Author Topic: Zur Geschichte (Bruhstuecke) ...  (Read 69842 times)

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Zur Geschichte (Bruhstuecke) ...
« Reply #60 on: August 17, 2020, 12:12:26 PM »
"Missing Link: Vor 75 Jahren ging ein Krieg zu Ende"  Detlef Borchers (16.08.2020)
Im Radio erklang 1945 erstmals die Stimme des japanischen Kaisers: Er befahl seiner Regierung, die Potsdamer Erklärung anzuerkennen. Japan kapitulierte.  Am 15. August 1945 wurde die Radioansprache des japanischen Kaisers Hirohito ausgestrahlt, in der dieser seiner Regierung befahl, die Potsdamer Erklärung anzuerkennen und die bedingungslose Kapitulation zu unterschreiben. Mit dem "Kaiserlichen Erlass zur Beendigung des Großostasiatischen Kriegs" endete der Zweite Weltkrieg. Die Gyokuon-hōsō (Übertragung der kaiserlichen Stimme) oder "Jewel Case Broadcast" genannte Ansprache erfolgte im klassischen Japanisch, das nur wenige Japaner verstehen konnte. Deshalb musste ein Radiosprecher unmittelbar nach der kaiserlichen Rede erläutern, dass Japan kapituliert. Es war das erste Mal, dass Japaner ihren Tennō hören konnten. ...
https://www.heise.de/hintergrund/Missing-Link-Vor-75-Jahren-ging-ein-Krieg-zu-Ende-4871620.html?seite=all


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Zur Geschichte (Bruhstuecke) ...
« Reply #61 on: September 17, 2020, 12:12:54 PM »
Quote
[...] Der Mann auf Spiegel TV [https://www.youtube.com/watch?v=bCaTX7gd32E] ist sich sicher. „Wir wollen unseren Kaiser zurück! Wir wollen zurück auf Ehrlichkeit, auf Menschlichkeit!“, sagt er auf einer Coronademo in Baden-Württemberg. In Berlin wird wenig später die Treppe des Parlamentsgebäudes von schwarz-weiß-roten Reichsflaggen geflutet. Während die Reichskriegsflagge – die mit dem Eisernen Kreuz in der Mitte – schon immer ein verkapptes Erkennungszeichen von Neonazis war, scheinen die Reichsflaggenschwenker, vor allem aber ihre Mitläufer, ein diffuseres Bild abzugeben. Ihr gemeinsamer Nenner ist offenbar: Sie fantasieren von einer Einheit zwischen „dem Volk“ und dem starken Mann an der Spitze, ohne lästige, korrupte Politiker dazwischen, die den „Volkswillen“ ignorieren. Und der Chef greift, wenn nötig, mal so richtig durch.

Würden sie sich mit dem Kaiserreich ein bisschen näher beschäftigen – die Kette der Enttäuschungen wäre sehr lang. Das fängt mit dem Namensgeber an. Der durfte sich nicht „Kaiser von Deutschland“ nennen, sondern er hieß, ziemlich profan, „Deutscher Kaiser“. Ein feiner Unterschied und ein Kompromiss mit den Fürsten der Einzelstaaten, die sich nicht als Untertanen des neuen Kaisers sahen. Der Kaiser hatte Macht, aber sie war nicht absolut. Jede Entscheidung musste er sich vom Reichskanzler absegnen lassen, selbst öffentliche Reden. Zwar konnte der Kaiser den Kanzler jederzeit entlassen, aber ein starker Regierungschef wie Bismarck schaffte es, 19 Jahre lang drei Kaiser zu beeinflussen, gar zu lenken.

Der Reichstag besaß für damalige Verhältnisse ziemlich viele Rechte. Gesetze mussten durch das Parlament gehen. Im Reichstag saßen Fraktionen, die im Laufe der Jahre feste Lager bildeten. Fraktionen, Parteien? Fänden diejenigen, sie sich heute hinter Reichsflaggen versammeln, wohl nicht so gut.

Das Deutsche Reich war kein Führerstaat, sondern ein kompliziertes Geflecht aus Machtzentren, die sich gegenseitig relativierten. Hätten die heutigen Bewunderer des Kaiserreichs damals gelebt, hätten sie wohl, wie heute, von „denen da oben“ gesprochen. Denn auch das damalige politische Getriebe war auf den ersten Blick nicht leicht zu durchschauen.

Sie wären außerdem entgeistert von den sehr unterschiedlichen politischen und sozialen Verhältnissen. Im Jahr 1892 brach in Hamburg die Cholera mit 8.500 Toten aus, weil der Stadtstaat das Trinkwasser direkt aus der Elbe bezog. Das benachbarte preußische Altona blieb von der Cholera verschont, dort wurde das Trinkwasser besser aufbereitet. Mittelalter und Moderne lagen ziemlich nahe beieinander – Föderalismus in Extremform. Und sehr wahrscheinlich hätten die Reichsfans, hätten sie damals gelebt, zur großen Mehrheit der Besitzlosen gehört. Wenn sie Fabrikarbeiter gewesen wären, hätten sie täglich 10 bis 12 Stunden schuften müssen, als Dienstmädchen in der Regel noch länger. Die Wohnbedingungen gerade in den Großstädten wären für sie elendig gewesen.

Das Deutsche Reich war keine harmonische Volksgemeinschaft, sondern eine harte Klassengesellschaft. Die Regierungspolitik verschärfte die Spaltungen noch. Zwölf Jahre lang war die Sozialdemokratische Partei verboten. Während ihre Funktionäre als „Reichsfeinde“ verfolgt und ins Gefängnis gesteckt wurden, bildeten die Arbeiter eine Subkultur; sie schotteten sich ab, weil sie vom Staat wenig zu erwarten hatten. Wilhelm-Fans waren sie eher nicht – sie hatten einen eigenen Kaiser: den „Arbeiterkaiser“ August Bebel, den SPD-Vorsitzenden.

Mit seinem sogenannten Kulturkampf versuchte Bismarck die katholische Kirche aus dem öffentlichen Raum zu drängen und ihren Einfluss zu beschneiden – was schließlich auch die Katholiken in die innere Emigration trieb. Der Kulturkampf hatte aber noch eine zweite Ebene: Er war ein Krieg des preußischen Rationalismus gegen diejenigen, die von einer alternativen, transzendenten Wahrheit überzeugt waren. Der preußische Staat schickte schon mal die Polizei vor, wenn es zu Massenaufläufen wegen angeblicher Ma­rien­erscheinungen kam. Menschen, die nicht der protestantisch-preußischen De-facto-Staatsreligion anhingen, waren marginalisiert. Auch esoterisch Veranlagte und Impfgegner – auch die gab es damals schon – hatten wenig zu lachen. Im Jahr 1874 wurde, von Preußen initiiert, das Reichs­impf­gesetz auf den Weg gebracht, durch das für Kinder die Impfpflicht gegen die Pocken durchgesetzt wurde. Eltern, die dem nicht nachkamen, mussten mit Geld- oder Haftstrafen rechnen.

Das Deutsche Reich war ein innerlich zerrissenes, mehrfach gespaltenes Staatsgebilde, dessen Widersprüche durch äußeren Pomp nur mühsam verdeckt wurden. Auch ohne den Ersten Weltkrieg wäre es sehr wahrscheinlich zusammengebrochen.

