Author Topic: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)  (Read 1880 times)

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« on: July 10, 2012, 09:20:58 AM »
Friederike Habermann: ...Die scheinbare Natürlichkeit der kapitalistischen Logik allein durch die Erfahrung aufzubrechen, dass es auch anders geht. Wenn wir es als Selbstverständlichkeit leben, beizutragen statt zu tauschen, zu teilen statt zu kaufen, wird uns niemand mehr erzählen können, dass die Tatsache, dass 100.000 Menschen am Tag verhungern, leider nicht zu ändern wäre. Oder dass wir nur etwas Wert sind, wenn wir imstande sind, uns zu verwerten. ...
Aus: "Utopischer Überschuss" Juliane Schumacher / Jürgen Weber (20.06.2009)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/utopischer-uberschuss

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The Rules of Acquisition, in the fictional Star Trek universe, are a set of guidelines intended to ensure the profitability of businesses owned by members of the ultra-capitalist alien race known as Ferengi. ... The first rule was made by Gint, the first Grand Nagus of the Ferengi Alliance, a role with political, economic, and even quasi-religious duties. The title of "Rules of Acquisition" was chosen as a clever marketing ploy (since the rules are merely guidelines) and Gint numbered his first rule as #162, in order to create a demand for the other 161 Rules that had yet to be written. The Rules were said to be divinely inspired and sacred (thus furthering the original marketing ploy). ...
http://en.wikipedia.org/wiki/Rules_of_Acquisition


-.-

Kapitalismus bezeichnet zum einen eine spezifische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, zum anderen eine Epoche der Wirtschaftsgeschichte. Die zentralen Merkmale sind in Anbetracht des historischen Wandels und der zahlreichen Kapitalismusdefinitionen sowie weltanschaulicher Unterschiede umstritten. Allgemein begreift man Kapitalismus als eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht. Als weitere Merkmale werden genannt: die Akkumulation und das „Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb“. Als Epoche der Wirtschaftsgeschichte versteht man unter Kapitalismus eine wirtschaftsgeschichtliche Periode, die auf die Epochen des Feudalismus und des Merkantilismus folgte und heute noch andauert. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus | http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Kapitalismus


Als Kapitalismuskritik werden Ansichten und Theorien bezeichnet, die mit der Industrialisierung aufgekommene Wirtschaftsordnung, die auf Privateigentum, Marktwirtschaft, Kapitalakkumulation, abhängiger Lohnarbeit und dem individuellen Gewinnstreben beruhen, grundsätzlich oder in einzelnen Aspekten kritisieren. Kaum anders als der Kapitalismus selbst hat die Kapitalismuskritik eine mittlerweile mehr als 200jährige Geschichte. Die Kritik äußert sich an einzelnen Elementen des Kapitalismus wie Geld- und Zinswirtschaft, Privateigentum an Produktionsmitteln und Profitmaximierung sowie den ihnen zugeschriebenen Konsequenzen wie Ausbeutung und Verelendung der arbeitenden Klasse. Häufig hält sie den Kapitalismus und die ihm zugerechneten Herrschaftsverhältnisse für prinzipiell unreformierbar...
http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismuskritik


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"Wealth Inequality in America" (politizane, 20.11.2012)
Infographics on the distribution of wealth in America, highlighting both the inequality and the difference between our perception of inequality and the actual numbers. The reality is often not what we think it is. ...
https://www.youtube.com/watch?v=QPKKQnijnsM&feature=youtu.be

Quote
Wafflewaltzvor 5 Monaten
If you're not a member of the uppermost percentile range and you dislike this video, you've simply been brainwashed against your own interests and are making things worse for the rest of us. It's amazing how hostile some people who don't have a pot to piss in themselves get when you even bring up the topic of taxing the rich. I'd like to think that the internet is changing the paradigm involving misinformation for the better, but god damn... some comments you just can't unread.

« Last Edit: August 27, 2018, 12:15:30 PM by Link »

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Kapitalismus
« Reply #1 on: July 10, 2012, 09:30:23 AM »
Der Manchesterliberalismus bzw. der Manchesterkapitalismus, das Manchestertum oder die Manchesterschule bezeichnet eine politische Strömung und Freihandelsbewegung in Großbritannien im 19. Jahrhundert, die in der Stadt Manchester ihren Ausgang nahm. Die bedeutendsten Vertreter des Manchesterliberalismus waren die Engländer Richard Cobden und John Bright sowie der Franzose Frédéric Bastiat. In Deutschland wurden manchesterliberale Positionen von der Deutschen Fortschrittspartei (Hermann Schulze-Delitzsch, Eugen Richter) und vom linken Flügel der Nationalliberalen (Ludwig Bamberger, John Prince-Smith) sowie deren Nachfolgeorganisationen (Liberale Vereinigung, Deutsche Freisinnige Partei, Freisinnige Volkspartei, Freisinnige Vereinigung) vertreten. ... Der Ausdruck Manchesterliberalismus bezeichnet heute vielfach eine Politik, die so weit wie möglich auf den Markt vertraut, und damit eine Extremform des wirtschaftlichen Liberalismus. Seit dem 19. Jahrhundert wird er von Konservativen und Sozialdemokraten auch als Kampfbegriff gegen ihre liberalen Gegner benutzt. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Manchesterliberalismus


Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus ist ein Werk von Max Weber, das zuerst in Form eines zweiteiligen Aufsatzes im November 1904 und Frühjahr 1905 im Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, Bd. XX und XXI erschien, und das 1920 in überarbeiteter Fassung veröffentlicht wurde. Es zählt neben Webers Schrift Wirtschaft und Gesellschaft zu seinen international wichtigsten Beiträgen zur Soziologie und ist ein grundlegendes Werk der Religionssoziologie. Zwischen der protestantischen Ethik und dem Beginn der Industrialisierung bzw. des Kapitalismus in Westeuropa besteht nach diesem Werk ein enger Zusammenhang. Die Kompatibilität („Wahlverwandtschaften“) der Ethik oder religiösen Weltanschauung der Protestanten, insbesondere der Calvinisten, und dem kapitalistischen Prinzip der Akkumulation von Kapital und Reinvestition von Gewinnen waren ein idealer Hintergrund für die Industrialisierung. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_protestantische_Ethik_und_der_Geist_des_Kapitalismus

Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie ist ein 1942 veröffentlichtes Werk von Joseph Schumpeter. Es gehört zu den Klassikern der politischen Ökonomie ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus,_Sozialismus_und_Demokratie


http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismusmodelle

http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinischer_Kapitalismus


http://de.wikipedia.org/wiki/Kasino-Kapitalismus


Das Schwarzbuch Kapitalismus (Untertitel: Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft) ist eine 1999 erschienene Monographie von Robert Kurz, die sich kritisch mit der Geschichte und der Zukunft des Kapitalismus auseinandersetzt. Es gilt als das Hauptwerk des der Wertkritik zuzurechnenden Autors und löste eine Debatte über die vorgenommene Beschreibung der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus, seine Gegenwartsdiagnose sowie über die Folgen der Kritik an den herrschenden Verhältnissen aus. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzbuch_Kapitalismus


Mit der Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie hat Karl Marx im Jahr 1859 erstmals eine ausgearbeitete Form seiner Theorie der kapitalistischen Produktionsweise veröffentlicht, die er und Engels in den 3 Bänden Das Kapital, erschienen 1867, 1885 und 1894, später ausführlich darstellten. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Zur_Kritik_der_politischen_%C3%96konomie

Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, eines der Hauptwerke von Karl Marx, ist eine Analyse und Kritik der kapitalistischen Gesellschaft mit weitreichenden Wirkungen in der Arbeiterbewegung und der Geschichte des 20. Jahrhunderts....
http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Kapital



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Kapitalismus
« Reply #2 on: May 03, 2016, 07:57:16 AM »
ARD: Die Story im Ersten - Milliarden für Millionäre 15.02.2016
https://www.youtube.com/watch?v=YEUok276phM

Infografiken
So funktionierten die "Cum-Ex"-Geschäfte
https://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/cum-ex-deals102.html

Unter Dividendenstripping wird börsentechnisch die Kombination aus dem Verkauf einer Aktie kurz vor dem Dividendentermin und Rückkauf derselben Aktie kurz nach dem Dividendentermin verstanden. Ist der Verkäufer bei einem Verkauf kurz vor dem Dividendenstichtag (noch) nicht Eigentümer der Aktie (Leerverkäufer) und wird die Aktie kurz nach dem Dividendenstichtag geliefert, spricht man auch von Cum/Ex-Geschäften oder Cum-ex-Trade. Bei Cum/Ex-Geschäften kam es in der Vergangenheit in großem Umfang zu bewusst herbeigeführter mehrfacher Erstattung von nur ein Mal abgeführter Kapitalertragssteuer. Ob hierbei der Tatbestand der Steuerhinterziehung erfüllt wurde oder eine legale Steuergestaltung genutzt wurde, ist umstritten. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Dividendenstripping

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"Cum/Cum-Geschäft Deutsche Banken bringen Fiskus um Milliarden" (03. Mai 2016)
Medienberichten zufolge kosten die Steuertricks deutscher Banken den Fiskus Milliarden. Besonders aktiv soll die Commerzbank sein, die noch zu 15 Prozent in staatlichem Besitz ist. ... Deutsche Banken haben den Fiskus Medienberichten zufolge im Auftrag ausländischer Investoren um mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr gebracht. Besonders aktiv sei dabei die Commerzbank gewesen, die zu 15 Prozent in staatlichem Besitz ist, berichteten der Bayerische Rundfunk und das "Handelsblatt" am Montag. Sie beriefen sich auf vertrauliche Unterlagen, die sie mit dem New Yorker Recherchebüro ProPublica und der "Washington Post" auswerten.
Den Berichten zufolge bedienten sich die Banken und ihre ausländischen Partner eines Steuertricks, der im Branchenjargon Cum/Cum-Geschäft genannt wird: Kurz vor der Auszahlung der Dividende verleihen ausländische Aktionäre ihre deutschen Aktien an inländische Banken. Versteuert werden muss die Dividende von allen Aktionären, doch inländische erhalten für die volle Summe eine Gutschrift, ausländische nur für einen Teil davon. Dank des Leihgeschäfts muss der Fiskus mehr Steuern zurückerstatten als beabsichtigt.
Die Tricks seien so beliebt, dass das Volumen verliehener Aktien deutscher Unternehmen in den letzten drei Wochen vor einem Dividendenstichtag um bis zu 800 Prozent anschwelle, berichtet das "Handelsblatt". ...

http://www.fr-online.de/wirtschaft/cum-cum-geschaeft-deutsche-banken-bringen-fiskus-um-milliarden,1472780,34180372.html


Ein Cum/Cum-Geschäft bzw. Cum-Cum-Geschäft (von lateinisch cum = dt. mit; bezeichnet hier Wertpapiere mit Dividenenausschüttungsanspruch) oder Dividenden-Arbitrage ist eine steuerrechtlich problematische Kombination aus dem Verkauf einer Aktie kurz vor dem Dividendentermin und Rückkauf derselben Aktie kurz nach dem Dividendentermin. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Cum/Cum-Gesch%C3%A4ft
« Last Edit: May 03, 2016, 09:55:26 AM by Link »

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Kapitalismus
« Reply #3 on: June 02, 2016, 12:33:43 PM »
"Kapitalismus? Nein, danke"  Thorsten Schröder, New York  (2. Juni 2016)
Während für die Generation des Kalten Krieges der amerikanische Kapitalismus vor allem das Gegenmodell zur Sowjetunion und totalitären Regimen darstellte, sei er für die heutige Generation synonym mit der Gier der Finanzwelt, von deren Folgen sich die Welt bis heute erhole. "Für die Millennials steht Kapitalismus nicht mehr für Wettbewerbsfähigkeit, sondern für einen VW-Konzern, der seine Abgaswerte manipuliert oder Pharma-Spekulanten, die die Preise für lebenswichtige Medikamente in die Höhe treiben", sagt auch Steffen Schmidt, Politikwissenschaftler an der Iowa State University.
Was dieser Kapitalismus anrichten kann, haben sie im eigenen Lebenslauf gesehen. Zwar waren etwa auch in der Vergangenheit die Kosten für eine College-Ausbildung hoch, doch die Aussicht auf eine schnelle Karriere nach dem Abschluss relativierte die Schulden, die viele dafür machen mussten. Heute ist das anders. Wer 2014 seinen Abschluss machte, der hatte im Schnitt 28.950 Dollar an Schulden – der höchste Wert, der je erfasst wurde. Insgesamt sitzen die Amerikaner auf 1,2 Billionen Dollar Kreditschulden. Viele von ihnen zahlen sie noch Jahrzehnte nach der Ausbildung ab, weil der gut dotierte Traumjob auf sich warten lässt und das alte Versprechen nicht mehr gilt. ... Betroffen sind nicht nur die hochverschuldeten College-Absolventen. Gemessen an der Inflation sind die Löhne für junge Menschen mit und ohne College-Abschluss in den vergangenen 16 Jahren um 34 Prozent eingebrochen. Hatten 1960 noch 84 Prozent von ihnen einen Job, sind es heute nur noch 71 Prozent. "Amerika muss aufpassen, dass es die Gültigkeit und Berechtigung des kapitalistischen Systems nicht vollkommen verspielt", sagt deshalb Steffen Schmidt. Bernie Sanders hämmere nur den letzten Nagel in ein durch Gier getriebenes System, das für die jungen Amerikaner längst tot sei. ... Die Systemmüdigkeit bekommen die großen Parteien zu spüren. Schon in der letzten Wahl stimmte gerade ein Fünftel der Jungwähler ab, der Rest blieb zu Hause, weil er sich in den Programmen nicht wiederfand. Und auch jetzt begeistern sie sich für den bis dato kaum bekannten demokratischen Sozialisten, nicht für die erfahrene Außenministerin und Favoritin der Partei. Viele Sanders-Unterstützer haben sich gar verpflichtet, lieber die Kandidatin der Green Party zu wählen als zu Clinton umzuschwenken, sollte diese die Nominierung erhalten. Auf der anderen Seite ziehe es die jungen Wähler vor allem aus der Arbeiterschicht ausgerechnet zu Trump, "obwohl keiner die Gier der Oligarchie mehr verkörpert als er", sagt Schmidt. ...

http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-06/kapitalismuskritik-usa-parteien-berechtigung-millenials-bernie-sanders

Quote
Frl.Clarissa #3

Den Kapitalismus in seinem Lauf, halten weder Umfragen noch Bernie Sandes auf.
Kapitalismus ist die Umsetzung unseres genetischen Programms, das uns die Erde Untertan gemacht hat und uns als Spezies selbst eliminieren wird.
Sandes hätte gegen Trump keine Chance.


Quote
J-M #3.3

Biologisten sind mir die liebsten unter den Sophisten. Niemand sonst versucht seinen eigenen Zynismus mit so viel Selbstgerechtigkeit zu vertreten und macht sich intellektuell dabei so lächerlich.

Lesen Sie doch mal das hier:
Biologismus - Folge einer Illusion
von Manfred Velden

https://books.google.de/books?id=97R9CqLqDEEC&printsec=frontcover&dq=biologismus&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiY-9XR2YjNAhUDXBoKHWjsCLgQ6AEILTAB#v=onepage&q=biologismus&f=false


Quote
Schnorg-der-Grosse #3.5

Das ist sehr wahr. Kapitalismus ist unsere Natur.


Quote
Williams Anti-Christ #3.9

"Das ist sehr wahr. Kapitalismus ist unsere Natur."

Nur die der primitiveren unter uns.
Also derjenigen, die auch weder Ironie noch Sarkasmus verstehen.


Quote
Frl.Clarissa #3.12

Ist der Feudalismus nicht ein Vorläufer des Kapitalismus und ist der unkontrollierte Kapitalismus für die abhängigen Menschen nicht eine Variation des Feudalismus. In beiden Fällen besteht ein extremes Gefälle an persönlicher Freiheit und Möglichkeiten, Wohlstand und Macht. In beiden Fällen gibt es wenige Mächtige/Reiche die quasi sakrosankt sind und viel Abhängige bis Arme die wenig bis keine Rechte haben. Wir glauben den Feudalismus überwunden zu haben und entwickeln uns doch zurück oder weiter zu einem globalen Feudalsystem. Die Abhängigkeiten bleiben und werden auch bei uns wieder rigide, nur der Name hat gewechselt. Und die alte Familien die im Spiel um die Macht noch mitspielen, treten heute unter neuen Farben auf.


Quote
Laputner
#4  —  vor 4 Stunden 8

"Während für die Generation des Kalten Krieges der amerikanische Kapitalismus vor allem das Gegenmodell zur Sowjetunion und totalitären Regimen darstellte, sei er für die heutige Generation synonym mit der Gier der Finanzwelt, von deren Folgen sich die Welt bis heute erhole."

Und ironischerweise wendet man sich gedanklich genau so einem totalitären System zu.
"Opinion: The younger you are, the less you support free speech" (2015)
Some interesting news from the Pew Research Center about the attitude of American millennials (ages 18-34) toward free speech....
http://www.latimes.com/opinion/opinion-la/la-ol-millennials-freespeech-poll-20151123-story.html

Ein Bericht der LA Times: Je jünger der Amerikaner ist, desto weniger hält er von Meinungsfreiheit. 21% finden den Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung nicht mehr zeitgemäß, 40% würden gerne beleidigende Äußerungen verhindern - nicht nachher bestrafen, vorher physisch verhindern. In Deutschland sind die Zahlen natürlich viel höher, aber Deutschland hat eine andere Vergangenheit.

Die Millenials infantilisieren sich sowohl privat als auch politisch immer weiter. Das zeigt sich an Umsatzexplosionen an Malbüchern für Erwachsene und dem Hass auf Unreglementiertes. Ich glaub die Popper sind wieder da.



