Author Topic: Political Stunts (CIRCA, Peng!, ZPS, etc.) ...  (Read 16948 times)

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Political Stunts (CIRCA, Peng!, ZPS, etc.) ...
« Reply #20 on: October 28, 2020, 02:53:40 PM »
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Der MAD braucht Deine Hilfe! Rechtsextreme Netzwerke haben der Bundeswehr Unmengen an Kriegswaffen geklaut. Deshalb haben wir jetzt den Militärischen Abschirmdienst (MAD) übernommen und holen uns gemeinsam mit Dir unsere Waffen zurück ...
9:00 AM · Oct 26, 2020
https://twitter.com/politicalbeauty/status/1320636304972009476

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[...] Immer, wenn über Diebstahl gesprochen wird, kommt schnell ein moralischer Ton hervor. Dass davor auch ein Kunstvorbehalt nicht schützt, haben die letzten Tage gleich zweifach bewiesen, wenn auch in sehr unterschiedlicher Weise.

Zuerst war da die Aktion des Kollektivs Frankfurter Hauptschule: Am 21. Oktober veröffentlichte die Gruppe ein grelles Video, in dem sie sich zum Diebstahl eines Kunstwerks von Joseph Beuys aus einer Ausstellung des Oberhausener Stadttheaters bekannte. Sie behauptete, die Capri-Batterie, eine Zitrone mit angesteckter gelber Glühbirne, in ein tansanisches Museum verbracht zu haben. Einige Tage später, am 26. Oktober, dann die zweite Mitteilung: Die im Video gezeigte Zitronenlampe sei eine Fälschung. Das Original sei nie in Afrika, sondern nur im Abstellraum der Oberhausener Ausstellung gelandet. Die Aktion Bad Beuys go Africa habe "Aufmerksamkeit für das Thema kolonialer Beutekunst" erregen sollen.

Am selben Tag dann, dem 26. Oktober, stellte das Zentrum für Politische Schönheit eine Waffen-Rückgabestation vor dem Bundeskanzleramt auf. Rechtsextreme, so das ZPS in einem YouTube-Video, ließen seit Jahren Waffen, Munition und andere Kampfmittel aus Bundeswehrvorräten verschwinden. Jetzt sollen diese Waffen ihren Weg zurückfinden: entweder per Einwurf in die Container im Altkleidersammlungstyle oder via sachdienlichen und mit 1.000 Euro dotierten Hinweisen, die das ZPS nach eigenen Angaben auswertet und schließlich, unter anderen, an die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und den Verteidigungsausschuss des Bundestags weiterleiten möchte. https://www.youtube.com/watch?v=0AizgM4X87M

Im ersten Moment können diese beiden Aktionen ganz ähnlich wirken. Beide engagieren sich auf eine irgendwie künstlerisch gebrochene Weise für ein politisches Ziel, beide Aktionen wollen Aufmerksamkeit für gestohlene Objekte. Beide erlangen ihre Reichweite vorrangig über das Internet und die darüber berichtenden Medien. Dafür setzen sie erwartbare Aufreger ein: Die Frankfurter Hauptschule stiehlt höchstselbst ein Kunstwerk, das ZPS die Corporate Identity der Bundeswehr für eine ausgefuchste Fake-Website, wie man sie allerdings vom Peng Kollektiv und vom ZPS selbst inzwischen hinreichend gewohnt ist.