Die Reichsfans wird man mit solchen Argumenten nicht erreichen können. Aber das Kaiserreich sollte aus der Tabuzone geholt werden. Gedenkpolitisch ist es eine Leerstelle; der Politik ist es entweder peinlich oder egal. Aber wie es mit Tabus so ist: Wird nicht darüber geredet, steigt bei vielen erst die Faszination dafür. Nicht nur bei den Demonstranten vor dem Reichstag. Auch in gediegenen Milieus kann es passieren, dass, natürlich erst nach dem dritten Whisky, dem Gast plötzlich die Liebe zum Kaiserreich gestanden wird. Geredet werden sollte auch über die verborgenen Erbschaften, die bis heute nachwirken: das Statusdenken breiter Schichten etwa, die sich nach unten abgrenzen; die oft maßlose Angst vor sozialer Deklassierung in der Mittelschicht. Oder die notorische Skepsis süddeutscher Bundesländer gegenüber „Berlin“. Reden über das Kaiserreich sollte gerade eine Bundesrepublik, die allen Ernstes den Wohnsitz des ehemaligen Kaisers, auch als Berliner Schloss bekannt, wieder aufbauen lässt. Nächstes Jahr gibt es eine prima Gelegenheit für all das: Dann jährt sich die Reichsgründung zum 150. Mal.




Aus: "Coronaleugner mit Reichsflaggen: Tabu Kaiserreich" Kommentar von Gunnar Hinck (17. 9. 2020)
Quelle: https://taz.de/Coronaleugner-mit-Reichsflaggen/!5709925/

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SAMS

Der Traum vom gerechten Monarchen, der selbstlos das beste für die Gemeinschaft anordnet, ist wohl so alt wie illusorisch! Aus der Geschichte ist mir jenseits hagiographischer Verklärungen kein Fall bekannt. Macht hat noch jede Moral verdorben und die eigene Sippe ist einem immer näher als die Masse eines Staatsvolks. Das ist biologisch angelegt und stammt aus Zeiten, als der Mensch in Großfamilien durch die Steppe zog!

Dieser Wunsch nach dem starken Führer entspringt natürlich der Suche nach Sicherheit. Man will sich mit den drängenden Fragen der Zeit nicht selbst beschäftigen um seine demokratische Wahlentscheidung zu treffen. Demokratie braucht aber ein gewisses Maß an Mitarbeit und Mitdenken und ihr Ende ist vorprogrammiert, wenn die Mehrheit des Stimmvolks diese Anstrengung nicht mehr aufbringen will oder kann. Einen gewissen Präsidenten als korrupten Idioten zu entlarven, ist ja nun wirklich nicht schwer, aber trotzdem machen im Herbst wohl viele Amis ihr Kreuz für ihn. Einfach weil sie es nicht gewohnt sind, über ihre Entscheidung nachzudenken oder ein Faktencheck seiner Propagandalügen jenseits ihrer Möglichkeiten liegt. Mag es an der medialen Filterblase liegen oder schlicht am Intellekt...


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Haresu

Jawoll. Samstags gab es übrigens auch keine Demo, da wurde gearbeitet. Abends dann mit viel Glück alle hintereinander in die Badewanne, Erbseneintopf, dann ins Bett, weil total erschöpft. Manchem möchte man das glatt mal wünschen.


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Rolf B.

Danke, taz. Wie immer klärst Du, liebe taz, rein sachlich auf. Z.B. wenn Du schreibst, dass in Berlin die Treppe zum Reichstag "von schwarz-weiß-roten Reichsflaggen geflutet" wurde. Ich habe da im Fernsehen ein paar Verrückte gesehen, die angetrieben von einer Heilpraktikern aus der Eifel, von 3 Polizisten aufgehalten wurden, die mit ihrem Knüppel drohten. Streng genommen eine Lachnummer.

Und dnke taz, dass Du aufklärst und deutlich klarstellst, dass das Leben unter den deutschen Kaisern von einer regiden Klassengesellschaft geprägt war.

Es hat sich viel getan. Statt Pickelhaube oder Tschako nun Schutzkleidung und schwarze Helme, Vermummung, Kampfgas und Wasserwerfer, die jede Demonstration sprengen können, unterstützt mit neuen Polizeigesetzen.

Was dem einen die Reichsflagge, ist dem anderen sein Berliner Schloss oder die Garnisonskirche in Potsdam.

Und was dem einen die Demokratie ist, ist dem anderen eine Klassengesellschaft.

Die wirren TrägerInnen der Reichsflagge sind doch letztendlich Teil unserer Gesellschaft, genauer Produkt dieser Gesellschaft, die wie schon zu WII Zeiten auch eine Klassengesellschaft ist. Aber selbstverständlich eine moderne. Aber ist sie auch aufgeklärter?


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joaquim

"Diejenigen, die sich heute den Kaiser zurückwünschen, hätten unter ihm nichts zu lachen gehabt." Das kann man über die heutigen Nazis und Hitler wohl genauso sagen.


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Zur Geschichte (Bruhstuecke) ...
« Reply #62 on: October 25, 2020, 03:25:23 PM »
Quote
[...] Hunderttausende Menschen mussten ab 1933 Deutschland verlassen. An der Ruine des Anhalter Bahnhofs in Berlin soll ein Museum an sie erinnern.

Bis zur Machtübernahme der Nazis war Hertha Nathorff, geborene Einstein, eine erfolgreiche Kinderärztin. 1923 hatte sie die Leitung eines Entbindungs- und Säuglingsheims in Berlin-Charlottenburg übernommen. Wenig später baute sie mit ihrem Mann Erich, ebenfalls ein Arzt, zusätzlich eine private Praxis auf. 1933 wurden beide als Juden aus dem Klinikdienst entlassen.

Fünf Jahre später verloren sie die ärztliche Approbation. Erich Nathorff wurde während der Novemberpogrome schwer misshandelt. Ein Jahr später verließ das Ehepaar Berlin in Richtung New York. Völlig mittellos musste sich Hertha Narthoff als Krankenpflegerin, Barpianistin, Küchenhilfe und Dienstmädchen durchschlagen. Ihr Studienabschluss und der ihres Mannes war in den USA nicht anerkannt worden.

Das ist die Kurzfassung eines Wikipedia-­Eintrags zu Hertha Narthoff, die 1993 in New York gestorben ist. Dass ihr Schicksal der Nachwelt überliefert ist, ist Wolfgang Benz zu verdanken. 1986 veröffentlichte der Historiker ihr Tagebuch. „Es hat mich immer gestört, dass vom Exil im Deutschland der Nachkriegszeit nur im Zusammenhang mit Geistesgrößen wie Thomas Mann die Rede war“, sagt Benz heute. Das Exil der kleinen Leute habe dagegen niemanden interessiert. „Die waren vergessen.“

So entstand mit der berührenden Geschichte von Hertha Nathorff auch eine Lebensaufgabe für den inzwischen 79-Jährigen. 1991 veröffentlichte Benz sein Buch „Das Exil der kleinen Leute“. Mittlerweile ist der emeritierte ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin Berater einer Ini­tiative, die den 500.000 Deutschen und Österreichern, die vor den Nazis ins Ausland fliehen mussten, eine späte Anerkennung zuteil werden lassen will.

In Berlin soll auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs ein Exilmuseum entstehen. Eine Wiedergutmachung wäre ein solches Museum für Wolfgang Benz nicht, denn ein Leben außerhalb des eigenen Landes, der Sprache, der Freunde und Familie sei nicht wiedergutzumachen. „Aber es ist vielleicht eine stellvertretende Wiedereinbürgerung im Abstand von vielen Generationen“, sagt er.

