Author Topic: Medienjournalismus und Medienkritik...  (Read 82090 times)

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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #100 on: February 19, 2019, 01:02:56 PM »
"Öffentlichkeit: Wir veröffentlichen das Framing-Gutachten der ARD"
17.02.2019 um 15:18 Uhr - Markus Beckedahl, Leonhard Dobusch
... Von der Verfasserin des Gutachtens, Elisabeth Wehling, ist im vergangen Jahr das Buch „Politisches Framing – Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ im Ullstein Buchverlag erschienen. Vor zwei Jahren sprach sie auf der re:publica über „Die Macht der Sprachbilder – Politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung“.
Gerade wenn man sich aus der Originalquelle informieren kann, sieht man, dass die Dämonisierung nicht gerechtfertigt ist. Denn wenn es eine Einsicht des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick gibt, die sich quasi universeller Bekanntheit erfreut, dann dass wir nicht nicht kommunizieren können. Diese Binsenweisheit gilt sinngemäß nicht nur für Kommunikation an sich, sondern auch für (Teil-)Aspekte verschiedener Arten von Kommunikation wie eben Framing. So ist zum Beispiel mit jeder Wortwahl in einem Text immer auch ein bestimmtes Framing verbunden, das beim Lesenden bestimmte Assoziationen oder Gefühle auslösen kann. Egal ob „Staatsfunk“, „öffentlich-rechtlicher Sender“ oder „gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“ wie im im Gutachten von Elisabeth Wehling, jeder Begriff löst andere Assoziationen aus, steht für ein anderes Framing.
Wenn es aber keine Kommunikation ohne Framing gibt, kann es durchaus sinnvoll sein, dominante Frames in der eigenen Kommunikation zu reflektieren.  ...

https://netzpolitik.org/2019/wir-veroeffentlichen-das-framing-gutachten-der-ard/

https://cdn.netzpolitik.org/wp-upload/2019/02/framing_gutachten_ard.pdf

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[...] Warum gibt es Kritik an dem Papier?

Zum einen wird kritisiert, welche Begrifflichkeiten das Gutachten vor allem beim Thema Gebührengelder und Abgrenzung zum privaten Rundfunk empfehlen soll. Zum anderen steht in der Kritik, dass die ARD das Papier nicht veröffentlicht hat. Letzteres wird auch von vielen Medienbeobachtern infrage gestellt. "Fragwürdig ist (...), wie sehr die ARD die Interpretation – das Framing – dieses Reflexionsprozesses anderen überlässt, indem sie entsprechende Dokumente zurückhält", schreiben etwa Markus Beckedahl und Leonhard Dobusch auf netzpolitik.org, die das Papier schließlich veröffentlichten. Genau das stütze "nämlich das Framing des Gutachtens als ‘Manipulation’, was rechte Gegner öffentlich-rechtlicher Medien genüsslich befeuern", so die Blogger.

...

Wer sind die Kritiker?

Mit dem Leak des Gutachtens hat netzpolitik.org der Kritik eine neue Dimension gegeben, die zuvor vor allem von Rechtspopulisten kam und mit entsprechender Wut auf den "Staatsfunk" gefärbt war. Auf rechten Internetseiten zitieren Autoren einseitig Passagen aus dem internen Papier und werfen der ARD vor, die öffentliche Meinung manipulieren zu wollen. Oft wird auch – inzwischen eindeutig wider besseres Wissen – behauptet, dass das Gutachten eine Kommunikationsanweisung für die Journalistinnen und Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei. Außerdem skandalisieren viele Rechte, dass die ARD das Papier nicht veröffentlicht habe. Hier hakt auch netzpolitik.org ein, indem es die ARD-Begründung angreift, das Gutachten "aus urheberrechtlichen Gründen" unter Verschluss gehalten zu haben.


Aus: "Was steckt hinter dem Framing-Gutachten der ARD?"  Tina Groll und Johannes Schneider (18. Februar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-02/ard-framing-gutachten-oeffentlich-rechtlicher-rundfunk-glaubwuerdigkeit-faq

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Zwieblinger #7

Ich verstehe die Aufregung nicht. Wer von „Mainstream-Medien“, „Regierungssendern“, „Zwangsgebühren“ usw. spricht, betreibt ja ebenfalls exzessives (negatives) Framing. Es ist nur legitim, wenn die Angegriffenen versuchen, dem positive Begriffe entgegenzusetzen.


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Proclamator #10.3

Es ist zudem ein zweischneidiges Schwert. "Willkommenskultur" hört sich positv für diejenigen an, die kommen wollen. Für die, die dagegen sind, dürfte das Wort eine viel schlimmere Konnotation haben als "Flüchtlingswelle". Dh., man muss beim Framing auch immer überlegen, welche Gruppe von Menschen man ansprechen will, denn auf bestimmte andere Gruppen kann man den gegenteiligen Effekt bewirken.


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Loulani #10.6

Erstens gibt es nicht nur rechte, sondern auch linke Populisten.

Zweitens wird "Propaganda" dem Duden zufolge definiert als die "systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher o. ä. Ideen und Meinungen mit dem Ziel, das allgemeine Bewusstsein in bestimmter Weise zu beeinflussen". Und dass der ÖRR 2015 ziemlich tendenziös (positiv) über die Flüchtlingskrise ganz im Sinne der Willkommenskultur (wie auch die meisten anderen führenden Online- und Printmedien) berichtet hat, ist ja mittlerweile nun wirklich unbestritten. Und dass eben nicht nur bestausgebildete Fachkräfte kamen, die "wertvoller sind als Gold" (Schulz) sondern auch wenig Gebildete ist mittlerweile auch unbestritten.

Propaganda gibt/gab es nicht nur in der Nazi-Diktatur. Es ist auch in gefestigten Demokratien möglich, und zwar immer dann, wenn die Berichterstattung darauf abzielt, die Meinung des Volkes zu beeinflussen beziehungsweise in eine bestimmte Richtung zu lenken. ...


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Unverbesserlicher Realist #10.16

Ach! Aber das unerträgliche Geblöke des faschistischen Pöbels ist keine Propaganda?


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Zauberelefant #10.17

Nicht jede Meinung ist gleich viel Wert. [Was ich meine ist, Meinungen gibt es in unterschiedlicher Qualität, von quasi-faktisch bis hin zu wüste Spekulation und Lüge.
Sie haben recht, muss nicht alles im öffentlichen Diskurs abgebildet werden.]


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whale #10.42

" Framing ist eine Art von Propaganda, halt eine weniger offensichtliche."

Wenn Sie es so definieren wollen, nun denn. Nur dann findet Propaganda überall statt, wo eine bestimmte Zielgruppe für ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll, und das ist täglich Brot in allen Lebensbereichen: der Sportverein möchte engagierte, talentierte Sportler anziehen, die Musikschule "propagiert" Musizieren als wohltuend und beglückend, das Kino lockt mit Fünfsterne-Wertung die Leute in den Blockbuster, der Pastor auf der Kanzel will, das wir an Gott glauben, der Versicherungsmakler will, das wir uns gegen dieses und jenes absichern, das Ordnungsamt "manipuliert" uns zu braven Bürgern, die keinen Müll auf die Straße fallen lassen usw. usw.
"Framing" bedeutet, einen Rahmen für etwas zu schaffen, ja, ein bestimmtes Bewusstsein: dass Leistungssport z.B. kein Kindergeburtstag ist, dass Musik unser Leben bereichert, dass dieser oder jener Film uns ein besonderes Erlebnis bescheren werde und dass eine saubere Innenstadt ein erstrebenswertes Ziel ist.
Alles Manipulation? Alles Propaganda? Wie gesagt, wenn Sie es so nennen wollen. Nur dann ist es auch etwas alltägliches - wirklich nicht zu vergleichen mit Demagogie und Volksverhetzung.


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Ratbert #17

Der Begriff "Framing" ist selbst Framing. Rhetorik und Semiotik, Propaganda und Manipulation gibt es schon etwas länger. Das "Neue" am Framing ist nur, dass hier immer wieder neurobiologische Begriffe entlehnt werden, um dem Ganzen einen naturwissenschaftlichen Anstrich zu geben.


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istdochwahr #25

"Das stelle die Presse grundsätzlich als unglaubwürdig dar und suggeriere zudem, "die Presse" sei ein geschlossenes, vielleicht sogar "von oben" gesteuertes Ganzes."

Naja Wenn beinahe die ganze deutsche Presse in der Hand von ein paar Familien ist, könnte man den Eindruck bekommen.


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Fuming citizen #33

Für mich bedeutet Framing die Handlungsanweisungen für gut gemachte Propaganda, indem man Sprachzensur anwendet und verbal moralischen Werte, was immer sie auch seien, den Bürgern überzustülpen versucht, so dass er bei abweichender Meinung als schlechter Mensch dasteht.
Gute Propaganda lügt nicht. Sie macht genau das, was man unter Framing versteht. Den Rest kann sich jeder selber denken.


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chrisbo18 #37

Ich bin ein Fan von den ÖR, wenn es um Nachrichten geht. Absolut!
DOCH:
1. Was sollen die Eigenproduktionen, die IMMER nach dem gleichen Schema gestrickt sind? Warum immer nur Schnulzen und peinliche Komödien?
2. Wer braucht so viele Polit-Talks in denen sowieso immer die gleichen Personen sitzen und die Moderatoren auch immer das gleiche langweilige und stellenweise auch sehr eigenwillige Verhalten an den Tag legen?
3. Wer braucht X Zoo-Dokus, Kochsendungen, Bares für Rares?
4. Warum werden gute Dokus und Filme immer nur Nachts ausgestrahlt?
5. Wo ist der Sport geblieben?
6. Warum gibt es Werbung, obwohl man die Unsummen an Geldern erhält?
7. Wieso kann ein Netflix nach kurzer Zeit so viel mehr?

