Author Topic: Urbanistik & Stadtforschung & Widerstand...  (Read 8021 times)

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Urbanistik & Stadtforschung & Widerstand...
« Reply #20 on: October 02, 2016, 11:21:35 AM »
"Mietrecht: Raus!" Christian Salewski (29. September 2016)
Wie Wohnungskäufer das Mietrecht aushebeln, um arme Mieter loszuwerden. ... [Für ihre 36 Quadratmeter beträgt die Kaltmiete 267 Euro im Monat. Der Unternehmer, der die Wohnung gekauft hat, vermietet noch zwei andere im boomenden Karlsruhe. Er preist sie in Inseraten als "exklusiv" an und verlangt für ein 20-Quadratmeter-Zimmer in einer möblierten "Business-WG" mehr als 700 Euro im Monat. ] ... Besonders ausgeprägt ist das Kündigungsrisiko dort, wo der Wohnungsmarkt heißläuft, also in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München. Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband Berlin sind inzwischen alle Felder der sozialen Arbeit betroffen, von der Eltern-Kind-Einrichtung bis zur Demenz-WG. Ein besonders krasser Fall ist die Einrichtung "Die Zwiebel", die sich um suchtkranke und essgestörte Frauen kümmert, die häufig auch Opfer von Gewalt wurden. Ein internationaler Investor kaufte das Haus in Berlin-Moabit, in dem "Die Zwiebel" untergebracht ist, und nutzte das Gewerbemietrecht, um 2014 gleich zwölf Wohnungen zu kündigen und Räumungsklagen zu erheben. Die Einrichtung stand vor dem Aus. Der Trägerverein Prowo entschloss sich zu kämpfen. ...
http://www.zeit.de/2016/39/mietrecht-wohnungskaeufer-kuendigungen-gerwerbeflaechen-sozialtraeger/komplettansicht


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Kommentist #12

Es ist billiger Linkspopulismus, wenn man sich einredet, dass der Staat das Problem mit noch mehr Gängelung der Vermieter aus der Welt schaffen könnte. Nicht alle Vermieter sind Heuschrecken und die Gesetze bevorteilen Mieter schon heute extrem.

Wer privat die ein oder andere Eigentumswohnung vermietet, der weiß, dass die Rendite nach allen Kosten überschaubar und das Risiko (Mietnomaden, etc.) recht hoch ist. Für die großen Heuschrecken, denen der Staat massenweise Sozialwohnungen weit unter Wert zugeschachert hat, ist die Rendite zwar viel höher, aber bei neuen Gängelungsgesetzen erwischt es halt überlicherweise alle. Im schlimmsten Fall gelingt es den Heuschrecken durch Lobbyarbeit sogar noch, sich bestimmte Vorteile gegenüber Privatvermietern zu sichern. Nein, danke.

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artefaktum #12.1

@Kommentist

>> Nicht alle Vermieter sind Heuschrecken und die Gesetze bevorteilen Mieter schon heute extrem. <<

Die im Artikel angesprochenen Investoren allerdings schon. Und die scheinen mit der staatlichen "Gängelung" ja kein Problem zu haben, sonst würden sie ja nicht investieren.



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I have a dream #14

In diesem Land muss bald ein Gesetz erscheinen, die die einfache Menschen von den Investoren schützt. Es gibt keine Ethische Grundlage für diese Menschen, sie sind einfach blind, arrogant und oft fühlen sie sich "bessere Menschen" als die anderen. Es kann nicht sein dass das Geld alles entscheidet und überall regiert. Bis diese Menschen (ich meine die Investoren) aufwachen, und verstehen dass das Geld das sie haben, nicht um ihr eigenes Wohl sonders für das gesamte Wohl da ist, und sie haben einfach die Gnade über dieses Mittel zu bestimmen, muss eine staatliche Kontrolle stattfinden. Sonst, es kommen noch mehr Skandalen, Unruhen, Krawallen, Ausländerfeindlichkeiten, Extremisten ect, alles Erscheinungen einer sozial- und menschen-unfreundlichen Gesellschaft.


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"Entmieterstadt Berlin: Die Geschichte vom Häuserkampf in Wedding" Thomas Loy (10.10.2016)
Ihr halbes Leben wohnen die Menschen in dem unscheinbaren Altbau in Gesundbrunnen. Jetzt sollen sie raus. Der neue Eigentümer braucht die Wohnungen angeblich für seine Töchter.  ... Sie wissen, dass sie nicht die einzigen sind, die es erwischt. Überall steigen die Mieten, werden Häuser saniert, müssen Menschen ihren Kiez verlassen, weil sie sich ihre Wohnung nicht mehr leisten können. Das war ja großes Wahlkampfthema. Alle seien sie schon bei ihnen gewesen, SPD, Linke, Grüne, Piraten. Die Politiker hätten sich ihre Geschichte angehört und versprochen sich zu kümmern. Vor der Wahl wollte sogar CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel einen Brief an Marc J. schreiben. Henkel ist direkter Nachbar, hat die hintere Remise im Hof gemietet, als Bürgerbüro. ...
http://www.tagesspiegel.de/berlin/entmieterstadt-berlin-die-geschichte-vom-haeuserkampf-in-wedding/14662780.html

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plus8 10.10.2016, 11:04 Uhr
Wenn ich das Geflenne der üblichen Mieterschützer höre, komme ich mir wie in einem Flashback in die 80er zurück versetzt vor:

Die ständigen abseitigen Diskussionen über Mieterschutz und Eigenbedarf kamen schon damals ständig aus (West-)Berlin - und ich habe heute partout kein Verständnis mehr dafür!

Bis in die 2000er Jahre hinein war Wohneigentum in Berlin spottbillig zu haben - trotz seinerzeit höherer Kreditzinsen hätten die Mieter sehr wohl den Kauf des Hauses als ETW Anlage "stemmen" können.

Und nein: Mietverträge begründen eben keine Eigentumsrechte, sondern immer nur Besitzrechte!

Bitte jetzt auch nicht mit dem bei Berliner Linken abgedroschenen Argument "Eigentum verpflichtet" kommen! Kein Eigentümer einer Immobilie ist verpflichtet, seine Immobilie dauerhaft unter Marktwert zu vermieten!

Ebenso selbst schuld, wenn Mieter den Mietgegenstand auf eigene Kosten sanieren und sich dafür im Gegenzug vom Vermieter keine Kompensationen einräumen lassen. Dann hätten sich die Mieter eben eine sanierte Wohnung mieten sollen!


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lotta 07:31 Uhr
ja, liebe foristen...es ist garkein problem von 8.50€ mindestlohn - brutto wohlgemerkt - einen brauchbaren betrag für die alterrsversorgung wegzulegen, auf ein eigenheim zu sparen und natürlich so ganz nebenbei auch noch was übrig zu haben für brot und brötchen.
wo lebt ihr eigentlich, liebe leute?????
schon mal was von empathie, miteinander und humanismus gehört? darauf hat sich unsere gesellschaft  mal gegründet und gut funktioniert.
all den klugscheissern - sorry - hier empfehle ich mal, sich über die folgen der gentrifizierung zu informieren. vielleicht kapiert ihr dann, wo die reise hingeht?! kann übrigens gut sein, auch mal für euch! ...


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« Last Edit: October 11, 2016, 10:00:29 AM by Link »

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« Reply #21 on: October 18, 2016, 12:25:50 PM »
"Günstiger Wohnraum: Jedes Jahr 10 000 Sozialwohnungen weniger in NRW"  (17. Oktober 2016)
... Der Bestand an Sozialwohnungen ist in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen fünf Jahren um über 50 000 geschrumpft. Wie das Bauministerium mitteilte, gab es in NRW im vergangenen Jahr nur noch knapp 477 000 Sozialwohnungen. Im Vergleich zum Höchststand, 1979, ist das weniger als ein Drittel von einst über 1,6 Millionen Sozialwohnungen. ... Insgesamt fehlen nach Modellberechnungen in NRW bis 2020 rund 400 000 neue Wohnungen. Davon müssten mindestens 300 000 in Mehrgeschoss-Bauten errichtet werden - nicht zuletzt, weil sich die zusätzliche Nachfrage durch Flüchtlinge nicht mit Einfamilienhäusern decken lasse, argumentiert das Bauministerium. Der zusätzliche Bedarf an preiswertem Wohnraum allein durch Flüchtlinge wird in NRW auf rund 120 000 Wohnungen taxiert.
Der höchste Bedarf besteht weiterhin in den Großstädten entlang der Rheinschiene: Düsseldorf, Köln, Bonn sowie in den Universitätsstädten Bielefeld, Münster, Dortmund, Essen und Aachen - mit Auswirkungen auf das jeweilige Umland. Der geringste Bedarf besteht in ländlichen Räumen, wo es manchmal sogar schon dauerhaften Leerstand gibt - etwa in Südwestfalen, im Hochsauerland und Siegerland sowie in einigen Bereichen des nördlichen Ruhrgebiets.
http://www.rp-online.de/nrw/panorama/immer-weniger-sozialwohnungen-in-nrw-aid-1.6331445


"Leben in der Platte" Robert Kaltenbrunner (09. April 2017)
Im gleichen Maße, wie sich vielerorts die Frage nach bezahlbarem Wohnraum mit Vehemenz stellt, wird der Wohnungsbau augenscheinlich erneut zum Gegenstand von Rationalisierungsbestrebungen. Die Industrialisierung des Bauens, lange Zeit - und mit dem Fingerzeig auf realsozialistische Metastasen - als Krebsgeschwür der modernen Architektur verteufelt, scheint angesichts der derzeitigen Rahmenbedingungen erneut die Geister zu beflügeln. Das mag zwar manch ungute Assoziation auslösen, aber der Entwicklungsdruck wirkt schier übermächtig. Relativierend sollte man insofern auf ein Jahrhundert zurückblicken, in dessen höchst unterschiedlichen Phasen das Schreckgespenst "Wohnungsnot" immer wieder an die Wand gemalt wurde. Denn so drängend die derzeitigen Probleme auch sein mögen, neu und einzigartig sind sie nicht. Viele Akteure und Strömungen mussten unter dem Druck der Verhältnisse bereits mehrmals darauf hinarbeiten, Behausungen in ausreichender Menge und zu erschwinglichen Kosten verfügbar zu machen: Politiker und Parteien (zur Legitimation ihrer selbst), die (Bau)Industrie (weil sich mit solchen Modernisierungsimpulsen Geld machen und die Voraussetzung für künftige Absatzmärkte schaffen ließ) und weite Kreise der Bevölkerung (aus naheliegenden Gründen). ...
https://www.heise.de/tp/features/Leben-in-der-Platte-3674863.html


"Besetztes Möbel-Kraft-Gelände in Kiel : Wohnwagengruppe lässt Ultimatum zur Räumung am Prüner Schlag verstreichen"  Andrea Lange (8. Mai 2017)
Der Grundstückseigentümer Möbel Kraft wollte die Bauwagenleute loswerden. Doch die lassen sich davon nicht beirren. Kiel | Ein Wohnwagengruppe besetzt seit Ende April den Prüner Schlag in Kiel. Sie wollen sich ein Stück Freiraum in der Landeshauptstadt erkämpfen. Doch für das Grundstück gibt es andere Pläne. Dort soll ein neues Einrichtungshaus von Möbel Kraft gebaut werden. Den Besetzern wurde daher ein Ultimatum vom Grundstückseigentümer gestellt. Bis Sonntag sollten sie das Areal verlassen haben. Daran hielten sie sich nicht. Auch am Montag harrten die Besetzer mit ihren Wohnwagen weiter aus. Das bestätigte Ralph Göttsche von Möbel Kraft gegenüber shz.de.
Bisher sei nichts passiert und alle Besetzer seien noch auf dem Gelände, sagte Göttsche. Die Gruppe hatte zuvor erklärt, man verlasse das Areal, wenn ihnen die Stadt eine adäquate Alternative anbiete. Das ist bisher nicht geschehen. ...
https://www.shz.de/regionales/schleswig-holstein/wohnwagengruppe-laesst-ultimatum-zur-raeumung-am-pruener-schlag-verstreichen-id16769816.html

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"Massenproteste gegen Moskaus Abrisspläne" (14.05.2017)
Tausende Menschen sind in Moskau gegen ein gigantisches Umbauprogramm auf die Straße gegangen. Bürgermeister Sergej Sobjanin will rund 4500 marode Plattenbauten aus der Nachkriegszeit abreißen lassen, mehr als eine Million Menschen sollen neuen Wohnraum erhalten. Doch das forsche Vorgehen der Behörden trifft auf Widerstand, viele rechtliche und finanzielle Fragen sind ungeklärt. An der genehmigten Kundgebung am Sonntag nahmen nach Angaben der Veranstalter 30.000 Menschen teil, die Polizei sprach von nur 8000. Auch prominente Oppositionelle wie Alexej Nawalny und Grigorij Jawlinski kamen zu der Demonstration.
Mit den fünfstöckigen industriell gefertigten Häusern linderte die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg die schlimmste Wohnungsnot. Doch so schlecht die Bauqualität ist, hängen heute viele Moskauer an diesen Wohnungen. Durch die Privatisierung sind sie Eigentümer geworden. Viele fürchten eine zwangsweise Enteignung, bei der sie aus innenstadtnahen, grünen Vierteln in Hochhausviertel am Rand Moskaus umgesiedelt werden. ...
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/moskau-massenproteste-gegen-abriss-von-wohnungen-a-1147633.html
« Last Edit: May 15, 2017, 07:16:23 AM by Link »

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« Reply #22 on: May 23, 2017, 03:26:05 PM »
"Immobilien-Deal in Berlin-Kreuzberg - Zalando zieht mit 34.000 Quadratmetern auf die Cuvry-Brache" Daniel Marschke (11.04.2017)
In nur acht Jahren ist das Berliner Start-Up Zalando zu einem der größten deutschen Online-Händler geworden - mit entsprechend großem Flächenbedarf. Bald wird Zalando auch an der Cuvrystaße sein - dort, wo vor kurzem noch sozialer Wohnungsbau geplant war.
https://www.rbb-online.de/wirtschaft/beitrag/2017/04/berlin-friedichshain-kreuzberg-cuvrystrasse-zalando-mietet-riesige-bueroflaeche.html

Die Cuvry-Graffiti waren zwei großflächige Fassadenbilder des italienischen Street-Art-Künstlers Blu, die zu den bekanntesten Graffiti in Berlin gehörten. Sie befanden sich an zwei Brandwänden am Rand der sogenannten Cuvrybrache in Berlin-Kreuzberg. Das Dorf aus Zelten und Hütten auf der Brache hatte als „Berlins erster Slum“ regelmäßig für Schlagzeilen gesorgt, bis es im September 2014 nach einem Brand geräumt wurde.  ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Cuvry-Graffiti

"Rückwärtsdemo gegen Zalando" Dinah Riese (23. 5. 2017)
Unter lautem Gejaule und Geheule schiebt sich die Prozession am Montagabend durch die Schlesische Straße in Kreuzberg. An der Spitze des Zuges gehen sechs SargträgerInnen. Oder am Ende des Zuges, genau kann man es nicht sagen – denn der Trauermarsch, der den Geist Kreuzbergs und der Cuvrybrache zu Grabe trägt, geht rückwärts. ... „Wir übergeben einen Sarg und den Geist von Kreuzberg an die Spree. Zwei Millionen Träume sind hier zerplatzt und machen Platz für den Gewinner mit der schlechtesten Idee“, ruft Leumund ins Megafon. Und: „Die Galgen hängen tiefer. Ein Schwan fällt vom Dach.“ Ein Touristenboot fährt vorbei. „Wir trauern hier! Es ist sehr traurig“, ruft Leumund ihm über das Wasser hinweg zu. Hinter ihm stimmen die Trauernden in lautes Wehklagen ein. „Zalando – ham wa nicht bestellt“, ruft eine Frau, alle anderen stimmen mit ein. „Nebenbei könnten ja auch Leute den Bauzaun anzünden oder aufs Gelände eindringen“, sagt Leumund, während er mit einem „Burn, Zalando burn“-Schild wedelt. „Das hat dann aber nichts mit uns zu tun“. Am Ende der Veranstaltung wird die Polizei trotzdem seine Personalien aufnehmen – weil er angeblich zu Straftaten aufgerufen habe, wie die Bergpartei in einer Pressemitteilung erklärt.
„Ich bin ein ehemaliger Bewohner der Freien Cuvry“, sagt ein Mann ins Megafon – einen „Gastprediger“ nennt Leumund ihn. „Ich hatte meine Hütte unter dem großen Baum, der dort drüben stand und den es heute auch zu betrauern gilt.“ Er ruft die Anwesenden auf, weiter gegen die Bebauung der Brache zu protestieren. „Wer heute bei Zalando Schuhe bestellt, trampelt morgen auf der Cuvry herum.“
Am Ende des Trauermarsches findet sich die Prozession wieder am Ausgangsort zusammen – an der Spree. Langsam senkt sich der Sarg ins Wasser. „Keine Schrippen für Zalando“ skandiert die Menge. Mit einem lauten Platschen landet der Sarg in der Spree, ein letztes mal setzt lautes, realdadaistisches Wehklagen auf Kommando ein. Ein zufällig vorbeifahrendes Schlauchboot hilft anschließend, den Sarg zu bergen. Angesichts der voranschreitenden Verdrängung im Kiez wird es wohl noch mehr Anlässe für Beerdigungen geben. ...
https://www.taz.de/Protest-gegen-Verdraengung-in-Kreuzberg/!5403037/

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"Die Stadt muss radikaler werden" Interview: Katrin Lange (23.03.2017)
Interview mit dem Copenhagenize-Gründer Mikael Colville-Andersen.
Ich glaube gar nicht, dass es so etwas wie Fahrradkultur gibt. Ich bin nur ein Mann mit seinem Team, der glaubt, dass das Fahrrad das mächtigste Werkzeug in unserem Werkzeugkasten ist, wenn wir urbanes Leben verbessern wollen. ...
https://www.greencity-magazin.de/die-stadt-muss-radikaler-werden/

Bicycle Culture by Design: Mikael Colville-Andersen at TEDxZurich (Published on Nov 28, 2012)
https://www.youtube.com/watch?v=pX8zZdLw7cs

« Last Edit: May 26, 2017, 10:00:53 AM by Link »

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« Reply #23 on: May 29, 2017, 05:48:20 PM »
In Alternativlos Folge 40 reden wir mit Andrej Holm über Stadtentwicklung und Gentrifizierung. (29.5.2017)
Mit halbwegs aktuellen Browsern könnt ihr das direkt im Browser hören (Dauer: zwei Stunden, 32 Minuten)...
https://alternativlos.org/40/

Andrej Holm (* 8. Oktober 1970 in Leipzig) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler mit den Themenschwerpunkten Stadterneuerung, Gentrifizierung und Wohnungspolitik. ... Von 1990 bis 1997 studierte Holm an der Humboldt-Universität zu Berlin Sozialwissenschaften und wurde 2004 mit einer Arbeit zum Thema „Restrukturierung des Raumes und gesellschaftliche Macht im Sanierungsgebiet“ promoviert. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Andrej_Holm

