Author Topic: Filmgeschichte...  (Read 47345 times)

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Filmgeschichte...
« Reply #20 on: October 14, 2021, 12:40:51 PM »
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[...]  Eine Ausstellung im Pariser Musée d’ Orsay zeichnet in über 400 Objekten die Geburt des Kinos im 19. Jahrhunderts nach.  ...

... Als die Gebrüder Lumière 1895 in Paris ihre ersten Filme zeigten, kündigten sie sie als „bewegte Fotografien“ an. Damit ist über die Herkunft des Films alles gesagt; und dies nicht einmal im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich, besteht doch der herkömmliche Kinofilm aus unendlich vielen, einzelnen Fotografien, deren schneller Durchlauf durch den Projektionsapparat im menschlichen Auge (und Hirn) die Illusion eines bewegten Bildes erzeugt. Kulturhistorisch gesehen, reichen die Wurzeln des Films weiter als nur bis in die Fotografie. Das Kino tritt das Erbe an von Varieté und Zirkus, von Horrorkabinetten und Monstrositäten. Es war in seinen Jugendjahren mehr denn je danach ein Unterhaltungsmedium, ein Vergnügen für die Massen.

Das Pariser Musée d'Orsay als Museum des 19. Jahrhunderts ist prädestiniert, eine Ausstellung weniger zur Geschichte des Films als zu dessen kulturhistorischer Einbettung zu machen. „Endlich Kino!“ versammelt rund 400 Objekte, vor allem aus dem Bereich der bildenden Kunst und der Fotografie, aber ebenso an historischer Technik und an jenen ephemeren Dingen wie Plakaten und Handzetteln, die die Frühzeit des Kinos begleiten.


... Der „Voyeur“ kommt als Begriff um 1880 auf, und wiederum ist die Kamera das passende Medium: Sie blickt buchstäblich durchs Schlüsselloch auf nackte, sich räkelnde Körper. Sie entdeckt ebenso das verborgene historische Ereignis, am liebsten Attentate, und natürlich schweift sie in die Ferne, von wo sie Bilder von Karawanen oder Erdölfeldern mitbringt. Die ersten Vorführungen finden im Varieté statt, als Teil eines Programms mit Clowns und Akrobaten. Um 1906 schließlich verfestigt sich der Film und erhält eigene Abspielorte. Das Spektakel vor zufälliger Menge, wie auf dem Rummelplatz, weicht der geregelten Vorführung vor zahlendem Publikum. Das Kino entwächst den Kinderschuhen und wird zur gesellschaftlichen Veranstaltung, aus „U“ wird mehr „E“. Aber welchen Weg hat das Bewegtbild zurückgelegt! Fast benommen verlässt man diese bunte, die Sinne fordernde Ausstellung. Alles ist Kino.


Aus: "Wie die Filmkultur aus der Malerei entstand" Bernhard Schulz (14.10.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/fotografie-impressionismus-kino-wie-die-filmkultur-aus-der-malerei-entstand/27702950.html