Die ÖR sollten weniger an ihrem Image arbeiten als an den Inhalten. Nur so bekommen sie die Aufmerksamkeit und den Respekt, den sie sich wünschen!

Und der GEZ......groll.....ich zahle meinen Haushalt, das Büro und auch meinen Dienstwagen und habe doch nur ein Paar Augen und Ohren! Diese Abzocke, ja ich nenne sie bewusst so, gibt meiner persönlichen Kritik nur noch mehr Zunder!


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ElinBY #37.1


"Ich bin ein Fan von den ÖR, wenn es um Nachrichten geht. Absolut!" - Sehe ich auch so.

Ergänzung:
8. Warum gibt es immer mehr dümmliche "Comedy"-Shows statt guter Satire oder überhaupt so viele nichts sagende Shows jeglicher Art?
9. Warum sprechen sich die zahlreichen ÖR-Sender nicht untereinander ab und bringen an vielen Abenden überall die gleichen Formate, sodass der Zuschauer gar keine wirkliche Wahl hat, (außer abzuschalten)?


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Jordanes #38

"wurde das Papier schon 2017 ...... in Auftrag gegeben."

Seltsam, die ARD ist ein 1950 gegründeter Verbund öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten und nach 67 Jahren fällt ihnen dort auf, das sie Hilfe in der Verwendung bewusster Sprache benötigen. Waren frühere Journalisten so viel besser?

Geframt wurde schon immer und das war auch nicht weiter schlimm, da man schnell merkt welcher Richtung die Sympatien gelten. Nur wenn die im Alltag gesprochene Sprache gar nicht mehr ins Fernsehen durchdringen soll, dann begibt man sich auf den Weg des ddr Journalismus, verkündet nur noch Sieg und Fortschritt, aber niemand mag mehr zuschauen.

Die ARD sollte sich besser überlegen wie sie mit interessanten Inhalten ihren Teil an freier Bildschirmzeit halten kann und keine Zeit an sprachliche Glättungen verschwenden. Die Leute bilden sich ihre Meinung aus den Erfahrungen des Alltags heraus und da spielen die im TV gewählten Formulierungen keine bedeutende Rolle.


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Dietmar R. #64

Wenn ich den Beitrag richtig verstanden habe, dann geht es beim 'Framing' darum, das semantische Potential so zu setzen, dass es erwünschte Wirkungen erzeugt.
Mit Framing versucht man also nach meinem Verständnis zu manipulieren, weil man es bewusst einsetzt.

Sachlich und differenziert geschlussfolgert bedeutet dies u.a., dass je mehr sich Thinktanks, Mediengruppen.....offensiv mit dem 'Framing' beschäftigen, umso größer wird nachvollziehbar das Misstrauen der Rezipienten und der Gesellschaft sein, und dies hat nicht mit einer rechten Gesinnung, sondern etwas mit Common Sense zu tun.


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MaryPoppinsky #65

Die Skandalisierung seitens der extremen Rechten war absehbar. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es keine framingfreie Sprache gibt, man kann also nur auf die eine oder andere Art framen. Daher ist es logisch, sich über die Art und Weise des ohnehin unvermeidlichen Framings Gedanken zu machen. ...


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burgunderbauer #69

Wer sich nicht aus zwei Quellen mit gegensätzlicher Tendenz informiert - taz und Welt meinetwegen oder Report und Monitor -, kann sowieso nicht von sich behaupten, sich ernsthaft um die Wahrheit bemüht zu haben.

Woran die AfD arbeitet, ist ja ein gewaltiges Ent-Differenzieren, nachdem vernünftige soziale und vernünftige liberale und vernünftige konservative Vorschläge allesamt für die Tonne sind und wir etwas ganz anderes brauchen. Was man so lange gut behaupten kann, so lange man nicht in der Verlegenheit ist, es auch politisch realisieren zu müssen.

Aber wie man sieht: "Alternatives" Framing funktioniert bei Trump und den Brexiteers immer noch - wenn auch mit weniger Zustimmung.


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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #101 on: February 19, 2019, 01:12:03 PM »
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[...] "Mit Framing können wir nichts anfangen", ließ die ARD noch im Sommer verlauten. Da hatte es wieder Kritik an der Talkshow hart aber fair gegeben: Die Redaktion übernehme beim Thema "Flüchtlinge und Kriminalität" das Framing – also den Deutungsrahmen – von Rechtspopulisten. Die Ankündigung der Sendung enthielt etwa diese Suggestivfragen: "Können solche Flüchtlinge überhaupt integriert werden? Wie unsicher wird Deutschland dadurch?"

Einige Monate zuvor war es der Programmhinweis auf eine MDR-Radiosendung, die schließlich aufgrund öffentlicher Empörung abgesagt wurde: "Darf man heute noch 'Neger' sagen? Warum ist politische Korrektheit zur Kampfzone geworden?" Und davor das Kanzlerduell vor der Bundestagswahl 2017 zwischen Angela Merkel und Martin Schulz, an dem auch die ARD beteiligt war: Die Journalisten verbrachten große Teile der Sendezeit mit Fragen nach Flüchtlingen und dem Islam – und trugen damit erneut die Deutungsmuster von Rechtspopulisten in die mediale Debatte. Die ARD hat außerdem viel Zuschauerkritik, insbesondere aus Ostdeutschland, erfahren für ihre als einseitig wahrgenommene Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt und Russland. Framing spiegelt sich aber auch in der Wortwahl in Nachrichtensendungen: "Machthaber" und "Regime" zum Beispiel sind wertende Begriffe.

Viel ist geschrieben und geforscht worden darüber, dass Wirklichkeit nie völlig objektiv dargestellt werden kann, dass bei allem Bemühen um Neutralität auch die persönliche Weltsicht der Journalisten in ihrer Berichterstattung durchscheinen kann. Und dass eben andererseits beim Zuhörer und der Zuschauerin Sprache immer unterbewusst einen gewissen Deutungsrahmen im Gehirn aktiviert.

Umso besser, wenn die ARD inzwischen vielleicht doch etwas "mit Framing anfangen" kann. Die öffentlich-rechtliche Anstalt hat die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling mit einem Empfehlungspapier zum Thema beauftragt. Allerdings ist dieses sogenannte Manual, das über das Rechercheportal netzpolitik.org öffentlich geworden ist, leider nicht dazu gedacht, die Journalisten für einen besonnenen Umgang mit Sprache und Framing zu sensibilisieren. Es ist vielmehr eine Verteidigungsstrategie für ARD-Führungskräfte, die mithilfe dieser Handreichung lernen sollen, wie sie Angriffe von Kritikern ("Staatsfunk", "Lügenpresse") argumentativ parieren können.

Den Gegnern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit starken Argumenten zu begegnen, ist während der Glaubwürdigkeitskrise der Medien, in der "alternative Fakten" und Social-Media-Blasen den Diskurs bestimmen, von größter Bedeutung. Dass die ARD in der Legitimationsdebatte über die Rundfunkgebühren auf das Gut der objektiven, ausgewogenen Berichterstattung hinweisen will, ist richtig.

Doch empfiehlt das Gutachten erstaunlicherweise weniger die sachliche Argumentation, sondern vielmehr die emotionale und moralische – eine Strategie, die durchaus manipulatives Potenzial hat. Es geht also gar nicht darum, wie man Framing vermeidet, sondern wie man es "wirkkräftig" einsetzt. So heißt es: "Nutzen Sie nie, aber auch wirklich nie, den Frame Ihrer Gegner." Mit Gegnern sind wohl auch Kritiker gemeint, die aller Wahrscheinlichkeit nach selbst Rundfunkbeiträge zahlen. Nur durch die "ständige Wiederholung neuer sprachlicher Muster über längere Zeit hinweg" könnten diese zu einer "realistischen Wahrnehmungsalternative" werden. "Fakten sind also zentral. Aber sie werden in einer öffentlichen Auseinandersetzung erst zu guter Munition, wo ihre moralische Dringlichkeit kommuniziert wird."

Nun fragt sich, worin die Autorin der Studie eine moralische Dringlichkeit sieht. Sie scheint die ARD selbst als Moralanstalt legitimieren zu wollen, anstatt als plurale, freie, demokratische Einrichtung. Wiederholt betont sie eine moralische Überlegenheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und meint damit häufig lediglich Werte, die im Grundgesetz verankert sind und auf die sich natürlich auch privatwirtschaftliche Medien berufen.

Dabei geht es Wehling nicht nur darum, die ARD aufzuwerten, sondern offenbar, den "Gegner", gemeint sind wohl die Privatsender und Medienhäuser, abzuwerten. Sie schlägt Slogans vor wie: "Demokratie statt Umsatz", "Fernsehen ohne Profitzensur", "Demokratie statt ideologischer Monopolisierung" und "Unsere Redakteure strengen sich für die Bürger an, andere für den Profit". Ganz so, als fühlten sich Journalisten privater Träger nicht der Aufklärung ihrer Leserinnen und Leser verpflichtet.

Die ARD beeilt sich nun, zu erklären, dass es sich beim Framing-Manual "weder um eine neue Kommunikationsstrategie noch um eine Sprach- oder gar Handlungsanweisung an die Mitarbeitenden" handle, sondern lediglich "um Vorschläge aus sprachwissenschaftlicher Sicht". Von einzelnen Formulierungen, die Elisabeth Wehling vorschlägt, distanziert sich die ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab: "medienkapitalistische Heuschrecken" als Bezeichnung für die Privatsender etwa, auch "Profitzensur" oder "ungezügelter Rundfunkkapitalismus" lehne sie ab. Warum verwendet sie das Papier trotzdem als Grundlage für interne Workshops? Damit billigt sie schließlich ein Konzept, das den öffentlich-rechtlichen Auftrag grundsätzlich missversteht: moralisch-emotionale Aufladung statt Fakten und Einordnung.

