Author Topic: Weltanschauung und Ideologie ...  (Read 8650 times)

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Weltanschauung und Ideologie ...
« on: July 20, 2017, 03:02:15 PM »
Unter einer Weltanschauung versteht man heute vornehmlich die auf Wissen, Überlieferung, Erfahrung und Empfinden basierende Gesamtheit persönlicher Wertungen, Vorstellungen und Sichtweisen, die die Deutung der Welt, die Rolle des Einzelnen in ihr, die Sicht auf die Gesellschaft und teilweise auch den Sinn des Lebens betreffen. Sie ist damit die grundlegende kulturelle Orientierung von Individuen, Gruppen und Kulturen.[1][2] Werden diese Überzeugungen reflektiert und systematisiert und fügen sich so zu einem zusammenhängenden Ganzen, dann kann von einer geschlossenen Weltanschauung gesprochen werden. Solche Systeme können von einer Gruppe, einer Gesellschaft und selbst von mehreren Kulturen geteilt werden, wie es etwa bei großen Religionsgemeinschaften oder deren gesellschaftlicher Wirkung der Fall ist.
Weltanschauungen sind teils soziokulturell bestimmt (also traditionsgebunden) und teils geprägt durch transkulturelle philosophische oder religiöse Vorstellungen. Die Grundlage der traditionell ganzheitlichen und mythisch erklärten Weltanschauungen der naturangepassten Kulturen fasste Claude Lévi-Strauss unter die Bezeichnung „Wildes Denken“. Heute können auch einzelwissenschaftliche Erkenntnisse eine „Weltanschauung“ bestimmen und verändern.
Der verwandte Begriff Weltsicht ist weiter gefasst und beinhaltet über die persönlichen Wertvorstellungen und Sinnfragen hinaus z. B. auch gesellschaftliche und physikalische Erklärungsmuster unterschiedlichster Phänomene.
Der normative Anspruch einer Weltanschauung kann als absolut und exklusiv verstanden werden; der Begriff „Weltanschauung“ beinhaltet aber auch die Möglichkeit (oder den Hinweis), dass auch andere Meinungen möglich sind. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Weltanschauung (07/2017)


... In der Sprache des Nationalsozialismus machte gerade die Betonung der Unausweichlichkeit einer einmal getroffenen Entscheidung und dessen unüberbrückbare Opposition zu anderen Weltanschauungen den Begriff propagandistisch so attraktiv (siehe auch: Dezisionismus).
Der Nationalsozialismus bezeichnete sich selbst als Weltanschauung und nicht als Ideologie. Während man einer Ideologie nur anhängen kann, so werden Weltanschauungen geteilt – oder auch nicht. Im Sinne des Nationalsozialismus wurde eine Weltanschauung gelebt: sie entzieht sich der Kritik, da sie die Wahrnehmung selbst bereits bestimmt und alle Lebensbereiche unter ihrer Perspektive interpretieren und umformen kann. So werden zugleich, darauf macht Victor Klemperer in LTI aufmerksam, alle möglichen Positionen und selbst die Philosophie zu bloß konkurrierenden Anschauungen degradiert, gegen welche sich der Nationalsozialismus als „totale Weltanschauung“ durchsetzen sollte – und zwar durch die Mittel der Überzeugung der Zaudernden durch Propaganda bis hin zur physischen Vernichtung all jener, die die Weltanschauung des Nationalsozialismus nicht teilen wollten oder sollten. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Weltanschauung#Der_Begriff_in_der_nationalsozialistischen_Propaganda (07/2017)


Dezisionismus ist eine politische und juristische Theorie, die die Entscheidung und den Entscheider in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt. Sie hält weniger den Inhalt und die Begründung einer Entscheidung für wichtig als die Entscheidung an sich. Ihr zufolge kann es keine allgemein verbindlichen Begründungen für Werte oder moralische Positionen geben. Daher sei die Entscheidung von Menschen für diese oder jene Handlung letztlich willkürlich und nicht mit den Mitteln logischer Analyse oder anhand ethischer Kriterien zu rechtfertigen. ... Zu den Vielen, die dezisionistische Grundannahmen in ihren Theorien anwandten, gehört Carl Schmitt. Seine Anschauungen beruhen auf einem primär katholischen Weltbild, dessen Glaubensinhalte Schmitt als Wahrheiten voraussetzt und keiner dezisionistischen Entscheidung aussetzt. Darum war Schmitt in keiner seiner Schaffensphasen konsequenter Dezisionist, sondern nutzte dezisionistische Argumente zeitweise zur Stützung jeweiliger inhaltlicher Positionen. Besonders im Rahmen seiner christlichen Glaubenspostulate benutzte er dezisionistische Argumente und verachtet im Anschluss an Juan Donoso Cortés die kompromissbereite „diskutierende Klasse“ mit ihrem Liberalismus und Parlamentarismus, weil es aus Glaubenssicht widersinnig ist, über feststehende Wahrheiten zu diskutieren oder sie einem Kompromiss auszusetzen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Dezisionismus (07/2017)


Kategorie:Weltanschauung
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Weltanschauung

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Weltanschauung und Ideologie ...
« Reply #1 on: July 20, 2017, 03:08:52 PM »
Das Weltbild ist die Vorstellung der erfahrbaren Wirklichkeit als Ganzes, welches mehr ist als die Summe seiner Teile. Im engeren Sinne bezeichnet es ein Modell der sichtbaren Welt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Weltbild

Der Zeitgeist ist die Denk- und Fühlweise (Mentalität) eines Zeitalters. Der Begriff bezeichnet die Eigenart einer bestimmten Epoche beziehungsweise den Versuch, diese zu vergegenwärtigen. Das deutsche Wort Zeitgeist ist über das Englische als Lehnwort in zahlreiche andere Sprachen übernommen worden. Auch das englische Adjektiv zeitgeisty ist davon abgeleitet. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitgeist

Eine Reihe der Religionen und Weltanschauungen der Welt lässt sich schwer systematisieren, da vielfältige Elemente ineinanderspielen und es unterschiedliche Auffassungen dazu gibt, was eine Religion oder eine Weltsicht ausmacht (mit diesem Thema beschäftigt sich unter anderem die Religionswissenschaft). Die Systematisierung von Religion ist abendländisch geprägt, und auch wenn die Klassifizierung auf Strömungen in anderen Kulturen angewendet wird, gibt es dort teilweise keinen vergleichbaren Begriff.
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Religionen_und_Weltanschauungen

Unter Fatalismus versteht man eine Weltanschauung, die davon ausgeht, dass das Geschehen in Natur und Gesellschaft durch das Schicksal (lateinisch fatum) unabänderlich vorherbestimmt ist. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus

Kosmopolitismus (von griechisch κόσμος kósmos ‚Weltordnung, Ordnung, Welt‘ und πολίτης polítis ‚Bürger‘), auch Weltbürgertum, ist eine philosophisch-politische Weltanschauung, die den ganzen Erdkreis als Heimat betrachtet. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Kosmopolitismus

Eine Weltanschauungsgemeinschaft ist ein Zusammenschluss von Menschen zum Zwecke der gemeinschaftlichen Pflege einer Weltanschauung.
https://de.wikipedia.org/wiki/Weltanschauungsgemeinschaft

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Weltanschauung und Ideologie ...
« Reply #2 on: July 20, 2017, 03:15:17 PM »
Menschenbild ist ein in der philosophischen Anthropologie gebräuchlicher Begriff für die Vorstellung, die jemand vom Wesen des Menschen hat. In ähnlicher Weise wird das Wort in der Religionswissenschaft und Theologie gebraucht, um den Inbegriff der Vorstellungen darzustellen, die eine Religionsgemeinschaft vom Menschen hat. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenbild

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"Abgeschreckte Wähler und unbeabsichtigte Folgen" Peter Mühlbauer  (06. September 2017)
Lilla kritisiert, dass "das klassische demokratische Konzept, Menschen unterschiedlichster Herkunft hinter ein einziges gemeinsames Anliegen zu scharen", "einer Pseudopolitik gewichen [sei], die sich in Selbstbespiegelung und Selbstbehauptung erschöpft" und Symbolen eine "unverhältnismäßige Bedeutung" zukommen lässt. "Was diese Tendenz am Leben hält", ist seinen Beobachtungen als Professor an der New Yorker Columbia-Universität nach "die Tatsache, dass sie an den Colleges und Universitäten kultiviert wird", wo Studenten inzwischen "derart besessen von ihren persönlichen Identitätsfragen", seien, dass sie "wenig Interesse für die politische Welt außerhalb ihrer eigenen Köpfe" hätten.
https://www.heise.de/tp/features/Abgeschreckte-Waehler-und-unbeabsichtigte-Folgen-3822680.html
« Last Edit: September 06, 2017, 09:51:54 AM by Link »

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Weltanschauung und Ideologie ...
« Reply #3 on: August 31, 2018, 06:37:24 PM »
Quote
[...] Seit vergangenem Sonntag zieht es rechte Gruppen nach Chemnitz, sie wittern ihre Chance zum großen Aufstand. Wer sind die Akteure – und welche Ideologie treibt sie an?

In den Medien ist das Wort Chemnitz zum Symbol geworden. Die 250.000-Einwohner-Stadt in Sachsen ist Dauerbrenner, Schlagzeilenmacher, Bühne für Rechtsextremisten.

Doch am Donnerstag war davon kaum mehr etwas zu spüren: Nur wenige Menschen waren an das Fußballstadion gekommen, in dem sich Ministerpräsident Michael Kretschmer beim sogenannten Sachsengespräch Fragen der Bürger stellte. Auch die Neonazihooligans zogen nicht marodierend zu Tausenden durch die Stadt, wie sie es am Sonntag und Montag getan hatten.

Da hatten deutsche und internationale Medien von einem Neonazimob gesprochen. Angeführt wurde der Marsch am Montag von einem Mann namens Arthur Österle, Kader einer rechtsextremen Gruppe. Durchs Megafon rief er den Teilnehmern zu, sie sollten sich wie Deutsche verhalten – geordnet marschieren. Die Masse skandierte daraufhin „links, zwo, drei, vier“ und lief im bemühten Gleichschritt. Wenig später dominierten Rufe wie „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ und „Lügenpresse auf die Fresse“.

Vom Wort Mob aber wollten Verantwortliche und Sympathisanten dieses grusligen Aufzugs später nichts wissen. Dass dort Hitlergrüße gezeigt wurden – egal, Aktionen von Provokateuren seien das gewesen, behaupteten Akteure wie die bayerische AfD-Kandidatin Heike Themel.

Grundstein des Lügengebäudes ist die Tötung eines Familienvaters in der Nacht zum Sonntag, die als Anlass der Krawalle diente. Boulevardzeitungen titeln, Flüchtlinge hätten eine Frau sexuell belästigt, ein Deutscher habe eingegriffen und sei abgestochen worden. Die sächsische Polizei dementierte diesen Tathergang. Tage später bestritt sogar das vermeintliche Opfer des nie passierten sexuellen Übergriffs, eine Ukrainerin, in dem Lokalblatt Freie Presse die Behauptung.

Teilnehmer der Demo liefern am Donnerstag die passenden Erklärungen. „Die haben die Frau unter Druck gesetzt, damit sie das dementiert“, sagt eine Gruppe von Jugendlichen. Ob jemand von ihnen den Toten kenne oder die Frau? Nein, die kenne man beide nicht – aber das sei auch unwichtig für die Wahrheit, sagen sie.

Die ganz eigene Version von Wahrheit eint die Menschen, die in Chemnitz auf die Straße gehen. Da standen Rentner, die sich die alte sozialistische DDR zurückwünschen, neben Enttäuschten, die sich von der Freiheit nach dem Mauerfall mehr erwartet hatten. Sie alle vernetzten sich mit Multiplikatoren der extremen Rechten. Nikolai Nerling, Freund von Holocaustleugnern, Geschichtsrevisionist und entlassener Grundschullehrer, mischte sich unters Volk. Martin Kohlmann von der rechtsextremen Bürgerbewegung Pro Chemnitz hielt eine lange Rede, dann wurde der Anwalt von seinen Anhängern umringt, Nikolai Nerling an seiner Seite. Arthur Österle fand nach seiner Ansprache gleichfalls begeisterten Zuspruch. Betont friedlich mischten sich Vertreter vom III. Weg, der NPD-Bürgerwehr und Hooligans. Wahrscheinlich wurden hier bereits Pläne für den nächsten großen Aufmarsch geschmiedet. Am Samstag soll er stattfinden.

Dann sollen noch mal alle nationalen Kräfte ran. Die Neue Rechte, angeführt von dem rechtsextremen Verleger Götz Kubitschek, will verschiedene Milieus in einer Bewegung vereinen – in den eigenen Kreisen bezeichnet als konservative Revolution. Schon am Donnerstag riefen Redner dazu auf, die gesamte politische Rechte solle sich jetzt verbrüdern.

Die Szene, so scheint es, ist bereit dafür. Auftakt ist eine Demonstration des III. Wegs im südsächsischen Plauen. Dort hatten sie am Mittwoch bereits einen Aufmarsch der AfD begleitet. In Chemnitz legt kurz drauf Pro Chemnitz nach, gefolgt von AfD und Pegida, die einen Trauermarsch in schwarzer Kleidung planen. Unter den Fittichen des AfD-Scharfmachers Björn Höcke, dessen Rhetorik Bezüge zum historischen Nationalsozialismus aufweist, erwartet das rechte Spektrum die Mobilisierung der Massen. Auch die Identitäre Bewegung will mitmachen.

Die Aufmärsche von Chemnitz bergen die Gefahr, die zersplitterte extreme Rechte zu einen. Ein Fanal des Hasses folgt auf das nächste. Ein Ende ist nicht in Sicht.



Aus: "Traum von der rechten Revolution" Henrik Merker (31. August 2018)
Quelle: https://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2018/08/31/traum-von-der-rechten-revolution_27120

Quote
vincentvision   #1

Aber rechts, ganz rechts sind sie nicht.

Etwas besorgt vielleicht. Und immer ängstlich. Vor dem Islam. Und vor den Fremden.
Auch wenn wir nur 5% Muslime hier haben. Und ein gutes Prozent an Flüchtlingen im letzten Jahr. Dann schreien sie: „Islamisierung!“ und Schlimmeres…

Aber rechts, ganz rechts sind sie nicht.

