Author Topic: Politische Philosophie (Konkrete Utopie?)  (Read 7131 times)

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Politische Philosophie (Konkrete Utopie?)
« on: September 13, 2016, 01:30:14 PM »

Konkrete Utopie ist ein von dem Philosophen Ernst Bloch gebildeter Begriff, mit dem der Zustand nach einer real möglichen Gesellschaftsveränderung gemeint ist. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Konkrete_Utopie

Ernst Bloch (Ernst Simon Bloch; * 8. Juli 1885 in Ludwigshafen am Rhein; † 4. August 1977 in Tübingen) war ein deutscher Philosoph. [ ... Ernst Bloch ist der Philosoph der „konkreten Utopien“, der Tagträume, des Prinzips der Hoffnungen. Im Zentrum seines Denkens steht der über sich hinausdenkende Mensch. Das Bewusstsein des Menschen ist nicht nur das Produkt seines Seins, es ist vielmehr mit „Überschuss“ ausgestattet. Dieser „Überschuss“ findet seinen Ausdruck in den sozialen, ökonomischen und religiösen Utopien, in der bildenden Kunst, in der Musik und in den Tagträumen. ...] ... der ungarische Volksaufstand 1956 brachte den überzeugten Marxisten Bloch auf Gegenkurs zum SED-Regime: Seine letzte Vorlesung am 17. Dezember 1956 behandelte die „Probleme der Fortentwicklung des Marxismus nach Marx“, für die Partei galt der historische und dialektische Materialismus jedoch als unveränderbar und abgeschlossen. Weil er seine humanistischen Freiheitsideen lehrte, wurde er 1957 aus politischen Gründen – nicht wegen seines Alters von 72 Jahren – emeritiert. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Bloch

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"Der Denker als Grenzgänger" Werner Jung (2015)
Leo Koflers Philosophie der Praxis in der Betrachtung von Christoph Jünke.
Christoph Jünke: Leo Koflers Philosophie der Praxis. Eine Einführung in sein Denken.
LAIKA-Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg 2015, 231 Seiten, ISBN-13: 9783944233338

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22350

Leo Kofler (* 26. April 1907 in Chocimierz bei Stanisławów, Ost-Galizien, Österreich-Ungarn, heute: Ukraine; † 29. Juli 1995 in Köln)
https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Kofler

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Politische Philosophie (Konkrete Utopie?)
« Reply #1 on: October 09, 2016, 03:20:30 PM »
Die Soziale Plastik, auch genannt die soziale Skulptur, ist eine spezifische Definition eines Erweiterten Kunstbegriffs des deutschen Künstlers Joseph Beuys. Beuys nutzte die Begriffe, um damit seine Vorstellung einer gesellschaftsverändernden Kunst zu erläutern. Im ausdrücklichen Gegensatz zu einem formalästhetisch begründeten Verständnis schließt das von Beuys propagierte Kunstkonzept dasjenige menschliche Handeln mit ein, das auf eine Strukturierung und Formung der Gesellschaft ausgerichtet ist. Damit wird der Kunstbegriff nicht mehr nur auf das materiell fassbare Artefakt beschränkt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Plastik

Der Erweiterte Kunstbegriff ist ein zentraler Begriff aus der Kunsttheorie und Sozialphilosophie von Joseph Beuys. Mit diesem Begriff versuchte Beuys das Denken, das Erkennen und die Diskussion darüber, was Kunst sei, zu erweitern. Ausgehend von dem Gedanken, dass jeder Mensch ein Künstler sei und somit Kunst hervorbringen könne, fasste Beuys unter diesen Begriff insbesondere die Kreativität der Menschen, die im Zusammenwirken eine die Welt und die Gesellschaft verändernde „soziale Kunst“ in der Form einer Sozialen Plastik hervorbringen könne. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Erweiterter_Kunstbegriff

Beuys über Beuys - Ein Gespräch
Die Leute haben doch alles in der Hand!" Joseph Beuys im Gespräch mit Walter Smerling und Knut Fischer (Januar 1985)
https://www.youtube.com/watch?v=RQG_ide8-_g

