Author Topic: Emanzipation, Selbstbefreiung, Geschlechterforschung (Gender Studies)...  (Read 28725 times)

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Emanzipation, Selbstbefreiung, Geschlechterforschung (Gender Studies)...
« Reply #120 on: March 13, 2019, 03:53:20 PM »
"Der neue Kampf gegen die Gender Studies" Jennifer Evans (2019) [Jennifer Evans is Professor of European History at Carleton University (Ottawa) where she teaches courses in the history of sexuality, photography, and social media memory formation. She is interested in the history of gender, populism and authoritarianism and currently co-curates the New Fascism Syllabus.]
Den Gender Studies wird vorgeworfen, die „natürliche“ Ordnung der Geschlechter, der Familien und des Sex zu untergraben. Weltweit sind sie heftigen Angriffen von rechtsgerichteten Populisten und den Verächtern einer liberalen Gesellschaft ausgesetzt. Auf dem Spiel steht dabei weit mehr als nur eine akademische Frage. ... Der neue Krieg gegen die Gender Studies richtet sich nicht nur gegen Univer­si­täten und Forschungs­ein­rich­tungen in noch jungen Demo­kra­tien. Er ist viel allge­meiner und globaler. Er ist Teil eines neuen Kultur­kampfs, der auf alle Bereiche zielt, in denen die kriti­sche Forschung im Bereich Gender und Sexua­lität die Sicht­bar­keit von verwund­baren Gruppen der Bevöl­ke­rung verbes­sert und zu wich­tigen recht­li­chen Schutz­maß­nahmen und Errun­gen­schaften geführt hat. Der neue Kultur­kampf ist flexibel genug, um sowohl die Gebil­deten als auch die Abge­hängten und Preka­ri­sierten anzu­spre­chen. Er verei­nigt den Popu­listen mit dem konser­va­tiven Rechten. Sein zur Natur verklärter Blick auf Geschlech­ter­un­ter­schiede beru­higt den Tradi­tio­na­listen und spricht gleich­zeitig dieje­nigen an, die einfach finden, dass einzelne Bereiche der akade­mi­schen Forschung und Exper­tise „zu weit gegangen“ seien. ...
https://geschichtedergegenwart.ch/der-neue-kampf-gegen-die-gender-studies/

« Last Edit: March 15, 2019, 06:53:13 PM by Link »

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Slavoj Žižek on Synthetic Sex and "Being Yourself" (07.06.2015)
https://youtu.be/7xYO-VMZUGo

"Slavoj Žižek on Why You’re Never Really Alone With Your Sexual Partner" (23.03.2015)
Slavoj Žižek draws from examples in literature, film, and advertising to explain a phenomenon in which no sexual liaison is complete without a third element -- an intruder, something like a fantasy. He also dishes out on topics including feminist crime fiction, 20-year-old British beer commercials, and the Taco Bell Quesarito.
https://youtu.be/cE6_6DFNsVk

Slavoj Žižek - Sex and the Failed Absolute (Nov. 2018)
We will tackle straight on the old metaphysical topic: is it possible for us, finite and mortal humans, to achieve some kind of contact with the Absolute? After a brief overview of the traditional and modern answers (ecstatic religious union with the Absolute, immersion into the primordial Void, identification with the destructiveness of nature, intellectual intuition, transcendental-historical reflection, etc.), we will propose the Lacanian answer: sexuality is our primordial brush with the Absolute – sexuality as our basic experience of failure, of impossibility. This becomes palpably clear in our historical moment when this status of sexuality is under threat. In deploying this thesis, we will pass through many particular topic: Beckett’s art of abstraction; neurotheology; sexbots; fake news; quantum physics; posthumanity.
https://youtu.be/vB-A_tYwUZI


"Slavoj Žižek, Mladen Dolar, and Alenka Zupančič: The Politics of Sexual Difference" (Deutsches Haus, 06.12.2017 veröffentlicht)
The German Department and Deutsches Haus at NYU present "The Politics of Sexual Difference" with Slavoj Žižek, Mladen Dolar, and Alenka Zupančič as part of NYU Skirball's ongoing series SKIRBALL TALKS. This public event consists of three half-hour talks, and is presented on the occasion of two new publications: Incontinence of the Void by Slavoj Žižek, and What IS Sex? by Alenka Zupančič. Monday, November 13th, at 6:30PM in Skirball Center for Performing Arts, 60 Washington Square South Slavoj Žižek is a senior researcher at the Institute for Sociology and Philosophy at the University of Ljubljana, Global Distinguished Professor of German at New York University, and international director of the Birkbeck Institute for the Humanities of the University of London. Mladen Dolar taught for 20 years in the Department of Philosophy at the University of Ljubljana, Slovenia, where he now works as a Senior Research Fellow. He is the author of a number of books, most recently (with Slavoj Žižek) Opera’s Second Death and Voice and Nothing More. Alenka Zupančič, a Slovenian psychoanalytic theorist and philosopher, teaches at the European Graduate School, and is a researcher at the Institute of Philosophy at the Slovenian Academy of Sciences and the Arts. She is the author of The Shortest Shadow: Nietzsche’s Philosophy of the Two and The Odd One In: On Comedy, both in the Short Circuits series, published by the MIT Press. "The Politics of Sexual Difference" ft. Slavoj Žižek, Mladen Dolar & Aleka Zupančič is a DAAD-sponsored event.
https://youtu.be/4R7SCY5zVLg

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Quote
[...] Der Kampf gegen echten (und angeblichen) Sexismus geht schon lange ans Eingemachte. So fordern Feministinnen mittlerweile, dass wir aufhören sollten, die weibliche Brust zu fetischisieren. Ausgerechnet sie! Stattdessen solle man die Brust als einen normalen Teil des weiblichen Körpers ansehen. Für diesen Kampf der befreiten Nippel nehmen Frauen in grösseren Städten sogar barbusig an Protestmärschen teil. Das Ziel ist hier ganz offensichtlich die Ent-Erotisierung, ja die Re-Normalisierung des weiblichen Körpers.

Wenn wir diese Denklogik weitertreiben, kommen wir zu einer neuen Forderung: Das sexuelle Objekt soll an sich entmystifiziert werden. Das kann man etwa an den Büchern von Laura Dodsworth beobachten: Nachdem die Fotografin zwei Werke mit Porträts von Penissen und Brüsten publiziert hatte, fotografierte sie nun in ihrem neuen Buch 100 Vulvas. «Mit der Vulva wird häufig nur die sexuelle Aktivität verbunden», sagt Dodsworth, «dabei haben wir über so viele Bereiche geredet, die eher ‹unsexy› sind: Monatszyklen, Menopause, Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, Abtreibungen, Schwangerschaft, Geburt, Krebs.»

Bald wird «Vagina: A Re-education» erscheinen, ein Buch der britischen Autorin Lynn Enrights. Liv Strömquists Bestseller «Fruit of Knowledge» (Untertitel: «Vulva vs. Patriarchy and with stabs at Freud») beschäftigt sich mit der Vulva und der Menstruation. Es gibt ein britisches Musical mit dem Namen «Vulvarine». Live-Events, in denen der Körper positiv zurückerobert wird, erfreuen sich grosser Beliebtheit: von «Body-Positivity»-Kursen im Aktzeichnen bis hin zu «Muschi-Erkundungs-Workshops».

Ist dies wirklich ein Fortschritt? Wenn ja, dann sollten wir diesen Gedanken konsequent zu Ende führen und auch Exkremente entmystifizieren und entfetischisieren. Einige von uns erinnern sich sicher noch an die Szene aus Buñuels «Le fantôme de la liberté», in der die Funktionen von Essen und Ausscheiden vertauscht werden: Menschen sitzen um einen Tisch herum auf ihren Toiletten, unterhalten sich nett, und wenn sie etwas essen wollen, fragen sie ganz leise und verschämt die Haushälterin: «Wo ist denn das Esszimmer?»

Das Argument, das hinter diesem Phänomen steckt, ist klar: Die männliche Fetischisierung der Vagina als das ultimativ mysteriöse Objekt der (männlichen) Begierde muss überwunden werden. Anstelle dessen soll die Vulva für Frauen zurückerobert werden, in all jener Komplexität, die frei ist von sexistischen Mythen.

Was ist falsch daran? Gehen wir zurück zu Buñuel: Es gibt eine ganze Reihe von Filmen, in denen dasselbe Motiv behandelt wird, in Buñuels eigenen Worten: «die unerklärbare Unmöglichkeit, ein einfaches Bedürfnis zu befriedigen». In «L’Age d’or» will etwa ein Pärchen Sex haben, was aber immer wieder durch unsinnige Unfälle verhindert wird; in «Ensayo de un crimen» will der Held einen Mord begehen, aber alle Versuche scheitern; in «El ángel exterminador» schafft es eine Gruppe junger reicher Menschen nach einer Party nicht, die Türschwelle zu übertreten, um das Haus zu verlassen; in «Cet obscur objet du désir» wird schliesslich das paradoxe Verhalten einer Frau gezeigt, die durch unterschiedliche Tricks immer wieder das freudige Wiedersehen mit ihrer alten Liebe verschiebt.

Was ist all diesen Filmen gemein? Es ist unmöglich, eine einfache Alltagshandlung auszuführen, wenn die Handlung den unmöglichen Ort des (erhabenen) «Dings» besetzt und also anfängt, das sublime Objekt der Begierde zu verkörpern. Sobald das Objekt jedoch den verbotenen, leeren Raum des Anderen einnimmt, entsteht ein ganzer Haufen von unüberwindlichen Hürden. Das Ding bleibt unerreichbar.

Hier sollten wir uns Jaques Lacans Definition der Sublimierung ins Gedächtnis rufen: Es wird «ein Objekt zur Würde des Dings erhoben». Eine gewöhnliche Sache oder Handlung erscheint in einer Art Kurzschluss plötzlich als Erscheinung des unmöglichen realen Dings. Deswegen reicht – umgekehrt – im intensiven erotischen Spiel ein falsches Wort, eine falsche Geste aus, um eine gewaltvolle Ent-Sublimierung auszulösen. Wir fallen von einem Moment auf den anderen aus der erotischen Spannung ins vulgäre Kopulieren.

Man stelle sich vor, dass man, von der erotischen Leidenschaft getrieben, einen genauen Blick auf die Vagina der geliebten Frau wirft, zitternd, weil das Vergnügen wie erwartet gleich eintrifft. Aber dann passiert etwas: Als ob man den Kontakt zu ihr verloren hätte, fällt man aus der erotischen Lust heraus, und das Fleisch vor den Augen erscheint plötzlich in seiner ganzen vulgären Realität, mit dem Geruch von Urin und Schweiss (man kann sich die gleiche Szene gendergerecht auch mit einem Penis vorstellen). Was passiert hier also?

Die Vagina hört auf, ein Objekt zu sein, «das zur Würde des Dings erhoben wurde», und wird wieder Teil der gewöhnlichen Realität. In diesem präzisen Sinne ist Sublimierung nicht das Gegenteil von Sexualisierung, sondern dasselbe.

Auch im Erotischen ist es deshalb zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen nur ein kleiner Schritt. Der sexuelle und der komische Akt schliessen sich wechselseitig aus. Der sexuelle Akt steht für die intime Beschäftigung schlechthin, für eine Situation, in der das teilnehmende Subjekt niemals die Haltung des ironischen, externen Betrachters annehmen kann. Und aus diesem Grund kann der sexuelle Akt auch für diejenigen, die nicht direkt darin involviert sind, nur lächerlich erscheinen. Der komische Effekt kommt von der Diskrepanz zwischen der Intensität des Aktes und der gleichgültigen Ruhe des Alltags.

Das bringt uns zurück zu den Versuchen, die Vulva zu «entmystifizieren». Um ein altes Sprichwort zu verwenden: Jene, die dies tun, merken nicht, dass sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Die Attacke der Feministinnen auf die Idee der Vagina als ein fetischisiertes Objekt der männlichen Begierde ist also auch eine Attacke auf die Grundstruktur der Sublimierung, ohne die es das Erotische gar nicht gäbe – was dann noch bleiben würde, wäre eine langweilige gewöhnliche Welt, in der keine erotische Spannung mehr zwischen Menschen existierte. Die «entfetischisierten» Organe würden die Feministinnen dann als das ausgeben, was sie sind: Körperorgane.

Der Moment, in dem wir die willkürliche Natur der Sublimierung erkennen (jedes einfache Objekt kann auf die Stufe des unmöglichen Dings gehoben werden), macht auch klar, dass sexuelle Sublimierung ganz einfach von der angeblich patriarchalen Mystifizierung befreit werden kann. Was wir anstelle dieser neuen Sphäre des Erotischen bekommen, ist jedoch eine Version von etwas, was Adorno und Horkheimer – die beiden Meister des Marxismus der Frankfurter Schule – «repressive Ent-Sublimierung» nannten: Das Ergebnis ist nicht eine neue Freiheit, sondern die graue Realität, in der Sex vollkommen unterdrückt wird. Ist es das, was wir wollen?

Aus dem Englischen übersetzt von Judith Basad.


Aus: "Soll denn nun auch alles Erotische entzaubert werden? In was für langweiligen Zeiten leben wir eigentlich?" Slavoj Žižek (14.3.2019)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/slavoj-zizek-feministinnen-rauben-dem-weiblichen-koerper-den-reiz-ld.1462142

Quote
ClaudiaZettel @ClaudiaZettel
Hahaha. Es ist so unendlich lustig, wie irgendwelche Männer immer noch glauben, Frauen seien auf die Welt gekommen, um für sie sexy zu sein. Und wie einseitig kann man eigentlich Erotik verstehen.

2:02 nachm. · 14. März 2019


https://twitter.com/ClaudiaZettel/status/1106178695557992448
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blastjarna @blastjarna
Antwort an @ClaudiaZettel
Hab ich das jetzt richtig verstanden? Wenn man Frauen als ganz normale Menschen mit ganz normalen Körpern betrachtet und nicht als mystische Objekte, sind sie nicht mehr erotisch?

Hilfe......

3:33 nachm. · 14. März 2019


https://twitter.com/blastjarna/status/1106201682269167617
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Lena Doppel-Prix @lenadoppel

Er hätt auch einfach „Wenn ich ficken will, dann seid‘s ihr immer noch der Nebenwiderspruch, Mädels“ schreiben können und sich (und uns) das ganzen psycho-philosophische Bramborium sparen können. Natürlich weiß ich, worauf er hinauswill. I am just so not interested. #zizek

2:00 nachm. · 15. März 2019


https://twitter.com/lenadoppel/status/1106540584179810306

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Hannah Hübner @hannah__vibe @Slavojiek

asks women to stop demystifying the #vulva as it would take #eroticism off the #female body and in turn repress #sex. Well, what about you leave talking about female bodies to us women? And dude please, how limited is your idea of sex? #misogyny #mansplaining #zizek


1:39 vorm. · 15. März 2019


https://twitter.com/hannah__vibe/status/1106354271413506049

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« Reply #122 on: March 22, 2019, 02:39:38 PM »
Quote
[...] Rassismus kanalisiert die Abstiegsängste sowie die Ohnmachtsgefühle und hilft der Kompensierung der vorangegangenen Selbstunterwerfung. Zumindest in der Imagination kann auf diese Weise die eigene soziale Positionierung aufrechterhalten werden. Es geht dabei nicht darum, ob das tatsächlich zutrifft, sondern darum, dass der Rassismus auf diese Weise Handlungsfähigkeit vorgaukelt. Tatsächlich produziert der Rassismus nur eine scheinbare Handlungsfähigkeit, die die realen Probleme der Subjekte überhaupt nicht tangieren. Vor dem Hintergrund der Logik von Hierarchisierung und Unterordnung verspricht er aber offenbar einen hinreichenden Gewinn, wenn aktiv daran mitgewirkt werden kann, andere auf ihre hinteren Plätze zu verweisen. In der Forschung wird hier von einer "rebellierenden Selbstunterwerfung" (Nora Räthzel) oder "konformistischer Rebellion" (Erich Fromm) gesprochen.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die gebetsmühlenartig wiederholte Forderung nach Integration, die dem Nach-unten-Treten einen vermeintlich diskutablen politischen Anstrich verleiht. Die Forderung nach Integration bezeichnet aber in den wenigsten Fällen die Forderung nach Anerkennung von demokratischen Spielregeln oder die Maxime des Rechtsstaats, denn dieselben werden von den Fordernden häufig selbst nicht akzeptiert oder durch ihr Handeln ad absurdum geführt. Zahlreiche unter jenen, die "unsere" Frauen vor den angeblich zahlreichen und ihrer "Natur" entsprechenden Übergriffen von Flüchtlingen behaupten beschützen zu müssen, sind genau diejenigen, die gegen den "Genderwahn" polemisieren. Sie fürchten um ihre männlichen Privilegien. Diese Stimmen fanden Vergewaltigung in der Ehe bisher nicht der Rede oder der Verurteilung wert. Das Geschwätz vom "Genderwahn" trägt zudem zu jenen gesellschaftlichen Verhältnissen bei, die Österreich europaweit zur führenden Nation bei der Ermordung von Frauen gemacht hat.

