Author Topic: Stadtteile Memos ("sensitive urban zones" etc. )...  (Read 28600 times)

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3745
    • View Profile
Stadtteile Memos ("sensitive urban zones" etc. )...
« Reply #20 on: April 06, 2019, 04:46:17 PM »
Quote
[...] "Ey total geil!" Der kleine Bub mit seinem Tretroller ist ganz aus dem Häuschen. "Dreht ihr hier für 4 Blocks, oder was?" Sieben Polizisten haben in der Neuköllner Hobrechtstraße vor einem unscheinbaren Café Aufstellung genommen, aus einem Begleitfahrzeug steigen weitere Polizeikräfte, man sieht auch gelbe Westen mit der Aufschrift "Steuerfahndung Berlin". Doch nein: Es sind keine Dreharbeiten für die TV-Serie oder einen Spielfilm über arabische Clans in Berlin. In der kleinen Straße mit dem typischen Berliner Kopfsteinpflaster geht es gegen echte Mitglieder der mittlerweile fast schon legendären Großfamilien in der Berliner Hauptstadt. Ein kurzer Blick ins verrauchte Café, in dem ausnahmslos Männer sitzen, dann ist klar: Es gibt einiges zu tun. Die Thekenkraft hat keine Arbeitserlaubnis, in der Dachrinne liegen Drogen, Spielautomaten sind im Nebenraum aufgestellt und nicht – wie vorgeschrieben – im Aufsichtsbereich des Personals. Aber die bunt blinkenden Geräte sind ohnehin gleich Geschichte. Sie werden, wie ein großer Fernseher, in den Polizei-Lkw verladen, wobei eine Sackkarre des Bezirksamtes zu Bruch geht. Doch dieser Kollateralschaden ist verkraftbar.

"Hat sich gelohnt", sagt Thomas Böttcher und nickt zufrieden. Der 61-jährige Polizeidirektor, Leiter des Abschnitts 55 in Berlin-Neukölln, verbringt neuerdings viel Zeit in diversen Neuköllner Etablissements wie Spielhallen oder Shishabars. Mehr Kriminalität als anderswo hat es im traditionellen Arbeiterbezirk Neukölln, der wegen seines hohen Anteils an Migranten auch "Problembezirk" genannt wird, immer schon gegeben. Doch mittlerweile herrschen Zustände, die Bezirksvizebürgermeister Falko Liecke (CDU) so beschreibt: "Die Clankriminalität hat ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr akzeptabel ist." Fünf bis sechs große Familien mit bis zu 800 Mitgliedern betreiben in Böttchers Revier im Norden ihre Geschäfte. Für die schweren Straftaten sind die Ermittler im Landeskriminalamt zuständig. Böttcher und seine Leute hingegen verfolgen an der Basis eine neue Strategie. Regelmäßig gibt es sogenannte Verbundeinsätze gegen Clankriminalität. Dann rücken Polizei, Bezirksamt, Steuerfahndung und Zoll gemeinsam aus. 110 Kräfte sind an diesem Abend im Einsatz. Die Intention beschreibt Böttcher so: "Wir setzen permanente Nadelstiche und entfalten Druck auf die Clans, um zu zeigen, dass der Staat sich nicht auf der Nase herumtanzen lässt. Und wir geben natürlich auch der Bevölkerung ein Gefühl der Sicherheit. Es gibt hier keine No-go-Areas."

Im Café selbst sieht man das anders. "Was macht ihr hier? Das ist nicht normal! Ich will doch nur Tee mit meinen Freunden trinken, und ich werde dauernd kontrolliert", empört sich ein 56-Jähriger, der als Kind aus der Türkei nach Berlin kam. Seine Meinung: "Es geht immer nur gegen die Ausländer!" Da kommt ihm Martin Hikel gerade recht. Der Neuköllner SPD-Bezirksbürgermeister steigt aus seiner Limousine, um sich den Laden mal anzusehen. Findet ein Einsatz mit Schwerpunkt Clankriminalität statt, dann sind Berliner Politiker – vom Innensenator abwärts – meist nicht weit. Alle wollen demonstrieren, dass sie das Problem erkannt haben. "Der Pass ist uns egal, wir kontrollieren auch Deutsche", versucht Hikel den Aufgebrachten zu beruhigen. Er kommt damit nicht durch. "Ich kenne den Inhaber, das Café ist zu 1000 Prozent sauber", sagt der Gast, was die Einsatzkräfte allerdings anders sehen. Der Mann hat 70.000 Euro Steuerschulden, als Gewerbetreibender verstößt er gegen zahlreiche Auflagen. "Wir finden immer was", sagt einer aus der Truppe, "Drogen, Waffen, Gammelfleisch, Stromdiebstahl, manipulierte Spielautomaten, abgelaufene Konzessionen, blockierte Fluchtwege."

Einige Straßen weiter, die nächste Durchsuchung, wieder ein Café mit Spielautomaten, wobei der Begriff "Café" recht wörtlich gemeint ist. Zu trinken gibt es nur diesen und ein paar Limonaden. Dafür stehen viel mehr Spielautomaten als erlaubt im Raum. Ein Klassiker, sagt einer der Polizisten. Er möge die Geräte zur Überprüfung öffnen, wird der Betreiber von einem Mitarbeiter des Finanzamtes aufgefordert. Der Mann hat keinen Schlüssel. Wo ist der? Beim Chef. Wo ist der Chef? Im Libanon. Also werden die Automaten stillgelegt, statt "Top Game" flimmert nun "Ruhepause" über die Bildschirme neben der verstaubten Plastikpalme. Weniger ruhig läuft die Durchsuchung in einem Spielsalon gleich daneben ab. Der Inhaber – er stammt aus der Türkei – beschwert sich über permanente Schikanen durch die Polizei und versichert: "Ich bin ein ehrlicher Geschäftsmann." Gespielt werde bei ihm kaum, er verdiene bloß an den Getränken. "Die wollen, dass ich aufgebe", sagt er über die Polizei. Und er fasst seinen Frust zusammen: "Vor 30 Jahren haben sie uns Ausländer ins Land gelassen, aber dann haben sie uns vergessen."

Den Vorwurf, sich nicht um Integration gekümmert zu haben, muss sich die Politik genauso anhören wie jenen, Multikulti zu lange verklärt zu haben. "Die Clankriminalität konnte richtig groß werden, weil bestimmte Bevölkerungsgruppen aus falsch verstandenem Multikulturalismus nicht diskriminiert werden sollten", sagt der Migrationsforscher Ralph Gadbahn, der ein Buch über Clans geschrieben hat. Man sieht dieses Problem bei der Polizei auch. Und dennoch muss sie jetzt gegen die Auswüchse vorgehen. Mitleid mit dem Geschäftsmann, der seine Einkünfte vor allem durch den Verkauf von Cola und Kaffee erzielen will, hat keiner. "Der betreibt 40 Läden. Bei einer Hausdurchsuchung vor kurzem haben wir Kontoauszüge mit neun Millionen Euro gefunden", sagt einer. Der Fall liegt nun bei der Steuerfahndung. Das schnelle und viele Geld ist natürlich das Hauptproblem. Polizisten und Lehrer erzählen, dass Kinder von Clangrößen mit Bündeln von Hundert-Euro-Scheinen durch die Klassen laufen. "Wir können keine Mercedes-S-Klasse bieten, sondern nur eine Kfz-Lehre", sagt CDU-Mann Liecke, der Kinder aus den kriminellen Clans holen will. Diese Alternative erscheint jedoch den wenigsten attraktiv.