Seitdem im August der Architekturwettbewerb entschieden wurde, steht das Bild des Exilmuseums mit dem wuchtigen, geschwungenen Baukörper der Kopenhagener Architektin Dorte ­Mandrup hinter der Ruine des Anhalter Bahnhofs da wie ein mahnendes Fragezeichen. Warum erst jetzt? Warum nicht schon früher?

Dass es bislang kein solches Museum gab, lag für Wolfgang Benz daran, dass das Thema Exil in Deutschland lange „suspekt“ gewesen sei. „Diejenigen, die zu Hause geblieben waren, hatten ein Rechtfertigungsbedürfnis. Dazu gehörte auch die Vorstellung, dass die Menschen, die Deutschland auf der Flucht vor Hitler verlassen haben, in Saus und Braus gelebt haben, während man selbst im Bombenkrieg zitterte oder an der Ostfront die Knochen hinhalten musste.“ Benz nennt das die „Lebenslügen und Selbstbeschwichtigungen derjenigen, die Hitler zugejubelt oder ihn stillschweigend unterstützt haben“.

Vielleicht bedurfte es erst einer Frau wie Herta Müller, die selbst die Erfahrung des Exils gemacht hatte – die Schriftstellerin musste 1987 ihre Heimat Rumänien verlassen. Vor neun Jahren schrieb die spätere Literaturnobelpreisträgerin an Kanzlerin Angela Merkel und brachte die Idee eines „Museums des Exils“ ins Spiel. Vier Jahre danach veröffentlichte der Fotograf Stefan Moses den Fotoband „Deutschlands Emigranten“, zu dem Christoph Stölzl die Texte beisteuerte.

„Zweitausend dieser Bücher hat dann der Gründer des Auktionshauses Villa Grisebach, Bernd Schultz, als Sonderdruck verschickt und eine riesige Resonanz bekommen“, sagt Stölzl, der ehemalige Berliner Kultursenator und Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, der nun auch Gründungsdirektor des Exilmuseums ist. Seitdem ging alles ganz schnell.

Schultz versteigerte aus seinem Privatbesitz Grafiken und brachte den Erlös von 6 Millionen Euro in die neue Stiftung Exilmuseum ein. Schirmfrau und Schirmherr des Museums wurden Herta Müller und der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck. Es ist, als hätten Berlin und Deutschland geradezu auf diese Initiative gewartet. Auch die grün dominierte Bezirksregierung von Friedrichshain-Kreuzberg, die die Unterstützung der Bundeswehr bei der Kontaktnachverfolgung der Coronafälle ablehnt, ist voller Enthusiasmus – und will das bezirkliche Grundstück an die Stiftung geben. So viel kulturpolitische Eintracht ist selten.

Was aber soll das Museum erzählen nach so vielen Jahren des schlechten Gewissens?

Christoph Stölzl ist zum Gespräch in die taz-Kantine gekommen. Im Rucksack, den er über seinen Anzug geschwungen hat, hat der 76-Jährige sein MacBook verstaut, nach dem Gespräch muss er noch ein paar Mails schreiben, bevor er wieder in den Zug nach Weimar steigt. Dort ist Stölzl Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt. Das Exilmuseum, das spürt man sofort, ist Stölzl eine Herzenssache, seine Tante floh vor den Nazis nach New York. „Sie starb dort an Heimweh.“

Wenn Stölzl über das Exilmuseum redet, sprudelt es aus ihm heraus. Er erzählt von dem Architekten Victor Gruen (Victor David Grünbaum), der in den USA die Shopping Mall erfunden hat und darüber so unglücklich war, dass er sich nach seiner Rückkehr nach Wien mit dem ökologischen Stadtumbau beschäftigt habe. Oder von Hedwig Eva Maria Kiesler, die als Hedy Lamarr zur Hollywood-Schönheit wurde und für die US-Navy eine Steuerung für Torpedos entwickelte – eine Voraussetzung für drahtlose Verbindungen wie WLAN oder Bluetooth.

Es sind vor allem die Schicksale der Menschen, die Christoph Stölzl im Exilmuseum erzählen will. Von Menschen wie Hertha Nathorff und den vielen anderen bekannten und unbekannten Exilantinnen und Exilanten, die allerdings vieles gemeinsam haben: den Verlust der Heimat, den Verlust des Passes, den Verlust der Sprache, den Verlust von Gewissheit. All das zusammen, so sieht es das Ausstellungskonzept der Stiftung vor, soll einen „Pfad des Exils“ ergeben, der in den Ausstellungsräumen nachverfolgt werden kann. „Warten“ ist eine der Etappen des Pfads, andere sind „Verwurzelung“, „Die Krankheit Exil“, „Sprachwechsel“ und „Aufbruch – Rückkehr“.

Beginnen wird die Ausstellung mit einem Raum, in dem über das Jahrhundert der Vertreibungen informiert werden soll, das für die Ausstellungsmacher mit den Balkankriegen vor dem Ersten Weltkrieg beginnt. Dem folgt eine Momentaufnahme von 1930, in der davon erzählt wird, was die Menschen, deren Schicksal vorgestellt wird, gemacht haben, bevor sie entwurzelt wurden. „Dabei stellt sich heraus, dass es unabhängig von dem Beruf, den sie haben, oft diejenigen sind, die zu einem reformerischen Flügel gehören“, sagt Christoph Stölzl.

„Zu den Reformpädagogen, den Sexualreformern, den modernen Architekten, den Reformern in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien. Es ist also die zukunftsfähige Weimar-Culture. Der weltfähige Teil der deutschen Kultur wurde gezielt vertrieben. In ihren neuen Heimaten haben die Exilanten oft großen Einfluss gewonnen. Das deutsche Exil kann man auch als frühe Etappe der Globalisierung verstehen.“

Für Stölzl ist das Museum deshalb auch „eine Art Bringschuld. Die Deutschen haben sich in einem suizidalen, brutalen Verstümmelungsakt ihres besseren Teiles entledigt. Vor diesem verneigen wir uns nun.“

Eine zweite Momentaufnahme widmet sich nach dem Pfad des Exils dem Nachkriegsjahr 1955. „Da geht es darum, was aus den Exilierten geworden ist“, sagt Stölzl. „Kaum jemand ist zurückgekommen, vor allem bei den jüdischen Vertriebenen.“ Von den politischen Exilanten, vor allem Angehörige der Linken, ist immerhin ein Drittel zurückgekehrt. „Willy Brandt ist da ein Beispiel“, erinnert Stölzl. „Die Kommunisten kehrten überwiegend in die DDR zurück. Im Westen halfen die Remigranten beim „Reeducation“-Programm: dem Aufbau demokratischer Medien und Institutionen.“

Willy Brandt ist auch ein Beispiel dafür, welche Stimmung den Exilantinnen und Exilanten nach ihrer Rückkehr entgegenschlägt. Stölzl erinnert sich noch gut an den ersten Wahlkampf mit Brandt als Kanzlerkandidat der SPD 1961. „Die Union hat ihn damals als Emigranten verunglimpft. Man appellierte an ein gängiges Vorurteil: Das war ein gängiges Muster: Wo wart ihr denn, als wir den Kopf hingehalten haben?“ Damals sagte CSU-Ikone Franz Josef Strauß in Vilshofen: „Eines wird man doch aber Herrn Brandt fragen dürfen: Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen, was wir drinnen gemacht haben.“