Regionalität, Teilhabe, Identitätsstiftung, Information, Kritik und Kontrolle im Interesse der Bürger dank guter finanzieller Ausstattung: Die ARD hat viele Argumente auf ihrer Seite. Sich die populistischen Methoden derer zu eigen zu machen, die sie am liebsten zerschlagen wollen, wird ihr nicht helfen.


Aus: "Tipps aus der Moralanstalt" Ein Kommentar von Rita Lauter (18. Februar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/film/2019-02/framing-ard-manual-gutachten-sprache-glaubwuerdigkeit

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Der freundliche Waran #2

"Ganz so, als fühlten sich Journalisten privater Träger nicht der Aufklärung ihrer Leserinnen und Leser verpflichtet."

Ich würde privaten Medienunternehmen kein pauschales Aufklärungsinteresse unterstellen. Wo doch der FOCUS sich gerade von der titanic eine gefakete Story darüber hat andrehen lassen, wie Autonome angeblich mit Luftpumpen Abgasmessstationen manipulieren. Was man so nur bringen kann, wenn man exakt 0 Faktenchecking betrieben hat.


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Cymbeline #5.2

"Die Journalisten sollten einfach wieder wertungsfreie Nachrichten senden und die Menschen ihre eigenen Schlüsse aus ihnen ziehen lassen, so wie es noch vor der Jahrtausendwende gewesen war."

Hätten Sie den Artikel gelesen, wüssten Sie, dass es so etwas wie "wertungsfreien" Journalismus nicht gibt. ...


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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #102 on: July 07, 2019, 08:24:13 PM »
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Daniel Hug, Ressortleiter Wirtschaft, bei der «NZZ am Sonntag» hat gekündigt. Nach 25 Jahren im Journalismus, 16 davon bei der NZZaS arbeitet er ab August für die Uhrenmarke Longines und wird dort den Bereich Vintage-Uhren weiterentwickeln und stärken, wie er auf Anfrage von persoenlich.com sagt. «Ich habe mich entschieden, nochmals etwas ganz anderes zu machen», fügt er an. Für ihn sei die Aufgabe bei Longines spannend, weil er sowohl auf Produkt- wie auf Kommunikationsebene mitgestalten könne. Auf der anderen Seite müsse er seinen Journalisten-Beruf aufgeben, was ihm nicht ganz leicht falle.

Hug startete seine journalistische Karriere 1995 in der Wirtschaftsredaktion vom «Bund» und wechselte drei Jahre später zum «Tages-Anzeiger». Seit 2003 arbeitet er im Wirtschaftsressort der «NZZ am Sonntag», wo er im Herbst 2008 die Ressortleitung übernahm. Hug hat Wirtschafts und Politikwissenschaften an der Universität Bern studiert. Später folgte die berufsbegleitende Ausbildung zum Exec. Master of Science in Communications Management an der Uni Lugano.

Wer die Position als Ressortleiter Wirtschaft bei der «NZZ am Sonntag» ab August übernimmt, ist laut Hug noch nicht klar.


https://www.persoenlich.com/medien/wirtschaftschef-daniel-hug-geht (26.04.2019)

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Kommentare

    Robert Penzinger, 26.04.2019 15:19 Uhr
    Früher galt ein Redaktionsjob bei der NZZ als "Lebensstellung"; in der Aera Gujer hat das geändert: Noch nie gab es so viele Abgänge wie in den letzten Monaten.

    Sebastian Renold, 26.04.2019 19:25 Uhr
    @Penzinger: Und nicht die Schlechtesten verliessen das Schiff!

    Urs Rauber, 29.04.2019 18:04 Uhr
    Die NZZaS steht unter ausschliesslicher Leitung von Chefredaktor Luzi Bernet. Eric Gujer redet da nicht rein.

...


-

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), im Zürcher Dialekt Zürizytig genannt, ist eine Schweizer Tageszeitung des Medienunternehmens NZZ-Mediengruppe mit Sitz in Zürich. Als traditionsreiche Zeitung ist sie überregional bekannt, wird zu den Leitmedien im deutschsprachigen Raum gezählt und vertritt gemäss ihrem Leitbild eine «freisinnig-demokratische Ausrichtung». ... Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt meinte einmal, dass er doch lieber gleich die NZZ lese als die Berichte seines Auslandsgeheimdienstes BND.[22] Rainer Link stellte 2019 im Deutschlandfunk fest, dass die „Qualitätszeitung […] zu einer intellektuellen Kulturlandschaft“ in der deutschen Presse zählt und laut Thomas Bernhard „ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, in dem er die ‚Neue Zürcher Zeitung‘ nicht bekommt“. ... Seit der Ernennung von Eric Gujer als Chefredaktor im März 2015 und von René Scheu 2016 als Feuilletonchef zeichnet sich nach Ansicht mancher Beobachter nach Abgängen mehrerer Redaktoren eine Verschiebung der NZZ nach rechts ab.[26] In einem Brief an die NZZ von rund 70 Intellektuellen (darunter Jan-Werner Müller, Jan Assmann, Caspar Hirschi und Sibylle Lewitscharoff) wurden die Entlassungen kritisiert und die Entwicklungen von einigen als «politische Öffnung am rechten Rand des Liberalismus oder hin zu einem bemüht unkonventionellen Libertarismus» gedeutet.René Scheu hat diese Einschätzung in einem Interview mit dem Branchenmagazin Persönlich bestritten. ... (1. Juli 2019)
https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Z%C3%BCrcher_Zeitung

Johannes Franzen @Johannes42
03:38 - 6. Juli 2019
Guter Artikel in der @Wochenzeitung der einen Eindruck davon vermittelt, wie die NZZ zum deutschsprachigen Fox-News werden konnte. Auch beängstigend, weil sich zeigt, wie schnell so etwas gehen kann.
https://twitter.com/Johannes42/status/1147454813753491457/photo/1

"NZZ: Die Angst geht um an der Falkenstrasse" Von Kaspar Surber
Nr. 41/2017 vom 12.10.2017 (Dossiers: Archiv)
Bei der «Neuen Zürcher Zeitung» findet ein radikaler Umbau von oben statt. Erstmals sprechen prominente frühere MitarbeiterInnen der Zeitung: Unter Chefredaktor Eric Gujer herrschten ein Klima der Angst und ein ideologisch verengter Kurs. ...
https://www.woz.ch/-81a3


""Neue Zürcher Zeitung": Druck von rechts" Matthias Daum und Caspar Shaller (13. Dezember 2017)
Renommierte Wissenschaftler protestieren gegen Entlassungen bei der "Neuen Zürcher Zeitung". Manche befürchten einen politischen Kurswechsel beim Schweizer Traditionsblatt.
https://www.zeit.de/2017/52/neue-zuercher-zeitung-christoph-blocher-rechtsruck

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Inoagent #3

Das übliche Schema nur in diesem Fall schon kurz vor dem Endstadium: der medialen Gleichschaltung. Die Rechtspopulisten haben überall gemeinsam, dass sie den freien und unabhängigen Journalismus dumpf mit Schlagworten wie "Lügenpresse" in den Dreck ziehen. Da kommt dann immer der Vorwurf, die Publikation "XYZ" würde zu einseitig und tendentiös berichten, dabei ist das eigentliche Problem der Rechtspopulisten, dass die Publikatuionen eben nicht so einseitig und tendentiös sind, wie sie es gerne hätten. Sobald eine Rechtspopulistische Partei in die Situation gerät, über genügend Macht zu verfügen, setzt sie diese zur Gleichschaltung auf die eigene Parteilinie ein. Das kann man in Polen und Ungarn sehen, in Russland sowieso, jetzt in Österreich.
In den Online-Foren kann man ganz gut beobachten, wie rechtspopulistische User versuchen, auf die Inhalte der jewiligen News-Site einzuwirken. Passt ein Artikel oder eine Kolummne nicht zur Ideologie, wird Gift und Galle gegen das Portal und den Autoren gespuckt. Passt es hingegen, heißt es dann, das sei jetzt eine "wohltuende Ausnahme" und dergleichen gewesen. Diese User reflektieren entweder gar nicht, dass sie selbst es sind, die nach einseitiger Information verlangen oder sie versuchen bewusst die plurale Medienlandschaft einzuschränken.


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daketias #5

Die NZZ ist schon seit längerem durch eine immer tendenziösere Berichterstattung aufgefallen. Dass dann Nadelstreifen-Rassisten wie Blocher ihre Finger im Spiel haben wundert leider nicht. Immer Lügenpresse, Lügenpresse schreien, wenn einem die ideologische Gesinnung nicht passt zeigt halt seine Früchte. So funktioniert halt die Welt: anstatt sich mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu widmen wird der alte Kampf von Geldeliten (Milliardäre wie Blocher) von Innnen gegen ein vermeintliches Außen angezettelt. Und all die Trottel fallen drauf rein :( #sad


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Schulzsuchender #5.1  —  16. Dezember 2017, 14:35 Uhr 11

"Die NZZ ist schon seit längerem durch eine immer tendenziösere Berichterstattung aufgefallen. "

"Tendenziöse Berichterstattung" stört merkwürdiger Weise stets dann besonders, wenn sie von der eigenen Ideollogie abweicht. Geht die "Tendenz" jedoch in die eigene politische Weltsichtsrichtung, wird sie zur Objektivität.


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WindomEarle #5.3  —  18. Dezember 2017, 9:55 Uhr 1

Das ist doch immer so. Schauen Sie mal, welche Leute nun die NZZ für ihre "realitätsnahe" Berichterstattung loben. Denken Sie, das sind Linke oder Rechte?

Was "realitätsnah" ist, entscheidet der eigene Horizont. Und der ist eng und wird in der eigenen Blase, welche uns das Internet gibt, immer enger. Entsprechend schriller brüllen sich die Seiten an.


