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[Stadtteile Memos ("sensitive urban zones" etc. ) ... ]

Started by Link, November 17, 2014, 11:00:57 AM

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Quote[...] "Ey total geil!" Der kleine Bub mit seinem Tretroller ist ganz aus dem Häuschen. "Dreht ihr hier für 4 Blocks, oder was?" Sieben Polizisten haben in der Neuköllner Hobrechtstraße vor einem unscheinbaren Café Aufstellung genommen, aus einem Begleitfahrzeug steigen weitere Polizeikräfte, man sieht auch gelbe Westen mit der Aufschrift "Steuerfahndung Berlin". Doch nein: Es sind keine Dreharbeiten für die TV-Serie oder einen Spielfilm über arabische Clans in Berlin. In der kleinen Straße mit dem typischen Berliner Kopfsteinpflaster geht es gegen echte Mitglieder der mittlerweile fast schon legendären Großfamilien in der Berliner Hauptstadt. Ein kurzer Blick ins verrauchte Café, in dem ausnahmslos Männer sitzen, dann ist klar: Es gibt einiges zu tun. Die Thekenkraft hat keine Arbeitserlaubnis, in der Dachrinne liegen Drogen, Spielautomaten sind im Nebenraum aufgestellt und nicht – wie vorgeschrieben – im Aufsichtsbereich des Personals. Aber die bunt blinkenden Geräte sind ohnehin gleich Geschichte. Sie werden, wie ein großer Fernseher, in den Polizei-Lkw verladen, wobei eine Sackkarre des Bezirksamtes zu Bruch geht. Doch dieser Kollateralschaden ist verkraftbar.

"Hat sich gelohnt", sagt Thomas Böttcher und nickt zufrieden. Der 61-jährige Polizeidirektor, Leiter des Abschnitts 55 in Berlin-Neukölln, verbringt neuerdings viel Zeit in diversen Neuköllner Etablissements wie Spielhallen oder Shishabars. Mehr Kriminalität als anderswo hat es im traditionellen Arbeiterbezirk Neukölln, der wegen seines hohen Anteils an Migranten auch "Problembezirk" genannt wird, immer schon gegeben. Doch mittlerweile herrschen Zustände, die Bezirksvizebürgermeister Falko Liecke (CDU) so beschreibt: "Die Clankriminalität hat ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr akzeptabel ist." Fünf bis sechs große Familien mit bis zu 800 Mitgliedern betreiben in Böttchers Revier im Norden ihre Geschäfte. Für die schweren Straftaten sind die Ermittler im Landeskriminalamt zuständig. Böttcher und seine Leute hingegen verfolgen an der Basis eine neue Strategie. Regelmäßig gibt es sogenannte Verbundeinsätze gegen Clankriminalität. Dann rücken Polizei, Bezirksamt, Steuerfahndung und Zoll gemeinsam aus. 110 Kräfte sind an diesem Abend im Einsatz. Die Intention beschreibt Böttcher so: "Wir setzen permanente Nadelstiche und entfalten Druck auf die Clans, um zu zeigen, dass der Staat sich nicht auf der Nase herumtanzen lässt. Und wir geben natürlich auch der Bevölkerung ein Gefühl der Sicherheit. Es gibt hier keine No-go-Areas."

Im Café selbst sieht man das anders. "Was macht ihr hier? Das ist nicht normal! Ich will doch nur Tee mit meinen Freunden trinken, und ich werde dauernd kontrolliert", empört sich ein 56-Jähriger, der als Kind aus der Türkei nach Berlin kam. Seine Meinung: "Es geht immer nur gegen die Ausländer!" Da kommt ihm Martin Hikel gerade recht. Der Neuköllner SPD-Bezirksbürgermeister steigt aus seiner Limousine, um sich den Laden mal anzusehen. Findet ein Einsatz mit Schwerpunkt Clankriminalität statt, dann sind Berliner Politiker – vom Innensenator abwärts – meist nicht weit. Alle wollen demonstrieren, dass sie das Problem erkannt haben. "Der Pass ist uns egal, wir kontrollieren auch Deutsche", versucht Hikel den Aufgebrachten zu beruhigen. Er kommt damit nicht durch. "Ich kenne den Inhaber, das Café ist zu 1000 Prozent sauber", sagt der Gast, was die Einsatzkräfte allerdings anders sehen. Der Mann hat 70.000 Euro Steuerschulden, als Gewerbetreibender verstößt er gegen zahlreiche Auflagen. "Wir finden immer was", sagt einer aus der Truppe, "Drogen, Waffen, Gammelfleisch, Stromdiebstahl, manipulierte Spielautomaten, abgelaufene Konzessionen, blockierte Fluchtwege."

Einige Straßen weiter, die nächste Durchsuchung, wieder ein Café mit Spielautomaten, wobei der Begriff "Café" recht wörtlich gemeint ist. Zu trinken gibt es nur diesen und ein paar Limonaden. Dafür stehen viel mehr Spielautomaten als erlaubt im Raum. Ein Klassiker, sagt einer der Polizisten. Er möge die Geräte zur Überprüfung öffnen, wird der Betreiber von einem Mitarbeiter des Finanzamtes aufgefordert. Der Mann hat keinen Schlüssel. Wo ist der? Beim Chef. Wo ist der Chef? Im Libanon. Also werden die Automaten stillgelegt, statt "Top Game" flimmert nun "Ruhepause" über die Bildschirme neben der verstaubten Plastikpalme. Weniger ruhig läuft die Durchsuchung in einem Spielsalon gleich daneben ab. Der Inhaber – er stammt aus der Türkei – beschwert sich über permanente Schikanen durch die Polizei und versichert: "Ich bin ein ehrlicher Geschäftsmann." Gespielt werde bei ihm kaum, er verdiene bloß an den Getränken. "Die wollen, dass ich aufgebe", sagt er über die Polizei. Und er fasst seinen Frust zusammen: "Vor 30 Jahren haben sie uns Ausländer ins Land gelassen, aber dann haben sie uns vergessen."

Den Vorwurf, sich nicht um Integration gekümmert zu haben, muss sich die Politik genauso anhören wie jenen, Multikulti zu lange verklärt zu haben. "Die Clankriminalität konnte richtig groß werden, weil bestimmte Bevölkerungsgruppen aus falsch verstandenem Multikulturalismus nicht diskriminiert werden sollten", sagt der Migrationsforscher Ralph Gadbahn, der ein Buch über Clans geschrieben hat. Man sieht dieses Problem bei der Polizei auch. Und dennoch muss sie jetzt gegen die Auswüchse vorgehen. Mitleid mit dem Geschäftsmann, der seine Einkünfte vor allem durch den Verkauf von Cola und Kaffee erzielen will, hat keiner. "Der betreibt 40 Läden. Bei einer Hausdurchsuchung vor kurzem haben wir Kontoauszüge mit neun Millionen Euro gefunden", sagt einer. Der Fall liegt nun bei der Steuerfahndung. Das schnelle und viele Geld ist natürlich das Hauptproblem. Polizisten und Lehrer erzählen, dass Kinder von Clangrößen mit Bündeln von Hundert-Euro-Scheinen durch die Klassen laufen. "Wir können keine Mercedes-S-Klasse bieten, sondern nur eine Kfz-Lehre", sagt CDU-Mann Liecke, der Kinder aus den kriminellen Clans holen will. Diese Alternative erscheint jedoch den wenigsten attraktiv.

Deshalb übernehmen Böttcher und sein Team auch den Versuch, pädagogisch einzuwirken. Wer "Hurensohn, Bitch, Schlampe oder ich ficke deine Mutter", sagt, begeht eigentlich die Straftat der Beleidigung, wird Kindern in der Präventionsstunde der Polizei vermittelt. Kaum jemand weiß das, es gehört zur Alltagssprache. Um die Älteren "kümmert" sich Böttcher persönlich auf der Straße. Spätabends, bei der Verkehrskontrolle auf der Hermannstraße, lässt er bevorzugt sehr teure Fahrzeuge herauswinken. Oft beziehen die Fahrer Sozialhilfe, das Auto gehört dem Onkel, dem Cousin oder dem Cousin vom Onkel. Gerade inspizieren Polizisten einen Luxuswagen, der zur Fahndung ausgeschrieben ist. Man möge sich "verpissen", er habe gute Anwälte, schreit der 20-jährige Fahrer. Warum er keine Papiere vorweisen kann, sagt er nicht. Es sei das Auto seines Onkels. Wenig später wird es auf den Abschleppwagen gehievt und abtransportiert. Weil sie gezielt junge Männer mit teuren Autos rausfischen, müssen sich die Polizisten oft Klagen über Racial Profiling anhören. "Nein", sagt einer, "da geht es um beinharte kriminelle Strukturen." Völlig zerschlagen werde man diese niemals, das weiß auch Böttcher. "Aber die Nadelstiche beginnen zu wirken", sagt er. Einigen lokalen Clangrößen sei der Druck in Neukölln zu groß geworden, sie sind weggezogen. "Das verschafft dem Bezirk Luft", meint er und hofft, so eines Tages sein persönliches Ziel erreichen zu können: "Die Kriminalität soll in Neukölln zumindest nicht höher sein als anderswo in Berlin."


Aus: "Wie die Berliner Polizei gegen arabische Clans vorgeht" Birgit Baumann (6.4.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000100902279/Wie-die-Berliner-Polizei-gegen-arabische-Clans-vorgeht


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Quote[...] Ich komme pünktlich um zehn und sehe Bürgersteige voller Zelte. Einkaufswagen, in denen die spärlichen Besitztümer der Bewohner*innen aufbewahrt werden. Paletten mit Dosenessen neben gebrauchten Spritzen. Der Uringeruch beißt in der Nase. In der Regel treiben die Einladungen des Goethe-Instituts mich in aufgeräumte Tagungszentren, Galerien oder Theater. Das Thema Obdachlosigkeit, um das es im aktuellen Projekt in Los Angeles geht, lässt sich abseits der Straße aber nun mal kaum fassen. Vor einem Zelt, das er mit seinen beiden Pitbulls teilt, empfängt mich Crushow Herring. Er ist Teilnehmer der Konferenz Worlds of Homelessness und hat mich eingeladen, ihn hier zu interviewen. Als ich ankomme, fegt er den Bürgersteig, plaudert mit Nachbar*innen aus den Zelten nebenan. Und ich staune. Über Skid Row, das als eines der gefährlichsten Viertel von L.A. gilt und für Herring schlicht freundliche Nachbarschaft zu sein scheint.

Bislang sind sämtliche Versuche gescheitert, die Zeltstadt in Downtown L.A. mit ihren mehr als 2.000 Bewohner*innen zu räumen. "Zustände wie in der Dritten Welt", schrieb der Völkerrechtler Philip Alston vergangenes Jahr in einem UN-Bericht über das 50 Blocks große Viertel, in dem seit Beginn des 20. Jahrhunderts arme und marginalisierte Angelenos leben. Stoisch beobachtet Herring den Mann von der Stadtreinigung, der die gelben Graffiti-Botschaften hinter seinem Zelt übermalt. "Junkie-Asyl", "Vorort zur Hölle", lauten gemeinhin die Zuschreibungen von außerhalb des Viertels. Doch Herring kann damit nichts anfangen. Er ist freiwillig hier – und zwar deutlich öfter als bei seiner Frau und den Kindern in Long Beach. 

Eigentlich müsste er nicht mehr in Skid Row leben. Vor knapp 20 Jahren schlug er als erfolgloser Basketballspieler ohne Job und Wohnung hier auf. Dealte, wie so Viele, mit Crack, um über die Runden zu kommen. Der Kontakt zu Sozialarbeiter*innen und Künstler*innen im Viertel aber hat Herrings Leben verändert. Die eigenen Kunstprojekte interessierten irgendwann auch jenseits von Skid Row, das toughe Image des Viertels faszinierte die Galerist*innen. Doch zumindest phasenweise wohnt er noch hier, will jetzt andere unterstützen. "Vielleicht, weil es der einzige Ort war, an dem ich damals willkommen war", sagt er und winkt Menschen zu, von denen manche mehr tot als lebendig an uns vorbeischlurfen. Auch Mitarbeiter*innen von Drogenpräventionsprojekten und der Jobvermittlung grüßen den 42-Jährigen. Menschen vor Kirchen und Suppenküchen, die Sprayer im Park.

Am Abend wird Herring auf dem Podium des Goethe-Instituts sitzen, am Wochenende ein Musikfestival moderieren. Er bewegt sich zwischen hippen Galerien und Nachbarschaftstreffen, organisiert Workshops, schafft Toiletten für die Community mit ran. Fast riecht seine Geschichte ein bisschen nach Hollywood, aber fürs Kino fehlt Skid Row die Romantik. Viele hängen schlicht hier fest: Frauen, die sich vor gewalttätigen Männern verstecken, Abhängige, die fast alles für den nächsten Schuss tun, Zwangsprostituierte, Traumatisierte. Doch selbst sie scheinen in Skid Row eine Art Zuhause gefunden zu haben. "In Obdachlosenheimen hat man ein Dach über dem Kopf, hier gehört man dazu", sagt Herring schlicht.

Stadtplaner*innen erforschen das Phänomen informeller Strukturen längst mit großem Interesse. Suchen weltweit nach angemessenem Umgang mit den Konsequenzen städtischer Verarmung. "Menschen, die sich formellen Wohnraum nicht leisten können, schaffen sich eigene Lösungen", schreiben Fabian Frenzel und Niko Rollmann in der taz. Zwar ist Skid Row bereits die Art von stigmatisiertem Ghetto, vor dem sie tendenziell warnen. Doch gezwungenermaßen trägt gerade hier die Gemeinschaft. "Friday?", ruft eine junge Frau Herring im Vorbeigehen zu. "Friday!", antwortet er. Mal wieder eine Beerdigung.

Dort, wo gefühlte Wohlstandssicherheit das Leben bestimmt, blickt man mit einer Mischung aus Mitleid und Befremden auf das Geschehen in Skid Row. Noch atmen die Besserverdienenden ruhig, weil die Obdachlosen noch nicht ganz bis vor ihre Haustür vorgedrungen sind. Dabei verlieren immer mehr arbeitende Menschen Haus und Wohnung – auch in den Zelten von Skid Row leben viele, die morgens ins Büro gehen. In L.A. liegen die offiziellen Obdachlosenzahlen bei 36.300. Eine Mischung aus steigenden Mieten, prekären Arbeitsbedingungen und fehlender sozialer Absicherung treibt die Menschen auf die Straße. Die spärlichen Reintegrationsangebote der Stadt erreichen sie dort kaum.

So gerät das Bild des zugedröhnten Penners, der seinen Abstieg selbst verschuldet hat, in extreme Schieflage. "In unserer Gesellschaft werden vor allem Afroamerikaner*innen viel zu schnell und pauschal als Kriminelle abstempelt", sagt Charles Porter von der Drogenberatungsstelle UCEPP. "Wenn sie erst mal auf der Straße leben, werden sie nur noch als gesellschaftliche Störfaktoren wahrgenommen, die die räumliche und soziale Ordnung stören." Herring schüttelt resigniert den Kopf, wenn er von den Reinigungsaktionen erzählt, mit denen die Polizei sein Viertel regelmäßig "säubert" und die wenigen Besitztümer der Bewohner*innen einkassiert. Den Weg zum Mittagessen gehen wir auf Umwegen, Herring trägt eine elektronische Fußfessel, an einer bestimmten Straße darf er nicht mehr vorbei. Angeblich hat er dort 2015 jemanden ausgeraubt. Er bestreitet das – doch seitdem er in Skid Row lebt, hat die Polizei ihn auf dem Kieker.

Auf dem Podium von Worlds of Homelessness spricht Herring am Abend vor Architekt*innen, Soziolog*innen und Leuten aus dem Kiez. Über die Kriminalisierung der Armut, institutionalisierte Diskriminierung, Polizeigewalt – darüber, dass all dies noch immer zu oft als Problem anderer abgetan wird. Neben ihm sitzt die deutsche Stadtplanerin Barbara Schöning und erklärt, warum auch Berlin kein Mietwunderland mit bezahlbarem Wohnraum mehr ist. Wie die Preise innerhalb der letzten zehn Jahre durch ausufernde Immobilienspekulation durch die Decke gingen. Und die Obdachlosenzahlen auch dort steigen – selbst wenn die Zustände längst nicht so dramatisch sind wie in L.A. Und Zeltsiedlungen ohnehin meist reflexartig abgerissen werden.

Vier Tage diskutiert Herring mit über Wohnungsnotfragen in den USA, Deutschland, Italien, Kolumbien und Südafrika. Verhandelt die extremen Unterschiede zwischen den Heimatländern der geladenen Expert*innen und applaudiert der US-Soziologin Hilary Silver, die am Ende eine entscheidende Gemeinsamkeit benennt: die Flexibilität des Begriffs Zuhause. "Es ist nicht das konventionelle Dach über dem Kopf, das uns Zugehörigkeit vermittelt", sagt sie. "Es sind die sozialen Strukturen, die uns tragen."

Strukturen, die sich im erstaunlichen Potenzial von vermeintlich "gescheiterten" Gegenden wie Skid Row zeigen, wo Drogenentzug, Jobvermittlungen oder den Bau neuer Duschzentren längst die Community selbst übernimmt. Die damit das staatliche Versagen gegenüber den Missständen vor Ort entlarven. Die Abgrenzung von der "Armut der anderen": Ich praktiziere sie selbst, wenn ich Alltagsszenen unter Berliner S-Bahn-Brücken oder vor Supermärkten ausblende. Dabei liegt die Chance sicherlich auch jenseits von Skid Row im Hinsehen: darin, aus den Bedürfnissen und Ideen "der anderen" zu lernen.

Am Tag nach der Konferenz sehe ich Crushow Herring beim Skid Row Arts Festival. Er steht auf einer kleinen Bühne und kündigt ein Straßenorchester mit einem Solisten an, der früher beim Los Angeles Philharmonic spielte. Vor dem Stand einer Theatertruppe plaudert ein ehemaliges Gangmitglied der Denver Lane Bloods mit einem Schauspielkollegen. Hinter ihnen ein ehemals obdachloser junger Mann in Uniform, der sich sein Medizinstudium verdient, indem er über die Community wacht. Zwischen Fitnessgeräten und Spielplatzequipment die schunkelnden Menschen aus Skid Row. Und als Momentaufnahme sieht ihr Leben an den Rändern definitiv nach mehr aus als nach schlecht verkleideter Anarchie.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. ...


Aus: "Am Freitag ist mal wieder Beerdigung"  Elisabeth Wellershaus, Los Angeles  (26. November 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-11/obdachlosigkeit-wohnungsnot-los-angeles-berlin-wohnen-10nach8/komplettansicht

QuoteEmil Galotti #5


Das ist ein sich ständig erweiterndes Problem amerikanischer Großstädte, und niemand scheint ein Konzept dagegen entwickeln zu können.
In der Gemeinde (County) von Los Angeles gibt es 57 000 Obdachlose, von denen ca. 1000 im Jahr ihr Leben verlieren(Mord, Krankheit, Drogen, Unfälle).
Man hat in Laufe der Jahrzehnte schon alles mögliche versucht, ist aber doch stets gescheitert, die Zahlen werden immer höher.

Aus meiner Sicht ist die Lage aber dennoch ein wenig anders als bei uns in kleinerem Rahmen, da sich unter den Obdachlosen weniger schwere Trinker, dafür aber Menschen mit mentalen Herausforderungen befinden.

Ich selber habe vor geraumer Zeit mit einigen Personen gesprochen, die durch ihre Erlebnisse bei Militäreinsätzen jeglichen Kontakt zur übrigen Gesellschaft verloren haben, die einfach keinerlei Hilfe annehmen können oder wollen.

Für die betroffenen Städte und deren Bewohner eine ungeheure Belastung, die man irgendwie nicht verringern kann!


QuoteNaDaSchauHer #10

Amerika ist genauso wie Deutschland ein Land in dem die Bürger ,,gut und gerne leben können" - und die Rüstungsfirmen und Reichen immer dicker und satter werden.


Quotebromfiets #10.1

So what? Für Krieg und Steuersenkungen für Bessergestellte ist immer Geld da, aber nicht für Arme, Arbeitslose, Kranke und Alte.


QuoteGerd Keper #13

Die Zustände in Los Angeles haben wenig mit der Wohnungssituation dort zu tun. Das mag eine Rolle spielen, allerdings nur eine nebensächliche.
Die Menschen in den Zeltstädten sind oft psychisch krank und fast alle sind Drogenabhängig. Die "informellen Strukturen" Die im Artikel so gelobt werden sind genau das, was die Leute dort hält und die Untätigkeit der Stadt besorgt das Übrige.

Die Obdachlosen sind nicht nur eine Gefahr für sich selbst (1000 starben in der ersten Hälfte 2019) sondern für die gesamt Stadtgemeinschaft. Krankheiten wie Typhus und Tuberkulose brechen aus und verbreiten sich rasend, vom wirtschaftlichen Schaden für die Bezirke ganz abgesehen. Kaum ein Laden hält sich lange wenn die Kunden regelmäßig über menschliche Fäkalien steigen müssen. Was hier passiert ist nicht inspirierend, es ist ein Armutszeugnis.

Die Zeltstädte abzureißen wäre ein notwendiger erster Schritt. Zwangseinweisung in medizinische/psychiatrische Einrichtungen ein zweiter. Erst danach können Maßnahmen wie betreutes oder soziales Wohnen überhaupt greifen.

Übrigens, es geht nicht um Schuld wie im Artikel anklingt. Drogenabhängigkeit ist eine Krankheit. Treffen kann es jeden der die Veranlagung hat und in eine entsprechend anfällige Situation rutscht. Wenn man sich nicht von der Schuldfrage löst und sich stattdessen auf die Lösung des Problems fokussiert ändert sich nichts.


Quotebromfiets #13.2

"Die Zeltstädte abzureißen wäre ein notwendiger erster Schritt. Zwangseinweisung in medizinische/psychiatrische Einrichtungen ein zweiter. Erst danach können Maßnahmen wie betreutes oder soziales Wohnen überhaupt greifen."

Die medizinischen und psychiatrischen Einrichtungen müssten erstmal vom Staat aufgebaut werden. Das gesamte US-Gesundheitssystem ist auf Rendite mit Behandlungen für Bessergestellte ausgelegt. Brust-OP und Lippenvergrößerungen bekommen Sie da an jeder Ecke - wenn man's bezahlen kann.
Und auch normale Mittelschichtler leben gefährlich: Ein Bekannter wohnt am Rande eines "Gang-Viertels". Er ist schon zweimal mit dem Auto an einer Schießerei vorbeigefahren und hat zwei Querschläger abbekommen. Er war froh, dass es nur Blechschäden waren, weil seine Krankenversicherung sehr hohe Selbstbeteiligungen hat.


QuoteDhahab #18

Städteplaner und Soziologen können gegen die Verwahrlosung in Los Angeles nichts ausrichten, wenn sich nicht die Mentalität der Bürger ändert.

Steigende Mieten sind mit Sicherheit nicht das einzige Problem der amerikanischen Gesellschaft.
Wer auf die Straße fliegt muss nichts zwangsläufig in einem Pappkarton übernachten, denn das Naheliegendste ist doch dass man in einer Notsituation zunächst bei Verwandten unterkommt.
Wenn man dann Arbeit gefunden hat, kann man ja wieder ausziehen - in einen preiswerteren Stadtteil oder aufs Land.
Das Problem ist aber, dass die meisten dieser Obdachlosen gar keine Familie haben.
Das eigentliche Problem ist der "american lifestyle".


QuoteMiami-HH #18.1

Oder haben die Familie schon 10mal beklaut um an den nächsten Schuss ranzukommen.

Soll selbst in Deutschland vorkommen.

[#20

Was will der Bericht jetzt ausdrücken?
Liegt es an der Wohnungsnot? Arbeitslosigkeit?

Oder will man in die wenigen Unterkünfte nicht ziehen, weil dort Regeln herrschen, wie z.B kein Alkohol oder Drogen.

Im Grunde genommen ist die Strasse für diese Menschen, die Alternative zur geschlossenen Psychatrie.

Ich würde auch die Strasse wählen, zumal in L.A. oder Miami.]


Quotetrespanes #23

Ich war selber 2011 in der Skid Row zu Besuch und finde der Artikel romantisiert die Zustände gegen Ende hin viel zu sehr. Alltagsrealität dort sind organisierte Drogenkriminalität, Überdosen, extreme hygienische Bedingungen, psychische Krankheiten, allgemeine Armut und Kollektive Hilflosigkeit. Dazu eine Akkumulation von NGOs, die diese Leute im Industriemaßstab versorgen und Anreize schaffen, dass immer mehr Menschen aus den ländlichen Regionen zuziehen, weil es dort längst nicht so eine gute Support Struktur gibt wie in der Skid Row.

