Author Topic: Ernst Cassirer (1874-1945)  (Read 7105 times)

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 4024
    • View Profile
Ernst Cassirer (1874-1945)
« on: November 23, 2017, 11:19:29 AM »
Ernst Alfred Cassirer (* 28. Juli 1874 in Breslau; † 13. April 1945 in New York) war ein deutscher Philosoph.
Er forschte und lehrte zunächst in Berlin, ab 1919 als Philosophieprofessor an der Universität Hamburg. 1933 wurde ihm als Juden dort der Lehrstuhl entzogen. Im selben Jahr verließ er das nationalsozialistische Deutschland und ging zunächst nach Großbritannien ins Exil, wenig später nach Schweden, wo er 1939 schwedischer Staatsbürger wurde, 1941 schließlich in die USA. In der Emigration war er Gastprofessor in Oxford, anschließend Inhaber eines philosophischen Lehrstuhls in Göteborg und später Professor an der Yale-Universität und an der Columbia-Universität in New York.
Bekannt wurde Cassirer durch sein kulturphilosophisches Hauptwerk, die Philosophie der symbolischen Formen. Daneben verfasste er eine Reihe von erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen und philosophiehistorischen Schriften.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Cassirer

Mythisches Denken bei Ernst Cassirer
Mythisches Denken bei Ernst Cassirer nach der "Philosophie der symbolischen Formen"
Magisterarbeit (im pdf-Format) von Patrick Conley (1993)
http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2005/1322/pdf/1993-12-00_magisterarbeit.pdf

Philosophie der symbolischen Formen ist der Titel des Hauptwerks des Philosophen Ernst Cassirer. Die Erstausgabe erschien in Berlin in den Jahren 1923–1929. Sie umfasst drei Bände:

    1. Band: Die Sprache, 1923
    2. Band: Das mythische Denken, 1925
    3. Band: Phänomenologie der Erkenntnis, 1929

https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_der_symbolischen_Formen

« Last Edit: May 22, 2020, 12:56:52 PM by Link »

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 4024
    • View Profile
Ernst Cassirer
« Reply #1 on: April 02, 2018, 08:32:38 PM »
Philosophie der symbolischen Formen ist der Titel des Hauptwerks des Philosophen Ernst Cassirer. Die Erstausgabe erschien in Berlin in den Jahren 1923–1929.
http://pubman.mpdl.mpg.de/pubman/item/escidoc:2309355/component/escidoc:2309354/Cassirer_1923_philosophie.pdf

https://archive.org/details/philosophieders00cass

Substanzbegriff und Funktionsbegriff (1910)
https://archive.org/stream/substanzbegriffu00cassuoft#page/n3/mode/2up


Dei Begriffsform im mythischen Denken
by Cassirer, Ernst, 1874-1945
https://archive.org/details/deibegriffsformi00cass


https://archive.org/search.php?query=Cassirer
« Last Edit: April 05, 2018, 01:24:09 PM by Link »

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 4024
    • View Profile
Ernst Cassirer
« Reply #2 on: April 10, 2018, 01:09:17 PM »
Birgit Recki - Die aktualität des Geistes -- "Cassirers Begriff des Geistes" (Am 15.08.2017 veröffentlicht)
Ernst Cassirer verfolgt in seiner Philosophie der Kultur das systematische Ziel einer Grundlegung der Geisteswissenschaften. Er setzt an beim Symbolprozess, den er als das Element der Kultur begreift. „Unter einer `symbolischen Form´ soll jede Energie des Geistes verstanden werden, durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes sinnliches Zeichen geknüpft und diesem Zeichen innerlich zugeeignet wird.“ Die Philosophie der symbolischen Formen untersucht die Sphären der Kultur (Sprache, Mythos, Religion, Kunst, Wissenschaft, Technik) als die exemplarischen Modi menschlicher Symbolleistungen, und damit als Energien des Geistes, der sich nicht anders zeigt als in stets neu und aufs Neue zu leistenden Funktionen der `Verkörperung´ von Bedeutung. In ihnen konstituiert sich – im Spannungsverhältnis von Innovation und Tradition – die dauerhafte Welt menschlicher Wirklichkeit. Die Nähe dieser Konzeption von Geist zu Hegels Theorie des objektiven Geistes liegt auf der Hand. Der Beitrag will zeigen, dass dieser Befund nur die halbe Wahrheit wäre.
https://www.youtube.com/watch?v=14vN6vy2XFE

