Author Topic: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)  (Read 67705 times)

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #60 on: November 02, 2020, 04:17:13 PM »
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[...] Das schweizerische Pharmaunternehmen Lonza macht dieser Tage Schlagzeilen: Dort stellte man 2017 fest, dass seine Fabrik in Visp im Kanton Wallis jahrzehntelang immense Mengen an Lachgas (Distickstoffmonoxid) emittiert hat. Dieses hat einen Treibhauseffekt von etwa 600’000 Tonnen Kohledioxid pro Jahr (der Treibhauseffekt von Lachgas ist 300 -mal so stark wie der von CO2), über ein Prozent der gesamten Klimagasemissionen der Schweiz, und das aus einer einzelnen Fabrik! Ein global führender Chemiekonzern, der sich in den letzten Jahren gerne als Vorreiter einer grünen Industrie präsentiert, hat also jahrelang nicht bemerkt, dass er Hunderttausende CO2-äquivalente Extra-Tonnen Klimagas in die Luft bläst. Man würde nach dieser Peinlichkeit denken, dass Lonza daraufhin doch die Emissionen schnell stoppt. Möglich wäre das durch den Einbau eines Katalysators, der das Lachgas in Stickstoff und Sauerstoff umwandelt, es also buchstäblich in Luft auflöst. Pustekuchen. Stattdessen entschied sich der Konzern zu einem Katz-und-Maus-Spiel mit den schweizerischen Behörden, wie Recherchen des schweizerischen Tagesanzeigers aufgezeigt haben. Dabei ging es um die Finanzierung der Katalysator-Anlage, die 12 Millionen Schweizer Franken kostet, ein läppischer Betrag für eine Firma, die im Jahr 2019 fast sechs Milliarden Umsatze und weit über eine Milliarde Franken Gewinn verbuchte. Lonza verlangt nicht nur, dass der schweizerische Staat die 12 Millionen Franken Kosten übernimmt. Denn auf einmal rochen die Manager Geld. Sie forderten, dass der der Bau des Katalysators vom Bund als CO2-Kompensationsprojekt anerkannt wird. Jede Tonne CO2-Reduktion (oder das Äquivalent dazu) können der Firma 95 Franken einbringen. Auf einmal winken der Firma also Dutzende Millionen Franken Extra-Gewinne anstatt nur die Übernahme der 12 Millionen Kosten durch den Staat. In all der Zeit der Verhandlungen (unterdessen sind mehr als drei Jahre vergangen, seit die Firma die Lachgas-Emission entdeckt hat) pustet die Firma Mengen an Klimagas in die Luft, obwohl es so einfach wäre, dieses zu verhindern. Die Öffentlichkeit und die Lonza-Aktionäre wurden über diesen Ausstoss erst zwei Jahre später informiert, und der Katalysator wird voraussichtlich erst im Frühjahr 2022 eingebaut. Die Firma ist kostenmässig dagegen längst aus dem Schneider.

Aus solchen Beispielen wird deutlich, dass das 1776 von Adam Smith eingeführte Konzept der „unsichtbaren Hand“ in der Realität kaum auf die Weise wirkt, wie sich das die Ökonomen in ihren Modellen gerne vorstellen (es ist umstritten, ob Smith selbst mit diesem Ausdruck gemeint hat, dass, wenn alle Akteure an ihrem eigenen Wohl orientiert sind, eine Selbstregulierung des Wirtschaftslebens zu einer optimalen Produktionsmenge und -qualität und zu einer gerechten Verteilung führt. Aber so ging diese Metapher in die Wirtschaftslehre ein). Ein bedeutender Aspekt, der verhindert, dass ein unbedingter, reiner marktwirtschaftlicher Wettbewerb zu gesellschaftlich akzeptablen Zuständen führt, ist, dass Kosten externalisiert werden. So ist der Ausstoss von Treibhausgasen wie CO2 oder Lachgas nach wie vor mit sehr geringen Kosten für die Verursacher verbunden; die realen Kosten werden weitestgehend in die Zukunft verbucht – und dann von allen bezahlt. Es ist, als würde man Müll aus dem Autofenster werfen. Dies ist für einen selbst die am wenigsten aufwendige und damit kostengünstigste Form der Entsorgung. Dass die Allgemeinheit mit dem Müll belastet wird, beziehungsweise für seine Entsorgung zahlen muss, wird nicht berücksichtigt. Es ist das bekannte Problem der „Tragik der Allmende“, das bereits Aristoteles in seinem Werk „Die Politik“ beschrieben hat: „Dem Gut, das der grössten Zahl gemeinsam ist, wird die geringste Fürsorge zuteil“. Die Marktdynamik bietet keinen Mechanismus, der dieses nur allzu menschliche Verhalten verhindern würde. Die unter Kostendruck stehenden Unternehmen könnten sich den Wettbewerbsnachteil nicht leisten, wenn sie freiwillig den tatsächlichen Preis für Produktion, Nutzung, Nebenkosten und Entsorgung ihrer Produkte kosten, wenn dies ihre Konkurrenten nicht tun.

Konkrete Berechnungen von global externalisierten Klimakosten kommen auf sehr grosse Zahlen:


* Der Internationale Währungsfonds IWF bezifferte 2013 die externalisierten, also nicht im Preis berücksichtigten Kosten der fossilen Energieerzeugung auf ca. 4,9 Billionen US-Dollar pro Jahr. Das sind etwa 5,8 Prozent des globalen Bruttoinlandproduktes.

* Nicholas Stern, Leiter des volkswirtschaftlichen Dienstes der britischen Regierung und ehemaliger Weltbank-Chefökonom, schätzte 2006 die direkten jährlichen Kosten für Klimaschäden ebenfalls auf 5 Prozent des globalen BIP. Bei Berücksichtigung der Kosten, die darüber hinaus durch die Belastung von Umwelt und Gesundheit entstehen, kommt Stern sogar auf ca. 17 Billionen US-Dollar, also auf 20 Prozent des globalen BIP. Umgerechnet auf die ca. 37 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen, die im Jahr 2019 emittiert wurden, sind das für jede Tonne emittierten Kohlendioxid Schadenskosten von ca. 450 Dollar.

Kann man den Firmen einen Vorwurf machen, die in einem enormen wirtschaftlichen Wettbewerb stehen, nicht nur um Kosten und Kunden, sondern auch um Investoren und Aktionäre? Die Maxime der «shareholder value»-Optimierung aus den späten 1980er Jahren besagt, dass es nicht reicht nur wettbewerbsfähig zu sein, sondern dass auch der Firmenwert so weit wie möglich gesteigert werden muss. Da stören externe Auflagen natürlich nur. Wirtschaftsethiker stellen genau dieses Paradigma immer mehr in Frage und fordern stattdessen ein ethisches Fundament des wirtschaftlichen Schaffens, z.B. in Form einer Sinngebung, die über die Gewinnmaximierung hinausgeht. Diese könnte darin liegen, den Zweck der Firma für die Gesellschaft klarer zu definieren.

Beispiel für ethisches Fehlverhalten von Firmen gibt es jenseits von Lonza viele. Ein besonders eklatantes gibt uns die schweizerische Firma Glencore, die in den letzten Jahren immer wieder durch Skandale auf sich aufmerksam gemacht hat. Korruptionsvorwürfe, Verstösse gegen Umweltauflagen, Ausbeutung von Land und Bevölkerung in Drittwelt-Staaten, umstrittene Geschäfte zum Beispiel im Kongo und in Venezuela, die Untersuchungen der US-Justiz und kanadischer Behörden nach sich gezogen haben, Klagen von Aktionären wegen missbräuchlicher Geschäftsführung – die Liste der Klagen, die gegen diese Firma vorgebracht werden, ist lang. Und dennoch gedeiht die Firma prächtig, zu ihrem unredlichen Management gehören zahlreiche der reichsten Schweizer. „Ich bin Geschäftsmann, kein Politiker“, sagte ihr Chef einmal und rechtfertigte diese Aussage damit, dass es völlig in Ordnung sei, Geschäfte mit korrupten, gewalttätigen und rassistischen Regierungen zu tätigen und gegen Umweltauflagen zu verstossen.

Es gibt keine „unsichtbare Hand“, die ganz von allein die Dinge zum Besseren wendet. Der Ansatz, die Politik solle die Dinge einfach laufen lassen, um ein für alle Menschen bestmögliches Ergebnis zu bekommen, ist grundverkehrt. Denn ethisches Fehlverhalten wird vom Markt nicht zureichend abgestraft. Solange bedeutende Firmen wie Glencore und Lonza, oder auch Exxon und Koch Industries sich selbst keine Grenzen setzen und lieber dem eigenen Gewinnstreben auf Kosten des Gemeinwohls dienen, müssen diese Grenzen von aussen gesetzt werden. Dies ist in erster Linie die Rolle der Politik. Konsumenten und Aktionäre können zwar gewisse Zeichen setzen, doch eine sichere und dauerhafte Änderung dieser Missstände kann allein der Gesetzgeber erreichen. Dass dies möglich ist, zeigen die folgenden Beispiele:

* In der Pharmabranche gelten in der meisten Ländern der Welt strenge Verfahren bei der Zulassung neuer Medikamente. Sie gewährleisten, dass Unternehmensinteressen nicht zu übergrossen Risiken für die Gesellschaft führen. In Deutschland hat nicht zuletzt der Contergan-Skandal Anfang der Sechzigerjahre Politik und Bürger für das Thema sensibilisiert.

* Bei der Kernenergie gibt es klare staatliche Auflagen, was Sicherheit und Entsorgung angeht. KKWs unterstehen daher strengen Auflagen.

* Nach vielen Jahren hat die amerikanische Justiz endlich gegen die jahrzehntelangen unsäglichen Lügen der Tabakindustrie bzgl.- der gesundheitlichen Schäden ihrer Produkte durchgegriffen und sie zur Zahlung von Hunderten von Milliarden Dollar verurteilt.

In der Schweiz gibt es am 29. November 2020 eine Volksabstimmung, die fordert, schweizerischen Firmen in die volle Verantwortung zu nehmen, wenn es um Verletzungen von gesetzlichen Auflagen im Ausland geht. Firmen sollen sich dann im Ausland an die gesetzlichen Regeln halten, ganz so, wie sie es auch im Inland tun müssen. Eine Selbstverständlichkeit sollte man denken. Aber genau darüber tobt zurzeit eine heftige politische Schlacht in der Schweiz, in der die Wirtschaft über den Verlust ihrer Wettbewerbsfähigkeit jammert. Bezeichnender geht es nicht.


Aus: "Der Mythos von der «unsichtbaren Hand» – Von Ethik, Anstand und staatlichen Rahmenbedingungen der Wirtschaft" Lars Jaeger (25. Okt 2020)
Quelle: https://scilogs.spektrum.de/beobachtungen-der-wissenschaft/der-mythos-von-der-unsichtbaren-hand-von-ethik-anstand-und-staatlichen-rahmenbedingungen-der-wirtschaft/


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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #61 on: November 19, 2020, 03:45:00 PM »
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[...] Corona hat die Grenzen des neoliberalen Wirtschafts- und Politikmodells schonungslos aufgezeigt: Das Gesundheitswesen kann nicht allein nach Profitabilitätskriterien organisiert werden, und um eine tiefe Depression zu verhindern, braucht es staatliche Hilfen. Die neoliberalen Theoretiker hatten sich das ganz anders vorgestellt – nicht zuletzt autoritärer.

 Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart.

Die Meldungen waren aufse­hen­er­re­gend: Sowohl die Finan­cial Times wie auch der Gründer des Davoser Welt­wirt­schafts­fo­rums, Klaus Schwab, spra­chen neben vielen anderen davon, dass die Tage des Neoli­be­ra­lismus als große wirtschafts- und gesell­schafts­po­li­ti­sche Leit­linie mit welt­weiter Wirkung gezählt seien. Die Corona-Krise, aber auch die drohende Klima­ka­ta­strophe hätten gezeigt, dass „die Märkte“ nicht alle Probleme das Planeten und der auf ihm lebenden Gesell­schaften lösen können. Das Corona-Virus führe gerade dras­tisch vor Augen, dass ein auf Effi­zienz und Profi­ta­bi­lität getrimmtes Gesund­heits­wesen zu wenig Ressourcen, Personal und Redun­danzen bereit­hält, um im Fall einer Pandemie nicht an den Rand des Zusam­men­bruchs oder darüber hinaus gedrängt zu werden. Zudem habe die neoli­be­rale Globa­li­sie­rung nicht nur das Migra­ti­ons­pro­blem verschärft, sondern auch die gefähr­liche Verletz­lich­keit zu langer, welt­um­span­nender Liefer­ketten gezeigt. Mehr Regio­na­lismus tue not. Aber auch im Innern der Gesell­schaften habe die neoli­be­rale Reduk­tion von staat­li­chen Trans­fer­leis­tungen und Regu­lie­rungen und die damit verbun­dene Explo­sion des Reich­tums einiger Weniger zulasten der Vielen popu­lis­ti­sche Gegen­re­ak­tionen provo­ziert, die nichts weniger als die Demo­kratie als Staats­form gefährden.

Ist der Neoli­be­ra­lismus also am Ende? Man wird sehen. Denn ganz abge­sehen davon, dass mit all diesen vielen Meldungen und Stel­lung­nahmen noch kaum klar wird, was „der Neoli­be­ra­lismus“ genau sei, ist immerhin gewiss, dass man ihn wohl nicht so einfach wieder abschalten könnte wie einen Kühl­schrank, der sich nicht mehr regu­lieren lässt. Denn erstens zeigten die Wahlen in den USA gerade, dass sich dort fast die Hälfte der Wählenden, darunter auch Millionen von Benach­tei­ligten, für eine Politik gewinnen lassen, deren wich­tigste Errun­gen­schaft eine massive Steu­er­re­duk­tion für die Reichen und Super­rei­chen war, und die den Abbau staat­li­cher Leis­tungen und Regu­lie­rungen zum Schutz der Schwa­chen und der Natur laufend voran­trieb. Mit anderen Worten – und abge­sehen davon, dass es „den“ Neoli­be­ra­lismus nicht gibt, wie die anti-globalistische Politik Trumps zeigte –: Neoli­be­rale Wirtschafts- und Gesell­schafts­po­litik wird durch mäch­tige Inter­es­sen­gruppen gestützt, die jetzt nicht einfach ein Einsehen haben.

Zwei­tens sind viele Elemente des Neoli­be­ra­lismus auch ein akzep­tierter, ja selbst­ver­ständ­li­cher Teil unserer Realität geworden. Es gibt keine grund­sätz­liche Alter­na­tive mehr zu Gesell­schaften, die in über­wie­gender Weise als Markt­ge­sell­schaften funk­tio­nieren. Es gibt vor allem seit den 1970er Jahren eine zumin­dest teil­weise inhalt­liche Kongruenz in der Frei­heits­rhe­torik der neoli­be­ralen Theo­re­tiker (es waren weit über­wie­gend Männer) bezie­hungs­weise Politiker:innen (die Rede ist von Margaret That­cher) auf der einen Seite und vieler linker, auto­nomer und queerer Gruppen und Bewe­gungen auf der anderen. Der Feind beider war der mäch­tige Staat, das büro­kra­ti­sche Monster, der kalte Apparat. Das Ziel beider war ein selbst­be­stimmtes Leben ohne allzu viel Rück­sicht auf Normen, Zwänge und Konven­tionen der Massen- und Sozi­al­staats­ge­sell­schaften, wie sie in zumin­dest ähnli­cher Weise von beiden Seiten für ihren Konfor­mi­täts­druck kriti­siert wurden.

Und drit­tens haben die Neoli­be­ralen, wie insbe­son­dere der ameri­ka­ni­sche Wirt­schafts­his­to­riker Quinn Slobo­dian jüngst in einer beein­dru­ckenden Studie gezeigt hat, als „Globa­listen“ – so auch der Titel des Buches – seit dem Ende des Ersten (!) Welt­kriegs an einem Rahmen für den Welt­handel gear­beitet, der sich bis heute in Tausenden von Verträgen und recht­li­chen Rege­lungen verdichtet und konkre­ti­siert hat. Lange Jahr­zehnte eher als Theo­re­tiker, ab den 1970er Jahren aber auch als einfluss­reiche wirt­schafts­po­li­ti­sche Berater und Experten auf der Ebene inter­na­tio­naler Orga­ni­sa­tionen tätig, propa­gierten die Globa­listen eine juri­di­sche Struktur für die Welt­wirt­schaft, in der das Privat­ka­pital barrie­re­frei zirku­lieren können sollte. Das heißt, das Kapital sollte sich auf der Suche nach profi­ta­blen Inves­ti­ti­ons­mög­lich­keiten ebenso unge­hin­dert inter­na­tional bewegen können wie in den Kolo­ni­al­rei­chen und Impe­rien des 19. Jahr­hun­derts, die mit dem Ersten Welt­krieg entweder schon zusam­men­ge­bro­chen waren oder sich mit ihrem unver­meid­li­chen Ende konfron­tiert sahen. Das zu diesem Zweck schritt­weise dichte Geflecht von Verträgen und Rege­lungen, die ab dann etwa den 1980er Jahren nicht nur die Libe­ra­li­sie­rung des Kapi­tal­ver­kehrs ermög­lichten, sondern auch den Aufbau globaler Liefer­ketten für alles und jedes, wird kaum so schnell einer gesell­schaft­li­chen Stim­mungs­schwan­kung weichen.