Als Gentrifizierung (engl. gentry „niederer Adel“), auch Gentrifikation, im Jargon auch Yuppisierung, bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel bestimmter großstädtischer Viertel im Sinne einer Attraktivitätssteigerung für eine neue Klientel und dem anschließenden Zuzug zahlungskräftiger Eigentümer und Mieter. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen. Der teilweise als politisches Schlagwort verwendete Begriff ist in der Stadtforschung von Bedeutung und theoretisch nach wie vor nicht eindeutig erklärt. Interessant ist unter anderem, wieso und wo sie nicht stattfindet. Unter anderem ist durchaus umstritten, ob steigende Wohnungspreise Ursache oder Wirkung des Austauschprozesses sind. Erste Gentrifizierungsanzeichen finden sich immer schon vor den preislichen Änderungen im Wohnungsmarkt. Als wichtig gelten ebenso die Unterschiede im Habitus, im Geschmack, in den sozialen und kulturellen Ausdrucksweisen und symbolhaft inszenierten Konsumgewohnheiten von Neuankömmlingen und der bestehenden Einwohnerschaft im öffentlichen Raum. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Gentrifizierung

« Last Edit: May 29, 2017, 06:02:08 PM by Link »

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Urbanistik & Stadtforschung & Widerstand...
« Reply #24 on: May 31, 2017, 07:32:01 AM »
"Möbel-Kraft-Gelände Prüner Schlag wurde geräumt" Niklas Wieczorek (29.05.2017)
Am Montagvormittag war es soweit: Etliche Polizisten sind am Prüner Schlag am Möbel-Kraft-Gelände vorgefahren und begleiteten eine Gerichtsvollzieherin. Sie brachte den Brief: Die Besetzer müssen von der Ausgleichsfläche. Ein vierwöchiges Wagencamp fand ein friedliches Ende. ... Die Atmosphäre war ruhig: Polizisten und Besetzer standen sich zwar gegenüber, dabei blieb es aber auch. "Das lief alles ganz friedlich ab", sagte Oliver Pohl von der Polizei in Kiel. Ralph Göttsche von Möbel Kraft sagte dazu: "Die Besetzer sind immer gut informiert gewesen." Gespräche fanden schließlich darüber statt, wie die großen Wagen ohne Antrieb das Gelände verlassen sollten. Als ein Unimog eintraf, wurde aber auch diese letzte Herausforderung bewältigt. Fakten seien jetzt geschaffen, sagte Möbel-Kraft-Vertreter Göttsche zum Ende der Arbeiten gegen 13 Uhr. Die Besetzer hoffen durch den friedlichen Abzug weiterhin Gespräche mit der Stadt ermöglicht zu haben - schließlich sind sie noch immer auf der Suche nach einem Wagenplatz. ...
http://www.kn-online.de/News/Nachrichten-aus-Kiel/Moebel-Kraft-Gelaende-Die-Besetzung-in-Kiel-ist-vorbei

"Besetztes Möbel-Kraft-Gelände : Prüner Schlag in Kiel wurde geräumt" (29. Mai 2017)
Am Montagvormittag kam die Gerichtsvollzieherin. Die Wohnwagengruppe „Schlagloch“ packte ihre Sachen. ... Die Räumungsaktion war ein „begleiteter freiwilliger Rückzug“, nachdem die Gerichtsvollzieherin um 10 Uhr den Vollstreckungsbescheid überreicht hatte. Zwar lag dieser schon Mitte vergangener Woche vor, aber Möbel Kraft hatte sich gemeinsam mit der Gerichtsvollzieherin, der Stadt Kiel und der Polizei darauf geeinigt, die Feiertage abzuwarten und erst am Montag das Areal räumen zu lassen.
Laut Göttsche haben die Bewohner ihre Sachen sofort gepackt und den Standort mit den Wagen verlassen. Gegen 13 Uhr waren die Räumungsarbeiten beendet. Nun stehen die ehemaligen Besetzer am Hasseldieksdammer Weg und beraten wohl, wie es weiter geht. Die Stadt zeigt sich nach wie vor verhandlungsbereit, was die Suche nach einer für alle Beteiligten opportunen Lösung betrifft. Möbel Kraft hat angekündigt, das Gelände ab sofort bewachen zu lassen.
https://www.shz.de/regionales/kiel/pruener-schlag-in-kiel-wurde-geraeumt-id16931726.html

"Kiel: Räumung der Wagengruppe Schlagloch + Demo" (30.05.2017)
Am Montag den 30.5. wurde der Wagenplatz Schlagloch auf dem ehemaligen Kleingartengelände Prüner Schlag - heute Möbelkraft Baugelände – durch eine Gerichtsvollzieherin in Begleitung von etwa 50 PolizistInnen zwangsgeräumt. Die BesetzerInnen wollten mit der Besetzung u.a. auf eine „fehlgeschlagene Stadtpolitik, die sich nicht an den Bedürfnissen der Menschen, wie z.B. nach bezahlbarem Wohnraum, richtet“ aufmerksam machen. Hintergrund ist der Konflikt um den Bau eines Möbel Kraft Möbelhauses auf dem Kleingartengelände. ...
https://linksunten.indymedia.org/en/node/213908

"Wagengruppe Schlagloch-Räumung – Sponti heute 17 Uhr" Wagengruppe SchlaglochVeröffentlicht (29. Mai 2017)
Wir wurden geräumt! Haufenweise Cops, Möbel Kraft Vertreter und eine Gerichtsvollzieherin sind heute Morgen angetanzt um unseren Wagenplatz zu räumen. Wir haben das Gelände friedlich geräumt und stehen nun mit unseren Wagen auf der anderen Straßenseite. Möbel Kraft, die Stadt und ihre Ordnungshüter*innen erhöhen den Druck auf uns. Zusätzlich zur Anzeige wegen Hausfriedensbruch gibt es nun ein zivilrechtliches Verfahren, mit dem die Räumung unseres Platzes erwirkt wurde. Die Kosten dieses Verfahrens werden wir tragen müssen, sagte uns ein Vertreter von Möbel Kraft mit dem Hinweis wie teuer so ein Verfahren werden könnte. Diese und weitere überflüssige Sticheleien von Seiten Möbel Krafts wurden durch ein privates Sicherheitsunternehmen ergänzt, das mit einem Fahrzeug seit Mittwoch unsere Einfahrt blockiert. Es ist offensichtlich, dass diese Methoden uns einschüchtern sollen, da wir uns geweigert haben uns selbst zu räumen und zurück in die Unsichtbarkeit zu verschwinden. ...
http://schlagloch.blogsport.eu/2017/05/29/wagengruppe-schlagloch-raeumung-sponti-heute-17-uhr/

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H.W. Lang sagt:   
29. Mai 2017 um 23:19

Hier wurde eine Chance vertan, lösungsorientiert zu einer Beilegung des Konflikts zu kommen.
Statt dessen wurden Ultimaten gesetzt, Bedingungen gestellt – alles reine Machtspiele.
Möbel-Kraft hat es versäumt, durch ein moderates und flexibles Verhalten bei den Kielern Sympathiepunkte zu gewinnen. Dumm.
Ulf Kämpfer, eigentlich als Mediator geschult, hat sich durch die Bedingung, erst müsse das Gelände geräumt werden, eigener Handlungsoptionen beraubt. Dumm.

Kiel ist eine Stadt, die mit Universität und Fachhochschule junge Leute anzieht. Aber sie muss jungen Leuten darüber hinaus auch etwas bieten. Sie muss bunt sein, sie muss Flair haben. Sonst bleiben die jungen Leute weg und gehen nach Hamburg oder Berlin.
In Berlin gibt es in jeder Straße einen Hinterhof, in dem Startups oder alternative Projekte vor sich hin werkeln. Was ist mit Kiel? Ein Provinznest. Man setzt auf Delmenhorstisierung oder Raisdorfisierung: Baumarkt – Möbelmarkt – Supermarkt – Getränkemarkt…
Wie wäre es mit Amsterdamisierung und Kopenhagenisierung? Bauwagenkolonien, Hausboote, alternatives Leben, nicht nur „geduldet“ (also eigentlich nicht gewollt), sondern aktiv unterstützt?


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« Last Edit: May 31, 2017, 07:45:46 AM by Link »

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« Reply #25 on: May 31, 2017, 10:23:33 AM »
"Dienstleistungszentrum in Zürich zu teuer: Die UBS verlagert Jobs nach Biel" Daniel Imwinkelried (31.5.2017)
Erneut wird die UBS Arbeitsplätze aus Zürich an einen anderen Standort in der Schweiz verlagern. Vor einem halben Jahr gab die Bank bekannt, dass sie im Herbst in Schaffhausen ein sogenanntes UBS Business Solution Center eröffnen werde. In diesem Gebäude hat es Platz für 500 Angestellte. Heute Mittwoch wird die UBS mitteilen, dass in Biel ebenfalls ein solches Dienstleistungszentrum entstehen soll. Mittelfristig werden in der Berner Stadt 600 Arbeitsplätze entstehen. ... Motiv dieser Verlagerung sind die Kosten, vor allem für die Löhne und die Mieten. Offenbar sieht es die UBS-Führung nicht mehr als sinnvoll an, gewisse Arbeitsplätze in Zürich anzubieten und dafür hohe Aufwendungen in Kauf zu nehmen. ...
Mit dieser Regionalisierung verfolgt die UBS in der Schweiz eine ähnliche Politik wie auf globaler Ebene. Seit einigen Jahren betreibt die Bank, wie andere international tätige Grossunternehmen, im Ausland sogenannte Shared-Service-Center. Deren Angestellte erledigen unterschiedliche Büroarbeiten in den Bereichen Zahlungsverkehr, IT, Personalwesen, Buchhaltung oder Publikationen.
Beliebte Standorte für solche Zentren sind Indien und Polen. In beiden Ländern ist auch die UBS mit Shared-Service-Centern präsent, und diese werden auch weiter ausgebaut. In den polnischen Grossstädten Krakau und Wroclaw beschäftigt die Bank mittlerweile 3500 Mitarbeiter.
https://www.nzz.ch/wirtschaft/dienstleistungszentrum-in-zuerich-zu-teuer-die-ubs-verlagert-jobs-nach-biel-ld.1298500

"Jobverlagerung der UBS: Die Stadt der Hochqualifizierten" Daniel Imwinkelried (31.5.2017)
... In Biel, wo die Mietpreise für Wohnungen und Büros so niedrig sind wie wohl in keiner anderen mittelgrossen Schweizer Stadt, wird sie Ende 2018 einen ähnlichen Hub wie in Schaffhausen eröffnen. Mit solchen regionalen Verlagerungen ist die UBS in der Schweiz zwar anderen Firmen voraus, im Ausland gibt es aber ähnliche Trends. Ausgeprägt ist die Entwicklung in London, wo der Finanzsektor wie in Zürich ein grosses Gewicht hat. Und wie in der Schweizer Metropole nehmen manche Londoner Firmen die hohen Mietpreise als Belastung wahr. Das hat Banken dazu bewogen, Arbeitsplätze nach Birmingham und Manchester zu verlagern. ...
https://www.nzz.ch/meinung/jobverlagerung-der-ubs-die-stadt-der-hochqualifizierten-ld.1298442

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"Großbrand in Londoner Hochhaus: Mindestens zwölf Tote, dutzende Verletzte" Sebastian Borger aus London (14. Juni 2017)
Das mehr als 40 Jahre alte kommunale Wohnhaus war erst im vergangenen Jahr um umgerechnet 9,8 Millionen Euro renoviert und dabei mit einer zusätzlichen Isolierungsschicht versehen worden. Eine Bewohnerinitiative berichtete von mehreren Versuchen, die Gemeinde sowie die beteiligten Baufirmen auf mögliche Brandgefahren hinzuweisen. Dazu gehörten der Mangel an Fluchtwegen sowie das Fehlen klarer Instruktionen im Brandfall. Offenbar könne "nur ein katastrophaler Zwischenfall" die Verwaltungsfirma, die vom Bezirk beauftragt wurde, zur Vernunft bringen, schrieben die Aktivisten im vergangenen November. ... Das Feuer dürfte ein politisches Nachspiel haben. Der Königliche Bezirk Kensington und Chelsea wird seit Jahrzehnten von den Konservativen regiert. Er umfasst neben dem Kensington-Palast, wo Prinz William mit seiner Familie wohnt, einige der reichsten Viertel der Hauptstadt. Dort sind Immobilien kaum unter einigen Millionen Pfund zu bekommen. Der Norden des Bezirks, wo das Feuer wütete, gehört zu den ärmsten Vierteln des Landes. Viele der Opfer dürften Einwanderer aus den früheren britischen Kolonien sein, offenbar lebten auch mehrere Philippiner im Grenfell Tower. ...
Das 24-stöckige Wohnhaus Grenfell Tower in North Kensington im Westen von London wurde im Jahr 1974 fertiggestellt. Ursprünglich bestand das Hochhaus aus 120 Wohnungen, sieben weitere wurden bei einem späteren Umbau hinzugefügt.
Verwaltet wird das Gebäude von der Kensington and Chelsea Tenant Management Organisation (KCTMO) für den Stadtbezirk Kensington and Chelsea. Die Baufirma Rydon beendete im Juli 2016 Sanierungsmaßnahmen in einer Größenordnung von 8,7 Millionen Pfund (9,88 Mio. Euro). Darin enthalten waren eine Erneuerung der Fassade und der Fenster. Außerdem seien eine neue Heizungsanlage sowie ein Rauchabzugs- und Ventilationssystem eingebaut worden, ist auf der Webseite der Firma nachzulesen.
Rydon betonte, man sei geschockt über die Feuerkatastrophe. Alle baulichen Maßnahmen seien gemäß den geltenden Vorschriften für Brandschutz, Sicherheit und Gesundheit durchgeführt worden. Die Firma wolle die Ermittlungen der Behörden zur Brandursache voll unterstützen.
Die Fassadenverkleidung wurde von der Firma Harley Facades angebracht. Ein Sprecher sagte der Nachrichtenagentur Reuters, zum jetzigen Zeitpunkt könne er keinen Kommentar abgeben, weil ihm noch keine Informationen zum Hergang des Unglücks vorlägen.
Eine Anrainer-Vereinigung, die Grenfell Action Group, wies darauf hin, dass sie mehrfach die Brandsicherheit des Hochhauses kritisiert habe. "Alle unsere Warnungen trafen auf taube Ohren. Wir haben vorhergesagt, dass eine solche Katastrophe unausweichlich und nur eine Frage der Zeit ist", schrieb die Gruppe am Mittwoch auf ihrer Internetseite.
KCTMO soll die Bewohner angewiesen haben, im Fall eines Feuers in der Wohnung zu bleiben, sofern der Brand nicht im eigenen Apartment oder am Gang davor ausbricht. "Grenfell ist gemäß strengster Brandschutzbestimmungen gebaut worden", so die Gebäudeverwaltung in einem Newsletter vom Juli 2014. "Die neuen Eingangstüren zu jeder Wohnung können einem Feuer bis zu 30 Minuten standhalten, ausreichend Zeit bis zum Eintreffen der Feuerwehr."
https://derstandard.at/2000059243260/Grossbrand-in-Londoner-Hochhaus-Mindestens-sechs-Tote-dutzende-Verletzte


"Großbrand in London: Die Mieter sahen es kommen" Bettina Schulz, London (14. Juni 2017)
Der Brand in Kensington bringt Behörden und Politik in Bedrängnis. Seit Jahren gab es Kritik an den Zuständen, die Warnungen wurden ignoriert. ... Der Großbrand in London hat furchtbare Erinnerungen geweckt: ein Hochhaus in Flammen, Menschen in den oberen Stockwerken, verzweifelt, weil sie nicht fliehen können, sogar springen und Kinder aus dem Fenster werfen, um sie zu retten. Kensington, London – das ganze Land steht unter Schock. Fast mehr noch als bei den Terror-Anschlägen, denn die Toten, die die Feuerwehr über die nächsten Tage bergen wird, wären noch am Leben, hätte nur irgendjemand auf die Bewohner gehört, auf ihre Warnungen, ihre Bitten, ihr Flehen – immer alles umsonst.
Wer auf der Schnellstraße an Wohnblocks vorbei in Richtung des Luxusviertels Notting Hill fuhr, wunderte sich: Wer muss hier wohnen, in diesen schäbigen 70er-Jahre-Blocks, 24 Stock hoch, so dicht gedrängt und unzugänglich eingekeilt zwischen Autobahn, Hochtrassen, Sportzentren, Zuglinien, so nah und doch weit weg von den weißgetünchten Villen in Chelsea nur wenige Straßenblocks weiter?
Hinter diesem katastrophalen Ereignis steht viel mehr als nur der Zufall, dass irgendjemand möglicherweise beim Kochen nicht aufgepasst hat oder ein Fernseher einen Kurzschluss hatte, irgendeine Küche in Brand geraten ist, irgendjemand die Feuertüren nicht geschlossen hatte. Dieser Brand zeigt, wie katastrophales Missmanagement einer Stadtbehörde, die angesichts enormer Budgetkürzungen genau an der falschen Stelle Geld spart, eines der schwersten Unglücke in London zu verantworten hat. Weder schien nach Aussagen der Bewohner der Feueralarm in dem Wohnblock zu funktionieren, noch konnten die Wagen der Feuerwehr nah genug an das Gebäude heranfahren, geschweige denn Barrieren und Türen öffnen, um den Brand vom Inneren des Hochhauses zu löschen.  ... Der Großbrand in Kensington symbolisiert daher den gewaltigen Gegensatz von Arm und Reich im Land, der vielleicht nirgends so extrem zu sehen ist wie hier: Am einen Ende des Bezirks streiten sich Millionäre darum, wie sie unter ihre Luxusvillen noch ein Schwimmbad und ein Kino bauen, obwohl sie kaum zu Hause sind, geschweige denn wählen, und einige Straßenzüge weiter leben Familien in slumartigen Wohnblocks, die so gefährlich sind, wie man es sonst nur in der Dritten Welt findet.
http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-06/grossbrand-london-grenfell-tower-einsparungen-missmanagement/komplettansicht

GRENFELL TOWER FIRE
Posted on June 14, 2017
ALL OUR WARNINGS FELL ON DEAF EARS and we predicted that a catastrophe like this was inevitable and just a matter of time. ...
https://grenfellactiongroup.wordpress.com/2017/06/14/grenfell-tower-fire/

"Tories reject move to ensure rented homes fit for human habitation" (Tuesday 12 January 2016)
Labour amendment to housing bill, aimed at holding landlords to account, is defeated as minister claims it would push up rents ... Conservative MPs have voted against proposed new rules requiring private sector landlords to ensure their properties are fit for human habitation.
A Labour amendment to the government’s housing and planning bill, designed to ensure that all rented accommodation was safe for people to live in, was defeated by 312 votes to 219 on Tuesday, a majority of 93.
“The majority of landlords let property which is and remains in a decent standard. Many landlords go out of their way to ensure that even the slightest safety hazard is sorted quickly and efficiently,” said the shadow housing minister, Teresa Pearce, who proposed the amendment.
“So it is even more distressing when we see reports of homes which are frankly unfit for human habitation being let, often at obscene prices.”...
https://www.theguardian.com/society/2016/jan/12/tories-reject-move-to-ensure-rented-homes-fit-for-human-habitation