Die Forderung nach Integration meint eben nicht die Anerkennung demokratischer Verfahren, sondern zuallererst die kulturelle und soziale Unterordnung sowie die Aufrechterhaltung eigener Privilegien – und dieselbe dementiert damit ihre vorgeblich demokratische Intention. Wenn wir dem rassifizierenden Subjekt keine Dummheit unterstellen, sondern von einem rationalen Kalkül ausgehen, dann gibt es also gute Gründe, an die Ressentiments und Unwahrheiten zu glauben. Dies erklärt, warum es mit Aufklärung über Vorurteile oder mit Bildungsanstrengungen allein nicht getan ist. Wenn es nicht eine andere, solidarische Erzählung (im Interview habe ich von einem "Gegenmythos" gesprochen) gibt, werden die real begründbaren Ängste und Fantasien weiterhin in Pseudoängste transferiert und mittels Rassismus in Stellung gebracht. Es bedarf einer Gegenerzählung, die dem Marktradikalismus, Utilitarismus, Kosten-Nutzen-Denken, instrumenteller Vernunft, ökologischer Verantwortungslosigkeit und dem Effizienzdenken die Idee einer anderen, sozialen und solidarischen Welt gegenüberstellt und vor allem besagt: Eine andere Welt ist möglich. Es muss wieder attraktiv sein, sich für Demokratie, Solidarität, gleiche Rechte, ökologische Verantwortung und friedliches Miteinander einzusetzen.

Wie das gehen kann, zeigt uns in diesen Wochen die in den Schulen entstehende #FridaysforFuture-Bewegung. Die hier zum Ausdruck kommende Aufbruchsstimmung ist das geeignete Gegenmittel gegen identitäre Gefängnisse und völkischen Wahn. Sie ist geprägt von globalem Verantwortungsbewusstsein und das Gegenmodell der Verteidigung von Privilegien, die aus einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung resultieren. #FridaysforFuture steht für friedliches Miteinander, Verantwortung und Gerechtigkeit. Die sich auf "unsere Identität" und "unsere Kultur" berufenden Wortmeldungen befördern Gewaltfantasien, die auf ethnische Säuberungen zielen und in letzter Konsequenz Mord und Totschlag implizieren.

...


Aus: "Rassismus gegen Migranten: Man will sich erhaben fühlen" Klaus Schönberger (21.3.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000099803471/Rassismus-gegen-Migranten-Man-will-sich-erhaben-fuehlen

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« Reply #123 on: March 31, 2019, 01:00:08 PM »
Quote
[...] Als die verfassungsgebende Nationalversammlung 1919 ein halbes Jahr lang in Weimar tagte, waren 37 Frauen mit von der Partie. Mit den Nachrückerinnen waren es gar 41 Frauen, eine weltweit für Aufsehen sorgende Quote, die in Deutschland erst 1983 wieder erreicht wurde. Als erste Rednerin trat Marie Juchacz an: "Meine Herren und Damen! Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, und zwar ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat."

Im Zuge der deutschen Revolution von 1918 erkämpften die Frauen das aktive und passive Wahlrecht.

... Frauen, die sich dagegen wehrten, wie die laute Zwischenruferin Luise Zietz von der USPD, wurden als "Kreischziege" abgekanzelt, der die nötige "Fraulichkeit" fehlte – was immer das sein sollte. Tatsächlich beschränkte sich die Berichterstattung über die Frauen im ersten demokratisch gewählten Parlament Deutschlands häufig auf ihr Aussehen und die Mode, die sie trugen.

Ernüchtert schrieb die Feministin Lida Gustava Heymann über die "altersschwachen Greise", die bereits im "dahingeschiedenen Reichstag" bei der Politik-Simulation mitmachten und nun "so unglaublich das auch scheint, von deutschen Männern - und leider auch Frauen - wiedergewählt worden sind."

Ihre Lebensgefährtin, die bekannte Pazifistin und erste deutsche Juristin Anita Augspurg, die unter Kurt Eisner an der Ausrufung der bayerischen Republik beteiligt war, war da bereits Opfer der männlich dominierten Politik. Als Pazifisten war sie von den Männern in der USPD ausgebootet worden. Ähnliches passierte später der SPD-Linken Tony Sender, die 1924 ihren Wahlkreis Frankfurt aufgeben und in das linke Dresden wechseln musste, um ihren Parlamentsplatz behalten zu können.

Das Netzwerk der weißen alten Männer, wie es heute heißen würde, bestimmte, was die richtigen Frauenthemen waren. Die ersten Politikerinnen durften über "das Soziale" reden, über Mutterschutz, die Stellung nichtehelicher Kinder oder die Rechte verheirateter Frauen, aber nicht über Außenpolitik oder gar militärische Fragen wie später über den Bau des Panzerkreuzers A. Annie get your Gun war in Deutschland nicht angesagt.

Aber es gab Veränderungen. Über die Parteigrenzen hinweg stimmten die Frauen für Artikel 119 der Weimarer Verfassung: "Die Ehe beruht auf der Gleichberechtigung beider Geschlechter. /.../ Die Mutterschaft hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge des Staates. Kinderreiche Familien haben Anspruch auf ausgleichende Fürsorge." Auch Artikel 121 verrät die weibliche Handschrift: "Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche, seelische und gesellschaftliche Entwicklung zu schaffen wie den ehelichen Kindern." Ein Passus, der auch hundert Jahre später nicht an Bedeutung verloren hat.

... Zur Nationalversammlung bekamen alle Frauen zusammen ein eigenes Frauenzimmer spendiert, zum Aufenthalt in den Parlamentspausen. Hier wurde Kaffee und Kuchen serviert, während sich die Herren in Wirtsstuben und Bierkellern trafen und "Hinterzimmer-Absprachen" austüfteln konnten.

Von dieser wichtigen Form der politischen Kommunikation ausgeschlossen, war es für Frauen wie die Sexualreformerin Helene Stöcker klar, dass eigene parteiübergreifende Netzwerke gebildet werden müssen. 1919 ist sie zusammen mit Anita Augspurg Mitgründerin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, später den "Bund der Kriegsdienstgegner".

Auf ihre dadaistische Weise reagiert auch die Künstlerin Hanna Höch auf den Politik-Betrieb des Jahres 1919. Sie nahm das berühmte Badehosen-Foto des noch nicht vereidigten Reichspräsidenten Friedrich Ebert und seines Reichswehrministers Gustav Noske, ergänzt es um die Vasenol-Werbung für Fußpuder gegen die Stinkstiefel und rief in dieser im Oktober 1919 zur Schau gestellten Collage zur echten Wahl einer "Deutschen Frauen-Nationalversammlung" auf. Im kleingedruckten die Forderung: "Schrankenlose Freiheit für Hanna Höch".

Die erste deutsche Demokratie existierte 14 Jahre. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden die Frauen aus der Politik gedrängt. Die Herrenrasse duldete keine selbstbewussten Frauen.

Viele Weimarer Politikerinnen kamen auf die Fahndungslisten und mussten fliehen, etwa Anita Auspurg und ihre Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann. Augspurg hatte gleich nach der ersten großen Rede Hitlers in München seine Ausweisung als unerwünschten Ausländer gefordert. Andere begingen Selbstmord, etwa die SPD-Politikerin Minna Bollmann. Politikerinnen wie Marie Zettler von der Bayerischen Volkspartei wurden von der Gestapo überwacht und mussten ihre meist publizistische Arbeit einstellen.

Wieder andere arrangierten sich mit den neuen Machthabern, wenngleich unter Vorbehalten, wie der Fall von Gertrud Bäumer von der Deutschen Demokratischen Partei zeigt. Sie gab weiterhin eine Frauenzeitschrift heraus, musste aber die Aufnahme nationalsozialistischer Inhalte dulden. Erinnert werden muss auch an Frauen wie die SPD-Politikerin Johanna Tesch, die sich im Widerstand gegen Hitler engagierten und im Konzentrationslager starben. (jk)


Aus: "Missing Link: Weimar 1919 - Meine Herren und Damen!" Detlef Borchers (31.03.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Weimar-1919-Meine-Herren-und-Damen-4356582.html?seite=all


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« Reply #124 on: April 06, 2019, 05:01:54 PM »
Quote
[...] Die Parteiakademie der Liste Jetzt lädt regelmäßig unter dem Titel "Talk Europe" zum Gespräch. In der Ausgabe vom 3. April soll es um die "gefährlichen Unsicherheiten der Gegenwart und mögliche Lösungsszenarien" gehen. Kritisch soll es werden, steht auf der Seite der Veranstaltungsreihe, und "durchaus polarisierend". Auf dem Podium wird der Philosophiestar Slavoj Žižek gemeinsam mit Robert Pfaller, ebenfalls Philosoph (Kunstuniversität Linz), und dem Politiker Peter Pilz (Liste Jetzt) sitzen. "Unsere Situation ist brandgefährlich. Es gibt Unsicherheiten und Elemente des Chaos in den Bereichen Umwelt, internationale Beziehungen bzw. Politik, in Biotechnologie, in sexuellen Beziehungen – einfach überall", wird Žižek in der Veranstaltungsankündigung zitiert.

Dass gerade diese drei Personen diese Umwälzungen diskutieren sollen, hat unter vielen Feministinnen für Irritation und Kritik gesorgt. Žižek äußerte sich erst vor kurzem sorgenvoll über die feministischen Auseinandersetzungen mit dem weiblichen Körper, die derzeit gehäuft publiziert werden – eine Auseinandersetzung, die letztlich die Erotik zerstöre. Die Rückeroberung des weiblichen Körpers sei "unsexy", schrieb Žižek kürzlich in einem Text für die "NZZ", die er darin auch abwertend als "Muschi-Erkundungs-Workshops" bezeichnet. Er fragt sich außerdem, ob die Beschäftigung mit der Vulva und der Menstruation, wie sie zum Beispiel die Comiczeichnerin Liv Strömquist in "Fruit of Knowledge" vorgelegt hat, wirklich ein Fortschritt sei. "Wenn ja, dann sollten wir diesen Gedanken konsequent zu Ende führen und auch Exkremente entmystifizieren und entfetischisieren." Und Žižek schreibt weiter über die "Entzauberung des Erotischen": "Die männliche Fetischisierung der Vagina als das ultimativ mysteriöse Objekt der (männlichen) Begierde muss überwunden werden. Anstelle dessen soll die Vulva für Frauen zurückerobert werden, in all jener Komplexität, die frei ist von sexistischen Mythen." Skeptisch gibt sich auch Robert Pfaller gegenüber feministischen Bewegungen, der mit MitstreiterInnen seines Vereins "Adults for Adults" an der #MeToo-Kampagne immer wieder die Verbreitung sexualfeindlicher Stimmung und Selbstviktimisierung kritisierte. Pilz hatte im im Jahr 2017 und 2018 mit Vorwürfen wegen sexueller Belästigung zu kämpfen: Eine Mitarbeiterin des Europäischen Volkspartei warf ihm sexuelle Belästigung am Rande des Forums Alpbach 2013 vor, auch wegen angeblicher Vorfälle zum Nachteil einer Mitarbeiterin des grünen Parlamentsklubs wurde ermittelt – das Verfahren zu diesen beiden Fällen wurde im Mai 2018 eingestellt.

"Die rechtspopulistischen Umwälzungen in Europa leisten einer frauenfeindlichen und antifeministischen Politik Vorschub", heißt vonseiten des Frauenvolksbegehrens, das in wenigen Tagen eine Gegenveranstaltung organisiert hat. Gerade wegen dieser Tendenzen sei es unverständlich, dass hier drei Männer, die antifeministische Positionen vertreten würden, "unter sich" die Lage Europas diskutieren. Die am selben Abend stattfindende Gegenveranstaltung findet in unmittelbarer Nähe zum Veranstaltungsort von "Talk Europe" statt. In Anlehnung daran heißt die Gegenveranstaltung "Talk Patriarchy". Ebenso wie beim Original fokussiert "Talk Patriarchy" ganz auf die drei Personen auf dem Podium, auf dem die grüne Ex-Nationalratsabgeordnete Sigi Maurer, Lea Susemichel, leitende Redakteurin des feministischen Monatsmagazins "Anschläge", und Vanessa Spanbauer, Chefredakteurin des Magazins "Fresh. Black Austrian Lifestyle", Platz nehmen. Zudem wird es eine Lesung von Stefanie Sargnagel und einen Auftritt der Musikerin Denice Bourbon geben.

"Es ist nicht bloß die übliche Ignoranz, dass ein Panel ausschließlich mit weißen Männern besetzt wird", sagt Susemichel. "Das ist eine Provokation. Žižek sieht es tatsächlich als Entzauberung und Verlust der Erotik an, wenn sich Frauen selbst mit ihrem Körper befassen", kritisiert sie. Mit der Ausleuchtung aller möglichen Körperöffnungen von Frauen in der Mainstream-Pornografie habe man überhaupt kein Problem, "das ist der männlichen Lust offenbar in keiner Form abträglich, aber wenn Frauen es wagen, Bücher über ihre Vulva zu schreiben, dann ist die erotische Kultur in Gefahr". In einer solchen Zusammensetzung mit "ausgewiesenen Antifeministen" könne es schwerlich um "neue Ordnungen" gehen, so Susemichel. Vielmehr gehe es "um einen männlichen Abwehrkampf, um alte Ordnungen unangetastet zu lassen".

Till Hafner, Geschäftsführer der Parteiakademie der Liste Jetzt, bedauert, dass die Zusammensetzung des Podiums als Angriff auf den Feminismus aufgefasst wird. Das sei keinesfalls die Intention gewesen. "Wir wollten keinesfalls feministische Bewegungen infrage stellen", sagt Hafner, der die Gegenveranstaltung und "vor allem eine inhaltliche Debatte begrüßenswert" findet. Christian Berger und Lena Jäger vom Frauenvolksbegehren zeigen sich von Maria Stern, Parteichefin der Liste Jetzt, enttäuscht. Stern war bis zur Bekanntgabe ihrer Kandidatur bei der Nationalratswahl im Jahr 2017 Sprecherin des Frauenvolksbegehrens. "Dass es hier offenbar keinen Einspruch von ihr gegeben hat, verstehen wir nicht", heißt es vom Frauenvolksbegehren. Gerade in Zeiten von Echokammern sei es wichtig, einen offenen Diskurs zu wagen, sagt Stern auf Nachfrage des STANDARD. Grundsätzlich liege aber die Einladungspolitik nicht in ihrem Aufgabenbereich, sondern sei allein Sache der Akademie. "Würde die Akademie aber nur Leute einladen, mit denen wir immer zu 100 Prozent einer Meinung sind, wären die Diskurse dementsprechend langweilig", so Stern, die über Žižeks "NZZ"-Artikel sagt: "Der ist vollkommener Käse."



Aus: "Frauenvolksbegehren mit Gegenveranstaltung zu Žižek-Talk" Beate Hausbichler (2.4.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000100606377/Frauenvolksbegehren-organisiert-Gegenveranstaltung-zu-Zizek-Talk


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« Reply #125 on: April 07, 2019, 11:54:01 AM »
Quote
[...] "Feministinnen schauen sich Mösen viel zu genau an, und darunter leidet die erotische Vorstellungskraft der Männer." Wenn man Slavoj Žižeks Beitrag für eine Schweizer Zeitung auf diesen Satz eindampft, dann ist Kritik sehr naheliegend. Aber einen Philosophen von seinem Schlag zu kritisieren ist nicht einfach. Das liegt nicht zuletzt an seiner berufsbedingten Vorliebe für Metaebenen, Referenzen und ideengeschichtliche Begriffe. Žižek ist beispielswiese ein ausgewiesener Experte für den Psychoanalytiker Jacques Lacan. Wenn er in seinem Text bestimmte Fragestellungen mit Verweis auf Lacan beantwortet, dann muss sich Kritik an den Thesen Žižeks auch immer an dem Grad des Verständnisses für die Theorien von Lacan messen lassen. Das schafft einen Nimbus der Unangreifbarkeit, durch den Kritik mit einem Verweis darauf, dieses oder jenes offenbar nicht gelesen oder nicht verstanden zu haben, jederzeit abgeschmettert werden kann. Nun hat Slavoj Žižek aber keinen 300 Seiten starken philosophischen Essay über die Modifikationen der erotischen Natur der letzten 100 Jahre veröffentlicht, sondern einen kurzen Feuilletonbeitrag für die "NZZ", der vor intellektueller Faulheit nur so strotzt. Und damit sollte man ihn einfach nicht davonkommen lassen – auch und gerade als Mann nicht. Kluge Frauen wie Margarete Stokowski haben zwar schon darauf hingewiesen, dass Žižek hier offenbar hauptsächlich die Kränkung darüber auswalzt, dass ihm eine Erektion – und sei sie auch nur gedanklich – angesichts einer feministisch erkundeten Vulva schwerzufallen scheint.