Die Probleme der extremen sozialen Ungleichheit in den USA sind strukturell und lassen sich sicherlich Nicht durch Repression lösen, trotzdem ist Die Skid Tow auch beim besten Willen kein erstrebenswerter Zuhause für niemanden sondern tatsächlich eher ein Vorort der Hölle.


Quotextina72 #24

Mei, is halt so. Wir haben halt die Globalisierung, da gibt es halt mal Verlierer. Solange man nicht selber betroffen ist, ist doch alles klasse und supipupi. Und für die armen Verlierer wird man schon eine Lösung finden - - oder auch nicht. Außerdem - hätten die was "anständiges" gelernt, müssten sie nicht frieren!

Ist ja nicht das Problem der Mittelständler - oder?

Und das der Wirtschaft oder gar der Elite auch nicht, wie geschrieben, Globalisierung und so. Bischen Schwund ist da immer.

Oder so ähnlich wird doch gerne argumentiert, von unseren AG, unseren Vermietern und allen anderen "Siegern"


QuoteOktavfloete #29

das toughe Image des Viertels faszinierte die Galerist*innen.

Die Armut, die Verzweiflung , der Untergang der anderen fasziniert (deutsche Worte fuer faszienieren .anziehend, fesselnd, bezaubernd) also und man kann da vielleicht noch Geld rausschlagen
Pardon Frau Wellerhaus, sind Sie in der Skid Road nicht in Hundescheisse getreten?


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#22
Quote[...] Auf der grünen Wiese zwischen den Häusern, wo die Jungs sonst Bälle hin und her kicken, tobt kein Kind. Auf den Wegen dreht keiner mit dem Roller seine Runden, und auch die großen Outdoor-Sessel, auf denen sonst gern die Mädchen aus der Siedlung abhängen, sind verwaist. Nur ein paar Jugendliche haben sich zum Rauchen hinter einer Hütte verkrochen und trauen sich erst hervor, als sie sehen, dass es nicht die Polizei ist, die vorbeikommt.

Bis auf einige wenige Bewohner, die an diesem Nachmittag von der Arbeit nach Hause gehen, wirkt die Karl-Kirchner-Siedlung im Frankfurter Stadtteil Preungesheim an diesem ungewöhnlich warmen Frühlingstag wie ausgestorben. ,,Ich bin total erstaunt", sagt Angela Freiberg und lässt ihren Blick über die leeren Wege und Wiesen schweifen, die dazu einladen, dass man sich auf ihnen niederlässt, um jenseits der engen Wohnung im Freien etwas Luft zu schnappen. Doch während nur ein paar Kilometer entfernt die Frankfurter Parks und Grünflächen so voll sind, dass Jogger, spielende Kinder und Spaziergänger Mühe haben, die Abstandsregeln einzuhalten, gähnt zwischen den vierstöckigen Zeilenbauten aus den sechziger Jahren die Leere.

Diese Leere überrascht Angela Freiberg nicht nur, sie erschwert auch ihre Arbeit. Denn die besteht darin, mit den Bewohnern des Viertels in Kontakt zu kommen, bei einem persönlichen Gespräch zu hören, was sie umtreibt, bedrückt oder welche Ideen sie haben. Doch der öffentliche Raum ist tot, und ohne Leben auf der Straße bleiben auch diese Begegnungen aus. Freiberg ist Quartiersmanagerin in Preungesheim. Der Stadtteil ist so bunt gemischt wie die Stadt selbst, ein eingemeindetes Dorf mit 15 000 Einwohnern aus 106 Nationen, einem altem Kern und schmuckem Neubaugebiet sowie einer großen Justizvollzugsanstalt, für die das Viertel auch überregional bekannt ist. Direkt an die Gefängnismauern grenzt auch die Karl-Kirchner-Siedlung, ein ,,benachteiligtes" Quartier, wie es im Behördendeutsch heißt. Hier leben viele große Familien in kleinen Wohnungen, aber auch alleinstehende Rentner, die schon seit Gründung der Siedlung vor sechzig Jahren hier wohnen. Die Miete ist für Frankfurter Verhältnisse günstig, die meisten Bewohner haben nicht viel Geld, aber der Zusammenhalt im Viertel ist stark – was nicht zuletzt an der Arbeit von Angela Freiberg liegt.

Sie sitzt im Nachbarschaftsbüro, einem umgebauten Kiosk inmitten des Quartiers, und beschreibt, wie seltsam es sich für sie anfühlt, hier ganz allein zu hocken. Normalerweise herrscht auf den knapp zwanzig Quadratmetern reger Betrieb: Es gibt eine Sozialberatung für Senioren, einen Computerkurs für Einsteiger und einen Leseclub für Kinder. Vor allem aber kommen ständig Bewohner mit ihren Problemen oder Ehrenamtliche vorbei, die mit Freiberg über gemeinsame Projekte sprechen wollen – oder einfach nur mit einem kurzen Plausch die Einsamkeit bekämpfen.

Die Funktion eines Quartiersmanagers besteht vor allem darin, die Bewohner im Stadtteil untereinander zu vernetzen und sie zu ermutigen, ihre Lebensverhältnisse selbst zu verbessern: Indem sie ihre Anliegen gegenüber der Stadtpolitik formulieren, sich gegenseitig im Alltag unterstützen oder gemeinsam zu Pinsel und Farbe greifen, um ihre Siedlung zu verschönern.

Freiberg arbeitet seit 2013 in Preungesheim, und überall in der Siedlung zeigen sich die Spuren dessen, was sie seitdem mit den Bewohnern auf die Beine gestellt hat. Die Durchgänge zwischen den Häusern haben die Jugendlichen gemeinsam mit Künstlern bemalt. ,,Das waren früher Angsträume, jetzt sind es keine mehr", sagt Freiberg. Den Spielplatz haben die Kinder mitgestaltet. Viele andere Projekte, die jetzt mit dem Frühlingsbeginn starten sollten, mussten jedoch verschoben werden, wie der Mitmach-Garten. Das Beet ist schon umgegraben – aber dann kam Corona, und zum Säen und Pflanzen kam es nicht mehr.

Allein in Frankfurt werden zwanzig Stadtteile im Rahmen des kommunalen Programms ,,Aktive Nachbarschaft" gefördert, um den Bewohnern in den sozialen Brennpunkten Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Als das Programm vor zwanzig Jahren gegründet wurde, war die Stadt ein Vorreiter. Mittlerweile fördern nicht nur Kommunen, sondern auch Bund und Länder in ganz Deutschland Quartiersmanagement in schwierigen Vierteln. Allein in Hessen gibt es mehr als hundert Stadtteile, die auf diese Weise unterstützt werden.

,,Wir sind systemrelevant, denn wir sichern den sozialen Frieden", sagt Christina Bender, die das Programm ,,Aktive Nachbarschaft" in Frankfurt koordiniert, selbstbewusst. In Stadtteilen mit Quartiersmanagern gebe es deutlich weniger Probleme als anderswo. ,,Die Bewohner identifizieren sich stärker mit ihrem Wohnort und kennen einander besser." Das lässt weniger Platz für Ressentiments und trägt dazu bei, Konflikte zu lösen, bevor sie sich zuspitzen können. Diese Netzwerke tragen auch in der jetzigen Krise. ,,In den betreuten Stadtteilen haben sich sofort Ehrenamtliche gemeldet und Einkaufshilfen für Ältere organisiert", sagt Bender.

Doch wie gestaltet man eine Arbeit, die auf persönlichen Begegnungen beruht, in einer Zeit, in der Distanz oberstes Gebot ist? Zugleich brauchen die sozialen Brennpunkte derzeit besonders viel Unterstützung, denn die Unsicherheit ist hier groß: Viele Bewohner trauen sich aus Angst vor dem Virus gar nicht mehr vor die Tür und lassen auch ihre Kinder nicht raus. Die Stimmung in den Familien ist angespannt, viele Eltern arbeiten in prekären Jobs, die im Abschwung zuerst gestrichen werden. Wer vorher in der Schule schon abgehängt war, läuft durch den Unterrichtsausfall Gefahr, vollkommen den Anschluss zu verlieren. Oft wohnen viele Personen auf wenig Raum, die Eltern können bei schulischen Fragen nicht helfen, und die Ausstattung für Online-Unterricht ist nicht vorhanden.

Für Angela Freiberg ist das Homeschooling die größte Herausforderung für die Familien in der Corona-Krise. Obwohl sie derzeit keine Präsenzangebote machen darf, versucht sie übers Telefon, E-Mails oder Videochats Kontakt zu den Ehrenamtlichen und Bewohnern zu halten und herauszufinden, wo Hilfe gebraucht wird – und schnelle Lösungen zu organisieren. ,,Viele Kinder können sich die Arbeitsblätter, die ihnen die Lehrer schicken, nicht ausdrucken, weil keiner einen Drucker hat", sagt Freiberg. Spontan hat eine Nachbarin angeboten, nach der Arbeit die Unterlagen für die Kinder des Viertels auszudrucken.

Damit der Draht zu den Bewohnern in der Krise nicht abbricht, hat Freiberg einige Projekte kurzerhand ins Netz verlegt. Eine Mädchengruppe sollte eigentlich in den Osterferien ihr Viertel erkunden und dort Aufgaben erfüllen – zum Beispiel ihre Lieblingsplätze fotografieren. Das sollte die Identifikation mit ihrem Wohnort und letztlich auch die Mädchen selbst stärken. Aber da nun Zuhausebleiben angesagt ist, hat die Gruppe statt des Stadtraums nun die eigenen vier Wände erkundet. Ihre Entdeckungen hat jede per Video oder Foto dokumentiert und mit den anderen geteilt. ,,Der Versuch, trotz Abstand zusammen zu sein, hat gut funktioniert", lautet Freibergs Resümee.

,,Im Moment passiert in der Quartiersarbeit unglaublich viel, aus der Not heraus werden ganz neue Formate ausprobiert", hat Fabienne Weihrauch beobachtet. Weihrauch ist die Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft soziale Brennpunkte in Hessen und koordiniert Projekte, die vom Bund und vom Land finanziert werden. Es würden Bastelrucksäcke an die Haustüren von Familien gehängt, Bingo auf dem Balkon veranstaltet oder Jugendliche dazu aufgefordert, ihr Leben in der Pandemie im Videotagebuch zu schildern. ,,Ziel ist es, den Leuten zu zeigen, dass wir noch da sind, auch wenn der persönliche Kontakt im Moment nicht möglich ist", sagt Weihrauch. Für viele Bewohner in den sozialen Brennpunkten sei das eigene Zuhause nicht der ideale Ort. Die Kombination aus Zukunftssorgen und Kontaktsperre kann leicht toxisch werden.


Aus: "Soziale Brennpunkte: Anspannung im Quartier" Judith Lembke (06.05.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wohnen/quartiersmanagement-in-der-corona-krise-16751549.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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Der Hansaplatz ist ein Platz im Berliner Ortsteil Hansaviertel des Bezirks Mitte.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hansaplatz_(Berlin)

Quote[...] ,,Ich versteh dich voll, Mann, so geht's einfach nicht." Der hagere Mann presst je eine Flasche Klaren und Cola an sich und nickt dem Sicherheitsdienst zustimmend zu. Der hat gerade S. von seinem Stammplatz vor dem Supermarkt verwiesen. Lautstark zieht S. ab, wo er saß, hinterlässt er einen Teppich aus Essensresten und Müll. Auch die anderen Obdachlosen, die eben noch in der Passage auf dem Hansaplatz in Mitte um ein paar Cent bettelten, verlassen das Gelände. ,,Immer wieder werden wir hier vertrieben", erzählt Arwi M., der seit drei Jahren mit seiner Frau auf der Straße lebt.

Wieder der Bezirk Mitte, wieder geht es um Obdachlose, wieder geht es um den Vorwurf der Verdrängung. Bereits seit Jahren lässt der Bezirk im Tiergarten und anderen Parks immer wieder entstehende Camps räumen und erntet dafür teils heftige Kritik von Ak­teu­r*in­nen der Obdachlosenhilfe. Diesmal schlagen die Straßensozialarbeiter von Gangway Alarm: Seit einigen Wochen gibt es am Hansaplatz eine Platzordnung, die obdachlose Menschen verdrängen soll.

Der Skandal aus Sicht der Streetworker: Das von einem Sicherheitsdienst kontrollierte Gebiet, auf dem die Platzordnung gilt, umfasst sowohl Privatgelände als auch den öffentlichen Platz; der Bezirk beteiligt sich zu 40 Prozent an den Kosten. ,,Das verstößt gegen das Grundgesetz", sagt Andreas Abel, seit acht Jahren Straßensozialarbeiter im Bereich des nahe gelegenen Bahnhofs Zoo und immer wieder vor Ort auf dem Hansaplatz. Vor zwei Wochen schrieb Gangway eine Beschwerde an den Bezirk.

Auf Nachfrage meldet sich der Bezirksbürgermeister persönlich zu Wort. ,,Kennen Sie den Platz?", fragt Stephan von Dassel (Grüne). ,,Wissen Sie, was da los ist?"

Der Hansaplatz entstand Ende der 1950er Jahre im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Interbau als Zen­trum einer Mustersiedlung, der ,,Stadt von morgen", damals State of the Art. Nach Verlassen der U-Bahn-Station befindet man sich auch heute noch direkt im sogenannten Einkaufszentrum, einem Ensemble aus einem Dutzend niedrig überdachter Läden.

Alles hier ist seit 1995 denkmalgeschützt – jede Gehwegplatte, auf der man steht, das abblätternde Türkis an den Metallträgern, die dunkelbraunen Holzpaneelen an der Decke, die das Licht jedes noch so hellen Tages schlucken. Linker Hand sind die Türen des Grips Theaters wegen Corona seit Wochen verschlossen, geradeaus befindet sich die Filiale einer Bäckereikette. Hier hängen sie im Schaufenster: die Platzregeln. Ein weiteres Exemplar prangt vor dem verrammelten Späti, der wohl wegen krummer Geschäfte schließen musste, ein dritter Aushang klebt am Schaufenster der Apotheke.

Die Platzordnung untersagt unter anderem das Trinken von Alkohol, Betteln, Hausieren, Nächtigen, Urinieren und unnötigen Aufenthalt. Eine Karte verzeichnet das Gebiet, auf dem die Platzordnung gilt. Ende letzten Jahres gab es eine Testphase, in der ein Sicherheitsdienst an 6 Tagen in der Woche vor Ort war. Seit einigen Wochen sind es nun regelmäßig 3 Tage, an denen die Männer das Gebiet überwachen.

Die Federführung hat der Eigentümer des Einkaufszentrums, unterstützt wird er vom Bezirk. ,,Es gibt hier eine sehr aktive Gruppe von Gewerbetreibenden und Anwohnern", sagt Streetworker Andreas Abel, ,,die wollen die obdachlosen Menschen vom Hansaplatz vertreiben." Früher sei der Hansaplatz tatsächlich einmal ein sogenannter kriminalitätsbelasteter Ort gewesen. ,,Aber das ist er schon lange nicht mehr. Es handelt sich um ein persönliches Unsicherheitsempfinden und verfestigte Vorurteile", sagt Abel.

Ulrich Greiner betreibt mit seiner Frau seit 30 Jahren die Apotheke im Einkaufszentrum. ,,Wir hatten hier immer schon Obdachlose, das war kein Pro­blem, die haben wir mit durchgefüttert", sagt er. Aber seit fünf, sechs Jahren gebe es eine so massive Aggressivität, dass man im Alltag einfach nicht damit zurechtkomme. Greiner ist Mitglied im Bürgerverein Hansa­viertel, der sich 2004 gründete, um die Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum des Hansaviertels 2007 vorzubereiten.

Eigentlich ging es dem Verein um die Wahrung des Bau- und Gartendenkmals, man strebt die Anerkennung als Weltkulturerbe an. Doch seit Jahren, so erzählt Vorsitzende Brigitta Vogt, geht es immer wieder auch um die Obdachlosen am Hansaplatz. Gerade die älteren Bewohner, von denen viele in den 90ern hier Eigentumswohnungen gekauft haben, hätten Angst, in das Einkaufszentrum zu gehen. Der Grund seien vor allem obdachlose Menschen aus anderen EU-Ländern, die kein Deutsch sprächen und von denen einzelne extrem aggressiv auftreten. ,,Es gibt ein Fremdheitsgefühl", sagt Vogt. ,,Warum kann man die, die hier Stress machen, nicht zurückschicken?", fragt der Apotheker.

Ladenbesitzer, Anwohner und der Bürgerverein berichten von Fäkalien, von Müll, von Pöbeleien und Drohungen, von eingeschlagenen Scheiben, auch von Gewalttätigkeit. Von einzelnen Obdachlosen, die alte Leute vor dem Supermarkt so lange auf den Kieker nehmen, bis diese ihnen Geld geben. Die Menschen anspucken, ihre Genitalien entblößen und Kindern Angst machten. Auf diese Erfahrungen beruft sich auch der zuständige Bezirksbürgermeister von Dassel und verteidigt die Entscheidung, dass der Sicherheitsdienst neben den privaten auch öffentliche Flächen kon­trol­liert. Der sogenannte Platzdienst sei geschult, mehrsprachig, kultursensibel. Es gehe nicht um Verdrängung, sondern um Gewaltprävention.

,,Platzdienst im Auftrag des Bezirksamts", steht auf dem Schild an der Brust von Pete H. Er ist es, der an dem Nachmittag auf dem Hansaplatz S., Arwi M. und die anderen Obdachlosen zum Gehen auffordert. Er spricht Russisch und Polnisch und arbeitet auch auf einem anderen Platz im Bezirk. ,,Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir hier Respekt erarbeitet habe, aber jetzt hören sie auf mich." Er erzählt, wie er einem Alkoholiker geholfen habe, der auf Krücken lief, mit einem ,,völlig vergammelten Bein". Der sei zu allen aggressiv gewesen. ,,Aber ich habe zu ihm gesagt, wenn du wirklich willst, helfe ich dir." Die Sozialarbeiter des Bezirks habe er gerufen, die hätten sich um Entgiftungskur und alles gekümmert. Neulich sei der Mann gekommen, keine Krücken mehr, ordentliche Klamotten, trocken, wollte sich bedanken. ,,Ich habe gesagt, bedank dich bei dir selbst."

Aber es gebe ein paar, nicht viele, die machten immer wieder Stress. Und wegen denen dürfe leider nun auch der ,,total höfliche Straßenzeitungsverkäufer" hier nicht mehr stehen. Bis zu 10 Mal, erzählt Pete H., schicke er zum Beispiel S. von seinem Platz vor dem Supermarkt fort. Der habe schon über 200 Anzeigen, sei im Gefängnis und in der Psychiatrie gewesen. ,,Aber da wollen sie ihn auch nicht, zu aggressiv." Nur morgens, wenn er noch nüchtern sei, könne man mit S. reden, erzählt der Apotheker. Jetzt ist es Nachmittag. ,,Komm her oder ich komm zu dir", brüllt S. durch die Passage, als er die Reporterin sieht, wie sie mit zwei der obdachlosen Menschen spricht. Es klingt nicht einladend. ,,Lieber nicht", sagt auch Arwi M. und schüttelt den Kopf.

,,Ja, es gibt hier ernste Probleme, aber Vertreibung war die denkbar schlechteste Lösung", sagt Philipp Harpain, Leiter des Grips Theaters, vor dessen Türen die Zone der neuen Platzordnung beginnt. Harpain hat vor 18 Jahren sein erstes Stück am Grips Theater inszeniert – über Obdachlosigkeit. Bei der Feier zum 50-jährigen Jubiläum des Hansaviertels hätten am Ende die Obdachlosen den Platz gefegt. ,,So sauber war der noch nie", erzählt Harpain. Man habe doch nicht immer wieder mit Politik, Polizei und Gewerbetreibenden zusammengesessen, damit diese Menschen jetzt alle über einen Kamm geschert und vertrieben werden. ,,Kontakte und Schnorren sind doch nicht das Problem", sagt Harpain und wünscht sich Begegnung auf diesem Platz, der einst genau dafür gestaltet wurde.

Das wünschen sich auch die Streetworker von Gangway, die das Vorgehen des Bezirks juristisch prüfen lassen wollen und denen der Bezirksbürgermeister mangelnde Kooperation vorwirft. ,,Wir lassen uns nur nicht für Sicherheitszwecke instrumentalisieren", sagt Abel. Man prüfe die Bedenken von Gangway, verspricht der Bezirksbürgermeister.

Wenn der Platzdienst da ist, sei Ruhe, freuen sich dagegen die Ladenbesitzer und fordern noch mehr Engagement vom Bezirk. Denn sobald Pete H. und seine Kollegen verschwinden, kommen die Menschen zurück, die auf dem Hansaplatz um ein paar Cent betteln, schlafen, hausen. ,,Was sollen wir auch sonst machen", sagt Arwi M.


Aus: "Verdrängung von Obdachlosen in Berlin: Betteln und hausieren verboten" Manuela Heim, Berlin (18. 6. 2020)
Quelle: https://taz.de/Verdraengung-von-Obdachlosen-in-Berlin/!5689870/

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Quote[...] In Essen, einer einstigen Herzkammer der deutschen Sozialdemokratie, liegt die SPD in einer aktuellen WDR-Umfrage für die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen am kommenden Sonntag nur noch bei 19 Prozent, nach 34 Prozent bei der Kommunalwahl 2014. 1975 holte man hier noch knapp 55 Prozent und regierte jahrzehntelang.

... Letztlich ist Essen ein Spiegelbild für die Zerrissenheit gerade der Sozialdemokraten. Auf der einen Seite eher konservative Pragmatiker, die das Kippen von Stadtteilen wie Altenessen und neue AfD-Hochburgen vermeiden wollen. Auf der anderen Seite Funktionäre, die sich nach Links orientieren und die Grünen zu kopieren versuchen. ... vor allem der Umgang mit den ankommenden Flüchtlingen und die Ghettobildung in Stadtteilen wie Altenessen stellte und stellt die Essener SPD vor Zerreißproben.

... So wie damals bei der Tafel-Debatte [https://www.tagesspiegel.de/politik/nach-aufnahmestopp-fuer-auslaender-die-essener-tafel-will-wieder-allen-helfen/21058372.html]vermisst Sartor gerade bei der SPD ein Sich-Ehrlichmachen und die Auseinandersetzung mit realen Problemen. Bei der Bundestagswahl erzielte die AfD im Essener Norden mancherorts bereits 23 Prozent – er betont, ein Gegner der Partei zu sein, die auch viele frühere SPD-Wähler gewonnen hat.

Der stämmige Tafel-Chef glaubt, dass die SPD nicht mehr nah genug bei den Menschen ist. Den Kassierer, der von Tür zu Tür ging, die Mitgliedsbeiträge kassierte und wusste, wo der Schuh drückt, gibt es nicht mehr. Corona und Parteipolitik im Netz machen es nicht einfacher. Die Kneipe als Ort der Begegnung, der Stammtisch, kaum noch existent in Essen – ein Problem nicht nur hier.

Sartor führt durch den kachelgefliesten großen Raum im Erdgeschoss des Wasserturms, wo die Helfer Toastpakete, Milch, Käse, Bananen, Tomaten und Äpfel für die Kunden sortieren, in Corona-Zeiten gibt es feste Zeitfenster, ab halb eins geht es los. Draußen warten schon lange vor dem Einlass vor allem ältere Mitbürger, gestützt auf Rollatoren.

Etwa 40 Prozent der Sozialhilfeempfänger in Essen sind Ausländer. Ziel der Tafel war es, bei den Tafelbesuchern eine ähnliche Quote zu erreichen. Das ist gelungen. "Das ist der Vorteil dieses Riesentheaters gewesen, alle haben verstanden, dass es anders nicht mehr geht." Das Miteinander sei jetzt viel besser. 1800 Plätze gibt es heute, wegen Corona kommen aber aktuell nur rund 1600 Kunden regelmäßig zur Lebensmittelabholung vorbei, wird es wieder mal knapp, werden bevorzugt Alleinstehende ab 50, Alleinerziehende oder Familien mit kleinen Kindern neu aufgenommen.