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"Londoner Hochhausbrand: Regierung soll Brandschutz-Empfehlungen ignoriert haben" (18.06.2017)
Premierministerin Theresa May steht schwer unter Druck. Wütende Demonstranten stürmten am Freitag das Rathaus von Kensington und bedrohten May bei einem Besuch am Brandort. "Schande über dich", "Feigling" und "May muss weg", riefen sie. Die Regierungschefin hatte bei einem ersten Besuch am Brandort nicht mit Bewohnern gesprochen, sondern war schnell wieder verschwunden. Auch hatte die Regierung bei der Betreuung der Betroffenen versagt. Die Unterstützung sei "nicht gut genug" gewesen, räumte May nun ein. Schwerer noch wiegt der Vorwurf, dass die konservative Vorgängerregierung von David Cameron seit Jahren Empfehlungen von Brandschutzexperten ignoriert habe. Der Brand sei vermeidbar gewesen, schrieb Londons Bürgermeister Sadiq Khan im "Observer". Der Labour-Politiker warf den Konservativen jahrelange Vernachlässigung des sozialen Wohnungsbaus vor.
Laut "Observer" hat die Regierung schon nach einem Brand im Lakanal House 2009 versäumt, die Feuerschutzvorschriften zu verschärfen. Ein Ermittlungsbericht hatte dies 2013 empfohlen. Alle Forderungen nach Gesetzesänderungen seien abgeblockt worden, sagte Ronnie King, ehemaliger Feuerwehrmann und heute Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Brandschutz, dem Blatt.
Untersuchungen würden wohl nicht ausreichen - "es muss wohl erst eine Katastrophe passieren", sagte King. Bei dem Lakanal-House-Brand waren sechs Bewohner ums Leben gekommen. Die Ursachen klingen ähnlich wie beim Grenfell Tower: "unsichere Renovierungsarbeiten, mangelhafter Brandschutz, keine Sprinkleranlagen, und Bewohner wurden aufgerufen, in ihren Wohnungen zu bleiben, obwohl das Feuer rasch um sich griff", schreibt der "Observer".
"Sowohl Konservative als auch New Labour waren stets abgeneigt, wenn es darum ging, Schutzbestimmungen zu erlassen, selbst wenn der Bedarf daran groß war", hatte der "Guardian" vor wenigen Tagen kritisiert. Dagegen sei das politische Establishment stets zugänglich gewesen für Wirtschaftsverbände und deren Wünsche nach Abschaffung bestehender Sicherheitsbestimmungen. "Deregulierung dieser Art ist ein Kernteil der neoliberalen Ideologie, der sowohl die Konservativen als auch New Labour unter Tony Blair erlagen."
Der Labour-Abgeordnete David Lammy hat die Polizei und die Regierung inzwischen aufgefordert, alle Dokumente zur Renovierung des Grenfell Towers sicherzustellen. Der Abgeordnete, der eines der Opfer kannte, sagte, er sei besorgt, dass die Unterlagen vernichtet würden, bevor die Beweissicherung beginne. Die Hochhausbewohner befürchteten eine Vertuschung der Wahrheit. Das Vertrauen in die Behörden sei massiv gesunken.
Bürgermeister Khan schrieb im "Observer", viele Hochhäuser aus den Sechziger- und Siebzigerjahren entsprächen nicht den heutigen Sicherheitsstandards. Als Lösung bleibe vielleicht nur der Abriss.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/grenfell-tower-regierung-hat-brandschutz-empfehlungen-jahrelang-ignoriert-a-1152679.html

« Last Edit: June 19, 2017, 10:03:30 AM by Link »

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« Reply #26 on: June 15, 2017, 09:49:05 AM »
Architects for Social Housing (ASH) was set up in March 2015 in order to respond architecturally to London’s housing ‘crisis’. We are a working collective of architects, urban designers, engineers, surveyors, planners, film-makers, photographers, web designers, artists, writers and housing campaigners operating with developing ideas under set principles. ...
https://architectsforsocialhousing.wordpress.com/

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The Radical Housing Network is made up of groups fighting for housing justice, based in London.
http://radicalhousingnetwork.org/

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In the heart of the Urban Dandy is the fate and the conflict of the bohemian, to become preoccupied with the things he/she shuns – materialism and money. They must survive, after all. They mustn’t be a burden, they must contribute, they must identify and add to the chorus when injustice is uncovered.
Identifying with the downtrodden, the poor and the dandies, the human, those who won’t back down and those that capitulate under pressure. The Urban Dandy embraces the contrasts and colours that create a fully vibrant city-scape of peoples.
The eyes of the Urban Dandy look deep into the spectre of failure. The integrity of the work takes our energy, likes and hits, fame and fortune do not. It’s a slow-rise, an awakening, a connecting of voices: I hear you, you hear me…
The scope of the Urban Dandy is local and global. Big Ideas. Not anti-capitalist, or pro-socialist; not dogmatic, pro-truth. Art of word, authenticity, not glorifying poverty, glory in human beings, looking at context, our area. Not vacuous superficiality…Wholesome. You too, our ears, your thoughts. The truth you can say. Word is bond. Life in motion – Truth again.
https://urbandandylondon.com/

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Commonly known as the 'Westway', the A40(M) elevated motorway was built between 1964 and 1970. Its construction was highly controversial, as it caused huge destruction to a tightly-knit community and was essentially a failed experiment in alleviating congestion with an elevated ring-road around the entire of London. Through its construction a stretch of 23-acres of derelict land was created beneath it.
http://www.westway23.org/

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"Umwandlung in Eigentum: Berlin verliert immer mehr Mietwohnungen" Ralf Schönball (11.07.2017)
Niemanden trifft die Wohnungsnot in Deutschland so hart wie die Berliner, heißt es in einem von der Wohnungswirtschaft veröffentlichten Bericht. Das liegt auch daran, dass Bauträger in der Stadt Mietshäuser kaufen und aufteilen, um die Mietwohnungen in Eigentumsobjekte umzuwandeln und zu verkaufen. Das Geschäft bringt hohe Gewinne.
Doch eine brandneue Aufstellung des Senats zeigt: Im vergangenen Jahr gingen der Mieterstadt Berlin dadurch genauso viele Wohnungen verloren wie Bauträger insgesamt neu fertig gestellt haben.
Besonders brisant: Ausgerechnet in Gebieten, die unter Schutz stehen, weil dort viele Menschen mit geringen Einkünften leben, läuft das Geschäft mit den Umwandlungen besonders gut, und „so wird der Milieuschutz teilweise ausgehebelt“, sagt Katrin Schmidberger, wohnungspolitische Sprecherin der Grünen.
Sie hatte die Anfrage an den Senat gestellt, dessen Antworten nun das ganze Ausmaß des Problems offenbaren: Knapp 13.000 Mietwohnungen wandelten Hauseigentümer im vergangenen Jahr in Eigentumsobjekte um. Das sind fast so viele Wohnungen, wie im ganzen vergangenen Jahr neu gebaut wurden und den Wohnungsbestand mehrten (13.800) – laut Amt für Statistik. Und 2800 Wohnungen, die künftig nicht mehr Mietern, sondern Eigentümern nutzen, befinden sich in Gebieten mit Milieuschutz.
... Zurzeit können Eigentümer umgewandelte Wohnungen nach sieben Jahren verkaufen. Weil die Objekte vorher oft aufwendig saniert werden und die Kosten dafür auf die Mieten umgelegt werden, könnten sich viele alteingesessene Kiez-Bewohner die Objekte nicht mehr leisten.
Deshalb müsse das Geschäft mit den Umwandlungen, durch das Spekulanten Wohnungen für das Zwei- bis Vierfache des ursprünglichen Preises verkaufen können, endlich gestoppt werden, sagt Schmidberger.
http://www.tagesspiegel.de/berlin/umwandlung-in-eigentum-berlin-verliert-immer-mehr-mietwohnungen/20038046.html

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"Demo in der Innenstadt Rund 300 für sozialen Wohnraum in Kiel" Niklas Wieczorek (22.07.2017)
Das Ende der Suche nach einem Wagenstellplatz der Gruppe Schlagloch scheint indes nah: Die Stadt hat den ehemaligen Besetzern des Möbel-Kraft-Geländes ein vorbehaltliches Flächenangebot unterbreitet, das jetzt Aktivisten und Ämter prüfen. Es handelt sich dabei um eine Fläche nahe dem Aubrook, wie Michael Saitner, Verhandlungsführer der Stadt aus dem Büro des Oberbürgermeisters am Freitag bestätigte. Sollte es keine Bedenken der Behörden geben, wäre eine Verlegung der Wagen möglich.
Voraussetzung der Stadt ist dabei weiterhin, dass die Wagengruppe einen Verein gründet, mit dem eine vertragliche Grundlage zur Flächennutzung möglich wäre, so Saitner. Aus der Wagengruppe hieß es am Mittag: „Es müssen beide Seiten alles prüfen.“ Will heißen: Die Aktivisten sitzen an ihrem derzeitigen Standort am Ende der Hofteichstraße zusammen und diskutieren über den vorgeschlagenen Platz und ihre Zukunft als Wagengruppe. Jeden Abend werde geredet, so die Gruppe. ...
http://www.kn-online.de/News/Nachrichten-aus-Kiel/Demo-in-der-Innenstadt-Rund-300-fuer-sozialen-Wohnraum-in-Kiel
« Last Edit: July 24, 2017, 10:35:50 AM by Link »

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« Reply #27 on: September 14, 2017, 01:18:29 PM »
"Wohnungsmarkt in Dortmund: Arm werden per Mieterhöhung" Andreas Wyputta (13. 9. 2017)
Nach München und Hamburg, Köln und Berlin wird jetzt auch das Ruhrgebiet teuer. ... DORTMUND taz | Für die MieterInnen der LEG Wohnen NRW GmbH in Dortmund war es ein Schock: In den Briefkästen ihrer Häuser zwischen Sonnenplatz, Neuem Graben und der Großen Heimstraße landete im Mai Post des Vermieters. Zwar sollte die betont positiv klingen: „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass wir an Ihrem Haus Modernisierungsarbeiten durchführen werden“, schrieb die Tochter der börsennotierten LEG Immobilien AG an die BewohnerInnen des Häuserblocks in unmittelbarer Nähe des angesagten Dortmunder Kreuzviertels.
Gleichzeitig aber kündigte die ehemals gemeinnützige Landesentwicklungsgesellschaft, die 2008 von der schwarz-gelben NRW-Landesregierung des CDU-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers privatisiert worden ist, massive Mieterhöhungen an: Zwischen 30 und 47 Prozent sollen die Mieten je nach Wohnungsgröße steigen. ... Der grüne Bundesparlamentarier Markus Kurth versucht dagegen erst gar nicht, falsche Hoffnungen zu wecken: Natürlich sei die Modernisierungsumlage für Unternehmen wie die LEG eine „Lizenz zum Gelddrucken“, sagt er – und wirbt für die von seiner Partei geforderte Deckelung der Umlage auf Höhe der eingesparten Energiekosten. Allerdings: Das „riesige börsennotierte Unternehmen“ LEG sei gerade für einzelne Abgeordnete „politisch schwierig zu erreichen. Ich mache mir da überhaupt keine Illusionen“, warnt der grüne MdB. „Ich verstehe überhaupt nicht, wie ein Unternehmen wie die LEG überhaupt privatisiert werden konnte“, sagt deshalb Mieterin Christine Twittmann ...
https://www.taz.de/Wohnungsmarkt-in-Dortmund/!5444629/

Quote
Hannibal Corpse, 14.09.2017 (01:10)

Krieg den Hütten - Friede den Palästen!


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"USA: Größtes Casting der US-Geschichte" Kathrin Werner, New York (14. September 2017)
Was es bedeutet, wenn Amazon Milliarden investiert und Zehntausende den Wohnungsmarkt einer mittelgroßen Stadt bedrängen, kann man an Seattle ablesen, dem derzeitigen Hauptsitz: Im August ist der Preis für ein Einfamilienhaus im Vergleich zum Vorjahr um 18,2 Prozent gestiegen. Autofahrer verbrachten 2016 im Schnitt 55 Stunden im Stau.
Amazon hat in Seattle mehr Büroflächen als die nächsten 40 Arbeitgeber zusammen. Die Einwohnerstruktur sieht mehr und mehr aus wie die Tech-Industrie insgesamt: vor allem junge, weiße Männer sind zugezogen. Amazon ist ein Turbo-Gentrifizierer.
... Einziger Zweck der Ausschreibung sei, die Kommunen dazu zu bringen, einander mit Steuergeschenken zu übertrumpfen. Im Ausschreibungsprospekt sagt Amazon: "Bitte listen Sie alle angebotenen Subventionen auf."
Das Wettbieten um Unternehmensstandorte ist kein neues Spiel. Im Jahr 1993 hat Mercedes-Benz Angebote für das erste Werk in Nordamerika gesammelt - am Ende gewann Alabama. Kritiker rechneten vor, dass jeder einzelne Arbeitsplatz den Südstaat 200 000 Dollar koste, so viel muss ein Fabrikarbeiter erst einmal verdienen. Doch die Daimler-Fabrik wuchs, Zulieferer siedelten sich an, dann folgten andere Autobauer. Danach wurden die Angebote immer aberwitziger. Wisconsin hat für eine Display-Fabrik von Foxconn gerade Zuschüsse von drei Milliarden Dollar abgenickt und Umweltregeln ausgehebelt. Am 19. Oktober läuft Amazons Angebotsfrist ab, das milliardenschwere Casting geht in die nächste Runde. ...
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/usa-groesstes-casting-der-us-geschichte-1.3664960

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"Gentrifizierung: Kaffee am Außenposten"  Lukas Hermsmeier, Brooklyn  (5. November 2017)
Familien der unteren Mittelschicht müssen wegziehen, weil Zwei-Zimmer-Wohnungen im Schnitt nun 2.100 Euro Monatsmiete kosten. Softwareentwickler, Kulturwissenschaftsstudenten und Journalisten aus Manhattan, Melbourne oder Berlin rücken dafür ein. Clinton Hill und Bed-Stuy sind im vergangenen Jahrzehnt vornehmer, aber vor allem weißer geworden. Zwischen 2000 und 2010 stieg die Zahl der Weißen in Bed-Stuy laut Zensus von 2,4 auf 15 Prozent. Heute dürften es 20 Prozent sein, mindestens.
Gentrifizierung nennt man das. Ein inflationär gebrauchtes Wort, ein allzu präsenter Vorgang. In Brooklyn, in Neukölln, im Osten von London oder Paris, überall, wo die Jungen und Begabten hinziehen. Sprechen wir über Gentrifizierung, schwingt oft Fatalismus mit: Sie passiert halt, so wie der Hudson River fließt und die New Yorker Taxis gelb sind.
... Erbittert ist Coates nicht nur, weil vor allem "Schwarze weggefegt wurden", sondern auch, weil Gentrifizierung ein beschönigender Name für Vorherrschaft der Weißen sei. "Wer das Wort Gentrifizierung benutzt, lügt unmittelbar", behauptet der Kulturkritiker, der als Korrespondent für die Monatszeitschrift The Atlantic arbeitet. Coates ist mit diesem Gedanken nicht der Erste, aber zurzeit vielleicht der Berühmteste. In der Times-Bestsellerliste liegt We Were Eight Years in Power auf den oberen Plätzen.
Amerikas große Lüge, die Vertuschung seines rassistischen Wesens – für Coates zeigt sie sich im Euphemismus "Gentrifizierung".
http://www.zeit.de/kultur/2017-11/gentrifizierung-brooklyn-bedford-stuyvesant-rassismus

Quote
Teilzeitsarkast #8

Gentrifizierung hat zunächst einmal, ob in den USA oder hier, mit ökonomischer Ungleichheit zu tun. Und die vererbt sich aus verschiedenen Gründen (Bildungszugang, Habitus, soziale Beziehungen) allzuoft durch die Generationen.

In den USA korreliert diese oben-unten-Struktur historisch stark mit der Hautfarbe. Insofern hat dort Gentrifizierung zwar "mit Rassismus zu tun", aber diese Fokussierung trägt eher zur Vernebelung als zur Klarheit bei. Aber über die Ökonomie möchte ja niemand mehr reden.


Quote
MehowSri #8.2

Keiner will mehr über Klassen sprechen. Dabei würde ja nur herauskommen, dass ein Großteil der Dauerempörten zur oberen Mittelschicht oder gar Oberschicht gehört. Man spricht halt lieber über 'white privilege' als über Klassenprivilegien.


Quote
APoK #8.3

Daher auch die Formulierung, "Junge und Begabte" zögen zu. An anderer Stelle ist u.a. von "Kulturwissenschaftsstudenten" die Rede. Können die sich eine Wohnung in Brooklyn leisten, weil sie so begabt sind?


...

« Last Edit: November 06, 2017, 07:56:28 AM by Link »

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« Reply #28 on: November 28, 2017, 03:59:59 PM »
Quote
[...] Seit mehreren Tagen räumen die Behörden im Süden von Peking Sammelunterkünfte und improvisierte Wohnungen. Schätzungsweise Zehntausend Menschen sind betroffen, sie stehen plötzlich ohne Bleibe da.

Einige haben Peking fluchtartig verlassen, viele andere kampieren mit Sack und Pack irgendwo auf der Straße, und das bei Temperaturen unter null Grad.

Betroffen sind quasi ausschließlich Arbeitsmigranten aus anderen chinesischen Provinzen und ihre Familien. Viele haben Kinder. Ohne diese sogenannten Wanderarbeiter läuft in chinesischen Großstädten quasi nichts: Sie liefern Pakete aus, bedienen in Restaurants und arbeiten auf Baustellen oder als Wachleute.

Seit rund einer Woche werden diese Menschen nun aus ihren Wohnheimen geworfen. Auslöser: Ein Brand in einer der Unterkünfte, bei dem vor zehn Tagen 19 Menschen ums Leben kamen.

Diesen Vorfall nutzt die Pekinger Stadtregierung nun, um andere vermeintlich unsichere Unterkünfte zu räumen. Polizisten, Feuerwehrleute aber auch viele spontan angeheuerte Rausschmeißer forderten Bewohner der betroffenen Wohnungen auf, diese binnen Stunden zu räumen. Viele Wohnungen wurden komplett zerstört, nachdem sie geräumt wurden.

"Ich habe keine Angst zu sterben", sagt diese Bewohnerin des betroffenen Stadtviertels in einem Internetvideo eines Pekinger Aktivisten. "Wenn sie mich hier vertreiben und meine Wohnung zerstören wollen, verteidige ich mich meinem Küchenmesser!"

Die staatlichen Medien Chinas schweigen zu all diesen Vorfällen. In den Online-Netzwerken kursieren unzählige Berichte, Fotos und Videos, die häufig aber schnell gelöscht werden von den chinesischen Zensoren.