Quote
laotsekonfuzius #7

"Für die Millennials steht Kapitalismus nicht mehr für Wettbewerbsfähigkeit, sondern für einen VW-Konzern, der seine Abgaswerte manipuliert oder Pharma-Spekulanten, die..."

Damit haben die Millenials völlig Recht. Der Kapitalismus stand NIE für Wettbewerbsfähigkeit (dafür steht die Marktwirtschaft). Kapitalismus versucht ja nicht selten genau diesem Wettbewerb aus dem Weg zu gehen. Die Begrifflichkeiten müssen endlich geklärt werden, dann hätten die Linken auch kein Identifikationsproblem mehr.

Kapitalismus hat nichts mit freier Marktwirtschaft zu tun. Der Markt ist oft sogar ein Hindernis für den Kapitalisten.


Quote
CaesarAugustusGermanicus #9

Wenn Amerikaner vom Sozialismus sprechen, meinen sie fast immer das skandinavische Modell oder die deutsche soziale Marktwirtschaft. Es handelt sich dabei also sehr wohl um kapitalistische Systeme. So gut wie keiner lehnt schließlich Produktionsmittel in privater Hand, Angebot und Nachfrage, Gewinnstreben ab. Gleichheit ist nicht das Ziel, sondern mehr soziale Gerechtigkeit und soziale Grundlagen, die in den meisten EU-Ländern schon lange bestehen. Sanders Fehler war es sich als Sozialisten zu bezeichnen, denn er stellt nicht die Systemfrage, sondern will das bestehende System verbessern.


Quote
vonDü #15

"Fast die Hälfte sagt hingegen, dass sie ein sozialistisches System zumindest in Teilen befürwortet. Sie sehen eine gesundheitliche Grundversorgung, ausreichend Essen und ein Heim als ein Grundrecht, für das im Notfall die Regierung aufkommen solle."

Das ist eine irreführende Beschreibung, bzw. Übersetzung der Vokabel "socialist".
Was die Jugend befürwortet, ist kein sozialistisches System, sondern ein sozialdemokratisches System, bzw. die soziale Marktwirtschaft.

Der Kapitalismus in der momentanen Form nähert sich dem Ende, weil die exponentiell wachsende Verteilungsungleichheit, bei gleichzeitig ansteigender Bevölkerung seine eigenen Grundlagen zerstört. "Autos kaufen keine Autos", wusste schon Henry Ford und hat deshalb seine Angestellten gut bezahlt. ...



Quote
nicht deutsch - links #15.1

Eas soll denn ein sozialistisches "System" sein?

Der Begriff "soziale Marktwirtschaft" ist ebenso nebulös wie der "Amerikanische Traum". Mit Marktwirtschaft ist euphemistischerweise Kapitalismus gemeint. Dass das Adjektiv "sozial" dem Wesen des Kapitalismus diametral entgegensteht und deswegen zur Verschleierung dem Kapitalismus vorangestellt wird zeigt schon, dass das nicht funktionieren kann. Der Kapitalismus wird immer Wege finden, um sich aus der Verantwortung zu stehlen.  ...


Quote
insLot #16

Der Neoliberlismus wird unter seinen Kollateralschäden berstet. Und das ist gut so! TTIP sind die letzten Zuckungen, hektisch versucht die Machtelite den Sack noch zu zumachen in dem absurden Glauben, was einmal beschlossen ist, könnte nicht mehr aufgehoben werden. Dabei wird TTIP die Unzufriedenheit Massen nur noch weiter befeuern.



Quote
readonly #16.3

Ich habe eher den Eindruck, dass es super für die wenigen läuft und wenn unsere Regierungsform irgendwann zum Problem wird, wird sich auch da einen Lösung finden. Man braucht sich nur mal anzugucken, wieviele Staaten ihren Namen mit dem Wort *demokratisch* schmücken und nichts anderes als finsterste Diktaturen sind. ...


Quote
RaLiWiWi #18

Ich würde mir wünschen Deutschland hätte solche "Kauze" wie den Senator aus Vermont-einen aufrechten Demokraten wie Bernie Sanders , der seit Jahrzehnten seinen sozial-demokratischen politischen Überzeugungen treu bleibt und sie kämpferisch vertritt und dafür auch noch regelmäßig von den Bürgern Vermonts in den Senat gewählt wurde ( Schaut man sich im Vergleich die Entwicklung so ziemlich jeder/n deutschen Sozial-DemokratIn / GrünIn an so sieht man dass es bei (fast)allen eine zielstrebige geradlinige Entwicklung von links unten nach rechts oben gibt)

Warum in alles in der Welt, sollen zig-Millionen von Menschen weiterhin Parteien wählen, deren Vertreter in Wirklichkeit nur eines tun , schöne Versprechungen vor den Wahlen nur um anschließend eine ( zwischenzeitlich alternativlos genannte) Politik gegen ihre eigenen Interessen macht.
Westliche-Werte-Gemeinschaft Gesellschaften steigern kontinuierlich ihren wirtschaftlichen Wohlstand aber nur kommen diese Wohlstandssteigerungen bei immer weniger Menschen an - ein Zustand der ja nicht nur die USA betrifft, sondern sich heute mit leichter zeitlicher Verzögerung auch in EU Europa durchsetzt

Wenn wie in den USA nahezu 50% der Bevölkerung in immer prekärere soziale Umstände abrutscht, fragen sich halt doch immer mehr Menschen ob ein solches Wirtschaftssystem erhaltbar ist.
Ob der Aufbau eines neuen/alten äußeren Feindes "Der Russen" ausreichen wird das System neu zu legitimieren kann zumindest bezweifelt werden.


Quote
J-J-Rousseau #25

Das WIRKLICHE Problem für die Menschen nicht nur in den USA ist NICHT, dass sie immer weniger "Chancen" haben, einen besser bezahlten oder überhaupt einen Job zu finden. Das Problem ist, dass die Menschen sich an irgendwelche Privatinteressen verkaufen MÜSSEN (denn DAS beinhaltet ja das System Lohnarbeit), um zu überleben. Das haben wohl die wenigsten verstanden. Vielleicht selbst nicht einmal Sanders. Alle wollen nur "Jobs". Sie sollten aber schreien und dann in die Tat umsetzen: WIR WOLLEN KEINE SKLAVEN MEHR SEIN! Wir wollen unser Schicksal ALS MENSCHEN selbst in die Hand nehmen, selbst bestimmen, was wir benötigen, selbst unsere Bedürfnisse ZUSAMMEN MIT DEN ANDEREN MENSCHEN, die mit uns zusammen leben, befriedigen. DAS ist im Kapitalismus, in der "PRIVAT"-Wirtschaft der systematisierten egozentrischen Gier (nicht nur der Finanzbranche), unmöglich!


Quote
5.Gebot #36

An einen "amerikanischen Traum" glaube ich schon seit dem Krieg gegen Vietnam nicht mehr. Und der ist schon eine ganze Weile her. Die Politik der USA ist seitdem nicht besser, demokratischer, christlicher oder humaner geworden, ganz im Gegenteil. Das bezieht sich in erster Linie auf die Außenpolitik. Die antikapitalistischen Motive der o.g. Generation resultieren aber aus der Innenpolitik, von der sie selbst betroffen sind. Natürlich hängt beides eng zusammen. Die irrsinnigen Rüstungsausgaben fehlen der Bevölkerung zum Leben. Man kann nur hoffen, dass sich mit der jungen Generation etwas mehr Vernunft und Menschlichkeit durchsetzt. Die Amerikaner und die Welt hätten es verdient.


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Kapitalismus
« Reply #4 on: August 03, 2016, 01:08:32 PM »
"Keine große Zukunft mehr"  Florian Schmid, Ausgabe 3016 | 29.07.2016
Die Buchmacher Patrick Spät stellt die Mythen des Kapitalismus bloß. Da ist er nicht der Erste, selten aber kommt die Kritik so unerbittlich und leichtfüßig zugleich daher ... „Die Fratze des Kapitalismus ist überall und jederzeit sichtbar, man muss nur hinschauen. Deshalb braucht es keine übertrieben verschwurbelte Theorie, die Realität spricht für sich: Der Kapitalismus funktioniert nicht!“, schreibt Spät in der Einleitung seines Buches, das in elf Kapiteln einige Stehsätze der neoliberalen Ideologie unter die Lupe nimmt. Ob es die vermeintlich friedliche Entstehung unserer Wirtschaftsordnung, der marktwirtschaftlich angestrebte Wohlstand für alle, der grüne oder nachhaltige Kapitalismus oder das Märchen von der Vollbeschäftigung ist – Spät rückt allem mit Zahlen und Fakten zu Leibe und weiß das sehr süffig und spannend zu erzählen. Jener ist mitunter ein wilder Ritt durch die globale Menschheitsgeschichte. Das reicht von der Entstehung der protestantischen Arbeitsethik in der frühen Neuzeit über Adam Smiths Dogma der unsichtbaren Hand des Marktes und dessen Adaption in der neoklassischen Wirtschaftstheorie, das bundesrepublikanische Verbot des Generalstreiks 1955, die neoliberalen Reformen im faschistischen Chile der 1970er, viele sehr aufschlussreiche Zahlen zum Thema Agrarindustrie bis hin zu Karl Marx’ Vorstellung des Kapitals als automatisches Subjekt. Patrick Spät schafft es, sein faktenreiches, mit zahlreichen weiterführenden Literaturverweisen versehenes Kompendium linker kapitalismuskritischer Debatten als kurzweilige Kulturgeschichte zu erzählen. ... Er fühlt sich aktuell an die letzten Jahre der Sowjetunion erinnert, als „Parolen und Verheißungen der Parteikader“ ins Leere liefen. Das oft geforderte bedingungslose Grundeinkommen, über das kürzlich noch in der Schweiz abgestimmt wurde, gilt dem Autor nicht als Lösung. Vielmehr ließe sich damit „ein gigantischer, staatlich subventionierter Niedriglohnsektor rechtfertigen“. Er setzt auf andere Strategien: Vermögensteuer, Schuldenschnitt, Mindestlohn, Rücknahme von Privatisierungen und ein Ende des um sich greifenden Landgrabbing können aber nur Zwischenschritte sein. Denn eigentlich gelte es, den Kapitalismus nicht erträglicher zu machen, sondern ihn endlich zu überwinden. Denn eines ist laut Patrik Spät gewiss: „Entweder stirbt der Kapitalismus oder wir.“...
https://www.freitag.de/autoren/florian-schmid/keine-grosse-zukunft-mehr

Buch: Die Freiheit nehm ich dir. 11 Kehrseiten des Kapitalismus
Patrick Spät Rotpunktverlag 2016, 184 Seiten

Quote
tomhh 30.07.2016 | 23:27

Ach Gott, im Unterschied zum Kapitalismus sind alle sozialistischen Versuche bisher kläglich gescheitert. Wir werden auch in 10 oder 20 Jahren noch im Kapitalismus Leben und die Linken werden uns auch dann noch erklären, dass es mit dem Kapitalismus bald zu Ende geht... ;-)


Quote
rioja 31.07.2016 | 08:36

Die "happy few" glauben fest an ihren Endsieg. Auf die Frage der N.Y. Times:"Was ist das Grundübel unserer Zeit"? Antwortete der Befragte Warren Buffett wie folgt:" Das Grundübel unserer Zeit ist der Krieg. Der Krieg zwischen Arm und Reich. Und Reich wird ihn gewinnen". Reichtum teilt man nicht. So, wie es -laut seinem Führer- am Ende das "Deutsche Volk" nicht verdiente zu siegen, weil es zu schwach war, so werden die 62 Protagonisten des Kapitalismus am Ende wohl argumentieren. ...


Quote
Lethe 01.08.2016 | 12:13

Der Kapitalismus wird nicht scheitern, weil er keine Gesellschaftsordnung ist sondern eine Organisationsform von Gier. In jedem Handel gibt es einen, der eine Ware für mehr Geld an den Kunden bringen will als die Ware wert ist. Das ist der Beginn jeglicher von der Warenwirtschaft abgekoppelter Geldwirtschaft. Und solange Geld das Konvertierungsmittel bleibt, wird es Kapitalismus geben, nur seine Tarnungen werden sich ändern. Wenn der Kapitalismus scheitert, dann nur um den Preis der Selbstausrottung der Menschheit.

Dabei wäre es so einfach, man könnte ihn mit zwei Gesetzen von weltweiter Gültigkeit sofort und ein für alle Mal erledigen: 1) Verbot von Geld als Ware; 2) Verbot von Zins und Zinseszins.

Probiert das mal^^


Quote
tomhh 01.08.2016 | 18:49
@Unwissender

Ich denke, Sie irren sich. Der Kapitalismus muss sicherlich reformiert werden, aber er ist bestimmt nicht gescheitert. Gescheitert sind dagegen bisher alle Alternativen...


Quote
Unwissender 01.08.2016 | 20:28
@tomhh

Ab wann würden Sie denn einräumen, dass er gescheitert ist?

Man sollte vielleicht besser sagen, dass er in mancherlei Hinsicht gescheitert ist (Bewahrung der Natur, Verhindern von Armut, Ausrottung heilbarer Krankheiten, Verbesserung von Arbeitsverhältnissen und Bildung usw.).

Ein "gezähmter" Kapitalismus wäre auch schon was, aber leider deutet alles darauf hin, dass eher das Gegenteil eintritt. Gegen die Superreichen der Jetztzeit sind die Fürsten der Vergangenheit arme Würstchen, sowohl was ihren Einflussbereich als auch die zur Verfügung stehenden Mittel anbelangt.



...
« Last Edit: August 03, 2016, 01:19:39 PM by Link »

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Kapitalismus (Franco Berardi) ...
« Reply #5 on: September 28, 2016, 10:15:13 AM »
"Das Morden verstehen" Helmut Mayer (30.07.2016)
Badiou macht die Rechnung im globalen Maßstab auf: oben die wenigen Prozente der Weltbevölkerung, die über einen Riesenanteil der Ressourcen verfügen, darunter eine Weltmittelschicht, die vom bescheidenen Rest lebt, ganz unten fünfzig Prozent, für die nichts abfällt. Über die Zahlen muss man nicht streiten. Badiou ordnet ihnen jedenfalls drei „Subjektivitätstypen“ zu. Zunächst die einer sich einbunkernden westlichen „Mittelschicht“, die zwischen selbstzufriedener Arroganz und Verängstigung über den Weltlauf schwankt; dann die Subjektivität jener, die sich nach den Konsumwohltaten des Westens verzehren; und schließlich eine „nihilistische“ Subjektivität, jene der Attentäter, die auf Rache und Zerstörung setzt. Wobei diese Attentäter nur ihrer eigenen uneingestandenen Sehnsucht nach dem kapitalistischen Westen zuvorkommen: Sie sind letztlich ein „nihilistisches Symptom der unfassbaren Leere des globalisierten Kapitalismus und seines Unvermögens, in der von ihm gestalteten Welt alle Menschen zu berücksichtigen“, Effekt einer „inneren Verstauchung“ des Kapitalismus, auf dessen zerstörerische, leere Entfaltung seine mörderische, „faschistische“ Gewalt reagiert. ...
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/alain-badiou-und-franco-berardi-ueber-kapitalismus-14361671.html


"Franco Berardi über Amokläufe und Finanzkapitalismus „Sie sehen sich als Helden eines nihilistischen Zeitalters“" Stefan Berkholz (27.07.2016)
Berardi unterzieht unsere Gesellschaft einer Radikalkritik. Der „Drang zum Selbstmord“ entspreche dem „Triumph des neoliberalen Wettbewerbszwangs“, behauptet er. Der „Finanzkapitalismus“ begründe ein nihilistisches Zeitalter, der Profit um jeden Preis vernichte jeden Wert. Die Werbung dröhnt aus allen Kanälen und suggeriert quietschende Fröhlichkeit. „Täuschung, Betrug und Gewalt zählen zu den Erfolgsgarantien im „kapitalistischen Absolutismus“. Es wird auf den Niedergang ganzer Staaten gewettet, über Rohstoffpreise auf Hunger und Elend in Afrika.
Die Gier nach Geld ist zur Ersatzwährung für verloren gegangene Werte geworden. „Wenn das Finanzspiel auf der Prämisse gründet, dass der investierte Geldwert steigt, je mehr zerstört wird“, schreibt Berardi, „so gründet diese Form des finanziellen Profitstrebens im Grunde auf einer Wette auf die Verschlechterung der Welt.“ Verlierer haben in dieser Welt nichts zu suchen. Es gewinnt immer derjenige, der andere Leben zerstört. Und die digitale Einsamkeit steigt vor „den Käfigen unserer Bildschirme“. Die Folge sind Depressionen und Krankheiten.
In seiner düsteren Bestandsaufnahme sieht er mittlerweile alle sozialen Errungenschaften „den religiösen Dogmen des Markt-Gottes geopfert“ Die Fähigkeit zu Solidarität, Empathie und Autonomie, klagt er, sei im schwarzen Loch eines „Nichts in Geldform“ verschwunden. Politisches Bewusstsein und politische Strategie sind in seinen Augen verdrängt. Die Verbrechen der „neoliberalen Theologie“ liegen für ihn auf der Hand: „Ich weiß wirklich nicht, ob es jenseits dieses schwarzen Lochs noch Hoffnung gibt; ob es jenseits der uns unmittelbar bevorstehenden Zukunft noch eine Zukunft gibt.“ Freundschaften im Privaten und Verweigerung im großen Zusammenhang sind für ihn die letzten Posten der Freiheit.
Aus dieser Sicht entwickelt Berardi Analysen der Massenmorde von Amokläufern und der Selbstmordwellen in Korea oder Japan. Er analysiert Ereignisse wie das Schulmassaker in Columbine, das Kino-Massaker in Aurora, Nine-Eleven, Breivik in Norwegen. Massenselbstmorde bei France Télécom; Massenselbstmorde indischer Bauern; Massenselbstmorde in Taiwan. Die Ursachen für Letztere erkennt er in den mörderischen Hierarchien und Renditeerwartungen von Finanzinstituten und Konzernen.
Amokläufer und Selbstmörder, behauptetet er, nehmen Rache an einer Gesellschaft, in der nur noch das Gesetz des Stärkeren gelten soll. Berardi zeigt, wie mit der Regierung Thatcher ein sozialer Darwinismus aufgekommen sei: Es überleben jene, die andere aus dem Weg räumen. Die ethische Grundlage der modernen Gesellschaft – „das Verantwortungsbewusstsein der bürgerlichen Klasse und die Solidarität unter den Arbeitern“ – hat sich aufgelöst. Demokratie, Arbeitssicherheit und Gesetzestreue sind immer weniger wert. Die Verlierer aber, die Gemobbten, die Unterdrückten, die Gedemütigten, die Seelen ohne Empathie, werden zu mörderischen Helden eines nihilistischen Zeitalters.
http://www.tagesspiegel.de/kultur/franco-berardi-ueber-amoklaeufe-und-finanzkapitalismus-sie-sehen-sich-als-helden-eines-nihilistischen-zeitalters/13930020.html

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satyr 27.07.2016, 12:25 Uhr
Ich habe da meine Zeifel,
ob sich diese kranken Köpfe wirklich so viele Gedanken über
ihre Rolle als „Helden eines nihilistischen Zeitalters“ machen?