Insgesamt 40 Millionen Euro wird das Museum kosten, davon entfallen 27 Millionen auf den Bau. Vor seinem Besuch in der taz-Kantine hat Stölzl den Berliner Kultursenator Klaus Lederer besucht. „Aber er hat kein Geld“, bedauert Stölzl. Aber das bringt ihn nicht aus dem Konzept. Zwar hofft er, dass der Bund und das Land einmal in die Finanzierung der laufenden Kosten einsteigen. Doch das Exilmuseum ist für ihn vor allem eine bürgerschaftliche Initiative. „Wenn es staatlich gewesen wäre, hätte es lange gedauert“, lächelt er. „Wir sind so utopisch, dass wir sagen: Wir wollen 2025 eröffnen.“

... Natürlich verweise die Geschichte, sagt auch Schirmherrin Herta Müller, „auf die Flüchtlinge, die jetzt zu uns kommen. Umso wichtiger ist es, den Inhalt des Wortes Exil zu begreifen.“ Für Herta Müller bedeutet er: „Das Risiko der Flucht, das verstörte Leben im Exil, Fremdheit, Angst und Heimweh.“

... Christoph Stölzls Enthusiasmus hat sie alle angesteckt, wenn er Sätze wie diese sagt: „Die Autoren wie Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger kennt man, aber schon die Unternehmer oder die Künstler der Unterhaltungskultur sind meistens vergessen. Je mehr man den Deckel lüftet, desto riesiger wird das versunkene Atlantis.“ Er sagt dann auch: „Das Thema Exil ist gut erforscht. Wir haben kein Forschungsproblem, sondern ein Vermittlungsproblem.“

Zu diesem Vermittlungsproblem gehört auch die Frage, mit welchen Mitteln die Geschichten derer, die für das Schicksal von einer halben Million Exilantinnen und Exilanten stehen, erzählt werden sollen. Von vielen, wie etwa der Kinderärztin Hertha Nathorff, gibt es nur Tagebücher. Schriftliche Zeugnisse aber sind wenig, wenn man, so wie Stölzl, eine sinnliche Ausstellung entwickeln will – erst recht, wenn es kaum noch Zeitzeugen gibt.

Die Stiftung Exilmuseum hat auf das Problem reagiert und ein Team von Leuten damit beauftragt, eine riesige Datenbank zu füttern. Sie wird gewissermaßen der Maschinenraum des Museums sein, das archivierte Gedächtnis in Wort und Bild und Ton. „Wir versuchen zum Beispiel auch Filmausschnitte aus Hollywood zu bekommen“, sagt Stölzl.

Und lässt sich, wenn man all die Lebensläufe vor Augen hat, etwas herausdestillieren für den Erfolg und den Misserfolg des Ankommens heute? Ja, sagt Stölzl und spricht lächelnd von einer „Grammatik des Ankommens“. Der Erwerb der neuen Sprache und echtes Interesse für die Kultur der neuen Heimat gehört für ihn dazu, aber auch die Bereitschaft der Aufnahmegesellschaft, etwa Berufsabschlüsse anzuerkennen. „Man muss ein Hybrid sein, der Bürger eines neuen Landes wird und zugleich seine Wurzeln nicht vergisst. Diese Hybridexistenzen positiv zu sehen, von beiden Seiten, das ist entscheidend für den Erfolg des Ankommens.“


Aus: "Geplantes Exilmuseum in Berlin:Späte Wiedereinbürgerung" Uwe Rada (25.10.2020)
Quelle: https://taz.de/Geplantes-Exilmuseum-in-Berlin/!5720557/

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« Reply #63 on: October 28, 2020, 07:40:17 PM »
Am 11. September 1973 putschte das Militär in Chile. Der drei Jahre zuvor demokratisch gewählte sozialistische Präsident Salvador Allende nahm sich das Leben, nachdem die Luftwaffe begonnen hatte, den Präsidentenpalast La Moneda zu bombardieren, und Putsch-Militär in den Palast eingedrungen war. Eine Junta unter der Führung von Augusto Pinochet regierte Chile daraufhin bis zum 11. März 1990 als Militärdiktatur.
https://de.wikipedia.org/wiki/Putsch_in_Chile_1973

"„Mission erfüllt, Präsident tot“ Staatsstreich prägt Chile bis heute" (11.09.2013)
Vor 40 Jahren putschte das chilenische Militär gegen Präsident Salvador Allende. Er wollte das Land demokratischer machen. Bis heute ist unklar, welche Rolle die US-Regierung unter Richard Nixon dabei spielte.
https://www.handelsblatt.com/technik/das-technologie-update/themen-und-termine/mission-erfuellt-praesident-tot-staatsstreich-praegt-chile-bis-heute/8767190-all.html

"Chile / Großbritannien: Britische Verbindungen zum Militärputsch in Chile 1973"  Malte Seiwerth (01.10.2020)
Entklassifizierte Dokumente belegen: Britische Labour Regierung bereitete Putsch gegen Allende mit vor

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« Reply #64 on: November 13, 2020, 10:51:29 AM »
"Erinnerungskultur in Berlin: Hertie erinnert sich nicht" (12.11.2020)
Studierende der Hertie School fordern Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit der ehemaligen Kaufhauskette Hermann Tietz. Der Konzern wurde „arisiert“. 1943 wurde Kurt Seelig mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ein Stolperstein erinnert heute in der Schivelbeiner Straße in Pankow an ihn. Seelig arbeitete für die Warenhauskette Hermann Tietz. Im Zuge der „Arisierung“ des Unternehmens verlor er seine Arbeit.
Die Warenhauskette Hermann Tietz ist heute kaum bekannt, der Name Hertie hingegen schon. Doch Hertie steht für: Hermann Tietz. 1882 gab der deutsch-jüdische Kaufmann seinem Neffen Oscar das Startkapital für die Gründung eines Textilgeschäfts in Gera. Dieser benannte die expandierende Firma nach seinem Onkel, Hermann Tietz OHG. Seine Nachkommen machten daraus bis 1928 einen der weltweit größten Warenhauskonzerne.
Zu Beginn der 1930er Jahre brachten die Wirtschaftskrise, vor allem aber wachsender Antisemitismus und Repressalien den Konzern in finanzielle Schwierigkeiten. 1933 verweigerte ein Bankenkonsortium auf Druck der Nazis einen bereits zugesagten Kredit. Der Konzern wurde unter Bankenaufsicht gestellt, die jüdischen Besitzer hinausgedrängt. Der nun „arisierte“ Konzern erhielt einen neuen, nichtjüdischen Namen: Hertie. ...
https://taz.de/Erinnerungskultur-in-Berlin/!5727059/

