Author Topic: Medienjournalismus und Medienkritik...  (Read 23879 times)

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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #80 on: February 01, 2018, 11:43:33 AM »
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[...] Vor kurzem förderte das Edelman Trust Barometer 2018 zu Tage, dass traditionelle Medien wie Zeitungen und TV-Sender sowie seriöse Online-Medien deutlich an Vertrauen gewinnen. Susanne Marell, CEO der Kommunikationsagentur, sagte dazu im Tagesspiegel-Interview: „Damit einher geht auch ein klarer Anstieg des Vertrauens in Journalisten. In einer Welt der Verunsicherung sehnen sich die Menschen verstärkt nach Fakten und Einordnung. Von Experten, die ihre Profession gelernt haben.“

Dazu passen die neuesten Befunde der Langzeitstudie „Medienvertrauen“ des Instituts für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität: Die „Lügenpresse“-Hysterie ebbt ab. So haben 2017 nur noch 13 Prozent der Deutschen die Aussage bejaht, dass die Bevölkerung von den Medien systematisch belogen werde. Ein Jahr zuvor seien es noch fast 20 Prozent gewesen. Auch bei der Aussage „Die Medien und die Politik arbeiten Hand in Hand, um die Bevölkerungsmeinung zu manipulieren“ ist die Zustimmung gesunken – von 15 auf zwölf Prozent.
Zudem zeigen die repräsentativen Daten, dass 42 Prozent der Deutschen den etablierten Medien in wichtigen Fragen vertrauen. Nur 17 Prozent äußern grundsätzliches Misstrauen, weitere 41 Prozent nehmen eine Zwischenposition ein. 2016 war der bisherige Tiefpunkt erreicht: Da waren 22 Prozent voller Misstrauen, der Teils/Teils-Pegel lag bei 37 Prozent.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Tagespresse genießen bei etwa zwei Dritteln Vertrauen, sagte die Studie aus. Nur jeweils fünf Prozent sind bei diesen Medien grundsätzlich misstrauisch.

Die anhaltende Fake-News-Diskussion hat beim Internet einen regelrechten Vertrauenssturz ausgelöst. Nur noch zehn Prozent der Bürger halten Online im Allgemeinen für vertrauenswürdig – das ist ein Rückgang um 14 Prozentpunkte. „Der Mehrheit ist offenbar bewusst“, schreiben die Mainzer Forscher, „dass im Internet, das als Hybridmedium ganz unterschiedliche Angebote vereint, besondere Vorsicht und Aufmerksamkeit geboten ist, ob eine Quelle seriös ist.“ Nur etwa zwei bis drei Prozent hielten Nachrichten in den Sozialen Netzwerken für vertrauenswürdig.

Fake News und Hasskommentare: Deutliche Mehrheiten von zwei Dritteln bis drei Vierteln der Deutschen sehen in beiden Phänomenen eine echte Gefahr für die Gesellschaft. Jeweils 69 Prozent erwarten von der Politik gesetzgeberisches Handeln, um sowohl Fake News als auch Hasskommentare zu bekämpfen.

Allen Trendzahlen zum gewachsenen Medienvertrauen zum Trotz findet sich ein beachtlicher Teil der Bevölkerung in der Berichterstattung der Medien nicht wieder. So kritisieren 36 Prozent, dass sie „die gesellschaftlichen Zustände in ihrem Umfeld ganz anders wahrnehmen, als sie von den Medien dargestellt werden“. 24 Prozent sagen, dass die Themen, die ihnen wichtig sind, von den Medien nicht ernst genommen werden. Weiterführende Analysen der Langzeitstudie zeigen, dass sich vor allem diejenigen Menschen von den Medien entfremdet fühlen, die mit der Politik und Demokratie sowie ihrer eigenen wirtschaftlichen Situation unzufrieden sind, die eine hohe Sympathie für die AfD haben.

Dazu gehören auch Menschen, die häufig Kommentare auf den Facebook-Seiten etablierter Medien lesen und schreiben.

Zudem führt die Studie aus, dass zwar die Mehrheit der Bevölkerung über ein in wichtigen Punkten zutreffendes Wissen über Arbeit und Aufgabe des Journalismus verfügt. Gleichwohl existieren hier große Potenziale für Medienbildung und Aufklärungskampagnen. Nach den Daten der Mainzer Forscher stehen vor allem Menschen, die über wenig Medienwissen verfügen, den etablierten Medien besonders kritisch gegenüber. Wer zum Beispiel (fälschlicherweise) glaubt, Journalisten müssten ihre Berichte vor der Publikation von Behörden prüfen lassen oder der Staat würde darüber entscheiden, wer Journalist werden dürfe, schenkt den Medien auch kein Vertrauen. Das sind jeweils erschreckende elf Prozent.

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ObjekTief 01.02.2018, 10:47 Uhr

Alles wird gut!



Aus: "Deutsche vertrauen Medien wieder stärker" Joachim Huber (31.01.2018)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/medien/luegenpresse-hysterie-ebbt-ab-deutsche-vertrauen-medien-wieder-staerker/20911992.html


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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #81 on: February 01, 2018, 11:48:09 AM »
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[...] Medien enthalten dem Publikum zentrale Informationen vor und stellen Zusammenhänge interessengeleitet einseitig verkürzt und damit falsch dar. Es gibt keine Öffentlichkeit mehr, dafür eine Vielzahl von Teilöffentlichkeiten. Das Publikum ist schwach organisiert. Den strukturellen Schieflagen im Mediensystem muss schleunigst entgegengewirkt werden. Das waren nur einige der Erkenntnisse, die die Teilnehmer der Konferenz „Krieg und Frieden in den Medien“ am vergangenen Wochenende diskutierten. Organisiert hatte die Veranstaltung, die in der CROSS Jugendkulturkirche Kassel stattfand, die Juristenvereinigung IALANA in Kooperation u.a. mit dem Zentrum Oekumene der Ev. Kirche Hessen und Nassau sowie der Ev. Kirche von Kurhessen und Waldeck. Die Veranstaltung, an der gut 350 Personen teilnahmen, stand unter der Frage: „Kann man ein Leitbild ‚Friedensjournalismus‘ für eine der Wahrheit verpflichtete und deeskalierende Berichterstattung etablieren?“

Die Gräben zwischen Vertretern großer Medien und ihren Kritikern sind offenbar tief. Das ist eine ernüchternde Beobachtung, die man am Wochenende in Kassel hat machen können. Sie ergab sich allerdings nicht daraus, dass es bei der hochkarätig besetzten Konferenz, an der auch der „Anstalts-Kabarettist“ Max Uthoff und die ehemalige ARD-Russland-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz teilnahmen, etwa zu wilden Wortgefechten zwischen „etablierten“ Journalisten und Kritikern an ihrer Berichterstattung gekommen wäre. Dazu konnte es nämlich gar nicht kommen. Denn: Laut Aussage der Veranstalter fanden sich trotz Einladung keine Vertreter großer etablierter Medien zu der Konferenz ein. [...]

Bei Lichte betrachtet dürfte das Interesse von so manchem Vertreter der Leitmedien an einer sachlichen Diskussion mit ihren Kritikern bei etwa null liegen. Zumindest liegt dieser Eindruck sehr nahe. Weder findet die Diskussion innerhalb der großen öffentlichen Diskursplätze der Polit-Talkshows statt, noch bisher, von wenigen Ausnahmen abgesehen, an einem anderen Ort. Der Grund liegt nahe und das hat die Veranstaltung in Kassel in aller Deutlichkeit gezeigt: Es geht bei der gegenwärtigen Medienkritik nicht um Lappalien. Es geht nicht darum, dass irgendein Journalist oder irgendein Medium hin und wieder irgendeinen Fehler macht. Die Medienkritik, die spätestens seit der Ukraine-Krise immer lauter geworden ist und auch auf der Kasseler Konferenz zu Wort kam, durchdringt die Oberflächen-Wahrnehmung von Journalismus und Mediensystem. Genauso die Medienkritik in Kassel: Sie bot weder Platz für ein allgemeines Journalisten-Bashing, noch ging es ihr um eine pauschale Verurteilung oder gar um eine Verteufelung von Medien. Zugleich scheuten Referenten und Tagungsteilnehmer aber auch nicht davor zurück, Missstände klar und präzise zu benennen, Ursachen in den Blick zu nehmen und, wie der aus Genf angereiste Korrespondent der taz, Andreas Zumach, provokante Vorschläge für Strukturveränderungen in den Medien zu präsentieren (Öffentlich-rechtliche Stiftungen für Zeitungen).

Da war etwa der Leipziger Journalismusforscher Uwe Krüger. Mit seiner 2013 publizierten Dissertation, die sich mit den Netzwerken von Alpha-Journalisten auseinandersetzt, hat Krüger für einigen Wirbel in der Medienwelt gesorgt. Teile seiner Arbeit hatte gar „Die Anstalt“ übernommen, um auf die Verflechtungen von Spitzenjournalisten mit Denkfabriken und Elitezirkeln im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik aufmerksam zu machen. Das Eingebundensein von Spitzenjournalisten in Elitezirkel, die etwa als Leitartikler die große Weltpolitik dem Leser interessengeleitet nahebringen, interessiert das Publikum, das wurde aus der Resonanz auf seine Arbeit deutlich.

Der Vortrag Krügers in Kassel war dem Thema gewidmet: „Woran man Propaganda erkennt.“ Krüger wollte, wie er zum Publikum sagte, „gleich mit der Tür ins Haus fallen“ und führte eingangs „die zehn Prinzipien der Kriegspropaganda [an], wie sie Lord Arthur Ponsonby, ein britischer Politiker, Schriftsteller und Friedensaktivist, während des Ersten Weltkriegs erkannte“:

 1   Wir wollen den Krieg nicht.
 2  Das gegnerische Lager trägt die Verantwortung.
 3  Der Führer des Gegners ist ein Teufel.
 4  Wir kämpfen für eine gute Sache.
 5  Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen.
 6  Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, wir nur versehentlich.
 7  Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm.
 8  Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache.
 9  Unsere Mission ist heilig.
10 Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter.

Ponsonbys Prinzipien zirkulieren seit geraumer Zeit im Internet – insbesondere auch im Zusammenhang mit den Spannungen, die es zwischen den Nato-Staaten und Russland gibt.

Krügers Absicht wird im weiteren Verlauf des Vortrags deutlich: Ihm geht es, ganz im Sinne der Frage, die die Veranstalter für die Tagung aufgeworfen haben, darum, dass Mediennutzer ihre Sinne schärfen. Dabei unterlässt er als Kommunikationswissenschaftler aber auch nicht den Blick zu den Journalisten selbst und weist auf ihre schwierigen Arbeitsbedingungen hin.

Krüger, der sein Volontariat bei der Leipziger Volkszeitung absolvierte, widmet sich beispielhaft einem sehr interessanten Beitrag von Ulrich Wickert aus einem 1976 publizierten Buch. Wickert, der ehemalige Moderator der ARD-Tagesthemen, der später als Testimonial  2005  für den Werbespot der neoliberalen „Du-bist-Deutschland-Kampagne“ Pate stand, beschrieb darin, so Krüger, „wie er als junger Redakteur des Politmagazins Monitor immer mal wieder für seine inhaltliche Hartnäckigkeit kritisiert wurde und wie sich dies auf seine journalistische Haltung allmählich auswirkte und darin niederschlug. 1976 habe er noch einmal das Manuskript seines Hörfunkfeatures zur Hand genommen, das er 1970 geschrieben hatte. Der Titel lautete: «Die bundesdeutsche Propagandamaschine», es ging um die Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung.“

Wickert:

    „Bei der Lektüre stellte ich mit Erschrecken fest, dass ich heute das Thema wahrscheinlich milder und unkritischer beschrieben hätte. Innerhalb von sechs Jahren also hatten kleine Vorkommnisse (…) meine Unbefangenheit beseitigt.» (Wickert 1976, S. 142)


Am Rande sei angemerkt: Die Ausführungen von Wickert untermauern den Verdacht, dass im Laufe der Zeit im journalistischen Feld ein Anpassungsprozess stattfindet. Dieser kann dazu führen, dass selbst kritische Journalisten oft genug solange geschliffen werden, bis von den „subversiven Momenten“ ihrer Kritik an Politik und Staat nicht mehr viel übrigbleibt.

Uwe Krüger verwies ferner auf das Propagandamodell des US-amerikanischen Sprachwissenschaftlers Noam Chomsky und des Ökonomen Edward Herman, die sich intensiv mit den Medien in ihrem Land auseinandergesetzt haben. „Ihre wichtigste These“, so Krüger, „lautet, dass die Medien nicht alle Opfer von staatlicher Repression und Gewalt gleichbehandeln, sondern zwischen wertvollen und wertlosen Opfern unterscheiden – je nachdem, ob die Gewalt von den USA, Kanada, anderen kapitalistischen Demokratien oder einem befreundeten Regime ausgeht oder aber von offiziellen Feindstaaten der USA.“

In den von Krüger präsentierten Zitaten Chomskys heißt es auch, dass sich bei Gräueltaten jener Länder, die mit den USA verbunden seien, in den Medien von den Journalisten ganz überwiegend eine länderspezifisch freundliche und damit einseitige Berichterstattung erwartet werde: „Wir erwarten unkritische Akzeptanz von bestimmten Prämissen, wenn es um uns und unsere Freunde geht – etwa, dass wir Frieden und Demokratie wollen, Terrorismus bekämpfen und die Wahrheit sagen – Prämissen, die bei Feindstaaten nicht angenommen werden.“

Mit anderen Worten also: Die Medien mögen bitte dabei mithelfen, die Schandtaten der eigenen Regierung und des Militärs zu verdecken, während sie bei Verbrechen der Feindstaaten die gesamte Klaviatur des kritischen Journalismus spielen dürfen.

„Spielen bei Kriegen auch PR-Agenturen eine Rolle, die also einen Krieg „promoten“, sprich: Propaganda für Regierungen betreiben?“ fragte der Politikwissenschaftler Jörg Becker. Provokant formulierte er den Titel seines Vortrages: „Wie die Public-Relations-Industrie mitregiert“ und legte somit zugleich nahe, dass PR-Agenturen einen großen Einfluss bei der Politikgestaltung haben können. Einige von ihnen seien zu „großmächtigen transnationalen Konzernen mutiert“; vier dieser „gigantischen PR-Verbundsysteme“ dominierten „die gesamte Welt der Werbung, der Public Relations, der Medien und des Consultings“ (die US-amerikanische Omnicom-Gruppe, die englische WWP-Gruppe, die französische Publicis-Gruppe und die US-amerikanische Interpublic-Gruppe). Mit einem Jahresumsatz von geschätzten 7 bis 20 Milliarden US-Dollar übersteige dieser gar den Staatshaushalt einzelner Länder.

Sieben von ihm recherchierte Beispielsfälle führt Becker an, in denen Staaten gezielt Werbeagenturen bei Kriegen um Unterstützung baten. Die so genannte „Brutkastenlüge“, die 1990 von der PR-Agentur Hill & Knowlton erfunden wurde, ist einer davon. Sie war dabei behilflich, ein emotionales und politisches Klima zu schaffen, das es den USA erlauben sollte, militärisch gegen den Irak vorzugehen und dafür vorab eine Mehrheit im UN-Sicherheitsrat zu gewinnen.

Becker resümiert, dass in Kriegen heute in weitem Maße „PR-Agenturen (und auch Medienanstalten) nicht nur Produzenten und Vermittler von Bildern und Texten“ seien, sondern auch „Kriegsakteure.“ Wie etwa ein etabliertes journalistisches Medium selbst zur Kriegspartei werden kann, illustrierte Becker an dem Beispiel des TV-Senders CNN. Dieser habe rechtzeitig vor „der Landung der US-Truppen an einem Strand in Somalia 1992 einen Vertrag mit dem Pentagon geschlossen“, so dass „die TV-Übertragung dieser Truppenlandung nur bei ihm und in der Prime Time stattfinden müsse, was dann vertragsgerecht auch geschah.“ Die Entwicklung in Sachen PR-Industrie vollziehe sich in einer Zeit, in der die bürgerliche Öffentlichkeit zunehmend zerfallen sei und nur noch Teilöffentlichkeiten vorhanden seien, so Becker.

