Author Topic: Klaus Theweleit  (Read 4844 times)

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Klaus Theweleit
« on: November 18, 2015, 10:11:11 AM »
Klaus Theweleit (* 7. Februar 1942 in Ebenrode, Ostpreußen – heute Nesterow, Russland) ist ein deutscher Literaturwissenschaftler, Kulturtheoretiker und Schriftsteller.
http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Theweleit

Studium der Germanistik, Anglistik und Musikwissenschaft in Kiel und Freiburg.
Dissertation: „Freikorpsliteratur; Vom deutschen Nachkrieg 1918−1923“ von 1977 war die
Grundlage für das zweibändige, extensiv und ungewöhnlich bebilderte Buch Männer-
phantasien, eine stark an Konzepten der Psychoanalyse und von Gilles Deleuze und Félix Guattari orientierte Untersuchung des faschistischen Bewusstseins und der soldatischen Prägung des Ich. Das Buch untersucht soldatische und faschistische Literatur und stellt die – immer wieder aktuelle – Frage, wie ein Mensch zu einem Nazi oder einem tötungsbereiten Soldaten werden kann.
http://www.klaus-theweleit.de/


Linkliste Klaus Theweleit
Universitätsbibliothek | Freie Universität Berlin : Service - Internetquellen
http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autort/thewel.html


Theweleit: „Rock'n'Roll hat uns befreit!“
21.10.2010 | 18:32 |  CHRISTOPH WEINBERGER (Die Presse)
http://diepresse.com/home/kultur/literatur/604161/index.do?from=suche.intern.portal


Sven Reichardt: Klaus Theweleits „Männerphantasien“ – ein Erfolgsbuch der 1970er-Jahre
http://www.zeithistorische-forschungen.de/site/40208708/default.aspx

alpha Forum - Klaus Theweleit
Hochgeladen von vonundzuMierendorff am 13.02.2012
http://www.youtube.com/watch?v=EHx995PEBRc

Klaus Theweleit über Pasolini, Godard und andere...
Das Interview entstand im Rahmen von "SCHAU-TV" - Ein Projekt der Schaubühne Lindenfels Leipzig - www.schaubuehne.com
Interview, Kamera1, Schnitt: Alexander Biedermann
Licht, Kamera2: Daniel Laudowicz
http://www.youtube.com/watch?v=vDXWKgcAXuc


"Warum Männer morden – und dabei auch noch lachen" Jan Ole Arps (November 17, 2015)
Die Anschläge in Paris haben uns grausam in Erinnerung gerufen, wie wenig auch ein hochgerüsteter westeuropäischer Polizeiapparat tun kann, wenn jemand entschlossen ist, mit möglichst kruden Mitteln möglichst viel Zerstörung anzurichten. Die Anschläge waren von langer Hand geplant und haben sicher einiges an Vorbereitung erfordert. Trotzdem waren sie (zum Beispiel im Vergleich zum 11. September 2001) relativ simpel. Um ein solches Blutbad anzurichten, braucht man keine komplizierten Bomben oder High-Tech-Waffen—das Wichtigste sind Menschen, die bereit sind, andere Menschen mit absoluter Brutalität hinzurichten.
Diese Brutalität hatte sich die Terrormiliz Islamischer Staat von Anfang an praktisch auf die Fahnen geschrieben. Die Exekutions-Videos gehörten genau so zum öffentlichen Bild der Gruppe wie ihre Flagge.
Aber an den Bildern, die der „Islamische Staat" um die Welt schickt, verstört nicht allein die brutale Gewalt gegen andere Menschen. Fast noch unverständlicher ist der Stolz, den die Mörder offensichtlich empfinden, wenn sie zum Beispiel einen abgeschlagenen Kopf in die Höhe halten. Es geht ihnen nicht nur um die reine Beseitigung eines Feindes—das Töten bereitet ihnen offensichtlich Freude.
Auch von Anders Behring Breivik, dem selbsternannten „Tempelritter", der 2011 auf der norwegischen Insel Utøya 77 Jugendliche und junge Erwachsene erschoss, berichten Überlebende, er habe beim Töten gelacht und laut gejubelt.
Warum lachen die Täter? Macht das Morden Spaß? Mit dieser Frage hat sich der Literaturwissenschaftler und Autor Klaus Theweleit in seinem Buch Das Lachen der Täter beschäftigt. ...

https://www.vice.com/de/read/warum-maenner-morden-und-dabei-lachen-102

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Klaus Theweleit
« Reply #1 on: March 17, 2017, 02:13:57 PM »
"Klaus Theweleit - Das Verschwinden der Realität"
Kurzinterview mit und Buchvorstellung von Klaus Theweleit, "Der Knall - Der 11. September und das Verschwinden der Realität"
https://www.youtube.com/watch?v=xAIezNWqSDA


"Klaus Theweleit: Männlichkeit im Wandel" (Published on Dec 1, 2014)
Patrick Catuz spricht Klaus Theweleit über die vermeintliche Krise der Männlichkeit, die Sinnhaftigkeit den Krisenbegriff zu bemühen, Männlichkeit im Wandel und die Rolle der Schulen.
https://www.youtube.com/watch?v=aPYCv2qTvmE


Klaus Theweleit (talk) - Second Order Television (german) [Published on Oct 4, 2013]
Vortrag von Klaus Theweleit über Musik, Hirnforschung  und Psychoanalyse.
https://www.youtube.com/watch?v=xAIezNWqSDA

absolute-Reihe
Die von Klaus Theweleit herausgegebene absolute-Reihe stellt Schlüsseldiskurse der Gegenwart
Ausgewählte Originaltexte von Denkerinnen
und Denkern wie de Beauvoir, Bourdieu, Flusser und McLuhan sind in eine vom jeweiligen Herausgeber exklusiv für diese Reihe verfasste Biografie eingebettet, welche Kontexte zu den Werkfragmenten liefert, ohne sie bevormundend zu interpretieren.
http://www.orange-press.com/programm/absolute.html

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"Was mir heilig ist„Die Haut des anderen ist unantastbar“" Klaus Theweleit (22.12.2017)
„Was mir heilig ist: Erst mal, ich würde diesen Begriff nicht benutzen, obwohl ich schon weiß, was damit gemeint ist. Also: heilig. Das ganze Leben hat sich ja theoretisch gedreht um die Erforschung von Gewalt, von Gewaltausübung, politische, persönliche Gewalt, faschistische Gewalt, dann untereinander. Und daraus hat sich so ein Satz gebildet, so wie es im Grundgesetz heißt oder bei den Menschenrechten: Die Würde des Menschen ist unantastbar, dass ich das übersetzen würde in, abstrakt, die Haut. Die Haut ist unantastbar, die Haut des anderen, der anderen ist zu respektieren. Der Nicht-Eingriff in den anderen Körper.
Und das gilt zuerst einmal für die Leute, mit denen man lebt, mit denen man liebt, die eigene Familie, die Freunde drumrum, dann aber auch eigentlich in allen Gruppen, in denen ich mich bewege. Ich könnte mich in keiner Gruppe bewegen, in der das nicht akzeptiert ist.“
„Und das sind dann, wie soll man sagen, die Beziehungen, die unantastbar sind, die auch nicht brechen sollen. Also ich habe in meinem Leben nicht sehr viele solcher großer Brüche, sei es in Liebschaften, sei es in Freundschaften, sei es mit Gruppen hinter mir, sondern was sich einmal herausgestellt hat als lebbar, liebbar, akzeptabel, das gilt. Davon abzuweichen auch selber im Verhalten, das wäre nicht nur ein Widerspruch, das wäre sträflich, das wäre eine Übertretung, die möglichst nicht passieren soll. Und das in den Zusammenhängen, was man macht mit Leuten.
Ich spiele zum Beispiel seit 1970/71 in einer Musikgruppe, die improvisiert, nach wie vor mit wechselnden und gleichbleibenden Personen, über Jahre sich trifft, und wir machen unsere Free Jazz-artigen Improvisationen, hören auch solche Musik. Also ein bestimmter Umgang mit Kunst, Film, Musik gehört dazu, die auch unverletzlich sind. Wenn jemand ankäme und sagen würde, Albert Ayler oder Sun Ra oder Hendrix sind musikalische Arschlöcher, dann war das das letzte Wort, das ich mit ihm gewechselt hätte.“ ...
https://www.deutschlandfunkkultur.de/was-mir-heilig-ist-die-haut-des-anderen-ist-unantastbar.1013.de.html?dram:article_id=406609