Was aber noch aussteht, ist eine männliche Perspektive auf die unreife Vorstellung, die "Entmystifizierung des sexuellen Objekts" stünde der Erotik im Weg. Und damit meine ich nicht nur Solidarität mit all den Frauen, die kein Interesse für Žižeks Altherrenansprüche an ihren Vulven aufbringen. Ich meine ganz ausdrücklich die Enttäuschung und die Wut von Männern darüber, dass ein Intellektueller wieder einmal sein Publikum mit ranzigen Klischees über die angebliche Eindimensionalität männlicher Sexualität unterhält. Was ist los mit dem Mann? Wieso hält ausgerechnet ein ausgebildeter Philosoph die Mehrdeutigkeiten von Körperteilen nicht aus? Diese Peinlichkeit lässt sich auch nicht mit Wortkonstruktionen wie "repressive Entsublimierung" bemänteln. Žižek liefert einfach nur den nächsten faden Aufguss des "Feminismus tötet die Erotik"-Märchens, das insbesondere jungen Frauen gerne als Spukgeschichte erzählt wird. Als Warnung: Jetzt stell dich nicht so an, du willst doch schließlich begehrt werden. Das ist nicht nur in seiner zugrundeliegenden Anspruchshaltung, sondern auch in seiner Totalität für einen siebzigjährigen Mann erschütternd naiv. Nach Žižeks Logik dürften heterosexuelle Gynäkologen überhaupt kein Interesse an Sex mit Frauen haben, weil sie jeden Tag weibliche Geschlechtsorgane entsublimieren und einfach ihren Job machen. Darüber hinaus liefert er mit seinen Ausführungen die Blaupause für den Mann, der seine Frau verlässt, weil er mit ihrer Vulva genug Erfahrungen gesammelt hat und findet, dass es mal wieder Zeit für eine neue wäre. So sind wir Männer: Vom Mysterium Vulva und Vagina bleibt mit jedem Blick, jedem Kontakt immer weniger bestehen. An seine Stelle tritt das gruselige Wissen darüber, dass das weibliche Geschlecht ja in Wahrheit auch ein wulstiges Ausscheidungsorgan ist. Und die Vertreibung aus dem ahnungslosen Pussyparadies erfolgt durch die verstärkte feministische Beschäftigung mit dem Thema natürlich viel schneller. Das senkt die Mösenhalbwertszeit. Klar, dass Mann da traurig ist.

Also der Mann, der nicht in der Lage ist zu erkennen, dass Erotik sich nicht im Reiz des unbekannten Geschlechtsorgans erschöpft. Der Mann, dessen Männlichkeit so fragil ist, dass sie Detailanschauung und -wissen des begehrten Geschlechts in anderen Kontexten nicht ertragen kann. Obwohl ja gerade dieses Wissen in den letzten Jahrzehnten dazu geführt hat, dass wir uns von der unerfreulichen Vorstellung von Lacans Übervater Sigmund Freud lösen konnten, ein reifer Orgasmus der Frau sei nur durch das Eindringen des Penis in die Vagina möglich. Apropos Lacan: Žižeks Held kaufte 1955 ein Gemälde von Gustave Courbet. Es heißt "Der Ursprung der Welt" und zeigt die behaarte Vulva einer Frau.

Und ein Comic der schwedischen Künstlerin Liv Strömquist zur Kulturgeschichte der Vulva, den Žižek als zu feministisch entmystifizierend kritisiert hat, trägt in der deutschen Übersetzung denselben Titel.

Vielleicht wäre es in diesem Sinne nicht nur an der Zeit, dass Slavoj Žižek mit seinen pubertären Muschifantasien in der Realität des erwachsenen Begehrens ankommt, in der Mann der Möglichkeit zur Sublimierung nicht wegen zu viel feministischen Vulvawissens beraubt wird, sondern Sublimierung je nach Situation rauf und runter regelbar ist. Vielleicht ist es auch an der Zeit, dass Männer im Widerspruch zu derlei Thesen ihre Sexualität als etwas behaupten, das mehr ist als ein in immer gleicher Weise triebfixiertes Abziehbild.


Aus: "Kolumne: Der aktuelle Aufguss des "Feminismus tötet die Erotik"-Märchens" Nils Pickert (7.4.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000100808216/Die-aktuelle-Aufguss-desFeminismus-toetet-die-Erotik-Maerchens

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eine kluge Katze kratzt keinen Köter höchstens Krokodile

Ich glaube es ist den junge Frauen heute ziemlich wurscht, was ein 70-jähriger Philosoph über Erotik denkt und sagt.


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k_otin

Genau das ist das Dilemma. Wir Feministinnen brauchen keine männlichen Vordenker mehr. Wir denken lieber selbst.


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sugar

im innenpolitik-streik

... sorry, aber mich (frau) interessieren akademische diskussionen über "pussyparadiese" oder "entmystifizierung" original nüsse - ich kenn meine "möse", weiß btw seit meinem 12. lebensjahr, dass ich einmal im monat blute und nein, weder schäm ich mich, noch brauch ich nen orden dafür; witzigerweise wusste auch jeder mann mit dem ich bis jetzt leben und "pussy" teilte, ziemlich genau über letztere bescheid.

... ps: obwohl mirs erste posting dazu gelöscht wurde, ich will immer noch ne artikelserie zur "morgenlatte".


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saurewurst

"die seele ist ein weites land"


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Ben Vassy

Diese Fixierung des Feminismus auf heterosexuelle Männer geht mir auf die Nerven. Heteronormative Sichtweisen greifen immer zu kurz. Man nehme zur Kenntnis, daß die Welt auch auch Männer kennt, die keine "Muschifantasien" hegen. Daß diese Fantasien auch von Frauen gehegt werden. So, und dann zurück an den Start und diese cartoonhaft vereinfachten, 2dimensionalen Abziehbilder des "Feminismus" neu denken. Danke.


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Mafi

Žižek und die Feministen sollten sich mit Gummivulvas bewerfen. Das wäre auch ein schönes Statement zum Niveau zeitgenössischer Philosophie.


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schweinebaermensch

Laut Statistik haben die jungen Menschen immer weniger Sex, kann das auch mit dem Feminismus zusammenhängen?


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widiwutsch

Das Baggern und zielgerichtete Kennenlernen wird immer schwieriger, das Thema existiert in der medialen Wahrnehmung fast nur noch als Missbrauch, Porno, Fetisch oder One-Night-Stand. ...


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[sic]

... Ich persönlich glaube nicht, dass es jemals einfach(er) war, jemanden kennenzulernen. Aber „anbaggern“ birgt für mich schon ein bisschen einen Hinweis auf das Problem.


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« Reply #126 on: April 11, 2019, 01:49:10 PM »
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[...] Sie sind weiß und schlank und von jugendlicher Schönheit. Das Heer an namenlosen Frauen, mit denen Bilddatenbanken für Werbung und Magazine befüllt sind, ist riesig. Nur an der Vielfalt mangelt es, irgendwie sehen hier alle gleich aus: Die Fotos, die Bildagenturen wie Getty oder iStock im Angebot haben, entsprechen den Idealbildern einer weißen, westlichen Mittelschicht.

...  Längst hat die Lifestyle-Industrie erkannt: "Authentizität" ist Gold wert, die Konsumentinnen haben genug von Photoshop-Inszenierungen (sonst wären auf Instagram Hashtags wie #nofilter nicht so erfolgreich). Sie wollen sich selbst wiederfinden in Werbekampagnen. Es gibt kaum eine Werbung, die derzeit auf Bilder von "authentischen" (meist gleichzusetzen mit "nicht wie weiße dünne Models aussehenden) Frauen verzichten kann. Das weiß kaum ein Unternehmen besser als der einstige Seifenhersteller Dove. Dank ausgeklügelter Kampagnen ist das Unternehmen, das zu dem niederländisch-britischen Konzern Unilever gehört, heute milliardenschwer.

Das dürfte auch erklären, warum sich die Plattform #ShowUs bislang auf Frauen konzentriert. Mit Bildern von alten, dicken, nichtweißen Männern lässt sich längst nicht so gut Geld verdienen.

...


Aus: "Schönheitsideale: Wieso Frauen jetzt "authentisch" aussehen sollen" Anne Feldkamp (11.4.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000101030886/Schoenheitsideale-Wieso-Frauen-jetzt-authentisch-aussehen-sollen

---

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[...] In den USA führten Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre Feministinnen heftige Auseinandersetzungen, die als "feminist sex wars" in die Geschichte eingingen. An Themen wie Pornografie und lesbischem BDSM entzündeten sich Debatten, die feministische Strömungen bis heute teilen. Während radikalfeministische Denkerinnen etwa eine lustvolle Unterwerfung immer schon als patriarchal geprägt sahen und somit verdammten, pochten sexpositive Feministinnen auf ein Recht auf sexuelle Lust und Freiheit unabhängig vom Geschlecht. Letztere unterstützen auch Sexarbeiterinnen, die sich zu einer Hurenbewegung formierten, in ihren Kämpfen für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen – Dienstleisterinnen, denen von PorNO-Feministinnen das Recht zur freiwilligen Ausübung ihrer Tätigkeit meist grundlegend abgesprochen wird. Der (weibliche) Körper blieb in feministischen Auseinandersetzungen über Jahrzehnte hinweg zentraler Bezugspunkt – sowohl in der Theoriebildung als auch in der Bewegungspraxis. In Selbsterfahrungsgruppen erkundeten Frauen den eigenen Körper – insbesondere die einstige Dunkelzone Vulva samt Klitoris und Vagina. "Der eigene nackte Körper und der der anderen, das Streicheln des eigenen Körpers und die angenehmen Gefühle, die daraus entstehen, das alles war für uns tabu", schilderten es zwei Frauen in der feministischen Zeitschrift "AUF" 1975.

Der enge Austausch von feministischer Theorie und politischen Bewegungen erwies sich im Kampf um sexuelle Selbstbestimmung stets als produktiv: Errungenschaften wie die Fristenregelung, die Anerkennung nichtbinärer Lebensweisen oder die zunehmende Sichtbarkeit alternativer Beziehungsformen erscheinen ohne Feminismus undenkbar. "Die Kritik an Schönheitsidealen und die Sichtbarkeit von anderen Körper- und Begehrensformen: Dazu hat die feministische Theoriebildung ganz maßgeblich beigetragen", sagt Philosophin Jule Govrin. Doch die Diversität hat auch Fallstricke parat. Seine enorme Anpassungsfähigkeit demonstriert der neoliberale Kapitalismus, indem er feministische Forderungen und Kampfbegriffe vereinnahmt: Body-Positivity und sexuelle Selbstbestimmung funktionieren nicht nur als politische Forderungen, sondern auch im Werbespot für glattrasierte Achseln. "Deshalb ist es wichtig, Forderungen nach sexueller Selbstbestimmung und Autonomie wieder stärker in einen sozialen Zusammenhang zu rücken. Der Begriff der Selbstbestimmung funktioniert heute unglaublich individualisiert – Feminismus geht es aber immer darum, soziale Beziehungen und damit Gesellschaft zu verändern", so Govrin.



Aus: "Warum Sex und Feminismus zusammengehören" Brigitte Theißl (25.4.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000102027246/Warum-Sex-und-Feminismus-zusammengehoeren
« Last Edit: May 02, 2019, 09:24:14 AM by Link »

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[...] In den USA scheint derzeit ein Wettstreit abzulaufen, wer das schärfste Abtreibungsrecht verabschieden kann. Genauer gesagt sind es die republikanischen Hochburgen, die sich hier zu überbieten versuchen. Jüngstes Beispiel ist Alabama, jener Bundesstaat im amerikanischen Süden, in dem die Zustimmung zu US-Präsident Donald Trump regelmäßig einen landesweiten Spitzenwert einnimmt.

Mit einer Mehrheit von 25 zu sechs Stimmen verabschiedete der Senat von Alabama am späten Dienstagabend (Ortszeit) das wohl schärfste Abtreibungsgesetz des Landes. Wohlgemerkt: mit 25 Stimmen ausschließlich weißer Männer. Es gibt dort überhaupt nur vier Senatorinnen, und diese gehören alle der Demokratischen Partei an.

Das Gesetz, so es denn wie erwartet von der republikanischen Gouverneurin Kay Ivey unterzeichnet wird, würde fast alle Schwangerschaftsabbrüche untersagen. Ausnahmen gäbe es nur noch, wenn das Leben der Mutter in Gefahr oder das Kind nicht lebensfähig wäre. Nach einer Vergewaltigung oder in einem Fall von Inzest müsste eine Frau dagegen das Kind zur Welt bringen. Ärzten, die Frauen in einer solchen Notlage helfen wollen, drohen zwischen zehn und 99 Jahren Haft.

Der Aufschrei ist riesig – und prallt doch an der republikanischen Mehrheit ab. Der Oppositionschef Bobby Singleton warf den Unterstützern des neuen Gesetzes vor, sie hätten „den Staat Alabama gerade selbst vergewaltigt“. Planned Parenthood, eine auf Familienplanung spezialisierte Organisation, sprach von einem „dunklen Tag für Frauen in Alabama und dem ganzen Land“. Die Politiker des Bundesstaates würden wegen ihrer Entscheidung „für immer in Schande leben“. Für die Nationale Frauen-Organisation ist das Gesetz schlicht „verfassungswidrig“.

Welches Leid entsprechende Gesetze mit sich bringen können, zeigt ein aktueller Vorfall in einem anderen Bundesstaat. In Ohio wurde ein elfjähriges Mädchen entführt und vergewaltigt. Sie ist schwanger – und muss das Baby behalten, obwohl sie selbst eigentlich noch zu jung zum Kinderkriegen ist. Dabei ist die Begründung für die Gesetzesverschärfung eigentlich, dass damit die Rechte derjenigen geschützt werden sollen, die „am meisten verwundbar“ seien.

Solche Extremsituationen drohen nicht nur in Ohio. Auch in Mississippi, Georgia und Kentucky sollen nach dem Willen der Gesetzgeber Frauen nicht mehr abtreiben dürfen, wenn der Herzschlag des Embryos zu hören ist, darum heißen diese Gesetze „Heartbeat Bill“. Das kann bereits ab der sechsten Woche der Schwangerschaft der Fall sein, zu einem Zeitpunkt, an dem vielen Frauen noch gar nicht klar ist, was sich in ihrem Körper entwickelt. Georgia geht sogar so weit, dass einer werdenden Mutter bei einer Fehlgeburt Ermittlungen und eine Anklage drohen. Hier immerhin sind Vergewaltigung und Inzest Ausnahmen.

Nun ist es so, dass Frauen in den USA seit 1973 grundsätzlich das Recht haben abzutreiben. Diese Entscheidung fällte der Supreme Court in dem Präzedenzfall „Roe versus Wade“. Alle diese harten Gesetze, die derzeit verabschiedet werden, können daher zunächst auch gar nicht in Kraft treten.

Ihren Befürwortern geht es aber ohnehin um Größeres. Das hat die Republikanerin Terri Collins, die das Gesetz in Alabama eingebracht hat, im Vorfeld deutlich gemacht: „Wir wollen ,Roe versus Wade’ kippen und den Staaten erlauben vorzugehen, wie sie wollen.“ Wenn nun Frauen- und Bürgerrechtsgruppen gegen die neuen Gesetze klagen, so das Kalkül, dann steht die Grundsatzentscheidung auf einmal wieder zur Debatte. Und diese Debatte könnte im Supreme Court anders ausgehen als noch vor 46 Jahren.

Dafür hat Trump gesorgt. Gleich zwei konservative Oberste Richter konnte der Präsident in seiner bisherigen Amtszeit bereits nach Washington schicken: Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh. Personalentscheidungen, die gerade seine erzkonservativen Anhänger bejubelten – und die Liberalen erbittert bekämpften; sie ahnten, was diese Richterbesetzungen für Folgen haben könnten. Denn auf einmal haben die Anhänger der „Pro Life“-Bewegung Grund zur Hoffnung, dass „Roe versus Wade“ in naher Zukunft doch noch gekippt werden könnte.

Der Präsident weiß, wie wichtig die Evangelikalen für seine Wiederwahl sind. Gerade erst hat er ihnen am „Nationalen Gebetstag“ Anfang Mai versprochen, er werde eine „Kultur des Lebens“ aufbauen. Dabei kündigte er an, die Rechte von Ärzten und anderen Gesundheitsmitarbeitern zu stärken, die aus Glaubensgründen keine Abtreibungen oder andere medizinische Eingriffe wie Sterilisation und Sterbehilfe durchführen wollen. Schon jetzt haben Frauen in manchen Staaten Schwierigkeiten, überhaupt noch einen Arzt zu finden, der Abtreibungen durchführt.


Aus: "Abtreibungsgegner machen mobil" (15.05.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/kulturkampf-in-den-usa-abtreibungsgegner-machen-mobil/24345630.html

Quote
wilhelm 15.05.2019, 17:31 Uhr
Kulturkampf?

[Politiker beugen sich sich den Evangelikalen, die sich an einem Buch aus vorwissenschaftlicher Zeit festgebissen haben, die dieses Buch wörtlich auslegen bis hin zum Kreationismus. Diese Leute glauben, allein durch Berufung auf ihren Gott anderen Menschen Vorschriften machen zu dürfen. Diesen Leuten muss einmal klipp und klar gesagt werden, dass die Zeit, und mit ihr Wissenschaft und Philosophie, nicht bei Abraham und nicht bei Jesus stehen geblieben sind, dass sie zwar glauben können was immer sie wollen, aber mit ihrem Gott und ihrem Glauben keine anderen Menschen zu behelligen haben.]

Ein Kampf archaischer Postulate und Dogmen gegen Wissenschaft und Vernunft. Wären diese Leute nicht in den USA sondern in den Hindu-Regionen Indiens geboren, würden sie mit dem gleichen Eifer und mit der gleichen Inbrunst und mit der gleichen Überzeugen die dort geltende Götter, Dogmen und Rituale verfechten.

Zufall von Zeit und Ort der Geburt als Fundament des Götterglaubens: Dagegen ist selbst Treibsand weit tragfähiger.


...

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« Reply #128 on: June 15, 2019, 04:21:44 PM »
Quote
[....]

Wegen Verstoßes gegen das sogenannte Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche hat ein Gericht zwei Berliner Frauenärztinnen zu einer Geldstrafe von jeweils 2.000 Euro verurteilt. Bettina G. und Verena W. hatten auf der Internetseite ihrer Gemeinschaftspraxis über medikamentöse Methoden zum Schwangerschaftsabbruch informiert. Durch diese spezifischen Angaben hätten die Ärztinnen einen Vermögensvorteil erzielt, so die Begründung der Richterin Christine Mathiak. So hätten die Ärztinnen nur angeben dürfen, dass in ihrer Praxis Abtreibungen möglich sind, nicht aber in welcher Form.