Aus: "China: Zwangsräumungen in Peking sorgen für Entsetzen" Steffen Wurzel (28.11.2017)
Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/china-zwangsraeumungen-in-peking-sorgen-fuer-entsetzen.1773.de.html?dram:article_id=401750

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Quote
[...] Rammstein-Keyboarder Flake erkennt das Berlin seiner Kindheit nicht wieder. „Der Bezirk jetzt und die Straßen meiner Kindheit haben nichts mehr miteinander zu tun“, sagte Flake, der im Stadtteil Prenzlauer Berg lebt, der „Süddeutschen Zeitung“ am Freitag. „Es ist, als sei die Wohnung in eine andere Stadt gesetzt worden. Nürnberg vielleicht. Es gemahnt mich hier vieles an eine westdeutsche Kleinstadt.“

Der 1966 geborene Flake, der mit bürgerlichem Namen Christian Lorenz heißt, lebt nach eigenen Worten seit einigen Jahren wieder in dem Haus, in dem er aufgewachsen ist. „Ich musste im Kopf mit dem Gedanken abschließen, dass das der Prenzlauer Berg ist, den ich kenne und geliebt habe“, sagte er. „Es leben inzwischen sehr viele unangenehme Menschen hier.“ Die Arbeiter und die alten Leute könnten sich die Mieten nicht mehr leisten und seien weggezogen. Man lebe hier in einer Blase von reichen Menschen.

Deutschlands international bekannteste Rockband hatte sich 1994 gegründet. Mit einigen Musikern spiele er seit 1983 zusammen. „Ich habe mit ihnen mehr Zeit verbracht als mit meinen Eltern oder meinen Kindern oder meinen Frauen“, sagte Flake. „Es klingt kitschig und abgedroschen, aber Rammstein ist auch Heimat.“ (dpa)

Quote
uyyy 09:26 Uhr

    Man lebe hier in einer Blase von reichen Menschen.

Und ist selber Teil der Blase, der die hohen Mieten zahlt und damit die Leute verdrängt, die er hier scheinheilig bemitleidet.


...


Aus: "Prenzlauer Berg Rammstein-Keyboarder Flake kritisiert Gentrifizierung in Berlin" (19.01.2018)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/prenzlauer-berg-rammstein-keyboarder-flake-kritisiert-gentrifizierung-in-berlin/20866936.html
« Last Edit: June 14, 2018, 04:35:34 PM by Link »

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« Reply #29 on: January 30, 2018, 12:04:39 PM »
BLACK TRIANGLE
Es klingt wie eine Justizposse: Die Deutsche Bahn als Eigentümerin des Areals betreibt seit Längerem die Zwangsvollstreckung aus einer erlassenen einstweiligen Verfügung des Landgerichts. Danach wurde den Besetzern aufgegeben, die Grundstücksfläche „zugänglich zu machen, zu räumen und herauszugeben sowie es zu unterlassen, sie zu betreten oder zu befahren“. Nach Angaben des Unternehmens befinden sich auf dem Grundstück „für den Bahnbetrieb notwendige Anlagen, die eine ständige Zugänglichkeit erfordern“. ... Wir sind ein anarchistisches und damit selbstbestimmtes Projekt.  Wir verwalten uns selbst, brauchen dazu keinen Staat und keine  gesellschaftliche Ordnung, noch sonst eine hegemoniale Machtstruktur.  Mit diesem Grundsatz leben wir seit Juni 2016  zusammen auf dem  angeblichen Eigentum der Deutschen Bahn. Tatsaechlich sind wir  Bewohner*innen eines Gebaeudes das seit 20 Jahren leer steht. Fuer uns ist es selbstverstaendlich, verlassene Orte nicht nach ihrem Besitzanspruch (in  diesem Fall vertreten durch die Deutsche Bahn), sondern den Moeglichkeiten diese gemeinsam zu nutzen, zu verstehen. Freien Raum zu erschaffen und bestehenden zu nutzen, vor dem Zerfall zu schuetzen und  vor Spekulation zu bewahren muss Teil eines antikapitalistischen Kampfes sein.
https://btle.blackblogs.org/

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"Protestaktion: Künstlerkollektiv zündet Polizeiauto an" (monopol-magazin.de, 5.2.2018)
Die Aktion "Visionäre Ruinen" des Kollektivs Frankfurter Hauptschule ist Teil der Jahresausstellung der Frankfurter Städelschule und richtet sich laut der Künstlergruppe gegen die Verdrängung von Drogensüchtigen aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Seit einiger Zeit ist dort eine knapp 150 Personen starke Sondereinheit der Polizei stationiert, die mit Großrazzien und täglichen Kontrollen gegen die Drogenszene vorgeht.
Laut einer Pressemitteilung der Künstler wurde die "Skulptur in Form eines Polizeiautos" am 1. Februar im Bahnhofsviertel platziert, wo es die Aufmerksamkeit diverser Passanten auf sich gezogen haben soll. Woher der Streifenwagen stammte, steht nicht in der Mitteilung. Nach elf Stunden habe die Polizei den Wagen abschleppen lassen. Das Anzünden des Wagens ist in einem Video auf der Facebook-Seite der Künstler zu sehen. Ein weiteres Video, in dem die Aufnahmen aus dem Bahnhofsviertel zu sehen sind, ist für den 7. Februar angekündigt. Das ausgebrannte Polizeiauto und die Vollversion des Videos mit dem Titel "242 Titel besser als Martin Kippenberger" soll vom 8. bis 11. Februar beim Rundgang der Frankfurter Städelschule zu sehen sein; sowie vom 8. März bis 5. Mai in der Ausstellung "Kunst der Revolte. Revolte der Kunst" im Studierendenhaus der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Eine Sprecherin der Frankfurter Hauptschule: "Das Bild von Junkies, die mit Spritze im Arm auf der Straße liegen, ist nur die Nachtseite von verspiegelten Bankentürmen. Der gesellschaftliche Schmerz wird im Bahnhofsviertel sichtbar und das ist gut so. Anstatt Drogensüchtige aus dem Blick der Öffentlichkeit zu drängen, sollte man ihr Elend noch viel greller ausstellen. Wir sind erst zufrieden, wenn das Bahnhofsviertel fest im Griff von Junkies ist. Wir wollen völlig vercrackte Zombiehorden, die mit abgesägten Schrotflinten durch die Münchener Straße patroullieren, während der Rauch von ausbrennenden Einsatzwagen sich mit dem warmen Licht der Abendsonne mischt."
Das Künstlerkollektiv Frankfurter Hauptschule machte 2015 mit einer Heroin-Performance im Frankfurter Bahnhofsviertel auf sich aufmerksam und 2016 mit dem Aufruf, Liebesschlösser von Frankfurts zentraler Fußgängerbrücke abzuknacken. Zum harten Kern des Kollektivs sollen um die zehn Mitglieder zählen, darun­ter Studen­ten der HfG-Offen­bach, der Städel­schule und der Hoch­schule für Musik und bildende Kunst.
https://www.monopol-magazin.de/kuenstlerkollektiv-zuendet-polizeiauto

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"Projekt „Freetopia“ Leben mit Entbehrungen, dafür draußen und frei" Claudia Kabel (06.02.2018)
Benjamin und Nicole Nover leben seit Jahren illegal im Wald. Jetzt wollen sie ein alternatives Wohnprojekt gründen. ... Nur zwei Freunde kennen den verschlungenen Weg in das geheime Camp von Benjamin und Nicole Nover. Das Paar lebt seit mehreren Jahren illegal im Wald bei Darmstadt. Auf einem schwer begehbaren Hügel, gut verborgen hinter Brombeergestrüpp, Ahorn, Robinien und Birken steht ein 2,20 mal 1,80 Meter großes Zelt – ein Gewächshaus aus dem Baumarkt. Es ist Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bibliothek und Werkstatt in einem. Daneben gibt es noch ein kleineres Igluzelt für Vorräte.
Das heiße Wasser blubbert auf dem Gaskocher. Nicole und Benjamin sitzen im Schneidersitz auf ihren Isomatten, die fast die ganze Grundfläche des mit einer grünen Plane verhängten Raumes einnehmen. Ihre Hunde Kamil und Bigos springen vergnügt umher. An Möbeln gibt es sonst nur noch ein Regal, voll mit Büchern, Spielen und Hausrat. Es ist kalt draußen, doch hier drin reicht der kleine Gaskocher, um die Temperatur angenehm hochzubringen.
„Wenn es noch kälter wird, stellen wir ein kleineres Zelt zum Schlafen auf“, erklärt der 37-Jährige und überbrüht Kaffee. Auf dem einflammigen Kocher brutzelt der Hobbykoch auch gerne mal Braten mit Knödeln, wie er stolz berichtet. Doch heute gibt es Schoko- und Erdbeertorte – ein Geschenk. Die beiden haben kaum Einkünfte. Mit dem Verkauf der Straßenzeitung verdienen sie sich das bisschen, was sie brauchen. Ab und zu schreibt Benjamin Artikel. Auch Kinderbücher, Cartoons und ein Memoryspiel hat er produziert, während er auf Platte war. Leider sei der Verlag pleitegegangen.
Wasser und Strom gibt es im Camp nicht. Handys und sonstige Geräte betreiben sie über Powerbanks, die sie regelmäßig in der Teestube, einer Darmstädter Einrichtung für Wohnungslose, aufladen. Eine einzelne batteriebetriebene Lampe an der Decke beleuchtet alles. Und abends reicht der Saft auch noch, um gemütlich einen Film auf dem Handy zu gucken. „Wir sind glücklich und haben alles, was wir brauchen“, sagt Benjamin.
... Doch jetzt steht eine neue Ära, ein neues Projekt an: Sie nennen es „Freetopia“. Benjamin hatte die Idee, nachdem er bei einer Reality-Show namens Youtopia teilgenommen hatte, die über das Internet ausgestrahlt wurde. „Wir versuchen, gemeinsam eine bessere Lebensform zu entwickeln, um uns selber und der Gesellschaft zu zeigen, dass man in der heutigen Zeit zusammenhalten, gemeinsam wirken und handeln, vieles teilen, machen und erreichen kann, ohne dass jeder nur sein eigenes Wohlergehen in den Vordergrund stellt“, erklärt er. Dafür suchten sie seit Jahren ein Grundstück mit einem Gebäude. Ohne Eigenkapital eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Doch jetzt haben sie in Bad Hersfeld einen alten Bauernhof gefunden, den sie nutzen dürfen. „Es ist ein Versuch“, sagen die beiden. Nicole freut sich schon darauf, das heruntergekommene Gebäude herzurichten. Die Natur sei nicht weit weg, es gebe keine direkten Nachbarn. ... Noch warten sie auf die Zusage des Amtes in Bad Hersfeld. Doch dann kann das Projekt starten. Alles, was mitkommt, ist bereits gepackt und wartet auf den Abtransport. Aber in einem sind sie sich sicher: „Wir werden definitiv das Leben im Freien vermissen!“
http://www.fr.de/rhein-main/projekt-freetopia-leben-mit-entbehrungen-dafuer-draussen-und-frei-a-1441152,0#artpager-1441152-0

« Last Edit: February 06, 2018, 11:05:54 AM by Link »

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« Reply #30 on: February 06, 2018, 03:34:19 PM »
"Nomaden im Prüner Schlag" abutimon (Juni 24, 2017)
Im Mai dieses Jahres [2017] bekam der einsame Pächter von Parzelle 556 für einige Wochen Gesellschaft, und zwar in Gestalt der Wagengruppe „Prüner Schlagloch“, welche ein Areal ganz in der Nähe von Parzelle 556 besetzt hatte (etwa den ursprünglichen Parzellen 516-519 entsprechend). Allerdings hat der Eigentümer des Geländes nach wenigen Wochen die Wagengruppe wieder vertrieben, worauf sie auf den unbefestigten Parkstreifen entlang des Hasseldieksdammer Weges umzog; und auch dort wurde sie rasch vertrieben, diesmal durch das Kieler Ordnungsamt.
Es wird wohl niemand ernstlich geglaubt haben, daß diese kurzzeitige Besetzung an dem Schicksal der ehemaligen Kleingartenanlage etwas würde ändern können. Einigermaßen erstaunt bin ich aber doch über das Ausmaß der Aggressivität, die diese eher belanglose Episode bei einigen Lesern der „Kieler Nachrichten“ ausgelöst hat. So schreibt ein Leser namens „Limonade“ im Online-Forum, bei den Mitgliedern der Gruppe handele es sich um „Kriminelle“, deren Fahrzeuge man „beschlagnahmen und zerstören“ solle; und der Leser „Hauke Haien“ zürnt über die „Wanderchaoten, die (…) in der Regel von unseren Steuergeldern leben“.
Unsere Gesellschaft betrachtet bestimmte Konzepte als fundamental, so etwa die Seßhaftigkeit oder die Möglichkeit, Privatbesitz an Grund und Boden zu erwerben. Diese Konzepte werden nicht hinterfragt, obwohl sie bei anderen Völkern und zu anderen Zeiten keine Gültigkeit hatten, bzw. haben. In ihrer ursprünglichen Lebensweise waren wohl fast alle Menschen Nomaden, und das Land gehörte niemandem, bzw. allen. Manche wurden dann seßhaft, andere nicht. Aber die Seßhaften vermochten es, allmählich Raum und Zeit zu parzellieren und in Güter zu verwandeln, an denen man exklusives Eigentum erwerben kann, wenn man es geschickt anstellt. Das Hilfsmittel, mit dem man die Zeit anderer Menschen in Besitz nimmt, heißt übrigens „Geld“, ich werde gleich darauf zurückkommen. Als Folge wurde die nomadische Lebensweise zunehmend erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht, da die Nutzung von Raum und Zeit durch unzählige Regeln, Bedingungen und „alternativlose“ Sachzwänge immer weiter eingeschränkt wurde; aber die menschliche Kreativität findet bekanntlich immer Auswege.
Schwerwiegender aber ist, daß die Gesellschaft der Seßhaften schon bald begonnen hat, abweichende Lebensweisen als falsch, verkehrt, unanständig, … eben „kriminell“ zu verurteilen. Wer nicht nach unseren Regeln, Bedingungen und Sachzwängen lebt, drückt dadurch ja implizit aus, daß man auch anders leben könnte und daß unsere Lebensweise also vielleicht gar nicht die allein richtige und seligmachende wäre. So etwas wollen wir nicht hören und dulden. Und so haben wir unsere Lebensweise in Gesetze gegossen, durch die eine abweichende Lebensweise rasch zum Verbrechen, zum crimen, erklärt wird.
Und so ist es also, um beim Thema zu bleiben, verboten worden, sich irgendwo mit einem Bauwagen hinzustellen und darin zu wohnen, selbst wenn es keinen konkret stört. Ein Grenzfall stellen höchstens noch Wohnmobile auf Campingplätzen dar. Strenggenommen darf man auch in denen nicht dauerhaft wohnen, aber wer es doch tut, kann damit unter Umständen jahrelang durchkommen. Man bewegt sich ja sozusagen in einer „Grauzone“, schließlich zahlt man Geld für die Nutzung eines offiziell zugelassenen Campingplatzes. Und wer bezahlt, akzeptiert damit gewissermaßen die herrschende Wirtschafts- und Rechtsordnung.
Der KN-Leser „Limonade“ schreibt weiterhin, die Besetzer hätten „kein Recht auf einen Stellplatz (sie können einen mieten oder kaufen – Punkt!)“. Und auch „Hauke Haien“ macht sich Sorgen um „unsere Steuergelder“. Damit wird die Ursache dieser zuvor erwähnten Aggressivität erkennbar: Wir seßhaften Normalbürger müssen für alles und jedes bezahlen, und um dazu imstande zu sein, müssen wir womöglich einen Großteil unserer Lebenszeit für einen ungeliebten Job opfern – und dann sollen es alle anderen Menschen gefälligst genauso schlecht haben wie wir selbst. Dieses Bewertungsmotiv entspricht aus psychologischer Sicht also der Mißgunst, bzw. dem Neid, oder aus christlicher Sicht der „invidia“, einer der sieben Todsünden.
Neid und Mißgunst liegen natürlich dem Eigentümer des Geländes wie auch der Stadtverwaltung ganz fern, sie setzen nur geltendes Recht um; aber das wird Herrn oder Frau „Limonade“ nicht davor schützen, weiterhin Tag für Tag einen verhaßten Job verrichten zu müssen, und folglich wird er oder sie auch weiterhin übellaunig reagieren, wenn andere Menschen andere Lebensmodelle suchen und finden. ...
https://parzelle556.wordpress.com/2017/06/24/nomaden-im-pruener-schlag/

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"Aktivisten in Wellsee So kommt die Wagengruppe über den Winter" Niklas Wieczorek (06.02.2018)
Die „Wagengruppe Schlagloch“ hat seit August auf einer Grünfläche an der Edisonstraße in Wellsee Stellung bezogen – und ist trotz winterlicher Herausforderungen auch im Januar zufrieden und optimistisch. Beim Gespräch in einem der Wagen wird deutlich, worauf die derzeit neun Mitglieder hoffen.
Kiel. "Es ist natürlich nicht der innerstädtische Freiraum, den wir uns erhofft haben", sagt eine Bewohnerin. Für viele Dinge im Alltag sei der Standort "nicht praktikabel". Die meisten Wege erledige die Gruppe mit dem Fahrrad. Und jetzt im Winter seien einige Vorzüge der Freifläche nicht mehr so leicht nutzbar: Komposttoilette, Holzschuppen zum Trocknen oder eine Feuertonne werden noch gebraucht, aber das kuschelige Sofa verwaist und vereist. „Wir treffen uns eher in den Wagen“, sagt eine zweite Bewohnerin. Aber darinnen ist es dank Holzöfen mollig warm. Fernab anderer Bebauung sei das Heizen mit Holz kein Problem.
Seitdem sie im August nach Wellsee weiterzogen, gab es die Vereinbarung mit dem Büro des Oberbürgermeisters, weiterhin Ideen für einen künftigen Wagenplatz auszutauschen. Eine Diskrepanz zeigt sich hier: Vorschläge in zweistelliger Zahl habe man eingereicht, so die zweite Bewohnerin. Von der Stadt heißt es: "Von der Wagengruppe liegen uns aus 2017 ein und ab Mitte Januar vier weitere Flächenvorschläge vor." Die zuständigen Ämter der Stadt prüften diese Flächen und letztlich entscheide die Selbstverwaltung.
In Hauptausschuss und Ratsversammlung hatte zuletzt CDU-Fraktionschef Stefan Kruber im November kritisiert, dass lediglich eine einseitige Nutzungserlaubnis von der Stadt erteilt worden sei. Sein Einwand, es sei kein Pachtvertrag zustande gekommen, hat sich inzwischen allerdings überholt: "Wir haben gerade einen Mietvertrag unterschrieben", sagt eine Bewohnerin. Bis Mitte Mai gelte dieser, und bis dahin wollen Gruppe und Stadt eine neue Station gefunden haben.
Nach KN-Informationen zahlt die Wagengruppe, die kurz vor einer formell juristischen Vereinsgründung steht, monatlich einen niedrigen dreistelligen Betrag für die Fläche. Laut Stadt ist diese als Verkehrs- und Grünfläche im Flächennutzungsplan geführt. Sie könne langfristig zum A21-Bau als Anschlussstelle, Regenrückhaltung oder Ausgleichsfläche genutzt werden. Bis dahin muss die Wagengruppe längst weitergezogen sein.
http://www.kn-online.de/Kiel/Aktivisten-in-Kiel-Wellsee-So-kommt-die-Wagengruppe-ueber-den-Winter