https://unsere-waffen.de/

https://taz.de/Peng-Kollektiv-und-Hartz-IV/!5299858/

https://politicalbeauty.de/sokochemnitz.html

Was die Aktionen unterscheidet, ist ihre Kunsthaftigkeit. Und davon hatte die Frankfurter Hauptschule mehr, als ihr vonseiten der Feuilletons zugetraut wurde – zumindest zu dem Zeitpunkt, als sie ihre Aktion noch nicht selbst als Fake entlarvt hatte. "Kreuzdumm" sei es, Joseph Beuys als "Nazi-Schamanen" zu bezeichnen, beschied die FAZ. Die taz nannte den "gut gemeinten Aktionismus" der Gruppe "very german" und die Berliner Zeitung sah "dümmliche, weiße Studenten" am Werk. Der Verdacht, den das fröhliche Video mit Reisenden in Luxushotels und Safari-Outfits nur allzu nahelegte: Da erdreisteten sich deutsche Wohlstandskinder, Sub-Sahara-Afrika mit deutscher Kunst zu beglücken, was an sich schon ziemlich falsch klingt. Und dabei behielten sie auch noch stets die Deutungszügel in der Hand und benutzten die Menschen vor Ort nur als Staffage für eine neoeurozentrische Kolonialismuskritik. Hinzu kam dann noch die Dimension des kriminellen Akts, der in Zeiten von Anschlägen auf Antiken besonders schlecht ankommt.

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/kunstobjekt-von-beuys-geklaut-eine-capri-batterie-fuer-afrika-17015022.html

https://taz.de/Kunstkollektiv-Frankfurter-Hauptschule/!5719894/

https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/duemmliche-weisse-studenten-die-frankfuter-hauptschule-li.113436

https://www.monopol-magazin.de/frankfurter-hauptschule-capri-batterie-hehe

https://www.zeit.de/kultur/2020-10/kunst-vandalismus-berlin-museumsinsel-recherche

Dabei wollte zumindest die FAZ verkennen, dass Aktionskunst von vorn bis hinten ein Gesamtkunstwerk abgibt. Im Rahmen eines solchen Kunstwerks sind aber alle handelnden Figuren tatsächlich Kunstfiguren und so ist auch ein Aktionskünstler in seinem Werk fiktional, selbst wenn er eine aktivistische Pressemeldung verschickt oder tatsächlich eine Afrika-Reise unternimmt. Ebenso ist die taz in die Deutungsfalle getreten, als sie die angebliche Restitution der Capri-Batterie als echte – oder zumindest symbolische – Restitution auffasste. Völlig unabhängig von der nun hinzukommenden Deutungsschleife: Kann irgendwer sicher sagen, dass die Aktion der Frankfurter Hauptschule "gut gemeint" ist oder ob sie das Gutmeinende wiederum nur vorführt? Man könnte auch sagen: Die taz hat die Künstler allzu wohlwollend gelesen, dabei hätte sie lieber wohlwollend die Kunsthaftigkeit der Aktion registrieren sollen.

Mit der Enttarnung als Fake haben die Künstlerinnen der Aktion, beziehungsweise hat auch der Kurator des beteiligten tansanischen Museums Deonis Mgumba, nun noch eine Bedeutungsebene draufgelegt: Denn die erzeugten Medienreaktionen spiegeln einen vermeintlich postkolonialen Diskurs, der eher im moralischen Imperativ die Kunst verurteilt, als sie zum Handlungsanlass zu nehmen. Dieser nicht gerade beruhigende Befund über die soziale und Medienwirklichkeit lässt sich als beabsichtigter Teil des Gesamtkunstwerks auffassen – und die Aktion als etwas zynischen, aber gelungenen Einspruch gegen die Macht der Kunst, die Welt zu verändern.

https://www.youtube.com/watch?v=ju_N_TtIPtk

Das steigert zwar das Nachdenken über die Aktion, nimmt ihr aber auch Wucht und Unmittelbarkeit. Das Bedeutungsspiel wird ja umso interessanter, wenn sich Künstler ernsthaft in Gefahr begeben – und zwar die, dass sie kunstwollend wirklich etwas Dummes tun. Das erledigt sich aber, wenn sie am Ende eigentlich gar nichts getan haben. Es bleibt dann ein Hauch von Ironie, der wiederum nicht mehr ganz zeitgemäß wirkt in einer Welt, in der andere Aktionskünstlerinnen oder künstlerisch arbeitende Aktivistinnen wie die des Zentrums für Politische Schönheit wirklich etwas riskieren, zuvorderst die Kunsthaftigkeit ihrer Werke.