Es war der erste Prozess seit der Reform des umstrittenen Paragrafen 219a in diesem Frühjahr. Im Februar hatte die große Koalition nach monatelangen Debatten das Gesetz zum Werbeverbot neu formuliert. Ärztinnen und Ärzten sollte es nun erlaubt sein, öffentlich darüber zu informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Jedoch bleiben auch nach der Neuregelung weitergehende Angaben wie zum Beispiel zur Methode des Abbruchs unzulässig.

Die Ärztinnen zeigten sich enttäuscht über das Urteil. "Es ist so was von hanebüchen, da hat sich mir der Magen umgedreht", sagte Bettina G. nach der Verkündung. Beide Medizinerinnen kündigten an, gegen das Urteil vorzugehen. Wenn nötig, wollen sie bis zum Bundesverfassungsgericht ziehen. Ihrer Meinung nach verstößt das Gesetz gegen die Berufsfreiheit, die Meinungsfreiheit und die Informationsfreiheit der Patientinnen. Kritikerinnen und Kritiker des Paragrafen 219a fordern sogar, diesen komplett zu streichen.


Aus: "Paragraf 219a: Berliner Frauenärztinnen wegen "Abtreibungswerbung" verurteilt" (14. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-06/paragraf-2019a-schwangerschaftsabbruch-werbung-frauenaerztinnen-geldstrafe

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Apfelsaftschorle #13

"Durch diese spezifischen Angaben hätten die Ärztinnen einen Vermögensvorteil erzielt, so die Begründung der Richterin Christine Mathiak. "

Wow, also eine rein wirtschaftliche Begründung. ...


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Ledni Rok #2

Jeder Gesetzesverstoß muss in Deutschland geahndet werden. Das gilt für Abtreibungsärzte genauso wie für Eierdiebe. Was soll also wieder die künstliche Aufregung. Oder meinen die Abtreibungsärzte sie stünden über dem Gesetz.


Quote
niemehrCDU #8

Vielen Dank für das Einknicken vor den Anti-Abtreibungsfanatikern, liebe SPD.


Quote
wilsieb #15

Rechtsextreme dürfen in sozialen Netzwerken und im Internet andere Menschen / Frauen bedrohen, beleidigen und verleumden oder sogar Terroranschläge planen (getarnt als "Satire" und "Spaß") ohne eine Strafe befürchten zu müssen. Aber wenn eine Ärztin übers Internet über Abtreibungen informiert, wird das aufs Härteste bestraft - mit einer Geldstrafe.
Unsere Gesetze sind sowas von frauenverachtend. Unsere Gesellschaft ist sowas von ekelhaft. ...


Quote
Bild.Dir.Meine.Meinung #28

Das ist leider das Ergebnis, wenn (überwiegend) alte Männer Gesetze zusammenflicken, die (fast) nur jüngere Frauen treffen. Man(n) ist ja fein raus und kann fröhlich herummoralisieren. ...


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« Reply #129 on: June 16, 2019, 07:11:50 PM »
Quote
Präsident Jair Bolsonaro hat in der Vergangenheit mehrfach mit homophoben Aussagen Aufsehen erregt. Unter anderem hatte er erklärt, es wäre ihm lieber, sein Sohn wäre tot als schwul. ...


Aus: "Brasiliens Präsident hält Homophobie nicht für Straftat" (15.06.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/bolsonaro-ruegt-oberstes-gericht-brasiliens-praesident-haelt-homophobie-nicht-fuer-straftat/24459770.html

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« Reply #130 on: June 20, 2019, 12:50:44 PM »
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[...] Es war ein Termin, den Prozessbeteiligte wie Zuhörer mit Spannung erwartet hatten: In genau zwei Wochen will das Landgericht Wiesbaden ein Urteil sprechen in dem so politisch gewordenen Fall um das 14 Jahre alte Mädchen und den 22-jährigen Iraker, der sie im Mai 2018 nahe einer Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden-Erbenheim vergewaltigt und anschließend erwürgt haben soll, um seine Tat zu vertuschen. Die Tötung hat er gestanden, aber die Vergewaltigung bestreitet er nach wie vor. Es sei einvernehmlicher Sex gewesen, sagt er. Viele Zeugen haben seit Prozessbeginn im März vor der Schwurgerichtskammer ausgesagt, und auch für diesen Tag hat das Gericht noch einmal vier geladen.

Doch besonders von dem Gutachten der Medizinerin erhoffen sich alle viel: Einen tieferen Einblick in die Psyche des mutmaßlichen Täters. Tiefer, als er ihn selbst bisher gegeben hat und als das, was sich mithilfe der Zeugenaussagen rekonstruieren lässt. Mehr als 15 Stunden hat die Fachärztin für Psychiatrie mit Ali B. verbracht, hat ihn zu seinem Leben und zur Tat befragt – und sehr viel klarere Worte hätte sie am Ende nicht finden können.

„Er hat keine Interessen, die über das eigene Wohlergehen hinausgehen“, sagt sie. Ali B. sei „ausgeprägt selbstbezogen“, habe einen „ausbeuterisch-parasitären Lebensstil“, sei „auf die eigene Bedürfnisbefriedigung fixiert“ und lasse sich „vom Staat alimentieren“. Insgesamt diagnostiziert sie eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit starken psychopathischen Zügen. Das Bild, das sie über mehrere Stunden hinweg von dem 22-Jährigen zeichnet, verstärkt den Eindruck, den die mehr als zehn zurückliegenden Verhandlungstage von ihm hinterlassen haben: Ein junger Mann, der eigentlich nicht dumm ist, aber aus purer Faulheit seit Kindheitstagen weder die Schule besuchte noch sonst über längere Zeit irgendeiner Arbeit nachging. „Er wollte lieber mit Freunden abhängen, obwohl ihn seine Mutter teils bis vor die Schultür gebracht hat.“ Bei den Sprachkursen nach der Flucht aus dem Irak nach Deutschland sei es das gleiche gewesen, so die Psychiaterin. Ebenso mit einem kurzzeitigen Job in einer Kindergarten-Küche, den er schnell wieder schmiss.

Ali B. habe sich lieber von seiner Mutter bekochen lassen, nachdem er mittags aufgestanden war und teils noch spätnachts, wenn er vom Herumziehen in der Stadt mit anderen nach Hause kam. Seine nächtlichen Ausflüge hatten wohl auch mit der Suche nach Mädchen zu tun, mit denen er Sex haben wollte. Denn seit die Familie im Winter 2015 nach Deutschland gekommen war, hatte er nicht nur mehrere Beziehungen, sondern parallel auch sexuelle Kontakte zu anderen. B., so lautet die Einschätzung der Psychiaterin, habe immer wieder Kontakt zu jungen Mädchen aufgenommen, die er nicht oder nur flüchtig kannte. Oft habe er Nachrichten mit eindeutig sexuellen Konnotationen verschickt, teils auch nach der Jungfräulichkeit gefragt, um dann hinterherzuschieben: „Bald nicht mehr.“ Mehrere Zeugen hatten zudem berichtet, dass B. nachts vor Clubs gewartet habe, um betrunkene Mädchen abzupassen. „Es ging ihm nicht um eine spezielle Person, sondern einfach um irgendein Mädchen“, sagt die Gutachterin. Auch nach der Tötung von Susanna, die er gestanden hat, verschickte er noch entsprechende Nachrichten und versuchte über Bekannte, an Nummern von Mädchen zu kommen.

Motiviert war dieses Verhalten der Gutachterin zufolge von einem höchst problematischen Frauenbild: Frauen sollten kochen und putzen, daheimbleiben, keinen Kontakt zu anderen Männern haben und Jungfrau sein. Gleichzeitig äußerte er die Vorstellung, in Deutschland könne man Sex mit jedem Mädchen haben, ohne irgendwelche Konsequenzen zu spüren. Auch andere Vorstellungen über das Land, in dem er einen Asylantrag gestellt hatte, machen ihn nicht eben sympathischer. Man bekomme Geld ohne zu arbeiten, sagte er gegenüber der Gutachterin, und an Alkohol und Drogen gelange man jederzeit problemlos. Für zielstrebige, fleißige Menschen sei Deutschland ein gutes Land, aber wer wolle schon sein ganzes Leben nur mit Arbeit verbringen.

Folgt man den Ausführungen, so ergibt sich ein widersprüchliches Bild des Angeklagten von dem Land, in dem er lebt. Mal gab er den Eindruck, am liebsten sofort in den Irak zurückkehren zu wollen, mal das Gegenteil.

Das gleiche gilt für die Untersuchungshaft: Aus einer kurzen Haftzeit im Irak berichtete er einmal von Folter, ein anderes Mal beschrieb er die Bedingungen dort als familiär und „wie im Hotel“. Das deutsche Gefängnis sei dagegen „Mittelalter“. Andererseits drohte er, sich etwas anzutun, wenn er seine Haftstrafe im Irak absitzen muss. Seine offenbar ausschweifenden Beschwerden über die Haftbedingungen wertet die Psychiaterin als Teil seiner egozentrischen Persönlichkeitsstruktur. Das wiederkehrende Lamento über zu schlechte Essensversorgung, nicht genug Zigaretten, zu wenig Ausgang, zu wenige Fernsehprogramme und nicht genug Besuchsrechte – unter anderem – habe einen sehr großen Teil der Gespräche eingenommen, berichtet sie. Einmal habe sie deshalb sogar abgebrochen. Ein anderes Mal habe B. sich über die lange Dauer des Verfahrens beschwert. Mit den Worten: „Ich hab‘ nur ein Mädchen totgemacht.“ Hätte er im Irak den lokalen Polizeichef umgebracht, sagte er weiter sinngemäß, wäre es sogar schneller gegangen.

Außerdem habe Ali B. permanent versucht, sie zu Gefälligkeiten zu überreden, berichtete die Gutachterin weiter. Er habe nicht verstehen wollen, dass sie sich nicht über Regeln hinwegsetzen wollte. Solche Manipulationen sieht sie als Verhaltensmuster bei ihm, das er teils mit Gewaltdrohungen auch bei Freunden einsetzte.

Empathie und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, fehlen bei B. dagegen ihrer Einschätzung nach völlig – genau wie die Eigenschaft, Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen. Über die Tötung von Susanna habe er „kühl, sachlich und ohne Emotion“ gesprochen. Ganz im Gegenteil zu seinen Beschwerden über die Untersuchungshaft. Zu keinem Zeitpunkt habe er während der Gespräche Reue oder Bedauern gegenüber Susanna oder ihrer Familie gezeigt. Zwar hatte er sich am ersten Prozesstag bei der Mutter entschuldigt, die als Nebenklägerin auftritt.

Sonst habe aber nie irgendeine diesbezügliche Emotion gezeigt. Im Gegenteil: „Der Angeklagte hat eine deutliche Neigung, andere zu beschuldigen“, so die Psychiaterin. Zunächst einen 35 Jahre alten Türken, mit dem er vor der Tat zusammen getrunken hatte. Dann im Gespräch mit ihr Deutschland – das Land sei für seine Fehlentwicklung verantwortlich, „weil man hier alles machen darf“. Susanna selbst, weil sie mit ihm gegangen sei. Und zuletzt: An die Tat selbst will er sich kaum erinnern. Er sei nicht er selbst gewesen, hatte er gesagt, und ihm sei schwarz vor Augen gewesen. „Ich sehe darin keine volle Übernahme von Verantwortung“, sagt die Psychiaterin. „Das ist eine Delegation von Verantwortung an andere und an Umstände.“



Aus: "Egozentrisch, manipulativ, empathielos" Anna-Sophia Lang, Wiesbaden (19.06.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/psychiaterin-ueber-ali-b-im-mordfall-susanna-f-egozentrisch-manipulativ-empathielos-16245238-p2.html

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[...] Der Hauptangeklagte des Verfahrens soll die 18-Jährige in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 2018 unter einem Vorwand aus der Disco gelockt und anschließend in einem angrenzenden Waldstück vergewaltigt haben. Die junge Frau habe zuvor die Droge Ecstasy genommen, außerdem seien ihr – vermutlich von einem der Angeklagten – wahrscheinlich K.-o.-Tropfen verabreicht worden. Der mutmaßliche Haupttäter soll nach der Vergewaltigung in die Disco zurückgegangen sein und die anderen Männer auf die wehrlose Frau aufmerksam gemacht haben. ...


Aus: "Freiburg: Anklage erhebt nach Gruppenvergewaltigung schwere Vorwürfe" (26. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-06/gruppenvergewaltigung-prozess-staatsanwaltschaft
« Last Edit: June 27, 2019, 09:46:52 AM by Link »

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« Reply #131 on: June 22, 2019, 12:22:12 PM »
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[...] Bekannt wurde Charlotte Roche als TV-Moderatorin, heute ist sie Bestsellerautorin. Ihre Romane Feuchtgebiete und Schoßgebete basieren auf ihrer Autobiografie. Es geht um Hämorrhoiden, Körperflüssigkeiten und Trauer – und das in einer expliziten Sprache. Explizit bleibt die 41-Jährige auch in ihrem neuen Projekt, einem Podcast. Gemeinsam mit ihrem Mann spricht Charlotte Roche in Paardiologie über ihre Beziehung, ihre Gefühle und ihre Sexualität.

ze.tt: Charlotte, ich möchte mir dir über Sex reden.

Charlotte Roche: Das finde ich gut. Leute reden viel zu wenig über Sex. Beruflich mache ich das ja oft, aber privat nicht so viel. Im Schutz der Öffentlichkeit ist das leichter. Mit Freundinnen oder meinem Mann ist es für mich schwieriger, eine Sprache zu finden.

ze.tt: Was meinst du, warum das so ist?

Das liegt an der Erziehung. Obwohl ich feministisch und selbstbewusst erzogen wurde, hat eine Aufklärung abseits von „Wo kommen die Kinder her“ nicht stattgefunden. Meine Mutter hat nie was über Selbstbefriedigung erzählt oder gesagt, dass es wichtig ist, dass man herausfindet, was man so mag im Bett oder wie man sich mitteilt.

ze.tt: Wie hast du es geschafft, das herauszufinden und darüber zu sprechen?

Erst sehr spät. Und ich bin auch heute noch keine große sexuelle Kommuniziererin. Wenn mich jemand fragt, nun sag mal, worauf stehst du? Ich würde antworten: Kann ich das nicht lieber zeigen? Leute denken, wenn ich solche Bücher schreib, wäre ich schamlos und würde alles können und alles machen, aber das ist ein großes Missverständnis. Das stimmt einfach nicht. Die Leute denken: Wenn jemand so laut ist über Sex und weibliche Körperbefreiung, dann liegt man im Bett und hat kein Problem, alles zu sagen, furzt beim Sex und ist total schamlos. Aber das ist überhaupt nicht so. Ich wurde so erzogen, dass es viele Sachen gibt, die peinlich sind.

ze.tt: Eine Art der Befreiung kann Sprache sein. In deiner Kolumne benutzt du das Wort Scham – obwohl es andere Worte, gerade im feministischen Kontext, gibt. Hast du das bewusst gemacht?

Die Kolumne habe ich geschrieben, bevor plötzlich alle darüber sprachen, dass man Vulva statt Scheide und Vulvalippen statt Schamlippen sagen soll. Ich finde gut, dass sich sowas ändert. Alle werden immer schlauer, alles ändert sich. Das ist super. So bleiben wir fit im Kopf. Wenn Leute sagen „Jetzt machen die uns unsere Sprache kaputt“ oder „Ich lass mir nicht mein Steak verbieten“, dann denke ich: Diese Leute sollen aussterben. Wenn Leute sagen, ich fühle mich in der Sprache nicht repräsentiert und wir können das ändern, verdammt nochmal, dann sollten wir das ändern. Es wird nie so sein, dass alles richtig ist und man aufhört zu lernen. Jede und jeder kann kommen und sagen: Das hier muss sich noch ändern, weil mich das ausschließt. Und dann müssen wir das hören und das ändern. Ich bin ein großer Fan vom Wörter finden. Das war bei mir schon immer so beim Schreiben. Ich bin mit vielen starken Begriffen für den erigierten Penis groß geworden. Wir Frauen hängen da total hinten dran. Fotze zum Beispiel, das ist so eine eklige Beleidigung, voll erniedrigend.

ze.tt: Auf die Idee, Penis oder Schwanz als Beleidigung zu nutzen, ist noch niemand gekommen.

Nee, genau. Es gibt ja Menschen, die als Liebkosung Fotze sagen. Das ist für mich so ein krasser Abtörner.

ze.tt: Welches Wort ist gut für dich?

Ich finde Scheide irgendwie gut, es ist ein bisschen altmodisch, aber ich mag es. Man kann sich Worte ja auch wieder aneignen, ich sage Scheide mittlerweile wieder gerne. Vulva kann ich ganz schwer sagen.

ze.tt: Wie hast du das bei deiner Tochter gemacht, welche Worte habt ihr genutzt?