Dennoch ist es notwendig, sich in dieser Situa­tion, in der immerhin ein Stück weit ein wirtschafts- und gesell­schafts­po­li­ti­scher Stra­te­gie­wechsel möglich und auch nötig scheint, genauer zu verstehen, was „Neoli­be­ra­lismus“ jenseits des allzu beliebig gewor­denen Schlag­wortes bedeutet. Die erste Beob­ach­tung kann vom eben erwähnten Buch von Quinn Slobo­dian ausgehen: Neoli­be­ra­lismus ist nicht die Abwe­sen­heit von Rege­lungen und bedeutet auch nicht die Abwe­sen­heit des Staates. Die Ökonomen, die sich seit einem einfluss­rei­chen Kollo­quium 1938 in Paris auf eine Reform des damals von links wie von rechts geschmähten Laissez faire-Libe­ra­lismus des 19. Jahr­hun­derts verstän­digten und nun eben von „Neoli­be­ra­lismus“ spra­chen, konstru­ierten ihr Programm grob gesagt über zwei Problem­wahr­neh­mungen: Zum einen sahen sie das Problem des „alten“ Libe­ra­lismus darin, dass der Staat zu wenig regu­lierte – und zum andern das Problem des Sozia­lismus, dass der Staat alles regu­lieren wolle. Ihnen ging es darum, dass der Staat den Markt „einhegen“, das heißt durch Regeln und Gesetze schützen und so das gleichsam natür­liche Funk­tio­nieren des Preis­me­cha­nismus, des freien Spiels von Angebot und Nach­frage, sicher­stellen soll. Keines­falls aber solle der Staat in poli­ti­scher, etwa vertei­lungs­po­li­ti­scher Absicht oder gar, um die Produk­tion zu steuern, selbst in den Markt eingreifen.

Was das bedeutet und warum die Neoli­be­ralen diese para­doxe Rolle für den Staat entwarfen, lässt sich sehr gut an der wirt­schafts­po­li­ti­schen oder auch, wenn man so will, wirt­schafts­phi­lo­so­phi­schen Theorie des überaus einfluss­rei­chen österreichisch-britischen Neoli­be­ralen und Nobel­preis­trä­gers von 1974, Fried­rich August von Hayek, zeigen. Hayeks Haupt­ar­gu­ment lautete: Der zentrale (staat­liche) Planer kann gar nicht wissen, was er wissen müsste, um planen zu können. Es war ein klas­si­sches Argu­ment, das schon die libe­ralen Ökonomen des 18. und 19. Jahr­hun­derts vorge­bracht haben: Der Staat kann gar nicht genug Wissen über die Wirt­schaft, über die vielen Produ­zenten und Konsu­menten und alle verwi­ckelten Bedin­gungen ihrer Akti­vi­täten haben, um zum Beispiel die Korn­preise so fest­zu­setzen, dass genügen Korn produ­ziert wird, es in den Handel kommt und die Konsument:innen auch güns­tiges Brot kaufen können. Das könne allein der Markt regeln.

Hayek hat diesen grund­sätz­li­chen Vorbe­halt gegen die staat­liche „Präten­tion zu wissen“ – so der Titel seiner Nobel­preis­rede – im Stil der Zeit kyber­ne­tisch gefasst: Der Markt sei ein großer Computer, der eine unüber­schau­bare Zahl von Einzel­in­for­ma­tionen verar­beite und den einzelnen wirt­schaft­li­chen Akteuren, ob Produ­zenten oder Konsu­menten, allein über das „Preis­si­gnal“ anzeige, was sie zu tun haben. Alles, was der Staat daher tun müsse, sei, wie gesagt, sicher­zu­stellen, dass der „Computer“ funk­tio­niert, dass der Markt die rich­tigen Preis­si­gnale produ­zieren kann.

Die mit diesem an sich gut nach­voll­zieh­baren Argu­ment verbun­denen Probleme zumin­dest der Hayek­schen Vision einer voll­ständig „libe­ralen“ Gesell­schaft sind aller­dings unüber­sehbar. Denn Hayek leitete aus seiner Beschrei­bung des Preis­me­cha­nismus ab, dass dieser und damit der freie wirt­schaft­liche Austausch im Wesent­li­chen die einzige Form sei, wie moderne „Groß­ge­sell­schaften“ zusam­men­ge­halten werden: als ein Resultat der Vernet­zungs­ef­fekte des Marktes – und nicht etwa durch einen gemeinsam formu­lierten poli­ti­schen Willen, der sich zum Beispiel vom Gedanken der Vertei­lungs­ge­rech­tig­keit leiten lässt. Das ist ein zentraler Punkt. Das Poli­ti­sche durfte laut Hayek auf keinen Fall über den Schutz des Marktes hinaus Gestal­tungs­kraft erlangen, denn über den Hebel der poli­ti­schen Parti­zi­pa­tion würden sich Sonder­in­ter­essen und Grup­pen­ego­ismen unge­recht­fer­tigte, das heißt nicht über den Markt gere­gelte Anteile am Sozi­al­pro­dukt aneignen. Es gab für Hayek neben dem alles bestim­menden Preis­me­cha­nismus daher nur eine einzige Rahmen­be­din­gung, die nicht markt­förmig war, nämlich die „rule of law“, das heißt die gemein­same Aner­ken­nung der Herr­schaft des Rechts, der basalen recht­li­chen Grund­sätze und Regeln, auf deren Basis ein Staat auch Gesetze zum Schutz des Marktes und des Privat­ei­gen­tums erlassen könne.

Diese „rule of law“ als solche müsse aller­dings eben­falls dem poli­ti­schen Willen, dem poli­ti­schen Gestalten entzogen bleiben: Hayek verstand sie als einen Tradi­ti­ons­be­stand, der spätes­tens seit dem 17. Jahr­hun­dert das Rechts­ge­fühl steuert, das heißt den funda­men­talen Wert der persön­li­chen Frei­heit und des Privat­ei­gen­tums garan­tiere. Diese grund­le­genden Werte – die Neoli­be­ralen spre­chen gerne von „Menschen­rechten“, von „human rights“, wie die Philo­so­phin Jessica White gezeigt hat – könnten nun, so Hayek, nicht durch eine moderne Verfas­sung „konstru­iert“ werden, sondern sie seien als Tradi­tion das, was als unver­än­der­liche „rule of law“ eine Markt­ge­sell­schaft erst ermög­liche.

Abge­sehen davon, dass mit dieser Idee einer selbst­ver­ständ­li­chen Aner­ken­nung der tradi­tio­nellen „rule of law“ de facto immer schon ein über Besitz, Geschlecht und Haut­farbe homo­ge­ni­siertes „Wir“ derje­nigen voraus­ge­setzt wurde, die diese Aner­ken­nung teilen, bestand die unmit­tel­bare poli­ti­sche Konse­quenz dieser Konstruk­tion darin, dass Hayek die Demo­kratie als Regie­rungs­form weit­ge­hend ablehnte. Sein Neoli­be­ra­lismus konnte unver­hüllt auto­ritär werden. So schrieb er 1977, kurz vor seinem Besuch im Chile Pino­chets, „dass ich eine beschränkt nicht-demokratische Regie­rung einer unbe­schränkten demo­kra­ti­schen […] vorziehe“.  Denn letz­tere, konkret die parla­men­ta­ri­sche Demo­kratie, würde, getrieben von den Umver­tei­lungs­ge­lüsten all jener, denen sie Mitsprache ermög­lichte, „jede belie­bige Frage zum Gegen­stand von Regie­rungs­maß­nahmen machen“ – das heißt die ökono­mi­schen Akti­vi­täten und Inter­essen der Einzelnen in gren­zen­loser Weise dem Regieren unter­werfen. Sie würde dadurch „tota­litär“, was Hayek glei­cher­maßen der Sowjet­union, der Regie­rung Allende in Chile wie auch, in der Tendenz, der euro­päi­schen Sozi­al­de­mo­kratie vorwarf. „Links­ex­trem“ begann in dieser Logik schon bei Willy Brandt.

Die Lehre, die sich aus einem solchen hier nur äußerst knapp und bruch­stück­haft skiz­zierten Rück­blick ziehen lässt, ist im Grunde einfach: Ja, Märkte sind oft die effi­zi­en­testen Allo­ka­ti­ons­me­cha­nismen knapper Güter, und ja, man hat allen Grund, allzu viel staat­liche Macht zurück­zu­weisen. 1978 nannte Michel Foucault „Kritik“ an der zu großen Macht des Staates die Haltung zu fordern, „dass man nicht derartig, im Namen dieser Prin­zi­pien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird – dass man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird“. Wir möchten tatsäch­lich nicht in einem zentra­li­sierten Planungs­staat leben – wir müssen einer Regie­rung gegen­über „nein“ sagen können und wünschen uns recht­liche Struk­turen, die ihre Macht in Schranken halten.

Aber die These Hayeks und der Neoli­be­ralen, dass es über die Siche­rung der persön­li­chen Frei­heit und des Privat­ei­gen­tums hinaus keine weiteren Ziele und Werte geben könne, die eine Gesell­schaft in der Rege­lung ihrer Ange­le­gen­heiten verfolgen kann, ohne dadurch den Markt und damit die Grund­lage des Wohl­standes zu zerstören, ist ebenso falsch wie unplau­sibel. Denn offen­sicht­lich ist der Markt keine unbe­rührte Natur, die, unter Schutz gestellt, ihre Früchte frei­giebig an die Tüch­tigsten verteilt, sondern eine sehr mensch­liche, nur durch Gesetze und Rege­lungen zum Funk­tio­nieren zu brin­gende Einrich­tung. Wenn „rule of law“ heißt, dass z.B. Regeln für alle gelten sollen, können auch Umwelt­schutz­maß­nahmen oder Sozi­al­stan­dards für alle gelten, ohne den Markt zu „verzerren“. Das heißt, man kann die Exis­tenz von Märkten dort, wo sie produktiv sind, mit der poli­tisch ausge­han­delten Orien­tie­rung an Zielen und Werten verbinden, die dem Markt als solchem nicht inhä­rent sind und die auch nicht per se mit dem Eigen­in­ter­esse aller Markt­teil­nehmer kongruent sind. Aus der Perspek­tive einer strikt markt­wirt­schaft­li­chen Logik kann es zwar tatsäch­lich kost­spielig und gera­dezu ärger­lich inef­fi­zient sein, im Gesund­heits­wesen zu große Kapa­zi­täten sowie mehr als genug – und über­dies gut bezahltes – Personal zu finan­zieren. Aber wenn „der Markt“ nicht mit einer Pandemie rechnen kann, ist er offenbar doch nicht die beste aller infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tenden Maschinen, die die Mensch­heit ersonnen hat.


Aus: "#Neoli­be­ra­lismus" Philipp Sarasin (2020)
Quelle: https://geschichtedergegenwart.ch/neoliberalismus/

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #62 on: December 02, 2020, 09:49:46 AM »
"OECONOMIA" Interview mit Carmen Losmann (28. September 2020)
Ich bin der Auffassung, dass unser Leben durchdrungen ist von der Ideologie des modernen Kapitalismus – gleichzeitig ist die Frage nach der Funktionsweise des Kapitalismus seltsam unterrepräsentiert im Film. Ich selber kann nur sagen, dass ich gerne analysiere und begreife, was mich umgibt und durch mich hindurchwirkt. Und weil ich nun mal das Filmemachen gelernt habe, mache ich zu diesen Fragen eben Filme.  ...
http://www.revolver-film.com/oeconomia/

Details: Rüdiger Suchsland im Gespräch mit Carmen Losmann: “Oeconomia” und die Produktion von Geld
05/12/2020 deutsch Rüdiger Suchsland
Carmen Losmann ist Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin.
Mit Rüdiger Suchsland spricht sie über ihren neuen Film "Oeconomia", welcher auf der Berlinale 2020 Premiere hatte, und die Frage, woher Geld kommt und wer es macht. Dabei geht es auch um die Kapitalisierung des Gesundheitssystems vor dem Hintergrund der aktuellen Krise.
https://www.kurzfilmtage.de/en/blog-festival-2020-en/news-details/news/ruediger-suchsland-im-gespraech-mit-carmen-losmann-oeconomia-und-die-produktion-von-geld/

"Doku "Oeconomia" im Kino:Zum Wachstum verdammt" Martina Knoben (14. Oktober 2020)
Wie kann Geld einfach so aus dem Nichts entstehen und doch überall fehlen? Carmen Losmann stellt in ihrer Finanzwirtschafts-Doku "Oeconomia" Fragen, die selbst Top-Banker ins Schwitzen bringen. ... Dass das Finanzsystem künstlich ist, sich abgekoppelt hat von der Warenproduktion, ja von der Realität, gleichwohl zunehmend unser Wirtschaftssystem und die Politik bestimmt - auf diese Kritik steuert der Film ganz unaufgeregt zu. Außerdem bringt Losmann Ökonomie und Ökologie am Ende zusammen, wenn sie konstatiert, dass es auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen kein unendliches Wachstum geben kann. Das alles ist nicht neu, über vieles können Wirtschaftsexperten auch sicher kundig streiten. Der "Kapitalismus für Dummies"-Ansatz aber funktioniert. Über Geld spricht man nicht? Besser doch. ...
https://www.sueddeutsche.de/kultur/kino-doku-oeconomica-1.5068338


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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #63 on: December 31, 2020, 02:58:59 PM »
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Ulrich Schneider@UlrichSchneider

Diese Pandemie zeigt es überdeutlich: Der gesamte Gesundheits- und Pflegebereich gehört der Profitlogik entzogen und als Daseinsvorsorge ausschließlich in gemeinnützige und öffentliche Hand. #Bedarfswirtschaft statt Profitwirtschaft!

1:16 nachm. · 30. Dez. 2020

https://twitter.com/UlrichSchneider/status/1344256154831089664

Quote
rachel-kim (lach)
@rachelk44138983
Antwort an @UlrichSchneider
das und das Beenden von Immobilien als Spekulationsobjekt würde der Gesellschaft sehr helfen.

1:19 nachm. · 30. Dez. 2020


https://twitter.com/rachelk44138983/status/1344256791878770688

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« Last Edit: December 31, 2020, 03:37:24 PM by Link »

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« Reply #64 on: December 31, 2020, 03:36:58 PM »
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Daniel Schwerd @netnrd

Als die Gewinne der Krankenhausgesellschaften sprudelten, wurden sie an die Eigner ausgezahlt. Jetzt, wo Verluste entstehen, springt der Staat ein. Gewinne sind privatisiert worden, Verluste werden sozialisiert. Privatisierung ist super.

8:05 nachm. · 29. Dez. 2020


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Christian Keiler @_Christian_K_
Antwort an @netnrd
 und @Michael_Kunz

Ist ja nicht die einzige Ecke, in der Privatisierung "so toll" geklappt hat.


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Daniel Schwerd @netnrd
Antwort an @_Christian_K_ und @Michael_Kunz

Nein, nur ein weiteres Beispiel für das Prinzip.

8:28 nachm. · 29. Dez. 2020


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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #65 on: January 14, 2021, 06:10:07 PM »
— UNBOXING UNBOXING: The Amazon Oracle.
The future.
Amazon knows.
No second-guessing: one-click-shopping!
veröffentlicht am 19. Dezember 2020  ¶  unter dokumentationen, neuigkeiten, theorien
https://www.geheimagentur.net/unboxing-unboxing-the-amazon-oracle/

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #66 on: February 24, 2021, 12:46:27 PM »
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[...] In Manhattan lief einmal ein Trickbetrüger herum, der den Namen Confidence Man bekommen hatte. Seine Masche bestand darin, auf Menschen zuzugehen und sie zu fragen: "Würden Sie mir bis morgen Ihre Armbanduhr anvertrauen?" Gaben sie ihm die Uhr, tauchte er ab, und bis er eines Tages gefasst wurde, waren erstaunlich viele Menschen darauf hereingefallen.

