Author Topic: Urbanistik & Stadtforschung & Widerstand...  (Read 10796 times)

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Urbanistik & Stadtforschung & Widerstand...
« Reply #40 on: August 15, 2018, 10:17:23 AM »
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[...] Die Reportage aus der „Frontal“-Redaktion beschreibt die Gründe für die Explosion der städtischen Mieten und die Folgen für die Mieter. ... Im November letzten Jahres hat die ZDF-Reihe „37 Grad“ drei Familien vorgestellt, die sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten konnten; „Zu teuer, zu klein, schon weg“ hieß die Reportage. „Es ist überall dasselbe“, hieß es damals: „In den Metropolen spielen die Mietpreise verrückt. In den vergangenen Jahren sind sie geradezu explodiert.“ Die Redaktion von „Frontal 21“ reicht nun mit „Teurer Wohnen“ einen der Hauptgründe für eine Entwicklung nach, die vor dreißig Jahren eingesetzt hat. Damals begann die Regierung Kohl, sich aus dem sozialen Wohnungsbau zurückzuziehen. Die neoliberale Überzeugung, der Markt werde es schon richten, entpuppt sich im Nachhinein als fatale Fehlentscheidung, für die die Mieter, die auf Unterstützung angewiesen sind, nun büßen müssen.
Das Reporterteam rund um das federführende Autorenpaar Martina Morawietz und Michael Haselrieder hat zwölf Monate lang mehrfach die Bewohner eines Hauses in der Berliner Lützowstraße besucht. Nach vier Jahrzehnten ist dort 2017 die Mietpreisbindung gefallen; der Besitzer, eine Investorengruppe, darf jetzt die ortsüblichen Mieten verlangen. Das Haus im Bezirk Tiergarten und somit in bester Lage wird derzeit grundsaniert; anschließend werden die Mieten selbstredend erheblich steigen. „Leben heißt Veränderung“, heißt es fast schon zynisch im entsprechenden Schreiben an die Hausbewohner, die ein Modernisierungszuschlag von 74 Prozent erwartet.
Die Besitzer spekulieren darauf, dass die Wohnungen für „urbane Freigeister“ frei werden, wie es auf ihrer Website heißt. Als das „Frontal“-Team im Juni das letzte Mal in der Lützowstraße war, hatten die meisten Mieter das Haus bereits verlassen. Protagonisten der Reportage sind diejenigen, die sich nicht vertreiben lassen wollen; kein Wunder, dass sie mit ihrem Mut zum Widerstand an die unbeugsamen Gallier aus den „Asterix“-Comics erinnern.
Während sich „37 Grad“ sonst gern auf einzelne Schicksale konzentriert und das große Ganze dabei meist ausspart, sorgen Morawietz und Haselrieder auch für das nötige Hintergrundwissen. In anschaulichen Grafiken verdeutlichen sie die großstädtischen Entwicklungen der letzten Jahre: Die Mieten steigen, die Zahl der Sozialwohnungen nimmt ab. Gesprächspartner aus verschiedenen Fachbereichen erläutern, warum die politischen Gegenmaßnahmen verpuffen: weil beispielsweise die Mittel für die von der Bundesregierung ausgerufene „Wohnraumoffensive“ viel zu niedrig seien. Wirkungslos sei auch die sogenannte Mietpreisbremse.
Sie besagt, dass Mieten in einem angespannten Wohnungsmarkt höchstens zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen dürfe. Das könne aber nicht funktionieren, wenn sich viele Menschen schon diese Vergleichsmieten gar nicht leisten könnten. Als Alternative stellen Morawietz und Haselrieder das „Münsteraner Modell“ vor: In der ostwestfälischen Stadt werden städtische Grundstücke nur an Investoren vergeben, die eine niedrige Startmiete garantieren.
Bei allem Respekt vor dem Engagement der Autoren, die den Betroffenen in der Lützowstraße im Verlauf der diversen Besuche sicher näher gekommen sind, als das üblicherweise der Fall ist: Wie so viele Reportagen dieser Art enthält auch „Teurer Wohnen“ ein paar Aspekte, die überflüssig sind oder den optischen Erzählfluss stören. Ein Frühjahrsausflug an die Côte d’Azur zur Immobilienmesse in Cannes hat zwar sicher Spaß gemacht, aber sein Beitrag zur Wahrheitsfindung ist doch recht überschaubar.
Das völlig unergiebige Interview mit der zuständigen Wohnungsbausenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) hätte sich sicher auch in Berlin führen lassen und wäre dann womöglich ergiebiger gewesen. Immer wieder blödsinnig, aber als Stilmittel nicht auszurotten sind auch die gänzlich unnötigen Zwischenschnitte auf die Hände eines Gesprächspartners. Vermutlich sollen die Gesten für ein wenig optische Dynamik sorgen, deshalb werden Interviews auch gern beim Autofahren geführt. Das ging diesmal natürlich nicht, schließlich ist ja die Botschaft des Films, dass die Menschen ihre Wohnungen nicht verlassen wollen. Zum Glück gibt es noch so ein Versatzstück: die Zubereitung des Mittag- oder Abendessens.
Dabei hat die Reportage solche Tricks ebenso wenig nötig wie die Suggestivfragen („Und war das für sie ein Schock?“), denn einige der Mieter sind interessante Persönlichkeiten, deren Schicksal automatisch zur Empathie anregt. Die Maßnahmen der Hausverwaltung wirken ohnehin schikanös: Wer sich nicht vertreiben lassen wollte, musste damit leben, dass es regelmäßig kein Wasser gab oder dass im Winter die Heizung ausfiel; der Aufzug ist ohnehin ständig außer Betrieb. Kurz vor Weihnachten kam die Ankündigung, dass die Toiletten ab Januar nicht mehr benutzt werden dürften;  als Alternative haben die Hausbesitzer auf dem Parkplatz Dixie-Klos aufgestellt.



Aus: " „Teurer Wohnen“, ZDF „Für urbane Freigeister“" Tilmann P. Gangloff (13.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/kultur/netz-tv-kritik-medien/tv-kritik/teurer-wohnen-zdf-fuer-urbane-freigeister-a-1562114

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Urbanistik & Stadtforschung & Widerstand...
« Reply #41 on: August 16, 2018, 11:00:29 AM »
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[...] „Leben heißt Veränderung“ – mit diesen Worten teilte der Eigentümer des Wohnhauses an der Lützowstraße/Ecke Genthiner Straße in Tiergarten seinen Mietern mit, dass er sich dazu entschlossen habe, die Mietwohnungen in Eigentum umzuwandeln. Außerdem wird das Haus umfassend saniert, so dass die Mieten danach um bis zu 74 Prozent steigen. Dabei werden Fassaden gedämmt, die Fenster erneuert und die Heizanlage modernisiert. Auch Asbest müsse entfernt werden, teilte der Investor mit. Die Mieter hat er aufgefordert, sich für die Zeit der Bauarbeiten eine Bleibe, zum Beispiel bei Verwandten, zu suchen, einige sind bereits ganz ausgezogen. Doch eine Gruppe von etwa 35 Bewohnern bleibt standhaft und weigert sich, ihr Zuhause zu verlassen. Unter ihnen: Wolfgang Hoth, 81, dessen Miete von knapp 800 auf fast 1250 Euro steigen soll.

Einer am 7. August vorgestellten Kurzstudie des Berliner Mietervereins zufolge ist Hoths Geschichte kein Einzelfall. Die Auswertung der Mieten von 200 Befragten, allesamt Mitglieder des Vereins, habe gezeigt, dass die Miete nach einer Modernisierung immens steige. Um annähernd 2,50 Euro pro Quadratmeter im Zeitraum zwischen 2013 und 2016. Damit sei die durchschnittliche Nettokaltmiete, gemittelt auf alle Bezirke auf 7,14 Euro pro Quadratmeter gestiegen.

Das ZDF-Magazin Frontal 21 hat die Bewohner des Hauses Lützowstraße/Ecke Genthiner Straße über ein Jahr im Kampf gegen den Investor begleitet. Der Beitrag lief am Dienstag im ZDF und ist jetzt in der Mediathek zu finden. Nach den Recherchen des Magazins wurde der in den 70er-Jahren errichtete Komplex mit 96 Sozialwohnungen im Jahr 2016 verkauft – kurz bevor die Sozialbindung auslief. Neuer Eigentümer wurde eine Firma namens „Bluerock Opportunities 3 Limited Partnership“, die ihren offiziellen Sitz in Manchester hat, de facto aber aus Liechtenstein und der Schweiz gesteuert wird. Die ZDF-Reporter fanden im Internet auch ein Angebot für einen Fonds, der damit wirbt, Mehrfamilienhäuser in Berlin zu kaufen, daraus Eigentumswohnungen zu machen und diese zu verkaufen. Genau das, was hier in Tiergarten und in vielen anderen Orten Berlins gerade passiert.

...


Aus: "Mieter in Tiergarten werden durch Sanierung verdrängt" Laura Hofmann (15.08.2018)
Quelle: https://leute.tagesspiegel.de/mitte/macher/2018/08/15/53865/mieter-in-tiergarten-werden-durch-sanierung-verdraengt/

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[...] 40 Prozent mehr Miete als im Jahr 2014 bezahlen Düsseldorfer im Jahr 2017. Während der Quadratmeter im 1. Halbjahr 2014 noch bei 7,85 Euro lag, kostete er im 1. Halbjahr 2017 11 Euro. Das geht aus einer Analyse des Immobiliendienstleisters JLL hervor. Kein Wunder, dass immer mehr Haushalte damit kämpfen, die Miete zu bezahlen. Vor allem für Familien mit kleinerem Einkommen ist das ein Problem, weil ihnen sonst wegen der hohen Preise nicht genug Geld für den Alltag bleibt. Abhilfe könnten beziehungsweise sollten Sozialwohnungen schaffen. Das sind Wohnungen in staatlich geförderten Bauprojekten, die eine niedrige Miete bei gutem Wohnungsstandard garantieren. Doch während die Zahl derer wächst, die sich die Mieten auf dem freien Wohnungsmarkt nicht leisten können, sinkt die Zahl der Sozialwohnungen in NRW. Wurde 2016 noch der Neubau von 9301 Sozialwohnungen gefördert, waren es 2017 nur noch 7230. Das entspricht einem Rückgang von 22 Prozent. Das geht aus einer Unterrichtung der Bundesregierung über die Verwendung der Kompensationsmittel für die soziale Wohnraumförderung im Jahr 2017 hervor.

Der Trend geht auch am Rheinland nicht vorbei. In Düsseldorf ist die Zahl der Sozialwohnungen seit 2010 um rund 67 Prozent zurückgegangen. ...

