Author Topic: Jeremy Bernard Corbyn ...  (Read 12833 times)

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Jeremy Bernard Corbyn ...
« on: September 15, 2015, 12:16:35 PM »
Jeremy Bernard Corbyn (* 26. Mai 1949 in Chippenham, Wiltshire) ist ein britischer Politiker der Labour Party ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Jeremy_Corbyn

Eigentlich müsste das Establishment der britischen Labour-Partei sich glücklich schätzen. In den letzten Tagen vor Registrierungsschluss für die Wahl zum neuen Vorsitzenden haben sich 160 000 Menschen neu in die Listen eingetragen, sodass nun 610 000 Wahlberechtigte mit darüber abstimmen können, wer die Geschicke der Partei künftig lenken soll. Viele dieser neuen Unterstützer sind junge Wähler. Das Interesse an der Partei ist so groß wie lange nicht mehr, zu den Wahlveranstaltungen kommen zum Teil Tausende Zuhörer. Doch das Labour-Establishment ist nicht glücklich.
Das liegt daran, dass das neue Interesse vor allem dem 66 Jahre alten Jeremy Corbyn gilt, der beste Aussichten hat, neuer Parteichef zu werden. Corbyn zählt zum ganz linken Labour-Flügel, er ist beliebt bei den Gewerkschaften und der Basis, bei den Parteigranden jedoch gefürchtet. Allein in den vergangenen zehn Jahren widersetzte er sich als Abgeordneter fast 300 Mal dem Fraktionszwang und stimmte gegen die verordnete Parteilinie. ...

Aus: "Jeremy Corbyn - Außenseiter mit Strahlkraft" Christian Zaschke, London (18. August 2015)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/grossbritannien-die-strahlkraft-des-aussenseiters-1.2610407

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"Labour leadership: Jeremy Corbyn elected with huge mandate" (Saturday 12 September 2015 13.27 BST)
Jeremy Corbyn has been elected leader of the British Labour party, in a stunning first-round victory that dwarfed even the mandate for Tony Blair in 1994. ... Corbyn’s victory is all the more remarkable because he started as the rank outsider, behind rivals Burnham, Cooper and Kendall, and only scraped on to the ballot paper when about 15 Labour MPs lent him their votes in order to widen the debate. ... In the campaign, he promised to give Labour members a much greater say in the party’s policymaking process, in a move that could sideline MPs. His key proposals include renationalisation of the railways, apologising for Labour’s role in the Iraq war, quantitative easing to fund infrastructure, opposing austerity, controlling rents and creating a national education service. He is also likely to prove an obstacle to David Cameron’s ambition to launch airstrikes on Syria, although some Labour MPs could defy the whip to vote with the government. ...
http://www.theguardian.com/politics/2015/sep/12/jeremy-corbyn-wins-labour-party-leadership-election


... Holland, der heute als Professor in Portugal lehrt, war Abgeordneter und Minister im Schattenkabinett, als Corbyn zum ersten Mal ins Unterhaus gewählt wurde. „Er hatte diese wahnsinnige Integrität“, sagt Holland am Telefon. Im Jahr 1984 wurden beide festgenommen, als sie vor der südafrikanischen Botschaft in London gegen Apartheid protestierten.
Corbyn, behauptet Holland, habe nie irgendwen um irgendeine Erlaubnis gefragt.  ... In vielen seiner Überzeugungen hat Jeremy Corbyn die Geschichte recht gegeben. Pinochet wurde im Jahr 1998 in London verhaftet, Sinn Fein ist heute anerkannt in Irland, und die Kriege der Blair-Ära werden von den meisten Briten als unrechtmäßig empfunden. Jeremy Corbyn, so könnte man zusammenfassen, hat die richtigen Ideen – zur falschen Zeit.
Nun will er also im Jahr 2015 eine sozialistischere Gesellschaft und reist dafür durch Großbritannien.
Wer wissen will, warum er gerade jetzt so viel Erfolg damit hat, muss eine seiner vielen Veranstaltungen besuchen.
Vor dem Theater in Chelmsford warten sie schon lange auf Jeremy Corbyn. Bis um die nächste Ecke stehen die Menschen Schlange. Alte Pärchen neben Gruppen von Jugendlichen, Eltern schieben ihre Babys in Kinderwagen vor sich her. Ein älterer Mann schreitet die Reihen der Wartenden ab. Er hat einen Stapel Zeitschriften in der Hand. „Labour Briefing, nur ein Pfund!“, ruft er, und immer wieder: „Für Jeremy!“
Der Aktivist sagt, er sei 1969 der Partei beigetreten, weil er wirklichen Sozialismus wollte. Ausgetreten ist er nie, auch nicht, als Tony Blair die Partei führte. Wie immerzu mit dem Kopf gegen die Ziegelmauer, so habe es sich oft angefühlt, während der Zeiten von New Labour, trotz Regierungsbeteiligung, erzählt er. Seit Corbyns Kandidatur fällt ihm die Parteimitgliedschaft wieder leicht: „Darauf habe ich mein ganzes Leben gewartet.“ ...

Aus: "Radikaler Star der Labour-Partei - Jeremy Corbyn: Alter Spalter" Johannes Laubmeier (08.09.2015)
http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/radikaler-star-der-labour-partei-jeremy-corbyn-alter-spalter/12294392.html

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    comfreak,  12.09.2015 18:28 Uhr

Jeremy Corbyn, so könnte man zusammenfassen, hat die richtigen Ideen – zur falschen Zeit.

Zur falschen Zeit? - Zur richtigen Zeit!

Es war mal so, da hatte man mit dem neoliberal-Konservativem und dem Sozialdemokratisch-Progressiven mind. 2 Alternativen in der Politik.
Seit Schröder/Blair/Hollande alle versuchen die Neoliberalen auf eigenem Terrrain zu schlagen, wundert sich die Sozialdemokratie, dass sie ein Auswärtsspiel nach dem anderen verlieren. Dadurch ist die Alternative verloren gegangen und der Neoliberalismus der Babyboomer-Generation hat sich durchgesetzt.

Es wird höchste Zeit, dass diese Alternative wiederbelebt wird. Es darf eben nicht sein, dass in der Politik "Alternativlosigkeit" herrscht. Gibt es keinen Streit um den richtigen Weg, den eine Gesellschaft gehen will, gewinnt immer der Stärkere (=Reichere).

Noch ein Gedanke zur Wortwahl "radikal". Wer Corbyn ernsthaft radikal nennt, hat wohl offenbar den neoliberalen Traum der Babyboomer-Generation völlig geschluckt und sich der Alternativlosigkeitspolitik hingegeben. Corbyn ist nicht radikaler links als ein Herr Gysi oder Ströbele. Diese Vergleiche sind m.E. besonders angebracht, weil auch diese Köpfe seit Jahren durch ihre Integrität punkten und nicht durch polit. Opportunismus. In dieser Hinsicht ist es eine gute Entwicklung für die Demokratie, dass wieder jemand eine Partei führt, der durch Integrität dahin gekommen ist, wo er steht und nicht durch sein Fähnlein nach dem Wind zu hängen, wie es die Merkels, Gabriels etc gewohnt sind.


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    narrow, 10.09.2015 16:25 Uhr

Lange überlegt warum bzw. womit Corby sich diesen Ehrentitel, hingemeißelt in fetten Lettern

    Alter Spalter

verdient haben könnte – dann fand ich die Erklärung in der letzten Spalte:

    Corbyn sprach sich öffentlich gegen Augusto Pinochet aus, als dieser noch die Unterstützung Großbritanniens genoss. Er lud Vertreter der irisch-republikanischen Partei Sinn Fein zu Gesprächen ins Unterhaus ein. 2001 stimmte er gegen den Krieg in Afghanistan und 2003 gegen den im Irak, seiner eigenen Parteilinie zum Trotz. Zu Zeiten der Blair-Regierung brach er 238 Mal die Parteidisziplin, stimmte im Parlament gegen die eigene Regierung.

Gegen den von den USA protegierten Schlächter Pinochet, welcher ja Anerkennung bis in die deutsche Christdemokratie hinein – „…der Aufenthalt im Stadion…“ – genoss, gestimmt zu haben, war dann doch zu ville in einer sich im Niedergang befindlichen „Labour“ Party, welche sich den wohl endgültigen Bankrott mit dem Blair-Schröder-Papier gab: die SPD lässt grüßen.


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In Deutschland avancierte unter Gerhard Schröder die "Neue Mitte" zur  zentralen, ja alleinigen Bezugsgröße sozialdemokratischer Politik. Die "Neue Mitte", das waren nicht die Kassiererinnen, Installateure und Lageristen. Erreichen wolle man die "Angestellten oder Selbstständigen mit qualifizierten Bildungsabschlüssen in den Kernbereichen der neuen Ökonomie", in "verantwortungsvollen Positionen", so formulierte es Matthias Machnig, einer der programmatischen Köpfe jener Jahre. Die strategische Fokussierung auf die Gut- und Besserverdienenden, die Leistungsträger und Wohlsituierten markierte auch die Abkehr von den traditionellen Wählermilieus. Die sozialstrukturellen Ränder der Gesellschaft rückten aus dem Blickfeld sozialdemokratischer Politik.

 Man könnte nun einwenden, dass dieser programmatische Schwenk nur eine folgerichtige Konsequenz aus gesellschaftlichen Veränderungsprozessen war. In den modernen Wissensgesellschaften existiert kein Industrieproletariat, keine klassenbewusste Arbeiterschaft, an die sich linke Politik richten könne. Doch hat die postindustrielle Individualisierung keinesfalls dazu geführt, dass sich die Ränder der Gesellschaft "nivellieren", wie es der Soziologe Helmut Schelsky in den fünfziger Jahren diagnostizierte.

Vielmehr entstand ein neues Dienstleistungsproletariat: Callcentermitarbeiter, Gebäudereiniger oder Pflegekräfte, die in Vollzeit arbeiten, aber kaum genug zum Leben verdienen. Ihr Anteil belaufe sich in Deutschland, so der Soziologe Heinz Bude, auf zwölf bis 14 Prozent der gesamten Beschäftigten. In diesem neuen Proletariat gäbe es kaum Aufstiegshoffnungen. Von der Politik seien sie enttäuscht und hätten die Hoffnung auf Veränderung aufgegeben. In Deutschland, aber auch in anderen europäischen Staaten manifestierte sich dieser Abkopplungsprozess in einer rasant sinkenden Wahlbeteiligung. In den sozialen Brennpunkten und Hochhaussiedlungen geht vielerorts kaum mehr die Hälfte der Bürger zu den Wahlen.

Jeremy Corbyn, und dies ist das Interessante an seiner Wahl, ist es gelungen, dieses Milieu der Abgehängten, der Verlierer und Underdogs durch seinen populistischen Bruch mit dem Post-Thatcher-Konsens zu mobilisieren. Sein Erfolg wurde, wie der Guardian schreibt, getragen von einer "Graswurzelbewegung" der "Armen und Schlechtbezahlten". Corbyn werde gewählt von jenen, die 50 Stunden arbeiten, aber trotzdem ihre Miete nicht bezahlen können, konstatiert der Independent. 

 Die britische Sozialdemokratie wird sich gezwungen sehen, das Verhältnis zur eigenen Wählerschaft neu zu verhandeln, die Frage zu beantworten, wen sozialdemokratische Politik adressieren soll und ob die populistische Zuspitzung ein probates Mittel sein kann. Auch der radikale Corbyn wird dabei Kompromisse eingehen müssen. Für ihn wird es darauf ankommen, ein tragfähiges Narrativ zu entwickeln, das bei den Abgehängten, aber auch in mittleren Milieus verfangen kann. Denn auch jenseits des neuen Proletariats ist man mit Modernisierungs- und Beschleunigungsprozessen überfordert und blickt skeptisch auf Ausgabenkürzung und Entstaatlichung. 

Unter den europäischen Sozialdemokraten, die in weiten Teilen mehr taumelnd als gestalterisch wirken, wird die Entwicklung in Großbritannien aufmerksam verfolgt. ...

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staasdieter
#1  —  vor 15 Stunden 1

Die verlorenen Ränder ...
werden nach und nach zum Mainstream, zu einer neuen Mitte, weil sie wachsen und wachsen. Der Neoleberalismus kennt nämlich keine Mitte; er braucht auch keine. Er reduziert sie wie, schon die Unterschichten, auf eine Ressource, einen Produktionsfaktor. Und wenn er diesen zum halben Lohn und ohne soziale Absicherung bekommen kann, dann werden eben große Teile der Mittelschicht durchgereicht, dorthin, wo sich jetzt schon die unteren Schichten, die Ränder der Gesellschaft, drängen. Möglicherweise hat man in GB schon erkannt, dass der Neoliberalismus keine Wohlfahrtsökonomie ist, jedenfalls keine für die oberen Zweidrittel, sondern bestenfalls für die oberen 10-20%.


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mehrmut
#2  —  vor 15 Stunden 3

Corbyn ist Labours Linksaußen, er will die Infrastruktur verstaatlichen, die Studiengebühren abschaffen und die europäische Sparpolitik bekämpfen.

Damit ist man heutzutage linksaußen in einer linksgerichteten Partei? Ein Beweis dafür, wie irrsinnig die politische Diskussion geworden ist. Dieser Artikel ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr “out of touch” die Eliten und die etablierten Medien sind.

Jeremy Corbyn [...] ist es gelungen, dieses Milieu der Abgehängten, der Verlierer und Underdogs durch seinen populistischen Bruch mit dem Post-Thatcher-Konsens zu mobilisieren.

Das ist reichlich überheblich. Als wären da nur ein paar Leute, die mit der modernen Welt nicht klarkommen, weil sie sich nicht genügend anstrengen, und als käme jetzt ein übler Demagoge, der die kluge und überaus erfolgreiche Politik des Rückzugs des Staates und der Umverteilung von unten nach oben nicht verstehen will.

Weiter weg von der Realität kann man eigentlich nicht sein.

Wie schon in den neunziger Jahren könnte das Vereinigte Königreich rund 20 Jahre später zu einem Laboratorium für eine Neuerfindung der Sozialdemokratie werden.

Blair hat nichts neu erfunden, sondern Altes einfach aufgegeben und viele Anhänger entfremdet. Corbyn holt sie zurück: “I say to those returning to the party who were in it before and felt disillusioned and went away, welcome back. Welcome back to your party, welcome home.”