Nach seiner Verhaftung konnte man im New York Herald eine sarkastische Beileidsbekundung lesen, dass diesem Confidence Man die Chance entgangen war, für die Wall Street zu arbeiten. "Seine Genialität ist im Kleinen auf dem Broadway zum Einsatz gekommen. Die ihre an der Wall Street. Das ist der einzige Unterschied", hieß es. "Ihm legt die Polizei Handschellen an. Ihnen bringt die Gesellschaft Wertschätzung entgegen. Lang lebe der wahre Confidence Man! – der Confidence Man der Wall Street."

Jia Tolentino, Journalistin des New Yorker und als eine der besten jungen Essayistinnen der USA gefeiert, erzählt diese Geschichte in ihrem Essayband Trick Mirror, der jetzt auf Deutsch erscheint. Sie erzählt sie, weil sie glaubt, jegliche Art von Trickserei sei ihrer Generation, den Millennials, zur "allumfassenden Realität" geworden. Und die Finanzkrise 2008, ausgelöst durch die Confidence Men der Wall Street, sei eine Art Startschuss gewesen für das Erwachsenwerden einer Generation entlang der Betrugsmaschen.

Nach dem Crash folgten soziale Medien wie Facebook, schreibt Tolentino, die Verbundenheit versprachen und stattdessen eine Welt erschufen, in der wir permanent an der Vermarktung unseres Ichs und unserer Beziehungen arbeiten. Es folgte ein marktkonformer Feminismus, der Gleichberechtigung für alle versprach und sich dann darauf beschränkte, den Erfolg einzelner "Girlbosse" als progressive Politik zu verkaufen.

Und dann sind da natürlich die ganz offensichtlichen scams. Ernährungsmythen wie das angeblich gesunde, in Wahrheit aber nur schmutzige raw water. Oder das von berühmten Models wie Kendall Jenner und Emily Ratajkowski beworbene Fyre Festival, das dann gar nicht existierte. Das Gefühl, irgendwie verarscht zu werden, wechselt sich ab mit der Bewunderung für Menschen, die in einer Welt der Taschenspieler einen funktionierenden Trick gefunden haben. Menschen, die etwa 1,5 Millionen Dollar Kapital für eine App eintreiben können, die nur eine Sache macht: das Wort "Yo" unter seinen Usern zu verschicken.

Tolentino beobachtet die feinen Linien, die sich durch unsere Gegenwartskultur ziehen, mit analytischem Gespür und einem bewundernswerten Hintergrundwissen. Sie gilt als manische Leserin, die oft ein halbes Buch vor dem Schlafengehen liest. Und sie ist gleichzeitig very online, wie man auf Englisch so gut sagt. Mit zehn Jahren hatte sie sich eine eigene Website gebaut, auf der sie gleich einen Text einbaute: Wie Jia internetsüchtig wurde. Sie schrieb diverse Blogs voll, diskutiert auf Twitter und geht für Interviews live auf Instagram.

Diese Kombination hat sie bekannt gemacht. Als Susan Sontag der Millennials oder Joan Didion des Internets wird sie immer wieder bezeichnet, was vielleicht weniger fachlich passende Urteile sind als Zeugnisse der schieren Bewunderung für Tolentino. Sie schrieb früh die Art kluger und meinungsstarker Texte, die sich im Netz gut verbreiten. Zunächst für den Blog The Hairpin und später beim feministischen Onlinemagazin Jezebel, dessen stellvertretende Chefredakteurin sie wurde, bevor das Angebot vom New Yorker kam. Sie schrieb über Schwangerschaftsabbruch, über Vaping, über identitätspolitische Fragen im Publishingbusiness oder über die Frage, warum Millenials eigentlich den Ruf haben, alles zu zerstören, von der Autoindustrie bis zu Hotelbranche. Durch Trick Mirror, da sind sich viele Kritikerinnen einig, etabliere sie sich nun endgültig als eine der wichtigsten Stimmen ihrer Generation. Und was normalerweise verdächtig nach Hype klingen würde, ist in diesem Fall völlig angemessen.

Wer Jia Tolentino liest, hat das Gefühl, für einen Moment klarer zu sehen durch den Nebel der Gegenwart, in der so viele Dinge gleichzeitig verwirrend und absolut selbstverständlich scheinen. Sie selbst sei eigentlich ständig verwirrt, schreibt Tolentino. Und wenn "mich etwas verwirrt, dann schreibe ich darüber". Und ihre Suche nach Antworten besteht zu einem großen Teil darin, die eigenen Selbsttäuschungen abzuschütteln, und das ist oft witzig, mutig, überraschend und scharfsinnig.

Dabei hilft ihr besonderes Talent, persönliche Geschichten mit Gedanken zu verweben. Sie scheut sich etwa nicht, über die Zeit zu sprechen, in der sie als Teenagerin an einer Reality-TV-Sendung namens Girls v. Boys: Puerto Rico teilnahm. Aber ihre Erzählung gerät nie zur Nabelschau. Jedes Detail führt zu einem Gedanken. Wenn sie zum Beispiel über ihrem Auftritt am Strand vom Puerto Rico die verschiedenen Schichten der Selbstinszenierung freilegt. Wie etwa die ständige Selbstanalyse aufhörte in dem Moment, in dem sie vor der Kamera stand. Wie es unmöglich wird, bewusst zu performen, wenn alles eine Performance ist. "Das war eine nützliche, wenn auch fragwürdige Vorbereitung auf ein Leben in den Fängen des Internets", schreibt sie.

In einem der stärksten Essays, Ekstase, erzählt sie von ihrer Kindheit und Jugend in der Gemeinde einer evangelikalen Megakirche im texanischen Houston. Sie erzählt von Bibelstunden, von dieser riesigen Stadt, deren Highways eigentlich die einzigen öffentlichen Orte sind, und von "chopped and screwed", einer Remixtechnik, die Hip-Hop-Songs stark verlangsamt und das Gefühl nachahmt, high auf Hustensaft zu sein. Aber vor allem geht es darum, wie sie ihren Glauben verliert, weil das, was sie für Gott hielt, ihr im Drogenrausch ebenso begegnet. Auf Ecstasy fühlt sie sich, "als würde Gott meine Lunge ersetzen", schreibt sie und versucht daraufhin, mit der Literatur der Mystikerin Marguerite Porète und der Philosophin Simone Weil die Formen der Ekstase besser zu verstehen.

Zwei Themen ziehen sich durch fast alle neun Essays des Buches: der Feminismus und das Internet. Und Tolentinos Beobachtungen dazu gehören zu den genauesten, die man in den letzten Jahren dazu gelesen hat. In Optimierung ohne Ende untersucht sie etwa das Bild der perfekten Frau. Mit zunehmender Emanzipation scheinen sich wie zum Ausgleich die Ansprüche an ihr Äußeres zu steigern, beobachtet Tolentino. Die perfekte Frau trägt heute kein Make-up mehr oder Spanx-Wäsche, um kleine Makel verschwinden zu lassen, denn sie hat keine. Mit teurer Skincare ist ihre Haut selbst perfekt so wie ihr Körper, der nicht geformt werden muss, weil er bis auf jeden Muskel schlank und fit ist, wie sie durch ihre enge Yogaleggings beweist. Sich in diesem Sinne "um sich selbst zu kümmern", schreibt Tolentino, ist heute nicht nur eine ästhetische, sondern eine ethische Frage für Frauen geworden.

Tolentino analysiert das, während sie selbst mittendrin steckt. Auch sie besucht teure und seltsam sexualisierte Fitnesskurse. Und während sie die Aufmerksamkeitsspiralen des Internets kritisiert, schaltet auch sie abends die Apps aus, die ihre Bildschirmzeit reduzieren sollen, um weiterscrollen zu können. Das ist nicht nur die millennialtypische Selbstreflexion. Es ist eine Reflexion über Komplizenschaft, die sich durchs ganze Buch zieht. Auch ihre Karriere habe von der "ungesunden Fokussierung des Internets auf Meinungsäußerungen profitiert", schreibt sie, sowie davon, dass sich Feminismus derzeit so gut verkauft.

Es geht um die Komplizinnenschaft, in die ein extrem ungleiches System zwingt, die Komplizinnenschaft, wenn man Dinge einfach will, wie Schönheit, Komfort, Freiheit. Die Komplizenschaft mit den Confidence Men nicht nur an der Wall Street: "Der Hochstapler und sein Opfer wollen beide von einer Situation profitieren; der Unterschied besteht darin, dass der Hochstapler erfolgreich ist."

Was sie wirklich fertigmache in der Ära von Trump und einer ganzen Schwindlerkultur, schreibt Tolentino, sei, dass die beste Strategie, sie zu überstehen, darin bestehe, nur an sich selbst zu denken. Da sei ein Druck, "uns moralisch zu kompromittieren, um weiterhin zu funktionieren". So sucht sie nicht nur Klarheit, sondern noch etwas anderes, das schwierig zu finden scheint – Integrität: "Ich glaube noch immer, in einem unbelehrbaren Winkel meines Ichs, dass ich es hier herausschaffen kann. Schließlich hat es nur etwa sieben Jahre, in denen ich meine eigene Persönlichkeit im Internet verhökert habe, gedauert, an einen Punkt zu gelangen, an dem ich es mir problemlos leisten kann, auf Amazon zu verzichten, um 15 Minuten und fünf Dollar zu sparen."

Diese Treffsicherheit ihrer Gedanken hat etwas Tröstliches. Auch wenn Tolentino keine Lösungen anbietet für die Risse, die sie aufzeigt, meistens nicht einmal abschließende Erklärungen. Aber es gibt diesen Punkt beim Lesen ihrer Essays, da verschiebt sich etwas in einem, als hätte man einen Funken Realität besser verstanden. Zwischen all den Absurditäten hofft Tolentino darauf, dass sich "kleine Wahrheiten" auftun, und das ist vielleicht die treffendste Beschreibung dessen, was man heute von Gegenwartsbeobachtungen erwarten kann. Und davon bekommt man in diesem Buch ganz schön viel.

Jia Tolentino: "Trick Mirror. Über das inszenierte Ich". S. Fischer, 368 Seiten


Aus: "Jia Tolentino: Überall Schwindler" Eine Rezension von Maja Beckers (23. Februar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2021-02/jia-tolentino-trick-mirror-kritik/komplettansicht

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Thomas_SF #4

Verarscht worden sind die Menschen immer schon.

Allerdings wird es heute schwieriger, ein Gespür für das Reale zu finden, weil die Welt um uns herum immer künstlicher wird, und wir das, was uns umgibt zunehmend durch Bildschirme und Filter erfahren.


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Kassandra 1 #4.1

"Allerdings wird es heute schwieriger, ein Gespür für das Reale zu finden, weil die Welt um uns herum immer künstlicher wird"

Kurz gedacht mag das stimmen, doch wer sorgt dafür, dass die Welt immer künstlicher wird...das sind doch wohl wir Menschen mit unserer grotesken Technikabhängigkeit, unserer Denkfaulheit, unserem Allmachtswahn, der Allen Alles zugänglich machen will und das Individuum zum Zentrum der Universums erklärt.


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OneTrickPony #6

Eine Kritik zu Tolentinos neuem Buch, in dem nicht ein einziges Mal das Wort “Kapitalismus” fällt. Das muss man erst mal schaffen.

Zwei Schlussfolgerungen: Entweder Frau Beckers unterschlägt die Kapitalismuskritik in dem Buch, die sich, wenn man diese angerissenen Themen richtig angehen würde, eigentlich wie ein roter Faden durch dieses Buch ziehen müsste. Müsste.

Oder aber Frau Tolentino kratzt tatsächlich nur an der Oberfläche ...


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ihrfodsn #11

Ich bin im gleichen Jahr geboren wie Frau Tolentino. Hab noch nie von ihr gehört. Weder ist sie die Stimme der Generation Y, noch besonders bekannt. Und als ehemalige Jezebel-Autorin (wer es nicht kennt, Hengameh in noch arroganter) wundert mich das auch nicht wirklich.

Mir scheint, Maja Beckers ist der wahre Confidence Man hier.


Quote
losgehen #17

Das Problem ist doch nicht neu. Erich Fromm, Theodor Adorno, Hannah Arendt, Sigmund Freud, Friedrich Nietzsche, Seneca, Aristoteles, Platon usw. usf. haben schon über die (zeitlosen) Probleme der menschlichen Gesellschaft geschrieben, über Lug und Trug, Selbstfindung und Lebensglück durch Wahrhaftigkeit und Selbstliebe. Lösungsansätze für die Menschheit als Ganzes sind auf theoretischer Ebene nicht zu erarbeiten. Lösungsansätze für das Individuum dagegen schon (s.o.)

Das scheint dem Zeit online Leser von heute aber zu hoch und deshalb werden ihm Bücher vorgestellt, die eben keine Lösungsansätze bieten, sondern eine "Gesellschaftsanalyse" liefern, die man als Betroffenheitsliteratur bezeichnen könnte. Mag diese auch wortgewandt daher kommen, sie bleibt genau das, was die Autorin in ihrem Buch kritisiert: Selbstvermarktung.


Quote
jack_carlton #18.2

... wie ein Forist hier schrieb, wenn dies eine Kritik am Leben IM Kapitalismus sein soll, UNTER kapitalistischen Bedingungen, und es fällt nicht ein einziges Mal das K-Wort, dann springt die Autorin zu kurz. (Wie gesagt, ich kenne das Buch nicht, aber die Rezension lässt vermuten...)


...

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #67 on: March 29, 2021, 09:56:43 PM »
Quote
[...] Bis zuletzt blieb er unter dem Radar. Bill Hwang (56) stand bei vielen Investmentbanken auf der schwarzen Liste, schließlich hatte er schon 2012 einen Hedgefonds schließen und eine Strafe wegen Insiderhandels akzeptieren müssen. In Hongkong hat ihn die Börsenaufsicht sogar lebenslang vom Handel ausgeschlossen. Und doch konnte er auf eigene Rechnung mit gewaltigem Kredithebel ein Multi-Milliardenportfolio aufbauen - und ein Großrisiko für den Finanzmarkt schaffen, das jetzt mehreren Großbanken um die Ohren fliegt. ... Hwang, in seiner Jugend als Sohn eines koreanischen Priesters in die USA gekommen und bis heute Beirat des evangelikalen Fuller Theological Seminary im kalifornischen Pasadena, gehört zu den sogenannten Tiger Cubs (Tigerjungen), den Schülern des Hedgefonds-Pioniers Julian Robertson (88). In dessen Tiger Management stieg Hwang als Aktienanalyst auf und verdiente sich zumindest in einem Jahr einen Sonderbonus als Bestperformer der Firma. ... s gehe ihm nicht nur um das schnelle Geld, sagte er in einem 2018 veröffentlichten christlichen Youtube-Interview. "Es geht um die lange Frist, und Gott hat sicher eine langfristige Sicht." ...

"Faith and Work | Bill Hwang on investing in people" (07.03.2018)
Bill Hwang, CEO and Founder of Archegos Capital Management and Fuller Trustee, shares how his faith influences his business practices and the importance of asking “where can I invest to please our God?” He is interviewed by Tod Bolsinger, Vice President and Chief of Leadership Formation.
https://youtu.be/vnbeQ-WFOUU

...


Aus: "Die Rückkehr des Tigerjungen" (29.03.2021)
Quelle: https://www.manager-magazin.de/unternehmen/banken/hedgefonds-bringt-credit-suisse-in-bedraengnis-wie-bill-hwang-zum-zweiten-mal-investoren-an-der-nase-herum-fuehrte-a-dc359aa2-ab26-4714-9896-35a774534248

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[...] Bill Hwang ist wohl nicht das, was man sich unter einem typischen Hedgefonds-Manager vorstellt: Denn für ihn scheint nicht das Geld der grösste Antrieb zu sein, sondern er will mit seinen Investments das Werk Gottes voranbringen. Deshalb engagiert er sich auch für das evangelikale Fuller Seminar in Kalifornien.

Geld hat der 56-jährige Hwang sowieso schon genug verdient. Er kam als Jugendlicher aus Südkorea in die USA und machte dort in der Finanzbranche Karriere. So verdiente er in den Neunzigerjahren mit Deals in Asien ein Milliardenvermögen. Dieses verwaltet er nun mit seiner eigenen Firma Archegos. ...

