Author Topic: Medienjournalismus und Medienkritik...  (Read 165759 times)

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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #120 on: August 19, 2020, 09:11:30 AM »
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[...] ARD und ZDF haben nach Ansicht von Wissenschaftlern in den ersten Monaten der Corona-Pandemie mit ihren Sendungen einen massenmedialen „Tunnelblick“ erzeugt. „Sondersendungen wurden zum Normalfall und gesellschaftlich relevante Themen jenseits von Covid-19 ausgeblendet: Es war eine Verengung der Welt“, sagte der Medienforscher Dennis Gräf vom Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Passau dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Gemeinsam mit seinem Kollegen Martin Hennig hat Gräf mehr als 90 Sendungen von „ARD Extra“ und „ZDF Spezial“ untersucht und sie im Zeitraum von Mitte März bis Mitte Mai analysiert.

Die Wissenschaftler kamen zum Schluss, dass Journalismus differenzierter sein und Maßnahmen in der Corona-Pandemie auch grundsätzlich hinterfragen müsse. Dies sei in den Beiträgen der Öffentlich-Rechtlichen aber nicht geschehen, resümierten sie. Gräf sagte, vielmehr überwiege das Bild: „Individuelles Wohl wird eingeschränkt für das überwiegende Wohl“.

ARD-Chefredakteur Rainald Becker wies dies auf epd-Anfrage zurück. „Dass das Informationsbedürfnis zur Corona-Pandemie außerordentlich hoch war und ist, belegt nicht zuletzt das große Interesse der Zuschauerinnen und Zuschauer an unseren Sendungen zum Thema“, erklärte er. Für die ARD habe zu jeder Zeit die journalistische Qualität der Berichterstattung im Vordergrund gestanden.

„Auch im Nachhinein halte ich Umfang und Inhalt unseres Informationsangebots für angemessen und ausgewogen.“ Der Vorwurf eines „Tunnelblicks“ gehe an der programmlichen Realität im Ersten und an der Lebensrealität der Menschen vorbei.

Ein ZDF-Sprecher erklärte: „Die “Tunnelblick„-These der Forscher ignoriert, dass Corona als dominantes Berichterstattungsthema der vergangenen Monate alle Lebensbereiche prägte und entsprechend umfangreich in den Berichterstatter-Blick geriet.“

Dass in den „ZDF spezial“-Ausgaben die aktuelle Entwicklung der Krise mit all ihren vielfältigen Aspekten im Vordergrund gestanden habe, „ist angesichts einer außergewöhnlichen Pandemie-Lage nicht überraschend, sondern sogar Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Informationsangebots“.

Es habe gerade in den ersten Wochen großen Informations- und Erklärungsbedarf gegeben, „dem das ZDF Rechnung getragen hat“. Dabei sei die Gewichtung von Corona- und anderen Themen ein täglicher Abwägungsprozess in den Redaktionen.

Nach Angaben der Medienwissenschaftler Gräf und Hennig vermittelte schon die Häufigkeit der Sondersendungen Zuschauern ein permanentes Krisen- und Bedrohungsszenario. Die Inhalte hätten dies noch verstärkt: Fußgängerzonen ohne Fußgänger seien gezeigt worden, leere Geschäfte, begleitet von Spekulationen über eine langanhaltende Krise, die aber noch gar nicht da sei. „Solche Bilder kennen wir aus Endzeiterzählungen und Zombiegeschichten“, sagte Gräf.

Hennig fügte hinzu, dass Normalbürger „immer aus der Perspektive von Leistung inszeniert“ wurden. „Immer wieder wurde von Helden des Alltags gesprochen, die ihre Berufsrolle ins Extreme übersteigern, Tag und Nacht für die Gesellschaft da sind und sich im übertragenen Sinne aufopfern für ein höheres Wohl.“

Als Beispiele nannte er Pflegekräfte oder DHL-Zusteller sowie die „Glorifizierung“ des Virologen Christian Drosten. Home-Office bei gleichzeitiger Kinderbetreuung sei indes vor allem als problematisch dargestellt worden, weil „der üblichen Produktivität nicht nachgekommen werden“ könne.