Joseph Beuys - Künstler und Gesellschaft
"Der Einzelne muss verstehen, dass er ein freier, kreativer Mensch ist." Themen: das Kreative, Provokation=Produktion, das Denken, das künstlerische Produkt, der kreative Mensch und die Selbstbestimmung (Ausschnitt aus: "Provokation - Lebenselement der Gesellschaft". Diskussion vom 27.01.1970 mit Max Bill, Arnold Gehlen und Max Ben. Joseph Beuys Medien-Archiv). ...
https://www.youtube.com/watch?v=SXPoAaBTPy8

Beuys - Kunst & Politik
"Die allernotwendigste Kunst!" Mit Statements und Aktionen zu Beuys' politischer Aktivität (2005, 20 Min.).
https://www.youtube.com/watch?v=gdgPdgGHRzo
https://www.youtube.com/watch?v=opE9zi8FoUA

Portraits, Gespräche, Vorträge und Dokumentationen zu und mit Joseph Beuys.
https://www.youtube.com/user/beuystv/videos
« Last Edit: October 09, 2016, 03:24:40 PM by Link »

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Politische Philosophie (Konkrete Utopie?)
« Reply #2 on: October 20, 2016, 10:12:28 AM »
"„Die Menschheit braucht eine Stimme“" Katja Kullmann (Ausgabe 4216 | 20.10.2016)
Sie hören wahrscheinlich öfter den Vorwurf, das sei doch alles nur „Spinnerei“?
 Andreas Bummel: Lassen Sie mich zur Wirksamkeit der Weltbürgerbewegung etwas sagen: Eines der Hauptprojekte des World Federalist Movement war seit den 70ern die Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs. Eine weltweite Koalition aus Menschenrechtsorganisationen hatte jahrelang darauf hingearbeitet, 1998 kam der Durchbruch in Rom, dort wurde das Statut für den Gerichtshof angenommen, obwohl es jahrzehntelang hieß, das wird nie möglich. Es war ein erster großer Erfolg für die weltföderalistische, kosmopolitische Strategie. Der nächste große Schritt ist die Weltdemokratie. ...
https://www.freitag.de/autoren/katja-kullmann/die-menschheit-braucht-eine-stimme

https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Bummel

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"Herbert Marcuse im Gespräch" (1976)
Herbert Marcuse im Gespräch mit Ivo Frenzel und Willy Hochkeppel: MARCUSE: Die Bedeutung der studentischen Bewegung der sechziger Jahre, damals und heute / Die "Neue Linke" und der Begriff der neuen Lebensqualität / Die gegenwärtige Haltung der westeuropäischen kommunistischen Parteien zu grundlegenden Marx schen Positionen wie Klassenkampf und Diktatur des Proletariats / Über den Begriff der Gewalt / Einstellung zum Existenzialismus / Gibt es eine Neutralität der Technologie? / Das Verhältnis zu Martin Heidegger / Aufgabe der Philosophie und Verantwortung des marxistischen Philosophen heute (1976)
https://www.youtube.com/watch?v=C5PU0EASi_Q

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"An American Utopia: Fredric Jameson in Conversation with Stanley Aronowitz" (Published on Dec 11, 2017)
Eminent literary and political theorist Fredric Jameson, of Duke University, gives a new address, followed by a conversation with noted cultural critic Stanely Aronowitz, of the Graduate Center. Jameson, author of Postmodernism: The Cultural Logic of Late Capitalism and The Political Unconscious, will consider the practicality of the Utopian tradition and its broader implications for cultural production and political institutions. Co-sponsored by the Writers' Institute and the Ph.D. Program in Comparative Literature.
https://www.youtube.com/watch?v=MNVKoX40ZAo