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PeterStein
#3  —  vor 13 Stunden 4

Ich kann Corbyn nur Glück und Erfolg wünschen!
Die "Mitte" von der Schröder, Müntefering, Steinbrück, Gabriel und Co. schwafeln wird immer mehr zerrieben durch die zunehmende Spaltung der westlichen Gesellschaften in Reich/Arm Oben/Unten.
Die größte Teil der "Mittelschicht" wird (das zeigen viele Untersuchungen) nach unten gedrückt. Der Abstand zwischen z.B. Managern und dem Durchschnittsverdienst in ihren Firmen wächst gewaltig. Deshalb wäre eine Steigerung z.B. des Spitzensteuersatzes auf das Niveau der Adenauer- oder Kohl-Zeit (deutlich über 50%), Reduzierung der Abschreibe- und Steuersparmodelle, eine Börsensteuer, das Verbot des maschinellen Handels an der Börse und insgesamt eine Reduzierung der Kapitalblase (es gibt weltweit mehr Finanzkapital als Güterwerte) das Gebot der Stunde.
Ihre jetzige Politik wird die SPD niemals aus dem 20%-Ghetto herausführen, da wählt man doch lieber die Partei der Teflonkanzlerin.


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Brillalein
#4  —  vor 13 Stunden

Ich denke, Corbyn ist ein Sozialdemokrat, mit dem die SPD auch hier Chancen hätte, aus dem Dämmerstadium der Rautenhandlanger heraus zu kommen. Der Mann hat in seinen 32 Jahren Arbeit als Abgeordneter für Islington durchaus gelernt, was Rückgrat bedeutet, weswegen er von den Islingtonern wieder und wieder und wieder... gewählt wurde. Wäre vielleicht auch im Artikel erwähnenswert gewesen? Der ist kein Neuschaf. Im Gegenteil. Und dieses Vertrauen hat er zurückbekommen. Hier ein hübscher und sehr treffender Artikel: http://www.newstatesman.com/politics/2015/08/what-corbyn-moment-means-left (23 August 2015 )
Auf Englisch.



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Hokan
#5  —  vor 12 Stunden

Der Analyse des Autors kann ich mich anschließen, seiner merkbaren gesellschaftspolitischen Position nicht.

Wie in vielen anderen Fällen darf man annehmen, dass der Autor für Schlagzeile und Subtitel nicht verantwortlich zeichnet. Aber dort klingt es schon an. „Neuer Held der Armen“ und „Verlierer“. Aus Sicht seiner Wähler geht es wohl kaum um Heldenverehrung. Hier geht es um Hoffnungen, die diese angesichts von Labour à la Blair verloren hatten. Die, die diese Hoffnungen mit Corbyn nun wiedergewonnen haben, kann man Verlierer nennen, stellt sich damit aber in den Dienst gängiger neoliberaler Betrachtungsweise, die strukturell Chancenlose in der wirtschaftsliberalen Gesellschaft zu individuellen Versagern macht.

Im Text geht es dann leider so weiter. In Verbindung mit Corbyn heißt es „populistisch“ und „radikal“. Und in Hinblick die an die sehr breiten Ränder solcher Gesellschaften Gedrängten spricht der Autor individualisierend von Überforderten. Aus Sicht der Betroffenen und einer weniger gängigen zeittypischen Betrachtungsweise sieht das deutlich anders aus.


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gohinein
#5.1  —  vor 2 Stunden

Zur Anregung und Beförderung der Diskussion hier lassen wir ihn doch selbst zu Wort kommen.

14. September 2015 um 17:03 Uhr
Corbyn: „Vor allem hat sich gezeigt, dass Millionen Menschen eine echte Alternative wollen …“
http://www.nachdenkseiten.de/?p=27554


 

Aus: "Jeremy Corbyn: Der neue Held der Armen" Robert Pausch (14. September 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-09/jeremy-corbyn-labour-grossbritannien

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Typisch bei der Einlassung über den „linken Spinner“ Jeremy Corbyn ist, dass sich das ZDF wie auch andere Medien bei der dort geläufigen Etikettierung auf Hörensagen, also auf andere Quellen berufen: „Er gilt nicht nur bei Konservativen als linker Spinner“. Wir kennen diese Methode der Denunziation, zuletzt eindrucksvoll praktiziert von Wolfgang Storz in seiner Querfront-„Studie“ für die Otto Brenner Stiftung. Weder werden fundierte Quellen genannt noch wird das Urteil des Etiketts begründet. In Bezug auf den neuen Vorsitzenden der Labour Party heißt es typisch: „Kritiker sprechen“ vom „weit links stehenden neuen Vorsitzenden, er komme „vom linken Rand“. Er sei ein „Parteispalter“. Er sei „rückwärtsgewandt und radikal“. – Offenbar haben Journalisten keine Zeit für eigene Recherchen oder sie wollen diese gar nicht. Deshalb diese hilfreiche Methode, angebliche Kritiker zu zitieren. Siehe dazu das verlinkte heute.de.

Im Falle Jeremy Corbyns ist das Etikett äußerst fad und unbegründet:

    Linker Spinner ist, wer die fatale Privatisierung der britischen Eisenbahn, die kein vernünftiger Mensch mehr rechtfertigt, rückgängig macht.
    Ein linker Spinner ist, wer gegen die Kriege antritt, die seit 15 Jahren die weite Region des Nahen Ostens, Mittleren Ostens und Nordafrikas destabilisiert haben und von Afghanistan bis Libyen Millionen Menschen getötet, verletzt und in die Flucht getrieben haben.
    Ein linker Spinner ist, wer die skandalös ungerechte Einkommens- und Vermögensverteilung, die in nahezu allen Ländern durchgesetzt wurde, korrigieren will.
    Ein linker Spinner ist, wer glaubt, die herrschende Armut lasse sich bekämpfen.

Corbyn tritt für eine bessere, eine gerechtere Gesellschaft ein, er will eine „decent society“, so sagt er. D.h., „decent“ übersetzt ungefähr: eine anständige Gesellschaft, weitere Bedeutungen des Wortes decent sind: vernünftig, ordentlich, korrekt, honorig, sittsam.

Wenn ein Politiker solche ganz normalen Werte des Anstandes, man könnte auch sagen im guten Sinne konservative Werte, zum Maßstab seines Handels machen will, dann jagt das den Konservativen außerhalb und in seiner Partei Angst und Schrecken ein. Sie brauchen korrupte Politiker, unanständige, unvernünftige, unkorrekte. Und auch dem ZDF wird richtig gruselig zumute, wenn einer nicht zu kaufen ist. Das ist dann ein Spinner. Ein linker Spinner.

Wer sich genauer informieren will, BBC hat am 14.8.2015 eine Übersicht unter dem Titel „What is Jeremy Corbyn’s programme for government?“ veröffentlicht. Dieser Text ist zwar auch von leichter Feindseligkeit geprägt, aber immerhin informiert er. ...

Aus: "ZDF zum neuen Labour-Chef: „Er gilt nicht nur Konservativen als linker Spinner“" Albrecht Müller (13. September 2015)
Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=27532


--> "What is Jeremy Corbyn's programme for government?" (14 August 2015)
http://www.bbc.com/news/uk-politics-33772024


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« Reply #1 on: September 16, 2015, 02:27:25 PM »
"A Challenge to Neoliberal Orthodoxy" By Nicolas J S Davies (September 14, 2015)
Conventional thinkers say Jeremy Corbyn’s election to head Britain’s opposition Labour Party and Bernie Sanders’s surge against Hillary Clinton are passing fancies that will fade as the summer ends, but Nicolas J S Davies sees the hope for an inspiring new politics. ...
https://consortiumnews.com/2015/09/14/a-challenge-to-neoliberal-orthodoxy/

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[...] In Großbritannien sind angesichts der massiven Kritik an Jeremy Corbyn nach Angaben der Tageszeitung The Independent in nur einer Woche mehr als 60.000 Menschen in die Labour-Partei eingetreten. Es handele sich um die größte Eintrittswelle in so kurzer Zeit in der Geschichte der britischen Parteienlandschaft, schreibt das Blatt. Mit den Masseneintritten stellt sich die Labour-Basis damit offenbar eindrucksvoll gegen den Versuch des rechten Partei-Establishments, den linksgerichteten Corbyn nach dem Brexit-Votum zu stürzen und durch Pro-EU-Kräfte zu ersetzen. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass Corbyn-Kritiker ein Parteibuch beantragen, um die Gegner des Parteivorsitzenden zu stärken.

The Independent schätzt jedoch, dass mehr als die Hälfte der Parteineulinge zu Unterstützern der linken, EU-kritischen Corbyn-Linie zählen. Der Masseneintritt in die sozialdemokratische Labour-Partei würde damit die Kluft zwischen der Parteibasis und der Funktionärsebene zeigen. Denn während die Briten massenhaft ein Labour-Parteibuch beantragen, hat sich ein großer Teil des Schattenkabinetts von Corbyn zurückgezogen. Die designierten Ministerinnen und Minister protestierten damit gegen Corbyns angeblich zu wenig akzentuierte Haltung gegen einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union.

Drei Viertel der Labour-Abgeordneten sprachen dem Parteichef zudem ihr Misstrauen aus. Sie lagen damit auf einer Linie mit dem scheidenden konservativen Premierminister David Cameron, der den Labour-Chef im Abgeordnetenhaus mit harschen Worten zum Rücktritt aufrief: "Um Himmels Willen, gehen Sie endlich, Mann!"

Corbyn weist bislang alle Rücktrittsforderungen zurück. Er war erst im September von der Parteibasis in einer Urwahl zum Labour-Chef bestimmt worden. Gut 60 Prozent hatten sich damals für den Linken ausgesprochen. Jetzt wegen ein paar Dutzend Abgeordneter zu gehen, lehnt Corbyn ab.

Während in der deutschen Presse von dem Widerstand aus dem rechten Labour-Flügel in der deutschen Presse breit berichtet wurde, war von der Eintrittswelle hierzulande bislang nichts zu erfahren.

Mit den Eintritten in Labour steigt die Mitgliederzahl auf rund 450.000. Das sind deutlich mehr Mitglieder als zum bisherigen Höhepunkt unter Anthony Blair, als die Partei Ende der 1990er Jahre 405.000 Mitglieder verzeichnete. ...

... Nach Angaben des "Independent" wurden 20.000 der neuen Labour-Mitglieder bereits überprüft. Man gehe davon aus, schreibt das Blatt, dass mindestens die Hälfte der Parteineulinge ausdrücklich Corbyn und dessen "historische Wende" unterstützen wollen. Es sei aber auch denkbar, dass tausende Neumitglieder sich gegen den linken Labour-Chef wenden. Die "Wirtschaftsministerin" im Schattenkabinett von Corbyn, Angela Eagle, führt derzeit eine Kampagne gegen den Parteivorsitzenden, dessen Nachfolge sie antreten will.

Indes haben 240 Stadträte einen offenen Brief zur Unterstützung von Corbyn veröffentlicht. Die Initiative folgte unmittelbar auf das Misstrauensvotum in der Fraktion, bei dem nur 40 Mitglieder dem Vorsitzenden ihr Vertrauen ausgesprochen hatten.

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     albibi, 05.07.2016 12:47

Fehl- und Miss- und Nichtberichterstattung deutscher Leitmedien

Wer sich noch ernsthaft über die Fehl- und Miss- und Nichtberichterstattung deutscher Leitmedien wundert - oder noch ernsthaft daran zweifelt - , dem sei dieser sehr fundierte und überzeugende Beitrag von Herrn Goeßmann empfohlen:

https://youtu.be/MsJlNeJZkP4

"Die Leitmedien als Sprachrohr der politisch und wirtschaftlich Mächtigen

Vom Afghanistankrieg über die Griechenlandkrise bis zum Klimaschutz: Der Medienkritiker David Goeßmann, Gründer von Kontext-TV, erläutert, wie deutsche Leitmedien die Realität systematisch filtern und die Ereignisse ideologisch rahmen. Anstatt Macht und Mächtige zu überwachen, fungieren die Mainstreammedien als Gatekeeper der Eliten. Das Ergebnis ist eine blockierte Demokratie.

Moderne Massenmedien, so Edward Herman und Noam Chomsky in ihrem Standardwerk „Manufacturing Consent“, tendieren aufgrund institutioneller Filter dazu, Zustimmung zum politischen Kurs der Eliten herzustellen. David Goeßmann liefert eine Reihe von Belegen, wie auch deutscher Journalismus gemäß den Erwartungen des Propaganda-Modells funktioniert. Wenn sich die politischen und ökonomischen Eliten über einen Kurs verständigt haben, filtern die Medien unliebsame Tatsachen aus. Die Bedürfnisse und Interessen der Bevölkerungsmehrheit kommen dabei unter die Räder.

Referent: David Goeßmann, Journalist, Gründer des Fernsehmagazins kontext-tv.de



Aus: "Über 60.000 Eintritte in die Labour-Partei binnen einer Woche" Harald Neuber (05.07.2016)
Quelle: http://www.heise.de/tp/news/Ueber-60-000-Eintritte-in-die-Labour-Partei-binnen-einer-Woche-3254387.html

http://www.independent.co.uk/news/uk/politics/labour-party-gains-60000-new-members-following-attempted-coup-against-corbyn-a7112336.html

« Last Edit: July 07, 2016, 03:32:28 PM by Link »

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« Reply #2 on: July 19, 2016, 10:15:45 AM »
"Ex-Gewerkschaftsfunktionärin und Ex-Pfizer-Lobbyist wollen Corbyn stürzen" Peter Mühlbauer (18.07.2016)
Das Corbyns Chancen nicht mehr so gut sind wie bei der Urabstimmung im letzten Jahr, liegt aber auch daran, dass die Labour Party die Regeln dafür geändert hat: Für Sympathisanten kostet die Teilnahme nun 25 statt drei Pfund. Diese 25 Pfund müssen auch 130.000 Parteimitglieder zahlen, die in den letzten sechs Monaten eintraten und bei denen es sich überwiegend um Corbyn-Anhänger handeln soll (vgl. Über 60.000 Eintritte in die Labour-Partei binnen einer Woche). Nur wer schon länger Parteimitglied ist, darf kostenlos abstimmen, obwohl die neuen Mitglieder der Partei Mehreinnahmen in Höhe von bis zu sechs Millionen Pfund verschafften.
Ebenfalls kein Stimmrecht haben Sympathisanten und Mitglieder, die sich in der Vergangenheit kritisch über Labour-Politiker äußerten und sich dabei einer "aggressiven" oder "unfairen" Sprache bedienten. Als Beispiele dafür nennt die Partei die Wörter "Streikbrecher", "Verräter" und "Abschaum".
Das Vorhaben, Corbyn dazu zu zwingen, für die anstehende neue Urwahl die Unterschriften von mindestens 51 Labour-Parlamentsabgeordneten vorzulegen, scheiterte dagegen knapp: Die Mehrheit im Exekutivkomitee der Partei schloss bei einer Sitzung letzte Woche der Ansicht an, dass ein amtierender Parteivorsitzender automatisch zur Wahl steht und diese Unterschriften, die verhindern sollen, dass aussichtslose Bewerber kandidieren, nicht nachweisen muss.
http://www.heise.de/tp/artikel/48/48861/1.html

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     luky, 18.07.2016 13:55

Lesenswerte Studie

Die Nachdenkseiten haben auf eine Studie der LSE aufmerksam gemacht, über die Behandlung Corbyns durch die britischen Medien.

http://www.lse.ac.uk/media@lse/research/pdf/JeremyCorbyn/Cobyn-Report-FINAL.pdf

gruss. luky


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[...] Corbyn ist umstritten und steht dennoch für einen Erfolg, um den ihn andere Genossen in Europa beneiden: Inmitten der Krise der Sozialdemokratie schaffte es ausgerechnet ein Politiker aus den hintersten Reihen, die britische Sozialdemokratie wieder interessant für die breite Masse zu machen. Seit Corbyn im September 2015 durch einen Mitgliederentscheid an die Parteiführung aufrückte, hat sich die Labour-Parteibasis mit über 600.000 Mitgliedern mehr als verdoppelt. Zuletzt hatte Labour in den späten Siebzigern so viele Mitglieder. Zum Vergleich: Im bevölkerungsstärkeren Deutschland schrumpfte die Mitgliederzahl der SPD von über einer Million unter Willy Brandt auf weniger als die Hälfte im Jahr 2015 (442.814). ...