Und als Frau Merkel eine humanitäre Katastrophe verhinderte, als sie die Grenzen öffnete – als sie verhindern wollte, dass geflüchtete Familien im eiskalten Schlamm verrecken, dann vergessen sie ihren Anstand und ihre Menschlichkeit.

Aber rechts, ganz rechts sind sie nicht.

Und wenn ihnen ihre Partei nichts anbietet, außer gegen Fremde zu sein. Keine Familienpolitik, keine Außenpolitik, keine Bildungspolitik, etc., dann wählen sie sie trotzdem, weil „die anderen sind ja unwählbar“ für sie geworden.

Aber rechts, ganz rechts sind sie nicht.

Und wenn die Medien und die Fakten vollständig gegen sie sprechen, wenn sie sie durch Wahrheit entlarven, dann schreien sie: „Lügenpresse“, „Meinungsdiktatur“ und „Mainstreammedien“.

Aber rechts, ganz rechts sind sie nicht.

Und wenn sie ganz allein auf verlorenem Posten stehen, wenn sich alles gegen sie verschworen zu haben scheint, dann hetzen sie gegen das übermächtige System und das „linksgrüne Kartell“.

Aber rechts, ganz rechts sind sie nicht.

Und wenn ihnen dieses ganze Demokratiegedöns zu weichgespült erscheint, wenn sie sich nach dem starken Mann sehnen, der mal aufräumt, dann müssen sie das doch mal sagen dürfen.

Aber rechts, ganz rechts sind sie nicht.

Sie sind schlimmer, viel schlimmer…




Quote
Gut-für-Deutschland #2

Und hinterher darf man sie dann wieder nicht als „Rechtsextremisten“ bezeichnen. Schon klar.


Quote
Dr. Econ   #3

„Da standen Rentner, die sich die alte sozialistische DDR zurückwünschen, neben Enttäuschten, die sich von der Freiheit nach dem Mauerfall mehr erwartet hatten.“

Den neoliberalen Raffkes, die die Freiheitserzählung zur Mehrung von Macht und Reichtum lediglich missbraucht haben, können wir jetzt artig danke sagen. Der Enttäuschte kann da in der Regel eh nicht so fein differenzieren. Sozial geht auch ohne national.

Ob das wohl genug Menschen aus der Machtelite kapieren bevor es zu spät ist? ...


Quote
Logisches Denken    #4

Interessante Sprache: Demonstrieren Rechte sind es „aufmärsche“, obwohl da niemand Marschiert und alle locker gehen.
Demonstriert der linke Block vor meinem Fenster (wohne in der Schanze), vermummt und wie ein Mann, spricht man von „Demo“.


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BPecuchet   #9

Wer da mitläuft, der ist ein Nazi. Da braucht es aus meiner Sicht keine Debatte mehr.

Die heutigen Nazis, dass sind diejenigen, deren Idole in der NS-Zeit für die Ermordung der Juden verantwortlich waren. Da passt es zum Zeitgeist, dass jetzt AfD-ler bei KZ-Besuchen die Existenz der Gaskammer leugnen. Und Nazis sind auch die, die Deutschland in den schlimmsten Krieg aller Zeiten gestürzt haben. Ein Ergebnis war die Zerstörung vieler deutscher Städte, z.B. Dresden. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass in Sachsen ausgerechnet die Partei starken Zulauf findet, deren Vorgänger verantwortlich war für die Zerstörung Dresdens. Und wenn man sich überlegt, woran die heute arbeiten, nämlich an der Zerstörung unsers Rechtsstaates, dann passt das ja ganz gut ins Bild.


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Passat-Tho   #10

… es bricht heraus was die Politik seit Jahren versäumt hat und rechte Kräfte verstehen dieses kollektive Gefühl des sich alleingelassen seins zu nutzen. Altersarmut, Kinderarmut, Versagen in der Bildungspolitik, schlechter Arbeitsbedingungen per Gesetz, Hartz4 und Mindestlohn – zum Leben zu wenig zum Sterben zu viel – und wer sich noch in der vielgepriesen Mittelschicht befindet akzeptiert immer mehr Zumutungen, weil einem bewusst ist der Abstieg geht schneller als einem Lieb ist. Jeder hat sein gesellschaftliches Frusterlebnis und dann haben es diejenigen einfach die einen Schuldigen vorführen, es müssen noch nichtmal Lösungsansätze sein, denn das Establishment ist nur am eigenem Status quo interessiert.



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  o1llo    #11

Da hat die Linke aber einen Schrecken bekommen. Am nächsten Samstag wird das IV.Reich ausgerufen. Ährlich. Einmal in der Minderzahl und schon steht das Ende der Welt wie wir sie kennen bevor. Und unsere mutigen AntiFaschisten rufen nach der Polizei.


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N.M.   #13

„Die Aufmärsche von Chemnitz bergen die Gefahr, die zersplitterte extreme Rechte zu einen“.

Für die einen die Gefahr, für die anderen die große Hoffnung.


...

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Weltanschauung und Ideologie ...
« Reply #4 on: July 05, 2019, 02:54:31 PM »
Sozialismus des 21. Jahrhunderts ist ein politischer Begriff und Slogan, der neue Formen des Sozialismus im 21. Jahrhundert definieren soll. Der einzige Staat, in welchem diese Form von einer Regierung als Ziel formuliert wurde, war Venezuela im Rahmen der Bolivarischen Revolution.  ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialismus_des_21._Jahrhunderts (14. Mai 2019)

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Weltanschauung und Ideologie ...
« Reply #5 on: August 26, 2019, 10:03:18 PM »
Quote
[...] Wenn Forscher und Politologinnen Polarisierung und Fremdenfeindlichkeit verstehen wollen, neigen Sie zu einem soziologischen Blick: Was denken Menschen über Grenzen und Fremde? Wie viel verdienen sie? Oder wie alt sind sie? In seinem neuen Buch Die aufgeregte Gesellschaft plädiert der Philosoph Philipp Hübl dafür, auch das Temperament der Menschen in den Blick zu nehmen.

ZEIT ONLINE: Herr Hübl, Die AfD positioniert sich gegen den Islam und Flüchtlinge und schürt Ängste vor Kriminalität, Gewalt und sozialem Abstieg. Nun könnte sie bei der Sachsen-Wahl zur stärksten Kraft werden. Ist ihre Strategie also aufgegangen?

Philipp Hübl: Wenn man es ganz schematisch sieht, ist Angst tatsächlich die Kernemotion der Konservativen und der Wähler von Rechtspopulisten. Wer Angst vor seiner Umgebung hat, der fordert beispielsweise mehr Polizei und härtere Strafen. Und in bildgebenden, neurowissenschaftlichen Studien aus den USA zeigt sich auch, dass Konservative einen größeren Mandelkern haben, eine Hirnregion, die für Emotionsverarbeitung, vor allem Angstempfinden, wichtig ist. Aber Angst allein führt nicht zu der Fremdenfeindlichkeit, die wir beispielsweise bei der AfD in Sachsen sehen. Denn Angst ist universell: Jeder Mensch und viele Tiere haben Angst. Fremdenfeindlichkeit ist zusätzlich durch Abscheu, also moralischen Ekel, geprägt.

ZEIT ONLINE: Und wie prägt Ekel die Politik und unsere Moralvorstellungen?

Hübl: Ursprünglich ist Ekel ein Mechanismus, der den Menschen vor Keimen schützen soll. Wir ekeln uns vor verdorbenem Essen, Leichnamen, Körperflüssigkeiten, Gerüchen von anderen Menschen. Und wenn wir uns vor etwas ekeln, halten wir uns davon fern. So hat der Ekelmechanismus seit jeher geholfen*, dass sich Menschen seltener mit Keimen anstecken.

ZEIT ONLINE: Und weiter?

Hübl: Menschen unterscheiden sich deutlich in ihrer Ekeldisposition, also darin, wie schnell und stark sie Dinge als abstoßend empfinden. Und Menschen, die sich stark ekeln, neigen dazu, eher konservative oder religiös-traditionalistische Auffassungen zu haben. Sie sind in ihren Werturteilen strenger, wenn es um Homosexualität geht, um Abtreibung, Sterbehilfe, Prostitution, Drogen, Sex vor der Ehe, Masturbation.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Studien, die das zeigen?

Hübl: Studien mit Versuchspersonen aus mehr als 100 Ländern (Social Psychology and Personality Science: Inbar et al., 2011). Sie zeigen auch, dass man anhand der Ekelneigung das Wahlverhalten besser vorhersagen kann als über klassische Indikatoren wie Steuerpolitik, Bildungsstand oder Einkommen. Wer sich stark ekelt, wählt eher konservative oder traditionalistische Parteien.

ZEIT ONLINE: Etwas, das Parteien durch Wortwahl oder Framing missbrauchen. So behaupten einzelne AfD-Politiker immer wieder, Migrantinnen und Migranten würden Infektionskrankheiten einschleppen.

Hübl: Ja, Ekel ist seit Hunderten von Jahren eine politische Taktik. Die Feinde der eigenen Gruppe werden als eklig darstellt, als Ratten beispielsweise. Ein Extremfall ist der Antisemitismus. Die Nazis haben ein auf Ekel basierendes Apartheidsregime eingerichtet, bevor sie mit dem systematischen Massenmord begannen. Juden seien ansteckend wie Bazillen und Trichinen, haben sie gesagt. Was Juden berührt haben, galt als ansteckend. Tassen, aus denen Juden getrunken hatten, wurden vernichtet. Sie durften nur auf bestimmten Bänken sitzen und nicht in Badeanstalten gehen.

ZEIT ONLINE: Was Sie da beschreiben, nennt sich Kontaktmagie – und nicht nur Antisemiten kennen es. In einem faszinierenden Versuch (Ethos: Nemeroff & Rozin, 1994) wurden Probanden gefragt, ob sie einen Pullover anziehen würden, den Adolf Hitler einmal getragen hat. Obwohl der Pullover chemisch gereinigt wurde, wollen die meisten Menschen das partout nicht. Warum eigentlich nicht?

Hübl: Das ist eine gute Frage. Dieser Vintagepullover kann ja nicht infektiös sein – und nach einer chemischen Reinigung steckt kein einziges Molekül von Hitler mehr dran. Evolutionsbiologen sagen, das hat mit der Vorstellung zu tun, dass der Pullover moralisch verunreinigt ist. Menschen wollen sich auch kein Blut spenden lassen von jemandem, der pädophil ist. Sie haben die Vorstellung, dass eine Verunreinigung des Charakters sich über die Körperflüssigkeiten überträgt. Wahrscheinlich verselbstständigt sich hier der archaische und evolutionär wichtige Ekelmechanismus.

ZEIT ONLINE: Ekel ist nur eine unter vielen Emotionen. Wie prägen denn andere Emotionen unsere Ansichten?

Hübl: Der Frage kann man sich gut über psychologische Persönlichkeitsmerkmale nähern. Menschen haben mindestens fünf Persönlichkeitsmerkmale, die über das Leben recht konstant bleiben, die Big Five: Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Labilität und Extrovertiertheit. Die Merkmale wirken sich auf die Lebensführung aus, auf die Partner- und die Berufswahl. Und zwei dieser Merkmale haben sich als besonders verlässliche Indikatoren für das politische Denken und das Wahlverhalten erwiesen.

ZEIT ONLINE: Welche?

Hübl: Auf der einen Seite Offenheit. Offene Menschen sind grundsätzlich an Neuem, an Vielfalt, an Abwechslung interessiert, sie wollen neue Speisen probieren, neue Länder bereisen, können gut mit Komplexität umgehen und sehen in ihr oft einen ästhetischen Wert. Wer auf der Offenheitsskala weit oben landet, wählt eher linksliberal, wer einen niedrigen Wert hat, wählt eher konservativ bis rechtsradikal oder ist traditionalistisch-religiös. Umgekehrtes gilt für Gewissenhaftigkeit, man könnte auch sagen, Sorgfalt und Verlässlichkeit. Gewissenhafte Menschen sind ordentlich und pünktlich, kategorisieren gern, strukturieren ihren Alltag und ihr Leben sehr stark – und wählen eher konservativ.

ZEIT ONLINE: Überspitzt gesagt: Linksliberale können besser mit Chaos umgehen.

Hübl: Ja, genau. Sie sehen keine Bedrohung, wenn die Welt um sie herum – ob nun die Wohnung oder der städtische Raum – ungeordnet ist. Sie sehen keine Bedrohung, wenn es keine ganz so klaren Kategorien gibt, sondern Mehrdeutigkeiten, wie etwa verwischte Geschlechtergrenzen. Wer hingegen einen niedrigen Wert bei Offenheit und einen hohen bei Gewissenhaftigkeit hat, der will klare Kategorien und deshalb Grenzen ziehen: im eigenen Garten, rund um das eigene Land, zwischen Geschlechtern, sexuellen Orientierungen und Religionen.

ZEIT ONLINE: Wenig offene Menschen sind also menschenfeindlich?

Hübl: Nicht ganz. Menschen, die sehr gewissenhaft und wenig offen sind, neigen eher zu autoritärem Denken und wünschen sich eher starke soziale Hierarchien. Das sind typischerweise die unterwürfigen autoritären Typen, die klassischen Mitläufer. Doch wenn Menschen außerdem noch einen niedrigen Wert bei Verträglichkeit haben, speziell Warmherzigkeit und Mitgefühl, dann neigen sie zum sozialdominanten Denken oder, wie Soziologen sagen, zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Das ist dann genau die Konstellation, die Theodor Adorno einst den "autoritären Charakter" genannt hat. Diese Menschen denken faschistisch.

ZEIT ONLINE: Wie sehr sind denn unsere Persönlichkeit und unsere Emotionalität in Teilen angeboren, also durch unsere Gene bestimmt?

Hübl: Eine große Metastudie zur Zwillingsforschung mit insgesamt 15 Millionen Versuchspersonen zeigt, dass die Gene ungefähr zur Hälfte erklären, wie unsere Persönlichkeitsmerkmale ausgeprägt sind (Nature Genetics: Polderman et al., 2015). Manche Kinder kommen verschlossener zur Welt, andere neugieriger. Anhand dieser Neigung kann man zu einem gewissen Grad vorhersagen, was sie später wählen werden. Die anderen 50 Prozent aber kommen durch die Erziehung. Und natürlich prägt meine Persönlichkeit mein Verhalten, was wiederum meine politischen Ansichten prägt. Bin ich besonders offen, mache ich mehr Reisen, lerne mehr fremde Menschen kennen und verstärke meine Offenheit dadurch wieder.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen immer wieder von moralischen Emotionen – was genau meint das?