... Hwangs Spezialität sind riskante Wetten. Er gehört zu den sogenannten Tiger Cubs. Damit sind die Schüler des legendären Hedgefonds-Managers Julian Robertson gemeint. Für dessen Tiger Management arbeitete Hwang, bis sich Robertson vor zwanzig Jahren zurückzog und das Feld seinen Nachfolgern überliess. Hwang fokussierte sich auf Asien und war dort sehr erfolgreich. Doch erhielt seine Karriere 2012 einen Knick. Damals gestand er gegenüber der US-Börsenaufsicht ein, dass der Erfolg auch auf Insiderhandel beruhte. Hwang bekannte sich schuldig und zahlte insgesamt 44 Millionen Dollar – als Busse und als Entschädigung für private Kläger. Hwang schloss danach Tiger Asia und zog sich etwas zurück.

Mit Archegos begann er wieder von vorne. Der Neustart wurde in den Banken zuerst kritisch gesehen. So wurde er von der US-Grossbank Goldman Sachs lange als zu grosses Risiko angesehen, wie die «South China Morning Post» berichtet. Die Bank weigerte sich noch Ende 2018, mit ihm Geschäfte zu machen. Doch habe sich die Meinung von Goldman Sachs wieder geändert, als die Bank gesehen habe, wie lukrativ Hwang als Kunde gewesen sei. Er brachte den Banken mit seiner Firma hohe Einnahmen. Offenbar war er da schon wieder mit mehreren anderen Banken gut im Geschäft.

Denn Hwang soll einen extrem riskanten Kurs gefahren haben, indem er für seine Deals sehr wenig eigenes Geld und sehr viel Fremdkapital eingesetzt habe. So lukrativ das in guten Zeiten ist, so teuer ist es, wenn der Investor sich verspekuliert. Das ist ihm nun mit Wetten auf die Wertpapiere der US-Medienkonzerne Viacom CBS und Discovery, des kanadischen Onlineshop-Anbieters Shopify und der chinesischen Internetriesen Baidu und Tencent Music passiert.

Als Hwang die von den Banken geforderten Sicherheiten nicht mehr liefern konnte, begannen einige Institute letzten Freitag mit dem Notverkauf der Aktien aus dem Archegos-Portfolio, um sich möglichst schadlos zu halten. Die Folge waren heftige Ausschläge an den Börsen und lange Gesichter bei den Banken, die nun herausfinden müssen, wie gross das Loch ist, das Hwang bei ihnen hinterlassen hat.


Aus: "Wer ist Bill Hwang? - Dieser Finanzmanager sorgt für Panik bei den Grossbanken" Jorgos Brouzos (29.03.2021)
Quelle: https://www.zuonline.ch/dieser-finanzmanager-sorgt-fuer-panik-bei-den-grossbanken-231822374496

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[...] Am Freitag hatte ein Ausverkauf von Aktien in den USA zu markanten Kursverlusten bei einer Reihe von Unternehmen geführt, die einem Insider zufolge mit Archegos in Verbindung stehen. Die Papiere der Medienkonzerne ViacomCBS und Discovery hatten jeweils 27 Prozent an Wert verloren. Die in den USA notierten Anteile der chinesischen Konzerne Baidu und Tencent Music waren im Laufe der Woche um ein Drittel beziehungsweise knapp 50 Prozent abgesackt.

 Nach Angaben informierter Kreise hatten die Deutsche Bank, Goldman Sachs und Morgan Stanley im Auftrag von Archegos Aktien im Wert von rund 30 Milliarden Dollar auf den Markt geworfen. Investoren halten systemische Risiken zum jetzigen Zeitpunkt zwar für unwahrscheinlich, zeigten sich allerdings nervös über das Ausmaß der Auflösung von Archegos-Positionen und mögliche weitere Verkäufe.

Das Unternehmen, geführt von Bill Hwang, ging aus dem Hedgefonds Tiger Asia hervor. Der Manager einigte sich 2012 mit der US-Börsenaufsicht SEC gegen Zahlung von 44 Millionen Dollar auf die Einstellung von Ermittlungen zu Insiderhandel. Archegos, auf der Firmen-Internetseite als Family Office bezeichnet, soll Medienberichten zufolge rund zehn Milliarden Dollar verwalten. Hwang war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

...


Aus: "Archegos Capital sorgt für Beben US-Hedgefonds-Ausfall trifft Bankenbilanzen" (Montag, 29. März 2021)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/US-Hedgefonds-Ausfall-trifft-Bankenbilanzen-article22459530.html

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[...] Welche Auswirkungen es haben kann, wenn ein Hedgefonds sich verzockt, hat Anfang des Jahres das Beispiel von Gamestop einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt [https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/gamestop-anhoerung-in-den-usa-wer-hat-verhindert-dass-die-rechnung-der-kleinanleger-aufgeht/26932936.html]. Die Leerverkäufer von Melvin Capital hatten darauf gesetzt, dass die Papiere des Computerspieleverkäufers an Wert verlieren würden. Als diese dann aber massiv stiegen, stand der Hedgefonds dem Vernehmen nach kurz vor dem Aus – und musste mit Milliardenbeträgen gerettet werden. Nicht wenige hatten damals bereits mit einem großen Crash gerechnet.

Nun steckt ein anderer Fonds in Problemen. Und wieder betreffen die Auswirkungen die gesamte Börse. Der US-Hedgefonds Archegos Capital reißt diesmal vor allem Banken mit in Schwierigkeiten. Die Schweizer Großbank Credit Suisse und die japanische Investmentbank Nomura warnten am Montag vor erheblichen Verlusten durch den Ausstieg aus Positionen bei einem US-Hedgefonds. Sie nannten den Namen des Hedgefonds zwar nicht, doch Finanzkreisen zufolge handelt es sich um Archegos.

Auch die Deutsche Bank ist einem Insider zufolge betroffen, allerdings weniger stark als die Wettbewerber. Das Exposure des Frankfurter Geldhauses sei nur ein Bruchteil dessen, das andere hätten, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person der Nachrichtenagentur "Reuters" am Montag. Bis Freitagnacht habe die Bank keine Verluste aus den Geschäften mit Archegos erlitten und manage die Positionen.

Die japanische Investmentbank Nomura bezifferte den Verlust auf zwei Milliarden Dollar, die Credit Suisse zufolge könnte der Verlust „sehr bedeutend und wesentlich“ für das Ergebnis des ersten Quartals sein. Die Schweizer erklärten, ein bedeutender Hedgefonds sei Nachschusspflichten – den sogenannten Margin-Calls – nicht nachgekommen. Das bedeutet, er hätte eigentlich Geld nachzahlen müssen, weil sein eingesetztes Kapital unter den für seine Positionen benötigten Wert gesunken ist. Da der Investor kein Geld nachschoss, seien die Schweizer Großbank und andere Geldhäuser nun dabei, diese Positionen aufzulösen. Haben diese nun an Wert verloren, bleibt die Bank auf dem Minus sitzen.

Am Freitag hatte ein Ausverkauf von Aktien in den USA zu markanten Kursverlusten bei einer Reihe von Unternehmen geführt, die einer mit der Sache vertrauten Person zufolge mit Archegos Capital in Verbindung stehen. Die Papiere der Medienkonzerne ViacomCBS und Discovery hatten jeweils 27 Prozent an Wert verloren. Die in den USA notierten Anteile der chinesischen Unternehmen Baidu und Tencent Music waren im Laufe der Woche um ein Drittel beziehungsweise knapp 50 Prozent abgesackt.

Investoren halten systemische Risiken zu jetzigen Zeitpunkt zwar für unwahrscheinlich, zeigten sich allerdings nervös über das Ausmaß der Verkäufe von Archegos und möglich weitere Veräußerungen. Die Aktien der Credit Suisse stürzten am Montag an der Börse in Zürich um 14 Prozent ab – das ist der größte Tagesverlust seit dem Börsencrash vom Frühjahr 2020 ein.

In Tokio waren die Nomura-Anteile 16 Prozent eingebrochen. Auch an der deutschen Börse konnte man die Auswirkungen spüren: Die Titel der Deutschen Bank fielen in Frankfurt um gut fünf Prozent, konnte sich im Laufe des Nachmittags aber wieder auf ein Minus von nur noch gut drei Prozent erholen. Damit waren sie noch immer der schwächste Wert im Leitindex.

Die Credit Suisse lehnte eine weitergehende Stellungnahme ab und stellte mehr Informationen zu gegebener Zeit in Aussicht. Die Warnung ist erneut ein Rückschlag für die Bank, die erwägt, Investoren zu entschädigen, die vom Zusammenbruch von Fonds betroffen sind, die mit der insolventen Finanzfirma Greensill verbunden sind. Bereits im vierten Quartal 2020 war eine Investition in einen Hedgefonds-Anbieter die Credit Suisse teuer zu stehen gekommen: Das Institut musste den Wert der Beteiligung an York Capital um 450 Millionen Dollar berichtigen. (mit rtr)


Aus: "Ein strauchelnder Hedgefonds stellt die Wall Street vor Probleme" Thorsten Mumme (29.03.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/hohe-verluste-befuerchtet-ein-strauchelnder-hedgefonds-stellt-die-wall-street-vor-probleme/27051650.html

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #68 on: April 15, 2021, 02:44:33 PM »
Quote
[...] Das Aus des Berliner Mietendeckels vor dem Bundesverfassungsgericht hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen – große Erleichterung vor allem in der Immobilienwirtschaft, Frust beim Mieterbund und eher hilflose Appelle des Berliner Senats. ... So sprachen Verbände der Hausbesitzer und Immobilienbranche von der "maximalen Niederlage". Das Gericht habe die Berliner Landesregierung aus SPD, Grünen und Linken "komplett abgewatscht", sagte etwa Haus-&-Grund-Präsident Kai Warnecke. "Nun ist Rechtsklarheit für Mieter und Vermieter gleichermaßen geschaffen worden", sagte der Präsident des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), Andreas Ibel.  ...

... Die Entscheidung aus Karlsruhe ist bitter", sagte der Präsident des Deutschen Mieterbundes, Lukas Siebenkotten. Sie sei aber auch "ein lauter Weckruf an den Bundesgesetzgeber, endlich zu handeln und die Mietenexplosion in vielen deutschen Städten zu stoppen!"

... Mieterinnen und Mieter in Berlin müssten nun gegebenenfalls die Differenz zwischen der Mietendeckelmiete und der Vertragsmiete nachzahlen – wenn sie zuvor eine Mietminderung erwirkt hatten. "Dabei sieht sich der Senat auch in der Pflicht, sozial verträgliche Lösungen für Mieter:innen zu entwickeln", sagte Stadtentwicklungssenator Scheel, dessen Vorgängerin Katrin Lompscher (Linke) den Mietendeckel eingeführt hatte.

... Die AfD-Landesvorsitzende Kristin Brinker sprach von einer "schallenden Ohrfeige mit Ansage", Fraktionschef Georg Pazderski von einem Zeichen gegen "sozialistische Verbote".


Aus: "Vermieter begeistert, Mieterbund frustriert, Senat verspricht Hilfen" (15. April 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-04/mietendeckel-berlin-nachzahlungen-vermieter-mieterbund-bundesregierung

Quote
Politik macht traurig #3

Meine persönliche Meinung - ganz unabhängig vom aktuellen Mietendeckel Thema - ist dass es zur Zeit der Corona-Pandemie eigentlich ein Thema sein sollte Mieten generell zu kürzen oder gar auszusetzen bis die Menschen wieder arbeiten können/dürfen. Jemand der aufgrund der Gesetzeslage nicht arbeiten darf sollte keine Miete zahlen müssen.
Ich frage mich sowieso wie ein Mensch drauf sein muss , im Wissen dass seine Mieter kein Einkommen haben trotzdem Miete zu verlangen. ...


Quote
mcurmel #3.1

"Politik macht traurig"

"Ich frage mich sowieso wie ein Mensch drauf sein muss , im Wissen dass seine Mieter kein Einkommen haben trotzdem Miete zu verlangen."

Das einhalten von Zahlungsverpflichtungen von jedem Marktteilnehmer ist eine schlichte Notwendigkeit?
Wenn das nicht mehr gilt, können Sie den Laden hier wirklich besser zusperren und sich ins Ausland absetzen.


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Politik macht traurig #3.10

Sie fordern gerade jemand der durch das Gesetz ein Berufsverbot bekommen hat trotzdem arbeiten soll damit er seine Miete zahlen kann weil er sonst eine Vollkaskomentalität hat?
Verstehe wer will...


Quote
mcurmel #3.11

@ Politik macht traurig

"Wie soll eine Zahlungsverpflichtung denn eingehalten werden wenn es per Gesetz nicht erlaubt ist seiner Beschäftigung nachzugehen?"

Im Zweifel gar nicht, nur dann eben auch mit den entsprechenden Konsequenzen.
Ich spreche mich auch nicht grundsätzlich gegen Hilfen aus, nur was Sie vorgeschlagen haben, das man einfach mal sämtliche Zahlungsverpflichtungen aussetzt, ist wirklich gefährlich für den ganzen Wirtschaftskreislauf.


Quote
Ragas #3.2

"Das ist unerträglich asozial und so funktioniert keine Gesellschaft."

Leider eben doch. Was meinen Sie, warum Zuschüsse wie Überbrückungshilfen nur die reinen beruflichen Ausgaben (Miete, Strom, Nebenkosten etc) abdecken? Da liegt eine Quersubventionierung der Immobilien-, Telekommunikations- und Energiewirtschaft vor. Selbst die entsprechenden Anteile an Hartz4 sind so gestaltet, dass dem "Jobcenterkunde" zwar kaum noch Teilhabe an Gesellschaft ermöglicht wird andererseits die teils exorbitanten Miete vollständig nach dem örtlichen Mietspiegel zugestanden bekommt.

Aber irgendwo muss die Schere unserer Gesellschaft ja seinen Anfang haben.


Quote
astrolenni #3.13

Letztendlich läuft doch der Coronahilfen-Kreislauf so:

Staat gibt Wirtschaftshilfe an Bürger
Bürger zahlen Miete an Vermieter
Vermieter zahlt Kredit(zinsen) an Bank
Bank gibt Staat Kredit (und würde ohne Niedrigzinsphase, und die ist Corona-unabhängig, dafür Zinsen kriegen)

Letztendlich profitieren am Ende die Banken und Großvermieter, die ohne physische Leistung aus dem ganzen Kreislauf Zinsen bzw. allgemeine Rendite gewinnen, und zwar stärker als je zuvor.


Quote
mcurmel #4

Ein positives Signal für alle Marktteilnehmer, egal ob Mieter oder Vermieter. Nun besteht wenigstens die Chance das eine sinnvolle regionale Wohnungsbaupolitik etwas verbessern kann. ...


Quote
Ikarus95 #4.3

Wo ist das positive Signal an die Mieter?


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Das grüne Programm #23

Es sind auch die Mieter*innen begeistert, die sich jetzt wieder mit ihrem dicken Geldbeutel die schönen Wohnungen mieten können.


Quote
Thelonius Mink #4.1

Die Normalverdiener können ja dann solange unter die Brücke ziehen, bis diese sinnvolle, regionale Wohnungsbaupolitik ihre Segnungen entfalten kann...


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Der Niederbayer #4.5

Wenn die Buden in Berlin so teuer sind, dann zieht doch raus ins Grüne und kauft euch eine Bahncard.


Quote
Dieter Bohlen #4.6

Nicht jeder hat Zeit und Lust am Tag 4 Stunden zu pendeln.


Quote
Illoran #4.8

Wäre doch mal ne Maßnahme. Wenn Berlin endlich so weit Gentrifiziert ist, dass es in der Stadt nur noch Banker, Buchhalter und Vermieter gibt die sich gegenseitig über den Tisch ziehen können die ja 4 Stunden aus Berlin rauspendeln aufs Land um dort einzulaufen und sich die Haare schneiden zu lassen.


Quote
Lo Manthang #4.10

Mal ehrlich. Hauptsächlich haben vom Mietendeckel doch Leute in hippen Stadtteilen profitiert. Ärmere Menschen hatten davon doch sowieso nichts, da die Miete diesbezüglich noch Platz bis zur Grenze hatte.


Quote
Ernst Blache #11

Ein juristisch wohl korrektes Urteil. Nur - als Zeichen ist es fatal. Die explodierenden Mieten in Großstädten sind eine tickende soziale Zeitbombe, die jetzt wieder scharf ist.
Um das grassierende Spekulatentum und seine Folgen einzudämmen wird man irgendwann um die Tabubegriffe Besetzen, Enteignen und Vergesellschaften nicht mehr herumkommen - wenn jetzt nicht endlich drastisch gegengesteuert wird.


Quote
Ingwerknolle #11.1

Offensichtlich besteht kein Interesse daran gegenzusteuern.
Berlin wird also das neue London.

Diejenigen, die was daran ändern könnten betrifft es ja eh nicht. Sie profitieren noch davon.


Quote
KalbshaxeFlorida #12

Na Mensch, dann kanns jetzt mit der Gentrifizierung ja so richtig losgehen. Super Entscheidung auch mitten in Zeiten von Corona.