...  Corbyns unkonventionelle bis verschrobene Art provoziert die Eliten: Er sträubte sich lange, ordentliche Anzüge zu tragen, besitzt kein Auto und macht seine Steuererklärung eigenhändig. Im April warf Ex-Premier David Cameron Corbyn in einer Parlamentsdebatte vor, die letzte Erklärung zu spät abgegeben zu haben: "Das ist sinnbildlich für die Labour-Politik. Sie ist zu spät, chaotisch und inakkurat." Corbyn entgegnete daraufhin: "Ich zahle mehr Steuern als die meisten Unternehmen, deren Manager Cameron ziemlich gut kennen dürfte."

Wegen solcher Aussagen gilt Corbyn als Mann der einfachen Leute. Seit Jahrzehnten begleitet er politische Straßenproteste und unterstützt Graswurzelorganisationen. Das Motto seiner Kampagne lautet: "Die Stimme des Volkes". Viele nehmen es ihm allerdings übel, ebenjenes Volk nur halbherzig gegen den Brexit mobilisiert zu haben. Corbyn kommt aus dem linken EU-skeptischen Lager und bemängelt schon seit Jahren fehlende demokratische Strukturen und die europäische Austeritätspolitik. Sein Parteikollege Phil Wilson beschuldigte Corbyn sogar in einem Gastbeitrag im Guardian, die Remain-Kampagne gezielt sabotiert zu haben.

Doch die Kritik an Corbyn geht tiefer. Schon seit Beginn seiner Amtszeit im Herbst 2015 wurde er von allen Seiten diskreditiert – mit teils eigenwilligen Argumenten: Nach seinem ersten öffentlichen Auftritt als Parteichef dominierten Medienberichte über seinen schlechten Kleiderstil und seinen Vegetarismus. Wegen kritischer Äußerungen zum Irak-Einsatz wird dem langjährigen Pazifisten immer wieder von allen Seiten Nähe zu Terroristen unterstellt. Auch für Antisemitismus in seiner Partei wird er mitverantwortlich gemacht, weil er eine propalästinensische Haltung hat.

Der staatliche Sender BBC beschrieb Corbyn in einem Porträt als "eine Karikatur des archetypischen, bärtigen Linken", als ein Schlag Politiker, die längst "in die Mülltonnen der Geschichte gehörten". Mit solchen Äußerungen ist die BBC nicht allein: Eine Studie der London School of Economics and Political Science kritisiert, dass die britischen Medien in der Corbyn-Berichterstattung vom kritischen Beobachter zum Angreifer wurden. In Corbyns ersten Monat als Labour-Chef waren 57 Prozent der Berichte über ihn feindselig bis negativ und weniger als zehn Prozent positiv. Bedenklich waren insbesondere die Mittel der Diskreditierung: Knapp ein Drittel machten sich über ihn lustig, etwa mit albernen Spitznamen wie "Mr. Corbean" (in Anlehnung an die Witzfigur Mr. Bean).

Folglich ist der größte Vorwurf gegen Corbyn auch kein inhaltlicher – lieber ist pauschal von "Unwählbarkeit" die Rede. "Es ist offensichtlich, dass Labour unter ihm keine Wahl gewinnen wird", heißt es auf der Homepage von SavingLabour, einer parteiinternen Organisation, die einen Anti-Corbyn-Wahlkampf macht. Im Vergleich zur aktuellen Premierministerin Theresa May gilt Corbyn laut Umfragen als langweilig, weniger kompetent und als jemand, dem es an Führungsqualitäten mangelt. Dafür wird er  überwiegend als ehrlich und jemand gesehen, der "normale Menschen" versteht.

Die "Unwählbarkeit" scheint sowieso kein großes Problem für seine Unterstützer zu sein: In einer Umfrage unter Gewerkschaftsmitgliedern glaubten nur 23 Prozent der Befragten, dass Labour unter Corbyn die nächsten Wahlen gewinnen könnte. Trotzdem gaben zwischen 30 bis 40 Prozent an, ihn in den Wahlen zum Parteichef zu unterstützen. Oder, wie ein Moderator in der Londoner Radiosendung Novara.FM sagte: "Es geht nicht darum, Wahlen zu gewinnen, sondern darum, eine progressive Kraft in der britischen Politik aufzubauen."

"Ich hab mein Leben lang gearbeitet, war lange Zeit alleinerziehend", erklärt zum Beispiel Labour-Mitglied Debbie Lewis, "deswegen sind für mich Themen wie Sozialleistungen und Lohnfragen sehr wichtig. Und ich habe das Gefühl, dass Jeremy Corbyn das versteht. Er versteht, was es bedeutet, wenn die Regierung die Sozialleistungen um 30 Pfund pro Woche kürzt."

Von Corbyn inspiriert ist die 47-jährige Angestellte der Partei beigetreten, der sie bisher eher skeptisch gegenüberstand: "Früher bin ich manchmal für Proteste nach London gefahren, aber danach hat sich nie wirklich etwas bewegt. Heute habe ich das Gefühl, dass meine Stimme zählt."

Auch der 21-jährige Chames Eddine Zaïmeche ist wegen Corbyn zu Labour gekommen – auch weil er hofft, dass die Partei sich unter ihm von ihrem wirtschaftsliberalen Kurs der vergangenen Jahre verabschiedet. Zaïmeche ist aber auch einer von vielen Corbyn-Unterstützern, die sich gegen den Vorwurf des Personenkultes wehren – sie warnen selber davor: Corbyn ist 67 Jahre alt und in vielerlei Hinsicht ein Sozialist der alten Schule, und die Zukunft sozialdemokratischer Politik muss über eine Einzelperson hinausgehen.

Gerade junge Menschen machen sich Gedanken darüber, wie es nach ihm weitergehen könnte. Sie sehen die Zukunft in der politischen Mobilisierung, auf der Corbyns Erfolg beruht. In Interviews, Podcasts und sozialen Medien berichten Corbyn-Anhänger begeistert von Treffen auf lokaler Ebene, in denen Menschen verschiedenen Alters zusammenkommen und über die konkreten Folgen britischer Politik wie Kürzung vieler Sozialleistungen sprechen.

"Labour hat in der Vergangenheit Politik gemacht, die einfach eine abgeschwächte Version der Konservativen darstellte, und sich nie wirklich mit den Leuten beschäftigt, die von dieser Politik betroffen sind", urteilt Zaïmeche. Er glaubt, dass der Enthusiasmus, den Corbyn in Teilen der Anhängerschaft freigelegt hat, Labour verändert - hin zu einer Partei, die ihre Wähler an Entscheidungsprozessen beteiligt. 

Letztlich geht es in Labours innerparteilichem Kampf  um zwei verschiedene Verständnisse von Politik: Funktionäre und Abgeordnete werfen Corbyn vor, er müsste sich an sie und das politische System anpassen. Corbyns Unterstützer werfen den Parlamentariern vor, die Stimmen ihrer Mitglieder zu untergraben und zu ignorieren.

Unabhängig davon, ob Corbyn diesen Richtungsstreit nun überlebt oder nicht: Seine unerwartete Beliebtheit und Unbeirrbarkeit haben die Labour-Partei bereits wesentlich weiter nach links gerückt und neue Maßstäbe für sozialdemokratische Debatten gesetzt. Das zeigt nicht zuletzt sein einziger verbliebener Kontrahent Owen Smith: Er wird nicht müde zu betonen, "genauso radikal" zu sein wie Jeremy Corbyn. Seinen Chancen scheint das nicht zu helfen. Auf die Frage, ob Smith eine Alternative zu Corbyn sein könnte, meint Debbie Lewis nur: "Er kam aus dem Nichts! Ich habe keine Ahnung, wer er ist."

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Otto2 #1.1  —  vor 2 Stunden 19

Verkommen - diese Rechten innerhalb von Labour. Eine sozialdemokratische Partei erhebt eine Gebühr von 25 Pfund (statt bisher 3), wenn Sympathisanten sich an innerparteilichen Wahlen beteiligen wollen. Mit anderen Worten: Man etabliert einen Vermögenszensus, der verhindert, dass Arme eine Stimme haben.
Undemokratisch. Unanständig. Widerlich.


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Plague #1.2

Corbyn ist doch ein Nestbeschmutzer, weil er die schöne Erzählung von der "Alternativlosigkeit" des Neoliberalismus stört.

Diese rechten Sozialdemokraten waren immer ein fundamentales Problem der Sozialdemokratie, weil sie immer alles Linke bekämpft haben (auch wenn es nicht kommunistisch oder radikal war) und sich gleichzeitig stets bei rechten Wählerschichten angebiedert haben , die aber meistens gleich das Original gewählt haben. Daher auch immer die Rede von der "Mitte der Gesellschaft" - die ist nämlich genau so ein politischer Widerspruch wie Rechte in einer linken Partei.


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Zwischen-den-Zeilen-Leser #1.3

Man etabliert einen Vermögenszensus, der verhindert, dass Arme eine Stimme haben.

Früher wurde in einigen Länder Europas an normalen Wochentagen (und nicht am Wochenende) gewählt, damit die Arbeiter nicht zur Wahl gehen konnten. Natürlich gaben ihnen die Arbeitgeber an solchen Tagen bewusst keinen Urlaub.

Geschichte wiederholt sich.


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MowKow #7

Danke für den Artikel!

Die Schmierenkampagne in den britischen Medien gegen Corbyn seit 2015 hat streckenweise Groteske Züge angenommen, und das selbst im eher links anzusiedelnden Guardian

Um wirkliche Inhalte ging es dabei nie ... alternativlose Gleichschaltungspolitik war stattdessen erwünscht. Von Corbyn könnte sich zudem die hiesige SPD mal eine Scheibe abschneiden um nicht komplett in der Versenkung zu verschwinden.


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Horatio Caine #8

Nach dem Lesen des Artikels, der im Übrigen meine Meinung - die ich durch das Lesen von britischen Medien gefasst hatte - bestätigt, stellt sich für mich nur noch die Frage, wer ersetzt dann bei uns Gabriel?



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Gerry10 #9

Kleine Anekdote zu seiner Steuererklärung:
Es stellte sich heraus das er zuviel(!) Steuern bezahlt hat....


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Brillalein #11

ENDLICH ein Artikel zu Corbyn, der ihn nicht nach den Regeln des neoliberalen Populismus nieder macht. DANKE.


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jack_carlton #14

“Corbyn ist umstritten und steht dennoch für einen Erfolg, um den ihn andere Genossen in Europa beneiden: Inmitten der Krise der Sozialdemokratie schaffte es ausgerechnet ein Politiker aus den hintersten Reihen, die britische Sozialdemokratie wieder interessant für die breite Masse zu machen.”

Als ob das das Kriterium oder gar der Grund ist, weshalb Corbyn erfolgreich ist. Mehr Analyse hat die Zeit nicht zu bieten?


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TheAnarch0 #15

Bei Labour haben sich offensichtlich die Funktionäre und die Basis auseinandergelebt. Die SPD muss aufpassen, dass ihr das nicht auch passiert. Wenn man immer nur Kandidaten für Landtage oder den Bundestag nominiert, die ausser Studium und Politik nichts anderes gemacht haben, werden wir genau das Erleben. Es ist gut, dass es in Europa Sozialdemokraten wie Corbyn oder auch Renzi gibt die zeigen, dass man auch mit klaren sozialdemokratischen Aussagen Menschen mobilisieren kann, dann hat man auch Wahlerfolge. Auch der SPD würde weniger Sozialpädagogik und mehr Arbeiter gut tun.


...


Aus: "Jeremy Corbyn: Er lässt sich nicht wegekeln"  Vanessa Vu und Katharin Tai (22. Juli 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-07/jeremy-corbyn-labour-party-grossbritannien-brexit/komplettansicht
« Last Edit: July 22, 2016, 02:27:54 PM by Link »

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Jeremy Bernard Corbyn ...
« Reply #3 on: August 11, 2016, 01:57:41 PM »
"Großbritannien: Corbynistas und Blairites kämpfen bei Labour um die Macht" Von Sascha Zastiral, London (11. August 2016)
Umstrittene Abstimmungsregeln, nächtliche Wahlkampf-SMS: Der Kampf zwischen Labour-Chef Corbyn und seinem Herausforderer Smith beschäftigt sogar die Gerichte. ...
http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-08/grossbritannien-labour-partei-jeremy-corbyn-owen-smith-abstimmung/komplettansicht

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Plague #2

Ist doch bezeichnend, wie viel Angst die Neoliberalen bei Labour vor dem eigentlich recht traditionalistischen, aber ehrlichen Corbyn haben.
Da ist man sich dann auch nicht zu schade für "Rote Socken"-Kampagnen und dem Wunsch, die innerparteiliche Demokratie abzuschaffen.
Diese Leute sollten sich fragen, ob sie in einer linken Partei richtig aufgehoben sind oder nicht doch eher Tories auf Geisterfahrt sind.