Hennig erläuterte ferner, die Sondersendungen konstruierten eigenständige Modelle der Welt, vermittelten gewisse Werte und arbeiteten mit Zuspitzungen. Wenn aber Inszenierungsstrategien verwendet würden, „die wir von Hollywood-Blockbustern“ über gefährliche Viren kennen, würden die eigentlich als Dokumentationen gedachten Sendungen fast zum fiktionalen Format. epd


Aus: "Kritik an Öffentlich-Rechtlichen: Forscher bescheinigen ARD und ZDF „Tunnelblick“ während Corona-Krise" (18.08.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/kritik-an-oeffentlich-rechtlichen-forscher-bescheinigen-ard-und-zdf-tunnelblick-waehrend-corona-krise/26105458.html

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carlaugusta 18.08.2020, 18:22 Uhr

Dass ich DAS noch lesen darf!! ich habs ja nicht geglaubt, dass doch noch mal Kritik an der Panikmache laut wird. Diese Strategie war gewollt und geplant: https://www.abgeordnetenwatch.de/sites/default/files/media/documents/2020-04/bmi-corona-strategiepapier.pdf und die Meiden haben überhaupt keine kritische Distanz zum Regierungshandeln gezeigt. Ist das nicht auch ihre Aufgabe? Dachte ich immer, so in der Demokratie.


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Pressekritiker2 18.08.2020, 19:14 Uhr

Antwort auf den Beitrag von carlaugusta 18.08.2020, 18:22 Uhr

Wenn ich das Strategiepapier richtig verstanden habe, muss den Bürgern das, was passieren kann, unmissverständlich klar gemacht werden. Was ist daran falsch? Mit einem "die Maske zu tragen oder den Abstand einzuhalten wäre super, aber wenn ihr es nicht tut, dann ist es vielleicht auch nicht so, vielleicht schon, aber vielleicht auch nicht" wäre man nicht weiter gekommen.

Die Lockerungen setzten auf freiwillig eigenverantwortliches Handeln. Wie das in der Praxis aussieht, kann man z.B. in Mitte oder Neukölln sehen.

Und falls Ihnen jetzt der Begriff der Hofberichterstattung im Kopfe schweben sollte: Nicht nur die Regierungen haben das so unmissverständlich ausdrücken wollen, sondern es gab vorangehend ja eine entsprechende Bewertung durch Virologen und andere Medizinier - völlig zu Recht, wie man an anderen Ländern sehen kann.

Ich will damit sagen: Erst gab es die Einschätzung der Experten, dann wurde das Strategiepapier darauf basierend entwickelt.

Und die Medien haben darüber berichtet. Klar, soll man das hinterfragen. Aber es gab eben niemanden Seriöses, der ernsthaft hätte belegen können, dass sie Maßnahmen nicht nötig wären. Im Gegenteil; viele Virologen haben sich sogar gegen die Lockerungen ausgesprochen.

Und jetzt steigen die Fallzahlen aktuell wieder, woran ich an dieser Stelle noch einmal dezent erinnern möchte.


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Pedro_Garcia 18.08.2020, 16:18 Uhr

     dass Journalismus differenzierter sein und Maßnahmen in der Corona-Pandemie auch grundsätzlich hinterfragen müsse.

Das habe ich schon so oft gesagt.
Das betrifft aber leider nicht nur die ÖRs sondern auch die meisten Printmedien und Onlineportale der großen Tageszeitungen.
Ein Beispiel gefällig?
Seit 3 Wochen wurde an vielen Tagen mit den Rekord-Infektionszahlen aufgemacht und Angst verbreitet. Das wir gleichzeitig auch eine Rekortzahl bei den Tests hatten, wurde einfach nicht erwähnt, dabei hat sich der Prozentsatz der positiven Tests kaum erhöht. Von KW 31 zu 32 gar nicht (stabil bei 1%) allerdings bei ca. 100.000 Tests mehr in KW 32 gegenüber KW31. Von KW 30 zu 31 von 0,8 auf 1,0%.

Das ist immer so ein wenig "Halbwarheit".


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Medienjournalismus und Medienkritik...
« Reply #121 on: September 09, 2020, 09:33:15 AM »
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[...] Die Talkshows von ARD und ZDF bilden nach einer Studie mit ihrer Gästebesetzung die Realität des politischen Systems nur unzureichend ab. Das ergab eine Studie des Think-Tanks „Das Progressive Zentrum“, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Insbesondere die Wertschätzung der kommunalen und europäischen Ebene könne darunter leiten. Auffallend niedrig sei die Präsenz von Organisationen, die besonders hohes Vertrauen in der Gesellschaft genössen, beispielsweise Verbraucherschützern, Nichtregierungsorganisationen oder Gewerkschaften.