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Progenitor #6

Zur NZZ (und übrigens ebenso zur Weltwoche) kann man den Schweizern nur gratulieren. So stellt man sich Journalismus vor. Sachliche, ideologiefreie Kritik an herrschenden Zuständen, ohne dabei übers Ziel hinauszuschießen. Dass insbesondere Vertreter des deutschen Mainstreams darin gerne einen "Rechtsruck", "Rechtspopulismus" etc. erkennen mögen, sagt nichts über die NZZ aus, aber alles über diejenigen, die solche Vorwürfe erheben...


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Manudein #6.1  —  16. Dezember 2017, 22:29 Uhr 4

Du meine Güte, die Weltwoche ist ein rechtsnationales, populistisches Partei-Schmierenblatt. Mit üblen Kampagnen-Journalisten. So stellt man sich Systempresse vor. Weiter unter die Gürtellinie als die Weltwoche ist gar nicht möglich, da landen Sie nämlich bereits bei den Knöcheln. Dass Redaktoren der Weltwoche schon mehrfach von den Gerichten für ihre widerliche Schreibe, ihre Unterstellungen und Lügen verurteilt worden sind, scheint nicht bis zu Ihnen durchgedrungen zu sein. Zur Weltwoche muss man uns Schweizern vor allem eines: kondolieren.


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Rage against the Washmachine #8  —  16. Dezember 2017, 12:43 Uhr 7

"Das ist für mich Kindergarten-Logik", sagt Scheu. Nur weil die AfD applaudiert, bedeute das noch lange nicht, dass man es auf die AfD-Sympathisanten abgesehen habe.

Richtig, absolute Kindergarten-Logik. Mit derartiger Logik wird aber in letzter Zeit gern versucht zu argumentieren bzw. zu unterstellen. Ähnlich wie mit Labels und Schubladen diffamiert wird, mit Debatte hat das nichts zu tun.


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thenakedtruth
#10  —  16. Dezember 2017, 12:49 Uhr 18

Mir persönlich ist die Deutsch-sprachige Presselandschaft ohnehin DEUTLICH zu linkslastig !

Es fällt mir doch immer wieder, auf beinahe ALLEN Seiten anhand der Leserbriefe und Kommentare auf, dass die Menschen, welche sich wirklich für Politik und Gesellschaft interessieren und auch und Presse-Artikel zu diesen Themen überhaupt LESEN, statt sich ausschließlich mit Konsum und Unterhaltung zu befassen, ganz andere Meinungen und Werte-Ansichten haben, als die dauer kritischen links-intellektuellen, bisher der Gesellschaft "vorschreibenden" Damen & Herren der veröffentlichten Meinung.

Die Zeit des "Vorschreibens" geht zu Ende - auch dank des Internet. - ich bin nicht böse darum, denn oft sind die Kommentare gehaltvoller als der Artikel, bzw. gleichen Sie, deutlich erkennbare Tendenziösität aus.
Insofern dürfte eine von "Linken" als "Rechts" angesehene Zeitung doch an sich eine gute Sache sein ?


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Inoagent #10.1  —  16. Dezember 2017, 12:56 Uhr 13

Dann lesen Sie doch eine rechte Zeitung. Cicero, Junge Freiheit, Compact, BILD usw., da ist für jeden etwas dabei. Alles frei ud überall erhältlich.
Stattdessen hängen Sie bei Zeit Online im Forum herum und nölen über die linkslastigkeit...ja warum eigentlich?


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ReAnder #10.6  —  16. Dezember 2017, 13:59 Uhr 3

"Die Zeit des "Vorschreibens" geht zu Ende"

Sie geht erst richtig los mit lauter Internetkommentaren, die Journalisten vorschreiben, wie sie zu arbeiten und zu schreiben haben - natürlich inklusive selbstgenüsslicher Polemik.
Glauben Sie echt, dass ein Kippen nach Rechts die "Volkserziehung" ein Ende bereitet? ...


Quote
Alois Hingerl #16  —  16. Dezember 2017, 13:16 Uhr 12

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, die NZZ ist nichts anderes als ein Parteiblatt der Schweizer FDP.
kurz mal bei wiki zitiert:
Politisch steht die NZZ der FDP Schweiz nahe; sie vertritt eine liberal-bürgerliche Haltung. Um Aktionär der NZZ zu werden, muss eine Person Mitglied der FDP sein oder aber sich zur freisinnig-demokratischen Grundhaltung bekennen, ohne Mitglied einer anderen Partei zu sein.

Man könnte das übergehen, aber leider triften die Liberalen immer mehr von einer humanistischen Grundidee (Dönhoff, Baum, ...Leutheuser-Scnarrenberger, ...) zu einem neokonservativen rechtspopulistischen Wirtschaftsliberalismus unter Vernachlässigung der Menschenrechte (FPÖ-Haider und Nachfolger, Kubicki, Lindner, ...)
Die NZZ ist als seriöses Organ der politischen Information schon längst im rechtspopulistischen Nebel gestrandet. Die Kulturseiten sind noch so einigermassen ok, waren aber auch schon deutlich besser.


Quote
Jan Holler #23  —  16. Dezember 2017, 13:55 Uhr 5

"die Leser mögen den neuen Kurs"
Diese Hintergründe, die Matthias Daum hier in der Zeit einbringt, sind in der Schweiz allenthalben zu lesen gewesen. Sie werden hier gut auf den Punkt gebracht. Selber war ich um die 10 oder mehr Jahre Leser der NZZ. Ich nehme für mich in Anspruch, ein Gespür dafür zu haben, ob das, was ich in einer Zeitung lese, meinen Wissensdurst befriedigt. Ändert eine Zeitung oder Zeitschrift vom guten, recherchierten und objektiven Journalismus (inkl. der Kommentare) hin zu einem belehrenden Ton, der, auch wenn subtil, den Leser von bestimmten Positionen überzeugen will oder wird der Journalismus einseitiger, in dem er gewisse Themen auslässt oder sich zu wenig kritisch mit ihm nahestehenden Gesellschaftsströmungen auseinander setzt, dann breitet sich in mir über die Zeit Langweile und Enttäuschung aus.
Und genau das ist mir in der Zeit nach Spillmann mit der NZZ geschehen. Man kann das arrogant nennen, wenn sich ein einfacher Leser ein solches Urteil erlaubt: Mir sind die Positionen der heutigen NZZ zu banal, die Artikel befriedigen meinen Intellekt zu wenig, sie fordern mich nicht heraus, sie lassen mich als Leser unberührt. Dieser "Schaum vor dem Mund", wie es Daum beschreibt, stösst ab. Es ist nicht arrogant, wenn ein langjähriger Leser darum kündigt. Was hier Daum beschrieben hat, ist vielen aufgefallen. ...


Quote
MaryPoppinsky #27  —  16. Dezember 2017, 14:12 Uhr 4

Die NZZ war schon immer rechts, in den letzten Jahren rutschte sie noch weiter nach rechts und nun soll sie offensichtlich faschistisch werden.


Quote
Oberarzt #27.1  —  16. Dezember 2017, 14:16 Uhr 15

Faschistisch, aha.
Das zeigt wieviel Sie von diesem Begriff verstehen


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Zeitsierter30 #27.4  —  17. Dezember 2017, 0:56 Uhr 1

Der Frau ist einfach nichts zu peinlich...einfach links^^ liegen lassen!


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Eine Schweizerin #27.6  —  17. Dezember 2017, 2:20 Uhr 2

Bürgerlich-liberal im schweizerischen Sinn ist alles andere als faschistisch. Selbst wenn zum freisinnigen Gedankengut noch eine konservative Unterströmung hinzukommen sollte, ist das immer noch Lichtjahre von Faschismus entfernt.

Die NZZ war schon nicht faschistisch, als der Faschismus im umliegenden Ausland gross in Mode war. Die Gefahr, dass sie es jetzt werden sollte, ist verschwindend klein.


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Schwarzmaler #28  —  16. Dezember 2017, 14:12 Uhr 7

Rechts oder links finde ich nicht so bedrohlich. Die NZZ war, solange ich sie wahrnehme, immer etwas rechter als die deutsche Zeitungslandschaft. Gefährlicher ist ein "Gesundschrumpfen" des Personals. Mit weniger Stimmen wird eine Zeitung zwangsweise einförmiger, stromlinienförmiger und damit uninteressanter. Die FAZ hat sich inzwischen so schlank gespart, daß sich die Lektüre schlicht kaum noch lohnt.


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Sendepause #30  —  16. Dezember 2017, 14:25 Uhr 5

Ich weiß nicht, wer hier wohin gerückt ist, aber ich finde, die NZZ ist sich über die Jahre treu geblieben.


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Iphis
#49  —  19. Dezember 2017, 16:19 Uhr

Ich lebe als Deutscher in der Schweiz, denke sozial, liberal und grün, verehre die Schweizer Demokratie usw., lese die NZZ seit langem und habe da geschrieben. Leute, die jetzt das Blatt in D entdecken, können die Fallhöhe zur bisherigen NZZ offenbar nicht ermessen. Das rechts/links-Schema ist dafür wenig hilfreich. Ist es ein Rechtsruck, wenn in einem liberalen Blatt Mitarbeiter ideologisch auf Linie gebracht werden? Wenn Führungskräfte sich als Chaoten erweisen, die Planungsstrukturen einreissen, ohne selber tragfähige Ideen zu haben? Das Feuilleton wird repetitiver und uniformativer, Themenschwund macht sich breit, Meinung rangiert vor Reflexion, Storytelling vor solider Recherche und Fachkompetenz gilt neuerdings als akademisch angestaubt. Man hält es (wie Steve Bannon) mit Talebs Schwarzen Schwan, setzt auf Zuspitzung von Konflikten und verkauft die Probleme, die intellektuell und charakterlich überforderte Führungskräfte aufwerfen, als sportliche Herausforderung. Die berühmte wohltuende Solidität der Alten Tante wird zwar als Marke gerne verwertet, aber gleich noch als unstrukturiert und bequem diffamiert, wenn man die Arbeit, die das gekostet hat, nicht mehr machen will oder kann. Ein Trost ist, dass die Kritikkompetenz, für die lange das Feuilleton kompensatorisch aufkommen musste, sich in die Ressorts verlagert zu haben scheint, in denen man mit den katastrophalen Folgen von Jahrzehnten neoliberaler Indoktrinierung direkt konfrontiert ist (Wirtschaft und Ausland).