Forum KN:
http://forum.kn-online.de/showthread.php?t=14313002

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"Kiel Gaarden: Wagengruppe macht Ernestinenstraße frei" Niklas Wieczorek (11.06.2018)
Das Ultimatum der Stadt Kiel hat offenbar Wirkung gezeigt: Wie die städtische Pressestelle am Montagnachmittag unter Berufung auf das Ordnungsamt mitteilte, hat die Wagengruppe Schlagloch ihren jüngsten Stellplatz an der Ernestinenstraße in Gaarden verlassen. Wohin, das ist noch unklar. ...
http://www.kn-online.de/Kiel/Kiel-Gaarden-Wagengruppe-Schlagloch-macht-Ernestinenstrasse-frei

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Wagengruppe Schlagloch - für mehr freiräume in kiel
http://schlagloch.blogsport.eu/

« Last Edit: June 13, 2018, 01:47:51 PM by Link »

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« Reply #31 on: March 03, 2018, 10:55:27 AM »
"Wagenplätze in Leipzig: Einheizen für die Unabhängigkeit" Katharina Müller-Güldemeister (3. 3. 2018)
Im Winter bestimmt der Ofen den Rhythmus in der Wagenburg. Sehnsucht nach einer Wohnung kommt dennoch nicht auf. Ein Besuch.
LEIPZIG taz | An einem Tag, an dem die Minusgrade in Leipzig zweistellig sind, trägt Siegrun in ihrem umgebauten Lkw-Anhänger nur ein Spaghettiträgerhemd. Ihr Freund Samdi hat den Ofen zum Bollern gebracht und so ist es eher zu warm als zu kalt. Der Ofen ist eine Spur zu potent für das bisschen Wohnraum – das zur Frage, ob man sich denn nicht den Arsch abfriert zur Eisblumenzeit auf dem Wagenplatz.
Um welchen der knapp 20 Wagenplätze in Leipzig es sich handelt, soll nicht genannt werden. „Das müsste erst im Plenum besprochen werden“, sagt ein Bewohner. Private Geschichten seien aber okay. Siegrun und Samdi gewähren gerne Eintritt in ihr kompaktes Reich, das sich durch Treppe, Wand und Vorhang in Küche, Wohnstube und Schlafzimmer gliedert. ...
http://www.taz.de/Wagenplaetze-in-Leipzig/!5485779/

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"Jobber auf dem großen Treck" Heike Buchter (28. Februar 2018)
Tausende US-Amerikaner verlassen ihr Zuhause und leben im Auto. Manche Arbeitgeber werben gezielt um diese mobilen Kräfte. ... Wie viele der modernen Wanderarbeiter kann sich auch er keine Krankenversicherung leisten. "Die Regierung hat uns in die Gosse gekickt und überlässt uns unserem Schicksal", sagt er. ... Für Meyers sind die bedrängten Trucker nur ein Beispiel dafür, wie in den USA die Arbeiter ausgebeutet werden. Von einem normalen Gehalt könnten Familien nicht mehr leben, sagt sie, und weil beide Eltern ständig arbeiteten, würden die Kinder in staatlichen Schulen und Krippen erzogen. "So haben sie uns unter Kontrolle", setzt sie hinzu. ... urchschnittlich sind amerikanische Pendler heute 30 Minuten lang zwischen Arbeit und Wohnort unterwegs, fast doppelt so lange wie vor 30 Jahren. Außerhalb der Metropolen gibt es so gut wie keinen öffentlichen Nahverkehr, also sind die meisten auf das Auto angewiesen. Das wiederum erhöht die Lebenshaltungskosten.
Am Ende arbeite man nur, um zu wohnen, sagt Justin Burke. Der 32-Jährige will ein solches Dasein vermeiden. Wie sein Vater vor ihm fing er gleich nach der Highschool bei Chrysler an. Zehn Jahre arbeitete er in der Autofabrik. Als zunehmend Jobber angeheuert wurden, die für weniger Lohn arbeiteten, sah Burke keine Zukunft mehr dort. Er kündigte und zog nach Denver, wo er für den Fahrdienst Uber arbeitet.
Er ist zum RTR gekommen, um seine künftige Existenz als Wanderarbeiter vorzubereiten. Burke und die anderen Teilnehmer sind nicht allein mit ihren Zweifeln an den Verheißungen von Besitz und Konsum, nach denen so viele Amerikaner lange strebten. Ihre Antwort – der Verzicht auf einen festen Wohnsitz – ist eine der radikalsten, die es in den USA gibt. "Das hier", sagt Burke und zeigt auf die Wohnwagen, Busse und Transporter, die zwischen den Saguaro-Kakteen stehen, "das hier ist eine Rebellion."
http://www.zeit.de/2018/10/mobiles-leben-usa-arbeit-auto-rubber-tramp/komplettansicht

Quote
I_bins #4

"Die Aussteiger kommen aus allen Branchen und Berufen. Da sind der ehemalige Besitzer eines Friseursalons und die quirlige Endfünfzigerin, die bis zur Pensionierung Polizistin war. Da ist der Baustellenleiter sowie der Manager einer Fluggesellschaft, der sich nun als mobiler Kreativer im Online-Marketing verdingt. Ein ehemaliger Bibliothekar aus New York ist dabei genauso wie der Betonmischer aus Alaska."

Die wenigsten sind tatsächlich "Aussteiger", sondern zu dem Leben gezwungen. Sonst würden komplett untergehen und als Obdachlose ihr Dasein fristen.
Mit der Bezeichnung "Aussteiger" wird das ganze nur glorifiziert. Gewollt?


Quote
ModernesLeben #4.1

Nein - ein bißchen Mode ist es auch:
http://tiny-houses.de/

In Deutschland geht es aber schwieriger, da das Baurecht eigentlich ein billiges Bauen bewußt verhindert. Der einzige Kompromiss, ist es hier die Häuschen auf deiner Art "Wohnwagenplattform" mobil zu errichten. Auch Hausboote werden in Deutschland, anders als in den Niederlanden, eher behindert.

Es sind aber 2 Paar Schuhe, ob es aus Not oder Mode als attraktiv angesehen wird, so zu leben. Die im Artikel beschriebene im PRIUS-lebende Person, ist da schon besonders
und exotisch.


Quote
GMsecondbest #4.2

Es ist wohl beides. Amerikaner ticken da oft etws anders. Freiwillige Aussteiger und zu diesem Leben gezwungene mischen sich und oft ist es auch in einer Person wohl eine Mischung aus beiden Antrieben. Wenn sie wüssten wie viele Rentner in den USA ohne Not in (in oft sehr teuren) Wohnmobilen ihren Lebensabend verbringen, einfach weil die Mobiltät einen andern Stellenwert dort hat. Sie müssen da schon die europäische Brille etwas abnehmen.


Quote
marcelmuellberg #7

Wanderarbeiter auf amerikanisch...


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Ilmo #10

Kommt nur mir das so vor, oder wirkt dieser Artikel extrem euphemistisch? Letztendlich sind das doch halbe obdachlose. Wenn man in einem PKW "wohnt" und von einem Parkplatzwächterjob zur nächsten Rübenernte eiert, klingt das nicht wie ein romantisches "Zigeunerleben", sondern eher nach ziemlicher Not.
In einen Joghurtbecher urinieren und jedes Mal kurz bevor er überschwappt umzufüllen. Na vielen Dank.
Versteht mich nicht falsch, ich finde "alternative" Lebensmodelle toll, aber die Menschen in dem Artikel kämpfen doch in Wirklichkeit ums nackte Überleben, in einem Land was kein Sozialleistungen kennt wie wir sie haben.


Quote
etm #12

Mir kommt das wie eine Art gehobene Obdachlosigkeit vor - immerhin haben sie ihr Leben noch halb unter Kontrolle und einen trockenen Platz zum schlafen (im Winter aber kalt, es sei denn - ab nach Süden).
Vielleicht sollten deutsche Obdachlose sich das abgucken, statt in Betonwüsten zu pennen. Alte Lieferwagen kosten auch nicht so viel wie Wohnmobile.

Ich habe als Student mehr als zwei Monate im Auto geschlafen (bzw. an Waldrändern, wohin ich abends zum Pennen hinausfuhr), bis ich einen Platz in einer WG gefunden habe. Gelegentlich habe ich während dieser Zeit aber auch bei Kommilitonen übernachtet, wenn das Wetter schlecht war.


Quote
samueldora #16

Die Amerikaner waren schon immer selbstverantwortlicher und mobiler, wenn es darum ging, auf wirtschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Das ist auch nötig bei dem für unsere Verhältnisse schwachen bis nicht vorhandenen staatlichen Unterstützungssystem.

Diese Rubber Tramps sind eine moderne Form von Wanderarbeitern. Auch ein Form von American Way of Life. Aber bestimmt nicht American Dream. Trotzdem bewundere ich es, wie sie in der Lage sind, die wenigen positiven Seiten daran herauszustellen, anstatt zu lamentieren und nach dem Staat zu rufen.


Quote
Passionsefeu #18

Ein interessanter Artikel.
Auf den ersten Blick kommt es romantisch rüber: in einem schön ausgebauten Wohnmobil oder Skoolie durch die Gegend zu fahren, mal hier und mal dort zu leben, über das Web zu arbeiten oder gelegentlich lokal...

Aber schaut man genauer hin, dann ist das bei vielen Leuten doch nicht so recht überzeugend mit der Romantik und Freiwilligkeit.
Häufiger ließt man, dass sich die Betreffenden ,,früher" schon lange und in anstrengenden Jobs abgerackert haben, dann aber arbeitslos wurden, es Krankheits- oder Todesfälle in der Familie gab, keine Krankenversicherung vorhanden war und ist...

Und obwohl es zweifellos ,,rollende Paläste" gibt und ich auch nicht dran zweifel, dass es Menschen gibt, die wirklich gerne als moderne Nomaden leben, scheint es mir bei vielen doch eher so, dass sie sich mit ihrer Situation nur arrangiert haben und sie notgedrungen eingegangen sind.


Quote
AllesKeinProblem #20

Das reichste Land der Erde ist das, über das da geschrieben wurde.

Zeigt wieder mal, dass an der Definition von Reichtum für eine Gesellschaft was faul sein muss, wenn man nach einem ordentlichen Arbeitsleben in einen Joghurtbecher pinkeln und als Wanderarbeiter weiterleben muss.

Ich hoffe, der eine oder andere Regierungspolitiker in Deutschland liest solche Artikel, während er dabei mit hilft, die Schere zwischen Arm und Reich auch hier weiter zu öffnen zum Wohle von Aktionären und Unternehmenserben.


Quote
Tomtell #21

In Niedersachsen herrschen im Sommer ähnliche Verhältnisse in der Fleischindustrie. Osteuropäer hausen unter Plastikplanen in Wäldern. Mitten in Deutschland. Menschenverachtend, furchtbar.


Quote
GenerationFacebook #23

Vor der US Wahl gab es ne Reportage im WDR, wo eine Frau mit 2 Kindern gezeigt wurde, die in nem Auto gelebt haben. Das ist bei den wenigsten freiwillig.
Überall auf der Welt nennt man sowas Wanderarbeiter, die durch alle Systeme der Welt ganz unten stehen.


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« Last Edit: March 04, 2018, 10:04:12 AM by Link »

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« Reply #32 on: May 14, 2018, 09:42:32 AM »
Quote
[...] Ganze Häuserblöcke lasse man erst verfallen, um sie dann teuer zu sanieren und die Kosten auf die Mieter umzuwälzen. In Pankow kennt man das unter anderem in den Wohnanlagen Grellstraße, Topsstraße oder Bleicheröderstraße. Renditen von knapp acht Prozent ergeben sich durch die Bewirtschaftung und Modernisierung heruntergekommener Mietshäuser, schreibt mein Kollege Ralf Schönball in seinem Artikel, ganz legal und vom Gesetzgeber belohnt. Die Kosten der „energetischen Sanierung“, können nämlich zu elf Prozent auf die Miete aufgeschlagen werden, die Klimawende müssen so die Finanzschwächsten zahlen. Und zwar nicht nur, bis die Bauinvestition abgegolten ist, sondern lebenslang. Die Mieterhöhung werde „nie wieder rückgängig gemacht“, so der Mieterbund. Er fordert nun, die Umlage der Modernisierungskosten auf Mieter von elf auf vier Prozent zu senken. Widerstand dagegen kommt vor allem von der vermieternahen CDU.

So schwinden die günstigen Wohnungen in Berlin immer weiter, um knapp sechs Prozent sank der Bestand an Sozialwohnungen allein im vergangenen Jahr. Laut IBB-Bericht liegt die mittlere Miete in Berlin inzwischen bei 10,32 Euro kalt pro Quadratmeter. Pankow liegt mit 10,86 Euro/m² auf Rang vier – eine Steigerung um 1,40 Euro oder 15 Prozent in nur zwei Jahren. Die Eigentumswohnungen in Pankow sind sogar die zweitteuersten der Stadt. 4176 Euro kostet der Quadratmeter im Mittel. Nur Mitte ist noch teurer.

Je citynäher, desto teurer. Das ist das grobe Muster im Bezirk, ob Eigentums- oder Mietwohnung. Prenzlauer Berg ist wie erwartet ganz vorn – besonders viel Moos braucht man dort innerhalb des S-Bahn-Rings mit durchgehenden Höchstwerten von 12 Euro (Miete) oder 4500 Euro und mehr (Eigentumswohnung) pro Quadratmeter.

...


Aus: "Pankow" Christian Hönicke (11.05.2018)
Quelle: https://leute.tagesspiegel.de/pankow/intro/2018/05/11/44042/

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Quote
[...] Aus Protest gegen knappen und zu teuren Wohnraum wurden in Berlin mehrere Häuser besetzt. In Neukölln und Kreuzberg wurden Gebäude von der Polizei geräumt. ... In Berlin sind Hausbesetzer aus Protest gegen die prekäre Lage am Wohnungsmarkt in mehrere leerstehende Gebäude eingedrungen. Insgesamt seien acht Häuser betroffen, teilte die Polizei mit. In sechs Fällen handelte es sich demnach jedoch nur um "Scheinbesetzungen". Die Polizei habe dort keine Personen angetroffen. Aus den Fenstern seien aber Transparente gehängt worden – möglicherweise als "Ablenkungsmanöver", sagte ein Polizeisprecher.

In den Berliner Stadtteilen Neukölln und Kreuzberg räumte die Polizei besetzte Gebäude. Gegen 56 Personen werde wegen Hausfriedensbruch ermittelt, sagte ein Sprecher der Polizei. Zuvor hatte die Eigentümerin des Hauses in der Bornsdorfer Straße 37b, die landeseigene Stadt und Land Wohnungsbaugesellschaft, ein schriftliches Räumungsbegehren beantragt.

Die Aktivisten kritisierten die Räumung des Neuköllner Hauses. "Einige Personen wurden beim gewaltsamen Eindringen der Polizei verletzt", hieß es in einer Mitteilung. Ein Sprecher der Polizei hatte dagegen angegeben, dass alles friedlich verlaufen sei.

Auch in der Reichenberger Straße im Stadtteil Kreuzberg war die Polizei mit einem Großaufgebot vor einem besetzten Haus präsent. Die Hausbesetzer hatten dort Transparente angebracht mit Aufschriften wie "Polizeigewalt ein Ende setzen" oder "Die Häuser denen, die sie brauchen". Auch der Besitzer dieses Hauses habe ein Räumungsbegehren gestellt, teilte die Polizei mit. In Kreuzberg und Neukölln waren nach Angaben der Besetzer in und vor den Häusern jeweils etwa 100 Menschen vor Ort.

Ein Sprecher der Besetzer kritisierte, Zehntausende Menschen in der Hauptstadt seien wohnungslos und ein immer größerer Teil des Einkommens müsse für steigende Mieten aufgewendet werden. Angesichts der vorherrschenden Gentrifizierung sei es "illegitim, dass Häuser leer stehen", sagte er.

Laut einer Mitteilung wollen die Hausbesetzer etwa in der Bornsdorfer Straße in Neukölln einen "offenen, unkommerziellen Kiezraum" und "selbstverwalteten Wohnraum" in 40 Wohnungen und Gewerberäumen schaffen. Das Haus stehe seit Jahren leer. Es habe bereits Verhandlungen mit dem Eigentümer, einem Landeswohnungsunternehmen, gegeben. Es seien auch schon Möbel in das Haus getragen worden.

Wie die Aktivisten weiter mitteilten, habe man mindestens neun Häuser besetzt, etwa in Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain. Die Besetzungen seien auf Dauer angelegt, hieß es weiter. Im Internet war die Aktion zuvor unter dem Stichwort #besetzen angekündigt worden, ohne jedoch genaue Standorte zu nennen.

In manchen Fällen gehe es um Gebäude im Besitz von Landeswohnungsunternehmen, hieß es von Seiten der Polizei. Da damit klar sei, dass eine Besetzung vom Eigentümer nicht geduldet werde, werde in diesen Fällen der weitere Zugang beschränkt.

Quote
Schlagdraufundschlus #11

Der Mut der Verzweiflung. Berlin ist inzwischen zum Alptraum für Mieter geworden. ...


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Be back Again #11.1

Sie waren noch nie in München...


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Omnibot #13

Aus meiner Sicht wünschenswert wenn die Hausbesetzer-Szene wieder in Berlin aktiv werden würde. In den 70er Jahren haben sie schließlich viele Altbauten vor der Kahlschlagsanierung gerettet und damit einen echten Meilenstein für eine sozialere Stadtentwicklungspolitik gelegt. ...


...


Aus: "Gentrifizierungsgegner besetzen Häuser in Berlin" (20. Mai 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-05/berlin-hausbesetzungen-protest-gentrifizierung-mieten-wohnungen

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Quote
[...] In Berlin müssen Wohnungssuchende mittlerweile für eine 60 bis 80-Quadratmeter-Wohnung im Schnitt 76 Prozent mehr bezahlen als 2008, in München werden 15 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter bei Neuvermietung fällig. Sozialverbände warnen, dass die steigenden Wohnkosten ein Armutsrisiko darstellen. Über eine Million Haushalte in den Großstädten haben schon jetzt nach Abzug der Miete weniger Geld zum Leben, als wenn sie den Hartz-IV-Regelsatz bekämen. Die Zahl der verfügbaren Sozialwohnungen ist den vergangen Jahren drastisch gesunken, obwohl die Zahl der Anspruchsberechtigten steigt.

... Eine Stadt muss ein Gemeinwesen sein und bleiben, sie darf nicht Goldgrube für Spekulanten sein. Wenn Flächen jahrelang brach liegen, weil Landbanker ihr Geld im Schlaf verdienen wollen, dann muss eine Kommune etwas dagegen tun. In Berlin sind die Bodenpreise in den vergangenen fünf Jahren um 345 Prozent gestiegen, die Verkaufspreise für Neubauwohnungen nur um 60 Prozent. Warum also bauen, sagen sich die Landbanking-Spezialisten, wenn Nichtstun mehr Rendite bringt? Das kann, das darf ein Gemeinwesen nicht hinnehmen. Städte müssen anders funktionieren als Wetten auf Schweinehälften.