Der SPD-OB-Kandidat in Essen ist Geschäftsführer des AWO Kreisverbands, Oliver Kern ist gelernter Erzieher, Gesundheits- und Sozialökonom. Sartor regt sich über ihn auf, über Inszenierungen und schicke Anzugfotos: "Da kriech ich das kalte Kotzen." Auf der SPD-Liste für den Essener Stadtrat stünden überwiegend Leute, "die noch nie in ihrem Leben richtig gearbeitet haben, wie der Kevin Kühnert in Berlin". Sondern meist für Abgeordnete oder SPD-nahe Institutionen tätig gewesen sind. "Ich war 30 Jahre unter Tage und habe 30 Jahre Menschen geführt."

Jörg Sartor steigt wieder in seinen Wagen, startet den Motor, es geht zu den Wurzeln seines Lebens – und vieler Probleme in Essen. Über seine Erfahrungen mit dem Strukturwandel hat er ein Buch geschrieben ,,Schicht im Schacht". Viel optimistischer ist auch die gemeinsame Tour durch den Norden der 590000-Einwohner-Stadt nicht. "Das ist hier ist der Libanon von Altenessen", sagt Sartor, der sich jetzt in Rage redet. Er regt sich über die Schrottimmobilien auf, an denen er vorbeikommt, über Müllberge in den Hinterhöfen und kaputte Fenster.

Immer seien die Radwege zugeparkt, die Polizei mache nichts, "wir haben ja hier auch den Remmo-Clan, den Sie in Berlin gut kennen". Ende Juli seien 750 Leute zur Beerdigung des Vaters von Clan-Mitglied "Pumpgun Bilal" gekommen, ohne Maske, ohne Abstand. Nichts habe die Stadt gemacht, sagt Sartor, der Staat kapituliere – aber bei anderen Beerdigungen hätten wegen Corona noch nicht einmal die Angehörigen dabei sein dürfen.

Das Problem sei das gleiche wie in jeder größeren Stadt in Deutschland: "Es gibt Viertel, wo der Anteil der ausländischen Bevölkerung exorbitant hoch ist. Das wissen die Politiker seit zig Jahren und keiner kriecht es auf die Kette." Aber wenn die Akzeptanz für ein faires und gerechtes Miteinander einmal weg sei, komme das nicht wieder.

Sartor will eine Quotenregelung für Kitas und Grundschulen im Essener Norden, es könne nicht sein, dass in manchen Schulen 90 Prozent der Kinder kein Deutsch sprechen. Der Sozialhilfedezernent habe mal gesagt, er könne ja nicht jeden Tag 10000 Kinder mit Bussen aus dem Essener Norden in den Süden karren. ,,Da hat er Recht. Aber man kann 50 Lehrer aus dem Essener Süden in den Essener Norden bringen", sagt Sartor. ,,Da wo Problemschulen sind, müssen sofort mehr Lehrer hin."

Sonst kippe etwas, sagt Sartor, Stichwort AfD. "Hier leben wir seit 60 Jahren mit vielen Ausländern: Türken, Italienern, aber es gab früher eine Durchmischung. Die kamen nach der Schicht mit in die Kneipe, sie wurden integriert und wollten sich integrieren. Ich habe viele Freunde mit türkischen Wurzeln im Fußballverein, die sind Zollbeamte oder bei der Feuerwehr" erzählt Sartor.

Das Problem bei den Türken sei heute aber die dritte Generation, die drifte etwas ab, plötzlich würden auch junge Mädchen wieder Kopftuch tragen. Sartor macht die hohe Anzahl der Moscheen dafür verantwortlich und den Einfluss des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Die SPD platziere jetzt extra einen mit Migrationshintergrund weit vorne auf der Kommunalwahlliste, um diese Leute zu gewinnen. Den kenne aber hier bisher kaum einer. Ein heftiger Vorwurf.

Dieser Mann ist Caner Aver. Bei einem späteren Telefonat betont er, er leite in der SPD Essen bereits seit Jahren die AG Migration und Vielfalt, stehe mit verschiedenen Politikern in regelmäßigem Austausch "und habe darüber hinaus ehrenamtlich in vielen Vereinen, auch bundesweit, Verantwortung übernommen". Der 45-Jährige arbeitet am Zentrum für Türkeistudien der Universität Essen-Duisburg.

Avers Rezept gegen Resignation, Pauschalurteile und verhärtete Fronten? "Der Anteil von Migranten in Parlamenten ist noch viel zu gering", sagt Aver. Auch er will eine bessere Durchmischung. "Wir brauchen mehr attraktiven Wohnraum im Essener Norden und müssen gleichzeitig verstärkt auf die Bezahlbarkeit der Wohnungen achten." Und es brauche mehr Kitas – darunter auch bilinguale – am besten kostenlos.

Aber er kandidiert in Rüttenscheid, einer besseren Gegend. Die Arm-Reich-Kluft verläuft quer durch die Stadt, zwischen Nord und Süd. Auf die Frage, wie er von der AfD Wähler zurückgewinnen wolle, sagt Aver: "Vertrauen gewinnt man nur mit Ehrlichkeit. Wir waren in den letzten Jahren permanent im Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern und haben uns jede Meinung, jede Problemschilderung angehört – auch wenn sie unbequem waren." An der Umsetzung der Versprechen lasse er sich nun messen.

Jörg Sartor zeigt auf die Fassaden an der Hauptstraße in Altenessen. "Da war ein Metzger, da ein Möbelhaus, da ein Goldgeschäft, da drüben ein Schuhgeschäft. Gibt's heute kein einziges mehr von." Stattdessen viele Ketten. ,,Früher hat das Ruhrgebiet von der Kneipe gelebt, da war Leben in der Bude." Nur die Glückauf-Apotheke erinnert hier noch an die goldene Zeit.

Sartor ist ein Anpacker, aber wie hier ein Aufbruch mit neuen Chancen aussehen könnte, weiß er auch nicht so recht. ,,Das ganze Miteinander ist in den letzten zehn Jahren extrem kaputt gegangen." Es geht durch die nächste Straße, in der er mal wieder die Namen der Kneipen aufzählt, die es hier nicht mehr gibt. Er kommt auf 15 Stück. Sartor seufzt. "Wat wech is, is wech."


Aus: "Warum Jörg Sartor die SPD aufgegeben hat" Georg Ismar (09.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nrw-kommunalwahl-warum-joerg-sartor-die-spd-aufgegeben-hat/26168768.html

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Quote[...] Christoph Butterwegge sollte den Reichen mal etwas über Armut erzählen. Vor Corona. Im vornehmen Kölner Villenviertel Hahnwald, wo sich Unternehmer, Entertainer und Fußballtrainer wie Christoph Daum niedergelassen haben. Butterwegge hielt bei der Charity-Veranstaltung einen Vortrag über Kinderarmut, als er fertig war, sagte die Hausherrin: ,,So, jetzt gehen wir aber mal raus in den Garten."

Butterwegge staunte: Der Garten war ein Park, die Garage so groß wie ein Zweifamilienhaus. ,,Da können Sie sich nur mit Corona anstecken, wenn der Gärtner es ins Haus trägt."

Hahnwald muss in diesen Tagen herhalten zur Illustration dramatischer Pandemieunterschiede in Köln: In Hahnwald gab es tagelang keine Neuninfektionen, die Inzidenz lag bei 0 – während im Norden der Rheinmetropole, im Stadtteil Chorweiler, die 7-Tage-Inzidenz auf 543 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner kletterte.

... Intensivmediziner begrüßen den Einsatz mobiler Impfteams in sozialen Brennpunkten. ,,Auf den Intensivstationen liegen überdurchschnittlich viele Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten, Menschen mit Migrationshintergrund und sozial Benachteiligte", sagte der wissenschaftliche Leiter des Intensivbettenregisters (Divi) , Christian Karagiannidis, der ,,Rheinischen Post". Die Stadt Köln hat nun die Impfreihenfolge für die Stadtteile mit hohen Inzidenzen mit Genehmigung des Landes aufgehoben.

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Aus: "Soziale Spaltung durch Corona am Beispiel Köln - ,,Der Fehler ist doch: Man hätte nicht jahrzehntelang zündeln dürfen"" (02.05.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/soziale-spaltung-durch-corona-am-beispiel-koeln-der-fehler-ist-doch-man-haette-nicht-jahrzehntelang-zuendeln-duerfen/27149524.html

Quoteteckelchen 01.05.2021, 16:36 Uhr

Ich frage mich, was es "den Reichen" nutzt, durch steigende Lebenshaltungskosten und stagnierende Löhne immer mehr Elend zu produzieren?
Wer will in so einem Land leben? Oder sitzt man in der Villa schon auf gepackten Koffern?


QuoteWestpreussen 01.05.2021, 18:00 Uhr
Antwort auf den Beitrag von teckelchen 01.05.2021, 16:36 Uhr
@teckelchen

Ich frage mich, was es "den Reichen" nutzt, durch steigende Lebenshaltungskosten und stagnierende Löhne immer mehr Elend zu produzieren?

Zu den Reichen zählen auch Unternehmer. Und die sind sehr wohl an steigendem Wohlstand aller interessiert. Denn wer sollte sonst deren Produkte und Dienstleistungen kaufen? Die wenigen Reichen? Oder die Chinesen und Inder?

Blickt man auf die Entwicklung der letzten 75 Jahre, dann lässt sich feststellen, dass der Wohlstand stetig gestiegen ist. Eine bundesdeutsche Arbeiterfamilie hatte in den 1960er Jahren in etwa den Lebensstandard eines heutigen "Hartz-IV-Haushalts". Kein qualifizierter Industriearbeiter (zum Beispiel bei VW) wollte deshalb im Jahr 2021 mit dieser Generation tauschen.


Quotesoftride 01.05.2021, 19:39 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Westpreussen 01.05.2021, 18:00 Uhr

    zum Beispiel bei VW

Na klar - man nehme das Beispiel der mit am Besten verdienten Menschen und projeziere das auf Alle.
Vielleicht mal den durchschnittlichen qualifizierten Industriearbeiter nehmen. Da sieht es dann schon anders aus.
Passt nur nicht so recht in die eigene Agenda...


QuoteKeppler2022 01.05.2021, 16:31 Uhr

Das ist das Ergebnis konzertierten Politik von CDU und SPD.
Immobilien und Grundstücke im Eigentum der öffentlichen Hand wurden erfolgreich verschleudert. Vorwand zum Raubzug war hier die Staatsverschuldung und die Schaffung eines schlanken Staates.


QuoteDeutsch-Europaeer 01.05.2021, 17:55 Uhr


... Dank Kanzler Kohl wurde am 01.01.1990 das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz aufgehoben. Gemeinnützigen Wohnungsunternehmen waren bis dahin von der Körperschafts-, Gewerbe- und Vermögensteuer befreit, ebenso von der Grunderwerbsteuer und Ermäßigungen gab es bei der Grundsteuer. Insbesondere nach der Finanzkrise 2008/09, erreichten die Verkäufe öffentlicher Wohnungsbestände ihren Höhepunkt, nachdem internationale Investoren den Immobilienmarkt als sichere Kapitalanlage entdeckt hatten. Zwischen 2009 und 2014 stieg das Transaktionsvolumen von 3 Mrd. auf 25 Mrd. Euro. Der Wohnungsmarkt geriet so in den Fokus [von] aus- und inländischer Investoren. Dazu trug auch die Steuerfreiheit für Veräußerungsgewinne bei, die ab 2002 von der rot-grünen Bundesregierung gewährt wurde. Danach können Unternehmen und auch Immobilien steuerfrei gehandelt werden, ohne dass die enthaltenen stillen Reserven – Differenz zwischen Buch-/Bilanzwert und Verkaufspreis – nachversteuert werden müssen. Die Wohnungen sind dadurch gänzlich zu einer Ware geworden.


Quoteredshrink 01.05.2021, 18:56 Uhr
Die soziale Spaltung kann auch wirklich nur in Deutschland-geht-es-gut ein überraschendes Thema sein. Seit Jahrzehnten weisen Unmassen von Daten darauf hin, dass Gesundheit stark abhängig von sozialer Stellung ist. Im Ausland wird es diskutiert, wenngleich es auch dort nicht zur Besserung der Situation beiträgt. Man tröstet sich mit dem Mantra der "Chancengleichheit", während Vermögen immer ungleicher verteilt ist.

Und dennoch, auch Türken können sich informieren; auch ihre Netzwerke könnten zur Aufklärung über Covid beitragen. Oder Klimaschutz. Viele Zuwanderer sind auch informiert und schützen sich und andere. Andere eben nicht. Beengte Lebensräume spielen eine Rolle, aber ganz sicher nicht die einzige. In Berlin gibt es auch viele Quartiere, wo viele "weiße" und arme Leute wohnen, in 70er Jahre Plattenbauten, dicht an dicht. Dort explodieren die Infektionszahlen nicht so wie in Neukölln. Es geht nicht um Schuld; ich weine über jeden, der in der Pandemie leidet. Aber muss die Leute auch nicht infantilisieren. Es steht jedem frei, hetzerische Medien zu konsumieren oder auch nicht.


Quotejjber 01.05.2021, 18:16 Uhr

... Jahrzehntelang wurde in Funk und Presse das Ideal von H-IV gepredigt, höhere Löhne meist zu Teufelszeug erklärt, indem man wirren Studien der deutschen Ökonomie-Scharlatne - auch Wirtschaftsweise genannt - nahezu kritiklos folgte.

Das Gesundheitssystem und Daseinsvorsorge wurden als zu teuer und ineffizient verschrien. Studien zur schlechteren Gesundheit und kürzeren Lebenserwartung von Armen wurden beiläufig erwähnt, Konsequenzen keine. Hauptsache die schwarzen-Nullen standen. ...


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Quote[...] Bremen – Wenn Journalisten ins deutsche Stadt-Bundesland Bremen kommen, stellen sie sich gerne in den Stadtteil Gröpelingen. Dort lässt es sich gut über Armut sprechen: Das Gebiet zählt zu den ärmsten in ganz Deutschland. Die Menschen dort würde es stören, das Stigma wiegt ja so schon schwer genug, "aber faktisch ist es so", sagt Thomas Schwarzer, Sozialexperte bei der Arbeitnehmerkammer in Bremen.

Es ließe sich allerdings gut argumentieren, dass Bremen-Tenever das spannendere Viertel in dieser Hinsicht ist. Der Ortsteil im Osten Bremens war lange Zeit ein echter Brennpunkt. Und auch wenn die Armut hier immer noch ein großes Problem ist: Vieles ist besser geworden. Was dort gelungen ist, kann auch in anderen Problemgegenden in Bremen gelingen, sagt Schwarzer – dazu später.

Dass Bremen überhaupt so stark von Armut betroffen ist, sei erst einmal nicht verwunderlich: Es sei eben eine große Stadt in Deutschland. Auch in insgesamt wohlhabenderen Städten wie Hamburg oder Frankfurt haben 20 bis 25 Prozent der Menschen weniger als 60 Prozent des deutschen Medianeinkommens zur Verfügung und gelten deshalb als arm. Das sei weder außergewöhnlich noch hinzunehmen, argumentiert Schwarzer, der die Bremer Armutskonferenz mitbegründet hat.

Zumal es auch sehr viele reiche Menschen und reiche Gegenden gibt: Das Durchschnittseinkommen im Stadtteil Bremen-Horn ist etwa achtmal so hoch wie jenes in Bremen-Gröpelingen. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich sind in Bremen geradezu plump offensichtlich: Nur wenige Schritte von der Altstadt mit ihren goldverzierten Prachtfassaden entfernt haben wohnungslose Menschen ihre Lager im Park aufgeschlagen.

Tatsächlich ist Gröpelingen ein gutes Beispiel dafür, wie Armut in einem Viertel um sich greifen kann: Dort lebten viele Werftarbeiter – und als die Werft in der Hansestadt 1983 in Konkurs ging, fehlte den Leuten das Einkommen. Die Gegend verwahrloste, die Mieten sanken – und somit wurden mehr Menschen mit wenig Geld angezogen.

Noch heute zieht der Stadtteil deswegen arme Personen, oft Migranten, an. "Das bedeutet", sagt Schwarzer, "dass wir in den Quartieren, wo's sowieso schon schwierig ist, besonders viele Neuankömmlinge haben". Die müssten sich oft erst zurechtfinden und Deutsch lernen. Das mache die Sache nicht einfacher. Wenn sie sich aber einen gewissen Wohlstand geschaffen haben, ziehen sie schnell wieder weg: "Diese Stadtteile sind eine Art Durchlaufheizer", sagt Schwarze. Wer die Gegenden nicht gut kenne und nur von außen darauf schaue, sage dann oft: "Bei denen geht ja nichts voran."

Und wie ist das im Vorzeigestadtteil Tenever? Der war in den 1970er-Jahren als innovatives Superviertel am Rande Bremens gedacht und geplant worden. Familien, die noch infolge des Zweiten Weltkriegs in prekären Wohnformen gelebt hatten, sollten dort einziehen. Doch der Plan ging nicht auf, etliche Wohnungen blieben unvermietet, die Häuser verfielen zum Teil. Tenever eilte der Ruf als kaputter Stadtteil voraus. "Das Viertel galt schon als problematisch und gelangte dann in diese Abwärtsspirale", sagt Schwarzer. Dazu kam die schlechte Verkehrsplanung: Eine Straßenbahnanbindung wurde erst in den 1990ern hergestellt. "Die haben da draußen teilweise auch isoliert gesessen."

Ein Förderprogramm der deutschen Regierung brachte 1989 Geld und Innovation nach Tenever: Es wurden Projekte zur Vernetzung der Bevölkerung entwickelt, ein Bürgerzentrum eingerichtet, ein Stadtteilfest veranstaltet. Eher "weiche" Dinge, "aber das hat ganz gut funktioniert", sagt Schwarzer: Die Stimmung vor Ort hat sich gebessert, die Leute haben sich wohler gefühlt, der Ruf war wieder positiv. Es wurden auch Kindertagesstätten ausgebaut und Wohnungen saniert.

Und: Die Menschen in Tenever haben sich auch selbst ermächtigt. "Die haben aus ihrem Stadtteil heraus eine politische Initiative gegründet", erzählt Schwarzer. Einmal im Monat kamen alle Interessierten zu einer "Stadtteilrunde" zusammen und "sprachen darüber, wo es brennt in den kleinen, alltäglichen Dingen". Die Bremer Stadtpolitik sei da dann "schnell drauf aufgesprungen".

Vor rund 20 Jahren wurde Tenever auch städtebaulich weiterentwickelt, etwa ein Drittel des Wohnraumes wurde dafür abgerissen. Heute wirkt Tenever wie eine gutbürgerliche Vorstadt: Begrünte Flächen zieren die Straßen, und die Häuser wirken gut in Schuss. Immer noch ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung hier auf Sozialleistungen angewiesen. Fehler im Städtebau, gesamtgesellschaftliche Ungerechtigkeiten, fehlende Aufstiegschancen – dagegen wirken auch die wirksamsten Rezepte gegen die Armut nur langsam. (Sebastian Fellner aus Bremen, 24.8.2021)


Aus: "Bremen zeigt, wie Armutsbekämpfung (langsam) gelingen kann" Sebastian Fellner aus Bremen (24. August 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000129148966/bremen-zeigt-wie-armutsbekaempfung-langsam-gelingen-kann

Quote
nograndenavi1

Ach je....Von der Armut zum Vorzeigeviertel. Von wegen. Da wird saniert, die Mieten explodieren. Das ganze Volk zieht in den nächst günstigen Stadtteil. So wie immer.
Da Problem wandert nur woanders hin.


Quote
Otto Normaluser

Bremen inkl Bremerhaven als Beispiel für irgendwelche finanziellen Angelegenheit anzuführen ist geradezu grotesk, Bremen hat eine pro Kopf Verschuldung von 32k (Durchschnitt in DE 6,6k) bzw 65,4% des BIP (Durchschnitt in DE 16,8%), bei beiden Werten ist Bremen "Spitzenreiter"

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_deutschen_Bundesl%C3%A4nder_nach_Verschuldung


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Quote[...] Im hessischen Dietzenbach ist eine Wohnsiedlung zum Auffangbecken für Ausgestoßene, Aussiedler und Ausländer geworden. Der Komplex galt in den siebziger Jahren noch als erstklassige Kapitalanlage. Jetzt fordert eine Bürgerinitiative den Abriß des Viertels.

Der »Schandfleck«, das sind fünf Hochhäuser im Spessartviertel, 9 bis 17 Etagen hoch - eine »no-go-area« mitten in der Provinz. Hier läßt sich wie unter Laborbedingungen studieren, was Soziologen meinen, wenn sie von gesellschaftlichen Desintegrationsprozessen sprechen. Ausgrenzung, Armut, Perspektivlosigkeit und das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen verdichten sich am Ortsrand von Dietzenbach zu einer kritischen Masse.

...  Auf den Balkonen stapelt sich Hausrat. Ausrangierte Möbel und alte Fahrräder lassen gerade noch Platz für eine Satellitenschüssel. Gelegentlich schmeißen Bewohner ihren Müll über das Geländer. Die Flure sind 30 Meter lange, dunkle Korridore, in denen es nach Urin und Fäulnis riecht. Fast überall krabbelt Ungeziefer. Daß viele Scheiben zerbrochen, Briefkästen und Fahrstuhltüren angekokelt sind, stört kaum noch jemanden. Für eine Tour vom 20 Kilometer entfernten Rhein-Main-Flughafen ins Elendsviertel verlangen die Taxifahrer gewöhnlich Vorauskasse.

Marmorböden in den Eingangsbereichen der Häuser sind das einzige, was noch daran erinnert, daß der Komplex nicht als Endstation für all jene, die nirgendwo willkommen sind, konzipiert wurde.

Anfang der siebziger Jahre hatte die SPD-regierte Gemeinde mit Hilfe von Bund und Land Grundstücke gekauft und erschlossen. Der Traum von der durchgängigen Planbarkeit sozialer Verhältnisse äußerte sich in Dietzenbach in der Hoffnung, eine Art Edelvorort von Frankfurt zu werden. Ein S-Bahn-Anschluß sollte die Gemeinde für Menschen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet attraktiv machen.

Eine Bauträgergesellschaft errichtete die Häuser im Bauherrenmodell - als »erstklassige Kapitalanlage«.

Doch die S-Bahn nahm andere Wege, die Rechnung der SPD-Planer ging nicht auf. Viele Wohnungen blieben leer. Die Eigentümer machten potentiellen Mietern daraufhin das Angebot, die ersten drei Monate kostenlos zu wohnen - vergebens. Im Laufe der Zeit sammelten sich in den Häusern verstärkt arme, meist ausländische Familien. Die zogen Freunde und Verwandte nach, deutsche Mieter zogen aus - die Abwärtsspirale war nicht mehr aufzuhalten.

Heute herrscht beinahe Anarchie. In den Ruinen, in denen die Hoffnung auf bessere Verhältnisse dahin ist, kämpft jeder gegen jeden. Den Frontverlauf markieren Graffiti an und in den Häusern. »Scheiße, Zigeunern Hurren« steht in einem Flur an der Wand. Ein großes »Fuck You«, das sich an alle richtet, in einem anderen.

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Aus: "Ruinen der Hoffnung" (01.02.1998, DER SPIEGEL 6/1998)
Quelle: https://www.spiegel.de/politik/ruinen-der-hoffnung-a-614ce928-0002-0001-0000-000007810494

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Quote[...] Spätestens nach dem Angriff auf Einsatzkräfte im Mai des Vorjahres kennen viele das Spessartviertel in Dietzenbach als sozialen Brennpunkt. Dietzenbach hat aber noch ein weiteres Problemviertel, das am südöstlichen Stadtrand liegt und sich rund um die sogenannte Richter-Wohnanlage gruppiert. Es sei ,,das schwierigste Quartier in Dietzenbach, noch vor dem Spessartviertel", hieß es am Freitag in der Stadtverordnetensitzung.

Die Parlamentarier beschlossen deshalb mehrheitlich, dass die Stadt nun 128 000 Euro in die Hand nimmt, um für fünf Jahre ein Quartiersmanagement in dem Viertel ,,Dietzenbach Süd-Ost" einzurichten und ein integriertes Stadtentwicklungskonzept (ISEK) zu erstellen. Vom Land kommen in diesem Jahr dafür 332 000 Euro an Fördergeldern. Künftig sollen jährlich Anträge auf Förderung gestellt werden, um die Situation in dem Problemquartier zu verbessern. Rund zehn Millionen Euro sollen dorthin fließen; die Stadt setzt mit dem ISEK für die kommenden zehn Jahre die Leitplanken.