---

"Das mythische Denken bei Ernst Cassirer nach der "Philosophie der symbolischen Formen"" von Patrick Conley - Frankfurt, 1993
Abschlußarbeit zur Erlangung des Magister Artium im Fachbereich Philosophie Universität Frankfurt
http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/Das_mythische_Denken_bei_Ernst_Cassirer_Cassirer.pdf

« Last Edit: May 14, 2018, 03:43:03 PM by Link »

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 4024
    • View Profile
Ernst Cassirer
« Reply #3 on: July 28, 2018, 07:54:13 PM »
Quote
[...] "Sein und Zeit" wiedergelesen: Eine Heidegger-Tagung in Siegen. --- Vier Jahre nach dem Erscheinen der ersten Serie von Martin Heideggers Denktagebüchern, den sogenannten Schwarzen Heften, geht es nicht mehr darum, ob der Freiburger Philosoph ein Nazi und Antisemit war, sondern darum, wie tief völkisches Denken und NS-Ideologie Heideggers gedankliche Konstrukte beeinflussten – und wie früh. Deshalb haben nun die Philosophinnen Marion Heinz von der Universität Siegen – der von ihr vor zwei Jahren organisierte Kongress zu den Schwarzen Heften ist mittlerweile bei Suhrkamp dokumentiert – und Sidonie Kellerer von der Universität Köln auf einer Tagung in Siegen Heideggers Hauptwerk, den 1927 erschienenen Jahrhundertklassiker "Sein und Zeit", in den Fokus der Kritik gerückt.

"Um zu beurteilen, was Heidegger meint, kann man sich nicht weit genug von ihm entfernen": Diese kritische Maxime hatte Günter Anders, Ehemann von Hannah Arendt und Heidegger-Student, in den 1950er Jahren formuliert, und sie galt auch für die Tagung in Siegen. Der französische Descartes-Spezialist Emmanuel Faye, der Heideggers Werk als politische Ideologie statt Philosophie bezeichnet, vertrat dabei die radikalste Position. Er liest "Sein und Zeit" als heimliche Kampfschrift gegen die Weimarer Demokratie und besonders gegen den jüdischen Philosophen Ernst Cassirer. Dessen berühmtes Werk "Philosophie der symbolischen Formen" basiert, ebenso wie "Sein und Zeit", auf der Beziehung und der Differenz zwischen Seiendem und Sein.

Cassirers Werk erschien 1923, vier Jahre vor "Sein und Zeit" – und Heidegger, so Fayes Vorwurf, habe Cassirers Grundgedanken "gewaltsam vereinnahmt" und umgedreht, ohne ihn zu zitieren. Auf diese Weise vermeide er eine ehrliche Auseinandersetzung, greife aber Cassirer verdeckt an, indem er dessen Kulturphilosophie als "bodenlos" und "entwurzelt" bezeichnet – Begriffe, die Heidegger später eindeutig antisemitisch meint. In "Sein und Zeit" habe Heidegger sich noch hinter einer "indirekten Sprache" versteckt, um seine Berufung auf einen Lehrstuhl in Marburg und später als Nachfolger Husserls in Freiburg nicht zu gefährden, so Fays These, die auch Sidonie Kellerer unterstützt. Cassirer, der 1933 als Rektor der Hamburger Universität abtreten und emigrieren musste, wird 1945 Heideggers Werk als Teil einer "geistigen Aufrüstung" für Faschismus und Weltkrieg beschreiben.

... Die Neubewertung von "Sein und Zeit" hat gerade erst begonnen.