...


Aus: "Prantls Blick: Wie Wohnen wieder bezahlbar wird" (29. April 2018)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blick-wie-wohnen-wieder-bezahlbar-wird-1.3961851


« Last Edit: May 22, 2018, 07:34:33 AM by Link »

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« Reply #33 on: June 03, 2018, 07:57:26 PM »
Quote
[...]  Die Preise für selbst genutztes Wohneigentum sind im vergangenen Jahr deutschlandweit um 5,4 Prozent gestiegen. Das berichtete die Welt am Sonntag unter Berufung auf eine Studie des Bundesverbands der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Damit sei der Anstieg noch einmal höher ausgefallen als in den Vorjahren mit 4,9 Prozent (2016) und 3,2 Prozent (2015).

Einen deutlichen Sprung machten die Preise der Studie zufolge erneut in den Ballungsgebieten. In den sechs größten Städten betrug der Anstieg zufolge 11,6 Prozent. "Der Preisauftrieb übertraf damit in den Großen-6 erneut die Wachstumsraten wichtiger Fundamentaldaten wie das verfügbare Einkommen oder die Mieten", zitiert die Zeitung aus dem Bericht, der unter anderem auf Marktdaten des Verbands deutscher Pfandbriefbanken basiert.

Spitzenreiter in dieser Gruppe sind demnach Berlin, München und Hamburg mit einem Preiswachstum von bis zu 200 Prozent seit 2007. Preistreiber seien weiterhin "der hohe Zuzug nach Deutschland und insbesondere in die Städte, das historisch niedrige Zinsniveau und die gute Konjunktur in Deutschland".

Zugleich nimmt die Erschwinglichkeit von Wohneigentum dem Bericht zufolge immer weiter ab. In den sechs größten Städten seien die Wohneigentumspreise um 55 Prozent stärker gewachsen als die verfügbaren Einkommen.

Allerdings steigen der Studie zufolge mittlerweile auch die Preise in ländlichen Regionen. "Der Aufschwung am Immobilienmarkt hat an Breite gewonnen", zitiert die WamS aus dem BVR-Papier. Die Durchschnittspreise auf dem Land seien 2017 um 4,8 Prozent gestiegen – nach 4,2 und 2,7 Prozent in den beiden Jahren davor.

Ein Risiko für das Finanzsystem besteht der Studie zufolge trotz der hohen Preise und der zunehmenden Kreditvergabe allerdings nicht. Das Volumen der Wohnkredite wachse zwischen 3,5 und 4 Prozent pro Jahr und damit nur wenig stärker als die Wirtschaft. Die private Verschuldungsquote liege unter 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und liefere "keine Hinweise auf eine übermäßige Kreditvergabe".

Quote
Techniker2 #26

Freut mich zu hören, ich bin Immobilienbesitzer....


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K70-Ingo #26.1

Dito. Wir haben alles richtig gemacht.



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Terrurist #5

Gute Nachrichten für Eigentümer und für das Handwerk - schlechte für die Mieter.


Quote
Sar Van #9

Die zwei Klassen Gesellschaft wird noch weiter gefestigt, im Vergleich sind die Reallöhne in den letzten 10 Jahren um ca. 8-10% gestiegen. Diesen Sprung sehen wir in den Immobilienpreisen in nur einem Jahr. 


Quote
19koepi71 #9.3

"im Vergleich sind die Reallöhne in den letzten 10 Jahren um ca. 8-10% gestiegen ..." Nachdem sie die zwanzig Jahre davor zurückgegangen sind. Wir sind heute auf dem Niveau von 1993. Eine Schande.


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Tanjatarnan #15

Es ist nicht verwunderlich, dass durch die Geldpolitik der EU mit ihren extrem niedrigen Zinsen die Anleger mit Immobilien versuchen, den Wert ihres Kapitals zu erhalten. Das eigentliche Problem ist, dass der Euro durch diese EU- Geldpolitik an Wert verliert. Noch eklatanter wird dies, wenn Italien weitere finanzielle Hilfe fordern wird. Jeder, der dies erkennt, legt sein Geld möglichst in Substanzwerten also Immobilien oder zB Gold an. Automatisch steigen dann die Preise...


Quote
Hausmeister112 #24

So, dann möchte ich mal als „Erbe“ dazu etwas sagen. Meine Familie besitzt mehrere Immobilien und ich inzwischen drei und die blauäugige Betrachtung mit der einige Menschen hier Urteilen hat mich veranlasst mich hier anzumelden. Aussagen wie Erbschaft mit 100 Prozent besteuern machen mich gelinde gesagt krank. In meiner Familie verwalten wir Immobilien, wir bewundern was vorherige Generation aufgebaut haben und pflegen es. Vielleicht habe ich deshalb als „reicher“ Erbe schon mit 16 die Hausflure für die ach so Lieben Mieter geputzt und kümmere mich deshalb bis heute darum das für Sie alles läuft... was ich in den letzten 20 Jahren erleben durfte sprengt hier den Rahmen aber soviel möchte ich doch berichten, ich habe Häuser und Wohnungen von deutschen Messi’s Räumen dürfen, ein deutscher der die Miete über längere Zeit nicht zählte hat mir gedroht mich umzubringen (die Polizei hat mir abgeraten meine Miete einzufordern da der Herr Polizeibekannt wegen Körperverletzung war), ich hatte Mieter die Vorsätzlich Wohnungen 3 mal in einem Monat unter Wasser gesetzt haben, libanesische Familienclans die mir den Zugang zum Hausflur versperrt haben mit der Drohung ich wüsste ja nicht was Sie so in der Wohnung haben... ich hatte Brände, Vandalismus, Beschimpfungen und alles andere vorstellbare inklusive einer Dame die sich im Alter 12 Katzen anschaffte und Passanten auf der Straße mit Kot bewarf... Es gibt auch andere Mieter ... Es gibt auch andere Mieter, solche die Ihre Wohnungen renoviert zurückgeben, solche die Jahre später noch schreiben wie schön das Mietverhältnis war oder solche die mir sogar zum Abschied etwas geschenkt haben oder die Wohnung noch mal ordentlich geputzt haben... Ich habe also für mein Erbe genug getan Denke ich und wenn meine Mutter mit 70 mal vorbeikommt und im Innenhof Zigaretten aufsammelt find selbst ich das bewundernswert... Fakt ist Vermieter sein ist auch kein Zuckerschlecken und die Zeiten werden nicht einfacher... bis vor drei Jahren haben wir in den Häusern in der Berliner Innenstadt immer einen Anteil von 10% Arbeitslosen gehabt... Nachdem ich 4 von den Wohnungen innerhalb von 2 Jahren räumen dürfte da die Mieter „umgeräumt“ in das Gefängnis umgezogen sind ist damit nun auch Schluss... Die Mieterschutzgesetze machen die Sache für mich auch nicht günstiger warum muss ich Gegenstände die jemand zurücklässt ewig einlagern? Warum kann ich nicht mehr vereinbaren das der Mieter beim Auszug renoviert? Nur einige Beispiele wie sich der Staat einmischt die Menschen für unselbstständig erklärt und die Kosten für alle damit in die Höhe treibt... Grundsteuer, Straßenreinigungsgebühren, Strom, versiegelte flächenkosten, neue Heizungsanlagen (die Wirtschaft muss ja laufen) Unsinnige Gesetze für Kunst am Bau, Winterdienst in 1,20m breite, Gesetze über Gesetze welche die Mieten in die Höhe treiben... unabhängig davon ob ich als Vermieter auch nur 5€ mehr in der Tasche habe.
Bin ich heute reicher als vor 20 Jahren als Vermieter? Jein, Ja wenn ich jetzt an einen namenlosen Investor verkaufen würde, aber durch die Mieteinnahmen? Ein klares Nein, wir werden sehen was mich die Neuerung der Grundsteuer in Zukunft noch kosten wird. Enteignung bringt hier gar nichts, das weiß ich da mein Opa in der DDR enteignet wurde und es 20 Jahre dauerte um den Kredit abzuzahlen den ich aufnehmen musste um das FDGB Ferienheim (ein Denkmal) wieder in einen benutzbaren Zustand zurückzuführen. Manche Leute im speziellen der Staat sollten einfach keine Immobilien besitzen, da muss ich mir nur die Schulen oder die Dutzenden bis heute leer stehenden Wohnungen in Kasernengeländen in Berlin Spandau ansehen.


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Mastershark #29

Ein wichtiger Preistreiber ist sicher der Rückzug der öffentlichen Hand aus der Wohnungswirtschaft. Eine Gesellschaft wie VONOVIA hält heute große Wohnunsbestände, die früher einmal den städtischen Wohnungsbaugesellschaften gehörten, dann durch die Hände diverser Heuschrecken gereicht wurden un schliesslich von Vonovia oder anderen großen Gesellschaften eingesammelt wurden. Privatisierung war jahrzehntelang das Mantra allen politischen Handelns mit dem Ergebniss, dass nun Rendite der wesentliche Faktor ist. Erstaunlicherweise konnten private Interessenten diese Wohnungen nie zu Konditionen erwerben, die den Preisen nahekommen, die die großen Investorengesellschaften eingeräumt wurden, von Ungleichbehandlung bei der Grunderwerbsteuer will ich gar nicht reden.
Somit kann Mietwohnraum kaum noch preisgünstig sein, denn dann erzielen die Investoren oder ihre Shareholder keine Gewinne oder Dividenden.
Im Neubaubereich erlebe ich in einer mietpreisgeplagten Stadt wie Kiel, dass Grundstücke nahezu immer an Projektentwickler gehen, die dort massiv in sündhaft teure Eigentumswohnungen investieren. Damit kann man solche Grundstücke zu Gold machen, schafft aber keinen Quadratmeter Wohnraum zu moderaten Mietpreisen. Auch da hätte die öffentliche Hand eine Möglichkeit einzugreifen



...


Aus: "Immobilienpreise : Wohneigentum bundesweit teurer geworden" (3. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-06/immobilienpreise-wohneigentum-deutschlandweit-anstieg-wohnungen-haeuser

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« Reply #34 on: June 05, 2018, 07:44:23 AM »
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[...] Wohnen wird immer teurer: In München, Frankfurt am Main, Hamburg, Stuttgart und Berlin sind die Ausgaben für eine Wohnung seit 2011 am stärksten gestiegen. Von 3.000 bis über 5.000 Euro im Jahr mussten Mieter in diesen Städten im Schnitt mehr für ihre Wohnungen bezahlen. Für Drei- und Vierzimmerwohnungen wird in deutschen Großstädten mittlerweile oft ein ganzes Nettogehalt fällig. Aber wer angesichts solcher Preise lieber auf Eigentum ausweichen möchte – sofern er oder sie dafür das erforderliche Eigenkapital aufbringen kann –, ist mit enorm hohen Grundstücks- und Immobilienpreisen konfrontiert. Denn auch die Preise für selbst genutztes Wohneigentum sind in Großstädten in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert. In München, Berlin und Hamburg zahlen Erwerber heute durchschnittlich 200 Prozent mehr für eine Immobilie als noch im Jahr 2007.

Die Lage auf dem Miet- und Immobilienmarkt ist so angespannt, dass mehr Menschen Sympathien auch für illegale Antworten auf das Wohnungsproblem hegen, wie etwa Hausbesetzungen. Das gilt zumindest für Berlin, wo vor Kurzem Häuser wieder besetzt wurden: 53 Prozent der Berlinerinnen und Berliner sehen darin ein legitimes Mittel, um auf das Thema Wohnungsnot aufmerksam zu machen, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung.

Die Aktivisten wollten mit den Besetzungen in Berlin gegen die prekäre Lage am Wohnungsmarkt protestieren. Immerhin wird in Berlin zwar sehr viel gebaut, aber oft werden teure Luxusimmobilien geschaffen, die für die normale Bevölkerung kaum erschwinglich sind. Und während die teuren Eigentumswohnungen teilweise lange leer stehen, bis sie verkauft werden, steigt die Zahl der Wohnungslosen in der Hauptstadt. Zugleich locken die hohen Profite auf dem Berliner Immobilienmarkt Investoren an, die Grundstücke vor allem für Spekulationsgeschäfte erwerben und weiterverkaufen. So fehlen Grundstücke, auf denen bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden könnte.

Die Berliner Zeitung wollte in ihrer Umfrage auch wissen, ob die Sympathisantinnen und Sympathisanten illegaler Hausbesetzungen einem bestimmten Lager zugehören. Das überraschende Ergebnis: Selbst unter den CDU-Anhängern sprach sich mehr als jeder Vierte (26 Prozent) für Hausbesetzungen aus. Besonders groß war die Zustimmung unter Wählerinnen und Wählern der Linkspartei (83 Prozent) und Anhängerinnen und Anhängern der Grünen (77 Prozent). Unter den Befragten, die sich der SPD zuordnen, befürwortete jeder Zweite Hausbesetzungen als Mittel im Kampf gegen die Wohnungsnot. 

Rein rechtlich ist die Sache klar: Wer in eine Immobilie oder auf ein Grundstück gegen den Willen des Eigentümers eindringt, macht sich nach Paragraf 123 Strafgesetzbuch (StGB) wegen Hausfriedensbruch strafbar. In der Umfrage der Zeitung sprachen sich immerhin 43 Prozent der Befragten dafür aus, dass die Polizei illegale Hausbesetzungen zunächst dulden und mit den Besetzern verhandeln sollte.

Übrigens: Für deutsche Haushalte ist die Belastung durch Miet- und Immobilienpreise nicht gestiegen. Das zeigt eine neue Auswertung von Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vorgenommen hat. Demnach ist zwar der durchschnittliche Anteil der Mietkosten seit 1996 gestiegen, aber auch die Einkommen sind heute höher: Während die Deutschen 1996 noch 20,6 Prozent ihres Einkommens für die Miete ausgaben, waren es im Jahr 2016 22,3 Prozent. Zu erklären ist dieser Wert damit, dass Wohnen auf dem Land und in Kleinstädten sogar etwas günstiger geworden ist. In den Großstädten dagegen geben die Menschen im Schnitt zwischen 40 und mehr als 60 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aus.

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Madame Trippel-X #1

> Immerhin wird in Berlin zwar sehr viel gebaut, aber oft werden teure Luxusimmobilien geschaffen, die für die normale Bevölkerung kaum erschwinglich sind.

Das klingt so, als ob preiswertes Wohnen in einer der angesagtesten Städte des Planeten ein Menschenrecht wäre. Wohnraum ist ein knappes gut, auf dem Land ist Wohnen billig. Immer dieses Gejammer, es hat auch nicht jeder einen Porsche. Vermutlich befürworten 83% der Linkspartei-Wähler auch Autodiebstahl.


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mittsommer #1.28

Das Recht auf bezahlbaren Wohnraum, die Nähe zu öffentlichen und sozialen Einrichtungen, sowie zum kulturellen Leben ist für Sie also - bildlich gesprochen - der Diebstahl eines Porsches.


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RechtsNeoKonservativeLeitlinie #1.13

Das Neoliberale Vollhansel Wohnen als Luxus bezeichnen ist ehrlich, aber zeugt von fehlenden Kompetenzen im Gesellschaftlichen Bereich.


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Walter Plinge #1.29

Ich glaube Sie haben den Poster falsch verstanden. Dieser wollte ausdrücken, dass es verschiedene Gründe geben kann, warum man in Berlin wohnen möchte. Das war eine Replik auf den OP, der meinte das halt nicht jeder in "der angesagtesten Stadt der Welt" leben könne.


...


Aus: "Wohnungsnot schafft Sympathien für Hausbesetzer" Tina Groll (4. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-06/illegale-hausbesetzungen-studie-immobilienpreise

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« Reply #35 on: June 13, 2018, 02:13:42 PM »
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[...] Leipzig - Sie nennen ihre Kommunen „Wildwuchs“ oder „Jetze Wagenplätze“. Die Namen sind Programm. Es dürften wohl schon mehrere hundert Leipziger sein, die sich gegen steingemauerte vier Wände und für ein Leben im Wagen und im Grünen entschieden haben. Doch diese Wohnform kollidiert zu oft nicht nur mit bestehenden Konventionen, sondern auch dem Recht. Der Stadtrat versucht sich jetzt an einer Lösung dieses Konfliktes, die aber nicht unumstritten ist – und mittlerweile auch die Rechtsaufsicht auf den Plan gerufen hat.

„Uns ist es wichtig, Rechtssicherheit auf beiden Seiten zu schaffen“, sagt CDU-Stadtrat Achim Haas. Ausgerechnet die CDU, die in der Vergangenheit gern mal gegen „Wagenburgen“ motzte, setzt sich nun dafür ein, dass die Kommune Mietverträge mit den bislang nur geduldeten Gemeinschaften abschließt und diese somit legalisiert. „Wir haben nichts gegen alternative Lebensformen“, betont Haas. Es müsse nur alles in geordnete Bahnen kommen. Am Mittwoch soll der Stadtrat über den Vorschlag beschließen.

„Bislang wissen wir doch gar nicht, wer dort im Einzelnen wohnt, ob es schulpflichtige Kinder gibt. Wir wollen auf diese Weise auch vermeiden, dass illegal Strom bezogen oder Müll verbrannt wird“, erläutert der CDU-Politiker. Die Bewohner von Wagenplätzen, die sich auf städtischen Grundstücken befinden, sollen demnach einen Verein gründen und einen Vertrag mit der Stadt abschließen. „Wir nehmen damit die Bewohner der Wagenplätze in die Pflicht“, sagt Haas. Darin enthalten seien Auflagen etwa zur Strom- und Wasserversorgung, zur Abwasser- und Abfallentsorgung, zum Brandschutz und zur Meldepflicht. Es würden konkrete Ansprechpartner benannt. Und für den Fall, dass Vereinbarungen verletzt oder die Nachbarschaft etwa durch Lärm terrorisiert werde, reklamiere die Stadt ein Sonderkündigungsrecht für sich. „Das wird Signalwirkung haben“, ist Haas überzeugt.

Allerdings in die falsche Richtung, befürchtet Nicole Wohlfahrt. Die SPD-Stadträtin hat mächtig Bauchschmerzen mit dem Plan. Für sie ist die Besetzung öffentlicher Flächen – und so haben im Grunde alle Wagenplatz-Kommunen mal angefangen – schlicht inakzeptabel. Nur einmal, im Jahr 2015, ließ die Stadt eine in Paunsdorf über Nacht entstandene Wagensiedlung räumen. Das Dilemma: Wagenplätze liegen in einer juristischen Grauzone. Selbst die Baubehörde räumt ein, dass sie für die Kommune sehr schwierig zu handhaben sind, da das Bauplanungs- und Bauordnungsrecht diese Wohnform nicht kennt.