Quote
peter.linnenberg #13

"Sie sei aber auch "ein lauter Weckruf an den Bundesgesetzgeber, endlich zu handeln und die Mietenexplosion in vielen deutschen Städten zu stoppen!"

Früher hat der Staat Sozialwohnungen gebaut. Dann hat er immer mehr davon an grosse Investoren verkauft. Und dann wundert man sich, dass die Mieten steigen? ...


Quote
Ernst Blache #13.1

Sie haben sowas von Recht. Wohnen ist eine Grunddaseinfunktion. Es ist in Großstädten aber zu einem reinen Wirtschaftsmodell verkommen.


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Ernst Blache #15

"Nur der Bund habe das Recht, so etwas wie einen Mietendeckel vorzuschreiben, nicht eine Landesregierung wie der Berliner Senat." - Nun gut, dann ist jetzt der Bund in der Pflicht. Und zwar schnellstens. Es muss dringend etwas gegen diesen Mietenwahnsinn unternommen werden.


Quote
Fliederblüte #15.1

Der Bund hat das Recht. Daraus folgt aber keine Pflicht.


Quote
Kreuzberger-10999 #24

Ich finde der Großteil der Mietshäuser in den Großstädten sollten in genossenschaftliches Eigentum übertragen werden und dem Gewinnstreben von
Spekulanten und Fonds entzogen werden.
Genossenschaften könnten viel besser langfristig Planen und vernünftig modernisieren um die Bausubstanz zu erhalten.

Die durch Spekulanten und Fonds hoch getriebenen Mieten sind ein sozialer Sprengstoff.
Hier werden Sozialleistungen wie Wohngeld oder Kindergeld sowie Kaufkraft von Konsumenten in Form von überhöhten Mieten in die Taschen der Reichen umgeleitet.

Ich wohne in einem Gründerzeitbau in Berlin, der der vor 15 Jahren von Privat für 4-5 Millionen an Spekulanten verkauft wurde. Jetzt soll für 20 Millionen weiterverkauft werden.
Seit 30 Jahren wurde an dem Haus nichts gemacht, das Dach, die Fenster, der Keller - undicht, der Farbe im Hausflur abgeblättert. Allein die Wohnungen wurden von den Mietern mit jeweils 20.000 - 30000 Euro renoviert, auf eigenen Kosten Bäder und Küchen eingebaut.
Mittlerweile ist der Investitionsrückstau so groß, man müßte "Millionen" in das Haus stecken, das nur eine "Luxussanierung" lohnt, dann mit Neumieten von geschätzt 16-18 Euro, um die Kosten für den Hauskauf und die Sanierung zu bezahlen.

Der Markt regelt eben nicht alles zum Besten.

Eigentum ist nicht nur Spekulationsmasse sondern auch Verpflichtung, sich um den Erhalt zu kümmern.


Quote
Bummerrang #28

Die nun also laut Verfassungsgericht rechtswidrig gekürzten Mieten müssen selbstverständlich zurückerstattet werden. Alles andere wäre ja Diebstahl.
Wenn die Mieter kein Geld haben, dann sollen Sie eben dorthin ziehen wo es günstiger ist. Habe ich mit meiner Familie auch gemacht.
Man kann doch nicht erwarten, dass andere für den eigenen Lebenstil zahlen. ...



Quote
gEd8 #32

"Deutschland brauche nun einen "echten Konsens für das gemeinsame Schaffen von mehr bezahlbaren Wohnungen"."

Wie der aussieht, kann schon fast prognostiziert werden: "Leider kann es keinen Konsens geben, demnach müssen die Mieten der Nachfrage angepasst werden, Sie wissen schon, der Markt..."


Quote
Edelfeder #46

Die Berliner haben wirklich geglaubt, sie können Politik gegen das Kapital machen. Diese naiven Kinder!


...

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #69 on: April 28, 2021, 02:52:26 PM »
Quote
[...] Die Wohnungskrise steht erst am Anfang. Sieben Monate haben Journalistinnen und Journalisten in 16 europäischen Großstädten gemeinsam recherchiert. Das Ergebnis: Die Ursachen der Krise sind gewaltig, die neuen Akteure auch – und die Folgen für die Menschen kaum absehbar.

[Fehlende Datenvisualisierungen nur im Original Artikel... ]

In London ist seit einigen Jahren ein seltsames Phänomen zu beobachten. Wenn es dunkel wird, gehen in besonders begehrten Wohnlagen in Covent Garden oder Chelsea nur noch vereinzelte Lichter in den Fenstern an. Die Wohnungen gehören einer kosmopolitischen Elite, die in mehreren Städten Immobilien besitzt und sie nur bei ihren seltenen London-Aufenthalten braucht. Finanziell lohnt sich das trotzdem. Denn es sind gute Anlageobjekte – selbst unbewohnt.

Auch Paris leert sich abends. Weil es als lukrativer galt, Büros in der Innenstadt zu betreiben, sinkt dort die Zahl der Wohnungen. Weitere 114.000 wurden zu möblierten Apartments für Touristen umgebaut. Auch die stehen in der Pandemie leer.

Auf der anderen Seite des Spektrums liegt Berlin. In der europäischen Hauptstadt der Selbstverwirklichung, wo 83 Prozent zur Miete wohnen, galt der Erwerb einer eigenen Wohnung lange als unlukrativ, unnötig oder zumindest spießig. Mit steigendem Durchschnittseinkommen wird auch Berlin zur Eigentümerstadt, argumentieren viele. So, wie es in Dublin, Madrid oder Oslo schon seit Generationen normal ist. Doch eine europaweite Recherche zeigt: Das könnte ein Trugschluss sein.

... Möglicherweise sind nicht Madrid und Oslo die Vorboten für Berlin, sondern umgekehrt. Berlin mit seinen Wohnungskonzernen, gescheitertem Deckel und dem wütenden Volksbegehren ist kein Relikt, sondern ein erster Vorgeschmack auf das, was kommt: ein europäischer Wohnungsmarkt, eine europäische Wohnungskrise – weitreichend verknüpft mit dem Finanzmarkt. Berlin ist das Labor dafür. Und das hat etwas mit den leeren Wohnungen in London und den leeren Büros in Paris zu tun.

In den letzten sieben Monaten hat ein Rechercheverbund die Wohnungsmärkte in 16 europäischen Städten verglichen. Wir wollten wissen, welches jeweils die größten privaten Wohnungsfirmen der Stadt sind, ob ähnliche Entwicklungen erkennbar werden und ob es Firmen gibt, die bereits europaweit agieren. Das Rechercheprojekt namens „Cities for Rent“ wird koordiniert unter dem Dach von „Stichting Arena for Journalism in Europe“ und gefördert vom Investigative Journalism Fund for Europe.

Das Ergebnis: Zwar zeigt sich, dass der Wohnungsmarkt in jeder teilnehmenden Stadt weit unterschiedlicher strukturiert ist als zunächst angenommen. Doch auch wenn es europaweite Megakonzerne für Wohnungen bisher noch nicht gibt: Es bilden sich gerade die ersten heraus. Ihr Vorgehen ist in den verschiedenen Städten ähnlich. Und die Politik ist in allen Städten ähnlich ratlos. Die Marktkräfte, die dahinterstecken, sind überall dieselben. Und sie werden durch die Pandemie beschleunigt.

... Erstens wächst in allen 16 Städten die Bevölkerung in den letzten Jahren – teils sehr stark. Einzige Ausnahme: Athen. Zweitens: In allen Städten steigen die Mieten, selbst im schrumpfenden Athen. Laut Eurostat-Index lagen die Mieten europaweit 2020 um 14 Prozent höher als 2010, die Kaufpreise um 26 Prozent.

Im selben Zeitraum sind zwar auch die mittleren Einkommen gestiegen, in vielen Metropolen aber weniger als im Rest des Landes, während die Wohnungskosten hier stärker steigen. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung beträgt die Mietsteigerungen in Berlin 64 Prozent von 2010 auf 2019 bei Bestands- und 51 Prozent bei Neubauten. In Neukölln wurden laut Immoscout24 von 2007 und 2018 sogar 146 Prozent Steigerung bei den Angebotsmieten verzeichnet.

... Einen europaweiten Städtevergleich bei den Mieten gibt es kaum. Denn es gibt kein europäisches Vorgehen. Das höchste statistische Amt Eurostat kann nichts weiter tun, als die Städte um freiwillige Meldung zu bitten. Das tun wenige. So sind die einzigen Vergleichszahlen meist Investment-Berichte, das Wissen über den Markt ist exklusiv. Selbst EU-Parlamentarier berichten, dass auch keine genauen Informationen haben, welche Konzerne wo in Europa wie aktiv auf dem Wohnungsmarkt sind.

Dazu kommt drittens, dass der Anteil der Haushalte, die zur Miete wohnen in den 16 Städten weit über dem nationalen Durchschnitt liegt. Einzige Ausnahme ist Dublin, wo gerade einmal 23,9 Prozent der Bevölkerung zur Miete wohnen. Doch auch dort wird es immer schwerer zu kaufen. Nur noch 15 Prozent der Bevölkerung in Dublin geben in einer Eurostat-Umfrage an, es sei gut möglich, eine Wohnung zu finden. Damit liegen die Eigentumsstadt Dublin und die Mietstadt Berlin fast gleichauf. Die Tatsache, dass viele Menschen sich immer größere Wohnungen wünschen, verschärft das Problem.

... Real Capital Analytics, eine der wichtigsten globalen Analysefirmen für Immobilientransaktionen, sammelt weltweit Informationen zu großen Wohnungskäufen. Das Unternehmen hat für diese Recherche alle großen Immobiliendeals in den 16 Städten ausgewertet.

2007 lag die Summe der großen Käufe (mindestens zehn Wohneinheiten pro Kauf) bei 17,3 Milliarden Euro. 2009 fielen die Investitionen während der Finanzkrise auf knapp acht Milliarden. Seither explodieren sie. 2019 wurden 66,9 Milliarden Euro in Mietwohnungen investiert. Selbst im Corona-Jahr 2020 gingen die Investitionen nur leicht zurück. Platz eins bei den Investitionen: Berlin.

... Insgesamt 42 Milliarden Euro wurden von 2007 bis 2020 für große Wohnungsdeals in Berlin und Umland ausgegeben, mehr als in Paris und London zusammen. Im Gegensatz zu London kam der Großteil der Investitionen in Berlin noch aus dem Inland. Die Analyse der Herkunftsländer grenzüberschreitender Investitionen zeigt jedoch: Die Investitionen globalisieren sich langsam. Platz eins belegen die USA. Aber auch Deutschland, Frankreich, England und Schweden investieren viel grenzüberschreitend. Katar und Russland sind auch mit dabei. Und je mehr mitbieten, desto höher steigen die Preise.

... „Ich glaube, inzwischen ist es absolut eindeutig, dass die Wohnungskrise alle in Europa betrifft, nicht nur eine kleine Gruppe von Menschen“, sagt Kim van Sparrentak, Mitglied des EU-Parlaments für die niederländischen Grünen. Sie hat an einem Bericht zur Wohnungssituation mitgearbeitet. Die Krise sei das Ergebnis einer europäischen Politik, die immer nur gefragt habe, wie sich der Markt stärken lasse, sagt sie. Tom Leahy, Senior Analyst für Immobilientransaktionen bei Real Capital Analytics seziert die Situation weit nüchterner: Dem wirklich großen Anlagekapital gehen die wichtigsten Anlageoptionen aus.

Er sagt, der Immobilienmarkt nach der globalen Finanzkrise sei ein völlig anderer als der davor. Wenn man wirklich hohe Mengen von Geld anlegen müsse, beispielsweise als milliardenschwerer Pensionsfonds, kann man nicht das ganze Geld in Aktien oder Währungen investieren. Zu hoch die Schwankungen, zu groß das Risiko. Ein wichtiger Teil des Geldes von Pensionsfonds, Vermögensverwaltungen und reichen Family Offices wurde daher klassischerweise in risikoarme Staatsanleihen investiert. Da die Europäische Zentralbank die Finanzkrise allerdings letztlich damit beendete, den Leitzins auf null zu setzen, gibt es für viele Staatsanleihen nur noch minimale Zinsen, oft sogar Negativzinsen. So werden Investitionen in Immobilien noch attraktiver.

... Wohnungen waren für diese Anlageformen lange nicht so beliebt, sagt der Analyst: „Wenn du vorhast, in den nächsten zwei Jahren 600 Millionen Euro für europäische Wohnungen auszugeben, musst du sehr viele kaufen.“ Gewerbeimmobilien, Büros oder Shoppingcenter waren deshalb das Investitionsobjekt der Wahl. Doch der Zuwachs beim Onlineshopping führt zu leer stehenden Läden, Homeoffice stellt die Bürowüsten infrage. Eine Wohnung hingegen brauchen alle. Und trotz Krise würden 90 Prozent der Mieten weiterhin bezahlt, sagt der Analyst, gestützt von staatlichen Hilfsprogrammen. Damit leisten Wohnungen als Investition: regelmäßige, sichere Rendite.

Die Popularität der Städte und das häufigere Umziehen führt auch dazu, dass Leute durchschnittlich längere Zeit in ihrem Leben mieten, erzählt Tom Leahy, der seine erste eigene Wohnung einige Tage nach dem Interview kaufen wollte. Er hat sich kürzlich die Käufe der 50 größten Investment Manager weltweit angeschaut, Blackstone, Allianz und Generali zum Beispiel. Letztes Jahr gingen demnach 30 Prozent ihrer Immobilieninvestitionen in den Wohnungsmarkt, 2007 waren es nur um die zehn Prozent. Aus Leahys Sicht ist Deutschland deswegen ein reifer Markt. Dem andere folgen werden.

... Der Geldstrom in den Wohnungsmarkt wird zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung. Weil die Wohnungspreise steigen, können sich weniger Leute eine leisten. Die, die es noch können, werden aus Angst vor hohen Mieten trotzdem versuchen, eine zu kaufen, was den Preis noch weiter steigert. Also wohnen langfristig wahrscheinlich eher mehr Leute zur Miete. Und das macht Wohnungen aus Investmentsicht noch rentabler.

Das ist die Sicht von oben. Am Boden, bei den Leuten, wo die Wohnungen nicht Investment heißen, sondern Zuhause, führt die Kapitalverschiebung zu tiefen Rissen im Stadtleben. Denn bevor Wohnungen erst zu Paketen von Hunderten, dann Tausenden geschnürt, renoviert, vermietet und weitergehandelt werden können, sind oft diejenigen im Weg, die darin wohnen.



Aus: "Mietmarktlabor Berlin: Wie internationale Investments den Wohnungs­markt umwälzen" (28. April 2021)
Benedikt Brandhofer, José Miguel Catalatayud, Sidney Gennies, Adriana Homolova, Hendrik Lehmann,
Manuel Kostrzynski, David Meidinger, Moritz Wienert, Helena Wittlich, Nikolas Zöller
Quelle: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/mietmarktlabor-berlin-wie-internationales-investment-den-mietmarkt-veraendert/

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #70 on: May 26, 2021, 10:28:12 PM »
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[...] Sie wird einmal viele Millionen erben. Das weiß Marlene Engelhorn seit zwei Jahren. Damals teilte ihre mittlerweile 94-jährige Großmutter ihre Erbschaftspläne mit. Seither überlegt die Enkelin, wie sie 90 Prozent ihres Anteils loswird: Sie will fast ihr gesamtes Erbe spenden, "weil in Österreich Vermögen und damit Macht und Lebenschancen wahnsinnig ungerecht verteilt sind", sagte die Wiener Germanistikstudentin unlängst in der ORF-Sendung Aktuell nach eins: "Ein Prozent der Bevölkerung hält 40 Prozent des Vermögens. Ich werde dazugehören – und ich habe dafür nicht arbeiten müssen." Sie trage "die Verantwortung, dies radikal zu ändern und einen Beitrag zu leisten, der sinnvoll ist".

Es geht, wie der Falter schreibt, um einen zweistelligen Millionenbetrag. Das Vermögen von Erblasserin Traudl Engelhorn-Vechiatto, die in der Schweiz lebt, beläuft sich laut Forbes aktuell auf 4,2 Milliarden Dollar. Die aus Wien stammende Witwe des 1991 verstorbenen Peter Engelhorn, der Gesellschafter des Pharmaunternehmens Boehringer Mannheim (heute Roche) war, ist selbst aktive Mäzenin, die sich mit ihren vier Töchtern massiv für Kultur und Wissenschaft, da vor allem im Bereich Biotechnologie und Life-Sciences, engagiert.