„Hauptgrund für diese Entwicklung ist, dass immer mehr Wohnungen aus der Bindung fallen“, sagt Thomas Nowatius, Leiter des Amtes für Wohnungswesen in Düsseldorf. Wer eine Sozialwohnung baut, der wird vom Staat gefördert. Das gilt für kommunale Wohnungsgesellschaften genauso wie für private Investoren. Im Gegenzug unterliegt die Wohnung bestimmten Vorgaben, an wen vermietet wird und wie hoch der Mietpreis maximal sein darf. Nach 15 bis 25 Jahren, läuft diese Bindung aus. Die Wohnung kann dann als normale Wohnung vermietet werden. Das Konzept geht also nur auf, wenn immer weiter Sozialwohnungen nachgebaut werden. „In der Vergangenheit sind jedoch mehr Wohnungen in Düsseldorf gebaut worden als heute“, sagt Nowatius. Düsseldorf ist nicht alleine betroffen.  ...



Gerhard Kuhn von der Universität Stuttgart beschäftigt sich hauptsächlich mit Fragen des sozialen Wohnungsbaus, und weiß warum die Städte versäumt haben, nachzubauen. „Die meisten Sozialwohnungen wurden in Deutschland in den 70er-Jahren gebaut. Es gab so viele, dass sie teilweise leer standen oder teurer waren, als Wohnungen auf dem freien Markt. Also wurde ab den 80ern immer weniger gebaut.“ Ende der 80er Anfang der 90er prognostizierten die Demographen auch noch einen Rückgang der Bevölkerungszahlen. „Entsprechend dachte man, dass die Wohnungsfrage geklärt sei und vernachlässigte die Wohnungspolitik.“ In der Folge war der Immobilienmarkt in Deutschland lang ziemlich entspannt. Sozialer Wohnungsbau war kein Thema. Um genau zu sein, war es sogar ein Thema, dass der Bund lieber loswerden wollte.

2006 stimmten Bundestag und Bundesrat der Föderalismusreform zu und entschieden damit, dass Sozialwohnungen ab sofort Ländersache sind. Die Förderungen dafür wurden zwar nicht abgeschafft. Nach der aktuellen Regelung sind sie aber nicht zweckgebunden. Das heißt, wenn NRW beispielsweise lieber Schulden abbauen will als Sozialwohnungen zu bauen, können mit der Förderung für Sozialwohnungen genauso gut Schulden getilgt werden. Von dieser Möglichkeit wurde deutschlandweit auch viel Gebrauch gemacht.

Leidtragende all dieser Versäumnisse sind die privaten Haushalte, denn die Nachfrage nach Sozialwohnungen sinkt nicht, sie steigt. „Die Dramatik liegt darin, dass das Mietproblem längst nicht mehr nur marginale Gruppen wie Senioren oder Kranke betrifft“, sagt Kuhn. „Krankenschwestern, Polizisten, Menschen mit normalen Einkommen eben können sich die aktuellen Mieten nicht mehr leisten.“

Fast vier von zehn Mieter-Haushalten in Deutschland müssen mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete ausgeben. Etwa jeder sechste Haushalt zahlt sogar mehr als 40 Prozent des Nettoeinkommens für die Bruttokaltmiete. ...



Aus: "Mangel in NRW: Wo sind die Sozialwohnungen hin?" Susanne Hamann (15. August 2018)
Quelle: https://rp-online.de/nrw/panorama/nrw-wo-sind-die-sozialwohnungen-hin_aid-24372401
« Last Edit: August 16, 2018, 11:27:17 AM by Link »

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« Reply #42 on: August 27, 2018, 06:32:12 PM »
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[...] Berlin ist begehrt. Das hat Folgen: Seit Jahren meldet der Gutachterausschuss einen Rekord nach dem nächsten bei den Bodenpreisen. Sowohl der Umsatz der gehandelten Immobilien insgesamt als auch die Quadratmeterpreise kennen nur eine Richtung – aufwärts. Höhepunkt vor kurzem: Die Vervierfachung der Bodenpreise im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg – innerhalb nur eines Jahres. Das Nachsehen haben die Mieter, vor allem Neumieter. Seit 2008 sind die Angebotspreise um 104 Prozent gestiegen. „Berlin ist heute doppelt so teuer wie vor zehn Jahren“, meldete das Internetportal Immowelt.de in dieser Woche. In keiner anderen deutschen Stadt sind die Preise so explodiert wie an der Spree. ...


Aus: "Goldgräberstimmung bei Immobilien: Berlin will sich gegen Spekulanten wehren"  Albert Funk, Heike Jahberg, Ralf Schönball (27.08.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/goldgraeberstimmung-bei-immobilien-berlin-will-sich-gegen-spekulanten-wehren/22951994.html

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RVahrenkamp 16:36 Uhr
Bei Nullzinspolitik und laschen Schwarzgeldkontrollen sind explodierende Immobilienpreise kein Wunder. Ganz Europa kauft in Berlin ein. Ich hatte Abgeordneten eine Spekulationssteuer auf Mehrfamilienhäuser vorgeschlagen, um die Nachfrage zu dämpfen- aber leider keine Antwort erhalten.


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derbrenner 15:51 Uhr
Die "Nachricht" ist doch wohl Satire in Reinform. Mindestens die letzten 20 Jahre hat der Berliner Senat völlig tatenlos zugesehen, wie sich Kapitalgesellschaften aus aller Welt die Stadt unter den Nagel gerissen haben. Ein Narr, wer nun auf Läuterung und Besserung der skandalösen Zustände auf dem Wohnungsmarkt hofft. 


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an-1 13:14 Uhr
Großinvestoren kaufen und kaufen. Wo das Geld so billig zu haben ist ...


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Urbanistik & Stadtforschung & Widerstand...
« Reply #43 on: September 05, 2018, 10:33:35 AM »
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[...] er Wald am Rheinischen Braunkohletagebau ist teilweise von Tagebau-Gegnern und Waldschützern besetzt. Jetzt rückt die Polizei mit einem großen Aufgebot vor.

... NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte am Montag in Düsseldorf gewarnt, dass man es im Hambacher Forst mit „extrem gewaltbereiten Linksextremen“ zu tun habe, die aus dem ganzen Bundesgebiet und dem benachbarten europäischen Ausland anreisten. „Diese selbst ernannten Umweltschützer wollen nicht Bäume retten, sondern den Staat abschaffen“, sagte Reul. RWE sei Eigentümer des Hambacher Forstes, habe das Recht, den Wald zu roden und wolle davon demnächst Gebrauch machen. „Wir wissen‘s nicht genau, aber wenn der Tag dann kommt, dann muss die Polizei eben dafür sorgen, dass dieses Recht durchgesetzt werden kann.“

Die Aktivisten vor Ort wiesen Reuls Vorwürfe zurück. „Die Polizei versucht, die komplette Bewegung zu kriminalisieren und zu diffamieren“, sagte Emil Freytag von der „Aktion Unterholz“. Er verwies darauf, dass die Polizei den Hambacher Forst als „gefährlichen Ort“ definiert habe und seitdem Personen ohne konkreten Anlass kontrollieren könne. Die Polizei hatte diese Maßnahme damit begründet, dass aus dem Wald heraus Straftaten verübt würden.

...


Aus: "Braunkohletagebau: Polizei rückt in besetzten Hambacher Forst vor" (05.09.2018)
Quelle: http://www.fr.de/politik/braunkohletagebau-polizei-rueckt-in-besetzten-hambacher-forst-vor-a-1576956

Quote
BZW

Das kommt dabei heraus ,wenn man jahrelangen Rechtsbruch
duldet.
Die Besetzung des Hambacherforst ist meiner Meinung nach
eine Straftat ,weil sich diese verblendeten Kinder sich auf
privaten Grundstücken befinden.
Dieses illegale Treiben hätte schon seit Monaten beendet
werden müssen.
Diese s.g. Aktivisten handeln nach ihren eigenen ideologischen
Moralvorstellungen und wollen der Gesellschaft ihren Willen aufzwingen, ganz
abgesehen davon dass ihr Handeln völlig sinnlos ist, da das Klima bestimmt nicht durch den Abbau des Deutschen Tagebaus
beinflusst wird.

Der Abbau der Braunkohle ist politisch und Vertraglich geregelt.
Es wurden mit zig Millionen Euro, eine Autobahn verlegt Orte
umgesiedelt, Grundwasserhaltungen gebaut usw. usw..
Es kann doch nicht sein, dass wegen ein paar fehlgeleiteten
jungen Menschen ,die meinen dadurch das Weltklima beeinflussen zu können all das aufgegeben
werden soll .
Langsam verliere ich wirklich den Glauben an unseren
Rechtsstaat.


Quote
shizzobi @BZW

Fehlgeleitet sind eher die, welche Wald roden wollen um mit der gewonnenen Kohle die Luft noch mehr zu verpesten..
Aber gut jedem seine Meinung.


Quote
Thomas

Der Staat für dreckige Energie und gegen Öko und Wald. Die Bilder der Räumung werden bleiben und später ihre Wirkung entfalten. ...


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kantig

Hoffentlich haben die under-cover Verfassungsschützer vorher sichergestellt, dass keine Braunen mehr im Wald sind. Aber schön zu sehen, dass Polizeigrosseinsätze doch noch stattfinden - müssen halt die "richtigen" Bedrohungen sein, so wie z.B. Menschen auf Bäumen.


Quote
Herr Nord

wenn es schon "extrem gewaltbereite Linksextreme" braucht, um so offenkundigen Unsinn wie Braunkohletagebau in Zeiten sich erwaermenden Klimas etwas entegegenzusetzen, dann wirft das ein armseligen Licht auf den Rest der Gesellschaft. ...


...

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« Reply #44 on: September 19, 2018, 09:33:43 AM »
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[...] Berliner zahlen weniger fürs Wohnen als Einwohner von München oder Wien. Dies gilt nach einer Studie des digitalen Haus- und Wohnungsvermittlers „Immoscout“ auch noch, wenn der Aufwand für Miete und Nebenkosten in Verhältnis zu der der Kaufkraft der jeweiligen Städte gestellt wird. Für Entwarnung sorgen die Zahlen trotzdem nicht: Mit Wohnkosten von 46 Prozent fließt fast jeder zweite verfügbare Euro für die Unterkunft.

Alarmierend ist dabei vor allem der Trend: Innerhalb von nur einem Jahr stiegen die anteiligen Wohnkosten in Berlin von 40 auf 46 Prozent. Noch stärker stiegen die Wohnkosten allerdings in München: um neun Prozent auf 55 Prozent. Die Wiener zahlen sogar einen Prozentpunkt mehr fürs Wohnen.

 Zugrundegelegt haben die Forscher die Kosten für eine 80 Quadratmeter große Wohnung, die in Berlin nach Daten des Vermittlungsportals rund 8784 Euro im Jahr kostet – das entspricht einer Monatsmiete von 732 Euro, gut neun Euro je Quadratmeter. In Hamburg kostet eine gleich große Wohnungen zwar deutlich mehr (9870 Euro), dafür verdient man an der Alster aber besser (23 858 Euro). Deshalb müssen die Hamburger inzwischen sogar anteilig weniger fürs Wohnen bezahlen (41 Prozent) als die Berliner.