Deshalb übernehmen Böttcher und sein Team auch den Versuch, pädagogisch einzuwirken. Wer "Hurensohn, Bitch, Schlampe oder ich ficke deine Mutter", sagt, begeht eigentlich die Straftat der Beleidigung, wird Kindern in der Präventionsstunde der Polizei vermittelt. Kaum jemand weiß das, es gehört zur Alltagssprache. Um die Älteren "kümmert" sich Böttcher persönlich auf der Straße. Spätabends, bei der Verkehrskontrolle auf der Hermannstraße, lässt er bevorzugt sehr teure Fahrzeuge herauswinken. Oft beziehen die Fahrer Sozialhilfe, das Auto gehört dem Onkel, dem Cousin oder dem Cousin vom Onkel. Gerade inspizieren Polizisten einen Luxuswagen, der zur Fahndung ausgeschrieben ist. Man möge sich "verpissen", er habe gute Anwälte, schreit der 20-jährige Fahrer. Warum er keine Papiere vorweisen kann, sagt er nicht. Es sei das Auto seines Onkels. Wenig später wird es auf den Abschleppwagen gehievt und abtransportiert. Weil sie gezielt junge Männer mit teuren Autos rausfischen, müssen sich die Polizisten oft Klagen über Racial Profiling anhören. "Nein", sagt einer, "da geht es um beinharte kriminelle Strukturen." Völlig zerschlagen werde man diese niemals, das weiß auch Böttcher. "Aber die Nadelstiche beginnen zu wirken", sagt er. Einigen lokalen Clangrößen sei der Druck in Neukölln zu groß geworden, sie sind weggezogen. "Das verschafft dem Bezirk Luft", meint er und hofft, so eines Tages sein persönliches Ziel erreichen zu können: "Die Kriminalität soll in Neukölln zumindest nicht höher sein als anderswo in Berlin."


Aus: "Wie die Berliner Polizei gegen arabische Clans vorgeht" Birgit Baumann (6.4.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000100902279/Wie-die-Berliner-Polizei-gegen-arabische-Clans-vorgeht


Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3745
    • View Profile
Stadtteile Memos ("sensitive urban zones" etc. )...
« Reply #21 on: November 27, 2019, 09:36:33 AM »
Quote
[...] Ich komme pünktlich um zehn und sehe Bürgersteige voller Zelte. Einkaufswagen, in denen die spärlichen Besitztümer der Bewohner*innen aufbewahrt werden. Paletten mit Dosenessen neben gebrauchten Spritzen. Der Uringeruch beißt in der Nase. In der Regel treiben die Einladungen des Goethe-Instituts mich in aufgeräumte Tagungszentren, Galerien oder Theater. Das Thema Obdachlosigkeit, um das es im aktuellen Projekt in Los Angeles geht, lässt sich abseits der Straße aber nun mal kaum fassen. Vor einem Zelt, das er mit seinen beiden Pitbulls teilt, empfängt mich Crushow Herring. Er ist Teilnehmer der Konferenz Worlds of Homelessness und hat mich eingeladen, ihn hier zu interviewen. Als ich ankomme, fegt er den Bürgersteig, plaudert mit Nachbar*innen aus den Zelten nebenan. Und ich staune. Über Skid Row, das als eines der gefährlichsten Viertel von L.A. gilt und für Herring schlicht freundliche Nachbarschaft zu sein scheint.

Bislang sind sämtliche Versuche gescheitert, die Zeltstadt in Downtown L.A. mit ihren mehr als 2.000 Bewohner*innen zu räumen. "Zustände wie in der Dritten Welt", schrieb der Völkerrechtler Philip Alston vergangenes Jahr in einem UN-Bericht über das 50 Blocks große Viertel, in dem seit Beginn des 20. Jahrhunderts arme und marginalisierte Angelenos leben. Stoisch beobachtet Herring den Mann von der Stadtreinigung, der die gelben Graffiti-Botschaften hinter seinem Zelt übermalt. "Junkie-Asyl", "Vorort zur Hölle", lauten gemeinhin die Zuschreibungen von außerhalb des Viertels. Doch Herring kann damit nichts anfangen. Er ist freiwillig hier – und zwar deutlich öfter als bei seiner Frau und den Kindern in Long Beach. 

Eigentlich müsste er nicht mehr in Skid Row leben. Vor knapp 20 Jahren schlug er als erfolgloser Basketballspieler ohne Job und Wohnung hier auf. Dealte, wie so Viele, mit Crack, um über die Runden zu kommen. Der Kontakt zu Sozialarbeiter*innen und Künstler*innen im Viertel aber hat Herrings Leben verändert. Die eigenen Kunstprojekte interessierten irgendwann auch jenseits von Skid Row, das toughe Image des Viertels faszinierte die Galerist*innen. Doch zumindest phasenweise wohnt er noch hier, will jetzt andere unterstützen. "Vielleicht, weil es der einzige Ort war, an dem ich damals willkommen war", sagt er und winkt Menschen zu, von denen manche mehr tot als lebendig an uns vorbeischlurfen. Auch Mitarbeiter*innen von Drogenpräventionsprojekten und der Jobvermittlung grüßen den 42-Jährigen. Menschen vor Kirchen und Suppenküchen, die Sprayer im Park.

Am Abend wird Herring auf dem Podium des Goethe-Instituts sitzen, am Wochenende ein Musikfestival moderieren. Er bewegt sich zwischen hippen Galerien und Nachbarschaftstreffen, organisiert Workshops, schafft Toiletten für die Community mit ran. Fast riecht seine Geschichte ein bisschen nach Hollywood, aber fürs Kino fehlt Skid Row die Romantik. Viele hängen schlicht hier fest: Frauen, die sich vor gewalttätigen Männern verstecken, Abhängige, die fast alles für den nächsten Schuss tun, Zwangsprostituierte, Traumatisierte. Doch selbst sie scheinen in Skid Row eine Art Zuhause gefunden zu haben. "In Obdachlosenheimen hat man ein Dach über dem Kopf, hier gehört man dazu", sagt Herring schlicht.

Stadtplaner*innen erforschen das Phänomen informeller Strukturen längst mit großem Interesse. Suchen weltweit nach angemessenem Umgang mit den Konsequenzen städtischer Verarmung. "Menschen, die sich formellen Wohnraum nicht leisten können, schaffen sich eigene Lösungen", schreiben Fabian Frenzel und Niko Rollmann in der taz. Zwar ist Skid Row bereits die Art von stigmatisiertem Ghetto, vor dem sie tendenziell warnen. Doch gezwungenermaßen trägt gerade hier die Gemeinschaft. "Friday?", ruft eine junge Frau Herring im Vorbeigehen zu. "Friday!", antwortet er. Mal wieder eine Beerdigung.