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"Deutsche Soldaten und ihr Hass auf Frauen" Matthias Heine (12.11.2017)
„Männerphantasien“ war als literaturwissenschaftliche Dissertation verfasst und an der Universität Freiburg mit „summa cum laude“ bewertet worden. Literaturwissenschaftlich daran war, dass sein Autor Klaus Theweleit tatsächlich etwa 250 Romane der Zwanzigerjahre analysierte, die vor dem Hintergrund des 1. Weltkriegs und des „weißen“ gegenrevolutionären Terrors spielten.
Was Theweleit dabei fand, waren – kurz gesagt – Männer, die eine abgrundtiefe Angst vor Frauen hatten, und die sich gegen diese Furcht körperlich und seelisch panzerten. Der Faschismus bot ihnen passende geistige und organisatorische Lösungen. Und er schuf die Möglichkeit, Ängste mit Gewalt abzureagieren.
... Heutzutage legen sich prekarisierte und von Prekarisierung bedrohte Männer einen praktisch völlig überflüssigen Fleischpanzer im Fitnessstudio zu. Und in der Welt des Militärs träumt man von metallischen Exoskeletten, die den Soldaten unverwundbar machen und ihm zugleich Superkräfte verleihen sollen. Ein Wiederlesen der „Männerphantasien“ könnte da den ein oder anderen Erkenntnisgewinn bescheren – wenn das Buch verfügbar wäre.
https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article170548442/Deutsche-Soldaten-und-ihr-Hass-auf-Frauen.html

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Interview mit Klaus Theweleit über aktuelle Gewalt in Deutschland: "Diese Körper sind von Angst erfüllt" Georgios Chatzoudis (18.09.2018)
Die Bilder von Männern, die Menschen durch eine Stadt jagen, die sie zuvor als Flüchtlinge ausmachten, haben die Republik in den vergangenen Wochen regelrecht verstört. In den begleitenden Medien entzünden sich die Debatten nicht zuletzt entlang der Frage, ob in Deutschland ein neuer Faschismus aufkommt, dem man entgegenzutreten habe. Außerdem fragt man sich, was diese Männer antreibt, gegen alles fremdländisch Erscheinende gewaltsam vorzugehen, ungeniert menschenverachtende Parolen zu skandieren oder NS-Symbolik offen zu demonstrieren? Prof. Dr. Klaus Theweleit hat sich bereits in den 1970er Jahren mit Gewalt und Männerphantasien im Zusammenhang mit faschistischem Gedankengut auseinandergesetzt. In seiner jüngsten Analyse über das Lachen von Tätern gewaltsamer Exzesse hat er dieses Thema noch einmal aufgegriffen. Wir haben ihn um ein Psychogramm dieser Männer gebeten. ...
https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/maennergewalt_theweleit

« Last Edit: September 26, 2018, 02:55:24 PM by Link »

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Klaus Theweleit
« Reply #2 on: December 17, 2018, 12:22:52 PM »
"Heimatphantasien: Heimatphantasien = Männerphantasien: Die männliche Nation?" (2018)
Gespräch mit Gabriele Kämper und Klaus Theweleit. Moderation: Elahe Haschemi Yekani* Die Leiterin der Geschäftsstelle Gleichstellung des Berliner Senats und Autorin von »Die männliche Nation. Politische Rhetorik der neuen intellektuellen Rechten«, Gabriele Kämper, und der Kulturtheoretiker und Verfasser der bekannten Untersuchung »Männerphantasien«, Klaus Theweleit, gehen der Frage nach, warum Männlichkeit traditionell als Chiffre des National-Völkischen galt und wie dies nun in Form eines rechtsextremen Antifeminismus reartikuliert wird. Die Konferenz HEIMATPHANTASIEN fand am 18. und 19. August 2018 auf dem Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel statt und setzte sich kritisch mit den Konzepten von »Nation« und »Heimat« auseinander: An zwei Tagen wurden ihre impliziten Projektionen, ihre Widersprüche, sowie ihre historische Gewordenheit untersucht. Es wurde diskutiert, welches Potential darin liegt, Migration als Unterbrechung des nationalen Narrativs zu denken und der traditionellen Verwobenheit von nationalistischer Ideologie und patriarchaler Herrschaft auf den Grund gegangen. Es wurde die historische Gleichzeitigkeit von Kolonialismus und Nationenbildung aufgearbeitet – und es wurden gegenwärtige Versuche diskutiert, die bereits trans- oder postnationale Gemeinschaften jenseits nationaler Identitäten schaffen. Kuration: Margarita Tsomou, Lena Kollender Gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.
https://youtu.be/fT-nLIshGOI

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Klaus Theweleit
« Reply #3 on: March 12, 2019, 12:18:06 PM »
Quote
[...] Interview Klaus Theweleit über das Ausleben von Ängsten, die Wurzeln von Gewalt und die Befreiung der Geschlechter

Ströme sind für Frauen weniger ein Problem?

Klaus Theweleit: Dazu kann ich weniger sagen. Ich bekomme mit, was im männlichen Körper passiert. Hier lösen Ströme, wenn es sich um einen fragmentierten Körper handelt, Ängste aus. Im Extremfall Todesängste. Alles, was von außen eindringt, droht ihn aufzulösen. Die Summe von Abwehrmaßnahmen, die daraus entstehen, richten sich dann vornehmlich gegen alles „Fremde“ und gegen alles „Weibliche“.

Wieso gegen das Weibliche?

Klaus Theweleit: Frauen lösen die Struktur des Körperpanzers prinzipiell auf. Sie sind in seiner Auffassung der Sumpf, der ihn auflöst. Das ist in frappierender Deutlichkeit auch bei den Tätern der jüngsten Attentate zu sehen. Einer der amerikanischen Killer schreibt an einen Kollegen: „Alle Frauen müssen weg sein“; er entwirft die Idee eines „KZ“ für Frauen.

Müssen sie weg sein - oder ihm gehorsam?

Klaus Theweleit: Ja, das auch. Der Fragmentkörper braucht aber Hierarchien, es stabilisiert enorm, jemanden unter sich zu wissen. Es herrscht ein ganz konkretes Verlangen, zu bestimmen, wie der weibliche Körper sich zu verhalten hat. Mit klaren Regeln. Der Ayatollah Khomeini schreibt nach der iranischen Revolution sogleich ein Buch mit zahlreichen islamisch begründeten Anweisungen allein für menstruierende Frauen.

Und verschleiern müssen sich Frauen auch aufgrund dieser Angst?

Klaus Theweleit: Der eigene Panzer bröckelt schon, wenn er eine nackte Frauenwade sieht. Mann macht hundert religiöse Regeln, um das zu verhindern. Und hasst diejenigen, die daraus ausbrechen. Aber der Hintergrund ist nicht irgendein „Satz des Propheten“, sondern fast immer Angst, die im eigenen Körper tobt. ... Die Ethnologin Margaret Mead hat beschrieben, wie Leute mit dem fehlenden Gefühl sicherer Körpergrenzen die eigene Außengrenze mit den Landesgrenzen gleichsetzen. Ein in Bayern illegal einströmender Flüchtender bewegt sich also direkt ins Körperinnere eines Bewohners von Mecklenburg-Vorpommern – der „um seine Bestände fürchtet“. Die „Ströme“ sind schrecklich; sie machen nicht halt an der eigenen Haut. Sie strömen überall. Trump braucht seinen Zaun notwendig. Sonst verliert er die Mehrzahl seiner Wähler. So ist es auch bei Horst Seehofer.

...

