Author Topic: [Emanzipation, Selbstbefreiung, Geschlechterforschung (Gender Studies)... ]  (Read 138668 times)

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[...] Dr. Gunda Windmüller schreibt über alles, was schön schwierig ist. Sex und Liebe zum Beispiel. Ihr Buch “Weiblich, ledig, glücklich - sucht nicht” erschien im März 2019.

Als Trend wird heutzutage oft genug etwas ausgerufen, das zwar überhaupt nicht neu ist, dafür aber einen Hashtag bekommen hat. Wie das, was sich gerade in Großbritannien bemerkbar macht: #Tradwife. Tradwife ist ein Klappwort aus traditionell (traditional) und Ehefrau (wife) und wird von eben jenen Tradwives auf Blogs, YouTube und Social Media verwendet: Dort sieht man Frauen in ihren Dreißigern am Bügelbrett oder an einen Mann gelehnt, selbst gebackene Brote werden in die Kamera gehalten, Eintopfrezepte angepriesen und Früchte drapiert.

In britischen Medien, wie der BBC, der Daily Mail oder der Times wird der Trend erklärt: Es gehe darum, Hausfrau zu sein, und zwar ausschließlich Hausfrau. Als freudvoll selbstgewählte Rolle. Doch das Ganze wird dabei eben nicht nur als individueller Weg zum Glück zelebriert, sondern eingebettet in eine Rückbesinnung auf traditionelle Rollenverteilungen: „A woman’s place is at home“ und „trying to be a man is a waste of a woman„, heißt es dort zum Beispiel.

Die Tradwives sehen sich nicht als Anti-Feministinnen, sondern ganz im Gegenteil: Als diejenigen, die das Recht von Frauen auf Selbstbestimmung wirklich leben. Allen voran die 34-jährige Alena Kate Pettitt, die erst vor Kurzem im britischen Frühstücksfernsehen erklärte, dass sie ihren Mann gerne „verwöhnt, als sei es 1959“.

Diese Vorliebe für Vintage-Flirterei und selbst gemachte Orangenmarmelade mag zwar auf den ersten Blick als nischiger Trend daherkommen, aber frei von politischer Brisanz sind die Tradwives nicht.

In den USA wurden sie nämlich im Rahmen der Alt-Right-Bewegung bekannt. Die Amerikanistin Annie Kelly zeigt in ihrer Forschung zu dieser extrem rechten Bewegung, dass sich die Huldigung traditioneller Frauenrollen als Versuch von White Supremacists lesen lässt, die von Männern dominierte Bewegung auch für Frauen attraktiv zu machen.

„Tradwives„, schreibt sie, „helfen uns die Unzufriedenheit dahingehend zu verstehen, dass sie Berührungspunkte zwischen lippenstifttragenden Vielfachmüttern und Männern, die sich darüber beschweren, ungeküsste Jungfrauen zu sein, aufzeigen.“ Denn die rassistische Ideologie der extrem Rechten ist eben auch motiviert von einer Unzufriedenheit mit dem modernen Leben: Angst, den Job zu verlieren, finanzielle Unsicherheit, der Druck, sich für die Arbeitswelt mobil und flexibel zu halten, der Verlust von Privilegien.

Da verspricht ein sehnsuchtsvoller Blick in die 1950er, wo der Mann mit einem einzigen, sicheren Einkommen Stabilität für mindestens zwei garantieren konnte, für Tradwives eine reizvolle Alternative. Aber auch Ängste von Frauen sollen im Tradwife-Kosmos in Schach gehalten werden, führt Annie Kelly aus. Denn das moderne Leben wird für die Objektifizierung von Frauen und für sexualisierte Gewalt gegen sie verantwortlich gemacht. Ehe und Mutterschaft sollen dagegen einen sicheren Hafen bieten.

Tja. Es geht also weniger um Sehnsucht als vielmehr um Ängste, die instrumentalisiert werden.

Hinter der betont heimeligen Inszenierung mit geblümten Schürzen, Lippenstift und frisch gebackenen Muffins versteckt sich damit eine harte politische Botschaft. Und auch wenn einige Tradwives, wie die Britin Pettitt, sich selbst von nationalistischen Bewegungen distanzieren, speist ihr Pochen auf Traditionen doch eine Agenda, wie sie von rechten Kreisen propagiert wird. Auch hierzulande kennen wir diese Agenda – von der AfD.

So wird im Leitbild der Partei mit Hinweis auf „die traditionelle Familie“ – eine „Familie aus Vater, Mutter und Kindern“ – für eine Politik plädiert, die für Frauen nicht wirklich eine selbst gewählte Rolle vorsieht, sondern mit Rekurs auf die „natürliche Gemeinschaft“, eine Rolle jenseits individueller, freiheitlicher Lebensentfaltung: „Staatliche Institutionen wie Krippen, Ganztagsschulen, Jugendämter und Familiengerichte greifen zu sehr in das Erziehungsrecht der Eltern ein.“ Und vermeintliches gender mainstreaming und die generelle Betonung der Individualität würden die Familie als wertgebende gesellschaftliche Grundeinheit angeblich untergraben.

Es sind Passagen wie diese, in denen sich AfD, Alt-Right-Bewegung und Tradwife-Instagramerinnen in ihrer Wortwahl überlappen. Tradition wird hier angerührt mit einer grotesken Geschichtsignoranz zum normativen „So soll es sein.“ Wie grotesk das trad in Tradwife aber ist, wird schnell klar, wenn man das Ganze mal historisch unter die Lupe nimmt.

Denn von welcher traditionellen Rolle der Frau ist hier die Rede?

Die Idee der Frau als Hausfrau, wie sie in den 50er Jahren etabliert wurde? In einer Zeit, in der Ratgeber Frauen Tipps der Sorte „Richte sein Kissen und biete ihm an, ihm die Schuhe auszuziehen“ ans Herz legten und die Werbeindustrie („Jede Hausfrau freut sich über einen Kühlschrank“) eifrig dafür sorgte, dass uns das Bild der Hausfrau der 50er Jahre heute noch wie der allein gültige Prototyp erscheint? In einer Zeit, in der Frauen in Deutschland nicht ohne die Erlaubnis ihres Mannes arbeiten durften (bis 1977), Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar (bis 1997) und eine öffentliche Diskussion zu Schwangerschaftsabbrüchen noch Jahrzehnte entfernt war?

Wenn Tradwives sich auf die Tradition der Hausfrauenrolle beziehen, müssen sie sich leider sagen lassen, dass es diese vorgebliche Tradition noch gar nicht so lange gibt. Denn historisch gesehen hat sich die Rolle von Frauen als ausschließlich für Privatsphäre zuständige Ehefrauen und Mütter erst im 19. Jahrhundert ausgestaltet. Die aufkommende Industriegesellschaft war auf diese geschlechtliche Rollenverteilung angewiesen: „Ohne Trennung von Frauen- und Männerrolle keine traditionelle Kleinfamilie. Ohne Kleinfamilie keine Industriegesellschaft in ihrer Schematik von Arbeit und Leben“, schreibt der Soziologe Ulrich Beck dazu. Die Kleinfamilie mit der Rolle der Frau als fürsorgliche Gattin war wirtschaftlich reizvoll und politisch gewollt.

Selbst ein nur flüchtiger Blick in die Geschichte kann also schon mal zeigen, dass von den Tradwives mitnichten auf eine natürliche Rolle Bezug genommen wird, sondern nur auf eine sehr spezifische Ausformung der Ungleichheit. Damit ist nicht gesagt, dass jede Hausfrau per se unterdrückt ist. Doch Frauen zu Hausfrauen zu machen war nunmal nie Ausdruck von Freiheit und natürlichen Fähigkeiten, sondern immer politischer Wille.