Auf jeden Fall sage ich nicht Mausi oder Pipi! Manchmal bin ich in Cafés, da sagen Eltern „Denkst du bitte dran, dein Pipi abzuputzen“. Also, echt. Das ist doch kein Pipi! Wenn ich als Mutter zu meiner Tochter reden durfte – in einem Erziehungsbuch habe ich gelesen, dass man das nur auf Nachfrage machen sollte – habe ich Muschi gesagt. Das finde ich irgendwie nett. Nicht zu niedlich, nicht zu harmlos. Das einzige Problem mit Muschi ist, dass ich immer an die CSU denken muss, weil Edmund Stoiber doch seine Frau so nennt.

ze.tt: „Alice Schwarzer sitzt beim Sex zwischen mir und meinem Mann und flüstert mir ins Ohr: Ja, das denkst du nur, dass du jetzt einen vaginalen Orgasmus hast, das bildest du dir nur ein, um dich deinem Mann und seinem Machtschwanz zu unterwerfen.“ Das schreibt deine Protagonistin in Schoßgebete, das Buch ist zum großen Teil autobiografisch. Kennst du solche Gedanken?

Das ist eins zu eins ich. Mein altes Leiden ist meine alte feministische Erziehung, die einfach krass männerfeindlich war. Ich bin groß geworden mit einem Emma-Abo und einer Mutter, die sagt, alle Männer sind pädophil und wollen Frauen vergewaltigen. Ich bin mit einem Männerhorror großgezogen worden. Dann habe ich so eine gute Männerauswahl getroffen, dass ich nach und nach dachte: Meine Mutter hat vielleicht nicht Recht.

ze.tt: Vielleicht brauchte es diese Art von Feminismus, um zu einem neuen, freieren zu kommen?

Auf jeden Fall! Ich glaube, es funktioniert nur so. Wenn man was ändern will, schießt man immer erstmal übers Ziel hinaus und übertreibt. Dann kommen Leute und sagen: Muss es denn so doll sein? Und ich denke, ja, es muss doll sein, damit sich etwas ändert. Da spielten ja auch noch die Auswirkungen des zweiten Weltkriegs mit rein, wie horrormäßig Frauen da in Beziehungen behandelt wurden, noch bis in die 1960er rein. Dagegen haben sie gekämpft und ich verstehe, dass sie Männer nur als Täter sahen. Aber ich dachte: Hä? Die Männer, die ich habe, sind total toll!

ze.tt: Und trotzdem hat dich diese Erziehung auch beim Sex begleitet?

Alice Schwarzer und oder meine Mutter waren wirklich in meinem Bett. Der Sex war immer gut, aber trotzdem waren die immer da. Schon als Jugendliche konnte ich in einen sexuellen Tunnel gehen. So als würde man Crack rauchen, dann spielt alles keine Rolle mehr. Wenn ich es schaffe, anzufangen, Sex zu haben, dann läuft der D-Zug und ist nicht mehr zu stoppen.

ze.tt:  Das klingt nach Sex als Droge?

Das würde ich so nicht sagen, das ist zu hoch gehängt. Früher, als es mir psychisch schlechter ging, hatte Sex eine größere Bedeutung für mich. Sex als Gegenteil von Tod, das Gegenteil von Sterben. Sex war das Lebendige für mich, eine Betäubungsdroge, etwas Ablenkendes und etwas positiv Lebensbejahendes. Man schüttet dabei ja auch Dopamin aus. Aber jetzt, wo es mir besser geht und ich entspannter bin, würde ich nicht mehr sagen, dass Sex meine Droge ist.

ze.tt:  War Sex für dich Trauerarbeit?

Das auf jeden Fall. Und ich kann froh sein, weil Sex ja viel weniger schlechte Nebenwirkungen hat als andere Sachen. Kurz nach dem Sex denkt man ja: Hä, was ist denn eigentlich los? Welche seltsamen Probleme hattest du denn gerade? Dann ist alles gut. Vor allem ich mit mir.

ze.tt:  Wann fühlst du dich gut?

Das hat bei mir viel mit Arbeit und Erfolg zu tun. Damit meine ich nicht unbedingt Geld und Verkaufszahlen, sondern eher Applaus. Ich fühle mich richtig sexy, wenn ich einen Job cool gemacht habe. Dann laufe ich so rum und fühl mich wie ’ne Sexbombe. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie krass wir von Hormonen bestimmt sind. So richtig toll finde ich mich kurz vor meinem Eisprung. Drunk on hormones bin ich dann. Lauf und hol dir Sperma, wir wollen befruchtet werden. Man fühlt sich geil und streckt die Fühler aus.

ze.tt: In einem Text hast du beschrieben, wie sehr sich dein Sexleben geändert hat, seitdem du die Pille nicht mehr nimmst.

Ich hab früher immer die Männer bewundert und dachte, was ist mit mir los? Ich war so ein Heimchen, das zehn Mal nach Sex gefragt wurde und neun Mal nein gesagt hat. Wenn es dann dazu kam, hatte ich schon meinen Spaß. Aber ich hatte einfach eine kleine Libido. In dem Moment, wo ich die Pille abgesetzt hab, fühlte ich mich wie ein rumbumsender Typ. Ich hab so eine krasse Libido, als würde ich die ganze Zeit mit ’ner riesigen erigierten Klitoris rumlaufen. Ich spüre das ganz stark, dass wir so wie Bonobo-Affen sind. Im Endeffekt wollen wir alle bumsen, wir alle wollen die Klitoris geschrubbelt bekommen, bis wir kommen. Sobald man kommt, denkt man über alle Probleme anders nach.

ze.tt: Was meinst du, wie unser Leben aussehen würde, wenn alle mehr und besseren Sex hätten?

Megamäßig gut. Die Hippies hatten doch echt Recht. Auf jeden Fall, was Haare und Sex angeht. Ich bin zwar kein Hippie, aber gegen gesellschaftliche Tabus kämpfen, das finde ich gut. Freien Sex haben zu können, ohne schlechtes Gewissen, das finde ich super. Dass man die Moral weg hält vom Körper. Wenn es consensual ist, natürlich.

ze.tt: Tabuthemen bilden den roten Faden durch deine Arbeit. Nach Sex, Körperhygiene und Tod – kommen als nächstes Tabu die Gefühle?

Im Moment sehe ich viele Leute, die cool sein wollen, und auf keinen Fall Gefühle zulassen. Dabei sind Gefühle politisch. Erst heute dachte ich darüber nach, als ich die Nachrichten aus dem Sudan gelesen habe. Informationen lösen Gefühle aus, man fängt an zu weinen, weil man sich vorstellt, was mit anderen Menschen passiert. Man kann ja nur politisch kämpfen, wenn man Gefühle hat. Wenn einem etwas leidtut, was irgendwo passiert. Im Moment habe ich das Gefühl, dass alle vermeiden, peinlich zu sein. Gefühle gelten als peinlich. Ich hasse mittlerweile Ironie. Wenn ich merke, dass Leute unbedingt cool sein wollen und jedes Gefühl hinter Ironie verstecken wollen, dann finde ich das unmenschlich. Was bringt uns das, irgendwas zu machen, wenn man nicht Gefühle auslöst?

ze.tt: Es bringt uns nicht näher zusammen.

Genau. Ja, na klar, viele Leute schreckt das ab, meine Bücher und meine Themen. Aber in Wirklichkeit suche ich eine Verbindung. Ich erzähle meine Geschichten: Ich hab die Eier, von meinem Eisprung zu sprechen, von meiner Sexualität, meinem Fremdgehen, was auch immer. In der Hoffnung, dass Leute kommen und sagen: Bei mir ist das auch so. Du bist ein normaler Mensch. Wir sind Menschen, wir haben das. Völlig weg von einer Moral und einer Bewertung. Gefühle auslösen durch Gefühle mitteilen, das ist meine Arbeit. Das ist manchmal nicht cool und auch nicht witzig.

ze.tt: Wie cool und witzig ist Älterwerden?

Ich wusste immer, dass ich in Würde altern will. Damit muss man mit 30 anfangen. Ich bin große Anhängerin davon, sich nicht operieren zu lassen. Daran verdient bloß eine Schweine-Männerindustrie. Ich glaub auch nicht daran, dass Frauen das für sich selbst machen. Ich denke immer, steck dein Geld und deine Energie lieber da rein, so klarzukommen, wie du bist. Das macht am Ende stärker und glücklicher.

ze.tt: Ist würdelos Altern nicht auch eine Option? Also einfach alt werden, ohne irgendeinen Druck.

Wichtig bei der Definition von würdevoll finde ich, dass das jede für sich selbst bestimmt, was das bedeutet. Das darf niemand anders beurteilen. Bei Kleidung zum Beispiel. Ich ziehe eine Minirock an, wenn ich 80 bin. Sollte dazu jemals jemand was sagen, sage ich: Fickt euch! Morgens sehe ich manchmal die Falten an meinem Dekolleté vom Schlafen. Ich stehe dann nicht auf und denke: „Oh Gott, ich habe Falten!“ Ich sehe das und denke: Aha, so sieht das also aus. Ich werde älter und ich nehme Falten wahr. Check. Das körperliche Altern, Falten, graue Haare, das alles versuche ich anzunehmen. Leute hassen das Altern, weil sie an den Tod denken. Aber wenn man akzeptiert, dass man graue Haare hat, kann man auch akzeptieren, dass man stirbt.


Aus: "„Wir alle wollen die Klitoris geschrubbelt bekommen“ – Charlotte Roche über Sex, Männer und Gefühle" Mareice Kaiser (21. Juni 2019)
Quelle: https://ze.tt/wir-alle-wollen-die-klitoris-geschrubbelt-bekommen-charlotte-roche-ueber-sex-maenner-und-gefuehle/

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« Reply #132 on: June 24, 2019, 11:24:39 AM »
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Klappentext

Svenja Flaßpöhler plädiert für eine neue Weiblichkeit. Erst wenn Frauen sich selbst und ihre Lust als potente Größe begreifen, befreien sie sich aus der Opferrolle. Erst wenn sie Autonomie nicht bloß einfordern, sondern wagen sie zu leben, sind sie wahrhaft selbstbestimmt. Und nur so kann das Geschlechterverhältnis gelingen.

 Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.06.2018
Claudia Mäder liest das Buch der "dezidierten" Feministin und Philosophin Svenja Flaßpöhler atemlos angesichts von Flaßpöhlers Furor gegen den "Hashtag-Feminismus". In dem Plädoyer der Autorin für eine neue, aktive Weiblichkeit erkennt sie auch eine Gesamtschau der feministischen Entwicklung und ihrer Stagnation. Flaßpöhlers Ermunterung zum Angehen gegen Widerstände findet Mäder allerdings eher flach. Bedenkenswert dagegen erscheint ihr das von der Autorin angesprochene Paradox, wonach die Chancen für die Selbstverwirklichung der Frau besser denn je seien, während die Frauen weiter die strukturelle Übermacht der Männer beklagen. Grundsätzlich findet Mäder die Denkrichtung des Essays richtig. Über die ein oder andere Pauschalisierung der Autorin ärgert sie sich jedoch.

 Rezensionsnotiz zu Die Welt, 26.05.2018
Maria Delius ist negativ überrascht von der Thesenhaftigkeit von Svenja Flaßpöhlers Plädoyer. Die postmodern pragmatisch gedachten Formeln im Buch findet sie letztlich hohl, und dass, obwohl die Autorin eigentlich "keine Thesentante" ist. Schlimmer aber scheint ihr, dass die Autorin die MeToo-Debatte so offensichtlich missversteht, wenn sie annimmt, dass diese Frauen als Opfer begreift. Für Delius mündet Flaßpöhlers auf dieser Falschannahme fußender sozialkritischer Ehrgeiz im Anekdotischen.

 Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2018
 Elena Witzeck weiß, dass große Bewegungen dazu neigen, Nuancen und Differenzierungen wegzuspülen, so natürlich auch #MeToo. Theoretisch findet sie es also ganz richtig, wenn sich die Philosophin Svenja Flaßpöhler mit kritischen Interventionen zu Wort meldet und auf Widersprüche oder Schwächen im neuen "Hashtag-Feminismus" hinweist, zum Beispiel dass Frauen hier nicht als Subjekt auftreten, sondern nur als Opfer männlicher Belästigung. Flaßpöhler sieht darin die negative Energie des dekonstruierenden Feminismus von Judith Butler nachschwingen. Witzeck anerkennt diese Einwände zwar als "intelligente Perspektive", will sie dann aber doch nicht gelten lassen und wirft der Autorin vor, ihre Forderungen nur an die Frauen zu richten. Das pinke Cover nimmt die Kritikerin dem Verlag übel.

 Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.05.2018
Heide Oestreich wird nicht glücklich mit Svenja Flaßpöhlers Manifest für die potente Frau. Dass alle anderen Frauen krampfhaft an ihrem Opferstatus festhalten, wie die Autorin zu suggerieren scheint, kann Oestreich nicht finden, für sie eine einseitige Lesart der MeToo-Debatte. Auch Flaßpöhlers Postulat, das Kind nicht mit dem Bade, respektive die Verführung nicht mit der Belästigung abzuschaffen, scheint der Rezensent nicht leicht verständlich. Den Lernprozess abzubrechen, ehe er vollendet ist, hält sie für falsch. Als Stärke des Essays erkennt sie das Hinweisen auf blinde Flecken in der Debatte, die Pauschalanklagen etwa.

 Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.05.2018
Susan Vahabzadeh hat so ihre Zweifel, ob die von der Philosophin Svenja Flaßpöhler angeregte Entsolidarisierung der Frauen in Sachen Belästigung die Lösung ist. Der Flaßpöhler vorschwebenden Selbstermächtigung der Frau und der Entpauschalisierung des Feminismus entkommt die Autorin laut Rezensentin aber selbst nicht, wenn sie von "den Feministinnen" schreibt. Interessant findet Vahabzadeh den Gedanken im Buch, es bräuchte eine neue Phänomenologie mit der "leiblichen Erfahrung" im Zentrum. Dass der weibliche Orgasmus wichtig für die Befruchtung sei, wie Flaßpöhler erklärt, hält die Rezensentin allerdings für eine eher rückwärtsgewandte Idee.



Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/svenja-flasspoehler/die-potente-frau.html

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[...] Svenja Flaßpöhler spricht mit taz FUTURZWEI über militante Intoleranz von dauerbeleidigten Identitätslinken.

taz  FUTURZWEI: Stellen wir sofort die Greta-Frage der Gegenwart, Frau Flaßpöhler: Haben wir es mit Identitätspolitik übertrieben?

SVENJA FLAßPÖHLER: Zunächst einmal: Klar sollen und dürfen benachteiligte Gruppen um Anerkennung kämpfen. Und dafür müssen sie sich nun mal als Gruppe benennen. Aber es gibt einen Punkt, an dem dieser Kampf zu gesamtgesellschaftlicher Zersplitterung führt. Dieser Punkt ist eindeutig erreicht. Und zweitens vermisse ich bei denen, die diesen Kampf führen, ein gesundes Maß an Selbstdistanz. Und Reflexion darüber, dass »Identität« gerade in der linken Theoriebildung ein hoch problematisches Konzept ist.

taz  FUTURZWEI: Dann machen wir mit einem Zitat der Schriftstellerin Eva Menasse weiter: »Verdiente Wissenschaftler, die als Nazis, Lyriker, die als Sexisten, Sprachforscher, die wegen ihrer wissenschaftlichen Beschäftigung mit Ressentiment und Vorurteil als Vorurteilsverbreiter diffamiert werden, in den meisten Fällen losgetreten von Studenten, also von jungen Menschen, die intelligent, gut ausgebildet, vernetzt und kreativ in ihren Protestformen sind, aber offenbar unfähig, ihre eigene militante Intoleranz zu erkennen.« Gehen Sie da mit?

SVENJA FLAßPÖHLER: Da gehe ich schon allein deshalb mit, weil ich diese Militanz am eigenen Leib erfahre. Seit meinem Buch Die potente Frau gelte ich in linken Kreisen als rechtsreaktionär. Wenn das nicht so traurig wäre, wäre es eigentlich ziemlich lustig. Aber es gibt noch etwas, das mich gegenwärtig schwer beunruhigt: Nämlich die Unfähigkeit, Ambivalenz auszuhalten. Also: dass ein Mensch zum Beispiel zugleich ein exzellenter Musiker, aber auch Kinderschänder sein kann. Das führt letzten Endes zu dem Reinheitsgedanken: Michael Jackson muss aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt werden. Und die Kunstwerke selbst müssen natürlich auch rein sein, weil man sich sonst belästigt fühlt. Da zeigt sich eine neue Form von Sensibilität  ...

taz  FUTURZWEI: Sensibilität ist freundlich formuliert.

SVENJA FLAßPÖHLER: Aber der Begriff ist interessant! Wir sind als moderne Subjekte mit einer sensiblen Außengrenze ausgestattet: Wann tangiert mich etwas? Was verletzt mich? Wird durch dieses oder jenes meine Würde angetastet? An diesen Formulierungen merkt man schon, wie zentral das Fühlen und Empfinden für uns ist. Sensibilität ist der Motor des Anerkennungskampfes von unterdrückten Gruppen. Aber sie kann eben auch vom Progressiven ins Regressive kippen und zu moralischem Totalitarismus führen, um einen Ausdruck von Thea Dorn zu verwenden.

taz  FUTURZWEI: Das Menasse-Zitat drängt eine unangenehme historische Parallele auf, weil ja auch für die NSDAP die Studentenschaft eine extrem avantgardistische Gruppe gewesen ist. Da wird einem schummerig, wenn man darüber nachdenkt, dass so eine Form von Reinheits-Totalitarismus genau von den »intelligenten« Eliten vorgetragen wird.

SVENJA FLAßPÖHLER: Stimmt. Ich würde aber sagen, das ist eine andere Logik. Der moralische Totalitarismus resultiert aus einem vermeintlichen Humanismus. Eben einer Sensibilität für die Unterdrückung der eigenen Gruppe oder die Unterdrückung anderer Gruppen. Das unterscheidet die linksliberale Elite oder auch linke Studierende von Nazis oder von Burschenschaften.

taz  FUTURZWEI: Ist das wirklich so?