Allerdings zahlten die Berliner vor zehn Jahren nur 5,20 Euro je Quadratmeter für eine freie Wohnung – heute sind es 9,50 Euro, fast doppelt so viel. In Neukölln sei die Miete sogar um 143 Prozent gestiegen, sagt Jan Hebecker von Immoscout. Die Kaufpreise explodierten sogar: 900 Euro je Quadratmeter kosteten Wohnungen seinerzeit, heute sind es 3900 Euro. Im Berliner Durchschnitt sind es nur 100 Euro weniger, von Spandau bis Zehlendorf.

...


Aus: "Berliner geben 46 Prozent des Einkommens für Wohnen aus" Ralf Schönball (18.09.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/ansteigende-mietpreise-berliner-geben-46-prozent-des-einkommens-fuer-wohnen-aus/23070316.html

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« Reply #45 on: October 16, 2018, 12:07:13 PM »
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[...] Herr Appenzeller, Sie sind mit Ihrem Planungsbüro in Städten weltweit aktiv. Sind wir Berliner besonders von der Wohnungsnot betroffen?

Markus Appenzeller: Nein, das ist ein globales Problem. Überall, wo ich hinkomme, ob in China, in Afrika oder in Europa, gibt es kaum noch bezahlbaren Wohnraum in Städten. Durch den großen Drang in die Innenstädte werden vor allem die unteren Einkommensschichten verdrängt. Diese Dynamik wird durch einen zweiten Trend zusätzlich angeheizt.

Und der wäre?

Stadtentwicklung ist mittlerweile ein globalisiertes Geschäftsfeld, in das immer mehr Geld fließt. Man trifft immer wieder auf die gleichen Player, die an verschiedensten Stellen der Welt investieren. Ich war diese Woche in Nairobi, da ist ein Projektentwickler aus London mit Investoren aktiv, die wir aus Russland und den USA kennen.

War das nicht schon immer so?

Nein. Früher waren Projektentwickler beschränkt auf ein Land oder eine Region. Heute suchen sie sich gemeinsam mit Investoren zunehmend weltweit interessante Objekte, mit denen man gute Rendite erzielen kann. Seit fünf, sechs Jahren ist auch Deutschland im Fokus.

Wenn so viel gebaut wird, müsste dadurch der Wohnraum nicht billiger werden?

Ein Großteil der Preissteigerungen hat nichts mit der realen Nachfrage nach Wohnraum zu tun. Die gibt es, doch der explodierende virtuelle Immobilienmarkt kommt nun als Preistreiber hinzu. Er hat nicht mehr den Stadtbewohner als Mieter und Endverbraucher im Fokus. Sondern Investoren, die ihr Geld anlegen wollen. Die Folgen sind absurd: Man baut komplett am realen Bedarf vorbei und schafft Wohnraum, der im Zweifel gar nicht als Wohnraum gedacht ist, sondern nur als Geldanlageobjekt. Zum Beispiel werden bevorzugt kleine Wohnungen gebaut, um den Einstiegspreis gering zu halten. Je kleiner die Wohnung, desto interessanter ist sie als reines Investment.

Bedroht dieses globale Geschäft die lokalen Stadtgesellschaften?

Ja. Internationalen Investoren ist es im Gegensatz zum klassischen Hauseigentümer relativ gleichgültig, welche lokalen Folgen ihr Handeln hat. Sie haben nur zwei Entscheidungskriterien: die Rendite und die Sicherheit für ihr Kapital, die ihnen der Ort bieten kann. Die Stadt wird vom Wohn- und Lebensraum zu einem Finanzmodell für umherschwirrendes Geld, das Anlagemöglichkeiten sucht. Ich bin grundsätzlich Optimist, aber ich mache mir da schon Sorgen.

Welche Folgen befürchten Sie?

Der Neid und der Kampf ums Überleben in der Stadt wird größer werden. Auch die Nationalismustendenzen und latente Ausländerfeindlichkeit in manchen Vierteln sind ein Zeichen für diesen wachsenden sozialen Unfrieden. Die Politik hat inzwischen erkannt, dass das ein Problem ist, der Wohnungsgipfel zeigt das. Aber wenn man nicht schnell deutliche Schritte unternimmt, besteht aus meiner Sicht ein reales Risiko, dass sich das zu einem explosiven Gemisch aus ökonomischem Druck, Zukunftsangst und Xenophobie entwickelt.

 Wenn so viele Städte von diesen Gefahren bedroht sind, warum gibt es zwar internationale Immobilienmessen, aber keinen internationalen Städtegipfel?

Es fehlt tatsächlich ein Format, in dem man Lösungen für das weltweite Problem entwickelt. Leider sehe ich nicht, dass eine globale Städteallianz entsteht. Jede Stadt wurschtelt für sich, auch weil sie natürlich untereinander im Wettbewerb stehen und um Investitionen buhlen.

Bekommen Sie selbst unmoralische Bauangebote?

Jede Menge. Ein Projektentwickler wollte auf Madeira für britische Anleger bauen. Die brauchen dann keine Steuern auf Gewinne mit den Wohnungen zu zahlen. Das lehnen wir ab, obwohl es finanziell interessant wäre. Wir wollen Architektur und Strukturen für echte Menschen in echten Städten schaffen. Unser Büro ist deshalb eher im kostengünstigen Massenwohnungsbau aktiv. In manchen Städten ist das mittlerweile eher ein Nischenmarkt geworden.

Wo zum Beispiel?

In London etwa wird schon lange nicht mehr für Londoner gebaut, sondern fast nur noch für ausländische Anleger. Chinesische Firmen lassen für vermögende Chinesen bauen, die ihr Geld entweder direkt in Wohnungen oder in Anteile an einem Immobilienfonds investieren. Der Verkauf läuft meist in China ab, die Wohnung ist also auf dem lokalen Markt gar nicht verfügbar. Inzwischen sieht man dieses Vertriebsmodell in immer mehr Städten, auch in Berlin.

 Aber diese Objekte werden doch trotzdem nachher als Wohnraum vermietet.

Nicht unbedingt. Je nach Modell wird eine Wohnung durch die Vermietung für Anleger sogar weniger wert. Einerseits, weil sie dann schwieriger zu verkaufen ist. Außerdem besteht das Risiko, dass sie durch die real erwirtschaftete Miete abgewertet wird. Man schätzt, dass in China ein Drittel der Wohnungen leer steht. In Schanghai oder Peking gibt es bei Wohnungen Wertsteigerungen von mehr als 50 Prozent im Jahr – da gibt es keinerlei ökonomische Notwendigkeit, sie zu vermieten.

Was tut man dann damit?

Man lässt sie drei Jahre leer stehen und verkauft sie wieder. Diese Auswüchse des Renditekapitalismus sieht man weltweit. Es besteht das Risiko, dass sich die Innenstädte dadurch komplett entleeren und nur noch Arbeitsplätze, Tourismus und Dienstleistungen übrig bleiben.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe fordert deshalb, spekulative Renditejäger im Zweifel zu enteignen.

Man braucht in jedem Fall Regeln, die solche Praktiken unattraktiv machen. Im Grundgesetz ist die Sozialbindung des Eigentums formuliert. Wenn ich Wohnraum leer stehen lasse, ist das nicht sozial. Das muss unter Androhung hoher Strafen verhindert werden, im schlimmsten Fall bis zur Enteignung. Hier sind auch die Regierungen gefragt, da einzelne Städte in ihren gesetzgeberischen Möglichkeiten überfordert sind.

 Wie im Fall der umstrittenen Modernisierungsumlage.

Die muss abgeschafft werden. Sie ist schon in ihrer Grundidee absurd. Dabei werden notwendige Werterhaltungsmaßnahmen als Modernisierung umgedeutet und auf die Mieter umgelegt. Eigentlich müsste es genau umgekehrt sein: Mieten müssten automatisch sinken, wenn diese Maßnahmen ausbleiben.

Sollte man auch per Gesetz verhindern, dass Krankenkassen oder Rentenfonds in den virtuellen Markt investieren und bei der Preistreiberei mitmachen?

Zumindest Institutionen, die Geld aus staatlichen Töpfen bekommen, sollten solche Anlagestrategien nicht gestattet werden. Es ist eine schizophrene Situation, wenn die öffentliche Hand als Player und Antreiber solcher Praktiken und gleichzeitig als Regulierer auftritt.

Solche Gesetzesänderungen dauern lange. Was kann die Lokalpolitik ad hoc tun, um die Stadt nicht zum Spielball von Investoreninteressen werden zu lassen?

Selber aktiv werden. Zum Beispiel durch eigenen sozialen Wohnungsbau. Viele Städte verkaufen Grund und Boden noch immer zum Höchstgebot – das ist ein weiterer Schlüsselfaktor für die Preissteigerung. Die Lokalpolitik muss sich auch inhaltlich besser wappnen gegen Investoren, die von der Stadt profitieren wollen.

Wie denn?

In den letzten Jahren ist die Weltwirtschaft deutlich komplexer geworden. Gerade in der Lokalpolitik ist die Gefahr groß, dass Entscheidungen aus gutem Glauben und teilweise auch Naivität gefällt werden. Man sollte sich deshalb Experten aus der Branche in die Stadtplanungsämter holen, damit man hier auf Augenhöhe kämpfen kann.

 Gilt das auch für Berlin?

Ganz besonders. Berlin steht vor einer riesigen Herausforderung. Die internationalen Kapitalströme fließen extrem schnell und treffen auf Stadtentwicklungsprozesse, die sehr langsam ablaufen. In Berlin ist dadurch eine Dynamik entstanden, die viel größer als in etablierten Immobilienkapitalmärkten wie Hamburg oder Frankfurt ist. Berliner bekommen die Effekte durch den Mietwohnungsanteil von 85 Prozent viel stärker in kurzer Zeit zu spüren als Bewohner anderer Städte mit höherem Eigentumsanteil. Berlin muss schnell gezielte Gegenstrategien entwickeln.

Welche könnten das sein?

Die Stadt könnte dafür sorgen, dass bestimmte Projekte nicht mehr genehmigungsfähig sind. Das erfordert ein Umdenken bei Baugenehmigungen.

Ausgerechnet Sie als Architekt verteidigen trotz des Baudrucks den investitionskritischen Ansatz der Berliner Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher?

Man darf nicht einfach alles durchwinken. Baugenehmigungen sind bisher vor allem eine technische Angelegenheit. Aber man sollte auch ökonomische und soziale Aspekte betrachten. Ich plädiere dafür, die Baugenehmigung auch vom Finanzierungsmodell und dem angesprochenen Marktsegment abhängig zu machen.

Was soll das bringen?

So hätte man mehr Einfluss darauf, was tatsächlich realisiert wird. Hier kommt die Sozialbindung des Eigentums zum Tragen: Wohnungsbau muss einen positiven Beitrag für das Zusammenleben in der Stadt leisten. Was der Stadtbevölkerung hilft, sollte genehmigt werden – alles andere nicht.