Traditionen sind natürlich wichtig. Sie sind existentieller Teil eines sozialen Miteinanders. Sie geben Halt und Orientierung, stiften Sinn und Gemeinschaft, aber sie sind alles andere als natürlich. Das Problem ist daher nicht so sehr das Hausfrauensein, sondern vielmehr die Verknüpfung dieser Lebensentscheidung mit der Autorität, die das Wörtchen „Tradition“ verspricht.

Denn wer in dem Zusammenhang von Tradition spricht, meint nicht harmlos „Ich mag das, weil ich das noch von meiner Oma kenne“, sondern „Ihr macht mir Angst, deswegen macht mal lieber so wie ich“.

Tradition bedeutet hier Rückzug. Und die Tradwives sind Blendwerk für eine Politik, die – von Modernisierungsängsten getrieben – historische Folklore nutzt, um eine Welt auszuschmücken, die rückwartsgewandter nicht sein könnte. Hier geht es um die Sehnsucht nach einer Zeit, in der unsere Rechte massiv eingeschränkt waren. Wer sich nach früher sehnt, sollte sich klarmachen, dass so gut wie alles, was damals war, schlicht und ergreifend beschissener war. Rechte, Freiheit, Bildung, Selbstbestimmung. Alles davon.

Mit Männern flirten als sei es 1959? Lasst es bleiben.


Aus: "Sogenannte Tradwives werben fürs Hausfrau sein – klingt harmlos, ist es aber nicht" Gunda Windmüller (06. Februar 2020)
Quelle: https://ze.tt/sogenannte-tradwives-werben-fuers-hausfrau-sein-klingt-harmlos-ist-es-aber-nicht/

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"Joko und Klaas sorgen mit Sendung über Männergewalt für Aufsehen" (14.05.2020)
Dick Pics, Hasskommentare und Gewalt gegen Frauen: Sophie Paßmann und Palina Rojinski nutzten 15 Minuten Sendezeit zur Primetime für einen Appell gegen Sexismus.
Die von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf ermöglichte Sendung „Männerwelten“ auf Pro Sieben hat für viel Aufsehen gesorgt. Die beiden Moderatoren hatten 15 Minuten freie Sendezeit erspielt und sie genutzt, um ein Schlaglicht auf sexuelle Übergriffe gegen Frauen zu werfen.
Die Autorin und Journalistin Sophie Passmann führte in dem ab 20.15 Uhr gezeigten Beitrag - im Auftrag von Joko und Klaas, wie sie sagte - durch eine fingierte Kunstausstellung namens Männerwelten, um verschiedene Facetten des Themas anzusprechen.
„Es wird hart, es wird bitter und für manche kaum zu glauben, aber wir müssen da jetzt gemeinsam durch“, sagte Passmann zu Beginn.
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/viel-lob-fuer-maennerwelten-joko-und-klaas-sorgen-mit-sendung-ueber-maennergewalt-fuer-aufsehen/25830288.html

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tizian2011 14.05.2020, 17:25 Uhr
Das waren extrem intensive und verstörende 15 Minuten. Meinen Respekt vor den dort aufgetretenen Frauen und den vielen Frauen, die all dies erleiden. Ich schäme mich für das aufgezeigte menschenverachtende Verhalten meiner Geschlechtsgenossen.


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NancyAyram 14.05.2020, 18:56 Uhr
Als Ü60 Frau habe ich mir heute diese Sendung angeschaut. Auch ich wurde in meinem Leben öfter mal blöd angemacht und auch hin und wieder sexuell belästigt. Selbst jetzt noch ... von notgeilen Ü70-Männern. Das war mal mehr mal weniger angenehm. Meistens konnte ich das wegstecken oder habe andere Lösungen gefunden. Wenn ich das aber sehe, womit sich junge Frauen heutzutage rumschlagen müssen, dann bin ich wirklich schockiert. Irgendwie habe ich das Gefühl, in der Beziehung zwischen Mann und Frau gibt es echt Rückschritte. Und irgendwie bin ich froh, heute nicht mehr jung zu sein.


Männerwelten - Belästigung von Frauen | Joko & Klaas 15 Minuten Live
https://youtu.be/uc0P2k7zIb4

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PaulBär

Wir leben im 21. Jahrhundert - in einer eigentlich kultivierten Gesellschaft (denkt man zumindest). ...


25,816 Comments (15.05.2020)

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[...] Die Faustregel ist: Je exponierter die Frauen, desto mehr Angriffe. Und je auffälliger die Frauen, desto heftiger die Attacken. Bei sexualisierten Angriffen geht es nicht um Sex, sondern um Macht. Sie wirken besonders perfide: Nicht der Täter schämt sich, sondern das Opfer. In der Regel die Frau. Sicher, auch Männer sind davor nicht gefeit – aber es trifft sie sehr viel seltener. Frauen hingegen: Fast die Hälfte aller Frauen hat schon einmal sexuelle Belästigung erfahren. Jede dritte erlebt im Laufe ihres Lebens Gewalt, heißt es in einem Papier des Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen. Auch im Netz seien Frauen überproportional von unterschiedlicher Gewalt betroffen.

Ich musste an die finnische Journalistin Jessikka Aro denken. Aro hatte über russische Einflussnahme und Trollfabriken in Sankt Petersburg publiziert. Daraufhin wurde eine massive Kampagne online gegen sie gestartet. Sie erhielt Morddrohungen, Beleidigungen, Schmähungen, Vergewaltigungswünsche, Anrufe, E-Mails, Chatnachrichten. Ihre Krankenakte wurde veröffentlicht. Textnachrichten im Namen ihres Vaters erreichten sie – der aber war vor Jahren gestorben. Als ich sie vor einigen Jahren in Helsinki traf und wir uns über ihren Laptop beugten, poppten immer noch Beleidigungen auf dem Schirm auf, die ihr gerade jemand bei Facebook geschickt hatte.

Aro hat Anzeige erstattet, ihre Geschichte wurde zum Präzedenzfall in Finnland, ihr Arbeitgeber, der Chefredakteur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Yle, hat sie unterstützt. Damals sagte er mir, dass die unterschiedlichsten Themen plötzlich heftige Hasswellen bei den Zuschauern auslösen konnten: Klima, vegetarisches Essen, Russland, Feminismus. Die einzige Gemeinsamkeit: Es traf immer Frauen. Immerhin: Im Falle Aro nahm die Polizei die Ermittlungen ernst. Drei Personen wurden verurteilt.

Vor einigen Jahren, noch bevor ich über den Krieg in der Ostukraine oder Russland zu schreiben begann und selbst gelegentlich zur Zielscheibe wurde, hatte ich mein Büro neben dem von Özlem Topçu. Manchmal las sie mir die Leserbriefe vor, die sie erreichten, wenn sie wieder einen Leitartikel geschrieben hatte. Von Professoren, die stets ihren Titel nannten, sie siezten – und im Folgenden empfahlen, nach Anatolien zurückzukehren. Briefe, die im Ton höflich waren, aber in der Sache rassistisch und infam. Schreiben, die ihr ankündigten, man werde in der "Nacht der langen Messer" schon noch mit ihr abrechnen, leitete sie die direkt an die Anwälte weiter. Ohne Erfolg.  Eine "alternative" Internetseite zeigte ihr Foto mit der Überschrift: "Deine Vagina gehört allen." Natürlich nicht justiziabel. Es war widerlich. Es war normal. Es schien dennoch irgendwie erträglich – es waren immerhin nur Worte, keine Taten.

