Author Topic: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)  (Read 2427 times)

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #20 on: September 17, 2018, 05:31:10 PM »
"Im Reich der Gier" Yanis Varoufakis | Ausgabe 35/2018
Mythos Der Kapitalismus ist entzaubert und bringt uns das größte Faschismusproblem seit den Dreißigern. ... Die meisten meiner deutschen Freunde können es bis heute nicht verstehen: Wie konnte es passieren, dass die Deutsche Bank und der Rest der deutschen Banken 2008 praktisch pleitegingen? Wie kann eine Branche innerhalb von 24 Stunden vom Jonglieren mit Milliarden in die Insolvenz abstürzen, sodass die Steuerzahler sie retten müssen? Die Antwort ist so einfach wie niederschmetternd.
Nehmen wir die deutschen Banken und Exporteure im Sommer 2007: Deutschlands volkswirtschaftliche Gesamtrechnung weist einen großen Überschuss im Handel mit den USA aus. Genauer gesagt, liegt Deutschlands Export-Einkommen durch den Verkauf von Mercedes-Benz-Autos und ähnlichen Waren an amerikanische Verbraucher im August 2007 bei entspannten fünf Milliarden Dollar. Was die deutsche volkswirtschaftliche Gesamtrechnung aber nicht zeigt, ist das wahre Drama hinter den Kulissen: das, was wirklich vor sich ging.
Zwischen Anfang der 1990er und 2007 hatten Wall-Street-Banker Unmengen toxischer Quasi-Geld-Derivate zusammengeschustert und es geschafft, dass deren Marktpreise stark anstiegen. Die Banker in Frankfurt am Main wiederum waren scharf darauf, diese lukrativen Derivate zu kaufen. Sie taten das mit Dollars, die sie sich dafür ausliehen, und zwar von – der Wall Street.
Im August 2007 dann begann das Horrorjahr der Wall Street, das im September 2008 mit der Lehman-Pleite seinen Höhepunkt erreichte. Wie es unvermeidlich gewesen war, begann der Preis der Derivate zu fallen. Die deutschen Banker traf der Schlag, als ihre in Panik verfallenen New Yorker Kollegen ihre Dollarschulden einzutreiben begannen. Die deutschen Banker brauchten sehr schnell Dollars, aber niemand wollte den Berg an toxischen US-Derivaten, den sie gekauft hatten, haben.
Das ist der Grund dafür, dass die deutschen Banken, die auf dem Papier über Gewinne im Überfluss verfügten, von einem Augenblick zum anderen dringend Geld in einer Währung benötigten, die sie nicht besaßen. Hätten sie nicht US-Dollars von Deutschlands Exporteuren leihen können, um ihre Dollar-Obligationen zu erfüllen?
Sicher, nur reichte das bei Weitem nicht aus: Was konnten die fünf Milliarden US-Dollar aus Exporten im August helfen, wo die Außenstände der deutschen Banker bei der Wall Street doch mehr als 1.000 Milliarden US-Dollar betrugen?
Man könnte das, was hier im globalen Maßstab vor sich ging, so zusammenfassen: Einseitigen, in US-Dollar denominierten Finanzströmen, die ursprünglich aufgrund des US-Handelsdefizits gewachsen waren, „gelang“ es, sich von den sie ermöglichenden wirtschaftlichen Werten und Handelsvolumen zu lösen. Die Banker hatten toxische, in US-Dollar notierte Papiere erfunden und diese dann in ihre eigenen Bilanzen geschrieben. Dieses Vorgehen beschleunigten sie derart, dass sie die Schwerkraft fast schon überwunden hatten und ins All hochgeschossen waren – nur um 2008 dann dramatisch abzustürzen.
Von diesem Augenblick an setzten die Politiker alles daran, die Verluste von den Verursachern, den Bankern, auf unschuldige Dritte abzuwälzen: Mittelschicht-Schuldner, lohnabhängige Arbeiter und Angestellte, Erwerbslose, Menschen mit Behinderung und Steuerzahler, die es sich nicht leisten konnten, Depots in Steueroasen zu unterhalten. Vor allem in Europa wurde ein Land gegen das andere aufgehetzt – und zwar von politischen Eliten, die entschlossen waren, die Wahrheit auf den Kopf zu stellen. Aus einer von Bankern in Nord und Süd verursachten Krise machten sie einen Konflikt zwischen arbeitsscheuen Südländern und hart arbeitenden Nordeuropäern, oder eine Krise von angeblich allzu großzügigen Wohlfahrtssystemen in Deutschland, Italien oder Griechenland. Man muss kein Genie sein, um die Puzzleteile zusammenzusetzen und zu verstehen, warum – angesichts des Fehlens einer ernsthaften, wirkungsvollen, mit einer Stimme sprechenden Linken – in den USA und vor allem in Europa Nationalismus, Rassismus und eine allgemeine Menschenfeindlichkeit triumphieren.
... Wir sind an einem Punkt angelangt, der für unsere Generation den 1930er Jahren entspricht – kurz nach dem Crash, im Angesicht eines faschistischen Momentums. Die für diese Generation drängende Frage ist hart. Aber auch wenn kein junger Mensch es verdient hat, mit solch einer harten Frage konfrontiert zu werden, so haben wir alle doch kein Recht, uns ihrer Beantwortung zu entziehen: Wann und wie werden wir gegen die nationalistische Internationale aufstehen, die im gesamten Westen durch den hirnverbrannten Umgang der Technostruktur mit ihrer unvermeidlichen Krise entstanden ist?
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/im-reich-der-gier

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Querlenker | Community

... Jedoch, was hat das alles ursächlich mit dem Lehmann Crash von 2008 zu tun?



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Sägerei | Community

@ Querlenker

Geschichtsschreibung, Schuldzuweisung, Erklärungen, die nicht an den Herrschaftsstrukturen kratzen. Keine Zinsen mehr zu bekommen ist für die deutsche Mittelschicht die schmerzhafteste Folge von 2018, wie Mr. Varufakis ausführte. Das bleibt so bis zur nächsten Nachkriegszeit. Kapital ist jetzt wieder etwas für professionelle Kapitalisten. Für Kleinbürger auf der Suche nach dem finanziellen Perpetuum Mobile ist das Thema verbrannt. Wir sollen gefälligst arbeiten, unsere privaten Versicherungspolicen und Konsumentenkredite bezahlen. Mit dem erwirtschafteten Mehrwert sollen wir die Realwirtschaft am Laufen halten, uns aber aus dem Kapitalmarkt weitgehend heraushalten. Selbstständig machen? Nur wenn Du über Sicherheiten verfügst, die Deinen Investitionskredit doppelt und dreifach absichern. Komm, geh arbeiten und überlass die Investitionslenkung anderen.

Zu der Regulierungskrise, die Mr. Varufakis beschreibt kommt ja noch die ökologische Krise und die massive Überbevölkerung (jedenfals gemessen an unserem Lebenswandel). Auch hier punkten die Faschisten. Einerseits leugnen sie das alles aus machtstrategischen Gründen komplett, andrerseits bereiten sich die radikalsten unter ihnen auf den Tag vor, an dem die Supermärkte nicht mehr beliefert werden (sog. Prepper). Seit 40 Jahren raunt die urgrüne Weissagung der Hopi in unseren Schädeln ("wenn der letzte Fisch gefangen..."), und es spricht wirklich sehr viel dafür, dass wir mit China und Indien im selben Boot einen Punkt ohne Widerkehr überschritten haben. Für diejenigen, die individuell überleben wollen ist das Preppen ein sinnvolles Hobby. Für diejenigen, die kollektiv überleben wollen ist die Aufrechterhaltung von Ordnung das entscheidende Argument pro Faschismus. Ich glaube, dass Geheimdienste ganz ähnliche Perspektiven aus ihren Erkenntnissen ableiten. Anarchie unter Millionen von lebensuntüchtigen Wohlstandszombies (mich eingeschlossen) mag ich mir auch nicht ausmalen.

Die liberale Fraktion scheint das Thema ebenfalls aus machtstrategischen Gründen auszublenden. Bei deren federführenden Vertretern habe ich den Eindruck, dass sie komplett der US-Ostküstenelite folgen, einerseits wegen des unbeschränkten Kapitals (s. Artikel), andererseits weil dort die größte Expertise in modernem Zivilisationsmanagment zu finden ist. Diese "progressiven" Kräfte wollen alles tun was technisch und kulturell möglich ist, um ohne Zivilisationsbruch so viele Menschen wie möglich durchzubringen (aber wohin?). Mit Trump und Co. bricht ihnen sowohl das Kapital als auch die Regulierungsfähigkeit weg. Der Neofeudalismus, der da auf uns zurollt braucht keine Lösungen für irgendwas zu entwickeln. Er muss nur seine Gefolgschaft unter Kontrolle halten und alle anderen ihrem Schicksal zu überlassen.



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iDog | Community

@ Madame Fu

"Und Politik ist dazu da Ökonomie und Gesellschaft auszubalancieren, was aber leider nicht praktiziert wird - aus Unfähigkeit oder Mutwilligkeit oder beidem..."

Es ist weder Unfähigkeit noch Mutwilligkeit im eigentlich Sinne. Man kann es natürlich so interpretieren , verfehlt aber den entscheidenen Punkt dabei. Diese Interpretation entstammt eher einer überholten Auffassung von Politik.

Tatsächlich mag es in manchen Perioden zumindest scheinbar oder oberflächlich betrachtet einen gewissen Ausgleich zwischen Ökonomie und Gesellschaft über die Politik als Mittelsmann gegeben haben. Man macht sich heute aber nicht mal mehr die Mühe die offensichtliche Komplizenschaft zwischen Großinduntrie und staatlicher Dienstleistung zu kaschieren. An sich aber ist Politik = Wirtschaft.