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"Profiteure der NS-Politik? - Hertie-Stiftung stellt sich "Arisierungs"-Geschichte" Christoph David Piorkowski  (30.11.2020)
Studierende der Hertie-School fordern seit Längerem eine Aufarbeitung des NS-Erbes der Hertie-Stiftung. Diese beauftragt nun eine umfassende Studie. ... Die gemeinnützige Hertie-Stiftung hat eine seit Längerem angekündigte wissenschaftliche Untersuchung zur Vorgeschichte ihres Vermögens beauftragt. Das hat der Vorstand der Stiftung nun bekanntgegeben. Die Frankfurter Gesellschaft für Unternehmensgeschichte soll bis 2022 unabhängig untersuchen, wie die „Arisierung“ des Kaufhausunternehmens Hermann Tietz im Zuge der NS-Herrschaft vonstattenging.
Die in der Nachkriegszeit als Symbol des Wirtschaftswunders geltende Warenhauskette gehörte bis 1933 der jüdischen Unternehmerfamilie Tietz, die mittels antisemitischer Repressionen aus dem Geschäft gedrängt wurde. In den 1970er-Jahren war das Unternehmen vom damaligen Geschäftsführer Georg Karg in die gemeinnützige Hertie-Stiftung überführt worden. ...
https://www.tagesspiegel.de/wissen/profiteure-der-ns-politik-hertie-stiftung-stellt-sich-arisierungs-geschichte/26672906.html
« Last Edit: December 01, 2020, 09:46:45 AM by Link »

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« Reply #65 on: November 13, 2020, 11:15:24 AM »
Verrückte Geschichte @drguidoknapp
1937: Michail N. Tuchatschewski, Marschall der Sowjetunion, schreibt einen durch Folter erzwungenen "Geständnisbrief" an den Chef des NKWD. Er sei ein "trotzkistischer Verschwörer". Das Papier ist mit seinen Blutspritzern übersät. Bald darauf wird er erschossen.
https://twitter.com/drguidoknapp/status/1326955077614055426

Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski (russisch Михаи́л Никола́евич Тухаче́вский, wiss. Transliteration Michail Nikolaevič Tuchačevskij; * 4.jul./ 16. Februar 1893greg. auf Alexandrowskoje (heute Slednewo) bei Safonowo, Gouvernement Smolensk, Russisches Reich; † 12. Juni 1937 in Moskau) war einer der ersten fünf Marschälle der Sowjetunion der Roten Armee in der UdSSR. Tuchatschewski trug den Beinamen „Der rote Napoleon“. Er fiel als einer der ersten Militärbefehlshaber den Säuberungen unter der Diktatur Stalins zum Opfer. ... In der historischen Forschung war lange Zeit die These verbreitet, Tuchatschewski sei einer deutschen Intrige zum Opfer gefallen: Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) habe Belastungsmaterial gegen ihn gefälscht und auf Veranlassung von Obergruppenführer Reinhard Heydrich über den Doppelagenten Nikolai Skoblin dem ahnungslosen tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš zugespielt, der es an den sowjetischen Botschafter Alexandrowski weitergab. Tuchatschewski wurde in den gefälschten Dokumenten als Agent des SD unter der offiziellen Nummer S-G-UA-6-22 geführt. Dies war die höchste Prioritätsstufe eines Agenten dieses Geheimdienstes.[VA 17][GT 68][RS 28][GT 69][VA 18][17] Neuere Forschungen ergaben, dass hinter diesen gefälschten Beweisen der sowjetische Geheimdienst NKWD steckte, der die Deutschen dazu veranlasste, weiteres Belastungsmaterial gegen Tuchatschewski zu produzieren, um ihn zu Fall bringen zu können. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Nikolajewitsch_Tuchatschewski (30. September 2020)

Wassili Konstantinowitsch Blücher (* 19. Novemberjul./ 1. Dezember 1889greg. in Barschtschinka, Rajon Rybinsk, Gouvernement Jaroslawl; † 9. November 1938; russisch Василий Константинович Блюхер, wiss. Transliteration Vasilij Konstantinovič Bljucher; geboren als Wassili Konstantinowitsch Gurow) war General der Roten Armee und Marschall der Sowjetunion.  ... Im Sommer 1938 gelang es Blücher, einen japanischen Angriff auf das Staatsgebiet der Sowjetunion in der Schlacht am Chassansee vom 29. Juli bis zum 11. August 1938 abzuwehren. Dass es den Japanern gelungen war, am 31. Juli auf sowjetisches Territorium vorzudringen, wurde Blücher von Seiten des sowjetischen Volkskommissariats für Verteidigung als schweres Versagen angelastet. Er wurde zurück nach Moskau beordert und von seinem Kommando entbunden. Am 22. Oktober 1938 wurde Blücher verhaftet und zunächst in die Zentrale des NKWD gebracht. Er wurde kurz darauf der Spionage für Japan und des Verrats bezichtigt.[2] Für die Untersuchung seines Falles war der stellvertretende Volkskommissar des NKWD, Beria, zuständig. Blücher wurde mit erzwungenen Geständnissen seines Stellvertreters Iwan Fedko, des Korpskommandeurs Chacharjan sowie seines Bruders Pawel Gurow konfrontiert, weigerte sich aber, die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen zu gestehen.[13]
Am 3. November wurde Blücher auf Anweisung Berias in das Lefortowo-Gefängnis verlegt und dort schwer gefoltert. Laut einem Artikel des Historikers Safonow waren Beria und sein Stellvertreter Iwanow die einzigen Personen, die für die Befragung Blüchers verantwortlich waren. Unter dem Druck ständiger Gewaltanwendung begann Blücher ein Geständnis zu schreiben, das aber unvollendet blieb, da er aufgrund innerer Verletzungen am Abend des 9. November 1938 verstarb. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Wassili_Konstantinowitsch_Bl%C3%BCcher (6. Juli 2020)

Kategorie:Opfer des Großen Terrors (Sowjetunion)
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Opfer_des_Gro%C3%9Fen_Terrors_(Sowjetunion)

Kategorie:Täter des Großen Terrors (Sowjetunion)
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:T%C3%A4ter_des_Gro%C3%9Fen_Terrors_(Sowjetunion)

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« Reply #66 on: November 24, 2020, 03:33:15 PM »
Quote
Quote
Beautiful cover of the forthcoming Oxford Handbook of the Weimar Republic, with contributions by Mary Nolan, @Daniel_Newcast
, @erhochman
, @KerryWallach
 and many others. @WeirTodd
 and I also have a chapter on confessional politics and religious cultures.

1:50 nachm. · 8. Okt. 2020·Twitter

https://twitter.com/udi_greenberg/status/1314171362014113793

https://www.oxfordhandbooks.com/view/10.1093/oxfordhb/9780198845775.001.0001/oxfordhb-9780198845775

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Zur Geschichte (Bruhstuecke) ...
« Reply #67 on: December 14, 2020, 02:41:08 PM »
Die Mosse-Lectures sind eine international und interdisziplinär angelegte Vortragsreihe an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veranstalter der Reihe ist seit ihrer Etablierung 1997 das Institut für deutsche Literatur. Im Andenken an den Historiker George L. Mosse widmen sich die Mosse-Lectures seit dessen Tod 1999 ausdrücklich der Wissensvermittlung und der Darstellung historischer Sachverhalte und Konflikte, insbesondere auch der Vergangenheit und Gegenwart jüdischen Lebens, Denkens und Handelns in Deutschland.
... Zu den Referenten der Mosse-Lectures zählen international bedeutende Persönlichkeiten aus dem akademischen Umfeld ebenso wie Politiker, Journalisten, Künstler und Literaten. Die Absicht ist, die Referenten und ihre Arbeitsgebiete einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen. Die Veranstaltungen stehen seit 2002 semesterweise unter einem leitenden Thema, zu dem in der Regel vier Vorträge bzw. Lesungen gehalten werden. Im Anschluss an den Vortrag der Referenten gibt es in aller Regel eine offene Diskussion. Üblicherweise finden die Veranstaltungen im Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin statt und werden meist in deutscher oder englischer Sprache gehalten. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Mosse-Lectures