SVENJA FLAßPÖHLER: Der zentrale Unterschied ist doch der: Der Faschismus wendet sich gegen Minderheiten, gegen Schwache. Wenn aber zum Beispiel Studierende dafür kämpfen, dass ein Eugen-Gomringer-Gedicht von der Wand ihrer Hochschule verschwindet, dann ist der Feind der weiße, erfolgreiche Mann. Dreh- und Angelpunkt ist also das Verhältnis von Privilegierten und Nichtprivilegierten. Oder auch: von Betroffenen und Nichtbetroffenen. Es gibt im Feminismus die sogenannte Standpunkttheorie, die besagt, dass jede Position an einen Standpunkt gebunden ist, aber dass die Unterdrückten einen objektiveren Zugang zur Wahrheit haben, weil sie viel mehr sehen als die privilegierte Gruppe, die gar kein Interesse an einer höheren Erkenntnis hat. Sicher ist es richtig, dass ich nicht weiß, wie es ist, eine schwarze Hautfarbe zu haben. Insofern kann mich die Sicht eines dunkelhäutigen Menschen, der tagtäglich Diskriminierung erfährt, zu neuen, wertvollen Einsichten führen. Problematisch finde ich aber, wenn Menschen, die keiner solch unterdrückten Gruppe angehören, unterstellt wird, dass sie zu bestimmten Themen nichts Wertvolles sagen können. Ich als weiße, heterosexuelle Frau in einer Führungsposition habe in bestimmten Themenkomplexen ganz schlechte Karten.

taz  FUTURZWEI: Wer verbietet Ihnen, Ihre Argumente zu bringen?

SVENJA FLAßPÖHLER: Im juristischen Sinne natürlich niemand, aber im moralischen Sinne würden mir manche Leute gerne den Mund verbieten. Kleines Beispiel: Ich habe vor einigen Wochen bei einer Debatte im Literarischen Colloquium Berlin versucht, meine Haltung zur gendergerechten Sprache darzulegen, die ambivalent ist. Ich habe versucht, einen Denkraum zu eröffnen und das Publikum zum offenen Austausch einzuladen. Unter anderem war Lann Hornscheidt da, begleitet von zwei exakten Kopien seiner selbst, gleiches Hemd, gleiche Frisur, beide sahen genauso aus wie er, hat mich schon etwas belustigt, diese Uniformierung  ...   

taz  FUTURZWEI: Hornscheidt ist laut Website »Profess_x für Gender Studies und Sprachanalyse«. Spezialgebiet: geschlechtsneutrale Sprache. Warum sagen Sie »der Lann Honnscheidt«?

SVENJA FLAßPÖHLER: Hätte ich »das Lann Hornscheidt« sagen sollen? Hier zeigt sich, dass Sprache widerspenstig ist, dass sie eine historisch gewachsene, grammatikalisch-semantische Eigenlogik hat und sich nicht dem emanzipatorischen Willen einzelner unterwirft: »Das« klingt eben extrem verdinglichend, und ich will niemanden verdinglichen. Ich hätte natürlich auch »die Lann Hornscheidt« sagen können. Dann hätte ich mich am biologischen Geschlecht orientiert. Als Frau, die durch die poststrukturalistische Theoriebildung gegangen ist, habe ich mich ganz subversiv für »der« entschieden. Aber zurück zu meiner kleinen Geschichte: Im LCB damals waren auch junge Feministinnen. Die haben überhaupt nicht ausgehalten, dass da jemand auf der Bühne auch die kritische Seite der gendergerechten Sprache beleuchtet. Also etwa die Frage stellt, wie offen Sprache für die Forderungen einzelner ist, so oder so angeredet zu werden. Die aggressiven Zwischenrufe kulminierten dann in dem Satz: »Hören Sie endlich auf, Sie beleidigen uns!«

taz  FUTURZWEI: Das war das Ende des Debatten-Diskurses?

SVENJA FLAßPÖHLER: Wenn an die Stelle von Argumenten Gefühle treten, ist an Diskutieren nicht zu denken. Das würgt alles ab.

taz  FUTURZWEI: Das Neue ist, dass das jetzt auf der rechten Seite gespiegelt wird. Der weiße, alte Arbeitermann ist oder fühlt sich kulturell und sozial entprivilegiert. Der will auch über seine Gefühle als Opfer sprechen. Das prallt jetzt aufeinander.

SVENJA FLAßPÖHLER: Klar. Auf der rechten Seite wird der Opfergestus auch gern nach vorne gespielt. Ein Satz wie »Hören Sie endlich auf, Sie beleidigen uns!« scheint mir aber doch eine eher linke Rhetorik zu sein. Das Opfer im rechten Diskurs ist eines, das mit Stärke assoziiert ist. Denken Sie an Nietzsche, da sind die Herrenmenschen zwar Opfer von Ressentiment und Sklavenmoral, aber fürs Beleidigtsein sind sie dann doch zu stolz.

taz  FUTURZWEI: Ich war unlängst auf einer Tagung zum Thema Krieg und habe dort einen Vortrag zum Thema »Vergewaltigung als Kriegswaffe« gehalten. Da meldete sich eine Studentin und fragte ganz empört, warum ich keine Triggerwarnung ausgesprochen hätte. Ich habe sie gefragt: »Haben Sie auf den Veranstaltungstitel geguckt? Glauben Sie, dass Vergewaltigung kein Mittel des Krieges ist? Darf man dann darüber nicht sprechen? Möchten Sie gewarnt werden davor?« Sofort sprang ihr eine Professorin bei und sagte: »Das kann man jetzt aber hier nicht verhandeln.« Dann sagte ich: »Das kann man allerdings verhandeln, denn das ist eine wissenschaftliche Veranstaltung.« Das ist ja doch interessant, wie diese Macht funktioniert.

SVENJA FLAßPÖHLER: Interessant ist auch, mit welcher Bereitwilligkeit Institutionen diese Logik stützen. In der heißen Phase der #MeToo-Debatte hat sich gezeigt, wie weit die institutionelle Unterwerfungsbereitschaft geht. Ein gutes Beispiel ist Gebhard Henke, ehemals Fernsehchef beim WDR, der aufgrund von anonymen Anschuldigungen, sexuell belästigt zu haben, vorzeitig in den Ruhestand entlassen wurde.

taz  FUTURZWEI: Eine fristlose Kündigung wurde vom WDR später zurückgenommen, man einigte sich auf Beendigung der Zusammenarbeit wegen eines »fehlenden Vertrauensverhältnisses«.

SVENJA FLAßPÖHLER: Aus der Angst heraus, dass die Institution Schaden nimmt aufgrund der gesamtgesellschaftlichen Wucht von #MeToo, wurde dieser Mann vorzeitig und ohne jeden Beweis seiner Schuld entlassen. Henke hat mir bei einem Treffen erzählt, er ist sozial im Grunde tot. Da wird institutionell ein vorauseilender Gehorsam geleistet, der Existenzen kaputt macht. Zur #MeToo-Debatte könnte ich jetzt natürlich einiges sagen.

taz  FUTURZWEI: Vielleicht einen Absatz.

SVENJA FLAßPÖHLER: Abgesehen davon, dass die Auswüchse von #MeToo mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun haben, hat sich Feminismus in eine Opferrolle hineingetwittert, die so schlicht nicht mehr vorliegt. Wir leben nicht mehr im Patriarchat, sondern in einer extrem vielschichtigen Übergangsphase. Es gibt noch real existierende Unwuchten, sicher. Aber wir Frauen sind doch konstitutiver Teil dieser Unwuchten  ...

taz  FUTURZWEI: Dafür wurden Sie von anderen Feministinnen besonders hart kritisiert.

SVENJA FLAßPÖHLER: Weil eben diese Feministinnen mein Buch nicht vernünftig gelesen haben, ich habe mit keinem Wort behauptet, dass Frauen selbst schuld sind, wenn sie vergewaltigt werden. Sondern ich fordere, dass auch Frauen eine kritische Distanz zu sich selbst einnehmen, anstatt nur #MeToo zu tippen und auf den Mann zu zeigen. Wir haben ganz bestimmte Verhaltensweisen inkorporiert in den Jahrhunderten des Patriarchats: Passivität, Gefallsucht, Minderwertigkeitsgefühle. Das führt dazu, dass wir uns auch in Situationen, in denen wir die Möglichkeit hätten, autonom zu handeln, genau das oft nicht tun. Wenn mich ein Vorgesetzter fragt, ob ich mit ihm auf einem Hotelzimmer ein Bewerbungsgespräch führe, kann ich selbstverständlich ganz souverän sagen: Nein, danke. Wenn dann eingewendet wird: Ja, aber dann kriegt die Frau doch den Job nicht! Dann muss ich sagen: Ja, das ist Autonomie.

taz  FUTURZWEI: Zum eigenen Nachteil Entscheidungen treffen?

SVENJA FLAßPÖHLER: Ja, natürlich. Die Menschheitsgeschichte wäre keinen Millimeter vorangekommen, wenn die Menschen immer nur dann autonom gehandelt hätten, wenn es gerade gut passt.

taz  FUTURZWEI: Wenn ich mich jetzt aber dafür entscheide, mich hochzuschlafen, um in eine mächtigere Position zu kommen, ist das okay? Oder schwäche ich damit den feministischen Machtkampf?

SVENJA FLAßPÖHLER: Wenn man mit wem auch immer aus freien Stücken schläft, muss man dazu stehen und darf hinterher nicht sagen: Der hat mich aber gezwungen. Und hochschlafen, das sagt man so. Wenn eine Frau Sex mit ihrem Vorgesetzten haben will, bitte. Das als unfeministisch zu bezeichnen, da fängt die Prüderie doch schon an. Da kommen wir schnell in Teufels Küche.

taz  FUTURZWEI:  Gibt es den Teufel eigentlich auch in weiblicher Form? Ist das Teil irgendeines Diskurses oder darf der als einziger männlich bleiben?

SVENJA FLAßPÖHLER: Das weiß ich nicht, aber es gibt ganz sicher eine weibliche Form von Gewalt. Mich hat jedenfalls von Anfang an skeptisch gemacht, dass alle, wirklich alle #MeToo super fanden, von Alice Schwarzer und Angela Merkel über Giovanni di Lorenzo bis hin zur linken Feministin in Neukölln. Da wird eine Quasireligion aufgebaut und wer es wagt, die zu kritisieren, ist rechtsreaktionär. Das hat nichts mit einem offenen, liberalen, demokratischen Diskurs zu tun.

taz  FUTURZWEI: Wenn jetzt von rechter Seite aus faschistoide Vorstellungen wieder als wünschenswert artikuliert und als politisch durchsetzbar gedacht werden und von einer sich als progressiv verstehenden Seite der Gesellschaft auch das Reinheitspostulat kommt, wo bleibt denn der autonome Raum?

SVENJA FLAßPÖHLER: Da kann ich jetzt mal als Betroffene antworten. Dass meine Thesen streitbar sind, ist doch völlig klar. Aber was mich erschreckt hat, ist, dass manche Leute wegen meines #MeToo-Buches den Diskurs mit mir verweigern. Als wäre ich ein Nazi.

taz  FUTURZWEI: Was für Leute sind denn das?

SVENJA FLAßPÖHLER: Zum Teil Bekannte, die demselben Milieu entstammen.

taz  FUTURZWEI: Und sich als aufrechte Linksliberale verstehen?

SVENJA FLAßPÖHLER: Aufrecht weiß ich jetzt nicht, aber linksliberal sicher. Die Grenze des Sagbaren wird eng gezogen. Das so zu formulieren ist natürlich in sich schon wieder hakelig, weil das eine rechte Rhetorik ist: »Das wird man ja nochmal sagen dürfen.« Das Schlimme ist aber, dass ich in den letzten zwei Jahren in Situationen gekommen bin, in denen mir genau dieser Satz auf der Zunge lag: Das werde ich ja wohl nochmal sagen dürfen.

taz  FUTURZWEI: Womit man an dem wirklich brisanten Punkt der Verengung des politischen Raumes ist. Aber man kommt auch bei dem Versuch, eine rationale Ebene einzuziehen, schon wieder in die Falle, dass man gezwungen wird, das Falsche zu sagen, weil der Raum nicht mehr da ist.

SVENJA FLAßPÖHLER: Das hat mit dieser Standpunkttheorie, mit dieser Betroffenheit zu tun. Sobald man anfängt, reflexive Distanz zu fordern, fängt das Problem schon an, weil der oder die Betroffene dann sagt: Aber das verletzt mich doch! Es gibt einen Unwillen, genau diese sachbezogene Distanz zu sich selbst einzunehmen, die aber leider die Voraussetzung für eine sachgetriebene Debatte ist. Warum schaffen wir es nicht mehr, Thesen in den Raum zu stellen und dann von allen Seiten zu betrachten? Und noch ein Satz zur Standpunkttheorie: Es ist ja gerade notwendig, dass am Diskurs auch Menschen teilnehmen, die nicht unmittelbar betroffen sind. Sie haben nämlich den Vorteil, sich aus der eigenen Betroffenheit nicht herauslösen zu müssen und vielleicht Aspekte zu sehen, die Betroffene nicht sehen. Deshalb würde ich sagen: Die Betroffenenperspektive kann extrem bereichernd sein für einen Diskurs. Aber sie kann auch in krudesten Narzissmus münden, weil man alles auf sich bezieht.

taz  FUTURZWEI: Das ist das intellektuelle Äquivalent zum Selfie.

SVENJA FLAßPÖHLER: Ja, wobei man da immerhin noch eine Armlänge Abstand halten muss zu sich selbst.

taz  FUTURZWEI: Dahinter steckt doch ein eklatanter Mangel an Liberalität. Die Linksliberalen sind nicht mehr liberal. Das Problem einer gesellschaftlichen Konsensverschiebung besteht ja darin, dass es alle beteiligten Gruppen umfasst. Die Identität der Mechanismen der Ausgrenzung, der Delegitimierung, der Selbstbezüglichkeit, der Selfie-Kultur, das ist ja etwas, was in allen gesellschaftlichen Gruppen Diskurs verengt oder verunmöglicht. Das sind immer Spiegelungen. Wenn ich das schon immer höre, dass man ja aber auch die Rechten ernst nehmen und in Dialog treten muss, das ist ja auch nur Kennzeichnung dieses Phänomens.

SVENJA FLAßPÖHLER: Da halte ich dagegen und sage, dass diese Habermasche A-priori-Ausgrenzung von bestimmten Positionen letzten Endes zu einem linken Elitismus führt, der sehr gefährlich ist, weil man dem anderen immer schon von vornherein abspricht, überhaupt diskursfähig zu sein. Ich bemühe mich, rechte Positionen zu verstehen, aber im Sinne von Hannah Arendt. So, wie Arendt versucht hat, den Holocaust-Organisator Adolf Eichmann zu verstehen, ohne ihn zu rechtfertigen oder irgendwas zu entschuldigen.

taz  FUTURZWEI: Aber Verstehen ist was anderes als in Dialog zu treten.

SVENJA FLAßPÖHLER: Na ja, Verstehen setzt schon voraus, dass ich mir die andere Position erst mal anhöre. Das Kriterium wäre für mich vielmehr, ob die andere Seite auch bereit ist zuzuhören und ob grundsätzlich ein Erkenntnisinteresse besteht.

taz  FUTURZWEI: Wenn wir jetzt schon bei Hannah Arendt sind, da sind wir auch bei der Theoriefrage: Wie verstehe ich theoretisch auch die Fähigkeit zur Ambivalenz als Kernbestandteil von moderner Gesellschaft? Gibt es einen relevanten, wirklich gesellschaftsbezogenen Modernisierungsdiskurs? Was ist der theoretische Raum, in dem wir uns da gegenwärtig bewegen?

SVENJA FLAßPÖHLER: Mir fällt auf, dass die Errungenschaften postmoderner Theoriebildung überhaupt nicht mehr reflektiert und gesehen werden. Differenz zu denken, und zwar radikal, das macht die Moderne im progressiven Sinn theoretisch aus. Und genau diese Errungenschaften werden verraten, wenn man nicht mehr dazu in der Lage ist, den anderen als anderen, mit einer anderen Position, mit einem anderen Standpunkt, anzuerkennen und in einen offenen Diskurs mit ihm zu treten. Stattdessen löst sich alles in einer krassen Selbstbezüglichkeit auf, völlig theoriearm, völlig theorieentkernt.

taz  FUTURZWEI: Das zentrale politische und gesellschaftliche Problem hinter dem, was wir besprechen: Wenn die »Linke« nur noch in dieser Form aufzutreten in der Lage ist und füglich davon absieht, was materielle Unterschiede und was gemeinsame Ziele sind: Wo sind dann die Sachverwalter der sozialen Frage?

SVENJA FLAßPÖHLER: Was an linker Identitätspolitik so gefährlich ist: Man gibt die Möglichkeit preis, sich im Dienste von etwas Höherem, zum Beispiel für soziale Gerechtigkeit, zu solidarisieren. Das hat sich auch gezeigt bei der riesigen »Unteilbar«-Demo, wo dann hinterher beklagt wurde, dass diese oder jene Gruppe da auch mitgelaufen ist.

taz  FUTURZWEI: Da müssen wir jetzt mal der historischen Richtigkeit halber sagen, dass die Einzigen, die sich mit »unteilbar« nicht solidarisiert haben, Wagenknecht, Stegemann und Co. waren, weil ihr »aufstehen«-Versuch sich ja dezidiert gegen diese Demo ausgesprochen hat. Die hatten natürlich Schiss davor, dass sie das nicht mit ihrer nationalen Antiflüchtlingshaltung überein kriegen. Apropos Schiss: Es ist absehbar, welche Reaktionen unser Heft und dieses Gespräch bekommen wird.