Dort, wo gefühlte Wohlstandssicherheit das Leben bestimmt, blickt man mit einer Mischung aus Mitleid und Befremden auf das Geschehen in Skid Row. Noch atmen die Besserverdienenden ruhig, weil die Obdachlosen noch nicht ganz bis vor ihre Haustür vorgedrungen sind. Dabei verlieren immer mehr arbeitende Menschen Haus und Wohnung – auch in den Zelten von Skid Row leben viele, die morgens ins Büro gehen. In L.A. liegen die offiziellen Obdachlosenzahlen bei 36.300. Eine Mischung aus steigenden Mieten, prekären Arbeitsbedingungen und fehlender sozialer Absicherung treibt die Menschen auf die Straße. Die spärlichen Reintegrationsangebote der Stadt erreichen sie dort kaum.

So gerät das Bild des zugedröhnten Penners, der seinen Abstieg selbst verschuldet hat, in extreme Schieflage. "In unserer Gesellschaft werden vor allem Afroamerikaner*innen viel zu schnell und pauschal als Kriminelle abstempelt", sagt Charles Porter von der Drogenberatungsstelle UCEPP. "Wenn sie erst mal auf der Straße leben, werden sie nur noch als gesellschaftliche Störfaktoren wahrgenommen, die die räumliche und soziale Ordnung stören." Herring schüttelt resigniert den Kopf, wenn er von den Reinigungsaktionen erzählt, mit denen die Polizei sein Viertel regelmäßig "säubert" und die wenigen Besitztümer der Bewohner*innen einkassiert. Den Weg zum Mittagessen gehen wir auf Umwegen, Herring trägt eine elektronische Fußfessel, an einer bestimmten Straße darf er nicht mehr vorbei. Angeblich hat er dort 2015 jemanden ausgeraubt. Er bestreitet das – doch seitdem er in Skid Row lebt, hat die Polizei ihn auf dem Kieker.

Auf dem Podium von Worlds of Homelessness spricht Herring am Abend vor Architekt*innen, Soziolog*innen und Leuten aus dem Kiez. Über die Kriminalisierung der Armut, institutionalisierte Diskriminierung, Polizeigewalt – darüber, dass all dies noch immer zu oft als Problem anderer abgetan wird. Neben ihm sitzt die deutsche Stadtplanerin Barbara Schöning und erklärt, warum auch Berlin kein Mietwunderland mit bezahlbarem Wohnraum mehr ist. Wie die Preise innerhalb der letzten zehn Jahre durch ausufernde Immobilienspekulation durch die Decke gingen. Und die Obdachlosenzahlen auch dort steigen – selbst wenn die Zustände längst nicht so dramatisch sind wie in L.A. Und Zeltsiedlungen ohnehin meist reflexartig abgerissen werden.

Vier Tage diskutiert Herring mit über Wohnungsnotfragen in den USA, Deutschland, Italien, Kolumbien und Südafrika. Verhandelt die extremen Unterschiede zwischen den Heimatländern der geladenen Expert*innen und applaudiert der US-Soziologin Hilary Silver, die am Ende eine entscheidende Gemeinsamkeit benennt: die Flexibilität des Begriffs Zuhause. "Es ist nicht das konventionelle Dach über dem Kopf, das uns Zugehörigkeit vermittelt", sagt sie. "Es sind die sozialen Strukturen, die uns tragen."

Strukturen, die sich im erstaunlichen Potenzial von vermeintlich "gescheiterten" Gegenden wie Skid Row zeigen, wo Drogenentzug, Jobvermittlungen oder den Bau neuer Duschzentren längst die Community selbst übernimmt. Die damit das staatliche Versagen gegenüber den Missständen vor Ort entlarven. Die Abgrenzung von der "Armut der anderen": Ich praktiziere sie selbst, wenn ich Alltagsszenen unter Berliner S-Bahn-Brücken oder vor Supermärkten ausblende. Dabei liegt die Chance sicherlich auch jenseits von Skid Row im Hinsehen: darin, aus den Bedürfnissen und Ideen "der anderen" zu lernen.

Am Tag nach der Konferenz sehe ich Crushow Herring beim Skid Row Arts Festival. Er steht auf einer kleinen Bühne und kündigt ein Straßenorchester mit einem Solisten an, der früher beim Los Angeles Philharmonic spielte. Vor dem Stand einer Theatertruppe plaudert ein ehemaliges Gangmitglied der Denver Lane Bloods mit einem Schauspielkollegen. Hinter ihnen ein ehemals obdachloser junger Mann in Uniform, der sich sein Medizinstudium verdient, indem er über die Community wacht. Zwischen Fitnessgeräten und Spielplatzequipment die schunkelnden Menschen aus Skid Row. Und als Momentaufnahme sieht ihr Leben an den Rändern definitiv nach mehr aus als nach schlecht verkleideter Anarchie.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. ...


Aus: "Am Freitag ist mal wieder Beerdigung"  Elisabeth Wellershaus, Los Angeles  (26. November 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-11/obdachlosigkeit-wohnungsnot-los-angeles-berlin-wohnen-10nach8/komplettansicht

Quote
Emil Galotti #5


Das ist ein sich ständig erweiterndes Problem amerikanischer Großstädte, und niemand scheint ein Konzept dagegen entwickeln zu können.
In der Gemeinde (County) von Los Angeles gibt es 57 000 Obdachlose, von denen ca. 1000 im Jahr ihr Leben verlieren(Mord, Krankheit, Drogen, Unfälle).
Man hat in Laufe der Jahrzehnte schon alles mögliche versucht, ist aber doch stets gescheitert, die Zahlen werden immer höher.

Aus meiner Sicht ist die Lage aber dennoch ein wenig anders als bei uns in kleinerem Rahmen, da sich unter den Obdachlosen weniger schwere Trinker, dafür aber Menschen mit mentalen Herausforderungen befinden.

Ich selber habe vor geraumer Zeit mit einigen Personen gesprochen, die durch ihre Erlebnisse bei Militäreinsätzen jeglichen Kontakt zur übrigen Gesellschaft verloren haben, die einfach keinerlei Hilfe annehmen können oder wollen.

Für die betroffenen Städte und deren Bewohner eine ungeheure Belastung, die man irgendwie nicht verringern kann!


Quote
NaDaSchauHer #10

Amerika ist genauso wie Deutschland ein Land in dem die Bürger „gut und gerne leben können“ - und die Rüstungsfirmen und Reichen immer dicker und satter werden.


Quote
bromfiets #10.1

So what? Für Krieg und Steuersenkungen für Bessergestellte ist immer Geld da, aber nicht für Arme, Arbeitslose, Kranke und Alte.


Quote
Gerd Keper #13

Die Zustände in Los Angeles haben wenig mit der Wohnungssituation dort zu tun. Das mag eine Rolle spielen, allerdings nur eine nebensächliche.
Die Menschen in den Zeltstädten sind oft psychisch krank und fast alle sind Drogenabhängig. Die "informellen Strukturen" Die im Artikel so gelobt werden sind genau das, was die Leute dort hält und die Untätigkeit der Stadt besorgt das Übrige.