Finanzexperten kündigen das Ende des Booms an. Sinken die Immobilienpreise, wenn die Kreditzinsen wieder steigen?

Nicht automatisch. Der Teilmarkt mit billigem geliehenen Geld könnte in den nächsten zehn Jahren zwar kleiner werden. Dann dürfte es eine Preiskorrektur geben, die die Mietsteigerungseffekte etwas abmildert. Andererseits bleibt der reale Drang in die Städte erhalten. Und es wird weiter Anleger geben, die sichere Investitionsmöglichkeiten suchen. Für die spielt das Zinsniveau eine untergeordnete Rolle. Wenn man das ändern will, dann braucht es politischen Willen.

Müssen wir uns in Berlin künftig also trotzdem mit weniger Platz begnügen?

Ich denke schon. Es ist global gesehen nicht die Norm, dass eine vierköpfige Familie auf 120 Quadratmetern lebt. Mit steigenden Preisen bei stagnierenden Einkommen verkleinert sich der Wohnraum.

Markus Appenzeller leitet das Planungsbüro MLA+ mit Büros in Berlin, London, Moskau, China und Brasilien. Außerdem lehrt er Stadtplanung an der Amsterdamer Academie für Architektur.


Aus: "Wohnungspolitik "Berlin muss sich wappnen gegen Investoren"" Christian Hönicke (16.10.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/wohnungspolitik-berlin-muss-sich-wappnen-gegen-investoren/23189758.html

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« Reply #46 on: October 30, 2018, 12:21:23 PM »
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[...] Der deutsche Immobilienmarkt ist lukrativ – auch für Kriminelle. Schätzungsweise 25 Milliarden Euro werden hier im Jahr gewaschen. 

Bargeld ist tabu. „Ich kriege E-Mails von Botschaftern, die mit einer Million im Koffer eine Wohnung kaufen wollen“, sagt Enrico Schumacher. „Da läutet sofort die Alarmglocke.“ Schumacher ist Geldwäschebeauftragter. Seit einem Jahr prüft der gelernte Steuerfachmann für die Berliner Immobilienfirma „Berkshire Hathaway Homeservices Rubina Real Estate“ potenzielle Käufer auf ihre Redlichkeit. „Ich verdächtige niemanden, aber ich überprüfe alle“, sagt Schumacher. Wer eine Wohnung cash bezahlen will, hat bei ihm keine Chance.

Der deutsche Immobilienmarkt ist lukrativ – auch für Kriminelle. Der Bundesregierung zufolge kennzeichnet die Branche ein „herausgehobenes Risiko“ für Geldwäsche. Hohe Wertstabilität plus schwache staatliche Kontrolle plus hohe Intransparenz machen den Markt attraktiv. Es fehlt ein zentrales Immobilienregister, in dem die tatsächlichen Eigentümer aufgeführt sind. In die lokalen Grundbücher, die zwar digitalisiert, aber nicht miteinander verknüpft sind, kann jede x-beliebige Briefkastenfirma eingetragen werden. Finanzexperten und das Bundeskriminalamt schätzen, dass rund zehn Prozent der jährlich auf dem deutschen Immobilienmarkt umgesetzten 250 Milliarden Euro zu Geldwäschezwecken eingesetzt werden. Das sind 25 Milliarden Euro aus Drogen-, Waffen- oder Menschenhandel, die zur Preisspirale nach oben beitragen. Geldwäscher nehmen Verluste von bis zu 60 Prozent in Kauf – neben schlechten Bankkonditionen auch überhöhte Preise für Immobilien.

Zwar sind nach dem deutschen Geldwäschegesetz neben Banken, Steuerberatern, Rechtsanwälten und Notaren auch Immobilienmakler dazu verpflichtet, Verdachtsfälle zu melden. Doch die wenigsten tun das. Nur drei Prozent aller angezeigten Verdachtsfälle stammen von ihnen. Zu dem Schluss kommt eine Studie des Bundeskriminalamts, die der Branche „mangelnde Sensibilität“ vorwirft. Ein Grund: Die Hälfte der Makler fürchten nach einer Umfrage des Kriminologen Kai Bussmann von der Universität Halle um den Deal und ihre Provision. Je besser das Geschäft für die Makler, desto geringer die Motivation einer Verdachtsmeldung.

Wegen der internationalen Ausrichtung ist Schumachers Arbeitgeber besonders gefährdet für Geldwäsche: „Es ist deutlich komplizierter, etwas über einen chinesischen Käufer in Erfahrung zu bringen als über einen deutschen.“ Schon unter dem Namen „Rubina Real Estate“ vermittelte die Firma vorrangig vermögende Interessenten aus China und dem arabischen Raum. Sie werden in Vor-Ort-Büros akquiriert, nach Berlin eingeflogen und mit exklusiver Betreuung für Berliner „Premium-Immobilien“ begeistert, wie etwa Neubauprojekte in zentralen Lagen an der Chausseestraße. Gerade Kunden aus der rasant wachsenden chinesischen Mittelschicht suchen nach Möglichkeiten, ihr Geld angesichts des unbezahlbaren Heimatwohnmarkts in sichere deutsche Immobilien zu investieren. Nach der Allianz mit der Firma „Berkshire Hathaway Homeservices“ des US-Investors Warren Buffett soll der Kundenfokus in Richtung Amerika ausgedehnt werden.

Enrico Schumacher, vom TÜV zertifiziert, soll nun dafür sorgen, dass sein Geschäftsführer Carsten Heinrich nicht über seine globalen Deals stolpert. Denn der ist prinzipiell haftbar, wenn nicht ausreichend auf Geldwäsche geprüft wurde. Im Extremfall droht Gefängnis. Einen Teil der Haftung übernimmt nun Schumacher; dafür wird er gut bezahlt und genießt ein Jahr Kündigungsschutz. „Damit ich nicht wegen eines geplatzten Zehn-Millionen- Deals rausgeworfen werden kann“, sagt der Geldwäschebeauftragte.

Mit seinem Job ist er ein Exot. Die wenigsten Maklerfirmen beschäftigen einen eigenen Geldwäschebeauftragten. Denn der ist teuer und schlecht fürs Geschäft, „man muss in kritischen Fällen den Verkäufern in die Quere kommen“, sagt Schumacher. Drückt man da aus Kollegialität nicht im Zweifel ein Auge zu? Nein, beteuert Schumacher. „Wenn ich einen Verdacht wegen mangelnder Sorgfalt übersehe, ist das mein Verschulden“, sagt er. „Wenn ich vorsätzlich oder wissentlich einen Verdacht verschweige, bin ich erst recht dran.“ Deshalb nerve er die Verkäufer permanent mit Schulungen, in denen er klarmacht, worauf sie achten müssten.

Besonders anfällig für Geldwäsche sei die Maklerpraxis der Reservierungsgebühr. Interessenten zahlen überschaubare Beträge an, die meist unter der Überprüfungsgrenze von 15000 Euro liegen. Damit kann man Geld 1:1 waschen, wenn der Interessent abspringt und die Gebühr auf ein anderes Konto zurücküberwiesen haben möchte. Solche Wünsche gebe es. „Wir achten aber peinlich genau darauf, dass es auf dasselbe Konto zurückgeht.“ In den Schulungen wird auch erklärt, wie das von der Firma selbst entwickelte Detektivprogramm „Black Diamond“ funktioniert. Das sucht im Internet nach verdächtigen Indizien. Etwa, ob der Interessent eine politisch exponierte Person ist, die ihren Einfluss ausnutzen könnte, oder ob derjenige auf einer Terrorsanktionsliste steht. Auch das Herkunftsland des Eigenkapitals wird geprüft. „Hochrisiko ist überall wo Krieg ist oder unübersichtliche Verhältnisse herrschen“, sagt Schumacher.

Er berichtet von einem Fall, in dem ein Käufer mit deutschem Pass ohne geregeltes Einkommen mit viel Eigenkapital Wohnungen kaufen wollte. Vermutlich als Strohmann, denn das Geld stammte aus einem Risikoland. „Ab der Meldung darf man nichts mehr machen, bis der Staatsanwalt das Geld wieder frei gibt oder endgültig sperrt“, erzählt Schumacher.

Am Ende prüft er die Recherche-Ergebnisse und schickt im Verdachtsfall die Meldung ab. Empfänger ist die FIU (Financial Intelligence Unit). Die Zentralstelle für Geldwäsche-Verdachtsanzeigen wurde 2017 beim deutschen Zoll eingerichtet. Wie viel die Meldungen bringen, ist fraglich. „Die Behörde stellt sich ja gerade erst richtig auf“, sagt Schumacher, „in den nächsten zwei Jahren wird sie die Keule rausholen.“ Viele würden die Augen noch zumachen. Doch er glaubt: spätestens, wenn es die ersten großen Strafen gebe, werde jeder in der Branche wach.


Aus: "Der Immobilienmarkt ist anfällig für Geldwäsche" Christian Hönicke (30.10.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/zwielichtige-geschaefte-der-immobilienmarkt-ist-anfaellig-fuer-geldwaesche/23239530.html

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« Reply #47 on: April 08, 2019, 07:41:59 PM »
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[...] Kiel-Gaarden: „Wir sind der Meinung, dass der Stadtteil Gaarden – und auch Kiel im Allgemeinen – ganz andere Dinge braucht als ein Vier-Sterne-Hotel“, erklärte die Wagengruppe. Und weiter: „Wir stellen uns deswegen ganz klar gegen einen solchen Ausverkauf städtischer Flächen und fordern, dass die Stadt mehr Verantwortung für den mangelnden (bezahlbaren) Wohnraum übernimmt und zum Beispiel den städtischen sozialen Wohnungsbau ernsthaft vorantreibt!“

Zwar machen die Aktivisten auch deutlich, dass sie über die Zusage, bis zum 15. April an dieser Stelle überwintern zu können, sehr froh gewesen seien. „In der Vergangenheit haben wir der Stadt Kiel oft vorgeschlagen, dass Brachflächen als Wagenplatz gut geeignet sind. Hier in der Werftbahnstraße hat sich gezeigt, dass eine Zwischennutzung eine einfach umsetzbare Möglichkeit ist.“ Doch angesichts des anstehenden Baus resigniere man: „Wir machen uns keine Illusionen: Mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, können wir dieses millionenschwere Projekt nicht verhindern.“

Als Protestaktion und Abschied planen die Wagenbewohner daher nun ein Straßenfest am Sonntag, 7. April, ab 14 Uhr. „Es soll unter anderem gemeinsam unser ganz eigener ,Hochhausturm’ gebaut werden“, heißt es in der Ankündigung. „Außerdem wird es Kaffee und Kuchen, eine Bar, Kinderprogramm, Musik und vieles mehr geben.“

Wohin es dann in der Folge für die Wagengruppe geht, wollte diese vorab nicht verraten. Es fehle der „politische Wille, alternative Wohnformen in Kiel zu ermöglichen“, sagen die Aktivisten. Nach der jüngsten politischen Debatte über die Wagengruppe im Ortsbeirat Gaarden hatte sich vielmehr die CDU-Ratsfraktion noch einmal gemeldet: „Wir haben kein Verständnis dafür, dass über das Büro des Oberbürgermeisters Dr. Kämpfer (SPD) 40 verschiedene Standorte für eine illegal agierende Gruppierung, die sich nicht an Absprachen hält, geprüft werden“, sagte Ratsfrau Madina Assaeva. Gleichzeitig blieben andere Aufgaben der Verwaltung liegen.