Breivik sah sich aber nicht als Einzeltäter, sondern als einer der Kreuzritter, die das Christentum gegen den Islam verteidigen müssen. Wozu diese Legitimation?

Klaus Theweleit: Das ist der Kern des Killens in Gruppen: es gibt immer jemanden, der die Schuld abnimmt, ob das der Kommandeur ist oder Hitler. Oder die Knight Templars.

Georg Seeßlen hat Breivik als Dschihadisten bezeichnet. Aber wo ist die Autorität, die dem IS ihre Tat erlaubt?

Klaus Theweleit: Der Kampf für die eigene Rasse oder Religion erlaubt Alles. Allah erlaubt Alles. Erfordert Alles. Es ist leicht, das zu schreien: Allahu Akbar.

Wozu braucht man Allah, wieso sagt man nicht einfach: Ich mache das jetzt, weil ich das richtig finde?

Klaus Theweleit:  Das würde eine ganz andere Form von Ich-Stärke erfordern: „ich nehme das alles auf mich.“ Diese Stärke würde das Morden gar nicht nötig machen.

Gibt es solche Ichs?

Klaus Theweleit: Manche Mischformen retten sich und werden politische Führer. Donald Trump etwa ist nicht einfach ein Fragmenttyp, der ist eine merkwürdige Mixtur. Wenn der sich hinstellt und sagt: es gab noch nie einen besseren Präsidenten als mich - dann glaubt der das! Und spricht jedes Wort durch das „Megaphon America“. Great again! Das hilft den Fragmentierten, Angstbesetzten. Sie sind immer auf der Suche nach Zugehörigkeit zu größeren, mächtigeren Körpern. Im Fall der Freikorps war es übrigens die SPD-Regierung, die das Töten erlaubte. Noskes Satz: „Einer muss der Bluthund sein“ war eine Tötungserlaubnis gegenüber den Aufständischen - und die Zusicherung, straflos zu bleiben.

...


Aus: "„Der Panzer des Mannes ist brüchig“" Elsa Koester, Mladen Gladić  (Ausgabe 10/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-panzer-des-mannes-ist-bruechig

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Klaus Theweleit
« Reply #4 on: August 29, 2019, 02:23:06 PM »
Quote
[...] „Was den Körpern der Menschen wirklich geschehen ist, was sie gefühlt haben, hat die Historiker bisher nicht interessiert“, behauptet Klaus Theweleit an einer Stelle seiner „Männerphantasien“. Und folgert, dass eine „andere Wissenschaft“ sich daran messen lassen müsse, „ob sie in Verbindung tritt auch mit Erfahrungen und Gefühlen des Lesers, mit Erscheinungen aus dessen eigenem Leben, mit der Existenz seines eigenen Leibs“.

Eine solche Erscheinung ist schon das Buch selbst: sein Leib, wie er vegetiert in der Hand, sich beständig der Gravitation, Lektüre und Insektenbesiedelung hingibt. Meinen habe ich vor gut drei Jahren erworben, angelockt von einem der schmierigsten Wortkombinate, die die deutsche Sprache bereithält: unbedingt lesen!

Und natürlich vom lustvollen Titel. Es ist gebraucht, im Internet bestellt, vor allem, weil ich dachte, für die 30 Euro Kosten beide Bände zu erhalten. Das hat das Schicksal verhindert (und mich außerdem drei Jahre lang vom Lesen abgehalten); wie gut da, dass ausgerechnet dieser Tage, nachdem ich mich im Sand zwischen den Bunkern der dänischen Nordseeküste durch den ersten Band gewälzt habe, eine neue, einbändige Ausgabe im Matthes & Seitz-Verlag erscheint.

Das Überbordende, Fließende, das Theweleit an der freien Lust ausmacht, prägt auch sein eigenes, umfangreiches Buch. Denn es ist vor allem deshalb zu einem der klügsten Werke über Faschismus, Männlichkeit und Triebe geworden, weil Theweleit sich hat tragen, sich hat mitreißen lassen. In der Bekenntnisliteratur der Korps-Offiziere und späteren Nazi-Größen stößt er nämlich auf Angst vor Frauen, vor Potenzverlust, auf das Begehren nach der verbotenen Schwester, die Unabgelöstheit von der – bumm! – Mutter.

Ödipus. Analyse. Aber er bleibt dort nicht stehen; bricht vielmehr mit dem Dogmatismus der „Ideologiekritiker“ Frankfurter Schulzuschnitts. Und betrachtet nicht die Gründe oder Ungründe einer zu kurz gekommenen Vernunft: sondern die Körper selbst.

Im körperlichen Begehren und Ablehnen der „roten Flut“ (Kommunismus, personifiziert in der sexuell aktiven Frau) durch Offiziere und Soldaten erkennt er einen starren „Körperpanzer“. Den Begriff übernimmt Theweleit von Norbert Elias, um, über diesen hinausgehend, den lange eingeübten Prozess der Machtsicherung über die männlichen, beherrschten Körper zu bezeichnen, in welchem ihre Ambitionen auf Anfechtung der Herrschaft immer wieder gezielt auf das Begehren nach Beherrschung „ihrer“ Frauen gelenkt worden seien.

Statt realen Geschlechtsverkehr zu normalisieren, seien Frauen dafür in Huren und Heilige unterteilt worden. Jede Kritik also, die, statt auf die Herrschaft selbst, auf die vermeintlich verkommene Moral der Herrschenden ziele, mache sich zu deren Diener. Denn sie helfe dabei, wiederum den Beherrschten eine noch rigidere Moral aufzuerlegen – so lange, bis, wie vielerorts im Deutschland des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, prinzipiell jeder Körper unter Schmutzverdacht (und damit Vernichtungsgebot) gestanden habe; außer dem soldatisch-pflichtbewusst aufrechten und dem mütterlich-reinen.

Daraus folgt, dass der Faschismus nicht weg ist. Als „ständig präsente oder mögliche Form der Produktion des Realen“ kann er „auch unsere Produktion sein“. Das zentrale Thema der Rechten auch heute ist ja nicht Wirtschaft, Armut, Verstand – sondern Sexualität. Der Zugang zum Körper der idealen reinen Frau. Er muss sauber (und damit unerreichbar) bleiben.

Merkwürdigerweise fällt Homosexualität, jedenfalls in Band 1, nahezu komplett aus der Betrachtung heraus. Dabei ist sie ein Musterbeispiel in dem Streit zwischen „Fluten“ und „Trockenlegung“, zwischen Widerstand und Assimilation.

Mit dem wunderschönen Begriff der „Zweifrontenschicht“ (wiederum von Elias entlehnt) lassen sich nicht zuletzt jene Schwulen (fast nie Lesben oder Trans*-personen) charakterisieren, die sich mit dem Aggressor identifizieren und denen es nun auch mal genug mit der Befreiung der Lustströme ist.

Wer dazwischen oder irgendwo anders herumtreibt, stört da nur; stattdessen soll sich lieber jeder in die Hühnerleiter der Geilheit einreihen, ficken oder sich ficken lassen, und am besten alles schön steril. Zugleich ist dabei der Dammbruch des Lustobjekts, wie bei den Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg, das Ekligstmögliche und das heimlichst Herbeigesehnte.

Kurz: unbedingt lesen! Lassen Sie es fließen.