Aus: " Eine Vorschule zur Verachtung des Menschen?" Eggert Blum (30. März 2017)
Quelle: http://www.badische-zeitung.de/literatur-und-vortraege/eine-vorschule-zur-verachtung-des-menschen--135084067.html


Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 4024
    • View Profile
Ernst Cassirer
« Reply #4 on: January 15, 2020, 01:25:13 PM »
"SYMBOL-STRUKTUR-KULTUR - Zur erkenntnistheoretischen Grundlegung der Sozial-und Kulturwissenschaften nach Ernst Cassirer, Claude Levi-Strauss und Pierre Bourdieu"
MITTEILUNGEN DES INSTIUfUTS FÜR WISSENSCHAFT UND KUNST 54. JAHRGANG 1999, NR. 2-3
http://www.iwk.ac.at/wp-content/uploads/2014/06/Mitteilungen_1999_2-3_symbol_struktur_kultur.pdf

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 4024
    • View Profile
Ernst Cassirer
« Reply #5 on: February 11, 2020, 02:05:51 PM »
"Hamburger im Exil: Ernst Cassirer" (Aufzeichnung vom 27. November 2019 im KörberForum)
Der Philosoph Ernst Cassirer gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten an der Hamburgischen Universität und im Kulturleben der Stadt, bevor er aufgrund antisemitischer Ausgrenzung 1933 Deutschland verließ. Über sein Wirken als Lehrer und Rektor der Universität und über sein staatsbürgerliches Engagement als liberaler Demokrat sprechen die Cassirer-Forscherin Birgit Recki und Susanne Wittek, Autorin einer neuen Cassirer-Biografie. In Kooperation mit der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung und der Weichmann-Stiftung.
Moderation: Susanne Wittek, Kulturvermittlerin
https://youtu.be/s3cBVKRLZVo

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 4024
    • View Profile
Ernst Cassirer
« Reply #6 on: May 06, 2020, 10:01:50 PM »
Giovanna Targia: Symbolic Function, Language and Myth. Notes on Ernst Cassirer and Mnemosyne Project
HKW – Haus der Kulturen der Welt
1980 Abonnenten
Part of “Conference: Bilderatlas Mnemosyne”
English original version
Sep 25, 2020
Video: David San Millán
https://youtu.be/5yU3kY95itQ

-

search:
https://archive.org/search.php?query=creator%3A%22Cassirer%2C+Ernst%2C+1874-1945%22
« Last Edit: December 31, 2020, 04:54:55 PM by Link »

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 4024
    • View Profile
Ernst Cassirer (1874-1945)
« Reply #7 on: December 31, 2020, 04:52:55 PM »
Ernst Cassirers Leistungen für die Philosophie und Demokratie
Gespräch und Lesung zu seinem 75. Todestag
Lesung vom: Sonntag,14.10.2020
In Kooperation mit der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung
Cassirer-Biographin Susanne Wittek und Birgit Recki, Professorin für Philosophie und Herausgeberin der Hamburger Ausgabe von Ernst Cassirers Werken, stellen Leben und Arbeit des Philosophen Ernst Cassirer (1874-1945) vor, eines bedeutenden Wissenschaftlers der Universität Hamburg. Ernst Cassirer wurde 1919 – 13 Jahre nach seiner Habilitation – auf den Lehrstuhl für Philosophie an der gerade gegründeten Hamburgischen Universität berufen. Er war der erste und einzige Rektor jüdischen Glaubens an einer deutschen Hochschule zur Zeit der Weimarer Republik. Gleich nach dem Machtantritt der NSDAP im März 1933 ging er ins Exil. Er starb im April 1945 in den USA.
Susanne Wittek ist Autorin, Übersetzerin und Moderatorin. 2017 erhielt sie den deutsch-französischen Journalistenpreis für ihren Dokumentarfilm Stille Retter. Überleben im besetzten Frankreich (ARTE/NDR, mit Christian Frey). Sie veröffentlichte u.a. Absprung über Niemandsland. Hamburger Exilbiografien im 20. Jahrhundert. Ihre Biografie So muss ich fortan das Band als geköst ansehen – Ernst Cassirers Hamburger Jahre 1919 – 1933 ist im Wallstein Verlag erschienen.
Prof. Dr. Birgit Recki hat eine Professur  für Praktische Philosophie, Ethik, Ästhetik und Kulturphilosophie an der Universität Hamburg.
https://youtu.be/lAgwIOho2Zs