Aus: "Kiel Wagengruppe Schlagloch Platz an der Werftbahn wird geräumt" Niklas Wieczorek (29.03.2019)
Quelle: http://www.kn-online.de/Kiel/Wagengruppe-Schlagloch-Platz-an-der-Werftbahn-in-Kiel-Gaarden-wird-geraeumt

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« Reply #48 on: April 08, 2019, 07:49:04 PM »
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[...] Kiel: Der dreistöckige Gebäudekomplex von 1965, in dem Hans Augustin wohnt, ist in einem üblen Zustand. In den Wohnungen und auf den Gängen wuchert Schimmelpilz, von den Wänden blättert Putz. Mieter haben im Treppenhaus einen Eimer aufgestellt, um das Regenwasser aufzufangen. „Das Dach ist undicht“, berichtet der Rentner. Es sei kaum etwas zur Instandhaltung getan worden. Aber: „Vonovia erhöht ständig die Nebenkosten – für Wasser, Heizung, Sperrmüll, Hausmeisterservice und Gebäudeversicherung.“ Zu Unrecht, meint der Mieter.

Der 68-Jährige hat den Kieler Mieterverein und den Rechtsanwalt Lars Otte eingeschaltet, diese teilen großenteils seine Einschätzung. Augustin geht es nicht darum, persönlich Kosten einzusparen. Das kann er auch gar nicht. Denn er stockt seine Rente mit Grundsicherung auf: Erhöhungen von Miete und Nebenkosten übernimmt für ihn die Stadt Kiel. Und die Mietkürzung, die er aktuell vornimmt, entlastet die Stadt. „Das ist ein Dilemma“, sagt Carsten Wendt, Geschäftsführer des Kieler Mietervereins. Leistungsempfängern bringe es nichts, die Miete zu kürzen, sie setzten sich nur dem Risiko der Kündigung oder Zahlungsklage aus. Wendt geht davon aus, „dass Vonovia dieser Umstand bewusst ist und entsprechend agiert“. Die Stadt hingegen hat keine Handhabe, denn obwohl sie die Miete zahlt, ist sie nicht der Mietvertragspartner.

Stadtsprecherin Kerstin Graupner sieht hier eine Gesetzeslücke: „Das Land ist aufgefordert, ein Wohnraumschutzgesetz zu schaffen, damit wir gerichtlich klären lassen können, ob wir zu Unrecht zahlen. Und wir fordern Mieter trotzdem auf, sich bei uns zu melden, wenn sie sich vom Vermieter abgezockt fühlen, damit wir den Druck auf die Landesregierung erhöhen können.“

Augustin ist einer von 15.000 Vonovia-Mietern in Kiel. 2000 davon erhalten wie er eine öffentliche Förderung der Miete. Nur wenige sind aber motiviert „gegen diesen Sozialbetrug“, wie Augustin es nennt, vorzugehen. Eine Nachbarin, die seit Jahrzehnten in dem Haus wohnt, zieht jetzt aus: „Ich habe mich immer wieder bei Vonovia beschwert, aber Vonovia reagiert gar nicht“, sagt Sarah Russmann. In ihrer Einzimmerwohnung hängt ein beißender warmfeuchter Modergeruch. Küche und Bad sind zwar sauber, aber die Wände sind voller Schimmel. Die Kielerin hat es zuletzt nicht mehr ausgehalten, fühlt sich krank. „Neulich waren drei Vonovia-Handwerker da, die haben nur den Kopf geschüttelt und sind unverrichteter Dinge wieder gegangen“, berichtet die Frau. „Üblicherweise könnte man die Miete kürzen, das Geld ansparen und selbst Handwerker beauftragen“, sagt ihr Anwalt Mario Taebel. Für seine Mandantin zahlt das Jobcenter die Miete, daher hat sie diese Möglichkeit nicht. Sarah Russmann hatte aber Glück. Sie hat eine neue Wohnung. „Noch kleiner, aber schimmelfrei.“

Hans Augustin muss vorerst weiter mit dem Schimmel leben. 2017 hatte er bei Vonovia einen Wasserschaden moniert. Handwerker kamen erst über ein Jahr später Ende 2018, die Ursache haben sie nicht behoben, sondern nur geputzt und gestrichen. Inzwischen haben sich die Schimmelsporen erneut ausgebreitet. In der baugleichen Wohnung über ihm sieht es noch schlimmer aus.

Vonovia-Sprecherin Panagiota-Johanna Alexiou sagt dazu: „Unsere Mitarbeiter vor Ort haben das Dach provisorisch ausgebessert und planen zeitnah einen Termin vor Ort, um sich die Lage noch einmal anzuschauen. Reinregnen soll es natürlich nicht. Gerne kann sich unser Quartiersmanager auch bei einzelnen Mietern melden, die noch Fragen haben. Schritt für Schritt kümmern sich unsere Kollegen zudem um die Behebung des Schimmelbefalls.“

Anwalt Lars Otte richtet derweil seinen Blick auf die Nebenkosten: „In den Jahren 2016 auf 2017 sind die Warmwasserkosten in der gesamten Liegenschaft von 8174 Euro auf 12471 Euro gestiegen, eine Erhöhung von mehr als 50 Prozent. Zeitgleich hat sich der Verbrauch um zehn Prozent verringert. Das kann nicht sein. Da bereite ich eine Klage vor.“

Besonders kritisch schauen die Juristen auf die Kosten für die Gebäudeversicherung und für Hausmeistertätigkeiten. Wendt: „Die sind irrsinnig intransparent.“ Für das Jahr 2017 stellte Vonovia Hans Augustin für die 39-Quadratmeter-Wohnung 239 Euro für eine Gebäudeversicherung in Rechnung. Laut Betriebskostenspiegel wären nur 70,20 Euro fällig. Dahinter steckt ein System: Vonovia versichert Tausende Objekte gesammelt zu einem Millionenpreis. Heruntergerechnet ergibt sich für diese Einraumwohnung eine Summe, „zu der man ein Einfamilienhaus versichern könnte“, sagt Wendt. Ebenfalls als „wahnsinnig schwer nachvollziehbar“ bezeichnet er die Hausmeisterkosten, die „bis zur Unkenntlichkeit aufgesplittet werden“ und die Vonovia bei einer Tochterfirma in Auftrag gibt.

Vonovia kündigte am Dienstag an, sich zu den Betriebskosten in der Raaschstraße in der kommenden Woche zu äußern.

Der Immobilienkonzern beschäftigt in Kiel nach eigenen Angaben 300 Mitarbeiter. Die Durchschnittsmiete der 15.000-Vonovia-Wohnungen in Kiel beträgt 6,14 €/m². Für das Unternehmen ist Kiel einer der größten Standorte in Deutschland.


Aus: ""Vonovia soll die Wahrheit sagen"" Karen Schwenke (05.04.2019)
Quelle: http://www.kn-online.de/Kiel/Mieter-aus-Kiel-verlangt-Vonovia-soll-die-Wahrheit-sagen

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« Reply #49 on: April 25, 2019, 12:58:10 PM »
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[...] Wie viel Freiraum kann, wie viel Freiraum will Berlin sich leisten? Mit seiner Forderung, über einen Ankauf des linken Hausprojekts „Liebig 34“ nachzudenken, hat der grüne Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt, diese Debatte einmal mehr losgetreten. Timing und Thema passen: Der 1. Mai steht kurz bevor und die steigenden Mieten bewegen Berlin.

All jenen, die reflexartig „Kein Steuergeld für Extremisten“ rufen, muss klar sein: Häuser kann man räumen, Menschen nicht. Sie bleiben und suchen sich neue Rückzugsräume. Selbst ausgesprochen kritische Beobachter von Projekten wie der „Liebig 34“ betonen, dass dort keineswegs nur marodierende Staatsfeinde wohnen. Dort finden Menschen ein Zuhause, die alternative Lebenswege ausprobieren, die Gemeinschaft des Kollektivs der Abschottung hinter der eigenen Wohnungs- oder Haustür vorziehen.

Während die Stadt rasant wächst, werden die Räume für sie immer kleiner. Neben der „Liebig34“ verloren zum Jahreswechsel auch die Kiez-Kneipe „Syndikat“ in Neukölln und die Jugendzentren „Drugstore“ und „Potse“ ihre Mietverträge: Sie alle haben sich über Jahrzehnte etabliert und – weit über die eigenen vier Wände hinaus – für kulturelle Anreize gesorgt. Das lebendige Berlin, das wie kaum eine andere Stadt für alternative Lebensstile, für Freiheit und Toleranz bekannt und beliebt ist, lebt durch sie. Ihr Mosaik besteht aus unzähligen kleinen Steinen. Viele von ihnen sind schon weg. Andere bröckeln gerade ab.


Aus: "Streit um Berliner Hausprojekt "Liebig 34" Alternative Räume gehören zu einer lebendigen Stadt" Robert Kiesel (24.04.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/streit-um-berliner-hausprojekt-liebig-34-alternative-raeume-gehoeren-zu-einer-lebendigen-stadt/24252422.html

Quote
ceo 24.04.2019, 20:39 Uhr
Berlin hat das Tacheles im Stich gelassen bis das Kollektiv durch den Druck von außen zerbrach. Die wichtigste alternative Kulturstätte in ganz Europa einfach verramscht.

Beinahe wäre es dem ORWO Haus ebenso ergangen, deren Gemeinschaft hat der Druck nur noch stärker gemacht.
Von den etlichen Hausprojekten und dem erst kürzlich mit lächerlichen Ersatzräumen ins Aus gedrängtem Drugstore.
Ich habe nichts gegen Veränderung, sehr wohl aber gegen Verdrängung von (Sub)Kultur und sozialen Treffpunkten. ...


Quote
Acatenango17 24.04.2019, 19:56 Uhr
Einspruch Herr Kiesel. Ob solche "alternativen" Gesellschafts- und Lebensentwürfe zu einer "bunten", und vielfältigen Stadt dazugehören, kann man diskutieren. Ich persönlich habe nichts dagegen, sofern diese Leute ihr Leben aus eigener Tasche finanzieren, keine Straftaten begehen, und andere mit ihrem politischen Extremismus und ihren wirren Thesen weitestgehend unbehelligt lassen. Nennt sich Toleranz, etwas, was diesen Menschen größtenteils leider vollkommen abgeht.
Meine Toleranz endet aber da, wo auch mein Geld zur Finanzierung privater Lebensentwürfe von Anderen herangezogen werden soll. Hier handelt es sich auch nicht um bedürftige Menschen wie Kranke und Alte, sondern um arbeitsfähige, gesunde, junge Menschen. Wenn die es nicht auf die Reihe bekommen, ihr Leben eigenhändig zu finanzieren, oder von mir aus auch durch private Spenden, dann haben sie eben Pech gehabt.
Ich will auch nicht, dass Steuergelder für andere Extremisten, gleich ob politischer oder religiöser Art, ausgegeben werden. Und so ein beispiel könnte dahingehend schnell Schule machen


Quote
AdeleSandrock 24.04.2019, 20:13 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Acatenango17 24.04.2019, 19:56 Uhr
Volle Zustimmung, jeder soll versuchen seinen Lebenstraum zu leben, aber niemand darf erwarten, daß die Allgemeinheit ihm diesen Traum finanziert. 