Die Studie mit dem Titel „Die Talkshow-Gesellschaft“ untersuchte die Gästelisten und Themen von 1.208 Sendungen über einen Zeitraum von drei Jahren (März 2017 - März 2020), plus der Sendungen aus der Hochphase der Corona-Pandemie (04. März - 24. April 2020). Der Schwerpunkt der Analyse lag auf den ARD-Sendungen „Anne Will“, „Hart aber fair“ und „Maischberger“ sowie der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“, für punktuelle Vergleiche wurden außerdem „Markus Lanz“ (ZDF) und die „Phoenix Runde“ ausgewertet.

Zwei Drittel aller Gäste kamen der Untersuchung zufolge aus Politik und Medien, 8,8 Prozent aus der Wissenschaft, 6,4 Prozent aus der Wirtschaft und 2,7 Prozent aus der organisierten Zivilgesellschaft. Politikerinnen und Politiker wurden vor allem auf Bundesebene eingeladen (70 Prozent), während der Anteil der europäischen und der kommunalen Ebene erheblich geringer ausfiel (7,3 und 2,4 Prozent). Insgesamt hatten 84,8 Prozent aller Politikerinnen und Politiker eine westdeutsche politische Biografie, 15,2 Prozent eine ostdeutsche.

Acht von zehn Gästen aus der Wirtschaft repräsentierten laut Studie die Unternehmerseite, Gewerkschaften und Verbraucherschutz waren selten präsent. Zwei Drittel der Gäste aus der organisierten Zivilgesellschaft waren Aktivistinnen und Aktivisten, Nichtregierungsorganisationen kamen kaum zu Wort. In der Corona-Zeit stieg der Anteil der Gäste aus der Wissenschaft auf 26,5 Prozent, aus dem Sozialbereich und der Bildung kamen zu Beginn der Krise nur jeweils 0,7 Prozent der Gäste.

Die Studien-Autoren Paulina Fröhlich und Johannes Hillje plädieren angesichts dieser Ergebnisse dafür, Vertrauen zu stärken, lösungsorientierter zu debattieren und den politischen Blickwinkel zu weiten. Die zuletzt bei den Corona-Demos spürbare Entfremdung mancher Menschen von Medien und Politik sei auch als „Krise der Repräsentation“ zu verstehen.

„Das Progressive Zentrum“ ist nach eigener Darstellung ein unabhängiger und gemeinnütziger Think-Tank mit dem Ziel, neue Netzwerke progressiver Akteurinnen und Akteure unterschiedlicher Herkunft zu stiften und eine tatkräftige Politik für den ökonomischen und gesellschaftlichen Fortschritt mehrheitsfähig zu machen. Die Organisation hat ihren Sitz in Berlin. epd


Aus: "Gästebesetzung von TV-Talkshows verzerrt Realität" (08.09.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/studie-zu-talkshows-gaestebesetzung-von-tv-talkshows-verzerrt-realitaet/26168388.html

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chelovek17 08.09.2020, 19:26 Uhr

Politische 'Talk-Shows' ... Nunja.

Letztlich geht es offenbar um Reichweite, hergestellt durch emotionalisierende Themen und mittels den Zuschauern bekannter PR-Profis. Statt um Lösungen.
Eine Art wöchentliches Gladiatorenschauspiel. Das sich dann mit den Federn der politischen Bildung schmückt.


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KDN 08.09.2020, 16:21 Uhr

Es sind nicht nur immer die gleichen Gäste, es sind auch immer die gleichen Fragen, die gleichen Hintergründe, die gleichen Abläufe, die gleichen Übereinkünfte der Plaudernden. ...


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gesundermenschenverstand 08.09.2020, 16:15 Uhr

In der Regel transatlantisch neoliberal besetzt.
Also nicht "nur" unzureichend, sondern hochgradig einseitig rechtslastig.
Auch über die Talk- Shows hinaus.


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Henrik1970 08.09.2020, 18:21 Uhr

Antwort auf den Beitrag von gesundermenschenverstand 08.09.2020, 16:15 Uhr
Ihre subjektive  Wahrnehmung finde ich interessant, da ich eher das Gegenteil gedacht habe. Selten sind Vertreter der AfD in den Talk-Shows, aber oft Linke, Grüne oder SPD-Mitglieder des linken Flügels (z.B. K. Kühnert).


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vielleser 08.09.2020, 15:19 Uhr

Talkshows

Guten Tag,
Nina Hagen hatte einen guten Auftritt, Nikel Pallat auch, aber das waren die wilden 70iger. ...


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    jonnyrotten 08.09.2020, 17:08 Uhr

    Antwort auf den Beitrag von vielleser 08.09.2020, 15:19 Uhr
    Kinski haben Sie vergessen!!!
    "Ich versteh`die Frage nicht"........


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