Auch Albrecht Müller, Gründer und Herausgeber der NachDenkSeiten, widmete sich in seinem Vortrag (Anmerkung der Redaktion: Der komplette Vortrag von Albrecht Müller wird zeitnah auf den NachDenkSeiten veröffentlicht) dem Thema „Propaganda“. „Wie können wir uns gegen eine Manipulation unserer Einstellungen, Überzeugungen und Meinungen schützen?“, fragte er und wies auf häufig genutzte Methoden der Desinformation hin, die man erkennen, dokumentieren und kritisieren müsse: zum Beispiel Weglassen und Verschweigen wichtiger Tatsachen, unzulässige Simplifizierung und Verkürzung historischer Zusammenhänge und Entwicklungen, einseitige Instrumentalisierung des Leidens von Opfern mit dem Ziel einer trickreichen tendenziösen Beeinflussung der Gefühle der Leser und Zuschauer. „Manipulationen“, so Müller, sind vielfach „eher auf der Tagesordnung als ehrliche Aussagen.“ Es gehe darum, Manipulationen in den Medien zu erkennen und ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass hinter den Versuchen der Beeinflussung vielfach ausgeklügelte Kampagnen stünden.

[...] Man müsse deshalb als kritischer Zeitgenosse in diesem Zusammenhang die „imperialen und geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen des Westens sichtbar machen“. Dabei könne man erkennen, dass, wenn von einem Regime-Change die Rede sei, es längst nicht immer um Menschenrechte und Demokratie gehe. Einen kritischen Blick auf die Medien-Berichterstattung zu Russland warf auch Gabriele Krone-Schmalz, die ehemalige Russland-Korrespondentin der ARD. Sie wurde im Zuge der Ukraine-Krise dafür bekannt, dass sie die Berichterstattung deutscher Medien kritisierte und davor warnte, Russland als Feind darzustellen.

[...] Krone-Schmalz betonte, dass man von den Mediennutzern nicht erwarten könne, auf diese Unterscheidung von alleine zu kommen, aber von Journalisten müssten diese Zusammenhänge dargestellt werden. ...

Die als Referenten eingeladenen ehemaligen Mitarbeiter des Norddeutschen Rundfunks (NDR) Volker Bräutigam und Friedrich Klinkhammer legten den Fokus ihrer Tagungsbeiträge auf ein bekanntes deutsches Medium: die ARD-Tagesschau. Unter dem Titel „Können wir uns wehren? – Was nützen Programmbeschwerden, Durchsetzung von Gegendarstellungen, gerichtliche einstweilige Anordnungen pp“ trugen beide mit trockenem Humor ihre Kritik an dem Medium vor. Seit der Ukraine-Krise haben Bräutigam und Klinkhammer nach eigenen Angaben über 400 Programmbeschwerden wegen unzureichender Berichterstattung in der Tagesschau eingereicht. Nicht einer habe der NDR-Rundfunkrat stattgegeben. Eigentlich, so Bräutigam, obläge es dem Rat, dass er einer seiner wichtigsten Aufgaben, die ihm der Rundfunkstaatsvertrag zuschreibe, nachkomme, sprich: „die Einhaltung der Programmrichtlinien zu überwachen.“ Im Programm müsse umfassend informiert werden, die Berichterstattung habe sachlich und wahrheitsgemäß zu sein, die Völkerverständigung müsse gefördert werden und sie müsse die Bürger zum selbständigen Urteilen befähigen.

Für beide Referenten steht nach ihren Erfahrungen fest: „De facto… bedient der Rat…nur die Partikular-Interessen von CDU und SPD, mit allen schändlichen Konsequenzen fürs Programm.“ Die Mitglieder des Rates tagten hinter verschlossenen Türen. „Ihre Sitzungen und deren Ergebnisse lassen sie vom Management desselben Hauses organisieren und realisieren, dessen Produktqualität und Programmpolitik sie eigentlich überwachen sollten.“

Sichtlich schockiert war das Publikum, als Bräutigam am Beispiel einer mangelhaften Recherche darlegte, was die Motivation der beiden gefördert hat, so unermüdlich Programmbeschwerden an den Sender zu schicken.

Bräutigam, der 21 Jahre beim NDR angestellt war, las die folgenden Zeilen vor:

    „Nahe bei Aleppo griffen al-Qaida-Milizionäre einen palästinensischen Jungen auf. Er war zwölf Jahre alt. Die Männer ernannten ihn zum ‚Kindersoldaten Assads‘, fesselten ihn und warfen ihn auf einen Kleinlaster. Unter dem Gegröle der Kumpanei riss einer dem Kind den Kopf zurück und säbelte ihm den Hals durch. Das ging nicht glatt, es dauerte etwas. Den Kopf, nachdem der endlich abgeschnitten war, warf der Mann achtlos beiseite. Den Kopf eines zwölfjährigen Kindes.“

Nach dieser Schilderung fügte Bräutigam zum Publikum gewandt hinzu, um die Recherche-Defizite deutlich zu machen: „Sie werden es nicht glauben: Von solchen Leuten bezog Volker Schwenck, Chef des ARD-Büros in Kairo, regelmäßig das Material für seine ‚aktuellen‘ Berichte über die Kämpfe im 1000 Kilometer entfernten Aleppo.“ Und Bräutigam weiter: „Eigenrecherche in Aleppo, so hieß es verständnisheischend seitens der ARD, sei oft unmöglich, weil zu gefährlich. Das Fremdmaterial habe Schwenck jedoch immer äußerst sorgfältig geprüft. Ja freilich.“

„Uns wurde angst und bange“, das sagte der Polit-Satiriker Max Uthoff, der ebenfalls bei der Veranstaltung auftrat, im Hinblick auf die Berichterstattung zur Ukraine-Krise.

Der Anstalts-Kabarettist, der zusammen mit Claus von Wagner Monat für Monat ein Millionenpublikum an die Bildschirme lockt, sprach unter anderem mit den Moderatoren Daniela Dahn und Peter Becker darüber, wie er und von Wagner die Berichterstattung führender Leitmedien erlebt haben. Dies sei auch der Grund gewesen, dass sie in ihrer „Nummer“ das Verhalten der Leitmedien aus einem Schützengraben dargestellt hätten. Dies sei zu dem Zeitpunkt notwendig gewesen „und zwar in der Dramatik, auch in der Hektik, die sie vermittelt“, so Uthoff.

„Es sollte aussehen wie ein Kriegsfilm…, weil damals – das haben wir uns ja nicht ausgedacht, tatsächlich auch Der Spiegel, Die Zeit und andere unfassbar militaristisch zu Werke gegangen sind. Der Spiegel vor allem – die alte Landserpostille aus Hamburg – und auch Die Zeit, war da ganz vorne dabei…“ Fast müsse er der Springer-Presse Respekt zollen „vor der Phantasie und der Mühsal“, die Welt und Bild an den Tag legten, „um möglichst irgendwann dann doch mal einen Kriegsgrund gegen Putin zusammenzuzimmern.“

Uthoff zeigte aber auch Grund zur Freude auf, denn: Schon öfter sei es vorgekommen, dass Lehrer ihm und seinem Kabarett-Kollegen Claus von Wagner eröffnet hätten, sie zeigten komplette Folgen der Anstalt auch in ihren Klassenzimmern und diskutierten darüber mit ihren Schülern – „was uns freut wie Bolle, weil ich nicht glaube, dass wir subversiver wirken könnten als auf diese Art und Weise.“

Mit dem Begriff „subversiv“ lieferte Uthoff vielleicht auch ein gutes Stichwort, um zu erklären, warum die Kassler Medientagung der IALANA in der Berichterstattung augenscheinlich nicht vorgekommen ist. Eine Medienkritik, die, wie in der Veranstaltung gezeigt, mit Fachkenntnis in die Tiefe bohrt und auch nicht davor zurückscheut, herrschaftsnahe Wirklichkeitskonstruktionen in der Berichterstattung zu hinterfragen, verabscheut so mancher Alphajournalist. „Subversion“, hier verstanden als eine, im demokratischen Sinne, wahrlich kritische (und nicht pseudokritische) Hinterfragung von Politik und Gesellschaft: das scheint für so manches Medium nicht notwendig. Das zeigt die Berichterstattung zu oft. Dort herrscht der Tenor vor: „Uns“ geht es doch „gut“.


Aus: "IALANA-Medientagung: Fundierte Medienkritik und Medienvertreter auf Tauchstation" Marcus Klöckner (31. Januar 2018)
IALANA-Medientagung: Fundierte Medienkritik und Medienvertreter auf Tauchstation
Veröffentlicht in: Friedenspolitik, Medien und Medienanalyse, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache, Veranstaltungshinweise / Veranstaltungen
http://www.nachdenkseiten.de/?p=42173

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« Reply #82 on: March 01, 2018, 12:08:09 PM »
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[...] Michael Meyen " ... Über Politik und Wirtschaft wird nicht nur weniger berichtet, sondern auch ganz anders als vor 30 Jahren. Negativer, emotionaler, stärker an Prominenten und Experten aufgehängt und vor allem an Konflikten. Wenn sich zwei streiten, die mächtig sind, dann wird das ein Medienthema. Man konnte das schön sehen, als die Gespräche zwischen SPD und CDU beendet waren. Schulz gegen Gabriel gegen Nahles. Persönliche Befindlichkeiten, Küchenpsychologie. Was sich die beiden Parteien vorgenommen haben, ging dabei völlig unter. ... Der Souverän braucht Aufklärung und Wissen und bekommt stattdessen Aufregung und Ablenkung. Die Frankfurter Schule würde sagen: Die Kulturindustrie sorgt dafür, dass wir uns über unsere wahre Lage täuschen, und produziert so Zustimmung. ... Gut aussehen und gut rüberkommen. Das ist [ ] nicht das, worum es zum Beispiel in der Schule eigentlich gehen sollte oder in der Politik. ... Medien reden von Objektivität und Neutralität, von Ausgewogenheit und Vollständigkeit, produzieren aber genau das Gegenteil: Drama, Story, Meinung. Mein Vorschlag ist: Werft die alten Qualitätskriterien über Bord und konzentriert euch auf Transparenz. Woher ist das Material, wem hilft es möglicherweise, wie steht ihr selbst dazu. ... Welche Schwachstellen sehen Sie?... die Nähe zu den Mächtigen und ein Selbstverständnis, das eher auf Mitgestaltung zielt als auf Beobachtung. Uwe Krüger hat das ja in seinen Büchern gut analysiert. Wir sollten aber nicht den Fehler machen, nur auf die Journalisten zu schimpfen. Die Strukturen machen es ihnen nicht leicht. Allein das Bundespresseamt beschäftigt mehr als 400 gut bezahlte Menschen, die nichts anderes machen, als die Welt darüber zu informieren, was Angela Merkel und ihre Minister so tun. Mehr als 400 Menschen, die Nachrichten produzieren, Dossiers, zitierfähige Sätze und die sich auch sonst in jeder Hinsicht darum kümmern, dass Politik und Politiker gut dastehen da draußen. Die Presseleute der Ministerien, der Parteien und der Abgeordneten sind da noch gar nicht mitgerechnet. Auch deshalb tut der politische Journalismus gut daran, sich neu zu erfinden und darüber zu reden, wie man die öffentliche Aufgabe erfüllen kann in einer Welt, die vom Imperativ der Aufmerksamkeit beherrscht wird. ..."


Aus: ""Medien reden von Objektivität und Neutralität, produzieren aber genau das Gegenteil"" Marcus Klöckner (01. März 2018)
https://www.heise.de/tp/features/Medien-reden-von-Objektivitaet-und-Neutralitaet-produzieren-aber-genau-das-Gegenteil-3978378.html

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"ALANA-Medientagung in Kassel war erfolgreich" (02.02.2018 )
Medien, Krieg, Frieden Auf der dreitägigen Veranstaltung in Kassel ging es um das Thema „Krieg und Frieden in den Medien“
asansörpress35 | Community, Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Wo blieben die „richtigen, die etablierten Medien?", wie sich Albrecht Müller (Herausgeber NachDenkSeiten) ausdrückte, auf dieser Medientagung? Der Organisatoren, hieß es, haben sie und auch die öffentlich-rechtlichen Medien eingeladen. Gesehen hat man sie nicht. Möglicherweise waren Zeitungsleute da? Schade....
http://literaturkritik.de/carstensen-schmid-die-literatur-der-lebensreform-kuehne-thesen,23105.html


« Last Edit: March 01, 2018, 02:25:54 PM by Link »

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« Reply #83 on: April 26, 2018, 10:50:32 AM »
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[...] Das war über Jahre das liebgewonnene Bild. Die Feinde der Pressefreiheit sitzen weit weg, in Turkmenistan, in Nordkorea und in Eritrea. Regelmäßig machten Länder wie diese die Schlussränge in der Rangliste der Pressefreiheit unter sich aus.

Es brauchte dann aber gar nicht die Festnahmen in der Türkei wie von Deniz Yücel und weiteren hundert professionellen Journalisten, um zu zeigen: Die Pressefreiheit ist nicht hinter den sieben Bergen, sondern an den Rändern und jetzt auch in Europa selbst gefährdet. Die Rangliste der Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) zeigt auf, dass vier der fünf Länder, deren Platzierung sich in den 180 untersuchten Staaten am meisten verschlechtert hat, in Europa liegen. Serbien (Platz 76), die EU-Mitglieder Malta (65), Tschechien (34) und die Slowakei (27).

In Malta, nur zum Beispiel, hat der Mord an der Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia offenbart, wie eng in dem EU-Land Politik, Wirtschaft und Justiz miteinander verflochten sind. Da stört jede journalistische Investigation, da wird enormer Druck aufgebaut. Laut ROG lagen gegen Caruana im Moment ihrer Ermordung mehr als 40 Verleumdungsklagen vor.

Zum Einzelfall gehört das systemische Vorgehen. In zahlreichen osteuropäischen Ländern polemisieren, ja hetzen autoritäre Regierungen gegen kritische Journalisten als „Verräter“ oder „Terroristen“. Die offene Diffamierung ist die eine Methode, es geht aber noch effizienter und subtiler. In Polen hat die national-konservative Regierung den öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter ihre Kontrolle gebracht, in Ungarn wurden die letzten unabhängigen Regionalzeitungen von Unternehmern aufgekauft, die mit der Regierung von Viktor Orban befreundet sind. Gerade wurde „Magyar Nemzet“ zur Aufgabe gezwungen.

Und es ist nicht so, als hätten die Mächtigen in Polen, in der Slowakei oder in Ungarn beim türkischen Sultan Recep Tayyip Erdogan (Platz 157) nach Vorbildern suchen müssen, wie vielfältige Medien zu einfältigen verformt werden können. US-Präsident Donald Trump hat die Medien in den USA (Platz 45), die ihn und seine Politik kritisieren, wieder und wieder als „Fake News“-Lieferanten beschimpft. Das ist nicht weniger als ein Angriff auf die Pressefreiheit, weil die ureigenste Informationsaufgabe der Medien in eine simple persönliche Für-oder-gegen-mich Bewertung herabgewürdigt wird. Kein Journalist wird sagen können, er sei unfehlbar – böse und gefährlich aber wird es, wenn ihm gewollte Fehlbarkeit unterstellt wird. Wer die Presse als „lügnerisch“ diffamiert, der diffamiert die Pressefreiheit als Unwert.

Eine Gesellschaft braucht unabhängige Medien, wenn sie pluralistisch und demokratisch sein will – und frei. Keine Überraschung also, dass sich an der Spitze der ROG-Rangliste Norwegen, Schweden und die Niederlande finden, Deutschland liegt auf Rang 15.

Schweden und die Niederlande sind EU-Mitglieder wie Polen und Ungarn. Die Tabelle aber illustriert, dass die Pressefreiheit in der EU so lange teil- und verkleinerbar ist, bis ein Viktor Orban zufrieden ist. Als sei Pressefreiheit nur ein Wort und keine Praxis, als sei die EU Sonntag und nicht Alltag.

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Mercur 09:42 Uhr

    Wer den Medien vorsätzliche Falschberichte unterstellt, diffamiert die Pressefreiheit als Unwert und gefährdet Freiheit und Demokratie.

Ein  Satz zum Nachdenken! ... Zeitungen  haben  doch ein  Profil,   auch eine politische  Richtung.   TAZ versus WELT  z.B. Das heisst, Zeitungen  versuchen  auch Meinungen zu machen und zu beeinflussen. Ich  denke, dass ist  Konsens. Zeitungen  sind  keine beliebigen  Aneinanderreihungen  von  „ NEWS“ - Deshalb besteht  die Kunst in der Kunst  des Weglassens  von Informationen. Wenn  seit Jahren  Meldungen und Kommentare in vielen Zeitungen dergestalt  sind, als ob  Merkels Politik alternativlos ist oder Europa  oder bestimmte Entwicklungen angeblich unvermeidlich, dann wenden sich reflektierte Leser ab von  solchen Medien. Sie fühlen sich  dann einseitig informiert und manipuliert. Besonders wenn sie im Alltag eine große Diskrepanz  zwischen  Zeitungsmeldungen  und ihrem persönlichen  Erleben  feststellen.