Quote
AFFNKTBHLTR 09:06 Uhr
Antwort auf den Beitrag von AdeleSandrock 24.04.2019, 20:13 Uhr
Die meisten der Bewohner arbeiten und zahlen Steuern. Und Sie beide sind widerlich voreingenommen.


Quote
margin_call 24.04.2019, 19:25 Uhr
Es ist bedauerlich wenn solche Orte verschwinden und das alles der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen wird. Damit geht etwas verloren was nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Obwohl ich selbst mit diesen zu tun habe, finde ich es schade wenn diese alternative Subkultur verschwindet. Meine Kinder sind einst u.a. auch in solche Orte gegangen und es hat ihnen nicht geschadet. Für Jugendliche waren diese Orte günstig und friedvoll.

Viele werden es leider wie so oft erst dann begreifen, wenn von diesem Teil  Berlins nichts mehr da ist.


Quote
berlin_jens 24.04.2019, 18:19 Uhr
Warum soll ich mit meinen Steuergeldern "alternative Lebensentwürfe" finanzieren?


Quote
maxost 24.04.2019, 18:08 Uhr
Diese Alternativen Freiräume scheitern regelmäßig an der fehlenden Selbstverantwortung ihrer Macher. Statt die Jahre zu nutzen und sich auch mal Gedanken um die eigene Existenzsicherung und finanzielle Unabhängigkeit zu machen wurde durch die Bank darauf vertraut dass alles so weiterläuft wie bisher und dass im Zweifel die verhasste Spiessbürgergesellschaft ihre sogenannte Autonomie  finanzieren soll. Pech gehabt - zurecht. Aufwachen, Erwachsen werden!


Quote
Hen-Riette 24.04.2019, 21:34 Uhr
Antwort auf den Beitrag von McSchreck 24.04.2019, 20:46 Uhr

    steht sogar im Artikel, dass da "nicht nur" Kriminelle wohnen, hier als "marodierende Staatsfeinde" bezeichnet.

Ja ja, schon klar, dass dies Ihr persönliches Feindbild ist.


...

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« Reply #50 on: May 03, 2019, 01:08:56 PM »
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[...] Ein Nachmittag in Berlin-Kreuzberg, es geht auf halb drei zu, da beugt sich eine Kundin beim Aldi in der Markthalle derart weit in die Tiefkühltruhe hinab, dass ihr die Kapuze ihres Parkas auf den Kopf rutscht. Als sie wieder auftaucht, hält sie tiefgefrorene Barbecue-Chicken-Wings in den Händen. Klonk, die Tüte landet im Einkaufswagen. 2,99 Euro.

Einen Gang weiter schiebt eine alte Frau mit Kopftuch leere Wasserflaschen in den Schlund des Pfandautomaten. Sie hat viele Flaschen dabei und man könnte auf die Idee kommen, dieser vergilbte Automat höre erst dann auf, zu surren, wenn Deutschland den Einwegpfand wieder abschafft. Aber so ist es nicht. Nach mehr als 40 Jahren ist Schluss. Aldi muss raus aus der Markthalle, die Betreiber haben den Mietvertrag gekündigt.

Gegen die Kündigung hat sich Widerstand formiert im östlichen Teil Kreuzbergs, nach der alten Postleitzahl auch Kreuzberg 36 genannt. Manche Anwohner wollen ihren Aldi retten, einen von zwei Discountern in der näheren Umgebung. Es sind nicht alle Anwohner, aber auch nicht wenige. Sie haben sich zusammengefunden, Flyer in den umliegenden Cafés und Spätis ausgelegt, Bezirkspolitiker kontaktiert. Den Protestierenden sind die Händler in der Markthalle zu teuer, andere kritisieren, dass viele Stände nur an einigen Wochentagen besetzt sind. Rund 300 Menschen demonstrierten Ende März vor dem Eingang zur Markthalle. Sie hielten Schilder hoch, "Omi braucht Aldi!" stand auf einem, "Kreuzberg 36 wehrt sich!" auf einem anderen. Irgendwann rief der Organisator der Demo ins Mikrofon, man solle sich doch mal bei den Kassiererinnen bedanken, für ihre gute Arbeit. Klatschen, Jubelrufe.

Applaus für Aldi. Absurd. Das empfanden auch manche Demonstranten so. Denn natürlich waren sie nicht eigentlich da, um einen Aldi zu retten. Ein milliardenschweres Unternehmen mit mehr als 4.000 Geschäften allein in Deutschland braucht keinen Zuspruch von der Straße. Die Demonstranten waren da, um das, was danach kommt, zu verhindern: die weitere Verdrängung. Die Markthalle Neun gilt als Gentrifizierungsmotor in einem Kiez, in dem mehr als ein Viertel der Menschen von staatlichen Transferleistungen abhängig ist.

Abgesehen vom Aldi, der seit 1977 dort ist, sieht die Markthalle aus wie der Instagram-Account eines Foodies. Überall kleine Stände, die Snacks aus aller Welt anbieten, es gibt Biogemüse in Bastkörben, Dinkelcroissants neben Schrotbrot, geräuchertes Duroc-Schwein und natürlich grüne Smoothies. An Ort und Stelle gerösteten Fairtrade-Kaffee kann man auch kaufen. Riecht gut hier, sieht auch gut aus. Auf Immobilienportalen werden Wohnungen in der Umgebung mit der Nähe zur Markthalle beworben. Beim wöchentlichen Streetfood Thursday werden kalifornische Tacos, chinesische Nudeln und marokkanische Tajine angeboten. Die Besucher sind so international wie die Imbisse, hier trifft sich das kosmopolitische neue Berlin. Und plötzlich verkörpert der Aldi in Sichtweite für die Alteingesessenen ein stabiles Früher, wirkt der Außenposten des Albrecht-Imperiums fast wie ein Hausbesetzer.

Versteht man den Discounter in der Markthalle als Relikt, mag sein Ende zwangsläufig wirken. Man kann in dem Laden aber auch, ganz im Gegenteil, ein Symbol der Koexistenz erblicken. Zwischen denen, die das Geld haben, um ihren Konsum moralisch zu unterfüttern; und denen, die es eben nicht haben. Zwischen denen, die die Welt ein wenig retten können; und denen, die sich irgendwie über die Zeit retten müssen. Zwei Lebenswelten unter einem Dach.

Das würde sich ändern, wenn für Aldi eine Filiale der Drogeriemarktkette dm einzöge. So planen es die Markthallen-Chefs Bernd Maier, Florian Niedermeier und Nikolaus Driessen. Der Vertrag mit dm ist schon unterschrieben. Dass der Gegenwind so heftig geworden ist, hat die drei überrascht. Sie fühlen sich missverstanden, wurden sogar schon bedroht. Bei einem Treffen in der Markthalle erzählt Bernd Maier, ein studierter Gartenbauer, der ursprünglich aus Augsburg kommt, dass die Entscheidung für dm auch eine unternehmerische sei. Er sei für 450 Arbeitsplätze verantwortlich, die an der Markthalle hingen. Um den Betrieb dauerhaft zu sichern, brauche er die zusätzliche Kaufkraft jener Kunden, die der Drogeriemarkt anziehen würde. Die Leute würden immer denken, die Markthalle Neun sei ein Selbstläufer, sagt Maier, das stimme aber nicht. Einige Händler würden ohne Events wie den Street Food Thursday nicht überleben.

Für Maier ist der Aldi natürlich auch ein Symbol, aber nicht für selbstbestimmte Konsumenten, sondern für eine unökologische und letztlich auch unmenschliche Produktionsweise. "Die deutschen Discounter sind doch mitverantwortlich für die desaströsen Verhältnisse in der Agrarwirtschaft", sagt Maier. "Wir versuchen hier seit acht Jahren eine alternative Lebensmittelwirtschaft zu etablieren, zusammen mit den Händlern und den Erzeugern." Auch in der Markthalle könne man günstig einkaufen. Man müsse sich halt ein paar Gedanken machen. Und man müsse selber kochen.

Maier streitet für die Ernährungswende, für ökologischen Anbau, nachhaltige Ernährung, artgerechte Tierhaltung. Im Grunde alles richtig. In der Debatte mit den Anwohnern hat er dennoch den Nachteil, dass er sich lang und breit erklären muss. Und Erklärungen neigen eben dazu, kompliziert zu werden, gerade wenn es um ein weltumspannendes Thema geht. Da hat nicht jeder Verständnis. Wenn hier und jetzt das Geld alle ist und der nächste Regelsatz erst in zwei Wochen kommt, dann kann man es schon als Privileg anderer Leute empfinden, sich überhaupt über globale Zusammenhänge Gedanken zu machen. Dann ist das beste Argument eben ein Preisschild mit einer kleinen Zahl.

Warum aber lassen sich die Betreiber überhaupt auf diese Diskussion ein? Warum entscheiden sie nicht einfach? Für die Antwort muss man fast zehn Jahre zurückgehen, ins Jahr 2010. Damals bewarb sich das heutige Betreiber-Trio mit einem Konzept um die Markthalle. Einen "Mikrokosmos von großer Vielfalt" wollten die drei schaffen, mittelfristig ohne Discounter, das stand von Anfang fest. Der Bezirk fand das Konzept gut, viele Anwohner auch. Deshalb bekamen sie die Halle nicht im Höchstbieterverfahren, sondern zum Vorzugspreis von 1,15 Millionen Euro. An die Übernahme waren Bedingungen gekoppelt, unter anderem ein kostengünstiges Nahversorgungsangebot.

Die Linke im Bezirk sieht dieses Angebot nun in Gefahr und trommelt für den Erhalt des Discounters. Der Fraktionsvorsitzende in Friedrichshain-Kreuzberg, Oliver Nöll, sagt, dass viele Anwohner auf das günstige Angebot angewiesen seien. Tatsächlich ist die Aldi-Filiale in der Markthalle überdurchschnittlich gut besucht. "Ich glaube nicht, dass es die Betreiber auf Dauer schaffen, gegen den Druck so vieler ihre Pläne aufrechtzuerhalten", sagt Nöll.