Irgendwann lud mich Özlem zu Hate Poetry ein. Deutsche Journalisten und Journalistinnen, die arabische und türkische Namen trugen, lasen vor Publikum die irrsten Leserbriefe vor, die sie erreichten. Es war fantastisch und ungeheuer befreiend, sich die Deutungshoheit und die Macht über die Kränkungen zurückzuholen. Ich habe damals Tränen gelacht, neben mir rutschte jemand aus seinem Sitz, weil ihn sein Lachen so schüttelte. Auf einmal offenbarte sich die ganze Erbärmlichkeit und Lächerlichkeit dieser Schreibtischtäter, die sich in langen Briefen und E-Mails darüber ausließen, wer Kamele ficken solle und wer durchgefickt gehöre. Deshalb ist auch die Sendung Männerwelten so wichtig: Die Frauen schicken den ganzen Dreck zurück, vor einem gigantischen Publikum.

Die Übergriffe, von denen die Frauen erzählt haben, wie sie im Taxi oder im Fahrstuhl bedrängt, angefasst wurden, ist natürlich eine ganz andere, eine fürchterliche Erfahrung, die angezeigt werden muss. Aber es tat gut zu sehen, wie sich Journalistinnen und Journalisten gemeinsam gegen Worte zu Wehr setzten, gegen die Anzeigen nicht verfangen. Wie sie zusammenstehen und sich mit dem Publikum verbünden. Es gehe darum, die Scheiße in die Umlaufbahn zurückzuschießen, sagte mein Kollege Yassin Musharbash damals. Er hatte so recht. Diese Methode stärkt, sie tröstet. Doch es gibt ein Problem: Sie schafft die Beleidigungen und Schmähungen nicht aus der Welt. Die Umlaufbahn ist derzeit reichlich zugeschissen.


Aus: "Fünf vor acht / "Männerwelten": Den ganzen Dreck zurückschicken" Eine Kolumne von Alice Bota (15. Mai 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-05/maennerwelten-sexuelle-belaestigung-frauen-joko-und-klaas

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Hannah L. #2

Mir ist bewußt, niemand will es hören - in einer durchpornographisierten Internet- und Werbewelt, dazu, hier im Land, in einer Welt, in der es normal ist, daß Männer nur mit einem kleinen Geldschein zu winken brauchen, um an der Straßenecke sexuell bedient zu werden, und diese Tatsache von der politischen Schickeria für o.k. gehalten wird, wundere ich mich nicht sehr, daß manche Armselige austicken!
Der Komplexität heutiger Schnittmengen zwischen digitaler und analoger Welt sind ohnehin manche Zeitgenossen nicht gewachsen.


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Zangenzug #6

Schlimmer als die eigenen scheußlichen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen ist die Traurigkeit über die Verbreitung dieser selbstgerechten, feigen Primitivität in einer gebildeten Gesellschaft, die sich eigentlich für zivilisiert hält. Erschütternd der offensichtliche Widerspruch zum eigenen Bild des „starken Mannes“, das sich durch Macho-Verhalten überdeutlich selbst entlarvt.


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cgoise #12

Ich verstehe die Psychologie hinter dieser Form männlichen Verhaltens noch nicht so ganz. Man muss ja davon ausgehen, dass jede weit verbreitete Verhaltensweise das Ergebnis von sozialen, biologischen oder evolutionären Belohnungsprozessen. Eine Verhaltensweise, die nicht zum Erfolg führt, stirbt irgendwann aus. Aber wie sieht wohl die erwartete Belohnung im Erfolgsfall aus, wenn man zB jemandem ein Dickpic schickt? (Bis gestern oder so wusste ich nicht mal, dass das eine Sache ist für die man ein Wort braucht.) Oder wenn man eine Person als 'Hure' bezeichnet, deren Verhalten das genaue Gegenteil dessen ist, das mit dieser Bezeichnung gemeinhin unterstellt wird? Womit genau wird dieses Verhalten belohnt? Welche Art von Glücksgefühl stellt sich da ein?


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fiete.hansen #12.2

" Mann weiß, dass sowas unter aller Sau ist...."

Das wage ich zu bezweifeln, denn dazu würde Selbst/-reflexion und Empathie gehören.


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Der Korrektor #12.4

"Womit genau wird dieses Verhalten belohnt?"

Es gibt keine direkte Belohnung. Menschliches Handeln ist zu großen Teilen symbolisches Handeln, bei dem eine Übertragung der realen Handlung auf eine analoge symbolische Form stattfindet. ...


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Zangenzug #12.5

Das ist der Max-und-Moritz-Effekt, der eben auch den sozialen Reifegrad der kleinen Supermänner zeigt. Das dazugehörige Gefühl kennt jeder: Schadenfreude. Zivilisierte Menschen versuchen sie zu zügeln, simple, ängstliche und feige Gemüter zehren davon.


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.Anne. #19

Eine Veröffentlichung ist der richtige Weg, denn der Hass trifft vielleicht einzelne Personen, gemeint sind aber alle Frauen. Vor dem Licht der Öffentlichkeit erscheinen diese Drohungen dann als das was sie sind: die letzten Zuckungen armer Würstchen, deren chauvinistische Männlichkeit der Vergangenheit angehört!


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« Last Edit: May 15, 2020, 11:52:23 AM by Link »

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Rachel Cusk (geboren 8. Februar 1967 in Saskatoon, Kanada) ist eine englische Schriftstellerin.
https://de.wikipedia.org/wiki/Rachel_Cusk

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[...] Ihr Mann hatte seinen Job als Anwalt aufgegeben, um sich um die beiden Töchter zu kümmern und seiner Frau das Weiterschreiben zu ermöglichen. Jetzt kehrt sich alles um. Die Autorin pocht auf ihre Rechte als Mutter, möchte die Kinder alleine bei und für sich behalten. Der Schmerz der Trennung schlägt um in ein Gefühl von Verlorenheit.

Rachel Cusk gibt keine Erklärungen: Wir erfahren nichts über den Verlauf der Ehe, kaum etwas über die Gründe des Auseinanderbrechens. Das Chaos regiert. Was sich auch in der vermeintlichen Formlosigkeit des Buches zeigt: Alltagsepisoden aus dem neuen Leben stehen neben Exkursen zur "Orestie", in der das gegenwärtige Wahrnehmen einen Rahmen erhält; das Ziehen eines Backenzahns bekommt etwas Symptomatisches; die Besuche bei dem Therapeuten Y sind verwoben in die zermürbenden Gespräche mit X (dem Ex) und der glücklosen Kommunikation mit einem neuen Mann Z. Das Selbstverständnis als Frau ist in eine Schwebe geraten, die Frage, was feministisch sei, welche Rolle das Geschlechterverhältnis spielt, blitzt immer wieder auf.

... Das Schönste und Traurigste, das Provokative an diesem fordernden, herausfordernden Buch – es gibt keine Eindeutigkeit, keine Gerechtigkeit, kein Wahr und Falsch. Nichts scheint hier nachvollziehbar. Es ist eine Offenheit darin zu spüren, die doch das meiste verdeckt. Wir kommen den Protagonisten – Rachel Cusk selbst und schon gar ihrem Mann – keinen Schritt näher.