In dem rund 40 Hektar großen Viertel zwischen Bahnhof im Westen und Justus-von-Liebig-Straße im Osten sowie Paul-Brass-Straße im Norden und Voltastraße im Süden wohnen mehr als 1000 Menschen. Schon 2019 hatte die Stadt die Aufnahme ins Förderprogramm ,,Soziale Stadt" beantragt, will so das Gebiet rund um die Richter-Wohnanlage über zehn Jahre städtebaulich sanieren.

Dabei handelt es sich um eine Großwohnanlage mit rund 240 Wohnungen, die an der Robert-Koch-Straße liegt und im Privateigentum der Familie Richter ist. Die Anlage besteht aus drei achtgeschossigen Wohnblocks und einem sechsgeschossigen Block. ,,95 bis 100 Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund", heißt es in dem Förderantrag an das Land. Die Wohnanlage weise ,,einen erheblichen Modernisierungs- und Sanierungsbedarf im Innen- wie im Außenbereich" auf. Es fehle an Spielplätzen und Sitzgelegenheiten. Der Eigentümer kämpft mit Überbelegungen – so erklärte er es zumindest den Mitgliedern des Hauptausschusses in ihrer Sitzung. ,,Dort gab es sogar ein Bordell, von dem wir nichts wussten", sagte Jens Hinrichsen (Freie Wähler) im Stadtparlament.

Ende Januar stand das Thema schon einmal auf der Tagesordnung. Damals folgte die Parlamentsmehrheit einem CDU-Änderungsantrag, die Stadt solle die Förderquote von 72,17 Prozent doch mit dem Land nachverhandeln, um 90 Prozent Förderung zu erhalten. Das Wirtschaftsministerium erteilte der Stadt aber eine Absage und machte klar, dass allen Kommunen zukünftig nicht verhandelbare 66 Prozent Förderung gewährt werden.

Der CDU-Änderungsantrag beinhaltete damals auch den Wunsch, der Eigentümer der Richter-Wohnanlage solle sich mit mindestens 20 Prozent an der Sanierung des Fördergebiets beteiligen. Hier kassierte die Stadt aber ebenfalls eine Absage. Der Eigentümer habe sich geweigert, schriftlich Konkretes zu vereinbaren, ärgerte sich Thomas Goniwiecha (CDU) im Stadtparlament. ,,Nur mit Treppen und Fahrstühlen, die er sanieren will, ist uns nicht geholfen." In drei Jahrzehnten habe sich dort nichts verändert. Cengiz Hendek (SPD) konterte, immerhin habe sich Markus Richter jetzt auf einen Dialog eingelassen.


Aus: "Sozialer Brennpunkt: Dietzenbach geht Problemviertel an" Annette Schlegl (20.09.2021)
Quelle: https://www.fr.de/rhein-main/dietzenbach-geht-problemviertel-an-90993572.html

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Quote[...] Das Östliche Spessartviertel ist ein Stadtquartier in Dietzenbach. Unter seinem früheren Namen ,,Starkenburgring" entwickelte es sich in den 1980er Jahren zum sozialen Brennpunkt. Seitdem ab 1997 gezielte Maßnahmen durchgeführt wurden, gilt das Quartier unter seinem neuen Namen als gelungenes Beispiel einer Sanierung. In den Häusern der Großwohnsiedlung leben 3280 Menschen. Mit über 1000 Kindern und Jugendlichen handelt es sich dabei um einen überdurchschnittlich jungen Stadtteil. Die Bewohner gehören innerhalb der Sozialstruktur mehrheitlich der Unterschicht an. Rund 95 % der Bewohner haben einen Migrationshintergrund von 80 Nationen.

... Früher hatten alle Hochhäuser des Viertels die Anschrift Starkenburgring. Aufgrund des negativen Images und die daraus resultierende Diskriminierung der Bewohner wurde 1993 in der Stadtverordnetenversammlung der Beschluss getroffen, allen Straßen und Wegen dieses Viertels neue Namen zu vergeben. Da die Namen größtenteils Städtenamen aus dem Spessart beinhalten, hat sich der Namen Spessartviertel für dieses Viertel etabliert. Da sich der Brennpunkt im Osten des Viertels befindet, wurde die Bezeichnung östliches Spessartviertel übernommen.

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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96stliches_Spessartviertel (27. Oktober 2020)

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#28
Quote[...] Berlinweit gibt es aktuell sieben Orte, die von der Polizei als ,,besonders kriminalitätsbelastet" eingestuft werden, weil hier besonders viele Straftaten registriert werden.

Zwei der Sonderzonen befinden sich nach wie vor in Neukölln: In der Gegend rund um den Hermannplatz und Donaukiez werden demnach besonders viele Diebstahl- und Drogendelikte sowie Körperverletzungen registriert.

In der Hermannstraße und rund um den Bahnhof Neukölln sieht das Bild ähnlich aus. Konkret registrierte die Polizei rund um den Hermannplatz zwischen Anfang und Ende November 2021 allein etwa 362 Diebstähle von oder aus Autos, 155 Fahrraddiebstähle, 269 Körperverletzungsdelikte, 340 Ladendiebstähle, 369 Taschendiebstähle, 235 Drogendelikte und 115 Fälle von Nötigung, Freiheitsberaubung und/oder Bedrohung. Insgesamt wurden hier in dem Zeitraum 3785 Straftaten registriert.

Zwischen dem Bahnhof Neukölln und dem südlichen Ende der Hermannstraße listet die Polizei im gleichen Zeitraum etwa 328 Betrugsfälle, 246 Diebstähle von oder aus Autos, 143 Fahrraddiebstähle, 305 Körperverletzungen, 312 Ladendiebstähle, 419 Drogendelikte, 222 Taschendiebstähle und sieben sexuelle Übergriffe und/oder Vergewaltigungen auf.

Insgesamt wurden hier 3524 Straftaten registriert. Bei der Zahl der Delikte liegen die beiden Neuköllner Zonen nach dem Görlitzer Park/Wrangelkiez (5.565 Straftaten) und dem Alex (4439) an Rang drei und vier, knapp vor der Gegend rund um das Kottbusser Tor (3409 Delikte). Die Zahlen gehen aus einer Antwort des Senats auf eine Anfrage der Abgeordneten Anne Helm und Niklas Schrader (beide Linke) hervor.

An den sogenannten kriminalitätsbelasteten Orten (kbO) haben die Einsatzkräfte der Polizei Sonderrechte: Sie können etwa anlasslos Passant:innen und Anwohner:innen kontrollieren und durchsuchen, ebenso wie Fahrzeuge und andere ,,Sachen". Die genauen Grenzen der Zonen gibt die Polizei aus ermittlungstechnischen Gründen nicht bekannt. ...


Aus: "Teile von Berlin-Neukölln gelten weiter als ,,besonders kriminalitätsbelastet"" Madlen Haarbach (08.01.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/fuer-die-polizei-gelten-hier-sonderrechte-teile-von-berlin-neukoelln-gelten-weiter-als-besonders-kriminalitaetsbelastet/27950000.html

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Quote[...] Am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg registriert die Polizei täglich im Schnitt mindestens eine Körperverletzung oder Raubtat, zwei bis drei Diebstähle und diverse Rauschgiftdelikte. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Anfrage der Grünen zu der Kriminalität im vergangenen Jahr am ,,Kotti" hervor.

Von Mai bis Dezember 2021 stellte die Polizei monatlich rund um das Kottbusser Tor zwischen etwa 30 und knapp 50 Gewalttaten fest, vor allem Körperverletzungen, Bedrohungen und Raubüberfälle.
Im gleichen Zeitraum wurden monatlich zwischen 40 und knapp 100 Diebstähle gemeldet, meist Taschendiebstahl und sonstige einfache Diebstähle.
Dazu kamen jeden Monat etwa 40 bis 90 Delikte aus dem Bereich Drogen, meist unerlaubter Besitz oder Handel mit Cannabis und anderen Rauschgiften.

Für diese drei Kriminalitätsbereiche ergeben sich so in den sieben Monaten insgesamt 1322 erfasste Straftaten.
Die Polizei kam pro Monat auf 60 bis 80 Einsätze in der Gegend. Summiert ergaben sich dabei zwischen 3000 und 4000 Arbeitsstunden von Polizisten.

Das Kottbusser Tor ist bekannt für Straßenkriminalität und ist bei der Polizei als sogenannter kriminalitätsbelasteter Ort eingestuft. Das bedeutet, dass sie dort etwa ohne besonderen Anlass Menschen kontrollieren darf.

Die Polizei würde dort gerne vor allem Videoüberwachung einsetzen. Die neue Innensenatorin Iris Spranger (SPD) hatte kürzlich betont, es solle dort schnell eine feste Polizeiwache geben, die von der Videoüberwachung nur ergänzt werde. (dpa)


Aus: "Berliner Polizei stellt 1300 Straftaten in sieben Monaten am Kottbusser Tor fest" (04.02.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/koerperverletzung-taschendiebstahl-drogenhandel-berliner-polizei-stellt-1300-straftaten-in-sieben-monaten-am-kottbusser-tor-fest/28038146.html

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Quote[...] Die Lage im Frankfurter Bahnhofsviertel wird immer prekärer und durch Baustellen sowie das Neun-Euro-Ticket zusätzlich erschwert.

Frankfurt - Die Frau schreit, schlägt mit ihrer Handtasche nach einem Radfahrer, taumelt und stürzt der Länge nach auf den Asphalt. Der Mann auf dem Fahrrad lacht, steigt dann ab und hilft der Frau auf, die offensichtlich völlig zugedröhnt ist und sich jetzt an ein geparktes Auto anlehnen muss.

Es ist Dienstag, 11.30 Uhr, in der Frankfurter Moselstraße. Die Szene spielt sich unmittelbar vor dem ,,Hotel Mosel" ab, in dem in der Nacht ein Mensch erschossen wurde. Doch die drei Polizisten, die den Eingang bewachen, nehmen von der Frau und dem Radfahrer keine Notiz, zu gewöhnlich. ,,Das ist eine andere Welt", sagt ein Passant, der den Vorfall beobachtet hat.

Zu der ,,anderen Welt" gehört auch die Niddastraße, direkt um die Ecke. Dort vegetieren zur gleichen Zeit etwa zwei Dutzend Menschen vor sich hin und freuen sich über den Schatten, der sich auf dem Bürgersteig noch bietet. Sie setzen sich Spritzen, kramen nach Essen oder Drogen. Es sind Szenen wie diese, die den neuen Frankfurter Polizeipräsidenten Stefan Müller erschrecken und von einer ,,Verelendung" sprechen lassen, gegen die dringend etwas getan werden müsse.

Die Probleme im Frankfurter Bahnhofsviertel sind wahrlich nicht neu, aber vor allem in dem Gebiet zwischen Taunus- und Niddastraße immer sichtbarer. Klaus-Dieter Strittmatter kennt sie. Der ehemalige Polizist ist nicht nur Vorsitzender des Frankfurter Präventionsrats, sondern seit 2017 auch ,,Sonderkoordinator Bahnhofsviertel".

Bei Streifzügen zeigt er Verantwortlichen des Ordnungsamts und anderer Gremien verschiedene Problemstellen. Da gebe es zum einen ,,die Baustellenproblematik", sagt Strittmatter. Baugerüste würden von der Klientel oft schon als heimelig genug empfunden, um darunter zu campieren oder die Notdurft zu verrichten. Die Baustellen selbst würden aber auch ,,fehlgenutzt". ,,Die Drogenklientel hat ein hohes Ruhebedürfnis und sucht Rückzugsbereiche."

Dafür überwinde sie auch schon mal einen zweieinhalb Meter hohen Bauzaun. ,,Das Leben auf der Straße macht hart", sagt Strittmatter. In anderen Bereichen machen die Baustellen die Verelendung hingegen noch deutlicher sichtbar. Nämlich dort, wo die Deutsche Bahn die Abgänge zur B-Ebene gesperrt und mit Stacheldraht umzäunt hat und damit Möglichkeiten nimmt, sich ein bisschen zu verstecken.

Das Bahnhofsviertel war nie ein Ort beschaulicher Friedlichkeit, doch mittlerweile vergeht kein Tag, an dem es nicht im Polizeibericht auftaucht. ,,Es gibt zunächst mal eine hohe Aggressivität in der Szene untereinander", weiß Strittmatter. Aber auch Touristen, Schaulustige oder zufällige Passanten können schnell zum Opfer werden. Wer abends oder nachts alkoholisiert unterwegs sei, ,,wird als Opfer der Beschaffungskriminalität auserkoren", sagt Strittmatter, fügt aber an, dass für die vielen Raubstraftaten nicht nur die Drogenszene verantwortlich sei.

Auch andere Kleinkriminelle suchen im Bahnhofsviertel nach Kundschaft und werden meist fündig. Stritmatter entwirft folgendes Szenario: Jemand hat in Sachsenhausen gebechert und will mit dem Zug nach Hause. Bis zur Abfahrt ist noch ein wenig Zeit. Dann wird in einem der ,,Spätis" im Bahnhofsviertel Nachschub gekauft und vielleicht noch ein Gespräch gesucht ...

Verschlimmert hat sich die Situation Strittmatter zufolge ausgerechnet durch das Neun-Euro-Ticket der Bahn. Das locke nicht nur Klientel an, die nun ohne hohe Fahrtkosten günstige Drogen in Frankfurt kaufen könne, sondern befördere auch den Katastrophentourismus. ,,Wir stellen junge Leute fest, die sich durch die entsprechende Berichterstattung in den Medien motiviert fühlen, sich das im Bahnhofsviertel mal selbst anzuschauen und bei Instagram zu posten", sagt Strittmatter und erinnert an einen Vorfall Anfang Juli, der ihn als Präventionsexperten besonders empört habe.

Ein Betrunkener wird niedergeschlagen und ausgeraubt. Der Raub wird per Handy gefilmt und ins Netz gestellt. Doch niemand der Zeug:innen alarmiert die Polizei. Die erfährt erst Tage später durch das Video von dem Vorfall, nach dem das Opfer ohne Bewusstsein im Krankenhaus landete.

Der nochmalige Anstieg von Raubstraftaten im Bahnhofsviertel in jüngster Zeit sei nicht zu leugnen, sagt Strittmatter. Mitte August habe er einen Ortstermin mit dem neuen Polizeipräsidenten, im September werde das Bahnhofsviertel auch Thema bei einer Sitzung des Präventionsrats sein. Die Situation ist mittlerweile so schlimm, dass einige Angehörige von Stadtpolizei und Feuerwehr gar nicht mehr in Frankfurt arbeiten wollen und die FES für die vielen Sperrmülleinsätze im Bahnhofsviertel nur noch mit uniformierter Verstärkung anrückt.

Vor dem Hotel Mosel ist an diesem Mittag noch immer die Polizei zugange. Auf dem Hotelbuchungsportal booking.com heißt es übrigens: ,,Highlight der Unterkunft: Dieses Hotel befindet sich im wahren Herzen von Frankfurt".


Aus: "Frankfurter Bahnhofsviertel: Elendstourismus nimmt zu" Oliver Teutsch (03.08.2022)
Quelle: https://www.fr.de/frankfurt/frankfurt-bahnhofsviertel-elend-drogen-kriminalitaet-drogen-polizei-91702321.html

Quotewally

Natürlich ist das 9-Euro-Ticket schuld. Vorher gab es diese Probleme nicht. Der Bahnhof roch nach Rosenduft, es gab kostenlose öffentliche Toiletten, es wurde geputzt und die Polizei verteilte Flugblätter für Druckräume.


QuoteElbiz Kashmore >> wally

Richtig, so einen Blödsinn liest man selten und auch noch ausgerechnet von einem ehemaligem Polizisten, ''Vorsitzender des Frankfurter Präventionsrats'' und ''Sonderkoordinator Bahnhofsviertel''. Das Einzugsgebiet der täglich anreisenden Konsumenten von ''günstigen Drogen'' (meint der das ernst?) geht schon immer weit über das Rhein-Main-Gebiet hinaus, also bis hinter Friedberg, Hanau, Darmstadt, Mainz. Ebenso wenig ist der ''Katastrophentourismus'' eine Folge des 9 € Tickets, Menschen kommen seit jeher aus allen Gegenden des Erdballs zu Messen, kulturellen Ereignissen oder um Tante Gerda zu besuchen. Anschließend gehts in die Stangenbar zum entspannen und wenn nebenan ein Junkie kollabiert, wird halt das Handy gezückt und stante pede Pic oder Vid getwittert, oder auf Insta geteilt ...


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#30
Quote[...] Das Löschfahrzeug war auf dem Weg nach Gropiusstadt. Auf der Hermannstraße stand es plötzlich vor einer Barrikade aus Baustellenschildern, die auf der Fahrbahn lagen. Auf einmal bewarfen rund 30 Vermummte das Auto mit Steinen und beschossen es mit Schreckschusspistolen. Sie rissen die Rollläden an den Seiten des Fahrzeugs hoch und versuchten Ausrüstung zu entwenden. Der Fahrer konnte das Auto über die Hindernisse hinwegbugsieren und davonfahren. Zum Sprechgesang des Rappers Capital Bra macht das Video von dem Geschehen bei WhatsApp die Runde.

Einer der betroffenen Feuerwehrmänner berichtet in einer Audioaufnahme in einem internen Chat, wie sehr ihn das alles mitgenommen hat: ,,Das war richtig krank, das kannst du dir nicht vorstellen." Die Frage müsse jetzt sein: Wie kann man dagegen vorgehen? Da müssten Politiker sich unbedingt etwas einfallen lassen. Er sagt: ,,Gewalt gegen Einsatzkräfte hat heute Nacht noch mal eine ganz andere Bedeutung bekommen."

Ähnliches wie an der Herrmannstraße geschah auch an anderen Orten in Berlin. In Lichtenrade etwa wurde die Feuerwehr mit einem falschen Notruf in einen Hinterhalt gelockt. Vermummte attackierten dann die Feuerwehrleute, die unter Polizeischutz abziehen mussten.

Nach Angaben ihres Sprechers Thomas Kirstein prüft die Feuerwehr insgesamt 14 Meldungen zu Angriffen aus dem Hinterhalt auf Feuerwehrfahrzeuge, die alle nach ähnlichem Modus Operandi abliefen: Fahrzeuge wurden gezwungen zu stoppen und dann gezielt angegriffen. Hatten die Täter dies zuvor verabredet? ,,Genauso sah es für die Kollegen aus", sagt Kirstein.

An der Sonnenallee, nahe der High-Deck-Siedlung, setzten Randalierer einen Bus in Brand. Die Feuerwehr konnte erst mit Löschen beginnen, als sie Polizeischutz erhielt. Während Polizisten die Brandbekämpfer schützten, wurde einige Meter weiter das Schaufenster eines Ladens zertrümmert, in dem Feuer gelegt wurde.

Der Schwerpunkt der Krawalle lag im Norden Neuköllns. Betroffen waren aber auch Wedding, Kreuzberg oder Schöneberg.

Bei den meisten Tätern handelt es sich laut Polizisten, Feuerwehrleuten und Zeugen um arabischstämmige Jugendliche und junge Männer. Die Polizei nahm mehr als 100 Randalierer fest. Anhand der Identitätsfeststellungen bei den Festgenommenen gleicht die Polizei derzeit ab, ob sie es mit alten Bekannten wie ,,kiezorientierten Mehrfachtätern", zu tun hat.

,,Wir hatten damit gerechnet, dass Einsatzkräfte angegriffen würden", sagt Polizeisprecherin Anja Dierschke. Aber diese Aggressivität und Zerstörungswut habe es in früheren Silvesternächten nicht gegeben. Die Polizei war mit rund 1300 Beamten stadtweit im Einsatz. Dass der Personalansatz zu niedrig war, findet Dierschke nicht. ,,Auch mit mehr Kollegen hätte es die Angriffe gegeben."

... Am Montag steht Manuel Barth von der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft an der Schudomastraße in Neukölln. Dort war die Besatzung eines Löschfahrzeugs attackiert worden. Sie war auf dem Weg zu dem brennenden Bus. Die Brandbekämpfer hielten an der Schudomastraße, um Müllcontainer zu löschen. Plötzlich seien sie von etwa 100 Personen mit Steinen und Feuerwerkskörpern angegriffen worden, berichteten sie. Man habe auch auf ihre Köpfe gezielt. Die Feuerwehrleute fuhren schnell davon.

Während Manuel Barth davon erzählt, stehen ein paar Meter weiter zwei Jugendliche und starren auf ein Video auf ihrem Handy. Es zeigt hohe Flammen. ,,Teilnehmer dieses Mobs feiern im Nachgang ihre Video-Trophäe und teilen sie untereinander", sagt der Gewerkschafter. ,,Wir müssen klar die Ursachen dieser Trennung der Gesellschaft in ihren Idealen und Rechtsverständnissen beleuchten. Zustände, wie wir sie vor zwei Tagen erlebt haben, sind nicht nur nicht hinnehmbar, sondern konsequent zu bekämpfen."


Aus: "Neuköllns Ex-Stadtrat zu Silvester-Krawallen: ,,Das Ergebnis fehlender Integration"" Andreas Kopietz (02.01.2023)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/neukoellns-ex-stadtrat-zu-silvester-krawallen-das-ergebnis-fehlender-integration-li.303127

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Quote[...] Die Sonnenallee macht ihrem Namen Ehre. Klarer blauer Winterhimmel strahlt am Dienstag über der Strasse im Berliner Bezirk Neukölln. Mohammed al-Nasri ist um 8 Uhr aufgestanden, hat seinen Kleintransporter mit Paletten voller Fanta-Dosen und Wasserflaschen beladen und beliefert damit jetzt den Al-Sham-Supermarkt in Hausnummer 94. Die Sonnenallee ist eine arabisch geprägte und in Berlin verrufene Meile; hier trugen sich in der Silvesternacht Gewaltexzesse zu. ...

Die Frau des Imbiss-Chefs ist sorgfältig geschminkt, trägt ihr Kopftuch eng anliegend, ihre Kinder besuchen eine islamische Schule. Sie lebt in der High-Deck-Siedlung, in der ein Reisebus in Brand gesetzt und die Feuerwehr am Löschen gehindert wurde. Es sei eine Gruppe von Jugendlichen gewesen, die das gemacht habe, sagt sie. «Vielleicht aus angestauter Aggression». Viele Jugendliche würden von ihren Eltern kaum erzogen. «Ich habe beobachtet, dass viele von ihnen Waffen besassen», sagt die 30-Jährige. «Woher hatten sie die? Wo liegt der Fehler im System?» Dennoch, sie liebe die Sonnenallee, sagt sie. Jeden Tag passiere hier etwas. Eines Tages werde sie ein Buch darüber schreiben. ...


Aus: "«Ich hatte Angst, meine Frau hat geweint»: ein forschender Spaziergang auf der Sonnenallee nach der Silvesternacht" Fatina Keilani, Berlin (04.01.2023)
Quelle: https://www.nzz.ch/international/silvester-in-berlin-neukoelln-das-sagen-die-anwohner-ld.1719570

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Quote[...] Angesichts der Angriffe auf Polizei- und Rettungskräfte in der Silvesternacht insbesondere in der Neuköllner High-Deck-Siedlung fordert der Neuköllner Sozialstadtrat Falko Liecke (CDU) mehr Polizeipräsenz und die Einrichtung einer Brennpunktwache in dem Viertel. ,,Wir brauchen ein permanentes Auftreten der Staatsmacht, um zu zeigen, wer hier die Straße bestimmt. Der Staat darf sich hier nicht vertreiben lassen", sagte er dem Tagesspiegel.

Die Vorkommnisse in der Silvesternacht seien Ausdruck einer verfehlten Integrationspolitik. ,,Das sind überwiegend arabische Jugendliche, die hier völlig freidrehen, außer Rand und Band sind und unseren Staat vollkommen ablehnen", sagte der Sozialstadtrat.

Die Böllerei sei nur ein Mittel gewesen, um ,,mit aller Brutalität" gegen den Staat vorzugehen. Die nach der Silvesternacht aufgekommene Diskussion um ein Böllerverbot sei vor diesem Hintergrund eine ,,reine Scheindebatte".

Integrationspolitisch habe ein ,,völliges Versagen" stattgefunden, erklärte der CDU-Politiker. Der Bezirk bekomme vom Land nicht genügend Mittel und Unterstützung für die Kinder- und Jugendarbeit im Kiez. ,,Probleme hat man einfach laufen gelassen", sagte Liecke.

Nach den Attacken auf Polizei und Feuerwehr in der Silvesternacht in Berlin entspinnt sich eine Debatte über die Hintergründe der Ausschreitungen. Nach Ansicht der Neuköllner Integrationsbeauftragten Güner Balci sind die Taten nur von einer kleinen Gruppe ausgegangen. ,,Das sind totale Dumpfbacken", sagte Balci in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin ,,Spiegel" am Montag.