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4hkut00 #2.3

Leute wie Blair und Schöder haben die Sozialdemokratie schwer beschädigt. Nun ist die Frage, wie man den Schaden möglichst schnell wieder beheben kann. Leider gibt es im UK und in Deutschland in den sozialdemokratischen Parteispitzen die alten Garden, die der Ansicht sind, ein noch aalglatterer Kurs wie "New Labour", bzw. "Neue Mitte" könne den Wandel bringen. Warum sie dies denken ist mir absolut schleierhaft. Weder ein Smith, noch ein Gabriel haben die geringste Aussicht auf einen Wahlerfolg. Bei Corbyn sieht das ganz anders aus...

["Die neue Mitte" habe ich mir immer darüber erklärt, dass es sich letztlich um Rechte in einer linken Partei handelt. Die wollen sich natürlich bei rechten Wählerschichten anbiedern und lehnen zu linke Inhalte ab.

Insgesamt liegt das Problem aber tiefer, fürchte ich. Die Sozialdemokratie muss sich grundlegend erneuern oder Platz für eine gemäßigte linke Strömung machen. Wir leben nicht mehr im Zeitalter der Nationalstaaten und der Industrialisierung, worauf die Sozialdemokratie im Wesentlichen eine Antwort war.]


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ahlibaba2 #3

Man blickt neidisch auf Labour. Wann geschieht endlich Ähnliches in der deutschen SPD? Wo bleibt der deutsche Jeremy Corbyn?


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Atan #4

Mr Corbyn dürfte kaum als Sozialdemokrat zu verstehen sein, sondern als ein Sozialist, der die Zukunft seines Landes in einer weitgehenden Verstaatlichung der der Infrastruktur und möglicherweise auch der (inzwischen nicht mehr so bedeutenden) Industrie sieht. Selbst wenn er also je zum Premier gewählt werden sollte, dürfte bei einer Umsetzung seiner Pläne, die wohl allein aus der Sicht des langjährigen Gewerkschaftsfunktionärs Sinn machen, der er ist, Großbritannien in kurzer Zeit ruiniert sein.
Für ein funktionierendes sozialistisches Wirtschaftssystem gibt es in der Geschichte bisher keinerlei Beispiele, für eine Partei, die ohne sachkundige Funktionäre, aber dafür jede Menge verblasenem gesellschaftlichem Utopismus an die Macht kommen will, auch nicht sehr viele.

Quote
artefaktum #4.1  @Atan


Sozialismus und Sozialdemokratie sind zwei unterschiedliche Dinge. Das gegenwärtige Wirtschaftsmodell - alles andere als sozialistisch - scheitert auch zusehends. Für Überheblichkeit besteht also kein Grund. ...



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Ghede #6

"Die Entscheidung fiel offenbar, nachdem die Corbyn-Unterstützer in dem Komitee das Treffen bereits verlassen hatten. Der Abstimmungspunkt stand nicht auf der Tagungsordnung."

... So geht Demokratie. Lupenrein.


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Farlander #7

Corbyn hat sehr gute Chancen zu gewinnen, denn er hat die Basis und die Gewerkschaften auf seiner Seite. Wenn dann bei der nächsten Wahl die meisten Blairities aus dem Parlament verschwinden, weil sie von der örtlichen Parteigliederung nicht mehr aufgestellt wqerden, dann hat Großbritannien nach 41(!) Jahren endlich wieder die Chance auf eine sozialdemokratische Regierung. Die neoliberalen haben dafür gesorgt, dass es zu vielen einfach dreckig geht. ...


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Jeremy Bernard Corbyn ...
« Reply #4 on: June 13, 2017, 07:49:07 AM »

"Corbyns erfolgreiche Politik der Gefühle" Eric Frey (11. Juni 2017)
Die größte Fehleinschätzung von Experten und Kommentatoren vor der britischen Unterhauswahl – und ich schließe mich da selbst ein – war weniger, dass sie Theresa May überschätzt, als dass sie Jeremy Corbyn unterschätzt haben. Schon zum zweiten Mal nach Bernie Sanders – und wenn man den Franzosen Jean-Luc Mélenchon mit dazurechnet, zum dritten Mal – hat es ein Altlinker mit etwas nostalgischen wirtschaftlichen Vorstellungen geschafft, junge Wähler zu begeistern und aus der politischen Lethargie zu schütteln. Diese Kandidaten haben letztlich nicht gewonnen, aber die politische Landschaft verändert. Ohne die Rivalität mit Sanders in den Vorwahlen hätte es Hillary Clinton gegen Donald Trump leichter gehabt; ohne Mélenchon wäre sozialistische Präsidentschaftskandidat Benoit Hamon nicht so schrecklich abgestürzt; und May hätte auch mit einem schwachen Wahlkampf ihre Mehrheit ausbauen können, wenn Corbyns Labour-Partei nicht so stark gewesen wäre. ...
http://derstandard.at/2000059092329/Corbyns-erfolgreiche-Politik-der-Gefuehle

Quote
bloody-nine, 06/2017

der kommentator sitzt hier leider einem extrem weitverbreiteten fehlschluss auf:
die miese situation vieler menschen im UK, mit prekären löhnen, zero-hour-contracts, unleistbaren wohnungen oder studienbedingten schulden noch VOR berufsbeginn ist keine "gefühlspolitik", sondern REAL. die prekäre situation des NHS, die miese infrastruktur, die aushungerung jeglicher öffentlicher dienstleistungen, sind REAL. und sie sind eine folge der politik thatchers und blairs. dagegen zu sein, und eine alternative zu fordern, ist KEINE gefühlspolitik. es ist völlig legitim, und das normalste auf der welt.

und was die umsetzbarkeit betrifft - die basiert nicht, wie frey und alle neoliberalen immer suggerieren, auf naturgesetzen, sondern auf einer reinen machtfrage.


Quote
B.Senftiger 06/2017

Ökonomische Kaltschnäuzigkeit zu verurteilen sei reine "Gefühlspolitik eines Altlinken"?
Kopfschüttel. Da hat wohl jemand wirklich wenig Ahnung von Verantwortung der jungen Generation gegenüber.
Die Gerechtigkeitsgefühle eines Herrn EF sind mir nicht nachvollziehbar.


...

---

"Corbyn mischt auf - Großbritannien nach dem Wahlerfolg von Labour" (12. Juni 2017)
Hannah Sell ist stellvertretende Generalsekretärin der Socialist Party in England und Wales. Dieser Artikel erschien zuerst am 9. Juni 2017 auf der Website der Socialist Party.
" ... Diese Parlamentswahlen haben die Position von Jeremy Corbyn in der Labour Party enorm gestärkt, was wohl auf die gesamte Gesellschaft zu übertragen ist. Labour hat über vierzig Prozent der abgegebenen Stimmen bekommen. Bei den letzten Wahlen 2015 waren es nur leicht über dreißig Prozent. Das ist der größte Zuwachs an Wählerstimmen, den eine Partei seit Attlees Labour-Regierung von 1945 je erlebt hat. Möglich war dies aufgrund eines phänomenalen Anstiegs an Direkt-Stimmen: 2015 hatten noch 9,3 Millionen Menschen für die britische Sozialdemokratie gestimmt und diesmal waren es 12,8 Millionen. Das ist ein Zuwachs von 3,5 Millionen.
Dieser Stimmengewinn geht fast in Gänze auf die jungen Leute zurück, die in Scharen in die Wahllokale gezogen sind. Sie kann man beileibe nicht als „politikverdrossen“ bezeichnen. Vielmehr haben sie sich an einer massenhaften Revolte für ihre Zukunft beteiligt. Einige Schätzungen gehen davon aus, dass nicht weniger als 72 Prozent der JungwählerInnen, die in den Wahllisten erfasst waren, am Ende auch aktiv wählen gegangen sind. 2015 waren es nur 43 Prozent. Zwei Drittel von ihnen haben für Corbyn gestimmt. Die Hoffnung der Liberaldemokraten, junge WählerInnen aus der Mittelschicht für sich gewinnen zu können, indem man sich als „true remainers“ (gemeint ist eine Pro-EU- und Anti-Brexit-Haltung, remain=verbleiben; Anm. d. Ü.) darstellte, ist größtenteils verpufft.
Stattdessen hat Nick Clegg, der Parteivorsitzende, endlich seine Quittung dafür bekommen, dass er 2010 die Studiengebühren angehoben hat. Corbyns Programm eines Mindestlohns von zehn britischen Pfund (11,50 Euro), der Abschaffung der Studiengebühren, einer Mietobergrenze und für öffentlichen Wohnungsbau hat junge Leute dazu bewegt, selbst Position zu beziehen. Die daraus resultierende Politisierung der jungen Leute ist nicht mehr zurückzudrehen und legt die Grundlage für die Entwicklung massenhafter Unterstützung für sozialistische Ideen.
Corbyn erhielt nicht nur breite Unterstützung von jungen Leuten aus der Arbeiterklasse sondern auch aus der Mittelschicht. Das zeigt sich an Labours Erfolg in Canterbury, wo zum ersten Mal seit 1918 kein Tory die Direktwahl für sich entscheiden konnte. Daran zeigt sich die zunehmende Radikalisierung der jungen Leute aus der Mittelschicht, die in Folge von Niedriglöhnen und astronomischen Mieten zunehmend in Lebensverhältnisse gezwungen werden, die denen der Arbeiterklasse vergleichbar sind. ..."
https://www.sozialismus.info/2017/06/corbyn-mischt-auf/


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Jeremy Bernard Corbyn ...
« Reply #5 on: September 28, 2017, 02:54:05 PM »
"Labour-Parteitag in Großbritannien: Die rote Fahne hat einen grauen Bart" Ralf Sotscheck (27. 9. 2017)
Die Labour-Opposition ist bei ihrem Parteitag zum ersten Mal seit Jahren gut gelaunt. Parteichef Corbyn hat alles im Griff, Gegner schweigen.
Corbyn versprach, dass Labour in den ersten Jahren nach einer Regierungsübernahme Post und Wasser, Energie und Eisenbahn in Großbritannien verstaatlichen werde. Darüber hinaus werde man den Betrieb von Schulen, Krankenhäusern und Gefängnissen wieder vollständig unter staatliche Kontrolle bringen.
Corbyn machte die Tories auch für die fünf Terroranschläge in Großbritannien allein in diesem Jahr mitverantwortlich. Ihre Außenpolitik habe Bedingungen geschaffen, unter denen Terrorismus aufblühen konnte, sagte er. Im Konflikt zwischen den USA und Nordkorea, forderte Corbyn, müsse die UNO für einen Dialog sorgen.
Schließlich warf der Labour-Chef den Tories vor, beim Thema Brexit nur auf persönliche Vorteile bedacht zu sein. Aber auch bei Labour ist man sich über den britischen Austritt aus der EU keineswegs einig. Pro-EU-Delegierte nutzten eine Reihe von Randveranstaltungen, um für Großbritanniens Verbleib im europäischen Binnenmarkt zu argumentieren. Corbyn und seine Anhänger verhinderten aber eine Abstimmung darüber.
https://www.taz.de/Labour-Parteitag-in-Grossbritannien/!5450542/

Anarchie-Jetzt, 28.09.2017, 12:03
He, is ja lustig, es gibt noch Sozialdemokraten ;-)

Reinhardt Gutsche, 28.09.2017, 10:12

Corbyns "Old Labour": Schluß mit dem Risiko-Kommunismus
Zu den Kernprojekten von Corbyns "Old Labour" unter Jeremy Corbyn gehört die Rücknahme der Privatisierungen durch die Public Finance Initiative (PFI), die von der konservativen Regierung unter Premier John Major eingeführt und den »New Labour«-Regierungen unter Tony Blair und Gordon Brown drastisch ausgeweitet worden waren. Unter dem der hiesigen PPP-Masche ähnelnde PFI-Programm werden etwa Bau und Betrieb öffentlicher Einrichtungen wie Krankenhäuser an private Unternehmen übertragen und ihnen dafür zusätzlich noch reichlich Geld aus öffentlichen Kassen in den Schlund geworfen. PFI-Verträge sehen vor, dass der Staat nicht nur für die Bau- und Betriebskosten aufkommt, sondern auch zweistellige Profitmargen für die »Investoren« garantiert, eine besonders dreiste Variante von Risiko-Kommunismus unter dem Kostüm der ihrem eigenen Prinzip hohnsprechenden Freien Marktwirtschaft. 200 Milliarden Pfund werden auf diese Weise in den kommenden 10 Jahren auf den Konten der Fat Cats in den Steueroasen landen. Es sei denn, die britischen Wähler treten vorher den Tories in den Hintern und Old Labour zieht in Downing Street ein. John McDonnell als Jeremy Corbyns Schattenfinanzminister will mit diesen Praktiken staatlich organisierter Kleptokratie schleunigst wieder Schluß machen. Good luck!

uvw 28.09.2017, 05:35
... Dass und wie es es geht, wenn in der SPD nur *einer* es wirklich wollte. Aber halt, die SPD ist nicht Labour ...