Aus: "Klaus Theweleits „Männerphantasien“: Schwule Aggressorenidentifikation" (2. 8. 2019)
Quelle: https://taz.de/Klaus-Theweleits-Maennerphantasien/!5614242/

Quote
Wolf Haberer, 3. Aug, 11:16

... "heute noch beunruhigend aktuell" (Unterüberschrift)

ist natürlich nicht mal untertrieben, sondern die völlig falsche Formulierung. Wieso sollte das Werk nicht mehr aktuell sein? Man sollte es nicht versehentlich niedriger hängen, als es denn gehört. Theweleit hatte, wohl ohne, dass es vielen bewusst war, seinerzeit einige universelle und praktisch zeitlose Zusammenhänge aufgedeckt, die erst in einer (heute noch) schwer vorstellbaren utopischen Zukunftsgesellschaft hinfällig werden dürften, aber wahrscheinlich nicht mal da vollständig. Theweleit hatte nämlich eines komplett außen vor gelassen: die hinter allem stehende Biologie. Das wäre allerdings beim damaligen dünnen Stand des Wissens ein sehr gewagtes und ungewisses Abenteuer geworden. Es wäre also heute eine Neufassung der Männerphantasien zu schreiben, unter Einbeziehung dessen, was man heute über die vererbten Anteile männlichen Verhaltens weiß und was das jeweils mit Faschismus zu tun haben könnte. Die Männer- und Frauenkörper als phänologische Erscheinungen ihrer zugrunde liegenden DNA-Codes, und damit wiederum ihres teildeterminierten Verhaltens und ihrer Psychologie. Was dabei für so manche (nicht nur linke) Geisteswissenschaftler eine schwer oder gar nicht akzeptable Startrampe ist, ist für die naturwissenschaftlich-materialistisch Orientierten unverhandelbare Grundannahme.


...

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Klaus Theweleit
« Reply #5 on: September 25, 2019, 04:51:30 PM »
Quote
[...] Ich habe das Buch damals sofort gelesen, es ist und bleibt ein Monolith, ich würde sagen: unerreicht“, schreibt die Schriftstellerin Elfriede Jelinek über Klaus Theweleits „Männerphantasien“, das vor gut vierzig Jahren herauskam und in diesem Herbst im Verlag Matthes & Seitz in einer neuen Ausgabe erscheint. Theweleit wohnt in Freiburg im Breisgau im Stadtteil Haslach und bittet einen die Stiege nach oben in sein Arbeitszimmer, das voller Bücher, Kopien, Gitarren und Bilder ist.

Julia Encke: Herr Theweleit, was sind die „Männerphantasien“?

Klaus Theweleit: Es ist eine Art Berichtsbuch davon, wie bestimmte Leute in Deutschland, die die Weimarer Republik nicht wollten, eine Realität hergestellt haben, an der diese Weimarer Republik eingegangen ist: Vorbereiter des Nationalsozialismus, des Faschismus. Das waren die Freikorpsleute, die 1919/20 die sozialistische Revolution, die Arbeiter- und Intellektuellenaufstände mit Gewalt niedergeschlagen haben. Meine Arbeit ging aus der Auseinandersetzung mit den Politologen hervor, die versucht hatten, den Faschismus zu beschreiben. Da war immer von „Irrationalität“ oder „Blut und Boden“ die Rede. Ich habe aber gemerkt, dass die Leute mit Ideologie nicht viel zu tun hatten. Der Faschismus ist auch zentral keine Ideologie, sondern eine zerstörerische Art und Weise, die Realität herzustellen.

Das klingt nach Geschichtsbuch. Geht es nicht um die Beschreibung einer Struktur?

Klaus Theweleit: Es geht um Geschichte, aber anders als Historiker sie betrachten, denn Historiker kümmern sich nicht um die Gefühle der Menschen. Da geht es um Daten, Zusammenfassungen, Verträge, ökonomische Fragen und Einflüsse. Und an Berichten dieser mörderischen Freikorpssoldaten war sehr genau abzulesen, dass sie zentral aus bestimmten Gefühlskonglomeraten handeln, die sie sich selber nicht eingestehen. An die Stelle setzen sie dann die Ideologie: Sie sagen, sie müssten das „Vaterland schützen“, die „Nation retten“, die „Überlegenheit der arischen Rasse gegenüber dem Rest der Welt“. Aber das sind nicht ihre wirklichen Handlungsmotivationen.

Welche waren das Ihrer Meinung nach?

Klaus Theweleit: Die kommen aus ihrem Inneren heraus. Ein Bedürfnis nach Gewalt, das mit dem Wunsch zu tun hat, eine Körperganzheit herzustellen. Ich bin mit Hilfe der Kinderpsychoanalyse – meine Frau Monika Kubale arbeitete seit 1971 als klinische Psychologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Freiburg – auf den Begriff „Fragmentkörper“ gekommen. Es geht um Leute, denen es nicht gelungen ist, aufgrund verschiedener Störungen, in ihrer Kindheit und weiteren Entwicklung, ein Gefühl von Körperganzheit auszubilden. Sie sind etwa geprügelt worden, haben immer Angst vor Einbrüchen von außen, setzen die Außengrenzen ihres Körpers mit Landesgrenzen gleich. Wir haben in den letzten Jahren erlebt, wie Flüchtlingsströme empfunden werden, nämlich so, als würden sie in die Körper solcher Leute einströmen und nicht einfach nur ins Land. Für die Freikorpsleute bedeutete Gewalt strukturell eine klare Überlebensgeschichte. Es geht um Erhaltungsmechanismen, darum, sich selbst „heil“ zu machen durch Gewalt gegen andere.

Sie beschreiben die Mitglieder des Freikorps als Menschen, die die Wirklichkeit nur in Form von Hierarchien wahrnehmen können.

Klaus Theweleit: In diesen Hierarchien ist der Männerkörper oben und der Frauenkörper immer unten, egal welche Frauen das sind. Noch weiter unten sind dann die Kinder. Gesellschaftlich oben stehen der Adel und das Militär, dann die Politiker, Unternehmer, unten das Proletariat. Und wenn das Proletariat die Macht will, wie 1919 in der Räterepublik, dann war das für die eine Umkehrung des Wirklichen. Das Untere sollte zuoberst sein, die Flüsse sollten gewissermaßen aufwärts fließen. Das war für sie unvorstellbar, dass Arbeiter Teil der Staatsmacht sein sollten. Und mit der Ideologie rechtfertigen sie dann die Gewalt, die sie ausüben, und sagen: „Wir wehren uns gegen die, die wollen die Macht im Staat.“ Sie schieben ihnen alle möglichen Greueltaten zu, die sie überwiegend selbst begangen haben, was sie aber nicht zugeben können. Nur in einer Bürgerkriegssituation können sie es zugeben, wenn sie den Befehl erhalten haben, ihre Morde gedeckt sind durch eine Macht. Das war in diesem Fall die SPD-Regierung mit Gustav Noske, der den Freikorps Handlungsfreiheit einräumte.

Ihr Buch ist 1977/78 erschienen. Sie waren Mitte dreißig. „Es ist eigentlich eine Autobiographie in der Hülle der Dissertation“, sagen Sie. Das Autobiographische darin, dass Sie „Ich“ schreiben, über Ihren Vater schreiben, der seine Kinder geschlagen hat: Das hatte es bis dahin nicht gegeben.

Klaus Theweleit: In Dissertationen natürlich nicht, nur in der Literatur.

Sie wollten aber eine Dissertation und nicht einfach ein Buch zum Thema schreiben?

Klaus Theweleit: Dissertation vor allem, weil es dafür ein Stipendium gab. Wir brauchten das Geld. Dann Verlage: Welcher Verlag hätte einem völlig unbekannten Radiomitarbeiter vom Südwestfunk solch ein Projekt finanziert? Keiner. Sie hätten es auch niemals genommen, in der Länge und bei dem Bildgebrauch. Im Verlag Roter Stern hatte ich spezielle Arbeitsbedingungen, weil wir uns kannten.

Dass Sie Bilder verwenden wollten, war Ihnen von Beginn an klar?

Klaus Theweleit: Ja, das war mir klar. Es sollte ja nicht nur von 1919/20 handeln, sondern ausgedehnt werden auf Männer überhaupt in der Geschichte, ein paar tausend Jahre zurück und bis heute hin: Was für ein Typ ist heute da, nach dem Zweiten Weltkrieg? Kino und Musik waren die Formen, die es uns möglich machten, uns von der Geschichte der Eltern zu lösen. Von Kino hatten sie keine Ahnung, und Musik war für sie „Negermusik“. Da hatte man wirklich einen Fluchtkorridor. Und ich dachte, ich mache jetzt ein Buch, und darin müssen die Sachen alle vorkommen. Der Unterschied zu Faschismus und Lebensweise der Eltern muss deutlich werden. Es ging auch um einen anderen Ton der Sprache. Beim Schreiben hat sich eine starke Abwehr gegenüber Autoren entwickelt, die ich als Leser sehr verehrt hatte.