Es gibt Denkbewegungen in diesem Buch, die für sich genommen klug und manchmal geradezu erhellend sind, bilderreich und sprachlich brillant – auch großartig übersetzt von Eva Bonné. Aber wenn überhaupt, dann illustrieren sie diesen Moment der Leere, der verzweifelt gefüllt werden muss. In der neuen Formlosigkeit sucht der Essay nach Form, und er findet sie nur in der antiken Sagenwelt oder in kleinen Anekdoten, die scheinbar zusammenhanglos erzählt werden.

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Aus: "Rachel Cusks Operation am offenen Herzen: "Danach – Über Ehe und Trennung"" Ulrich Rüdenauer (12. Mai 2020)
Quelle: https://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/rachel-cusk-danach-ueber-ehe-und-trennung-buch-rezension-100.html

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[...] Es ist der Stoff, aus dem das Kino seine besten Filme bezieht: Eine Ehe zerbricht. Was folgt, ist ein Schlachtplatz der Emotionen, den nur gnädige Geister euphemistisch als Rosenkrieg bezeichnen. Gütliche Trennungen, allemal wo Kinder mit im Spiel sind, dürften bis heute in der Minderzahl sein. Die meisten Paare mutieren zu erbitterten Kontrahenten und bekämpfen sich aufs Schärfste.

Auch Rachel Cusk, der neue Star der amerikanischen Gegenwartsliteratur, musste das am eigenen Leib erfahren – und hat darüber schon 2012 ein Buch geschrieben, das nun unter dem Titel „Danach“ endlich auch auf Deutsch vorliegt.

Der Titel ist programmatisch. Denn Cusk, die sich hierzulande spätestens 2019 mit einem autobiografischen Essay über das Kinderkriegen und Mutterwerden einen Namen gemacht hat, liefert in „Danach“ keine schlichte Chronik ihrer eigenen Trennung. Ausgehend vom Scheitern der eigenen Ehe, reflektiert Cusk vielmehr in grundsätzlicher Weise über jene Themen, die von Anfang an im Zentrum ihres schriftstellerischen Werkes stehen: die Suche nach (weiblicher) Identität, die Frage nach der Erzählbarkeit des eigenen Lebens, das widersprüchliche Bedürfnis nach Sicherheit und Freiheit zugleich.

Das klingt nach kommoden Themen. Doch Cusk schreibt schon in diesem frühen Band mit analytischer Schärfe und vehementer Offenheit zugleich. Die Kinder reklamiert sie für sich – und wundert sich, wo diese archaische Ketzerei sich all die Jahre in ihrer vermeintlich gleichberechtigten Ehe versteckt hat.

In einem bewusst fragmentarisch angelegten Mix aus Autobiografie und Meta-Reflexion begibt sie sich auf Spurensuche: befragt das überkommende Rollenbild ihrer Mutter; trauert um die eigene verleugnete Weiblichkeit; ahnt, dass ihre lang gehegte Emanzipation als Schriftstellerin mit einem Mann, der ihr zuliebe auf den Beruf verzichtet hat, am Ende womöglich nur eine Art beidseitiger Crossdressing war.

Denn noch immer, so resümiert Cusk, ist es die berufstätige Mutter, die Verrat am Gründungsmythos der Zivilisation begeht.

Cusk greift nicht zuletzt deshalb in „Danach“ auf die griechischen Dramen zurück. Mit erfrischender Kühnheit, die sich um political correctness keinen Deut schert, postuliert sie das menschliche Bedürfnis nach Krieg und beklagt die Verpaarung der Gesellschaft. Sie ruft: Zum Teufel mit der Scheinheiligkeit der Heiligen Familie. Und erhebt zu ihrem role model die mit Blut befleckte Klytaimnestra, die einzig durch einen Akt der gewaltsamen Trennung die rettende Integrität zurückgewinnen kann.

Es ist dieser Moment, in dem das Danach und der Auftakt für das Neue in eins fallen, den Cusk zelebriert.

Als „Danach“ 2012 im Original erschien, wurde Cusk dafür öffentlich angefeindet, vor allem von Frauen, und mutierte zur meistgehassten Autorin. Fortan mutierte auch ihr Stil: Das Autobiografische war nun darin präsent und verborgen zugleich. „Danach. Über Ehe und Trennung“, erneut in der gelungenen Übertragung von Eva Bonné, bietet insofern doppeltes Lesevergnügen: hochaktuelle Lektüre und den Schlüssel zum Werk einer großartigen Autorin.

Rachel Cusk: „Danach. Über Ehe und Trennung“. Essay
Aus dem Englischen von  Eva Bonné
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
187 Seiten, 22 Euro



Aus: "Rachel Cusk: „Danach. Über Ehe und Trennung“Zum Teufel mit der Scheinheiligkeit" (16.05.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/rachel-cusk-danach-ueber-ehe-und-trennung-zum-teufel-mit.950.de.html?dram:article_id=476792

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[...] Cusk bringt nicht feministische Theorien in Stellung, sie legt sich eher mit solchen Dogmen an, spricht von "gepanschten männlichen Werten", die ihr beigebracht worden seien. Es sind klischeehafte Bilder, die Cusk im Kopf hat und gegen die sie rebelliert, die aber ebenso oft auch als Ideal fungieren, wenn sie in den Blumenladen als Hort beschützter Weiblichkeit geht oder für die Kinder mühsam Normalität herzustellen versucht. Denn ist die Ehe als schützende Form kaputt, tritt an ihre Stelle erst ein Chaos. "Ist es männliche Aufmerksamkeit, die ich suche, oder männliche Autorität?", fragt sie sich beim Psychoanalytiker und hat mäßig gute Dates oder holt sich einen Mitbewohner ins zu groß gewordene Haus.

Cusk kreist um Aspekte von Unterwerfung und Romanze, sucht Vergleichswerte. Sie erzählt von Klytaimnestra, die in der Orestie während Agamemnons Abwesenheit die Geschäfte geführt und so das Konzept von männlich und weiblich als Lüge enttarnt habe, von ihrer bis zum Tod offenbar mäßig glücklich aber dennoch eisern verheirateten Tante und dass sie Freundinnen ihrer Tochter nicht mag, da in deren Gegenwart Eigenarten des Kindes verschwänden.

Seit der Erstveröffentlichung auf Englisch hat der Mutterdiskurs Fahrt aufgenommen, etwa mit Maggie Nelsons Die Argonauten, Sheila Hetis Mutterschaft oder der Debatte zu "regretting motherhood". Ergibt es also Sinn, nun diese Bücher noch zu übersetzen? Schon, leben sie doch nicht von Antworten, sondern vom Hadern, Zweifeln und einer Ambivalenz, die nicht klar auf einen Nenner zu bringen ist, die aber ein Unbehagen ausdrückt. Wenn Cusk hinsichtlich des Endes ihrer Ehe feststellt: "Ich schaue mich um und sehe meine Familie wie durch eine millionenfach gesplitterte Glasscheibe", weiß man nicht, ist das abgedroschen oder akkurat? Vielleicht ist es beides. Sympathisch jedenfalls will Cusk nicht sein. Das dient der Debatte. (Michael Wurmitzer, 7.5.2020)


Aus: "Rachel Cusk: Mutterschaft als Zumutung, Scheidung als Befreiung" Michel Wurmitzer (7. Mai 2020)
Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000117320471/rachel-cusk-mutterschaft-als-zumutung-scheidung-als-befreiung

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Secrets of Perfection, 7. Mai 2020, 14:00:10

Klingt nach Wohlstandsverwahrlosung im Endstadium.  ...