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« Last Edit: July 07, 2019, 08:53:15 PM by Link »

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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #103 on: August 13, 2019, 12:19:12 PM »
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[...] Die meisten Mediennutzer wissen, dass viele tagesaktuelle Berichte im Internet, in der Presse oder im Rundfunk von großen Nachrichtenagenturen wie AFP, dpa oder Reuters stammen. Weniger durchsichtig ist aber, dass auch große Medienkonzerne und -konglomerate vorgefertigte Text- oder Bildbeiträge für ihre einzelnen Kanäle produzieren und so massiv Themen setzen. Hier setzt ein Medienobservatorium der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) an.

Auf ein Beispiel verwies jüngst John Oliver in einer Ausgabe der Wochenschau "Last Week Tonight" in den USA. Der Beitrag zeigt, wie Sprecher zahlreicher lokaler TV-Sender ein identisches Skript ablesen, in dem sie ironischerweise auf einen Mangel an Diversität und Vielfalt in den Nachrichten hinweisen. Die Stationen gehören alle zur Sinclair Broadcast Group (SBG), mit rund 180 Fernsehsendern inklusive des Fox-Netzwerks oder ABC eines der größten Rundfunkunternehmen in den USA. Es erreicht dort gut ein Drittel aller Haushalte und versorgt sie mit rechtskonservativen Inhalten.

Forscher des Distributed Information Systems Laboratory (LSIR) der EPFL haben nun laut einem wissenschaftlichen Aufsatz einen Algorithmus für ein Media Observatory entwickelt, über das sie die internationale Medienlandschaft analysieren wollen. Dabei entsteht eine Art geografische Karte von gleichen oder ähnlichen Berichten lokaler Nachrichtenorgane. Diese werden mit den Mediengruppen verbunden, die dahinterstehen. [A Dynamic Embedding Model of the Media Landscape, https://www.mediaobservatory.com/assets/papers/www19.pdf]

"Schon der einfache Akt der Auswahl von Stories verweist auf eine inhärente Voreingenommenheit", erläutert Jérémie Rappaz, der zu den Hauptautoren der Studie gehört. Das Team habe daher entschieden, tausende Nachrichtenquellen zu vergleichen und sie nach Ähnlichkeiten zusammenzugruppieren. Damit soll auch offenbar werden, wenn sich die Redaktionslinie eines Kanals plötzlich ändert. Dies verweise meist auf einen Eigentümerwechsel, da die zu behandelnden Themen in der Regel von ganz oben vorgegeben würden. Zugleich werde damit der weit fortgeschrittene Grad der Medienkonzentration deutlich.

Mantelredaktionen für diverse Zeitungen einer Mediengruppe gibt es zwar schon Lange. Der zunehmende Kostendruck hat laut Rappaz aber dazu geführt, dass die Konzerne ihre Ressourcen weiter bündeln. Dies verenge aber auch die Sichtweisen, mit denen die Rezipienten in Kontakt kämen. Besorgniserregend sei dies vor allem, wenn diese Perspektiven stark voreingenommen seien.

Das Medienobservatorium befindet sich derzeit noch in einem Probebetrieb in Kooperation mit der Schweizer Tageszeitung Le Temps. Alle Funktionen der Online-Plattform sollen der Öffentlichkeit vom nächsten Jahr an verfügbar sein.

Die Technik hinter dem System ist weitgehend Open Source. Es baut auf einem Personalisierungs- und Empfehlungsalgorithmus auf, wie er auch von Portalen wie Netflix oder Amazon Prime Video bekannt ist. Dabei werden Videos auf Basis der individuellen Nutzungshistorie vorgeschlagen. Dieses Konzept sei gut auf den Bereich der Medienberichterstattung übertragbar gewesen, erläutert Rappaz. Die Wissenschaftler hätten den Algorithmus über die vergangenen drei Jahre hinweg mit rund 500 Millionen Artikeln aus gut 8000 verschiedenen Quellen gefüttert und trainiert. (anw)



Aus: "Algorithmus soll "externe" Einflüsse auf Medienberichte transparent machen" Stefan Krempl (13.08.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Algorithmus-soll-externe-Einfluesse-auf-Medienberichte-transparent-machen-4495265.html



Mapping the News Landscape - The Influence of Ownership on Media Coverage
https://www.mediaobservatory.com/


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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #104 on: October 27, 2019, 08:32:34 PM »
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[...] Neil Postman: „Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“, Fischer Taschenbuch Verlag, 206 Seiten

„Wir amüsieren uns zu Tode“ – das Buch amerikanischen Medienwissenschaftlers Neil Postman ist zwar bereits Mitte der 80er-Jahre erschienen, seine Analyse über die Auswirkung des Fernsehens auf die Gesellschaft ist aber auch heute noch lesenswert und durchaus zutreffend.

„Herzlich willkommen natürlich auch Ihnen zu Hause, willkommen beim Finale von „Germanys next Top Model“ ...“

Neil Postmans Buch ist keine simple Abrechnung mit dem Fernsehen, und es ist auch nur bedingt eine Warnung vor zu vielen schlechten Unterhaltungsprogrammen. Der 2003 verstorbene Professor für Medienökologie hat nichts weniger verfasst als eine gelehrte Abhandlung darüber, wie Kommunikationstechniken die Gesellschaft verändern – und wie sich unsere Kultur selbst zu zerstören droht. Er tat dies auf einem so hohen gedanklichen wie sprachlichen Niveau, dass sich zeitgenössische Kulturkritiker vom Schlage eines Frank Schirrmacher oder eines Michael Jürgs dagegen oberflächlich und banal ausnehmen.

" ... und heute kommen wir ans Ziel. Heute finden wir Germanys next Top Model ...“

Postmans Kernthese: Es könne nicht ohne Folgen bleiben, wenn sich die Art und Weise ändert, wie sich die Menschen über die Welt informieren, in der sie leben. Eindrücklich beschreibt Postman, wie eine ausgeprägte Buch- und Vortragskultur im Amerika des 19. Jahrhunderts auch einfache Menschen in den Stand versetzte, mit Sachkompetenz Dinge des öffentlichen Lebens zu diskutieren. Das Ergebnis war, so Postman, ein allgemeiner Gedankenaustausch, der die Demokratie in starkem Maße prägte. Doch diese Kultur der ernsthaften Erörterung wurde nach Postmans Ansicht schon mit der Erfindung des Telegraphen beschädigt, einem Medium, das unterschiedslos und schnell Nachrichten aus aller Herren Länder transportieren konnte.

Die Telegraphie verlieh der Idee der kontextlosen Information Legitimität, also der Vorstellung, dass sich der Wert einer Information nicht unbedingt an ihrer etwaigen Funktion für das soziale und politische Entscheiden und Handeln bemisst, sondern einfach daher rühren kann, dass sie neu, interessant und merkwürdig ist. Der Telegraph machte aus der Information eine Ware, ein „Ding“, das man ohne Rücksicht auf seinen Nutzen oder seine Bedeutung kaufen oder verkaufen konnte.

Der langsame Erwerb und die intensive Verarbeitung von Informationen durch den Einzelnen wurde abgelöst durch eine Nachrichtenflut, bei der nicht mehr zwischen wichtig oder nur interessant unterschieden werden konnte. Im Grunde, so Postman, wurde nun alles zur Unterhaltung: Denn was nutzen selbst ernste Nachrichten, wenn sie den, der sie liest, nicht in die Lage versetzen, zu reagieren? Berichte über ferne Naturkatastrophen und überseeische Kriege würden seitdem in erster Linie zum Zeitvertreib konsumiert. Die Hilflosigkeit gegenüber der Überfülle an Informationen, die nicht unmittelbar mit dem tagtäglichen persönlichen Erleben zu tun haben, wurde, meinte Postman, durch die Einführung des Fernsehens noch verstärkt, denn dort musste nun alles Berichtenswerte erst recht unterhaltsam, also schnell verdaulich sein. Das Medium verlange es so. Das Denken habe in dieser Bilderwelt keinen Platz, denn:

Denken ist keine darstellende Kunst.

Wir haben mehr Informationen denn je, wissen aber nicht, wie wir damit umgehen sollen, fühlen uns handlungsunfähiger als je zuvor. Auch die Politik hat sich den Zwängen zur fernsehgerechten Unterhaltung, zum kurzen Statement unterworfen. Sogar gebildete Menschen messen Politik nicht länger daran, ob sie stringent ist, sondern ob sie glaubwürdig ist. Der Schein bestimmt das Bewusstsein. Unstimmigkeiten, ja sogar Lügen amerikanischer Präsidenten geraten schnell in Vergessenheit, wenn sie denn überhaupt wahrgenommen werden. Dabei sei Unterhaltung an sich ja nichts Verwerfliches, sagt Postman, aber:

Wenn sich ein Volk von Trivialitäten ablenken lässt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Varieté-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr – das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung.