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 4024
    • View Profile
Ernst Cassirer (1874-1945)
« Reply #8 on: January 06, 2021, 12:32:02 PM »
Quote
[...] Raji C. Steineck ist Professor für Japanologie an der Universität Zürich. 2014 und 2017 sind bei Frommann-Holzboog Band 1 und 2 seines Buchs «Kritik der symbolischen Formen» erschienen. ... Das Stammesdenken nimmt zu, die Menschen ziehen sich zurück in Gesinnungsgemeinschaften. Hat die Kultur versagt? Nein, aber das Bewusstsein darum, dass sie der Kritik ausgesetzt werden muss. Die Philosophie des vor 75 Jahren verstorbenen Ernst Cassirer hilft, das Phänomen neu in den Blick zu nehmen.


«Kultur» ist zum Trennfaktor geworden. Was im 19. Jahrhundert als menschheitsverbindende Leitidee entworfen wurde, dient heute fast nur noch dazu, die «anderen» von «uns» zu separieren. Dabei unterscheiden sich die Wertungen, das Grundmuster ist aber gleich: Menschen werden sortiert nach Zugehörigkeit zu Kulturen. Diesen Kulturen wird unterstellt, sie prägten entscheidend die individuelle Existenz; sie definieren, so meint man, «Identität».

Menschen, die einer «anderen Kultur» angehören, haben damit eine andere Identität. Sie können nicht sein wie ich, wie wir, und wir können nicht sein wie sie. Egal, ob das Schwergewicht nun auf die «eigene» Herkunft, Geschichte, Heimat gelegt wird, die es zu kennen und zu bewahren gilt, oder auf die Forderung, die «anderen» Herkünfte, Geschichten, Werte nicht anzutasten: Beides macht aus «Kultur» qua «Identität» einen Fetisch, ein sakrosanktes Ding, das Unterwerfung fordert.

Schon immer speiste sich die Rhetorik der kulturellen Identität dabei aus der Polemik gegen den Universalismus der klassischen Moderne. Der «Mensch», in dessen Namen dort geredet werde, sei ein Abstraktum, haltlos, eine Kopfgeburt, lautete die Kritik. Der echte Mensch habe Herkunft, Wurzeln, Geschichte, die ihn mit seinesgleichen zu einer Schicksalsgemeinschaft verbänden. Auf der anderen Seite hiess es, die Definition der «Menschheit» und ihrer «universellen Werte» sei geformt nach dem Bild des bürgerlichen weissen Mannes protestantischer Prägung.

Die feministische und postkoloniale Forschung der letzten Jahrzehnte hat aufgearbeitet, was hier an Partikularem zum Allgemeinen erhoben wurde. Dem ist sicher noch viel hinzuzufügen. Doch die Strategie, gegen die Abstraktheit des Universalismus oder dessen Prätention nun den Respekt vor allem einzufordern, was als Repräsentation einer bestimmten Kultur auftritt, verfehlt das, was Kultur gerade ausmacht: die Möglichkeit von Kritik.

Das macht den Blick auf einen Autor interessant, der nach längerer Vergessenheit inzwischen wieder zu akademischen Ehren gekommen ist, ohne dass aber die zukunftsweisende Kraft seiner Gedanken wirklich wahrgenommen wird. Denn die Losung, mit der Ernst Cassirer das philosophische Programm des Neukantianismus radikal erweiterte, «Kritik der Kultur», hat Sprengkraft und Bedeutung weit über ihre Zeit hinaus.

«Kritik der Kultur» war zunächst einmal das Schlagwort, mit dem Cassirer den Neukantianismus aus dem engen Bezirk der Wissenschaftstheorie herausführte. Das war eine Antwort auf die Kritik der Lebensphilosophie, später auch des Existenzialismus, an einer als steril empfundenen Theorie. Mit dem Begriff der «symbolischen Form» erschloss Cassirer dann in seinen Werken ab den 1920er Jahren Bereiche jenseits der klassischen Werte-Trias des Wahren, Guten und Schönen.