Hübl: Die klassische philosophische Vorstellung besagt, dass wir unsere Normen wie "Du sollst nicht stehlen", "Du sollst nicht töten", "Unsere Gesellschaft soll gerecht sein" aus unserer Vernunft herleiten sollen. Im Alltag sieht das oft ganz anders aus: Da leiten die Menschen ihre moralischen Urteile selten von allgemeinen Prinzipien ab. Stattdessen urteilen sie sehr spontan.

ZEIT ONLINE: Wie kann man das nachweisen?

Hübl: Legt man Versuchspersonen schwierige Fälle vor, über die Ethikerinnen und Ethiker Jahre nachgedacht haben, urteilen sie oft in unter einer Sekunde (Psychological Science: Van Berkum et al., 2009). Ein Beispielsfall: Darf ich einen schweren Mann mit einem Rucksack von einer Brücke auf Gleise stoßen, damit er einen Zug aufhält, der sonst fünf Menschen überfahren und töten würde? Die Antwort vieler Menschen: Nein. Nur: Wenn man sie fragt, warum, können sie das schwer begründen. Sie stützen sich auf ein moralisches Bauchgefühl.

ZEIT ONLINE: Dass viele Menschen den Mann nicht auf die Gleise stoßen wollen, lässt sich aber begründen. Die deontologische Ethikschule beispielsweise, die auf Immanuel Kant zurückgeht, kennt ein klares Tötungsverbot und verbietet es, Menschen zu Objekten zu machen, die man für einen höheren Zweck benutzt.

Hübl: Das stimmt. Oft aber lässt sich das moralische Bauchgefühl nicht begründen. Der Psychologe Jonathan Haidt hat das in eindrucksvollen Experimenten gezeigt (zum Beispiel Journal of Social and Personal Psychology: Haidt et al., 1993). Er hat Probanden Fallgeschichten vorgelegt, in denen Menschen etwas Harmloses tun, das niemanden schadet. Zum Beispiel eine, in der unfruchtbare erwachsene Geschwister einvernehmlichen Sex haben, von dem niemand erfährt. Inzest mag ein Tabu sein, aber wenn man genauer überlegt, fällt einem eigentlich kein Grund ein, warum der Sex falsch sein sollte – solange sicher ist, dass keine Kinder entstehen. Die meisten Personen, die gefragt werden, finden es trotzdem falsch. Aber wenn man sie auffordert, das zu begründen, verfallen sie in eine Art moralische Sprachlosigkeit.

ZEIT ONLINE: In manchen Fällen haben Menschen aber durch Erziehung und Gesellschaft Normen verinnerlicht, die auf sorgsame Überlegungen zurückgehen, die Menschenwürde zum Beispiel. Und diese wenden sie dann automatisch auf Situationen an.

Hübl: Ja, das sehe ich genauso. Viele Moralpsychologen neigen dazu, alle unsere Werturteile für emotional zu halten. Vernunft, Reflexion, Nachdenken und die kulturelle Erziehung spielen bei ihnen kaum eine Rolle. Das halte ich für falsch. Ich vertrete eine duale Theorie. Wie bei anderen Denkfragen kann man bei der Moral ein schnelles, automatisches von einem langsam arbeitenden, reflexiven System unterscheiden. Es gibt eine emotional geprägte Voreinstellung, die gut sein kann – zum Beispiel bei der Tötungshemmung – aber eben auch sehr problematisch – wenn wir intuitiv ganze Gruppen abwerten. Aber zum Glück können wir durch individuelle und gesellschaftliche Anstrengungen moralische Voreinstellungen überkommen.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Hübl: Menschen ändern oft genug ihre Urteile, wenn sie lange über einen Fall nachdenken. Und auf gesellschaftlicher Ebene sehen wir einen moralischen Fortschritt. Die Menschheit existiert seit mindestens 100.000 Jahren, aber erst die vergangenen 50 Jahre haben eine extrem progressive Wende gebracht. Bis vor Kurzem gab es kein universelles Gremium der Menschenrechte, keine Ideen von globaler Fairness. Viele Fortschritte wie Gleichberechtigung und die Entkriminalisierung von Homosexualität sind moderne Errungenschaften. Sie gehen darauf zurück, dass irgendwann einmal jemand gesagt haben muss: Es kann nicht richtig sein, wie ich erzogen bin. Es kann nicht richtig sein, was ich fühle.

ZEIT ONLINE: Viele Menschen aber tun das nicht. Manche lehnen Impfungen ab, weil sie sich um die "Reinheit" ihrer Kinder Sorgen, andere pflegen ihre gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Und die wählen entweder gar nicht oder zusammen mit den enttäuschten Konservativen die AfD, wie nun womöglich in Sachsen.

Hübl: Ja, ich glaube, dass wir von der Möglichkeit, unsere emotionalen moralischen Intuitionen durch Nachdenken zu überprüfen, im Alltag zu wenig Gebrauch machen. In meinen Augen ist es Zivilisation, wenn wir es schaffen, unsere moralischen Impulse immer wieder zu überschreiben. Ein Beispiel: Wer in einem homophoben Elternhaus aufgewachsen ist, mag Unwohlsein empfinden, wenn er sieht, wie zwei Männer sich küssen. Die Frage ist dann: Handelt er auch danach und beschimpft die Männer oder kontrolliert er sich?

ZEIT ONLINE: Viele der Beobachtungen, die die Moralpsychologie zum Ursprung unserer Moral oder zu Zusammenhängen von politischen Ansichten und Emotionen macht, sind erst einmal deskriptiv, also beschreibend. Liest man die wissenschaftlichen Veröffentlichungen oder aber Jonathan Haidts Bücher, bekommt man oft den Eindruck, sie leiten daraus moralische Normen ab.

Hübl: Das ist eine Kritik an der Forschung, die ich teile. Die Aufgabe der Moralpsychologie ist es zu beschreiben, was in uns Menschen vorgeht, wenn wir moralisch denken, fühlen und handeln. Aber die Frage zu beantworten, ob das auch so sein soll, ob wir nach diesen Normen leben sollen, ob wir so ein gutes Leben leben und eine gute Gesellschaft werden, muss die Moralphilosophie, also die Ethik, beantworten. Wer argumentiert: Weil es so ist, soll es so sein, begeht den sogenannten naturalistischen Fehlschluss. Man kann aus dem Ist-Zustand keine Norm, keinen Soll-Zustand ableiten. Im Gegenteil: Moralischen Fortschritt gibt es nur, weil wir oft genug festgestellt haben: So wie es ist, ist es nicht gut.



Aus: "Philipp Hübl: "Wer sich stark ekelt, wählt eher konservativ"" Interview: Jakob Simmank (26. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/2019-08/philipp-huebl-emotionen-moral-politische-einstellung-afd-ostdeutschland/komplettansicht

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Andreas71 #2

Es gibt inzwischen derart viele und unterschiedliche Ansätze, die erklären helfen wollen, wie es zum Aufstieg der AfD gekommen ist. Alles gut gemeint und sicherlich auch vieles richtig. Am Ende bleibt aber übrig, dass Menschen Leute wie Kalbitz, Höcke und Urban wählen und dass diesen Wählern deren Rechtsextremismus als Alternative gilt, obwohl sie WISSEN, wohin das führt.
Ich halte es mit Leggewie: Ich nehme diese AfD-Wähler nicht mehr in Schutz.


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DieMenschheitIstGut #2.89

@Andreas71: "Ich nehme diese AfD-Wähler nicht mehr in Schutz." Ich vermute, dass die Wähler auch ohne Ihren Schutz gut zurecht kommen, denn wirkungsvoll war dieser bisher ja nicht wirklich. ...


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Barbara F #2.92

Genau so geht es mir. Anfängliches Verständnis mit den AfD-Anhängern hielt sich ohnehin in Grenzen, es war wohl eher so etwas wie Mitleid ob der Ängste, der Sorgen und dem mangelnden Selbstwertgefühl dieser Menschen.
Aber zwischenzeitlich haben die AfD und die rechtsextremen Gruppierungen im Allgemeinen derart oft ihre hässlich braune Fratze gezeigt, dass auch der einfältigste und naivste Anhänger begriffen haben sollte, was da vor sich geht. ...


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Vantheman #2.103

Hi Andreas71, es tut mir als in Ostdeutschland geborener und immer noch dort wohnender unendlich leid, aber Sie haben Recht: Jeder dieser 25 % AFD Wähler muss inzwischen wissen wen er da wählt und was er da tut. Einen wirklichen Grund und eine plausible Rechtfertigung gibt es dafür aus meiner Sicht nicht. Und schon garnicht mit einer Begründung die sich auf die DDR bezieht. Demokratie ist ein Segen um den uns viele beneiden. Aber wir wollen die anderen 70 - 75% nicht vergessen. Grüsse aus Sachsen-Anhalt


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Entenfreundin #2.141

Selbstverständlich wählen wir die AFD freiwillig und voller Überzeugung


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cash_me_outside #3.6

Dafür sehen wir besser aus :)

"Science Weighs In: Conservatives “Look Better”
New research explains why political conservatives hold a "beauty advantage.""

https://www.psychologytoday.com/us/blog/caveman-politics/201803/science-weighs-in-conservatives-look-better


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cash_me_outside #3.12

Haha, da wir gerade bei unsinnigen Studien sind..:
Physically stronger men are more likely to be right-wing

https://www.express.co.uk/life-style/health/400089/Physically-stronger-men-are-more-likely-to-be-right-wing


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zipit #3.26

Ich bin auch immer wieder erstaunt über den Mangel an Selbstreflexion, mit der solche Thesen vorgetragen werden.

Die Definition einer Gruppenzugehörigkeit von Menschen über proklamierte oder tatsächliche negativen (Charakter-)Eigenschaften ist Chauvinismus in Reinform. Es sollte deshalb offensichtlich sein, dass diese Forschungsergebnisse auch nur so gelesen werden können, besonders dann, wenn sie in einem politischen oder moralischen Kontext gesetzt werden. Und ich habe auch Schwierigkeiten, zu glauben, dass eine solche politische oder moralische Interpretation von den Autoren nicht auch zumindest unterbewusst intendiert ist.

Von zumindest anekdotischem Interesse ist sicher auch, dass vor drei Jahren eine ganze Reihe von Artikeln (die damalige These: Konservative haben psychotische Persönlichkeitsmerkmale) aus dieser Subdisziplin zurückgezogen werden mussten, weil massive methodische Mängel entdeckt wurden. Erstaunlich, dass der Artikel das nicht zumindest einordnend erwähnte, denn selbst ich als Fachfremder konnte mich an den Vorfall erinnern.

[1] https://retractionwatch.com/2016/06/07/conservative-political-beliefs-not-linked-to-psychotic-traits/


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freidenkender #3.28

"Sozusagen Sarrazins Gentheorie auf links gewendet."

Genau das und nix anderes.
Dieses Klientel dreht und wendet sich alles exakt so, wie es gerade gebraucht wird und morgen gilt: 'was schert mich mein Geschwätz von gestern?'....
Hier werden allen Ernstes wissenschaftliche Theorien zum Zustandekommen von Wahlentscheidungen ausgerechnet von denjenigen verteidigt, die derartiges in anderer Konstellation garnicht schnell genug gelöscht und den den Verfasser geteert und gefedert sehen wollen...
Dass obiges Interview zudem absolut polemisch und krass einseitig geführt und verschlagzeilt wurde, ist dabei nur ein Nebenaspekt


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Hrmpf Kasalla #3.32

Polemisch ist das doch gar nicht, eher naheliegend und schlüssig.

Zuerst sollte man sich wohl klar machen, dass hier kein Automatismus beschrieben wird, sondern lediglich eine Tendenz, eine Wahrscheinlichkeit (die Betonung liegt auf "...der wählt EHER konservativ").

Wie Herr Hübl denke ich auch, dass dem Zusammenhang von Temperament bzw Psyche und politischer Einstellung / Weltanschauung eine wesentlich größere Rolle zukommt, als in den meisten Analysen bedacht - weil es mir selbst immer wieder auffällt, dass in den verschiedenen politischen Milieus, wenn man sie in Gruppen sieht, auch verschiedene Charaktertypen ziemlich auffällig vorzuherrschen scheinen.
So sehe bei heutigen Rechtspopulisten neben allem Konservatismus auch den starken Wunsch (oder Trieb) der Provokationslust, also andere "vor den Kopf stoßen zu wollen". Das widerspricht ja eigentlich dem Konservatismus, der sehr stark auf (Anstands-)Regeln und Tabus setzt, nicht auf Tabubrüche.

Diese Provokationslust kennt man meist ja eher von "links", wo traditionelle Werte & Normen oft in Frage gestellt wurden (siehe Rock/Punk, Sufragetten, Kommune I etc). Dieser Umsturz-Aspekt wurde allerdings schon von den Faschisten für ihre rechte Politik übernommen.

Aus rechter Sicht scheint mir zB der Vorwurf "Gutmensch" stark mit Vorstellungen von einem bestimmtem Temperament und psychologischen Merkmalen verknüpft zu sein.


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Sequester #3.35

Ich musste beim Lesen des Interviews auch an Sarrazin denken - auf einmal gibt es eine genetische Disposition des Verhaltens. Kann man sich eigentlich nicht ausdenken.


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Friedrich Nietzsche #3.38

Überrascht Sie das jetzt wirklich, dass Gene das Verhalten beeinflussen? Wissenschaftlich wurde das schon lange nachgewiesen.

Aber ich helfe Ihnen: Der eine nimmt Forschungsergebnisse als Grundlage seiner Argumentation, der andere seine Vorurteile sowie geographische Herkunft seiner Gesprächssubjekte. Der eine verortet eine Disposition für Verhalten, der andere einen Determinimus.


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Winnewupp #3.49

"Haha, da wir gerade bei unsinnigen Studien sind"

Mensch, sind Sie wirklich konservativ?
Sie nehmen die Links ja gar nicht Ernst!