Gegen wen zum Beispiel?

Klaus Theweleit: Adorno. Auf diesen ewigen Rechthabergestus bei jeder Sache. Bei jeder Geschichte musste noch ein anderer einen auf den Hut kriegen, ob das ein Soziologe war oder gar nicht namentlich benannte Leute. Als Gestus, fand ich, ging das nicht, auch wegen der Rechthaberei in den K-Gruppen, die sich nach dem Zerfall des SDS, in dem ich drei Jahre aktiv war, gebildet hatten. Diskutieren konnte man mit denen nicht.

Adorno hatte eine K-Gruppen-Mentalität?

Klaus Theweleit: Das nicht, aber der Rechthabergestus war vergleichbar.

Sie haben sich auch um Ihr Kind gekümmert, während Sie Ihre Dissertation geschrieben haben.

Klaus Theweleit: Ja, wir haben uns das geteilt. Dass meine Frau ihre Stelle aufgeben würde wegen des Kindes, haben wir nicht erwogen. Sie ging also halbtags in die Klinik, und ich blieb zu Hause. Sich um das Kind zu kümmern ging immer vor.

Gleich nach Erscheinen wurde „Männerphantasien“ ein ungeheures Erfolgsbuch. Rudolf Augstein schrieb im „Spiegel“ unter dem Titel „Frauen fließen, Männer schießen“ im Dezember 1977 eine achtseitige Besprechung: „Was Theweleit in der Freikorpsliteratur findet, ist die schriftgewordene Unterdrückung der weiblichen Sexualität, ihre Aufspaltung in höhere nichtgeschlechtliche Wesen und in niedere kastrationswütige Huren.“ Was hat die „Emma“ geschrieben, das Magazin ist ja in der gleichen Zeit entstanden?

Klaus Theweleit: „Emma“ hat sich nie dazu geäußert. Ich habe bis heute nie einen Ton von Alice Schwarzer gehört.

Wie erklären Sie sich das?

Klaus Theweleit: Mit Kinderpsychoanalyse hat Alice Schwarzer nichts am Hut. Außerdem hat sie mal gesagt, sie lese keine Bücher, die länger als dreihundert Seiten sind, und das waren über tausend. Und es gibt Seiten im Buch, auf denen ich sie kritisiert habe, auch andere, wie Herbert Marcuse, wo es darum geht, dass sie nicht begreifen, wo die Sprache männlich ist, weil sie das phallische Vokabular selbst verwendeten.

Hatte das biographische Gründe?

Klaus Theweleit: Das hatte es. Rechthabertum ablegen– das geht zurück auf Auseinandersetzungen in der engsten Umgebung, dass man aufhört, als Kerl, besonders wenn man Theorie diskutiert, automatisch zu meinen, Frauen überlegen zu sein.

In den autobiographischen Passagen der „Männerphantasien“ geht es auch um Ihren Vater und um die Gewalt der Elterngeneration. Ich musste beim Lesen Ihres Buchs an Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ denken, wo am Vorabend des Ersten Weltkriegs die jüngere Generation die Schläge weitergibt, die ihnen zugefügt wurden. Wenn man annimmt, dass es ein Fortschreiben von Spuren der Gewalt gibt: Haben die „Männerphantasien“ im Gegenteil das Ziel, genau solche Kontinuitäten zu unterbrechen?

Klaus Theweleit: Ganz gewiss. Ich bekam in der Schule mit, was die Generation der Alten angestellt hatte im sogenannten Dritten Reich. Dass meine Eltern beide Hitler-Anhänger waren, haben sie nie geleugnet. Sie haben immer nur gesagt: „Du kannst das nicht verstehen, du hast nicht gelebt zu der Zeit.“ So weit habe ich das verstanden. Dann kriegte ich mit, dass sie Antisemiten waren. In Ostpreußen hatten sie auf dem Land gesessen, wo kein Jude weit und breit war. Meine Mutter war in der Kreisstadt bei einem Arztbesuch gewesen, erzählte mir einer der älteren Brüder später, das war 1939 nach der „Reichskristallnacht“, wie sie das nannten. Da waren bei einem Geschäft die Scheiben eingeschlagen gewesen, und Zigarren lagen auf der Straße. Unser Vater war Raucher, und mein Bruder wollte die Zigarren mitnehmen. Und die Mutter hätte gesagt: „Lass das liegen, Judenzigarren raucht er nicht.“ Wenn man sie später mit den sechs Millionen ermordeten Juden konfrontierte, fanden sie, das waren vielleicht zu viel. Es tat ihnen aber nicht leid. Und der Alte fing an zu heulen, wenn er erzählte, wie russische Partisanen irgendwelche deutschen Landser erschossen hätten. Bis es zu dem Punkt kam, an dem ich sagte: „Was redet ihr immer von der Heimat, die ihr verloren habt. Ihr wolltet doch alles haben bis zum Ural und fandet das richtig.“ Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte mich umgebracht. Wie ich das bei meinen älteren Geschwistern auch manchmal gedacht habe, wenn er die geschlagen hat, sehr cholerisch.

Sie waren der Jüngste?

Klaus Theweleit: Ja, mit einer jüngeren Schwester. Die anderen waren eine Art Schutzwand vor mir. Ich kriegte viel weniger ab. Als ich 1942 geboren wurde, war mein Vater schon unter der Woche nicht zu Hause, weil er woanders Eisenbahndienst hatte. Am Wochenende, wenn er kam und die älteren Geschwister Mist gebaut hatten, die Mutter petzte manchmal, kriegten die den Arsch voll, und zwar heftig. Und ich saß da in der Ecke und lernte, wie ich so was vermeide. Ich musste als Schüler gut werden, weil ich sah, wie sie den Hintern voll kriegten wegen schlechter Noten. Und ich dachte mir: Das passiert mir nicht. Wenn ich schlechte Noten hatte, habe ich die Hefte zerrissen und im Klo weggespült. Mit vierzehn eskalierte der Streit oft so, dass ich nicht mehr mit ihm reden konnte, ohne dass das handgreiflich geworden wäre. Ich habe das Reden mit dem Alten schlicht eingestellt. Über das Politische habe ich nur noch mit Gleichaltrigen geredet. Und davon gab es immer genug, die offen waren.

Und Sie selbst waren nie gewalttätig?

Klaus Theweleit: Ich war auch ein ziemlich cholerischer Typ als Schüler und habe mich rumgekloppt. Zurückhaltung lernte ich in Frauenbeziehungen, meine Frau habe ich früh kennengelernt, da war ich dreiundzwanzig, sie ist ein absolut ungewalttätiger Mensch bis heute. Sie hasst das. Wie sie manche Ausbrüche ertragen hat, ist für mich bis heute ein Rätsel.

Dieser Effekt der Unterbrechung: sollte der nicht nur für Sie persönlich gelten, sondern bei der Lektüre sich auch bei den Leserinnen und Lesern vollziehen? Sind die „Männerphantasien“ so angelegt? Als „Nie wieder“?

Klaus Theweleit: Das „Nie wieder“ ist eine Formel, die ist leicht gesagt. Man musste sich umstrukturieren, und das passiert mit Hilfe von anderen. Alleine gegen den Vater hat man keine Chance. Man mag ihn bekämpfen und wird so ähnlich. Man braucht Leute, die einem da raushelfen.

Die Rhetorik, die Sie in „Männerphantasien“ analysieren, findet man heute bei der neuen Rechten und bei AfD-Politikern wieder: die Gleichsetzung von Körpergrenzen und Landesgrenzen. Die Rede von „Schleim“, „Brei“, „Schlamm“, „linksgrünversifft“. Sie sprechen im Buch nicht von Nationalsozialismus, sondern von Faschismus ...

Klaus Theweleit: Nur manchmal von „Faschismus“. In „Männerphantasien“ sage ich meist „soldatischer Mann“, um es nicht auf die Nazis zu begrenzen.