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[...] Man muss Cusks düsteren Analysen nicht ins Letzte folgen, um ihrem Versuch, „aus dem Leid zu lernen“ und der ewigen Unzulänglichkeit alles Menschlichen gerecht zu werden, höchste Achtung zu zollen. Danach ist ohne Zweifel ein Meisterwerk des autofiktionalen Essays, das mehr schmerzt, als man es wahrhaben möchte, das aber an Stellen versöhnt, an denen man es am wenigsten vermuten würde.


Aus: "Der Ehemann ist nackt" Tom Wohlfarth (Ausgabe 17/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/tom-wohlfarth/der-ehemann-ist-nackt

« Last Edit: May 20, 2020, 12:06:54 PM by Link »

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[...] Sie sind seit Jahren immer wieder Topthema in Männermagazinen. Das Internet liefert Bauanleitungen, Tipps und Tutorials für die richtige Einrichtung. Was früher als Bastelraum und Modelleisenbahn im Keller eher den Ruf piefiger Altherrenkultur hatte, ist mittlerweile unter dem sehr viel opulenter klingenden Begriff Man Cave zum popkulturellen Biotop gewachsen, das sogar die Wissenschaft interessiert. Wieso haben Männer, die ohnehin den mit Abstand größten Teil des öffentlichen Raums für sich beanspruchen, ein Bedürfnis, sich einen Rückzugsort zu schaffen? Um ihr langsam erodierendes Patriarchat zu schützen? Um weiter in Ruhe Zoten reißen zu können?

Das wollte auch Tristan Bridges wissen. Der Soziologe von der kalifornischen Universität in Santa Barbara erforscht seit fast fünf Jahren diese Kultstätten maskuliner Identität. Die zentrale Regel der Höhlen: Hier entscheidet allein der Mann über die Einrichtung und die Frage, wer reindarf und wer nicht. In der Man Cave findet der Mann einen Rückzugsort vor seiner Familie und darf ungezügelt er selbst sein – so preisen es zumindest die Herrenmagazine an, als habe der Mann sonst gar nichts mehr zu melden. Und dank sozialer Medien wird mit den Zimmern nicht mehr nur vor Bekannten geprahlt, sondern zunehmend auch vor der Öffentlichkeit des Internets.     

Bridges ist durch weite Teile der USA gereist, hat Dutzende Man Caves besichtigt. Er hat Flachbildfernseher größenwahnsinnigen Ausmaßes gesehen, Poster von nackten Models und Schilder mit der Aufschrift "keine Frauen erlaubt". "Einer riss im WC zu seiner Man Cave die Toilette raus und baute stattdessen ein Pissoir ein", erinnert sich der Soziologe. "Jetzt können hier nur noch Männer pinkeln!", begründete das der Eigentümer. Das Urinal hatte die Form von roten Frauenlippen. Man Caves stehen wegen solcher Geschichten häufig unter Sexismusverdacht.

Solch dumpfer Chauvinismus sei jedoch eine Seltenheit, sagt Bridges. Häufiger stoße er auf Männer, die mit ihrem Bild von Maskulinität ringen. Bridges unterscheidet drei Höhlentypen. Jeder von ihnen kann für eine eigene Weise stehen, wie Menschen mit dem Konzept Männlichkeit heute umgehen.

Die Man Caves älterer Herren sind für gewöhnlich bestimmten Hobbys gewidmet, die oft eher zu kleinen Jungs passen – Spielzeugautos, Modellflugzeuge. Einmal stand der Soziologe in einer Männerhöhle voll mit Puzzles. Als er nachhakte, ob er bereits in der Man Cave sei, antwortete der Eigentümer: "Machen Sie Witze? Natürlich! Meine Frau würde mich niemals so viele Puzzles rumliegen lassen." In so einer Umgebung lasse sich die Frage, was es bedeutet, ein erwachsener Mann zu sein, einfach verdrängen, sagt Bridges. 

Die zweite Gruppe bilden gleichgeschlechtliche Paare und Man Caves, die sich Frauen eingerichtet haben. Die Höhle ist hier meist ein ironisches Spiel mit Geschlechterstereotypen nach dem Muster: Wer sich mehr für Sport begeistert, ist offensichtlich der Mann in der Beziehung.

In der letzten, wohl stärksten Gruppe finden sich die Höhlen junger heterosexueller Männer. "Schreine für das Alleinsein" nennt sie der Wissenschaftler, obwohl sie oft so gestaltet werden, als würden bald viele Menschen zu Besuch kommen. Sie sind Symptom einer Orientierungslosigkeit. Die Man Caves sind meist unfertig und unbenutzt. So wie bei dem jungen Mann, der Bridges stolz die Bar in seiner Garage präsentierte. Doch alles, was der Forscher sah, waren zwei Mülltonnen mit einem Holzbrett obendrauf. Später erfuhr er von der Partnerin des Mannes: "Das sieht schon seit Jahren so aus."

Lange Zeit stand der Mann unangefochten an der gesellschaftlichen Spitze, hatte es sich dort bequem gemacht und keinen Anlass, das zu hinterfragen. Als Kopf der Familie, Firmenchef, Staatsoberhaupt. Dann kam die Emanzipation und zeigte ihm in den vergangenen Jahrzehnten, dass er seine Privilegien nicht mehr exklusiv für sich beanspruchen kann.

Um die Logik hinter der Man Cave zu verstehen, hilft ein Blick auf ihre Vorläufer, etwa auf den Playboy. Im Dezember 1953 erschien das Heft zum ersten Mal. Fälschlicherweise ausschließlich für ein Nacktmagazin gehalten, legten gleich die ersten Ausgaben neben den Bildern von Frauen den Schwerpunkt auf Inneneinrichtung, auf Teppichmuster und Beistelltischchen.

Der Einfluss war enorm, erklärt Bridges. Schlagartig stattete selbst der Durchschnittsvater aus der US-amerikanischen Mittelschicht seine Wohnungen mit avantgardistischen Möbelstücken aus. Die Architekturprofessorin Beatriz Colomina von der Princeton-Universität stellt die These auf, "Playboy hat mehr für die Verbreitung moderner Architektur in den Vereinigten Staaten getan als das Museum of Modern Art in New York und jede Art von Designmagazin".

Eigentlich war es den gängigen Rollenzuschreibungen der Fünfzigerjahre nach völlig undenkbar, dass sich ein heterosexueller Mann für Inneneinrichtung begeistert. Der Playboy umging die Stigmatisierung, indem er die Möbel immer mit Technologie, Alkohol oder Frauenverführung in Verbindung brachte – etwa indem er schicke Lautsprecher präsentierte oder eine Minibar. Und falls doch noch Zweifel an der Männlichkeit der Leserschaft aufkamen, lieferten die Nacktbilder im Heft das perfekte Alibi. "Die heterosexuelle Erotik garantierte, dass der Playboy kein Frauen- oder Schwulenmagazin war", schreibt der Queer-Theoretiker Paul Preciado in seinem Buch Pornotopia.

Bauten US-amerikanischer Designgrößen wie Ludwig Mies van der Rohe und Frank Lloyd Wright waren regelmäßig Thema im Magazin. Bauhaus-Gründer Walter Gropius gestaltete sogar einen Nachtclub im Auftrag von Playboy-Chef Hugh Hefner. 1956 veröffentlichte das Heft gar den Entwurf einer komplett für moderne Junggesellen eingerichteten Wohnung. "Der überwältigende Anteil der Heime wird von Frauen ausgestattet", beklagt der begleitende Artikel die Situation der damaligen Männer. Dem setzte Hefner großräumige Multifunktionszimmer entgegen, die wahlweise fürs Feiern, Homeoffice oder Sex nutzbar waren. Im Playboy-Penthouse könne der Leser endlich "in maskuliner Eleganz leben".