"Conservatives lack sense of humor, study finds"
https://www.psychologytoday.com/us/blog/rationally-speaking/200905/conservatives-lack-sense-humor-study-finds



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Weltanschauung und Ideologie ...
« Reply #6 on: November 05, 2019, 01:02:17 PM »
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[...] Das Grosse Thier, Leipzig

1
„Ich läugne die möglichkeit baldiger Revolutionen nicht. Wohl aber läugne ich, daß die Revolutionen von der 48er Demokratie gemacht werden können. Revolutionen werden nicht von der demokratischen Partei gemacht, vielmehr ist die Umsturzpartei oft nur erst ein Erzeugniß der Revolution. Revolutionen entstehen, wenn ein Lebensprincip, welches bis dahin die Stände und Staaten ordnete, sich zersetzt, und wenn die daraus folgende Unsicherheit sich den leitenden Kreisen mittheilt.“ (1)

Das schrieb einer, der über die „48er Demokratie“, die „Umsturzpartei“ von 1848 genug wusste, um von der Polizei dafür bezahlt zu werden, nämlich Edgar Bauer; er sass wie die anderen Radikalen im Exil in England, wo er mit Marx soff, sich prügelte und zerstritt,(2) und wo er dieselben unfassbaren Klatschgeschichten, Intrigen, kaum begreiflichen Allianzen und Zerwürfnisse der politischen Emigration zusammenschrieb, aus denen Marx das Buch „Die Grossen Männer des Exils“ gemacht hat, nur gegen Geld für die dänische Staatspolizei. (3)

Es reicht, dieses Buch z.B. zu überfliegen, um zu begreifen, was er meint. Diese Leute hatten alle irgend eine Rolle in der kurzen, aber heftigen Revolution gespielt, und sie meinten nun, ihre Handlungen wären die Ursache und nicht die Folge der Revolution gewesen. Aus der Revolution war insgesamt eh nichts geworden, und das lag natürlicherweise an dem schlechten Einfluss, der Schlaffheit, Verräterei und den unrichtigen Spezialideen der anderen Parteien unter der revolutionären Emigration, und nicht an dem guten Einfluss, der Vorsicht, klugen Taktik und den völlig richtigen Spezialideen der eigenen Partei.

Wenn man diese Leute so beissend beschreibt wie Marx, dann sehen sie unfassbar dumm aus. Aber man braucht gar nicht so viel Phantasie, um sich grosse Teile unserer heutigen linken Szene so beschrieben vorzustellen. Man bildet heute nicht mehr so rasch Exilregierungen hierzulande, aber die geschlagenen Teilnehmer unserer letzten Revolutionen, 1968 und 1989, mussten auch nicht ins Exil. Unter der 68er „Umsturzpartei“ jedenfalls gab es genug Narren desselben Formats; die Gründung einer sogenannten Kommunistischen Partei ist doch auch nichts anderes als der Anspruch, demnächst die Regierungsgewalt übernehmen zu wollen. Je realistischer, desto gefährlicher; je unrealistischer, desto lächerlicher; zwischen diesen beiden Polen bewegt sich der Irrsinn.

Die linke Szene in Westdeutschland vergisst es manchmal, aber sie geht in der Form, die sie heute hat, auf 1968 zurück, wenn auch auf verschlungenen Wegen; in Ostdeutschland ist es alles noch nicht so lange her, die Erinnerung ist noch nicht ganz so getrübt, alle grösseren Institutionen der Szene haben sich natürlich um 1989 entwickelt, und die meisten Leute leben noch. Die linke Szene ist „ein Erzeugniß der Revolution“.

2
Es gibt natürlich vor den Revolutionen schon Personenzusammenschlüsse, mehr oder weniger öffentlich auftretende Gruppen, oder Milieus, in denen die Themen der späteren Revolution schon klarer erörtert werden als anderswo. Vor 1968 bestanden sie an den Rändern den SDS, der sogenannten Republikanischen Clubs der APO, den sozialwissenschaftlichen Fachschaften der Universitäten, der Gewerkschaftsjugenden; vor 1989 gab es die bekannten Kreise an den Rändern der Landeskirchen, die betrieblichen Gruppen innerhalb und ausserhalb der sozialistischen Partei, die Umweltgruppen und das Milieu der sogenannten Lesekreise. Irgendwo stellen irgendwelche Leute auf einmal Fragen, die vorher nicht gestellt worden sind, und tun sich zusammen zu gemeinsamer Aktivität, die vorher nicht getrieben worden ist, und zwar ausserhalb oder am Rande der Organisationen und der Institutionen.

Das auffällige ist, dass solche Gruppierungen erstens am Scheitelpunkt der Revolution wieder auseinanderzubrechen pflegen; ihre Produkte gehen neue Bündnisse ein, und diese Umgruppierung endet erst, wenn die Revolution vorbei ist. Und zweitens fällt auf, dass sie nie direkt aus den erstarrten Formen hervorgehen, die vorhergehende Revolutionsversuche zurückgelassen haben. Die Bewegung von 1968 etwa hat es ja auch im Osten gegeben; ihre Nachwirkungen lassen sich noch bis in die späten 1970er zeigen, wo sie dann aber anscheinend abreissen, jedenfalls nicht zu direkten den Vorläufern der 1989er Gruppen gehören. Und auch der Vorlauf von 1968 im Westen hatte sich auch nicht ohne Grund die Neue Linke genannt, um eine Welt verschieden von der alten Linken, der SPD und KPD.

Die jeweils bestehende linke Szene, ihre Organisationen, ihre Einrichtungen, ihre Ideen, Gewohnheiten und Forderungen sind vielleicht, unfassbarer Gedanke, gar nicht dasjenige, was die nächste Revolution antreibt, sondern sind die Endmoränen der letzten, die Anhäufung ihrer unerledigten Geschäfte, vielleicht auch ihrer überschüssigen Ideen, wer weiss, vielleicht sogar ihrer Irrtümer?

Und die gesellschaftliche Unruhe, die den politischen Prozess antreibt, solange er funktioniert; und die ihn auch irgendwann verstopfen, zum Stocken bringen, am Ende umstürzen kann, diese gesellschaftliche Unruhe ist vielleicht am Ende gar nicht etwas, das in der linken Szene stattfindet, ausgedacht, verursacht wird; sondern die linke Szene ist vielleicht nur selbst eine Auswirkung von ihr, auf gleicher logischer Ebene wie Alkoholismus, Suizidrate, Wirtshausschlägerei.

Die linke Szene nimmt in der Revolutionsgeschichte keinen privilegierten Ort ein im Vergleich zu den Kegelvereinen, Kirchengemeinden, Kindergartenvereinen und Belegschaften, oder allen anderen Orte, wo auch Leute zusammenkommen, die an sich gleichzeitig nichts und alles miteinander gemeinsam haben. Unter diesen Einrichtungen ähnelt die linke Szene am ehesten den Kirchengemeinden; ihr offizieller Zweck ist der Kultus eines Wesens, das nicht existiert; und die wenige nützliche Arbeit, das einzig sinnvolle an der Sache, gilt, wo sie getan wird, als Nebensache.

3
Die Hauptsache, um die es der linken Szene unvermeidlich gehen muss, ist die Erhaltung ihrer eigenen Strukturen. Das ist nicht unvernünftig, diese Strukturen sind die einzige institutionelle Präsenz, die die Revolution in einer nicht mehr revolutionären Gegenwart hat. Aber der verstrichene revolutionäre Moment lässt sich nicht konservieren. Was an Organisierung auf dem Scheitelpunkt der Welle erreicht wird, in Ostdeutschland war es der Sommer 1989, überdauert die Gegenrevolution nur, indem es sich gegen die gesellschaftliche Konjunktur abschliesst. Es besteht weiter, aber als eigenes abgetrenntes Milieu.

Die linke Szene ist eine Gestalt des Rückzugs, nicht der Offensive. Die sich in ihr sammeln, sind die, die sich vor der gegenrevolutionären Gesellschaft zurückziehen. Sie bezieht ihre Organisierung notwendig auf sich selbst als auf ihren Zweck; und auf diese Weise fügt sie sich in die gegenrevolutionäre Gesellschaft konflikthaft wieder ein, als eine linke Subkultur. Was die Einfügung leichter macht, sind Musik und Alkohol. Jede neue Welle von jungen Leuten, die der gesellschaftliche Konflikt in Bewegung bringt, landet irgendwann hier; der Impuls, den sie mitbringen, bricht sich hier. Ihre Assimilierung und Integration geschieht durch dieselben Mechanismen der Identitätsbildung, mit der die Szene sich zusammenhält.

Die Identität hat nie von vorneherein bestanden. Sie muss ohnehin immer erst hergestellt werden. Es wird nicht eine langsame Entpolitisierung mühsam und durch immer erneute Anstrengung zurückgeschlagen. Die linke Szene ist kein Kampffeld, auf dem gegen Ermüdung und Resignation etwas zu holen ist. Sondern die linke Szene ist aus dem revolutionären Milieu entstanden genau in dem Moment, in dem dieses politisch ausser Kurs gesetzt worden ist. Der Ausschluss aus der Geschichte, aus der gesellschaftlichen Wirksamkeit, das ist die ursprüngliche Grundlage der Szeneidentität. Und die Anstrengungen, die sogenannte Entpolitisierung aufzuhalten, tragen von vorneherein den Charakter von Täuschung und Selbsttäuschung. Sie wiederholen und bestätigen den Ausschluss, die Isolation, aber diesmal mit eigenen Mitteln und aus eigenem Entschluss.

Und sie kreisen immer um die eigene Szene. Je mehr sich ihre inneren Debatten von der gesellschaftlichen Wirklichkeit entfernen, desto unnachgiebiger fordern die Standpunkte, die sich in ihr durchsetzen, unbedingte Zustimmung. Es entsteht ein Klima, in dem es unmöglich wird, Aussenstehenden zu erklären, um was es denn jetzt wieder geht. Die schütteln ungläubig die Köpfe und begreifen nicht. Die Insassen der Szene können sich eine Weile einreden, dass das daran liegt, dass sie soweit voraus sind; aber irgendwann kommt der Punkt, wo sie einsehen müssen, dass es nicht so ist; dass man sie nicht ernst nimmt. Das ist der Punkt, wo man versucht, wieder relevant zu werden, das heisst völlig das spinnen anfängt. Dann beginnt man, den verrückten Kram, in den man sich verrannt hat, in dem verrückten Kram wiederzuerkennen, den die normalen Leute sagen, und dann kann man sich einbilden, die Isolation der Szene durchbrochen zu haben. Es ahnt ja niemand, dass dieselbe Isolation auch zwischen allen einzelnen Menschen besteht.(4)

4
Man kann z.B., wenn man absolut nicht weiss, wie man die solchermassen gewonnene Volkstümlichkeit betätigen soll, auf den altehrwürdigen Brauch verfallen, ein sogenannter Maoist zu werden. Was 1969 richtig war, kann heute nicht falsch sein. Die Leute vom SDS hatten mit eigenen Augen eine ungeheuere, aber letztlich unentschieden verlaufende gesellschaftliche Bewegung gesehen; und sie hatten, während sie von den Rändern mit Flugblättern und Aufrufen einzugreifen versuchten, sich für einen kurzen Moment einbilden können, dass sie in Wirklichkeit in deren Zentrum gestanden hatten. Nichts ist verständlicher als diese lächerliche und übergeschnappte Illusion. Wem es nie so gegangen ist, hat nichts gesehen.

Wenn die Praxis des philosophischen Seminars, der Kapitallesegruppe, der studentischen Vollversammlung schon diese Wirkung hat, an ganz anderen Orten der Gesellschaft ganz andere Menschen in Bewegung zu bringen, und auf solches magisches Denken läuft es hier hinaus, was für Wirkungen muss es dann erst haben, wenn man es wirklich darauf anlegt? Während die Bewegung in Wirklichkeit um sie herum zerfiel, liess sich in den K-Gruppen, die ab 1969 entstanden, die Illusion aufrechterhalten, die Sache würde stattdessen immer nur radikaler, zielstrebiger, entschiedener. Die Minderheit der bewussten Kader, die die letzte Bewegung hervorgebracht hatte, würde jetzt darangehen, die nächste, diesmal entscheidende Bewegung gründlich vorzubereiten, und diesmal würde sie sich nicht in Hörsälen und Seminarräumen von der Bevölkerung isolieren, sondern organisiert in festen Gruppen mit einer ausgearbeiteten Doktrin an ihre Spitze treten.

Es zeigte sich, dass die Bevölkerung keinen Bedarf nach dieser Führung hatte, weswegen etliche Kader der bewussten Minderheit sich noch Jahrzehnte später in aussichtslosen und undankbaren Jobs durchschlagen mussten, etwa als Staatssekretäre in der Regierung Schröder.

In ihrer eigenen Zeit haben die maoistischen Gruppen in der linken Szene ganz ähnliches Aufsehen gemacht wie ihre Neuauflagen von heute. Sie waren immer die radikalsten, jedenfalls in Worten; sie legten grossen Wert auf ihre straffe innere Disziplin, jedenfalls in Worten; und die verdreht Logik ihrer Doktrin erlaubte es ihnen, praktisch jeden beliebigen Standpunkt zu vertreten und nach Belieben wieder auszuwechseln. Das liess sie nur umso kühner, radikaler und entschiedener erscheinen, je schockierender und unsinniger diese Standpunkte in dem Rest der Szene, und in der gesamten Gesellschaft sich ausnahmen. Im Grunde haben sie die Logik, nach der die linke Szene heute noch funktioniert, perfektioniert, um nicht zu sagen geschaffen.

So sind sie für die zehntausenden jungen Menschen, die ihnen angehört hatten, eine hervorragende Schule des Opportunismus gewesen, der Unterordnung unter unberechenbar schwankende Direktiven, der Kreativität in der Lüge und der Fähigkeit, nach Bedarf alles zu glauben, was geglaubt werden soll. Und nach ihrer Auflösung, spätestens in den 1990ern haben sie diese schönen Züge der ganzen restlichen Linken grosszügig mitgeteilt.