Die Obdachlosen sind nicht nur eine Gefahr für sich selbst (1000 starben in der ersten Hälfte 2019) sondern für die gesamt Stadtgemeinschaft. Krankheiten wie Typhus und Tuberkulose brechen aus und verbreiten sich rasend, vom wirtschaftlichen Schaden für die Bezirke ganz abgesehen. Kaum ein Laden hält sich lange wenn die Kunden regelmäßig über menschliche Fäkalien steigen müssen. Was hier passiert ist nicht inspirierend, es ist ein Armutszeugnis.

Die Zeltstädte abzureißen wäre ein notwendiger erster Schritt. Zwangseinweisung in medizinische/psychiatrische Einrichtungen ein zweiter. Erst danach können Maßnahmen wie betreutes oder soziales Wohnen überhaupt greifen.

Übrigens, es geht nicht um Schuld wie im Artikel anklingt. Drogenabhängigkeit ist eine Krankheit. Treffen kann es jeden der die Veranlagung hat und in eine entsprechend anfällige Situation rutscht. Wenn man sich nicht von der Schuldfrage löst und sich stattdessen auf die Lösung des Problems fokussiert ändert sich nichts.


Quote
bromfiets #13.2

"Die Zeltstädte abzureißen wäre ein notwendiger erster Schritt. Zwangseinweisung in medizinische/psychiatrische Einrichtungen ein zweiter. Erst danach können Maßnahmen wie betreutes oder soziales Wohnen überhaupt greifen."

Die medizinischen und psychiatrischen Einrichtungen müssten erstmal vom Staat aufgebaut werden. Das gesamte US-Gesundheitssystem ist auf Rendite mit Behandlungen für Bessergestellte ausgelegt. Brust-OP und Lippenvergrößerungen bekommen Sie da an jeder Ecke - wenn man's bezahlen kann.
Und auch normale Mittelschichtler leben gefährlich: Ein Bekannter wohnt am Rande eines "Gang-Viertels". Er ist schon zweimal mit dem Auto an einer Schießerei vorbeigefahren und hat zwei Querschläger abbekommen. Er war froh, dass es nur Blechschäden waren, weil seine Krankenversicherung sehr hohe Selbstbeteiligungen hat.


Quote
Dhahab #18

Städteplaner und Soziologen können gegen die Verwahrlosung in Los Angeles nichts ausrichten, wenn sich nicht die Mentalität der Bürger ändert.

Steigende Mieten sind mit Sicherheit nicht das einzige Problem der amerikanischen Gesellschaft.
Wer auf die Straße fliegt muss nichts zwangsläufig in einem Pappkarton übernachten, denn das Naheliegendste ist doch dass man in einer Notsituation zunächst bei Verwandten unterkommt.
Wenn man dann Arbeit gefunden hat, kann man ja wieder ausziehen - in einen preiswerteren Stadtteil oder aufs Land.
Das Problem ist aber, dass die meisten dieser Obdachlosen gar keine Familie haben.
Das eigentliche Problem ist der "american lifestyle".


Quote
Miami-HH #18.1

Oder haben die Familie schon 10mal beklaut um an den nächsten Schuss ranzukommen.

Soll selbst in Deutschland vorkommen.

[#20

Was will der Bericht jetzt ausdrücken?
Liegt es an der Wohnungsnot? Arbeitslosigkeit?

Oder will man in die wenigen Unterkünfte nicht ziehen, weil dort Regeln herrschen, wie z.B kein Alkohol oder Drogen.

Im Grunde genommen ist die Strasse für diese Menschen, die Alternative zur geschlossenen Psychatrie.

Ich würde auch die Strasse wählen, zumal in L.A. oder Miami.]


Quote
trespanes #23

Ich war selber 2011 in der Skid Row zu Besuch und finde der Artikel romantisiert die Zustände gegen Ende hin viel zu sehr. Alltagsrealität dort sind organisierte Drogenkriminalität, Überdosen, extreme hygienische Bedingungen, psychische Krankheiten, allgemeine Armut und Kollektive Hilflosigkeit. Dazu eine Akkumulation von NGOs, die diese Leute im Industriemaßstab versorgen und Anreize schaffen, dass immer mehr Menschen aus den ländlichen Regionen zuziehen, weil es dort längst nicht so eine gute Support Struktur gibt wie in der Skid Row.

Die Probleme der extremen sozialen Ungleichheit in den USA sind strukturell und lassen sich sicherlich Nicht durch Repression lösen, trotzdem ist Die Skid Tow auch beim besten Willen kein erstrebenswerter Zuhause für niemanden sondern tatsächlich eher ein Vorort der Hölle.


Quote
xtina72 #24

Mei, is halt so. Wir haben halt die Globalisierung, da gibt es halt mal Verlierer. Solange man nicht selber betroffen ist, ist doch alles klasse und supipupi. Und für die armen Verlierer wird man schon eine Lösung finden - - oder auch nicht. Außerdem - hätten die was "anständiges" gelernt, müssten sie nicht frieren!

Ist ja nicht das Problem der Mittelständler - oder?

Und das der Wirtschaft oder gar der Elite auch nicht, wie geschrieben, Globalisierung und so. Bischen Schwund ist da immer.

Oder so ähnlich wird doch gerne argumentiert, von unseren AG, unseren Vermietern und allen anderen "Siegern"


Quote
Oktavfloete #29

das toughe Image des Viertels faszinierte die Galerist*innen.

Die Armut, die Verzweiflung , der Untergang der anderen fasziniert (deutsche Worte fuer faszienieren .anziehend, fesselnd, bezaubernd) also und man kann da vielleicht noch Geld rausschlagen
Pardon Frau Wellerhaus, sind Sie in der Skid Road nicht in Hundescheisse getreten?


...

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3745
    • View Profile
Stadtteile Memos ("sensitive urban zones" etc. )...
« Reply #22 on: May 06, 2020, 03:59:31 PM »
Quote
[...] Auf der grünen Wiese zwischen den Häusern, wo die Jungs sonst Bälle hin und her kicken, tobt kein Kind. Auf den Wegen dreht keiner mit dem Roller seine Runden, und auch die großen Outdoor-Sessel, auf denen sonst gern die Mädchen aus der Siedlung abhängen, sind verwaist. Nur ein paar Jugendliche haben sich zum Rauchen hinter einer Hütte verkrochen und trauen sich erst hervor, als sie sehen, dass es nicht die Polizei ist, die vorbeikommt.

Bis auf einige wenige Bewohner, die an diesem Nachmittag von der Arbeit nach Hause gehen, wirkt die Karl-Kirchner-Siedlung im Frankfurter Stadtteil Preungesheim an diesem ungewöhnlich warmen Frühlingstag wie ausgestorben. „Ich bin total erstaunt“, sagt Angela Freiberg und lässt ihren Blick über die leeren Wege und Wiesen schweifen, die dazu einladen, dass man sich auf ihnen niederlässt, um jenseits der engen Wohnung im Freien etwas Luft zu schnappen. Doch während nur ein paar Kilometer entfernt die Frankfurter Parks und Grünflächen so voll sind, dass Jogger, spielende Kinder und Spaziergänger Mühe haben, die Abstandsregeln einzuhalten, gähnt zwischen den vierstöckigen Zeilenbauten aus den sechziger Jahren die Leere.