---

"Frau May im Herbst" Larry Elliott (Ausgabe 42/2017)
Die marktliberale Denkfabrik Legatum war kürzlich geschockt über eine neue Meinungsumfrage. Danach sprachen sich die Befragten – darunter Anhänger der Konservativen – sehr klar für die Verstaatlichung der Bahn sowie der Wasser-, Strom- und Gasversorgung aus. Und das war nur der Anfang. Zugleich will eine Mehrheit die Gehälter von Konzernmanagern beschränken und ist bereit, höhere Steuern zu zahlen, damit mehr Geld in die nationale Gesundheitsversorgung fließt. Groß ist auch der Wunsch nach mehr Regulierung des Marktes. Wenn bevorzugte Adjektive zur Beschreibung des Kapitalismus „gierig“, „egoistisch“ und „korrupt“ sind, ist Legatums Schluss leicht nachzuvollziehen: Diese Marke steckt in der Krise. ...
https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/frau-may-im-herbst

---
 
"Labour will auch nach Brexit in Zollunion bleiben" (26. Februar 2018)
In Großbritannien hat sich die oppositionelle Labour-Partei erstmals auf ein Ziel für die Zeit nach dem Austritt aus der Europäischen Union festgelegt. In einer Grundsatzrede plädierte Parteichef Jeremy Corbyn für eine neue und starke Beziehung zum EU-Binnenmarkt und damit zu auch weiterhin engen und zollfreien Handelsbeziehungen zu den verbleibenden 27 Mitgliedsstaaten. Es mache "keinen Sinn", sich von der bisherigen Zollfreiheit abzuwenden, "die sich so sehr bewährt hat", sagte Corbyn in Coventry. Deshalb fordere seine Partei Verhandlungen über eine "neue und umfassende Zollunion", die britischen Unternehmen auch nach dem Brexit den zollfreien Warenverkehr mit der EU ermöglichen soll.
.Bisher hatte sich auch Corbyn immer vor dieser Frage gedrückt. Am Sonntag hatten dann mehr als 80 führende Labour-Politikerinnen und -Politiker die Parteiführung dazu aufgefordert, sich für Großbritanniens Verbleib in Zollunion und Binnenmarkt nach dem Brexit auszusprechen. Der offene Brief wurde in der Zeitung Observer veröffentlicht. Darin heißt es, die britische Wirtschaft würde von einem harten Ausstieg so schwer getroffen, dass Labour bei einem Wahlsieg nicht in der Lage wäre, sein ehrgeiziges Reformprogramm durchzuziehen.
May, ihr Brexit-Minister David Davis sowie viele weitere Brexiteers schließen eine Zollunion mit der EU aus. ...
http://www.zeit.de/politik/ausland/2018-02/jeremy-corbyn-labour-brexit-zollunion-eu
« Last Edit: February 26, 2018, 02:30:08 PM by Link »

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Jeremy Bernard Corbyn ...
« Reply #6 on: November 10, 2018, 12:26:29 PM »
Quote
[...] Den Niedergang der Sozialdemokraten in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden erklärt Corbyn in dem Interview durch einen falschen Umgang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008. Linke Parteien müssten eine schlüssige Anti-Austeritäts-Politik verfolgen und sich die Frage stellen, ob sie "brutale Sparzwänge" im Wirtschaftssystem weiter dulden wollten.

Trotz niedriger Arbeitszahlen und Wirtschaftswachstum hätten viele Briten zu schlechte und zu unsichere Arbeit. "Das Ausmaß an Frust und Verzweiflung in postindustriellen Regionen ist riesig", sagt der Labour-Chef. Seine Partei setze deswegen auf eine Umverteilung des Reichtums und die Stärkung von Arbeitnehmerrechten. Eine solche Politik ist für Corbyn auch eine Korrektur des sogenannten "Dritten Wegs". Unter diesem Titel hatte der frühere britische Premier Tony Blair Mitte der Neunzigerjahre verstärkt auf eine Privatisierung der nationalen Wirtschaft gesetzt.   ...


Aus: "Jeremy Corbyn fordert Linksruck von Europas Sozialdemokraten" (9. November 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-11/labour-partei-jeremy-corbyn-europaeische-sozialdemokratie-linksruck

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Jeremy Bernard Corbyn ...
« Reply #7 on: June 10, 2019, 12:46:47 AM »
Quote
[...] Mit nur 14,1 Prozent ist Labour alles andere als souverän aus der Europawahl hervorgegangen. Dabei hatte Parteichef Jeremy Corbyn während des Wahlkampfes Wert darauf gelegt, dass seine Botschaften tief in das Brexit-Großbritannien hineinhallen, in Metropolen genauso wie in Kleinstädte. Labour werde „nie die Partei der 52 Prozent oder der 48 Prozent sein“, hatte er mit Blick auf Ja und Nein beim EU-Referendum am 23. Juni 2016 erklärt. Die Zeit seither war sicher kein Kurprogramm für ihn und seine Partei oder die linke Bewegung, die ihn an die Parteispitze brachte. Fest steht: Für Labour hat es sich nicht ausgezahlt, Wähler auf beiden Seiten der Brexit-Spaltung im Vereinigten Königreich anzusprechen. Die Partei muss sich nun besonders dadurch gedemütigt fühlen, dass Vince Cables reanimierte Liberaldemokraten mit 18,5 Prozent an ihr vorbeigezogen sind – von den fast 32 Prozent für die Brexit-Partei von Nigel Farage ganz zu schweigen.

Im Augenblick fragen sich Parteiaktivisten und Abgeordnete, wie anhaltend der Schaden sein wird und was der für Corbyn und sein radikales Projekt bedeutet. „Labour ist in einer unglaublich schwierigen Lage und wird garantiert Abstriche machen müssen, soll weiterhin eine Koalition aus Brexit-Befürwortern und -Gegnern zusammengehalten werden“, meint Corbyns früherer Sprecher Matt Zarb-Cousin. „Farages Brexit Party oder die Liberalen hatten es da viel einfacher. Letztere konnten vor der Europawahl ganz auf eine Karte setzen.“ Peter Kellner, ehemaliger Mitarbeiter des Meinungsforschungsinstituts YouGov, meint, dass die Brexit-Gegner, die 2017 Labour wählten, sich nunmehr von der Partei abgewandt hätten. Doch drohe Labour ohne die Stimmen der Anti-Brexit-Wähler auszubluten, während sich zugleich die Attraktivität für das Pro-Brexit-Lager nicht erhöht habe. Ian Warren von der Beratungsfirma Election Data meint, der EU-Ausstieg habe nur die bereits bestehende Herausforderung für die Partei verstärkt, eine Koalition von Wählern zusammenzubinden, die Corbyn am Ende in die Downing Street bringt, erst recht nach dem May-Rückzug. „Wenn Labour-Abgeordnete sich jetzt gegen ein zweites Referendum wenden“, so Warren, „heißt das, man will die Wähler, die Anfang der 2000er verloren gingen, nicht einfach vergessen: die traditionellen Anhänger aus der Arbeiterschaft“. Dahinter stehe eine existenzielle Frage. Einst habe die Partei ihre gewohnte Basis eingebüßt, als sie neue, liberale Wähler aus den Metropolen gewann, aber die würden gerade wieder abspringen, wie die EU-Wahl gezeigt habe.

Aber sind es nicht Labours neue, vorrangig durch Corbyn inspirierte Parteimitglieder, die am stärksten vom Balancieren der Partei in der Brexit-Frage enttäuscht sind? Ein Unterhaus-Abgeordneter warnt: „Das Partei-Wahlprogramm von 2017 hat die Mehrheit der Labour-Wähler hinter einer klaren Agenda vereint, gerade verschleudern wir diese Einigkeit durch unsere Haltung zum Brexit.“

In einem in Liverpool aufgenommenen und kurz vor der Europawahl gesendeten BBC-Interview mit TV-Moderator Andrew Marr schien sich Corbyn für die Idee eines Referendums über einen wie auch immer gearteten Brexit-Deal, den das Parlament verabschiedet, zu erwärmen. Er nannte das eine „vernünftige“ Idee. Die Brexit-Gegner in seiner Partei griffen das begierig auf, während andere Labour-Quellen umgehend darauf bestanden, dass es sich nicht um eine Veränderung der Position des Parteivorsitzenden handele, was wiederum Irritation bei Mitgliedern des Schattenkabinetts auslöste. Einer aus diesem Kreis scherzte, Corbyn sei in Gefahr, von euroskeptischen Beratern „an eine Heizung gekettet“ zu werden.

Andererseits stehen zahlreiche einflussreiche Labour-Politiker der Idee eines solchen Referendums sehr skeptisch gegenüber. Schattenkabinett-Minister Jon Trickett erklärt: „Ganz klar birgt die Idee eines zweiten Plebiszits die Gefahr, dass dadurch das gesamte politische System die Zustimmung des Volkes verliert. Wäre das der Fall, würde das Land vor einer schweren Krise stehen.“


Aus: "Corbyn an der Heizung" Heather Stewart (08.06.2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/corbyn-an-der-heizung

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Jeremy Bernard Corbyn ...
« Reply #8 on: September 05, 2019, 11:16:37 AM »
Quote
[....] Das Verteidigungsministerium in London untersucht ein Video, auf dem britische Soldaten anscheinend auf ein Bild von Oppositionsführer Jeremy Corbyn schießen. Die in sozialen Medien kursierende, nicht verifizierte Aufnahme stieß in Großbritannien auf massive Kritik. "Das ist völlig inakzeptabel", sagte ein Regierungssprecher in London. Ähnlich äußerten sich auch Tory-Parlamentarier und Abgeordnete von Corbyns Labour-Partei.

Das Video soll dem Sender BBC zufolge in Kabul in Afghanistan aufgenommen worden sein. ... An dem Alt-Linken Corbyn, der im Streit um den Brexit seine Chance in einer Neuwahl wittert, scheiden sich die Geister.  ...


Aus: "Soldaten schießen auf Corbyn-Zielscheibe" (03. April 2019)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Soldaten-schiessen-auf-Corbyn-Zielscheibe-article20946096.html

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Quote
[...] Ihre Regierung hat kein Mandat, keine Moral und, seit heute, auch keine Mehrheit mehr“, schmetterte Jeremy Corbyn nach Boris Johnsons Niederlage im Parlament dem konservativen Premier entgegen. Der Brexit-Kurs zerreißt die Konservative Partei, Johnsons Regierung taumelt. Schlägt jetzt Corbyns Stunde? Noch ist unklar, wie dem Labour-Vorsitzenden der Griff nach dem Amt des Premierministers gelingen kann. Johnsons Forderung nach Neuwahlen will er nicht zustimmen. Er will Johnsons Sturz per Misstrauensvotum und dann Premier werden. Die Liberaldemokraten und Tory-Rebellen zögern aber, ihm den Weg in die Downing Street zu bereiten.

Dass der Linksaußenpolitiker überhaupt in Greifweite der Regierungsmacht kommt, hätten Beobachter vor ein paar Jahren für absurd gehalten. Der heute 70 Jahre alte Corbyn war in seiner politischen Karriere die meiste Zeit Außenseiter, auch in seiner Partei, deren New-Labour-Wende in die Mitte unter Tony Blair er nicht mitmachte. Der Abgeordnete, der seit 1983 für den Wahlkreis Nord-Islington im Parlament sitzt, kein Auto besitzt und stets Rad fährt, galt als kauziger Altlinker.

Auf die große Bühne sprang er vor vier Jahren, als er zu aller Überraschung von den Labour-Mitgliedern – darunter vielen neu eingetretenen jungen Linken – im September 2015 zum Vorsitzenden gewählt wurde. Für seine Kandidatur hatte er nur in letzter Minute die nötigen Unterstützungsunterschriften von 35 Abgeordneten der Labour-Fraktion zusammenbekommen. Das zeigt schon, wie wenig Rückhalt er im alten Parteiestablishment hat.

Corbyn hielt sich seitdem an der Spitze, trotz aller Versuche des früheren Parteiestablishments, ihn wieder wegzuräumen. Inzwischen hat er seine Machtbasis gefestigt. Dazu hat er sich mit einer Führungs- und Beraterriege von ähnlich links orientierten Leuten, zum Teil ehemaligen marxistisch-trotzkistischen Weggefährten, umgeben. Zu seinen engen Verbündeten zählen etwa Diane Abbott, die Schatten-Innenministerin mit jamaikanischen Wurzeln, der Stratege und frühere Journalist Seumas Milne, der Gewerkschafter Andrew Murray, der vier Jahrzehnte Mitglied der Kommunistischen Partei war, bevor er 2016 Labour beitrat, sowie der Schatten-Schatzkanzler John McDonnell, der maßgeblich das Wirtschaftsprogramm geschrieben hat.

Unklar ist, wo Corbyn zum Thema Brexit wirklich steht. Er liebt die EU mit Sicherheit nicht. Vielmehr galt er als Brüssel-Kritiker. Die EU betreibe neoliberale Wettbewerbspolitik, beklagt er. Und er wollte die Brexit-Anhänger unter den Labour-Wählern nicht verlieren. Sein Zickzackkurs nach dem Referendum 2016 kostete ihn Stimmen, nun aber stemmt er sich gegen einen No-Deal-Brexit. Das unterstützt auch die britische Wirtschaft.

Sein Wirtschaftsprogramm macht hingegen britische Unternehmer hoch nervös. Die in der City vielgelesene „Financial Times“ veröffentlichte eine ganze Artikelserie über „die Corbyn-Revolution“, aufgemacht in grellroter Optik. Corbyn, der sich als „demokratischer Sozialist“ sieht, will nicht nur die Privatisierungen der Thatcher-Zeit rückgängig machen und Eisenbahn, Strom-, Gas-, Wasserversorger, die Post und Teile der Stahlindustrie wieder verstaatlichen.

Laut Programm sollen zudem alle größeren Unternehmen des Königreichs ein Zehntel ihres Kapitals an die Belegschaft beziehungsweise Fonds übertragen. Das würde sie etwa 300 Milliarden Pfund kosten. Zudem will Corbyn die Körperschaftssteuer um fast 20 Prozent erhöhen, Besserverdienende sollen mehr Einkommensteuer zahlen. Boni für Banker dürfte es gar keine mehr geben. Mit den Steuereinnahmen sollen höhere staatliche Investitionen in Schulen, den Gesundheitsdienst NHS und die Infrastruktur finanziert werden, auch höhere Defizite und Schulden scheut er nicht.

Corbyn versteht sich als eine Art politischer Robin Hood, der den Reichen nimmt, um den Armen und Zukurzgekommenen zu helfen. Kritiker sagen, dass er als Antikapitalist grundsätzlich etwas gegen die Reichen, die beruflich Erfolgreichen habe. Der BBC-Veteran Tom Bower, selbst ein ehemaliger Linker, hat in seiner Corbyn-Biographie „Dangerous Hero“ den Helden der Linken so beschrieben: „Sparsam und anspruchslos in seiner Kleidung und Ernährung, posiert er als der ,gute Idealist‘, der in einem lebenslangen Kampf für Gerechtigkeit und Gleichheit engagiert ist.“ Das sei aber nur Fassade. In Wirklichkeit sei Corbyn von Abscheu, ja Hass auf den Kapitalismus, die Reichen und Erfolgreichen getrieben, er wolle Gleichheit auf niedrigem Niveau, größere Vermögen konfiszieren und umverteilen.

1949 wurde Corbyn in eine Mittelklasse-Familie – der Vater war Ingenieur, die Mutter Mathelehrerin – im ländlichen Wiltshire und Shropshire geboren. Sein ideologisches Weltbild entwickelte er früh. Als Jugendlicher trat er den Young Socialists bei, verteilte lieber Flugblätter, als fürs Schulabschlussexamen zu lernen, das er gerade so bestand. Besonders prägend war ein Freiwilligendienst 1968/1969 in Jamaica, wo er an einer Schule als Hilfslehrer arbeitete. In Jamaica las er anti-imperialistische, marxistische Literatur, die ihn tief beeindruckte; anschließend bereiste er noch Südamerika.