5
Ihr klassischer Stil aber wird erst neuerdings wieder geplegt. Der Schauer des Fremdschams, den Ausdrücke wie „Dem Volke dienen“ auslösen, ist kalkuliert. Hinter der plumpen Zudringlichkeit und hinter der gestellten Naivetät, mit der der Gebrauch des Wortes „Volk“ verteidigt wird, schlüpft unbemerkt die beabsichtigte Botschaft durch: das Versprechen von Herrschaft über ebenjenes Volk, versteckt unter der auftrumpfenden Demut des Wortes „dienen“.

Die linke Kritik an einer solchen Agitation tappt unvermeidlich in die klug gestellte Falle; man zerbricht sich den Kopf und verfällt auf die antinationale Kritik an dem Begriff Volk, zu dem man dann allerhand dazureimt. Das mag auch alles stimmen, aber die Hauptsache fehlt. Die Losung verspricht der maoistischen Gefolgschaft nicht volkhafte Echtheit, Erfüllung enfremdeter Sehnsüchte, was die antinationale Kritik so alles mit dem Wort „Volk“ verbindet; sie verspricht Herrschaft. Sie verspricht das perfekte Verbrechen; sie verspricht absolute Selbstherrlichkeit. Denn das „Volk“, von dem die Rede ist, in dessen Dienste man zu treten aufgefordert wird, ist keine organisierte Grösse; niemand ist da, der seine Diener zur Rechenschaft ziehen könnte, denn wer sollte das sein ausser seinen Dienern selbst?

Über die neuen Maoisten hört man viel schlechtes. Sie greifen Leute aus der linken Szene an, also sind sie Feinde der Linken; sie greifen schwule, lesbische, feministische, antifaschistische, antideutsche, studentische usw. Aktivisten an, also folgt notwendig, dass sie homophob, antifeministisch, pro-faschistisch, anti-intellektuell usw. sind. Das Problem ist nur, dass diese Logik nur innerhalb der linken Szene selbst verstanden wird. Die Maoisten greifen alle an, die sie angreifen wollen, einschliesslich der linken Szene selbst im Ganzen, und zwar gerade weil sie beanspruchen, die revolutionäre Linke selbst zu sein. Der Angriff ist die praktische Ausübung dieses Anspruchs, der Anspruch die Rechtfertigung des Angriffs, die Angegriffenen selbst sind ihnen Nebensache.

Kritik der Art, das sei „innerlinke Gewalt“, ist hilflos. Der Russische Bürgerkrieg war auch „innerlinke Gewalt“; die Linke ist niemals eine Einheit, sie ist eine verfeindete Vielheit, und über die Feindschaft wird so genau geschwiegen wie über die Revolution. Den Betrug, der die maoistischen Gruppen zusammenhält, befestigt man gerade mit solchen Phrasen. Der Betrüger stellt sich so als den ehrlichen Mann hin, ihm gegenüber eine Welt voller Betrüger, die ihn verleumden. Mit anklagendem Finger zeigt er auf den ganzen Rest der linken Szene: überall Halbheit, versteckt unter Phrasen; viel Gerede von Revolution und Kommunismus, aber alles, was geschieht, ist Beschäftigung mit sich selbst. Denn als wer tritt man auf, wenn man sich über innerlinke Gewalt beklagt? Als Fürsprecher des bestehenden Zustands der Szene, nicht als verletzte Einzelne. Das ist der Trick: schlage den einzelnen verletzbaren Menschen, zum Vorschein kommt der klagende Szenefunktionär. Die Leute, die den ganzen Haufen gegründet haben, haben sich vielleicht eine ziemlich raffinierte Masche ausgedacht.

Der neue Maoismus funktioniert nach keinem anderen Prinzip als die linke Szene selbst. Aber er sucht sich seine Dummen auf etwas andere Weise. Man muss sich nur einmal die sogenannte Auflösungserklärung des sogenannten Jugendwiderstands anschauen. Was denken Leute, die davor warnen, „bei einigen Massen Illusionen in Parlamentarismus, Passivität und Reformierbarkeit des Systems zu stärken“? „Einige Massen“! Man hat eine Steigerung gefunden, weil „die Massen“ noch nicht entfremdet genug dahergeschwätzt klingt. Was meint jemand, der „die Massen“ sagt? Er sagt: die einfachen Leute, die Führung durch eine bewusste Minderheit brauchen; oder wie es der Grosse Vorsitzende ausdrückte, „ein unbeschriebenes Blatt, auf dem man die schönsten Gedichte schreiben kann.“ Überflüssig zu sagen, dass die Maoisten ausser Revierkämpfen nichts machen, etwa „den Kapitalismus“ anzugreifen. Auch das haben sie vom Grossen Vorsitzenden gelernt, der den zweiten Weltkrieg von Chiang Kai Chek hat ausfechten lassen.

6
Die linke Szene findet das alles natürlich nicht in Ordnung. Aber sie begreift den Kern der Sache nicht. Der Kern ist dreiste Hochstapelei. Um gegen die etwas auszurichten, müsste sie selbst etwas sein, was sie nicht sein kann: die Umsturzpartei; oder sie müsste aufhören, so zu tun, als sei sie sie. Sie funktioniert aber selbst nach genau demselben Prinzip der Hochstapelei. Es nimmt nur immer verschiedene Formen an.

Ganz andere Frage. Was ist z.B. ein Soli-Tresen, den eine linke Gruppe veranstaltet, um ihre Aktivitäten zu bezahlen? Meistens wird es darauf hinauslaufen, dass die Mitglieder der Gruppe selbst die einzigen sind, die kommen und Bier trinken. Die Solidarität, nach der das benannt ist, ist dann eine mit sich selbst, vermittelt durch Alkohol. Gar kein schlechtes Bild für die Lage. Man braucht dann noch einen Raum, Werbung, es steckt da schon Arbeit drin. Es wäre schneller gegangen, man hätte gleich zusammengelegt und dann alleine gesoffen. Aber wo bliebe da der eigentliche Vereinszweck, die Gemütlichkeit, die Gruppenbindung?

Eine etwas grössere Nummer sind die linken Läden oder gar Häuser. Der Betrieb und die alltäglichen Konflikte fressen soviel Zeit, dass von den linken Häusern selbst keinerlei Gefahr mehr ausgeht. Wenn man sie ordentlich betreibt, bleiben keine Kapazitäten mehr übrig, und wenn man sie nicht ordentlich betreibt, gehen sie pleite. Sie binden die zuverlässigsten Leute an ihre reine Erhaltung. Die linken Inhalte müssen, soweit Platz ist, dann separat von aussen eingespielt werden. Sie sind im besten Fall die Bühnen für die linken Gruppen aus der Szene um sie herum. Siehe auch: Solitresen.

Schliesslich die linken Gruppen! Es werden sich natürlich zuerst die falschen kritisiert fühlen, die nämlich, die richtige Arbeit machen. Diejenigen, die wirklich gemeint sind, dürften ja ganz gut selbst wissen, was sie sind und was sie tun. Jeder lacht über die Riesenmaschine der IL-Organisation, die Heerscharen von Leuten mit der Planung und Durchführung von Aktionen beschäftigt, nicht damit eine Arbeit getan ist, sondern damit man in die Nachrichten kommt und der Eindruck erweckt wird, dass man Arbeit tut. Damit zieht man Leute an, die man für den Betrieb der Riesenmaschine braucht. Wieviele Gruppen funktionieren nach demselben Prinzip?

7
Natürlich ist das nicht alles, was gesagt werden kann. Natürlich produziert das alles nicht nur Unfug, sondern auch ab und an etwas Gutes. Nur ist, wie es Debord formuliert hätte, das Gute immer nur ein Moment des Schlechten; es finden sich in der linken Szene immer, auch unter den grössten Narren noch, Leute, die bereit sind, bei irgendwas vernünftigem mit anzufassen, und zwar viel mehr als ausserhalb der Szene. Man hat dabei immer nur das Gefühl, dass das damit zusammenhängt, dass die Leute aus der Szene ohnehin eher gewohnt sind, bei jedem erdenklichen Unfug mitzumachen, ohne gross nachzudenken.

Denn, warum wird dann das nutzlose Spektakel, die inszenierte Arbeit für den Zusammenhalt des eigenen Ladens, überall wirklich so gut angenommen? Warum, wenn diese Logik in der linken Szene nicht vorherrscht, ist dann folgende Geschichte nunmehr schon zum zweiten Male passiert: in einer deutschen Grossstadt meiner Wahl veranstaltet eine dort angesehene Gruppe der linken Szene anscheinend alle fünf Jahre einmal einen Vortrag zu ihrem Lieblingsthema in der 60 km entfernt gelegenen Nachbarstadt, weil ihr die dort in der Szene vorherrschende Ansicht missfällt. Zu diesem Zweck bucht sie Räume und fährt ihr Publikum mit Bussen dorthin. Der Einlass wird natürlich bewacht, damit nicht Leute aus der dortigen Szene zu dem Vortrag kommen. Anschliessend packt man zusammen und fährt gemeinsam mit dem Bus zurück.

Die Stadt ist natürlich Halle, die Gruppe die AG No Tears For Krauts, die Nachbarstadt Magdeburg, und das Thema ist „Solidarität mit Israel“, zu welchem Dr. Stephan Grigat lauter Dinge sagt, die das mitgebrachte Publikum schon weiss, und niemand anders zu hören bekommt. Überall, wo man diese Geschichte erzählt, wird man ausgelacht; „bei euch in Halle ist doch was im Leitungswasser“, sagen die Leute. Ausser die Antifa-Szene in Halle, da findet man das total richtig und wichtig, wahrscheinlich weil in Halle wirklich was im Leitungswasser ist. Das Beispiel ist sehr speziell, und ausserhalb von Halle gehören die Leute von dieser Partei eh nicht so sehr zur linken Szene, weil sie auch nirgendwo so viele sind. Aber grundsätzlich anders ist es doch nirgendwo. Überall gibt es die eine oder mehreren lokalen K-Gruppen, zu denen ein Teil der Szene ehrfürchtig aufblickt, bei denen mitmachen zu dürfen das Herz des Szenejünglings höher schlagen lässt, deren unsinnige Verlautbarungen ehrfürchtig diskutiert werden, und über die man in den anderen Städten lacht.

8
Nicht in allen anderen Städten. „Zusammen Kämpfen“ aus Magdeburg, der Mutterstadt des neuen Maoismus, kündigen ihrerseits einen Vortrag mit den Worten an: „Was in Magdeburg undenkbar scheint, ist in Halle bittere Realität: Die Antideutschen drangsalieren die linke Szene. Dieser Vortrag sollte eigentlich in Halle gehalten werden, aber weil die Antideutschen und ihre Freunde in der Stadtpolitik mit Gewalt und Fördermittelentzug drohten, wurde er abgesagt.“ „Drangsalieren“ ist etwas übertrieben, aber „auf den Wecker“ gehen klänge nicht richtig, und noch weniger „irrationale Identitätsbedürfnisse erfüllen“.

Aber vielleicht ist mir etwas entgangen, denn das ZK scheint zu meinen, die „Antideutschen“ seinen gar keine Linken, sondern die „Bodentruppen des Imperiums“. Wer ist denn die linke Szene von Halle, die von den Antideutschen „drangsaliert“ wird? Wir erfahren: „die Sprecher der Antideutschen legen eine antimuslimische Rhetorik an den Tag, die große Schnittmengen mit den Verlautbarungen der AfD aufweist. Und auch die rassistischen „Identitären“ freuen sich über die Schützenhilfe aus dem antideutschen Lager.“ (5)

Ach so! Also das ist einfach. Wenn die „Sprecher der Antideutschen“ die sind, die daherreden wie die AfD, dann ist damit gemeint natürlich die AG No Tears For Krauts. Diese also sollen, heisst es weiter, die hallische Szene drangsalieren. Die hallische Szene ist aber selbst antideutsch. Die Sprecher der Antideutschen drangsalieren also die Antideutschen? Das hat nur eingeschränkt Sinn. Also schreibt die hallische Szene in Gestalt des OAP aus ihrer Drangsal folgendes an die magdeburger Szene zurück: wir würden ja gerne mit euch zurechtkommen, aber bei euch „besteht weiterhin eine Zusammenarbeit mit ZK. Bezüglich der autoritären Trottel, die die Magdeburger linke Szene dank ihrer Einschüchterungstaktiken seit Jahren dominiert (sic), hat sich in den letzten Monaten jedoch das ein oder andere Abgrenzungsbestreben gezeigt, was uns vorsichtig erfreut.“ (6)

Also die magdeburger Szene wiederum wird von dem ZK drangsaliert. Wo kommen diese Gruppen nur immer her, die derart eine Szene beherrschen? Die Szene produziert sie. Aber warum? Weil die Szene überall ganz genau so funktioniert, wie es hier seit 5 Seiten beschrieben wird. „Die befreite Gesellschaft kann man mit diesen Gruppen nicht erstreiten“, schreibt, und hier völlig zu Recht, das OAP Halle. Aber über wen? Und über wen nicht?

Alle wissen das über alle anderen, aber niemand will es über die eigenen Leute wissen. Alle Ideen in der Szene sind bis zum Schwachsinn aufgeblasene Spezialideen, die nur plausibel werden, wenn man sie mit den anderen gegensätzlichen schwachsinnigen Spezialideen vergleicht. Wenn das ZK nicht wäre! Dann könnte man ja mit den Magdeburgern zusammenarbeiten. Wenn die AG nicht wäre, dann würden die Magdeburger das vielleicht sogar auch wollen. Aber woran zum Teufel wollt ihr denn zusammenarbeiten? Ihr habt doch alle miteinander keine Ahnung, was ihr überhaupt tun sollt! Wenn es diese Gruppen, die euch „drangsalieren“, nicht gäbe, ihr müsstet sie glatt erfinden.

9
Dabei hat das ZK völlig Recht: die AG redet wirklich dasselbe Zeug daher wie die AfD. Aber die AG wiederum hat auch völlig recht: das ZK verhält sich wirklich wie eine antisemitische Schlägertruppe. Das ist ja das Elend: sie haben beide Recht, sie sind beides Scheisskerle, mit denen man unmöglich zusammenarbeiten kann. Und beide sind authentisches Produkt und Schandfleck derjenigen Szenen, aus denen sie hervorgehen. Aber genau darauf beruht ihr Einfluss. Und genau deswegen brauchen sie sich. Solange die einen da sind, kriegt man die anderen ncht los.