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ralf.schrader 27.07.2016, 09:31 Uhr
Das klingt plausibel. Im Neoliberalismus stellt der das Gewaltmonopol haltende Staat keine moralische Instanz mehr da. Meine eigene Moral hält mich ab, Regeln zu verletzen. Die Politik und deren Vertreter aber animieren mich, Gewalt auszuüben. Für das Gros der Personen und Instanzen, welche das öffentliche Leben bestimmen, kann ich nur tiefe Verachtung empfinden.

-

"Opfer des neu verwilderten Kapitalismus" Hans-Peter Kunisch (8. Juni 2016)
Berardi zitiert aus Michael Serazios schönem Essay Shooting for Fame: "die Zahl der gefeierten Individuen wächst." Es muss schon das ganz große Ziel sein. Mit ihren Schüssen meinen die Amokläufer, die europäische Kultur zu retten, und damit ihre Tat nicht untergeht, gehört sie an die Öffentlichkeit. In einem vorbereitenden Video diskutierten Klebold und Harris, die Attentäter von Columbine, schon vor der Tat, welchem Regisseur sie das Drehbuch anvertrauen sollten.  ...
http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-06/franco-berardi-helden-suizid-massenmord/komplettansicht

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philomachos #4

Weder die psychologische Deutung noch die ideologische Analyse kann wirklich überzeugen. Letzten Endes haben wir es bei diesen Leuten vermutlich einfach mit Abartigkeit zu tun, der wir weder mit Verstand noch Gefühl folgen können, geschweige denn erklären. Rationalisierungen oder die die Hoffnung, Kausalitäten aufzeigen zu können, werden nicht weit tragen.


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frauhimmelblau #10

Ein interessantes Buch, das auch zu einer durchaus unangenehmen Konfrontation führt, weil es aufzeigt, welche gefährliche Eigendynamik inzwischen schon selbstverständlich gewordene Phrasen und daran gekoppelte Feindbilder entwickeln können. Zusammen mit dem gestern hier veröffentlichten Reemtsma-Interview zeigt es sehr anschaulich das Spannungsfeld in dem sich die Menschen aktuell bewegen, wenn es um Gewalt, Ideologie und/oder die Unmöglichkeit den Affekt durch Analyse in konstruktive Bahnen zu lenken, die einen davor bewahren, extern Verantwortliche aus Bequemlichkeit zu bevorzugen, anstatt sich der Eigenverantwortung zu stellen.

Jene Kommentierenden, die einen Mangel an Antworten durch das Buch beklagen, möchte ich daran erinnern, dass sich Philosophen den Deutungsversuchen verpflichtet fühlen, entsprechend ist das Feld, das in ihren Büchern eröffnet wird, eines wo es nicht um "die eine allgemeingültige Antwort" geht. Philosophie eröffnet Gedankenräume, durch die man sich gedanklich bewegen kann und soll.


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Hüpfdohle #12

Neoliberal ist die systematische Zerstörung des solidarischen Gemeinwesens namens einer nicht tragfähig belastbaren Beliebigkeit, die, obwohl unter der Fahne der Freiheit firmierend, mit Freiheit überhaupt nichts gemein hat. Von Schuld kann aus meiner Sicht insbesondere dann gesprochen werden, wenn solche Vorkommnisse institutionell vereinnahmt und einer manipulativen Verwertung unterzogen werden. Noch heute ziehe ich meinen Hut vor der Art der Aufarbeitung, wie das die norwegische Justiz im Falle Breivik unternommen hat. Dies im drastischen Gegensatz zu der US-amerikanischen Justiz im Fall von NineEleven.
Von der oben besprochenen Schrift erwarte ich mir einen Einblick dahingehend, was ein menschliches Gehirn unter bestimmten Bedingungen hervorzubringen vermag. Nicht zwingend, aber möglich, wie die Umstände belegen.


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DerKrieger #14

>> Er zeigt, was die Attentäter, mal mehr, mal weniger deutlich verbindet: Sie sind keine Nazis. Ihre Ideologie kann man eher als gewaltbereiten Neoliberalismus beschreiben. Gerne berufen sie sich (...) auf Darwins "survival of the fittest" und melden: "Humanity is overrated."<<

Das ist alles so dämlich, dass ich mich davon nachgerade beleidigt fühle. Hat der Autor sich überhaupt jemals mit dem Nationalsozialismus beschäftigt? Vielleicht mal den Begriff "Sozialdarwinismus" gehört? A. Breivik war also kein Nazi, weil, hat er doch selbst gesagt. Kein Wunder, dass auch in Deutschland 1945 mit einem Schlag kaum noch ein Nazi zu finden war. Das einzige, was allerdings zutreffend ist: NS und Neoliberalismus passen gut zusammen, ja. Aber wenn Hitler seine Karriere heute beginnen würde, würde er sich natürlich auch auf die Muslime als "objektiven Feind" einschießen, weil er völlig zu Recht erkennen würde, dass diese heute in Dtl. u Europa die gesellschaftliche Gruppe mit der geringsten Aussicht auf allgemeine Solidarität sind, so wie es eben 1933 die Juden waren. Das alleine zählt. Wie H. Arendt luzide aufgezeigt hat, hatte der NS-Antisemitismus keinerlei Bezug zu irgendeinem realen Aspekt des "Jüdisch-Seins" dieser Menschen. Statt dessen wurde ihnen ein heimtückischer Plan zur Unterwerfung der Mehrheitsbevölkerung unterstellt, der nicht existierte. So wenig wie heute eine "Islamisierung". Ein Demagoge von Hitlers Format wäre damit heute wieder genau so erfolgreich wie 1933.


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kaktusbauer #16 

Wenn der Kapitalismus an mörderischen Einzeltätern schuld ist, ist er sicherlich auch für Wolfgang Priklopil, die Morde an der Charlie-Hebdo-Redaktion und den an Boris Nemzow verantwortlich, abgesehen vom Wetter natürlich und dem Abschuss von MH70....?
Es entspricht alter linker Befangenheit aus der Elfenbeinturmdenke heraus, die Umstände für alles verantwortlich zu machen. Tatsache ist aber, dass es Menschen gibt, die aus günstigen Umständen heraus zu mörderischen Psychopathen werden, weil dies nun einmal im Spektrum der menschlichen Möglichkeiten liegt.
Diese Obsession, dem Kapitalismus Abartigkeit nachzuweisen, führt manchmal wirklich zu echten Stilblüten wie dieser hier.


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... STANDARD: Omar Mateen hat zumindest mit dem IS sympathisiert – in Ihrem Buch argumentieren Sie, dass es nicht unbedingt um politische Überzeugungen geht.

Berardi: Ich verneine nicht, dass es diesen ideologischen Hintergrund gibt. Ich glaube aber, dass die Psychologie die besseren Mittel hat, um das Phänomen zu erfassen. Es geht um eine Verzweiflung, um ein Elend, das das Produkt der 40 Jahre lang praktizierten Neoliberalisierung der Gesellschaft ist. Wenn Sie an die Mitglieder des IS denken: Das sind arbeitslose Männer aus Kairo, Tunis, London, Paris und vielen anderen Städten. Sie wissen, dass sie niemals eine Zukunft, einen Job haben werden – den finden Sie nun in der Armee. Das andere Element ist Hass. Diese Männer waren zehn Jahre alt, als sie die Bilder der Erniedrigung von Abu Ghraib gesehen haben. Die Erniedrigung der Muslime produziert einen aggressiven Überschuss. Das ist wichtiger als Religion und politische Strategien.

STANDARD: Trump schürt nun weiter die Islamophobie, was wiederum den Islamismus nährt. Dreht sich das Rad immer schneller?

Berardi: Trump ist die reinste Entsprechung einer rassistischen Welle, die sich innerhalb der weißen Rasse aufbaut. Es ist schrecklich, diesen Begriff zu verwenden, ich hasse ihn selbst, aber es geht um diese Form der Selbstwahrnehmung. Wir leben im Zeitalter der Erniedrigung der weißen Arbeiterklasse. Hitler hat seine Macht auf dem Elend der deutschen Arbeiter errichtet. Trump, auch Hofer, Le Pen und Boris Johnson machen es genauso. Es ist wie in den 1920er-Jahren, als Hitler zu den Arbeitern sagte, sie sind keine Arbeiter, sondern das Volk, die weiße Rasse. Das Problem dabei ist, dass wir keine Idee haben, wie wir aus dieser Falle wieder herauskommen.

STANDARD: Sie schreiben, die Prekarisierung hat die Arbeiterklasse zerstört. An ihre Stelle tritt nun der Wunsch nach Zugehörigkeit. Warum greift dagegen kein Mittel?

Berardi: Das ist die schwierigste Frage überhaupt. Wir haben es mit einem Prozess zu tun, der schon fortgeschritten ist. Der Bürgerkrieg ist im Gange. Wie kann man ihn stoppen? Man kann sagen, indem man die Solidarität unter Arbeitern zurückgewinnt. Das ist genau das, was wir versäumt haben. Doch diese Leute, die für Bernie Sanders stimmten, sind die interessanten Menschen. Junge Menschen, die die Möglichkeit einfordern, die Fundamente der Gesellschaft neu zu erfinden. Sie mögen nicht gleich gewinnen, aber sie sind die Zukunft. Gegenwärtig ist ein Akteur die Finanzdiktatur, der andere sind die Rechtsradikalen, die sich gegen die globale Finanz aufstellen – ich sehe keinen dritten.

STANDARD: Oft spricht man von einer Repräsentationskrise der Politik. Trifft es das denn noch?

Berardi: Das Problem ist viel radikaler als eine Repräsentationskrise. Politik hat ihre Macht, ihre Fähigkeit zu lenken verloren. Wir sprechen nicht mehr von der Regierung (Government), sondern von Governance – die automatische Vollstreckung einer mathematischen Steuerung des sozialen Lebens. Die EU wird durch eine finanzielle Governance zerstört. Es ist also nicht so sehr ein Problem des Neuerfindens der Politik; es geht mehr um das Gehirn, die Selbstorganisierung des sozialen Gehirns. Es braucht eine Arbeitergemeinschaft der Bürger, welche die Richtung, die soziale Maschine ändern kann.

STANDARD: Welche Rolle spielen Medien – insbesondere das Internet, über das Sie sich ja in Ihrem Buch skeptisch äußern.

Berardi: Technologie ist immer mehrdeutig, nicht gut, nicht böse. Das Internet ist zu einem anthropologischen Verwandler geworden, es hat Lebensabläufe, nicht nur die Kommunikation, auch die Sexualität verändert. Auf längere Sicht hat es den Effekt einer Abschottung – die Digitalisierung des sozialen Alltags schafft eine weitläufige Einsamkeit, die zugleich mit einer enormen Stimulierung einhergeht. ...

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    Das Leben ist schön!,
15. Juni 2016, 13:06:53

... Die Arbeiter sind NICHT verschwunden, 2. Die "Revolution" des Neoliberalismus war "erfolgreich". Die immer wiederholte Geschichte vom Verschwinden der Arbeiterklasse ist nur halb wahr. Zwar sind im industrialisierten "Westen" Arbeiterjobs verschwunden, dafür wurde die Produktion in den sich industrialisierenden Osten verschoben, in China, Vietnam, Indien gibt es sehr wohl ArbeiterInnen. Wie DIESE ArbeiterInnen ohne gewerkschaftlichen Schutz (s. Bangladesh und Textilproduktion) ihr politisches und globales Bewusstsein schärfen können, ist eine Zukunftsfrage.

Wir müssen zugeben, dass dem Neoliberalismus eine siegreiche Revolution gelungen ist, die horizontale Teilung der Gesellschaft in Klassen (mit fuzzy borders) wurde durch die vertikale Teilung der Gesellschaft in ethnische und religiöse Segmente (mit harten Grenzen) ersetzt.



Aus: "Franco Berardi: "Die Kultur ist das Ziel dieses Krieges"" Interview: Dominik Kamalzadeh (15. Juni 2016)
Quelle: http://derstandard.at/2000038946340/Franco-Berardi-Die-Kultur-ist-das-Ziel-dieses-Krieges


Culture Now: Franco Bifo Berardi
Theorist and media activist Franco ‘Bifo’ Berardi discusses his new work Heroes: Mass Murder and Suicide (Verso, 2015) with Professor Benjamin Noys on 27 February, 2015. Examining the relationship between capitalism and mental health, this discussion, like the book, journeys through philosophy, psychoanalysis and current events, searching for the social roots of the mental malaise of our age.
https://www.youtube.com/watch?v=BMzfW15ZRVA

FRANCO BERARDI: The General Intellect is Looking for a Body
Veröffentlicht am 02.01.2013
WE ARE THE TIME: Art Lives in the Age of Global Transition, this conference-festival took place between March 12 and March 16, 2012 at the Rietveld Academie in Amsterdam. Gabriëlle Schleijpen, head of Studium Generale Rietveld Academie invited Aneta Szyłak, Grant Watson, Jorinde Seijdel and Alfredo Cramerotti to each inaugurate a discursive and performative program of one day. Curator Aneta Szyłak asked how artists are implicated in the condition of the academy and invited Hiwa K to speak about modifying the academy from within. Franco Berardi explained why we have to reinvent autonomy. Irit Rogoff explored the role of self-education in global resistance movements. Miguel Robles-Duran contributed insider knowledge on spatial organization and circulation of speech in the Occupy Wall Street movement. ...
https://www.youtube.com/watch?v=DhIIPcno7zs

« Last Edit: September 28, 2016, 10:22:43 AM by Link »

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Kapitalismus (...?)
« Reply #6 on: October 25, 2016, 10:30:17 AM »
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[...] Der Sozialpsychologe Erich Fromm (1900-1980) konnte von den Turbulenzen und Gewaltausbrüchen, die wir heute erleben, kaum etwas ahnen. Aber seine Überlegungen über die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und dem „Seelenhaushalt“ der einzelnen Menschen haben an Aktualität nichts eingebüßt – ging es ihm doch ganz allgemein um die Frage, „in welcher Weise bestimmte ökonomische Bedingungen auf den seelischen Apparat des Menschen einwirken und bestimmte ideologische Resultate erzeugen“. Die Antwort: „Die sozio-ökonomische Struktur der Gesellschaft formt den Gesellschafts-Charakter ihrer Mitglieder dergestalt, dass sie tun wollen, was sie tun sollen.“

Natürlich hätte Erich Fromm nicht bestritten, dass es sowohl bestimmte Anlagen von Geburt als auch zahlreiche Spielräume für autonome Entscheidungen des einzelnen Menschen gibt. Im Gegenteil: „Es stimmt zwar, dass der Mensch sich an beinahe alle Lebensbedingungen gewöhnen kann, trotzdem ist er kein leeres Blatt Papier, auf welches die Kultur ihren Text schreibt.“ Aber ebenso fahrlässig wäre es, die Prägungen, die dieses „Blatt Papier“ eben auch enthält, zu ignorieren. Wir sind sowohl Produkt unserer eigenen Lebensentscheidungen als auch der Gesellschaft, in der wir leben.

Was aber hat das nun mit dem inneren Unfrieden unserer Zeit zu tun, dem individuellen wie dem sozialen?

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich in Westeuropa ein Modell herausgebildet, das man frei nach Rousseau als „Gesellschaftsvertrag“ bezeichnen könnte. In einem überschaubaren ökonomischen Umfeld wurden ökonomische Verteilungskämpfe, aber auch religiöse, kulturelle oder lebensanschauliche Konflikte durch einigermaßen funktionierende Aushandlungsmechanismen sozusagen zivilisiert. Man lebte zwar keineswegs im Paradies, aber eben doch in einem einigermaßen verlässlichen, berechenbaren Umfeld. Und die Eruption des Protests von 1968 fügte nicht nur eine ordentliche Portion Liberalität und Toleranz hinzu. Sie besiegelte – jedenfalls in der Bundesrepublik – auch das historisch begründete Tabu, das Hass und Gewalt gegen Minderheiten zumindest im offiziellen und öffentlichen Diskurs verbot.