Die historischen herleitung , bzw. Kausalkette spar ich uns jetzt mal, aber der mehr oder wenihger bekannte Status Quo ist bemerkenswert: Die Monopolisierung der globalen Wirtschaft ist in den letzten Jahrzehnten so rasant zugenommen, dass die 500 größten Firmen der Welt etwa 53 % des globalen Bruttosozialprodukts kontrollierten, die 85 Reichsten Personen der Welt besitzen 50% des Weltvermögens (Oxfam). Ein Investmentmanagment Firma wie BlackRock (das ist keine Bank udn unterlegt daher auch keiner Regel) hat mittlerweile das Verwaltungsvolumen von 6000 Millarden überschritten und ist damit praktisch Regierungsmacht in sehr vielen industrialisierten Ländern der Welt, weil sie bedeutende Anteile an jeder globalen Firma halten, Anteile an zB jeder deutschen Dax notieretn Firma, an jeder französischen CAC 40 notierten Firma usw usf.. Im Vergleich dazu das Jahresbudget Frankreichs oder Deutschland um die 360 Milliraden. Mit anderen Worten , die haben über die Finanzmacht einen viel größeren Einfluss auf alles als jede einzelne Regierung, können Regierungen im Standortwettkampf gegeneindander ausspielen, befördern ungehindert die weiter Monopolisierung und Machtakkumulation (zB. Bayer und Monsanto waren beides Firmen dis starkt von BlackRock beeinflusst und nun von BlackRock zusammengeleget wurden)....

Kurz , was früher vielleicht Unfähigkeit oder Mutwilligkeit, Opportunismus oder Korruption war oder genannt wurde, ist heute ganz offensichtlich und einfach nur noch pure Machtlosigkeit. Der Staat und seine "Politik" fallen weitfgehend unter Servicleistungen für die Großindustrie - siehe Entscheidungen zu Glyphosat, Energiepolitik etc. oder zur Steuerpolitik. Da braucht einen die Personalauswahl in der Politik nicht weiter wundern, oder?


tbc

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #21 on: September 17, 2018, 05:41:34 PM »
"Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum beenden!"
Gastbeitrag - Das Streben nach Wachstum um jeden Preis spaltet die Gesellschaft, schafft wirtschaftliche Instabilität, untergräbt die Demokratie. Europa muss umdenken! Ein Brandbrief --- In den vergangenen 70 Jahren war das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) das übergeordnete wirtschaftliche Ziel der europäischen Staaten. Während aber unsere Volkswirtschaften gewachsen sind, haben auch die negativen Auswirkungen unseres Wirtschaftens auf die Umwelt weiter zugenommen. Wir überschreiten bereits heute die ökologischen Grenzen, die der Menschheit einen sicheren Handlungsraum auf diesem Planeten geben. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich die Wirtschaftstätigkeit auch nur annähernd so weit von Ressourcenverbrauch oder Umweltverschmutzung entkoppelt, wie es tatsächlich notwendig wäre. Um die sozialen Probleme in den europäischen Ländern zu lösen, brauchen wir heute kein weiteres Wachstum. Was wir brauchen, ist eine gerechtere Verteilung der Einkommen und des Reichtums, den wir bereits haben. ...
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/abhaengigkeit-vom-wirtschaftswachstum-beenden

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""Inside Lehmann Brothers" Drogen, Druck, Dollars"
„Jemand hat ihnen einen falschen Traum verkauft“: Eine Arte-Dokumentation erzählt vom Aufstieg und Fall von Lehman Brothers. Thomas Gehringer (17.09.2018)
https://www.tagesspiegel.de/medien/inside-lehmann-brothers-drogen-druck-dollars/23077808.html

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"„Lehman. Gier frisst Herz“ - Schnelles Geld"  Daland Segler (23.09.2018)
...Dem Regisseur Raymond Ley gelingt eine spannende Aufarbeitung des weltweit bisher größten Finanzskandals. ... „Lehman. Gier frisst Herz“ heißt der Film, und Ley und Eisfeld schaffen es, die Hektik, die Nervosität und die Brutalität eines Gewerbes zu vermitteln, dessen Krise weltweit katastrophale Folgen für unzählige Menschen hatte – nur nicht für die Verantwortlichen. Richard Fuld, zur Zeit des Konkurses von Lehman Brothers deren Vorsitzender, lässt es sich mit Boni-Millionen als Kunstsammler gutgehen. Josef Ackermann, als Chef der Deutschen Bank Mittäter, ist nicht mal vorbestraft und darf seit 2014 den Verwaltungsratspräsident der Bank of Cyprus spielen.
Ackermann wie auch andere Größen des Finanzkapitals haben ihren Auftritt in Leys Film. Denn der verbindet Fiktion mit Dokumentation – ein angemessener Umgang mit dem Thema: Soll keiner auf die Idee kommen, das sei alles erfunden. Ist es nicht.
Wer seinerzeit die Demonstrationen der Geschädigten vor den Sparkassen-Filialen gesehen hat, weiß, dass zum Beispiel die Restaurantbesitzer Claudia und Torsten Büttner (Susanne Schäfer und Oliver Stokowski) mitten aus dem Leben gegriffen sind. Wie sie haben Tausende ihr Geld auf Anraten ihrer Bank in Papieren angelegt, die mit der Lehman-Pleite nur noch das waren: Papier. Tatsächlich äußern sich auch einige Opfer des Lehman-Skandals. Ihnen allen ist gemeinsam: Sie hatten keine Ahnung vom drohenden Unheil, weil sie ihrem „Bankbeamten“ vertraut haben.
Raymond Ley vermag es, mit einer rasanten Montage (Schnitt: David Kuruc) und dokumentarisch wirkenden Szenen aus Frankfurt (Kamera: Dominik Berg) die auseinanderdriftende Lebenswirklichkeit der „normalen“ Bürger und der Investment-Banker in Bilder zu fassen. Gier regierte die Welt, und der Tanz ums Goldene Kalb wurde online aufgeführt.
Karl Dannenbaum, Ex-Geschäftsführer von Lehman Deutschland, ist real mit seiner heutigen Bewertung der Ereignisse und als fiktiver Charakter eine zentrale Figur, auch selbst ein Getriebener von den Machenschaften der Bankzentrale in den USA. Wie auch die Politiker: Selbstverständlich zeigt Ley noch einmal die leeren Versprechungen Angela Merkels und Peer Steinbrücks (damals Finanzminister), das Geld der Sparer sei „sicher“. Heute muss Steinbrück zugeben, man habe 2008 einen „Kontrollverlust“ erlitten.
Die enge Verzahnung von Realität (mit Interviews) und Schilderung des Schicksals von fiktiven Bankkunden bewahrt den Film davor, in Klischees abzugleiten. So ist Ley eine spannende Aufarbeitung des weltweit größten Finanz-Skandals gelungen, an dessen Ende sich auch das Bild des Sparkassen-Angestellten Arne Breuer radikal verändert hatte: Aus dem Bankbeamten wurde der „Bankster“.
http://www.fr.de/kultur/netz-tv-kritik-medien/tv-kritik/lehman-gier-frisst-herz-schnelles-geld-a-1588109

« Last Edit: September 24, 2018, 12:21:46 PM by Link »

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #22 on: September 24, 2018, 04:14:42 PM »
"Wir Versprengten in der Kränkungsgesellschaft" (24. September 2018)
Der Bestsellerautor Hans-Peter Martin, ehemaliger "Spiegel"-Korrespondent und unabhängiger Europaparlamentarier, veröffentlicht in dieser Woche sein neues Buch "Game Over". Telepolis bringt exklusiv erste Auszüge.
https://www.heise.de/tp/features/Wir-Versprengten-in-der-Kraenkungsgesellschaft-4170961.html

GAME OVER
Wohlstand für wenige,
Demokratie für niemand,
Nationalismus für alle
und dann?
https://hpmartin.info/

Quote
     grftjx, 24.09.2018 09:41

Der Kinderglaube des Herrn Martin

Die "gute alte Zeit" der kapitalistischen Demokratien war die Zeit, als man den Leuten noch erzählen konnte, dass der Weg zur Glückseligkeit aller darin besteht, dass alle gemeinsam für Wohlstand und Wachstum arbeiten. Sicher, dabei werden einige etwas mehr am Ende haben als andere, aber erstens geht es trotzdem allen immer besser, und zweitens kann man sich ja besonders anstrengen und zu denen aufsteigen, die mehr bekommen.

Natürlich war das immer eine Lüge. Schon mit bescheidenen Mathematikkenntnissen war leicht zu sehen, dass sich bei diesem System immer mehr Vermögen in den Händen von sehr wenigen ansammeln würde, bis die Kluft zum Rest so groß wird, dass diese wenigen über absolute Macht verfügen. Und genau das war selbstverständlich auch immer das Ziel.

Wir haben dieses Ziel weitgehend erreicht, und es beginnt auch den letzten zu dämmern, dass sie einer Lüge aufgesessen sind, und dass ihr eigenes Wohlergehen in diesem abgekarteten Spiel nie die geringste Rolle gespielt hat.

Nun ist es aber schon so, dass es für jene, die jetzt absolute Macht haben, praktisch wäre, wenn man die Illusion von Demokratie noch eine Weile aufrechterhalten könnte, während man im Hintergrund die Umstellung auf totalitäre Herrschaftsausübung weiter vorbereitet. Und dafür sind Bücher wie das von Herrn Martin, wo man sich weiter an die Lügen von damals klammert, ungemein nützlich und fördernswert.