Würden Sie die AfD-Politiker auch „Faschisten“ nennen?

Klaus Theweleit: Etliche von ihnen, ja. Eine „faschistische Partei“ wollen sie offiziell ja nicht sein. Aber egal. Für mich beginnt Faschismus beziehungsweise Rechtsradikalismus da, wo das „Eliminatorische“ ins Zentrum rückt. Wenn es heißt: „Diese Leute da müssen weg.“ Flüchtlinge zum Beispiel, nicht nur die an der Grenze, sondern diejenigen, die schon hier sind. So wie die Deutschen in den dreißiger Jahren in großer Mehrheit sagten, die Juden sollten weg.

Sie sagen, Faschismus sei eine Form gezielter Kriminalität.

Klaus Theweleit: Das sind im Grunde Mordaufrufe. Was heißt das denn, die sollen weg, wenn sie nicht freiwillig gehen? Dann muss man sie beseitigen.

Sie haben einmal gesagt, „Männerphantasien“ sei ein Buch für Frauen und Männer ausschließlich über Männer. Was machen Sie mit den exponierten rechten Frauen?

Klaus Theweleit: Im Buch „Männerphantasien“ gar nichts. Das Buch macht Schluss mit dem literarischen Gestus „Männer schreiben über Frauen“. Seit wir in der westlichen europäischen parlamentarischen Zivilisation Margaret Thatcher an der Spitze hatten, die sich nicht als Frau verstanden wissen wollte, sondern als Prime Minister, die Macht ausübt und ein Kriegskommando übernimmt, ist es allerdings möglich zu sagen: Hat mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun. Da setzt sich die Macht männlicher Institutionen durch. Bei einem Parteivorsitz auch. Wenn man da reinkommt, als Frau, wird man von den Gesetzen dieser Institutionen beherrscht. In männlichen Institutionen eine weibliche Politik zu entwickeln, ist fast nicht möglich.

Gibt es Orte, an denen das gelingt?

Klaus Theweleit: Ich denke schon. Etwa in wissenschaftlichen Instituten. Vieles geht überhaupt nicht ohne Frauen. Den beschworenen Backlash, eine rückläufige Tendenz des Feminismus, sehe ich eher als Gespenst. Die Chef- und Chefinnen-Ebene ist allerdings nach wie vor überwiegend männlich okkupiert.

Wenn jetzt eine neue Generation „Männerphantasien“ liest, was ist Ihre Hoffnung? Lässt sich das Buch auch heute als Schlüssel für die Gegenwart begreifen?

Klaus Theweleit: Eine Reihe von Gewaltphänomenen ist universal; insbesondere eine bestimmte Sorte der Lust am Töten. Ich denke, dass durch den Terrorismus der letzten Jahre Verbindungen sichtbar werden können – von den Leuten, die ich beschreibe hin zu heutigen Mörder-Männern. Frauen findet man unter terroristischen Attentätern so gut wie keine.

...


Aus: "Klaus Theweleit im Gespräch: Der Feminist" Klaus Theweleit im Gespräch mit Julia Encke (25.09.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/klaus-theweleit-im-gespraech-ueber-werk-und-leben-16396720.html

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Klaus Theweleit
« Reply #6 on: September 25, 2019, 04:59:35 PM »
"Das Rechtsradikale fängt da an, wo es einen Mordgedanken gibt" - Wissenschaftler über mordende Nazis: „Der Kern ihrer Aktion ist Angst“ Matthias Lohr (17.09.2019)
Warum werden aus Nazis Mörder? Und warum gehen viele von ihnen in die Muckibude? Wissenschaftler Klaus Theweleit erklärt die Persönlichkeit von Rechtsterroristen - und was die AfD damit zu tun hat. ...
Quelle: https://www.hna.de/kassel/wissenschaftler-klaus-theweleit-ueber-stephan-ernst-und-andere-nazis-13009243.html

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Klaus Theweleit
« Reply #7 on: November 14, 2019, 12:19:01 PM »
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[...] Liane von Billerbeck: Nach mehr als 40 Jahren werden jetzt Klaus Theweleits „Männerphantasien“ neu aufgelegt. Das zweibändige Buch, 1.200 Seiten dick, in den Jahren 1977/78 erschienen, war ein Versuch, einen Männertyp zu beschreiben, der den Faschismus ermöglicht hat. Klaus Theweleits Buch, das Rudolf Augstein damals im „Spiegel“ die „vielleicht aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“ genannt hat, sollte ja eigentlich eine Dissertation werden, aber in der Hochzeit der Berufsverbote war eine Uni-Stelle für den einstigen SDS-Mann Theweleit ohnehin aussichtslos – wozu also eine Dissertation. Also wurde es ein Buch, ein dickes Buch. Und das gibt es jetzt als Neuauflage bei Matthes & Seitz, mit einem Nachwort von Klaus Theweleit, das allein schon wieder ein neues Buch ist. Herr Theweleit, als Sie das Buch für die Neuauflage in die Hand genommen haben, waren Sie überrascht, wie aktuell es noch ist?

Theweleit: Nein, überhaupt nicht überrascht, denn ich hab ja nicht nicht zugesehen die ganze Zeit, was passiert ist seitdem. Bestimmte Formen von männlicher Gewalt sind ja nicht verschwunden, die sind in unserer Gesellschaft zwar gemildert gegenüber den Situationen 1919/1920, die ich beschreibe, und auch gegenüber den 30er-, 40er-Jahren, aber weltweit hat Gewalt an vielen Stellen eher zugenommen, auch gerade eine bestimmte Sorte männlicher Gewalt. Leider ist das Buch kein bisschen weniger aktuell, als es damals war.

von Billerbeck: Es geht ja ursprünglich um die Freikorps, die Freikorps-Literatur nach dem Ersten Weltkrieg und was sie über die Entstehung des deutschen Faschismus aussagt. Welche Parallelen sehen Sie denn nun zwischen diesen 20er-Jahren von Weimar und heute, und welche Unterschiede gibt es da?

Theweleit: Im Gewaltverhalten gibt es jede Menge Unterschiede. Ich würde eher betonen wollen die Unterschiede in der Sicht auf das, was so mit einem groben Wort Faschismus heißt. Eine der Erkenntnisse des Buches ist ja nicht – das wiederhole ich und betone ich im neuen Nachwort besonders –, dass Faschismus so ein Konglomerat von Ideen ist, die bestimmte Männer haben, sondern dass das Körperzustände sind: Leute mit Körperzuständen, die angsterfüllt sind – Angst ist auch immer Angst vor dem eigenen Inneren, die Angst vor dem Fremden, Angst vor dem Fremden in einem selber. Das projiziert man nach außen und versucht das Außen zu bekämpfen, weil man selber damit nicht klarkommt.
Der Kern des sogenannten Faschistischen ist Angst vor Körperauflösung – ob man nun ökonomisch bedroht ist, durch die Umgebung bedroht, aber man ist erst mal ein eigener unfertiger Körper, Fragmentkörper nenne ich das, ein Begriff aus der Kinderpsychoanalyse. Und dieser Fragmentkörper versucht seine Probleme, mit denen er psychisch integrativ nicht umgehen kann, durch Gewalt zu lösen. Das ist ein Phänomen, das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten, in verschiedenen Formen, also die Übergänge zwischen den einzelnen Männlichkeiten sind fließend. Man kann nicht sagen, da ist der Faschist und hier bin ich selber, dem gegenüber, sondern das Buch will ein Bewusstsein für die eigenen Gewaltformen wecken, und das ist ein Ruf an das Verhalten im Alltag.

von Billerbeck: Ein verkrampftes Verhältnis zur Sexualität und auch ein sehr eingeschränktes Frauenbild, das also Frauen immer in verschiedene Kategorien einteilt. Damals und heute, wenn wir sehen, da gibt es immer die Angst vor dem „Genderwahn“ – sind das zwei Seiten derselben Medaille oder greift das als Erklärungsmuster zu kurz?