Doch spätestens 1989, als der Fall der Mauer dem Systemkonflikt ein Ende machte, war es auch mit diesem Modell vorbei. Die „Sieger der Geschichte“ im westlichen Teil der Welt dachten gar nicht daran, einen neuen „Gesellschaftsvertrag“ zu formen, der dem sich beschleunigenden weltweiten Austausch von Waren wie Menschen Rechnung getragen hätte. Die EU, die sich immer mehr zur Freihandelszone entwickelte, ohne sich auch nur annähernd ausreichende Regeln für ein solidarisches Zusammenleben zu geben, ist dafür nur das vertrauteste Beispiel. Die westlichen Eliten hielten sich mehr oder weniger radikal an den Satz, den die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1987 geprägt hatte: „There’s no such thing as society“, also: So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, oder einfacher: Jeder ist sich selbst der Nächste.

Was wir heute erleben, lässt sich durchaus lesen als die Prägung, die diese Ideologie im „Gesellschaftscharakter“ vieler Menschen hinterlassen hat. ...


Aus: "Kapitalismus: Der geformte Mensch" Stephan Hebel ( 21. Oktober 2016)
Quelle: http://www.fr-online.de/fr-serie--auf-die-fresse-/kapitalismus-der-geformte-mensch,34810614,34874314.html

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Kapitalismus (...?)
« Reply #7 on: January 17, 2017, 02:58:27 PM »
Georg Seeßlen: Der Geruch des Geldes
27. August 2011 - Georg Seeßlen - Aufnahme, Gesellschaft, Leben   
Das Geld, zur Zeit, hat schlechte Laune. Wo es gestern noch angeregt mit sich selbst plauderte, murrt es sich nun an. Die Datenströme, die durch den Kopf des Geldes fließen, machen es ganz wirr. Seinen alten Bruder Gold, den mag man gerade wieder. Gerne würde das Geld mal wieder mit Menschen sprechen. Es könnte ihnen sagen, es sei doch unvernünftig, was da gerade geschehe, man stoße da etwas ab, was mit Geld zu tun hat, nur weil die Computer entsprechende Daten sammeln. Sie fragen die Menschen schon lange genau so wenig mehr wie das Geld. Soll das Geld etwa mit den Computern sprechen? Arrogante, kleinliche Schnösel! Das Geld weiß, dass es nichts und niemanden mehr auf der Welt gibt, mit dem sich zu unterhalten lohnte. Es war, zugegeben, einst schön, mit den Menschen zu sprechen. Aber sie wurden immer kleiner, sie waren immer ferner. Menschen sind zu billig und zu krank für den Geschmack des Geldes. So hat es beschlossen, nur noch mit sich selbst zu sprechen. Aber manchmal, wenn es schlechte Laune hat, dann hört das Geld sich selber nicht mehr zu. ...
http://www.getidan.de/video/runhard_sage/36100/georg-seeslen-der-geruch-des-geldes

https://www.youtube.com/watch?v=R1Vdpb-Bgho

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"Das Finanzministerium, der "Deep State" und das Geldsystem" Paul Schreyer (09. April 2017)
Welche Rolle spielt das Finanzministerium im Machtpoker der Banken? Ist es Gegenspieler oder eher Teil eines "Deep State"? Und wer verdient eigentlich an den Staatsschulden? Telepolis fragte nach und erhielt lückenhafte Antworten. ... Wenn Finanzsektor und Ministerium sich geräuschlos arrangieren, Personal fließend miteinander austauschen und zu einem intransparenten Netz verwachsen, wenn ewige Schulden und eine stetige Abhängigkeit des Staates von privaten Gläubigern die Geschäftsgrundlage für alles weitere sind, dann wird es nicht demokratisch sondern ganz im Gegenteil feudal. ...
https://www.heise.de/tp/features/Das-Finanzministerium-der-Deep-State-und-das-Geldsystem-3678541.html

« Last Edit: April 10, 2017, 10:16:38 AM by Link »

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Kapitalismus (...?)
« Reply #8 on: November 12, 2017, 06:17:04 PM »
"Enthüllung: "Paradise Papers" nehmen Peter Harry Carstensen ins Visier" (08.11.2017)
Hamburg/Kiel. "Am Ende der Macht" war Peter Harry Carstensen (70). So der Titel der jüngsten rührseligen Dokumentation von Reinhold Beckmann über den früheren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein im NDR. Peter Harry Carstensen, der frühere Landesvater, der Jäger auf dem Hochsitz, der Mann, der in diesem Jahr nicht den Bundespräsidenten mitwählen konnte, weil sein Dackel krank war.
Über diese Klischees wirft die Verbindung von Carstensen zu den sogenannten "Paradise Papers" von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" ein neues Licht. Denn der Ex-Politiker soll fragwürdige Verbindungen zu einem "speziellen" Unternehmer haben. ...
https://www.abendblatt.de/region/schleswig-holstein/article212484531/Paradise-Papers-nehmen-Peter-Harry-Carstensen-ins-Visier.html


Die Paradise Papers sind ein Konvolut von ursprünglich vertraulichen Unterlagen der Anwaltskanzlei Appleby und des kleineren Treuhandunternehmens Asiaciti Trust, die 2016 der Süddeutschen Zeitung zugespielt worden sind. Die Unterlagen stellen in tausenden Fällen dar, wie Steuervermeidung und Steuerhinterziehung von einigen der weltweit größten multinationalen Konzernen und Milliardären mittels Verschleierung, Splittung und Geldwäsche betrieben wurden. Dazu wurden Briefkastengesellschaften gegründet und Steueroasen genutzt. In den geleakten Unterlagen finden sich Datensätze zu mehr als 120 Staats- und Regierungschefs und Politikern aus 47 Ländern, darunter auch die britische Königin Elisabeth II. sowie US-Handelsminister und Multimillionär Wilbur Ross. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Paradise_Papers (12. November 2017)


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[...] Kongo-Kinshasa und Angola sind typische Opfer des Ressourcenfluchs. Der Weg zu Geld führt nicht über Arbeit, sondern über die Politik und den korrupten Ausverkauf der nationalen Rohstoffe.  Die «Paradise Papers» werfen unter anderem ein grelles Licht auf dubiose Geschäftspraktiken zwischen Schweizer Firmen und afrikanischen Staaten. Im Falle von Glencore nähren diese den Verdacht, dass der Rohstoffkonzern mithilfe des Vermittlers Dan Gertler unter zweifelhaften Umständen zu massiv verbilligten Minenlizenzen in Kongo-Kinshasa gekommen ist. In dem vom «Tages-Anzeiger» breiter beschriebenen Fall des Schweiz-Angolaners Jean-Claude Bastos geht es um dessen Verwaltung des angolanischen Staatsfonds. Die mit dem «Paradise Leak» verbreiteten Informationen erwecken dabei den Eindruck, dass Gelder, die mit diesem Fonds erwirtschaftet wurden, zu einem Teil zur lokal herrschenden Machtelite zurückgeflossen sind.

Korrupte Geschäftspraktiken sind in Afrika verbreitet, vor allem in Ländern, die von Rohstoffen leben. Deren staatliche Haupteinnahmequelle besteht im Verkauf von Abbau- und Förderlizenzen. Für den Aufbau einer moderneren Wirtschaft, etwa durch eine verarbeitende Industrie, besteht in solchen Ländern kaum ein Anreiz, da das Geld sowieso fliesst und alles sich darauf konzentriert, einen Teil davon zu ergattern. Steuereinnahmen sind meist irrelevant, weshalb die Regierung ihren Bürgern auch kaum Rechenschaft schuldig ist. Für Geschäftsleute führt kein Weg an der Regierung vorbei, und die beste Möglichkeit, reich zu werden, bietet sich in der Politik und der Verwaltung. Bei Parteien und Wahlen geht es weniger um politische Programme als darum, welche Familie oder Ethnie sich Zugang zu den Fleischtöpfen verschaffen kann.

Das schafft nur, wer bereits über genügend Geld oder Geldgeber verfügt, um ein Netzwerk zu bilden, das durch Geschenke und Versprechen Wähler mobilisieren kann. Sitzt man einmal an den Schalthebeln der Macht, erwartet die Klientel Belohnung, sei es durch Zuteilung von Posten oder durch direkte «Hilfe» für gewisse Familien, Dörfer, Ethnien und Regionen bzw. deren Repräsentanten. Weil es in solchen Staaten kaum eine Trennung zwischen Politik und Wirtschaft sowie zwischen Staatskasse und Privatvermögen der Regenten gibt, muss man, um an Aufträge zu kommen, vor allem die massgeblichen Politiker günstig stimmen.

Natürlich ist Korruption nicht auf das subsaharische Afrika beschränkt, aber in den beschriebenen Konstellationen ist sie dort geradezu systemimmanent. Denn ein Politiker kann ohne permanenten Geldfluss, mit dem er seine loyalen Unterstützer bei Laune halten muss, gar nicht überleben. Erstens wird er ohne seine Klientel nicht wiedergewählt, zweitens ist er jedoch tatsächlich oft einem enormen erpresserischen Druck ausgesetzt, seine «Schulden» zurückzuzahlen. Gelingt ihm das nicht, muss er im Extremfall um sein Leben fürchten.

Diese Korruption im Grossen ist wohl nur möglich, weil sie auch im Kleinen, im Alltag und in der Sozialkultur fest verankert ist. Im subsaharischen Afrika fusst fast alles auf persönlichen Beziehungen. Man muss sich durch Freundlichkeit und Gefälligkeiten Goodwill verschaffen und für alles, was man bekommt, erkenntlich zeigen, auch wenn es aus westlicher Sicht nur um selbstverständliche professionelle Transaktionen oder administrative Serviceleistungen geht, die nichts mit der Person zu tun haben. Aber aus afrikanischer Perspektive stehen nicht die Funktion und nicht der automatisierte, anonyme Ablauf im Zentrum, sondern die Einzelperson, die für ihr «Entgegenkommen» das Recht auf Entgelt oder eine doch reziproke Dienstleistung beansprucht.

In der Schweiz gilt Korruption als unmoralisch. In Afrika ist es oft umgekehrt. Wer sich weigert, sich gegenüber einem Beamten, der einem unbürokratisch entgegengekommen ist, dankbar zu zeigen und etwas zu bezahlen, gilt als egoistisch, geizig, asozial – als unmoralisch. «Bestechung» wird eher als Ausdruck menschlicher Wärme verstanden. «Régler à l'amiable» nennt man das in Senegal – etwas auf freundschaftliche Weise regeln, nach dem Motto «Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft».

So wie im Grossen, beispielsweise bei staatlichen Aufträgen, öffentliche Ausschreibungen und transparente Auswahlkriterien selten sind, so werden auch in kleinen Betrieben Stellen oft an Verwandte vergeben, auch wenn diese schlecht qualifiziert sind. Auch hier hat das nicht nur mit fehlender Professionalität zu tun, sondern auch mit einem enormen sozialen Druck. Einen Job «auswärts» zu vergeben, wenn man doch die Möglichkeit gehabt hätte, endlich einem arbeitslosen Cousin eine Stelle zu verschaffen, gilt als herzlos. Der «Missetäter» riskiert seinerseits, der verwandtschaftlichen Solidarität verlustig zu gehen. Die ist aber in Ländern, die kaum über Versicherungen und Altersvorsorge verfügen, überlebenswichtig.

Vom Zwang, permanent verteilen zu müssen, können insbesondere Ladenbesitzer ein Lied singen. Sie sind ganz direkt mit Kunden konfrontiert, die auf verwandtschaftliche Solidarität pochen. Das Problem besteht darin, dass die afrikanische Verwandtschaft tendenziell unendlich und der Übergang von Bekannten zu Verwandten fliessend ist. Schon die Anrede mit «brother» oder «tonton» signalisiert, dass nun ein Appell an Hilfe folgt. Meist verlangen diese Kunden, dass sie etwas auf Kredit kaufen können, was auf ein Geschenk hinausläuft, dem Besitzer ein Abschlagen jedoch schwierig macht. Gerne verweisen die Bittsteller darauf, dass es im Laden hundert Flaschen Coca-Cola hat und eine mehr oder weniger doch wohl kaum ins Gewicht fällt.

Der Druck, alles verteilen zu müssen, macht es schwierig, zu sparen, Kapital zu bilden und zu investieren. Dass ein Ladenbesitzer Geld auf die Seite legt und Vorräte anlegt, erscheint den Ärmeren oft einfach als Hamstern. Dass in Ostafrika Kleinhandel und Läden mehrheitlich in den Händen der Inder sind und in Westafrika in denjenigen der Libanesen, ist wohl kaum ein Zufall. Sie sind eben nicht in dieses tief verankerte Sozialsystem von Hilfserwartungen eingebunden, das wie ein herausgezogener Stöpsel wirkt, der aus einem Waschbecken ein Fass ohne Boden macht.

Um auf die Weltwirtschaft und die internationalen Handelsbedingungen zurückzukommen: Für westliche Firmen mit ihren verbindlichen, der westlichen Kultur entsprechenden Corporate-Governance-Vorschriften ist die weitverbreitete Korruption und Kleptokratie in Ländern wie Kongo-Kinshasa ein grosses Problem. Einzelne profitieren davon und schaffen Anreize und Versuchungen, sie sind aber nicht die Ursache dieser Verhältnisse.

Ein trauriges Fazit der Wirtschaftsstruktur dieser Länder lautet: Wegen der Bestechung und der Verschleuderung der nationalen Ressourcen entgehen Ländern wie Kongo-Kinshasa gewaltige Einnahmen. Es ist aber dennoch zu befürchten, dass selbst bei transparenten Verfahren und marktgerechter Bezahlung der Rohstoffreichtum nicht dem Volk zugutekäme.



Aus: "Wenn sich mit Geld jedes Problem lösen lässt" David Signer, Dakar (12.11.2017)
Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/wenn-sich-mit-geld-jedes-problem-loesen-laesst-ld.1327837

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Kapitalismus (...?)
« Reply #9 on: November 12, 2017, 06:29:28 PM »
Quote
[...] Was die Panama Papers und die Paradise Papers enthüllt haben, hat die Fairness-Bedingung zutiefst verletzt. Es widerspricht dem gesunden Menschenverstand, Treu und Glauben, wenn der Fiskus bei den Lohneinkommen alles und jedes mit Akribie erfasst, besteuert und kleinste Vergehen hart ahndet, beim Kapitaleinkommen jedoch teils rechtlich gewollt stillschweigend, teils hilflos resigniert Steuerschlupflöcher duldet und offenlässt. Selbst wenn sowohl Panama Papers wie auch Paradise Papers nur wenige Deutsche auflisten, sind sie von der Signalwirkung her tödlich für den Gemeinsinn. Sie nähren den Verdacht, dass nun nur die Spitze des Eisbergs sichtbar wurde und bei Kapitaleinkommen Steuerflucht die Regel und nicht die Ausnahme ist. ...

Wenn die Elite trickst und manipuliert, Steueroptimierungsstrategien zum Volkssport und Cum-Ex-Geschäfte (bei denen mit Leerverkäufen einmal Kapitalertragssteuer bezahlt, aber zweimal eine Rückerstattung vom Staat gefordert wird) zum allgemein akzeptierten Geschäftsmodell werden, bewertet die Gesellschaft derartiges Verhalten erst misstrauisch, dann mit Verachtung. Schließlich geht zuerst die allgemeine Steuermoral und am Ende die Akzeptanz von Rechtsstaat, Demokratie, Kapitalismus und Marktwirtschaft verloren.

Kapitalismus und Marktwirtschaft leben vom allgemein getragenen Vertrauen, dass es „fair“ zugeht, allgemeine Regeln für alle gelten und alle von den Schiedsrichtern gleich behandelt werden. Werden Gesetze von Führungskräften und wohlhabenden Eliten kaltblütig gebrochen oder von einer Minderheit durch zwar legale, aber Treu und Glauben widersprechende Umgehungstatbestände ausgehebelt, geraten Kapitalismus und die Effizienz offener Märkte zwangsläufig und schlagartig in Verruf.

Die Paradise Papers sind ein weiterer Mosaikstein, der in einem stetig größer werdenden Teil der Bevölkerung das Bild eines unfairen Wirtschaftssystems entstehen lässt, in dem die „oben“ Moral und Anstand predigen, selber aber Maß und Mitte komplett verloren haben. Nicht Attac oder Occupy, sondern nimmersatte, gierige, rücksichtslose Egoisten, denen Gemeinsinn, Solidarität und auch das Grundgesetz egal sind („Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, so Art. 14 (2)) werden somit zu den Totengräbern von Kapitalismus und Marktwirtschaft.

Anstand und Fairness, Treu und Glauben sind für ein freiheitlich-liberales Wirtschaftssystem die Schattenwährung jenseits der „Legalität“. Sie sind unverzichtbare Verhaltensweisen jenseits von Recht und Gesetz. Ohne sie verlieren Kapitalismus und Marktwirtschaft nicht nur Vertrauen und Unterstützung der Bevölkerung. Sie verlieren die „Legitimität“. Dass also bei aller Ungleichheit, die zu Kapitalismus und Marktwirtschaft gehören, die Ergebnisse von Angebot und Nachfrage, freien Märkten und Wettbewerb von der Bevölkerung moralisch getragen und damit gesellschaftlich akzeptiert werden.

Quote
S. E.

"Unser Wirtschaftssystem lebt vom Vertrauen, dass es darin „fair“ zugeht und Regeln für alle gelten."
Hm, seit wann war unser Wirtschaftssystem und unsere Gesellschaft jemals fair - noch NIE!
Unternehmer arbeiten "schwarz", Unternehmen agieren mit Dumpig-Löhnen, Arbeitnehmer arbeiten somit also auch "schwarz" damit sie ihre schlechte, offizielle Bezahlung kompensieren können, Kunden geben "Schwarz.-Aufträge", Pendlerpauschalen sowie Fahrten- und Kassenbücher werden manipuliert, Finanzämter besteuern fiktive Erträge und Schätzen großzügig nach oben, Politiker haben schwarze Kassen, Sparkassenpräsidenten bezahlen ihre Steuer nur zögerlich und Bürgermeister, sowie Landräte landen nach ihrer Abwahl, plötzlich bei ehemals mit Aufträgen versorgten Unternehmen. Seltsam, wir sind trotzdem eine der führenden und wohlhabendsten Wirtschaftsnationen dieser Erde - zeigen sich diese moralisch höchst verwerflichen Zustände nicht überall?