„Es ist weniger als eine rechtliche Grauzone“, sagt hingegen Wohlfahrt. „Ich habe erhebliche Zweifel an einer Verpachtung von städtischen Grundstücken zu Wohnzwecken, wenn das aus baurechtlichen Gründen gar nicht zulässig ist. Und das ist bei den Wagenplätzen der Fall.“ Während beispielsweise jeder Häuslebauer – ob er will oder nicht – sein Grundstück ans öffentliche Abwassernetz anschließen muss, bestehe der Anschlusszwang für Wagen-Siedlungen nicht. Wohlfahrt sieht darin keine stringente Stadtpolitik. „Wir drohen einerseits den Senioren der Amalie in Paunsdorf die Räumung an, weil ihre Wohnanlage baurechtlich dort nicht zulässig ist“, sagt sie, „andererseits unternimmt die Stadt bei den Wagenplätzen, die ebenfalls unzulässig sind, nichts.“

Im vergangenen Jahr schloss die Stadt bereits einen Mietvertrag mit einer Wagenplatz-Kommune ab. Die Vereinbarung mit dem Verein „Wildwuchs“ über ein 2902 Quadratmeter großes Geländes an der Saarländer/Alte Salzstraße in Kleinzschocher soll nun Pilotcharakter haben. 61 Cent pro Quadratmeter zahlt die Wagenplatz-Kommune pro Jahr dafür an die Stadt.

Aufgrund mehrerer Beschwerden hat sich inzwischen die Landesdirektion den Fall genauer angeschaut und daraufhin bei der Stadt „die Einhaltung des öffentlichen Baurechts angemahnt“, wie ein Sprecher der Rechtsaufsicht erklärt. Die Behörde hat erhebliche Zweifel. „Insbesondere der Verstoß gegen den Baugenehmigungsvorbehalt und die wohl fehlende bauplanungsrechtliche Zulässigkeit“ erscheint ihr von Bedeutung. Denn die Stadt stößt mit diesem Präzedenzfall ein Tor für weitere Wagenplätze weit auf. Andere Grundstückseigentümer könnten danach „ebenfalls ohne Abklärung der baurechtlichen Belange“ private Grundstücke einfach an Wagenplatz-Gruppen vermieten. Selbst an Orten, wo es möglicherweise der Stadt gar nicht passt. Mit den Mietverträgen allein, so ist die Landesdirektion überzeugt, löst die Stadt das Problem nicht. Sie müsse vielmehr die erforderlichen baurechtlichen Verfahren durchführen. Die Stadtverwaltung habe der Landesdirektion inzwischen mitgeteilt, so der Sprecher, „dass sie die Rahmenbedingungen für eine rechtlich vertretbare Lösung derzeit gutachterlich prüfen lässt“.



Aus: "Stadtpolitik Wohnkultur oder Rechtsbruch? Leipzig will Wagenplätze mit umstrittenen Verträgen aus der Illegalität holen" Klaus Staeubert (08.03.2017)
Quelle: http://www.lvz.de/Leipzig/Stadtpolitik/Leipzig-will-Wagenplaetze-mit-umstrittenen-Vertraegen-aus-der-Illegalitaet-holen


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Trotz des Runs auf Baugrundstücke bleibt die Zahl der Wagenplätze konstant. Da die Gefahr einer Räumung immer besteht, will die Linke neue Plätze schaffen. ... Angesichts der explodierenden Mieten sind Wagenplätze die wohl letzte konsequente Art sich dem Wahnsinn des Wohnungsmarktes zu entziehen. In alten Bauwägen und ausgebauten Bullis lebt es sich dabei mitunter durchaus heimeliger als in so mancher Mietkaserne; und gemeinschaftlicher als in großen Häuserblocks sowieso.

Vor allem eine Szene aus Anarchisten, Linken und Hippies hat diese Lebensform für sich kultiviert. Dies – und die nicht kommerzielle Nutzung von wertvollem Grund und Boden, oftmals auf Grundstücken, die gar nicht zum Wohnen vorgesehen sind – erklären auch, wieso viele Plätze mit der dauerhaften Gefahr leben, geräumt zu werden.

Wie aus einer kleinen, bisher unveröffentlichen Anfrage der Linken-Abgeordneten Katalin Gennburg, stadtentwicklungspolitische Expertin ihrer Fraktion, hervorgeht, sind dem Senat derzeit 17 Wagenburgsiedlungen bekannt: Sechs davon in Friedrichshain-Kreuzberg, also in bester City-Lage. Drei Plätze befinden sich in Pankow, je zwei in Neukölln, Mitte, Lichtenberg und Treptow-Köpenick. Zu den bekanntesten gehören die Plätze am Mariannenplatz (Kreuzdorf) und neben dem linksalternativen Hausprojekt Köpi.

Trotz des Runs auf Grundstücke durch Investoren und inzwischen auch der Stadt hat sich die Anzahl in der jüngeren Vergangenheit nicht weiter verringert. In Pankow organisiert der Bezirk derzeit sogar die Erweiterung eines bestehenden Wagendorfes in der Pankgrafenstraße – das Grundstück hatte der Liegenschaftsfonds dem Bezirk überlassen.

In Lichtenberg erhielten die Wagendörfler vom KosmoLaut e.V. im Januar einen Ersatzplatz nachdem sie ihre angestammte Fläche wegen Baumaßnahmen räumen mussten. Einige Monate zuvor hatte die Bezirksverordnetenversammlung beschlossen, alternative Wohnformen, darunter auch Wagenburgen, zu fördern.

Auch die rot-rot-grüne Landesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag auf Initiative der Linken einen Passus aufgenommen, in dem es heißt: „Die Koalition sucht nach Lösungen, um für Menschen auf sogenannten Wagenplätzen Sicherheit für ihre Lebensform zu schaffen und den derzeitigen Zustand der Duldung zu beseitigen.“

Die Antwort auf die Anfrage, die der taz exklusiv vorliegt, klingt dagegen deutlich nüchterner: „Der Senat weiß um die Existenz der Wagenplätze. Die Entscheidung über eine Duldung liegt jedoch bei dem jeweiligen zuständigen Bezirk.“ Maßnahmen zum Schutz und Erhalt der Plätze und Wagenplatzkultur trifft der Senat demnach „keine“.

Für Gennburg sind das enttäuschende Antworten. Nichts zu tun, sei „genau der falsche Weg“, so die Abgeordnete. Sie fordert: „Wir müssen an dem Ziel festhalten, mehr Plätze zu schaffen und dafür sorgen, dass bestehende Plätze eine Perspektive haben.“

Die Idee eines Wagenplatzgesetzes wird nach Kritik aus der Szene derweil nicht weiter verfolgt. Dies würde Auflagen etwa zur Wasserversorgung und dem Brandschutz mit sich bringen, die für die Wagenbewohner letztlich mehr Probleme bereiten. Wagenplätze sind stets, so sagt es auch Gennburg, in einer rechtlichen Grauzone. Härter formuliert es der Senat: „Es gibt keine und „kann keine Duldungskriterien geben.“

Dennoch existieren viele Plätze bereits seit Jahrzehnten. Dabei kann die potentielle Bedrohung schnell konkret werden, wie zuletzt beim Platz in der Kreuzberger Ratiborstraße. Auf dem Areal, das auch den Biergarten Jockel und Handwerksbetriebe beheimatet, soll eine Modulare Unterkunft für Flüchtlinge (MUF) entstehen.

Obwohl die Nutzer gemeinsam an einer Lösung arbeiten, die die bestehende Nutzung mit den Flüchtlingen vereint, soll es in Senatskreisen den Wunsch geben, dass die Wagenburg weichen muss. „Wir sind untereinander solidarisch und lassen uns nicht auseinanderreißen oder ausspielen“, sagt Moritz Metz, der Sprecher der Initiative.

Der „Schwarze Kanal“ in der Treptower Kiefholzstraße hatte im vergangenen Jahr schon einen Teil seiner Fläche für eine MUF abgegeben. Die Bewohner teilen sich das Grundstück nun mit den Geflüchteten. Platz für neue Bewohner bleibt da nicht mehr.

Derweil gäbe es auch in der wachsenden Stadt noch Potentiale für den steigenden Platzbedarf der Wagenplatz-Szene. Wo jetzt neue Stadtquartiere entwickelt werden sollen, wie etwa im Blankenburger Süden, werden mitunter noch 20 Jahre vergehen, bis tatsächlich gebaut wird. Für Gennburg eine gute Möglichkeit, Wagenburglern einen temporären Raum zu geben. Auch in der Europacity am Hauptbahnhof gäbe es noch unbebaute landeseigene Flächen. „Ein Wagenplatz da wäre ein angemessener Gegenpart zu den Prunkhochhäusern“, so Gennburg.


Aus: ""Bauwagen trotzen der Gentrifizierung" Erik Peter (Berlin, 13. 4. 2018)
Quelle: https://www.taz.de/!5495621/

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[...] DARMSTADT - Wunderschön fällt die Herbstsonne durch bunt gefärbtes Laub ins Bauwagenfenster von Martina Heim und André Schober. Im Garten stehen Fahrräder, Schubkarren und ein ausrangiertes Schaukelpferd der Kinder. Eine Idylle wie aus dem Bilderbuch.

Man hört das Gackern von Hühnern - und eine Motorsäge. Plötzlich verstummt das Geräusch, es ist ganz still auf dem 1200 Quadratmeter großen Gelände zwischen Lichtenbergschule, Kleingärten und Tennisclub. Zwischen zwei Bäumen lugt eine junge Frau hervor: Jilly Latumena. Sie gehört seit drei Jahren zu den Bewohnern von "Diogenes" - mit fast 28 Jahren einer der ältesten der fünf Bauwagensiedlungen in Darmstadt.

Rund 80 Menschen leben derzeit auf Wagenplätzen, die inzwischen längst kein Provisorium mehr sind. In Darmstadt haben sich die Rebellen von einst zu Vertretern einer etablierten Wohnform entwickelt, die mit der Stadt Darmstadt einen zuverlässigen Vertragspartner gefunden hat. "Wir unterstützen diese alternative Wohnform", sagt Oberbürgermeister Jochen Partsch. Die Siedler zahlten nicht nur pünktlich ihre Pacht sowie Gebühren für Strom, Wasser und Abfall. "Vor allem zeigen sie, dass alternatives Wohnen in unserer Stadt möglich ist." Dies werde er auch weiterhin unterstützen.

Eine Aussage, die Balsam ist auf der Seele der Bauwagensiedler wie Jilly Latumena, die Ruhe und Naturnähe gesucht und bei "Diogenes" gefunden hat. Beruflich ist die Sprecherin der Bauwagensiedler bei der Handwerkskammer in Mainz eingespannt, in ihrer Freizeit engagiert sie sich für weitere alternative Wohnprojekte. Mit "Diogenes"-, "Klabauta"- und "Baba-Jaga"-Bewohnern hat sie den Verein Wohnwerk gegründet. Dessen Ziel ist ein neuer, vierter Wagenplatz auf städtischem Gelände, auf dem nicht nur alternativ gelebt, sondern auch ein gesellschaftlicher Beitrag erfüllt werden soll. Dazu zählen öffentliche Angebote wie eine Reparaturwerkstatt, kulturelle Veranstaltungen oder die Zusammenarbeit mit Foodsharing Darmstadt. Das Einzige, was der Initiative noch fehlt, ist ein Gelände. Davon weiß auch der OB, der mit dem Verein in Kontakt steht. "Wir sondieren derzeit unterschiedliche Grundstücke", sagt er. Zwei seien ausgeschieden, zwei Flächen in der Prüfung.

Die Nachfrage nach Wagenplätzen ist auf jeden Fall da. Erstens sei man nicht von Vermietern abhängig, "auch bietet das gemeinschaftliche Leben Rückhalt", sagt Latumena. Ihr Zuhause ist ein mit 20 Quadratmeter recht geräumiges Domizil mit Schreibtisch, Kommode, Ausziehbett, Podest, Bücherregal, Kachelofen, Bildern an der Wand und Tüchern an der Decke.

In der Außenküche steht das Geschirr vom Vorabend - ungespült. "Der Abwasch muss sich lohnen", sagt die 33-Jährige. Mit Strom und Wasser wird sparsam gehaushaltet. Da die Bauwagenbewohner so autark wie möglich leben wollen, erzeugen sie den Strom größtenteils über Solarzellen und Windräder. Regenwasser wird gesammelt, Trinkwasser im Sommer von einer Kleingartenanlage und im Winter mit Kanistern von der Lichtenbergschule geholt. Da überlegt man zweimal, ob man spült oder nicht. Einig sind sich die Bauwagensiedler auch bei der Umsetzung ihrer Werte: bezahlbares und gemeinschaftliches Wohnen, kreative Selbstbestimmung und umweltbewusstes Leben.

Dafür muss man nicht das Nichtstun pflegen. Auch die Diogenes-Bewohner sind berufstätig, finanzieren ihren Lebensunterhalt, unterstützen mit einem "Krötenkonto" Bewohner von Bauwagensiedlungen, die ihre Plätze räumen müssen, und stecken Geld in Projekte wie etwa die Puppentheatertage, die Diogenes-Bewohnerin Susanne Kanzler einmal im Jahr organisiert. Dann pilgern die Darmstädter aufs Gelände an den Kleingärten, es gibt Getränke und Gespräche auf Hollywoodschaukeln oder in der Sommerküche, die auch an diesem Morgen tipptopp aufgeräumt ist.

Rosen auf dem Tisch, Gläser im Schrank, Gewürze in Weinkisten-Regalen: Auf Strukturiertheit wird großen Wert gelegt. Das Zusammenleben ist organisiert, Dienste wie Abwasserbehälter kontrollieren oder Hygienewagen reinigen werden akribisch in einem Kalender festgehalten. Gemeinsam werden Reparatur- und Gartenarbeiten erledigt, Regenrinnen gesäubert, Holz gehackt. Diskutiert wird auch, am Lagerfeuer oder beim Pizzabacken. Doch bei aller Idylle ist klar: "Gemeinschaft ist herausfordernd," sagt Latumena. Das Plenum verlaufe nicht immer harmonisch, oft werde kontrovers diskutiert - etwa darüber, was Luxus und was ökologisch, privat oder gemeinschaftlich sei, ob zum Solarstrom noch städtischer Strom benötigt wird oder nicht.

Auch bei Diogenes gibt es Bewerber um einen Wagenplatz. 30 bis 40, schätzt Latumena, werden pro Jahr in den Siedlungen abgelehnt. Denn die meisten, die einmal angekommen sind, bleiben



Aus: "Hippie war gestern: Rund 80 Menschen leben auf Wagenplätzen in Darmstadt" (04.11.2017)
Quelle: http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/hippie-war-gestern-rund-80-menschen-leben-auf-wagenplaetzen-in-darmstadt_18296572.htm

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« Reply #36 on: June 14, 2018, 05:01:35 PM »
"„Niemand ist so an Legalisierung interessiert wie wir“: Wagenplatz-Bewohner wollen Perspektive" (16. Januar 2018)
Für legale Wagenplätze sprachen sich jetzt Bewohner des Wagenplatzes in der Straße am Steinbach in JEna aus. ... Bundesweit gebe es Beispiele von kommunal legalisierten Wagenplätzen – so etwa in Kiel, Lüneburg, Rostock oder Hannover. Die Stadt prüft bis Ende Januar alternative Standorte, am Donnerstag ist der Wagenplatz Thema im Stadtrat. Auf der Homepage der Radaue ist ein Countdown zu finden: Bis zum Duldungsende vergehen noch sechs Wochen. ...
https://jena.otz.de/web/jena/startseite/detail/-/specific/Niemand-ist-so-an-Legalisierung-interessiert-wie-wir-Wagenplatz-Bewohner-wollen-912202515

Aufgrund von vielen Missverständnissen und Vorurteilen die wagenbewohnenden Menschen immer wieder entgegenschlagen, wollen wir uns hier mal bisschen Vorstellen: Wir, das Wagenplatzprojekt „Rad*Aue“ sind eine Gruppe von aktuell 11 Personen die gemeinsam auf einem alten Schotterplatz im Jenaer Norden in beweglichen Behausungen (Ausgebauten LKWs, Bau- bzw. Campingwägen) leben. Wir sind ein Teil der Stadt.
Entgegen der oft anzutreffenden Vorstellung sind wir weder alle Anfang 20, noch sind wir alle Student_innen und zum Geldverdienen gehen wir tatsächlich auch arbeiten. Unser Alltag ist dabei so verschieden wie bspw. der von Menschen die gemeinsam einen großen Mietwohnungsblock wohnen. Wir alle haben aber irgendwann in unserem Leben beschlossen, in einen Wagen zu ziehen, was uns letztlich auch zusammengebracht hat.
https://radaue.de/

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"Alibi-Zwischennutzung gegen Besetzung" (26.03.2015)
Der Verein Shift Mode diente dem Kanton als Begründung für die Räumung des Wagenplatzes. Dieser unterstützte den Verein auch noch mit kräftigen Finanzspritzen. ... Gross angekündigt hatte der gemeinnützige Verein Shift Mode sein Projekt «Holzpark Klybeck», bei dem vier grosse Holzhallen zur kulturellen Nutzung entstehen sollten. «Wir wollen unseren Teil zur Entwicklung des Quartiers beitragen», liess Shift Mode-
Sprecherin Katja Reichenstein im April vergangenen Jahres vielversprechend verlauten. Fast genauso feierlich verkündete der Regierungsrat den Entscheid über die Zukunft des ehemaligen Migrol-Areals an der Uferstrasse und kürte den Verein Shift Mode, der auch für die Zwischennutzung der Lady Bar an der Klybeckstrasse zuständig ist, zum Sieger des Auswahlverfahrens. Doch getan hat sich kaum etwas. ... Pikant: Gegen eine radikale Vorgehensweise war damals auch Katja Reichenstein von Shift Mode: «Wir haben klar kommuniziert, dass wir kein Problem gehabt hätten, wenn der Wagenplatz seine vorherigen 6000 Quadratmeter behalten hätte. Unser Projekt hätte trotzdem durchgeführt werden können.» (Basler Zeitung)
https://bazonline.ch/basel/stadt/Alibi-Zwischennutzung-gegen-Besetzung/story/14601177

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"Aufregung um Wagengruppe bei Seestadt Aspern" (27.03.2017)
Die Nachbarn sehen sie nicht gern: Die Bewohner des „Wagenplatz Gänseblümchen“ am Rand der Seestadt Aspern. Sie würden Müll verbrennen und keine Abgaben für Wasser und Kanal bezahlen, sind die Anschuldigungen. ...
http://wien.orf.at/news/stories/2833282/

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"Wagenplatz muss weg   - Stattpark Olga: "Wir sind älter, reifer und spießiger"" Jasmin Menrad (11.06.2018)
München - Wo geht ihr auf die Toilette? Habt ihr WLAN? Könnt ihr duschen? Friert ihr im Winter? Diese Fragen stellen Menschen, die zum ersten Mal zum Wagenplatz Stattpark Olga in Obersendling kommen. Jeden Donnerstag lernen im Schnitt 30 Menschen die Olgas kennen. Nochmal so viele kommen regelmäßig zum Platzcafé am Donnerstag: Biertragerlsteigen, Konzerte, Vorträge, Fahrradwerkstatt, Tischtennisturnier, Lesungen – um hier einen schönen Abend zu verbringen, braucht man nicht viel Geld. "Sobald die Menschen näher an uns herankommen, interessieren sie andere Dinge als die Frage, wo wir auf die Toilette gehen", sagt Peter, der seit 20 Jahren im Wagen lebt und von Anfang an bei der Olga dabei ist – also seit April 2011. Doch jetzt ist die Zukunft des Wagenplatzes in Gefahr.
Bei dem Projekt geht es – das betonen sie alle: Peter, Frank, Merlin und Julie – nicht um günstiges Wohnen, sondern darum, die Möglichkeit einer anderen Gesellschaft aufzuzeigen. Ob sie die AZ zum Gespräch empfangen, haben die Olgas im dienstäglichen Plenum entschieden, so wie jede Entscheidung, die das Projekt betrifft.
"Gemeinschaft ist uns wichtig. Wir probieren aus, was miteinander geht und treffen Entscheidungen im Konsens", sagt Peter. Das tragen die Olgas auch nach außen. Jeden Donnerstag beim Café und jeden Tag in die Nachbarschaft. "Andauernd kommt einer mit einem Platten vorbei und dann gehen wir hin und flicken zusammen das Radl", sagt Merlin. Beim nächsten Mal kann der Nachbar sein Radl womöglich schon selbst reparieren. Ihr Ideal von einer antikapitalistischen Gesellschaft versuchen sie jeden Tag neu zu verhandeln und zu leben. Einige Nachbarn waren erst skeptisch, glaubten, dass da Sandler ohne Arbeit kommen, die günstig ihren Trailerpark auf einer städtischen Fläche aufstellen.

