Author Topic: [Emanzipation, Selbstbefreiung, Geschlechterforschung (Gender Studies)... ]  (Read 149657 times)

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[Emanzipation, Selbstbefreiung, Geschlechterforschung (Gender Studies)... ]
« Reply #220 on: October 13, 2020, 12:01:12 PM »
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[...] In Leona Stahlmanns Romandebüt „Der Defekt“ findet eine junge Masochistin sich selbst

Ein Roman über eine Pubertierende, die sich von ihrem Freund schlagen, würgen und anspucken lässt? Die sich vorschreiben lässt, kein Deo mehr zu benutzen, weil ihr Freund wissen will, wie sie „stinkt“? Das weckt nicht erst in MeToo-Zeiten höchst unbehagliche Gefühle. Doch Vorsicht mit schnellen Urteilen. Denn es geht in Leona Stahlmanns Romandebüt weder um einen Fall von Hörigkeit noch um eine Missbrauchsgeschichte.

Die masochistische Heldin ihres provokanten Coming-of-Age-Romans heißt Mina. Dass sie zum Schmerz eine besondere Beziehung hat, weiß die Schülerin, seit sie als Fünfjährige versehentlich im Wald in Brennnesseln gegriffen hat – um sie dann wie im Rausch einfach nicht mehr loszulassen. Natürlich gibt es in dem Schwarzwalddorf, in dem die inzwischen 16-Jährige aufwächst, für derlei Abweichungen von der Norm keinen Platz; Mina behält ihr Bedürfnis nach Grenzerfahrungen daher klugerweise für sich. Zunächst ist es auch nur die rätselhafte Anziehungskraft einzelner Wörter, die das Mädchen beschäftigt, wie „Ordnung“ oder „Disziplin“. Was es mit ihrem Anderssein, ihrem vermeintlichen „Defekt“, auf sich hat, das beginnt die Schülerin erst zu verstehen, als sie den zwei Jahre älteren Vetko kennenlernt.

Der Einzelgänger wird von der 32-jährigen Hamburger Autorin als skurrile Mischung aus englischem Baron und Papagei beschrieben. Er ist quasi der dominante Deckel auf Minas unterwerfungsfreudigem Topf und lenkt ihr pubertäres Gefühlschaos in seine ganz eigene Ordnung. Dank Vetko kann die jugendliche Protagonistin hinter dem Rücken ihrer Eltern und Mitschüler den Kick am Kontrollverlust erkunden. Etwa indem sie auf seine Anweisung hin auf einem Stoppelacker kniet, nackt und mit verbundenen Augen, ohne zu wissen wie lange. Noch die erwachsene Heldin erinnert sich gegen Ende des Romans an die „höllische Freude“, die ihr diese halbe Ewigkeit völligen Ausgesetztseins bereitet hat.

So dauert es nicht lange und Mina kann nur noch müde lächeln, wenn ihre beste Freundin auf dem Pausenhof mit ihrem ersten Knutschfleck Eindruck schinden will. Vordergründig ist natürlich Vetko der aktive Part in dieser Beziehung. Denn er ist es, der Mina mit seiner Verachtung für gewöhnlichen Sex – er spricht vom „Geschlamper der Geschlechter“ – über ihre Grenzen zu treiben versucht. Bis hin zur bewussten Einnahme von K.o.-Tropfen, um sich ihm völlig auszuliefern, als größtmöglichen Ausdruck von Vertrauen, wie er findet.

Doch erzeugt der junge Mann mit seiner halbgaren Gefühlsphilosophie eher ambivalente Reaktionen bei Mina. Überhaupt sind die Machtverhältnisse zwischen den beiden Erfahrungsjunkies in Wahrheit genau umgekehrt. Vetko ist letztlich wenig mehr als Minas Instrument, mit dem sie ihre Grenzen erforscht und ihre Identität findet. Wird ihr etwas zu viel, wie seine Forderung, sich den Kopf rasieren zu lassen, lässt sie Vetko einfach stehen, der plötzlich recht hilflos dreinschaut. