aufregen. Zum Beispiel, wenn ihnen die Lektüre von Ovid zugemutet wird. Es droht Jobverlust. Braucht nicht jede Gruppe einen Safe-Space, in dem sie vor allen sie vielleicht irritierenden Ansichten geschützt ist? Fourest meint nein: Die Identitätspolitik, ein weitere Ausdruck der sich gegen den Universalismus und die Aufklärung stellenden Postmodernen, beschreibt sie als ein repressives System, dessen Protagonisten sich nicht gegen die Unterdrückung der Frau oder die Verfolgung von Homosexuellen stellen, sondern gegen Meinungs- und Kunstfreiheit. Profitieren von all dem nur die politische Rechte, denn der postmoderne Wahn schwäche die Linke. „Es ist Zeit, Luft zu holen und von neuem zu lernen, die Gleichheit neu zu denken, ohne der Freiheit zu schaden.“

Caroline Fourest "Generation Beleidigt: Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei", Edition Tiamat


Aus: "Im Fegefeuer der Befindlichkeiten" Stefan Laurin (19. November 2020)
Quelle: https://www.ruhrbarone.de/im-fegefeuer-der-befindlichkeiten/193166