Enkelin Marlene sieht in dem Anteil, der davon an sie gehen wird, einen "riesigen Handlungsspielraum", den ihr ihre Oma eröffne, der aber auch auf "schierem Geburtenglück" basiere, weshalb sie "radikal teilen" will. Eigentlich sollte der Staat "das oberste Prozent in die Pflicht nehmen".

Dafür kämpft sie mit gleichgesinnten jungen Reichen sowie mit den Millionaires for Humanity, die höhere Steuern für ihresgleichen fordern. Sie sagt dort: "Wir brauchen eine Umverteilung von Reichtum, Land und Macht, und wir brauchen einen transparenten und demokratischen Prozess – für mich bedeutet das: Vermögenssteuern."

Bei der in Berlin angesiedelten Guerrilla Foundation, die Initiativen unterstützt, "die auf einen umfassenden systemischen Wandel in ganz Europa hinarbeiten", wird die angehende Philanthropin als "intrepid intern" (unerschrockene Praktikantin) geführt, die neben der Uni Sprachunterricht gibt und in Schulen LGBTQI+-Workshops abhielt.

Zudem hilft sie als Obfrau des 2014 gegründeten Vereins Holzkiste in der Republik Moldau Menschen mit weniger Geburtsglück: 260 Familien konnte die Gruppe mit Brennholz, Kleidung und Winterschuhen buchstäblich "Wärme spenden". 150 Euro "reichen" für Holz für einen ganzen Winter. (Lisa Nimmervoll, 29.4.2021)


Aus: "Marlene Engelhorn: Von einer, die ihr Millionenerbe teilen will" Lisa Nimmervoll (29. April 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000126244498/marlene-engelhorn-die-ihr-millionenerbe-teilen-will

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Denk_Mal 29. April 2021, 07:18:39

Ich finde diese Entscheidung hat Respekt verdient und ist ein Zeichen dafür, dass Menschen ihre Verantwortung in einer ungleichen Gesellschaft erkennen können. Ich hoffe sie bleibt bei ihrer Entscheidung wenn es soweit ist.


...

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[...] Die 29-jährige Wienerin erklärt, warum sie mindestens 90 Prozent ihres Erbes spenden und keinesfalls als Philanthrokapitalistin à la Gates und Co enden will

Interview: Lisa Nimmervoll (23. Mai 2021)

STANDARD: Sie werden einmal sehr viel Geld erben – und sagen schon jetzt: Will ich nicht, so viel brauche ich nicht, ich will fast alles spenden. Warum?

Engelhorn: Das ist in meinen Augen keine Frage des Wollens, sondern eine Frage der Fairness. Ich habe nichts getan für dieses Erbe. Das ist pures Glück im Geburtslotto und reiner Zufall. Die Menschen, die das eigentlich erarbeitet haben, hatten in der Regel wohl nicht sehr viel davon. Es kommt somit eigentlich aus der Gesellschaft, und dorthin soll es zurück. Als die Ankündigung kam, habe ich gemerkt, ich kann mich nicht so recht freuen, und ich habe mir gedacht: Etwas stimmt nicht, es muss was passieren! Mir fällt da immer Bertolt Brecht ein: "Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich." Dann habe ich begonnen, mich ernsthaft damit zu beschäftigen. Das reichste Prozent der österreichischen Haushalte besitzt fast 40 Prozent des gesamten Vermögens. Individueller Reichtum ist in unseren Gesellschaften strukturell mit kollektiver Armut verknüpft. Da wollte ich nicht mitmachen.

STANDARD: Dieses Vermögen Ihrer Familie bildet ja doch auch in gewisser Weise zumindest ein Stück weit auch die Leistung Ihrer Vorfahren ab, die etwas gegründet und viele Arbeitsplätze geschaffen haben. Können Sie das irgendwie auch anerkennen oder sagen Sie: Die Relationen stimmen einfach nicht. Es ist einfach zu viel, was den Eigentümern geblieben ist, und zu wenig, was die arbeitenden Menschen davon bekommen haben?

Engelhorn: Mein voraussichtliches Erbe spiegelt in keinster Weise wider, was eine Einzelperson geleistet haben mag oder nicht. Da kann ein Manager in seinem Büro die besten Entscheidungen treffen, auf ihn allein kommt’s nicht an. Wenn es niemanden gibt, der die Produkte erfindet, erarbeitet, rumtüftelt, verkauft, dann gibt’s keinen Gewinn. Wir arbeiten in unserer Gesellschaft arbeitsteilig, anders würde es gar nicht funktionieren, und dass einige so viel erwirtschaften können, wie andere durch Erwerbsarbeit niemals bekommen, spiegelt nur wider, dass wir manche Arbeiten als wertvoller erachten. In der Regel ist das die Arbeit von jenen, die ohnehin schon reich sind, und von sich behaupten, ihre Arbeit sei wichtiger. Dann liegt das Geld meist seit Jahren in Anlagen herum und wird von alleine mehr, da muss man nur warten, während andere Menschen jeden Tag arbeiten und besteuert werden.

Wer 11.000 Euro Nettoeinkommen pro Jahr hat, zahlt 20 Prozent Steuern – und dann bekomme ich wahrscheinlich ein Vermögen von mehreren Millionen und muss nichts dafür zahlen. Dabei habe ich nichts dafür getan. Und das soll richtig sein so? Ich bin wahnsinnig privilegiert, ich bin dafür dankbar, ich bekomme dadurch auch viel Freiheit. Auch die Freiheit, mir die Zeit zu nehmen, mich damit auseinanderzusetzen. Das ist ein Riesenluxus, aber auch eine Verantwortungsfrage, und meine Verantwortung ist, dass ich der Gesellschaft etwas zurückgebe. Wenn der Status quo ist, dass man mit Eigentum machen kann, was man will, fast alles, dann darf ich das auch – und ich will es teilen, weil ich mich als Teil der Gesellschaft sehe.

STANDARD: Was sagt eigentlich Ihre Großmutter dazu, dass Sie öffentlich verkünden, Ihr Erbe zu verschenken, noch bevor Sie es überhaupt bekommen haben?

Engelhorn: Meine Großmutter eröffnet mir damit einen riesigen Handlungsfreiraum, den ich jetzt nutzen möchte, um den einen öffentlichen Diskurs ein wenig aufzumachen: Ich habe für das Geld keinen Tag gearbeitet und zahle für den Erhalt keinen Cent Steuer. Das kann es doch nicht sein. Besteuert mich endlich! Salopp formuliert: Wenn’s bis dahin keine Erbschafts- oder Vermögenssteuer gibt, mache ich mir halt selber eine. Und wenn das dabei hilft, viele Menschen für gerechtere Steuern zu begeistern, war es jeden Cent wert.

Mir wäre wichtig, dass man das Thema einmal an einem Beispiel ausdiskutieren kann, und mein Beispiel bietet sich an: Wenn Reiche immer im Verborgenen bleiben, dann bleibt eben auch die himmelschreiende Ungerechtigkeit abstrakt. Auch stellvertretend für viele andere in meiner Lage, die selber nicht in die Öffentlichkeit wollen, von denen ich aber viel Zuspruch erhalte.

STANDARD: Dieser Schritt in die Öffentlichkeit hat ja auch einen Preis. Nicht umsonst legen viele Reiche größten Wert auf Anonymität und Privatsphäre. Wie gehen Sie mit Neid oder sonstigen Angriffen, aber auch "Bettelbriefen", die Sie sicher bekommen, um?

Engelhorn: Ich lebe trotzdem sehr bequem. Wenn Vermögen gerecht verteilt wäre, hätten wir das Problem in der Form gar nicht, dann gäbe es keine "überreichen" Menschen, die systematisch einen Teil der eigenen Identität verbergen.

Ganz wichtig: Ich bekomme keine "Bettelbriefe". Mir schreiben Menschen in unglaublich schwierigen Lebenssituationen, die sich ein Herz fassen und sich an mich wenden. Diese Bitten um Unterstützung sind voller Respekt, und auch wenn es mir leid tut, dass ich ihnen Absagen schicke, es sind auch viel zu viele, so ist der Punkt doch der: Es sollte nicht meine Aufgabe sein. Menschen sollten sich nicht meinem Willen oder Wohlwollen ausliefern müssen. Irgendwer hat diese Menschen mit ihren Sorgen und Nöten alleingelassen. Ich würde sagen, die Gesellschaft, die Politik, die das nicht anders geregelt hat, wäre da in die Verantwortung zu nehmen. Wobei da auch die Frage ist: Wer macht die Politik und wer kann sich Einfluss auf sie kaufen? Das können Menschen wie ich.

STANDARD: Wie?

Engelhorn: Ich könnte ja auch nicht in die Öffentlichkeit gehen mit meinen Anliegen für mehr Steuergerechtigkeit, sondern in ein Hinterzimmer laden. Ich könnte es mir ganz leicht machen und mit großzügigen Spenden dafür sorgen, dass eine Partei tut, was mir wichtig ist. Da wäre ich bei weitem nicht die Erste, und solange wir diese Praxis nicht abstellen, ist klar: Meine Stimme ist mehr wert als ihre. Mit Demokratie hat das aber nichts mehr zu tun. Das ist neofeudalistisch. Wer das akzeptiert, sogar gut findet, jedenfalls aber an der extremen Vermögenskonzentration nichts ändern will, ist im Kern kein echter Demokrat. Für mich geht es aber genau um diese demokratische Verantwortung und gesellschaftliche Verbundenheit. Es ist banal: Wir müssen füreinander da sein in einer Gesellschaft, weil sonst sind wir keine Gesellschaft.

STANDARD: Sie sind beim internationalen Netzwerk "Millionaires for Humanity", das im Vorjahr in einem offenen Brief die Regierungen um höhere Steuern für ihresgleichen gebeten hat: "So please. Tax us. Tax us. Tax us. It is the right choice. It is the only choice. Humanity is more important than our money." Wie viel sollte man den Reichen über Vermögenssteuern wegnehmen?

Engelhorn: Mit Wegnehmen hat das nichts zu tun. Wieso fragen wir nicht, wo das Geld herkommt? Wer hat es erwirtschaftet? Ein Mensch ganz allein? Alexandria Ocasio-Ortez, demokratische US-Kongressabgeordnete, hat es wunderbar gesagt: "Every billionaire is a policy failure." Jeder Milliardär ist ein politisches Versagen. Es ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe, herauszufinden, wie wir das regeln. Die Konzepte müssen wir als Gesellschaft diskutieren. Es gibt ja Expertinnen und Experten dafür. Thomas Piketty etwa, der französische Ökonom, meint, fünf Prozent des Staatshaushalts sollten aus Vermögens- und Erbschaftssteuern lukriert werden, und daraus sollte jede Person zum 25. Geburtstag 120.000 Euro als kollektives Erbe erhalten.

STANDARD: Pikettys Modell sähe eine extreme Steuerprogression vor. Für Vermögen oder Erbschaften in Höhe des 10.000-Fachen vom Durchschnittsvermögen wären 90 Prozent Steuern zu entrichten. Mit 200 Millionen von einem Zwei-Milliarden-Vermögen lasse sich immer noch gut leben, sagt er.

Engelhorn: Da hat Piketty verdammt recht. Sein Vorschlag hat im Blick, dass Geld eben mehr ist als die Möglichkeit, Dinge zu kaufen. Mit Geld kommt Handlungsfreiheit: Mit so einer Rücklage traut man sich eher, ein Unternehmen zu gründen oder Kunst zu machen. Oder aber man kann es sich locker leisten, eine Partei über Spenden zu finanzieren oder kauft sich die größte Zeitung eines Landes. Es geht immer um Lebenschancen, aber am Ende ist es eben auch eine Machtfrage.

Wieso ist es der Alleinerzieherin mit Teilzeitjob zumutbar, dass sie auf ihr geringes Einkommen mindestens 20 Prozent Steuern zahlt, und jemand wie ich bekommt ein Vermögen geschenkt? Einfach so. Null Prozent Steuern. Das ist unfair. Man kann auch teilen, und das tut gut. Es hat mit Verantwortung und Respekt zu tun, und, ein kitschiges Wort, das mir aber am Herzen liegt: Nächstenliebe. Ich wünsche mir, dass es auch meinem Nachbarn gut geht, einfach so, weil er ein Mensch ist.

STANDARD: Sie bereiten sich jetzt systematisch darauf vor, wie Sie Ihr angekündigtes Erbe am besten oder am "sinnvollsten" teilen können. Wie wollen Sie das machen und welche Kriterien sind für Sie dabei wichtig?

Engelhorn: Hier fängt das Problem an. Ich darf mir das ganz allein überlegen, was mit dem Geld passiert. Die Gesellschaft sollte sich aber nicht darauf verlassen müssen, dass einzelne Superreiche ihr gegenüber wohlwollend eingestellt sind, das ist Neofeudalismus: gönnerhaft von oben herab spenden. Ich tausche mich mit anderen aus, lerne, so viel ich kann, schaue mir an, was funktioniert und was nicht. Für mich ist der Einsatz für Steuergerechtigkeit sehr wichtig, denn die Frage, wie wir Reichtum und damit Macht verteilen, berührt das Herz der Demokratie.

STANDARD: Inwiefern?

Engelhorn: Jede Demokratie kann extrem konzentrierten Reichtum nur bis zu einem gewissen Punkt ertragen. Die Frage, wie wir damit umgehen, dass manche Menschen zu reich sind, wie etwa auch in meinem Fall, also nicht nur über Vermögen, sondern potenziell über extrem viel Macht verfügen, ist doch eine, die nicht verschwindet, nur weil wir sie nicht stellen.

Noch bin ich nicht reich, ich würde mir wünschen, dass es nicht meine Entscheidung ist, wie viel ich abgebe. Mein Wunsch wäre, dass wir das dann als demokratische Gesellschaft transparent ausverhandelt haben und dass wir uns das holen, was zu viel ist. Nicht im Sinne von Wegnehmen, sondern weil wir uns einig sind, wie viel zu viel ist in einer und für eine Demokratie. Und wie wir es teilen wollen, weil wir wissen, wo es gebraucht wird.

Wir können ja an dieser Demokratie weiterbasteln. Es gibt gute Ideen wie etwa die Bürgerräte in Irland zur Abtreibungsgesetzgebung oder zur gleichgeschlechtlichen Ehe oder den Klimakonvent in Frankreich. Partizipativer wäre auch wichtig, weil unsere repräsentative Demokratie so designt ist, dass in der Regel mittelalte bis alte weiße Herren mit akademischem Abschluss im Parlament sitzen. Im Parlament sitzt ein einziger Arbeiter, obwohl jeder vierte Beschäftigte in Österreich Arbeiter oder Arbeiterin ist. Welches Volk wird da vertreten? Auch da sollten wir ansetzen, damit diese Macht breit zugänglich wird und alle mitentscheiden dürfen, wie die Gesetze gemacht werden, nach denen wir regiert werden. Dann hätten wir wahrscheinlich auch andere Gesetze und andere Verteilungsfragen.

STANDARD: Ein Weg für Menschen, die sich selbst als "zu reich" empfinden, ist Philanthropie, was "allgemeine Menschenliebe" bedeutet. Sind Menschen wie Bill und Melinda Gates, die mit 46,8 Milliarden Dollar die größte Privatstiftung der Welt verwalten und sich etwa der Bekämpfung von Malaria und Kinderlähmung widmen, oder MacKenzie Scott, Exfrau von Amazon-Gründer Jeff Bezos, die im Corona-Jahr 4,2 Milliarden Dollar an 384 Hilfsorganisationen gespendet hat, Vorbilder für Sie?

Engelhorn: Philanthropie als Übergangsphase, bis wir bei der Vermögenssteuer sind. (lacht) Nein, auf gar keinen Fall. Davon will ich mich ganz dringend distanzieren. Wenn Privatpersonen so viel geopolitische Macht bündeln, ist das hochproblematisch, undemokratisch und brandgefährlich. MacKenzie Scott hat in kürzester Zeit das, was sie so großzügig hergegeben hat, über ihre Kapitalerträge aus ihren Amazon-Anteilen wieder erwirtschaftet, und Amazon, wissen wir, beutet Menschen und Klima systematisch aus. Das ist total unehrlich.

Es kann nicht sein, dass man zuerst weltweit an allen Ecken und Enden Steuern spart und dann demonstrativ wohltätig wird und einen Bruchteil des Vermögens spendet. Ganz oft sind diese Stiftungen nichts anderes als eine Möglichkeit, Vermögen zu verschleiern. Da wird mit einem winzigen Teil des Kapitals ein bisschen wiedergutgemacht, was diese großen Anlagen an Mist verbocken. Das ist Philantrokapitalismus. Es ist einfach nicht in Ordnung, dass wir abhängig sind vom Wohlwollen der Superreichen.