Bis die Olgas ihre selbst ausgebauten Lastwagen und Bauwagen angeschleppt haben. Bis sie Gärten angelegt haben voll Gemüse und Obst. Bis ihr Veranstaltungsraum gebaut war, in den sie regelmäßig einladen. Bis die Hühner in dem umzäunten Gelände pickten und die Kinder aus der Nachbarschaft die Olga als großen Abenteuerspielplatz entdeckten.
Bis der Umsonstladen stand. Das ist jener Teil der Olga, der immer zugänglich ist und ein Treffpunkt fürs Viertel und darüber hinaus. Ein großer Schrank vor dem Gelände, in dem Kleidung, Bücher, Gläser, Toaster und Kaffeemaschine zum Mitnehmen stehen. Alles gut erhalten und ständig wieder aufgefüllt und mitgenommen von den Menschen aus dem Viertel.
In der Aschauer Straße hatten die Olgas mit 15 Leuten begonnen, waren dann zwei Jahre in der Tumblinger Straße und sind seit zwei Jahren mit 20 Erwachsenen und sechs Kindern von null bis 17 Jahren beim Ratzinger Platz. Das Projekt ist generationenübergreifend, und wenn die Familie sich vergrößert, wird einfach ein Wagen dazugestellt.
Ein weiteres Olga-Kind ist gerade unterwegs. Nur, wo es aufwachsen wird, das wissen die Olgas nicht. Denn Ende August endet ihr Mietvertrag – und sie haben noch keinen neuen Standort in der Stadt.
Zwei Flächen in Freiham hat das zuständige Kommunalreferat dem Wohn- und Kulturprojekt angeboten. "Es wird insgesamt immer schwerer, so gerne wir das unterstützen", sagt Bernd Plank vom Kommunalreferat. Die Gruppe aber sieht ihr Projekt gefährdet, wenn die Wagen nicht in zentraler Lage stehen können. "Am Stadtrand würden nur die immerselben Menschen kommen", sagt Merlin. All die Menschen aus der Aschauer-, der Tumblinger- und der Boschetsriederstraße würden nicht rausfahren, Neugierige aus der Innenstadt würden nicht eben mal vorbeikommen.
Sie haben viele Unterstützer bei der Stadt, auch Grüne und SPD machen sich für sie stark. "Der einzige Weg ist, konstruktive Gespräche zu führen und zu überzeugen", sagt Julie.
Gespräche führen können sie. Wer länger mit den Olgas zusammensitzt, der bemerkt, dass sie einander immer aussprechen lassen, aufeinander eingehen, oft die Punkte wiederholen, in denen sie sich einig sind und respektvoll die Uneinigkeiten diskutieren. Frank fasst das Experimentierfeld Olga so zusammen: "Die Frage, die wir ständig aufs Neue verhandeln, ist, wie wir basisdemokratisch zusammenleben können, obwohl wir völlig unterschiedliche Menschen sind."
Wer die Olgas näher kennenlernt und inzwischen erfahren hat, dass sie mehrere Toiletten haben, Internet, eine Gemeinschaftsdusche und im Winter wegen der Holzöfen in den Wagen schwitzen, den interessiert mehr, wie sich so ein Projekt verändert und wie es funktionieren kann. Merlin vergleicht den Prozess mit einer Beziehung: "In der anfänglichen Euphorie glaubt man, dass man am selben Strang zieht und wenn man dann merkt, dass das gar nicht so ist, dann probiert man, dass man es hinkriegt, an einem Strang zu ziehen."
Mittlerweile sind sie schon lange in einer Beziehung, wünschen sich, sesshaft zu werden, eine längere Zwischennutzung als zwei Jahre zu finden. "Wir sind nicht mehr das mobile Projekt vom Anfang", sagt Merlin. "Wir sind mehr Leute, mehr Familien. Wir sind älter, reifer – und spießiger."
https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.wagenplatz-muss-weg-stattpark-olga-wir-sind-aelter-reifer-und-spiessiger.38fc1d1e-e3a6-43e0-b30e-a7c596e446e1.html

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"Alternatives Wohnen So steht es um den Wagenplatz in Jena-Löbstedt" Olaf Nenninger (17. Februar 2018)
Bezahlbarer Wohnraum ist in Thüringen wohl nirgendwo so knapp wie in Jena. In Löbstedt im Norden der Stadt direkt an der Saale bewohnt ein gutes Dutzend Leute deswegen Bauwagen. Doch die Duldung durch die Stadt läuft ab. ... Bis Ende Februar kann niemand einen neuen Standort für die Wagenplatzbewohner aus dem Hut zaubern. Alles deutet darauf hin, dass die Stadt die Duldung so lange verlängern muss, bis ein neuer Standort gefunden ist. Mehr als 40 Grundstücke wurden bereits gemeinsam mit den Ämtern diskutiert und im Anschluss wieder verworfen. Wahrscheinlich müsste Jenas Flächennutzungsplan geändert werden. Die Mühlen der Bürokratie mahlen bekanntlich langsam. Das könnte sich als Glücksfall für Melgo und Wagenbürger am Steinbach 16 erweisen. ...
https://www.mdr.de/thueringen/ost-thueringen/jena/wagenplatz-jena-loebstedt-100.html

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"„Gleis X“-Leute bangen um den Wagenplatz" Simone Schwalm (26.04.2018)
Saunawagen, Gemüsebeete und die Theke „Zur faulen Ente“: Nahe des 
 Jägertunnels befindet sich der Wagenplatz des Vereins „Gleis X“, um dessen Fortbestehen die Mitglieder nach der Kündigung durch die Stadt Marburg bangen. ... Die „Gleis X“-Leute wollen jedoch nicht weg und können die Kündigung nicht nachvollziehen. Daher möchten sie „Gespräche mit den Bürgermeistern führen“ und ihr Konzept vorstellen. Denn sie sind der Ansicht, dass es auch im Interesse der Stadt sein könnte, dass sie als „Bereicherung der kulturpolitischen Szene Marburgs“ bestehen bleiben. ... „Wir würden gern legal hier wohnen dürfen“, sagt Miri.
Denn das sei der Ursprungsgedanke gewesen, als die Mitglieder 2012 nach einem Grundstück suchten: Die Vision eines Wagenplatzes als Wohnort und sozialem Raum in der Stadt Marburg. ...
http://www.op-marburg.de/Marburg/Nach-Kuendigung-durch-die-Stadt-Gleis-X-Leute-wollen-nicht-weg

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« Reply #37 on: June 26, 2018, 09:32:50 AM »
Der Kiezladen Friedel54 ist ein selbstverwaltetes, soziales Zentrum im Norden Neuköllns. Kiezladen bedeutet Raum zum Kennenlernen, Ausspannen, Weiterbilden und Experimentieren. Konkret bedeutet das regelmäßig abends Essen und Getränke für Spende, kostenlose Mietrechtsberatung, Vorträge und Workshops, Filme und Dokus, Tresen- und Cocktailabende, Brunch und Cafés, sowie Kicker, Umsonstladen und Siebdruckwerkstatt. Alles mit freiem Eintritt und alles in einer Atmosphäre, die möglichst niemanden ausgrenzt und in einem umkommerziellen und selbstverwalteten Rahmen.
Der Kiezladen wird nicht von einem kleinen Personenkreis betrieben, sondern von einem Kollektiv aus Einzelpersonen und – aktuell – über 15 Initiativen, Gruppen und Projekten aus einem breiten politischen, sozialen und kulturellen Spektrum. Gemeinsam organisieren wir den Alltag, füllen den Raum mit Veranstaltungen und Angeboten und immer wieder wird das so entstandene Netzwerk auch für Projekte außerhalb des Ladens genutzt. Wir entscheiden alles zusammen und gleichberechtigt, es gibt keine Chefs, oder Menschen mit besonderen Privilegien. Dabei sind wir kein geschlossener, oder fester Kreis. Jede*r kann sich hier einbringen und wir freuen uns immer über neue Gesichter, Projekte und Ideen.
Jede*r ist hier willkommen. Wir schauen nicht auf Aussehen, Einkommen, sexuelle Orientierung, rechtlichen Status oder sonstige Schubläden. Wir wollen einen Raum, in dem sich möglichst jede*r wohlfühlen und ausleben kann und alle rücksichtsvoll miteinander umgehen. Damit niemand, der akut oder immer knapp bei Kasse ist, ausgeschlossen wird, nehmen wir grundsätzlich keinen Eintritt für Veranstaltungen und bieten Speisen und Getränke auf Spendenbasis an. Das bedeutet das wir Vorschläge haben, wie viel jede*r zahlen kann, es aber niemand muss, wenn es gerade nicht drin ist. Unsere Kicker kosten kein Geld und wir haben einen kleinen Umsonstladen, wo Menschen Dinge ohne Gegenleistung mitnehmen können, die andere nicht mehr brauchen.
Der Kiezladen ist auch keine Blase, oder reiner Selbstzweck. Wie alle aktiven Gruppen und Initiativen in ihren eigenen Projekten, so mischen wir uns auch als Kiezladen immer wieder in gesellschaftliche Prozesse, oder Ereignisse ein. Insbesondere durch unsere Lage im “angesagten” Reuterkiez – und ganz aktuell, unsere eigene Kündigung – , streiten wir auf vielen Ebenen für selbstbestimmtes Wohnen und Leben und eine solidarische Stadt von unten. Wir sind solidarisch mit den vielen kleinen und großen Kämpfen, die um uns herum stattfinden und unterstützen diese, soweit wir können. (Stand 06/2018)
https://friedel54.noblogs.org/

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"Klapperfeld in Frankfurt „Tägliche Provokation für den Rechtsstaat“" Danijel Majic (04.07.2018)
Retourkutsche per Plakat: Aktivisten antworten mit Sarkasmus auf die anhaltende Diskussion um das Klapperfeld in Frankfurt. ... Die Aktion war kurz und ihre Außenwirkung beschränkt. Kaum hatten Sympathisanten der Initiative „Faites votre jeu“ – die das ehemalige Polizeigewahrsam Klapperfeld nahe der Konstablerwache als selbstverwaltetes Zentrum nutzt – Ende voriger Woche die an der Außenwand des Gebäudes angebrachten Plakatwände mit eigenen Botschaften versehen, waren diese auch schon wieder überklebt. Die Aktivisten aber hielten die Aktion in einem Video fest, das nun im Internet abrufbar ist. Und damit verbreiten sich auch ihre Botschaften.
Die im Video in weiße Arbeitsanzüge gekleideten Aktivisten nämlich haben beschlossen, auf die anhaltende Diskussion um das autonome Zentrum in der Innenstadt, das CDU und FDP am liebsten räumen lassen würden, mit Sarkasmus zu antworten. „Das Graffito an der Klapperfeld-Fassade ist eine tägliche Provokation für den Rechtsstaat“, steht nach getaner Arbeit unter anderem auf einer der Plakatwände zu lesen. Weiter unten wird Frank Richter, Vizepräsident des Frankfurter Amtsgerichts, für dieses „wunderschöne Kompliment“ gedankt. Und das „Graffito“, über das sich Richter und bürgerliche Lokalpolitiker erbost hatten, ist ebenfalls abgebildet, vor allem der umstrittene Schriftzug: „Niemand muss Bulle sein.“
„Wir haben uns sehr über diese solidarische Aktion gefreut“, erklärt Matthias Schneider von „Faites votre jeu“. Auch wenn man nicht genau wisse, wer die Initiatoren gewesen seien. Nach dem Auftauchen des Graffitos an der Außenwand des Klapperfelds waren in den vergangenen Tagen erneut Rufe nach einer Schließung des linken Zentrums lautgeworden.
Unter anderem forderten Vertreter der CDU, das Gelände für die Erweiterung der Justizbehörden zu nutzen. Davon ist im neuesten Vorschlag der Frankfurter SPD indes keine Rede. Die Stadtverordnete Birgit Puttendörfer sprach sich für den Erhalt der von „Faites votre jeu“ eingerichteten Erinnerungsstätte im Klapperfeld aus. Allerdings schlägt sie vor, bislang nicht genutzte Teile des Gebäudes als Atelierflächen an Künstler zu vermieten. Die Mieteinnahmen könnten dem Erhalt des Gebäudes zugutekommen.
http://www.fr.de/frankfurt/klapperfeld-in-frankfurt-taegliche-provokation-fuer-den-rechtsstaat-a-1537297

Video: "Neugestaltung der Plakatwände am ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld"
https://vimeo.com/277868117

Im August 2008 besetzten Angehörige der Initiative »Faites votre jeu!« das ehemalige Jugendzentrum in der Varrentrappstraße 38. Ein selbstverwaltetes, unkommerzielles Zentrum entstand. Nach einigen Monaten der Besetzung, Anfang des Jahres 2009, drohte die Stadt Frankfurt der Initiative mit der Räumung des Gebäudes. Die Initiative war jedoch trotz dieser Räumungsandrohung nicht bereit, das von ihr besetzte Haus zu verlassen und damit ihr Projekt aufzugeben. Gegen die Mitwirkenden der Initiative wurden Strafanzeigen gestellt. Nach langen Verhandlungen wurde ein Ersatzobjekt angeboten: das ehemalige Polizeigefängnis Klapperfeld. ...
http://www.klapperfeld.de/

Die Initiative »Faites votre jeu!« ist ein Zusammenschluss vorwiegend junger Menschen, die jenseits etablierter Strukturen ein gemeinsames Interesse an kultureller, künstlerischer und politischer Arbeit verbindet. Die Initiative ist als Reaktion auf die voranschreitende, repressive Umstrukturierung des städtischen Raumes entstanden und soll Brüche in der gesellschaftlichen Totalität aufzeigen und so einen möglichen Gegenentwurf zu den vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen darstellen. Die Initiative ist ein offener Zusammenschluss von Einzelpersonen und Gruppen und steht allen interessierten Menschen offen. Konsens ist, dass Antisemitismus, Homophobie, Rassismus und Sexismus und andere reaktionäre und menschenverachtende Denkmuster und Verhaltensweisen nichts in den gemeinsamen Zusammenhängen verloren haben und im Widerspruch zum erklärten Ziel der Entwicklung selbstbestimmter, emanzipativer Politik und Kultur stehen.
... Ein selbstverwaltetes, unkommerzielles Zentrum ist entstanden. Es ist zu einem Treffpunkt für Menschen geworden, die hier gemeinsam an Kunst- und Kulturprojekten arbeiten und bietet Raum für politische Diskussionen, Lesungen und Veranstaltungen....
http://faitesvotrejeu.blogsport.de/

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"Nach Räumung in der Bornsdorfer Straße - "Stadt und Land"-Chef beharrt auf Anzeige gegen Hausbesetzer" (22.05.18)
Mehrere Stunden lang hatten Aktivisten am Sonntag ein teils leerstehendes Haus in Neukölln besetzt, dann wurde das Eigentum der "Stadt und Land" geräumt. Deren Chef will die Besetzer zur Verantwortung ziehen, entgegen dem Wunsch der Bausenatorin. ... Die Hausbesetzung in der Bornsdorfer Straße in Neukölln am Sonntag hat Konsequenzen: Gegen 56 Männer und Frauen wird nun wegen Hausfriedensbruch ermittelt - davon rückt Ingo Malter, der Chef der Eigentümerin "Stadt und Land", auch nicht ab, entgegen des Wunschs der Bausenatorin Karin Lompscher (Linke). Er hatte die Strafanzeige am Sonntag gestellt, nach sechs Stunden langen und letztlich gescheiterten Verhandlungen mit den Besetzern.
Die städtische Wohnungsbaugesellschaft hatte das Haus vor drei Jahren von einem Investor gekauft - die Hälfte der Wohnungen ist unbewohnbar und steht leer, das Haus soll saniert werden. "Ich hätte mich darauf eingelassen, dass wir über ein Wohnprojekt sprechen und uns ernsthaft bemühen, dieses Projekt in den Beständen der 'Stadt & Land' stattfinden zu lassen. Hier im Gebäude aber erst nach der Sanierung - unter der Maßgabe, dass man sofort und vollständig das Gebäude verlässt", sagte Malter am Dienstag dem rbb. Er habe einen Polizeieinsatz vermeiden wollen, dies sei aber nicht möglich gewesen. Mit dem Strafantrag sei er nur seiner rechtlichen Verpflichtung nachgekommen. ...
Lompscher hatte Malter gebeten, die Anzeige gegen diejenigen zurückzuziehen, die das Gebäude friedlich verlassen hätten und gleichzeitig Verständnis für die Besetzer geäußert. Der Protest gegen überteuerten Wohnraum zeige, dass es in großen Städten für Menschen mit niedrigen Einkommen schwerer werde, eine Wohnung zu finden. "Vor diesem Hintergrund ist die Motivlage der Besetzerinnen und Besetzer, ein deutliches politisches Zeichen zu setzen, nachvollziehbar", sagte Lompscher am Montag. Trotzdem könne die Besetzung strafrechtliche Konsequenzen haben. Das ist nun der Fall.
Auch in der Koalition hat die Aktion ein Nachspiel - denn die Partner bewerten sie offensichtlich sehr unterschiedlich. Der innenpolitische Sprecher der Berliner SPD, Frank Zimmermann, kritisierte die Äußerungen der Bausenatorin am Dienstag. "Ich halte es für äußerst bedenklich, wenn wir anfangen, politisch zu entscheiden, ob ein Hausfriedensbruch verfolgt wird oder nicht. Das ist Sache der Justiz, der Antragsteller. Von vornherein auf den Strafverfolgungsanspruch zu verzichten, halte ich für abenteuerlich", sagte Zimmermann dem rbb.
Auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) stellte sich am Dienstag klar gegen Grüne und Linke, die Verständnis für die Besetzer haben. "Hausbesetzungen sind kein probates Instrument, sie verletzen Recht und Gesetz. Und das können wir nicht zulassen", ließ sich Müller zitieren. ...
https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2018/05/berlin-hausbesetzung-neukoelln-kreuzberg-kritik.html



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