Die Mosse-Lectures an der Humboldt-Universität zu Berlin
Die Mosse-Lectures sind ein interdisziplinär und international angelegtes Forschungs- und Veranstaltungsprojekt, gegründet 1997 von dem Historiker George L. Mosse und dem Literaturwissenschaftler Klaus R. Scherpe. Mit ihrem Wahlspruch zur »Öffentlichkeit von Kultur und Wissenschaft« erinnern die Mosse-Lectures an die Geschichte und das Erbe der deutsch-jüdischen Familie Mosse, insbesondere an die Tradition des von Rudolf Mosse gegründeten Verlagshauses, das mit seinem Flaggschiff des liberalen »Berliner Tageblatt« großen Einfluss hatte auf die demokratische Öffentlichkeit der Weimarer Republik. Nachkommen der Familie hielten im Exil und bis in die Gegenwart mit ihrem politischen und philanthropischem Engagement an dieser Tradition fest. Dafür steht insbesondere das Werk des 1999 verstorbenen Historikers des Faschismus, George L. Mosse, der mit seinem Vortrag »Das liberale Erbe und die national-sozialistische Öffentlichkeit« am 14. Mai 1997 die Veranstaltungsreihe eröffnete. Mehr als 190 Vorträge wurden seitdem gehalten. ...
https://www.mosse-lectures.de/


Die Mosse-Lectures sind eine interdisziplinär und international angelegte Vortragsreihe an der Humboldt-Universität zu Berlin.
https://www.youtube.com/user/MosseLectures/featured

https://www.youtube.com/user/MosseLectures/videos


Andreas Reckwitz: Die Spätmoderne und ihre Drei-Klassen-Gesellschaft (Mosse Lecture vom 31.10.2020) | https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Reckwitz
In den Gesellschaften des globalen Nordens erlebt die Sozialstruktur in den letzten Jahrzehnten eine tiefgreifende Transformation. Der Vortrag verfolgt die These, dass es sich dabei nicht nur um eine Verstärkung sozioökonomischer Ungleichheiten, sondern auch um eine Divergenz von Mustern der kulturellen Lebensführung handelt, welche die Form eines Paternoster-Effekts annimmt: Aus der nivellierten Mittelstandsgesellschaft der industriellen Moderne steigt in der Spätmoderne eine neue, hochqualifizierte Mittelklasse empor, während eine neue prekäre Klasse absteigt und die traditionelle Mittel-klasse sich in einer Sandwich-Position wiederfindet. Prozesse der Valorisierung (Aufwertung) und Entwertung verlaufen parallel. Der Vortrag fragt nach den Ursachen, den Strukturmerkmalen und den künftigen Folgen dieser Entwicklung.
Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, zahlreiche Arbeiten zur Kulturtheorie in den Sozialwissenschaften, zur Soziologie der Subjekt-werdung und zum Strukturwandlung moderner Vergesellschaftung. Publikationen u.a.: „Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“, Berlin 2012; „Kreativi-tät und soziale Praxis“, Bielefeld 2016; „Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne“, Berlin 2017; „Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spät-moderne“, Berlin 2019. In diesem Jahr erhielt er den Leibniz-Preis der DFG.
https://youtu.be/_PSRIXR_Ygs

Quote
Dadec

Furchtbar abgehoben und viel zu abstrakt formuliert, hier spricht ein Soziologe zu Soziologen. Schade für den Rest, denn das Thema ist spannend.


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Johannes F. Lehmann: »Wut als Alarmsystem« (Mosse Lecture vom 12.11.2020)
Zur historischen und politischen Dimension von Konzepten des Zorns«
Einführung und Gespräch: Josef Vogl
Konzepte des Zorns (und verwandter Emotionen wie Wut, Ärger, Empörung, Hass etc.) sind, wie alle Emotionen, historisch variabel. Im Feld des Zorns ereignet sich um 1800 eine grundlegende Verschiebung im Begriff und im Konzept des Zorns. Ergebnis dieses Prozesses ist ein moderner Begriff der Wut, der das Selbstgefühl energetischer Blockaden und nicht länger die Ehransprüche der Mächtigen ins Zentrum stellt. Vor diesem zu entfaltenden Hintergrund entwickelt der Vortrag eine Theorie der Wut als einer genuin politischen Emotion. Sie begreift Wut als eine Art Alarmsystem im Spannungsfeld von Handeln und Zuschauen und fragt nach ihrer Erklärungskraft für politische und populistische Zornphänomene unserer Gegenwart.
Johannes F. Lehmann ist seit 2014 Professor für Neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Forschungen zur Gegenwartsliteratur und zur Literatur- und Theatergeschichte seit dem 18. Jahrhundert, aktuelle kulturpolitische Beiträge; Buchveröffentlichungen u.a. »Zur Geschichte des Theaterzuschauers und des Visuellen bei Diderot und Lessing« (2000), »Im Abgrund der Wut. Zur Kultur- und Literaturgeschichte des Zorns« (2012), »›Gegenwart‹ denken. Diskurse, Medien, Praktiken«, hg. mit Kerstin Stüssel (2020), z.Zt. Fellow der DFG- Forschungsgruppe »Imaginarien der Kraft« in Hamburg.
https://youtu.be/UyHQeXTGSp4

« Last Edit: December 14, 2020, 03:23:27 PM by Link »

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« Reply #68 on: December 16, 2020, 04:36:34 PM »
Quote
[...] Das notorisch klamme Haus Hohenzollern fordert trotz brauner Vergangenheit weiter Geld vom Staat. Jetzt gehen auch die letzten Gutachter von Bord. Mehrfach zitierte der Historiker Christopher Clark zuletzt zustimmend den Historiker Stephan Malinowski. Nichts Ungewöhnliches, möchte man meinen. Historiker zitieren Historiker, so ist das halt. Doch vor Kurzem war Malinowski für Clark noch der ärgste Widersacher.

Malinowski ist der Autor des Buchs „Vom König zum Führer“. Für das Land Brandenburg war er als Gutachter tätig, als es um Forderungen der heutigen Hohenzollern auf Entschädigung ging. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Hohenzollern in erheblichem Maße zum Fall der Weimarer Republik und Aufstieg der Nazis beitrugen.

Clark, seines Zeichens der berühmte Autor des Werks „Die Schlafwandler“, schrieb im Auftrag der Hohenzollern ein entgegengesetztes Gutachten. Es entlastete die frühere Kaiserfamilie. Ein Gutachten mit weitreichenden Folgen. Denn die Repräsentanten des heutigen „Hauses Hohenzollern“ streiten mit Bund und Ländern seit Jahren um Rückgabe und Ausgleichszahlungen für ihre im Osten Deutschlands nach 1945 eingezogenen Vermögen.

1994 war nämlich gesetzlich festgelegt worden, dass, wer dem Faschismus „erheblichen Vorschub“ geleistet hatte, auch nach der Wiedervereinigung keine Restitutionen zu erwarten habe.

„Auf dem Spektrum fürstlicher Kollaboration mit dem Dritten Reich kann man den Kronprinzen daher mit guten Gründen als eine der politisch zurückhaltendsten und am wenigsten kompromittierten Personen bezeichnen.“ So lautet der abschließende Satz von Clarks Gutachten 2011. Heute sagt Clark, er wäre sich der Tragweite der Auseinandersetzung nicht bewusst gewesen.