Fredric R. Jameson (* 1934 in Cleveland, Ohio) ist ein US-amerikanischer politischer Marxist, Literaturkritiker und -theoretiker. Er ist der William A. Lane Professor an der Duke University. ... Jameson studierte in München, Berlin und an der Yale University. Er promovierte über Jean-Paul Sartre bei Erich Auerbach. ... Jamesons bekannteste Arbeiten sind The Political Unconscious, Postmodernism: The Cultural Logic of Late Capitalism, und Marxism and Form. Er hat Bücher über Politik, Kultur und Literatur veröffentlicht. Auf Deutsch erschienen u. a. 1999 Lust und Schrecken der unaufhörlichen Veränderung aller Dinge (engl. Brecht on Method) sowie 2004 Mythen der Moderne (engl. A Singular Modernity).
Seit 1985 ist er Mitglied der American Academy of Arts and Sciences.
https://de.wikipedia.org/wiki/Fredric_Jameson
« Last Edit: January 29, 2018, 07:52:20 PM by Link »

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Politische Philosophie (Konkrete Utopie?)
« Reply #3 on: December 15, 2019, 06:41:37 PM »
"Adorno / Bloch: Möglichkeiten der Utopie heute"
Ein Gespräch zwischen Theodor W. Adorno und Ernst Bloch für den Südwestfunk, gesendet 1964.
https://youtu.be/_w5E2-ABxyQ | https://archive.org/details/AdornoErnstBloch-MglichkeitenDerUtopieHeuteswf1964

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Politische Philosophie (Konkrete Utopie?)
« Reply #4 on: August 11, 2020, 12:08:36 PM »
Quote
[...] Wer die Abschaffung der Polizei fordert, ist schnell mit Häme konfrontiert: „Und wen rufst du an, wenn du ausgeraubt wirst? Oder wenn du einen Überfall beobachtest?“ Nur, warum erscheint es uns so ungewöhnlich, in Gefahrensituationen nicht die Polizei zu rufen? Ein solches Verhalten widerspricht einem Reflex, den die meisten tief verinnerlicht haben.

Bei Bedrohungen oder nach Schädigungen, genauso wie bei Straftaten, die wir beobachtet haben, wenden wir uns an die Polizei. Das ist schön einfach, man gibt die Verantwortung ab. Aber es ist nicht immer eine gute Idee. Manchmal kostet es sogar Menschenleben, wie am 18. Juni in Bremen das von Mohamed I. Er wurde vor seiner eigenen Haustür durch Polizeischüsse getötet.

Für marginalisierte Gruppen wie BPoC, Arme, Obdachlose, Drogen- oder Sex­arbeiter*innen ist es ohnehin oft keine Option, die Polizei zu rufen. Sie könnten sich dadurch noch stärker gefährden oder in den Fokus von Ermittlungen oder Schikanen bringen. Denn die Polizei ist eben nicht dazu da, Ordnung und Sicherheit für alle herzustellen, sondern dafür, herrschende Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten und das Eigentum der Besitzenden zu sichern. Black Lives Matter und andere BPoC-Bewegungen fordern deshalb schon lange, die Polizei abzuschaffen.

Nach den großen Protesten anlässlich des Todes von George Floyd hat der Stadtrat von Minneapolis beschlossen, die Polizei in ihrer jetzigen Form aufzulösen. Auch in Seattle wurde die Forderung diskutiert; dort hielten Black-Lives-Matter-Aktivist*innen über Wochen eine polizeifreie Zone aufrecht. Aber wie organisiert man eine polizeifreie Gesellschaft dauerhaft?

„We look out for each other“, also „Wir passen aufeinander auf“, ist ein Slogan, den migrantische Communitys und anarchistische Gruppen oft verwenden, wenn sie für Alternativen zum Ruf nach der Staatsgewalt werben. Denn Alternativen braucht es – wie sonst regelt man Schadensansprüche nach Verkehrsunfällen, wie geht man gegen organisierte Kriminalität vor, wie gegen Menschenhandel und Ausbeutung, was passiert mit Vergewaltigern und Mörder*innen?

Das Konzept der Community Accountability, auf Deutsch: Gemeinschaftsverantwortung, zielt darauf, Sicherheit und Gerechtigkeit herzustellen, ohne dabei auf Gefängnisse, Jugendämter und die Polizei zurückzugreifen. Stattdessen ist die Community, also die Nachbarschaft, eine Gruppe von Freund*innen, ein Arbeitszusammenhang oder auch eine Kirchengemeinde, zuständig.