Einige der Personen kenne sie persönlich. Es handle sich dabei um ,,hoffnungslos Abgehängte". Diese hätten, auch wegen sozialer Medien, anders als vor 20 Jahren aber eine hohe Deutungsmacht. Dennoch seien sie ,,platt gesagt: absolute Loser", bei denen auch Drogen eine Rolle gespielt hätten.

Der Psychologe und Autor Ahmad Mansour fordert hingegen eine bundesweite Integrationsdebatte. ,,Wir haben es mit einer Gruppe zu tun, die nicht integriert ist, die nicht angekommen in dieser Gesellschaft ist. Eine Gruppe, die die Polizei und den Rechtsstaat teilweise verachtet und ablehnt", sagte Mansour am Montag in Berlin.

Dieser These widerspricht der Neuköllner Abgeordnete Ferat Koçak (Linke). ,,Statt stigmatisierender Zuschreibungen in Bezug auf migrantische Jugendliche brauchen wir einen entschiedenen Kampf gegen deren Perspektivlosigkeit und gegen den systematischen Rassismus, dem diese ständig ausgesetzt sind", sagte er dem Tagesspiegel.


Aus: ",,Arabische Jugendliche, die völlig freidrehen": Neuköllner Stadtrat Liecke will Brennpunktwache in der High-Deck-Siedlung" Christian Latz (03.01.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/arabische-jugendliche-die-vollig-freidrehen-neukollner-stadtrat-liecke-will-brennpunktwache-in-der-high-deck-siedlung-9122338.html

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Quote[...] Die High-Deck-Siedlung ist eine Großsiedlung mit rund 6000 Bewohnern im Berliner Ortsteil Neukölln des gleichnamigen Bezirks. Die Siedlung entstand in den 1970er und 1980er Jahren im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus. Das städtebauliche Konzept wandte sich gegen die bauliche Dichte der übrigen Berliner Großsiedlungen mit aneinandergereihten Hochhäusern wie im Märkischen Viertel oder der Gropiusstadt und setzte auf eine baulich-funktionale Trennung von Fußgängern und Autoverkehr. Hochgelagerte, begrünte Wege (die namensgebenden ,,High-Decks") verbinden die überwiegend fünf- bis sechsgeschossigen Gebäude, die über rund 2400 Wohnungen verfügen. Die Straßen und Garagen mit mehr als 1000 Stellplätzen liegen unter den High-Decks. Spätestens 25 Jahre nach dem Bau galt das als innovativ gepriesene Konzept der Siedlung bereits als gescheitert.

In den 1970er Jahren waren die Wohnungen wegen ihres Zuschnitts begehrt und Inbegriff für zeitgemäßes Wohnen am grünen Rand West-Berlins. Die Wohnungen lagen unweit der Berliner Mauer an der Grenze zum Ost-Berliner Bezirk Treptow. Nach der politischen Wende und der Maueröffnung verlor das Quartier seine ruhige Grenzlage, büßte an Attraktivität ein und entwickelte sich in den 1990er Jahren durch Segregation zum sozialen Brennpunkt. 2007 lebte mehr als die Hälfte der Einwohner von Transferleistungen. Mit der Einrichtung eines Quartiersmanagements und weiteren Sozial- sowie Kunstprojekten versucht die Stadt Berlin gegenzusteuern und die Siedlung wieder aufzuwerten. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/High-Deck-Siedlung

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Quote[....] Sie liegt da wie angezählt. Erschöpft. Nass vom Winterregen, der dunkel über den Waschbeton läuft. Zerschnitten von der Sonnenallee, auf der in diesem Bereich Tempo 30 gilt, woran sich aber kaum jemand hält. Über der Straße erhebt sich das Brückenhaus, schaut trotzig herab. Keine hundert Meter Luftlinie weiter steht an einem Samstagabend im Januar groß und breitschultrig Ali, der lacht und sagt: ,,Ich hänge emotional an dieser Scheißgegend."

Das ist Neukölln: liebevoller wird's nicht.

Die High-Deck-Siedlung war ein städtebauliches Modellprojekt, als sie Mitte der 70er Jahre errichtet wurde: ein Wohngebiet, das Auto- und Fußgängerverkehr konsequent trennte. Gefahren wurde unten, gelaufen oben, auf den High-Decks. Es ist das einzige, das sich über all die Jahrzehnte nicht geändert hat.
2551 Wohnungen umfasst die Siedlung zur Rechten und Linken der Sonnenallee. Im zuständigen Quartiersmanagementgebiet – grob zwischen Siedlung und S-Bahn-Ring – leben 8361 Menschen, 70 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Etwa 50 Prozent sind Transferleistungsempfänger. Ende 2020 waren 76 Prozent der Kinder arm.

In der öffentlichen Wahrnehmung taucht die Siedlung seit Jahren vor allem mit schlechten Schlagzeilen auf: Messerstecherei, brennende Müllcontainer, Verwahrlosung. Kürzlich meldete die Polizei, 15 bis 20 Personen hätten dort nachts randaliert: ,,Die Männer schlugen mit Straßenschildern, Ästen, Flaschen und Baseballschlägern auf vorbeifahrende Autos ein oder warfen nach ihnen." Vor ein paar Jahren wurden hier Szenen für die Gangster-Serie ,,4 Blocks" gedreht. Die Gegend zehrt von ihrem Ruf – aber sie hadert auch damit. Je nachdem, wen man fragt.
Die High-Deck-Siedlung ist das Betongewordene schlechte Gewissen Berlins. Zu unangenehm, um sich ausdauernd damit zu beschäftigen, zu groß, um es zu ignorieren.
Ende 2020 stellte das Landesdenkmalamt die Siedlung unter Schutz und erklärte in einem Youtube-Film: ,,Sie ist einzig, nicht artig." Denkmalgeschützte Gangster-Romantik? Sie ist nur ein Teil der Wahrheit. Wie lebt es sich hier? Wer lebt hier?

,,Die Gegend prägt Menschen", sagt Ali. ,,Du willst hier nicht weg." Ali, der seinen Nachnamen nicht veröffentlichen will, ist 24 Jahre alt und in der High-Deck-Siedlung aufgewachsen, nah am Sonnencenter, dem Einkaufszentrum, wo es einen Edeka-Markt gibt, einen Thai-Imbiss, ein Café und eine Sportsbar. Die Familien seiner Eltern stammen aus der Türkei. Sein Vater arbeitet als Taxifahrer, seine Mutter hat alle möglichen Jobs gemacht, von Erzieherin bis Security. Ali steckt gerade mitten im ersten Staatsexamen für Jura.

,,Ich hatte eine super Kindheit", erinnert er sich. Man brauchte nur nach der Schule aufs High Deck vor der Haustür zu treten – irgendwer war immer da. Die Architektur machte es möglich, von den Eltern beobachtet und trotzdem allein spielen zu können. ,,Im Prinzip wachsen die Nachbarskinder heute genauso auf wie wir damals", sagt Ali. Mit den meisten Freunden hält er Kontakt, auch wenn sie unterschiedliche Wege eingeschlagen haben.
Waffen, Drogen, hier gibt es alles, versichern Jugendliche, die abends auf den Bänken am Sonnencenter abhängen. Manchmal ist es schwer zu sagen, ab wann in ihren Erzählungen die Angeberei überwiegt. Doch der Friseur warnt: im Dunkeln hier als Frau lieber nicht allein unterwegs sein.

Die Polizei verzeichnet für 2015 bis 2021 ein ,,gleichbleibendes Niveau" von angezeigten Straftaten in der Siedlung, 609 waren es im vergangenen Jahr. Meistens handelt es sich in dieser Gegend um Diebstahl, gefolgt von Körperverletzung, Betrug und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz.
,,Man kann hier leicht auf die schiefe Bahn geraten", sagt Ali. Aber rentiert sich das? In welchem Verhältnis steht die Menge des schnellen Geldes durch Drogenverkauf zur Anzahl der Jahre, die im Gefängnis zu verbringen sind, wenn man erwischt wird? Ali beschloss als Jugendlicher: in keinem.

Von seiner Oberschule – ,,99 Prozent Ausländer" – wechselte er auf ein Gymnasium. ,,Da dachte ich: das war gar kein Deutsch, was ich vorher gesprochen habe, die hier sprechen Deutsch", erzählt er lachend. Er wechselte vom Gymnasium an die Uni und dachte: Nee, das hier ist es.
Bauten sie damals Mist und rief jemand ihretwegen die Polizei, schickten sie Ali vor zum Reden. Einmal spielte er mit Freunden Fußball und der Ball landete auf einer Terrasse. Anstatt ihn zurückzugeben, stach ihn der Nachbar kaputt. ,,Das war ein guter, grau-roter Ball von Adidas", sagt Ali und klingt noch immer entrüstet. ,,Das war Sachbeschädigung."

Dass er sich durchsetzen könne, habe er in der High Deck gelernt, sagt er und faltet seine fast zwei Meter Körperlänge bescheiden hinter eine Tasse Kaffee ohne Milch und Zucker. Klar, wie die meisten Sonnencenter-Jungs hat er mal Kampfsport gemacht. Aber er meint das gar nicht körperlich. ,,In meinem zukünftigen Beruf ist es notwendig, aufzustehen und Contra zu geben."
Als die Mutter ihn fragte, was er mal sein wolle, sagte er: Richter. Die Vorstellung, mit einem Hammer auf den Tisch zu schlagen und alle tun, was er sagt, war verlockend. Heute will er Strafrechtler werden. ,,Egal was die Leute angestellt haben, jeder hat ein Recht auf Verteidigung", sagt er. In gewisser Weise ist das Aufwachsen in der High-Deck-Siedlung die beste Vorbereitung.

Schon heute bitten ihn Nachbarn um Rat. Hab was geklaut/Steuern hinterzogen/Kuddelmuddel mit Corona-Hilfen, was kann ich tun? Hab jemanden abgestochen und bin weggerannt. Ruhe bewahren, sagt Ali dann.
Er erinnert sich an den ersten Tag in der Uni. Frankfurt (Oder), erst mal online schauen, wie man da hinkommt: Bahnhof Friedrichstraße, dann in die Regionalbahn, zum ersten Mal in seinem Leben. Er fragte sich durch, stellte sich zu einer Gruppe junger Menschen mit Rucksäcken und lief ihnen, in Frankfurt angekommen, einfach hinterher.
Geht einer aus der High Deck in den Hörsaal, Berlinisch für: Steht ein Manta vor der Uni? Von wegen! Die meisten hier kriegen die Kurve. Nur sieht man niemandem seinen Bachelor-Abschluss an. Ali formuliert es so: ,,Ich sehe halt nicht gebildet aus, sondern wie ein Kanake."

Er grinst. Dabei nervt es ja. ,,Wir werden scheiße behandelt, weil wir aus der Gegend kommen", sagt er. Da sei etwa die Polizei, die sie anhalte. Einmal saß im Auto auch ein Mitglied einer bekannten Großfamilie. Ach, sagten die Beamten, kommt ihr aus der Shisha-Bar von deinem Cousin?
Jeder spielt die Rolle, die er muss.
Andererseits: kommt die Polizei in die Siedlung, sind die Jungs von heute stolz darauf, dass sie, zack, zwischen den Treppchen und Gängen, den Büschen und Sträßchen verschwinden können. Was aus der Luft geometrisch geordnet aussieht, ist zu Fuß erstmals abgelaufen recht verwirrend – und je nach Tageszeit auch ziemlich düster.
Auf den High Decks kann man ganz gut kicken. Leider ist es offiziell verboten.

Es ist Vor- und Nachteil der High Deck, dass sie abgeschottet wie eine Insel wirkt. Wer nicht hinein muss, geht auch nicht hinein. Nicht mal der Wechsel von der einen auf die andere Seite der Siedlung wird einem leicht gemacht. Es gibt keinen Zebrastreifen über die Sonnenallee.
Das einstige Modellprojekt sieht vergessen aus. Auf den spärlich bepflanzten High Decks spielen mittags ein paar Kinder Fußball. Ausweislich eines Schildes ist das zwar – wie so vieles – verboten, aber an diesem Wintertag sind sie der einzige Farbtupfer im Betongrau. Aus der Luft betrachtet sind die High Decks wie längliche graue Matten zwischen den Wohnblöcken zu ihrer Rechten und Linken ausgebreitet. Zu den Hauseingängen führen Treppen. Hinter den Häusern liegt jeweils ein kleiner Park, dann folgt die nächste Häuserreihe – und wieder ein High Deck.

Ein kurzer Schreckensschrei, als der Ball der Kinder beinahe über die Brüstung und hinunter auf die Straße springt. Von den Decks führen in Abständen Treppen hinab ins Reich der Kraftfahrzeuge. Unter den Fußgängerwegen liegen Parkplätze, stehen in Käfigen Mülltonnen.
Die Fensterrahmen der Siedlung sind ursprünglich bunt. Doch wo sie ersetzt werden mussten, hat man sich nicht die Mühe gemacht, wieder die gleiche Farbe zu finden, sondern weiße genommen.

,,Die Siedlung muss geheilt werden", sagt der Architekt Felix Oefelein. Es ist ihm ein nahezu persönliches Anliegen, geplant und gebaut wurde die Siedlung von seinem mittlerweile verstorbenen Vater Rainer Oefelein, gemeinsam mit dessen Architekten-Kollegen Bernhard Freund. Kurz nachdem Felix Oefelein 1975 geboren wurde, zogen die ersten Mieter entlang der Sonnenallee ein.

In einem Prospekt der Eigentümergesellschaft Stadt und Land, die noch heute einen Anteil der Wohnungen hält, werden sie 1976 freundlich begrüßt: ,,Die Highdecks an der Sonnenallee werden Gelegenheit bieten, Partnerschaft zwischen Vermieter und Mieter zu demonstrieren." Es gab zwei Saunen, Hobbyräume und Gästewohnungen. Die Sonnenallee war damals eine Sackgasse, an ihrem Ende stand die Mauer.
Die High Deck war ein begehrtes Wohngebiet. Doch über die Jahre änderte sich das. 2006 verkaufte Stadt und Land einen großen Anteil ihrer Wohnungen an einen privaten Investor, der mit notwendigen Sanierungsarbeiten begann. Es regnete durch Dächer, Fenster waren undicht, etwa 600 Wohnungen – also fast jede vierte – standen leer. Bald kamen viele Transferleistungsempfänger, arabische und südosteuropäische Familien, die wenig Geld aber jede Menge Probleme hatten.

"Berlin: Problemzone High-Deck-Siedlung: Am südlichen Ende der Sonnenallee wohnen seit kurzem viele Roma-Familien Nachbarn und der Bürgermeister sehen viele Konflikte, die Polizei aber nicht" (08.07.2008)
... Quartiersmanagerin Ines Müller bestätigt, dass es große Probleme mit den Roma-Familien gibt. ,,Nicht die eigentlichen Mieter verursachen die Schwierigkeiten", sagt sie, ,,sondern deren Gäste." Oft seien bis zu 30 Leute in einer Wohnung, was bei den Nachbarn zu großem Unmut führe. Denn die Gruppen seien laut, würden die Treppenhäuser und die Grünanlagen als Toiletten benutzen, viel Alkohol konsumieren. Alteingesessene Mieter hätten um ihre Kinder Angst. ,,Wer kann, zieht weg", sagt eine türkischstämmige Nachbarin, die seit elf Jahren hier lebt. Beschwerdebriefe an den Eigentümer der Häuser blieben unbeantwortet. ...
https://www.tagesspiegel.de/berlin/problemzone-high-deck-siedlung-1671739.html

Mittlerweile teilen sich die Wohnungsbaugesellschaft Howoge (1917), die Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft mbH (450) und die Wohnungsbaugenossenschaft EVM (184) den Wohnungsbestand. Sie achten auf Durchmischung, sie engagieren sich im Quartier. Auch Bewohner:innen fühlen sich verantwortlich. 151 haben im vergangenen Jahr ehrenamtlich das dortige Quartiersmanagement unterstützt – 1999 waren es noch drei. Es gibt sehr viele Angebote in der Siedlung, die auch deswegen möglich sind, weil Menschen freiwillig ihre Zeit dafür schenken, etwa Konfliktvermittlung, einen Computerclub, einen Treff für Eltern von Kindern mit Behinderung.
An manchen Tagen scheint es, dass sich alles in der High Deck dagegenstemmt, die High Deck zu sein. Das kostet Kraft.

Bei einem Spaziergang über die Decks spricht Felix Oefelein von deren Begrünung, auch davon, die Zugänge barrierefrei zu gestalten – woran damals noch niemand dachte. Die wirkliche Herausforderung liege jedoch darunter, wo die Autos fahren. Er steigt eine der Treppen hinab. Unten breitet er die Arme aus: Wie wäre es, wenn Fahrzeuge und Straßen verschwinden, eine weiße Leinwand entsteht, die ganz neu gestaltet werden kann? Er denkt an Orte zum Arbeiten, Lernen, Ateliers, auch an Gemeinschaftsaktivitäten. Klar sei, dass ein einheitliches Weiterentwicklungskonzept benötigt werde, sagt er. ,,Keine Pflasterlösung."
Ein Pflaster tut es hier eh nicht mehr.
Sein Vater, mit dem er vor 20 Jahren gemeinsame Überlegungen begann, wie das Sonnencenter umgebaut werden könnte, war über die Entwicklung der Siedlung so betrübt, dass er befürchtete, die Stadt würde den Abriss und die Neubebauung in Betracht ziehen.

Mit der Wohnungsbaugesellschaft Vonovia, die eine Weile den Großteil der Wohnungen in der Siedlung hielt, begann er mit dem Berliner Partner-Büro Killinger & Westermann Architekten eine Machbarkeitsstudie: Welche Potenziale hat die Siedlung? Nun, da die Vonovia zum 1. Januar 2022 alles an die Howoge verkauft hat, arbeitet er mit denen weiter.
,,Es wäre eine super Möglichkeit, etwas Tolles und Spannendes für Berlin zu tun", sagt Felix Oefelein. ,,Das Bauen im Bestand macht einfach Sinn, ökologisch, sozial, kulturell und wirtschaftlich gesehen." Allein, wo das Geld herkommen soll, was sich überhaupt mit dem Denkmalschutz arrangieren ließe – ist noch unklar.

Howoge und Denkmalschutzbehörde erstellten derzeit einen Denkmalschutzmaßnahmenplan, ,,um grundsätzliche Lösungsansätze zu klären und die Genehmigungsphase abzukürzen", teilt das Unternehmen mit. Eine Planung für Sanierungen gibt es noch nicht.

Sicher ist, wie sehr sich die Bewohner freuen würden. Denn die fühlen sich häufig ebenso vergessen wie ihre Behausungen. Eine Aufwertung der Siedlung käme eine Aufwertung ihrer selbst gleich. Wertschätzung ist nichts, was ihnen oft begegnet.
Wer abends durch die High Decks spaziert, trifft Menschen, die sagen, dass sie hier keinen Rassismus spüren und meinen: wenigstens hier nicht. Da steht andererseits das zwölfjährige Mädchen aus einer Roma-Familie mit ihrer Mutter und erzählt, dass ihre muslimischen Mitschüler und Nachbarn sie mobben; dass ihr großer Bruder nur noch mit Messer und Pfefferspray in der Siedlung unterwegs sei, nachdem er neulich zusammengeschlagen wurde. Wie zum Beweis rempelt sie im Vorbeigehen ein dicker Junge an und grunzt. ,,Siehst du", sagt sie und: ,,Ich will hier nur weg."

Die meisten sagen trotz allem: wir leben gerne hier. ,,Mich hat das ganze Wohngebiet fasziniert", erzählt Margitta Lüder-Preil, schlank und elegant, ehemals Schauspielerin und Mannequin. Wenn sie abends aus dem Theater kam und die Sonnenallee hinunter heimwärts nach Treptow fuhr, fiel ihr die bunte Siedlung jedes Mal ins Auge. Als sie und ihr Mann ihre großzügige Altbau-Wohnung verlassen mussten, teilten ihnen die Vermieter – Stadt und Land – mit, dass in ihrem Bestand in der High-Deck-Siedlung noch Platz sei.

,,Diese Wohnung war die erste, die wir besichtigten", sagt Margitta Lüder-Preil. Dass sie eine Garage hat, war ein Plus. Wichtiger aber war, dass die Couchgarnitur hineinpasste: das braune Ledersofa und die drei Sessel, die in wärmender Umarmung jeden umschließen, der darauf Platz nimmt. 1997 zogen sie ein.
,,Wir waren von Anfang an glücklich", sagt Margitta Lüder-Preil und führt auf den kleinen Balkon, von dem sie aus dem fünften Stock hinab in den winterkargen Park schauen. Fragt einer entgeistert ,,wo lebt ihr?", entgegnen die Eheleute: Komm doch mal vorbei. Und es ist ja auch gemütlich bei den beiden, die, so sagen sie scherzhaft, ,,längst über das Verfallsdatum" sind. Manfred Lüder, Professor für Anästhesiologie, ist im November 91 Jahre alt geworden, Margitta Lüder-Preil nur neun Jahre jünger. Kennengelernt haben sie sich, als sie bei ihm auf dem OP-Tisch lag – das ist die knappe Version. 1988 heirateten sie.

Die vielen Collagen in der Wohnung, zusammengestellt aus Fotografien und Zeitungsartikeln, liebevoll gerahmt, hat Manfred Lüder für seine Frau gestaltet. Es sind Erinnerungen an berufliche Stationen. Sie sagt: ,,Ich bin nicht wichtig, mein Mann ist der wichtige, der Arzt!" Doch das wunderbare, das sie in dieser Wohnung haben, ist: einander. Wenn sie gemeinsam auf dem Sofa sitzen und sie ihm vorliest zum Beispiel. 900 Seiten Marlene-Dietrich-Biografie. Ein Lockdown macht es möglich.

Und wer würde sich nicht gern von einer ausgebildeten Schauspielerin vorlesen lassen? Ihr Zuhause war ihnen nicht nur während der Pandemie geliebtes Schneckenhaus. Was nicht heißt, dass sie nicht rausgehen, spazieren am nahen Heidekampweg zum Beispiel oder im Schulenburgpark schräg gegenüber an der Sonnenallee.
,,Von den ganzen kriminellen Dingen hier haben wir immer nur gehört", sagt Manfred Lüder. Obschon er sich jüngst sehr geärgert hat über den dritten Kellereinbruch in Folge, meint er mit kriminell doch eher das, was in der Presse zu lesen ist, wenn es um die Siedlung geht.

Margitta Lüder-Preil und Manfred Lüder pflegen das Verhältnis mit der direkten Nachbarschaft, 13 Parteien sind es. Man müsse guten Willen haben, um miteinander klarzukommen, sagen sie. Das klingt anstrengend, ist aber gar nicht so gemeint.
Weil er der älteste im Haus ist, fragen die anderen Mieter manchmal um Erlaubnis: Darf ich hier ein Blümchen hinstellen? Darf ich dieses oder jenes tun? Als im Haus geheiratet wurde, gingen sie vorbei und hängten Herzen an die Tür; feiern die Nachbarn Ramadan, bringen diese Essen vorbei – für Margitta Lüder-Preil extra laktose- und glutenfrei. Und stehen sie mit vollen Einkaufstüten vor der Garage oder Haustür, kommt beinahe garantiert jemand und bietet Hilfe beim Tragen an.

Von den zahlreichen deutschen Familien, die bei ihrem Einzug in der High Deck lebten, Mittelständler, Ärzte, Akademiker, blieben nicht viele.
Manfred Lüder ließ sich 2009 in den Quartiersrat wählen, in dem er noch immer mitarbeitet. Einmal kam ihm die Idee, in jedem Haus einen Bewohner oder eine Bewohnerin zu finden, die eine Art Verbindung zum Hausmeister sein, sich zuständig fühlen sollte, wenn es irgendwo ein Problem gibt. Er lacht. ,,Aber niemand wollte es machen."
Ein paar Jahre lang trainierte er Bewerbungsgespräche mit Jugendlichen, die sich für Pflegeberufe interessierten. Er verkleidete sich als ,,Personalchef", bat die Bewerber in ein Büro und führte ein fingiertes Gespräch. ,,Wir haben uns sehr gefreut, wenn die jungen Menschen dann einen Job bekommen haben", sagt er. ,,Ohnehin begeistert mich, wie viele Menschen hier doch wirklich sehr engagiert sind."
Es gibt so viel Bedarf! Viele kleine Anstrengungen versuchen hier Großes zu bewegen.