Quote
     OberstMeyer, 24.09.2018 11:07

Das alte Kriegsleiden der liberalen Linken

Nicht zuletzt durch die Manipulationen von VWL- und BWL-Lehre hält sich hartnäckig die irre Auffassung, daß Kapitalismus im Grund ganz o.k. sei, dieser nur vernünftig zu handeln und sozial zähmbar sei. Das ist auch als Hintergrund der Darlegungen des Autors zu bemerken. Dem liegt ein völliges Nichtverstehen der autarken und autonomen Abläufe in der Entwicklung der Produktionsverhältnisse, deren eigentlicher Kern der Wert ist, zugrunde. Leider erwischt diese Illusion auch leidenschaftliche Kritiker des "gegenwärtigen" Kapitalismus wie den Autor und auch den erwähnten Harald Schumann. Es gibt diesen "gegenwärtigen" Kapitalismus, der irgendwie aus dem Ruder gelaufen sei, nicht, auch keinen vernünftigen oder idealen. Es gibt nur Kapitalismus immer in einer logisch entwickelten Phase, der jetzt die kritisierten Erscheinungsformen hervorbringen muß. "Korrekturen", wie sie dem Autor vielleicht vorschweben, bringen evt. einige geschliffenere Kanten, halten den logischen Prozeß jedoch nicht auf. Dazu sei auf die Diskussion auf keimform.de verwiesen: http://keimform.de/2018/kritik-der-aufhebungs-und-keimformtheorie/
Beide mögen ja integre Personen sein, jedoch kommen sie so nie auf den Punkt und schrammen zunehmend die Hoffnungslosigkeit, zu besichtigen z.B. bei der Veranstaltung im Grips ("Fabian Scheidler, Harald Schumann im Grips Theater: Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen - Am 07.03.2018 veröffentlicht

Mit: Fabian Scheidler, Autor ("Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation", "Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen" (www.revolutionen.org)) und Harald Schumann, Journalist beim Tagesspiegel und bei "Investigate Europe", Buchautor ("Die Globaliserungsfalle", "Der globale Countdown"), Autor der Arte-Filme "Staatsgeheimnis Bankenrettung", "Troika: Macht ohne Kontrolle" und "Das Microsoft-Dilemma".
Fabian Scheidler und Harald Schumann diskutieren über die globalen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft: die Krise des Lebens auf der Erde, die zunehmende Spaltung zwischen Arm und Reich und das geopolitische Chaos, das mit dem Niedergang der US-Hegemonie und dem Aufstieg Chinas verbunden ist." ---> https://www.youtube.com/watch?v=WC6lFfinzDM [// https://de.wikipedia.org/wiki/Fabian_Scheidler], https://www.taz.de/!bo=18746e22b9cfdfa213/ [Kontext TV ist ein unabhängiges Nachrichtenmagazin mit Sitz in Berlin. Inspiriert von dem US-amerikanischen Sender Democracynow! lässt Kontext kritische Stimmen aus dem In- und Ausland zu drängenden Gegenwarts- und Zukunftsthemen wie Klima, soziale Gerechtigkeit und Krieg und Frieden zu Wort kommen. Gesendet wird über Internet und lokale TV- und Radiostationen. Zu den Gästen zählen AktivistInnen, WissenschaftlerInnen und JournalistInnen wie Noam Chomsky, Vandana Shiva, Bill McKibben, Maude Barlow, Harald Schumann, Ulrike Herrmann, Amy Goodman, Immanuel Wallerstein und Nnimmo Bassey.] ... ). Solange sie nicht auf die tatsächlichen Wertzusammenhänge stoßen, sind sie zu Resignation verurteilt.


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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #23 on: September 26, 2018, 12:22:00 PM »
Quote
[...] Banken verleihen Geld, das sie sich vorher selbst geliehen haben. Von Sparern oder von der Zentralbank. Soweit das Lehrbuchwissen und soweit so falsch. Denn Banken können Kreditnehmern Geld einfach so gutschreiben, ohne vorher Geld von Dritten einzusammeln. Anders als viele glauben, hat die Zentralbank deshalb kaum Möglichkeiten, die Geldmenge wirklich zu steuern.

Das ist ein Problem, meint unter anderem Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Diese Geldschöpfung durch die Banken destabilisiere immer wieder unser Finanzsystem. Selbst renommierte Volkswirtschaftsprofessoren wie Peter Bofinger haben das Problem lange nicht gesehen. Bofinger hat inzwischen sein Lehrbuch entsprechend korrigiert.

Mayer plädiert wie viele andere Kritiker für eine neue Geldordnung, zum Beispiel für ein Vollgeld-System, in dem es frisches Geld nur noch von der Zentralbank gibt. In der Schweiz haben die Bürger ein solches System allerdings im Juni abgelehnt, nachdem Banken, Vertreter der Wirtschaft und selbst die Zentralbank massiv davor gewarnt hatten.


Aus: "Wie unser Geld wirklich entsteht: Money from nothing" Vivien Leue (25.09.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/wie-unser-geld-wirklich-entsteht-money-from-nothing.1247.de.html?dram:article_id=425402

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Quote
[...] Heute wird die Wasserversorgung in England und Wales durch multinationale Großkonzerne betrieben. Die viel beschworene Effizienz ist dabei nicht sichtbar. In vielen Städten gibt es zahlreiche Leckagen. In einem kurz vor dem Parteitag veröffentlichten Strategiepapier mit dem Titel "Clear Water: Labour's Vision for a Modern and Transparent Publicly-Owned Water System" weist die Partei auf weitere durch die Privatisierung verursachte Probleme hin.

So seien die Kosten für den Endverbraucher im Laufe der vergangenen 25 Jahre um 40% gestiegen. Derweil hätten die Betreiberkonzerne in den letzten zehn Jahren Dividenden im Wert von 18 Milliarden Pfund an ihre Aktionäre ausgeschüttet. Dieses Geld, so argumentiert das Strategiepapier, hätte man stattdessen in die Infrastruktur stecken oder zur Senkung der Verbraucherpreise nutzen können. Stattdessen seien Investitionen in die Infrastruktur zwischen 1990 und 2018 massiv gesunken, obwohl 20% des Leitungswassers durch Leckagen verloren gehe. Für diese "Leistung" seien die Chefs der Wasserkonzerne im Durchschnitt mit einer Million Pfund pro Jahr bezahlt worden.

In seiner Parteitagsrede vom Montag, den 24. September, kündigte Labours wirtschaftspolitischer Sprecher John McDonnell die Verstaatlichung der britischen Wasserversorgung durch die nächste Labour-Regierung an. Das oben erwähnte Strategiepapier soll beschreiben, wie dies funktionieren könnte.

Angedacht ist demnach eine Regionalisierung der Wasserversorgung, die an "Regional Water Authorities" übertragen werden soll. Dies soll durch ein im Parlament beschlossenes neues Gesetz in die Wege geleitet werden. Dieses Gesetz soll außerdem Schutzklauseln enthalten, welche zukünftige Privatisierungsvorhaben verhindern sollen.

Die Labour-Partei fasst ihre Pläne unter dem Schlagwort "demokratischer öffentlicher Besitz" zusammen. Damit ist die Errichtung von Strukturen gemeint welche "Teilhabe und Rechenschaftspflicht maximieren" sollen. Teil dieser Rechenschaftspflicht soll eine für die Bevölkerung jederzeit einsehbare Veröffentlichung aller die Wasserversorgung betreffenden Behördendokumente im Internet sein. Außerdem sollen die "Regional Water Authorities" öffentlich tagen und paritätisch aus Lokalpolitikern, Gewerkschaftsvertretern sowie Mitgliedern von Nachbarschafts- und Umweltschutzgruppen bestückt werden. Den Profitgedanken möchte Labour aus der Wasserversorgung verbannen. Stattdessen will man eventuelle Überschüsse für Investitionen in Infrastruktur oder in die Kostensenkung stecken.

...


Aus: "Labour-Partei will britische Wasserversorgung verstaatlichen" Christian Bunke (27. September 2018)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Labour-Partei-will-britische-Wasserversorgung-verstaatlichen-4175851.html

« Last Edit: September 27, 2018, 11:58:58 AM by Link »

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #24 on: October 01, 2018, 05:27:17 PM »
Quote
[...] „Potente“ Unternehmen „befriedigen“ ihre Gläubiger – allein die Sprache mache deutlich, welche Rolle Sexualität und Religion in unserem Verhältnis zum Geld spielen, sagt der Philologe Jochen Hörisch. Auch die Wirtschaftswissenschaft sei höchst irrational.

...

Rabhansl: 20.000 Euro auf dem Konto oder nicht 20.000 Euro – man könnte denken, das ist eine höchst rationale Zahl. Aber genau mit einem solchen Gedankenexperiment beginnen Sie Ihren Text und sagen „Stimmt nicht“. Warum nicht?

Hörisch: Man muss nicht Philologe sein, um auf die Idee zu kommen, dass das, was da liegt, eine ganz seltsame Zeichenqualität hat. Man fragt sich ja immer, ist an diesem Kontoauszug irgendetwas dran, ist das gedeckt? Und schon der Begriff der Deckung – ein Hengst kann eine Stute decken – ist eigentlich ganz eigentümlich. Und wenn man sich näher heranzoomt, merkt man, dass das Geld mit sehr irrationalen Grundbegrifflichkeiten aus der sexuellen oder aus der religiösen Sphäre, also aus Sphären, die wir ja nicht als sonderlich rational begreifen, verbunden ist. Dann hat man ein Unternehmen, das „potent“ ist. Und wenn es potent ist, dann kann ich meine Gläubiger „befriedigen“.