Diese Leere überrascht Angela Freiberg nicht nur, sie erschwert auch ihre Arbeit. Denn die besteht darin, mit den Bewohnern des Viertels in Kontakt zu kommen, bei einem persönlichen Gespräch zu hören, was sie umtreibt, bedrückt oder welche Ideen sie haben. Doch der öffentliche Raum ist tot, und ohne Leben auf der Straße bleiben auch diese Begegnungen aus. Freiberg ist Quartiersmanagerin in Preungesheim. Der Stadtteil ist so bunt gemischt wie die Stadt selbst, ein eingemeindetes Dorf mit 15 000 Einwohnern aus 106 Nationen, einem altem Kern und schmuckem Neubaugebiet sowie einer großen Justizvollzugsanstalt, für die das Viertel auch überregional bekannt ist. Direkt an die Gefängnismauern grenzt auch die Karl-Kirchner-Siedlung, ein „benachteiligtes“ Quartier, wie es im Behördendeutsch heißt. Hier leben viele große Familien in kleinen Wohnungen, aber auch alleinstehende Rentner, die schon seit Gründung der Siedlung vor sechzig Jahren hier wohnen. Die Miete ist für Frankfurter Verhältnisse günstig, die meisten Bewohner haben nicht viel Geld, aber der Zusammenhalt im Viertel ist stark – was nicht zuletzt an der Arbeit von Angela Freiberg liegt.

Sie sitzt im Nachbarschaftsbüro, einem umgebauten Kiosk inmitten des Quartiers, und beschreibt, wie seltsam es sich für sie anfühlt, hier ganz allein zu hocken. Normalerweise herrscht auf den knapp zwanzig Quadratmetern reger Betrieb: Es gibt eine Sozialberatung für Senioren, einen Computerkurs für Einsteiger und einen Leseclub für Kinder. Vor allem aber kommen ständig Bewohner mit ihren Problemen oder Ehrenamtliche vorbei, die mit Freiberg über gemeinsame Projekte sprechen wollen – oder einfach nur mit einem kurzen Plausch die Einsamkeit bekämpfen.

Die Funktion eines Quartiersmanagers besteht vor allem darin, die Bewohner im Stadtteil untereinander zu vernetzen und sie zu ermutigen, ihre Lebensverhältnisse selbst zu verbessern: Indem sie ihre Anliegen gegenüber der Stadtpolitik formulieren, sich gegenseitig im Alltag unterstützen oder gemeinsam zu Pinsel und Farbe greifen, um ihre Siedlung zu verschönern.

Freiberg arbeitet seit 2013 in Preungesheim, und überall in der Siedlung zeigen sich die Spuren dessen, was sie seitdem mit den Bewohnern auf die Beine gestellt hat. Die Durchgänge zwischen den Häusern haben die Jugendlichen gemeinsam mit Künstlern bemalt. „Das waren früher Angsträume, jetzt sind es keine mehr“, sagt Freiberg. Den Spielplatz haben die Kinder mitgestaltet. Viele andere Projekte, die jetzt mit dem Frühlingsbeginn starten sollten, mussten jedoch verschoben werden, wie der Mitmach-Garten. Das Beet ist schon umgegraben – aber dann kam Corona, und zum Säen und Pflanzen kam es nicht mehr.

Allein in Frankfurt werden zwanzig Stadtteile im Rahmen des kommunalen Programms „Aktive Nachbarschaft“ gefördert, um den Bewohnern in den sozialen Brennpunkten Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Als das Programm vor zwanzig Jahren gegründet wurde, war die Stadt ein Vorreiter. Mittlerweile fördern nicht nur Kommunen, sondern auch Bund und Länder in ganz Deutschland Quartiersmanagement in schwierigen Vierteln. Allein in Hessen gibt es mehr als hundert Stadtteile, die auf diese Weise unterstützt werden.

„Wir sind systemrelevant, denn wir sichern den sozialen Frieden“, sagt Christina Bender, die das Programm „Aktive Nachbarschaft“ in Frankfurt koordiniert, selbstbewusst. In Stadtteilen mit Quartiersmanagern gebe es deutlich weniger Probleme als anderswo. „Die Bewohner identifizieren sich stärker mit ihrem Wohnort und kennen einander besser.“ Das lässt weniger Platz für Ressentiments und trägt dazu bei, Konflikte zu lösen, bevor sie sich zuspitzen können. Diese Netzwerke tragen auch in der jetzigen Krise. „In den betreuten Stadtteilen haben sich sofort Ehrenamtliche gemeldet und Einkaufshilfen für Ältere organisiert“, sagt Bender.

Doch wie gestaltet man eine Arbeit, die auf persönlichen Begegnungen beruht, in einer Zeit, in der Distanz oberstes Gebot ist? Zugleich brauchen die sozialen Brennpunkte derzeit besonders viel Unterstützung, denn die Unsicherheit ist hier groß: Viele Bewohner trauen sich aus Angst vor dem Virus gar nicht mehr vor die Tür und lassen auch ihre Kinder nicht raus. Die Stimmung in den Familien ist angespannt, viele Eltern arbeiten in prekären Jobs, die im Abschwung zuerst gestrichen werden. Wer vorher in der Schule schon abgehängt war, läuft durch den Unterrichtsausfall Gefahr, vollkommen den Anschluss zu verlieren. Oft wohnen viele Personen auf wenig Raum, die Eltern können bei schulischen Fragen nicht helfen, und die Ausstattung für Online-Unterricht ist nicht vorhanden.

Für Angela Freiberg ist das Homeschooling die größte Herausforderung für die Familien in der Corona-Krise. Obwohl sie derzeit keine Präsenzangebote machen darf, versucht sie übers Telefon, E-Mails oder Videochats Kontakt zu den Ehrenamtlichen und Bewohnern zu halten und herauszufinden, wo Hilfe gebraucht wird – und schnelle Lösungen zu organisieren. „Viele Kinder können sich die Arbeitsblätter, die ihnen die Lehrer schicken, nicht ausdrucken, weil keiner einen Drucker hat“, sagt Freiberg. Spontan hat eine Nachbarin angeboten, nach der Arbeit die Unterlagen für die Kinder des Viertels auszudrucken.

Damit der Draht zu den Bewohnern in der Krise nicht abbricht, hat Freiberg einige Projekte kurzerhand ins Netz verlegt. Eine Mädchengruppe sollte eigentlich in den Osterferien ihr Viertel erkunden und dort Aufgaben erfüllen – zum Beispiel ihre Lieblingsplätze fotografieren. Das sollte die Identifikation mit ihrem Wohnort und letztlich auch die Mädchen selbst stärken. Aber da nun Zuhausebleiben angesagt ist, hat die Gruppe statt des Stadtraums nun die eigenen vier Wände erkundet. Ihre Entdeckungen hat jede per Video oder Foto dokumentiert und mit den anderen geteilt. „Der Versuch, trotz Abstand zusammen zu sein, hat gut funktioniert“, lautet Freibergs Resümee.