Die Netzwerke sollen direkt auf Gewalttaten reagieren, indem sie mit unbewaffneten Interventions- und Mediationsteams Täter*innen dazu bringen, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, und sie dabei unterstützen, sich künftig anders zu verhalten.

Statt zu bestrafen, sollen sich die Teams um Täter-Opfer-Ausgleiche bemühen und auch präventiv wirken, also Bildungsprogramme gegen Gewalt und Unterdrückung entwickeln und durch persönliche Beziehungen eine Kultur der kollektiven Verantwortungsübernahme herstellen. Und wo ist der Druck, sich an Regeln für ein friedliches Miteinander zu halten, größer als im direkten sozialen Umfeld?

Klar, in Berlin-Kreuzberg oder Hamburg-St. Pauli mag das ein attraktives Szenario sein. Aber sobald man es nach Chemnitz verlegt, kriegt man Bauchschmerzen: Wer will allen Ernstes den Chemnitzer Durchschnittshutbürger in die Verantwortung bringen, für Sicherheit auf den Straßen zu sorgen? Schreckensbilder von rechten Bürgerwehren drohen am Horizont. Nur sieht der Status quo der sächsischen Polizei ja gar nicht so anders aus.

Historische Beispiele für nachbarschaftliche Sicherheitsstrukturen gibt es einige. Die US-Bürgerrechtsbewegung entwickelte in den 1970er Jahren Community-Verteidigungsprogramme, bei denen bewaffnete Aktivist*innen der Black Panther Party for Self Defense durch die Viertel zogen, um Polizeigewalt zu verhindern und Bürger*innen über ihre Rechte zu informieren. Sie organisierten Frühstück für Schulkinder, gründeten Wohnungsgenossenschaften und Gemeinschaftsgärten und stellten medizinische Versorgung bereit. Zeitgleich fingen Frauen in den USA an, sich kollektiv gegen sexualisierte Gewalt zu organisieren. Sie patrouillierten auf den Straßen, begleiteten Frauen, installierten selbst gemachte Alarmsysteme und gründeten schließlich die ersten Krisenzentren für Menschen mit Vergewaltigungserfahrungen und richteten Frauenhäuser ein.

Gerade bei Sexualdelikten und häuslicher Gewalt ist es offensichtlich, wie schlecht das etablierte Polizei- und Justizsystem funktioniert. Die Quote der Bestrafung von Tätern ist verschwindend niedrig. Ein anderes Beispiel für die Beschränktheit der etablierten Strafverfolgung ist die öffentlich wahrnehmbare Drogenkriminalität. Der Aufwand, mit dem schwarze Straßendealer in deutschen Großstädten verfolgt werden, ist riesig, aber alles, was dabei rauskommt, sind überfüllte Untersuchungsgefängnisse. Nach wenigen Tagen stehen die Anfang 20-Jährigen geflüchteten Männer wieder auf St. Pauli oder im Görlitzer Park, weil ihnen der legale Arbeitssektor verschlossen bleibt.

Es wird kein Gramm Koks weniger verkauft, weil deutsche Polizis­t*in­nen sie durch die Straßen jagen. Eine besser ausgebaute Drogen- und Suchthilfe, ein umfassenderes Gesundheits- und ­Sozialsystem sowie ein für Migrant*innen zugänglicher Arbeitsmarkt würde sehr viel mehr bewirken.

Nun ist es verlockend, zu argumentieren: In einer gerechten, freien und glücklichen Gesellschaft bräuchten wir keine Polizei mehr, also müssen wir erst mal die Utopie verwirklichen, ­bevor wir die Polizei abschaffen. Das lässt sich leicht sagen, wenn man selten mit der Polizei zu tun hat. Anderen dauert das aber zu lange. Die Aktivis­t*innen in Minneapolis fordern, statt Geld für überausgestattete Polizist*innen zu verschwenden, Programme für Bildung und Sozialarbeit zu finanzieren. Was in den Vereinigten Staaten sicherlich ­nötiger ist als hierzulande, wäre auch hier richtig. Trotzdem bleiben Leerstellen.