Theweleit: Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Dieser Körper, den ich Fragmentkörper nenne, hält zum Beispiel Gleichheit nicht aus – ob das Gleichheit mit Frauen ist, Gleichheit mit Kindern. Diese ganze Abwehr des Demokratischen, die wir in der neuen Rechten sehen, das ist dieser Punkt, dass Gleichheit nicht akzeptiert wird. Dieser Typ will die Gesellschaft hierarchisch organisiert haben, mit klar oben und klar unten und der eigenen Position da drin. Und oben in diesem Konstrukt sind für diesen Typ Männer, ist eine bestimmte Männlichkeit.

Diese Menschen nennen das ja auch natürlich, ihr Gewaltverhalten, sie stellen das natürliche Verhältnis wieder her, sagen sie, dass der Mann oben ist. Das ist eine Umsetzung dieser Angst, mit der sie nicht umgehen können, in gesellschaftlich gewalttätige Ordnung. Jeder, der das hört, weiß, das ist ein Dauerproblem im Alltag. Ob das im Betrieb so ist, wo Frauenrechte nicht anerkannt werden und Frauen schlechter bezahlt werden. Im Journalismus sind Frauen zwar einigermaßen präsent, aber in vielen anderen Berufen müssen sie Arbeiten machen, die keiner machen will, in Kindertagesstätten et cetera. Man kann nur ständig daran arbeiten, die Aufmerksamkeit dafür zu erhöhen, und darin liegt auch die Aktualität des Buches.

von Billerbeck: Nun heißt das Buch ja „Männerphantasien“, wir wissen aber auch, es gibt auch rechte und gewalttätige Frauen. Was ist mit denen?

Theweleit: Es gibt so gut wie keine gewalttätigen Frauen auf der Ebene dieser männlichen Gewalt, die im Kern ja auch von Körperzerstörung ausgeht. Fremde sollen weg – das sind Todesdrohungen. Und die Übergriffe, die wir sehen, stellen blutige Masse, blutigen Matsch, wie ich das nenne, her aus diesen Körpern, und diese Form von weiblicher Gewalt findet man auf der Welt so gut wie nirgendwo. Die Gewalt, die Frauen ausüben, läuft ganz anders.

von Billerbeck: Wenn man sich die Wirkungsgeschichte Ihres Buches anguckt, das vor rund 40 Jahren erschienen ist, war es in Ihren Augen tatsächlich so was wie der Auftakt zur Männerforschung und zur Gewaltforschung in Deutschland?

Theweleit: Ein Auftakt zur Gewaltforschung war das auf jeden Fall, weil der Faschismus wurde bis Ende der 1960er fast nur als Ideologie behandelt und als falsches und dummes Denken. Wir lernten in der Schule, uns über Leute wie Hitler lustig zu machen, weil die so viel Unsinn redeten. Wenn man sich die Reden anhörte, war das auch nicht schwer, dieses Geschrei, dieses Gebell lächerlich zu finden.

Aber ich habe versucht, genau mich davon zu lösen und zu kapieren, warum bei diesen Leuten eine Art Zwang zu Gewalt vorliegt, und dann kommt man auf Körperzustände. Und wenn man von Körpern redet, ist man immer selber mit involviert, und man kommt dann darauf, dass man auch sogenannte Faschisten – soldatischen Mann, sage ich – nicht dazu bringt, von Gewalt zu lassen, indem man bessere Argumente hat, sondern nur durch Beziehungen, gesellschaftlich freundlichere Beziehungen.

Das fängt an bei der Behandlung der Kinder – nur diese löst Gewalt in den Körpern auf. Man braucht Zutrauen zu anderen, Vertrauen, und das geht nur über Beziehungen, also Arbeit in Vereinen, in Schulen, überall, wo man sich aufhält, kann man Gewalt bearbeiten. Und es geht immer um den Körper. Der Körper ist das Schlachtfeld.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Aus: "Klaus Theweleit über „Männerphantasien“ - Die Angst vor der Körperauflösung" Klaus Theweleit im Gespräch mit Liane von Billerbeck (Interview | Beitrag vom 01.11.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/klaus-theweleit-ueber-maennerphantasien-die-angst-vor-der.1008.de.html?dram:article_id=462394

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[Eine Art und Weise die Realität herzustellen... ]
« Reply #8 on: November 14, 2019, 01:22:41 PM »
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[...] Thomas Gesterkamp ... "Männerphantasien, das sind Vorstellungen von dem, was Männer nicht wissen durften: Körperwünsche, Energien und Sehnsüchte wurden unterdrückt und abgetötet, um wieder geboren zu werden im Kampf für Größe und Vaterland", heißt es im Buch. Was war Ihr Forschungsansatz?

Theweleit: Es gab eine Menge Arbeiten zum deutschen Faschismus, die ideologiekritisch ausgerichtet waren. Sie wollten den Nationalsozialisten und ihren Vorläufern in erster Linie so etwas wie fundamentale Dummheit beweisen. "Blut und Boden"-Zeugs lächerlich zu machen, ist allerdings sehr einfach. Es führt jedoch keineswegs zu irgendwelchen Einsichten dazu, wie diese "blöden Nazis mit ihrem Oberdummkopf Hitler" es denn geschafft hatten, so viel Macht und Attraktion zu entwickeln, dass sie beinahe ganz Europa militärisch-terroristisch in die Tasche steckten. Ich wollte dagegen ein Buch schreiben, in dem man über tatsächliche Nazis tatsächlich etwas erfährt. Das geht nur, indem man erstmal zur Kenntnis nimmt, was sie überhaupt sagten beziehungsweise sagen. Das Verfahren, das ich dabei anwandte, wurde später unter dem Terminus "Close Reading" bekannt: genau hinsehen, genau hineinhören ins "Material", genau recherchieren und nicht zu allem sofort eine Meinung haben. Mit Meinungen entdeckt man nichts.

Thomas Gesterkamp: Sie haben mit dem Thema promoviert, Spiegel-Chef Rudolf Augstein lobte Ihr Buch damals in einer seitenlangen Besprechung. Sie galten aber auch als eigenwilliger Geist, mit Strahlkraft vor allem in die Kulturwissenschaften. Eine Hochschulkarriere ergab sich aus der Doktorarbeit zunächst nicht. Die Universität Freiburg wollte Sie wegen Ihrer "ungezügelten Intelligenz" nicht mal ein Proseminar abhalten lassen. Warum gab es diese Widerstände? Wegen des "lässigen" und "unakademischen" Stils, wie Sie in dem aktuellen Nachwort schreiben?

Theweleit: "Ungezügelte Intelligenz", da steckt ja auch eine Art Bewunderung darin. "Man" (und es waren in der Tat Professoren-Männer) wollte mich am Deutschen Seminar der Uni Freiburg nicht, weil diese mich zu gut kannten und fürchteten: als Aktivisten des Freiburger SDS, der sie oft genug in ihren Lehrveranstaltungen attackiert und auch bloßgestellt hatte. Und der sollte nun unter die Kollegenschaft? Bewahre! Ich habe das sogar verstanden.

Thomas Gesterkamp:1998 wurden sie dann schließlich doch noch Professor, an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Was hatte sich geändert?

Theweleit: Erstens waren das andere Menschen, eben Künstler – was Philologen in der Regel nicht sind. Zweitens hatte ich denen nichts getan. Im Gegenteil, meine folgenden Bücher, Buch der Könige 1, 2x+2y hatten sich mit Produktionsweisen der Kunstherstellung befasst. Besonders mit dem Umstand, wie eine bestimmte Sorte Künstler, die ich unter "Orpheische Produktion" zusammenfasste, die Körperlichkeit ihrer Frauen in ihre Werke "einarbeitet". Und dies nicht nur am Beispiel literarischer,sondern auch "bildender" oder musischer Künstler: Andy Warhol, Elvis Presley. Das hatten Leute aus der Karlsruher Akademie gelesen, fanden es interessant und fragten, ob ich Interesse an einer Professur bei ihnen hätte. Aus der Vertretung, die ich zunächst zusagte, wurde dann eine feste Stelle. Ein weiterer Grund für mich war der Kontakt zu den Kunststudenten. Ich lerne immer gern von Jüngeren.