Lange blieben die Verhandlungen zwischen Staat und Hohenzollern geheim, auch Clarks Gutachten. Erst 2019 wurde es geleakt. Fast alle namhaften Historiker widersprachen in der Folge Clark. Etwa der britische Historiker Richard Evans. Er führte in einem Essay aus, wie die 1918 gestürzte Kaiserfamilie alles daransetzte, um mit der Nazibewegung 1933 zurück auf den Thron zu gelangen.

Als Vorbild diente Italien, wo der Faschist Mussolini in den 1920er Jahren ein Arrangement mit dem König getroffen hatte. Doch Hitler war nicht der Duce. Einmal an der Macht, wollte er sie mit niemandem teilen. Im Bündnis mit den Nazis hatten sich andere einzuordnen, auch die rechtsextremen monarchistischen Kräfte. Und viele taten das auch.

Historiker Clark leugnet in seinem Gutachten von 2011 nicht die rechtsextreme Gesinnung des Kronprinzen Wilhelm von Preußen, dem Sohn des 1918 gestürzten Kaisers Wilhelm II. Der Kronprinz plädierte vor 1933 für den Zusammenschluss der paramilitärischen Verbände von Stahlhelm und SA. Er agitierte 1932 gegen das kurzzeitig erlassene Verbot von SA und SS. Er gehörte selber der SA an. Und während sein Vater, der Ex-Kaiser, verbittert im holländischen Exil in Doorn antisemitischen Verschwörungstheorien nachhing, verstand sich sein Sohn der Kronprinz als ein Mann der Tat.

Seine Familie stiefelte mit Hakenkreuzbinden auf Schloss Cecilienhof in Potsdam herum und posierte für die Kameras. Die taz veröffentlichte Aufnahmen aus der dänischen Illustrierten Berlingske illustreret Tidende von 1934, die dies eindrücklich dokumentieren. Er prahlte damit, Hitler zwei Millionen Stimmen verschafft zu haben. Am berüchtigten Tag von Potsdam im März 1933 zelebrierte er symbolisch wirkmächtig den Schulterschluss mit Adolf Hitler, von „alter“ und neuer Rechter.

Alles das beschreibt auch der Gutachter Clark 2011. Und kam dennoch zu dem überraschenden Schluss: Die damaligen Vertreter des „Hauses Hohenzollern“ seien zwar braun eingefärbt, aber historisch zu unbedeutend gewesen, um eine größere Rolle gespielt zu haben. Eine interessante Interpretation für eine der mächtigsten Familien der deutschen Geschichte, die ihr ganzes Gewicht in die Zerstörung der Republik legte. Nur Vertreter des neurechten Historikerspektrums vertreten solch relativierende Thesen. Und Wolfram Pyta, der im Auftrag der Hohenzollern ein weiteres Gutachten schrieb.

Im Frühjahr ruderte Clark im Schriftwechsel mit David Motadel in der New York Review of Books zurück. Historiker Motadel hatte Clark in seinem Beitrag „What Do the Hohenzollerns Deserve“ scharf kritisiert. Clark liefere den heutigen Hohenzollern nicht nur die Stichworte, um an zusätzliche – ihnen nicht zustehende – staatliche Vermögenswerte zu gelangen.

Er helfe auch ein glorifizierendes Preußenbild zu restaurieren, an das rechts-nationalistische Kräfte seit der Wiedervereinigung verstärkt suchten anzuknüpfen. Für dieses steht stellvertretend die AfD mit Alexander Gauland im Bundestag, der die zwölf Jahre Nazi-Terrorherrschaft als „Vogelschiss“ bezeichnet und bagatellisiert. Clark erwiderte Motadel, ebenfalls in der New York Review, solch reaktionäre Motive lägen ihm fern. Er fühle sich instrumentalisiert. Er betrachte den Kronprinzen sehr wohl als einen „gewalttätigen, ultrarechten Charakter“, der mit Hitler sympathisierte und zur „finalen Abrechnung mit der deutschen Linken drängte“.

Doch hatte er den Kronprinzen schlicht für zu unintelligent und auch isoliert gehalten, als dass dieser eine größere politische Rolle hätte einnehmen können. Inzwischen, so Clark weiter, habe sich jedoch die Quellenlage verändert und er sähe es anders. Die in Princeton forschende Historikerin Karina Urbach hatte bereits letztes Jahr neues Material ausgewertet. Es zeigt, wie systematisch und skrupellos die kaiserliche Familie den Aufstieg der Nazis zum eigenen Nutzen beförderte („Nützliche Idioten, Die Hohenzollern und Hitler“).

Von Stephan Malinowski erscheint bei Oxford University Press gerade das Buch „Nazis and Nobles“. Es ist die überarbeitete englische Fassung seines früheren Buchs „Vom König zum Führer“. Und er forscht weiter. Doch allein was bereits vorliegt, sollte die erhebliche verbrecherische Energie, den notorischen Antisemitismus und die absolute Demokratiefeindlichkeit der Hohenzollern bis 1945 ausreichend belegen. Die Nachfahren der Hohenzollern wären gut beraten, dies zur Kenntnis zu nehmen und mit der historischen Schuld angemessen umzugehen.

Dazu gehörte auch, ihre vielen gegen kritische Journalisten und Historiker wie Malinowski, Urbach oder Winfried Süß gerichteten juristischen Winkelzüge einzustellen. Wie sagt Clark, der ehemalige Kronzeuge der Hohenzollern, jetzt in einem FAZ-Interview deutlich: „Stephan Malinowski hat gezeigt, wie energisch der Kronprinz gearbeitet hat, auch nach der Machtergreifung, um die Berührungsängste der Konservativen gegenüber den Nationalsozialisten zu überwinden.“

In seinem jetzt erschienenen Essayband „Gefangene der Zeit“ (DVA) stimmt Clark demonstrativ Malinowski zu. Er zitiert ihn ausführlich, so es um die Braunfärbung von Kaiserfamilie und altem deutschen (Hoch-)Adel geht. Der Kronprinz, so Clark in der FAZ, war „kontinuierlich an den Versuchen beteiligt, die Demokratie zugrunde zu richten. Und die Zerstörung der Demokratie ist wiederum eine unverzichtbare Voraussetzung für die Machtergreifung der Nationalsozialisten.“

Der Ururenkel von Kaiser Wilhelm II., Georg Friedrich Prinz von Preußen, der als heutiger Wortführer des „Hauses Hohenzollern“ auftritt, hat sich in die Abgründe der Geschichte gestürzt. Er würde gerne mehr vom Tafelsilber seiner Ahnen abbekommen, ohne auf die fragwürdige Provenienz zu schauen. Sogar den holländischen Staat hat er versucht zu verklagen.

Dies berichtet Klaus Wiegrefe Ende November im Spiegel. Man sähe sich „leider gezwungen,“ so die Anwälte des heutigen Preußen-Wortführers 2014, „einen formellen Anspruch auf den Besitz von Haus Doorn, das dazugehörige Inventar und das umliegende Gut sowie zwei dazugehörende Bauernhöfe zu erheben“.

Nach Doorn war der 1918 gestürzte Kaiser Wilhelm II. geflüchtet, samt seiner sagenumwobenen 59 Waggons mit Werten aller Art. Vom Exil aus wünschte er „Presse‚ Juden und Mücken“ den Tod („,das Beste wäre Gas“) und forderte seine Angehörigen auf, aktiv am Nationalsozialismus teilzuhaben. Hitler beglückwünschte er 1940 zu seinen Feldzügen. Nach der Befreiung von den Deutschen wurde Haus Doorn vom holländischen Staat konfisziert. Das kleine Schloss dient als Museum.