Um Geflüchtete auf den primären Arbeitsmarkt zu bringen, müsste man die Asylgesetze ändern. Um sexualisierte Gewalt besser verfolgen zu können, mindestens das Patriarchat abschaffen. Nicht jeder Psychopath wird sich außerdem überreden lassen, kollektive Verantwortung zu übernehmen, nicht jeder kleingeistige Idiot davon absehen, sich auf Kosten der Gemeinschaft Vorteile zu verschaffen. Auch will man natürlich keine bewaffneten Gangs, die wie in brasilianischen Favelas Polizei und Sozialstaat ersetzen. Internationalen Menschenhändlerringen wird die Nachbarschaft auch nicht beikommen können.

Davon sollte man sich aber nicht entmutigen lassen, sondern zweierlei ableiten: Erstens kann die Abschaffung nicht auf einen Schlag erfolgen, sondern muss schrittweise umgesetzt werden – zuerst die Bereitschaftspolizei, vor allem die Aufstandsbekämpfungs- und Prügeleinheiten wie die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE) oder das bayerische Unterstützungskommando (USK). Später die Landeskriminalämter, die Abteilung Organisiertes Verbrechen und Interpol. Möglichst sofort sollte der Besitz von Betäubungsmitteln ebenso entkriminalisiert werden wie ticketloses Bahnfahren, Verstöße gegen Meldeauflagen und andere auf Arme und Mi­gran­t*innen zugeschnittene Bagatelldelikte.

Zweitens, und das ist der eigentlich wichtige, wenn auch mit großem Zeitaufwand verbundene Punkt, muss sich die Gesellschaft insgesamt eben doch verändern. Es funktioniert einfach nicht, die Forderung nach „Sicherheit für alle“ isoliert von der nach Wohnraum für alle, Gesundheitsversorgung, Recht auf Arbeit und Bewegungsfreiheit für alle zu betrachten. Ein System aber, das darauf basiert, dass wenige gewinnen und viele verlieren, verlangt eben nach einer Instanz, die gewaltvoll verhindert, dass die vielen sich erfolgreich organisieren und Gerechtigkeit einfordern. Die Polizei abzuschaffen und den Kapitalismus aufrechtzuerhalten funktioniert also nicht.

Um das Gedankenexperiment einer Gesellschaft ohne Polizei trotzdem zu Ende zu führen, sei noch einmal auf den Community-Aspekt verwiesen. Es ist an der Gesellschaft, an uns allen, ein so gutes Angebot zu machen, dass es kaum jemand ablehnen will. Man kann die Menschen ja vor die Wahl stellen: Entweder sie entziehen sich der gemeinsamen Verantwortung und halten sich nicht an kollektiv ausgehandelte Regeln. Dann können sie, wie gewohnt, nach ihrem achtstündigen Arbeitstag, an dem sie nebenbei die Kinder wegorganisiert, die Oma im Altersheim besucht, Widerspruch gegen die Mieterhöhung eingereicht und mit der Krankenkasse über die Kostenübernahme für die Bandscheiben-OP verhandelt haben, abends allein auf dem Sofa sitzen und sich mit Siri unterhalten.

Wer kein sirifähiges Handy hat, weil es bei vier Stunden Arbeit eben auch nicht so viel Geld gibt, was aber nicht schlimm ist, weil die Miete ­moderat ist und Bildung und Gesundheit staatlich finanziert werden, kann sich ja im Gemeinschaftsgarten bekochen lassen. Wenn die Person sich außerdem nicht allein um Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen kümmern muss und auch sonst ohne Existenzängste lebt, ist sie abends wahrscheinlich noch fit genug, mit den Nach­bar*innen darüber zu diskutieren, wie sie das Gute Leben für Alle er­möglichen und aufrechterhalten können.