Was sollen solche Begriffe wie „Potenz“ oder „Gläubiger befriedigen“? Wir merken sehr schnell, auch in der Art und Weise, wie wir psychologisch das Geld besetzen, dass wir ein nicht rationales, ein gieriges, ein eher sexualisiertes, ein gläubiges, ein verrücktes Verhältnis zum Geld haben. Insofern sind die 20.000 nicht bloß eine Ziffer, sondern auch die Bezeichnung für eine eher magische Potenz.

Rabhansl: Zwischen Geld und Schuld, zwischen Schuld und Sünde, da steckt, wie Sie gerade schon gesagt haben, diese Sexualität drin, aber eben auch dieses fast religiöse Verhältnis. Und in Ihrem Text lese ich den bemerkenswerten Satz: „Geld ist gedeckt durch den Glauben an Geld“. Also, wenn Geld nur so lange etwas wert ist, wie wir dran glauben, dass das Geld etwas wert ist, dann müssten wir ja auch eigentlich anders mit Geld umgehen, oder?

Hörisch: Nein. Wir glauben ja auch daran, dass andere an Geld glauben und dann funktioniert. Zoomen wir uns zurück in das Jahr 2008 – und die Älteren unter uns haben gewiss noch in Erinnerung, wie die Bundeskanzlerin, die damals schon Merkel hieß, und der Finanzminister, der Steinbück hieß, vor die Presse traten und die Medien, und sagten, wir garantieren euch, liebe Deutsche, dass eure Einlagen bei den Banken gedeckt sind. Und das hat funktioniert, es gab keinen Bank-Run, weil alle dran geglaubt haben, dass auch andere mitmachen bei diesem Spiel. Ansonsten hätten wir natürlich einen Bankzusammenbruch im allergrößten Maßstab gehabt.

Man muss also dran glauben, dass dieses Geld eine Macht besitzt, sich in etwas anderes zu transformieren, zu wandeln. Solange ich merke, ich schieb einen 50-Euro-Schein rüber und dann ist der Tank voll, merke ich, dass aus der Zeichenhaftigkeit des Geldes was anderes geworden ist. Und das ist den Theologen ein sehr vertrautes Denkmotiv. Es ist das der Transsubstantiation, aus Zeichen, aus einer Oblate, aus Wein wird Christi Leib und Blut. Das wandelt sich, das konvertiert sich, wenn man denn daran glaubt. Und wenn wir daran glauben, dass das Geld wandelnde Kraft hat, dann funktioniert es. Wenn wir nicht dran glauben, siehe im Augenblick etwa Venezuela, dann hat das Geld seine sexuelle und eben auch seine religiöse Kompetenz und Macht eindeutig verloren.

Rabhansl: Dass Geld funktioniert, wenn wir dran glauben, das erleben wir als finanzpolitische Laien im Alltag jeden Augenblick. Aber sieht das bei den Ökonomen, den Wirtschaftswissenschaftlern, wie sie sich nennen, genauso aus?

Hörisch: Die Wirtschaftswissenschaftler werden ja nicht schamrot, wenn sie etwa als Wirtschafts-„Weise“ bezeichnet werden – ein Begriff, der ja heute ganz unzeitgemäß ist. Ich nehme viele, nicht alle, um Gottes Willen, Wirtschaftsweise als diejenigen wahr, die so irrational sind, an ihre eigenen rationalen Modelle zu glauben. Damit das mehr als ein Aperçu ist, will ich einfach erinnern, wie etwa Schrempp, der damals Vorstandssprecher war bei Daimler, mit glänzenden Augen auftrat und sagte, wir haben jetzt eine Hochzeit im Himmel, Daimler und Chrysler machen ein Joint-Venture und vereinen sich. „Hochzeit“ ist ein sexueller Begriff, „Himmel“ ist ein religiöser Begriff. Dann kommen die Wirtschaftswissenschaftler und sagen, wir haben eine Agentur eingeschaltet, nennen wir sie McKinsey oder Hayek, die haben das durchgerechnet, es gibt Skalen, Effekte, das ist eine ganz rationale Geschichte. Man muss nur hinhören und merken, da ist einer mit glänzenden Augen, der sagt „Hochzeit“ und „Himmel“.

Wir merken also, wie viel an Verrücktheit, an Fantasien, an Erlösungshoffnungen da drinsteckt. Und denken Sie an so ein Wort wie „Erlösung“. Noch im ökonomischen Wort „Erlös“, ich erziele einen Erlös, steckt ja was Religiöses. Und auch „Kredit“ und „Schuldner“ sind ja theologische Begriffe. Man hat dann eine Wert-„Schöpfungs“-Kette. Wenn man pleite ist, macht man einen „Offenbarungseid“. Man geht mit den Autos, die man produziert, zur „Messe“, und dann meint man nicht mehr das Hochamt, sondern man meint eben die Industriemesse. Wohin wir also gucken und spucken, merken wir, dass wir religiöse Begrifflichkeit haben in der ökonomischen Sphäre. Und genau das wollen eigentlich viele Wirtschaftswissenschaftler nicht zur Kenntnis nehmen.

Rabhansl: Obwohl es ja weit über solche reine Wortwahl hinausgeht. Wenn zum Beispiel Ökonomen ganz ernsthaft an die berühmte „unsichtbare Hand des Marktes“ glauben, da lese ich bei Ihnen, dass die ökonomische Aufklärung weit hinter den Stand der religiös-theologischen Aufklärung zurückfalle. Wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet in der Ökonomie solche Glaubenssätze bestehen bleiben?

Hörisch: Eben damit, dass man Rationalität und Irrationalität verwechselt, also ernsthaft glaubt, wenn man Mathematik als die Leitwissenschaft einsetzt in einem Bereich, wo sie eigentlich nicht funktioniert, dann verfällt man einem Irrglauben. Das ist so wie das Hexeneinmaleins in Goethes „Faust“. Faust wird ja auch zu einer großen Figur, die ökonomische Reformen voranbringt. Die „Invisible hand“, das ist jedem einigermaßen historisch Gebildeten bei Adam Smith klar, ist die Übersetzung der Hand Gottes, in der wir alle sind, in die ökonomische Sphäre. Es ist also für Adam Smith noch vollkommen klar, dass da eine religiöse Metapher ins Ökonomische fällt, hineinkopiert worden ist.

Rabhansl: Das ist aber ein paar Jahre her.

Hörisch: Das ist aber ein paar Jahre her, aber das ist ein Glaube, der bis heute gilt. Versuchen Sie mal in sich als aufgeklärt begreifenden ökonomischen Milieus zu sagen, Leute, ihr glaubt so an die Invisible hand wie religiöse Leute an die Hand Gottes glauben. Ihr seid die letzten Theologen und die letzten religiösen Fundamentalisten in der wissenschaftlichen Sphäre, dann werden sie nicht auf viel Sympathie treffen. Aber genauso ist das Wort gemeint, das die ökonomische Aufklärung weit hinter der theologischen Aufklärung her ist. Man kann drauf verzichten, auf den lieben Gott zu setzen und an ihn zu glauben. Wer aber nicht an die Invisible hand des Marktes glaubt, der wird keinen Lehrstuhl in der VWL oder in der BWL bekommen.

...


Aus: "Die Irrationalität in der Ökonomie„Wir haben ein sexualisiertes, ein gläubiges Verhältnis zum Geld“"
Jochen Hörisch im Gespräch mit Christian Rabhansl (20.01.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-irrationalitaet-in-der-oekonomie-wir-haben-ein.1270.de.html?dram:article_id=408796


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« Reply #25 on: October 02, 2018, 11:45:45 AM »
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[...] Zuletzt ging es zwischen den Wirtschaftsweisen nicht immer harmonisch zu. Die Nominierung eines neuen Mitglieds sorgt für erhitzte Gemüter.

Der Sachverständigenrat für Wirtschaft (SVR) gilt als wichtigstes wirtschaftspolitisches Beratergremium der Bundesregierung. Die Besetzung des Rats der sogenannten Wirtschaftsweisen ist daher immer ein Politikum. Nun wurde bekannt: Auf Vorschlag der Gewerkschaften wird im März voraussichtlich der Berliner Ökonom Achim Truger das Ratsmitglied Peter Bofinger ersetzen. Sofort hagelte es am Wochenende Protest, allerdings ungewohnt heftigen. Die Gewerkschaften „entsenden einen reinen Vertreter ihrer Interessen in den SVR“, rügte etwa Ratsmitglied Lars Feld auf Twitter.

Seit den sechziger Jahren berät der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – so der volle Name – die Bundesregierung. Zwei Mal im Jahr legt er ein Gutachten vor, in dem es nicht nur um die Konjunktur geht, sondern um alle relevanten wirtschaftspolitischen Fragen: um die Rente, den Arbeitsmarkt, um die Energiepolitik, die Mietpreisbremse oder die Euro-Krise. Der SVR legt damit eine Art offizielle Deutung der Vorgänge in der Wirtschaft vor, er erklärt die Wirklichkeit gemäß ökonomischen Modellen. Doch sind diese Modelle und Deutungen erstens auch unter Ökonomen umstritten. Zweitens geht es bei Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht nur um theoretische Differenzen, sondern auch um praktische Interessensgegensätze, zum Beispiel von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Die Regeln zur Besetzung des SVR versuchen, diesen Gegensätzen gerecht zu werden: Drei der fünf Wirtschaftsweisen beruft das Wirtschaftsministerium, ein Mitglied darf traditionsgemäß von den Unternehmerverbänden vorgeschlagen werden und eines von den Gewerkschaften. So sollen die Interessen von Arbeit und Kapital im SVR vertreten sein. Auf dem sogenannten Arbeitgeberticket sitzt derzeit Volker Wieland im Rat, auf dem Gewerkschaftsticket seit März 2004 der Würzburger Ökonom Bofinger.