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cz284 09:39 Uhr

Manche verstehen unter Pressefreiheit das, was den Regierenden genehm ist. Pressefreiheit sollte auch Kritik sein, auch neutrale Positionen haben. Der mündige Bürger ist klüger, als so manche Behörde denkt und durchaus in der Lage sich seine eigene, fundierte Meinung zu bilden. Fakenews entlarven letztlich deren Erfinder.


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nochnefrage 09:00 Uhr
Nicht dreiste Falschmeldungen sind das Problem. Der Schimpf Lügenpresse ist unrichtig.

Die Bezeichnung "Lückenpresse" trifft das Problem eher: Was nicht gemeldet wird, was ausgewählt und im Umfang ausgewalzt wird, während anderes ausgewalzt wird - das gibt zu denken.

Und natürlich haben alle in der Medienbranche ihre Agenda: zwar wollen alle Leser und Zuschauer bekommen, aber nicht um jeden Preis. Die MedienbesitzerInnen möchten ein gutes Verhältnis zur Bundesregierung, und da fällt dann eine vorteilhafte Steuerregelung ab.

Im Öff.-Rechtlichen Milieu geht es um Posten, und diese werden letztlich von den Regierungsparteien vergeben.


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ingoleit 25.04.2018, 20:57 Uhr
Es wäre schön,
würden die Journalisten und ihre Chefs nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen, sondern einmal selbstkritisch ihre Arbeit betrachten. Aber darauf werden wir wohl sehr lange warten müssen und  viele viele weitere solcher Artikel zu lesen bekommen.


...


Aus: "Rangliste zur Pressefreiheit: Bis Orban zufrieden ist" (25.04.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/medien/rangliste-zur-pressefreiheit-bis-orban-zufrieden-ist/21214412.html

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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #84 on: June 07, 2018, 09:35:31 AM »
"Wenn Medien-Neutralität zum Kampfwort wird" Marietta Slomka (6. Juni 2018)
Überall in Europa hat sich die Pressefreiheit verschlechtert. Gegen den Angriff der Politik müssen sich Journalisten auch damit wehren, dass sie ihr Tun besser erklären. Plädoyer anlässlich der Medienenquete. ...
https://derstandard.at/2000081099341/Wenn-Medien-Neutralitaet-zum-Kampfwort-wird

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[...] Bei ihrem zweitägigen Treffen in Kanada haben sich die G7-Länder auf die Entwicklung eines neuen Systems verständigt, das gezielte Fehlinformationen verhindern soll. Der sogenannte Rapid Response Mechanism (RRM) soll eine koordinierte und schnellere Reaktion auf Wahlmanipulationen, Propagandaattacken und andere "inakzeptable Handlungen" ermöglichen.

Mehrere US-Geheimdienste beschuldigen Russland, im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 mit Hackerangriffen der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton geschadet zu haben. In Deutschland wird Russland vorgeworfen, gezielt Fehlinformationen zu streuen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Als Beispiele gelten der Fall Lisa – die angebliche Vergewaltigung eines deutsch-russischen Mädchens – und eine Kampagne, die darauf abzielte, Bundeswehrsoldaten in Litauen in Misskredit zu bringen. Als problematisch werden von den G7 zudem offensichtliche Versuche gewertet, die EU-feindliche Parteien und Bewegungen unterstützen.

Über das neue Abwehrsystem sollen Informationen über solche Angriffe systematisch analysiert und ausgetauscht werden. Der nächste Schritt wäre laut dem Bericht im Idealfall eine koordinierte Reaktion, die von Gegenkampagnen bis zu Sanktionen reichen könnte.

Ein Unterstützer des "Rapid Response Mechanism" ist der französische Präsident Emmanuel Macron. Im französischen Präsidentschaftswahlkampf Ende 2016 und Anfang 2017 litt er selbst unter Falschinformationen, die unter anderem von Medien, die aus Russland finanziert werden, verbreitet wurden. In den letzten Tagen des Wahlkampfs wurde in europäischen Medien spekuliert, ob Macron schwul sei und ein illegales Bankkonto auf den Bahamas unterhalte. Seine Gegenkandidatin um das wichtigste französische Amt, Marine Le Pen, griff die Vermutung, Macron lege sein Geld auf den Bahamas an, sogar im letzten TV-Duell auf.

Ein Unterstützer des "Rapid Response Mechanism" ist der französische Präsident Emmanuel Macron. Im französischen Präsidentschaftswahlkampf Ende 2016 und Anfang 2017 litt er selbst unter Falschinformationen, die unter anderem von Medien, die aus Russland finanziert werden, verbreitet wurden. In den letzten Tagen des Wahlkampfs wurde in europäischen Medien spekuliert, ob Macron schwul sei und ein illegales Bankkonto auf den Bahamas unterhalte. Seine Gegenkandidatin um das wichtigste französische Amt, Marine Le Pen, griff die Vermutung, Macron lege sein Geld auf den Bahamas an, sogar im letzten TV-Duell auf.




Aus: "G7 wollen Abwehrsystem gegen Fake-News" (9. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-06/g7-abwehrsystem-fake-news-russland


Click and elect: how fake news helped Donald Trump win a real election
Hannah Jane Parkinson ( Mon 14 Nov 2016 16.27 GMT
Last modified on Fri 9 Feb 2018 19.01 GMT)
https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/nov/14/fake-news-donald-trump-election-alt-right-social-media-tech-companies


Pentagon veröffentlicht Joint Vision 2020
Georg Schöfbänker (08.06.2000)
Neue Perspektiven für den militärischen Informationskrieg
https://www.heise.de/tp/features/Pentagon-veroeffentlicht-Joint-Vision-2020-3447269.html

US-Cyber-Krieg über Facebook und Co. Angriff der Sockenpuppen (Donnerstag, 17.03.2011)
Schlachten werden auch über Facebook und Twitter geschlagen - das haben die Revolutionen Arabiens bewiesen. Cyber-Krieger im Pentagon haben nun Software bestellt, mit der sie Meinung im Netz manipulieren können - in Farsi, Arabisch, Urdu und Paschtu. In den USA selbst wäre das illegal.
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/us-cyber-krieg-ueber-facebook-und-co-angriff-der-sockenpuppen-a-751567.html


"Einmischungsversuche in Wahlen werden oft unterschätzt"
Dov H. Levin (23. Februar 2017)
 Russen und Amerikaner haben immer wieder versucht, fremde Wahlen zu beeinflussen. Auch in Deutschland. Wissenschaftler Dov H. Levin erklärt die Hintergründe. Interview von Tahir Chaudhry und Moritz Matzner
http://www.sueddeutsche.de/politik/wahlforscher-das-sollte-nicht-verharmlost-werden-1.3390497



« Last Edit: June 09, 2018, 11:05:39 AM by Link »

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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #85 on: June 18, 2018, 08:28:48 PM »
The Holberg Debate 2017: "Propaganda, Facts and Fake News" with J. Assange, J. Pilger & J. Heawood
At the 2017 Holberg Debate, Julian Assange, John Pilger and Jonathan Heawood discussed the presence of propaganda in news and social media, and its democratic implications.
The Holberg Debate 2017 is a collaboration between the Holberg Prize, the Fritt Ord Foundation and Norwegian PEN (Western Norway).
https://www.youtube.com/watch?v=LqEtKyuyngs

---

John Pilger (* 9. Oktober 1939 in Sydney, Australien) ist ein australischer Journalist und Dokumentarfilmer. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/John_Pilger

"John Pilger says what the other Press is too scared to say it" (08.04.2018 veröffentlicht)
https://youtu.be/pcAvyZpydNw

https://youtu.be/JfbTkwVp6nc

https://youtu.be/58ROlPPV9W8


---

"Inszenierte Offenheit: Der Spiegel im Dialog mit seinen Lesern" Paul Schreyer (23. Juni 2018)
Im Mai veranstaltete der Spiegel eine "Leserkonferenz", zu der die Redaktion etwa 150 Kritiker des Blattes eingeladen hatte. Ein Erlebnisbericht.
https://www.heise.de/tp/features/Inszenierte-Offenheit-Der-Spiegel-im-Dialog-mit-seinen-Lesern-4090474.html?seite=all

https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Inszenierte-Offenheit-Der-Spiegel-im-Dialog-mit-seinen-Lesern/forum-405119/comment/

Quote
     boecko, 23.06.2018 01:11 --- Schöner Bericht & eine Frage fehlt

Danke für die Einblicke!

Nur eine Frage hätte ich noch gestellt.

Warum der Spiegel sich einer Art Selbstzensur unterlegt?
Damit meine ich das gezielte Abschalten ihres (nicht sonderlich hübschen) Forums bei sensiblen Themen.

Das ist ja offensichtlich und wurde von David Kriesel beim CCC-Kongress dargestellt
http://www.dkriesel.com/spiegelmining

http://www.dkriesel.com/_media/blog/2016/spiegelmining-33c3-davidkriesel.pdf (Seite 39ff)



Quote
     zwi, 23.06.2018 05:36

Auch unter Gebildeten ist das Misstrauen gegenüber den Leitmedien verbreitet...

Der war gut.


Quote
     Hat se nicht alle, 23.06.2018 07:56

Beispiel für die Ignoranz gegenüber dem (ehemaligen) Leser

ich habe kurz nach der Ukraine Berichterstattung mein jahrzehntelanges Spiegel Abo mit dem klaren Hinweis gekündigt, man möge von Rückholversuchen und weiterer Werbung absehen und meine postalische Adresse löschen.

Bis zum heutigen Tag werde ich mit dümmlichen Versuchen über Umfragen und Geschenke mehr oder weniger verdeckt animiert erneut ein Abo abzuschließen. Alle darauf folgenden Anschreiben dies zu unterlassen verhallen im Nichts.

Wie blöd muss man den eigentlich sein, wenn man immer wieder versucht einen ehemaligen Kunden durch penetrantes Verhalten zurück zu gewinnen?


Quote
     BSEsel, 23.06.2018 08:10

Ich bin einfach älter geworden aber das ist nicht die Ursache für den Verzicht auf den Spiegel.
Früher habe ich sehr viel auch unterschiedliches (Konkret, Pardon, Zeit, Kursbuch,...) gelesen, der Spiegel hatte jedoch immer seinen festen Platz.
Irgendwann habe ich bemerkt, dass das Ganze zu einem Ritual ohne Sinn mutiert ist. Schlechte Artikel, idiotischer Habitus. ... Egal, inzwischen lebt es sich gut ohne das Mistblatt. Ab und zu sehe ich bei SPON was die da so verzapfen. Unfassbar, und ich schäme mich dann fast, diesen Dreck mal gelesen zu haben...


Quote
     Th1Meyer, 23.06.2018 08:58

Re: Ich bin eifach älter geworden...

Wenn ich mal überlege, dass Spiegelonline in den 2000ern die Hauptinfoquelle für mich war...
Entweder habe ich mich vollkommen geändert, oder irgendwas einschneidendes ist beim Spiegel passiert.


Quote
     Mausklicker, 23.06.2018 09:21

Re: Ich bin eifach älter geworden...

Ähnlich verhält es sich mit der Süddeutschen Zeitung.


Quote
     Momad, 23.06.2018 11:18

Re: Ich bin eifach älter geworden...

...geht mir auch so.

Wenn ich daran denke, dass ich 1962 für den Spiegel auf die Strasse gegangen bin, und sehe was schon seit einigen Jahren aus diesem Blatt geworden ist, kommt mir die Galle hoch.
Der Spiegel hat den damaligen Anspruch kritischer Berichterstattung zugunsten einer teilweise perfiden Zurschaustellung persönlicher Abneigungen, bzw. abgehobener transatlantischer Sichtweisen, aufgegeben.

Ich erwarte von keinem Presseorgan dass dieses meine (politischen, gesellschaftlichen, usw.) Auffassungen widerspiegelt - aber ein Mindestmass an sachlicher, hassfreier, umfassender Information erwarte ich. Diesbezüglich hat Der Spiegel derzeit nicht mehr zu bieten als Bild oder TAZ oder wie die alle heissen, die sich anmassen, alleinig das Weltgeschehen Interpretieren zu können und sich darin übertreffen wollen mich und andere Leser zu manipulieren.

Da, also in Der Spiegel, wird der faschistischen Putsch in der Ukraine vorbehaltlos als Befreiung und demokratischer Umsturz dargestellt.

Da wundert man sich über das Erstarken der rechtsradikalen (um nicht zu sagen in der Führungsstruktur neo-nazistischen) AfD, ohne das jahrelange Versagen der "bürgerlichen" Parteien in der sozialen Frage zu betrachten.

Da werden Kriege, sofern diese "gut" sind, also den Interessen des Kapitals und deren Wertvorstellungen entsprechen, als notwendig hingestellt. Hauptsache die geopolitischen Interessen der Atlantiker auf beiden Seiten des Teiches werden gewahrt (hat denn jeder Spiegel Redakteur Anteile an Ölkonzernen?)

Diese Liste liesse sich beliebig fortsetzen uns eine Veränderung ist, wie dem Artikel zu entnehmen, eher unwahrscheinlich, ehen Tünche.

PS.: Muss mal gesagt werden: Meinen Dank an Telepolis und deren Mitarbeiter für den Aufwand eine solche informierende Website am Leben zu erhalten.


Quote
     der_kleine_techniker, 23.06.2018 11:14

Nicht nur Bevormundung, sondern Erziehung durch Spiegel Artikel

Gerade das junge Magazin Bento instruiert seine Leser auf erzieherische Art und Weise. Dort wird einem wirklich gesagt wie man richtig zu denken hat und warum jede andere Denke falsch ist. Das kommt so teilweise wörtlich in den Überschriften. Aber bento ist eh ein Thema für sich.

Was einen freut, was einen wirklich freut, ist der Umstand, das der Spiegel den Liebesentzug, den ihn seine Leser angedeihen lassen, merkt. Wie Daenisch mal schrieb, der Spiegel liegt jetzt inzwischen in jedem Bahnabteil und Flughafenbar zu Ansicht aus, und wird dort nicht einmal mehr geklaut.



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« Last Edit: June 25, 2018, 12:56:20 PM by Link »

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« Reply #86 on: July 02, 2018, 12:27:33 PM »
"Die meisten Journalisten sollten unsicher sein und dies auch kommunizieren" Thomas Pany (30. Juni 2018)
Michael Meyen ist Professor für Allgemeine und Systematische Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Mitgründer des Netzwerks kritische Kommunikationswissenschaft.
Darüber hinaus ist er Autor der Bücher Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand und - zusammen mit Kerem Schemberger - "Die Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion. ...
Im Rahmen der Veranstaltung Russland: Eskalation im Medienkino in der Reihe Telepolis-Salon sprach Telepolis mit ihm über das Russland-Bild in deutschen Medien.
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Die-meisten-Journalisten-sollten-unsicher-sein-und-dies-auch-kommunizieren-4095271.html?seite=all

---


"Der ökonomischen Konzentration folgt die publizistische Konzentration" Marcus Klöckner (13. Juli 2018)
Die Marktmacht großer Verlag wächst weiter: Der Dortmunder Zeitungsforscher Horst Röper hat vor kurzem die Ergebnisse seiner aktuellen Untersuchung zur Konzentration auf dem Markt der Regional- und Lokalpresse bekanntgeben. Die Untersuchung, die Röpers Medienforschungsinstitut formatt alle zwei Jahre durchführt, zeigt einen Rekordwert. Der Gesamtanteil der 10 größten Verlagsgruppen liege nun bei knapp 62 Prozent, die Konzentration habe um 1,8 Prozentpunkte zugenommen, so Röper im Telepolis-Interview. Ein Gespräch über Monopole auf dem Zeitungsmarkt und den immer enger werdenden Meinungskorridor in der Presse. ...
https://www.heise.de/tp/features/Der-oekonomischen-Konzentration-folgt-die-publizistische-Konzentration-4099043.html

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Kommentar Kai Schächtele: "Zynismus der Medienwirklichkeit - Wir Journalisten können nicht so weitermachen wie bisher" (12. Juli 2018)
Im Deutschlandfunk [ ] sprach Stefan Koldehoff am Montag einen Kommentar über die von vielen „im Internet“ geäußerte Kritik, dass Medien über die eingeschlossenen Kinder in Thailand so viel berichten, über die Hunderten von Kindern, die im Mittelmeer ertrunken sind, aber fast nicht. Die Geschichten der Kinder, die im Mittelmeer sterben, sagte er, ließen sich nicht so medienwirksam erzählen wie die der Jungen aus der Höhle. Es gebe keine Gesichter, keine Geschichten, keine Bilder. „Und deswegen wird über diese Kinder – das ist der furchtbar zynische Teil der Medienwirklichkeit – auch weniger berichtet.“ ... Warum tun sich Medien genau damit so schwer: angemessen auf das zu reagieren, was im Moment um uns herum geschieht? ... Die Debatte um Thailand ist ja nur das Symptom. Die Ursachen wurzeln tiefer und gehen dem Selbstverständnis des journalistischen Kosmos ans Mark. Wir stehen gerade an einem Wendepunkt unserer Geschichte. Bernd Ulrich von der ZEIT schreibt in seinem sehr lesenswerten Essay „Wie radikal ist realistisch?“: „500 Jahre europäische beziehungsweise 100 Jahre westlich-amerikanische Dominanz gehen zu Ende – und schlagen zurück. Mehr und mehr wird die vom Westen betriebene Globalisierung dialektisch.“ Wir müssten nun anfangen, auch in den Medien über die wirklich existenziellen Probleme unserer Zeit zu sprechen. Die wahren Bedrohungen unserer Zeit sind nicht Terror oder Migranten – es ist der Klimawandel, der den Planeten für unsere nachfolgenden Generationen schlicht unbenutzbar machen und Flüchtlingsströme auslösen wird, gegen die sich unsere Enkel wünschen werden, sie hätten unsere Probleme von heute. ... Natürlich ist niemandem geholfen, wenn Journalisten politischen Kampagnen aufsitzen oder ihre Skepsis aufgeben. Aber es hat auch keinen Sinn, jede Debatte zu beenden, bevor sie begonnen hat, mit dem Hinweis auf die journalistische Praxis der vergangenen Jahrzehnte. Wir stehen an einer Zeitenwende. Wenn ich mich entscheiden muss, ob ich weiter Journalist bleibe in einem Betrieb, der nicht willens oder in der Lage ist, sich zu hinterfragen, oder ob ich Partei ergreife für den Kampf um die Lebensverhältnisse auf diesem Planenten und Humanität, muss ich nicht lange nachdenken. Dann kündige ich und werde Aktivist, der mit journalistischen Mitteln davon erzählt, vor welchen Herausforderungen wir gerade stehen und wie wir sie in den Griff bekommen können. ...
https://uebermedien.de/29692/wir-journalisten-koennen-nicht-so-weitermachen-wie-bisher/

Quote
Heinz Schnabel
12. Juli 2018 um 18:21 Uhr

Herr Schächtele sollte sich entscheiden: Aktivist oder Journalist.