Gebiete wie Mythos, Sprache, Technik, Geschichte sind eigene Domänen der Kultur mit einer eigenen Art, die Welt zu sehen, zu gliedern, zu gestalten, beherrscht auch von einer je eigenen Art von Wert beziehungsweise Werthaftigkeit.

Das ist der entscheidende, auch zukunftsweisende Schritt Cassirers: Als «symbolischen Formen» wird noch dem Mythos und der Alltagssprache zugestanden, eine je eigene Weise der Welterschliessung zu sein. Als solche dürfen sie prinzipiell Geltung für sich in Anspruch nehmen, und das heisst: Sie dürfen und sollen sich neben den anderen behaupten. Allerdings: Der Modus der Geltung unterscheidet sich, darum kann die mythische «Bedeutsamkeit» (ein glücklicher Term von Blumenberg) nicht an der Stelle einer «wissenschaftlicher Erkenntnis» stehen.

Das unterscheidet Cassirers Pluralismus der symbolischen Formen vom Kulturrelativismus, wie er später etwa in der Ethnologie populär wurde. Geltung muss sich ausweisen können, in ihrem Bestand wie ihrer Reichweite. Das heisst auch: Sie unterliegt der Kritik. Damit ist die philosophische Reflexion auf Bereiche ausgeweitet, die man vorher für unter ihrer Würde hielt. Und zugleich sind diese Bereiche, als symbolische Formen, prinzipiell kritikfähig geworden.

Cassirer hat bezeichnenderweise ganz am Anfang schon den Begriff der symbolischen Form mit dem der «Energie» verbunden. Er wollte damit zeigen, wie jedes Element der Kultur über sich hinausweist auf einen dynamischen Zusammenhang von Sinn; einen Zusammenhang, in den das Wirken sich stellt, das ein bestimmtes Artefakt produziert oder sich verstehend aneignet.

Aber dieser Zusammenhang kann nicht an sich erscheinen. Er ist notwendig artikuliert im Besonderen. Und darum fordert alles, was als Kultur auftritt, auch auf zur Kritik. Es ist nicht einfach gegeben, auch wo es schon fertig vorgefunden wird. Es wird als Produziertes gefunden, das beansprucht, Sinn zu haben. Der Anspruch deutet auf eine symbolische Form, die ihn im Prinzip legitimiert.

Das ist, wie gesagt, eine Pointe des Begriffs «symbolische Form», der die Geltung, das Eigenrecht der von ihr umschriebenen Domänen ausdrücklich anerkennt. Aber was genau ist der Anspruch eines Werkes, und wird er im fraglichen Fall zu Recht erhoben? Das kann nur die kritische Reflexion zeigen.

Noch wichtiger ist aber das Folgende: Die Notwendigkeit, eine Idee als Werk, als wahrnehmbares Symbol zu gestalten, damit sie kulturell relevant wird, bringt eine Vielzahl externer Faktoren mit ins Spiel. Dazu gehören Zeichensysteme und ihre Regeln, das Medium der Verbreitung, soziale Zugangsbedingungen, der Widerstand der Materie und so weiter.

Diese Faktoren sind in einem weiten Sinne historisch: Jede Äusserung geschieht in einem Kontext, unter bestimmten Umständen, mit Mitteln, die das Ergebnis der Geschichte sind. Das verhindert erstens, dass die ursprüngliche Intention sich bruchlos im Werk entfalten kann. Es bedeutet zweitens, dass noch die reinste Absicht auf das Universelle sich notwendig nur in kontingenter Gestalt äussern kann. Und wieder kann erst die Kritik sondern, was das Zufällige, Partikuläre und was das Universelle an ihr gewesen ist.

«Kritik der Kultur» als Kritik symbolischer Formen geht damit gegen den Universalismus der klassischen Moderne, der darauf vertraute, im Vollbesitz der allgemeingültigen Wahrheit zu sein — aber sie richtet sich ebenso gegen einen Relativismus, der meint, die verschiedenen «Kulturen» wären einfach so hinzunehmen, und «Respekt» verlange, ihre Ansprüche fraglos zu akzeptieren.