Vom kulturellen Einfluss des Magazins ist heute nur noch wenig zu spüren, die Auflage schwindet. Aber dessen Weltbild bildet die Grundlage für die Man Caves. Der Mann, der es gewohnt war, alles selbst zu gestalten, fühlte sich zu Hause in der Entscheidungsfreiheit beschnitten. Und wenn er schon nicht die gesamte Wohnung gestalten konnte oder wollte, so doch wenigstens den privaten, kleinen Rückzugsraum, der dann zur Männerhöhle wurde. Je mehr die Arbeitswelt und auch die sonstigen Gesellschaftsbereiche dank der Errungenschaften des Feminismus kein exklusives Vergnügen des Patriarchats mehr waren, desto mehr gewann dieser Raum an Bedeutung.

Bleibt die Frage, warum die Man-Cave-Projekte junger Männer trotzdem so oft unvollendet bleiben. Manchmal fehlt das Geld. Oft liegt es daran, wie Männer mit sozialen Beziehungen umgehen. Fast immer komme dieser peinliche Moment, sagt Höhlenforscher Tristan Bridges. Dann stelle sich heraus, dass die mit einer improvisierten Biertheke oder einem Heimkino für zig Personen ausgestatteten Räume noch nie benutzt wurden. Die Ausrede laute oft, dass die Man Cave ja noch nicht fertig sei. "Aber wenn ich fertig bin, wird das hier der Treffpunkt für all die Jungs in der Nachbarschaft", höre der Forscher häufig.

Der Soziologe kenne das Muster schon. "Welche Freunde genau werden kommen?", frage er danach für gewöhnlich. Stück für Stück komme dann heraus, dass diese Männer überhaupt keine Freunde haben. Weil sie sich entweder auf ihre Arbeit konzentrieren und deshalb keine Zeit haben. Weil sie sich um ihre Familie kümmern. Weil die alten Freunde aus der Schul- oder Unizeit irgendwann weggezogen sind und die Männer diese Lücke nie wieder schließen konnten. 

Einige der Man-Cave-Eigentümer suchen zumindest im Internet nach Kontakt. In Foren tauschen sich die Männer über ihre aktuellen Projekte aus. Ein Nutzer hat ein Foto seiner Garage geteilt. Alles was man sieht, ist ein von der Decke hängender Boxsack und ein Gartentisch. Darauf liegt eine Packung mit Dosenbier und eine zusammengeknüllte Flagge der Vereinigten Staaten. "Ich bin vor ein paar Monaten eingezogen", schreibt der Eigentümer. "Bald werde ich diesen Ort noch viel mehr badass machen." Ein anderes Zimmer ist komplett vollgestellt mit leeren Stühlen, jeder in einer anderen Farbe, einer ist aufblasbar. "Es ist nicht viel, aber nach einer zwölfstündigen Krankenhausschicht ist das mein Rückzugsort", kommentiert der Nutzer.

Alle diese Zimmer sind menschenleer.


Aus: "Einsame Höhlenbewohner" Markus Lücker (21. Mai 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-05/man-caves-moderne-maennlichkeit-sexismus/komplettansicht

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Betta-Splendens #9

Eine Kellerbar hatte in unserem Dorf praktisch jeder seit den 70er Jahren oder so. Die wurde halt für Geburtstagsfeiern, Fußball-WM oder sonstige Feieranlässe genutzt. Nicht eben ein tagesaktueller Trend.


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Die Alternative zur Alternative #7

Was dem Mann die Männerhöhle oder das Herrenzimmer ist der Frau das Glamourzimmer und das von ihr gestaltete und dominierte Wohnzimmer. So viel hat sich jetzt auch nicht geändert.


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Mgagre #13

Bei uns hieß das "Papas Arbeitszimmer".


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M.Aurelius #16

Diese stereotypen Dichotomien ala Mann vs. Frau nerven nur noch. Auf der einen Seite beklagt man die platten Geschlechterklischees, auf der Seite werden sie bei jeder sich bietenden Gelegenheiten aus der Schublade gezerrt, um das wohlige Gefühl der Bestätigung der einen und die Entrüstung der anderen zu erzeugen. Dabei ist das Resultat nur Langeweile, denn der Reigen der platten Artikel lässt sich fast unbegrenzt fortsetzen: warum Männer nicht kochen und Frauen nicht autofahren können, warum Männer dümmer, Frauen weniger schlau sind und warum Männer die besseren Frauen und Frauen die besseren Männer wären.


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[...] Elon Musk ist immer für eine Kontroverse gut, mit einem aktuellen Tweet ist ihm aber etwas gelungen, was noch vor kurzem undenkbar schien: Mit einer Referenz auf den Begriff "Red Pill" hat er selbst manche seiner treuesten Fans verärgert. Handelt es sich dabei doch um einen Begriff, der sonst vor allem von Männerrechtlern und anderen Frauenhassern benutzt wird.

In der aktuellen Situation bedient Musk damit aber auch jene Gruppe von Verschwörungstheoretikern, die sich als die "Erleuchteten" inmitten einer durch eine liberale Elite geblendeten Mehrheit verstehen. Dass Ivanka Trump, Tochter von US-Präsident Donald, die Nachricht umgehend mit dem Hinweis, dass sie die rote Pille bereits genommen habe, retweetete, zeigt ebenfalls gut, in welchen Kreisen man ein solches Weltbild pflegt.

"Red Pill" ist eine Referenz auf den Science-Fiction-Film "Matrix". In einer zentralen Szene muss sich der Protagonist Neo zwischen der Realität und einer vorgespiegelten, aber bequemeren Simulation entscheiden muss. Eine der beiden Regisseurinnen des Films macht nun aber ziemlich unmissverständlich klar, dass sie ein Problem mit der Instrumentalisierung dieser Szene für solche politischen Zwecke hat.

"Fuck both of you", formuliert es Lilly Wachowski in einer Antwort auf Musk und Trump. In einem darunter geposteten Tweet ruft sie ihre eigenen Fans dann noch dazu auf, für die Brave Space Alliance zu spenden, eine Organisation, die sich für Trans- und nichtgenderkonforme Personen einsetzt.

Doch Wachowski ist nicht die einzige prominente Kritikerin von Musk. Auch aus dem direkten Umfeld des Space-X-Chefs gab es deutliche Worte. So reagierte Sandy Garossino, Mutter der Musikerin Grimes und damit von Musks aktueller Lebensgefährtin, ebenfalls ziemlich deutlich. In einem mittlerweile gelöschten Tweet warf sie die Frage auf, wie jemand, dessen Partnerin gerade erst eine schwierige Schwangerschaft hinter sich gebracht hat, auf Twitter "Männerrechtsscheiße" posten kann. (red, 22.5.2020)


""Red Pill" - "Matrix"-Regisseurin zu Elon Musk und Ivanka Trump: "Fuck both of you"" (22. Mai 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000117632248/matrix-regisseurin-zu-elon-musk-und-ivanka-trump-fuck-both

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[...] Die Wut bleibt, auch ohne Opferrolle. Geschichten von Betroffenen sexueller Gewalt können anders erzählt werden, findet unsere Autorin Gilda Sahebi.