Quote
B. Hellwig
12. Juli 2018 um 21:24 Uhr

Jubel, Trubel, Heiterkeit bedient die Ansprüche der konsumgesteuerten Spaßgesellschaft. Hunger, Elend, Tod sind unerwünschte, geflissentlich zu verdrängende Nebenerscheinungen.
Sie können zur Primetime auf dem einen Kanal den besten Bericht über den Klimawandel senden und zeitgleich wird auf einem anderen Kanal live über das stofftiergespickte Kinderzimmer des jüngsten britischen Thronfolgers berichtet. Klar, dass „he is soooo sweet“ in seinem Aston Martin-Bobby-Car mehr Zuschauer anziehen wird.
Andererseits, zeigen z. B. die aufwendigen Dokus von Hannes Jaenicke („.. im Einsatz für…“), dass es durchaus möglich ist, die Menschen für Umweltschutz und Kimawandel zu sensibilisieren. Selbst, wenn von 1 Million Zuschauern, nur einige Zehntausend künftig mehr mit dem Rad fahren, weniger Plastikkram verbrauchen, Fair-Trade-Produkte kaufen oder einsehen, wieviele „arme Schweine“ in ihrem tollen iPhoneX stecken, dann ist immerhin auch schon ‚was erreicht worden.


Quote
LLL
12. Juli 2018 um 21:46 Uhr

„Die wahren Bedrohungen unserer Zeit sind nicht Terror oder Migranten – es ist der Klimawandel, der den Planeten für unsere nachfolgenden Generationen schlicht unbenutzbar machen und Flüchtlingsströme auslösen wird, gegen die sich unsere Enkel wünschen werden, sie hätten unsere Probleme von heute.“

Durchaus zutreffend – allerdings fallen mir auch einige andere Themen ein, die ziemlich relevant sind, in den Medien aber nur ein Schattendasein führen. Um nur mal ein paar markante Beispiele zu nennen:

– Die seit vielen Jahrzehnten und im Grunde seit der Kolonialzeit betriebene Politik des Westens, durch offene und verdeckte Kriege sowie Geheimdienstoperationen und Unterstützung von Diktaturen oder Terrororganisationen starken Einfluss auf ganze Regionen zu nehmen – so etwa auf den Nahen Osten. Zahlreiche Probleme, die zu Flüchtlingsströmen führten, wurden so erst geschaffen. (Es gibt natürlich auch andere Akteure, die man kritisieren kann, aber der Westen spielt hier traditionell die „erste Geige“.)
Nur einige Beispiele: Hilfe beim erfolgreichen Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Syriens Schukri al-Quwatli 1949; Sturz des liberalen Ministerpräsidenten Mossadegh in Persien 1953; Beförderung Saddam Husseins an die Macht als Alleinherrscher (1963). Zumindest einige andere Beispiele dürften bekannt sein, etwa die Entstaatlichung ganzer Länder in jüngerer Zeit.

– Die langjährige Wirtschaftspolitik etwa der EU, die vielen Menschen in Afrika schlichtweg die Existenzgrundlage raubt.
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/freihandel-eu-importe-torpedieren-afrikas-wirtschaft-1.3314106

– Die Politik insbesondere der BRD, die aller Voraussicht nach de europäischen Währungsraum zerstören wird – mit verheerenden Folgen auch für Deutschland selbst.
https://makroskop.eu/2018/06/oekonomie-jenseits-der-schwaebischen-hausfrau/

Das – zusammen mit dem Klimawandel – wären wirklich wichtige und große Themen. In den Medien kommen sie eher am Rande vor. Donald Trumps Frisur oder die Eröffnung der grünen Wochen in Buxtehude scheint mitunter wichtiger zu sein.

Durch ihre Berichterstattung verzerren die Medien natürlich auch die Realitätswahrnehmung der Menschen. Ich erinnere mich noch, wie nach einer repräsentativen Umfrage der Zuzug von Osteuropäern als das größte Problem überhaupt angesehen wurde. Zu danken ist der damaligen CSU, die das Thema ganz groß auf die Agenda gesetzt hat – aber natürlich auch den Medien, die fleißig mitgemacht haben. Heutzutage kräht kein Hahn mehr nach dem Thema.


Quote
Gunter Frank
13. Juli 2018 um 10:44 Uhr

Michael Steinbrecher, der Journalismus lehrt, sagte mir einmal, dass man jungen Journalisten vor allem eine Haltung vermitteln muß, ganz so wie es auch dem Autor dieses Beitrages vorschwebt. Ich finde, dass ein Journalist, der ein Thema bearbeitet, nur eine Haltung haben sollte, nämlich gar keine. Hat er eine Haltung steht schon vor seiner Recherche die Überschrift fest. Das ist dann aber kein Journalismus mehr. ...


Quote
Andreas
13. Juli 2018 um 16:18 Uhr

Ich wundere mich vor allem darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit die Kinder in der Höhle in Thailand in eine Relation zu ertrinkenden Flüchtlingen gesetzt werden. Das ist das gleiche Muster, das Horst Seehofer eine Mitschuld am Tod eines abgeschobenen Asylbewerbers gibt.

An die Stelle einer sachlichen Diskussion über Probleme tritt immer mehr eine Moralisierung von Problemen. Wahrscheinlich weil es einfacher ist für den Denkapparat. Eine Beobachtung, die leider nicht nur auf die Kommentarspalten zutrifft, sondern auch für die Medien gilt. Es ist einfacher, über Trumps neue Aussetzer zu moralisieren, als sich ernsthaft mit den Hintergründen seiner Politik auseinander zu setzen. Es ist einfacher, erschüttert über die schrecklichen Erlebnisse Einzelner in Libyschen Lagern zu sein, als sich mit den gesellschaftlichen Strukturen auseinander zu setzen, die dieses Leid verursachen. Dieser Mechanismus gibt dem Populismus seine Durchschlagskraft.

Der vorliegende Artikel stößt in das gleiche Horn und er zeigt auch einen Folgeeffekt der Moralisierung: Immer mehr Menschen scheinen mit immer größerer Sicherheit zu wissen, was richtig und was falsch ist. Moniert wird, das auf einer Veranstaltung zu wenig Journalisten waren, was impliziert, das viel mehr hätten vor Ort sein müssen. Es ist die Rede von der Angemessenheit der Berichterstattung, was impliziert, dass glasklar ist, was angemessen ist und was nicht.

Unsere Gesellschaft wird immer komplexer, differenzierter, schwerer zu durchblicken. Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die den Durchblick haben. Über diesen Widerspruch liest man erstaunlich wenig im Internet. Ist halt ein schwieriges Thema.


...
« Last Edit: July 14, 2018, 12:23:42 PM by Link »

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« Reply #87 on: August 08, 2018, 01:01:14 PM »
Quote
[...] Politikwissenschaftler Thomas Kliche: Gerade Menschen, die Politik und Medien misstrauen, haben klammheimlich ein schlechtes Gewissen: Sie wissen, dass sie Mitschuld an der Sache tragen, und suchen einen Sündenbock. Die Menschen wissen ja, sie haben genau diese Politik seit Jahren immer wieder gewählt, bis es keine andere Art von Politik mehr gab. Sie wissen, dass sie selbst zu faul für zeitraubende Ämter und ätzende Parteiarbeit sind. Die Menschen wissen auch, dass sie Medien, besonders Fernsehen, zur Steuerung ihrer Gefühle einsetzen: Sie wählen Sendungen und Formate, die ihnen ziemlich berechenbar bestimmte Stimmungen und eine Bestätigung ihrer Sichtweisen verschaffen. Wer seine Ruhe haben will, schaut Köche, Volksmusik oder Schmalzfilme. Wer die Welt vor lauter künstlicher Aufregung vergessen will, schaut Horror und Weltuntergang. Wer seine eigenen abgedrehten Ansichten bestätigen möchte, taucht unter Gleichgesinnte ins Internet ab, etwa in das Netz der Populisten. Die anstrengenden Einzelheiten der Wirtschaftspolitik zum Beispiel interessieren kaum jemanden, aber alle haben hohe Erwartungen und eine Meinung dazu. Die Verachtung für Politik und Medien hat also bei vielen Menschen auch mit der eigenen Faulheit und Wirklichkeitsvermeidung zu tun.

Womit haben sich, wenn man das so sagen kann, Politiker und Journalisten ihr schlechtes Ansehen erarbeitet?

Durch Feigheit, Kurzsichtigkeit und Betriebsamkeit. Sie haben den Menschen die grundlegenden Steuerungsprobleme der Gesellschaftsordnung schöngeredet, sie haben sich von Krise zu Krise gehangelt und sie haben bis heute einfach weitergemacht, als hätte niemand die Erdstöße gespürt. Aber alle wissen inzwischen halb und halb bewusst: So geht es nicht weiter. Die Pole schmelzen, Plastik vergiftet die Ozeane, Hormone und Gülle verpesten das Trinkwasser, Industriestaaten sind überschuldet, Dieselbetrüger oder Banken oder Digitalkonzerne machen sich über den Rechtsstaat lustig, unsere Klamotten kommen aus Kinderarbeit, unsere Waffenexporte erzeugen Flüchtlinge. Diesen Tiefenbeben ist das Klein-Klein in Medien und Politik offenkundig nicht gewachsen. ... Die Menschen sind auf der Suche, voller verschobener Angst, viele suchen neue Wege. Wenn ein Macron oder ein Trump kommt oder eine Fünf-Sterne-Bewegung, gibt es rasch mal einen Erdrutsch. Es fehlt ein solidarisches, nachhaltiges Politikprojekt, das Mehrheiten ansprechen kann. Medien bieten in dieser Lage Argumente und Orientierung an. Sie steuern, zusammen mit Wissenschaft und Recht, unseren Interdiskurs, also den geistigen Raum wahrheitsfähiger Aussagen in unserer Gesellschaft. Je verrückter die kleinen Deutungsinseln im Internet werden, je weniger politische und wirtschaftliche Bildung viele Menschen haben, desto unersetzlicher wird der Interdiskurs als große Linie der Orientierung für alle. Medien mögen also Vertrauen bei manchen verlieren, aber sie gewinnen an Gewicht als selbstverständliche Grundlage unserer gesellschaftlichen Verständigung. Das sollten sie weitermachen, aber ruhigere, informativere und weisere Formate dafür suchen. Damit experimentieren sie, aber da stehen wir alle am Anfang.

... Die Diskussion über die großen Talkshows ist seit zehn Jahren überfällig. Da lassen sich eitle Streithähne von eitlen Moderatoren aufeinanderhetzen. Die machen regelrecht Themen, zum Beispiel seit Jahren durch etwa eine Talkshow zu Migration pro Woche. Die vermeintlich neuen Formen von Orientierung im Internet sind auf der anderen Seite gar nicht neu. Das sind ja vor allem zwei: Der Blogger tritt an die Stelle des Meinungsführers im Dorf, als dort halt nur einer überhaupt eine Zeitung hatte. Und die Echokammer, wo alle der gleichen Meinung sind, tritt an die Stelle der Sekten und der vielen abgelegenen Täler der Ahnungslosen. Beides gab es ja bis zum Ersten Weltkrieg gar nicht knapp. Beides wurde überwunden. Und heute stehen wir wieder in einem Lernprozess, wie wir eigentlich Wissen sinnvoll organisieren, ohne von den ganzen Eindrücken und Informationen blöd oder angeödet zu werden.

... Wir hatten ein Jahrzehnt, in dem eine Mehrheit auf stabiles, ruhiges Wachstum und bequemen Wohlstand großen Wert gelegt hat. Und jetzt stellen die Menschen auf einmal fest, dass Deutschland dadurch Probleme verschleppt hat und den Anschluss verpassen könnte, weil die Politiker gar keine Lösungen in der Tasche haben. Jetzt wollen sie langfristige Entwürfe, aber sie haben ja gerade Politiker gewählt, die damit nix am Hut hatten, vor allem Angela Merkel. Da herrscht eine tiefe Ernüchterung, und viele müssen jetzt erst wieder realisieren, dass man die eigentlichen Entscheidungen in der Demokratie nicht an die Politiker abschieben darf, sondern selbst mit Engagement und Wahl die Weichen stellt.

... In der Demokratie haben Menschen das Recht auf Blödheit und Verbohrtheit. Wir müssen stattdessen vernünftige Auseinandersetzungen, Wahrheitsliebe und Verantwortungsbewusstsein stärken. Das ist eine langfristige Aufgabe, für uns alle, besonders für die Bildungseinrichtungen.

... Es gibt aber einen Unterschied zu früheren Generationen: Willy Brandt stand für ein geschichtliches Programm von Befreiung und Gerechtigkeit, für den demokratischen Sozialismus. Solche Programme haben wir uns abgewöhnt, und jetzt fehlen sie uns. Was die Sozialdemokratie mit dem Kapitalismus national geschafft hat, nämlich ihn zu zähmen, das brauchen wir in den kommenden Jahren international.

Quote
momo

"Was die Sozialdemokratie mit dem Kapitalismus national geschafft hat, nämlich ihn zu zähmen, das brauchen wir in den kommenden Jahren international."
Diese Satz macht das gesamte - ansonsten gute Interview - total verwirrend. Die Sozialdemokratie hat überhaupt nichts gezähmt, sondern aus purem Opportunismus ihr letztes Stück Glaubwürdigkeit verloren. Das Finanzkapital hat weltweit alles unter Kontrolle und in Deutschland hat Schröder eben genau für dieses Finanzkapital Tor und Tür weit aufgemacht. Der Kanzler der Bosse wurde er aus gutem Grund genannt.


Quote
NewBambus

Ich glaube, Sie haben das mißverstanden. Hier war die SPD bis in die Regierungszeit Schmidt gemeint. Damals waren Marktwirtschaft und Soziales in einer besseren Balance als später oder heute.
Rot-Grün unter Schröder hat dann Vieles falsch gemacht und zu Lasten der Menschen in vermeintlichem Reformeifer dem Kapital wieder viel Türen geöffnet, gerade aber für die Schwachen in der Gesellschaft viele geschlossen. Daran tragen wir noch heute.


...