„Im Moment passiert in der Quartiersarbeit unglaublich viel, aus der Not heraus werden ganz neue Formate ausprobiert“, hat Fabienne Weihrauch beobachtet. Weihrauch ist die Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft soziale Brennpunkte in Hessen und koordiniert Projekte, die vom Bund und vom Land finanziert werden. Es würden Bastelrucksäcke an die Haustüren von Familien gehängt, Bingo auf dem Balkon veranstaltet oder Jugendliche dazu aufgefordert, ihr Leben in der Pandemie im Videotagebuch zu schildern. „Ziel ist es, den Leuten zu zeigen, dass wir noch da sind, auch wenn der persönliche Kontakt im Moment nicht möglich ist“, sagt Weihrauch. Für viele Bewohner in den sozialen Brennpunkten sei das eigene Zuhause nicht der ideale Ort. Die Kombination aus Zukunftssorgen und Kontaktsperre kann leicht toxisch werden.


Aus: "Soziale Brennpunkte : Anspannung im Quartier" Judith Lembke (06.05.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wohnen/quartiersmanagement-in-der-corona-krise-16751549.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3745
    • View Profile
Stadtteile Memos ("sensitive urban zones" etc. )...
« Reply #23 on: June 18, 2020, 11:02:13 AM »
Der Hansaplatz ist ein Platz im Berliner Ortsteil Hansaviertel des Bezirks Mitte.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hansaplatz_(Berlin)

Quote
[...] „Ich versteh dich voll, Mann, so geht’s einfach nicht.“ Der hagere Mann presst je eine Flasche Klaren und Cola an sich und nickt dem Sicherheitsdienst zustimmend zu. Der hat gerade S. von seinem Stammplatz vor dem Supermarkt verwiesen. Lautstark zieht S. ab, wo er saß, hinterlässt er einen Teppich aus Essensresten und Müll. Auch die anderen Obdachlosen, die eben noch in der Passage auf dem Hansaplatz in Mitte um ein paar Cent bettelten, verlassen das Gelände. „Immer wieder werden wir hier vertrieben“, erzählt Arwi M., der seit drei Jahren mit seiner Frau auf der Straße lebt.

Wieder der Bezirk Mitte, wieder geht es um Obdachlose, wieder geht es um den Vorwurf der Verdrängung. Bereits seit Jahren lässt der Bezirk im Tiergarten und anderen Parks immer wieder entstehende Camps räumen und erntet dafür teils heftige Kritik von Ak­teu­r*in­nen der Obdachlosenhilfe. Diesmal schlagen die Straßensozialarbeiter von Gangway Alarm: Seit einigen Wochen gibt es am Hansaplatz eine Platzordnung, die obdachlose Menschen verdrängen soll.

Der Skandal aus Sicht der Streetworker: Das von einem Sicherheitsdienst kontrollierte Gebiet, auf dem die Platzordnung gilt, umfasst sowohl Privatgelände als auch den öffentlichen Platz; der Bezirk beteiligt sich zu 40 Prozent an den Kosten. „Das verstößt gegen das Grundgesetz“, sagt Andreas Abel, seit acht Jahren Straßensozialarbeiter im Bereich des nahe gelegenen Bahnhofs Zoo und immer wieder vor Ort auf dem Hansaplatz. Vor zwei Wochen schrieb Gangway eine Beschwerde an den Bezirk.

Auf Nachfrage meldet sich der Bezirksbürgermeister persönlich zu Wort. „Kennen Sie den Platz?“, fragt Stephan von Dassel (Grüne). „Wissen Sie, was da los ist?“

Der Hansaplatz entstand Ende der 1950er Jahre im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Interbau als Zen­trum einer Mustersiedlung, der „Stadt von morgen“, damals State of the Art. Nach Verlassen der U-Bahn-Station befindet man sich auch heute noch direkt im sogenannten Einkaufszentrum, einem Ensemble aus einem Dutzend niedrig überdachter Läden.

Alles hier ist seit 1995 denkmalgeschützt – jede Gehwegplatte, auf der man steht, das abblätternde Türkis an den Metallträgern, die dunkelbraunen Holzpaneelen an der Decke, die das Licht jedes noch so hellen Tages schlucken. Linker Hand sind die Türen des Grips Theaters wegen Corona seit Wochen verschlossen, geradeaus befindet sich die Filiale einer Bäckereikette. Hier hängen sie im Schaufenster: die Platzregeln. Ein weiteres Exemplar prangt vor dem verrammelten Späti, der wohl wegen krummer Geschäfte schließen musste, ein dritter Aushang klebt am Schaufenster der Apotheke.

Die Platzordnung untersagt unter anderem das Trinken von Alkohol, Betteln, Hausieren, Nächtigen, Urinieren und unnötigen Aufenthalt. Eine Karte verzeichnet das Gebiet, auf dem die Platzordnung gilt. Ende letzten Jahres gab es eine Testphase, in der ein Sicherheitsdienst an 6 Tagen in der Woche vor Ort war. Seit einigen Wochen sind es nun regelmäßig 3 Tage, an denen die Männer das Gebiet überwachen.

Die Federführung hat der Eigentümer des Einkaufszentrums, unterstützt wird er vom Bezirk. „Es gibt hier eine sehr aktive Gruppe von Gewerbetreibenden und Anwohnern“, sagt Streetworker Andreas Abel, „die wollen die obdachlosen Menschen vom Hansaplatz vertreiben.“ Früher sei der Hansaplatz tatsächlich einmal ein sogenannter kriminalitätsbelasteter Ort gewesen. „Aber das ist er schon lange nicht mehr. Es handelt sich um ein persönliches Unsicherheitsempfinden und verfestigte Vorurteile“, sagt Abel.

Ulrich Greiner betreibt mit seiner Frau seit 30 Jahren die Apotheke im Einkaufszentrum. „Wir hatten hier immer schon Obdachlose, das war kein Pro­blem, die haben wir mit durchgefüttert“, sagt er. Aber seit fünf, sechs Jahren gebe es eine so massive Aggressivität, dass man im Alltag einfach nicht damit zurechtkomme. Greiner ist Mitglied im Bürgerverein Hansa­viertel, der sich 2004 gründete, um die Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum des Hansaviertels 2007 vorzubereiten.

Eigentlich ging es dem Verein um die Wahrung des Bau- und Gartendenkmals, man strebt die Anerkennung als Weltkulturerbe an. Doch seit Jahren, so erzählt Vorsitzende Brigitta Vogt, geht es immer wieder auch um die Obdachlosen am Hansaplatz. Gerade die älteren Bewohner, von denen viele in den 90ern hier Eigentumswohnungen gekauft haben, hätten Angst, in das Einkaufszentrum zu gehen. Der Grund seien vor allem obdachlose Menschen aus anderen EU-Ländern, die kein Deutsch sprächen und von denen einzelne extrem aggressiv auftreten. „Es gibt ein Fremdheitsgefühl“, sagt Vogt. „Warum kann man die, die hier Stress machen, nicht zurückschicken?“, fragt der Apotheker.