Vier Minuten Fußweg entfernt, ebenfalls in einem fünften Stock, in einer kleinen Wohnung mit zwei Zimmern, sitzt die 59-jährige Khazneh Hamdan auf einem Sofa neben ihrem Mann und ihrem älteren Sohn und sagt: ,,Ich will einfach nur leben wie ein Mensch."
2006 floh sie aus dem Krieg im Libanon nach Berlin, ihr Mann Moussa El-Sahhar, 69, folgte mit dem älteren Sohn Hussam 2009. Ihr jüngerer Sohn Haitham kam 2007, die Behörde aber wies ihm einen Platz in einem Wohnheim in Neubrandenburg zu, wo er bis heute lebt. Sie alle sind geduldet – seit mehr als zehn Jahren.

Eine Duldung ist laut Paragraf 60a des Aufenthaltsgesetzes eine vorübergehende Aussetzung der Abschiebung. Nur dass im Fall der Familie El-Sahhar/Hamdan das Vorübergehende nie vorüberzugehen scheint. Keiner von ihnen hat je die Erlaubnis bekommen zu arbeiten, der Vater als schwerbehinderter Mann hätte es nicht gekonnt, seine Söhne dafür umso lieber getan.
Haitham El-Sahhar, 32, hat sich selbst Deutsch beigebracht, auf der Straße. Gemeinsam mit einem Bekannten der Familie übersetzt er das Gespräch. Wer geduldet ist, bekommt kein Geld für einen Sprachkurs, muss nicht an einem Integrationskurs teilnehmen. Wozu?, scheint das Gesetz zu fragen, wenn derjenige doch eh unerwünscht ist.

Hussam El-Sahhar, 36, sucht ein Deutsch-Lehrbuch und ein Übungsheft aus einer kleinen Kommode. Etwa die Hälfte der Seiten hat er sorgfältig mit Bleistift bearbeitet. Er und seine Mutter haben versucht, einen solchen Kurs privat zu bezahlen – aber das sei zu teuer gewesen. Nun schaut er manchmal deutsches Fernsehen mit Untertiteln. Deutsche Freunde und Bekannte hat er nicht.
Als er 2009 im Asylbewerberheim ankam, sagte ein Dolmetscher zu ihm: Dich sehen wir bald in der U-Bahn wieder. Er meinte als Dealer.
Wovon träumen Sie, Herr El-Sahhar? Er überlegt, zuckt mit den Schultern. Das hat er sich schon lange nicht mehr gefragt.

Seit 16 Jahren ist Khazneh Hamdan nicht zuhause gewesen, denn wer eine Duldung hat, darf nicht ausreisen. Beziehungsweise: dürfen schon. Aber dann erlischt die Duldung. ,,Ich vermisse alles", sagt sie. ,,Familie, Freunde, das Meer." Sie pflegt ihren Mann. Dabei geht es ihr selber nicht gut, ihr Rücken ist ein einziger Bandscheibenvorfall.
Was haben Sie heute den Tag über gemacht? ,,Auf Ihren Besuch gewartet."
Das ganze Leben, sagen sie, ,,stoppt mit der Duldung". Die Eltern sind darüber alt geworden. Aber die Söhne wünschten sich sehr, es ginge mal weiter.
Wer lebt in der High-Deck-Siedlung? Das ist gar nicht leicht zu beantworten. Die einen haben sich sofort gemütlich eingerichtet, die anderen dürfen auch nach Jahren nicht richtig ankommen.

Um Familien wie El-Sahhar/Hamdan zu unterstützen, hat das Deutsch-Arabische Zentrum (DAZ), eine Einrichtung des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks EJF, Projekte in der Siedlung gestartet. Beziehungsweise: so halb. Die aufsuchende Familienarbeit, mit der DAZ-Leiter Nader Khalil gern beginnen würde, verzögert sich durch Corona. Wie viele Menschen mit Duldung in der High Deck leben, kann er derzeit nur schätzen: etwa 700.

,,Wir wollen etwas ändern", sagt Nader Khalil, ,,deswegen sind wir hier." Nun kümmern sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Projekts um straffällig gewordene Jugendliche. Samstags und sonntags bietet das DAZ Arabischunterricht für 8- bis 14-Jährige an – sie hatten sofort mehr als 70 Anmeldungen. Nader Khalil und seine Kolleginnen und Kollegen sind Ansprechpartner bei Sorgen innerhalb der arabischen Community. Die größte betrifft das Verhältnis zwischen ,,alten" und ,,neuen" Flüchtlingen. Seit langem Geduldete beklagen, dass beispielsweise Syrer all das bekommen, was sie gern hätten: Aufenthaltstitel, Deutschkurse, Hilfe vom Jobcenter, zwei Mal im Jahr Geld für neue Kleidung...
Wer sehen möchte, welch konkrete Auswirkungen Gesetzgebung hat, kann das in der High Deck beobachten. Kultur und Sprache mag die Menschen einen, vor dem Gesetz sind sie alles andere als gleich.

Auch Basma Hashim wurde vor knapp zehn Jahren mit Abschiebung gedroht. Sobald die jüngste ihrer drei Töchter 18 sei, müsse sie zurück in den Irak. Beim Landesamt für Einwanderung empfahl man ihr: Heiraten Sie doch einen Deutschen, wenn Sie bleiben wollen. Doch Basma Hashim, 43, studierte Bauingenieurin, zog vor Gericht. Kurz vor der ersten Corona-Welle wurde sie eingebürgert.

Gemeinsam mit der Syrerin Hana Natour, 49, sitzt Hashim im Nachbarschaftstreff ,,mittendrin" an der Sonnenallee, um von ihrem Leben in der High-Deck-Siedlung zu erzählen. Die beiden Frauen haben sich dort kennengelernt, sie wohnen in derselben Straße und sind mittlerweile Freundinnen. Basma Hashim hatte zuvor am Potsdamer Platz gelebt und eine günstigere Wohnung gesucht. Sie erinnert sich, wie sie im Bus M41 saß und dachte: ,,Der fährt ja immer weiter, wohin denn bloß?" Die Siedlung erschien ihr entfernt von allem, was für sie bislang Stadt gewesen war.
Zuhause im Irak und in Syrien sei es üblich, dass man als Familie nah beieinander lebe, sagen die beiden Frauen. Die Siedlung ermögliche das quasi auch. ,,Es ist fast wie ein Dorf hier", sagt Hana Natour und lächelt. In der High-Deck-Siedlung war sie lange Stadtteilmutter, die ruhigere Basma Hashim ist es noch. Als solche unterstützt sie Familien mit Migrationshintergrund.

Sie wünschten sich beide, in der Siedlung würde noch mehr für die Kinder und Jugendlichen getan. Mehr als der Kindertreff ,,Waschküche" und der Jugendtreff ,,The Corner" ohnehin schon leisten. Wie es ist, hier insgesamt sechs Kinder großzuziehen, wissen die beiden sehr gut. Sind Basma Hashims Töchter, die jüngste 15, im Dunkeln allein unterwegs, telefonieren sie so lange miteinander, bis die eigene Haustür in Reichweite ist.

Hana Natour versucht gerade, ihren ältesten Sohn zu unterstützen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Ohne Beschäftigung droht Langeweile. Mit der Langeweile kommt das Zeittotschlagen, kommen alternative Beschäftigungsmodelle, die sich keine Mutter für ihren Sohn wünscht.
Weil sie wollte, dass sie ordentlich Arabisch lernen, schickte sie wie viele Eltern hier ihre Kinder in die nahe Al-Nur-Moschee zum Unterricht. Irgendwann, erzählt Hana Natour, habe ihre Tochter Flyer mit nach Hause gebracht, auf denen für Demonstrationen geworben wurde. Sie fragte nach und stellte fest, dass der Sprachunterricht mit Politik gemischt wurde. Sie meldete die Tochter ab.

Das Private ist hier politisch. Woran glaubst du, wer bist du, Sunnit, Schiit, Alevit, das sei vielen wichtig. ,,Eine Frau fragte mich: welchen Koran liest du?", erzählt Basma Hashim und schüttelt ungläubig den Kopf. Als habe das heilige Buch Editionen je nach Neigung.
,,Es müsste Arabischunterricht in den Schulen geben", sagt Hana Natour und die Freundinnen nicken. Es wäre eine Aufwertung von dem, womit sie und ihre Kinder sich identifizieren: eine kulturelle Kompetenz, die noch allzu oft als das Gegenteil gilt. Wer die High Deck heilen will, der muss am Knochengerüst vorbei zum Herz.
Zuletzt, es muss zu Beginn der Pandemie gewesen sein, sind in der Siedlung die ersten Hipster gesichtet worden.


Aus: "Diebstahl, Schlägerei, Drogen und Randale: Wie lebt es sich in einer der härtesten Siedlungen Berlins?" Katja Demirci (28.02.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/zwischen-armut-und-stolz-wer-lebt-in-der-neukollner-high-deck-siedlung-404218.html

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Quote[...] Wer in den vergangenen Monaten rund um den Leopoldplatz in Berlin-Wedding unterwegs war, hat viel Elend gesehen. Junkies in desolatem Zustand, die öffentlich in ausuferndem Maße harte Drogen konsumieren – und ihre Utensilien oft einfach zurücklassen.

Neue Zahlen aus einem Bericht der Suchthilfekoordinatorin des Bezirks Mitte, die dem Tagesspiegel vorliegen, zeigen das ganze Ausmaß des Problems: Mehr als 30.000 benutzte Spritzen fielen rund um den Leopoldplatz im Jahr 2022 an. Im Durchschnitt sind es 85 pro Tag.

Immerhin 9120 der Spritzen warfen die Nutzer in die dafür vorgesehenen Sammeleimer. Den deutlich größeren Teil, knapp 22.000 Stück, hinterließen die Konsumenten irgendwo im öffentlichen Raum, in den angrenzenden Grünanlagen am Nazarethkirchplatz, rund um das Rathaus Wedding, in den Nachbarstraßen oder im U-Bahnhof Leopoldplatz. Mitarbeiter vom Drogenhilfeverein ,,Fixpunkt" sammelten sie später ein.

Die Lage am Leopoldplatz ist auch für Berliner Verhältnisse extrem. Doch in der ganzen Stadt breitet sich das Problem mit öffentlichem Drogenkonsum und seinen Folgen weiter aus. Ein Thema, dem sich auch die künftige Koalition stärker widmen will.

,,Natürlich ist es schlimmer geworden, nicht nur hier, einfach überall", sagt eine Frau. Sie bietet an einem Stand auf dem Markt am Leopoldplatz Schmuck und Uhren an. Fast empört reagiert die Verkäuferin, angesprochen auf die ausufernde Drogenproblematik in der Gegend. ,,Ich würde das gar nicht auf den Leo begrenzen, schauen sie sich die U-Bahnstationen an. Osloer Straße, Franz-Neumann-Platz, ich könnte ewig weitermachen". Wenn sie von Suchtkranken angesprochen wird, dreht sie die Musik auf ihren Ohren lauter, erzählt sie, bevor sie sich neuer Kundschaft widmet.

Dutzende Meter weiter wird das ganze Ausmaß des Problems deutlich: Bis zu 30 Personen sind hier an einem Dienstagmittag gegen 12 Uhr an der Schulstraße versammelt. Alufolie wird weitergereicht. Rund um eine öffentliche Toilette liegt Drogenbesteck. Eine junge Frau wird von ihren Begleitern gestützt, kann kaum mehr laufen. Der regelmäßige Konsum ist ihrem Gesicht anzusehen.

... Auch in der Suchthilfe selbst wird die Lage als schwierig eingeschätzt. ,,Die Situation am Leopoldplatz ist zwischendurch – wie im letzten Sommer – hochdramatisch. Im Moment ist es ruhiger", sagt Astrid Leicht, Leiterin der Berliner Drogenhilfe ,,Fixpunkt".
Der Leopoldplatz sei vor Jahren bei seiner Neugestaltung bewusst als ein ,,Platz für alle" konzipiert worden. ,,Das ist zukunftsweisend", sagt Leicht. ,,Es ist aber kein Selbstläufer. Man muss das Konzept auch betreiben und weiterentwickeln."

Die Expertin hält es für nötig, den Suchtkranken mehr Raum rund um den Platz zu geben. ,,Für Kinder gibt es Spielplätze, aber auch für Erwachsene muss es eine angemessene Infrastruktur im öffentlichen Raum geben. Nicht nur am Leo."

Leicht sieht seit einiger Zeit eine neue Dynamik bei dem Problem. ,,Es gibt generell eine Zunahme des Konsums und auch des Elends im öffentlichen Bereich." Das liege unter anderem daran, dass günstiger Wohnraum fehle. Aber auch daran, dass immer mehr Brachflächen verschwinden, die Suchtkranken früher als Rückzugsort gedient hätten.
Auch von einem Innenstadtproblem könne nicht mehr die Rede sein. Längst seien Nutzer auch am S-Bahnhof Botanischer Garten in Lichterfelde oder an der Schloßstraße in Steglitz anzutreffen. ,,Das ist ein Zeichen dafür, dass es insgesamt zunimmt."

Auch die Senatsgesundheitsverwaltung bestätigt diese These. Aus ihrer Sicht habe der Drogenkonsum im öffentlichen Raum zugenommen, erklärt ein Sprecher. Am Leopoldplatz reagiere man ab April mit einem Drogenkonsummobil auf die Lage. Suchtkranke könnten dann für einige Stunden am Tag in dem ausgebauten Lieferwagen Spritzen setzen und Heroin oder Crack rauchen. Zudem soll im laufenden Jahr ein sechster, fester Drogenkonsumraum eröffnen. ,,Dies ist abhängig davon, ob sich eine geeignete Immobilie finden lässt", sagt der Sprecher.

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Aus: ",,Mehr Drogenkonsum und Elend in der Öffentlichkeit": Bezirk registriert 22.000 weggeworfene Spritzen am Berliner Leopoldplatz" Julius Geiler, Christian Latz (21.03.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/mehr-drogenkonsum-und-elend-in-der-offentlichkeit-bezirk-registriert-22000-weggeworfene-spritzen-am-berliner-leopoldplatz-9538382.html

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Quote[...] Verdeckt vom Vorhang sitzt ein Mann im Fotoautomat im U-Bahnhof Frankfurter Allee und konsumiert etwas, das nicht zu erkennen ist. Ein anderer Mann sitzt davor, als ob er darauf warten würde, selbst an die Reihe zu kommen.

Es ist ein Mittwochnachmittag Mitte März. Auf den Bänken sitzen Männer, die sich betrinken. Eine Wodkaflasche geht herum. Immer wieder fällt das Wort ,,Kurwa", das im Polnischen ein vulgärer Ausdruck für Prostituierte ist. Auch Deutsche, die Bier trinken, sind dabei. Manche wirken verwahrlost und psychisch auffällig, andere sehen zugedröhnt aus, tragen aber intakte Kleidung. 

Es sind Menschen, von denen viele täglich dort sind. Menschen, von denen viele obdachlos wirken. Menschen, die permanent Drogen konsumieren. Menschen, die Hilfe bräuchten. Alltag an einem gewöhnlichen Berliner Bahnhof, der stadtweit bei der Polizei nicht mal als Hotspot gilt.

Ein Backwarenverkäufer im Bahnhof, der dort seit sechs Jahren arbeitet, aber nicht möchte, dass sein Name genannt wird, zeichnet ein düsteres Bild. Er schätzt, dass die Szene dort in den vergangenen Monaten zwei- bis dreimal größer geworden ist.

Warum, das könne er sich nicht erklären. Immer wieder sehe er Leute, die aggressiv werden. Täglich werde bei ihm geklaut. Auch eine Messerstecherei habe er schon beobachtet. ,,Dieses Jahr ist es bisher richtig schlimm", sagt er. Andere Händler teilen seinen Eindruck.

Hat sich die Lage auch abseits von bekannten Hotspots wie dem Görlitzer Park, dem Kottbusser Tor oder dem Leopoldplatz verschärft? Oder haben gerade in den kälteren Monaten einfach mehr Leute im U-Bahnhof Frankfurter Allee Schutz gesucht? Wie groß ist Berlins Drogen- und Obdachlosigkeitsproblem?

In der Frankfurter Allee wird mit Blick auf die Drogenkriminalität kein Anstieg verzeichnet. Ermittlungsverfahren nach dem Betäubungsmittelgesetz seien im Vergleich mit Hotspots ,,verschwindend gering", heißt es bei der Polizei auf Anfrage. Im Schnitt etwa vier Taten gebe es pro Monat.

Dem gegenüber stehen durchschnittlich bis zu 38-mal so viele Taten an besonders kriminalitätsbelasteten Orten. Demnach wurden etwa im Bereich des Görlitzer Parks zwischen 2018 und Februar 2023 insgesamt 7724 Drogendelikte registriert. Im Bereich des Bahnhofs Frankfurter Allee waren es im selben Zeitraum 216.

Auch Beschwerden wegen obdachloser Menschen und Vermüllung um den S- und U-Bahnhof gab es laut Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg dieses Jahr noch nicht, während es noch im zweiten Halbjahr 2021 22 Beanstandungen gegeben habe. Nach wiederholten Räumungsmaßnahmen habe seit Anfang 2022 ,,keine dauerhafte Campbildung mehr stattgefunden." Und doch ist die Not offensichtlich. Wie schätzen die Menschen, die die Szene kennen, die Lage an der Frankfurter Allee und berlinweit ein?

Gleich neben dem S-Bahnhof befindet sich eine Notunterkunft der Berliner Stadtmission der evangelischen Kirche, in der Menschen ohne Obdach über Nacht bleiben können. Dort bekommen sie ein Bett, Essen, soziale und medizinische Betreuung. Bedingung: Sie dürfen dort keine Drogen konsumieren. Wer dagegen verstößt, fliegt raus.

Im Winter kommen dort über Nacht stets etwa 120 Menschen unter, sagt die Sprecherin der Stadtmission, Barbara Breuer. Zuletzt sei die Unterkunft ,,knackevoll" gewesen. Eine Erklärung: ,,Die Staatsarmut ist gestiegen. Die Pandemie und vor allem die Inflation treiben die Menschen hierher", sagt Magdalena Stefan, die dort als Sozialarbeiterin tätig ist.

Rund 70 Prozent der Gäste sind suchtkrank, schätzen sie. Bei vielen kommen psychische Erkrankungen hinzu. Etwa die Hälfte, vermuten sie, bleibe tagsüber in der Umgebung. Die andere Hälfte fahre in andere Bezirke.

Ob die Szene an der Frankfurter Allee größer geworden ist, können sie nicht sagen. Die Gegend sei aber lange schon Treffpunkt für Wohnungslose, die tagsüber in der Nähe der Notunterkunft bleiben wollen. Und auch für Süchtige, von denen manche eine Substitutionstherapie machen, wie sie etwa in der Ambulanz für Integrierte Drogenhilfe des Notdienstes für Suchtmittelgefährdete und -abhängige in der Nähe des Bahnhofs möglich ist. In solchen Praxen werden Abhängige von Opioiden wie etwa Heroin oder Tilidin legal von Ärzten mit Ersatzstoffen behandelt.

Es fehlt an Tagesunterkünften, weshalb viele Menschen sich am oder im U-Bahnhof aufhalten. Petja und seine Lebenspartnerin Nika Mouz wissen das aus eigener Erfahrung. Die beiden 37-Jährigen aus Berlin, die ihre richtigen Namen hier lieber nicht lesen wollen, sind obdachlos und drogenabhängig – lange schon kämpfen sie gegen ihre Sucht, vor allem nach Opioiden. Nachts kommen sie seit vergangenem Sommer regelmäßig in die Notunterkunft.

Als Petja Mouz sich auf einer Ledercouch im Gemeinschaftsbereich der Unterkunft niederlässt, ist ihm anzusehen, dass er nicht nüchtern ist. Seine Wangen sind gerötet. Er sieht müde aus. Vor allem, sagt er, weil er Valium intus und Alkohol getrunken habe. Auch habe er Methadon bekommen, in einer Substitutionspraxis in Mitte.

Drogen gehören zu seinem Leben, seit er 10 oder 11 Jahre alt ist. Damals hätten sich seine Eltern scheiden lassen und ihn ins Heim gegeben. Bald habe er täglich gekifft, sei in die Kriminalität abgerutscht. Nach der achten Klasse sei er nicht mehr zur Schule gegangen. Kokain, Crack, Heroin: Die Drogen werden härter.

Als er 19 Jahre alt ist, trifft er am Alexanderplatz auf Nika. Sie sagt, ihre Mutter habe sie zu Hause rausgeschmissen. Gemeinsam mit Petja habe sie harte Drogen genommen, sei abhängig geworden. Sie verschmelzen mit der Drogen- und Straßenszene.

Tagsüber, wenn sie raus müssen aus der Unterkunft, halten sie sich an vielen Orten auf. Mal am Alex, mal am Halleschen Tor, dann wieder am Kotti oder eben an der Frankfurter Allee, sagt Petja Mouz. Ab 10 Uhr fange er an zu trinken. Aber nur bis 19 Uhr. Dann sei Schluss. Nur ab und zu rauche er einen Crack-Kokain-Kopf. Vor vier Jahren hätten sie ihre zweite Substitutionstherapie begonnen. Deshalb nähmen sie inzwischen 85 Prozent weniger Drogen.

Zur Szene im U-Bahnhof verweist er auf die ,,Substipraxis" in der Nähe. Bei solchen Praxen, sagt er, halten sich immer viele Süchtige auf. Und – das regt ihn besonders auf – das würden Dealer für sich ausnutzen. Die, sagt er, geben vor, von Opioiden abhängig zu sein, nähmen aber nur kleinste Mengen ein. In den Praxen träfen sie auf potenzielle Kunden.

Dass die Frankfurter Allee ein Szenetreffpunkt ist, hat aber noch andere Gründe. ,,Der Bahnhof ist ein Knotenpunkt. Man ist schnell da, man ist schnell weg. Es gibt das Ringcenter, wo man sich im Warmen und unauffällig aufhalten kann, und öffentliche Toiletten", sagt Antje Matthiesen, die sich mit der Szene gut auskennt. Sie leitet beim Notdienst die Fachbereiche Substitution und Psychosoziale Betreuung und begleitet die Ambulanz, wo Betroffene zugleich medizinisch und sozial betreut werden, seit deren Anfängen 2008.

Am und im Bahnhof seien nur wenige, die aufgrund ihrer Opioidabhängigkeit in der Ambulanz in Behandlung sind. ,,Da sind viele Menschen, die geflüchtet sind. Menschen mit psychischen Erkrankungen, Alkoholabhängige, Obdachlose und manchmal eben auch Menschen, die von allem etwas haben", sagt Matthiesen.

Die Szene in der Frankfurter Allee habe sich über die Jahre sehr verändert, ,,aber das hat sie an vielen anderen Orten in dieser Stadt auch", sagt Matthiesen. ,,Die Verelendung in dieser Stadt fällt einfach auf, und nimmt deutlich mehr Platz ein im öffentlichen Raum." 

Das sieht auch der Geschäftsführer des Notdienstes, Michael Frommhold, so. ,,Die Situation auf der Straße verschärft sich". sagt er. Kleine Szenen gebe es inzwischen auch am Yorckpark oder Gleisdreieckpark.

Die Obdach- und Wohnungslosigkeit in der Hauptstadt werde größer. ,,Es gibt immer weniger Plätze in der Wohnungshilfe." Und wer in einer Unterkunft für betreutes Wohnen unterkomme, sei auf dem Wohnungsmarkt kaum vermittelbar. Umso wichtiger seien weitere Unterkunftsangebote. Doch dabei scheitere man fast immer an Räumen und Geld. ,,Insgesamt wird die Situation im sozialen Bereich immer schlimmer", sagt Frommhold.

Der Suchtbeauftragten des Landes, Heide Mutter, entgeht die Not auf den Straßen nicht. ,,Auch ich nehme wahr, dass es in Berlin an vielen Orten eine Zunahme des Konsums im öffentlichen Raum gibt", teilt sie mit. Sie führt ,,die Situation zu einem großen Anteil auf die zunehmende bauliche Verdichtung und den Mangel an bezahlbarem Wohnraum zurück".

,,Grundsätzlich halte ich das Berliner Suchthilfesystem für sehr ausdifferenziert und sehr vielfältig in seiner Angebotsstruktur", sagt sie. Nötig seien aber mehr Notübernachtungsstellen, Streetworker und vor allem Mediziner:innen, die die Substitutionsbehandlung sicherstellen. Die trage dazu bei, gesundheitliche Gefahren zu reduzieren, den öffentlichen Raum zu entlasten. Doch: ,,Viele scheiden aktuell altersbedingt aus, ohne dass gleichzeitig ausreichend Kolleginnen und Kollegen die Lücken füllen."