Aus: " Medienkritik „Manche alten Formen erzeugen Brechreiz“" Bernhard Honnigfort (08.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/kultur/netz-tv-kritik-medien/medien/medienkritik-manche-alten-formen-erzeugen-brechreiz-a-1558775

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« Reply #88 on: August 23, 2018, 08:07:46 AM »
Quote
[...] Zum Glück, sie haben die blonde Britin aus dem Mittelmeer gerettet, die von einem Kreuzfahrtschiff betrunken ins Meer gestürzt war. Die Weltpresse berichtet, CNN, "Hindustan Times", "The Australian Financial Review", die nigerianische Tageszeitung "The Punch" und sogar exotische Publikationen wie die "Passauer Neue Presse" (SPIEGEL ONLINE natürlich auch).

Die Frau wird interviewt, Seenotrettungsexperten werden befragt, Tipps werden veröffentlicht, wie man sich allein auf hoher See verhalten sollte. Ranglistenhaft werden jene Menschen aufgezählt, die am längsten in Seenot überlebt haben. Buchautor Sebastian Fitzek wird gefragt, weil er 2014 einen Thriller mit einem Kreuzfahrtschiff schrieb ... . Die zehnstündige, am Ende glückliche Seenotrettung durchmisst einen ganzen sogenannten "Nachrichtenzyklus".

In praktisch keinem Artikel wird das eigentlich Offensichtliche erwähnt: Die langwierige, aufwendige Rettungsaktion der Frau im Mittelmeer steht in direktem Kontrast zur fortwährenden Katastrophe ertrinkender Menschen im Mittelmeer und deren Seenotrettung.

Seit Anfang 2018 sind mindestens 1500 Menschen, Männer, Frauen, Kinder im gleichen Meer ertrunken, aus dem die britische Frau gerettet wurde. Der Kapitän des Rettungsschiffes sagte, es sei ein unvergleichliches Gefühl, ein Menschenleben gerettet zu haben. Man stelle sich vor, sie hätten statt der Britin aus Versehen eine dahintreibende Frau aus dem Tschad entdeckt, dem gleichen Kapitän würde eine Anklage drohen.

Es ist einigermaßen schwierig, nicht zynisch zu werden, wenn man sich den Unterschied vor Augen führt: Deutschland diskutiert offenbar ernsthaft darüber, ob Seenotrettung sinnvoll sei - bei schwarzen Flüchtlingen. Die aufwendige Rettung einer Britin dagegen wird medial geradezu gefeiert. Es ist nicht so, dass über Flüchtlingsrettung wenig geschrieben wird - aber es wird in verstörend anderem Ton darüber berichtet.

Aus meiner Sicht gibt es für diese Unwucht mehrere Gründe, zwei davon möchte ich herauspicken:

Einer ist die Übermedialisierung der Welt. Der normale Kontakt mit Nachrichten bestand in Deutschland in den Achtzigerjahren aus einer Morgenzeitung, Radionachrichten im Auto und der Tagesschau am Abend. Vielleicht noch ein wöchentliches Magazin.

Der normale Kontakt mit Nachrichten im Jahr 2018 ist eine tägliche Flut von Stakkatonews im Minutentakt, hauptsächlich auf dem Smartphone, in Apps, Social Networks, Streams, auf Nachrichtenseiten und in Messengern, verteilt von Journalisten, Feeds, Eilmeldungs-Benachrichtigungen, Friends und diesem nervigen Onkel, der dauernd Artikel zu Ausländerkriminalität mit vielen roten Ausrufezeichen versendet, seit man ihm auf einem Familienfest erklärte, dass man sich eher den linken Arm abschneiden würde als AfD zu wählen (den rechten Arm bräuchte man ja noch, wenn die AfD gewinnen sollte).

Diese Übermedialisierung verändert nicht nur die Nachrichten, weil oft in schnellerem Takt Neues berichtet werden muss, als sinnvolle Neuigkeiten zu einer großen Nachrichtenlage überhaupt entstehen. Die Übermedialisierung verändert auch die Wahrnehmung des Weltgeschehens durch die Menschen. Kurt Tucholsky zitiert 1925 in seinem Zeitungsartikel "Französischer Witz" einen Diplomaten: "Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Statistik!" Mit dem Schicksal Einzelner kann man sich leichter identifizieren als mit dem Schicksal einer großen Zahl von Menschen, das ist nicht neu.

Aber durch den Katastrophendauerhagel wird eine gewisse Abstumpfung vorangetrieben. Und zwar eine sehr spezifische: Ich unterstelle freundlich, dass sich eigentlich fast jede Person ihre Menschlichkeit bewahren möchte - aber durch die Nachrichtenflut ist es nicht möglich, auf jedes Katastrophenopfer gleich zu reagieren. Man ist gezwungen zu filtern, also: Opfer nach Relevanz zu sortieren.

Je näher einem die Opfer sind, je stärker man sich mit ihnen identifizieren kann, umso größer die Nachricht und auch ihre Wirkung beim Publikum. Je abstrakter, je ferner, je weniger man sich mit Opfergruppen identifizieren kann, umso leichter lassen sie sich nachrichtlich überfliegen - einer der Gründe, warum die kleine Zahl von nicht weißen Menschen in großen Redaktionen ein Problem ist. Was direkt zu einem zweiten Grund für die nachrichtliche Unwucht zwischen der Rettung einer blonden Britin und der Rettung schwarzer Migranten führt (in Redaktionen wie beim Publikum):

Rassismus. Rassismus ist nicht denen vorbehalten, die hauptberuflich Vollzeit für die Versklavung oder Ermordung von nicht weißen Menschen eintreten. Rassismus hat keinen An-Aus-Schalter, es gibt ihn in vielen, auch subtilen Formen. Eine sehr wesentliche ist der unterschwellige, sogar unbewusste Rassismus. Selbstverständlich wirkende Denkmuster, die man nur schwer entlarven kann, die aber im Kern Rassismen enthalten. Die Bewertung von Menschen nach Herkunft und Hautfarbe.

Rassistische Muster sind viel tiefer im alltäglichen Empfinden verankert als sich Nichtbetroffene eingestehen möchten. Ich weiß das, weil ich solche Muster bei mir selbst immer wieder entdecke. Einige Zeit nach dem ersten Anschlag islamistischer Massenmörder in Paris war in den Radionachrichten von vielen Toten bei einem Attentat die Rede. Ich kann mich noch an das spontane Gefühl einer gewissen Erleichterung erinnern, als es "nur" Afrika war und nicht wieder Paris. Den eigentlich perversen und durchaus rassistischen Aspekt meiner Erstempfindung erkannte ich zu spät.

Das hat auch mit der Nähe zu tun. Durch die Übermedialisierung ist man gezwungen, konzentrische Kreise der Relevanz um sich herum zu ziehen, und damit gewissermaßen eine Art Opferrangliste zu erstellen. Aber diese Relevanz hat meiner Ansicht nach bei den meisten Menschen - auch bei mir - eine Komponente der Selbstähnlichkeit. Und ich bin so weiß, ich brauche sogar im Mondlicht Sonnencreme, um Trevor Noah zu zitieren.

Es geht mir nicht darum, alle Journalisten als rassistisch zu bezeichnen, die über die britische Frau berichteten, ohne an ertrinkende Flüchtlinge auch nur zu denken. Ich selbst habe diese eigentlich absurd offensichtliche Parallele überhaupt erst anhand eines Tweets erkannt. https://twitter.com/Linuzifer/status/1031626100630282240 Aber man kann Rassismen verinnerlichen, damit denken und handeln, ohne es zu bemerken.

Sehe ich mich als Rassist? Nein. Enthält mein Denken rassistisch wirksame Muster? Natürlich. Der Kampf gegen Rassismus besteht deshalb nicht nur darin, offenen Rassisten entgegenzutreten, sondern auch, rassistische Denkmuster, Strukturen, Selbstverständlichkeiten zu entlarven und immer wieder zurückzudrängen, auch bei sich selbst. Am besten ohne Selbstmitleid oder Triumphgeheul.

Das verbreitete Gefühl, etwa, seit der Verbreitung der sozialen Medien würde ständig überall "Rassismus!" gemeldet - ist richtig. Der Ursprung davon ist zum einen die höhere Sensibilität gegenüber Rassismus und zum anderen die tatsächliche Allgegenwart von rassistischen Mustern, Denkfiguren und Handlungen. Man konnte sie vor Social Media bloß leichter ignorieren. Als weiße Person.

Diese beiden Effekte - verdeckte Rassismen und Übermedialisierung - greifen ineinander, verschmelzen und beeinflussen sich gegenseitig, deshalb kann man auch das eine nicht als Entschuldigung oder zur Entlastung verwenden. "Das ist keine rassistische Empfindung, mir ist bloß die weiße Britin näher als der schwarze Togoer" - das ist ein falscher Selbstfreispruch.

Umgekehrt ist man aber eben auch nicht zwingend Rassist, wenn man die Kreuzfahrt-Story intensiv verfolgt hat, von ertrinkenden Migranten dagegen nichts mehr lesen möchte. Man ist dann aber durch die Übermedialisierung rassistischen Bewertungsmustern erlegen.

 Das Internet und die soziale Medien haben durch ihre Intensität und Taktung eine Überdosis Weltgeschehen zur Normalität gemacht. Die Reaktionen darauf, die journalistische und die des Publikums, erscheinen mir noch zu reflexhaft und auf althergebrachte Maßstäbe fokussiert. Das tägliche Nachrichtensteak ist zum minütlichen Newsbrei geworden - und wir sitzen noch immer mit Messer und Gabel da.

Natürlich muss man sich vor zu viel Horror schützen, vor zu viel bitterem Weltgeschehen in mitgefilmter Nahaufnahme. Natürlich braucht man einen persönlichen Filter, was man an sich heranlässt und was nicht. Aber nicht die Existenz des persönlichen Filters, der redaktionellen Auswahl ist problematisch - sondern wenn man nicht realisiert, nach welchen Kriterien das funktioniert. Und nur deshalb so tun kann, als hätte die Seenotrettung einer weißen Britin nichts mit der Seenotrettung schwarzer Migranten zu tun.


Aus: "Die Unwucht in unserer Wahrnehmung" Eine Kolumne von Sascha Lobo (22.08.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/seenotrettung-im-mittelmeer-eine-unwucht-in-unserer-wahrnehmung-a-1224329.html

http://www.spiegel.de/forum/netzwelt/seenotrettung-im-mittelmeer-die-unwucht-unserer-wahrnehmung-thread-792870-1.html

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« Reply #89 on: September 02, 2018, 12:13:38 AM »
"ARD-aktuell: Der Tötungsfall in Offenburg" Dr. Kai Gniffke (18. August 2018)
Uns erreichen auf verschiedenen Wegen Publikumsreaktionen, die nicht nachvollziehen können, warum wir über die tödliche Attacke auf einen Arzt in Offenburg nicht in der Tagesschau berichtet haben. ... Wir berichten in der Tagesschau über Dinge von gesellschaftlicher, nationaler oder internationaler Relevanz. Dinge, die für die Mehrzahl der rund 83 Millionen Deutschen von Bedeutung sind. Dabei können wir nicht über jeden Mordfall berichten. Ich glaube, da würde wohl auch die Mehrzahl unserer Kritiker noch mitgehen. Wo die Meinungen auseinander gehen, ist die Frage, ob wir darüber berichten sollten, wenn es sich beim Tatverdächtigen um einen Asylbewerber handelt. Aus meiner Sicht sollten wir das dann tun, wenn Asylbewerber überproportional an Tötungsdelikten beteiligt wären. Das ist, soweit wir es recherchieren können, nicht der Fall. Deshalb haben wir uns gegen die Berichterstattung entschieden.
So, und nun kommt ein Satz, der mir ganz wichtig ist. Es haben all diejenigen Recht, die sagen, dass der Arzt heute noch leben würde, wenn dieser Flüchtling nicht ins Land gekommen wäre. Stimmt, ganz klar. Aber ich sage ebenso deutlich, dass auch das für mich noch keine Begründung ist, über einzelne Kriminalfälle in der Tagesschau zu berichten, weil das gilt, was ich oben beschrieben habe. Ausdrücklich erkenne ich an, dass es absolut legitim ist, uns danach zu fragen. Wer uns wegen unserer Haltung beim Fall Offenburg kritisiert, ist kein Rassist. Dabei lasse ich jetzt mal die Zuschriften außer Acht, die uns vorwerfen, statt über Offenburg über den Tod einer „farbigen“ Musikerin namens Aretha Franklin berichtet zu haben.
Auch wenn wir bei Vorfällen wie in Offenburg traurig oder wütend sind, versuchen wir weiterhin nach journalistischen und ethischen Prinzipien unabhängig und unvoreingenommen zu berichten. Das ist das, was das Publikum von uns zu Recht erwarten darf. ...

https://blog.tagesschau.de/2018/08/18/der-toetungsfall-in-offenburg/

Quote
2: Jürgen Weiß: 18. August 2018 um 17:02 Uhr

Danke für diese gute und abgewogene Klarstellung.


Quote
20: S. Brendel: 18. August 2018 um 17:30 Uhr

Absolute Zustimmung! Als nächstes verlangt jede gesellschaftliche Gruppierung ihre eigene Norm wer wann
worüber zu berichten hat. ...


...

---

Quote
[...] Westliche Doppelmoral: Saudi-Arabien, Russland und Syrien  ... In die aufgeladene Stimmung mit starker Schwarz-Weiß-Malerei zwischen dem Westen und Russland passt, dass Saudi-Arabien die Repression im Inneren weiter anzieht, nachdem sowieso schon Bürger- und Frauenrechtler verfolgt, eingesperrt und mit hohen Strafen verurteilt wurden. Jetzt wurde ein Gesetz eingeführt, nach dem diejenigen, die Satire online veröffentlichen, mit 5 Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe vonrechnen müssen, wenn dies die "öffentliche Ordnung" stört. Und das geht weit, alles, was "die öffentliche Ordnung, religiöse Werte und die öffentliche Moral lächerlich macht, provoziert und stört", kann bestraft werden. Der junge Kronprinz Mohammed bin Salman setzt auf die harte Hand, um das rückwärts gewandte theokratische Regime bei aller technischen Modernisierung zu verteidigen. Und er kann das mit der Duldung der westlichen Staatengemeinschaft machen, die ihre angeblichen Werte nur dort kraftvoll zur Geltung bringt, wo es ihr geopolitisch und wirtschaftlich nicht schadet. ...


Aus: "Westliche Doppelmoral: Saudi-Arabien, Russland und Syrien" Florian Rötzer (05. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Westliche-Doppelmoral-Saudi-Arabien-Russland-und-Syrien-4155121.html

Quote
     Trumpelstilzchen, 05.09.2018 08:08

Doppelmoral ist der völlig falsche Begriff, denn moralische Kategorien spielen überhaupt keine Rolle, es sei denn zur Manipulation des Pöbels...


Quote
     stony246, 05.09.2018 09:24

Es geht nur um Geschäfte

Dafür, dass der militärisch industrielle Komplex einen Haufen Geld verdient, dafür dass die Mitglieder der politischen Führung daran mitverdienen, und dass die Wirtschaft der USA angekurbelt wird. Und der gemeine Bürger zahlt das über seine Steuern, während die reiche Elite immer mehr von Steuern entlastet wird.

Und wenn dafür ein paar hunterttausend Menschen getötet werden und Millionen um ihre Existenz gebracht und vertrieben werden: Wo cares? Denn wir sind ja per Definition die Guten.


Quote
     Der Terrier, 05.09.2018 08:14

ja ja Doppelmoral

Bei TP hat es doch bisher niemanden gestört das Russland und Diktator Assad in Syrien verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Die Friedensbewegten, Russlandfreunde und Linke hetzen immer nur gegen den Westen.

Die von Assad und Russland ermordeten Kinder in Syrien hat doch hier bisher keinen interessiert.


Quote
     Angestalt, 05.09.2018 08:22

Re: ja ja Doppelmoral

...leider hat Telepolis nicht die Reichweite anderer Medien. Wenn ich Ihre Kritik auf diese anpasse liest die sich so:

Bei ZON/SPON & Co hat es doch bisher niemanden gestört das Saudi Arabien & US-Konsorten im Jemen Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Die Neoliberalen, US-Freunde und als Linke getarnte Kriegstreiber hetzen immer nur gegen den Russlad und Iran.

Die von Saudi Arabien ermordeten Kinder im Jemen haben doch bisher keinen interessiert.


etc.
« Last Edit: September 05, 2018, 11:24:33 AM by Link »

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« Reply #90 on: September 05, 2018, 11:52:01 AM »
Quote
[...] Spiegel Online ... wo nervtötende bewegte Werbeflächen ein konzentriertes Lesen der Texte erheblich behindern. Um lesen zu können, müssen Leser das Browserfenster auf die Breite der mittleren Spalte reduzieren. Adblocker sind nicht mehr möglich. Statt sich zu fragen, warum die Leser Adblocker nutzen wollen, sperrt Spiegel Online deren Nutzer aus.