An Wucht mangelt es dem Zentrum für Politische Schönheit demzufolge selten, das ergibt nun aber auf der anderen Seite ein paar Probleme für die Kunst: Einen konkreten politischen Zweck darf sie allen gängigen Definitionen nach kaum verfolgen, denn dann gehört sie nicht zum Reich der Kunst, sondern in das Reich der Moral. Sie kann trotzdem politisch sein, und radikal: Als die Künstler des Zentrums Björn Höcke ein neues Holocaust-Mahnmal vor die Haustür setzten, irritierten sie die Öffentlichkeit auch mit der Behauptung, dass sie ihn seit Monaten überwachen würden. Es ist genau diese Irritation, die zu einer ambivalenten Bedeutung des Gesamtkunstwerks beitragen kann und verunklart, zu welchem Zweck es eigentlich stattfindet. Sie ermöglicht, das Werk als Aktivismus zu lesen, der in jedem Fall Björn Höckes Behaglichkeit stören will, und zugleich als Kunst, die sich selbst und den Aktivismus befragt, wie weit beide gehen können.

https://www.zeit.de/2015/48/philipp-ruch-kunst-politik-manifest-antimodernismus

Diese Qualität geht dem ZPS bei der Waffenaktion ab, selbst wenn es aktionskunsthandwerkliche Mittel wie die Vortäuschung eines offiziellen Auftrags durch die Bundesregierung zur Waffensuche einsetzt. Die Aussage ist allein: Bei der Bundeswehr verschwinden Waffen, mutmaßlich in rechte Netzwerke, und wir finden das schlecht. Das aber ist eher Stoff für einen Kurzkommentar in der Zeitung oder konkrete politische Arbeit und Protest – die ZPS-Aktion hat qua Originalität allein Vorteile bei der Aufmerksamkeitserlangung. Im stetigen und darin gar nicht so künstlerischen Selbstüberbietungswettbewerb des Zentrums, der im vergangenen Winter auch die jüdische Gemeinde in Deutschland stark irritierte, verbraucht sich aber auch das. Nach der Kunst kommt gerade, so scheint es, leider nicht mehr viel.

https://www.zeit.de/kultur/kunst/2020-01/zentrum-fuer-politische-schoenheit-saeule-gedenkstaette-reichstag

In der Aktion der Frankfurter Hauptschule hingegen wurden, bei allen Vorbehalten auch gegen nachträgliche Erklärungen, vielfältige Assoziationen geweckt. Die Künstler und Künstlerinnen kopieren ein weiteres Mal Beuys 200-faches Multiple Capri-Batterie und stellen so infrage, ob die Original-Zitrone wirklich so viel besser ist als die Fälschung. Sie zeigen mit ihrem Diebstahl, dass Kunst in Deutschland nicht unbedingt sehr sicher aufbewahrt ist. Sie betonen die Grenzen der Kunst, indem sie auf den über der Kunst stehenden Zweck der Restitution hinweisen. Sie schaffen am Ende im Fake auch eine reale und vielleicht wirklich postkoloniale Dimension, indem sie afrikanische Kulturschaffende zu Komplizinnen machen. Wobei natürlich die Frage bleibt: Reicht das für diesen Zweck, wenn am Ende doch die Deutschen die Regie führen beziehungsweise den YouTube-Kanal betreiben, auf dem alles – Fake und Auflösung – gesendet wurde?

https://www.monopol-magazin.de/frankfurter-hauptschule-beuys-oberhausen

Einen Gedanken und vielleicht sogar Widerstand gegen Missstände nach sich ziehen: Das kann guter, wuchtiger Aktivismus sein. Aber in sich widerständig zwei oder drei Gedanken nach sich ziehen: Das taugt auch zu guter Kunst.


Aus: "Sie stehlen und lügen und wollen doch alle nur das Gute. Oder?" Eine Analyse von Nils Erich und Johannes Schneider (28. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/kunst/2020-10/aktionskunst-zentrum-fuer-politische-schoenheit-joseph-beuys-frankfurter-hauptschule/komplettansicht

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Castle Bravo #9

Ich frage mich was Joseph Beuys selber gesagt hätte. Ich könnte mir vorstellen, dass die Aktion ihm gefallen hätte.


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« Last Edit: October 28, 2020, 07:20:00 PM by Link »