Nicht die Gesellschaft bestimmt, was im Fernsehen läuft, das Fernsehen formt die Gesellschaft – und die merkt es nicht einmal und wehrt sich auch nicht. Diese Diagnose von Neil Postman ist heute noch gültig. Dass, wie der Medienwissenschaftler schrieb, die Pädagogen unserer Zeit nicht die Lehrer, sondern die Fernsehmacher seien, wird jeder bestätigen, der Kinder hat oder kennt. Wer Kinder bilden will, muss das immer gegen das Fernsehen, nicht mit dem Fernsehen tun. Selbst Bildungs- und Informationssendungen, so legte Postman schlüssig dar, bringen keinem Kind das logische Denken bei. Auch der Siegeszug des Internet widerlegt den Medienwissenschaftler nicht. Es mag sein, dass das Internet mehr Menschen denn je zum Schreiben und Lesen gebracht hat, wie Netzenthusiasten meinen. Wer sich unterhalten lassen will, wird dort immer etwas finden. Wer allerdings nach fundiertem und überprüfbarem Wissen sucht, ist auch in unserer digitalisierten Epoche in jeder Bibliothek besser aufgehoben.



Aus: "Informationsflut und der Siegeszug der Unterhaltung" Brigitte Baetz (04.06.2012)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/informationsflut-und-der-siegeszug-der-unterhaltung.1310.de.html?dram:article_id=207917

http://www.zeitgeistlos.de/buecher/postman_zutode.html

Neil Postman (* 8. März 1931 in New York; † 5. Oktober 2003 ebenda) war ein US-amerikanischer Medienwissenschaftler, insbesondere ein Kritiker des Mediums Fernsehen und in den 1980er-Jahren ein bekannter Sachbuchautor.
https://de.wikipedia.org/wiki/Neil_Postman

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27.09.19 10:05 news aktuell

München (ots) - Die Millionärsfamilie kehrt auf die Bildschirme zurück

- Schwere Turbulenzen in Abu Dhabi sorgen für Aufregung
- Start am Montag, 14. Oktober 2019, um 20:15 Uhr bei RTL II

Pünktlich zum Herbst sind "Die Geissens" zurück bei RTL II: Zum
Auftakt der 18. Staffel macht die Millionärsfamilie die Emirate
unsicher und genießt die warmen Temperaturen in Abu Dhabi. Doch ehe
Carmen, Shania und Davina entspannen können, schlägt ein
Instagram-Post von Robert hohe Wellen und stürzt die Geissens in
schwere Turbulenzen. Los geht's ab 14. Oktober 2019, 20:15 Uhr, bei
RTL II.

Deutschlands schillerndste Millionärsfamilie gewährt ab 14.
Oktober wieder Einblicke in ihr Leben zwischen luxuriösem Alltag und
exklusiven Events. Im Jetset zwischen St. Tropez und Heimatglück
verschlägt es die glamouröse Familie dieses Mal in ihre
Lieblingsmetropole in den Vereinigten Arabischen Emiraten - nach Abu
Dhabi.

Beim Abstecher an den Golf liebäugeln Carmen und Robert mit dem
Kauf einer Immobilie in der Wüstenstadt. Für Shania und Davina kommt
das nicht in Frage - die Töchter meutern vor Ort gegen den Plan der
Eltern. Für umso mehr Zündstoff sorgt eine anschließende Autopanne,
die den Verlust des Heckspoilers nach sich zieht. Inklusive der
großen Frage: War Carmen oder Robert schuld?

Die Wogen sind schnell geglättet, doch dann ziehen dunkle Wolken
über Abu Dhabi auf: Ein Instagram-Post von Robert stellt das
Familienleben auf den Kopf. Die Geissens finden sich in schwersten
Turbulenzen wieder - Ausgang ungewiss.

"Die Geissens - Eine schrecklich glamouröse Familie" wird
produziert von Geiss TV.

"Die Geissens - Eine schrecklich glamouröse Familie!":
Staffelauftakt am Montag, 14. Oktober 2019, um 20:15 Uhr bei RTL II

Die Folgen sind im Anschluss an die Ausstrahlung 30 Tage lang
kostenlos bei www.tvnow.de verfügbar

...

Original-Content von: RTL II, übermittelt durch news aktuell


Aus: ""Die Geissens": Staffelauftakt am 14. Oktober bei RTL II"
Quelle: http://www.aktiencheck.de/news/Artikel-Geissens_Staffelauftakt_am_14_Oktober_RTL_II_FOTO-10391929

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[...] Das emanzipatorische Potential der Geissens

„Ich kann also jeden Tag irgendwo am Ende
auch ein neues Auto kaufen, weil Gott sei
Dank immer wieder neue Autos entwickelt
werden.”
Robert Geiss

Einst war der Fernseher das Fenster zur Welt. Heute langweilen einen die Programmchefs zu Tode, das Elend wird zum Alltag, und der Fernseher verkommt zu einem Gerät, dessen Inhalt zu emanzipatorischen Prozessen genau so viel beizutragen hat wie ein Cocktailmixer. Ob nun Günther Jauch oder Galileo, TV Total oder Die strengsten Eltern der Welt, ob dieses oder jenes: Die deutschen Fernsehsender leisten sich eine Schlacht darum zu beweisen, dass es immer noch ein bisschen schlechter, immer noch ein Stückchen gemeiner, und mit immer weniger Inhalt geht.
Seit 2011 jedoch zeigt RTL2, dass es auch anders möglich ist. Mit der liebevoll akribischen Dokusoap über die Millionärsfamilie Geiss bietet der oft zu Unrecht verschriene Sender sowohl Unterhaltung als auch einen Blick auf die Verhältnisse, der in seinem kritischen Gehalt der Lektüre diverser in linken Kreisen hochgehaltenen Werke in nichts nachsteht.
In Die Geissens – Eine schrecklich glamouröse Familie wird schlicht das alles andere als schlichte Leben der Familie Geiss gezeigt. Diese ist dank harter Arbeit – darauf verweist subtil auch der Titel ihrer Biographie „Von nix kommt nix (Voll auf Erfolgskurs mit den Geissens)“ – reich geworden. Robert Geiss gründete 1986 zusammen mit seinem Bruder den deutschen Ableger des Bekleidungslabels Uncle Sam, 1995 verkaufte er seine Anteile für 140 Millionen.

Heute lebt die aus Köln stammende Familie in Monaco, hat Ferienhäuser in Saint-Tropez und Kitzbühl, neben einem ganzen Fuhrpark an Luxusautos gehört auch eine Luxusyacht zu ihren Habseligkeiten, kurz: Es gibt kaum etwas, das sie sich nicht leisten können.
Die beiden Töchter Davina Shakira (9) und Shania Tyra Maria (8) erhalten die beste Schuldbildung, die aufwendigsten Geburtstagspartys, jede Woche fünf Euro Taschengeld und eine angemessene Erziehung („Wer keine Hausaufgaben macht, fährt auch keinen Jetski!“).

Selbstverständlich, wie das nun einmal so ist, wenn man sich in der Öffentlichkeit zeigt, hat bald jeder eine Meinung dazu. Für allerlei Menschen, insbesondere für einen Haufen Linker sind die Geissens das ideale Feindbild.
So erfährt man in linken Kreisen zumeist auch nur Misstrauen und Unverständnis, wenn man erwähnt, regelmäßig die Geissens anzusehen. Aber was soll man schon erwarten, von Zusammenhängen, in denen seit über hundert Jahren hauptsächlich das gleiche Buch gelesen wird und die wichtigste Aktivität darin besteht, Sparkassenfilialen zu entglasen. Dabei stellte schon Adorno 1968 in seiner Rede „Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft“ fest, dass unterdessen die Marktökonomie so durchlöchert ist, „daß sie jeglichersolchen Konfrontation spottet. Die Irrationalität der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur verhindert ihre rationale Entfaltung in der Theorie.“

Aber solche Hinweise werden allerorten ignoriert. Schon das bloße Erwähnen der Option, die Kritik der politischen Ökonomie einmal anders anzugehen, wird im Keim erstickt. Dabei bieten die Geissens genau jene Perspektive, jenseits von Marxlektüre und Sparkassenfilialen entglasen, die nutzbar zu machen wäre, um zumindest dem deutschsprachigen Publikum endlich einen Begriff von der Irrationalität und Grausamkeit der Verhältnisse zu geben.

Diese führt die Dokusoap mit geschickten Kunstgriffen jedem vor Augen. Das gelingt hauptsächlich deswegen fantastisch, weil sich Carmen und Robert keinen Moment zieren, ihre Rollen immer weiter auszuloten. Carmen, die keine Minute mehr für sich empfinden kann, weil jede Sekunde sich darum dreht, den Vorstellungen nachzueifern, die andere von ihr haben oder haben sollen; und Robert, der nicht mehr arbeitet, aber sich doch ständig genauso im Stress befindet.
Carmen, ehemalige Miss World Fitness, heute dank diverser Silikoneinspritzungen etwas unförmig in Form gehalten, kommt nicht zur Ruhe. Außer beim Friseur, dem sie mindestens jeden zweiten Tag einen Besuch abstattet, oder den sie notfalls auch mit dem Helikopter einfliegen lässt.
Bis zur Endlosigkeit karikiert Carmen ihre Figur der reichen, verwöhnten Frau, die tausend Paar Schuhe besitzen möchte, und sonst nichts anderes tut oder kann. Völlig unbekümmert arbeitet sie an ihrem Image des verwöhnten Dummchens, ob nun in der Küche („Ich hab keine Nanny und nichts, wie soll ich denn dann Spiegeleier machen?”) oder in Athen vor der Akropolis („Wie kann die 2.500 Jahre alt sein? Wir haben 2011!“). Auch ihre recht neue Karriere in der Welt der Popmusik verdankt sie nur ihrer Popularität und dem nötigen Kleingeld, kein Aufheben wird darum gemacht, dass sie nicht einmal sonderlich gut singen kann, niemand findet ernsthaft ihre Musik gut. Wie alles an ihr ist es nur eine Marke, das Erfüllen von Projektionen, gekonnt von ihr auf die Spitze getrieben.