Weil die Verzweiflung offenbar groß und die Werbeflächen immer noch nicht genug Umsatz bringen, führte Spiegel Online die Werbung über die gesamte Seitenbreite ein - quer über die mittlere Textspalte. Erstmalig am 07.07.2018 stellte Spiegel Online eine solche Maximalwerbung für den BMW i8 Roadster in den oberen Bereich der Startseite. Vom ersten Artikel war nur noch ein 2-Zeiler zu sehen, dann folgt die riesige Werbefläche, und erst nach dem Herunter-scrollen ging es redaktionell weiter.

Bemerkenswert bei dieser Werbung: Versteht sich Spiegel Online als Medium für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos? Das würde die wirtschaftspolitische Ausrichtung erklären. Andererseits zeigte Spiegel Online am 27.08. eine ebenso bildschirmfüllende Werbung für eine Casting Show, die die entgegengesetzte Zielgruppe anspricht. Nach der Devise "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" erklärt das viele Werbekunden-orientierte Minnesänger Artikel - und fehlende kritische Inhalte.

Die experimentelle Spiegel-Tochter bento geht noch weiter und führt Leser mit "native advertising" in die Irre, also Werbe-Artikeln, die von bento Redakteuren im bento-Layout geschrieben werden, aber lediglich eine irreführende Werbung sind. In Printausgabe Nr. 17 / 2014 lehnte der Spiegel noch ab, was er unter Brinkbäumer, Hans und Hass einführte: "Eine Gefahr für den unabhängigen Journalismus ist das nicht - der findet hier ohnehin kaum statt.

... Symptomatisch für den journalistischen Niedergang des Spiegel ist die Kündigung des vielfach preisgekrönten Journalisten Harald Schumann. Dieser erlebte seit 1999, dass Artikel abgelehnt wurden, die "zu kritisch, zu links, nicht angepasst genug" waren. So schrieb Schumann u.a. einen positiven Artikel über Windkraft, den Chefredakteur Aust ablehnte. Dass Fass lief über bei der berühmt-berüchtigten Spiegel Ausgabe 14/2004 "Der Windmühlenwahn" mit einer "haarsträubend falschen und manipulierten Titelgeschichte mit gefälschten Fotos und gefälschten Zitaten". Chefredakteur Aust, der "seine Pferdezucht im Landkreis Stade von Windrädern bedroht sah" gab die Anweisung, die Windkraft niederzuschreiben.

Beim Berliner Journalistenpreis 2010 erläuterte Schumann auch, wie Banken / Konzerne / Anzeigenkunden Druck auf Redaktionen ausüben, um kritischen Journalismus zu verhindern.

Schumann erklärte: "Es ist in der deutschen Presse gang und gäbe, dass Chefredakteure oder Ressortleiter ihren Untergebenen sagen, wie sie zu denken haben. Dass Vorgaben gemacht werden, was sie recherchieren dürfen, und was nicht. Und dass viele junge Kollegen daran gehindert werden, überhaupt kritische Journalisten zu werden, weil ihre Vorgesetzten das gar nicht wollen." Hand in Hand mit dem Verlust der Glaubwürdigkeit geht die Distanz zu den Lesern. Kommentarfunktionen wurden weitgehend abgeschaltet. Auf der Facebook-Seite werden vorwiegend banale "Panorama"-Themen gepostet. Die "Leserkonferenz" (Paul Schreyer berichtete unter "Inszenierte Offenheit", Katrin McClean unter "Ein Dinner mit den Überzeugten") war eine Farce wie Merkels inszenierter "Bürgerdialog".

Fast alle Massen-Printmedien befinden sich in der Krise. Die Bild verlor in den letzten 20 Jahren zwei Drittel ihrer Leser. Die Druckauflage der Süddeutsche Zeitung sank in den letzten 10 Jahren um 36 Prozent, die des Handelsblatts um 52 Prozent und die der ZEIT um 11 Prozent. Fast alle Zeitungen und Magazine rechnen sich ihre Verkaufszahlen mit teilweise verschleuderten ePapers schön. Springer hat seine Immobilien bereits verkaufen müssen, die FAZ liegt nur noch knapp über 200.000 Exemplaren und kann ihr Verlagsgebäude nicht mehr halten, die Welt verkauft nur noch 86.000 Exemplare, die taz fiel unter 50.000 und bettelt immer offensiver um Spenden. Bei der Funcke-Gruppe und Madsack werden immer mehr Redaktionen zusammengelegt und Stellen gestrichen.

In diesem Umfeld geht es auch beim Spiegel wirtschaftlich seit etwa 10 Jahren bergab. Die Abonnentenzahl sank um 26 Prozent. Die Zahl der verkauften Hefte sank seit 2008 von über 1 Million um 30 Prozent auf 704.656 im 2. Quartal 2018. Von 2007 bis 2014 sank der Umsatz der Spiegel-Gruppe um rund ein Fünftel. Spiegel Online hat zwar erheblich hinzugewonnen und erzielt mit rund 40 Millionen Klicks pro Monat nach bild.de unter den Websites der Massenmedien die größte Reichweite, ist aber zu klein, um die Umsatzverluste vor allem beim alten Schlachtschiff - der Printausgabe - wettzumachen.

Konsequenz von Chefredakteur Brinkbäumer und Geschäftsführer Hass 2015: Jeder fünfte Vollzeit-Angestellte musste gehen, darunter 35 Angestellte aus der Redaktion. 2017 gab es Umsatzverluste von 11 Millionen Euro, die wahrscheinlich vor allem durch baldige Kündigungen kompensiert werden sollen.


Aus: "Neoliberaler Nachfolger für abgesetzten Spiegel-Chefredakteur" Jörg Gastmann (04. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Neoliberaler-Nachfolger-fuer-abgesetzten-Spiegel-Chefredakteur-4153348.html?seite=all

Quote
     sadbydefinition, 04.09.2018 15:24

"für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos"

    Versteht sich Spiegel Online als Medium für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos?

Der Print-Spiegel besteht doch seit Jahren schon gefühlt aus mehr Werbung für teure Uhren, Autos und sonstigen Luxus-Kram als aus echten Artikeln! Anscheinend sind Spiegel-Leser allesamt Millionäre...


Quote
     KarierterHut

mehr als 1000 Beiträge seit 15.07.2009
04.09.2018 15:49

    100 Permalink Melden

Re: "für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos"

... Nein. Solche Werbung und ähnlich gelagerte Zeitschriften (z.B. für Uhren und Hifi) sollen die weniger Vermögenden zu mehr Leistung anstacheln. Das ist die Möhre die man ihnen vor die Nase hält. Wer sich keine goldene Rolex kaufen kann der blättert wenigstens in einer Zeitschrift mit bunten Bildern und träumt davon.

Und die Werbung vom i8 soll ja nicht den Verkauf des i8 ankurbeln sondern die Marke BMW als ganzes innovativ und leistungsfähig erscheinen lassen. Daher macht die Anzeige schon Sinn.



Quote
     etwasvernunft, 04.09.2018 20:15

Das mit dem "zu Leistung anstacheln" halte ich für sekundär

Ziel ist, den Statuswert des Käufers zu heben. Denn wenn keiner weiß, dass es diese Artikel (Luxusautos, Uhren etc.) erstens gibt und zweitens wie sie aussehen, dann sind sie für ihre Träger wertlos. Dann sagt niemand Ahh und Ohh, was muss das für ein wichtiger Mensch sein. Es hat die gleiche Funktion wie das Schloss in feudalen Zeiten, denen wir uns mit Riesenschritten wieder annähern.


Quote
     Twistie2015, Bettina Hammer

04.09.2018 16:24

Re: "für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos"

sadbydefinition schrieb am 04.09.2018 15:24:

        Versteht sich Spiegel Online als Medium für die Zielgruppe potentieller Käufer von 155.000 € - Autos?

    Der Print-Spiegel besteht doch seit Jahren schon gefühlt aus mehr Werbung für teure Uhren, Autos und sonstigen Luxus-Kram als aus echten Artikeln! Anscheinend sind Spiegel-Leser allesamt Millionäre...


Eher nicht. Aber die Werbung ist ja zum einen gut um das steuerlich geltend zu machen für den Werbenden und funktioniert natürlich als Trigger - du siehst die Yacht oder die Rolex, begleitend gibt es dann die Prominews mit den Bildchen der Promis, die die Rolex tragen, mit Bildern von den Yachten, die gerade verkauft werden usw. Das wirkt als Anreiz - ach, hätte ich das nur auch. Dann ergibst du dich entweder in die Träume oder aber du versuchst, durch Arbeit auch so weit zu kommen.

In beiden Fällen wirst du aber nicht weiter die wenigen politischen Artikel lesen, egal wie einseitig, oder gar anfangen, diese kritisch zu begleiten.

Darum gibt es auch so viele Kommentare bei "in unserer WG will einer von uns nicht mehr putzen, was soll ich tun" oder "Brad und Angelina - Scheidungsverfahren wird schlimmer", während die wenigen politischen Artikel, die noch mit Foren aufwarten, verwaist sind.

Bento dagegen ködert die feministische Zielgruppe mit pseudofeministischen Artikeln über Menstruationsblutkunst, Schamlippenveränderung und Rasurverzicht (wie liberal, wie furchtlos, wow!) und lenkt sie brav auf Facebook und Co, wo noch diskutiert werden darf damit sich Spon rühmen kann, während sie aber kein Geld für Forenmoderation etc. ausgeben müssen.

die Themen werden kurz angerissen, in "ich finde auch..."-Manier abgehandelt und gut.

...


Quote
          fensterfisch, 04.09.2018 11:31

Vom "Sturmgeschütz der Demokratie" zur Güllepumpe des Neoliberalismus. Was für ein Abstieg.

Mfg FF


Quote
     Netzweltler, 04.09.2018 10:55


"Manager-Magazin" für neureichen Geldadel, "Spiegel" für den Pöbel aber inhaltlich auf gleicher Linie. So ist das in der neoliberal gehirngewäschten deutschen Gesellschaft.


Quote
     nt98b4, 04.09.2018 11:17

Re: "Manager-Magazin" für neureichen Geldadel, "Spiegel" für den Pöbel
Früher war es Bild für Herrn Maier und Spiegel für Dr. Maier.
So ändern sich die Zeiten...


Quote
     Naturzucker, 04.09.2018 09:30

    Beim Berliner Journalistenpreis 2010 erläuterte Schumann auch, wie Banken / Konzerne / Anzeigenkunden Druck auf Redaktionen ausüben, um kritischen Journalismus zu verhindern.

Harald Schumann über die "Innere Pressefreiheit" in Deutschland
Dankesrede von Harald Schumann, Preisträger Berliner Journalistenpreis 'Der lange Atem' 2010 - 1. Preis. Berlin, 03.11.2010
--> https://www.youtube.com/watch?v=xUc1zkO5QdA

Alleine der darin enthalteneLink war es wert, den Artikel zu lesen.


...

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« Reply #91 on: September 11, 2018, 02:00:09 PM »
Quote
[...] Nach einer legendären ZDF-Anstalts-Sendung im Januar 2015 , in deren Verlauf die Herren Uthoff und von Wagner mit ein paar Strichen die moralische Verkommenheit vieler eingebetteten Alpha-Autoren und stets bestens informierten Hauptstadtjournalisten an die Wand warfen und vor allem deren Nato-und CIA-PR herausstellten, begannen in Deutschland endlich ein paar Kollegen aus ihrem Tiefschlaf zu erwachen und gegen den Strich zu recherchieren.

Bald stießen sie im Internet auf ganz offen abgedruckte vertragliche "Spielregeln", die zunächst mal für festen Mitarbeiter des Springer-Verlags gelten. Seither wird da munter herumgefummelt und kalibriert von Seiten der Chefetagen und man möchte damit den Bürgern sagen, dass das doch alles nur vage Betriebsanleitungen seien, Orientierungshilfen für junge Mitarbeiter und eben nette Hinweise, Petitessen eigentlich, keiner Erwähnung wert.

... Es gehört zum Komplettversagen der Linken, dass sie sich die Sache mit der Lügenpresse von den Dumpfbacken der Pegida aus der Hand nehmen ließ und seither jede substanzielle Medienkritik mit einer umständlichen und würdelosen Distanzierung von der AfD einleiten muss. Da man diesen Kampf sang- und klanglos vergeigte, verliert sich das aktuelle Rückzugsgebiet des wahrhaftigen Journalismus im parzellierten Weltreich der Off-Medien und den Social-Media Magazinen, Blogs und Foren.

... Anstatt im Dienst und Geist der Dialektik zu streiten - es muss ja nicht gleich mit Hegel, Bloch und Adorno zu tun haben - und sich die Leviten zu lesen, versanden die Debatten im verzagt altklugen Sing-sang sermonaler Konsensmessen. In einer Endlosschleife spulen die Couchbesetzer ihre Sprachregelungen, Tabusetzungen und neofeudalen Moralcodes ab. Mit zelotischer Verbissenheit machen sich diese immer gleichen Infotainer jedes Thema zu eigen: Mietpreisbremse, nervöse Märkte, Soziales, Nullzinsrisiko, Fassbomben, hellenisches Klienteldrama und, logisch, ja, Bildung, Bürokratieabbau, Maidan, Maut, Entlastung der mittleren Einkommen, NSU, NSA, Flüchtlinge, Videobeweis, Biodiesel, Cum-Ex, Hitlers Sackratten und abgehängte Schlecker-Frauen.

In diesen Schlaflabors ("Da bin ich ganz bei Ihnen") hätte kein Scholl-Latour mehr Platz, kein Frank Schirrmacher, Jean Améry, kein Balzac, Grass oder Goethe. Hier sitzen die Duz-Freunde des Guten, Hayali und Seppelt und Theveßen und Kleber und Mascolo. Die so redlichen wie unsichtbaren echten Kollegen werden in Abwesenheit diffamiert als Verschwörungstheoretiker, Putin-Trolle, Europagegner und Rechts- oder Links-Populisten.

Zu Füßen der Raute zeigenden Freiheitsstatue in Apricot schwadroniert die Echokammerelite von der westlichen Wertegemeinschaft, der offenen Gesellschaft, des liberalen Pluralismus, der Entfaltung des Gender-Individuums, den freie Märkten und der Verteidigung irgendwelcher transatlantischer Ideale. Man kann es nicht mehr hören und nicht mehr sehen und nur hoffen, dass der Russe und sein Hacker endlich den Strom abstellen.

Auch kann man die staatliche Sprachverwahrlosung nicht mehr ertragen. Ich mag nur ein Beispiel anführen, nämlich die inflationäre wie beiläufige Erwähnung von den "Menschen, die sich abgehängt fühlen". Das bezieht sich offenbar auf die kleinen Trottel von der Straße, die da draußen hinter der Mattscheibe im Land herumstreunen und deren Einzelschicksale zwischen Jobcenter, Krankschreibung, Eckkneipe, Pflegeloch, Discounthallen und Teilzeitirrsinn verziffert werden.

Naht irgendeine Wahl überbieten sich die urplötzlich so volksnahen Empört-und-betroffen-zugleich-Groko-Charmeure darin, jetzt endlich diese verlorenen Seelen "abzuholen" und "einzufangen" und sie "zurück ins Boot" zu holen. Es ist auch die besorgte Rede von der "Augenhöhe" und davon, dass man die Mühseligen und Beladenen "wieder ernst nehmen" wird - also diese RTL-II-Gimpel, halb White Trash, halb dunkeldeutsches Pack.

Der Zynismus der christlich-liberalen Biomoralisten besteht darin, Millionen von Mitbürgern bis tief in den Mittelstand hinein das Recht abzusprechen, abgehängt zu SEIN. Mit perfider Arroganz werden die Abgehängten auf sich selbst zurückgeworfen. Anschluss verpasst? Euer Problem.

Mehr leisten, mehr Ego-Shooting, mehr Anpassung an unsere schöne neue Wertewelt, einfach mal ein bisschen durch die Institutionen marschieren wie Joschka auf seinem langen Weg in den Schoß seiner Ziehmutter Madeleine Albright, die 1996 meinte: "Ja, ich glaube, die halbe Million Kinder, die wegen der US-Irak-Sanktionen starben, waren den Preis wert." Ihr rundlicher Ziehsohn, einst Vietnamkriegsgegner, dann balkanischer Kriegstreiber und heute ein stirnrunzelnd halluzinierendes Nato-Strichmännchen residiert in einer abgedunkelten Villa im Berliner Nobelviertel Dahlem und bezieht Entgelte von bis zu 30.000 Euro für trostloses Geschwätz.