Quote
KLAX

Diese Enthüllungen über die Paradise Papers sind nur ein weiterer Fortschritt in der Errosion des Vertrauens in die Führungskräfte in Politik und Wirtschaft.
Die Spirale des Misstrauens wird sich weiter drehen bis hin zu hässlichen Konsequenzen im (Wahl)Verhalten der Bürger.


Quote
Karsten D.

Nach dem "Fall Zumwinckel", die Leser erinnern sich evtl., habe ich bereits vor Jahren jeglichen Gerechtigkeitssinn in unser Steuersystem und Justiz komplett verloren. Ich nehme die Dinge nur noch schulterzuckend hin und suche das Weite in die private, egoistische Mentalität des Selbstbezogenen. Macht man, ihr kriegt das schon irgendwie hin! Schade ists um die Aufrichtigen die nicht fliehen können und zum kämpfen zu schwach sind.


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Kurt Pjetrew

"Wer Menschen, die sich gesetzestreu verhalten, aus moralischen Gründen medial an den Pranger stellt, bewegt sich auf ganz dünnem Eis."
Interessant, wie sich Meinungen über die Steuervermeidungsmodelle im Fall der Paradise Paper abmildern. Es scheinen wohl dieses Mal eine ganze Menge von den Falschen betroffen zu sein, die eigentlich die besseren sind und über die man nichts sagen sollte.


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Armin M.

Unser Wirtschaftssystem lebt vom Vertrauen, dass es darin „fair“ zugeht und Regeln für alle gelten.
…. Ich denke unser Wirtschaftssystem war noch nie fair. Aber vor der Neoliberalisierung war das System so, dass die große Mehrheit in diesem System leben konnte. Man konnte mit normalen Berufen und Einkommen, eine Familie ernähren und wohnen.
Und wenn immer stärker auch der Mittelstand um die Existenz kämpft, dann verliert der Staat und das System irgendwann seinen Rückhalt.


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Horst W.

Das fatale sind nicht die Fälle, in denen gegen die Regeln verstoßen wird. Wer gegen die Regeln verstößt, wird – in der Regel – zur Rechenschaft gezogen, wenn man ihn erwischt. Fragen Sie Herrn Hoeneß.

In meinen Augen ist das fatale an den Panama-, Wikilux- und Paradise-Papers, dass eben nicht gegen Regeln verstoßen wird. Dass die einen Staaten die „Steueroptimierung“ erlauben und die anderen Staaten – wie auch jetzt wieder – nur eine Menge Theaterdonner veranstalten.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Politiker noch nicht einmal böswillig handeln, wenn sie Gesetze erlassen, die der Steueroptimierung Tür und Tor öffnet. Die Politiker sind schlicht damit überfordert, die Zusammenhänge zu erkennen. Hier geht mein Vertrauen in den Staat verloren.


...


Aus: "Die Paradise Papers zeigen die wahren Feinde des Kapitalismus‘" Thomas Straubhaar (07.11.2017)
Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article170391583/Die-Paradise-Papers-zeigen-die-wahren-Feinde-des-Kapitalismus.html

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Kapitalismus (...?)
« Reply #10 on: March 21, 2018, 05:08:06 PM »
""Ich verstehe nicht, warum in der politischen Linken eine so unglaubliche Staatsgläubigkeit herrscht"" Marcus Klöckner (21. März 2018)
Ein Interview mit dem Soziologen Rainer Zitelmann, der mehr Markt und weniger Staat fordert
https://www.heise.de/tp/features/Ich-verstehe-nicht-warum-in-der-politischen-Linken-eine-so-unglaubliche-Staatsglaeubigkeit-herrscht-3989299.html?seite=all

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leachim200, 21.03.2018 16:13

Ich verstehe nicht, warum in der politischen Linken eine so unglaubliche Staatsgläubigkeit herrscht

Und ich verstehe nicht, warum in der politischen Rechte eine so unglaubliche Markthöhrigkeit herrscht.
Mann beachte den Unterschied zwischen Gläubigkeit und Höhrigkeit.
... Welche Fähigkeiten der "freie" Markt hat, hat die Finanzkrise gezeigt.
Hampelmänner in Nadelstreifen hinter den Bildschirmen haben das Chaos verursacht.


https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Ich-verstehe-nicht-warum-in-der-politischen-Linken-eine-so-unglaubliche-Staatsglaeubigkeit-herrscht/Ich-verstehe-nicht-warum-in-der-politischen-Linken-eine-so-unglaubliche/posting-32073774/show/

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Kapitalismus (...?)
« Reply #11 on: March 22, 2018, 09:03:02 PM »
Finanzkrisen sind größere Verwerfungen im Finanzsystem, die durch plötzlich sinkende Vermögenswerte (z. B. bei Unternehmensbeteiligungen – siehe Börsenkrach) und die Zahlungsunfähigkeit zahlreicher Unternehmen der Finanzwirtschaft und anderer Branchen gekennzeichnet sind und die die ökonomische Aktivität in einem oder mehreren Ländern beeinträchtigen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Finanzkrise


"Goldman Sachs Eine Bank lenkt die Welt" (Arte, 2012)
Seit fünf Jahren steht die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs für sämtliche Exzesse und Entgleisungen der Finanzspekulation. Durch hochspekulative Geschäfte mit der Zahlungsunfähigkeit der amerikanischen Privathaushalte konnte sich die Bank an der aktuellen Finanzkrise bereichern und wurde dank ihrer politischen Verbindungen selbst vor dem Bankrott bewahrt. Als die amerikanische Krise über den Atlantik nach Europa schwappte, wurde Goldman Sachs zu einem der Protagonisten der Euro-Krise: Die Bank soll gegen die europäische Einheitswährung spekuliert und die griechische Staatsschuldenbilanz mit Hilfe komplexer und undurchsichtiger Währungsgeschäfte geschönt haben. Als die europäischen Regierungen nacheinander dem Zorn der Wähler zum Opfer fielen, nutzte Goldman Sachs die Gunst der Stunde, um ihr komplexes Einflussgeflecht auf den alten Kontinent auszuweiten. Goldman Sachs ist mehr als eine Bank. Sie ist ein unsichtbares Imperium, dessen Vermögen mit 700 Milliarden Euro das Budget des französischen Staates um das Zweifache übersteigt. Sie ist ein Finanzimperium auf der Sonnenseite, das die Welt mit seinen wilden Spekulationen und seiner Profitgier in ein riesiges Kasino verwandelt hat. Mit weltweit einzigartigen Verflechtungen und einem Heer aus 30.000 Bankern konnte Goldman Sachs auch in den letzten fünf Krisenjahren kräftige Gewinne einstreichen, seine Finanzkraft weiter ausbauen, seinen Einfluss auf die Regierungen stärken und sich vonseiten der amerikanischen und europäischen Justiz völlige Straffreiheit zusichern. Das Geschäftsgebaren der Bank ist überaus diskret. Ihr Einfluss reicht weit in den Alltag der Bürger hinein - vom Facebook-Börsengang über die Ernennung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank bis hin zum Lobbying gegen die Regulierung des Finanzsektors. Der Arm der Bank ist lang, und sie befindet sich stets auf der Gewinnerseite.
https://www.youtube.com/watch?v=pbCWfvn0mLU

"ZDFzoom vom 31.01.2018 - Piraten in Nadelstreifen"
Während fast in der gesamten Republik Staatsschulden getilgt werden, steigen sie in Hamburg und Schleswig-Holstein drastisch an. Hauptgrund ist der Niedergang der HSH Nordbank.
https://www.youtube.com/watch?v=lZul72YbOGs
« Last Edit: March 22, 2018, 09:57:04 PM by Link »

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Kapitalismus (...?)
« Reply #12 on: April 02, 2018, 03:30:43 PM »
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[...] Karl Marx hat es geschrieben, John Maynard Keynes hat davor gewarnt und die einfachen Leute haben es ohnehin schon immer gewusst: Im unregulierten Kapitalismus wachsen die Vermögen jener, die das Kapital besitzen, weit schneller als bei jenen, deren Arbeit die Kapitalerträge erzeugt. Der Teufel macht eben immer nur auf den großen Haufen. Insofern ist die Erkenntnis, die der französische Ökonom Thomas Piketty in seinem Weltbestseller über „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ausbreitet, nicht originell.

Neu an seinem Werk ist lediglich die ausgefeilte Methodik. Anhand der Steuerdaten aus drei Jahrhunderten weist der neue Star am Ökonomenhimmel nach, dass der Trend zur Konzentration der Vermögen in den Händen einer kleinen Elite systembedingt ist und nur zeitweise durch Krieg oder harte staatliche Eingriffe umgekehrt wurde. Und hätte Piketty sein Buch schon vor zehn Jahren veröffentlicht, dann wäre das vermutlich außerhalb seiner Zunft nicht weiter aufgefallen.

Doch im Jahr sechs nach Lehman, da noch immer viele Millionen Arbeitslose und die überschuldeten Staaten mit den Folgen des großen Crashs kämpfen, trifft das Werk offensichtlich einen Nerv. Das anspruchsvolle Buch verkauft sich massenhaft und plötzlich entzündet die Wiederkehr der längst überwunden geglaubten Klassengesellschaft eine weltweite Debatte. Daran wird auch der Vorwurf von Kritikern, Piketty habe Daten verfälscht, nichts mehr ändern. Selbst die Gralshüter des Marktglaubens, die Ökonomen der OECD und des Internationalen Währungsfonds, die bisher stets gegen staatliche Eingriffe in das freie Spiel der (Kapital-)Kräfte fochten, veröffentlichten nun Studien, die der Umverteilung durch Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen das Wort reden.

Bahnt sich nun also nach Jahrzehnten der Unterwerfung der Politik unter die Ansprüche des flüchtigen Kapitals die große Wende an? Schön wär’s. Doch die politische Praxis in Europa folgt einem ganz anderen Muster. Denn hier erzwingen die deutsche Kanzlerin und ihre Verbündeten in der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank (EZB) und dem Rat der Finanzminister per Gesetz und mit den Knebelverträgen für die Notkredite an die überschuldeten Staaten eine Politik, die im großen Stil die Ungleichverteilung verschärft. So setzte die EU-Kommission im Auftrag der Euro-Gruppe in allen Krisenländern massive Lohnsenkungen durch. Gleichzeitig weigern sich die EU-Finanzminister aber hartnäckig, für eine halbwegs gerechte Besteuerung von Kapitalerträgen zu sorgen.

Selbst die Krisenstaaten Zypern und Irland dürfen weiterhin Konzerne und Geldwäscher mit großzügigen Steuernachlässen bedienen. In Griechenland ging die soziale Spaltung im Namen der Euro-Rettung so weit, dass die Kürzung des Mindestlohns um 25 Prozent per Notstandsdekret erzwungen wurde, als im Parlament die Mehrheit fehlte, weil sogar die Unternehmer sich dagegen ausgesprochen hatten. Die auf mehr als 200 Milliarden Euro geschätzten Vermögen der griechischen Elite bei Banken und Fonds im Ausland blieben dagegen unangetastet. Nun drängen die Merkel-Regierung und die Kommission auch in Frankreich und Italien auf „Strukturreformen“, deren wesentliches Ziel es ist, die Löhne zu drücken.

All das beruht auf der Annahme, die Senkung der Lohnkosten würde die Unternehmen der betroffenen Länder befähigen, mehr zu exportieren und sie zu neuer Blüte führen. Tatsächlich geschieht das Gegenteil. Die Wirtschaft schrumpft oder stagniert, weil die interne Nachfrage fehlt. Und diese wird keineswegs durch größere externe Nachfrage ersetzt, weil alle EU-Staaten ja die gleiche Strategie verfolgen (müssen) und so ein regelrechter Lohnsenkungswettbewerb erzeugt wird.

In der Folge beginnen in einem Land nach dem anderen die Preise zu fallen, was endgültig jede Investition erstickt. Bizarrerweise wollen EZB-Chef Mario Draghi und seine Direktoren nun mit Notstandsmaßnahmen wie einem Strafzins auf Zentralbankeinlagen genau die Deflation bekämpfen, die sie selbst durch ihre Politik herbeigeführt haben. Aber das wird nicht reichen. Nötig wären vielmehr das Ende der Lohnsenkungspolitik und eine Entschuldung der Krisenländer, damit deren Regierungen wieder handlungsfähig werden. Ginge es nach Piketty, dann wäre eine EU-weit erhobene Abgabe auf große Vermögen dafür das Mittel der Wahl. Im deutschen Kanzleramt sind seine Ideen allerdings noch nicht angekommen.

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nyma 29.05.2014, 20:32 Uhr

Der Krieg Arm gegen Reich

Der Multimilliardär Warren Buffett sagte zwei Jahre vor(!) der Weltwirtschaftskrise in einem Interwiev in der New York Times:

„Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.“

Er bezog das natürlich auf die USA, aber angesichts dessen, was derzeit in Europa vorgeht, passt das Zitat auch perfekt hierher.



Aus: "Merkels Politik nutzt nur dem Kapital" Harald Schumann (29.05.2014)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/meinung/europas-krisenpolitik-merkels-politik-nutzt-nur-dem-kapital/9967406.html

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[...] Eigentlich dürfte Ungleichheit in einer funktionierenden Demokratie nicht wachsen. Da die weniger Wohlhabenden und die Armen die Mehrheit haben, müssten sie mit ihren Stimmen verhindern können, dass die Armen ärmer und die Reichen reicher werden. Es müsste umverteilt werden. Aber warum geschieht das nicht?

Darauf hat kürzlich der französische Ökonom Thomas Piketty eine Antwort versucht. Bekannt geworden ist er durch sein 2016 erschienenes Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, in dem er aus jahrhundertealten Steuerlisten und weltweiten Wirtschaftsdaten ein altes und weit verbreitetes Muster herausdestillierte: Überall wächst das Kapitalvermögen schneller als die Realwirtschaft. Die Rendite, die Aktien und Grundbesitz erbringen, ist im Schnitt immer höher als das Einkommen. Seine erste Antwort auf die Unfähigkeit demokratischer Systeme, hier gegenzusteuern, ist ein dickes Nein: Es stimme nicht, dass das in einer globalisierten Weltwirtschaft nicht gehe. Nichts mache Umverteilung technisch unmöglich, schreibt Piketty in einer Powerpoint-Präsentation vom Januar dieses Jahres, für die er Daten aus den USA, Frankreich und Großbritannien der vergangenen 70 Jahre ausgewertet hat. Die Globalisierung der Ungleichheit sei hausgemacht: „Staaten und Regierungen entscheiden selbst, Verträge zu unterschreiben, die Freihandel und freie Kapitalflüsse vorsehen, aber keine umverteilenden Steuern und Regulierungen.“

Warum sie das tun, erklärt der Ökonom mit einem Blick über den Gartenzaun, in die Sozialgeschichte: Wer in den 50er und 60er Jahren in den USA, Frankreich, und Großbritannien links wählte – in Deutschland, das Piketty demnächst untersuchen will, wäre das wohl ähnlich – war weniger gebildet und hatte weniger Geld. In den zwei Jahrzehnten danach kamen die Gebildeteren hinzu, es entstand, was Piketty ein „Mehr-Eliten-Parteiensystem“ nennt. Die Stimmen der Vermögenden und Gutverdiener gingen nach rechts, die der Gebildeten - der Autor benennt sie nach der indischen Priesterkaste - nach links, „Brahmanen-Linke gegen Geschäfts-Rechte“, so der Titel der Präsentation.

Der Charme von Pikettys Blick auf den Wählerwandel liegt darin, dass er so weit reicht. Bisherige Studien hielten sich an Kategorien fest, dem „Arbeiter“ zum Beispiel, die immer nur für eine bestimmte Epoche gelten. Auf lange Sicht, argumentiert er, sei es besser, auf Bildung und Einkommen zu schauen. Das Vorgehen erlaubt, einen teils faszinierenden Wandel der Parteien festzustellen: Die US-Demokraten entwickelten sich erst von der Partei der Sklavenhalter zu einer für arme Weiße, dann zu der des New Deal und schließlich, schreibt Piketty, „zur Partei reicher Weißer und armer Minderheiten“. Und obwohl britische und französische linke Parteien ganz anders organisiert seien, hätten sie über die Jahrzehnte die gleiche Entwicklung ihrer Wählerschaft in puncto Bildung und Einkommen erlebt. Dabei könnte eines Tages auch die Sortierung des Parteiensystems nach Bildungs-Linker gegen Reichen-Rechte enden: „Da hohe Bildung auf lange Sicht zu hohen Einkommen/Wohlstand führt, sind Mehr-Eliten-Parteiensysteme zwangsläufig instabil: Eliten neigen dazu, sich zusammenzuschließen.“ Am Ende könnte „die völlige Neuausrichtung des Parteiensystems“ stehen.

 Was Pikettys Entwurf vorerst nur in einer Frage streift, ist ziemlich entscheidend: Die Allianz der Eliten lässt die zurück, die nicht dazu gehören. Das war so lange nicht wahlentscheidend, wie die am stärksten Abgehängten sich zurückzogen und nicht wählten. Die großen linken, die sozialdemokratischen Parteien, machten sich derweil vor, deren Interessen zu vertreten, obwohl sie es längst nicht mehr taten. Das Freihandelsabkommen TTIP haben, unter anderen, ein demokratischer US-Präsident und ein sozialdemokratischer deutscher Wirtschaftsminister verteidigt und gewollt.