In ihrem Buch „King Kong Theorie“ schreibt die französische Feministin Virginie Despentes darüber, wie sie mit 17 von drei Männern vergewaltigt wurde. Was sie über ihr Leben nach der Vergewaltigung erzählt, ist bei mir in besonderer Erinnerung. In unserer Gesellschaft, so Despentes, lernen Frauen, schwach zu sein, sobald sie angegriffen werden. Sie schreibt: „Eine Vergewaltigung hat als ein traumatisches Ereignis Spuren zu hinterlassen, die man möglichst sichtbar und dekorativ zur Schau trägt: Angst vor Männern, Angst vor Dunkelheit, Angst vor Unabhängigkeit.“

An diese Sätze denke ich, als ich das Video „Männerwelten“ sehe. 15 Minuten Länge, beste Sendezeit auf Pro7, Millionen Menschen haben dieses Video inzwischen im Netz gesehen; den Sendeplatz stellten die Entertainer Joko und Klaas zur Verfügung, waren aber an der Erstellung des Videos nicht beteiligt.

Das Video zeigt Frauen, die sexuelle Belästigung, Missbrauch, Vergewaltigung erlebt haben. Sie sind umgeben von Dunkelheit. Ich sehe bewegungslose Frauen, als seien sie starr vor Angst. Diese Frauen, in diesem dunklen Raum, in diesem Keller, fast wie Puppen. Starr vor Angst? Starr vor Wut? Ich sehe Frauen vor mir, die Opfer sind. Opfer von Männern. Die wohl älteste Erzählung der Geschichte. Einer Geschichte, die von Männern erzählt wird. Und wir glauben sie.

Für mich bringt es „Männerwelten“ wieder hoch: das Gefühl, Opfer zu sein. Ich spüre wieder diese Scham. Sie begleitete mich jahrelang, seit jenem Tag, an dem ich erlebte, was Sex sein kann. Ein Mittel der Gewalt. Ein Mittel der Demütigung. Ein Mittel der Macht. Scham. Sie kroch damals in mich hinein, in meinen Körper, in meinen Geist. Machte mich krank. Zahllose Krankenhausaufenthalte, ratlose Ärzte, ich galt als austherapiert, unheilbar. Ich wusste nicht, dass es das Gefühl war, der Welt ausgeliefert zu sein, und die Angst, die meinen Körper krank machten.

In dem Moment, in dem es passiert – sexueller Missbrauch, Belästigung, Hass –, sind wir Opfer. Aber wie lange sollen wir in der Rolle bleiben? Einen Monat? Ein Jahr? Ein ganzes Leben? So lange, wie es sich in unserer männerdominierten Gesellschaft gehört? Müssen wir die Opferrolle immer wieder reproduzieren?

Ich hatte der Erzählung geglaubt. Jahrelang. Ich bin Opfer von Männern. Opfer meiner Geschichte. Opfer meiner Umstände. Die bösen Männer. Sie bringen Scham, bringen Schmerz. Mein Glück, meine Gesundheit, meine Unversehrtheit hängen davon ab, was Männer tun, wie sie sich verhalten, ob sie Frauen respektieren oder nicht. Ich war wütend.

Ich war wütend, wenn ein Oberarzt uns Medizinstudentinnen alle „Uschi“ nannte, weil er keine Lust hatte, sich die Namen von uns Frauen zu merken, während die Männernamen ihm problemlos über die Lippen gingen. Ich war wütend, wenn ein Redakteur mir nächtliche Nachrichten von der Hotelbar schrieb, er denke an mich, er könne viel für mich und meine Karriere tun, wenn ich wollte.

Ich war wütend, wenn ein Mann im Park seinen Penis entblößte und mit ihm vor mir herumwedelte. Ich war wütend, wenn ein Journalist mir, der Praktikantin, abends in einer Bar betrunken die Zunge in den Hals steckte und ich ihn wegstoßen musste, damit er aufhört. Ich war wütend, empört, schockiert. Nur: Hinter all der Wut steckte stets das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Wütend zu sein, aber machtlos. Selbst wenn ich anderen davon erzählte. Selbst wenn ich mich wehrte. Ich blieb in der Opferrolle.

In unserer Gesellschaft wird von Frauen verlangt, dass sie sich auch wie Opfer verhalten, wenn sie Opfer geworden sind. Eine Frau die, wie Virginie Despentes, beim Trampen vergewaltigt wird und auch nach der Vergewaltigung weiter trampt? Unerhört. Sie hat keine Angst? Sie hat aber Angst zu haben.

Eine Frau, die sexuellen Missbrauch erlebt hat und weiter Lust auf Sex und Promiskuität hat? Unerträglich. Sie ist nicht erschüttert? Sie hat aber erschüttert zu sein. Eine Frau, die vergewaltigt wurde und vor Gericht nicht weint, nicht verängstigt, nicht traumatisiert auftritt? Unglaubwürdig. Sie ist nicht zerstört? Sie hat aber zerstört zu sein.

Eine „starke“ Frau ist eine Frau im Gegensatz dazu nur, wenn sie erfolgreich alle Rollen ausfüllt, die sie auszufüllen hat, und das, ohne sich zu beschweren. Aber warum brauchen wir überhaupt die Bilder von „starken“ Frauen? Warum benutzen wir das Wort „stark“ bei Männern nur, wenn wir sagen wollen, dass sie Muskeln haben? „Frau“ alleine reicht nicht, um mit Stärke in Verbindung gebracht zu werden. Sagen wir nur „Frau“, liegt der Gedanke an Schwäche näher als an Stärke. Das ist die Erzählung.

Als ich ganz unten, im Keller, in der Dunkelheit angekommen war, gezeichnet von Krankheit, lebensmüde, starr, bewegungslos, fragte ich mich: Was, wenn ich mich entscheide, dieser Erzählung nicht mehr zu glauben?

Ich möchte die Geschichten der Frauen hören, die dort unten im Keller der Männerwelten stehen. Ich bewundere sie für ihren Mut, dort zu stehen und ihre Geschichten zu erzählen. Ich fühle mich ihnen nah, auch wenn ich ihre Erlebnisse nicht nachfühlen kann, weil jeder Mensch ein solches Trauma anders fühlt, erlebt, spürt. Es ist wichtig, dass sie ihre Geschichten erzählen. Nicht nur damit jene sie hören, die sich den Alltag einer Frau in dieser Gesellschaft nicht vorstellen können. Nicht nur, damit sich etwas ändert. Sondern auch, um aus dem dunklen Keller herauszukommen, in dem wir unsere Geschichten jahrelang versteckt haben.

Ja, ich möchte die Geschichten dieser Frauen hören, aber nicht im dunklen Keller. Wir alle müssen uns diesen Geschichten stellen, wir müssen sehen, was in unserer Gesellschaft passiert. Aber wenn Frauen sich selbst aussuchen, wie sie ihre Geschichten sexueller Gewalt erzählen – wäre es wirklich auf diese Art und Weise? In Dunkelheit, in Stille, in Starre? Im Keller? Oder vielleicht doch lieber mit Kraft, mit Licht, mit Macht? Vielleicht mit dem Satz: Ich war Opfer. Aber ich lasse es nicht mehr zu, dass ihr mich immer und immer wieder zum Opfer macht.

Die Wucht ihrer Geschichten würde an nichts verlieren, im Gegenteil, wir würden sehen, wie viel Resilienz und wie viel Lebenswillen es bedarf, um nach einem solchen Trauma weiterzumachen. Wir brauchen keinen Keller und keine geisterhafte Aufmachung, keine Opferinszenierung, um das zu verstehen.