Fischer wie Schröder oder das Elend namens Scharping sind gloriale Beispiele dafür, wie sich die parlamentarische Betriebsamkeit in eine jämmerliche Simulation von Demokratie verwandelt hat. Gerade die rotgrünen Anteile unseres Wahrheitsregimes tun sich hervor dabei, inzwischen jedes freie frische Denken zu konfiszieren und real-bestehende Interessengegensätze und Widersprüche zu kaschieren.

... Ach ja, der Journalismus: Diese hypnotisierten Top-Schreiber bei Zeit, FAZ, Welt, Spiegel, SZ und wer sich im Wendekreis des Talentschuppens des moralisch verwahrlosten Irrsinns sonst noch nährt, hätten es zu Willy Brandts Zeiten mit einiger Mühe gerade noch in die Rubrik "Vermischtes" geschafft.

...


Aus: "Two Riders were approaching: Der Anfang vom Ende der deutschen Medien" Wolf Reiser (11. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Two-Riders-were-approaching-Der-Anfang-vom-Ende-der-deutschen-Medien-4158735.html?seite=all

Quote
     NullNullNull, 11.09.2018 00:56

Erfrischend

...


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« Reply #92 on: September 22, 2018, 04:32:06 PM »
Quote
Leitlinien der Redaktionen von ZEIT und ZEIT ONLINE

 

„Das Wesen des Liberalismus ist es, abweichende Ideen nicht zu diffamieren und Kritik an Bestehendem nicht als Ketzerei zu verfolgen, sondern die Minderheiten zu schützen und Offenheit zum Gegensätzlichen zu praktizieren.“

Marion Gräfin Dönhoff

 

1) Alle Redaktionen von ZEIT und ZEIT ONLINE sind unabhängig. Unser Journalismus ist weder politischer noch wirtschaftlicher oder anderer äußerer Einflussnahme unterworfen. Auf dieser Unabhängigkeit sowie auf der Seriosität und Unvoreingenommenheit unserer Recherchen beruht die Glaubwürdigkeit unserer Arbeit.

2) Wir kritisieren unerschrocken, aber scheuen uns auch nicht, für jemanden oder für etwas zu sein. Unser Journalismus hat keine festgelegte Linie, aber einen Standort. Er ist liberal, ideologiekritisch, weltoffen, unverrückbar demokratisch und sozial. Eine nachhaltige und friedliche Entwicklung der Welt ist uns wichtig.

3) Wir verteidigen die Meinungsfreiheit. Diese findet ihre Grenzen dort, wo die Menschenwürde verletzt oder die Privat- und Intimsphäre missachtet wird. Wir lassen Fairness walten und achten auf die Verhältnismäßigkeit unseres Urteils.

4) Wir verstehen uns als Plattform für den demokratischen Diskurs in unserer Gesellschaft. Wir bieten ein Forum für Debatten, die von gegenseitigem Respekt geprägt sind – zwischen öffentlich Handelnden, unseren Leserinnen und Lesern und unseren Redaktionen, in der Zeitung, online und im persönlichen Austausch. Wir laden andere ein, unseren Journalismus mit ihrem Wissen und ihren Einschätzungen zu bereichern.

5) Konformismus macht uns skeptisch, wir schätzen die Kontroverse. Wir pflegen die Pluralität der Meinungen, inhaltliche Differenzen stellen wir zur Diskussion und bitten unsere Leser um Widerspruch und Ergänzung.

6) Auch die Arbeit in der Redaktion ist geprägt von einem respektvollen Umgang miteinander. Diskussionen werden offen geführt und lassen Kritik stets zu.

7) Wir berichten aktuell. Wir bestehen auf der Genauigkeit der Fakten und Gedanken. Beim Verbreiten von Nachrichten, die wir nicht selbst überprüfen können, stützen wir uns auf mindestens zwei unabhängige Quellen und weichen von diesem Prinzip nur in begründeten Fällen ab. Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit. Jeder Beitrag, jeder Liveblog-Eintrag, jede Smartphone-Mitteilung wird gewissenhaft geprüft und redigiert. Wir arbeiten transparent. Fehler räumen wir ein und korrigieren sie umgehend.

8) Wir recherchieren, analysieren und argumentieren. Wir schätzen die aufwendige Reportage, die investigative Recherche, den scharfsinnigen, faktengestützten Kommentar und Essay, die tiefgreifende Datenvisualisierung, das ausführliche Gespräch – in Form von Text, Bild, Video und Audio. Wir legen besonderen Wert auf eine akkurate, schöne und lebendige Sprache sowie auf eine anspruchsvolle und überraschende Gestaltung. Neuen Formen des Journalismus und der Interaktion, neuen digitalen Medien und Plattformen stehen wir offen gegenüber. Mit alldem informieren wir unsere Leser und regen sie zu neuen Gedanken an. Wir bevormunden unsere Leser nicht, wir wollen ihnen Material an die Hand geben, damit sie sich eine eigene Meinung bilden können.

9) Wir bilden die vielen Lebenswirklichkeiten und Interessen unserer Gesellschaft ab. Mit der Auswahl von Themen, Protagonisten und Autoren spiegeln wir die Vielfalt von Lebensentwürfen, Überzeugungen und Erwartungen aller sozialen Gruppen wider.

10) Redaktion und Verlag sind getrennt. An kommerziellen Aktivitäten des Verlages beteiligen sich die Redakteurinnen und Redakteure nur dann, wenn dadurch ihre journalistische Unabhängigkeit nicht beeinträchtigt wird. Redaktionelle Inhalte und Werbung trennen wir gut sichtbar voneinander.


Aus: "Leitlinien der Redaktionen von ZEIT und ZEIT ONLINE" Giovanni di Lorenzo und Jochen Wegner (22. September 2018)
Giovanni di Lorenzo und Jochen Wegner 22. September 2018 um 14:00 Uhr   
Zum ersten Mal in der Geschichte unseres Hauses geben sich ZEIT und ZEIT ONLINE gemeinsame redaktionelle Leitlinien. Sie gelten für alle journalistischen Print- und Onlinemedien unserer Verlagsgruppe, die die „ZEIT“ in ihrem Namen tragen, und formulieren einen Anspruch an uns selbst. Wir haben sie im vergangenen halben Jahr immer wieder in unseren Redaktionen diskutiert und viele Anmerkungen berücksichtigt.
Die Leitlinien liegen ab sofort den Arbeitsverträgen für Redakteurinnen und Redakteure bei und werden im Intranet der ZEIT veröffentlicht. Aus Gründen der Transparenz dokumentieren wir sie auch hier öffentlich in unserem Blog Fragen der ZEIT.
Quelle: https://blog.zeit.de/fragen/2018/09/22/leitlinien-der-redaktionen-von-zeit-und-zeit-online/

Quote
  Snorrt #53

Die Leitlinien klingen sehr vernünftig und wie ein Muster für guten Journalismus. Dazu Daumen hoch und die Hoffnung, dass sich vor allem Pluralismus und Unabhängigkeit halten – ich halte diese beiden Punkte für elementar.
Kritisch gesehen fällt als Leser aber auf, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit oft ganz schöne Lücken klaffen.
Positiv fällt auf, dass die Zeit den Mut hat, Kommentare ihrer Leser zuzulassen, dennoch aber ein Mindestmaß an Etikette und Sachlichkeit durchsetzt.
Für mich kann ich nur sagen: Die Zeit ist und bleibt mein Medium für Informationen, oft gerade wegen der in den Kommentaren enthaltenen unterschiedlichen Blickwinkeln, die das eigene Weltbild doch erheblich erweitern.

Fazit: Weiter den Anspruch hochhalten, auch kontroverse Themen und Meinungen zulassen.


« Last Edit: September 22, 2018, 04:34:42 PM by Link »

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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #93 on: September 24, 2018, 10:48:09 AM »
"Qualität von Lokalzeitungen: Bloß nicht kritisieren" Rita Lauter (23. September 2018)
Glaubwürdig, aber ängstlich. Einer Studie zufolge berichten viele Lokalzeitungen zu unkritisch und scheuen sich vor Kommentierungen. ... Mehr als 100 Lokalzeitungen und Lokalausgaben von Boulevard- und überregionalen Blättern sowie deren Onlineausgaben wurden für die Studie ausgewertet, über 18.000 Artikel wurden analysiert. ... Einige Redaktionen schrieben demnach häufiger unausgewogene Texte, ließen bei umstrittenen Themen nur eine Seite zu Wort kommen oder "lassen sich vor den Werbekarren spannen", heißt es vonseiten der Universität. Kritisch berichtet sei kaum worden. ... Ein Grund dafür mag sein, dass gerade im Lokalen die Angst der Redaktionen verbreitet sein könnte, größere Teile ihrer Leserschaft mit einem Kommentar so zu verärgern, dass sie ihr Abo kündigen. Oder aber, dass einflussreiche Werbekunden ihre Anzeigen zurückziehen. Auch die Sorge, dass Lokalpolitiker oder ortsansässige Unternehmerinnen aus Verärgerung keine Interviews mehr geben, könne eine Rolle spielen, sagt Wagner. Möglicherweise haben Redaktionen in vielen Fällen schlicht nicht genug Mitarbeiter, die Zeit für eine umfassende und einordnende Berichterstattung aufwenden zu können. Obwohl es gerade die Einordnung ist, die den Mehrwert gegenüber der blanken Nachricht bietet: Was bedeutet eine Entscheidung, welche Folgen hat sie für die Steuerzahlerin oder den Anwohner? ... Mit steigender Zeitungsgröße – und der damit meist verbundenen besseren finanziellen Ausstattung – wurde auch die Berichterstattung positiver bewertet. Metropolenzeitungen schnitten demnach am besten ab. ... Was empfiehlt sie nun den Zeitungen, um besser zu werden? "Lokalzeitungen sollten mehr Hintergründe liefern, Leserinnen und Leser mehr beteiligen und sich mehr kritische Berichterstattung erlauben." So könnten sie sich unentbehrlicher machen.  ...
https://www.zeit.de/kultur/2018-09/qualitaet-lokalzeitungen-studie-unabhaengigkeit

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Lebenserfahrung #10

Was heißt hier unabhängige Regionalpresse? Viele dieser Blätter werden zu einem nicht unerheblichen Teil von zentralen Dienstleistern wie z.B. Ippen Digital GmbH & Co. KG beliefert. Diese sind im Impressum aufgeführt und deren Artikel sind in der URL erkennbar. Eine kritische Auseinandersetzung der zuständigen Lokalredakteure mit dem gelieferten Inhalt ist nicht erkennbar. Dieser Zentraljournalismus, der viele einzelne Blätter bundesweit "versorgt" (er wirbt damit) , ist ein massives Problem. Er unterwandert die Lokalzeitungen. Zugelassen werden zudem ohne Einschränkungen Kommentare von Usern, bei denen mir Angst und Bange um unser Land wird. ...


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Bettersaulcall #12

Unsere Lokalzeitung ist heute dünner als das kostenlosen Werbeblatt zum Wochenende.
Gekauft wird sie ganz überwiegend von der Seniorengeneration. In 15-20 Jahren dürfte sich das Blatt aus demografischen Gründen von selber erledigt haben.
Was draußen in der Welt passiert kann man eh besser online erfahren und das Lokale beschränkt sich auch weiterhin auf die 08/15-Berichte über Schützenfest, Lokalsport, Feuerwehr, Unfälle etc - also kein wirklicher Grund dafür täglich Geld aus dem Fenster zu werfen.


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ah-jun #13

Meine Lokalzeitung (Südwestpresse Ulm) hat in den letzten Jahren massiv an Qualität verloren. 50% der Fläche werden mit großen bunten Bildern zugeklatscht, die keinerlei Informationswert besitzen. Die Struktur wird immer verworrener. Trotz Sporteil finden sich Sportartikel in allen Teilen, sogar auf der Titelseite.

Die Lokalredaktion versteht sich als Propagandaabteilung der Stadtverwaltung. Es gibt keinerlei kritische Distanz. Die Rechtscheibung ist katastrophal. Bericht und Kommentar wird beliebig vermischt.

Wenn man fachliche Fehler an die Redaktion schreibt, gibt es im Regelfall keine Rückmeldung. Wenn ja, dei Aufforderung nicht so pingelig zu sein. Der "Normalleser" würde den Fehler eh nicht bemerken.

Warum ich noch Abonennt bin? Einmal aus Gewohnheit zum anderen die Tatsache, das das Käsblatt ein Monopol hat.


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Neoetatist#13.1 

"Die Rechtscheibung ist katastrophal."


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Vepchi #22

Ein freier Mitarbeiter meiner Lokalzeitung "Oberhessische Presse" schreibt in unregelmäßigen Abständen ganzseitige Artikel über die Bewegungen am Sternenhimmel aus Sicht der lokalen Sternwarte in Kirchhain. Ich lese das gerne, da mich Astronomie interessiert. Astrologe müsste ich allerdings sein, wenn ich erraten wollte, wie hoch das Investment einer Weltfirma direkt vor meiner Haustür ist, die von der Redaktion 12 km entfernt liegt. Der Nutellafabrikant (40 Tsd Mitarbeiter weltweit) errichtet über eine Strohfirma im GEWERBEGEBIET einer Gesamtgemeinde ein INDUSTRIELLES LOGISTIKZENTRUM, infolgedessen in Zukunft täglich rund 120 LKWs durch die beiden einzigen Dörfer fahren werden, über die man einen Autobahnanschluss hat. Über den umfangreichen Bürgerprotest wird nolens volens berichtet, Hintergrundinformationen bleiben aus, die müssen sich die Bürger selber besorgen. Die veranschlagten Kosten einer Klage gegen das rechtmäßige Zustandekommen der Gemeinderatsentscheidung liegen für die Bürgerbewegung bei 30 Tsd Euro. Für den Konzern ein "Klacks", der die regierenden Parteien seit Jahren mit Spendengeldern sponsert. Der amtierende Bürgermeister, ein christlicher Demokrat, der das Projekt durch "über"korrekte Anwendung der bestehenden Gesetze "gerichtsfest" gemacht hatte, war bei einer Wahlbeteiligung von 37% mit einfacher Stimmenmehrheit gewählt worden. Die Wahlbeteiligung ist seit Jahren tendenziell absteigend. Für all das gibt es kein Interesse in der Presse.


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Fitnesstante #25

Bei unserem Käseblatt ärgere ich mich am meisten darüber, dass dieses den Eindruck macht, als Sprachrohr des Rathauses zu fungieren. Beispielsweise wird über bescheuerte Massenveranstaltungen ("Events") in höchsten Tönen berichtet, obwohl viele Einheimische diese bekanntermaßen überhaupt nicht gut finden. Immerhin werden manchmal ein paar Hintergründe erläutert, kritisch gegenüber der Stadtverwaltung wird es aber sehr selten.


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Kikazaru #31

Ich bin selbst im Gesundheitswesen tätig und versuche seit Jahren, den Journalisten die komplexen Zusammenhänge dieses Systems zu erklären. Mangels Interesse ohne Erfolg. Es ist doch viel einfacher, eine vorgefasste Meinung zu verbreiten, als sich um die meist sehr komplizierten Zusammenhänge zu bemühen. Wenn eine Geburtsstation mit 180 Geburten im Jahr schließt, ist es viel einfacher, die allgemeine Empörung zu bedienen, als sich zu fragen, wie man man eine Station medizinisch hochwertig betreiben soll, wenn man rund um die Uhr Ärzte, Hebammen und Pflegekräfte bereitstellen muss, aber nur jeden zweiten Tag eine Geburt stattfindet. Natürlich ist der böse Träger schuld und nur profitgierig. Dass es unter Umständen für Ärzte und Hebammen höchst unattraktiv sein könnte, auf eiber solchen Station zu arbeiten und man sich deshalb anderweitig umsieht ... nein, das passt nicht ins Bild des Lokaljournalisten. Inzwischen wird auch sehr gern "Thesenjournalismus" betrieben. Also, der Journalist denkt sich etwas (aus) und sucht dann Experten, um das Ausgedachte zu belegen. Beispiel gefällig? Nach einem Schneefall rief ein Lokaljournalist an, der auf dem Bürgersteig ausgerutscht war. Seine These: So wie mir geht es sicher vielen Bürgern. Schuld sind Stadt und Hauseigentümer, der wirtschaftliche Schaden muss enorm sein. Liebes Krankenhaus, bitte liefert doch mal Zahlen über solche Unfallopfer, damit ich diese These belegen kann. Wir lieferten nicht, weil es diesen Zusammenhang nicht gab.


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rettetdiefreiemeinungsäußerung #32

Ich muss das leider bestätigen. Die Journalisten der Tageszeitungen bei und sind zu sehr auf Ihre Informanten aus der Kommunalpolitik angewiesen, dies erzeugt Beisshemmungen.