Zurück in England, studierte er erfolglos ein Jahr „Trade Union Studies“ an einer Technischen Hochschule, arbeitete für eine Textil-Gewerkschaft und wurde mit 24 Jahren erstmals für Labour in einen Londoner Bezirksrat gewählt. Als Labour-Funktionär setzte er sich dafür ein, dass Marxisten und Trotzkisten in die Partei eintreten und aktiv werden dürfen, er war Generalsekretär der Anti-Fascist Action. 1983 gelang ihm der Sprung ins Parlament, als Abgeordneter für den Wahlkreis Nord-Islington, damals ein Arbeiterviertel mit großen sozialen Problemen.

Stets stand er am äußersten linken Rand der Partei und interessierte sich für internationale Beziehungen: Er knüpfte Kontakte zu Anti-Apartheitskämpfern in Südafrika, zur irischen Sinn Féin und IRA-Aktivisten, aber auch zu Vertretern der palästinensischen PLO sowie zur Hamas-Terrormiliz. Seine freundschaftlichen Kontakte zu Islamisten, Anti-Zionisten und Anti-Israel-Organisationen haben ihm den Ruf eines Antisemiten eingebracht, was er zurückweist. Corbyn setzte sich für den Erhalt eines Wandgemäldes ein, das hakennasige (mutmaßlich jüdische) Bankiers beim Monopolyspiel um die Weltherrschaft zeigt, nach einem Aufschrei erklärte er das zum Versehen. Die Labour-Partei hat einige Austritte von jüdischen Mitgliedern und Abgeordneten erlebt. Corbyn hat inzwischen offiziell anerkannt, dass es ein Antisemitismusproblem in der Partei gebe.

Über sein Privatleben spricht Corbyn kaum. Er lebt für seine politische Mission, die Familie hat dahinter anzustehen. Corbyn ist zum dritten Mal verheiratet. Seine Ehe mit der jungen Labour-Gemeinderätin Jane Chapman, die später Englischprofessorin wurde, hielt fünf Jahre. Chapman berichtete anschließend, dass er sie in dieser Zeit kein einziges Mal in ein Restaurant ausgeführt habe. Lieber nimmt sich der Asket und Abstinenzler Corbyn zu Hause eine Dose Bohnen und löffelt sie aus. Die zweite Ehe mit der Chilenin Claudia Bracchitta, mit der er drei Kinder hat, scheiterte nicht wegen seiner Affären mit jüngeren Frauen, sondern weil er nicht akzeptieren konnte, dass sie die Kinder nicht in die eher schlechte öffentliche Schule, sondern eine Privatschule schickte. Das war gegen seine politischen Überzeugungen. Seit 2012 ist Corbyn mit der Mexikanerin Laura Álvarez verheiratet, einer Menschenrechtsanwältin, die ein Importgeschäft für „Fairtrade“-Kaffee betreibt.

Politische Analysten werten Corbyn als den linkesten Labour-Chef seit Michael Foot Anfang der achtziger Jahre, mit dem er befreundet war. Corbyn hat glühende Anhänger unter jungen Leuten, auf dem linken Labour-Flügel und in den Gewerkschaften. In der breiteren Öffentlichkeit sind seine Zustimmungswerte indes chronisch schlecht. Vor zwei Wochen ergab eine YouGov-Umfrage, dass die Briten noch eher einen No-Deal-Brexit (48 Prozent) als Corbyn als Premier (35 Prozent) haben wollten.


Aus: "Jeremy Corbyn : Der Marxist kurz vor der Macht" Philip Plickert (04.09.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/chance-auf-britischen-premier-was-will-jeremy-corbyn-16368597.html

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Bruno Baertschi (Gast), 05.09.2019 - 04:20

Mr. Corbyn scheint über sämtlche Attribute zu verfügen, welche in Deutschland die gesamte Aufmerksamkeit des Verfassungsschutzes auf ihn ziehen würde. ...


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Wilfried Schultz (ahaab), 04.09.2019 - 20:04

Ein bekennender Kommunist als Regierungschef, das wär doch mal eine interessante Alternative in Westeuropa. Ein Vorbild für die "neue" SPD und die Linke in Deutschland. Wahrscheinlich glühen da schon die Gesichter, nach der Lektüre der neuesten Nachrichten aus UK. Aber ich denke, Johnson wird ihn schon austricksen. Und wenn das nicht klappt, so blöd sind die Briten mehrheitlich nun wirklich nicht, dass sie in den realen Sozialismus eintauchen wollen.


...

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Jeremy Bernard Corbyn ...
« Reply #9 on: December 11, 2019, 11:24:59 AM »
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Schapoh

Für die Antisemiten ist Corbyn immer noch eine Lichtgestalt! --- einfach Widerlich


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Georg Kovalcik

Diesen Vorwurf er sei Antisemit liest man immer wieder, ich habe allerdings noch keine Evidenz dazu gesehen. Hat irgendwer einen Link dazu? (Ich meine eine Aussage von ihm, nicht einen Artikel der das nur behauptet.)


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Kommentare zu: https://www.derstandard.de/story/2000112116477/labour-chef-jeremy-corbyn-von-der-lichtgestalt-zum-problemfall

-

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[...] David Graeber lehrt an der London School of Economics. Dieser Text erschien zuerst auf opendemocracy.net // Übersetzung: Mladen Gladić

Ich bin 58 Jahre alt. Und zum ersten Mal in meinem Leben macht es mir Angst, jüdisch zu sein. Rassismus ist normal geworden, Nazis marschieren in den Straßen Europas und Amerikas. Judenhetzer wie Viktor Orbán werden auf dem internationalen Parkett hofiert, ein Propagandist des „weißen Nationalismus“ wie Steve Bannon kann in aller Öffentlichkeit mit Boris Johnson die Panikmache koordinieren, während Mörder, die von solcher Propaganda verblendet sind, wie in Pittsburgh Juden mit automatischen Waffen niedermähen.

Wie kommt es da, dass unsere politische Klasse die größte Bedrohung für die Juden in Großbritannien in jemandem sieht, der sein Leben lang Antirassist war und dem man nun vorwirft, Parteimitglieder, die anstößige Kommentare im Internet posten, nicht eifrig genug zur Disziplin zu rufen? Bei fast allen meiner jüdischen Freunde ruft genau das momentan eine größere und unmittelbarere Beklemmung hervor als die echten Nazis: die endlose Instrumentalisierung von Antisemitismusvorwürfen gegen die gegenwärtige Labour-Führung. Es ist eine Kampagne – wie auch immer sie begonnen hat, sie wird vor allem von Nicht-Juden befeuert –, die so zynisch und unverantwortlich ist, dass ich sie selbst für eine genuine Form des Antisemitismus halte. Sie ist eine unmittelbare Gefahr für jüdische Menschen. Ich muss eine brutale Wahrheit aussprechen. Der Skandal hat ursprünglich sehr wenig mit Antisemitismus zu tun. Seine Ursprünge liegen viel mehr in der Demokratisierung der Labour Party. Nicht dass es in der Partei keine bigotten Einstellungen gegenüber Juden gibt. Weit gefehlt. Aber Antisemitismus ist auf fast allen Ebenen der britischen Gesellschaft anzutreffen. Als verpflanzter New Yorker bin ich oft erschrocken darüber, was im lockeren Gespräch passieren kann (von „Natürlich ist er geizig, er ist Jude“ bis „Hitler hätte sie alle töten sollen“). Umfragen zeigen, dass antisemitische Einstellungen bei Anhängern der Konservativen häufiger sind als bei Labour-Anhängern. Aber Letztere sind in keiner Weise immun dagegen.

Was Labour einzigartig macht, ist, dass Jeremy Corbyn und seine Verbündeten seit vier Jahren die Demokratisierung der Partei vorantreiben. Sie haben Hunderttausende neuer Mitglieder gewonnen und Teile der Partei, die früher immer nur alles abgenickt haben, zu lebhaften Foren öffentlicher Debatte gemacht. Die Plattform Momentum wurde gegründet, um die Partei wieder zu einer Massenbewegung zu machen, wie sie es seit den 1930ern nicht mehr war. Weiter rechts stehenden Abgeordneten war das ein Gräuel. Nachdem sie unter Tony Blair zu Parlamentariern auf Lebenszeit berufen wurden, sind sie inzwischen so weit entfernt von dem, was in ihren Wahlkreisen vor sich geht, dass sie mit ziemlicher Sicherheit ihre Sitze verlieren würden, wenn ein anderes Wahlsystem eingeführt würde. Viele Corbyn-Anhänger haben sich genau dafür eingesetzt.

Ein Politiker kann aber schlecht sagen, dass er gegen Demokratisierung ist. So hat man in den letzten vier Jahren versucht, praktisch alles andere, was man sich vorstellen kann, gegen Corbyn und seine Anhänger aufzufahren. Der Vorwurf einer Tolerierung von Antisemitismus war das Erste, was wirklich griff. Denn ein Demokratisierungsprozess, der jeden zu Wort kommen lässt, bringt zwangsläufig viele wütende Menschen ohne Ausbildung vor die Mikrofone. Daher gibt es auch, trotz größerer Verbreitung von Antisemitismus hier – ganz zu schweigen von anderen Formen von Rassismus und Klassismus –, nur wenige ähnliche Skandale bei den Torys. Niemand ohne Medientraining kommt dort in die Nähe eines Mikrofons (als sie kurz mit der Idee flirteten, eine eigene Jugendgruppe wie Momentum zu gründen, musste das schnell aufgegeben werden, weil man dort begann, die Vernichtung der Armen zu fordern). In einer Gesellschaft, die so reich an antijüdischen Einstellungen ist, bedeutet eine Öffnung für alle, dass einige unweigerlich Ungeheuerliches sagen werden.

Das kann erschreckend sein. Aber wenn man antisemitische Ansichten wirklich bekämpfen will, muss man auch sehen, dass es letztendlich nicht schlecht ist, wenn Formen von unerkanntem Rassismus öffentlich werden. Nur so können sie in Frage gestellt werden. Es gibt Hinweise darauf, dass in den ersten beiden Jahren unter Corbyn genau das geschah: Antisemitische Einstellungen gingen stark zurück.

Doch oberflächlich gesehen führte der Demokratisierungsprozess zunächst dazu, dass mehr antisemitische Kommentare öffentlich wurden. Das machte Corbyn und seine Anhänger verletzlich. Alles spricht dafür, dass der rechte Parteiflügel sich bewusst entschied, das zum eigenen Vorteil zu nutzen. In gewisser Weise eine politische Meisterleistung.

Es wundert nicht, dass sich sowohl rechtsgerichtete Mitglieder der jüdischen Community als auch jüdische Labour-Anhänger in das hineinziehen ließen, was nur als tragische Spirale zu bezeichnen ist. Der Prozess läuft von selbst. Dennoch waren die meisten seiner Protagonisten nicht jüdisch, und viele, wenn nicht sogar die meisten, hatten noch nie zuvor besonderes Interesse an jüdischen Themen gezeigt. Anscheinend war es reine, zynische, politische Berechnung. Die aufgegangen ist. Doch eine Instrumentalisierung jüdischer Themen, die Groll, Panik und Ressentiments hervorruft, ist selbst eine Form von Antisemitismus, unabhängig davon, ob sich die Architekten bewusst sind, was sie tun. Sie erzeugt Angst in der jüdischen Community. Sie beraubt uns unserer stärksten Verbündeten. Es gibt kein vorstellbares Szenario, in dem Bewunderer von Luxemburg oder Trotzki anfangen, Synagogen in die Luft zu jagen, oder in dem Momentum (drei Mitbegründer waren selbst Juden) Menschen dazu bringt, gelbe Sterne zu tragen.

Nazis tun das. Und Nazis sind auf dem Vormarsch. Jetzt, da die rassistische Rechte in ganz Europa an Macht gewinnt, ist das Allerletzte, was wir brauchen, eine Öffentlichkeit, die die jüdische Community für einen Haufen hypersensibler Panikmacher hält. Es ist verrückt, blinden Alarm zu schlagen, wenn echte Wölfe vor dem Tor heulen. Es ist noch verrückter, wenn die, vor denen man warnt, die Menschen sind, die einen am ehesten gegen diese Wölfe verteidigen würden. Die Geschichte von Cable Street bis Charlottesville lehrt, dass die Polizei dazu neigt, sich als nutzlos oder noch schlimmer zu erweisen, wenn Braunhemden auf die Straße gehen. Sie lehrt aber auch, dass es die „harte Linke“ ist, die bereit ist, an unserer Seite zu stehen. Jüdische, linke Intellektuelle wie ich werden wahrscheinlich ganz oben auf der Liste stehen. Aber ich weiß auch, dass Corbyn und seine Anhänger die Ersten sein werden, die sich schützend vor mich stellen. Wird Tom Watson, Chefankläger eines angeblichen Antisemitismus bei Labour, mit ihnen dort stehen? Warum zweifle ich daran?

Solche Szenarien mögen als Fantasie erscheinen, aber auch ein Präsident Trump war das bis vor Kurzem. Alles, was ich tun kann, ist, an alle zu appellieren, die an dieser Kampagne in Politik und Medien beteiligt sind: Bitte, hört auf. Meine Sicherheit ist kein politischer Schachzug. Wenn Sie wirklich helfen wollen, arbeiten Sie mit der Parteiführung zusammen: Wenn man nicht in der Lage ist, konstruktiv zu agieren, sollte man aufhören, die Dinge schlimmer zu machen. Denn zum ersten Mal in meinem Leben habe ich wirklich Angst.


Aus: "Ich habe Angst" David Graeber (Ausgabe 49/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ich-habe-angst

« Last Edit: December 12, 2019, 10:26:50 AM by Link »

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Jeremy Bernard Corbyn ...
« Reply #10 on: December 12, 2019, 10:45:37 AM »
Quote
[...] London/Wien – Sozialismus war in Großbritannien lange Zeit tabu. Die Labour-Partei hat sich zwischenzeitlich neu erfunden, um den Staub dieser Ideologie aus dem letzten Jahrhundert abzubürsten. Doch seit Jeremy Corbyn vom linken Flügel an der Parteispitze steht, wird Sozialismus wieder hochgehalten. Meist betont der 70-jährige Parteichef, dass er stets von einer demokratischen Variante des Sozialismus spricht.

Doch spätestens seit das neue Manifest der Partei vorliegt, sehen sich die Kritiker bestätigt. Corbyns Pläne würden die staatlichen Durchgriffe massiv ausbauen und die freie Marktwirtschaft bis zu Unkenntlichkeit entstellen, lautet der Tenor in zahlreichen Kommentaren. Was versetzt die Kritiker derart in Panik?