Man kanns nicht halb haben. Die Krätze und die linke Szene hat man entweder ganz oder gar nicht am Hals. Aber es geht nicht mit ihr und nicht ohne sie. Und es wird nicht besser, sondern schlimmer werden, wenn die Unruhe des Gesellschaft zunimmt. Dann wird die Szene grösser, und je grösser die Szene, desto mehr potentielle Abnehmer für noch abstrusere Spezialideen; also je unruhigere Zeiten, desto beklopptere Doktrinen gewinnen überall selbständige Existenz als Szenepartei.

Wenn die Zeiten am unruhigsten sind, wird die Szene also logischerweise am übergeschnapptesten sein. Es gibt ja Leute in der Szene, die glauben, sie können das aussitzen und sich ruhig und gründlich vorbereiten. Auch das ist eine solche übergeschnappte Spezialidee. Sie werden natürlich immer nur ruhiger und gründlicher sich vorbereiten. Man kanns drehn und wenden, es wird nichts draus. Die linke Szene ist krank. Nicht nur die Welt, in der sie lebt. Oder besser gesagt: die linke Szene ist ein Symptom.

Wozu ist die linke Szene gut? Zu recht wenig. Kommt man ohne sie aus? Wenn man einmal drin ist, nicht. Braucht man sie? Wozu? Alles, was Sinn hat, wird ausserhalb des Szene getrieben. Von Leuten, die sich nicht weigern, mit Leuten zu reden, die nicht ihrer Meinung sind. Und die nicht erst die Meinung ihrer Gruppe einholen müssen. Und die sich nicht davor fürchten, dass die Szeneoberen missbilligen, was sie sagen, weil sie keine Szeneoberen haben. Und die sich nicht beeindrucken lassen davon, was jemand redet, bloss weil sie es nicht verstehen, sondern die vermuten, dass es Schmarrn ist, wenn es klingt wie Schmarrn.

Manche davon kennen die linke Szene gut, weil sie aus ihr davongelaufen sind. Manche stehen äusserlich zu ihr in Verbindung, weil sie ihre Infrastruktur brauchen. Wird das so bleiben? Das weiss man nicht. Aber das eine weiss man. Präzise in dem Moment, an dem sie diese nicht mehr brauchen, hat die Stunde geschlagen, wo der ganze Spuk sich auflöst wie Nebel in der Sonne.

———

1 Edgar Bauer: Konfidentenberichte über die europäische Emigration in London 1852-1861, Hg. Erik Gamby, Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Trier 38, Trier 1989, 101

2 Und sich beim Saufen zuletzt mit ihm zerstritt und ihm in die Fresse schlug, Gamby, Edgar Bauer, Junghegelianer, Publizist und Polizeiagent, Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Trier 32, Trier 1985, 33, und damit die traditionellen Formalitäten begründete, die bei Zerwürfnissen in der linken Szene unbedingt einzuhalten sind.

3 Während Marx sich sein Manuskript bekanntlich dem ungarischen Emigranten Bangya gab, des es der preussischen Staatspolizei verkaufte. Später trat der in türkische Dienste und wurde im Kaukasuskrieg von den Tscherkessen als russischer Spion zum Tod verurteilt, MEW 12, 166; 557;

4 Willi Langthaler hat das, glaube ich, 2003 wunderschön ausgedrückt: der antiimperialistischen Linken sei es in der Antikriegsbewegung von 2003 endlich gelungen, zum „Massenbewusstsein“ „vorzustossen“. Die Idee dahinter ist wohl, dass die Linken und das Volk irgendwodurch voneinander getrennt sind, so dass das Volk die Linke nicht so recht hören kann, und dass in bestimmten Situationen diese Barriere instabil wird. Dann aber! Wenn es halt jetzt noch etwas wie das „Massenbewusstsein“ gäbe. Man muss sich immer wundern, wie diese Leute sich die Welt vorstellen. Wenn sie natürlich zugäben, dass die Isolation, in der sie sich und ihre Ideen finden, keine spezielle Isolation der Linken ist, sondern die hungsordinäre Isolation, in der alle Glieder der Gesellschaft von allen anderen Gliedern des Gesellschaft leben, müssten sie auch zugeben, dass ihre Ideen auch keine speziellen historischen Ideen sind, sondern nichts anderes als die ebenfalls hundsordinären Ideen, mit denen sich die Leute ihre Situation erklären und aufrechterhalten. – Langthaler musste sich von dem Vorsitzenden der KPÖ sagen lassen, dass es nicht die Aufgabe der Linken ist, zum Massenbewusstsein vorzustossen, sondern es zu verändern. Dass muss man mal schaffen, gegen einen Parteikommunisten Unrecht zu haben.

4a Die antinationale Kritik des „Volksbegriffs“ geht fehl, weil sie zwar allerhand von dem ernst nimmt, was Intellektuelle sich alles zu dem Wort „Volk“ haben einfallen lassen. Sie hat aber anscheinend nie begriffen, warum das so ist: weil nämlich „Volk“ der zentrale Begriff aller modernen Staatlichkeit ist, und gleichzeitig niemand sagen kann, was das „Volk“ ist.

5 http://zusammenkaempfen.bplaced.net/2019/08/16-08-veranstaltung/

6 http://oaphalle.blogsport.eu/die-autoritaere-linke-in-magdeburg/



Aus: "Wozu ist die linke Szene eigentlich gut?" jfinkenberger (4. November 2019)
Quelle: https://dasgrossethier.wordpress.com/2019/11/04/wozu-ist-die-linke-szene-eigentlich-gut/
« Last Edit: November 05, 2019, 02:47:24 PM by Link »

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« Reply #7 on: July 09, 2020, 09:21:12 PM »
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[...] Kacem El Ghazzali. Er lebt seit 2011 als Flüchtling in der Schweiz. ist Ko-Direktor der Raif Badawi Foundation for Freedom.

An meinem fünfzehnten Geburtstag war es, im Sommer 2005 in Nord-Marokko, als ich zufällig an eine Reihe kurzer Online-Artikel über die europäische Aufklärung geriet.

Was ich las, war ebenso fesselnd wie aufwühlend und markierte den Beginn einer radikalen Veränderung in meinem Leben.

Sehr eindrücklich war die Erkenntnis, dass Europa, heute ein entwickelter und freier Kontinent, bis zum 18. Jahrhundert auf denselben religiösen Pfeilern ruhte wie heute viele muslimische Länder, durchwirkt von religiösem Dogma, Sektierertum und Angriffen auf die Redefreiheit. Es war ermutigend, zu lesen, wie die Philosophen Europas an der vordersten Front des Kampfes für die Freiheit so viel erreicht hatten, obwohl sie, Verfechter von individueller Unabhängigkeit, intellektueller Offenheit und von Austilgung religiöser Unterdrückung, doch so wenige waren. Einsame Stimmen, ohne Unterstützung im Volk, unter Verfolgung leidend, im Exil lebend; verwandt vielen Säkularisten und Intellektuellen in der heutigen muslimischen Welt.

Diese philosophische und politische Bewegung erhob sich über die Hürden von Geographie und Sprache, denn ihre Lehrstunden hatten einen universellen Widerhall. Sie sprachen von der menschlichen Rasse, nicht der europäischen und hießen den Fortschritt willkommen, den der Geist des Menschen brachte, nicht der Geist Europas.

Dieses Europa mit seiner Literatur, seiner Philosophie, seinem revolutionären Erbe war ein Quell der Inspiration. Ich war ein junger Marokkaner mit einer komplizierten Geschichte der religiösen Erziehung, mit vierzehn Jahren genötigt, die Schule zu verlassen und eine salafistische Madrasa (Schule für islamische Wissenschaften) zu besuchen, aber die Werke der Intellektuellen der Aufklärung zu lesen wirkte als Katalysator meiner eigenen, persönlichen Aufklärung.

Die Ansichten Spinozas über Religion als organisiertes Dogma, der Mut Voltaires angesichts religiöser Verfolgung oder Diderots Glaube an die Bedeutung von Wissenschaft und Vernunft treffen speziell auf die gegenwärtigen Herausforderungen in der islamischen Welt zu.

Um eine solche Faszination innerhalb der islamischen Welt von der europäischen Aufklärung zu verstehen, sollten wir uns der historischen Kontexte beider Kulturen bewusst sein.

Heute kennt man in Frankreich, Deutschland und England keine religiöse Verfolgung mehr. Niemand, der seine Meinung äußert, seine Religion ausübt, wie er es für richtig hält oder der gar nicht erst einer Religion anhängt, muss ein Nachspiel befürchten.

Derweil unterscheidet sich die Lage in der muslimischen Welt radikal von der im heutigen Europa, gleicht aber derjenigen des Europas zu den Zeiten von Spinoza und Denis Diderot. Die Probleme, mit denen diese Denker rangen, stellen immer noch ernsthafte Herausforderungen für viele Menschen in der Welt dar, überall zwischen Tanger und Jakarta.

Persönlich begegnete ich Europa im Frühjahr 2011, als ich, politischer Flüchtling, in Genf ankam. Die Entdeckung, dass das Europa der Aufklärung nicht mehr existierte, das Europa der Bücher, die mich bewegt hatten, für die Freiheit zu kämpfen und zu schreiben, war ein großer Schock. Zwar besteht es geographisch fort, wir können es sehen, können es besuchen. Aber wir können nicht mehr bedingungslos in seine Ideen eintauchen oder die Werte und humanistischen Prinzipien erleben, auf denen es gegründet wurde.

Es ist jetzt ein anderes Europa. Eines, in dem Künstler und Autoren Selbstzensur üben müssen aus Angst vor Morddrohungen; wo Karikaturen über Jesus Redefreiheit sind, Mohamed zu zeichnen aber „Hassrede“. Ein Europa, in dem viele Linke und Feministen, konfrontiert mit dem Leid der Apostaten, der Frauen und Minderheiten in der islamischen Welt, den Kopf in den Sand stecken. Gleichzeitig nutzen rechte Populisten die Gunst der Stunde und stellen sich als die neue Stimme der Freiheit und der Werte der Aufklärung dar, das Vakuum füllend, das die Linken hinterlassen haben, während ihre Aktivitäten eine weitgehende Zurückweisung jener Prinzipien zeigen.

Zum eigenen Bedauern war ich nicht überrascht, in einer französischen Dokumentation Unterstützer des Front National zu sehen, die sich offenbar nach einer Rückkehr zur Zeit vor der Aufklärung sehnen, mit einem Mann mittleren Alters, der vor laufender Kamera sagt, er wolle Ludwig XIV zurück.

Gleichermaßen wenig überraschend ist es, wie radikale Islamisten in Europa nach der Scharia rufen und die säkular-pluralistischen Gesellschaften verteufeln (in denen sie selbst frei leben können), unterstützt von vielen Linksliberalen, die Islamkritik mit Engstirnigkeit oder Hass auf Muslime verwechseln.

Tatsächlich ist schwer zu verstehen, wie die schwedische Regierungsdelegation – „die erste feministische Regierung“ – in Teheran sich der islamistischen Kleiderordnung unterwerfen konnte; dem würden sie sich sicherlich verweigern, wenn irgendein weißer Mann es ihnen aufzuzwingen gedachte. Wie mögen sie wohl über Dorsa Derakhshani reden, die iranische Schach-Großmeisterin, die vom Wettkampf im nationalen Schach-Team ausgeschlossen wurde? Ihr Verbrechen: Den Hidschāb nicht zu tragen.

Darüber hinaus kann ich nicht begreifen, wie Menschen, die behaupten, liberal zu sein und Verteidiger der Unterdrückten, mich zum Schweigen bringen wollen, sobald ich ihre ideologische Weltsicht infrage stelle. Kürzlich, als die Schweizer Politikwissenschaftlerin Regula Stämpfli einen meiner Artikel über Islamophobie und die regressive Linke auf ihrer Facebook-Seite teilte, beschuldigte mich ein linker Kulturrelativist in seinem Kommentar als „islamophoben, sich selbst hassenden Araber und Eurozentristen“.

Gleichermaßen beschweren sich linke Genossen, dass ich zur sozialen Gerechtigkeit aufrufen sollte und zur Überwindung des Kapitalismus, statt zu verfechten, was sie „bourgeoise Freiheiten“ nennen, wie etwa Religionsfreiheit und die sexuelle Befreiung, während sie vergessen oder ignorieren, was Marx selbst hervorhob: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“

Es ist entmutigend, wie ich aus der Sicht vieler Europäer weder eine kritische Meinung über den Islam haben noch Immigranten für das verantwortlich machen sollte, was sie sagen oder tun. Andererseits habe ich anscheinend jedes Recht, den Westen zu kritisieren; sie würden mich lieben, wäre ich nur ein Opfer von „Rassismus, Diskriminierung, Xenophobie“. Die Karte des armen unterdrückten Immigranten zu spielen könnte sehr wahrscheinlich meinen sozialen Status heben und vielleicht sogar den Weg zu einer erfolgreichen politischen Karriere ebnen. Es zu unterlassen indes bedeutet, dass ich nur ein weiterer selbsthassender Ausländer bin.

Die altväterliche ideologische Brille, durch die die Linken seit Jahrzehnten die Welt sehen, ist fort. Sie wurde obsolet, als junge Menschen überall in der muslimischen Welt Zugang zum Internet bekamen, der ihnen erlaubte, dieselben Bücher zu lesen und über sie zu diskutieren wie irgendein Pariser oder Berliner Teenager.

Weder sind wir das neue Proletariat, das den Traum vom Klassenkampf wiederbeleben wird, noch werden wir die existenzielle Krise der Linken beheben, nachdem ihre traditionellen Auftraggeber, die Arbeiter, sie verlassen haben. Fremde, Flüchtlinge, Masseneinwanderung, Kulturrelativismus, die Verteufelung der westlichen Aufklärung, das sind die letzten Karten, die die Linke spielt, das letzte Schlachtfeld, das noch viele mit ideologischer Befriedigung erfüllt, ihnen einen Daseinsgrund liefert.

Dieser Verrat religiöser und sexueller Minderheiten in der muslimischen Welt durch einige jener, die sich als „links“ bezeichnen, ist entmutigend. Ihre Charakterisierung der ex-Muslime, Feministen und Liberalen in der islamischen Welt als „Eurozentristen“ oder „Verräter der eigenen Kultur“ ist herablassend, sie stinkt nach ideologischem Paternalismus.