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Jule Hardhausen #34

Nach meiner Einschätzung fühlt sich die Lokalpresse heute vor allem dem Stadtmarketing verpflichtet. Jubelarien über den eigenen Standort sind die Norm. Das war nicht immer so, aber heute taugen sie nur noch zum Basteln und Fensterputzen.


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Fitnesstante #34.1

So ist es. Zudem gibt es bundesweit genügend Menschen, die auf das "Stadtmarketing" ihres Wohnortes dankend verzichten würden. Können die Lokalzeitungen zur Abwechslung nicht mal über die Gründe hierfür berichten?


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Felix M. #36

Ich bin Leser einer Lokalzeitung und verstehe die Häme vieler Mitforisten gegen die Lokalpresse nicht. Nur aus der Lokalpresse konnte ich entnehmen, dass 3 km Luftlinie von meiner Wohnung entfernt ein örtlicher Unternehmer ein Gefahrstoffflager errichten will und der Bürgermeister (CDU) darüber noch nicht einmal den Stadtrat informierte. Ich möchte auch über örtliche kulturelle Veranstaltungen (Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen, Ausstellungen) informiert werden, denn Kultur gibt es nicht nur in der 35 km entfernten Großstadt.


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ZwaU #38

Zur Klarstellung: NYT, ZON, taz oder ein deutsches Lokalblatt kann man nicht miteinander vergleichen. Hauptaufgabe einer Lokalzeitung ist es, eingebettet in einen Rahmen überregionaler Informationen lokale Aspekte zu reflektieren - vom Schützenfest bis zur Schließung eines Hallenbads, von kommunalpolitischer Hintergrundmusik bis zur Kopfleiste mit Meinungen von Passanten am verbockten neuen Rathaus. Dazu werden Vorberichte (Ankündigungen), Berichte, Glossen, Kommentare, Reportagen oder Bilderstrecken veröffentlicht. Wie gut das im Einzelfall gelingt, hängt nicht nur von den an einer Zeitung tätigen Journalisten ab, sondern auch davon, welche Mittel und Kräfte ihnen von ihrem Verleger zur Verfügung gestellt werden. Leider sind Verleger heute mehr Rechenkünstler als Publizisten. Wichtig ist: Jede Zeitung ist ein Massenmedium und kann, ja darf es nicht jedem recht machen. Keine Zeitung ist verpflichtet, jeden Vorgang völlig neutral darzustellen. Ist z. B. einem SPD-Wähler eine Zeitung zu CDU-lastig, braucht er sie weder zu abonnieren noch zu lesen. Kommentare sind keine Bevormundung der Leser, sie geben die Meinung eines Journalisten, einer Redaktion oder eines Verlags wieder. Sie dienen als Denk- oder Diskussionsanstoß. Niemand ist gezwungen, einen Kommentar zu lesen. Veröffentlicht eine Zeitung keine oder nur wenige Kommentare, wird sie als weichgespült und beliebig oder belanglos kritisiert. Alternativen im Internet? Da begehen die Zeitungen leider Selbstmord.


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enrico47 #45

Ihr Zitat (sinngemäß): "Lokalzeitungen scheuen sich vor Kommentierungen."

Ich möchte dem energisch widersprechen. Ich lese des öfteren Kommentare in Lokalzeitungen im süddeutschen Raum (Der Neue Tag, Oberpfalz, Mittelbayrische Zeitung, Regensburg, Donaukurier, Ingolstadt u.a.) und freue mich über Ansätze, die ich in überregionalen Zeitungen nicht finde. Im Gegensatz dazu finde ich die Kommentare dieser auflagenstärkeren Zeitungen oft mainstream-artig, d. h. die Kommentare ähneln sich immer mehr an oder sind bei manchen Medien vorhersehbar.
Was natürlich die Kommentare in Lokalzeitungen erschwert, ist die eben durch die geringere Auflage bedingte fehlende Beachtung. Oder haben Sie z.B. schon einen Redner im Bundestag erlebt, der, wenn er zitiert, nicht die FAZ, die Süddeutsche oder vielleicht die ZEIT, zur Untermauerung seiner Aussagen benützt?
Ich empfehle also, ruhig einmal Lokalzeitungen zur Hand zu nehmen und deren Kommentare zu lesen.


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« Reply #94 on: September 26, 2018, 02:12:31 PM »
Quote
[...] Klaus Theweleit (18.09.2018): " ... Selbstverständlich verbreiten alle die, denen es irgendwie „besser“ geht, denen es auskömmlich geht oder zu gehen scheint, die ihr Dasein als Lust empfinden, Lügen zur Lage derer, denen es nicht so geht; die die Welt um sich herum als bedrohlich empfinden, aber keine Chance auf Veränderungen sehen; jedenfalls nicht auf zivilen Wegen. Ein Grundfehler der liberalen „bürgerlichen“ Presse war (und ist) es meiner Meinung nach, den Vorwurf der „Lügenpresse“ nicht wirklich ernst zu nehmen, ihn nicht ernsthaft zu bedenken. Statt zu sagen – was der Wahrheit entspräche – wir sind parteiisch; wir vertreten bestimmte Interessen; und wir können das begründen: zum Beispiel das Interesse an der sogenannten Marktwirtschaft in hochtechnifizierten demokratischen Gesellschaften. Wir können begründen, warum dazu das Interesse an bestimmten Formen der politischen Auseinandersetzung gehört: im Bundestag, in den Landtagen, in den Kommunen, in Kindergärten, Schulen, in Betrieben und Vereinen. Wir können begründen, warum dazu die Akzeptanz des Gewaltmonopols des Staats gehört; die Akzeptanz der sogenannten „Gewaltenteilung“, Unabhängigkeit der Justiz. Aber auch das Recht auf Bürgerinitiativen, auf zivilen Widerstand etc. - aber nicht das Recht auf lokale „Bürgerwehren“, zumal bewaffnete, um nur dies eine Beispiel zu nennen.
Zuzugeben wäre also: „Wir sind eine interessenzentrierte bürgerliche Presse mit ganz bestimmten Werten; und sind damit in den Augen derer, die diese Werte ablehnen und bekämpfen ganz selbstverständlich Lügenpresse. Danke für das Kompliment“! – so etwa hätte eine angemessene Antwort zu lauten; und nicht: die offen Kriminellen von AfD und ähnlich einzuladen in sogenannte Talkshows, um ihnen dort zu beweisen, dass man doch nicht Lügenpresse sei, sondern objektiver Journalismus; diese Zentrallüge der „bürgerlichen Presse“ also weiter und nochmals zu verbreiten. Man hätte sich zu bekennen zur eigenen Parteilichkeit. Nämlich: „Ja, wir sind so; und wir sind gegen euch. Und wir sagen das laut, auch ohne euch dabei haben zu müssen im Diskutierstuhl“. Weil: „Ihr seid erklärte Feinde jenes demokratischen Systems, dessen Formate wir hier diskutativ repräsentieren. Und da gehört ihr nicht rein“.
Stattdessen die Mär vom „objektiven Journalismus“. Ich (wie Millionen andere) müssten Schmerzensgeld verlangen dürfen für die Leiden des Fremdschämens, die uns die ModerateurInnen Maischberger, Will, Illner, Jauch, Plasberg auferlegt haben in ihren devoten „Gesprächsversuchen“ mit den offen kriminellen Typen, männlich wie weiblich, aus der sogenannten Alternative fD.
Dies gilt nicht nur fürs Fernsehen, die WELT, die ZEIT usw., sondern genauso für die taz und andere Organe, die sich für die „linkeren“ halten. Ganzseitige Interviews mit der offenen Faschistin A. Weidel, ein paar Tage vor einer Wahl! Frau Bettina Gaus als Statthalterin objektiver Ausgewogenheit. Für wie blöd hält man die Leute denn? So blöd sind grad die Gaulands und Weidels nicht. (In den Knast mit ihnen! Wegen erwiesener Morddrohungen und Volksverhetzung). Diskutieren mit denen? Nein! Und nochmal nein. Aber nicht aus der Verlogenheit heraus: „Wir sind die Objektiven“.
Und auch noch denken, man wäre denen damit überlegen; könne sie, diskutierend, widerlegen! Der Gipfel! Gegen Leute, die (voll bewusst) aus dem Kontrafaktischen reden (ob Weidel, Gauland oder Trump) kann jeder „diskutierende“ Mensch nur verlieren; weil dieser Typus sich mit jedem vorgebrachten „Argument“ nur den Hintern wischt und eine Behauptung dagegensetzt, die darauf pfeift, „wahr“ oder auch nur „begründbar“ zu sein. Mit solchen Leuten diskutiert man nicht als halbwegs vernünftiger Mensch. ..."


Aus einem Interview mit Klaus Theweleit: "Diese Körper sind von Angst erfüllt"
Georgios Chatzoudis (Gerda Henkel Stiftung, 18.09.2018)
Quelle: https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/maennergewalt_theweleit


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« Reply #95 on: September 26, 2018, 02:33:36 PM »
Quote
[...] Anmerkung: Dieser Artikel erschien ursprünglich in der profil-Ausgabe Nr. 44/2008 vom 27.10.2008.

Die Redaktion von profil erreichten vergangene Woche dutzende Leserbriefe zur Titelgeschichte über "Jörg Haiders letzte Stunden - das Protokoll einer Verschleierung". Ein Teil der Leser kritisierte, dass wir über seinen Aufenthalt in einem Schwulenlokal berichteten, etwa ebenso viele bemängelten, dass wir das erst so spät taten.

Wie umgehen mit einem Ausnahmepolitiker, der die letzten Stunden seines Lebens damit zubringt, sich in einer Schwulenkneipe fast bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen? Noch dazu mit einem, der stets einen äußerst kontrollierten Umgang mit Alkohol hatte. Der österreichische Journalismus weiß es nicht recht. Die zwei auflagenstärksten Tageszeitungen - "Krone" und "Kleine Zeitung" - sprachen einfach von einem "Szenelokal" oder von einem "In-Lokal". Die Kärntner Blätter verfuhren ebenso.

Aber auch kritische Medien stolperten vergangene Woche etwas unsicher durch das Thema. Gegen die "geile Verlogenheit der Andeuter" und die "schwüle Verdrücktheit der Halbaufdecker" wetterte "Falter"-Chefredakteur Armin Thurnher: "Wo und mit wem Haider seine letzten Stunden verbracht hat, ist nicht im öffentlichen Interesse." Eine Seite weiter befand "Falter"-Vizechef Florian Klenk: "Das Informationsrecht endet diesmal auch nicht bei Haiders Familienleben … In Wahrheit zog Haider durch Klagenfurter Schwulenkneipen, soff sich an und raste heim. Solche Scheinmoral soll den Kärntnern nicht vorenthalten werden. Die Presse ist nämlich frei."

Das deutsche Feuilleton war nicht viel trittsicherer: "Vielleicht steckt in diesem Tabu sogar ein Rest von Anstand", suchte Ulrich Weinzierl in der "Welt" nach einem Positivum im langen Schweigen über "Jörg Haiders Bisexualität". Aber, so Weinzierl: "Ist dieser Anstand angebracht? Oder sollte man dem Menschen die Wahrheit zumuten?"

Etwas unsicher auch Robert Misik in der Berliner "TAZ": "War der Populist Haider schwul oder bi? Und was geht uns das an?" Die Wiener "Presse" hatte das vor einigen Monaten ähnlich formuliert: "Haider schwul? Wen interessiert das?"

Misik kommt in der "TAZ" schließlich doch zum Schluss, Haider ließe sich "einfach nicht charakterisieren und porträtieren ohne diese homoerotische Dimension - und möglicherweise auch nicht ohne den inneren Leidensdruck einer nie offen ausgelebten Sexualität".

Seit jenem 11. Oktober kann man es nicht anders sehen: Haiders sexuelle Orientierung - wie sie im Detail ausgesehen haben mag, hat tatsächlich nicht zu interessieren - ist wohl mit den Vorgängen in der Todesnacht eng verbunden.

Nach einem Streit mit seinem Sekretär Stefan Petzner, in dem es offenkundig um Privates gegangen war, raste Haider nach Klagenfurt, betrat den "Stadtkrämer" und betrank sich innerhalb kurzer Zeit so hingebungsvoll, wie es selbst Nahestehende nie zuvor gesehen hatten. Ja damals, bei seinem 40. Geburtstag, da habe er einmal zu tief ins Glas geschaut, erzählen sie, aber das ist auch schon wieder 18 Jahre her.

Natürlich hatte die Frage, ob Haider - immerhin Familienvater mit zwei Töchtern - "gleichgeschlechtliche" Tendenzen habe, die österreichischen Journalisten seit dem Auftauchen erster Gerüchte Anfang der neunziger Jahre beschäftigt.

Ernsthafte Recherchen hatte kaum ein Blatt angestellt: Im Vergleich mit dem englischen war der österreichische Boulevardjournalismus stets nobel wie die "Neue Zürcher". Die Nackerte auf Seite elf in der "Krone" genügt ihm: Am Strand von Sydney ist es so heiß, dass Cindy, 19, jetzt gleich den BH ablegen muss …

Freilich gab es immer wieder einen "Zund" fragwürdiger Qualität: Haider säße ständig im "Stiefelknecht", deponierte etwa Mitte der neunziger Jahre ein "Informant" brieflich in der profil-Redaktion. Der "Stiefelknecht" entpuppte sich als ein Lokal für auf Lederbekleidung spezialisierte Schwule in Wien-Margareten. Aber was konnte man mit der anonymen Information anfangen? Einen Reporter wochenlang bis zur Sperrstunde in den "Stiefelknecht" zu setzen war nicht zumutbar. Und was hätte es schon gebracht - selbst wenn Haider aufgekreuzt wäre?

Ein anderes Mal, es war etwa 1995, stand plötzlich ein Mann in der profil-Chefredaktion, der sich selbst als Stricher bezeichnete und angab, er habe Haider wiederholt in dessen Wiener Wohnung besucht. Er könne genau beschreiben, wie diese aussehe, wo das Bett stehe, und gegen eine kleine Gebühr erzähle er gerne auch mehr. Haider war zu dieser Zeit Klubobmann im Nationalrat und bewohnte einen fein ausgebauten Dachboden in der Wiener Leopoldstadt, nahe der Hauptallee mit Blick über den grünen Prater. Die Wohnungsbeschreibung des Besuchers war tatsächlich völlig korrekt. Sein Pech war, dass die üppig illustrierte Story einer Wohnzeitschrift über Haiders neue Bleibe, der er sein Wissen unzweifelhaft entnommen hatte, auch am Chefredaktions-Tisch von profil lag, was nun selbst dem Stricher so peinlich war, dass er rasch das Weite suchte.

Die Innenpolitik-Journalisten hatten ohnehin keine große Lust, sich die mühsame Recherche in irgendwelchen "Szenelokalen" anzutun. Überdies schien Haider mit seiner Frau Claudia eine durchaus harmonische Partnerschaft zu führen. Rasch kam man in der Branche zu einer informellen Übereinkunft: Haider, so lautete sie, habe ja nun wirklich gegen viele Minderheiten gehetzt - gegen Asylanten und Arbeitslose, "Sozialschmarotzer" und Slowenenvertreter - aber jedenfalls nicht gegen Homosexuelle. Also gäbe es keinen Grund, ihm eine etwaige Homo- oder Bisexualität vorzuwerfen, zumal eine solche ja auch gar nicht als Vorwurf gesehen werden könne.

Das stimmte nun auch wieder nicht ganz. Denn Haiders FPÖ - und auch er selbst - hatte durchaus mit Vorurteilen gegen Homosexuelle Politik gemacht.

Als "Schwuchtelpartie" hatte etwa der damalige FPÖ-Generalsekretär Walter Meischberger 1993 Heide Schmidts Liberales Forum beschimpft, weil dieses die Schwulenrechte ausbauen wollte. Der FPÖ-Abgeordnete Hilmar Kabas nannte die "Rosa/lila Villa", ein von der Gemeinde Wien gefördertes Kommunikationshaus für Schwule und Lesben, ein "subventioniertes Bordell". Als das rote Wien dann auch noch das Schwulenfestival "Wien andersrum" sponserte, schwoll das freiheitliche Protestgeheul weiter an.

... In Kenntnis der Umstände seines Todes bekräftigen jetzt jene Biertischphilosophen, die normalerweise noch über den erbärmlichsten Schwulenwitz wiehern, auch etwas anders gepolten Menschen müsse Respekt gezollt werden - ein wahrhaft denkwürdiger Seitenaspekt in Jörg Haiders Lebensdrama.


Aus: "Jörg Haiders anderes Leben: Der schwierige Umgang mit seiner Sexualität" Herbert Lackner (25.9.2018)
Quelle: https://www.profil.at/oesterreich/joerg-haider-umgang-sexualitaet-10367839