Möchte Robert seine Ruhe haben, braucht er nur zu sagen, er kaufe ihr später Schuhe, wenn sie jetzt dafür die Klappe halte. Und sie tut es. Egal was anliegt, immer schreit sie nach ihrem Mann: „Rooooobeeert.“ Der Ruf ist nicht nur längst eine eigene Marke – überall erkennen sich Fans der Serie daran – sondern auch ein geschickter Kniff, wirft er doch immer wieder ein Licht auf die Beziehung der beiden, und zeigt insbesondere die Beziehung von Carmen zu ihrer Umwelt als eine Schreckensvision: Als wären ihr alle Fähigkeiten verkümmert, und jeder Gedanke, der über oberflächliches Haben und Sein hinausginge, gar nicht mehr denkbar.

Den Gegenpol zu Carmens hysterischer Hektik um nichts spielt Robert. Er spielt die Unaufgeregtheit dessen, der sich alles leisten kann, dessen Leben sich stets darum gedreht hat, diesen Zustand zu erreichen; und der nun damit und mit sich nur nichts mehr anzufangen weiß als stumpfe Beschäftigungspolitik. Ständig mürrisch und gelangweilt, höchstens mal ein bisschen interessiert, wenn er sich eine neue Yacht kauft – so vegetiert er in seinem Luxus dahin. Dieser kommentiert sein Dasein zwar folgendermaßen. „Ich leb hier ein geiles Leben, alles andere interessiert misch nischt,“ – aber niemand, der recht bei Trost ist, nimmt dies dem Robert ab, wie er sich im Fernsehen zeigt.
In der schon zuvor erwähnten Rede, die Adorno als Einleitungsvortrag zum 16. Deutschen Soziologentag hielt, wies er darauf hin, dass sich längst kein Standort außerhalb des Getriebes mehr beziehen lässt „von dem aus der Spuk mit Namen zu nennen wäre; nur an seiner Unstimmigkeit ist der Hebel anzusetzen.”
Genau dies tut Robert Geiss. Statt ellenlanger Abhandlungen und Analysen, auf die heutzutage niemand mehr Lust und für die sowieso niemand mehr Zeit hat (wie Wolfgang Pohrt einmal meinte: „Ich hab das Zeug gelesen, aber wenn die Revolution nur möglich ist, wenn alle so viel Marx lesen wie ich – dann kommt sie ganz bestimmt nicht. Das kann man einfach von keinem Menschen verlangen.“) setzt Robert Geiss mit viel Fingerspitzengefühl den Hebel an den Unstimmigkeiten an.
Geschickter als jede Abhandlung über Wert, und jede Rede über gerechte und ungerechte Verteilung führt er jedem mit nur einem Satz vor Augen, wofür Marx ein ganzes Buch schrieb: „Ich fahr‘ easy going zur Bank und hol‘ mir ein paar bedruckte Scheine ab.”
Scharfsinnig und mit dem Gespür für die wirksamste Geste pflügt Robert hier jedem durch den Kopf. Niemand der zu Hause auf der Couch sitzt und ihn diesen Satz sagen hört, wird das einfach so schlucken können. Jede vermeintlich aufrührerische Rede irgendeines Linken-Politikers ist leichter zu ignorieren, jedes noch so dämliche MLPD-Plakat ist einem schneller wieder aus dem Sinn, und keine Ausführung zur „eisernen Konsolidierung der kapitalistischen Welt“ (Adorno) trifft den Betrachter so scharf und erweckt so viel Bewusstsein über die falsche Einrichtung der Welt, wie dieser Satz.

Für die Geissens könnt‘ alles so einfach sein. Isses aber nich. Denn statt sich endgültig auf die faule Haut zu legen, haben sich Carmen und Robert Geiss der mühsamen Aufgabe angenommen, der Menschheit das Unheil vorzuführen. Wo sich sonst stumpf und einträchtig der Pöbel vor dem Fernseher traf, um Bestätigung dafür zu finden, einfach so weiterzumachen wie bisher, sieht man heutzutage die Geissens, und die führen einen vor und führen einem vor, dass da mehr sein muss.
Denn wer die Geissens sieht, dem wird vielerlei bewusst: Zum einen, dass der Luxus und die wundervollen Dinge und Möglichkeiten, mit denen die Geissens sich umgeben, durchaus erstrebenswert sind. Wer möchte nicht einmal solche Sätze sagen wie Robert Geiss: „Ich könnte sagen, mit harter Arbeit bin ich hierher gekommen. Aber das stimmt nicht. Nein, dieses Mal war es der Heli.“
Aber viel wichtiger: Bei jedem Zuschauer keimt das Bewusstsein auf, dass keine Gründe sich finden lassen, warum ihnen dieses materiell gute Leben nicht genauso zustehen sollte. Die Geissens strafen die Legende von den Reichen und Schönen, die so sind, weil sie es verdient haben, Lüge.
So begreift der Zuschauer – der schon längst die Vermutung hegte, dass an der Kapitalverteilung nichts gerecht ist, so wie sie stattfindet – nun, dass sie auch nicht logisch ist, sondern dass lediglich das Beherrschen der Gesetze des Marktes und eine Menge Glück dazugehören, um reich zu werden.
Gleichzeitig aber zeigt sich montagabends auf RTL2 die Schreckensvision eines Lebens, in dem zwischen Yachtausflügen und Shoppingtouren nichts mehr auszumachen ist als das große Nichts.

So führen also die Geissens den Leuten vor, was ihnen auf anderen Wegen gar nicht mehr vermittelbar wäre. Linke, denen ernsthaft daran gelegen ist, emanzipatorische Prozesse voranzubringen und in der breiten Masse ein Bewusstsein über das Kapital und seine Unstimmigkeiten zu prägen, sollten alles tun, die Sendung zu verbreiten. Eine Menschheit, der ihre Vergangenheit, und damit auch ihr Unglück, vollständig zitierbar geworden ist, wird sich vielleicht einmal statt an die Internationale an einen anderen Weckruf erinnern, der mit messianischer Kraft erst in den guten Stuben und hoffentlich bald auch auf den Straßen der Welt ertönen wird: „Roooobeeert!“


Aus: "Das emanzipatorische Potential der Geissens" Spätzle (28.09.2013)
Quelle: https://www.conne-island.de/nf/207/3.html

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[...]  ARD und ZDF überlassen es weitgehend der privaten Konkurrenz, die gesellschaftliche Armut darzustellen. RTL 2 hat seine Sozialreportagen zum Markenkern des Senders erkoren. Von der erfolgreichsten Sendung „Hartz und herzlich“ wurden mittlerweile schon 23 Folgen ausgestrahlt, und RTL hat für „Zahltag! Ein Koffer voller Chancen“ und „Vera Int-Veen – zwischen Mut und Armut“ wochenlang den gesamten Dienstagabend freigeräumt. Es lohnt sich, etwas genauer hinzuschauen.

Die produzierende Firma, Ufa Show & Factual dreht für RTL 2 bevorzugt an sozialen Brennpunkten wie der Eisenbahnsiedlung in Duisburg, den Benz-Baracken in Mannheim oder in den Plattenbauten von Bitterfeld-Wolfen. Mit der Kamera blicken wir nach ganz unten, in Abgründe. Gezeigt werden schreckliche Zustände. Die Kamera schweift durch zugemüllte Wohnungen, zeigt Dreck, Schimmel, ja Kot. Ausgiebig werden einzelne Protagonisten begleitet.

Nicht selten sind die Menschen sehr krank. Olaf aus der Duisburger Eisenbahnsiedlung wiegt 204 Kilogramm. Gudrun aus den Benz-Baracken hat einen Fuß amputiert. Elvis, der achtfache Vater aus Mannheim, ist drogensüchtig. Er versucht einen kalten Entzug - und dann sehen wir ihn aus der Wohnung laufen, die Frau ruft ihm hinterher. Jetzt ist er wieder unterwegs zu seinem Dealer, heißt es lapidar. In Mannheim sitzen vier Nachbarinnen zum Plausch zusammen. Sie halten den Gestank ihres „Problemnachbarn“ Johann nicht mehr aus. Bald schon sprechen sie nur noch darüber, wie lange der Alkoholiker überhaupt noch leben werde. Die Kamera zoomt auf den völlig abgemagerten Mann, der sich kaum noch an seinem Rollator halten kann. Ohne Scham wird draufgehalten. RTL 2 weidet sich an einem Extremismus des Elends.

Ob in Pirmasens, Salzgitter oder Duisburg – immer wieder protestieren hinterher die Bewohner und fühlen sich getäuscht. Gezielt werde nach Menschen am Rande der Gesellschaft gesucht, um Klischees zu bedienen. Was sich „Dokumentation“ nennt, produziert Ideologie: Armut ist das ganz Andere, der Schrecken, von dem man die Augen kaum abwenden kann, den man aber unbedingt von sich selbst fernhalten möchte. Für den Zuschauer ist es beruhigend, dass es ihm besser geht.

Als „Sozialreportage“ firmiert die RTL-2-Sendung „Armes Deutschland – stempeln oder abrackern?“ Wieder werden einzelne Protagonisten ausführlich begleitet. „Aaron ist gepflegt und gebildet,“ belehrt der Kommentar. Ganz anders dagegen die 24-jährige Jacky P. aus Bremerhaven, die sich als besonders cool inszeniert. Ihre zwei kleinen Töchter hat das Jugendamt in Obhut nehmen müssen. Nun verscherbelt sie ungerührt für gerade einmal zehn Euro die Babyklamotten und das Spielzeug, um sich davon Energy-Drinks und Zigaretten zu besorgen. „Party und Energy-Drinks statt Fürsorge für die Kinder – armes Deutschland“, raunt der Kommentar.

Wir wissen immer viel zu wenig, um zu urteilen. Das erledigt gnadenlos der Kommentar. Das Bild, in das er die Figuren einpasst, ist schwarz-weiß. Der ruchlosen Jacky werden Theo, 59, und Margret, 60, aus Bergheim bei Köln gegenübergestellt. Auch deren kleine Wohnung ist chaotisch, aber beide stehen um Mitternacht auf, um bei Wind und Wetter Zeitungen auszutragen. „Sie strampeln sich Nacht für Nacht für ihren Lebensunterhalt ab“, heißt es anerkennend.