Gegen diese Spielart des Kulturalismus ergibt sich aus Cassirers Werk noch ein zweites Argument. Denn das Konzept der symbolischen Form verweist auf kulturelle Differenzen, die nicht entlang von national, ethnisch oder religiös gedachten Grenzen verlaufen und auch nicht zwischen Gesinnungs- und Geschmacksgemeinschaften, wie sie die neuen «urban tribes» verkörpern. Es sind die Unterschiede zwischen kulturellen Sphären wie Wirtschaft und Recht, Wissenschaft und Kunst, Mythos und Technik.

Diese Sphären erscheinen zwar zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten wiederum in Ausprägungen unterschiedlicher Gestalt. Aber die Grenzen zwischen diesen besonderen Ausprägungen sind nicht kongruent: Sprachgrenzen sind keine Religionsgrenzen und schon gar nicht Grenzen der Ökonomie oder naturwissenschaftlich informierter Technologie. Die Kartierung von Kultur entlang der symbolischen Formen zeigt, dass wir alle Bürgerinnen und Bürger zahlreicher verschiedener «Reiche» sind.

Die Vorstellung von einer einzelnen Kultur, die uns qua Herkunft bestimmt und verpflichtet, ist damit genauso abstrakt wie die Vorstellung einer allgemeinen Menschheit. In Wirklichkeit müssen wir immer wieder mit uns wie mit anderen aushandeln, welche kulturellen Verpflichtungen eigentlich zu Recht bestehen und wie sie in einer bestimmten Situation gewichtet werden sollen.

Dabei können die Ansprüche aus verschiedenen Traditionen eines Bereichs kommen, oder sie werden im Namen verschiedener symbolischer Formen erhoben: Ökonomie contra «reine» Wissenschaft, Kunst contra Religion oder Politik. Das Konzept der symbolischen Form impliziert, dass es gerade für Konflikte der zweiten Art keine prinzipielle Lösung gibt, weil sie nicht hierarchisch geordnet sind. Es muss mit Blick auf das jeweilige Problem und die Bedingungen der gegenwärtigen Situation kritisch abgewogen werden.

Das könnte nun so scheinen, als führe die Philosophie der symbolischen Formen nur auf eine weitere Spielart eines letztlich haltlosen Multikulturalismus. Dass dem nicht so ist, hat Cassirer selbst in seiner Reaktion auf die Entwicklung der 1920er und 1930er Jahre gezeigt. Nicht nur engagierte er sich konsequent für eine liberale gesellschaftliche Ordnung. Gegen den vorherrschenden reinen Rechtspositivismus argumentierte er auch für die grundsätzliche Bindung des Rechts an die Ideen von Freiheit und Menschenwürde.

Im Jahr 1933 konstatierte er angesichts des Ausspruchs «Der Führer spricht das Recht», wenn am nächsten Tag nicht die Juristen im Reich geschlossen protestierten, sei Deutschland verloren. Sie taten es nicht, und Cassirer ging ins Exil, anstatt, wie viele andere, zu hoffen, der Spuk werde schon vorübergehen. Seine Hellsichtigkeit wie Liberalität waren dabei nicht nur persönliche Charakterzüge, sondern tief verankert in seiner Theorie: Denn die Philosophie der symbolischen Formen als Kritik der Kultur verlangt ganz grundsätzlich, die erhobenen Ansprüche an dem zu messen, worauf eine symbolische Form ihr Recht auf Geltung gründet. Das hat Folgen für das, was in ihr behauptet werden darf, wie für den Grad der Verbindlichkeit, die sie geltend machen kann.


Aus: "Wir sind alle gleich. Und alle anders: Der Begriff Kultur sollte die Menschen einen, stattdessen dient er nur noch dazu, die Grenzen zwischen «uns» und den «anderen» zu ziehen"
Raji Steineck (05.01.2021)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/ernst-cassirers-kulturkritik-alle-sind-gleich-und-alle-anders-ld.1593327

Quote
Werner Katzmair

Ein Kampf mit dem Florett gegen die Keule...!