Doch in den vergangenen Jahren hat sich der Rat zunehmend gespalten. Statt als Einheit treten die fünf Weisen häufig als 4+1 Weise auf: Die Ratsmehrheit auf der einen Seite, Bofinger auf der anderen. Letzterer spickte die vorgelegten Gutachten regelmäßig mit seinen „abweichenden Meinungen“.

Während Bofingers vier Kollegen warnten, die Einführung eines Mindestlohns werde viele Jobs kosten, sah er keine bedeutsamen Beschäftigungsverluste. Bofinger kritisierte das „uneingeschränkte Vertrauen, das die Mehrheit im Rat in die ordnenden Kräfte der Finanzmärkte setzt“. Er betonte das Problem der wachsenden Ungleichheit in Deutschland und schloss sich dem Lob der Ratsmehrheit für Agenda 2010 und Hartz IV nicht an. Der Schlagabtausch kulminierte vor einem Jahr, als Bofinger eine aktivere Industriepolitik in Deutschland forderte, woraufhin die anderen vier Sachverständigen ihm öffentlich Fehler vorwarfen, die „einem Profi nicht passieren sollten“.

Bofingers dritte Amtszeit läuft im März aus. Und nun haben die Gewerkschaften den Ökonomen Achim Truger als Nachfolger gewählt, berichtete das „Handelsblatt“. Das SPD-Mitglied Truger ist Experte für öffentliche Finanzen und kommt aus dem Gewerkschaftslager. Er arbeitete lange für das gewerkschaftsnahe Institut IMK und lehrt derzeit Makroökonomie an der Hochschule für Recht und Wirtschaft in Berlin. Bekannt ist Truger vor allem durch seine Kritik an der rigiden Sparpolitik in Europa und an der deutschen Schuldenbremse.

In ungewöhnlich scharfer Form kritisierten am Wochenende einige Ökonomen die Nominierung Trugers. Truger habe lange auf der Gehaltsliste der Gewerkschaften gestanden, rügte SVR-Mitglied Lars Feld die Entscheidung: „So höhlt man die gesetzlich gewährte Unabhängigkeit des Gremiums aus.“ Die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel forderte, bei der Besetzung des Rats müsse „die wissenschaftliche Qualifikation an oberster Stelle stehen“, und diese Qualifikation zeige sich unter anderem in Publikationen in international anerkannten Fachzeitschriften.

Der Ökonom Justus Haucap kommentierte die Wahl Trugers mit: „Den Gewerkschaften ist der SVR offenbar völlig egal“. Für seinen Kollegen Philip Jung von der TU Dortmund „desavouieren die Gewerkschaften den SVR als wissenschaftliches Gremium“. Gewerkschaftsnahe Ökonomen hielten am Wochenende dagegen: „Truger kennt die deutsche Finanzpolitik wie kaum ein anderer“, so IMK-Ökonom Sebastian Gechert. Andrew Watt, Leiter der IMK-Abteilung für europäische Wirtschaftspolitik, schrieb, Bofinger sei zwar schwer zu ersetzen, aber Truger sei eine „hervorragende Wahl“.

Eine Zwischenposition nahm der Ökonom Rudolf Bachmann ein, der befürchtet, dass im SVR künftig „linke Themen noch weniger eine Rolle spielen werden, weil sie zu leicht mit Unwissenschaftlichkeit beschmiert werden können. Das können die Gewerkschaften nicht wollen.“ Bachmann hätte lieber andere Kandidaten – zum Beispiel den Düsseldorfer Ökonomen Jens Südekum – an Trugers Stelle gesehen.

Für dauerhafte Differenzen unter den Wirtschaftsweisen ist also gesorgt, sollte Truger tatsächlich berufen werden. Der Ökonom sieht darin kein Problem: „In der Volkswirtschaftslehre gibt es nicht die eine richtige Politikempfehlung“, sagte er dem „Handelsblatt“. Wenn es um ökonomische Zusammenhänge gehe, dann gebe es unterschiedliche Modelle und damit auch unterschiedliche wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen. Er „fände es gut, wenn sich in den Schlussfolgerungen das große Spektrum der in der Volkswirtschaftslehre vertretenen Ansätze widerspiegeln würde“.


Aus: "Alle gegen einen" Stephan Kaufmann (02.10.2018)
Quelle: http://www.fr.de/wirtschaft/wirtschaftsweise-alle-gegen-einen-a-1593150

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #26 on: October 18, 2018, 10:17:46 PM »
Quote
[...] David Graeber, einer der Köpfe der Occupy-Bewegung, sieht eine sinnentleerte neue Arbeitswelt – und fordert das bedingungslose Grundeinkommen.

Durch Digitalisierung und Automatisierung entstehen zunehmend sinnlose Jobs, beklagt David Graeber, Anthropologe von der London School of Economics. Der gebürtige US-Amerikaner ist als Kopf der Occupy-Bewegung berühmt geworden. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Bullshit-Jobs“ beklagt er die sinnentleerte neue Arbeitswelt.

„Es ist offensichtlich, dass die Herstellung von Gütern produktiver und effizienter wird, wenn sie digitalisiert wird. Dann brauchen Sie weniger Mitarbeiter“, so der Forscher in einem Interview mit Technology Review. Das aber habe nicht zu sinkenden Beschäftigungszahlen geführt, sondern zur Ausweitung bei administrativen Jobs und Managertätigkeiten. Viele davon seien jedoch Bullshit-Jobs. „Das ist ein Job, von dem die Leute, die ihn machen, glauben: Wenn es diesen Job nicht gäbe, würde dies nicht auffallen, würden die Dinge sogar ein wenig besser“, sagt Graeber.

„Mir schrieb jemand, dass er 15 Jahre bei einer Bank als Effizienzexperte gearbeitet hat. Seine Aufgabe war herauszufinden, wie man überflüssige Stellen loswerden kann. Er fand heraus, dass 80 Prozent aller Arbeitsplätze in der Bank ohne Weiteres gestrichen werden können. Aber die Bank hat seine Vorschläge nie angenommen. Immer wenn er einen Vorschlag machte, bedeutete das, dass irgendwelche Manager einen Teil des Teams verlieren würden, das sie so wichtig erscheinen lässt. Also haben sie den Vorschlag blockiert. Der Mann hat irgendwann gemerkt, dass er nur da ist, damit die Bank behaupten kann, es würde sich jemand um die Unternehmenseffizienz kümmern.“

Die Ursache liegt für Graeber in einer „finanzialisierten Wirtschaft“, also im Übergewicht des Finanzwesens gegenüber der Produktion von Gütern. „Wenn Sie Unternehmen wie ExxonMobil oder JP Morgan Chase betrachten, machen diese Riesen ihre Profite, indem sie sogenannte regulierte Renten beziehen, über Steuererleichterungen oder die Finanzmärkte. Die Regierungen setzen die Rahmenbedingungen dafür. Und wenn so viel Geld zirkuliert, ist Effizienz eine schlechte Idee.“ Linke wie rechte Politiker versprechen aus nachvollziehbaren Gründen mehr Arbeitsplätze. „Keiner sagt jedoch, dass sie nur nützliche Jobs schaffen wollen.“

Für Graeber liegt die Lösung daher im bedingungslosen Grundeinkommen. "Ein Riesenproblem ist ja, dass Menschen umso weniger verdienen, je nützlicher ihr Job ist. Wenn Menschen nicht mehr gezwungen sein sollen, Bullshit-Jobs anzunehmen, sehe ich nur eine Lösung: ihnen ein bedingungsloses Grundeinkommen zu zahlen.“


Aus: "Anthropologe: "Menschen verdienen umso weniger, je nützlicher ihr Job ist."" Nils Boeing (17.10.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Anthropologe-Menschen-verdienen-umso-weniger-je-nuetzlicher-ihr-Job-ist-4192979.html


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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #27 on: November 12, 2018, 07:34:55 PM »
"Vom Segen der Privatisierung" Christian Bunke (12. November 2018)
In Großbritannien begann vor 25 Jahren der Siegeszug der Privatisierung mit der Eisenbahn, das neoliberale Versprechen kam und kommt dem Steuerzahler teuer zu stehen ...
https://www.heise.de/tp/features/Vom-Segen-der-Privatisierung-4218330.html

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"‚RIPMARK‘ von Rocco und seine Brüder & HERA – Eine Friedhof-Installation vor PRIMARK-Filiale in Berlin" (2018)
Warum sind die Preise bei vielen großen Modeketten eigentlich so verlockend billig? Vermutlich, weil andere dafür einen hohen Preis zahlen! Das Kollektiv Rocco und seine Brüder haben erstmals zusammen mit der Künstlerin HERA (von HERAKUT) eine gemeinschaftliche Kunst-Installation im öffentlichen Raum errichtet und wollen damit auf die ausbeuterischen und gefährlichen Umstände in der Textil- und Modefertigung aufmerksam machen.
https://www.notesofberlin.com/ripmark-installation-vor-primark-filiale-in-berlin/

« Last Edit: November 13, 2018, 07:37:50 AM by Link »