Nur das Mausoleum des 1941 hier beigesetzten letzten deutschen Kaisers befindet sich im Privatbesitz der Familie. Nichts Ungewöhnliches, möchte man meinen. Die deutsche Politik könnte sich an den Holländern ein Beispiel nehmen.


Aus: "Kampf um das Tafelsilber" Andreas Fanizadeh (12. 12. 2020)
Quelle: https://taz.de/Preussen-Historiker-Clark-rudert-zurueck/!5734272/

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« Reply #69 on: December 21, 2020, 01:41:03 PM »
Quote
[...] Angeblich treiben Gespenster ihr Unwesen, wo ein Fluch über einem Ort hängt. Geschichten davon berichten dann stets vom Gewesenen, von der Vergangenheit: Vertuschte ungesühnte Taten geben keine Ruhe. Solchen Legenden liegt eine reale seelische Dynamik zugrunde, jene der Wiederkehr des Verdrängten.

Solange dieses nicht ans Licht geschafft und bearbeitet wurde, rüttelt es nicht nur an den Toren der Gegenwart, sondern treibt sich in ihr herum, eben als Gespenst. Zu erkennen, was bestimmte Gespenster repräsentieren, versucht eine Anthologie mit Blick auf das Polen der Gegenwart. Sie beleuchtet, woher dessen aktuelle, so dramatisch antidemokratische Strömungen stammen. ...

Verdrängung ist kein Mittel gegen Gespenster. Das machen sämtliche Aufsätze dieses reichhaltigen, ausgezeichneten Bandes deutlich. Daher ist er keineswegs ein Polen-Buch, sondern spricht akut und intelligent zu einer Gegenwart, die an den Spuren der Totalitarismen arbeiten muss, um sich ihnen nicht auszuliefern.

...


Aus: "Das Erbe des Totalitarismus: Wie Polen von seinen Traumata heimgesucht wird" Caroline Fetscher (21.12.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-erbe-des-totalitarismus-wie-polen-von-seinen-traumata-heimgesucht-wird/26735424.html

Wiederkehr des Verdrängten? - Psychoanalyse und das Erbe der Totalitarismen
Kann die »antidemokratische Wende« in Polen und in anderen postkommunistischen Ländern, die auch in Deutschland und Westeuropa spürbar ist, als Erbe der Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts und als Wiederkehr des Verdrängten verstanden werden? Oder ist sie Ausdruck einer neuen Regression zu archaischen Ängsten und Aggressionen angesichts der Herausforderungen durch die Globalisierungsprozesse? Vor diesem Hintergrund stellen die Autor*innen die Frage nach dem kritischen Potenzial der Psychoanalyse. Verfügt sie über das Erkenntnispotenzial, um die beunruhigenden sozialen Phänomene zu erklären?
Mit Beiträgen von Lisa Appignanesi, Jakub Bobrzyński, Bernhard Bolech, Felix Brauner, Paweł Dybel, Lilli Gast, Ewa Głód, Tomas V. Kajokas, Ewa Kobylinska-Dehe, Andrzej Leder, Rosalba Maccarrone Erhardt, Ewa Modzelewska-Kossowska, Małgorzata Ojrzyńska, Katarzyna Prot-Klinger, Annette Simon, Wojciech Sobański, Krzystof Szwajca, Nadine Teuber, Joanna Tokarska-Bakir, Hans-Jürgen Wirth und Anna Zajenkowska
Ewa Kobylinska-Dehe, Pawel Dybel, Ludger M. Hermanns (Hg.)
Wiederkehr des Verdrängten?
Psychoanalyse und das Erbe der Totalitarismen
https://www.psychosozial-verlag.de/2938

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« Reply #70 on: December 29, 2020, 12:07:38 PM »
"Sonnenfinsternis und Morgenröte" Peter von Becker (29.12.2020)
Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis" ist ein Jahrhundertbuch über den modernen Totalitarismus. Nun ist ein Band über seine Zeit in Israel erschienen. ... Vor 80 Jahren, 1940 in London, ist ein Jahrhundertbuch erschienen: Arthur Koestlers „Darkness at Noon“, der Schlüsselroman über den modernen Totalitarismus am Beispiel der stalinistischen „Säuberungen“ und Schauprozesse in den 1930er Jahren. Erst 1946 folgte die französische Übersetzung, die mit Millionen verkauften Exemplaren den Welterfolg einläutete. Noch im selben Jahr kam Koestlers „Sonnenfinsternis“ dann auch auf Deutsch heraus, noch als Exilausgabe und wieder in einem Londoner Verlag.
Das abenteuerlich Kuriose der 1938 begonnenen Entstehungsgeschichte war, dass Arthur Koestler als Emigrant und zwischenzeitlich in Spanien während des Bürgerkrieg und in Frankreich nach der deutschen Besatzung inhaftierter Autor die „Sonnenfinsternis“ zunächst auf Deutsch verfasst hatte. Vor und nach der rettenden Flucht nach Großbritannien übersetzte Koestlers damalige englische Geliebte Daphne Hardy den Text portionsweise ins Englische, und bald galt das deutsche Urmanuskript als verschollen.
Die erste deutsche Ausgabe beruhte wiederum aus einer von Assistenzkräften betreuten Rückübersetzung Koestlers, der als Autor mittlerweile ins Englische gewechselt war. Erst 2015 hat dann der Literaturwissenschaftler Matthias Weßel in Zürich ein Typoskript des Romans aus dem Jahr 1940 entdeckt, worauf vor zwei Jahren „Sonnenfinsternis“ erstmals als gut kommentierte Edition „nach dem deutschen Originalmanuskript“ publiziert werden konnte (Elsinor Verlag, Coesfeld 2018, 256 Seiten). ...
https://www.tagesspiegel.de/kultur/arthur-koestler-in-israel-sonnenfinsternis-und-morgenroete/26750274.html

Arthur Koestler (geboren 5. September 1905 in Budapest, Österreich-Ungarn; gestorben 1. März 1983 in London) war ein österreichisch-ungarisch-britischer Schriftsteller. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Koestler

Stalinsche Säuberungen (russisch Чистка Tschistka, Чистки Tschistki (Pl.)) ist die Bezeichnung für eine Periode der sowjetischen Geschichte während der Herrschaft Josef Stalins, die durch massive Verfolgung und Ermordung von aus stalinistischer Sicht politisch „unzuverlässigen“ und oppositionellen Personen gekennzeichnet war. Die Gesamtzahl der Opfer aus dieser Zeit ist nicht bekannt und schwer zu verifizieren, Schätzungen von Historikern reichen von mindestens etwa 3 Millionen Toten bis hin zu weit über 20 Millionen.
Bereits Mitte der 1920er Jahre begann Stalin, echte oder vermeintliche politische Gegner aus der Kommunistischen Partei (KPdSU) ausschließen zu lassen. Später wurden die Betroffenen häufig mit gefälschten Vorwürfen in Schau- und Geheimprozessen zum Tod oder zu Lagerhaft und Zwangsarbeit im Gulag verurteilt, entsprechende Geständnisse wurden regelmäßig unter Folter erpresst. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Stalinsche_S%C3%A4uberungen
« Last Edit: December 29, 2020, 12:16:55 PM by Link »