Dennoch, es gibt auch viele vernünftige Stimmen innerhalb der Linken, die nicht einfach nur die augenblickliche Misere in der muslimischen Welt der westlichen Außenpolitik anlasten, sondern die Rolle gewalttätiger, theokratischer Regime wie im Iran und in Saudi-Arabien einräumen und anprangern, mitsamt ihrer Verantwortung für die Patenschaft des Terrorismus und für das Fördern extremistischer Ideologien.

Ist Europa also erloschen? Vielleicht hat das Europa, das mich einst inspirierte, niemals wirklich existiert und ich sehe den harschen Realitäten eines fortwährenden Kampfes hin zur Aufklärung ins Auge. Vielleicht habe ich in einem Augenblick der Schwäche meine Hoffnungen und Träume auf meine Lieblingsphilosophen und ihre Bücher projiziert.

Oder gab es dieses Europa doch und es besteht fort? Solange ich offen meine Meinung sagen kann, solange ich die Linke, die Rechte und die Islamisten kritisieren kann ohne Angst vor Verfolgung oder Gefängnis; solange ich diese Freiheit nicht für selbstverständlich nehme, wird Europa, dieses Europa, das mich begeistert, immer existieren.


Aus: "Ist Europa erloschen?" Kacem El Ghazzali (26.04.2017)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/kacem-el-ghazzali/ist-europa-erloschen

https://kacemelghazzali.com/category/blog/

Kacem El Ghazzali (geb. 24. Juni 1990) ist ein säkularer Schriftsteller, Aktivist und einer der wenigen Marokkaner, die sich öffentlich zum Atheismus bekennen. Er spricht Arabisch sowie Deutsch, Englisch und Französisch. Am besten bekannt für ihren unapologetischen Atheismus, betonen seine Schriften die Wichtigkeit der Gedankenfreiheit, die in den islamischen Ländern oft fehle. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Kacem_El_Ghazzali
« Last Edit: July 09, 2020, 09:23:27 PM by Link »

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« Reply #8 on: July 20, 2020, 02:22:25 PM »
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[...] Der sogenannte „Traditionalismus“ bekämpft die als dekadent empfundene Moderne. Dass diese Denkrichtung auch Einflüsse auf die Politik im 20. und 21. Jahrhundert hatte und hat, zeigt Mark J. Sedgwick in „Gegen die moderne Welt.“

Die Pointe springt aus nahezu jeder Seite dieses voluminösen Buchs, das den Titel „Gegen die moderne Welt“ trägt. Denn all die hier in ihrem Tun und Denken versammelten Antimodernisten, Traditionalisten, eurasischen Ideologen, Theosophen,* Islam-Hasser oder Islam-Konvertiten waren ja doch Kinder ihrer Zeit geblieben und selbst die besten Beispiele für jene Krisendiagnosen, die sie in ihren polemischen Schriften pausenlos erstellten.

Mark Sedgwick, 1960 in Großbritannien geborener Ideenhistoriker, der inzwischen an der Universität im dänischen Aarhus lehrt, präsentiert uns narzisstische und/oder selbsthasserische Individuen, die mit dem Individualismus hadern, oft geradezu verzweifelt  (oder auch selbstgerecht hochfahrend) Vereinsamte, die immer wieder publizierend anrennen gegen die vermeintliche „Anatomisierung durch die moderne Welt“.

Der als ungut fragmentiert empfundenen Gegenwart setzten inzwischen beinahe vergessene Intellektuelle wie der französische Traditionalist René Guénon (1886-1951) oder der Faschismus-affine Julius Evola (1898-1974) ganzheitlich intendierte Alternativentwürfe entgegen, die freilich bereits beim geringsten Wirklichkeitskontakt zerfaserten und von miteinander heillos verstrittenen Jüngern zusätzlich gerupft wurden.

Der katholisch sozialisierte Guénon, der das Christentum neu denken wollte und schließlich von der Theosophie zum Sufismus kam, blieb in seiner Wahlheimat Ägypten dann ebenso ein Außenseiter wie Julius Evola in Italien, der sein Land vor jener „Händlerkaste“ erretten wollte, die nach seiner Ansicht die kulturnotwendige „Kriegerkaste“ ersetzt hatte – und zwar bereits im 12. Jahrhundert, als sich Guelfen und Ghibellinen einen erbitterten Kampf in Ober- und Mittelitalien geliefert hatten.

Kein Wunder, dass dann selbst Mussolini und Himmlers SS mit den verstiegenen Ideen des selbsterklärten Liberalismusverächters nichts anzufangen wussten. Als Techniker der Macht und des Terrors benötigten sie keine Schützenhilfe dieser Art.

... Die Leser dieser fluid geschriebenen Studie lernen also viel über jene intellektuellen Antimodernisten, die es freilich nur in Einzelfällen wie Dugin zu wirklichen Stichwortgebern der Macht gebracht haben.

Mark Sedgwicks faszinierendem Wimmelbild hätte indessen etwas mehr Strukturierung und analytische Tiefe gutgetan. Denn so spannend sich die Nachzeichnung längst vergessener und in obskuren Klein-Publikationen geführten Debatten auch liest – gerade heute, in dem ein nachvollziehbar „besorgter Konservatismus“ allzu oft in die Nähe eines nihilistischen Wutbürgertums gerät, wäre die Frage zu diskutieren, wo der legitime Schutz des Tradierten aufhört und purer Tabula-Rasa-Wahn beginnt.

Als 1935 Julius Evolas Hauptwerk „Erhebung wider die moderne Welt“ erschien, warnte etwa ein derart feinsinniger Moderne-Skeptiker wie Hermann Hesse augenblicklich vor diesem Werk. Heute sind es nicht zuletzt friedwillige Sufisten, die von Islamisten als Hauptfeinde markiert werden.

Ein bisschen mehr Mut zum aktuellen Resümee hätte somit diesem Buch, das sich im Untertitel allzu keck als „Die geheime Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet, mit Sicherheit nicht geschadet.

Mark J. Sedgwick: „Gegen die moderne Welt. Die geheime Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts“
Aus dem Englischen von Nadine Miller
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019
549 Seiten




Aus: "Mark J. Sedgwick: „Gegen die moderne Welt“ - Intellektuelle Anti-Modernisten" Marko Martin (09.01.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/mark-j-sedgwick-gegen-die-moderne-welt-intellektuelle-anti.1270.de.html?dram:article_id=467360

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"Arische Mythen, Anti- Intellektualismus und hyperboräische Superiorität" Eingestellt von Michael Eggert Juli 19, 2020
https://egoistenblog.blogspot.com/2020/07/arische-mythen-anti-intellektualismus.html


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« Reply #9 on: August 10, 2020, 12:01:37 PM »
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[...]  Ronya Othmann ist Kolumnistin, Autorin, Lyrikerin und Journalistin. Sie schreibt für die taz zusammen mit Cemile Sahin die Kolumne OrientExpress. Am 17. 8. 2020 erscheint ihr Roman „Die Sommer“, Hanser Verlag, 288 Seiten.

Für mich ist der Islamismus nie weit weg gewesen und nie abstrakt. Ich kenne Islamismus von meinen Aufenthalten in den kurdischen Gebieten in Irak, Syrien und der Türkei. Ich habe gesehen, was Islamismus anrichtet, wenn Frauen sich nicht von ihren gewalttätigen Männern trennen können, weil islamisches Recht gilt und den Männern im Falle einer Scheidung die Kinder zugesprochen würden. Ich habe gesehen, was Islamismus anrichtet, wenn Ladenbesitzer, die Alkohol verkaufen, um ihr Leben fürchten müssen. Ich habe gesehen, was Islamismus anrichtet in den vielen Flüchtlingscamps im Nordirak, wo diejenigen leben, die dem Terror, aber nicht dem Trauma entkommen sind.

Islamismus ist der Grund, weshalb meine Großmutter, mein Onkel und seine Familie sowie der Großteil meiner êzîdischen Verwandtschaft aus Syrien und Irak fliehen mussten.

Doch Islamismus beschränkt sich nicht auf den Nahen Osten, sondern ist eine globale Ideologie mit weltweitem Herrschaftsanspruch. Islamismus bedient sich religiöser Sprache und Inhalte, um seine politischen Ziele durchzusetzen. Islamismus hat viele Gesichter. Islamist*innen können auch weiße Deutsche sein, wie der Youtube-Salafist Pierre Vogel, der ehemals Linksextreme Bernhard Falk oder die IS-Anhängerin Jennifer W., die nach Syrien gereist ist, um sich dem „Islamischen Staat“ (IS) anzuschließen, und gerade in München wegen Mordes an einem fünfjährigen êzidischen Mädchen angeklagt ist.

Islamist*innen können gewaltbereit sein, sich Terrorgruppen wie al-Qaida, IS, Hamas oder Hisbollah anschließen oder als Einzeltäter im Sinne einer islamistischen Ideologie handeln, die nicht in eine Organisation eingebunden ist. Islamismus kann terroristisch sein, aber auch legalistisch. Legalistischer Islamismus lehnt Gewalt ab, versucht seine Ziele politisch durchzusetzen und kommt oft harmlos daher, wie beispielsweise Milli Görüş, Ditib und die Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG), die der Bayerische Verfassungsschutz den Muslimbrüdern zuordnet. Es gibt Islamisten, die Bart und Pluderhose tragen, andere tragen Jeans und Hemd.

Egal wie er daherkommen mag: Jeder Islamismus bedroht unsere Gesellschaft. Islamismus, nicht der Islam. Das eine ist Ideologie, das andere Religion. Und über Ideologie müssen wir sprechen, auch aus einer linken Perspektive. Einfach ist das nicht. Allein das Wort „Islamismus“ emotionalisiert.

Die Linke tut sich schwer mit einer klaren Haltung zum Islamismus. Sie schwankt zwischen pauschalisierender und rassistisch anmutender Islamkritik und Relativierung des Islamismus als Teil des antikolonialen Widerstands.

Auch im linksliberalen Spektrum wird Islamismus kaum thematisiert. Unter dem Banner „gemeinsam gegen rechts“ werden Querfronten gebildet, wie bei dem Bündnis #Unteilbar, bei dem der Zentralrat der Muslime (ZDM) Erstunterzeichner ist. Zum ZDM gehören unter anderem der Verband der türkischen Kulturvereine in Europa (ATB), der den Grauen Wölfen zugerechnet wird, und das Islamische Zentrum Hamburg, das dem obersten Geistlichen des Irans untersteht.

Man will möglichst divers sein, intersektional. Mit wem man sich eigentlich verbündet, ist oft zweitrangig, XYZ sei ja schließlich von Rassismus betroffen und man selbst weiß, deswegen nicht in der richtigen Sprecher*innenposition. Dazu kommt häufig die Angst, rassistisch zu sein oder als rassistisch zu gelten. Aber auch in Antira- und Bipoc-Communitys wird geschwiegen und relativiert, etwa mit dem Argument, es gebe weitaus mehr Todesopfer rechter als islamistischer Gewalt in Deutschland.

Ich finde es zynisch, Todesopfer gegeneinander aufzurechnen. Oft habe ich Muslim*innen klagen hören, es werde zu viel über den 11. September, den Terror des „Islamischen Staats“ in Irak und Syrien geredet. Das würde doch nur antimuslimische Ressentiments verstärken. Auch das finde ich als Ezîdin, deren Familie von diesem Terror betroffen ist, zynisch.

Kritisiere ich diesen Islamismus und das Schweigen, wird mir Nestbeschmutzung vorgeworfen. Es heißt: „Du spaltest“, „für die Nazis sind wir eh alle gleich“. Mir wurde auch schon gesagt, dass Ezîd*innen per se antimuslimische Rassist*innen sind. Da Ezîd*innen als Minderheit in islamischen Gesellschaften seit Jahrhunderten verfolgt werden, ist das eine perfide Täter-Opfer-Umkehr.

In dieser Gemengelage ist ein Sprechen über Islamismus kaum möglich. Hinzu kommt, dass es an Grundwissen fehlt. Da wird eine Ditib-Moschee mal als salafistisch bezeichnet. Der Unterschied zwischen Salafismus – eine islamistische Strömung, die die Rückkehr zu den so angenommenen Wurzeln des Islams anstrebt – und Ditib, die der türkischen Religionsbehörde Diyanet untergeordnet ist und einen türkischen Staatsislamismus vertritt, wird übersehen. Wobei es nicht nur ein Nichtwissen, sondern oft auch ein Nicht-wissen-Wollen ist. Sprechen über Islamismus ist anstrengend, aber das war antifaschistische Arbeit schon immer.

Islamismus ist faschistisch, totalitär und antidemokratisch: der globale Herrschaftsanspruch, die Vorstellung eines reinen Islams, die radikale Auslegung von Koran und Haditen, die keine Ambivalenzen erlaubt, das in sich geschlossene Weltbild, das Propagieren einer Umma, der Gemeinschaft aller Muslime, von der bedingungslose Loyalität erwartet wird und die von Abweichlern und anderen Gruppen (wie die sogenannten „Kafir“, Ungläubige, Homosexuelle und Jüd*innen) zu reinigen ist.

Islamismus ist gefährlich. Im Namen einer islamistischen Ideologie wurde 2014 ein Genozid an Ezîd*innen begangen. Weltweit wurden islamistische Terroranschläge verübt, auch in Deutschland 2016, beim Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

Auch der legalistische Islamismus bedroht Feminist*innen, queere Menschen und Minderheiten, er bedroht mich. Ich kann mich noch gut an eine Demonstration erinnern, 2014 in München, als gerade der IS in Shingal, das êzîdische Siedlungsgebiet im Irak, eingefallen war, auf der Salafisten die überwiegend êzîdischen Demonstrant*innen angriffen, bedrohten und beleidigten und die Polizei einschreiten musste. Oder daran, dass 2014 Ezîd*innen in Herford und Celle von Salafisten angegriffen wurden. Ich kann mich an êzîdische Geflüchtete erinnern, die aus Angst vor Anfeindungen in den Flüchtlingsheimen ihre êzîdische Identität geheim hielten. Ich kann mich daran erinnern, wie ich auf Social Media als Kafir, Ungläubige, beschimpft wurde.