Mit dem Aufkommen einer Alternative von rechts, so falsch sie auch ist, ist diese Sicherheit zerbrochen. Frankreichs Sozialisten sind schon Geschichte, der Front National lebt, und in Deutschland und Italien nähern sich dessen Schwestern einem Stimmanteil von 20 Prozent.

Wenn Demokratien die Ungleichheit wuchern lassen, dann ist das nicht einfach ein Kuriosum oder ein Naturgesetz. Dann funktionieren sie nicht. Der Aufstieg der Rechten ist eine verzweifelte, wütende Reaktion auf diese Krise der Demokratie. Ausgelöst durch Eliten, die fast geschlossen zur Religion des Marktes konvertierten. Vor vielen Jahren. Die Phantasie für eine rationale Reaktion ist wohl verdampft.



Aus: "Wenn Ungleichheit wuchert, funktioniert die Demokratie nicht" Andrea Dernbach (12.03.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/meinung/reich-und-arm-wenn-ungleichheit-wuchert-funktioniert-die-demokratie-nicht/21058100.html

-

2014 sorgte seine Veröffentlichung Das Kapital im 21. Jahrhundert (französisch 2013: Le Capital au XXIe siècle) weltweit, besonders in den USA, für sehr große Aufmerksamkeit. ... Piketty forscht insbesondere zu den Themen Einkommensverteilung, Vermögensverteilung und soziale Ungleichheit. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Piketty

"What the 1% Don't Want You to Know" (18.04.2014)
Economist Paul Krugman explains how the United States is becoming an oligarchy - the very system our founders revolted against.
https://www.youtube.com/watch?v=QzQYA9Qjsi0

Thomas Piketty: New thoughts on capital in the twenty-first century (06.10.2014)
French economist Thomas Piketty caused a sensation in early 2014 with his book on a simple, brutal formula explaining economic inequality: r is greater than g (meaning that return on capital is generally higher than economic growth). Here, he talks through the massive data set that led him to conclude: Economic inequality is not new, but it is getting worse, with radical possible impacts. TEDTalks is a daily video podcast of the best talks and performances from the TED Conference, where the world's leading thinkers and doers give the talk of their lives in 18 minutes (or less). Look for talks on Technology, Entertainment and Design -- plus science, business, global issues, the arts and much more. ...
https://www.youtube.com/watch?v=JKsHhXwqDqM

"Thomas Piketty - Das Kapital im 21. Jahrhundert - Finanzmarkt Ökonomie" (3sat, 15. Januar 2015)
Kann es einen fairen Kapitalismus geben?: Können die wirtschaftlichen und monetären Mechanismen, die die Kluft zwischen Arm und Reich verstärken, staatlich kontrolliert und gesteuert werden? Gert Scobel versucht mit seinen Gästen inspirierende Antworten auf die zunehmende soziale Ungleichheit zu finden.
https://www.youtube.com/watch?v=_sfbieVmfPY


« Last Edit: June 03, 2018, 11:49:38 AM by Link »

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Kapitalismus (...?)
« Reply #13 on: May 30, 2018, 10:49:05 AM »
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[...]  ... Helnwein: Die Welt befindet sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer noch in einem permanenten Kriegszustand. In diesen Kriegen starben 50 Millionen Menschen, ganze Nationen wurden in die Steinzeit zurückgebombt und versanken im Chaos. Keine dieser militärischen Interventionen hat jemals irgendein Problem gelöst oder irgendjemandem geholfen, außer dem Militär, der Rüstungsindustrie und deren Banken. Und da das Geschäft mit dem Tod gar so gut läuft, werden die Kampfhandlungen auf immer neue Länder ausgeweitet.

STANDARD: Sie meinen, es ginge hier nur ums Geschäft?

Helnwein: Dieser Verdacht kann sich einem schon aufdrängen, wenn man sieht, wie trotz gigantischer Staatsschulden, weltweiter Wirtschaftskrise und Sparmaßnahmen im Sozialbereich, Unterricht und Kultur die Militärbudgets ständig weiter erhöht werden. Noch nie sind so viele Waffen produziert und exportiert worden. Obwohl die Nato jährlich bereits 900 Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt, fordern die USA Europa ständig auf, noch mehr aufzurüsten.

STANDARD: Sie fühlen sich der 68er-Generation verbunden. Wie sehen Sie diese Revolte 50 Jahre danach?

Helnwein: Die Jugendrevolte der 1960er-Jahre war der letzte Versuch, sich gegen ein System aufzulehnen, das für zwei Weltkriege und den Holocaust verantwortlich war. Die linke Studentenschaft wollte damals den Marsch durch die Institutionen antreten. Bei diesem Marsch haben aber die Institutionen gewonnen. Fischer, Schily und Mahler sind links unten hineinmarschiert, und ganz rechts oben sind sie wieder herausgekommen. Man kann es ruhig sagen: Das amerikanische, raubkapitalistische System hat den endgültigen und totalen Sieg errungen.

STANDARD: Der globale Siegeszug des Kapitalismus hat doch auch Armut verringert.

Helnwein: Noch nie war die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie heute. Das reichste Prozent der Menschheit besitzt heute mehr als der gesamte Rest. Und die Schere geht immer weiter auf.

STANDARD: Die 68er politisierten sich einst an den Gräuelbildern des Vietnamkriegs, die damals erstmals via Fernseher in die Wohnzimmer geliefert wurden. Heute scheint durch die mediale Überfrachtung mit Gewaltbildern eher ein Fluchtreflex einzusetzen. Man will eben nicht mehr hinsehen. Ist das gefährlich?

Helnwein: Der ganze Planet ist fest im Griff eines Systems, das Pasolini schon in den 60er-Jahren als Konsumterror, als den neuen Faschismus bezeichnet hat. Die Überflutung der Menschen mit überflüssigen Konsumprodukten, schwachsinnigem Entertainment, Kitsch und Gewalt in Massenmedien, Filmen und Computerspielen haben die Menschen desensibilisiert und in einen Zustand von Apathie getrieben. ..."


Aus: "Gottfried Helnwein im Interview: "Das Geschäft mit dem Tod läuft gut" Interview: Stefan Weiss (30. Mai 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000080648311/Gottfried-Helnwein-im-Interview-Das-Geschaeft-mit-dem-Tod-laeuft

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Kapitalismus (...?)
« Reply #14 on: June 10, 2018, 11:42:36 AM »
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[...] Eine Volksinitiative möchte das Vollgeld-System einführen. Vollgeld bedeutet im Grunde, dass nur noch die Zentralbank neues Geld schöpfen kann. Derzeit haben in der Schweiz – wie in anderen Ländern – auch Privatbanken diese Macht. Sie dürfen zwar kein Bargeld drucken, aber Kredite vergeben. Scheine und Münzen machen heutzutage nur einen kleinen Teil der zirkulierenden Geldmenge aus, in Europa etwa zehn Prozent. Der Großteil des Geldes liegt auf Konten, existiert also nur auf dem Papier. Gibt eine Bank einem Kunden einen Kredit, schöpft sie neues Geld, das auf dem Konto landet. Sie muss zwar eine sogenannte Mindestreserve für den Kredit bei der Zentralbank deponieren. Die ist allerdings verschwindend gering, in der Schweiz beträgt sie nur 2,5 Prozent der dem Kunden gutgeschriebenen Einlage. Bei der Europäischen Zentralbank liegt sie bei einem Prozent.

Im Vollgeld-System wäre das nicht mehr möglich. Banken müssten sich das Geld für Kredite komplett von der Zentralbank leihen, also selbst einen Kredit aufnehmen. Die multiple Geldschöpfung wäre damit Geschichte. Und die Kreditvergabe der Banken wäre durch die von der Zentralbank bestimmte Geldmenge begrenzt. Mit dem Vollgeld soll das Girogeld so sicher sein wie das Bargeld im Tresor. Die Vollgeld-Befürworter sind auch davon überzeugt, dass dies ein Ende überhitzter Kreditzyklen und Spekulationsblasen bedeuten würde.

... Das Nachdenken über alternative Währungssysteme ist nicht neu: Während der Griechenland-Krise war die Einführung von Regionalwährungen ein Thema. Befürworter glaubten, dass durch das Regionalgeld die Wirtschaft gefördert und Arbeitsplätze erhalten werden könnten. In ganz Europa gibt es solche Projekte, auch in Deutschland. Besonders bekannt ist der Chiemgauer in Bayern. Ein Chiemgauer kann gegen einen Euro eingetauscht werden. Der Unterschied zum Vollgeld: Das Regionalgeld existiert ergänzend zur Hauptwährung.

Viel diskutiert wurden in den vergangenen Jahren auch Kryptowährungen, ein digitales Zahlungsmittel, das auf Basis der Blockchain-Technologie funktioniert. Umstritten ist, ob es sich dabei überhaupt um eine Währung im eigentlichen Sinne handelt. "Der Begriff Kryptowährung ist irreführend", sagt Philipp Sandner, ein Kollege von Adalbert Winkler an der Frankfurt School. Er leitet dort das Blockchain Center. "Zutreffender wäre der Begriff Kryptoassets, da Sie eigentlich alles in diesem System hinterlegen können." 

Auch mit der Blockchain würde die Währung nicht abgeschafft, aber dezentralisiert. Die Vorteile für den Verbraucher erklärt der Blockchain-Experte Philipp Sandneram Beispiel der Mietkaution: Selbst wenn der Mieter seine Wohnung ohne Konflikt mit dem Vermieter verlässt, kann es oft Wochen dauern, bis er seine Kaution zurückerhält. "Das liegt nämlich meist an der Bank." Bürokratische Hürden behindern die Überweisung. Beim "Krypto-Euro" wäre die Bank überflüssig. Ist vorher digital hinterlegt worden, dass zur Rückgabe des Geldes nur ein simples "Go" vom Vermieter nötig ist, geschieht die Überweisung blitzschnell. "Das kann man in zwei Zeilen Code festlegen", so Sandner.

Experimente mit diesem Modell gibt es bereits, allerdings vor allem für den Zahlungsverkehr zwischen Banken. Neue Kryptowährungen könnten in Ländern eine Alternative sein, in denen die staatlichen Institutionen kein Vertrauen genießen. "Blockchain-Systeme brauchen nämlich keine staatlich legitimierte Aufsicht", erklärt Sandner. Doch ein Problem bleibe: Bürger und Geschäfte müssten die Coins als Zahlungsmittel akzeptieren. "Vertrauen ist das Stichwort", sagt Sandner.

Dass die Schweizer die Geldschöpfung künftig allein der Zentralbank anvertrauen werden, ist unwahrscheinlich. In einer Umfrage gab nur ein Drittel der Befragten an, für die Einführung des Vollgeldes stimmen zu wollen.

Quote
Oakman #1

Der Ökonom stellte auf dem Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank die Frage, ob Zentralbank und Staat dieses Vertrauen verdient hätten.

Die privatwirtschaftlich organisierten Banken haben in den letzten Jahren hinlänglich bewiesen, dass sie diesen Vertrauen zumindest nicht verdienen.

Tatsache ist, dass im Moment Gewinn und Risiko bei einer großen, systemrelevanten Bank asymmetrisch verteilt sind. Laufen die riskanten Geschäfte gut, verbleibt der Gewinn in der Privatwirtschaft, geht es schief, kehrt man mit dem Steuergeld der Krankenschwester die Scherben zusammen.

Ob das Vollgeld hierfür die Lösung ist, weiß ich nicht - aber grundsätzlich ist jede Diskussion, die versucht den Kern des Problems anzugehen und sich nicht in Klein-Klein (wie z. b. Vorstandsboni) verzettelt, zu begrüßen.


Quote
Postdemokratische Geronto-Plutokratur #1.1

"Der Ökonom stellte auf dem Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank die Frage, ob Zentralbank und Staat dieses Vertrauen verdient hätten. "

Diese Zeile hat mich auch irritiert.
Warum sollte sich der Staat Vertrauen erst verdienen müssen, während private Bankhäuser ohne Rechtfertigungsdruck und Verantwortungsbewusstsein hochspekulative Finanzgeschäfte machen und an der Grenze des Seriösen agieren?


Quote
Selbstzensiert #1.2

Die wichtigste Änderung des Vollgeldsystems würde nicht erwähnt.

Zur Zeit werden Sie, wenn Sie Guthaben auf der Bank haben, zum Gläubiger der Bank.
Die Bank ist Ihnen gegenüber der Schuldner.

Giralgeld ist ebenso wie Vollgeld im Prinzip jederzeit verfügbar. Aber Vollgeld ist tatsächlich vorhanden, bestandsicher und befindet sich im Besitz der Kunden. Giralgeld dagegen befindet sich nicht im Besitz der Kunden, sondern stellt nur ein Versprechen der Banken dar, auf Verlangen Bargeld (Zentralbankgeld) dafür auszuzahlen oder das Guthaben anderswohin zu überweisen. Giralgeld ist eine weitgehend ungedeckte Forderung, die wir an unsere Bank haben. In diesem Sinn ist Giralgeld ein Bargeldkredit, den die Kunden der Bank überlassen.

Das ist der entscheidende Unterschied.
.... Vollgeld ist tatsächlich vorhanden,
bestandsicher und befindet sich im BESITZ DER KUNDEN.

Im übrigen ist alles was den Finanzsektor etwas entmachtet begrüssenswert.


Quote
Mark T. Wayne #1.5

Die Kryptowährungen haben den Vorteil, dass man bei diesen niemandem Vertrauen muss, weil niemand die Kontrolle hat, außer dem mathematischen Algorithmus.

Damit machen Kryptowährungen sowohl private Banken wie auch Zentralbanken überflüssig, weil man für Konten, Überweisungen und "Gelderstellung" diese nicht Mittelmänner, die oftmals ihre Macht mißbrauchen, nicht mehr braucht.

Leider muss man sich etwas ausführlicher informieren, um diese ganzen Zusammenhänge zu verstehen - und zwar sowohl über das derzeitige Währungssystem, wie auch über die Alternativen, die Kryptowährungen aufzeigen.


Quote
Oakman #1.6

Die Kryptowährungen haben den Vorteil, dass man bei diesen niemandem Vertrauen muss, weil niemand die Kontrolle hat, außer dem mathematischen Algorithmus

Zu den ganz wenigen Dingen, die man in den Wirtschaftswissenschaften als "hinreichend empirisch belegt" ansehen kann, gehört die Erkenntnis, dass Deflation Gift ist - und alle mir bekannten Kryptokonzepte führen bei wachsender wirtschaftlicher Aktivität automatisch zu Deflation.


Quote
Die Freiheit liebender #2.2

Da der Staat keinen freien Markt zulässt, kann der Markt nicht funktionieren und auch nicht für die Verwerfungen verantwortlich gemacht werden.


Quote
Tordenskjold #2.3

Sind Sie es, Herr Lindner?


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stefan951 #2.5

Der freie Markt hat in der Pflege versagt.


Quote
LouiDerLustigeLeguan #2.6

Kommt darauf an, welche Anforderungen man stellt.

1. Dass die Menschen eine bezahlbare, bestmögliche Pflege erhalten?
Ganz klar gescheitert.

2. Dass die Aktionäre reich werden?
Ganz klar erreicht.

Vielleicht sollten wir eher darüber diskutieren, was wir von einer Ökonomie und unserem Arbeitseinsatz erwarten.


Quote
Selbstzensiert #6

In den 15 Jahren vor der Krise wuchs die Geldmenge M1 in Deutschland um 189%,
das nominale BIP (mit Verbraucherpreisinflation) um 51%,
das reale BIP (Inflation herausgerechnet) um 23%.
Von daher kann man sagen, nur rund 1/8 des Geldmengenzuwachses diente realer Wirtschaftsproduktivität und realen Einkommenszuwächsen.
Ein weiteres 1/8 ging in Verbraucherpreisinflation.
Wo blieben die restlichen 3/4?
Sie flossen in Finanzmarktanlagen, zu einem erheblichen Teil rein spekulativer Natur ('Globales Kasino') ohne zur Finanzierung des Wirtschaftsprodukts etwas beizutragen.

Man stelle sich vor die veruntreuten 75% des Kapitals würden den Bürgern gehören,
wie im Vollgeldsystem vorgesehen.

Der Selbstbedienungsladen der Finanzwirtschaft würde geschlossen.

...

https://www.vollgeld.de/was-ist-vollgeld/


Quote
ThomasSchweden #6.5

Es gibt Schätzungen von 1 Billionen Euro Steuerausfälle EU weit über Schwarzgeld und offizielle Steuerverschiebungen durch Niedrigsteuerländer (Niederlande, Luxemburg etc.)
Sie sehen, Flüchtlingskosten, Griechenland, Ostförderung, EU Ausgleichstöpfe sind Wertethemen fürs Meinungsproletariat.
Dort draussen zirkulieren Billionen durch Steuerentzug und Spekulation, Banken. Reichtum auf Kosten der Allgemeinheit ermöglicht durch Politik.

Während die Krankenschwester vom scheinbar seriösen Finanzamt gegängelt wird im Namen einer Gemeinschaftssolidarität.


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heined #7

Die Diskussion über Vollgeld ist merkwürdig. Was die Initianten verlangen, dass nur die Nationalbanken Geld schöpfen können, ist doch total normal. Absurd ist, dass man dieses staatliche Privileg schleichend den Banken überlassen hat. Und weil die Finanzmärkte seit zehn Jahren völlig ausser Kontrolle geraten sind, mussten die Zentralbanken den Zinsmarkt ausser Kraft setzen, was nun tatsächlich ein Experiment mit offenem Ausgang ist.
Ein System bei dem die Zentralbank die Geldmenge steuert und sich Zinsen auf den Märkten bilden ist in jedem Fall stabiler und funktionaler. Vor allem würde es den aufgeblähten Finanzsektor wieder auf Normalmass reduzieren. Es kann ja wohl nicht so bleiben, dass der Finanzsektor 100 fach die Realwirtschaft übersteigt. Ohne Vollgeld bleibt nur noch die Finanztransaktionssteuer, um dagegen vorzugehen.