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #28 on: December 28, 2018, 01:05:57 PM »
"35C3: Der Chaos Communication Congress, das digitale Prekariat und das bedingungslose Grundeinkommen" Detlef Borchers  (27.12.2018)
Guy Standing vom Basic Income Network eröffnete den Chaos Communication Congress in Leipzig mit einem Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen. Die Hacker sind wieder in Leipzig und suchen gemeinsam nach Wegen, wie die Bewegung rund um den Chaos Computer Club "vielfältiger und ideenreicher" auftreten kann. "Refreshing Memories", den Arbeitsspeicher zwischen den Ohren auffrischen und gleichzeitig Traditionen weiterreichen, das soll das Motto des 35. Kongresses sein. Neben den üblichen Vorträgen über Sicherheits- und Gesellschaftslücken gibt es erstmals "Foundation Talks" für den Nachwuchs: Wie funktioniert nochmal das Internet und was hat es mit dieser Hackerethik auf sich? Der Kongress wurde indes mit einem ganz anderen und sehr politischen Thema eröffnet. Der britische Ökonom Guy Standing hielt ein wuchtiges Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen. Gerade die Mehrheit der jungen, gut ausgebildeten Kongressbesucher gehören seiner Ansicht nach zu dem Teil des Prekariat, dass mit einem solchen Grundeinkommen sinnvolle Arbeit leisten kann und nicht in irgendwelchen Jobs versauern muss.
Auf fünf Bühnen läuft zum 35. Chaos Communication Congress ein vielfältiges Programm, das im Livestream verfolgt werden kann und recht schnell auch als Video zur Verfügung steht. Zwei Hallen voller Assemblies sind abgedunkelt, damit die Hacker im Hoodie auch am hellichten Tag den nötigen nächtlichen Flow haben, den sie suchen. Rings herum: viele neugierige Besucher, die ihren ersten Kongress besuchen und viele Fragen haben. "Sprecht miteinander, knüpft neue Freundschaften, lasst uns eine neue Erinnerung bauen, eine, die man sich für immer gern erinnert", hieß es zum Auftakt des Kongresses. ...
Der Ökonom Guy Standing beschäftigt sich seit Jahren mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und studierte die Möglichkeiten in so unterschiedlichen Ländern wie Indien und der Schweiz. Für westliche Gesellschaften hält er an der Idee eines Prekariats fest, das mit dem Kollaps der ökonomischen Transformation seit den 80er Jahren entstand. 1994 sei es der USA gelungen, ihr System der Eigentumsrechte weltweit durchzusetzen, mit Big Pharma, Big Finance und Big Tech als tragende Säulen dieser Rechte. Von diesem System profitierten Superreiche in einem obzönen Ausmaß, erklärte Standing den Zuhörern in Leipzig.
Das Gegenstück bilde das Prekariat, dass er aus drei große Gruppen besteht: Einmal aus der abgehängten alten Arbeiterklasse, die ein verlorenes Gestern verklärt und sich für US-Präsident Trump oder den Brexit stark mache. Die zweite Gruppe bestehe aus Migranten und anderen Minderheiten, häufig traumatisisert und nur vom Wunsch beseelt, eine Heimat und wieder eine Zukunft zu haben. ...
https://www.heise.de/newsticker/meldung/35C3-Der-Chaos-Communication-Congress-das-Prekariat-und-das-bedingungslose-Grundeinkommen-4259522.html

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"The Precariat: A Disruptive Class for Disruptive Times. Why and How the Precariat will define the Global Transformation to save our planet." Guy Standing  (2018-12-27)
The combination of the ongoing technological revolution, globalisation and what are usually called 'neo-liberal' economic policies has generated a global system of rentier capitalism in which property rights have supplanted free market principles and in which a new global class structure has taken shape. The 20th century income distribution system has broken down irretrievably, and a new mass class, the precariat has been growing dramatically fast in every part of the world. What are the deeper reasons for these developments? How does an ecologically sustainable strategy look like? Is it possible to restore a balanced market economy in which inequalities and insecurities will lessen and in which the drift to populist and even neo-fascist politics will be reversed? This talk will try to provide answers. ...
https://media.ccc.de/v/35c3-10021-the_precariat_a_disruptive_class_for_disruptive_times#t=188

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"Most Americans want a 70% tax rate on earnings over $10,000,000" Cory Doctorow (9:30 am Wed Jan 16, 2019)
 During a 60 Minutes interview Alexandria Ocasio-Cortez casually mentioned that she thought that America's super-rich should pay a marginal tax-rate of 70% on annual earnings over $10,000,000 (which is a better deal than they got under Reagan); since then, the proposal has roiled the political classes and billionaire-backed news outlets, who coincidentally oppose taxing billionaires.
Though the establishments of the Democratic and Republican parties have scrambled to brand this proposal "unworkable" and "radical," there's another group of people who really like the sound of it: voters, including Republican voters.
A newly released Hill-HarrisX poll found that 59% of registered US voters support the proposal, and that breaks down to 62% of women, 55% of men, 57% of southerners, 56% of rural voters, 60% of independents, 71% of Democrats, and even 45% of Republicans.
The establishment has attributed AOC's incredible reach and influence to many factors -- her physical attractiveness, her ignorance, or some kind of witchy, indefinable charisma. ...
https://boingboing.net/2019/01/16/nowhere-to-run.html via https://www.nakedcapitalism.com/
« Last Edit: January 16, 2019, 07:13:35 PM by Link »

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Kapitalismus & Kapitalismuskritik ...
« Reply #29 on: January 31, 2019, 09:51:20 AM »
Quote
[...] Die Titel seiner Bücher sprechen für sich: "Rating-Agenturen, Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart", "Heuschrecken im öffentlichen Raum – Public Private Partnership – Anatomie eines globalen Finanzinstruments". Auch in der Aufsatzsammlung "Fassadendemokratie und tiefer Staat" ist er mit einem Beitrag vertreten. Werner Rügemer, der in Bremen Philosophie studiert hat, ist ein ebenso unerschrockener wie unbequemer Analytiker, wenn es darum geht, komplexe Verflechtungen in der globalisierten Finanzwelt aufzudecken. ...

... Ein Sündenfall sei gewesen, dass die Treuhand 1990 US-amerikanische Wirtschaftsberater wie McKinsey, Ernst & Young oder Price Waterhouse Coopers eingeladen habe, zu taxieren, wie viel die rund 8000 DDR-Betriebe auf dem Weltmarkt denn wohl wert wären, sagte Rügemer. Unternehmen wie Robotron etwa wurden auf umgerechnet fünf Euro (zehn D-Mark) veranschlagt und verkauft. Die Investoren hätten durchschnittlich umgerechnet 15 Millionen Euro an Subventionen pro Fall bekommen. Dieser Ausverkauf der DDR-Unternehmen habe nach nur vier Jahren mit einem satten Minus von umgerechnet 135 Milliarden Euro geendet. "Ein Defizit, das komplett vom Bundeshaushalt übernommen wurde."

... Nach der Abwicklung der DDR-Betriebe kam die neoliberale Privatisierungsbewegung von 1995 bis 2005 in Deutschland erst so richtig in Schwung. "Es erfolgte eine Dauerbeauftragung amerikanischer Privatisierungsberater und ihrer Investoren", sagte Rügemer. In 150 deutschen Städten war ein  Ausverkauf der Infrastruktur zu verzeichnen, nach dem Prinzip "Crossborder Leasing": Beispielsweise wurde die Stromversorgung an private Unternehmen verkauft, die dann  die Strompreise stark erhöhen konnten. In Bremen wurde unter anderem in Zusammenhang mit dem Klinikum Mitte über Public Private Partnership (PPP) gestritten, auch in einer Diskussionsrunde in der Villa Ichon. "So wird der privatisierte Staat zum unmittelbaren Exekutor der minderheitlichen Interessen von privaten Eigentümern", kommentiert Rügermer die Entwicklung. Schon der Bundesrechnungshof habe davor gewarnt, dass durch die Privatisierung wichtiger Aufgaben die Gestaltungskompetenz des modernen Staates eingeschränkt werde. So wurde etwa die Kölner Kanalisation samt Stadtwerken für zwei Milliarden Euro an die Fidelity Bank in Oklahoma verkauft und dann zurück gemietet. Der Haken an der Sache laut Rügemer: Die Städte trügen trotzdem alle infrastrukturellen Risiken. Und gutgläubige Politiker hätten meist nicht einmal die bis zu 2000 Seiten dicken Verträge gelesen.

Werner Rügemer hat auch aufgedeckt, dass die drei marktbeherrschenden Rating-Agenturen Eigentum von Hedge- und Investmentfonds der Banken sind, die eben von Gefälligkeits-Bewertungen der Agenturen profitieren. Die Macht der Beraterunternehmen habe sich inzwischen verselbstständigt, kritisiert er. Ursprünglich waren sie in der Zeit des US-Präsidenten Roosevelt per Gesetz als Kontrollinstanz gegen Bilanzfälschung und als Reaktion auf den Börsencrash von 1928 ins Leben gerufen worden. Wirtschaftsberatungsunternehmen aber würden heute von denjenigen Aktiengesellschaften bezahlt, die sie prüfen sollen, sagte Rügemer. Der Geprüfte wähle den Prüfer aus, der häufig gleichzeitig der Steuerberater des Unternehmens sei und  satte Gewinne mache. "Das ist ein pervertiertes System!", schimpfte Rügemer. Und deshalb habe das Frühwarnsystem 2008 bei der großen Banken- und Weltwirtschaftskrise versagt.