Labour will die Staatsausgaben um jährlich 83 Milliarden Pfund ausweiten, wie die BBC berechnet. Das Geld soll in Infrastruktur, den Gesundheitsbereich und Umweltprojekte fließen, aber auch Beamtengehälter und Pensionen deutlich anheben. Bezahlen sollen das alles, in Corbyns Worten, "Banker, Milliardäre und das Establishment".

Konkret will Labour den jetzigen Spitzensteuersatz für Einkommen von derzeit 45 Prozent ab Jahreseinkommen von 80.000 Pfund (rund 100.000 Euro) einheben. Wer über 123.000 Pfund im Jahr verdient, soll davon 50 Prozent abliefern. Für Österreicher oder Skandinavier würde das als Steuersenkung durchgehen. Doch in Großbritannien schrillen bei den Betroffenen die Alarmglocken.

Kommt hinzu, dass Labour sämtliche Einkommen aus Vermögen gleich hoch besteuern will wie Arbeitseinkommen. Eine mögliche Vermögenssteuer, wie sie noch im Manifest aus dem Jahr 2017 steht, ist im aktuellen Programm aber gar nicht erwähnt.

Dafür will die britische Linke künftig Zweitwohnungen und Häuser, Erbschaften sowie den Besuch von Privatschulen besteuern. Neben neuen Abgaben für die Upper Class hat Labour eine "noch nie dagewesene Razzia gegen Steuerhinterzieher und Steuervermeider" angekündigt. Wer Steuern hinterzieht, macht das illegal. Wer sie vermeidet, nutzt legale Schlupflöcher. Allein, dass beide Gruppen im selben Atemzug im Labour-Programm genannt werden, dürfte die britische Elite nervös stimmen.

Kein Wunder, dass sich die Berichte von reichen Briten häufen, die sich darauf vorbereiten, das Land zu verlassen. "Es ist klar, dass es zu einem großen Abgang sehr vermögender Privatpersonen und Familien käme, wenn Corbyn die Regierung übernähme", sagt Christian Kälin der Wirtschaftsagentur Bloomberg. Der Schweizer Jurist hilft mit seiner in Zürich angesiedelten Firma Henley & Partners weltweit Betuchten, die optimale Staatsbürgerschaft für ihr Portemonnaie zu finden. Gegenüber dem STANDARD nennt die Agentur Griechenland und Italien, die vehement um die Reichen aus London buhlen.

Dass wohlhabende Familien ihre Steuern weltweit optimieren, ist nicht neu. Zum Beispiel verließ der reichste Brite, der Pharmamilliardär Jim Ratcliffe, nachdem er für den Brexit lobbyiert hatte, das Land in Richtung Monaco.

Was nationale wie globale Investoren an den Plänen von Labour mehr abschreckt als diverse Reichensteuern, ist der geplante Zugriff auf Unternehmen – und dessen Folgen für die Volkswirtschaft. Corbyn erwartet etwa von der Erdölindustrie eine einmalige Abgabe für "unvorhergesehene Profite", die der Branche in den Schoß gefallen seien.

Der tiefste Eingriff in den freien Markt, da sind sich viele Beobachter einig, wäre jedoch Corbyns Plan, zehn Prozent von jedem privaten Großunternehmen an die Mitarbeiter zu übertragen. Die Profite aus diesen Anteilen würden bis zu einer Obergrenze an die Arbeiter und Angestellten fließen, alles darüber hinaus ginge an den Staat.

Mit dem Ausblick der teilweisen Enteignung würde sich kein ausländisches Unternehmen mehr im Vereinigten Königreich niederlassen, dafür würden nationale Firmen das Weite suchen, argumentieren Corbyns Gegner. Um das zu verhindern, würde eine Labour-Regierung Kapitalkontrollen einführen, lautet ihre Befürchtung. "Das Vereinigte Königreich würde aus dem Klub der fortschrittlichen Demokratie herausfallen", urteilt etwa Martin Wolf, Mitherausgeber der Financial Times und ehemaliges Mitglied der Labour-Jugendorganisation.

So weit die Horrorszenarien; auf der anderen Seite fanden sich 163 Ökonomen, die in einem offenen Brief Labour eine taugliche Zukunftsvision für die britische Wirtschaft attestierten. Ihr Fokus lag auf der maroden Infrastruktur, dem Investitionsstau im privaten Sektor und der Notwendigkeit, die Wirtschaft mit Blick auf Umwelt und Klima nachhaltig auszurichten. Einig sind sich alle, dass Corbyns neues Programm das Land radikal verändern würde. (Leopold Stefan, 12.12.2019)


Aus: "Die Angst der Reichen vor Jeremy Corbyn" Leopold Stefan (12. Dezember 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000112165293/die-angst-der-reichen-vor-jeremy-corbyn

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Van69

"Aber in Europa geht derweil das Gespenst marxistisch-leninistischer Restauration um."

ach wirklich? - ich kann in europa nur eine erstarken längst überwunden geglaubter rechter, nationaler extremisten erkennen, während die sozialdemokratie fast überall in agonie dahin dämmert.


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Castillo99

Es ist ideologisch getarnter Raub. Als notwendige Umverteilung verharmlost.


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shaper

Corbyn macht im Grunde nur was Rechtspopulisten in die Gegenrichtung auch tun: durch Vorstöße den Rahmen des Diskutierbaren ausweiten.
Die UK wurden durch den Thatcherismus und nachfolgende Torries im Sozialbereich geplündert und es wurde massiv von unten nach oben umverteilt.
Kein Wunder dass das Pendel mal in die andere Richtung ausschlägt.


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gesellschaftsfeind

... Demokratie heißt NICHT, dass Reiche reicher und reicher werden sollen, und der Rest gefälligst zuarbeiten hat.


...

« Last Edit: December 12, 2019, 10:47:50 AM by Link »

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Jeremy Bernard Corbyn ...
« Reply #11 on: December 13, 2019, 12:14:13 PM »
Quote
[...] In der Vergangenheit hatte es Corbyn vermieden, seine eigene Haltung zum Brexit klar zu äußern. Im Wahlkampf hatte er betont, er wolle neutral bleiben. Nun begründete er diese Strategie mit den Präferenzen seiner Wähler: Es gebe diejenigen, die den Austritt Großbritanniens aus der EU wollten, und solche, die Mitglied in dem Staatenbund bleiben wollten. "Meine ganze Strategie war es, die Hand über diesen Brexit-Graben hinweg auszustrecken und die Menschen zusammenzubringen", sagte Corbyn. ...


Aus: "Labourchef will Anfang des Jahres zurücktreten" (13. Dezember 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-12/jeremy-corbyn-labour-partei-ruecktritt-grossbritannien

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[...] Eine so deutliche Niederlage hatte kaum jemand erwartet. Labour hat Dutzende Sitze verloren, es ist nach Auszählung fast aller Wahlkreise das schlechteste Resultat seit vielen Jahrzehnten. Die späte Aufholjagd, zu der Labour in den vergangenen Tagen angesetzt hatte, nutzte nichts mehr. Die Partei ist in ein Loch gefallen – und Parteichef Jeremy Corbyn blieb nichts anderes übrig, als seinen Rückzug anzukündigen. Warum ist er am Ende gescheitert?

Die Suche nach Schuldigen begann schon kurz nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnung. Im Mittelpunkt steht dabei Corbyn selbst. Dieser habe den Sieg verspielt, weil er zu unbeliebt sei, hieß es überwiegend in den ersten Kommentaren. Da ist zweifellos etwas dran. Dass der Labourchef miese Zustimmungswerte verzeichnet, ist bekannt. Zudem berichteten Labourkandidatinnen und -aktivisten aus dem Wahlkampf, dass sich viele ehemals treue Labourwähler über Corbyn beschwert hätten – obwohl sie das wirtschaftspolitische Programm der Partei eigentlich mögen. Aber mit Corbyn an der Spitze wollten sie nicht Labour wählen.   

Ein Grund für Corbyns Imageproblem liegt in einer jahrelangen Medienkampagne gegen den Labourchef, angeführt vom rechtskonservativen Boulevard. Dieser verunglimpfte Corbyn als zu extrem, zu zahm, zu autoritär, zu wenig durchsetzungsfähig, zu lächerlich, zu gefährlich – und zwar alles gleichzeitig. Die konservative und Corbyn-feindliche Schlagseite der britischen Presse – auch der Qualitätsblätter – ist bekannt und durch mehrere Studien belegt. Es war ein schamloser Versuch, den Oppositionschef als jemanden darzustellen, der sich außerhalb der akzeptablen politischen Bandbreite bewegt.

Aber diese Kampagne ändert nichts an der Tatsache, dass die Person des Parteichefs in diesem Wahlkampf auch aufgrund seiner Positionen eine Reizfigur war und dass dies seiner Partei geschadet hat. Corbyns Brexit-Standpunkt blieb unscharf, sein propalästinensischer Kurs umstritten. Im Gegensatz zum Wahlkampf 2017 konnte er jetzt auch nicht mehr als Außenseiter punkten.

Dennoch war die Person Corbyns weniger entscheidend für die Niederlage von Labour als das große Thema: der Brexit. In vielen EU-skeptischen Regionen in Norden Englands und in den Midlands gewannen die Tories Sitze hinzu, die bislang stets sicher in Labourhand waren. Das ist eine Entwicklung, die sich bereits bei der Wahl 2017 abzeichnete – doch damals konnte Labour in den meisten Fällen doch noch die Sitze halten.   

Nicht so am jetzigen Wahltag. Etliche Leavers-Sitze wechselten von Labour zu den Tories, in manchen Fällen auf spektakuläre Weise. Dass die Wählerinnen und Wähler in Wahlkreisen wie zum Beispiel Blyth Valley, einem ehemaligen Bergarbeitergebiet im Nordosten des Landes, zum ersten Mal überhaupt einen Tory gewählt haben, wäre noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen. Das markiert eine Zäsur.

Es stellt sich also die Frage, was sich in zweieinhalb Jahren geändert hat. Corbyn war bereits 2017 Labourchef und das Wahlprogramm versprach damals ebenfalls einen radikalen Wandel, wenn auch in etwas bescheidenerem Ausmaß. Die Brexit-Politik hingegen war eine andere: Labour setzte sich für einen weichen EU-Austritt ein, während die Partei diesmal für ein zweites Referendum plädierte. Das mag eine völlig sinnvolle Richtungsänderung sein, schließlich ist dreieinhalb Jahre nach dem ersten Votum klarer, wie der EU-Austritt am Ende aussehen könnte und was die Konsequenzen wären. 

Aber viele Brexit-Wähler sahen das Eintreten für eine neue Volksbefragung als Signal, dass Labour das demokratische Votum von 2016 nicht respektieren wolle. Darunter sind viele Bürgerinnen und Bürger, die sich seit langer Zeit über die fehlende demokratische Mitsprache beschwert haben und die das EU-Referendum als einen seltenen Sieg über das Establishment feiern; eine zweite Brexit-Abstimmung sehen sie als Versuch der verhassten Londoner Elite, ihnen den Sieg am Ende doch noch zu verwehren. Die Labourpartei hat unterschätzt, wie tief dieses Misstrauen sitzt. Auch hat sie die Unterstützung dieser Wählerinnen und Wähler als selbstverständlich angesehen – und erst jetzt gemerkt, dass Parteiloyalitäten nicht in Stein gemeißelt sind.

Auf der anderen Seite lebt Corbyns Labourpartei von der Basis – und die ist proeuropäisch. Es ist zweifelhaft, ob die Tausenden Aktivistinnen und Aktivisten in den vergangenen Wochen so unermüdlich von Tür zu Tür gegangen wären, um für Labour zu werben, wenn sie Vorbehalte gegen Corbyns Brexit-Politik gehabt hätten, das heißt, wenn er sich nicht dem Remainers-Lager angenähert hätte. Der Brexit-Graben zieht sich quer durch die britische Gesellschaft, und der Versuch Labours, beide Seiten zufriedenzustellen, ist am Ende gescheitert.

Man kann sich fragen, ob die Strategie eines zweiten Referendums funktioniert hätte, wenn der Richtungswechsel der Parteiführung früher gekommen wäre, und nicht erst Anfang dieses Jahres. Dann hätte Labour zumindest Zeit gehabt, die Wähler in den Leavers-Gebieten von ihrer Strategie zu überzeugen, die Gründe für das Votum zu eruieren und Lösungen anzubieten. Auf jeden Fall machte die remainers-freundlichere Labourpartei keinen Eindruck auf die Wähler in vielen ehemaligen linken Zentren. Ob der Brexit die politische Landschaft Großbritanniens kurzfristig verändert oder ob es zu einer grundlegenden Neuordnung kommt, wird sich jetzt erst noch zeigen.


Aus: "Jeremy Corbyn: Wenn selbst Bergarbeiter die Tories wählen" Eine Analyse von Peter Stäuber, London (13. Dezember 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-12/jeremy-corbyn-labour-party-neuwahl-grossbritannien

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Denn er weiß nicht was er schreibt #15

Man kann es drehen und wenden oder auch analysieren wie man will, es ist eine vernichtende Niederlage für Parteichef Jeremy Corbyn Labour-Partei.


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Miene Baya #21

Bloss ganz schnell den Verdacht niederschreiben, es könnte an den linken Inhalten gelegen haben, wenn Neosozialisten sogar gegen absolute Nullargumente verlieren....


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Thomas Wohlzufrieden #25

Mit diesem überwältigenden Wahlergebnis haben sich die Briten in ihrer Mehrheit zum zweiten Mal für den Brexit entschieden, deutlicher geht es nicht. Glückwunsch an Britanien!


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tRiddle #2

Die Niederlage von Corbyns Labourpartei zeigt expemplarisch, dass zu viele Politiker nicht wissen, was die Menschen tatsächlich bewegt.


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casparcash #2.3

nur mal interessehalber: was hat denn die bergarbeiter bewegt, tories zu wählen?
nur der hass auf die eu? einer union, die millionen in diese regionen gepunpt hat?
ich kann nur immer wieder mit dem kopf schütteln.


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Irizeroth #2.22

Labour hat bei den eigentlich traditionellen Labour-Wählern spätestens seit Tony Blair ein ähnliches Legitimationsproblem wie die deutsche SPD bei ihrem klassischen Klientel.
Da wirkt es dann nicht besonders überzeugend auf "die Bergarbeiter", wenn man sich hastig den sozialistischen Mantel überwirft ...