Aus: "Debatte um Abschaffung der Polizei: Lieber solidarisch leben" Katharina Schipkowski (11. 8. 2020)
Quelle: https://taz.de/Debatte-um-Abschaffung-der-Polizei/!5701855/

Quote
Markus Wendt

In diesem Traum werden leider viele Dinge einfach ausgeblendet. Was tun mit Leuten, die einerseits nicht am solidarischen Projekt teilnehmen, andererseits sich aber eben nicht abends auf das Sofa verziehen und für sich bleiben? Was tun mit Menschen, die sich an die Regeln, die sich die Gesamtgesellschaft gegeben hat, einfach nicht halten wollen? Es gibt eben auch andere Delikte neben Schwarzfahren, Meldeauflagen ignorieren und Koks verkaufen. Was tun mit dem Typen, der seine Frau vergewaltigt, Kinder verprügelt, Geldautomaten in die Luft jagt? Tribunal durch die lokale Community – vorausgesetzt, die Delinquenten lassen sich von Nicht-Polizisten überhaupt überführen und einfangen. Und überhaupt: Auf welchen sachlichen Grundlagen sollen Urteile erfolgen, wenn es keine nachvollziehbare Ermittlungsarbeit mehr gibt? Und auf welchen Grundlagen sollen Menschen von wem gerechte Urteile erwarten, wenn Communities überall ihre eigene Selbstjustiz üben? Ein Blick in einschlägige Geschichtsbücher über die Entwicklung von Πολιτεία über Polizey bis hin zu unseren heutigen Polizeikräften hätte hier vielleicht in bisschen geholfen.


Quote
Wondraschek

Ich empfehle allen, weiter unten den Post von Ingo Bernable über Gemeinschaft und Gesellschaft gründlich zu lesen. Wenn wir staatliche Regelungen durch soziale Kontrolle ersetzen, kommen wir in Teufels Küche.


Quote
Ingo Bernable

Die Abschaffung der Polizei ist letztlich nur eine Facette von dem worum es im Artikel geht: dem Versuch Gesellschaft durch Gemeinschaft zu ersetzen. Damit ersetzt man aber auch das Gesetzt, das idealerweise frei von Moral und Gesinnung sein sollte, durch eine Form sozialer Kontrolle die diesen Kriterien nicht genügen kann. In diesem Kontext bedeutet die Befreiung von der Polizei, die Wahl zwischen der Unterwerfung unter die Gemeinschaft und dem Ausschluss aus dieser. Die Gemeinschaft oder freie Assoziation ist immer auch exclusiv, immer an Bedingungen geknüpft die die Grenze der Zugehörigkeit definieren. Dieses Prinzip lässt sich auch regelmäßig recht gut in den projekt-anarchistischen Zusammenhängen beobachten, die versuchen genau die hier beschriebenen Konzepte von Community zu praktizieren. Bis zu einem gewissen Grad werden Widersprüche und Konflikte ausgehalten, dann aber über einen Ausschluss aus der Gemeinschaft an die Gesellschaft externalisiert, was letztlich nichts anderes bedeutet, dass man von der Möglichkeit abhängig ist die eigenen, internen Probleme an genau jene staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen zu delegieren den man abschaffen möchte. Die Gesellschaft kann pluralistisch sein, die Gemeinschaft oder Community konstituiert sich immer erst über ein homogenes Element.

Natürlich braucht es die Überwindung der Gewalt, auch der monopolisierten. Die Gewalt des Staates über den Einzelnen ist genauso ein Skandal wie die Existenz von Gefängnissen. Der Weg dorthin darf aber nicht über die Aufgabe der sozialen Freiheiten der Moderne zurück in den Tribalismus führen.


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Wondraschek

@Ingo Bernable:  Danke für diesen entscheidenden Hinweis. Gemeinschaft statt Gesellschaft: Nein danke!


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Toliwaga

Danke für diesen Artikel!