Aber auch Investment-Banken wie Goldman Sachs nähmen Einfluss auf die Bundesregierung: "Jörg Kukies ging in den 15 Jahren als Chef der deutschen Niederlassung von Goldman Sachs im Bundeskanzleramt ein und aus", sagte Werner Rügemer. Selbst das "Manager Magazin" habe anlässlich der Berufung von Jörg Kukies zum Staatssekretär ins Finanzressort geschrieben: "Scholz macht Brandstifter zur Feuerwehr!"  Erster, zarter Widerstand gegen diese unguten Entwicklungen rege sich nun, sagte Rügemer und nannte Bürgerinitiativen wie "Gemeingut – Bürgerhand".


Aus: "Von der Macht der Beratungsunternehmen: Der Ausverkauf des Staates" Sigrid Schuer (23.03.2018)
Quelle: https://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteile/stadtteile-bremen-mitte_artikel,-der-ausverkauf-des-staates-_arid,1713476.html

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Quote
[...] Am 8.1. 2019 wurde nach fünf Jahren das Gerichtsverfahren gegen den Lobby- und Privatisierungskritiker Werner Rügemer eingestellt. Telepolis sprach mit dem Autoren, der sich hierzulande einen Namen als Aufdecker heikler, meist skandalöser Bereiche im politisch-wirtschaftlichen Betriebssystem gemacht hat ...

Herr Rügemer, Sie sind von Prof. Dr. Klaus Zimmermann verklagt worden. Wer ist Herr Zimmermann, welche Posten bekleidet er und was waren seine Gründe?
Werner Rügemer: Herr Zimmermann war damals, 2013, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit, IZA, in Bonn. Das Institut war 1998 von Klaus Zumwinkel gegründet worden, Chef der Deutschen Post. Zumwinkel kam von McKinsey und hatte im Auftrag der Bundesregierung die Bundespost privatisiert. Das IZA sollte die Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse wissenschaftlich absichern, auch bei weiteren Privatisierungen. Das IZA hat dann auch bei den Hartz-Gesetzen beraten. Zimmermann war damals einer der führenden neoliberalen Ökonomen. Er war gleichzeitig Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW, in Berlin.
Ich hatte in den Blätter(n) für deutsche und internationale Politik einen Artikel veröffentlicht: "Die unterwanderte Demokratie. Lobbyisten auf dem Marsch durch die Institutionen". Darin hatte ich Unternehmensberater wie McKinsey, Wirtschaftsprüfer wie Price Waterhouse Coopers und Wirtschaftskanzleien wie Freshfields dargestellt. Sie waren zu Dauerberatern des Staates aufgerückt, gleichzeitig aber bekamen sie weiter Aufträge von privaten Unternehmen und Banken.
Als Lobbyisten, die damit nicht einfach von außen an den Staat herantreten wie etwa der Unternehmerverband BDI, sondern schon Teil des Staates sind, hatte ich auch Institute dargestellt. Sie werden von privaten Unternehmen finanziert, haben aber eine universitäre Tarnkappe. Dazu gehört das Zentrum für Arbeitsrecht und Arbeitsbeziehungen, ZAAR.
Das Zentrum, seine drei Professoren, das weitere Personal, die Bibliothek werden ausschließlich von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie Bayerns und Baden-Württembergs und dem Arbeitgeberverband Chemie finanziert. Das Zentrum firmiert aber nach außen als Institut der staatlichen Universität München.
Ähnlich ist es beim IZA: Es wird von der Stiftung der Deutschen Post finanziert, Präsident der Stiftung ist Zumwinkel. Gleichzeitig firmiert das IZA als Einrichtung der staatlichen Universität Bonn, die für Zimmermann eine neue Professorenstelle einrichtete. Er tat sich durch Interviews und Artikel in unternehmensnahen Medien hervor, etwa mit Polemik gegen den Mindestlohn und mit der Forderung nach verlängerter Arbeitszeit. Dabei wurde seine Funktion als Direktor des IZA erwähnt, aber nicht die private Finanzierung.

TP: Was hat Herr Zimmermann konkret moniert?


Werner Rügemer: Zimmermann ließ mir und der Zeitschrift durch einstweilige Verfügung über die Pressekammer des Landgerichts Hamburg vier Aussagen verbieten:

  1)  "faktenwidrig bezeichnet sich das Institut als unabhängig."
  2)  "Von freier Wissenschaft kann hier beim besten Willen nicht gesprochen werden."
  3)  "Das IZA betreibt Lobbying zugunsten der Unternehmer."
  4)  "Die Finanzierung durch die Deutsche Post AG ist dem breiten Publikum unbekannt."


TP: Was wurde Ihnen angedroht?

Werner Rügemer: Bei Wiederholung der fraglichen Aussagen wird ein Ordnungsgeld bis zu 250.000 Euro oder eine Ordnungshaft bis zu zwei Jahren fällig. Den Streitwert legte das Gericht auf 80.000 Euro fest. Ich widersprach der Verfügung, deshalb mussten die Vorwürfe in einem Hauptverfahren geklärt werden. Zimmermann erhob eine sogenannte Hauptsachenklage.
Er ließ sich durch die Bonner Kanzlei Redeker Sellner Dahs vertreten. Das ist eine "renommierte" Großkanzlei mit einer eigenen Medienrechtsabteilung. Mandanten waren etwa Helmut Kohl, Bundespräsident Christian Wulff, Papst Benedikt XVI. und Angela Merkel. Zimmermann maß somit auch durch die Wahl der Kanzlei dem Verfahren eine gewisse Bedeutung zu.
Was viele nicht wissen: Im Medienrecht gilt der "fliegende Gerichtsstand". Eine Zeitung oder Zeitschrift kann man überall lesen. Deshalb kann überall geklagt werden. Zimmermann wählte Hamburg. Die dortige Pressekammer gilt als die unternehmerfreundlichste in Deutschland.

TP: Wie lange hat sich das Verfahren hingezogen?

Werner Rügemer: Das Verfahren zog sich fünf Jahre hin. Das Landgericht schlug in zwei Verhandlungen Vergleiche vor. Zimmermann, aber auch ich stimmten nicht zu. Deshalb landete das Verfahren beim Oberlandesgericht. Das ließ das Verfahren drei Jahre liegen.
Dann entdeckte mein Anwalt Eberhard Reinecke 2018 eine neue Klausel im Gerichts-Verfahrensgesetz: Danach kann man bei unbegründeter Verzögerung pro Jahr eine Entschädigung bis zu 1.200 Euro erhalten. Wir verlangten das. Umgehend überwies der Finanzsenator der Freien und Hansestadt Hamburg im Dezember 2018 mir die 1.200 Euro, sozusagen als unverhofftes Weihnachtsgeschenk. Der Finanzsenator bezahlte auch die Rechnung meines Anwalts.
Gleichzeitig setzte das OLG Hamburg kurzfristig einen Verhandlungstermin für den 8.1.2019 fest. Daraufhin zogen Herr Zimmermann, beziehungsweise das IZA, sofort ihre Klage zurück und zwar vollständig. Der Termin wurde aufgehoben.

...

TP: Nun hat also Professor Zimmermann die Klage zurückgezogen. Können Sie sich vorstellen warum?

Werner Rügemer: Dem Sponsor Deutsche Post wurde das Verhalten Zimmermanns während des Verfahrens zunehmend unangenehm. Zimmermann hatte die vom Landgericht vorgeschlagenen Vergleiche auf der IZA-Website jeweils sofort als seine vollständigen Siege ausgegeben. Insbesondere das Handelsblatt berichtete ausführlich über das Verfahren, berichtete auch über dubiose Gutachten des Instituts.
Zimmermann hatte 2011 als Präsident des DIW zurücktreten müssen: Der Berliner Rechnungshof hatte die Verschwendung von Fördergeldern, zu häufige Abwesenheit und Unregelmäßigkeiten bei Abrechnungen moniert. Deutsche Post und Zumwinkel und viele internationale Ökonomie-Institutionen wie die Europäische Kommission und die Weltbank hielten allerdings an ihm fest ebenso die Universität Bonn. "Unregelmäßigkeiten" und multifunktionale Selbstbereicherung scheinen organisch zu der hier vertretenen Ökonomie zu gehören.
Das Image der Deutschen Post und ihrer Stiftung standen dann doch infrage. Deshalb wurde Zimmermann Ende 2015 auch als IZA-Direktor entlassen.
Eine Rolle mag dabei auch die Solidarität gespielt haben, die ich erfuhr. Zum einen hat die aktion gegen arbeitsunrecht das Solidaritätskonto "Meinungsfreiheit in der Arbeitswelt" eingerichtet. Darauf gingen zahlreiche Spenden ein. Die mehreren tausend Euro Verfahrenskosten konnten dadurch gedeckt werden und ich konnte das Verfahren durchhalten.

Schließlich haben 53 Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats von attac 2014 eine Solidaritätserklärung veröffentlicht, einen Offenen Brief an Professor Zimmermann: "Wir halten Rügemers Darstellung für zutreffend! Verklagen Sie uns auch!" Der Offene Brief war von Prof. Elmar Altvater initiiert worden.
Zu den Unterzeichnern gehörten u.a. Armin Bernhard, Claudia von Braunmühl, Christoph Butterwegge, Klaus Dörre, Ulrich Duchrow, Heide Gerstenberger, Peter Grottian, Andreas Fisahn, Frigga Haug, Clemens Knobloch, Lydia Krüger, Hans-Jürgen Krysmanski, Stephan Lessenich, Ingrid Lohmann, Birgit Mahnkopf, Mohssen Massarat, Jürgen Schutte, Christa Wichterich, Winfried Wolf. Auch der Schriftstellerverband PEN Deutschland hatte bei seiner Jahrestagung 2014 eine Solidaritätserklärung beschlossen.