SVENJA FLAßPÖHLER: Ich werde oft gefragt: Haben Sie gar keine Angst vor einem Shitstorm? Scheiß auf den Shitstorm. Wenn jetzt schon Journalisten-Kollegen damit anfangen zu sagen, hmmm, wenn ich das jetzt so schreibe, wird die taz-Leserin das nicht liken, dann wird es wirklich gefährlich. Letzten Endes braucht man Arsch in der Hose.

taz  FUTURZWEI: Für uns hört sich das etwas machomäßig an.

SVENJA FLAßPÖHLER: Aber darauf läuft es hinaus. Ernsthaft: Ich finde, dass man differenziert über Dinge reden können muss. Wenn zum Beispiel gefragt wird: »Ist es für die Kinder egal, ob sie von homosexuellen Eltern großgezogen werden oder von heterosexuellen Eltern?«, sind sich alle total einig: Das ist völlig egal. Um es ganz klar zu sagen: Ich finde die Homoehe super, ich bin sehr dafür, dass Homopaare Kinder adoptieren können. Aber eine aufgeklärte Gesellschaft muss in der Lage sein, zu differenzieren. Es macht einen Unterschied, ob ein Kind zwei Väter, zwei Mütter oder einen Vater und eine Mutter hat. Ich rede jetzt nicht davon, dass etwas besser oder schlechter ist, aber es ist ein Unterschied. Warum kann man das nicht sagen? Warum kann man das nicht analysieren? Es gibt eine Angst davor, als reaktionär dazustehen, wenn man in die Differenzierung geht. Das führt zu der krassen Stupidität heutiger Diskurse, in denen ich dann plötzlich eine rechtsreaktionäre Feministin bin. Als Intellektuelle liegt meine zentrale Kompetenz darin, zu differenzieren. Das ist mein Job.

taz  FUTURZWEI: Der Begriff »rechtsreaktionär« scheint Sie schon zu wurmen?

SVENJA FLAßPÖHLER: Natürlich wurmt mich das, natürlich sehe ich mich nicht so. Aber es ist symptomatisch für unsere Zeit. Die Unfähigkeit zur Ambivalenz und die Unfähigkeit zu differenzieren hängen ganz eng zusammen.

(Dieses Interview ist in taz FUTURZWEI N°9 erschienen. Die Fragen stellten Peter Unfried und Harald Welzer.)


Aus: "Von moralischem Totalitarismus: Hören Sie auf, Sie beleidigen uns!" (2019)
Quelle: https://taz.de/Von-moralischem-Totalitarismus/!168884/


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« Reply #133 on: July 08, 2019, 10:17:05 AM »
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[...] Aus Telefonüberwachungen weiß man, dass eine wachsende Zahl von Ehefrauen, Müttern, Schwestern und Töchtern genervt ist vom ewigen Machogehabe ihrer Väter, Männer, Brüder und Söhne. Viele Frauen haben es satt, die Männer im Gefängnis zu besuchen und dass die Polizei am frühen Morgen anlässlich einer Razzia im Schlafzimmer steht. ... Etliche Mädchen und Frauen dieser Clans sind weit bildungshungriger als die Männer. Sie wollen einen Schulabschluss, einen Beruf erlernen, vielleicht studieren und arbeiten. ...


Aus: "Fünf vor acht / Clan-Kriminalität: Den Familien permanent auf die Nerven gehen" Aus einer Kolumne von Martin Klingst (8. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2019-07/clan-kriminalitaet-grossfamilien-parallelgesellschaften/komplettansicht

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[...] Wenn wir über Fußball reden, dann meinen wir Männerfußball. Männerfußball sagt man aber nicht, denn er ist die Normalität. Zur Fußball-WM der Frauen in Frankreich, die an diesem Wochenende in Lyon ins Finale geht, hat lediglich der deutsche Spiegel die Geschlechtermarkierung weggelassen und tickert online sichtbar aktuelle Spiele und Spielstände, während man bei den meisten Medien immer noch nach Beginnzeiten, Ergebnissen oder Berichterstattung suchen muss.

Wenn über Frauenfußball gesprochen und geschrieben wird, ist zuallererst (immer noch) Rechtfertigung im Spiel, warum es überhaupt Fußball spielende Frauen gibt, dazu gehören Erläuterungen, dass das Spiel schneller und interessanter geworden ist, die Rasanz dieser Entwicklung, aber auch Abbildungen schöner respektive weiblicher (sexy) Fußballerinnen – auch dies Entschuldigung und Ausweichmanöver.

Noch zur 2011er-WM in Deutschland sollen die "Mannweiber- und Lesbenklischees" werbewirksam durch neue Bilder ersetzt werden (die besser ins patriarchalische Weltbild passen), und heuer sponsert die Commerzbank einen ironischen Spot mit deutschen Nationalspielerinnen, die sich darüber lustig machen, dass sie keine Eier brauchen, weil sie Pferdeschwänze haben. Gut gemeint ist es bestimmt, aber ein Hinweis darauf, dass die Überschreitung der Geschlechtergrenzen nach wie vor höchst problematisch ist.

Anders ist es in den sozialen Netzwerken, wo Expertinnen und Experten, Fans und Interessierte wie beim "normalen" Fußball darüber kommunizieren, was sie beschäftigt: schöne Tore und Paraden, Aufstellungen, Taktiken, Chancen, Niederlagen, Trainerinnen- und Trainerentscheidungen, Lifestyle und politische Einstellungen einzelner Spielerinnen und so weiter.

Die Geschichte des Fußballspiels wurde erst vor rund hundert Jahren in Männerfußball einerseits und vorübergehend attraktiven, aber kaum geduldeten bzw. bald verbotenen Frauenfußball andererseits getrennt. Man weiß vielleicht nicht, wer genau ab dem 5. Jahrhundert in China gekickt hat, in England ab dem 12. Jahrhundert taten es alle. Über Stunden gingen diese Volksspiele, an denen sich ganze Dörfer – Männer, Frauen, Kinder – beteiligten und die auch sonst kaum reguliert waren.

Als Geburtsjahr des modernen Fußballs für Männer wie Frauen gilt das Jahr 1863, als die englische Football Association (FA) – eine Art Vorgängerorganisation der Fifa – gegründet wurde. Ab nun gibt es beachtliche Zahlen und weniger erstaunliche Verbote für Fußballerinnen. 1895 sehen 10.000 Zuschauer ein Frauenfußballspiel, das professionell nach FA-Regeln abgehalten wird. England-Nord vs. England-Süd, und die Namen der Spielerinnen, die in wallenden Knickerbockern auflaufen, sind überliefert.

In England ist Frauenfußball bis in die 1920er-Jahre so attraktiv und finanziell erfolgreich, dass die FA Konkurrenz für den Fußball der Männer fürchtet. Die Dick Kerr's Ladies (später FC Preston Ladies) füllen große Stadien, ein Spitzenspiel gegen die St. Helens Ladies in Everton wird 1920 von 53.000 Zuschauern verfolgt.

Im Jahr 1922 verbietet die Football Association offiziell, dass ihre Mitgliedsvereine die Plätze Frauen überlassen – ab nun entzieht man dem Frauenfußball wortwörtlich den Boden. Die fadenscheinigen Begründungen dieses Verbots – Gefährdung der weiblichen Gebärfähigkeit sowie Fehlen der grundsätzlichen körperlichen Eignung, moralisch-sittliche Bedenken et cetera – werden sich in den kommenden 50 Jahren in den meisten europäischen Ländern wiederholen und von allen möglichen Experten mit Thesen untermauert, die sich heute nur skurril lesen. In der Österreichischen Damenliga kommen zu den Spielen im Wiener Raum mit neun Mannschaften 3000 Zuschauer, und die Frauen spielen, bis 1938 der Nationalsozialismus Sport ausübende Frauen ausbremst und Frauenfußball verbietet.

Die Kabarettistin Lotte Specht gründet 1930 in Frankfurt am Main ein Frauenteam, das nur gegen sich selbst spielen kann, bis sich der Verein aufgrund Anfeindungen bald wieder auflöst – die Spielerinnen werden als "Mannsweiber" beschimpft und mit Steinen beworfen. Spechts Initiative ist keine rein sportliche, sondern emanzipatorisch gemeint, aber nachhaltig sind erst jene Vereine, die um des Fußballspielens per se gegründet werden.

Nach dem Wunder von Bern wollen auch die deutschen Frauen spielen, und landauf, landab bilden sich in den 1950er-Jahren Teams und wilde Ligen, man organisiert inoffiziell Länderspiele, bis der DFB 1955 schließlich den Frauenfußball offiziell verbietet, denn diese Kampfsportart sei "der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd" – geholfen hat es wenig, im Jahr darauf gewinnt eine Auswahl deutscher Frauen gegen die Niederlande 2:1. Die Spiele der Frauen werden immer wieder von Verbänden, teilweise mithilfe der Polizei, geräumt. 1963 spielt die deutsche Auswahl dennoch rund 70 Länderspiele.

Das deutsche Frauenfußballverbot gilt bis 1970 – kurz bevor in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt wird. Fußball spielen die Schweizerinnen schon länger. Madeleine Boll, Jahrgang 1953, bekommt als Zwölfjährige als erste Frau einen Spielerpass – aber nur, bis man bemerkt, dass der Mittelfeldspieler links mit der guten Technik ein Mädchen ist. Sie wechselt zu Gomma-Gomma in Mailand und ins Pionierland des europäischen Frauenfußballs. "La Montagna Bionda", wie die Presse Boll nennt, versteht erst später, dass sie Pionierin und Vorbild war.

Vielen Frauen in der Mitte des 20. Jahrhunderts in England, Deutschland und der Schweiz geht es um Fußball, nicht um Politik, sie haben männliche Vorbilder, wollen einfach nur Fußball spielen. Ehemalige Schweizer Fußballerinnen (die bei einem inoffiziellen Ländermatch 1970 9:0 gegen die Österreicherinnen gewinnen) sehen keinen Zusammenhang zwischen den gesellschaftspolitischen Aufbrüchen um 1968 herum und den Frauenvereinen, die sich zu der Zeit überall gründen. Dennoch geben sie sich nicht damit zufrieden, dass ihnen etwas verboten sein soll, das Männer dürfen.

Bis zuletzt lesen sich so manche Argumente gegen Frauenfußball ähnlich wie jene gegen das Wahlrecht für Frauen. Von Verantwortung gegenüber Frauen und Mädchen spricht die Kapitänin der französischen Nationalmannschaft, Armadine Henry: Nicht nur um Fußball gehe es, sondern auch um weiblichen Stolz. Frauenfußball und Politik sind nicht zu trennen, der Status des Frauenfußballs sagt viel über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft aus.

Am 8. März 2019, dem internationalen Weltfrauentag, klagen 23 US-Nationalspielerinnen ihren Verband wegen Diskriminierung, es geht um Geld und um Gleichstellung, um Wertschätzung und Respekt. Die dreifachen Weltmeisterinnen, vierfachen Olympiasiegerinnen erhalten nur 38 Prozent des Lohns ihrer männlichen Kollegen, sind aber nicht nur vielfach erfolgreicher als diese, sondern spielen auch entsprechend mehr Geld ein als die US-Fußballer.

Warum ist Fußball in den USA weiblich? Interessant ist die historische These, dass der Kolonialismus Mitte des 19. Jahrhunderts eine strikte Fußballverweigerung nach sich zog und stattdessen American Football gespielt wurde. Fußball in den USA war und ist nicht als Arena der Männlichkeitsdemonstration besetzt. Hier durften Frauen spielen, weil es Männer nicht interessierte. Und weil die US-Fußballerinnen eine Tradition haben, zählen sie heute zu den besten Teams im Frauenfußball.

Um Gleichstellung bemühen sich einzelne Spielerinnen und ganze Teams auch in Dänemark, Norwegen oder Australien. Neben den Löhnen geht es um Strukturen und Anerkennung innerhalb der Verbände, die deutschen Fußballerinnen kämpfen ebenso wie ihre internationalen Kolleginnen gegen Vorurteile, Vorbehalte und Vergessen (sic!). Aber auch um mediale Wahrnehmung, Sichtbarkeit und fixe Austragungszeiten – Voraussetzung für Sponsormöglichkeiten und damit mehr Geld. Politik und Protest haben auf dem Fußballplatz nichts verloren – das ist eine gängige Floskel.

Gegen Rassismus macht sich die Fifa stark, auch gegen Homophobie – aber kaum ein männlicher Spieler würde sich als schwul outen. Cynthia Uwak, zweimal beste Fußballerin Nigerias, fliegt wegen ihrer offen gelebten Homosexualität aus dem Nationalteam und sagt mit Augenzwinkern bei einem Talk im Wiener WUK: "Nicht alle Fußballerinnen sind lesbisch."

Megan Rapinoe, die mehrere Tore für die USA in der laufenden WM geschossen hat, verweigert das Absingen der Hymne, weil sie so gegen den strukturellen Rassismus in ihrer Heimat und die Politik des Präsidenten demonstriert. Und kurz bekommt die Frauenmannschaft des Wiener FC Mariahilf medial mehr Aufmerksamkeit als die Frage, ob die US-Frauen noch jubeln dürfen, nachdem sie der gegnerischen Mannschaft aus Thailand die historisch höchste Niederlage bei einer WM zugefügt haben (13:0). Vor dem Freundschaftsspiel der Wienerinnen gegen die Frauen aus dem Vatikan demonstrieren während der Vatikan-Hymne drei Spielerinnen des FC Mariahilf mit aufgemalten Gebärmüttern gegen die Vatikan-Abtreibungspolitik, worauf der Nuntius die Römerinnen nicht spielen lässt. Dass die Demonstrantinnen auf ihre Teilnahme verzichten, hilft so wenig wie die Demontage der Regenbogenflaggen am Spielfeldrand, die nicht goutiert werden.

Viel ist von Höflichkeit und Gastgeberetikette die Rede, weniger von gegenseitigem Respekt und Dialogbereitschaft. Als 2006 der BSV Al-Dersimspor aus Berlin-Kreuzberg gegen das Team der iranischen Frauennationalmannschaft in Teheran vor ausschließlich weiblichem Publikum aufläuft – es ist das erste Spiel der Iranerinnen seit 1979 überhaupt -, demonstrieren im Stadion Frauen für ihr Grundrecht, die Spiele der Männer live im Stadion sehen zu dürfen, 2019 ist es ihnen immer noch verwehrt.

Um sich darüber hinwegzusetzen, verkleiden sich weibliche Fußballfans mit Bärten. Die Spielerinnen müssen Hidschab und lange Hosen tragen – was mittlerweile von der Fifa geduldet wird, die nicht auffällig ist, was gleiche Rechte für Frauen im Fußball angeht. In der Hallenfußballvariante Futsal ist das iranische Team der Frauen in Asien quasi ungeschlagen.

Homosexualität ist im Iran strafbar, bei Geschlechtsumwandlungen übernimmt die Krankenkasse die Hälfte der Kosten, die Frauen dürfen nicht zuschauen, und wenn sie selber spielen … was für ein Vergrößerungsspiegel für die Widerstände, denen Fußball spielende Frauen immer noch ausgesetzt sind.


Aus: "Essay - Frauenfußball: Sie wollen nur spielen" Angelika Reitzer (7.7.2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000105965660/frauenfussball-sie-wollen-nur-spielen

« Last Edit: July 08, 2019, 12:10:02 PM by Link »

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« Reply #134 on: July 08, 2019, 04:15:49 PM »
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[...] Das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) hat eine Studie veröffentlicht, die Tötungsdelikte weltweit aufzeigt (Global Study on Homicide). Aus ihr geht hervor, dass 2017 weltweit 87.000 Frauen getötet wurden, 50.000 von ihnen wurden von ihrem Partner oder einem Familienangehörigen umgebracht.

"Viele werden von ihren aktuellen oder früheren Partnern getötet, aber auch von Vätern, Brüdern, Müttern, Schwestern und anderen Familienmitgliedern wegen ihrer Rolle und ihres Rangs", heißt es in dem Bericht. Wenn es sich um Partner oder Ex-Partner handle, seien die Taten meist nicht spontan, sondern stünden am Ende einer langen Gewaltspirale. Motive, die eine große Rolle spielten, seien Eifersucht oder Angst vor der Trennung. Verglichen mit 2012 ist die Zahl der Opfer leicht gestiegen.

Die meisten Fälle häuslicher Gewalt mit tödlichem Ausgang wurden 2017 in Asien verzeichnet: 20.000 Frauen wurden dort von ihren Partnern oder Familienangehörigen getötet. In Afrika wurden 19.000 Fälle gezählt, auf dem amerikanischen Kontinent 8.000, in Europa 3.000. Werden die jeweiligen Einwohnerzahlen der Regionen berücksichtigt, ist die Situation für Frauen in Afrika am gefährlichsten, in Europa dagegen vergleichsweise sicher.

Laut dem Bericht liegt die Gewalt gegen Frauen oft in stereotypen Ansichten zur autoritären Rolle des Mannes begründet. Wer glaube, der Mann habe das Recht auf Sex oder das Recht, die Frau zu dominieren, neige eher zu mitunter auch tödlicher Gewalt. Bei den Tätern seien geringe Bildung, Misshandlungen in der Kindheit, Alkohol und die Erfahrung niedriger Hemmschwellen zur Gewaltanwendung wichtige Faktoren.