Ladenbesitzer, Anwohner und der Bürgerverein berichten von Fäkalien, von Müll, von Pöbeleien und Drohungen, von eingeschlagenen Scheiben, auch von Gewalttätigkeit. Von einzelnen Obdachlosen, die alte Leute vor dem Supermarkt so lange auf den Kieker nehmen, bis diese ihnen Geld geben. Die Menschen anspucken, ihre Genitalien entblößen und Kindern Angst machten. Auf diese Erfahrungen beruft sich auch der zuständige Bezirksbürgermeister von Dassel und verteidigt die Entscheidung, dass der Sicherheitsdienst neben den privaten auch öffentliche Flächen kon­trol­liert. Der sogenannte Platzdienst sei geschult, mehrsprachig, kultursensibel. Es gehe nicht um Verdrängung, sondern um Gewaltprävention.

„Platzdienst im Auftrag des Bezirksamts“, steht auf dem Schild an der Brust von Pete H. Er ist es, der an dem Nachmittag auf dem Hansaplatz S., Arwi M. und die anderen Obdachlosen zum Gehen auffordert. Er spricht Russisch und Polnisch und arbeitet auch auf einem anderen Platz im Bezirk. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir hier Respekt erarbeitet habe, aber jetzt hören sie auf mich.“ Er erzählt, wie er einem Alkoholiker geholfen habe, der auf Krücken lief, mit einem „völlig vergammelten Bein“. Der sei zu allen aggressiv gewesen. „Aber ich habe zu ihm gesagt, wenn du wirklich willst, helfe ich dir.“ Die Sozialarbeiter des Bezirks habe er gerufen, die hätten sich um Entgiftungskur und alles gekümmert. Neulich sei der Mann gekommen, keine Krücken mehr, ordentliche Klamotten, trocken, wollte sich bedanken. „Ich habe gesagt, bedank dich bei dir selbst.“

Aber es gebe ein paar, nicht viele, die machten immer wieder Stress. Und wegen denen dürfe leider nun auch der „total höfliche Straßenzeitungsverkäufer“ hier nicht mehr stehen. Bis zu 10 Mal, erzählt Pete H., schicke er zum Beispiel S. von seinem Platz vor dem Supermarkt fort. Der habe schon über 200 Anzeigen, sei im Gefängnis und in der Psychiatrie gewesen. „Aber da wollen sie ihn auch nicht, zu aggressiv.“ Nur morgens, wenn er noch nüchtern sei, könne man mit S. reden, erzählt der Apotheker. Jetzt ist es Nachmittag. „Komm her oder ich komm zu dir“, brüllt S. durch die Passage, als er die Reporterin sieht, wie sie mit zwei der obdachlosen Menschen spricht. Es klingt nicht einladend. „Lieber nicht“, sagt auch Arwi M. und schüttelt den Kopf.

„Ja, es gibt hier ernste Probleme, aber Vertreibung war die denkbar schlechteste Lösung“, sagt Philipp Harpain, Leiter des Grips Theaters, vor dessen Türen die Zone der neuen Platzordnung beginnt. Harpain hat vor 18 Jahren sein erstes Stück am Grips Theater inszeniert – über Obdachlosigkeit. Bei der Feier zum 50-jährigen Jubiläum des Hansaviertels hätten am Ende die Obdachlosen den Platz gefegt. „So sauber war der noch nie“, erzählt Harpain. Man habe doch nicht immer wieder mit Politik, Polizei und Gewerbetreibenden zusammengesessen, damit diese Menschen jetzt alle über einen Kamm geschert und vertrieben werden. „Kontakte und Schnorren sind doch nicht das Problem“, sagt Harpain und wünscht sich Begegnung auf diesem Platz, der einst genau dafür gestaltet wurde.

Das wünschen sich auch die Streetworker von Gangway, die das Vorgehen des Bezirks juristisch prüfen lassen wollen und denen der Bezirksbürgermeister mangelnde Kooperation vorwirft. „Wir lassen uns nur nicht für Sicherheitszwecke instrumentalisieren“, sagt Abel. Man prüfe die Bedenken von Gangway, verspricht der Bezirksbürgermeister.

Wenn der Platzdienst da ist, sei Ruhe, freuen sich dagegen die Ladenbesitzer und fordern noch mehr Engagement vom Bezirk. Denn sobald Pete H. und seine Kollegen verschwinden, kommen die Menschen zurück, die auf dem Hansaplatz um ein paar Cent betteln, schlafen, hausen. „Was sollen wir auch sonst machen“, sagt Arwi M.


Aus: "Verdrängung von Obdachlosen in Berlin: Betteln und hausieren verboten" Manuela Heim, Berlin (18. 6. 2020)
Quelle: https://taz.de/Verdraengung-von-Obdachlosen-in-Berlin/!5689870/

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3745
    • View Profile
Stadtteile Memos ("sensitive urban zones" etc. )...
« Reply #24 on: September 10, 2020, 09:31:29 AM »
Quote
[...] In Essen, einer einstigen Herzkammer der deutschen Sozialdemokratie, liegt die SPD in einer aktuellen WDR-Umfrage für die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen am kommenden Sonntag nur noch bei 19 Prozent, nach 34 Prozent bei der Kommunalwahl 2014. 1975 holte man hier noch knapp 55 Prozent und regierte jahrzehntelang.

... Letztlich ist Essen ein Spiegelbild für die Zerrissenheit gerade der Sozialdemokraten. Auf der einen Seite eher konservative Pragmatiker, die das Kippen von Stadtteilen wie Altenessen und neue AfD-Hochburgen vermeiden wollen. Auf der anderen Seite Funktionäre, die sich nach Links orientieren und die Grünen zu kopieren versuchen. ... vor allem der Umgang mit den ankommenden Flüchtlingen und die Ghettobildung in Stadtteilen wie Altenessen stellte und stellt die Essener SPD vor Zerreißproben.

... So wie damals bei der Tafel-Debatte [https://www.tagesspiegel.de/politik/nach-aufnahmestopp-fuer-auslaender-die-essener-tafel-will-wieder-allen-helfen/21058372.html]vermisst Sartor gerade bei der SPD ein Sich-Ehrlichmachen und die Auseinandersetzung mit realen Problemen. Bei der Bundestagswahl erzielte die AfD im Essener Norden mancherorts bereits 23 Prozent – er betont, ein Gegner der Partei zu sein, die auch viele frühere SPD-Wähler gewonnen hat.

Der stämmige Tafel-Chef glaubt, dass die SPD nicht mehr nah genug bei den Menschen ist. Den Kassierer, der von Tür zu Tür ging, die Mitgliedsbeiträge kassierte und wusste, wo der Schuh drückt, gibt es nicht mehr. Corona und Parteipolitik im Netz machen es nicht einfacher. Die Kneipe als Ort der Begegnung, der Stammtisch, kaum noch existent in Essen – ein Problem nicht nur hier.

Sartor führt durch den kachelgefliesten großen Raum im Erdgeschoss des Wasserturms, wo die Helfer Toastpakete, Milch, Käse, Bananen, Tomaten und Äpfel für die Kunden sortieren, in Corona-Zeiten gibt es feste Zeitfenster, ab halb eins geht es los. Draußen warten schon lange vor dem Einlass vor allem ältere Mitbürger, gestützt auf Rollatoren.