TP:Sie sind in Ihrem Leben nicht zum ersten Mal verklagt worden. Wie oft wurde vor dem Gericht dem Kläger Recht gegeben?

Werner Rügemer: Seit 1993 wurde ich mit etwa zwei Dutzend Verleumdungsklagen und Unterlassungsforderungen überzogen, vor allem durch Politiker und Banker. Beim ersten Mal, als mir an einem Samstagvormittag zuhause durch persönlichen Boten die Klage mit einer Strafdrohung von 250.000 Mark übergeben wurde, war ich total verängstigt. Mit der Zeit entwickelte ich Routine und Gelassenheit, auch mithilfe meines Anwalts.

Das Schema bei den Klägern und bei den Gerichten ist etwa wie folgt: Die Kläger wollen ihrem Milieu demonstrieren, dass sie die "Vorwürfe" nicht auf sich sitzen lassen, fordern Unterlassung oder gehen gleich vor Gericht. Einem amtierenden Politiker und Unternehmenschef, die zudem eine strafbewehrte Eidesstattliche Erklärung beifügen, glauben deutsche Gerichte in erster Instanz immer. Meist wird auch Eilbedürftigkeit angemahnt. Deshalb wird der Beklagte wie ich erstmal nicht angehört.
Viele Beklagte wie die Blätter für deutsche und internationale Politik geben in dieser Phase auf. Sie wollen keinen Ärger, freuen sich, wenn sie mit ein paar hundert Euro Anfangskosten herauskommen und löschen die fragliche Veröffentlichung oder wiederholen sie nicht.
Das hat allerdings teilweise fatale Folgen. Die ersten harten Verfahren gegen Veröffentlichungen von mir richteten sich in den 1990er Jahren gleichzeitig gegen die Kölner StadtRevue. Sie veröffentlichte meine Titelgeschichten über den "Kölner Klüngel". Kläger waren etwa der Kölner Oberbürgermeister, der Oberstadtdirektor und der Präsident des 1. FC Köln.

Als bei der Verleumdungsklage des Oberbürgermeisters, dessen zahlreiche Nebeneinkünfte ich beschrieben hatte, ein Bußgeld von 40.000 Mark drohte, kündigte die Redaktion die Zusammenarbeit mit mir: Die sei existenzbedrohend. Das änderte sich auch nicht, als das höhere Gericht das Verfahren einstellte.
Wenn man sich wehrt, steigen die Aussichten von Instanz zu Instanz, wenn auch nicht immer. Da sind die Richter verpflichtet, sich genauer in die Materie einzuarbeiten. In den meisten Verfahren wurden die Ermittlungen gegen mich eingestellt.
In einem wichtigen Fall, einer Klage der Bank Sal. Oppenheim, damals 2006 noch die größte Privatbank Europas, ergab sich in der letzten Instanz, dem Berliner Kammergericht, ein Vergleich: Von den 22 Unterlassungsforderungen blieben 10 übrig.

Entsprechend wurden die Gesamtkosten dann aufgeteilt. Allerdings ging kurz darauf die Bank pleite, sie wurde von der Deutschen Bank aufgekauft: Die stellte den Rest der ebenfalls noch anhängigen Klagen sofort ersatzlos ein.


Aus: "Klage gegen Lobbyismus-Kritiker Rügemer zurückgezogen" Reinhard Jellen (30. Januar 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Klage-gegen-Lobbyismus-Kritiker-Ruegemer-zurueckgezogen-4292880.html?seite=all

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[...] Sie werfen tiefe Schatten über Friedrich Merz' Kandidatur um den CDU-Vorsitz: Seine Verbindungen zur Investmentindustrie. In der Kritik steht vor allem sein Job als Aufsichtsratschef bei BlackRock, der wohl mächtigsten Schattenbank weltweit. ... Dass CDU-Politiker enge Beziehungen zur Wirtschaft pflegen ist eigentlich nichts Neues - doch laut Rügemer und Grottian hat das Ganze im Fall Merz ein völlig neues Ausmaß angenommen. "Die Macht des Kapitals bei den CDU-Regierungen war immer mehr oder weniger irgendwie verdeckt - hat also nicht die Repräsentanz in der obersten politischen Spitze angestrebt. Und das ist jetzt mit Merz anders", so Rügemer. "Der vom größten Kapitalunternehmen der westlichen Welt zum deutschen Aufsichtsratsvorsitzenden ernannte oberste bezahlte Lobbyist soll nicht nur - wie bisher - im Kanzleramt [verkehren], sondern möchte jetzt CDU-Vorsitzender und Bundeskanzler werden." ...


Aus: "Friedrich Merz, Vertreter der Finanzwelt?" Ben Knight (01.12.2018)
Quelle: https://www.dw.com/de/friedrich-merz-vertreter-der-finanzwelt/a-46527408

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[...] Der Kölner Publizist und Vorsitzender der Aktion gegen Arbeitsunrecht referiert über US-Investoren, die sich seit Ende der 1990er Jahren unter den Regierungen von Gerhard Schröder und Angela Merkel in tausende der wichtigsten Unternehmen in Deutschland eingekauft haben. Die großen Kapitalorganisatoren vom Typ „Blackrock“ sind die Haupteigentümer aller 30 DAX-Konzerne, organisieren etwa die Fusion von Bayer und Monsanto. Private Equity-Investoren haben über 10.000 gut gehende Mittelstandsfirmen aufgekauft, verwertet, an die Börse gebracht oder weiterverkauft. Ebenso geht es in dem Vortrag um die von Werner Rügemer so genannte „zivile Privatarmee des internationalen Kapitals“ mit den Abteilungen Unternehmensberatung, Wirtschaftsprüfung, Wirtschaftsrecht und Rating. ...


Aus: "Vortrag mit Werner Rügemer über den „Blackrock-Kapitalismus“" (24. Januar 2019)
Quelle: https://www.lokalkompass.de/hagen/c-politik/vortrag-mit-werner-ruegemer-ueber-den-blackrock-kapitalismus_a1061736

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Quote
[...] Etwa zwei Dutzend Schattenbanken spielen heute in der Oberliga der westlichen Wirtschaft. Blackrock ist der größte dieser Kapitalorganisatoren, mit den etwas kleineren Vanguard und State Street bildet Blackrock die Führungsgruppe der „Big Three“.

Sie alle arbeiten mit dem Kapital der Superreichen, der Multimilliardäre und Multimillionäre. Unternehmerclans, Topmanager, Unternehmensstiftungen, Pensionsfonds und Versicherungen gehören dazu, deren flüssiges Kapital an Blackrock & Co. weitergereicht wird mit der Erwartung: Macht was draus – und zwar höheren Gewinn als in meiner bisherigen Bank oder in meinem eigenen Unternehmen!

Blackrock trägt zu Steuervermeidung im großen Stil bei. Denn wenn die Superreichen ihre Millionen Blackrock anvertrauen, der Kapitalorganisator damit etwa 7,86 Prozent der Eon-Aktien zusammenkauft und zum größten Eigentümer des Energiekonzerns wird, dann lässt Blackrock dafür 152 Blackrock-Tochterfirmen gründen. Das sind 152 Briefkastenfirmen, die über ein Dutzend Finanzoasen verteilt sind: Wilmington im winzigen US-Bundesstaat Delaware – dort hat Blackrock selbst seinen rechtlichen Sitz –, Luxemburg, die Niederlande, die britische Insel Jersey oder Singapur. Rechnet man das hoch, dürften also die Aktien, die Blackrock für seine Kunden allein in den 30 DAX-Konzernen hält, auf etwa 5.000 Briefkastenfirmen verteilt sein. Ob Bundesfinanzminister Olaf Scholz davon schon gehört hat? Was sagt sein Staatssekretär Jörg Kukies dazu? Kukies war vormals bei Goldman Sachs – Blackrock ist dort Großaktionär. ...


Aus: "Die im Dunkeln" Werner Rügemer (Ausgabe 47/2018)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-im-dunkeln

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Herr Keuner | Community


Ja, Blackrock ist schon ein Phänomen. DAs Unternehmen berät Politik und Wirtschaft und kann so ein für Blackrock günstiges Umfeld schaffen. Auf Grund von Insiderwissen kann es "legal" den Markt manipulieren. Kontrolliert wird es von jenen, die von dieser Praxis profitieren. Ein wirtschaftliches Perpetum Mobile, das zeigte, was passiert wenn sich Macht zu stark konzentriert. ...


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Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #30 on: March 06, 2019, 09:13:23 AM »
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Griesoss1 #18

Wir leben in perversen Zeiten! Ein oder, global betrachtet, von mir aus mehrere Gesellschafts bzw Wirtschaftssysteme, die es erlauben, dass nicht wenige Menschen innerhalb weniger Jahre ein Vermögen von 10, 20, 30, 40 , bis hin zu über 100 Milliarden € "erarbeiten" können. Dass diese Vermögen Schwankungen unterliegen ist klar, kann man aber bei diesen Größenordnungen vernachlässigen.


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[...]  sittingbull #13

... das jährliche Schaulaufen der Forbes-Liste [ist] mit einer Fieberkurve zu vergleichen, die den Grad der Krankheit unseres wahnwitzigen Gesellschaftssystems ausdrückt.



Kommentar zu: "Milliardärs-Ranking: Mark Zuckerberg fällt in "Forbes"-Reichenliste um drei Plätze" (6. März 2019)
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-03/forbes-milliardaers-ranking-mark-zuckerberg-faellt-reichenliste