Quote
artefaktum #9

>> Experten sehen die Idee kritisch. <<

Natürlich sehen die das so. Wer Banken und Spekulanten das Spielgeld wegnehmen will, muss mit heftigem Gegenwind rechnen. Hier wird eine Ideologie in Frage gestellt, die einigen wenigen sehr viel Geld bringt. Hinterher müssen noch einige für ihr Geld ehrlicher Arbeit nachgehen - das geht gar nicht.


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19koepi71 #10

Die Geldschöpfung, so wie sie aktuell praktiziert wird, ist eines der Grundübel unseres Finanzsystems.
Ich habe immer bewundert, wie aus den Nichts Kapital erschaffen werden kann, legal. Durch nichts gedeckt, einfach so.


Quote
Feaharn #11

"Der Ökonom stellte auf dem Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank die Frage, ob Zentralbank und Staat dieses Vertrauen verdient hätten. "

Also sind wir schon so weit, dass wir lieber Investmentbanken vertrauen als dem Staat?


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AffredDNeumann #13

Die "Experten" sehen die Idee kritisch weil diese kein Interesse daran haben etwas am Status Quo zu ändern. Der Begriff "Vollgeld" ist selten dämlich wie irreführend. Auch der Initiator strebt den Volksentscheid aus Gründen an, welche deutlich machen, dass er das Problem das Banken per Knopfdruck Geld in die Welt bringen nicht verstanden hat. Man muss die Geschichte dahinter kennen, denn es war nicht immer so, dass man den Banken diese wahnwitzige Macht gegeben hat. Diese erhielten sie erst mit der Abkoppelung vom Goldstandart unter Nixon 1971. Seither geht die Schere zwischen der Menge des Geldes und dem tatsächlich erbrachten Wert an Waren und Dienstleistungen in immer rasanteren Tempo auseinander. Die Finanzkrise 2008 ist eine direkte Folge daraus. Alles was wir heute sehen, Staaten mit 200 Prozent Schuldenquote, Griechenland Rettung, die Zockereien an den Börsen, das massenhafte Aufkaufen der EZB von Staatsanleihen, die Finanzkrisen und noch viel mehr sind eine Folge aus der Entscheidung von 1971. In der Folge erhielten die Banken die Macht per Knopfdruck Geld aus dem Nichts entstehen zu lassen. Denn Mitnichten ist es so, dass der Eine sein Geld anlegt und das die Bank dem Anderen dieses Geld leiht. Ein Irrwitz. Deshalb ist das Ansinnen im Kern richtig den Banken diese Macht zu entziehen. Das Problem ist dabei, dass das wenig nutzt wenn die Zentralbank trotzdem weiter ungehindert Geld drucken kann.


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Flavoos #14

Vollgeld ist ein erster richtiger Schritt. Geldschöpfung aus dem Nichts in privater Hand ist eine Katastrophe, die sich überall verheerend auswirkt. Das Finanzsystem ist der Kern vieler probleme und gehört umgemodelt. Das Pseudoexperten, Banken und Turbokapitalismus davor warnen ist wenig überraschend.


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runner_64 #16

Das Durchschnittsvermögen je Bürger liegt in der Schweiz bei ca. 538.000 $, mit dem gegenwärtigen System wohlgemerkt, es ist das zweithöchste in der Welt. Warum man das für einen Versuch mit höchst ungewissem Ausgang aufs Spiel setzen soll, und ausgerechnet den Ideen eines Menschen folgen soll, der im Leben - zumindest wirtschaftlich - wenig bis nichts auf die Reihe bekommen hat, ist kaum ersichtlich. Da wäre selbst russisches Roulette dagegen risikoarm, man überlebt ja zu 83,4 %.


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tostello jaeger #16.1

Eine Frage dazu könnte lauten, wie die halbe Million durchnittsvermoegen verteilt ist. ...


...


Aus: "Volles Vertrauen ins Vollgeld? Nun ja" Lars-Thorben Niggehoff (10. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/geldanlage/2018-06/schweiz-abstimmung-vollgeld-waehrung-banken/komplettansicht


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Kapitalismus (...?)
« Reply #15 on: June 10, 2018, 09:44:11 PM »
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[....] Die Schweizer haben einen radikalen Vorschlag für ein neues Geldsystem bei einer Volksabstimmung abgelehnt. Laut einer ersten Hochrechnung im Auftrag des Schweizer Fernsehens sprachen sich 74 Prozent gegen die sogenannte Vollgeld-Initiative aus. Der Vorschlag hätte die Kreditvergabe der Banken beschränkt und die Notenbank zur einzigen Quelle für neues Geld gemacht. Die Befürworter hatten sich von einem Wechsel ein sichereres Bankensystem versprochen, während die Gegner vor den unabsehbaren Folgen eines weltweit einzigartigen Experiments für den Finanzplatz und die Währung gewarnt hatten.

... Der Vorschlag der Regierung, Schweizer Casinos Onlinelizenzen auszustellen, über den ebenfalls abgestimmt wurde, wurde den Hochrechnungen zufolge mit 75 Prozent angenommen. Demnach soll ein größerer Anteil des Geldes, das Online verspielt wird, Schweizer Zwecken zugutekommen.

Mit dem Casino-Gesetz will die Regierung verhindern, dass Schweizer weiterhin viel Geld auf ausländischen Onlineportalen ohne Rückfluss in die Schweiz verzocken. Sie sollen ihr Geld nun auf Onlineportalen bestehender Schweizer Casinos einsetzen. Die müssen je nach Größe bis zu 80 Prozent ihrer Gewinne abgeben. Damit sollen soziale und humanitäre Projekte gefördert und die Rentenkasse aufgefüllt werden. Bislang verspielten Schweizer in ausländischen Onlinecasinos im Jahr 250 Millionen Franken (229 Millionen Euro), schätzt die Universität Bern.

Gegner der Casino-Vorlage kritisierten, dass nur Schweizer Casinos eine Lizenz bekommen. Internetseiten von ausländischen Anbietern etwa mit Sitz in Malta oder Gibraltar werden künftig gesperrt. Gegner des Vorschlags befürchten, dass solche Netzsperren ein erster Schritt zu staatlicher Internetzensur in anderen Bereichen sind.

...


Aus: "Schweizer lehnen Vollgeld ab" (10. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-06/vollgeld-initiative-schweiz-abstimmung-nein-geldsystem

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Kapitalismus (...?)
« Reply #16 on: June 18, 2018, 07:11:53 PM »

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[...] Die Europäische Union leidet stärker als alle anderen Weltregionen unter den Steuervermeidungsstrategien internationaler Konzerne. Das geht aus einer neuen Studie mehrerer international anerkannter Steuerforscher hervor. Demnach entgehen den EU-Staaten 20 Prozent ihrer möglichen Unternehmensteuereinnahmen, weil Konzerne wie Google, Apple oder Nike erhebliche Anteile ihrer Gewinne in Länder verlagern, die keine oder nur geringe Körperschaftsteuern erheben.

Die Europäische Union leidet stärker als alle anderen Weltregionen unter den Steuervermeidungsstrategien internationaler Konzerne. Das geht aus einer neuen Studie mehrerer international anerkannter Steuerforscher hervor. Demnach entgehen den EU-Staaten 20 Prozent ihrer möglichen Unternehmensteuereinnahmen, weil Konzerne wie Google, Apple oder Nike erhebliche Anteile ihrer Gewinne in Länder verlagern, die keine oder nur geringe Körperschaftsteuern erheben.

Normalerweise sei die Lohnsumme insgesamt rund dreimal höher als die Gewinne. In Luxemburg und Irland sei es umgekehrt: Gemeldete Gewinne seien etwa zweieinhalbmal so hoch wie die Lohnsumme. Für die Forscher ist das ein Hinweis, in welchem Maß Großkonzerne ihre Gewinne dorthin verschieben, ohne nennenswert in den Ländern aktiv zu sein.

Der Finanzwissenschaftler Johannes Becker (Universität Münster) hält die Methode zwar für innovativ, bezweifelt aber, dass die höheren Vorsteuergewinne in Ländern wie Luxemburg allein auf Steuervermeidung zurückzuführen sind. „Es ist auch möglich, dass Unternehmen dort Bereiche ansiedeln, in denen weniger Personal benötigt wird, aber hohe Gewinne erwirtschaftet werden“, sagte er.

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Am 30.08.2016 bezifferte die ZEIT das Offshorevermögen von Apple auf 207 Mrd. USD

    Klaus N. Wege (Wege), 13.06.2018 - 16:01

Hintergrund: 70% der Direktinvestitionen in Irland stammen von US-Unternehmen wie Pfizer, Microsoft oder Apple. Irlands Lockanreiz besteht darin, Gewinne von realen Konzern- und Leistungsorten wegzuverlagern: Hin zu Steueroasen wie den Caymans (Facebook) oder den Bermudas (Google).
Irland dient dabei als Zwischenlager für Gewinne, deren direkte Verlagerung regulatorisch unterbunden ist. Die Konstruktion wurde als "Double Irish" bekannt. Fährt das Geld weitere Umwege über die Niederlande, spricht man von einem "Dutch Sandwich". Der jährliche Fiskal-Schaden übersteigt 60 Mrd USD. Das Modell ist so legal, wie es eine gekaufte Gesetzgebung nur sein kann.
Irlands Praktiken lösten einen Ansiedlungsboom samt Immobienblase aus. Diese detonierte in den Bilanzen der Banken dort. Seither wird in Irland mit einem 85-Mrd.-Eurorettungspaket ein parasitärer Gewinnverschiebungsbahnhof gestützt.
Aktuell ermöglicht die Trump-Administration den Akteuren, ihre Beute steuerschonend in die USA zu verlagern.


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"Gewinne verschieben" hört sich so an, als ob der Pförtner

    Juncker Guido (JunckerG), 13.06.2018 - 13:19

Montags mit einer Million in bar nach Luxemburg fährt.
Sind das nicht idR legaleTransaktionen im Rahmen des bestehenden Steuerrechts?


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Liest sich so, als könnte man nichts dagegen tun?!

    Christian Wrobel (luke123), 13.06.2018 - 12:03

Aber so ist es natürlich nicht! Selbstverständlich könnte man Gewinnverlagerungen steuerrechtlich einen Riegel vorschieben. Es gibt sogar entsprechende Vorschläge dafür. Man müsste es als Regierung nur wollen?! Nur, alle Bundesregierungen der letzten Zeit und deren verantwortlichen Bundesfinanzminister wollten nicht! Und DAS ist das Problem!


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Statt Kriminelle dazu anzustiften in der Schweiz Daten aus Bankcomputern abzuziehen,

    Rüdiger Silberer (RuedigerSilberer),13.06.2018 - 11:00

sollten sich die Finanzminister endlich einmal dieses Problems annehmen. Aber das wird ähnlich lasch und schlafmützig gehandhabt wie die Cum-Ex-Betrügereien bei den deutsche Finanzbeamte jahrelang zugesehen und ausgezahlt haben. Wenn ein normaler deutscher Steuerzahler etwas im Verzug ist, dann läuft das Finanzamt mit seinen Beamten zur Hochform auf. Aber hier kann man locker auf zig Milliarden verzichten.


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Lösungsvorschläge für die Marxisten hier:

    Max Schmid (CH-Gast), 13.06.2018 - 10:25

1. Steuern senken, dann kommen die "Konzerne" nach Deutschland und /oder
2. Selber Google/Apple ... erfinden


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Es ist kein Zufall

    Bernhard Kopp von Brackel (BKBrackel), 13.06.2018 - 08:58

Auch wenn Lobbyisten an vielen Stellen mitgewirkt haben, die Gesetze, die Gesetzeslücken, die Gestaltungsmöglichkeiten, wurden von unseren Europa- und Steuerpolitikern seit Jahrzehnten so gemacht. Als die Iren, in den 1980ern, die 12.5% Körperschaftssteuer eingeführt haben um Industrieansiedlung, lokale Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu fördern, was auch gut gelungen ist, war aber sehr schnell auch klar, dass die Steuer auch für nach Irland manipulierte/verschobene Finanzgewinne gilt, weil sie eben für eine irische Firma gilt. Schon damals, in sehr wenigen Jahren, sind gigantische Milliardenbeträge über solche Finanzgesellschaften geflossen. Ausser ein paar Buchhalter, Steuerberater und Anwälte, wurden, im Verhältnis zu den bewegten Kapitalien, und den erzielten Steuervergünstigungen, keine lokalen Wertschöpfungen erzielt. Heute, 30 Jahre später, ist alles immer noch so. So bin ich EU-Skeptiker geworden. Freude schöner Götterfunken.


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Totalservice auf Malta: Von Patent-Boxen bis zur Ermordung lästiger Journalisten

    Klaus N. Wege (Wege), 13.06.2018 - 08:15

Zur Erinnerung:
Die dubiose Methode, Gewinne formal in die Karibik umzuleiten, ist zunehmend in Verruf geraten ... Prompt entwirft die Lobbypolitik neue Ausweichwege ( ganz ohne verräterisch-exotische Briefkastenadressen) Dabei sichern sogenannte "Patent-Boxen" den begünstigten Unternehmen steuerliche Unberührbarkeit schon in Europa:
In Belgien sind bei dieser Konstruktion nur noch 6,8% fällig (regulär sind es 34%), in den Niederlanden beträgt der reduzierte Satz 5% (statt 25%). Das mafiöse Malta lockt mit völliger Abgabenfreiheit.
Wenn die öffentlichen Kassen solcher Steuerdumper kollabieren, wissen Sie ja, wer das Rettungsfüllhorn bereitstellt (wie sogar beim Betrugsdrehkreuz Zypern).


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Luxemburg: Wettbewerbsverzerrende Steuerschiebung am Beispiel von Amazon UK

    Klaus N. Wege (Wege), 13.06.2018 - 07:52

Amazon UK ist auf dem britischen Büchermarkt ein einzelhandelsverdrängender Player.
In das Visier der Aufsicht geriet das Unternehmen angesichts einer fragwürdigen Rollenzuweisung seiner Konzerntöchter (die maßgeblich für Besteuerungsfragen ist).
So wurden an der Verrechnung einer Bestellung gleich drei Unternehmensteile beteiligt: Amazon Schweiz, Amazon SARL in Luxemburg und Amazon UK.
Amazon gestaltete die Abrechnung nun so, dass auf dem Papier die wenigen luxemburger Mitarbeiter (145) einen Umsatzanteil von 7,5 Mrd. erwirtschafteten.
Dagegen wurde den 2265 Mitarbeitern der Amazon UK nur ein Umsatzbruchteil von 0,147 Mrd. GBP zugeordnet. Auf jeden luxemburger Mitarbeiter türmte Amazon damit formal das 797-Fache dessen, was sein britischer Kollege an Umsatz stemmt.
Die Wirkung einer solchen Verschleierung des realen Leistungsortes ist ein wettbewerbsverzerrender Steuervorteil gegenüber dem lokalen Wettbewerb.


...


Aus: "EU ist größter Verlierer : Das Milliardengeschäft mit den Steueroasen" Johannes Pennekamp (13.06.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/das-milliardengeschaeft-mit-den-steueroasen-15636607.html

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Kapitalismus (...?)
« Reply #17 on: August 06, 2018, 10:19:56 AM »
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... Schulmeister entwickelte ein Modell langer politökonomischer Entwicklungszyklen moderner kapitalistischer Marktwirtschaften, in denen sich zwei gesellschaftliche Machtkonstellationen und darauf basierende Spielanordnungen ablösen: Realkapitalismus und Finanzkapitalismus. Der lange Aufschwung wird durch ein Interessenbündnis zwischen Realkapital und Arbeit gegen das Finanzkapital und ein darauf basierende „realkapitalistische“ Spielanordnung, der lange Abschwung durch ein Bündnis zwischen Real- und Finanzkapital gegen die Arbeit und eine darauf basierende „finanzkapitalistische“ Spielanordnung bestimmt. ...

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Schulmeister (14. Juni 2018)

---


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[...] Im deutschen Fernsehen wird jeden Abend das Publikum damit vertraut gemacht, was am Tage die Märkte so bewegt hat. Ist das sinnvoll?

Ökonom Stephan Schulmeister: Es ist ein Akt der Gegenaufklärung, der Entmündigung. Der Markt oder die Märkte werden zu einem Subjekt, das handelt, das etwas erwartet oder fürchtet. Vor 40 Jahren, als ich studiert habe, gab es eine solche Sprache nicht. Damals war der Mensch das Subjekt und der Markt sein Instrument, etwas zu erreichen. Heute gilt eher der Satz des Ökonomen Hayek: Die Menschen müssen sich den anonymen Kräften des Marktes unterwerfen.

Hayek argumentierte als Liberaler stets für die Freiheit der Menschen. Wie passt dazu die Aufforderung der Unterwerfung?

Das ist die Paradoxie des Neoliberalismus: Er predigt Freiheit durch Unterwerfung. Die Börsenberichte sind nur ein Teil dieses Systems – ein Teil einer Weltanschauung, in der der Einzelne den Kräften der Märkte ausgeliefert ist und er daher vor der „Tagesschau“ informiert wird, was diese anonymen Mächte heute so getrieben haben und was sie von uns erwarten.

Diese Erwartungen werden in Aktienindexpunkten formuliert und sind daher nicht besonders eindeutig.