Etwa 40 Prozent der Sozialhilfeempfänger in Essen sind Ausländer. Ziel der Tafel war es, bei den Tafelbesuchern eine ähnliche Quote zu erreichen. Das ist gelungen. "Das ist der Vorteil dieses Riesentheaters gewesen, alle haben verstanden, dass es anders nicht mehr geht." Das Miteinander sei jetzt viel besser. 1800 Plätze gibt es heute, wegen Corona kommen aber aktuell nur rund 1600 Kunden regelmäßig zur Lebensmittelabholung vorbei, wird es wieder mal knapp, werden bevorzugt Alleinstehende ab 50, Alleinerziehende oder Familien mit kleinen Kindern neu aufgenommen.

Der SPD-OB-Kandidat in Essen ist Geschäftsführer des AWO Kreisverbands, Oliver Kern ist gelernter Erzieher, Gesundheits- und Sozialökonom. Sartor regt sich über ihn auf, über Inszenierungen und schicke Anzugfotos: "Da kriech ich das kalte Kotzen." Auf der SPD-Liste für den Essener Stadtrat stünden überwiegend Leute, "die noch nie in ihrem Leben richtig gearbeitet haben, wie der Kevin Kühnert in Berlin". Sondern meist für Abgeordnete oder SPD-nahe Institutionen tätig gewesen sind. "Ich war 30 Jahre unter Tage und habe 30 Jahre Menschen geführt."

Jörg Sartor steigt wieder in seinen Wagen, startet den Motor, es geht zu den Wurzeln seines Lebens – und vieler Probleme in Essen. Über seine Erfahrungen mit dem Strukturwandel hat er ein Buch geschrieben „Schicht im Schacht“. Viel optimistischer ist auch die gemeinsame Tour durch den Norden der 590000-Einwohner-Stadt nicht. "Das ist hier ist der Libanon von Altenessen", sagt Sartor, der sich jetzt in Rage redet. Er regt sich über die Schrottimmobilien auf, an denen er vorbeikommt, über Müllberge in den Hinterhöfen und kaputte Fenster.

Immer seien die Radwege zugeparkt, die Polizei mache nichts, "wir haben ja hier auch den Remmo-Clan, den Sie in Berlin gut kennen". Ende Juli seien 750 Leute zur Beerdigung des Vaters von Clan-Mitglied "Pumpgun Bilal" gekommen, ohne Maske, ohne Abstand. Nichts habe die Stadt gemacht, sagt Sartor, der Staat kapituliere – aber bei anderen Beerdigungen hätten wegen Corona noch nicht einmal die Angehörigen dabei sein dürfen.

Das Problem sei das gleiche wie in jeder größeren Stadt in Deutschland: "Es gibt Viertel, wo der Anteil der ausländischen Bevölkerung exorbitant hoch ist. Das wissen die Politiker seit zig Jahren und keiner kriecht es auf die Kette." Aber wenn die Akzeptanz für ein faires und gerechtes Miteinander einmal weg sei, komme das nicht wieder.

Sartor will eine Quotenregelung für Kitas und Grundschulen im Essener Norden, es könne nicht sein, dass in manchen Schulen 90 Prozent der Kinder kein Deutsch sprechen. Der Sozialhilfedezernent habe mal gesagt, er könne ja nicht jeden Tag 10000 Kinder mit Bussen aus dem Essener Norden in den Süden karren. „Da hat er Recht. Aber man kann 50 Lehrer aus dem Essener Süden in den Essener Norden bringen“, sagt Sartor. „Da wo Problemschulen sind, müssen sofort mehr Lehrer hin.“

Sonst kippe etwas, sagt Sartor, Stichwort AfD. "Hier leben wir seit 60 Jahren mit vielen Ausländern: Türken, Italienern, aber es gab früher eine Durchmischung. Die kamen nach der Schicht mit in die Kneipe, sie wurden integriert und wollten sich integrieren. Ich habe viele Freunde mit türkischen Wurzeln im Fußballverein, die sind Zollbeamte oder bei der Feuerwehr" erzählt Sartor.

Das Problem bei den Türken sei heute aber die dritte Generation, die drifte etwas ab, plötzlich würden auch junge Mädchen wieder Kopftuch tragen. Sartor macht die hohe Anzahl der Moscheen dafür verantwortlich und den Einfluss des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Die SPD platziere jetzt extra einen mit Migrationshintergrund weit vorne auf der Kommunalwahlliste, um diese Leute zu gewinnen. Den kenne aber hier bisher kaum einer. Ein heftiger Vorwurf.

Dieser Mann ist Caner Aver. Bei einem späteren Telefonat betont er, er leite in der SPD Essen bereits seit Jahren die AG Migration und Vielfalt, stehe mit verschiedenen Politikern in regelmäßigem Austausch "und habe darüber hinaus ehrenamtlich in vielen Vereinen, auch bundesweit, Verantwortung übernommen". Der 45-Jährige arbeitet am Zentrum für Türkeistudien der Universität Essen-Duisburg.

Avers Rezept gegen Resignation, Pauschalurteile und verhärtete Fronten? "Der Anteil von Migranten in Parlamenten ist noch viel zu gering", sagt Aver. Auch er will eine bessere Durchmischung. "Wir brauchen mehr attraktiven Wohnraum im Essener Norden und müssen gleichzeitig verstärkt auf die Bezahlbarkeit der Wohnungen achten." Und es brauche mehr Kitas – darunter auch bilinguale – am besten kostenlos.

Aber er kandidiert in Rüttenscheid, einer besseren Gegend. Die Arm-Reich-Kluft verläuft quer durch die Stadt, zwischen Nord und Süd. Auf die Frage, wie er von der AfD Wähler zurückgewinnen wolle, sagt Aver: "Vertrauen gewinnt man nur mit Ehrlichkeit. Wir waren in den letzten Jahren permanent im Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern und haben uns jede Meinung, jede Problemschilderung angehört – auch wenn sie unbequem waren." An der Umsetzung der Versprechen lasse er sich nun messen.

Jörg Sartor zeigt auf die Fassaden an der Hauptstraße in Altenessen. "Da war ein Metzger, da ein Möbelhaus, da ein Goldgeschäft, da drüben ein Schuhgeschäft. Gibt’s heute kein einziges mehr von." Stattdessen viele Ketten. „Früher hat das Ruhrgebiet von der Kneipe gelebt, da war Leben in der Bude.“ Nur die Glückauf-Apotheke erinnert hier noch an die goldene Zeit.

Sartor ist ein Anpacker, aber wie hier ein Aufbruch mit neuen Chancen aussehen könnte, weiß er auch nicht so recht. „Das ganze Miteinander ist in den letzten zehn Jahren extrem kaputt gegangen.“ Es geht durch die nächste Straße, in der er mal wieder die Namen der Kneipen aufzählt, die es hier nicht mehr gibt. Er kommt auf 15 Stück. Sartor seufzt. "Wat wech is, is wech."


Aus: "Warum Jörg Sartor die SPD aufgegeben hat" Georg Ismar (09.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nrw-kommunalwahl-warum-joerg-sartor-die-spd-aufgegeben-hat/26168768.html