Insgesamt sind 2017 weltweit 464.000 Menschen Opfer von Tötungsdelikten geworden. Durch Mord und Totschlag seien viel mehr Menschen gestorben als in allen bewaffneten Konflikten – das waren im selben Zeitraum 89.000. Banden wie die Mafia – also die organisierte Kriminalität – seien für 19 Prozent aller Tötungsdelikte verantwortlich.


Aus: "UN-Bericht: 87.000 Frauen wurden 2017 gewaltsam getötet" (8. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-07/un-bericht-toetungsdelikte-undoc-haeusliche-gewalt-verbrechensbekaempfung

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St.Expeditus #2

"Aus ihr geht hervor, dass 2017 weltweit 87.000 Frauen getötet wurden, 50.000 von ihnen wurden von ihrem Partner oder einem Familienangehörigen umgebracht.
Insgesamt sind 2017 weltweit 464.000 Menschen Opfer von Tötungsdelikten geworden. Durch Mord und Totschlag seien viel mehr Menschen gestorben als in allen bewaffneten Konflikten – das waren im selben Zeitraum 89.000."

Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? ....


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 Statikus #26

Ich hätte mir zu diesem Artikel noch ein paar weitere Hintergrundinformationen gewünscht: Wenn von insgesamt 464.000 Opfern der Anteil der Frauen augenscheinlich bei knapp 20% liegt, wie ist die entsprechende Verteilung bei den Tätern? Bei wie vielen der Tötungsdelikte konnte die Tat aufgeklärt werden? Aber auch: Wenn bei den weiblichen Opfern genau ausgerechnet wird, dass dies 238 Todesfälle pro Tag sind (eine zugegebenermaßen erschreckende Zahl), warum wird nicht zumindest in einem Nebensatz erwähnt, dass die Zahl der männlichen Opfer mit mehr als 1.000 täglich eigentlich noch viel erschreckender ist? Wie sieht es in diesen Fällen mit der Motivlage aus?


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Havelock Vetinari #37

Vielleicht wären einige weiter Fakten dieses Berichts interessant, um das Informationsspektrum etwas zu erweitern:Globally, some 81 per cent of homicide victims recorded in 2017 were men and boys, and more than 90 per cent of suspects in homicide cases were men, according to the most recent estimates. ...

https://www.unodc.org/documents/data-and-analysis/gsh/Homicide_report_press_release.pdf


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Reinerkar #42


Die Aufsummierung auf die Kontinente erscheint schon etwas grob zu sein. Mich würde auch einmal interessieren, ob es entsprechende Aufschlüsselungen gibt, die sich mit der Kultur/Religion der jeweiligen Täter beschäftigen.

Ebenfalls würde mich interessieren, warum angesprochen wird, (so schrecklich das auch ist) das 87.000 Frauen Opfer von Morden wurden (87.000 zuviel).
Es wird aber nicht erwähnt, das in der gleichen Zeit (2017) 377.000 Männer ermordet wurden.
Selbst wenn wir annehmen, das die ganzen *Kriegsopfer* Männer waren, sind immer noch 288K zu 87K, also ungefähr 3 x so viele Männer ermordet worden, wie Frauen.
Wäre es hier nicht angebrachter, darüber entsetzt zu sein, das insgesamt fast eine halbe Million Menschen ermordet worden sind?


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allesmist #42.1

Ja aber diese Männer werden ja häufig von anderen Männern umgebracht. Sie gehören der gleichen Gruppe an und sind somit gewissermaßen "selbst schuld". So zumindest die Standardargumentation an dieser Stelle...


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AH-JA #43

Wie viele Frauen wurden in Deutschland getötet? Wie schlüsseln sich die Zahlen auf?

Ab 2012 stieg die Zahl der Morde (Frauen und Männer) deutlich an:

- Tiefststand 2012: 181 Morde
- Höchststand 2017: 405 Morde.
- Trendwende ab 2018: 386 Morde

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2229/umfrage/mordopfer-in-deutschland-entwicklung-seit-1987/

Die Welt der Gewalt ist häufiger männlich. Grausam sind beide Geschlechter.
https://www.rbb-online.de/taeteropferpolizei/themen/frauenkriminalitaet.html


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trockenpflaume #44

Jede Frau und jeder Mann sind ein Mensch zuviel. Aber was will uns diese Meldung sagen? Bei 464.000 Tötungsdelikten weltweit sind also 87.000 weibliche Opfer und 377.000 männliche Opfer. Es gibt schlimme Verbrechen an Frauen, aber Mann sein ist viel gefährlicher?!


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Atomickitten #44.1

Vielleicht weil es einfach noch perfider anmutet, wenn Frauen Opfer werden durch ihre eigenen (meist männlichen Angehörigen)? Ein interessanter Blog dazu:
http://kattascha.de/mord-ist-kein-beziehungsdrama/

Und ein Mann sehr selten einfach nur getötet wird, weil er ein Mann ist. Also nicht wegen seines Geldes. Einfach weil man ihn vergewaltigen will und/oder einen Hass auf Männer hat. Hassverbrechen wegen Religion, Rasse oder sexueller Orientierung werden auch als ganz besonders perfide und verachtenswert eingestuft.


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  matthias pietsch #48.7

Da Gewalt ja ohnehin ein Männerproblem ist, hält sich meine Verwunderung eher in Grenzen.


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Porkchop9111 #51.4


"A 2013 global study on homicide by the United Nations Office on Drugs and Crime found that men accounted for about 96 percent of all homicide perpetrators worldwide"
https://en.wikipedia.org/wiki/Homicide_statistics_by_gender

Gewalt ist eigentlich ein Problem von Männer für Männer. Aus dem Artikel der im eigentlichen Artikel verlinkt wird:

"Stefanie Leich: Die Gewalt gegen Frauen nimmt nicht ab, das Ausmaß hat sich seit 20 Jahren nicht verändert. Jede dritte bis vierte Frau erlebt in ihrem Leben Gewalt. Zwar hat sich im Opferschutz viel getan, an anderer Stelle dagegen nichts. Ich kann Gewalt gegen Frauen nur verhindern, wenn ich auch die miteinbeziehe, die die Gewalt ausüben. Stichwort Täterarbeit. Die ist aber vielerorts total banal: Bei uns in Hamburg gibt es beispielsweise genau eine Beratungsstelle, an die sich Täter oder Täterinnen wenden können. Wenn man nur auf die eine Hälfte schaut, kann man dauerhaft nichts verändern." https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-11/haeusliche-gewalt-taeterarbeit-hamburger-frauenhaus-opfer


...
« Last Edit: July 08, 2019, 04:17:41 PM by Link »

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« Reply #135 on: July 09, 2019, 04:08:58 PM »
„Eigentlich will ich nur in Ruhe anschaffen gehen“ von dissenspodcast (03.07.2019, Dissens Podcast)
Kritisieren was ist, heißt sagen, was geändert werden muss. Der wöchentliche Gesprächs-Podcast über Kapitalismus und das gute Leben. ... Seit zwei Jahren ist das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Das Gesetz verletze Grundrechte und dränge Sexarbeiter*innen in die Illegalität, sagt die Aktivistin Undine de Rivière vom Berufsverband Sexarbeit. Ein Gespräch über staatliche Bevormundung, Selbstverwirklichung in Gang-Bang-Parties und die Hurenbewegung. Der Dissens Podcast mit Lukas Ondreka.
https://blogs.taz.de/dissenspodcast/eigentlich-will-ich-nur-in-ruhe-anschaffen-gehen/

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"Forschung zum politischen Islam: „Butler hat nichts verstanden“" das Interview führte Edith Kresta (25. 7. 2019)
Kritik am politischen Islam gerät schnell unter Rassismusverdacht. Ein Interview mit Susanne Schröter
https://taz.de/Forschung-zum-politischen-Islam/!5608768/

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[...] Dating ist eine aus den USA herübergeschwappte Kulturtechnik, bei der der Mann ein Auto haben darf und die Frau kein Geld für den Restaurantbesuch. Der Mann holt die Frau ab, man isst irgendwo irgendwas und hört ein bisschen zu, wie das Gegenüber versucht, nichts Falsches zu sagen, während man selber versucht, auch nichts Falsches zu sagen. Dabei fragen sich beide ständig, ob ihr Gegenüber die Zeit und Aufmerksamkeit überhaupt wert ist oder man einen wichtigen Termin vortäuschen soll, um das Ganze vorzeitig zu beenden. Zum Abschied lässt man sich vielleicht küssen, aber nicht mehr, denn dann wäre man ja eine Schlampe. Also als Frau.


Aus: "Über Dates" Ronja von Rönne (ZEITmagazin Nr. 32/2019 31. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/zeit-magazin/2019/32/dating-partnerschaft-liebe-romantik-diane-keaton

« Last Edit: August 01, 2019, 12:25:11 PM by Link »

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« Reply #136 on: August 13, 2019, 09:39:24 AM »
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[...] Seyran Ates ist gläubige Muslimin, Rechtsanwältin und Mitbegründerin der liberalen Ibn-Rushd- Goethe-Moschee in Moabit, in der auch Frauen die Predigt halten dürfen. Mit ihr sprach Frank Bachner.

Frank Bachner: Frau Ates, Tausende Muslime sind am Sonntag zum „Gebet im Freien“ auf das Tempelhofer Feld gekommen. Eingeladen hat der Verein „Neuköllner Begegnungsstätte“, dem Verbindungen zur militanten Muslimbruderschaft vorgehalten wird. Wie groß waren Ihre Bauchschmerzen bei diesem Gebet?

Seyran Ates: Relativ groß, weil dort die Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum zelebriert wurde. Die Verantwortlichen, die das Gebet genehmigt haben, müssen sich die Frage stellen lassen, ob sie rechten Identitären auch so viel Raum gegeben hätten. Für mich handelt es sich bei Muslimen, die Geschlechtertrennung so massiv betreiben, um muslimische Identitäre. Mit diesem Thema sollte die offene demokratische Gesellschaft doch bitte kritischer umgehen, auch wenn die Thematik aus der muslimischen Community kommt, die von deutschen Rechten rassistisch und islamfeindlich verfolgt wird.

Welchen Unterschied macht es, dass diese Geschlechtertrennung beim Gebet nicht in einer Moschee, sondern in der Öffentlichkeit stattgefunden hat?

Die Tatsache, dass in den vergangenen 20 Jahren immer mehr patriarchalisch-archaische Praktiken zunehmend aus den privaten in öffentliche Räume gebracht wurde, führt dazu, dass sich eine Gesellschaft mit diesem Bild – in Anführungszeichen – immer mehr anfreundet und solche Praktiken als selbstverständlich betrachtet.
Diese Idee der Geschlechtertrennung wird immer massiver in den öffentlichen Alltag getragen. Der Rest der Bevölkerung soll sich daran gewöhnen, dass Geschlechtertrennung Identität dieser Menschen sei und dass sie als wichtig empfänden, so zu leben. Das ist absurd, da wir ja auch der anderen Seite für mehr Geschlechter-Gerechtigkeit kämpfen.

Betrachten Sie dieses Gebet im Freien als Pilotprojekt, als Versuch, zu schauen, was allgemein akzeptiert wird, um dann diese Form der religiösen Demonstration auszuweiten?

Ja, für mich ist es ein Pilotprojekt und Anreiz für andere, sich ihm anzuschließen. Nehmen wir doch als Beispiel das Kopftuch. Vor 20 Jahren trugen es noch vereinzelt erwachsene Frauen. Dann immer jüngere Frauen, und heute ist es für viele Menschen nichts Besonderes mehr, wenn sogar kleine Kinder ein Kopftuch tragen.
Schritt für Schritt wird etwas visualisiert, an das sich die Menschen gewöhnen sollen. Es gibt aus diesen Kreisen – die Muslimbrüder oder die Verbände, die aus der Türkei oder aus Katar gelenkt werden – immer wieder Stimmen, die sagen: Ihr müsst mutiger werden, ihr müsst mehr einfordern, ihr müsst Euch mehr Rechte nehmen.
Man bekämpft sehr berechtigt den wachsenden Rassismus und die Islamfeindlichkeit der Identitären. Aber man übersieht leicht, dass es sich bei diesen Menschen, die solche Sonderrechte einfordern, um muslimische Identitäre handelt. Diese Leute sehe ich sogar noch rechts neben der AfD.

Die Verantwortlichen, die dieses Gebet erlaubt haben, sitzen beim Landesunternehmen Grün Berlin. Was werfen Sie ihnen vor, was hätten sie Ihrer Meinung nach besser machen sollen?

Die Verantwortlichen bei Grün Berlin müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie kritisch genug waren, als sie das Feld dem Neuköllner Verein überlassen haben. Und ob sie die gleiche Offenheit gezeigt hätten, wenn eine rechte deutsche Gruppierung eine ähnliche Veranstaltung beantragt hätte.

Es gibt das Argument Religionsfreiheit.

Aber Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass wir über die Grenzen der Grundrechte gehen und andere Grundrechte wie die Gleichberechtigung der Geschlechter übersehen. Grün Berlin muss sich auch die Frage stellen lassen, ob es einer christlichen Gruppierung ein Teil des Feld überließe, wenn die dort eine massive Geschlechtertrennung praktizieren und dies als Ideal für die gesamte Gesellschaft postulieren würde.

Eine Kita in Leipzig wollte vor kurzem für die ganze Einrichtung Schweinefleisch und Gummibärchen abschaffen, mit dem Hinweise, man wolle religiöse Gefühle von zwei muslimischen Kindern nicht verletzen. Sehen Sie Parallelen zur Problematik beim Gebet auf der Tempelhofer Feld.

Ja natürlich. Die Aufforderung zur Sensibilität gilt ja nicht bloß für Grün Berlin, sondern für alle Verantwortlichen, die meinen, man könne und müsse alles unter das Dach der Religionsfreiheit packen. In Leipzig können dann plötzlich zwei Kinder, drei Jahre alt, die von Erwachsenen instrumentalisiert werden, darüber bestimmen, was 298 andere Kinder essen beziehungsweise nicht mehr essen dürfen. Hier gibt es eine Schräglage im Hinblick auf das friedliche Zusammenleben. Es kann nicht sein, dass die Dominanz einer Minderheit mit all ihren archaischen und patriarchalischen Strukturen gefeiert wird.


Aus: "Seyran Ates zum Gebet auf dem Tempelhofer Feld: „Das sind muslimische Identitäre“" (12.08.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/seyran-ates-zum-gebet-auf-dem-tempelhofer-feld-das-sind-muslimische-identitaere/24895706.html

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« Reply #137 on: August 21, 2019, 12:52:16 PM »
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[...] Riad – Frauen in Saudi-Arabien brauchen für Auslandsreisen nicht länger die Erlaubnis eines männlichen Vormunds. Frauen ab 21 Jahren können seit Dienstag Anträge für die Ausstellung oder Erneuerung eines Reisepasses einreichen und damit "ohne Erlaubnis" ins Ausland reisen, teilte die saudi-arabische Passbehörde auf Twitter mit.

Damit setzen die Behörden des erzkonservativen Königreichs eine historische Reform um, die Anfang August beschlossen worden war. Das saudi-arabische Vormundschaftssystem wurde international seit langem scharf kritisiert, und auch in Saudi-Arabien selbst regte sich zuletzt zunehmend Widerstand. Die Anfang des Monats verkündeten Gesetzesänderungen sehen außerdem vor, dass Frauen künftig die Geburt eines Kindes, eine Hochzeit oder eine Scheidung anmelden dürfen. Sie können auch die Vormundschaft für ein minderjähriges Kind übernehmen.

In den vergangenen Monaten hatten mehrere junge Frauen, die vor Bevormundung und Gewalt aus Saudi-Arabien flüchteten, weltweit für Aufsehen gesorgt. Im Jänner wurde die 18-jährige Rahaf al-Kunun auf der Flucht vor ihrer Familie in Bangkok gestoppt. Sie erhielt schließlich Asyl in Kanada. Im Februar wurde der Fall der Schwestern Reem und Rawan bekannt, die auf der Flucht vor ihrer Familie in Hongkong gestrandet waren. Sie durften schließlich in ein unbekanntes Drittland ausreisen. Im April flüchtete ein weiteres Schwesternpaar nach Georgien.

Die nun geltende "Reisefreiheit" ist der nächste Schlag gegen das System der Vormundschaft, die Frauen rechtlich zu Minderjährigen degradiert. In den vergangenen Jahren hatte Saudi-Arabien unter Kronprinz Mohammed bin Salman damit begonnen, die sehr strikten Regeln für Frauen zu lockern. So dürfen Frauen seit Juni 2018 Auto fahren – ein besonders symbolträchtiger Schritt, denn bis dahin war Saudi-Arabien das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht selbst fahren durften. Frauen wurde auch erlaubt, Fußballspielen beizuwohnen und Berufe zu ergreifen, die bis dahin Männern vorbehalten waren.

Diese Liberalisierung hat zwar das Leben vieler Frauen verbessert. Von einer Gleichberechtigung der Geschlechter ist das Land aber noch weit entfernt. Kritiker sprechen von lediglich kosmetischen Reformen und fordern, das Vormundschaftssystem komplett abzuschaffen. (APA, red, 21.8.2019)


Aus: "Frauen in Saudi-Arabien dürfen ab sofort selbstständig ins Ausland reisen" (21. August 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000107632099/frauen-in-saudi-arabien-koennen-selbststaendig-ins-ausland-reisen

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die gute Ente von Sezuan

Sodom und Gomorrha!