Doch nicht nur Ezîd*innen sind betroffen. Erst Mitte Juni wurden auf einem Friedhof in Ludwigsburg alevitische Gräber geschändet. Die Liste islamistischer Gewalttaten ist lang. Nicht zuletzt werden sie an Muslim*innen verübt.

Oft wird versucht, Kritik am Islamismus mit antimuslimischem Rassismus gleichzusetzen. Im Jahr 2014 veröffentlicht die Seta-Stiftung, das wissenschaftliche Sprachrohr der Erdoğan-Regierung, den Europäischen Islamophobie-Report, in dem Kritiker*innen des Islamismus pauschal des antimuslimischen Rassismus bezichtigt werden. Unter den Kritisierten befinden sich der muslimische Theologe Mouhanad Khorchide, die Menschenrechtsaktivistin Saida Keller-Messahli, der Psychologe Ahmed Mansour, die Journalisten Tunca Öğreten und Bülent Mumay.

Rechte nutzen den Islamismus dabei tatsächlich, um ihren antimuslimischen Rassismus durch die Gleichsetzung von Islamismus und Islam zu legitimieren. Und auch sie instrumentalisieren die Opfer von Islamismus. 2018 war ich in der kurdischen Autonomieregion Irak. Dort erzählte mir ein Ezîde, dass ein Bundestagsabgeordneter ezîdische Überlebende des Genozids besucht habe. Weitere Unterstützung sei von ihm aber nicht gekommen. Wie sich dann herausstellte, war es der AfD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Oehme.

Rechten und Islamist*innen geht es nicht um eine pluralistische Gesellschaft. Zum Glück gibt es Stimmen, die den Kampf gegen Islamismus und den gegen Rechtsextremismus zusammendenken.

Ich muss an die Autorin Sineb El Masrar denken, die sich für einen islamischen Feminismus einsetzt, in ihren Büchern gegen das Patriarchat anschreibt. An die Rapperin und Wissenschaftlerin Reyhan Şahin, die zum muslimischen Kopftuch geforscht hat. Ich muss an Düzen Tekkal denken, die Menschenrechtsaktivistin, die in ihrem Buch, „Deutschland ist bedroht“ von den „bösen Zwillingen“ spricht, die unsere Freiheit gefährden: die Islamisten und die Rechten.

Der Kampf gegen den Islamismus ist Teil des antifaschistischen Kampfes. Deshalb müssen wir solidarisch sein mit den Opfern des Islamismus. Mit den religiösen Minderheiten, den Alevit*innen, Assyrer*innen, Chaldäer*innen, Armenier*innen, Zo­ro­astri­er*innen, Kakai, und vielen mehr, aber auch mit den queeren Menschen im Nahen Osten, den Athe­ist*in­nen und nicht zuletzt den vielen Mus­li­m*in­nen, die vor islamistischer Gewalt fliehen.

Der Islamismus wird nicht verschwinden, wenn wir ihn ignorieren. Beschweigen wir ihn, verlieren wir alle.


Aus: "Kritik an Islamismus: Tödliche Ideologie" Ronya Othmann (9.8.2020)
Quelle: https://taz.de/Kritik-an-Islamismus/!5700251/

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Rolf B.

Die AnhängerInnen eines islamischen Fundamentalismus haben es in Deutschland relativ leicht, weil die Angst der aufgeklärten Gesellschaft vor einer verleumderischen Denunziation Richtung Islamophobie oder Rassismus haben und vor einer Gleichsetzung berechtigter Kritik mit rassistischer Hetze der Rechten. Diese Gleichsetzung hat sich pandemisch ausgebreitet auf andere Bereiche. Immer dann, wenn Argumente nicht vorhanden sind, kommen denunziatorische Behauptungen, dass auch Rechte eine ähnliche Meinung vertreten würden. Ein Totschlag"argument". So werden wichtige Diskussionen verhindert.

Wer das Glück hat, aufgeklärte Freunde aus dem islamischen Kulturkreis zu haben, kennt deren Ängste vor treuen Erdogan Spitzeln, grauen Wölfen und Kurdenhassern. Und der kennt auch deren Unverständnis für die Mutlosen, die stets meinen, auf der guten Seite zu stehen.


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Links van der Linke

Welche Ideologie ist mit dem Begriff "Islamismus" hier gemeint? Ungläubige sind lebensunwerte Wesen, Frauen (gläubige Frauen) haben kein Recht auf selbstbestimmtes Handeln, die Wahrheit ist für gewisse, göttlich auserwählte Personen zugänglich, alle anderen haben sich zu fügen? Gut, so ein Islamismus ist abzulehnen und zu bekämpfen. Dort ä, wo er die Regierung oder gar wie im Iran das Staatswesen dominiert, zu bekämpfen. Aber man vergesse nicht, dass auch das Christentum bis heute in vielen Ländern (in Lateinamerika, in sowjetischen Ex-Republiken usw) genau das predigt. Und in West-Europa i)war das vor einigen Jahrzehnten nicht anders. Daher gefällt mir der Begriff "Islamismus" überhaupt nicht, er hat wirklich etwas von Islamophobie in sich.


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    Nina Janovich

    @Links van der Linke

Bis Anfang der 90er dominierte in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung der Begriff Fundamentalismus der die radikale "Wiederherstellung" (erträumter keinesfalls realer) vormoderner idealisierter Fundamente der "eigenen" (im Sinne von ich und sonst keiner bestimme wie meine Religion zu sein hat) betrieb. Die Schriftenreihe "the fundamentals" (1910-1915) von Protestanten in den USA gilt als Geburtstunde des (religiösen) Fundamentalismus. Mit diesem Begriff lassen sich nun auch wesentlich besser ideologische Bewegungen die sich selbst als einzig wahre Bestimmer "ihrer" Religion sehen analysieren. Tatsächlich gehen sie in ihrem Kampf gegen "Ungläubige" der "eigenen" Religionsgemeinschaft die ja weltweit sehr heterogen sind vor allem gegen alle als säkularisiert oder liberal verachtete Anhänger der eigenen Religion oder jene die "ihre" Fundamente mit anderer Interpretationverraten hätten besonders brutal vor da diese ihren Alleinherrschaftsanspruch am stärksten gefährden. Natürlich gibt es auch Ähnlichkeiten zu säkularen auf Rassismus statt Religion basierenden Ideologien die statt die religiösen "Fundamente" dann die (erträumten keinesfalls reale) vorgestellte glorreiche Vergangenheit der eigenen wie auch immer ethnisch definierten Gemeinschaft wieder herstellen wollen, der entscheidende Unterschied ist aber der religiöse Fundamentalisten nicht per se rassistisch denken sondern aufnehmen der oder die sich zu "ihrer" Religion und ihrer Deutungshoheit bekehrt. Auch der Begriff faschistisch passt nicht zum religiösen Fundamentalismus sondern wurde von den säkularen rassistischen Ideologien geprägt bei dem die Definition wer dazugehört und wer nicht und damit sein Leben aus Sicht der Anhänger quasi seit Geburt verwirkt hat auf eben jener rassistischen Grundlage basiert. Das heißt nicht dass das eine harmloser als das andere sei aber saubere Analyse hilft bei der Bekämpfung.

Wers philosophisch mag findet großartige Analysen zu fundamentalistischen Ideologien im Islam beim leider früh verstorbenen Nasr Hamid Abu Zaid: Auf Deutsch z.B.: Politik und Islam: Kritik des Religiösen Diskurses, translated by Cherifa Magdi, Dipa-Verlag, Frankfurt, 1996.


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tomás zerolo

Vielen Dank für diesen Beitrag: "Hinzu kommt fehlendes Grundwissen."

So ist es. Deshalb: danke dafür.

"Oft wird versucht, Kritik am Islamismus mit antimuslimischem Rassismus gleichzusetzen."

Diese Muster sind hinlänglich bekannt. Immer eine gute Gelegenheit Kritiker*innen zu diskreditieren. Ja, antifaschistische Arbeit ist anstrengend. Einerseits muss mensch sich selbst ständig hinterfragen, andererseits darf mensch nicht in solche Fallen tappen. ... Danke für Frau Tekkals Bild der "bösen Zwillinge". Sehr treffend.


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Maschor

Da sich die Autorin mehrmals ausdrücklich als Jesidin bezeichnet, wären eine kritische Anmerkung über die jesidische Kultur ebenfalls angebracht gewesen. Sind eine ausschließlich aus der Abstammung abgeleitete Zugehörigkeit, das Fehlen jeder Möglichkeit zur Konversion und strikte Endogamie (der Ausschluss aus der Gemeinschaft bei Heirat einer/eines Nicht-Jesiden) heute noch zeitgemäß? Von der Akzeptanz von LGBT ganz zu schweigen..


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Suryo

@Maschor Immerhin versuchen Jesiden aber nicht, anderen diese Religion mit Gewalt aufzuzwingen.


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Jim Hawkins

Danke für den persönlichen und fundierten Artikel. Islamismus ist von allen Linken und allen Demokratinnen und Demokraten genauso zu bekämpfen wie Rassismus, Faschismus und Antisemitismus.

Diese peinliche Leisetreterei vieler Linker, wenn es um Islamismus geht, die auch stark im Hinblick auf die mörderische und menschenverachtende Diktatur im Iran zum Tragen kommt, ist möglicherweise als anti-westliches, anti-amerikanisches Vorurteil zu lesen. ...


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Weltanschauung und Ideologie ...
« Reply #10 on: November 19, 2020, 03:56:44 PM »
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.11.2020
Überzeugend findet Rezensent Nico Hoppe die Kritik der französischen Feministin Caroline Fourest an der postmodernen Linken. In "Generation Beleidigt" legt sie dar, wie die linke Identitätspolitik mit dem Verweis auf die Herkunft Radikalismus verharmlost und zudem einen Opferkult aufbaut, der als lebenserhaltende Maßnahme für jene Diskriminierung und Privilegierung funktioniert, die von ihr eigentlich angeprangert wird. Wie genau es aber dazu kommen konnte, dass ursprünglich linke Ideale wie Diversität und Aufgeschlossenheit sich in ihr Gegenteil verkehrten, schafft sie leider nicht einleuchtend zu erklären, so der abwägende Rezensent.


Aus: "Caroline Fourest: Generation Beleidigt - Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei" (2020)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/caroline-fourest/generation-beleidigt.html

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[...] Will man in den USA einen Film machen, ist „Sensitivity Counselor“ fast so wichtig wie der Drehbuchautor, der Kameramann oder der Regisseur. Wie durch ein Minensucher leitet der Sensitivity Counselor das Filmteam über das Feld der Befindlichkeiten. Wird die Rolle des Transsexuellen auch durch einen Transsexuellen verletzt? Könnten Text oder Teile der Ausstattung eine Minderheit beleidigen? Darf der Regisseur überhaupt diesen Film drehen? Nehmen sich Weiße eines Thema wie Rassismus an, ist das schon einmal schwierig. Aber als Spike Lee den in Chicago spielenden Film Chi-Raq drehte gab es Kritik, dass Lee ja gar nicht aus Chicago kommt, sondern, in Atlanta geboren, in Brooklyn aufwuchs. Der Koch Jamie Oliver bekam Probleme, weil er ein Reisgericht mit einer jamaikanischen Gewürzmischung vorstelle – die in Jamaika allerdings nur für Hähnchengerichte genutzt wird.
Caroline Fourest Buch „Generation Beleidigt – Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei“ ist voll solcher Beispiele. Sind Yoga-Kurse kulturelle Aneignung?  Warum werden die Rollen von Indigenen beim Théâtre du Soleil nicht ausschließlich mit Indigenen besetzt? Mit der Frage, ob eine französische, feministische Laizistin sich über das Kopftuch äußern darf, wurde Fourest während ihrer Arbeit an einer amerikanischen Universität selbst konfrontiert. Und das sind noch die harmlosesten Beispiele, die sie beschreibt. Als der Biologieprofessor Bret Weinstein, ein engagierter Bürgerrechtler und Vorkämpfer gegen Diskriminierung jeder Art, sich an der Evergreen Universität dagegen aussprach, dass Weißen an einem Tag der Zugang zur Hochschule untersagt werden sollte, weil dies für ihn als „Bürgerrechtler – vielleicht sollte ich sagen, auch als Jude – inakzeptable (ist). Wenn die Leute anfangen, mir zu sagen, wohin ich gehen kann und wohin nicht, klingt das für mich wie ein Warnsignal.“ Studenten forderten daraufhin die Entlassung Weinsteins, bedrängten und bedrohten ihn. Auf Hilfe seiner Universität konnte er nicht setzen. Schließlich verließ er den Campus.

Es solche Vorfälle, um die es geht, wenn auch in Kontinentaleuropa über Cancel Culture diskutiert wird. Und nach der Lektüre des Buchs ist klar, dass solche Zustände verhindert werden müssen. Es geht darum, dass Gruppen an den Hochschulen und auch immer mehr in den Medien jeder Freiheit der Debatte einschränken, keine Diskussion mehr wollen und die Identität in das Zentrum rückt. Dürfen sich Weiße zu Rassismus reden? Laizisten zum Islam? In den USA, sagt die Autorin, hätten Professoren Angst, Themen anzusprechen, über die sich ihre Studenten aufregen. Zum Beispiel, wenn ihnen die Lektüre von Ovid zugemutet wird. Es droht Jobverlust. Braucht nicht jede Gruppe einen Safe-Space, in dem sie vor allen sie vielleicht irritierenden Ansichten geschützt ist? Fourest meint nein: Die Identitätspolitik, ein weitere Ausdruck der sich gegen den Universalismus und die Aufklärung stellenden Postmodernen, beschreibt sie als ein repressives System, dessen Protagonisten sich nicht gegen die Unterdrückung der Frau oder die Verfolgung von Homosexuellen stellen, sondern gegen Meinungs- und Kunstfreiheit. Profitieren von all dem nur die politische Rechte, denn der postmoderne Wahn schwäche die Linke. „Es ist Zeit, Luft zu holen und von neuem zu lernen, die Gleichheit neu zu denken, ohne der Freiheit zu schaden.“

Caroline Fourest "Generation Beleidigt: Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei", Edition Tiamat


Aus: "Im Fegefeuer der Befindlichkeiten" Stefan Laurin (19. November 2020)
Quelle: https://www.ruhrbarone.de/im-fegefeuer-der-befindlichkeiten/193166