Heide Mutter fordert mehr Geld. ,,Sowohl die Sucht- und Drogenberatungsstellen als auch die Alkohol- und Medikamentenberatungsstellen benötigen dringend einen finanziellen Aufwuchs, um den veränderten Bedarfen der suchtkranken Menschen und den gestiegenen Anforderungen an qualifizierte Suchtberatung verlässlich nachkommen zu können."

Statistische Daten könnten Aufschluss darüber geben, wie verbreitet Drogensucht und Obdach- wie Wohnungslosigkeit in Berlin sind. Das Problem ist nur: Trendstudien oder Längsschnittanalysen, die Entwicklungen aufzeigen könnten, fehlen.

Zwar wird regelmäßig eine Suchthilfestatistik für Berlin erstellt, doch die letzte basiert auf den Daten von 2020. Noch dazu sind es Daten, die nur von wenigen ambulanten und stationären Einrichtungen der Suchthilfe erhoben werden. Obendrein lässt sich nicht jede suchtkranke Person behandeln.

Was die Daten zeigen, ist, dass es in Berlin im Vergleich zum Bund eklatant mehr Hauptdiagnosen gibt, die Abhängigkeit von Kokain oder Opioiden betreffen. Zudem geht aus der jüngsten Abwasseranalyse der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hervor, dass der Kokain- (um 58 Prozent) und Crystal-Meth-Konsum (knapp 70 Prozent) in Berlin in den vergangenen fünf Jahren rasant gestiegen ist. Noch dazu kletterte die Zahl der Drogentoten im Jahr 2021 auf den höchsten Wert seit 20 Jahren. Mit 223 Fällen gab es über 100 mehr als zehn Jahre zuvor.

Wohnungslose – das schließt Menschen auf der Straße ein und solche, die etwa in den Wohnungslosenunterkünften des Landes leben – gab es in der Hauptstadt Ende Januar 2022 laut Statistischem Bundesamt rund 26.000. Wobei Fachleute immer wieder von rund 50.000 Betroffenen ausgehen.

Sehr schlecht ist die Datenlage auch bei der Obdachlosigkeit. Wie viele Menschen es in Berlin gibt, die nur im öffentlichen Raum schlafen und höchstens über Nacht in Notunterkünften unterkommen, ist nicht bekannt. Schätzungen gehen von 10.000 Obdachlosen in Berlin aus. Doch bei der einzigen Zählung im Jahr 2020 erfassten Freiwillige laut Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales in einer Nacht gerade einmal knapp 2000 Menschen.

Wie aber lässt sich eine angemessene Politik betreiben, wenn die Datengrundlage so löchrig ist? Immerhin soll bis 2030 die Obdachlosigkeit in der Hauptstadt besiegt werden. Die Senatssozialverwaltung verweist darauf, die Angebote für wohnungslose Menschen erheblich ausgebaut zu haben. Das Finanzierungsvolumen sei seit 2015 von 2,93 Millionen Euro auf mehr als 10 Millionen Euro 2023 ausgeweitet worden, so Sprecher Stefan Strauß.

Die Senatsverwaltung setze verstärkt auf eine aufsuchende Straßensozialarbeit. Ein besonderes Projekt sei zudem das ,,Housing First". Dabei solle den betroffenen Menschen bedingungslos eine Unterkunft gestellt werden, ohne bürokratische Hürden oder sonstige Bedingungen.

Auch Stadtmissionssprecherin Breuer hält das Projekt für vielversprechend. Während der Pandemie seien wohnungslose Menschen in Hostels mit Vollverpflegung untergebracht worden. Viele, die nie nüchtern gewesen seien, hätten plötzlich aufgehört zu trinken und angefangen, sich mit der Suche nach Arbeit zu beschäftigen. Sie hatten Hoffnung.

Auch Petja und Nika Mouz haben noch Hoffnung. Kraft gibt ihnen, dass sie seit 18 Jahren einander haben. ,,Seit sie bei mir ist, ist alles in meinem Kopf ruhiger geworden", sagt er. ,,Ich bin so froh, ihn in meinem Leben zu haben", sagt sie. Doch Petja Mouz weiß auch: Mit bald 40 Jahren werden die Chancen weniger.


Aus: "Drogen, Armut, Obdachlosigkeit: Das alltägliche Elend an einem gewöhnlichen Berliner Bahnhof" Christoph Zempel (11.04.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/drogen-armut-obdachlosigkeit-das-alltagliche-elend-an-einem-gewohnlichen-berliner-bahnhof-9504251.html

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#33
Quote[...] Draußen sichert ein massives Metallgitter den kleinen Laden. Drinnen lauert eine Überwachungskamera. Auf einem großen Monitor neben der Anzeigetafel für die Lottoquoten wird jede Bewegung verfolgt. Doch die Sicherheitsvorkehrungen helfen wenig. "Jeden Tag gibt es Ärger", stöhnt Sam Hanna, der Eigentümer von F&M Smokes, Wine and Liquor in San Franciscos Büroviertel SoMa. Meistens sind es einzelne Personen, die in dem kleinen Geschäft Zigaretten oder Alkohol mitgehen lassen. Vergangene Nacht aber haben gleich acht Männer versucht, die Tür aufzubrechen. Der Alarm sprang an. Hanna rief die Polizei. "Aber die ist nie aufgetaucht", klagt der 46-Jährige.

Hanna ist Unsicherheit gewohnt. Als Kind zog er mit seinem Vater von der US-amerikanischen Westküste nach Palästina. Die Rückkehr in die USA mit Mitte zwanzig war wie eine Verheißung. Doch inzwischen hat der Ladenbesitzer über seine Wahlheimat nicht mehr viel Positives zu erzählen: "San Francisco ist voll mit Drogenhändlern und Kriminellen. Es ist beängstigend geworden", sagt er.

Dabei liegt der kleine Liquor Store in einer traditionell guten Gegend. Schräg gegenüber ragt der im Art-déco-Stil errichtete Wolkenkratzer 140 New Montgomery in den Himmel, der nach dem Ersten Weltkrieg die Telefongesellschaft Pacific Bell beherbergte und 2013 nach einer aufwendigen Renovierung vom Bewertungsportal Yelp zum repräsentativen Hauptquartier auserkoren wurde.

Doch Yelp hat seine Büros geräumt. Neun Etagen sind verwaist. Der Portier in dem prachtvoll mit schwarzem Marmor und einer Golddecke ausgestatteten Foyer schaut an diesem Donnerstagmorgen gelangweilt in die menschenleere Halle. Draußen um die Ecke hat das Ristorante Umbria für immer die Rollläden heruntergelassen. Auch die Juice Bar hat aufgegeben. Die hellen Räume von Werqwise, wo einst Digitalnomaden für ein paar Stunden einen Arbeitsplatz mieteten, stehen zum Verkauf. Auf dem Bürgersteig hat sich ein Obdachloser ausgestreckt. Apathisch hält er in der rechten Hand einen Plastikbecher mit ein paar Dollarnoten.

San Francisco ist das Traumziel von Millionen Touristen. Die pastellfarbenen viktorianischen Häuschen, die ratternden Cable Cars und die pittoresk in Nebel gehüllte Golden Gate Bridge wecken das Fernweh. Doch das Postkartenidyll täuscht. Schon lange kämpft die 800.000-Einwohner-Metropole mit extremer sozialer Spaltung, Obdachlosigkeit und Drogensucht. Die rasante Ausbreitung der Todesdroge Fentanyl, der Exodus der Tech-Branche und der Niedergang des stationären Einzelhandels drohen nun einen perfekten Sturm auszulösen, der die Innenstadt für lange Zeit verwüsten könnte.

Entlang der Market Street haben in den vergangenen Monaten dutzende Geschäfte vom Inneneinrichter Crate & Barrel bis zu den Klamottenmarken Abercrombie & Fitch und Old Navy geschlossen. Die neunstöckige Westfield-Mall mit einstmals 180 Läden steht vor dem Aus. Die Zukunft des Hilton-Hotels am Union Square mit 1.900 Betten ist nach dem Rückzug der Eigentümer unsicher. Ein Drittel aller Büroflächen steht zur Vermietung. Und immer öfter klagen die Bürger über dreiste Ladendiebstähle und Autoaufbrüche.

"Die leerste Innenstadt Amerikas", betitelte die "New York Times" kürzlich einen Bericht über San Francisco. Es war eine der freundlicheren Beschreibungen. "Postapokalyptisch" hat Elon Musk, der launenhafte Chef von Twitter, die Zustände in der City genannt: "Man könnte hier 'Walking Dead'-Episoden filmen." Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Ron DeSantis nahm kürzlich in der "kollabierten Stadt" einen politischen Werbespot auf. "Was ist, wenn San Francisco nie mehr aus der Abwärtsspirale herausfindet?", fragt das seriöse Wirtschaftsblatt "Financial Times" besorgt.

"Inzwischen rufen Freunde von außerhalb an und fragen, ob es mir gutgeht", mokiert sich Jeff Cretan. Der Kommunikationsdirektor von Bürgermeisterin London Breed hat sein Büro im zweiten Stock des stolzen Rathauses, dessen Kuppel höher ist als die des Washingtoner Kapitols. "Natürlich gibt es Sorgen", sagt Cretan, "aber vieles wird total übertrieben."

Die Geschichte, die der Politstratege erzählt, ist die einer Stadt, deren Immobilienwerte dank des Tech-Booms lange überzeichnet waren, die dann durch die Corona-Pandemie gewaltig durchgeschüttelt wurde und sich gerade neu aufstellt. "Wir sind eine ziemlich sichere Stadt", betont Cretan und verweist auf die vergleichsweise niedrige Mordrate. Allerdings gebe es "Herausforderungen" bei Eigentumsdelikten, die vielfach mit der Drogenproblematik zusammenhingen. Beides aber konzentriere sich in einem Teil der Innenstadt: "Fisherman's Wharf und die Waterfront gehören nicht dazu", betont Cretan zur Beruhigung der Touristen.

Der Augenschein belegt: An der Golden Gate Bridge oder auch im neuen In-Viertel Haynes Valley wird der Besucher von den Problemen wahrscheinlich wenig mitbekommen. Gerade mal zwei Blocks von City Hall entfernt, im Bezirk Tenderloin, aber kann man dem Elend nicht entgehen. Überall vegetieren Menschen auf den Gehsteigen vor sich hin, sie durchwühlen Mülleimer nach Essbarem und werden in Trance auch aggressiv: "Kauf mir ein Mittagessen!", brüllt ein Mann einen Passanten an. Der Gestank von Urin hängt penetrant in der Luft. Direkt vor der Polizeistation an der Eddy Street setzt sich ein Süchtiger mit halb herunterhängender Hose eine Spritze. Die meisten hier freilich sind inzwischen von dem teuflischen Fentanyl abhängig, das als Pillen oder Pulver gehandelt wird und 50-mal stärker ist als Heroin. Schon 346 Menschen sind in den ersten fünf Monaten an einer Überdosis gestorben – fast so viele wie im gesamten Jahr 2019.

Eine Dosis Fentanyl kostet in San Francisco acht Dollar und hält gerade mal für eine halbe Stunde. Das heizt die Beschaffungskriminalität auch in touristischen Teilen der Innenstadt an. Immer wieder wird entlang der Market Street geplündert. Viele Läden stehen inzwischen leer. Gerade hat das große Kaufhaus Nordstrom geschlossen. Bisweilen werden Passanten mit Gegenständen beworfen. Ein entspanntes Shopping-Erlebnis will da nicht aufkommen.

Ein paar Straßen weiter, rund um den Union Square, sieht es etwas freundlicher aus. Das liegt auch an den Aktivitäten der Union Square Alliance, einer Vereinigung von Geschäftsleuten, die einen Sicherheitsdienst und zwei zusätzliche Streifenbeamte bezahlt, Straßen und Gehsteige regelmäßig säubern lässt, Blumen pflanzt und mit Konzerten Leben in die City zu bringen versucht. "Unser Auftrag lautet: sauber und sicher", erklärt Geschäftsführerin Marisa Rodriguez.

Die eloquente Juristin sieht vor allem die Corona-Pandemie als Auslöser der aktuellen Krise. San Francisco hat die Lockdowns früher und nachhaltiger verhängt als andere Regionen. Darunter litten der Handel und die Hotels, die in der Innenstadt konzentriert sind. Gleichzeitig blieben die Büros leer. Nirgendwo stiegen die Beschäftigten so radikal aufs Homeoffice um wie in der hier dominierenden Tech-Branche. Nun ist die Pandemie vorbei. Doch 150.000 Arbeitnehmer sind nicht an ihre Schreibtische in der City zurückgekehrt.

So hat sich das Zentrum regelrecht entvölkert. Die Mobilfunknutzung erreicht gerade noch 30 Prozent des Vor-Corona-Niveaus. "Viele Herausforderungen der Alltags- und Drogenkriminalität gibt es seit langem", sagt Rodriguez: "Aber jetzt, da das Gewusel auf den Straßen weg ist, wird das plötzlich ungeschönt sichtbar."

Das setzt auch die Politik unter Druck. Wegschauen ist nicht mehr möglich. "Wir haben traditionell eine Kultur der Milde hier in San Francisco", sagt Rodriguez, die in ihrem früheren Leben als Staatsanwältin arbeitete: "Aber wir haben nicht gesehen, dass Menschen das ausnutzen." Nun hat sich die Stimmung in der Bevölkerung gedreht: Ein linker Bezirksstaatsanwalt, der die Entkriminalisierung von Drogendelikten vorantrieb, wurde vor einem Jahr per Volksentscheid seines Amtes enthoben. Auch Bürgermeisterin Breed, die 2024 wiedergewählt werden möchte, propagiert ein härteres Durchgreifen gegen die Drogenszene. Schon jetzt ist der Imageschaden groß: Erstmals in ihrer Geschichte muss die örtliche Marketingagentur eine sechs Millionen Dollar teure Werbekampagne schalten.

"Die Leute sind frustriert. Es ist einfach zu viel", sagt San Franciscos Polizeipräsident Bill Scott: "Es geht nicht, dass jeder hier hinkommen und sich benehmen kann, wie er will, ohne dass das Konsequenzen hat." Der Afroamerikaner, der als Sohn eines US-Soldaten vier Jahre seiner Kindheit in Deutschland im pfälzischen Pirmasens zubrachte, hat keinen einfachen Job: Ein Viertel seiner 2.000 Planstellen ist unbesetzt. Nachwuchs ist nicht einfach zu finden: Die Mieten in der Stadt kann ein einfacher Beamter nicht bezahlen, und die Polizei hat im hiesigen linksliberalen Milieu nicht den besten Ruf.

So scheint die zehnköpfige Einheit, die seit Anfang Juni speziell den offenen Drogenmarkt in der Innenstadt überwacht, bislang eher symbolischen Charakter zu haben: 50 Personen, die sich oder andere gefährdeten, wurden in den ersten zwei Wochen festgenommen. 40 verbrachten ein paar Stunden im Gefängnis. Keiner akzeptierte eine freiwillige Entzugsbehandlung. Doch die Truppe wird aufgestockt, und die Sanktionen werden verschärft: Bei der zweiten Festnahme droht künftig eine Pflichtbehandlung.

"Tough love" ("strenge Liebe") nennt Bürgermeisterin Breed diese Strategie. Ob sie wirkt, ist offen. "Natürlich lösen wir mit den Festnahmen nicht die Drogensucht", sagt Polizeichef Scott: "Aber wir wollen die Leute für ihr Verhalten zur Rechenschaft ziehen." Auch das freilich hat Grenzen: Nach kalifornischem Recht werden Ladendiebstähle unter 950 Dollar als Ordnungswidrigkeit nicht strafrechtlich verfolgt. "Selbst wenn sie jemand schnappen, ist er am nächsten Tag wieder auf der Straße", beklagt sich Sam Hanna, der Kioskbesitzer aus der New Montgomery Street.

Der Händler ist von der Leere in der Innenstadt und der Alltagskriminalität gleichermaßen betroffen: "Viele meiner Kunden arbeiten jetzt zu Hause und bleiben weg. Anderen ist es hier einfach zu unsicher geworden." Für diesen Artikel möchte sich der durchtrainierte Mann nur von hinten fotografieren lassen: "Ich will keinen Ärger mit der Stadt."

Um fast die Hälfte ist Hannas Umsatz im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit eingebrochen. Sein Laden konnte nur überleben, weil der Hausbesitzer die Miete senkte: "Ich muss kämpfen." Neulich hat der 7-Eleven-Store um die Ecke dichtgemacht. Der 46-Jährige aber ist nicht bereit aufzugeben – noch nicht. "San Francisco ist eine der schönsten Städte der Welt", sagt er. Seine Stimme klingt wehmütig. (Karl Doemens aus San Francisco, 24.7.2023)



Aus: "Unter der Goldenen Brücke - San Francisco droht zur Geisterstadt zu werden"
Karl Doemens aus San Francisco (24. Juli 2023)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/3000000179965/san-fransisco-droht-zur-geisterstadt-zu-werden

Quoteravenloft, 24.Juli 2023

War letzte Woche dort - unfassbar!

Ich habe mich tagsüber alleine auf der Straße extrem unwohl gefühlt, 2 Straßen neben dem Shopping geht die Welt unter und trotzdem stellen sich 500 Leite für die Straßenbahn an, so als wäre alles gut. Alleine der Fakt, dass ich alles stehlen kann ohne Konsequenz ist ein Wahnsinn! Und das wird politisch - zurecht - allein den Demokraten angelastet, die haben einfach ohne Weitblick und Bedacht auf Konsequenzen dies so vorangetrieben! Ist auch in Portland, Seattle,...das gleiche Bild!


QuoteSaurerLachsgegner

So geht es einigen Städten in 'merica. Ich schau seit Jahren Youtube Videos wo man Einblicke in Städte und auch in die "Down-sides" bekommt.

In San-Fran und anderen vermeintlich "reichen" Städten geht es schon lange bergab. Und das nicht nur in den USA. (Siehe GBs Städte)

Die Ursache des Drogenkonsums, der Gewalt usw. sind fast immer auf gesellschaftliche Verhältnisse zurückzuführen und welche ökonomische Doktrin generell (also überregional) vorherrscht. Die Frage von milde oder strenge stellt sich nicht, wenn man etwas verbessern will. Es geht um Wohlstandverteilung.

Die ganz zentralen Fragen sind: Bekommst du einen Job? Und wenn ja wie weit kommst du damit.

Spoiler: In amerik. Großstädten sehr oft nicht weit.
Die Krisen machen das nur schneller sichtbar. Die Ursache sind sie nicht.


Noch eine Interessante Quelle: Staaten sortiert nach Armutsquote
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Bundesstaaten_der_Vereinigten_Staaten_nach_Armutsquote



QuotePete Freedom

Das linksliberale Paradies wo jeder Unfähige sich seine Lebensmittel zusammenstielt und dann eh nur ein Strafmandat bekommt. Fängts in Favoriten auch schon an?


Quotebastivon1982

Mir ist diese Beschränkung der Kritik auf die unfähigen Linken zu billig. Ja, sie scheitern daran mit gebotener Härte vorzugehen.

Was mir aber fehlt - die letzten 10-15 Jahre hat der Kapitalismus einfach alle Bewohner aus der Stadt vertrieben, mit den Top-Verdienern aus dem Valley die noch so jede absurde Miete zahlten war einfach viel mehr Gewinn drinnen. Die Bewohner sind nun weg und die vorigen perspektivenlos auf der Straße.
Und als nächstes wird das exakt gleiche Schicksal Houston und Konsorten ereilen die sich nun mit Steuererleichterungen die Kapital-Parasiten ins Haus holen. Aber dann sind sicher auch irgendwie die Linken schuld.


Quotemx_2000
Cope

So kann man sich alles schönreden. SF ist die progressivste Stadt der USA, aber wenns Probleme gibt, dann sind natürlich alle anderen Schuld.

Ein Pro-Criminals Staatsanwalt, eine Bildungsdirektorin, der Indoktrination wichtiger ist als offene Schulen, Dekriminalisierung von Diebstahl, Drogenabhängigkeit als Lifestyle, Defund the Police, etc.

So viel geballte Linke Politik gibts sonst nirgendwo, und das Ergebnis ist offensichtlich. Durch das viele Geld von Silicon Valley konnte man das lange ignorieren, jetzt schlägt die Realität durch.

Zb das zwanghafte Festhalten daran, dass "Defund the police" eigentlich gar nicht defund the police meint - das ist ungefähr genauso glaubwürdig wie ähnliche Beschwichtigungen auf rechter Seite, dass irgendwelche garstigen Sager natürlich nicht so gemeint sind.

In Wirklichkeit ist das natürlich eine Lüge, die, die diese Slogans am lautesten schreien meinen sie auch genau so, egal obs jetzt um "Ausländer raus" oder "defund the police" geht.


QuoteTalentmanager

Könnten Sie die Behauptung von wegen Kapitalismus ein wenig konkretisieren? Liest sich nämlich wie so eine Parole vom Juso-Seminar.


Quotebastivon1982

https://www.ksta.de/redaktion/mietpreise-ausser-kontrolle-san-francisco-ist-die-teuerste-stadt-der-usa-197946

https://www.spiegel.de/panorama/bildung/usa-steigende-mieten-schulbezirk-in-kalifornien-bittet-eltern-um-wohnraum-fuer-lehrkraefte-a-c3eae76b-996b-4ef7-8685-2f2a2e84137b


https://www.zeit.de/wirtschaft/2014-01/san-francisco-silicon-valley


Quotesfb

was sie in dieser argumentation vergessen: die gut- und bestverdiener aus der techbranche sind beides: die linken und die kapitalistischen parasiten.


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Quote[...] In San Francisco hat eine Menschenmenge am Wochenende ein leeres Robotertaxi von Waymo mitten auf einer belebten Straße beschädigt, beschmiert und schließlich in Brand gesetzt. Fotos der lokalen Feuerwehr zeigen die Überreste des völlig zerstörten Elektroautos vom Typ Jaguar I-Pace, große Teile davon fehlen ganz. Von Waymo selbst gibt es bislang nur ein knappes Statement. Man arbeite an einer Reaktion, zitiert der San Francisco Chronicle das Unternehmen. Verletzt wurde niemand. Augenzeugen berichten von einer Menge, die sich in der Nacht zum Sonntag gegenseitig angestachelt habe, bis schließlich Feuerwerkskörper in dem Auto gezündet wurden, das daraufhin Flammen aufgegangen ist. Wegen der großen Akkus war das Löschen wohl nicht unproblematisch.

Wie das US-Magazin The Autopian nach Gesprächen mit Zeugen des Vorfalls zusammengetragen hat, nahm das Geschehen am Samstagabend gegen 21 Uhr seinen Lauf. In der Jackson Street in Chinatown wurde da unter anderem mit Feuerwerk das chinesische Neujahrsfest begangen, die Menschenmenge habe dabei immer wieder Platz für wartende Autos gemacht. Als sich zu denen aber ein wartendes Waymo-Taxi gesellt hat, sei plötzlich jemand darauf gesprungen und habe die Windschutzscheibe zerstört, berichtet der Softwareentwickler Michael Vandi dem Magazin. 30 Sekunden später sei erneut jemand darauf gesprungen und weil dann geklatscht wurde, sei es schließlich "wild" geworden.

Auf dem Kurznachrichtendienst X/Twitter geteilte Aufnahmen von Vandi zeigen, wie einige wenige das Fahrzeug attackieren und später beschmieren, während weitere Menschen das filmen. Immer wieder ist Applaus zu hören. Nach mehreren Minuten habe dann jemand einen Feuerwerkskörper unter das Fahrzeug gelegt und gezündet, woraufhin sich die Menge in Sicherheit gebracht habe. Zwar hat der Mann das weitere Geschehen deshalb nicht direkt beobachtet, aber es wurden dann wohl Feuerwerkskörper in das Auto geworfen, das daraufhin ausbrannte. Ein anderer Zeuge berichtet The Autopian, dass die Löscharbeiten ihre Zeit gebraucht hätten, weil die Akkus sich immer wieder entzündet hatten. Ein Bild des San Francisco Fire Department zeigt das völlig zerstörte Fahrzeug.