Dass auch in komplexen Gesellschaften Macht völlig anders funktionieren kann (und ohne Gewalt, auch Staatsgewalt), belegen Beispiel aus Ostafrika. Dort kommen nach einem Delikt, ob Diebstahl oder Brandstiftung der sonst was, der Übeltäter und der Geschädigte jeweils mit ihrem sozialen Umfeld (Verwandtschaft, Altersgruppe, etc.) zusammen und beratschlagen gemeinsam, wie die gesellschaftliche Harmonie wieder hergestellt werden kann. Geleitet werden diese Zusammenkünfte von einem Mediator. Richter in unserem Sinne gibt es nicht.

Wer Näheres erfahren will:

Hermann Amborn: Das Recht als Hort der Anarchie. Verlag Matthes & Seitz


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Calabi-Yau

Erschreckend naiv! Ein Beispiel: Als 2016 in Freiburg eine junge Frau vergewaltigt und ermordet wurde, hat die Soko etwa 1400 Menschen vernommen und rund 1600 Hinweise geprüft. Nur durch akribische Polizeiarbeit, das Ufer der Dreisam wurde sorgfältig untersucht und dabei im Gebüsch ein einzelnes Haar des Täters gefunden, konnte der Fall aufgeklärt werden. Der DNA-Fund an der Leiche stimmte mit dem später festgenommenen Täter überein. Wer soll solche Aufklärungsarbeit leisten, wenn die Polizei peu a peu aufgelöst wird? Ohne das LKA wäre dieser Fall unaufgeklärt geblieben. Von der rechtlichen Handhabe der genannten Maßnahmen ganz zu schweigen. Der Artikel ist reines Wunschdenken und hat mit der Realität nichts zu tun.


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KommunardIn


Die Polizei ist keine "Instanz, die gewaltvoll verhindert, dass die vielen sich erfolgreich organisieren und Gerechtigkeit einfordern." Wer sich friedlich und gewaltfrei versammeln und demonstrieren will, der kann das - zumindest in Deutschland - jederzeit tun.

Der Text ist nicht mehr als ein schönes Gedankenexperiment, welches auf einem naiv-optimistischen Menschenbild beruht. Das menschliche Potential zu Egoismus, Habgier und Gewaltbereitschaft lässt sich so nicht einfach wegwünschen. Es lässt sich in jedem Kindergarten beobachten, wie sich das Recht des Stärkeren durchsetzt, wenn Erwachsene nicht ständig erzieherisch eingreifen und für Ordnung sorgen. Niemand muss den Kleinen das Lügen und Betrügen beibringen - und das Raufen erst recht nicht. Das Böse gehört zur Natur des Menschen und die Zivilisation ist nur eine ganz dünne Lackschicht, die jederzeit abblättern kann. Leider lassen sich auch Demonstranten nur allzu leicht anstacheln, eben nicht friedlich und gewaltfrei zu bleiben. Es gibt schöne Ausnahmen, wie etwa die Bewegungen von Gandi oder Martin Luther King, oder auch die Revolution gegen das DDR-Regime. Aber das sind seltene Perlen in einer Geschichte, die von meist blutigen Revolutionen geprägt ist.


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gyakusou

Statt wertvolle Lebenszeit und Energie mit so einer unrealistischen Utopie zu verschwenden - die in keinem Land der Welt umgesetzt wird/funktioniert - sollte man realistischer an die Sache rangehen. Sollen Drogenhändler nicht mehr von der Polizei verfolgt werden? Gesetze ändern, Drogen legalisieren, den Menschen Perspektive am Arbeitsmarkt geben (auch wenn selbst dann viele aufgrund fehlender Sprachkenntnisse/Bildung in einer Industrienation scheitern werden). Weitere Lösungsansätze wurden ja im Artikel angerissen.

Die Abschaffung der Polizei und sie durch irgendwelche Community-Organisationen ersetzen lässt Raum für massiven Missbrauch und neue Probleme. Täter werden von "ihrer Community" geschützt und Opfer außerhalb dieser Blase bleiben im Regen stehen.

Und ich bezweifle, dass die Gesellschaft jemals akzeptieren wird, dass Vergewaltiger/Mörder/Wiederholungstäter allein die "Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, und sie dabei unterstützen, sich künftig anders zu verhalten." Ohne Gefängnisaufenthalt usw. Das ist etwas, was für mM nach für 90% der Bevölkerung inakzeptabel ist.