Den Protest gegen die Schließung des Aldi hat Stefanie Köhne organisiert. Sie ist Filmemacherin, 56 Jahre alt und wohnt direkt an der Markthalle. Köhne gehört nicht zu denen, die sich nur Aldi leisten können, sie kauft regelmäßig frische Lebensmittel an den Ständen – aber eben nicht nur. "Im Durchschnitt sind die Produkte dort sehr teuer", sagt sie. Ein Großteil des Angebots sei hochprofessionell vermarkteter Luxus. "Die Betreiber tun aber immer so, als sei ihre Halle ein Refugium kleiner Krauter."   

Für Köhne ist klar: So ein Riesenkasten wie die Markthalle müsse für den ganzen Kiez da sein, niemand dürfe ausgeschlossen werden. Was sie ärgert, sei die Selbstverständlichkeit, mit der die Betreiber aufträten. Dass sie mit großen Worten hantierten, hinter denen die Anwohner verschwänden. "Die Ernährungswende muss bezahlbar sein und alle mitnehmen, sonst ist es keine Wende", sagt Köhne. "So lange wir die bessere Zukunft noch nicht haben, wollen wir weiter günstig einkaufen können."

Ende Juli muss Aldi die Filiale in der Markthalle geräumt haben. So lange ist noch alles wie immer. Holzpalettenspalier unter Neonröhrensummen. Im Resteregal vor den Kassen stehen eingeweckte Pfirsiche, sie drücken gelbfleischig gegen das Glas, Abtropfgewicht 780 Gramm. Eine Kundin scheint kurz zu überlegen, kauft dann aber doch nur das, was schon auf dem Band liegt: Mandelmilch, Vitamin-B12-Kapseln, ein Bund Narzissen. "Stimmt es denn, dass Sie bald weg sind?", will sie von der Kassiererin wissen. "Ja", antwortet die, "wir landen in 'ner anderen Filiale."

Wer niemals rechnen musste, kann die Symbolkraft eines Aldi schwer nachvollziehen. Wer nicht weiß, wie es ist, den Cent ganz unmetaphorisch zweimal umdrehen zu müssen. Wie es ist, sich in den meisten Läden fehl am Platz zu fühlen. Außer eben dort, wo die Preise auf Augenhöhe sind. Und sind die Hähnchen noch so chlorig, und sind die Tomaten noch so holländisch: Man kann sie sich leisten.

Das Argument, ein Drogeriemarkt erweitere das Angebot in der Halle, ist richtig. Nur heißt es eben auch, dass der Kundenkreis künftig enger wird. Denn gerade weil Aldi das Sortiment der Stände auf einem niedrigen Preisniveau spiegelt, führt der Discounter Menschen aus unterschiedlichen Einkommensverhältnissen in der Markthalle zusammen. Alle bekommen hier eine Gurke, ein Brot, ein Bier. Genauer: ihre Gurke, ihr Brot, ihr Bier. "Markthalle für alle" also, um noch einen Slogan der Pro-Aldi-Demonstranten zu zitieren.

Auf der Webseite der Markthalle haben die Betreiber Dutzende Zuschriften aus dem Kiez veröffentlicht und kommentiert. Ein Anwohner vergleicht dort beispielhaft den Preis der Laugenbrezel von Aldi (29 Cent) mit dem der Laugenbrezel vom Biobäcker in der Halle (1,49 Euro). Die Betreiber antworten: "Die Biobrezeln von endorphina werden in Handarbeit in Neukölln hergestellt. Wir halten es für fair, dass von dem Preis einer Brezel der Bäcker, der Müller und der Landwirt leben müssen. Geht das bei 0,29 €?" Die Betreiber mögen auch recht haben, wenn sie sagen, dass die niedrigen Discounterpreise zulasten anderer gehen. Wenn sie Solidarität mit Bauern, Metzgern, Bäckern fordern. Dennoch hat die gut gemeinte Empfehlung auch etwas von "Sollen sie doch Kuchen essen", denn sie beruht auf der Vorstellung einer idealen Welt. Was ist mit den 1,20 Euro Differenz?

Durchlässigkeit funktioniert eben nur in eine Richtung. Ein Akademikerkind, das auf Kosten der Eltern, sagen wir: Theaterwissenschaft studiert, kann sich eine Freitagnacht lang mit den Stammgästen in der Eckkneipe verbrüdern. Mit jenen, die ihr Leben am Tresen weichzeichnen, nicht auf dem iPhone. Andersherum würden Leute aus der Korn-Cola-Fraktion niemals auf die Idee kommen, den Gegenbesuch in einer Bar anzutreten, in der ein Negroni acht Euro kostet. Vielleicht aus Scham. Auf jeden Fall aber, weil diese Menschen ihren Rausch dort nicht bezahlen könnten. Es ist weder eine Frage des Horizonts, noch eine des Wollens. Es ist eine Rechenaufgabe, ganz einfach.

Draußen vorm Aldi, also fast draußen, denn da ist ja noch das hohe Markthallendach, sitzt ein Mann und trinkt Bier aus einer Plastikflasche, Maternus Gold, Aldis Eigenmarke. Er sitzt dort auf eine eindeutige und doch schwer zu beschreibende Art, die einem sagt, dass er oft dort sitzt und lange. Er lehnt an der hölzernen Rückwand eines Verkaufsstandes. Auf der anderen Seite der Wand werden Salze verschiedener Feinheit und Farbe angeboten, ein Gläschen Pfeffer aus dem Kerala-Urwald kostet 7,80 Euro. Das sind 26 Flaschen Maternus Gold.

Man muss den Trinkenden gar nicht fragen, was er von dm hält. Bei dm gibt es kein Bier, nicht mal in Bio. Andererseits, vielleicht sollte man doch mit ihm reden, anstatt ihm ungefragt eine Meinung zu verpassen. Doch da hat er sich schon erhoben und trägt zwei Pfandflaschen in Richtung Discounter, dessen Glastür sich in diesem Moment selbsttätig öffnet. Er ist jetzt Kunde.


Aus: "Markthalle Neun: Aldi 36" Alexander Krex (2. Mai 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/entdecken/2019-04/markthalle-neun-aldi-gentrifizierung-berlin-kreuzberg-protest/komplettansicht

https://kiezmarkthalle.noblogs.org/

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FreierVogel361 #2

Es wirkt auf den ersten Blick echt erklärungsbedürftig, wenn sich eine zum Großteil globalisierungskritische Bewohnerschaft für einen Discounter stark macht. Aber der Aldi war hier nur der Aufhänger, um darauf aufmerksam zu machen, wie weit sich diese Halle von den Leuten in der Umgebung entfernt hat. Es ist die eine Sache weniger gut Betuchte mit hohen Preisen abzuschrecken, wenn aber Events exklusiv für "MasterCard-Inhaber" geplant werden, dann ist das next level shit.


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Legaler Migrant #9

Milieuschutz. Bloss nichts ändern in Deutschland. Alles mit Wachs überziehen und die Vergangenheit konservieren. Je nach Situation ist das dann konservativ, links, grün oder rechts. Vermutlich ist es aber einfach nur deutsch.


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alba63 #9.1

Das Problem ist halt, dass die Veränderung vor allem eine Verteuerung ist. Ich denke zwar auch, dass viele sich an unrealistisch niedrige Discounter- Preise und Billigst- Lebensmittel von zweifelhafter Qualität und Herkunft gewöhnt haben, dennoch ist die Verteuerung in allen Bereichen des Berliner Lebens in der Konsequenz eine Verdrängung. Das muss man nicht gut heißen. Und es ist natürlich kein allein deutsches Problem. Irgendwann werden in den Städten nur noch Computer- Spezialisten, Start-up- Inhaber, Geschäftsbesitzer, Ingenieure und andere Hochverdiener wohnen.


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Tam-o-Shanter #18

"... in einem Kiez, in dem mehr als ein Viertel der Menschen von staatlichen Transferleistungen abhängig ist. " – was soll denn dadas Regierungsviertel sagen? Da sind 200 Prozent der Menschen von Transferleistungen abhängig (jeweils der Einfachheit halber hälftig vom Staat und den Lobbyisten) ...


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Horatio Caine #19

Herrlich wie dieser Artikel den kleinen Mikrokosmos der ganz großen Probleme, nämlich das Lohngefälle und die Einkommenverteilung in Deutschland aufzeigt :-)


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Horatio Caine #19.4

Nein wir reden von Macht und Ohnmacht. Die Macht den Wert seiner Dienst- oder Arbeitsleitung selbst bestimmen zu dürfen und die Ohnmacht es nicht zu können bzw. vordiktiert zu bekommen was sie wert ist.


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Rrandyy #20

Schönes Beispiel, wie egal den Lifestyllinken die Arbeiter und Prekären sind. Obwohl egal vermutlich falsch ist. Die sind nicht in der Lage zu verstehen das es Menschen gibt, die sich einen solchen Lebensstil nicht leisten können.
Wenn man dann noch die Kommentare liest von wegen "Wer will den so einen Müll fressen". Das will niemand, aber es ist immer noch besser als wirklicher Müll oder gar nichts zu essen. Dieser Konflikt wird das linke Parteispektrum nochmal gut durch würfeln. ...


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Reprobed Son #20.2

Die von Ihnen so geschmähten Grünen sehen wenigsten den (globalen) Zusammenhang. Konventionelle Landwirtschaft zerstört die Natur, Billigfleisch zerstört das Klima. Was nützen Ihnen heute 50 Cent Ersparnis, wenn es Übermorgen z. B. keine Bienen mehr gibt und das Klima verrückt spielt?

Lebensmittel sind in Deutschland viel zu billig (was u. a. die Schuld von Discountern wie Aldi ist), das ist ganz schlecht für die Umwelt und kann so nicht bleiben. Die Schließung des Aldis ist dann vielleicht für den einen oder anderen auch ein Anstoß, seinen falschen Lebenswandel zu ändern.

Übrigens: Langfristig gesehen ist nichts so teuer wie billiges essen.


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LinuxSchurke #20.4

Sie diskutieren ganz schön abgehoben. Selbst gut verdienende Facharbeiter die wahrscheinlich mehr verdienen als sie, mit Familie, drei Kinder sind auf die so genannten Lebensmitteldiscointer angewiesen. ...


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MaggieSimpson83 #20.3

"Was nützen Ihnen heute 50 Cent Ersparnis, wenn es Übermorgen z. B. keine Bienen mehr gibt und das Klima verrückt spielt?"

Der Familie, die von Hartz IV lebt hilft es, ihre Kinder bis zum Ende des Monats satt zu kriegen. Aber Rrandyy hat Recht. Es gibt Menschen, die unfähig sind, solche Realitäten wahrzunehmen, weil sie in einem Mikrokosmos leben, wo niemand diese Probleme hat.


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Krähenruf #20.9

... Hier zeigt sich deutlich, daß Parallelwelten keine Frage der Nationalität oder Religion sind.