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casparcash #2.26

corbyn hat sich also den sozialistischen mantel umgeworfen?
entschuldigung, dass ich mal herzhaft lache.

und jetzt dürfen sie mir mal erklären, warum ein bergarbeiter tories wählt. vor allem diese tories, die nochmal ein stück weiter rechts stehen als thatcher. die seit 10 jahren an der macht sind und nichts für diese regionen getan haben. und das ist noch aufgerundet.
ich bin wirklich auf ihre erklärungen gespannt.


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Albrecht P. #2.39

Ich befürchte das Problem ist leider noch viel fundamentaler als dass Politiker nicht wüssten was die Menschen wollen. Ich sehe, dass viele Menschen gar nicht mehr wissen was sie wollen, was sie bewegt. Sie wollen auf alle Fälle eine radikale Veränderung bei der aber alles so beleiben muss wie es ist oder war. Aber es ist immer wieder erschütternd welche Allgemeinplätze genannt werden, wenn nach der spezifischen Unzufriedenheit gefragt wird. Wenn man wissen möchte welche konkreten Dinge geändert werden sollten. Meine verstorbene Oma hatte früher immer zum besten gegeben: "Wenn's dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis". Das ist es wohl was wir heute sehen. Die Existenzsicherung ist für die Meisten heute kein Thema mehr. Dazu kommt eine Zeit in der die Dinge extrem komplex geworden sind. Die Verwaltung des eigenen Lebens (wie bekomme ich die billigste Versicherung, den günstigsten Handytarif, das beste TV-Abbo, welches Auto, Urlaub...... etc) nimmt im Vergleich zu früher enorm Zeit in Anspruch. Und die großen Probleme sind mehr und mehr global und damit für den Einzelnen zu abstrakt um sie zu erfassen und Handlungen daraus abzuleiten. Puhhh - nicht so einfach. Was die Sozialdemokraten anbelangt sind sie Opfer ihres Erfolges geworden. Die Klientel die den Klassenkampf will (Arbeiterklasse gegen Kapital) gibt es kaum mehr. Bewahren was man hat, Konservativ ist das neue Credo


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Burkis #10

Parteien die sich links nennen haben viel Vertrauen verspielt und Erwartungen enttäuscht. Die SPD reiht sich da mit ein. Es gibt keinen Grund mehr für einen Arbeiter links zu wählen, so soziale Grausamkeiten wie Hartz4 scheinen ja parteiübergreifender Konsens zu sein. Dann wählt man halt nach Sympathie.


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Ich sach ma #10.1

Es ist ja nicht nur das Versagen der linken Parteien, für mehr soziale Sicherheit bei ihrer Wählerschaft zu sorgen - im Gegenteil: in GB wie bei uns treten gerade die Linken für unkontrollierte Einwanderung ein und sorgen damit für noch mehr billige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Das Motiv der Labour Party für diese merkwürdige Politik wurde einmal so formuliert: "to rub the Right’s nose in diversity". Das muß man sich mal reinziehen.

Komplettes Zitat:
"Labour threw open the doors to mass migration in a deliberate policy to change the social make-up of the UK, secret papers suggest. A draft report from the Cabinet Office shows that ministers wanted to ‘maximise the contribution’ of migrants to their ‘social objectives’. The number of foreigners allowed in the UK increased by as much as 50 per cent in the wake of the report, written in 2000.

Labour has always justified immigration on economic grounds and denied it was using it to foster multiculturalism. But suspicions of a secret agenda rose when Andrew Neather, a former government adviser and speech writer for Tony Blair, Jack Straw and David Blunkett, said the aim of Labour’s immigration strategy was to ‘rub the Right’s nose in diversity and render their arguments out of date’."

Lügenmäuler mit "secret agenda", die sie vor ihrer Wählerschaft verborgen haben, wohl wissend, daß die das ablehnen würde.

Ach ja, Quelle:
https://www.dailymail.co.uk/news/article-1249797/Labour-threw-open-doors-mass-migration-secret-plot-make-multicultural-UK.html


Quote
Burkis #10.3

Sie haben vollkommen Recht. Die Konkurrenz um Arbeit und besonders Wohnraum wird für den unteren Mittelstand und darunter immer härter aufgrund der vollkommen undurchdachten und damit verantwortungslosen Einwanderungspolitik.
Das kann nicht im Interesse der Wähler sein die zum Beispiel zur SPD Stammwählerschaft gehört haben.
Mittlerweile 15% für die AfD kommen nicht von ungefähr, die Politiker der Altparteien sollten tief in sich gehen und überlegen ob sie nicht die falsche Politik machen.


Quote
Thrym #10.4

Nein! Die bösen konservativen Medien mit ihren Lügenkampagnen waren schuld! Haben Sie etwa den Artikel nicht gelesen?


Quote
Last but not least #13

Nicht nur Labour auch die Liberalen sind kläglich gescheitert. Jo Swinson hat sogar ihr eigenes Wahlkreis verloren.


Quote
Edelfeder #27

Ich würde für das Ergebnis zwei Hauptgründe ausmachen:

1. Die Briten wollen den Brexit und den gab es wenn man Johnson wählt. Die haben die Nase voll von dem Brexit Wirrwarr und endlich einen Schlussstrich ziehen.

2. Dieser Wahlkampf war der dreckigste ever und die britische Medienwelt ist einer Demokratie eigentlich nicht würdig. Man hat ja kaum eine Lüge oder Desinformation ausgelassen, um die Briten landesweit mit Anti-Labour Propaganda zu beschallen.


Quote
nano846a #31

" Wenn selbst Bergarbeiter die Tories wählen"

Muss man auch erstmal schaffen, dass selbst Bergarbeiter, klassisches Arbeiterclientel lieber einen Polit-Hasadeur wie Johnson statt Labour wählen.


Quote
artefaktum #49.1

@eustochium

>> Die Rechthaberei dieses ideologisch verbohrten Corbyn stieß die Wähler ab. <<

Bei Johnson hat die ideologische Rechthaberei aber geklappt!


Quote
w.max.m #46

Diese Wahl zeigt noch etwas anderes:
Je mehr Lügen und Millionen, der Kandidat auf seinem Konto zu verbuchen hat, desto größer der Zuspruch der Wähler.

Gerade deswegen, weil er als clever gilt. Scheinbar sind die "Ehrlichen die Dummen". Was bedeutete das im Hinblick auf die Wähler?
Autokratische Staatenlenker, Schmierenkömödianten ohne Wahlprogramm, Aufrüster, Steuerbetrüger, Familienbeförderer in eigener Sache, in Österreich, Ungarn, Türkei, USA, ... UK, Brasilien, ...

... Dazu kommt noch, dass es gerade auch Männer zu sein scheinen, die zwar bekanntermaßen Frauen verachten oder wegen Misshandlung ihrer Frauen Polizeieinsätze hervorrufen, Frauen ihr Berufsrecht absprechen wollen ... - all das spielt für Wählerinnen offenbar keine Rolle. Seltsam...


Quote
juiceshop #56

+++Die konservative und Corbyn-feindliche Schlagseite der britischen Presse – auch der Qualitätsblätter – ist bekannt und durch mehrere Studien belegt. Es war ein schamloser Versuch, den Oppositionschef als jemanden darzustellen, der sich außerhalb der akzeptablen politischen Bandbreite bewegt++++

Tja, so wird Meinung gemacht!
Und zwar leider wirkungsvoll!


Quote
autopoietiker2 #69

Eigentlich eine erstaunliche Entwicklung. Ich hatte das auch nicht gedacht, aber die Brexit-Frage scheint tatsächlich in bestimmten, ehemals strikt Labour wählenden Stimmbezirken, eine entscheidende Rolle gespielt zu haben.
Dabei war die Wahl in 2016 in jenen Regionen eher ein Protestwahl, die wohl auch nicht durch übergroße Kenntnis über die EU fundiert war. Klar gab es Ressentiments gegen Zuwanderer, gegen das Abgehängtsein innerhalb Britanniens und der EU. Auch die Globalisierung spielte eine Rolle. Aber irgendwas ist dann doch passiert in jenen drei Jahren. Die ursprünglich nicht sehr tiefgehende Wahlentscheidung wurde zu einem Teil der Identität. Je mehr die Spaltung des Landes voranschritt, um so mehr verfestigte sich der eigene Standpunkt. Man wurde zu einem Brexiter. Dabei spielte der reale Brexit mit seinen vielfältigen Risiken und Impliktionen gar keine große Rolle mehr. Das ist eh nur schwer greifbar, und liegt auch in einer ungewissen Zukunft. Was zählte, war die Haltung jetzt. Man gehörte nun einem "Stamm" an, dem Brexitstamm. Entsprechend traten dann auch alle anderen Politikfelder in den Hintergrund.


Quote
Fahrinurlaub #72

"Wenn selbst Bergarbeiter die Tories wählen" Das wird sich nicht auszahlen! Die Arbeiterschaft hat sich nach Strich und Faden belügen und betrügen lassen, von einem notorischem Lügner.
Warum teile der Arbeiter gegen ihre eigentlichen Interessen stimmen, kann man sich nur damit erklären, das sie immer dem größten Lügnern auf den Leim gehen. Anscheinend fehlt es wirklich an Bildung und Intelligenz, traurig.


Quote
JFKII #72.1

"Anscheinend fehlt es wirklich an Bildung und Intelligenz, traurig."

Dafür haben wir ja stattdessen gebildete und kluge Leute wie Sie, die jeder Person, die nicht in Ihrem Sinne handelt, mangelnde Bildung und Intelligenz vorwirft.

Salopp formuliert: Alles Deppen, außer mir.
Kommt bei den anderen Personen bestimmt gut an und macht sie ungmein sympathisch.


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Fahrinurlaub #72.2

Da machen sie sich mal keine Sorgen! Mir geht es blendend. Und ja es muss an Bildung fehlen, sonst würden Arbeiter niemals eine Partei wählen die keinerlei Interessen der Arbeiterschaft und kleinen Angestellten vertritt.
Oder anders" Nur die dümmsten Kälber, wählen ihre Metzger selber"


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JFKII #72.3

Glaube ich Ihnen aufs Wort, dass es Ihnen blendend geht. Hybride Menschen haben das meist so an sich.
Ja, die Phrase schon tausendmal gelesen und gehört, die ist nicht mehr originell und sagt nichts mehr aus, außer dass es eine inflationär genutzte Phrase ist.
Im Gegenteil, es wirft ein schlechtes Licht auf die Parteien, die ursprünglich vorgaben, die Interessen der Arbeiterschaft vertreten. Die müssen wohl irgendetwas ziemlich falsch gemacht haben, wenn die Arbeiterschicht nicht mehr für diese stimmt.
Das vergessen Leute wie Sie immer.


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[...] Korrespondenten bewegen sich in der Regel in den proeuropäischen Zirkeln, von dort kommen dann auch die europafreundlichen Gesprächspartner, die dann auch immer betonen, wie schwer sie unter dem Brexit leiden. Bekannte Künstler und Musikbands, die nun mal berufsbedingt sehr international orientiert sind, bezeichneten den Brexit als große Schmach. Es ist natürlich völlig in Ordnung, dass diese Stimmen zu Wort kamen. Dumm nur, dass vergessen wurde, dass der Großteil der Bevölkerung dazu eine andere Meinung hat.

Einer der wenigen Journalisten, die darauf immer wieder hingewiesen hat, war der Auslandsressortleiter der taz, Dominic Johnson. Er, der sich auch in den Teilen Großbritanniens auskennt, die von deutschen Medienvertretern selten besucht wurden, hat immer der These widersprochen, dass in Großbritannien mittlerweile eine Mehrheit gegen den Brexit ist.

Es fragt sich nur, warum die Labour-Führung das nicht gemerkt hat, obwohl doch viele ihrer Abgeordneten vor der aktuellen Wahl aus abgehängten proletarischen Gegenden kamen. Die Labour-Führung hat so taktiert, als wäre sie auch ständig mit den Mythen konfrontiert gewesen, die in vielen deutschen Medien verbreitet wurden. Die Frage, warum das so ist, ist nicht schwer zu beantworten. Sie stammen eben aus den linksliberalen Kreisen, die immer die Pro-EU-Statements in die Mikrophone der verschiedenen Medien sprachen.

Wenn Dominic Johnson aber in seiner Nachwahlberichterstattung aus dem Ergebnis auch Chancen herauslesen will und über die Neuerfindung der Linken spricht, sollte man vorsichtig sein. Ist schon vergessen, dass auch in vielen englischsprachigen Medien wie im Magazin Jacobin gerade Corbyn als Beispiel dafür genannt wurde, dass man mit linkssozialdemokratischen Position auch heute noch erfolgreich sein kann? Die Neuerfindung der Linken könnte dann eher heißen, dass die marktliberale Blair-Riege wieder zurückkommt. Da Johnson in manchen außenpolitischen Fragen durchaus auf deren Wellenlänge lag, ist anzunehmen, dass er diese Entwicklung nicht bedauern würde.

Tatsächlich ist mit dem Abgang von Corbyn auch europaweit ein weiterer "Hoffnungsträger" der sozialdemokratischen Linken verschwunden. Auch in Großbritannien dürfte sich nach dem Streit um den Brexit nun die Debatte über die Übergangsphase und die Verhandlungen über die Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU an Bedeutung gewinnen. Hier sind noch viele Wendungen möglich und auch der No-Deal-Brexit ist nicht vom Tisch.

Mit dem Erstarken des schottischen Nationalismus und der Forderungen nach einen Unabhängigkeitsreferendum wird das nächste Gift für eine solidarische Klassenpolitik schon angerührt. Profitieren davon werden die Kapitalfraktionen und die Rechte nicht nur in Großbritannien. Für die deutsche Medienvertreter sollte das Ergebnis der britischen Wahl Anlass sein, die engen bürgerlichen Zirkel zu verlassen. Das wurde allerdings schon nach der Wahl von Trump auf die USA bezogen gefordert. Trump hatte, wenn es nach der deutschen Presseberichterstattung gegangen wäre, schon bei den Vorwahlen scheitern müssen.


Aus: "Niederlage auch für die Brexit-Berichterstattung in Deutschland" Peter Nowak (14. Dezember 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Niederlage-auch-fuer-die-Brexit-Berichterstattung-in-Deutschland-4615525.html?seite=all

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Oliver Nachtwey @onachtwey Oliver Nachtwey Retweeted George Eaton

Die Altersdisparitäten bei der Wahlentscheidung in UK sind enorm. Bei den unter 44 jährigen ist Labour mit großen Abstand die Mehrheitspartei.



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« Last Edit: December 15, 2019, 11:08:55 AM by Link »