Der Riss zwischen lobenswert tüchtig und tadelnswert verantwortungslos geht in Köln sogar mitten durch ein Paar. Als Willi wieder einmal arbeitslos geworden ist, macht sich der gelernte Gärtner sofort auf die Suche nach einem neuen Job als Gabelstaplerfahrer, während seine Lebensgefährtin Carola („Arbeit ist nicht so meins“) wie folgt charakterisiert wird: „Carola genießt ihre Freiheit – der Staat zahlt. Ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, kommt für die 34-Jährige offenbar nicht infrage.“ Später erfahren wir: Carola war auf der Sonderschule, hat keine Ausbildung, hat nie gearbeitet, und ihre sieben Kinder wurden alle vom Jugendamt in Obhut genommen. Man möchte sie davor schützen, im Fernsehen ausgestellt zu werden, aber gerade deshalb geschieht es. Sie dient nur als Material, um zu veranschaulichen: Die einen strampeln sich ab, um gerade so über die Runden zu kommen, die anderen faulenzen und liegen uns allen auf der Tasche.

Nicht auf Spaltung, sondern auf Empathie ist dagegen Vera Int-Veen aus. In den vier Folgen der mittlerweile zweiten Staffel von „Vera unterwegs – Zwischen Mut und Armut“, einer Produktion von Imago TV für RTL, fährt die Moderatorin quer durch Deutschland und trifft sich mit Menschen, die arm sind. In Delmenhorst hilft sie Roswitha und Andreas, die erhaltene Räumungsklage noch drei Monate aufzuschieben, in Berlin lässt sie sich von Obdachlosen ausführlich zeigen, wie sie die Schlafsäcke zum Nachtlager ausbreiten. Demonstrativ respektvoll geht Vera Int-Veen dabei stets mit den Betroffenen um, fragt artig, ob sie hereinkommen darf und umarmt alle, selbst wenn sie schlecht riechen. Sie ist auch mal streng, wie mit Melanie, die ihrer 15-jährigen Tochter keine Liebe zeigen kann oder sagt zu Andreas, der mehr Jahre im Gefängnis verbracht hat als in Freiheit: „Viele Dinge, die du getan hast, finde ich nicht gut, aber ich mag dich als Mensch.“

Eigenartig ziellos wirkt dieses Unterwegs-Sein, das nur eine Konstante kennt: Vera Int-Veen und ihre Gefühle – Mitleid, Trauer, Scham und Freude, die sie aufdringlich ausstellt. „Helges Geschichte berührt mich“, sagt sie dann in die Kamera. Uwe, der obdachlos war, lebt nun mit Kerstin zusammen, die Obdachlose betreut hat. „Oh, ist das schön!“, jauchzt Vera. RTL 2 macht Armut reißerisch zur Sensation und stigmatisiert die Verlierer wegen ihres mangelnden Einsatzes, bei Vera Int-Veen dagegen regiert Sentimentalität.

Unter den zahlreichen Sendungen zur Armut ragt „Zahltag! Ein Koffer voller Chancen“ (RTL) nach Aufwand und Setting heraus. Sie nennt sich selbst ein „Sozial-Experiment“ und kombiniert Elemente von Reportage und „Help“-Formaten. Die in der Regel seit Jahren auf Hartz IV angewiesenen Protagonisten – in der gerade vergangenen Staffel waren es fünf Familien – bekommen als „Überraschung“ einen Koffer voller Geld vor die Tür gestellt. Natürlich ist das Filmteam, das die stets tränenreich überwältigte Familie beim Öffnen des Koffers zeigt, aber schon vorher in der Wohnung. Im Koffer ist als Geschenk der Hartz-IV-Betrag für ein Jahr. Für Familie Röder aus Selb sind das immerhin fast 30 000 Euro, während die alleinerziehende Mona Assenmacher aus der Eifel 15 500 Euro vorfindet. Davon sollen sich die Auserwählten ein neues Leben aufbauen, möglichst ein Gewerbe gründen und so das Hartz-IV-Leben hinter sich lassen.

RTL und damit den Zuschauern gewähren sie dafür einen tiefen Einblick in ihr Leben und begleitet werden sie dabei von drei „Experten“, vor denen sie am Ende zur „Abschluss-Bilanz“ antreten müssen. Dieses Team besteht aus Heinz Buschkowsky, dem ehemaligen Neuköllner Bezirksbürgermeister; dem „Gründerberater“ Felix Thönnessen, der blaue Augen hat, verwuschelte Haare und Start-up- Sprech beherrscht sowie Ilka Bessin, die einst selbst von Hartz IV lebte, sich als Comedy-Figur „Cindy aus Marzahn“ aber erfolgreich aus der Abhängigkeit von Transferleistungen herausgearbeitet hat. Diese Drei sitzen an einem Tisch und kommentieren, was die Protagonisten so treiben und besuchen diese auch mal.

Der 28-jährige Michael Traut aus Siegen lebt mit seiner gleichaltrigen Lebensgefährtin Melanie Schmidt und drei Kindern im Chaos. Für zehntausend Euro schafft er ein Auto an, weitere zweitausend Euro gehen für ein Logo, Flyer, Visitenkarten, Homepage und bedruckte Arbeitskleidung drauf. Ein Lieferservice soll entstehen. Kunden gibt es keine. „Beide haben keine Ausbildung, keinen Job und noch nie gearbeitet“, weiß der Gründungsfachmann. Ilka Bessin besucht die beiden. „Melanie ist in so einer Situation,“ sagt sie, „die weiß gar nicht, wo sie anfangen soll. Ich würde mir wünschen für Melanie, dass hier jemand herkommt, der sie unterstützt bei der Planung.“ Und? Hilft jemand? Großherzig macht der flotte Gründerfachmann ein Geschenk: kostenlos darf Michael an einem seiner hippen Start-up-Seminare teilnehmen. Naturgemäß fühlt der sich da unwohl und haut bald ab. Heftig echauffiert sich da Ilka Bessin und findet das unglaublich „respektlos“.

Unter dem Vorwand, ihnen eine Riesenchance zu bieten, werden hier arme Menschen, die dabei dankbar mitspielen, auf eine absurde Irrfahrt geschickt. Wobei die „Experten“ sich stets besorgt zeigen (Ilka Bessin) oder bissige Kommentare (Heinz Buschkowsky) zum Besten geben. „Wir können die Menschen nicht davon abhalten, Blödsinn zu machen. Sie sind selbstständig. Sie können mit dem Geld machen, was sie wollen,“ erklärt Heinz Buschkowsky in einem von RTL veröffentlichten Interview zur Sendung. Wirklich nicht? Aber dabei zusehen, wie diese Menschen weder in der Lage sind, rational mit Geld umzugehen, geschweige denn strukturiert zu arbeiten oder gar ein Gewerbe aufzubauen – das macht das Fernsehen möglich.

Manuela Röder ist achtfache Mutter und hat einen kränkelnden Ehemann. Sie ist eine tatkräftige Frau – allerdings ohne jede Erfahrung. Sie will eine Suppenküche aufmachen, mietet einen Laden, kauft teure Wärmetheken. Einkauf, Schnipseln, Kochen, Service, Buchführung – all’ das hat sie noch nie gemacht und soll es nun alleine stemmen. Niemand schreitet ein. Buschkowsky kommentiert lakonisch, dass Kochen ja wohl was anderes sei als Dosen warmmachen. Wir können zusehen, wie sie scheitert. Mit vielen Tränen. Am Ende sind 30 000 Euro verballert worden, und die Familie lebt wieder von Hartz IV. Das gebe ihr doch mehr Sicherheit, gibt Manuela zu.

Geschafft haben es die patente Mona Assenmacher, die in einer Drückerkolonne arbeitet und putzen geht, und René und Ines Schröder mit Dienstleistungen für Haus und Garten. Ebenfalls nicht mehr von Hartz IV leben Maik und Sarina Schubardt aus Eisleben. Ihr Traum war es, einen Imbisswagen zu betreiben. Für siebentausend Euro haben sie einen gekauft, umständlich renoviert und dann später notgedrungen für die Hälfte wieder verkauft. Betrieben haben sie ihn nie. Einmal kam Ilka Bessin zu Besuch und wollte eine Currywurst mit Pommes. Es dauerte 45 Minuten, bis die Wurst fertig war. Von den 24 000 Euro für die Schubardts war am Ende kein Cent mehr übrig. Zwischendurch haben sie einmal eine Bewerbung geschrieben – genüsslich zeigte die Kamera: „Sehr geärte“ stand in der Anrede.

Nun arbeiten sie für zehn Euro Stundenlohn am Band in der Fleischverarbeitung. Als „größtes Abenteuer ihres Lebens“ nennt der Kommentar die Teilnahme am „TV-Experiment“, als wäre es nicht sinnvoller gewesen, den beiden sofort den Job am Band zu vermitteln und das kuriose Theater um ein eigenes Geschäft abzublasen. Aber dann hätte sich das Publikum ja nicht an einem zynischen „TV-Experiment“ vergnügen können. Dass RTL-Bossen so etwas einfällt – geschenkt. Dass aber Heinz Buschkowsky und Ilka Bessin dabei mitmachen, ist skrupellos.




Aus: "Ideologie statt Dokumentation Armut im Fernsehen oder armes Fernsehen?" Bernd Gäbler (26.10.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/ideologie-statt-dokumentation-armut-im-fernsehen-oder-armes-fernsehen/25158294.html

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Denkerin 08:39 Uhr
Was erwartet man denn anderes vom Privatfernsehen? Wer das anschaut ist selber schuld. Wer da mitmacht, auch.


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2010ff 26.10.2019, 18:35 Uhr
Was würden Sie nur machen ohne all diejenigen, die sie ausstellen? ...


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