STANDARD: Von Fjodor Dostojewski stammt der Satz: "Geld ist geprägte Freiheit." Was löst er bei Ihnen aus?

Engelhorn: Ja, mit Geld kann man sich Freiheiten erkaufen, man ist frei von Hunger oder Not, zumindest für eine kleine Weile. Aber Dostojewski hat das in den "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" geschrieben, er war selbst politischer Häftling in einem sibirischen Lager, wo er Zwangsarbeit verrichten musste. Was er gemeint hat, hat nichts mit dem zu tun, was meine finanzielle Lage darstellt. Der Satz, der besser zu mir passt, ist: "Niemand kann frei sein, solange es nicht alle sind."

STANDARD: Er stammt vom anarchistischen deutschen Schriftsteller Erich Mühsam, der 1934 im KZ Oranienburg ermordet wurde. Aber was bedeutet Geld an sich für Sie?

Engelhorn: Ich will nicht leugnen, dass Geld notwendig und hilfreich sein kann, sonst würde ich ja auch die Macht von Geld leugnen, wenn es in unvorstellbarer Größenordnung da ist. Sie wissen, eine Münze hat zwei Seiten. Welche ist die richtige: Kopf oder Zahl? Mir bedeuten Menschen einfach grundsätzlich mehr als Geld, darum will ich es teilen.

STANDARD: Wo ziehen Sie für sich persönlich die Grenze, wo Sie sagen, bis da erfüllt Geld auch für mich die Funktion, mir gewisse Freiheiten und ein gutes, materiell nicht prekäres Leben zu ermöglichen? Wie viel gestehen Sie sich selbst zu?

Engelhorn: Ich will mindestens 90 Prozent abgeben. Wie viel ist genug? Was ist das gute Leben für alle? Das sind wichtige Fragen, vor allem politische Aufgaben. Ich persönlich bin schon abgesichert, und ich bin mir auch nicht zu schade, zu arbeiten. Momentan stecke ich alles, was ich an Arbeitskraft habe, in die Auseinandersetzung mit diesem Thema und den Einsatz für Steuergerechtigkeit und hoffe, dass das irgendwann gegessen ist, weil die Politik auf ihren Souverän hört: Umfragen zeigen uns ja, die Mehrheit der Menschen findet die Idee, Superreiche zu besteuern, gar nicht schlecht. (lacht) Und wenn das geschafft ist, gehe ich arbeiten. Das wird vielleicht nicht superleicht sein, weil ich dann eine Lücke im Lebenslauf habe. Aber es ist mir wichtig, dass ich mir mein Geld erarbeite wie jeder andere auch.

STANDARD: Glauben Sie, dass Sie ohne Geld oder mit viel weniger Geld freier und/oder glücklicher wären? Oder ist das der romantisch-stilisierte Selbsttrost derer, die nicht reich sind?

Engelhorn: Geld allein macht weder meine Freiheit noch mein Glück aus. Ich brauche natürlich auch Geld, um abgesichert zu sein, um meine Ausgaben zu decken, um ein angenehmes Leben zu haben. Aber das Wichtigste ist: Geld kauft mir keine ehrlichen Beziehungen und keinen Respekt. Das muss ich mir als Mensch erarbeiten, und das will ich auch. Und ich will nicht, dass mir da Geld im Weg steht, quasi als Mauer zwischen mir und den anderen, und ich ihnen deshalb nicht nah sein kann in anderen Belangen.

STANDARD: Was, wenn Sie Ihren großen Erbverzicht in ein paar Jahren vielleicht bereuen und sagen: "Ach, hätte ich doch damals nicht ..."?

Engelhorn: Ich habe das für mich persönlich konsequent zu Ende gedacht. Ich setze mich dafür ein, dass ich als Teil der Gesellschaft einen Beitrag leisten darf. Ich will teilen. Punkt.

STANDARD: Zum Schluss noch Frage Nummer fünf aus Max Frischs Fragebogen zum Thema Geld: "Wie viel Geld möchten Sie besitzen?"

Engelhorn: Gerade so viel, dass ich meine Grundbedürfnisse gut abdecken kann und die eine oder andere Freude.

Marlene Engelhorn (29) studiert Germanistik an der Uni Wien, konzentriert sich derzeit aber vor allem darauf, sich inhaltlich und strukturell darauf vorzubereiten, ihr künftiges Erbe einmal fast zur Gänze möglichst sinnvoll umzuverteilen. Dazu vernetzt sie sich mit gleichgesinnten Vermögenden und jungen Erbinnen und Erben, die sich für eine gerechte Verteilung von Reichtum und Macht einsetzen, etwa die Millionaires for Humanity. Aktuell arbeitet sie als Volontärin bei der Guerrilla Foundation mit Sitz in Berlin, die Initiativen unterstützt, die auf einen umfassenden systemischen Wandel in Europa hinarbeiten.


Aus: "Millionenerbin Marlene Engelhorn: "Besteuert mich endlich!"" Lisa Nimmervoll (23.5.2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000126792517/millionenerbin-marlene-engelhorn-besteuert-mich-endlich

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Gerhard_L

Sie nervt - Sie kann doch einfach anonym spenden. Warum muss sie uns mit ihrer offensichtlichen Geltungssucht nerven?


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XredrumX

Haben Sie das Gelesene nicht verstanden, oder habens das Interview erst garnicht gelesen?


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Fehlfarbe

solche postings wie ihres nerven. weil sie nicht kapieren worum es geht. es geht darum politische forderungen sichtbar zu machen. eine andere art von gesellschaft zur diskussion zu stellen. das tut man für gewöhnlich nicht im stillen kämmerlein.



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inDubeo
23. Mai 2021, 07:28:18

... Ich kann gar nicht glauben, dass ich das gerade gelesen habe. Die Einstellung im teilweise vermögenden Freundeskreis ist eher..."naja die sind ja selber Schuld dass nix ham..bin ja nicht die Caritas" Oder "Warum soll ich Steuern zahlen, da hat ja schon mal wer Steuern gezahlt"


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Atlantico1

Was ich nicht verstehe, sie redet über ein Vermögen, über das sie heute noch nicht verfügt.


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Isegrim1

So sind die Linken.


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senf & co

Zu dieser zukünftigen Erbin war doch erst kürzlich ein Artikel im Standard.
Solange die Frau M.E. noch gar nichts geerbt hat, weil die Erblasserin noch lebt und es sich ja auch noch anders überlegen könnte, ist alles nur Effekthascherei und leeres Gerede. Selbstinszenierung. Mal sehen, wenn es soweit ist, falls sie tatsächlich nennenswerte Werte erbt und was sie dann wirklich macht.
Sie könnte aber auch Verantwortung übernehmen und die Vermögenswerte positiv administrieren, anlegen, Projekte gestalten - was halt alles Arbeit bedeutet.


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die guten waren schon weg

Sie hat eine Debatte angestossen. Haben sie schon mehr zu dieser Thematik beigetragen?


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praetor vertigo

Seriously? Die hat keine Debatte angestoßen, die gab es schon lange vor ihrer eigenen Geburt.


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die guten waren schon weg

Und, haben sie vor einer Woche mit jemandem darüber diskutiert?


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praetor vertigo

Letzte Woche glaube ich nicht (könnte aber trotzdem sein), aber heuer schon mindestens 10-12 mal. Die Argumente wiederholen sich ohnehin.


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die guten waren schon weg

Wenn sie nichts neues beitragen können müssen sie sich ja nicht beteiligen. Aber werfen sie nicht jemand anderem vor, dass er sich für ein wichtiges Thema engagiert.


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praetor vertigo

Wenn für Sie eines der Argumente neu ist, dann haben Sie eben die letzten Jahre verschlafen oder sich schlichtweg nicht für das Thema interessiert. Aber werfen Sie nicht jemand anderem vor, das er die Leier schon hundert mal gehört hat und verkaufen Sie das Vorbringen selbiger Argumente zum tausendsten Mal nicht als relevante Leistung.


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die guten waren schon weg

Sie hatten nichts zu sagen ausser dass sie von der Debatte gelangweilt sind. Und das ist halt für alle anderen belanglos.


Quote
Ehlogisch

Österreich funktioniert eben so - Das Land ist klein, die wirtschaftliche und politische Elite sind recht schnell auf Du und Du und wenn es auch noch eine Regierungspartei gibt, die alles für die Reichen tut, geht alles klar. Lukas Resetarits nennt ja die ÖVP zurecht Milliardärsgewerkschaft.


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ETRO

Sie erklärt gut das Problem mit den Philantropen. Wird leider sehr oft nicht verstanden.


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Retusche

Die Tragödie ist, dass man zwar ihr Geld besteuern kann,
Es wäre aber noch schöner wenn auch von ihren Gedanken etwas auf fruchtbaren Boden fallen würde.
Für mich ist das einer der “politisch reifsten” Menschen von denen ich je gelesen habe.


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Linker Träumer

Wieviel haben ihr die linken Träumer für das Interview gezahlt?


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DrHugo_Z_Hackenbush

Na, nicht kreativ genug Gutmensch zu
verwenden? Immerhin ist linker Träumer Ihr Profilname.


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DerPhilo

Meine Tochter sagt mir, dass ihr Sweatshirt auch nicht gerade von H+M stammt. Was kostet so ein Nobelshirt? 150 oder 200 Euro???? Sachdienliche hinweise.....


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Retusche

Es scheint mir dass sich ihre Tochter ganz offensichtlich intellektuell nicht ganz mit Frau Engelhorn messen kann.


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Warumbloß

Wie kindisch kann man eigentlich noch sein? Wollen Sie nicht lieber ins Krone-Forum wechseln ...


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weizard


Möglicherweise nur als Denkanstoss gemeint...

Die Kommentare mancher Poster wirken überheblich, neidisch, gehässig und werden auch persönlich angriffig . Als grundsätzliche Überlegung gelten die Aussagen von Frau Engelhorn allemal, wenn man bedenkt, wie rasch heutzutage Reichtum ohne *harte Arbeit* entstehen kann! Siehe z. B. Börsenspekulation, absurde Unternehmensbewertungen, fiktive Währungen etc.


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DerGorg

Faszinierend- die Frau sollte Politikerin werden, da sie Intelligenz, Bildung und Integrität mitbringen dürfte und ein unglaublich gutes Vorbild darstellt, auch wenn es leider äusserst unwarscheinlich erscheint, dass unser oberstes Prozent sich ihrem Besispiel anschließen wird.


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Gerd 5775

Mein Gott, wo sind die Politiker, die Frau Engelhorns Ansichten mit Herzblut vertreten?


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n--n

Dass ich sowas heutzutage in Österreich lesen darf, das berührt mich jetzt tatsächlich.


...


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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #71 on: August 26, 2021, 01:18:09 PM »
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[...] Der Sainsbury’s-Supermarkt im Nordlondoner Stadtbezirk Harringay an einem ganz normalen Werktag zur Mittagszeit: In den Regalen klaffen Lücken allerorten. Egal ob frische Milch, gekühlte Fertiggerichte oder monatelang haltbare Nudeln – überall ist die bunte Vielfalt der Konsumenten stark eingeschränkt.

Die Momentaufnahme vom Mittwoch dieser Woche wiederholt sich seit Wochen allerorten auf der Insel. Tankstellen bleiben geschlossen, in Supermarktregalen herrscht gähnende Leere. Die Fastfoodkette Nando’s sah sich zur zeitweiligen Schließung von 45 Filialen gezwungen, weil das Hauptnahrungsmittel Hähnchenflügel nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht. Diese Woche machte McDonald’s Schlagzeilen: Wegen "vorübergehender Lieferprobleme" muss die durstige Kundschaft bis auf weiteres auf ihre angestammten Milkshakes verzichten.

Wegen der andauernden Versorgungsschwierigkeiten schlagen jetzt Firmen und Lobbyverbände wie der Industrieverband CBI Alarm: Der Lagerbestand im Einzelhandel befindet sich auf dem niedrigsten Niveau seit fast vier Jahrzehnten. Sogar EU-feindliche Medien müssen einräumen: Der Brexit gehört zu den wichtigsten Gründen für die mittlerweile dramatischen Engpässe. "Das lässt sich nicht mehr als kurzzeitiges Problem abtun", warnt Andrew Sentance von der Beratungsfirma Cambridge Econometrics. "Diese Situation könnte länger andauern, als die Leute meinen."

... Das für Einwanderung zuständige Ministerium hat [ ] gering Qualifizierte zu unerwünschten Personen erklärt. Gerade diese aber seien "für die Aufrechterhaltung der Ernährung im Land ungemein wichtig", erläutern die Züchter.

Verbrauchermärkte, die Bauindustrie, Obst- und Gemüsebauern, die Gastronomie – allerorten fehlen seit Jahresbeginn günstige Arbeitskräfte. Die Brexit-Regierung unter Premier Boris Johnson hat nach Kräften versucht, das Problem kleinzureden oder der Pandemie in die Schuhe zu schieben. Immer klarer aber kristallisiert sich als Hauptgrund der EU-Austritt heraus: Mit dem endgültigen Verlassen von Binnenmarkt und Zollunion haben EU-Bürger seit 1. Jänner die Freizügigkeit auf der Insel verloren.

Nun fehlen der polnische Klempner und die rumänische Altenpflegerin, die spanische Kellnerin und der belgische Putzmann. Über die vergangenen Jahrzehnte haben Millionen vor allem junger Kontinentaleuropäer auf der Insel die schlecht bezahlten Jobs gemacht, zu denen die einheimische Bevölkerung nicht zu überreden ist.


Aus: "Versorgungsengpass: Briten stehen immer öfter vor leeren Regalen" Sebastian Borger aus London (25. August 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000129171487/versorgungsengpass-briten-stehen-immer-oefter-vor-leeren-regalen

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Polly Esther

Aber der Johnson hat doch gesagt, dass ...


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Grünweisse Grinsekatze

Es ist halt auffällig, dass immer jene Branchen "händeringend" suchen, in denen am schlechtesten gezahlt wird oder die Zustände sonst irgendwie übel sind.


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Green Pepper
25. August 2021, 19:01:02

Das Ende der Fahnenstange ist erreicht

In den oberen Einkommensklassen wissen manche nicht wohin mit dem Geld und hinterlassen mit ihrem Lebensstil einen übergroßen CO2-Abdruck. Die unteren haben mit ihrem Einkommen kein Auskommen. Europa 2021.

Danke an die Konservativen.


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Aplantea

Jetzt kommt bei mir sowas wie Schadenfreude auf. Obwohl das irgendwie auch zu kurz gedacht ist. Irgendwie ist es nämlich auch erschreckend, wie schnell unser Wirtschaftssystem zusammenbricht, sobald die schlecht bezahlten und oft ausgebeuteten Arbeitskräfte fehlen.


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Montgomery McFerryn

Lohndumping hat also in GB ein Ende, das sind doch gute Nachrichten. Die Wirtschaft jammert natürlich aber endlich bekommen die Leute ein Gehalt von dem sie leben können.


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Braffin 25. August 2021, 18:27:15

"Über die vergangenen Jahrzehnte haben Millionen vor allem junger Kontinentaleuropäer auf der Insel die schlecht bezahlten Jobs gemacht, zu denen die einheimische Bevölkerung nicht zu überreden ist."

Da davon auszugehen ist, dass das glorreiche Empire eine neoliberale Lösung des Problems anstrebt (alles andere wäre immerhin nicht britisch), bietet es sich an in den nächsten Jahren den weiteren Fortgang der Entwicklung zu betrachten.

Wir haben hier wirklich eine schöne, regional begrenzte, kleine Modellregion zu Studienzwecken :)

Mit etwas Glück lernen wir dabei sogar, dass das derzeitige Missverhältnis zwischen Lohn und Leistung zwingend korrigiert werden muss, um die gesellschaftliche Stabilität zu erhalten.


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Warumauchned

Play stupid games, win stupid prices..


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belladonna43

Österreich, du hast es besser!
Bei uns kann man die importierten Landarbeiter immer noch mit 6 Euro abspeisen und die Putzfrau ist mit ein paar Netsch zufrieden.

Teile der Bevölkerung haben sich der Ansicht der Regierung angeschlossen
In deren Augen sind das ohnehin nur Pöbel und Tiere.

Die Entwicklung in England scheint natürlich bedrohlich. Da soll schwere Arbeit tatsächlich besser bezahlt werden.


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Stormtrooper87

Keine billigen Helfer, die die Drecksarbeit machen die keiner sonst auch nur in erwägungziehen würde

Schon blöd, da müssen die Unternehmer ihren Angestellten vernünftige Löhne zahlen und auch noch für anständige Arbeitsbedingungen sorgen.