Daher werden die Deuter dieser rätselhaften Mächte wichtiger – wie früher die Schamanen. Erster Schritt: Die Märkte werden zu einem höheren Wesen. Zweiter Schritt: Die Sprache der Märkte ist deutungsbedürftig. Was sagen sie uns? Dritter Schritt: Auftritt der Priester, die den Marktbewegungen einen Sinn ablauschen. Das hat man in der Euro-Krise gut sehen können: Den Märkten wurde eine Art Richterfunktion über Staaten wie Griechenland oder Irland zugewiesen – das waren allerdings die gleichen Märkte, die in den Jahren zuvor Südeuropa bedenkenlos Kredit zu geringen Zinsen gegeben haben. Noch heute werden die Zinsbewegungen an den Börsen gedeutet als das unbestechliche Urteil der Märkte über die Solidität von Regierungen.

Was sie aber nicht sind?

Nein. Es lässt sich zeigen, dass Aktienkurse, Wechselkurse, Rohstoffpreise und zum Teil auch Zinssätze dem Muster von Bullen- und Bärenmärkten folgen. Diesen von den Märkten selbst produzierten Trends rennen Anleger hinterher, wodurch diese Trends wiederum verstärkt werden. Es sind von der realen Ökonomie losgelöste Bewegungen. Da sie gefährlich sind, hat man dem Finanzsektor früher Beruhigungspillen in Form von strenger Regulation verabreicht, so wie einem psychisch Kranken. Schon der Ökonom und Finanzanleger John Maynard Keynes hat gesagt: Die Liebe zum Geld ist eine Krankheit.

Sie kritisieren nicht nur die Macht des Finanzsektors. Sie sprechen von einer ganzen „Spielanordnung Finanzkapitalismus“. Was meinen Sie damit?

Es ist ein System mit eigenen Regeln. Man muss sich klar machen: Es gibt drei Arten der Beteiligung am erwirtschafteten Ertrag: Für unternehmerisches Handeln gibt es Profit, für Arbeit den Lohn. Die dritte Kategorie sind Finanzanleger, aber auch Immobilienbesitzer. Quelle ihres Einkommens ist keine Leistung, sondern allein der Besitz. Diese Quelle des Einkommens gewinnt im Finanzkapitalismus an Bedeutung.

Was ist daran schlecht?

... Wenn Besitz, wie zum Beispiel Aktien, höhere Erträge abwirft als unternehmerisches Handeln, dann wird die Anreizstruktur verzerrt: Finanzspekulation lohnt sich mehr als das Schaffen echter Werte. Finanzkapitalismus heißt, dass das Gewinnstreben sich verschiebt von der Herstellung von Gütern zur Spekulation auf Bewertungsveränderungen. ... Normalerweise zerstört sich der Finanzkapitalismus selbst, da gibt es einige Beispiele in der Geschichte. Zum Beispiel nach den Hochkonjunkturen 1865 bis 1873 oder 1925 bis 1929. Stets folgte eine Depression. Denn eine finanzkapitalistische Spielanordnung produziert permanent riesige Finanzvermögen, die keine realwirtschaftliche Deckung haben. Das geschieht seit den siebziger Jahren wieder.

Von einer großen Depression ist allerdings bislang nichts zu sehen.

Die früheren großen Kapitalismuskrisen waren Keulenschläge. Derzeit erleben wir eher eine Strangulation – die Krise streckt sich über inzwischen 40 Jahre. Sie ist mittlerweile so eine Art Normalzustand und wirkt dadurch wie ein Sachzwang. Dadurch haben es die jungen Leute heutzutage gar nicht so leicht aufzubegehren. Sie haben gar keine Vorstellung mehr davon, dass es eine Welt geben kann, in der es zum Beispiel Vollbeschäftigung und sichere Jobs gibt – Dinge, die früher mal normal waren.

...

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Ontologix Pontifex minimus

... Ich hatte mir schon oft die Old Economy zurückgewünscht, in der es das Ziel eines Unternehmers war, gute Produkte herzustellen. Die New Economy der Wall Street predigt das Geldmachen, egal wie. Und die Politiker Thatcher, Reagan, Pinochet, Blair, Clinton und Bush schufen die politischen Rahmenbedingungen für diese Ausbeutung. [ROT/GRÜN (also Schröder/Fischer) nicht [zu] vergessen!] Traurige Zeiten.


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  rita momo

Schröder/Fischer sind doch nur in einem vorhandenen Strom mitgeschwommen. "Sie [die Krise] ist mittlerweile so eine Art Normalzustand und wirkt dadurch wie ein Sachzwang." Leider hatte damals kaum jemand den Weitblick, das zu erkennen, vor allem die Wähler nicht.


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kastner63

... Obendrein kann sich der Normalbürger dem gar nicht unterwerfen, sondern er wird mitgeschleift, denn der Normalbürger, der Bürger ohne Anlagen usw., ist kein Akteur der Märkte.



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MalteSehr

Gute Analyse, die zu denken gibt, sofern man nicht schon selbst darauf gekommen ist:

* In den Finanzmärkten wird das Geld durch Spekulation "verdient". Reale Werte stehen kaum dahinter, ebenso wenig wie z.B. bei der Blauen Mauritius, mit der man noch nicht einmal einen Brief versenden könnte. Daher sind diese Märkte so fragil wie Seifenblasen. ("Normalerweise zerstört sich der Finanzkapitalismus selbst.")

* Das Geld, was Finanzjongleure einkassieren, haben andere durch harte Arbeit in der Realwirtschaft verdient. Die Gewinne (wie auch die Tatsache, dass die deutsche Wirtschaft einen hohen Exportüberschuss aufweist) beruhen auf dem zu niedrigen Lohnniveau, um nicht zu sagen auf Dumping-Löhnen. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander, die Politik wirkt dem nicht entgegen. Einer, aber ein wichtiger Grund, warum immer mehr alternativ gewählt wird.

* Ursache für die heutige Situation ist die Liberalierung in den 1970er Jahren. ("Um die Vermehrung dieser Vermögen zu erleichtern, wurde der Finanzsektor liberalisiert.")


...


Aus: "Finanzsystem „Wir erleben derzeit eine Strangulation“" (04.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/wirtschaft/finanzsystem-wir-erleben-derzeit-eine-strangulation-a-1556577,0#artpager-1556577-1

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #18 on: August 27, 2018, 12:19:14 PM »
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[...] Während ich vor Ihnen auf der Bühne stehe, brennt mein Wald nieder. Also entschuldigen Sie bitte, wenn ich emotionaler als sonst bin, und vielleicht nicht ganz so konzentriert.“ So leitet der Wirtschaftsanthropologe Alf Hornborg in einem Malmöer Theater seinen Vortrag zum Zusammenhang zwischen Geldsystem und Nachhaltigkeit ein. „Ohne die Trockenheit und die Blitzeinschläge diesen Sommer wäre das nicht passiert. Das Klimadesaster ist schon angekommen.“

Die Männer und Frauen, zu denen er an diesem Abend sprechen wird, haben diese Einleitung eigentlich nicht nötig. Denn die Überzeugung, dass das menschliche Leben auf der Erde bedroht ist, wenn die Menschheit so weitermacht, hat sie alle nach Malmö geführt. Von 21. bis 25. August diskutierten sie auf der 6. Internationalen Degrowth-Konferenz darüber, wie ein Wirtschaftssystem ohne Wachstumszwang aussehen könnte. Zu Ende ging die Konferenz am Samstag mit einer Demonstration für Klimagerechtigkeit im Malmöer Stadtzentrum.

Es sind einige hundert Wissenschaftler, Studierende und Aktivisten, vor allem aus Europa, manche auch aus Ländern des globalen Südens, die sich alle zwei Jahre auf einer großen Konferenz auf Podien, in Workshops und Kaffeepausen über ihre Forschungsarbeiten austauschen, aber auch über zivilgesellschaftliche Projekte wie innovative Währungen, wachstumsunabhängige Unternehmen oder neue Formen der politischen Partizipation.
Sie fragen sich, wie eine Welt aussehen könnte, in der Unternehmen weniger Macht haben, die Demokratie dafür größere Spielräume. Sie überlegen sich, wie das Konsumniveau in westlichen Ländern auf ein Maß geschrumpft werden kann, das im Einklang mit den verfügbaren Ressourcen steht. Diese Ansätze sind radikal – sie stellen den Kapitalismus infrage.
Wer solche Ansätze vertritt, ist es gewohnt, damit allein zu sein. Diesmal aber sind die Idealisten unter sich: Per Email wurden die Teilnehmenden gebeten, vorab anzugeben, ob sie selbst eine Kaffeetasse mitbringen, um Müll zu vermeiden. Neben Kuhmilch gibt es am Buffet auch Ersatz aus Hafer. Die meisten hier sind ohne Flugzeug angereist, könnten von langen Fahrten mit Bus, Zug und Fähre erzählen. Aber obwohl möglichst umweltfreundlicher Konsum für die Konferenzteilnehmerinnen eine Selbstverständlichkeit ist, sind sie überzeugt, dass das nicht ausreicht.

„Die Strukturen müssen sich ändern, damit die Menschen echte Alternativen haben. Das Auto muss durch gute öffentliche Verkehrsmittel leicht ersetzbar werden, auf Flüge und SUVs braucht es höhere Steuern.“, sagt Politikwissenschaftler Ulrich Brand. Alternativen brauche auch der globale Süden. „Die Menschen sollen selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Im Moment zählen nur Wirtschaftsinteressen, und unter dem Vorwand der Entwicklung werden Mensch und Natur ungebremst ausgebeutet.“

Wie aber kann ein solch tiefgreifender Wandel erreicht werden? Um Menschen zu erreichen, braucht es praktische Ansätze, ist Alf Hornborg überzeugt. „Erst in dem Moment, wo eine Lösung im Raum steht, ist es möglich, das Problem zu akzeptieren,“ sagt er. Seiner Meinung nach ist vor allem unser Geldsystem, durch das jede Form von Ware und Dienstleistung mit jeder anderen direkt vergleich- und tauschbar gemacht wird, ein Problem.

Er plädiert in seinem Vortrag dafür, mehrere parallele Geldsysteme einzuführen, um Wirtschaftskreisläufe zu trennen: Geld für Produkte aus der Region, Geld für Dinge aus dem Umkreis von ein paar tausend Kilometern Entfernung, und globales Geld beispielsweise. Damit alternative Währungen wirklich relevant werden, helfe es, wenn man zum Beispiel seine Steuern damit zahlen kann, erklärt Hornborg. Eine andere Idee ist, ein Basiseinkommen an alle Bürger in dieser Währung auszuzahlen – als Gegenleistung für einige Wochenstunden gemeinnützige Arbeit. Ein solches System wird gerade in Barcelona ausgearbeitet. Welche Arbeiten das sein sollen, werden die Bewohner für ihre Nachbarschaft jeweils selbst entscheiden.

In einer Wirtschaft ohne Wachstum gäbe es auch weniger Steuergeld für Sozialpolitik. Deshalb machen sich Degrowth-Ökonominnen dazu Gedanken, wie Gesundheitssystem, Erziehung, Altenpflege und Infrastrukturen in einer solchen Gesellschaft organisiert werden könnten. Immer wieder fällt der Begriff „commoning“. Die Idee: Privateigentum wird durch gemeinschaftlichen Besitz ersetzt, und Bürger werden in die Verwaltung und Bereitstellung von Diensten eingebunden, immer so lokal wie möglich. Das könnte Gärtnern sein, auf Kinder aufpassen, Dinge reparieren. Die nötige Zeit hätten die Menschen zum Beispiel durch eine Verkürzung der Arbeitszeit, stellt man sich in Malmö vor.

Den Teilnehmern der Konferenz ist bewusst, dass es noch lange keine Mehrheiten für solche Konzepte gibt. Doch die Überzeugung, dass sie im Recht sind und die Zeit reif ist für einen Systemwandel hin zu einer ökologischeren und solidarischeren Welt, gibt ihnen die Energie, trotz oft recht frustrierender Erfahrungen weiterzumachen.
Eine junge Aktivistin aus Schottland erzählt, wie sie sich bei den Gewerkschaften für Umweltpolitik einsetzen wollte und keiner sie ernst nahm. Umweltschutz, das sei etwas für grüne Bildungsbürger, nicht für Arbeiter. Und wenn durch Erdgas-Fracking sichere Jobs für ihre Kinder entstehen würden, dann wären diese Funktionäre dafür, auch wenn ihnen die verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt bewusst seien.

Das Problem, so der Tenor dieser Konferenz, sei vor allem der Neoliberalismus, der den Menschen die Sicherheit genommen und sie zu Einzelkämpfern in einer immer schwierigeren Welt gemacht habe, wo sie sich doch solidarisieren müssten, um sich gegen den Widerstand der Reichen und Mächtigen eine bessere Welt zu erkämpfen. Zum Nachdenken und Träumen käme man in diesem System kaum mehr.

„Die globale Ökonomie ist nichts anderes als ein Brettspiel“, sagt Hornborg. „Wenn die Bösen gewinnen, dann nicht, weil sie besser spielen als die anderen, sondern weil die Regeln so sind, wie sie sind. Aber die Spielregeln sind keine Naturgesetze. Menschen haben sie gemacht und Menschen können sie ändern.“


Aus: "Degrowth-Konferenz: Neue Spielregeln in der Wirtschaft" Ruth Fulterer (27.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/wirtschaft/degrowth-konferenz-neue-spielregeln-in-der-wirtschaft-a-1570671,0#artpager-1570671-1

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #19 on: September 02, 2018, 03:38:58 PM »
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[...] Die Reichen werden in Deutschland immer reicher. Die Zahl der Millionäre hat in den letzten 15 Jahren um 85.000 zugenommen und liegt jetzt bei 1,4 Millionen, berichtet der Business Insider. Die Zahl der Millionäre steigt also, während die Reallöhne im Durchschnitt eher stagnieren und das Segment der Niedriglöhner wächst und wächst.

Am besten lebt es sich derweil an der Spitze bei den 1000 Reichsten, von denen knapp ein Viertel Milliardäre sind. Deren Vermögen nahm allein im vergangenen Jahr um 13 Prozent zu. 13 Prozent! Wie hoch war noch mal gleich ihre letzte Lohnerhöhung, verehrte Leserin, verehrter Leser?

Die deutsche Wirtschaftsleistung, das Bruttoinlandsprodukt, ist in dieser Zeit jedenfalls nur um 2,2 Prozent gestiegen, das heißt, die oberen 1000 haben nicht nur ihre Position gehalten, sondern ihr Stück vom Kuchen weiter vergrößert.

Dabei ist es nicht so, dass der Haufen, auf den der Teufel da mal wieder sein Geschäft gemacht hat, vorher klein gewesen wäre: Laut Focus wird das Vermögen der 1000 reichsten Deutschen auf 1,177 Billionen Euro geschätzt.

Um das mal ins Verhältnis zu setzen: Der Bund gibt in diesem Jahr rund 335 Milliarden Euro für all seine Aufgaben aus. Das heißt, vom Vermögen der 1000 Reichsten könnte das Land in gewisser Weise drei oder, wenn wir alle öffentlichen Haushalte zusammen nehmen, immer noch knapp zwei Jahre leben.

Nun kann man, wie es das Magazin macht, einfach alle jene, die sich an diesem obszönen Reichtum stoßen, als Neider abstempeln. Man kann auch nach Sündenböcken suchen, damit nicht allzu laut über das Naheliegende nachgedacht wird.

Letzteres wird ja von gewalttätigen Fußtruppen in Chemnitz derzeit eifrig getan und ein bestens situierter ehemaliger Berliner Finanzsenator und Bundesbanker, langjähriger Profiteur und Mitorganisator der Umverteilung von unten nach oben, liefert ihnen und ihren biederen Sympatisanten gerade jede Menge neue Argumentationshilfen.

    Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
    Art. 14 (2) GG

Man kann aber auch doch noch einmal über das Naheliegende nachdenken, sich an die vom Grundgesetz geforderte soziale Verantwortung des Eigentums erinnern und überlegen, was mit dem Geld alles Schönes angestellt werden könnte, wie mit ihm die schwer gebeutelten Beschäftigten in der Pflege besser entlohnt und dort mehr Arbeitsplätze geschaffen werden könnten.

Man könnte darüber nachdenken, wie die Grundschullehrer besser entlohnt und die Klassen verkleinert werden könnten, wie die Versorgung mit Ärzten wieder auf das Niveau der 1980er Jahre zu bringen wäre, wie in den Kommunen mehr Personal von der Kita über die Straßenreinigung bis in die Bauverwaltungen eingestellt werden könnte usw. usf.

Utopisch? Vielleicht müsste man ja einfach nur aufhören, Rattenfängern hinterher zu laufen, beginnen die richtigen Fragen zu stellen und sich umschauen, wie in der Vergangenheit und in anderen Ländern die kleinen Leute ihre Interessen durchgesetzt haben?


Aus: "" ()
Quelle:

Quote
     schlägerpolizist, 02.09.2018 12:53

Aber, aber … der Trickle-down-Effekt!

Ja, aber was ist denn mit dem Trickle-down-Effekt, hä? Der besagt doch – und das wird uns doch immerzu in die Ohren getrötet – dass der Reichtum der oberen Zehntausend allmählich nach unten in die niedrigeren Schichten tropft und uns alle glücklich und reich und wohlhabend macht!!!einself111

Wie kann es denn da sein, dass die Vermögen der unteren Schichten – der Arbeiter, Angestellten und Kleinselbstständigen immer weniger werden, während das Vermögen der Reichen immer größer wird?

Kann es etwa sein, dass es genau umgekehrt ist? Kann es sein, dass in Wahrheit eine Umverteilung stets von unten nach oben stattfindet?
NEIN, NEIN, das kann doch gar nicht sein! Dann wären wir ja Jahrzehnte lang belogen worden und das würde doch niemand tun...


Quote
     BGMD, 02.09.2018 10:23

13% vs. 2%

Die Zahlen im Artikel sollten auch dem letzten einleuchten lassen, dass extremer Reichtum immer auf Kosten anderer angehäuft wird.


...