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Urbanistik & Stadtforschung & Widerstand...
« Reply #51 on: May 20, 2019, 12:34:07 PM »
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[...] Toronto. Kleine Wohnung, kleine Küche. Das Fenster schließt nicht, das Wasser leckt. Reparaturen: Fehlanzeige. Die neuen Besitzer des Hauses sind anonym, niemand hat sie gesehen. "Könnte Frosty, der Schneemann sein", sagt der Mieter mit traurigem Sarkasmus. Doch sie haben Spuren hinterlassen: ein halbes Dutzend Überwachungskameras – und eine drastische Mieterhöhung. Berlin. Der bullige Kiez-Bäcker im Dialog mit dem jungen Baustadtrat Florian Schmidt. Die Miete für den Laden ist drastisch erhöht worden. Der Stadtrat versucht, Hoffnung zu wecken. Der Bäcker sieht keine Chance. Aber er will trotzdem kämpfen. Seoul. Ein Mann berichtet, wie sie kamen, ihn verprügelten und seine Frau traten, um sie aus ihrem Haus im Stadtzentrum zu vertreiben. London. Die Brandruine des Grenfell Tower. Viele Überlebende sind fast zwei Jahre später immer noch ohne dauerhafte Bleibe. Wenn sie eine bekommen, wird sie vermutlich nicht mehr hier sein. Das multikulturelle Viertel, in dem man sich vom Sehen kannte, ist heute Premium-Lage. "Sie haben gesagt, wer sich London nicht leisten kann, soll halt woanders hinziehen", schnaubt der Londoner, der sich gerade über seine Motorhaube beugt. "Die spinnen wohl!" Es ist in allen Städten dasselbe Phänomen: Der sicher geglaubte Lebensraum wird den Menschen unter den Füßen weggezogen.

Eine kleine Frau mit wachen Augen hört diesen Menschen zu, macht sich Notizen, fragt nach. Ihr Name ist Leilani Farha. Die Kanadierin ist UN-Sonderbotschafterin für angemessenes Wohnen. Push heißt der Dokumentarfilm des schwedischen Regisseurs Fredrik Gertten, der sie dabei begleitete. Farha versucht zu verstehen, was hier passiert, warum es überall gleichzeitig passiert und was dahintersteckt. Also fragt sie Experten wie den Nobelpreisträger Joseph Stiglitz oder die Soziologieprofessorin Saskia Sassen. "Dass die Mieten steigen, ist ein Mechanismus, den jeder versteht", sagt sie. "Aber dann kommt jemand anderer ins Spiel: Ein Monster, das niemand sieht, dessen Sprache niemand versteht. Also fragt man sich: Wer ist dieses Monster?" Das Monster: Das ist die Finanzialisierung des Wohnsektors, das sind die globalen Fonds, die seit der Krise 2008 massiv in Immobilien investieren. Sassen stellt unmissverständlich klar: Mit Gentrifizierung hat das nichts mehr zu tun. Es geht um mehr als um das Chai-Latte-Stübchen, das den alteingesessenen Handwerker ersetzt. Es geht um ganze Stadtviertel, die auf Immobilienmessen gehandelt werden, als Anlageobjekte, Assets, Parkplätze für Geld.

Die Bewohner sind da nur im Weg. Aber wenn nicht einmal der Krankenpfleger, die Polizistin, der Feuerwehrmann sich das Wohnen leisten können, funktioniert dann die Stadt überhaupt noch? Ganz zu schweigen von der enormen psychischen Belastung, wenn das vertraute Netzwerk aus Freunden und Nachbarn zerstört wird. Leilani Farha versucht, diesem Monster auf die Spur zu kommen, dem Anonymen ein Gesicht zu geben. Zum Beispiel das Gesicht von Stephen Schwarzman, CEO des weltweit operierenden Fund Blackstone Group. Farhas (letztendlich vergeblicher) Versuch, einen Termin mit Schwarzman zu bekommen, zieht sich als roter Faden durch den Film. Eine David-und-Goliath-Konstellation, die rührselig sein könnte, aber ganz in sachlicher Eindringlichkeit inszeniert wird. Denn das Monster sind auch die Pensionsfonds, die das Geld ihrer Kunden weltweit in Immobilien anlegen. Sind die Bösen also wir alle? Oder das System? "Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus an sich das Problem ist", sagt Leilani Farha im Film. "Aber wenn Wohnen zur Handelsware wird, ist das etwas anderes, als wenn Gold Handelsware ist. Gold ist kein Menschenrecht, Wohnen schon."

Auch die Wiener Stadtforscherin Elke Rauth vom Fachmagazin Dérive sieht die Dringlichkeit des Films. "Die Wohnungsfrage ist die soziale Frage unserer Zeit. Push zeigt eindringlich auf, wie bedroht das Menschenrecht auf Wohnen weltweit bereits ist. Ein Immobilienmarkt, der Wohnraum nur noch als Ware und Möglichkeit zur Geldvermehrung sieht, muss zum Schutz des Gemeinwohls reguliert werden. Dazu braucht es eine Allianz zwischen Zivilgesellschaft, gemeinnütziger Bauwirtschaft und Politik." Eine solche Allianz hat auch Leilani Farha ins Leben gerufen: die Initiative "Shift", die sich für Wohnen als Menschenrecht einsetzt. Sie sitzt auch am Tisch, wenn sich Bürgermeister europäischer Metropolen zum Strategieaustausch treffen. Es ist einer der anrührendsten Filmmomente, als Farha bei diesem Meeting auf Ada Colau, die Bürgermeisterin von Barcelona, trifft, die selbst eine Bewegung gegen Immobilienspekulation gegründet hatte. Wenn diese zwei Frauen einander vertraut begrüßen und sich fast überrascht ihrer gar nicht so geringen Macht in diesem Moment bewusst werden, spürt man: Hier ist eine Veränderung möglich.

Dass Anfang Mai der sensible, ganz ohne Delogierungen auskommende Umbau eines Sozialwohnblocks in Bordeaux von Lacaton Vassal Architectes mit dem Mies van der Rohe Award der Europäischen Kommission ausgezeichnet wurde, ist ein weiteres Hoffnungszeichen – und kein Zufall, wie Jurymitglied Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrums Wien, betont: "Der Mangel an leistbarem Wohnraum, wie wir ihn zurzeit in vielen Städten erleben, stellt eine Menschenrechtsverletzung dar. Es ist also nur konsequent, dass unter den fünf Finalisten gleich zwei kollektive Wohnprojekte waren." Es sind kleine Stiche gegen das immer noch übermächtige Monster. Push zeigt, wie fragil die Formen des Zusammenlebens sind und wie schnell sie zerstört werden können. Es ist der richtige Film zur richtigen Zeit.


Aus: "Wohnen: Spekulationsobjekt oder Menschenrecht?" Maik Novotny (19.5.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000103312331/Wohnen-Spekulationsobjekt-oder-Menschenrecht

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cpucpu

spekulation. what else? btw..wie so ca alles im leben spekulativ ist. wohnen macht kein unterschied. fertig. menschenrecht..., silly. und was darfs sonst noch sein? so geht das nicht. ‚recht‘ für wen und weswegen? wer zahlt?


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Kassiteros Zinn

Haben Sie den Artikel gelesen? Wenn Krankenpfleger, Polizisten und Feuerwehrmänner sich das Wohnen zunehmend nicht mehr leisten können, sollens doch unter der Brücke wohnen, wie?


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lao-lan

Als Mieter einer Altbauwohnung im 4. Bezirk, Wien, erfuhr ich, dass unsere Wohnung, die in den letzten Jahren bereits 3 mal den Besitzer wechselte, inzwischen fast dreimal teurer geworden ist als vor 10 Jahren. Am gesamtzustand des Hauses har sich deshab noch lange nichts verbessert.


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Kanton

Seit der Null-Zins-Politik geht das große Geld in Beton-Gold. ...


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seefahrer-horst

Gundstücksmakler kennen Provisonen und Gewinnmargen, davon können Baufirmen nur träumen.
Merkspruch: "Durch Arbeit ist noch keiner reich geworden" :-)


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Urbanistik & Stadtforschung & Widerstand...
« Reply #52 on: May 23, 2019, 09:26:43 AM »
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[...] Die Jugendzentren Potse und Drugstore haben am vergangenen Mittwoch, 15. Mai, die Räumungsklage erhalten. Ihr Mietvertrag für die Potsdamer Straße 180 war am 31.12.2018 ausgelaufen. Frustriert, dass es noch immer keine für sie adäquaten Ersatzräume gibt, halten sie nun seit Silvester die Räume besetzt. Die SPD würde „aktiv gegen eine Lösung arbeiten“, schreiben die Kollektive in ihrer Pressemitteilung, in der sie sich bei SPD-Jugendstadtrat Oliver Schworck für die Räumungsklage bedanken.

Besonders die „Potse“ ist seit den Siebzigern berühmt für ihre Punkkonzerte und wünscht sich Räume, in denen weiterhin laute Proben und Konzerte stattfinden können. Im vergangenen Winter gab es schon Probleme mit neuen Nachbarn: Über den Jugendzentren war das Unternehmen „rent24“ eingezogen, das mit einem Co-Living-Konzept Wohnungen befristet vermietet. Ein Mietvertrag für Räume der Gewobag in der Potsdamer Straße 134-136 wurde zwar schon unterschrieben, doch für die Räume sind noch Baumaßnahmen nötig. Die Zentren können hier frühestens Mitte des Jahres einziehen.

Bank statt Punk? Die Kollektive möchten in die Potsdamer Straße 140 in der Fläche einer ehemaligen Bank einziehen. Das Gebäude ist im Besitz der landeseigenen BIM und war im vergangenen Jahr im Gespräch als Alternative für die Jugendzentren. Doch laut BIM kommen die Räume nicht in Frage für die Jugendzentren, da es keinen zweiten Rettungsweg gibt. Das Finanzamt Schöneberg hat hier außerdem seinen Sitz und laut Senatsverwaltung für Finanzen „einen großen Flächenbedarf“. Im Gespräch ist die Einrichtung einer Finanzschule in den Räumen.

Sport statt Punk? Das zweite Gebäude, das die Kollektive als Alternative vorschlagen, ist etwas abenteuerlicher: Der Hochbunker in der Pallasstraße. Bei einer Diskussion dieses Vorschlags im vergangenen Jahr in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) wurden Bedenken vorgelegt, was die Lüftung des Bunkers angeht. Lärmsicher wäre er allemal. In der BVV im Februar wurde ein Antrag der CDU- und FDP-Fraktionen beschlossen, aus dem hervorgeht, dass sich die Senatsverwaltung für die „Nutzbarmachung des Bunkers“ einsetzen will. Die Antragsteller fordern aber eine Nutzung als Sportfläche.


Aus: "Klage erhalten: Potse & Drugstore sagen "Danke, Schworck"" Judith Langowski (21.05.2019)
Quelle: https://leute.tagesspiegel.de/tempelhof-schoeneberg/macher/2019/05/21/76788/klage-erhalten-potse-drugstore-sagen-danke-schworck/

Von Punks für Punks Wir, das Potse -Kollektiv
https://potse.squat.net/