Es wäre ehrlicher gewesen, wenn Joko und Klaas selbst durch die Ausstellung geführt hätten. Es ist ihre Plattform. Ich sehe die Frauen in diesem Video durch einen männlichen Blick. Erstarrt, still, schockiert.

Und ich sehe, dass es niemandem auffällt, wie verstörend es eigentlich ist, was wir da sehen. Frauen als Opfer zu sehen ist für uns normal. Niemanden stört es, dass die Frauen im Halbdunkel stehen, sich nicht bewegen, starre Gesichter haben, fast geisterhaft wirken, als seien sie nicht mehr richtig lebendig aufgrund dessen, was ihnen angetan wurde. So normal ist es für uns alle, Frauen auf diese Weise zu sehen, dass es uns nicht einmal mehr auffällt.

Es ist nur mein eigenes Gefühl, das ich beschreiben kann. Jede Frau, die sexualisierte Gewalt erlebt hat, hat einen anderen Blick, sieht dieses Video anders, empfindet ihre Geschichte anders. Für mich aber war das Gefühl, Opfer zu sein, ein Gefängnis, in das ich mich selbst geschlossen hatte. Niemand hatte mich dazu gezwungen.

Was mir passiert ist, habe ich mir nicht ausgesucht. Aber ich hatte geglaubt, der Weg nach dem Missbrauch sei vorgezeichnet. Schließlich war es das, was ich überall sah, zu sehen bekam: Frauen, die sexuellen Missbrauch, Übergriff, Hass erleben, sind gezeichnet. Dieser eine Moment, diese furchtbare Zeit in ihrem Leben, diese traumatisierenden Erfahrungen prägen den Rest ihres Lebens, binden sie an den Täter, an die Männer. Das ist nicht wahr. Ich hörte auf, der Erzählung zu glauben.

Heute weiß ich, dass es genau das ist, was die Täter wollen: uns ein Leben lang zu Opfern zu machen. Uns in der Opferrolle zu wissen, ist für sie Genugtuung und Belohnung zugleich. Ich tue ihnen diesen Gefallen nicht mehr. Es war ein langer, schmerzhafter Weg, mich von diesem Opfergefühl zu befreien. Gesund zu werden, zu heilen. Zu verstehen: Es ist nicht meine Scham. Es ist die Scham der Täter. Und ich nehme sie ihnen nicht mehr ab.


Aus: "Sexuelle Gewalt an Frauen: Nicht meine Scham" Gilda Sahebi (28. 5. 2020)
Quelle: https://taz.de/Sexuelle-Gewalt-an-Frauen/!5685224/

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Walter Sobchak

Guter Artikel, der mir half zu verstehen, was (auch) ich an dem "Männerwelten"-Video kritikabel fand. Das ganze war stilistisch (zu) nah am Horrorfilm. Es scheint mir schon geboten, solchen Beiträgen eine Art Triggerwarnung vorweg zu stellen, aber bereits die Einleitung wirkte angsteinflößend. Der Versuch, dieser Atmosphäre ein paar resolut auftretende Frauen entgegenzustellen, die mutig den Keller der Abscheulichkeiten durchschreiten, war unglücklich und zum Scheitern verurteilt. So edel die Intention der MacherInnen gewesen sein mag, haben sie doch etwas erschaffen, was in seiner Bildsprache und der Vertonung eine Opferperspektive reproduziert. Das Kämpferische blieb leider hinter dem Devoten zurück. "Männerwelten" hätte ans Tageslicht gehört und - ja - vielleicht wäre es auch geschickter gewesen, Männer durch die Ausstellung führen zu lassen.


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[...] ... Ich bin neulich fast gegen die Glaswand eines Bushäuschens geradelt, weil dort ein Plakat hing - tatsächlich noch immer hängt - mit dem auf eine TV-Sendung hingewiesen wird, die sich mit der Liebe in jedem, also auch im höheren Alter beschäftigt. Schöne Sache grundsätzlich, und das allein hätte mir natürlich nicht fast die Glassplitter ins Gesicht gejagt, sondern eher die Formulierungen "MILF" und "MISSY". Alter Scheiß, denken Sie jetzt, husch in die Urne, Milf, du bist ja noch nicht mal eine "Mother I'd like to Fuck*, du hast den Schuss schon wieder nicht gehört" - is' mir aber ega-ha-hal, denn es regt mich auf. Falsch, es verletzt mich. Ich rege mich über so einen Neandertaler-Flachwichser-Mist echt nicht mehr auf, das macht ja Falten, und ich will jetzt auch gar nicht mehr als nötig auf diese unterirdische Sendung eingehen. Denn let's face it: Joyn macht da nur, was andere Privatsender seit Jahren machen mit ihren Fleischbeschau-Formaten "Germany's Next Top Model", "Bachelor(ette)" oder "Nackte Pussys und Pimmel im Paradies", um nur einige zu nennen. Alles nur Jobbeschaffungsmaßnahmen und Karrierebooster, is' klar.

Bei der neuen Sendung "MOM - Milf oder Missy" ist es insofern noch schlimmer, als dass da nicht nur die übliche Warenbegutachtung stattfindet, nein, hier werden auch noch alte gegen junge Frauen aufgehetzt. Gemeinsam ist ihnen immerhin, dass sie den Partner noch lieber nehmen, wenn er ein bisschen was auf der hohen Kante hat (eine "Milf sagt: "So stelle ich mir das Leben vor, das ich führen sollte"), auch wenn die Frauen alle "top ausgebildet" sind und auf "Ich brauche keinen Mann" machen. Warum sind sie dann in der Show? Um sich gegenseitig früher oder später an den Extensions zu ziehen, im Schlamm zu catchen? Brot und Spiele, ... .

Normalerweise geht das im Fernsehen so: Ein Mann sucht unter vielen Frauen eine Lady zur weiteren Lebensgestaltung (manchmal auch umgekehrt) aus, und sei die folgende, gemeinsame Lebensgestaltungsphase dann auch noch so kurz; oder eine Modelmama sucht Model-"Meedchen", die man dann für Rasierer über die Klinge springen lässt oder in Joghurtwerbung vermanscht. Wie solch menschenverachtende Formate Frauen jemals nach vorne bringen sollen, wie Frauen so jemals sinnvolle Netzwerke, Respekt und eine Gleichheit in der Arbeitswelt erreichen wollen, bleibt schleierhaft. Wie rückständig man doch sein kann - als Sender und als Protagonist(in). Und wie schlecht soll ein Vorbild für jüngere Generationen denn bitte noch sein? Alles nur Spaß? Das ist kein Spaß, das ist scheinheiliger Dreck.

... Solange Frauen auf Bildschirmen sich hauptsächlich aber dadurch hervortun, dass sie kokett ihre Haare schmeißen, auf den Lippen rumbeißen oder den Lady-Di-Blick (unterwürfig von unten nach oben blicken, scheu) perfektionieren und Männer weiterhin die Welt erklären dürfen, und sei es auch nur anhand von Rotwein ("Die Flasche kostet 1500 Euro", gönnerhaftes Lächeln, Frau kreischt) sind wir noch weiter hinter dem Mond als in den Fünfzigerjahren. So lange Frauen meinen, dass sie "alt gegen jung" kämpfen müssen, so lange dürfen Männer Frauen tatsächlich weiterhin auf ihre Fuckability abchecken. ...


Aus: "One Woman Show Milf - Kompliment oder Frechheit?" Aus einer Kolumne von Sabine Oelmann (Mittwoch, 27. Mai 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/leben/Milf-Kompliment-oder-Frechheit-article21808108.html