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Alkolix

Das ist merkwürdig

In UK ist gerade eine Situation die dafür sorgt, dass Hungerlohnjobs aufgewertet werden.
Selbst das berüchtigte Amazon kann dort mit seinen Beschäftigen nicht mehr so umspringen. In Deutschland fliegen sie einfach billige Arbeitskräfte ein wenn gestreikt wird.
Und hier meinen die Leute, dass es den Briten so schlecht geht weil gerade nicht die Auswahl in den Supermärkten eingeschränkt ist?


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alsoz

Capitalism in a nutshell...

Das zeigt ja eigentlich sehr deutlich das Kernproblem unserer Gesellschaft (läuft bei uns ja nicht anders): Der Wohlstand einiger - immer weniger - ist immer noch abhängig von der Masse "billiger" und gering ausgebildeter Arbeitskräfte. Ist das wirklich nachhaltig? Wollen wir das wirklich als Gesellschaft? Die Parteien, die dieses System vertreten, meist nationalistisch-konservative Populisten, egal ob in UK, Polen, Ungarn, Österreich, etc. haben es perfektioniert, genau diese Menschen in den unteren Einkommensschichten für sich zu gewinnen. Denn die lassen sich am besten durch Angst mobilisieren. Und wenn einer "die Grenzen dicht macht", ist das für 90% der Wähler egal, welche Wirtschaftspolitik danach kommt...


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Rohling

Moderner globaler Kapitalismus benötigt den freien Nachschub an Ressourcen, die durch freie Konkurrenz immer billiger werden.
Wir danken GB für den Versuch, wie es auch anders gehen kann, oder eben nicht.


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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #72 on: September 23, 2021, 05:28:58 PM »
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[...] Millenials In Großbritannien wünschen sich zwei Drittel der Menschen unter 35 die Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus. Was ist los mit der jungen Generation?

Owen Jones ist Kolumnist der Tageszeitung The Guardian
Übersetzung: Carola Torti



... Laut einem im Juli publizierten Bericht der rechten Denkfabrik Institute for Economic Affairs (IEA) ist unter den Jüngeren in Großbritannien ein klarer Linksruck zu verzeichnen. Fast 80 Prozent machen den Kapitalismus für die Wohnungsnot verantwortlich, 75 Prozent halten die Klimakrise für „speziell ein Problem des Kapitalismus“ und 72 Prozent sind für eine weitreichende Verstaatlichung. Alles in allem wollen 67 Prozent der Befragten gern in einem sozialistischen Wirtschaftssystem leben.

Angesichts einer – nach der Überwindung des Corbynismus – scheinbar hegemonialen Konservativen Partei im Höhenflug sei die Umfrage ein „Weckruf“ für Unterstützer des Marktkapitalismus, warnt das IEA. „Die Ablehnung des Kapitalismus ist vielleicht nur ein abstrakter Wunsch. Aber das war der Brexit auch.“ Das gleiche auffällige Phänomen eins Linksrucks zeigt sich übrigens auch auf der anderen Seite des Atlantiks: Laut einer Studie der Harvard University im Jahr 2016 lehnten mehr als 50 Prozent der jungen Leute im wichtigsten Land der Laissez-Faire-Wirtschaft den Kapitalismus ab. Und 2018 ergab eine Gallup-Umfrage, dass nur noch 45 Prozent der jungen Amerikaner Kapitalismus positiv bewerteten, während das 2010 noch 68 Prozent taten.

Der 33-jährige Jack Foster, der in Salford für eine Bank arbeitet, ist ein Beispiel dafür, wie gelebte Erfahrung die Enttäuschung über den Kapitalismus verstärkt hat. Nachdem er sein Studium abgebrochen und in einem Callcenter – ein „schrecklicher Job“ – gearbeitet hatte, beeinflusste, wie bei vielen, in seiner Generation der Finanzcrash seine politische Einstellung. Dabei war das Thema Wohnen von besonders großer Bedeutung. „Ich lebte in einer Mietwohnung und dachte: ‚Wie soll ich mir je ein eigenes Haus leisten können?‘“, erzählt er . „Meine Mutter war Reinigungskraft, mein Vater hatte eine Behinderung, und alle Leute, die ich kannte und die sich ein Haus leisten konnten, wurden von ihren Eltern unterstützt. Es war keine Frage von Arbeiten und Sparen; man musste Geld erben.”

... Wie die Linken erklärt auch er die wachsende Attraktivität durch die enorme Wohnungskrise. „Ob man Vertreter des freien Marktes, Konservative, Vertreter der Mitte oder Mitte-links oder Sozialisten fragt, alle sind sich einig, dass Großbritannien in einer Wohnungskrise steckt und das ein enormes Problem ist. Nur haben alle unterschiedlichen Antworten auf die Frage nach den Ursachen und was sich dagegen tun lässt“, erklärt er. „Wenn Leute abgezockt werden und glauben, dass der Markt gegen sie arbeitet, ist es eine mögliche Reaktion, zu verallgemeinern: ‚So ist der Kapitalismus – so ist der Markt‘, und dann stärker mit sozialistischen Ideen zu sympathisieren.“

... statt der vom Thatcherismus versprochenen „Wohneigentumsdemokratie“ sieht es in Großbritannien eher nach einem Paradies für Vermieter aus. Im Jahr 2017 waren 40 Prozent der im Rahmen des Ankaufsrechts veräußerten Wohnungen im Besitz von privaten Vermietern, die das Doppelte an Miete im Vergleich zu Sozialwohnungen verlangen. Tatsächlich ist innerhalb von zwei Jahrzehnten die Chance eines jungen Erwachsenen mit mittlerem Einkommen nur noch halb so groß, ein eigenes Haus zu besitzen. Diese jungen Menschen werden als „Generation Rent“, Generation Miete, bezeichnet, weil rund die Hälfte der unter 35-jährigen in England auf einem freien Markt mietet, der häufig von Wuchermieten und Unsicherheit geprägt ist. Die Miete kostet in England annähernd die Hälfte des Nettoeinkommens der Mieter, in London sogar krasse 74,8 Prozent, ein Anstieg um ein Drittel seit Beginn des Jahrhunderts. Und wenn Millennials für den Hauskauf auf ein elterliches Rettungsboot setzen, winkt Enttäuschung: Die meisten erben erst im Alter zwischen 55 und 64 Jahren. Zudem liegt das Median-Erbe bei 11.000 britischen Pfund (knapp 12.800 Euro), was bedeutet, dass die Hälfte der Erben weniger erhält.

Es gibt einfach keinen rationalen Grund für junge Leute, dieses Wirtschaftssystem zu verteidigen. Laut Umfrage der Kinder-Hilfsorganisation Barnardo’s im Jahr 2019 gehen Zwei Drittel der Unter-25-jährigen davon aus, dass es ihrer Generation schlechter gehen wird als ihren Eltern. Dieser Pessimismus ist neu, sagt Keir Milburn, Wissenschaftler und Autor des Buches Generation Left, in dem er argumentiert, breite linke Sympathien unter jungen Menschen seien ein modernes, von den ökonomischen Bedingungen gefördertes Phänomen. „Für jemanden, der in den 60er-Jahren geboren und dann erwachsen wurde, gab es ein Gefühl von Optimismus, also dass die Lage besser wird“, erklärt er. „Es ist die aus der Zeit der Aufklärung stammende, modernistische Haltung, dass die Lage sich verbessert, dass die Gesellschaft, allgemein gesagt, immer Fortschritt verzeichnet. Jetzt denkt das nur noch Steven Pinker“ (ein US-amerikanischer Psychologe und Autor des Buches Enlightenment Now – Aufklärung jetzt).

Für den 30-jährigen David Horner, der in London für eine Wohltätigkeitsorganisation arbeitet, begann die Desillusionierung angesichts des herrschenden Systems schon im Studium. Jetzt bekommt er bald ein Kind und sorgt sich darum, in welche Welt er es hineinsetzt. Beim Blick auf seine Arbeit mit Jugendlichen aus ärmeren Verhältnissen und die Erfahrungen von Freunden, die in krisengeschüttelten Gesundheits- und Bildungseinrichtungen arbeiten, liegt für ihn das Problem auf der Hand. „Dabei erzählt man uns, das gegenwärtige sei das beste volkswirtschaftliche System, das wir kriegen können. Jede Alternative – selbst wenn sie scheinbar nicht sehr radikal ist – wird einfach abgelehnt, weil es angeblich so sein muss, wie es ist“, klagt er. „Mit zunehmendem Alter beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Ich will nicht mehr alles einfach hinnehmen. Aber es geht um viel Macht: Da sind die Konzerne und Leute mit Eigeninteresse am Kapitalismus und der Art und Weise, wie die Wirtschaft im Moment funktioniert.“

Einer ganzen Generation wurde gesagt, es sei wichtig zu studieren, um ein Gehalt zu haben, von dem man leben kann. Doch das Einkommensgefälle zwischen Studierten und Nicht-Studierten hat sich erheblich verringert. Und obwohl Englands Hochschulabsolventen im Jahr 2020 Schulden in Höhe von fast 47.000 Euro angehäuft hatten, arbeitet mehr als ein Drittel der Hochschulabsolventen in Jobs, die keinen solchen Abschluss erfordern.

In den Jahren nach dem Finanzcrash und der folgenden Sparpolitik waren es die Gehälter und Löhne der jungen Arbeitnehmer, die in einer beispiellosen Senkung des Lebensstandards am stärksten zurückgingen. Formale Bildung plus wirtschaftliche Unsicherheit sind eine riskante Mischung. Aber das ist nicht das einzige Phänomen, das eine Rolle spielt. Zusätzlich wurden nicht-akademische Wege zu einem gesicherten Lebensstandard gestrichen, wie die qualifizierten Lehrstellen, von denen so viele 16-jährige Schulabgänger zuvor profitierten. Junge Wähler aus der Arbeiterklasse stimmten 2017 mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit für Labour als ihre Altersgenossen aus der Mittelschicht.

Aber auch eine wichtige existenzielle Frage führt dazu, dass viele junge Leute das ganze Wirtschaftssystem kritisch sehen. „Vor kurzem las ich einen Post auf Instagram mit der Frage, ob man lieber hundert Jahre in die Vergangenheit oder hundert Jahre in die Zukunft reisen würde. Und alle Kommentare fragten: ‚Wird es in hundert Jahren überhaupt noch Menschen geben?‘“, erzählt der 22-jährige Uni-Absolvent Haroon Faqir. „Das fasst die Leute in meinem Alter und ihre Einstellung zu den Problemen, die in einem kapitalistischen System vor uns liegen, gut zusammen.“

Die 20-jährige Studentin Emily Harris aus London sagt, ihre größte Sorge sei, dass „es dann nicht einmal einen Planeten mehr gibt: Wir haben Jeff Bezos, der sich selbst in den Weltraum schickt, während in Las Vegas das Wasser ausgeht und die halbe Welt brennt. Wenn diese Milliardäre aufhören würden, Geld zu machen, könnten sie alle Probleme lösen und immer noch Milliarden auf der Bank haben.“

Während die Mainstream-Medien wenig Sympathien für die Unsicherheiten und Wünsche der jüngeren Briten aufbringen, ist im Internet politische Bildung zu finden. Die Journalistin Chanté Joseph ist 25, was sie in der Grenzregion zwischen Millennial und Zoomer ansiedelt. „[Die Mikro-Blogging-Seite] Tumblr hat mich radikalisiert“, erzählt sie. „Ich las dort über Rassismus, Identität und Klasse und dachte: ‚Das ist alles verrückt.‘ Es hat mir die Augen geöffnet.“

Viele in ihrer Generation seien zu Twitter und TikTok abgewandert, „wo junge Leute eine Menge politische Inhalte teilen, die wirklich persönlich und nachvollziehbar sind. Das ist der Grund, warum viele jüngere Leute sich radikaler fühlen – es scheint normaler zu sein, wenn diese Ideen auf eine Art und Weise erklärt werden, bei der man denkt: ‚Wie kann man da anderer Meinung sein?‘“

Mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer mit Null-Stunden-Verträgen – die häufig von Woche zu Woche nicht wissen, wie viel Geld sie verdienen werden – sind unter 25. Viele andere sind „scheinselbständig“, während sie doch einen Vertrag mit einem Arbeitgeber haben, nur dass ihnen Rechte wie Mindestlohn oder bezahlten Urlaub vorenthalten werden. Versprochen wurde ihnen, dass der freie Markt ihnen Freiheit bringt; tatsächlich geliefert wurde Unsicherheit.

Durch die Opfer, die viele junge Leute während der Pandemie gebracht haben, kristallisierte sich noch stärker ein Gefühl von Ungerechtigkeit heraus. Die 22-jährige Studentin Hannah Baird ist in Rotherham aufgewachsen und haderte schon immer mit dem Status Quo. Ihre Angst vor der Klimakrise und kritische Meinungen auf den Sozialen Medien verstärkten ihre Unzufriedenheit. „Während der Pandemie bekam man den Eindruck, dass junge Leute sehr stark für die Fallzahlen verantwortlich gemacht werden“, erzählt sie. „Dabei zahle ich weiter die gleichen Studiengebühren, kriege dafür aber seit eineinhalb Jahren nur Online-Lehre. Das fühlt sich an wie eine Ohrfeige. Bei Lockerungsplänen scheinen die Unis auch immer als Letzte erwähnt zu werden. Generell kriegt man den Eindruck, die Regierung kümmert unsere Generation wenig, so als ob man uns vergessen würde.“

Das bedeutet nicht, dass die junge Generation sich in überzeugte revolutionäre Sozialisten verwandelt hat. Aber von den Millennials, die Karl Marx kennen, sehen ihn die Hälfte positiv, im Vergleich zu 40 Prozent der Generation X und nur 20 Prozent der Babyboomer.

Auch in Schöne Welt. Wo bist du? – Millennial-Autorin Sally Rooneys neuestem Buch – ist nicht nur der Sex sexy. Einer der Charaktere im Buch denkt darüber nach, dass neuerdings alle über Kommunismus sprechen. „Als ich früher Marxismus ins Gespräch warf, wurde ich ausgelacht. Heute stehen alle darauf.“ Wahrscheinlich ist Marxismus nicht das Rückgrat der Sprüche in den neu belebten Nachtclubs in Newcastle oder Cardiff. Aber ohne Zweifel ist die Post-Kalter-Krieg-Jugend viel offener für diese von vielen rundweg abgelehnte Philosophie des 19. Jahrhunderts. Viele Jüngere hatten für die Lösung ihrer wirtschaftlichen Probleme Hoffnungen auf Jeremy Corbyn als Labour-Chef gesetzt; jüngste Umfragen zeigen, dass jüngere Labour-Wähler fast doppelt so wahrscheinlich glauben, dass er ein besserer Parteichef gewesen wäre als Keir Starmer.

Die meisten jungen Leute lesen keine radikale Literatur. Aber politisierte Zoomer und Millennials hinterlassen einen ideologischen Fußabdruck in ihren Freundeskreisen. Das heißt nicht, dass die Linke die beiden heranwachsenden Generationen als selbstverständlich nehmen und darauf warten sollte, dass die Demographie irgendwann automatisch den bisher nicht erreichten politischen Sieg bringt. Wie der Wirtschaftswissenschaftler James Meadway kürzlich in einem Artikel mit dem Titel „Die Generation Links ist vielleicht gar nicht so links“ warnte, könnten sich auch rechtspopulistische Antworten auf die Desillusionierung der Jugend durchsetzen. In Frankreich etwa sind viele junge Menschen nach rechts gerückt. In Großbritannien sind auch nur wenige in der Altersgruppe Mitglied in einer der Gewerkschaften, die in der Vergangenheit dazu beitrugen, eine antikapitalistische Einstellung zu entwickeln. Zudem gibt es das Phänomen, dass sich bei vielen jungen Menschen mit linken Haltungen parallel auch einige traditionell rechte Einstellungen finden.

Die Reichen – in der Pandemie noch reicher geworden – wird keiner essen. Aber junge Leute sehen auch keinen rationalen Grund, ein System zu unterstützen, dass wenig mehr als Unsicherheit und Krise zu bieten scheint.



Aus: "Esst die Reichen!" (23.09.2021)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/esst-die-reichen-kapitalismus-sozialismus-millenials

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Holger Braun | Community

Klar die Leute unter 35 haben Nullahnung wie scheisse Sozialismus ist. Handy heute bezahlen und in 5 Jahren geliefert bekommen. Ich denke dann hat die Begeisterung schnell ein Ende. Ah, ich vergaß das war der falsche, real existierende Sozialismus, im richtigen wird das alles anders und besser. Aber mit dem richtigen Sozialismus ist es wie mit Godot.