Und dieses skizzierte Gedankenspiel lässt außer acht, dass "direkte soziale Umfeld" nicht nur den Druck aufbauen kann, sich an die Regeln für ein friedliches Miteinander zu halten - dass kann auch das Gegenteil bewirken.


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Opossum

Schöne Utopie die mir eigentlich gefallen würde, aber leider am Grundwesen der Menschen vorbei.

Egoismus ist leider oft stärker als Solidaritat. Soziales und umsichtiges Verhalten wird von Einigen als Schwäche und Einladung zum sich auf Kosten anderer bedienen gesehen.

Ich fürchte ohne Instanz die Exekutiv tätig ist und Regeln dieser Gemeinschaft durchsetzt, wird es nicht gehen "unsoziale" Tendenzen einzugrenzen.

Polizei kommt doch von "Res polis" - Sache der Gemeinschaft, wenn ich mein altes fast vergessenes Latein rauskrame. Thoretisch ein guter Begriff, was daraus in der Realtiät wird kann und muss immer wieder diskutiert werden.


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Suryo

"Und wo ist der Druck, sich an Regeln für ein friedliches Miteinander zu halten, größer als im direkten sozialen Umfeld?"

Anthropologie und Psychologie bestätigen, dass die maximale Größe einer Gruppe, deren Mitglieder sich einander eng verbunden und damit verantwortlich fühlen, bei ungefähr hundert liegt. Wäre es anders, hätte man Recht und Justiz nie dem Staat zu übergeben brauchen. Dass letzteres ein zivilisatorischer Fortschritt war, sieht man schon daran, dass sich ansonsten häufig Traditionen wie die Blutrache herausbilden.

Tut mir leid, aber außer, wir spalten die gesamte Gesellschaft in Gruppen à hundert möglichst untereinander blutsverwandter Personen auf, wird das Ganze ewig Utopie und damit unerreichbar bleiben.

Übrigens befinden sich solche Gruppen dann gerne untereinander im sogenannten endemischen Kriegszustand. Volle echte und Solidarität genießen nämlich - auch das bestens belegt - zumeist nur Gruppenmitglieder.


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Politische Philosophie (Konkrete Utopie?)
« Reply #5 on: January 09, 2021, 04:32:12 PM »
Der utopische Raum II: Luise Meier, Georg Seeßlen, Walter Famler (10.01.2019)
Am 25.11.2018 sprachen und debattierten Luise Meier und Georg Seeßlen im Theater Odeon in Wien im Rahmen des Festivals "Literatur im Herbst: Anderswelten" der Alten Schmiede. Moderation: Walter Famler. Luise Meier (*1985 in Berlin) hat Philosophie, Sozial- und Kulturanthropologie und Kulturwissenschaften studiert. Sie arbeitet als freie Autorin und als Servicekraft und schreibt u.a. für die Berliner Volksbühne, den Freitag und Jungle World. 2018 erschien ihr Buchdebüt MRX Maschine.
Georg Seeßlen (*1948 in München) studierte in München Malerei, Kunstgeschichte und Semiologie. Er ist Film- und Kulturkritiker (u.a. für konkret, Die Zeit, Freitag und taz) und Autor mehrerer Bücher. Gemeinsam mit Markus Metz schreibt er regelmäßig Radiofeatures, etwa für den Deutschlandfunk. Zuletzt erschien Freiheitstraum und Kontrollmaschine (2018, mit Markus Metz).
Walter Famler (*1958 in Bad Hall) ist Journalist, Publizist und Autor. Zuletzt erschien Im Zeichen des roten Sterns. Zur ikonografischen Kodierung des Kosmospiloten Juri Gagarin (2011). Er ist Redaktionsmitglied und Herausgeber der Zeitschrift Wespennest und seit 2002 Generalsekretär des Kunstvereins Alte Schmiede.
https://youtu.be/ux8axxWIcoI