Die Attacke auf das leere Fahrzeug erfolgt vor dem Hintergrund anhaltender Spannungen in San Francisco wegen der autonomen Fahrzeuge. Die waren gegen den Widerstand der städtischen Behörden von der zuständigen bundesstaatlichen Behörde zugelassen worden, bis Waymos Konkurrent Cruise nach einem dramatischen Unfall die Erlaubnis entzogen wurde. Vergangene Woche hat dann ein Waymo-Fahrzeug einen Radfahrer angefahren, der leicht verletzt wurde. Einige Menschen in der Stadt hatten den Widerstand schon länger selbst in die Hand genommen, beim sogenannten "Coning" stellen sie einen Verkehrskegel auf die Motorhaube, woraufhin das Fahrzeug stehen bleibt, bis der entfernt wurde.


Aus: "Unter Applaus: Menschenmenge in San Francisco zerstört Robotaxi von Waymo" Martin Holland (12.02.2024)
Quelle: https://www.heise.de/news/San-Francisco-Menschenmenge-zerstoert-Robotaxi-von-Waymo-komplett-9625701.html

QuotePseudolus, 13.02.2024 10:08

Wie ein John Carpenter Film

Als ich die Nachricht gesehen habe, kam mir sofort 'Die Klapperschlange' (Escape from New York)* in den Sinn, besonders die Szene als Kurt Russell den Broadway herunterfährt und von den Spalier stehenden Insassen mit Molotov-Cocktails u.a. beworfen wird.😨

Gruß
Pseudolus

* https://www.imdb.com/title/tt0082340


QuoteMichaelG., 13.02.2024 07:20

Also sind Kurzschluss-/Mob-Reaktionen bei solchens Festivitäten nicht nur in D ...

Wenn ich mir die Videos so angucke: Die 'politische Aussage' ist eher... naja. Es sind mehr Leute die evtl. berauscht sind und in einer Gruppen-Dynamik Scheiße bauen.
Ich mein selbst wenn man Waymo hasst... so hätte das Feuer sich ausbreiten können oder in der Stimmung werden Leute 'mit'-verletzt.

Ich hatte mich schon gefragt, ob das nur ein Problem in Deutschland ist oder anders wo auch. So ein Kurzschluss-Verhalten an Events wie Silvester. Anscheinend sind wir nicht alleine damit.

Und wer derart drauf ist (an Events wie Silvester mit Raketen auf Autos/Leute/Häuser/Rettungsdienst ballern oder randalieren ohne Rücksicht auf Gefahren) der hat auch mal die volle Breitseite an Reaktion der Gesellschaft verdient.

Das hat in dem Moment wenig mit Motivation, Hintergrund oder anderen Schrott zu tun. (und es darauf zu reduzieren ist ähnlich Gesellschaft-Schädlich, aber das ist ein anderes Thema)


QuoteMario68, 13.02.2024 09:17

Dumme Gesellschaft

Zum einen ist eine Gesellschaft die unter Applaus selbstfahrende Autos zerstört nicht wirklich zurechnungsfähig. ...


QuoteSplash42, 12.02.2024 18:22

Rage against the machine!

Spielen zwar nicht mehr, aber passt irgendwie.


...

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Quote[...] Die Zahl der Personen ohne Bleibeperspektive, die im und um den Görlitzer Park mehrfach Straftaten begangen haben, ist sprunghaft angestiegen. Während das Landesamt für Einwanderung und die Polizei Berlin im Jahr 2021 noch rund 250 Mehrfachstraftäter ohne Bleibeperspektive erfasste, sind es derzeit 404, wie die Senatsinnenverwaltung auf Anfrage des Tagesspiegels mitteilte.

Erfasst werden die Fälle von einer gemeinsamen Taskforce von Polizei und Landesamt für Einwanderung, die 2020 vom damaligen Innensenator Andreas Geisel (SPD) ins Leben gerufen wurde. Sie soll alle Möglichkeiten ausloten, um gegen im Görlitzer Park aktive Wiederholungstäter ohne Bleibeperspektive ausländerrechtlich vorzugehen.

Bei den Straftaten handelt es sich insbesondere um Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie gegen das Aufenthalts-, Asyl- oder Freizügigkeitsgesetz. Letztere sind in den vergangenen Jahren im und um den Görlitzer Park ebenfalls deutlich gestiegen, wie die Polizei dem Tagesspiegel bestätigte. Registrierte die Polizei im Jahr 2018 noch 427 ausländerrechtliche Verstöße, waren es im Jahr 2022 insgesamt 697. Im laufenden Jahr stellte die Polizei im ersten Halbjahr 315 Verstöße gegen das Ausländerrecht fest.

Von den 404 Wiederholungstätern ohne Bleibeperspektive liegen nach Angaben der Innenverwaltung 138 Fälle in der Zuständigkeit Berlins, für 266 sind die Ausländerbehörden anderer Bundesländer verantwortlich. ,,100 der in Berliner Zuständigkeit bearbeiteten Personen sind vollziehbar ausreisepflichtig", sagte ein Sprecher der Innenverwaltung dem Tagesspiegel. Allerdings würde der Verlust des Aufenthaltsrechts etwa durch Ausweisung ,,in der Regel nicht dazu führen, dass die Betroffenen nicht mehr im Bereich des Görlitzer Parks aktiv sind".

Bisher wurden lediglich neun der 100 ausreisepflichtigen Personen abgeschoben, sechs Personen sind freiwillig ausgereist. Viele Staaten würden bei der Rückübernahme nicht kooperieren, begründet die Innenverwaltung die Zahlen – welche das sind, sagt sie auf Nachfrage nicht.

Seit einer mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung Ende Juni wird erneut intensiv über die angespannte Sicherheitslage im und um den Görlitzer Park diskutiert. Der Park im Herzen Kreuzbergs ist seit langem berüchtigt für seine Drogenszene und die damit verbundene Beschaffungskriminalität. Die Polizei definiert den Görlitzer Park sowie den umliegenden Wrangelkiez als einen von sieben sogenannten ,,kriminalitätsbelasteten Orten". Ihr stehen hier besondere Eingriffsbefugnisse zur Verfügung.

In der CDU und SPD gibt es Überlegungen den Görlitzer Park einzuzäunen und nachts abzuschließen. Die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Clara Hermann (Grüne) lehnt das als einzelne Maßnahme ab. Sie sei aber grundsätzlich bereit, über alle Maßnahmen zu sprechen, die ,,die Situation im gesamten Gebiet, Park und den umliegenden Kiezen, nachhaltig verbessert", sagte sie dem Tagesspiegel kürzlich.

Um mehr Sicherheit in Parks und öffentlichen Plätzen soll es auch bei einem Sicherheitsgipfel gehen, zu dem der Regierende Bürgermeister Kai Wegner für September eingeladen hat. Unter Mitwirkung der Berliner Polizei, der Feuerwehr und des Verfassungsschutzes soll dabei diskutiert werden, wie eine Stärkung der Sicherheitsbehörden und eine Verbesserung der Sicherheitslage in Berlin gelingen kann. Dabei soll es explizit auch um den Görlitzer Park sowie um den Leopoldplatz in Mitte gehen.


Aus: "Kriminalität am Görlitzer Park: Deutlich mehr Intensivtäter ohne Bleibeperspektive festgestellt" Alexander Fröhlich, Daniel Böldt (13.08.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kriminalitat-am-gorlitzer-park-deutlich-mehr-intensivtater-ohne-bleibeperspektive-festgestellt-10301695.html


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"Marseille ist die unsicherste Stadt Europas" Franziska Kaindl (Stand: 28.02.2024)
... Die südfranzösische Hafenstadt Marseille belegt den ersten Platz der gefährlichsten Städte Europas. Im letzten Jahr befand sie sich noch auf Rang 2. ... Besonders im Norden der Stadt, Quartier Nord, komme es laut einem Bericht von ZDFheute häufig zu Schießereien, bei denen auch Unbeteiligte nicht verschont bleiben. ...
https://www.merkur.de/reise/crime-index-gefaehrlichste-staedte-europas-2024-marseille-frankreich-drogen-gewalt-numbeo-zr-92832334.html

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"Drogenkrieg von Marseille: Warum sterben Kinder und Jugendliche im Kugelhagel?"  Hans von der Brelie & Eva Kandoul (01/03/2024)
... 49 Menschen wurden im vergangenen Jahr bei Schießereien zwischen rivalisierenden Drogen-Banden in Marseille getötet - und das Morden geht weiter. ...
https://de.euronews.com/2024/03/01/drogenkrieg-von-marseille-warum-sterben-kinder-und-jugendliche-im-kugelhagel

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Marseille ist eine französische Großstadt mit 873.076 Einwohnern (1. Januar 2021) und die zweitgrößte Stadt Frankreichs. Sie ist die Hauptstadt des Départements Bouches-du-Rhône und der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur. Marseille ist die älteste Stadt Frankreichs, ihre Einwohner nennen sich Marseillais ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Marseille

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Quote[...] Es ist gegen 18 Uhr am Mittwochabend, als Mikael mit seinem Sohn durch eine Unterführung im Stockholmer Stadtteil Skärholmen radelt. Sie sind unterwegs zum nahe gelegenen Hallenbad. In der Unterführung treffen sie auf eine Gruppe Jugendlicher. Was genau geschieht, ist unklar, doch Mikael kehrt um und will die Jugendlichen zur Rede stellen. Wenig später ist er tot. Erschossen, hingerichtet, vor den Augen seines 12-jährigen Sohnes.

So schildert die Schwester des Opfers die Ereignisse später gegenüber dem Sender TV4. Mikaels Sohn wählt zuerst den Notruf, dann informiert er seine Grossmutter. Die Jugendlichen sind längst vom Tatort geflüchtet, als die Polizei eintrifft. Sie führt während der Nacht mehrere Personenkontrollen durch. Verhaftet wurde bis Freitagnachmittag niemand.

Die Bandenkriminalität in Schweden ist längst ausser Kontrolle geraten. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres gab es im Land 56 Schiessereien. Acht Personen starben. In Skärholmen war es der dritte Schusswaffeneinsatz seit Anfang März. Mikael war nicht vorbestraft. Bis anhin ist nicht bekannt, dass er Verbindungen zu einer Gang gehabt hätte. Er war wohl ein Zufallsopfer. Sein Tod erschüttert Schweden auch deshalb, weil er zeigt: Es kann jeden treffen. Jederzeit.

Die Politik kündigt immer wieder neue Massnahmen gegen die wachsende Kriminalität an – doch geändert hat sich bisher wenig. Auch diesmal hat Ministerpräsident Ulf Kristersson versprochen, der Gewalt ein Ende zu setzen. «Ich habe beschlossen, dass wir die Kontrolle zurückgewinnen und Gesetze umsetzen werden, die wir in Schweden noch nie zuvor gesehen haben», sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur TT am Tatort.

Stadtteile, in denen Ausländer unter sich bleiben. Jugendliche, die Gewalt, Drogen und die Mitgliedschaft in Gangs als Lifestyle zelebrieren. Berufskriminelle, die Kinder für ihre Zwecke missbrauchen. Und ein Rechtsstaat, der der organisierten Kriminalität gegenüber machtlos erscheint. Dafür, wie es in Schweden so weit kommen konnte, gibt es viele Gründe. Um das Problem zu lösen, setzt das Land gegenwärtig vor allem bei der Gesetzgebung an.

Im Januar wurden die Strafen für den unerlaubten Besitz von Waffen und Sprengsätzen verdoppelt. In besonders schweren Fällen droht eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren. Im Februar trat ein Gesetz in Kraft, das es der Polizei ermöglicht, Personen, die als gefährlich eingestuft werden, von gewissen Örtlichkeiten wegzuweisen. Solche Rayonverbote können auch präventiv eingesetzt werden – also auch dann, wenn eine Person noch nicht verurteilt wurde.

Am Mittwoch beschloss das Parlament zudem, sogenannte Sicherheitszonen einzuführen. Das Gesetz gibt der Polizei das Recht, in einem bestimmten Gebiet eine Sicherheitszone einzurichten, wenn die konkrete Gefahr von Schiessereien oder Explosionen besteht. Innerhalb dieser Zone darf die Polizei Leibesvisitationen durchführen und Fahrzeuge durchsuchen, ohne dass gegen eine Person ein konkreter Tatverdacht vorliegt. Dänemark kennt solche Zonen bereits. In Schweden tritt das Gesetz am 25. April in Kraft.

Welche weiteren Massnahmen Kristersson vorschweben, ist nicht bekannt. Nachdem im September bei Auseinandersetzungen verschiedener Gangs elf Personen erschossen worden waren, wollte er das Militär gegen die Banden einsetzen. Vorerst ist es bei Worten geblieben, wohl auch deshalb, weil unklar ist, wie eine Zusammenarbeit zwischen Militär und Polizei aussehen könnte. Laut geltendem Recht dürfen die Streitkräfte weder Gewalt noch Zwang gegen Einzelpersonen anwenden.

Kristerssons Regierung wird immer lauter mit dem Vorwurf konfrontiert, sie tue zu wenig. Zu viele Versprechen, die Banden zu besiegen, sind unerfüllt geblieben. Im Jahresbericht der Stadt Stockholm heisst es, dass sich nur 54 Prozent der Anwohnerinnen und Anwohner von Skärholmen, wo Mikael erschossen wurde, sicher fühlen. Mütter und Väter berichten in den Medien davon, ihre Kinder nicht mehr zum Fussballtraining zu lassen. Eine Frau erzählt, wie sie sich abends draussen fürchtet. Und Skärholmen ist längst kein Einzelfall.

Als Ulf Kristersson gemeinsam mit Justizminister Gunnar Strömmer und Sozialministerin Camilla Waltersson Grönvall am Donnerstag den Tatort besuchte, sahen viele darin einen Affront. «Sie reden nur, aber nichts passiert. Es wird jeden Tag schlimmer», sagt Mikaels Schwager zur Tageszeitung «Dagens Nyheter». Auch Mikael soll sich vor seinem Tod im Quartier zunehmend unwohl gefühlt haben. Sorgen machte er sich vor allem um seinen Sohn.


Aus: "In Stockholm will ein Vater mit seinem 12-jährigen Sohn ins Schwimmbad – unterwegs wird er von Jugendlichen erschossen" Linda Koponen, Tallinn (12.04.2024)
Quelle: https://www.nzz.ch/international/ganggewalt-in-schweden-ein-vater-wird-vor-seinem-sohn-erschossen-ld.1826090

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Quote[...] HAMBURG taz | Hamburg ist Gastgeber bei der am Freitag startenden Fußballeuropameisterschaft. Fünf Spiele werden im Volksparkstadion ausgetragen und man will es in der Stadt sauber und ordentlich haben, wenn die Fans anreisen. Das Straßenmagazin Hinz & Kunzt befürchtet, dass obdach- und wohnungslose Menschen für ein ,,aufgeräumtes" Stadtbild aus dem öffentlichen Raum weiter verdrängt werden.

Am Dienstag hat die Hamburger Polizei mit Spürhunden und Drohnen das Stadion durchsucht. Gefährliches haben sie nicht gefunden und darum haben sie das Stadion anschließend an die Organisatoren der EM übergeben, die bei dem Turnier für die Sicherheit verantwortlich sind. Die Polizei hingegen wird während der EM rund ums Stadion, in der Fanzone und in der Innenstadt im Einsatz sein.

In der Innenstadt hätten einige Straßensozialarbeiter*innen bereits in den vergangenen Wochen beobachtet, dass die Zahl der Platzverweise stark zugenommen habe, erklärt Hinz&Kunzt-Geschäftsführer Jörn Sturm. Dagegen will die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF), ein Verein, der sich mit strategischer Prozessführung für die Stärkung der Grund- und Menschenrechte in Deutschland und Europa einsetzt, nun juristisch vorgehen.

Denn: Dass alle Menschen öffentliche Räume frei nutzen dürfen, ist im Hamburgischen Wegegesetz geregelt. Jeder Mensch hat demnach das Recht, sich an öffentlichen Orten aufzuhalten – das gilt auch für obdach- und wohnungslose Menschen. Platzverweise darf die Polizei nur dann aussprechen, wenn eine Gefahr für die öffentliche Ordnung besteht.

Eine solche Gefahr läge bei einem Verstoß gegen die Rechtsordnung vor, erklärt GFF-Juristin Mareile Dedekind. Dazu zähle beispielsweise der Konsum von Alkohol in der erst im April eingerichteten Alkoholverbotszone am Hamburger Hauptbahnhof. ,,Der bloße Aufenthalt obdachloser Personen am Hauptbahnhof rechtfertigt also keinen Platzverweis", erklärt sie.

Es sei aber gängige Praxis der Polizei, obdach- und wohnungslose Menschen aus dem öffentlichen Raum zu verweisen, obwohl keine entsprechende Gefahr vorläge. Das berichten auch Betroffene immer wieder – sie fühlten sich dadurch gezielt kriminalisiert und stigmatisiert.

Insbesondere in Zeiten von Großereignissen – wie eben der anstehenden Europameisterschaft – könne man beobachten, dass die Stadt aufgehübscht werden solle und die Verdrängung zunehme, sagt Jörn Sturm. ,,Das hat man in den letzten Jahren schon öfter gesehen."

Die Konflikte in der Hamburger Innenstadt rund um den Hauptbahnhof haben sich den vergangenen Jahren verschärft. Anfang 2023 titelte der NDR dann unter Verweis auf Zahlen aus dem Vor-Coronajahr 2019: ,,Hamburger Hauptbahnhof ist Deutschlands gefährlichster Bahnhof". Der rot-grüne Senat reagierte mit verstärktem Polizeiaufgebot.

Im Sommer 2023 gründeten die Hamburger Polizei, die Bundespolizei, die DB-Sicherheit und die Hochbahnwache dann die ,,Allianz sicherer Hauptbahnhof", die am Bahnhof patrouilliert. Dazu kamen zahlreiche weitere Maßnahmen wie ein Alkoholverbot, verstärkte Videoüberwachung, die ,,Sozialraumläufer", die sich nicht als Sozialarbeiter*innen, sondern als Sicherheitsleute entpuppten, und das kürzlich beschlossene Bettelverbot.

Bereits seit 2017 existiert der sogenannte ,,Weckdienst" in der Hamburger Innenstadt, der in den frühen Morgenstunden obdachlose Menschen weckt und wegschickt, die in Geschäftseingängen schlafen. Betroffene berichten, dass dieser Weckdienst zurzeit wieder aktiver sei, erklärt Straßensozialarbeiter Julien Peters von der Caritas der taz. Nachdem die Polizei in den vergangenen anderthalb Jahren vor allem rund um den Hauptbahnhof aktiv gewesen sei, berichten Betroffene momentan von einer vermehrten Präsenz in der gesamten Innenstadt.

Das große Aufgebot von Polizei und Sicherheitspersonal schüchtere Betroffene mittlerweile so sehr ein, dass sie öffentliche Plätze freiwillig verließen oder gleich mieden, so Peters. Zudem erleichterten das Bettelverbot, die Alkoholverbotszone und weitere ordnungspolitische Maßnahmen das Erteilen von Platzverweisen. In der Statistik tauchen, so Peters, viele Fälle gar nicht auf, weil sich die Betroffenen freiwillig und im Zweifel unbemerkt zurückzögen, um keinen Ärger zu bekommen.

Auf Hamburgs Straßen leben mindestens 2.000 Menschen, die obdachlos sind. Die Dunkelziffer wird noch viel höher geschätzt. Fast 32.000 Menschen sind im April 2024 in städtischen Unterkünften untergekommen – damit liegt Hamburg über dem bundesweiten Durchschnitt. Steigende Mietpreise, Wohnungsverknappung und zunehmende Wohnungslosigkeit verschärfen die prekäre Lebenssituation von Menschen, die auf der Straße leben. ,,Obdachlosigkeit ist keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, vielmehr ist sie eine Gefahr für die von ihr betroffenen Menschen", erklärt Mareile Dedekind von der GFF.

Mithilfe strategischer Klagen möchte die Gesellschaft nun gegen die rechtswidrigen Platzverweise vorgehen und auf die Verdrängung bedürftiger Menschen aufmerksam machen. Als gemeinnütziger Verein hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Grund- und Menschenrechte mit juristischen Mitteln zu verteidigen.

Die strategischen Klagen will sie nutzen, um das Recht aller Menschen auf menschenwürdiges Wohnen voranzutreiben. Da die Polizei Platzverweise meist nur mündlich ausspreche, sei es nicht leicht, die Umstände vor Gericht anzufechten, sagt Dedekind. ,,Trotzdem wollen wir es versuchen, damit kein rechtsfreier Raum entsteht."

Laut Stellungnahme der Innenbehörde sei die Anzahl der Platzverweise und Aufenthaltsverbote in den vergangenen drei Monaten allerdings nicht gestiegen, sondern bewege sich auf einem konstanten Niveau. Gefahren für die öffentliche Sicherheit würden aufgrund des jeweiligen Verhaltens einer Person ausgesprochen, nicht aber wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer Wohnsituation. Daher begründet ,,der alleinige Umstand, dass ein Mensch obdach- und wohnungslos ist, keine polizeiliche Maßnahme im Sinne des Gefahrenabwehrrechts", erklärt die Innenbehörde.

Auch gegen das kürzlich beschlossene Bettelverbot in Hamburger Bahnen und Bahnhöfen möchte die Gesellschaft für Freiheitsrechte klagen, weil die rechtlichen Anhaltspunkte des Verbots nicht tragbar seien. ,,Betteln ist grundrechtlich geschützt und ein Verbot kann nicht dadurch gerechtfertigt werden, dass Fahrgästen die Konfrontation mit prekären Lebensverhältnissen erspart werden soll." Auch die Hamburger Hochbahn sei als privatwirtschaftliches Unternehmen, das in staatlichen Händen liegt, verpflichtet, die Grundrechte zu beachten und daher das Betteln zu dulden.

Die Bahn hat angekündigt, während der EM 40 weitere Reinigungskräfte durch den Hamburger Hauptbahnhof zu schicken. Außerdem haben sie für die Zeit des Fußballturniers 70 zusätzliche Sicherheitskräfte eingestellt. Das könnte die Situation für die wohnungs- und obdachlosen Menschen verschärfen. ,,Zu zeigen, dass man arm und bedürftig ist, ist noch lange kein Grund, Menschen aus dem Stadtbild zu entfernen", kritisiert "Hinz & Kunzt"-Geschäftsführer Jörn Sturm. ,,Unsere Sorge ist groß, dass die extremste Form der Armut während der EM unsichtbar gemacht werden soll."


Aus: "Hamburg räumt für die EM auf" Sarah Lasyan (11.6.2024)
Quelle: https://taz.de/Polizei-am-Hauptbahnhof/!6015638/

QuoteWilli Müller alias Jupp Schmitz
Mittwoch, 15:06

Brot und Spiele. Aber nicht für die Ausgegrenzten.

Siehe auch: Paris löst Camps auf: "Olympia ohne Obdachlose" (11. 6. 2024)
Vor den Olympischen Spielen werden in Paris systematisch Obdachlosencamps aufgelöst und Geflüchtete vertrieben. Viele sind noch minderjährig.
https://taz.de/Paris-loest-Camps-auf/!6013341/


QuoteSam Spade
Mittwoch, 13:29

Weckdienst, Bettelverbot? Die Verantwortlichen können dann auch gleich den ganz großen Schritt machen und zurück ins Mittelalter gehen. Dann könnte man den Obdachlosen das Stadtrecht entziehen und sie auf der grünen Wiese aussetzen.

Ein derart repressives Verhalten ist ein Armutszeugnis für eine (ehemals) weltoffene Hansestadt und ein Hohn dessen wofür die Sozialdemokratie einstmals stand.


QuoteTimelot
Mittwoch, 13:27

Wen man von Bayern nach Hamburg fährt ist das ähnlich wie von Texas nach Kalifornien. Auf einmal üeberall Obdachlose, die Stadt dreckig ohne Ende. Junkies pumpen dich an für nen Schuss. Deswegen wählen die Leute Trump.


QuoteLowandorder
Mittwoch, 16:12

@Timelot Jung: "Es reicht nicht - keine Gedanken zu haben! Mann muß auch unfähig sein - sie auszusprechen!"

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QuoteRamaz
Mittwoch, 12:50

gut geschriebener Artikel, macht ihn trotz dem sehr einseitig. ... [D]urch Wiederholung von Schlüsselwörtern wird aus möglich bedrohte öffentliche Ordnung ein Sicherheitsrisiko aus den Obdachlosen stilisiert, von dem in Hamburg niemand sprach.

Fußball ist ein riesen Geschäft. Die Kosten Hamburgs müssen sich amortisieren und sorry, aber Obdachlose sind nicht dafür bekannt Geld in die Stadtkassen zu spülen. ...


QuoteErfahrungssammler
Mittwoch, 10:52

Und schon wieder mal: Wichtig ist nicht die Realität, sondern das BILD der Realität.


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