Thomas Gesterkamp: Wie andere frühe Männerautoren waren Sie stark von der Psychoanalyse geprägt. Im Kern stützen sich die "Männerphantasien" auf persönliche Dokumente der Freikorps: deutsche Soldaten, die 1918 enttäuscht aus dem Krieg zurückkamen und später eine verlässliche Stütze der Nationalsozialisten bildeten. Auf insgesamt 1150 Seiten legen Briefe, Biografien und literarische Spuren die sexuell aufgeladenen, gewalttätigen Phantasien dieser Männer offen.

Theweleit: Psychoanalyse, das muss man präzisieren. Mit den Freudschen Begriffen wie Ich, Es und Über-Ich kommt man bei diesen Männern nicht weit. Sie funktionieren anders. Einen Zugang zu ihren Gefühlen, die sie selber breit darlegen in ihren Schriften, bekam ich über Weiterentwicklungen der Forschung, die in der Psychoanalyse von Kleinkindern und Adoleszenten gemacht wurden – überwiegend von Frauen, von Melanie Klein, Margaret Mahler und anderen. Dort erscheint der Begriff des "Fragmentkörpers"; psychische Mechanismen wie "Entdifferenzierung" und "Entlebendigung" tauchen auf und der Terminus "Erhaltungsmechanismen" für eigene Gewaltaktionen. Im Innern der meisten Gewalttäter herrschen diffuse Ängste. Mit diesen Termini kam ich in Berührung über meine Frau, die seit 1970 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Freiburg als klinische Psychologin angestellt war. Ich stellte erstaunt fest, dass viele dieser neuen Begriffe die "zerstörte Körperlichkeit" der Figur, die ich dann den "soldatischen Mann" nannte, sehr viel genauer verständlich und damit beschreibbar machten als alles, was aus traditioneller Psychoanalyse und aus der Politikwissenschaft gekommen war.

Thomas Gesterkamp: Für die Neuauflage wurden weitere 120 Seiten ergänzt, mit einem ausführlichen Nachwort von Ihnen. Welche Aktualität haben Ihre Erkenntnisse?

Theweleit: 2015 gab es ja schon eine Art Erweiterungsband der Männerphantasien: Das Lachen der Täter, wo ich auf Anders Breivik eingehe, auf mordende Soldaten und Kindersoldaten in Zentralafrika, auf den Massenmord an angeblichen Kommunisten in Indonesien Mitte der 1960er Jahre, auf die deutsche SS, auf Gewalttäter des sogenannten"Islamischen Staates" und auf viele weitere. Solche fortlaufende Aktualität bestimmter männlicher Gewalthandlungen weltweit stützte die Erkenntnisse von Männerphantasien. Das neue Nachwort jetzt bezieht jüngste Fälle mit ein, vom Attentäter im Münchner Einkaufszentrum über die amerikanischen Altright-Killer bis zum neuseeländischen Massenmörder Terrent. Der Mörder von Halle, der vorhatte, in der Synagoge dort ein Massaker anzurichten, ist noch nicht drin. An Aktualität ist leider kein Mangel.

Thomas Gesterkamp: Sie diagnostizieren eine Unfähigkeit zu menschlichen Beziehungen, ein aggressionsgeladenes "Inneres" und einen durch militärischen Drill ausgeformten "Körperpanzer". Ist Männlichkeit per se gefährlich, destruktiv oder gar "toxisch", wie aus feministischer Perspektive neuerdings behauptet wird?

Theweleit: Bestimmte Sorten "Männlichkeit" sind per se gefährlich. Diese Gefährlichkeit wird aber erworben; Körper werden zugerichtet, werden übel zugerichtet und werden, wenn sie keine mildernde Hilfe erfahren: lebende Bomben, aufs Töten ausgerichtet, das als lustvoll erlebt wird. "Toxisch" klingt demgegenüber so, als wäre dies eine Eigenschaft, die Männerkörper von Geburt an mitbringen. "Toxisch" ist ein Kampfbegriff, vergleichbar der Formel "kulturmarxistisch-feministisch verseucht" oder "versifft", den Anders Breivik und andere für Sozialdemokratinnen, Grüne oder Linke verwenden.

Thomas Gesterkamp: Frauen gehören im Denken der Männer, die Sie beschreiben, prinzipiell "nach unten", werden abgewertet oder gar gehasst. Die Forderung nach politischer "Gleichstellung" der Geschlechter kann in diesem Weltbild nur verstören und irritieren. Ist Antifeminismus stets klar dem rechten Spektrum zuzuordnen?

Theweleit: Der Typus, den ich beschreibe – und zwar aus seinen eigenen Äußerungen heraus beschreibe – erträgt alle Verhältnisse um ihn herum nur, wenn sie hierarchisch angeordnet sind. Darin gehören Frauen notwendig "nach unten"; zumindest weiter nach unten, als er selbst sich einordnet. Der Gedanke, dass es fundamentale Gleichheit geben könnte unter Menschen, bedroht ihn körperlich; "bringt ihn um". Und so muss er sich wehren. Nazis handeln immer aus notwendiger "Gegenwehr". Was sie bedroht, muss getötet werden; die Welt muss so angeordnet sein, dass alle wissen, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist: unter ihnen. Das nennen sie die "natürliche Ordnung" der Dinge. Diese Haltung kann auch in anderen als dem rechten Spektrum gefunden werden. Dort aber ist sie ein Strukturmerkmal, das nie fehlt.

Thomas Gesterkamp: Weit mehr Männer als Frauen wählen die AfD, auch in der Neonazi-Szene sind sie überdurchschnittlich vertreten. Sind rechte Bewegungen ein Männerphänomen?

Theweleit: "Rechte Bewegungen" differenziert nicht genug. Es gibt viele Frauen überall auf der Welt, die eher zur politischen Rechten neigen: Sie bezeichnen sich als "konservativ", wählen rechte Parteien und organisieren sich in Tea Parties oder Ähnlichem. Es gibt Untersuchungen unter streng muslimischen Frauen, die belegen, dass Etliche von ihnen der familiären, sexuellen und rechtlichen Unterordnung, die sie in ihren manndominierten Gesellschaften erfahren, im Prinzip zustimmen. Doch sie sind damit noch keine "rechte Bewegung", sind nicht notwendig gewalttätig. Rechte Bewegungen, die man so nennen kann, gehen immer auf Auslöschung des Gegners aus. Der wirkliche Rechtsextremismus beginnt für mich da, wo der Tötungswille das Handeln oder Reden bestimmt. Das ist der Point of no return. Wie dieser Tötungswille jeweils begründet wird, ist ziemlich egal: Breivik mordet als "Christ", die IS-Leute für "Allah", die Nazis im Auftrag "höherer Rasse", die Altrights, um dem "Genozid an den Weißen" vorzubeugen und so weiter. Begründungen sind beliebig aus dem Hut zu zaubern, sind aufklebbare Ideologien. Faschismus ist aber keine Ideologie, Faschismus ist eine Art und Weise, die Realität herzustellen. Eine zerstörerische Art, die man argumentierend nicht widerlegen kann.

Thomas Gesterkamp: Ein wichtiger Impuls für Ihre Arbeit war die in den 1970er Jahren noch nicht sehr weit reichende Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Die Rolle der Wehrmacht, der "ganz normalen Soldaten", wurde kaum diskutiert. Sind die Psychogramme der deutschen Freikorps übertragbar auf das Militär allgemein? Hatten zum Beispiel auch die Angehörigen des amerikanischen Militärs oder der Roten Armee "Männerphantasien"?

Theweleit: Etliche von ihnen, ja, sicher. Im Falle der US-Marines hat Stanley Kubrick das gezeigt mit dem Film "Full Metal Jacket". Dessen erster Teil ist wie eine Verfilmung von Männerphantasien.


Aus: "Gewalt und Männlichkeit" Thomas Gesterkamp (13.11.2019)
Quelle: https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/450/gewalt-und-maennlichkeit-6312.html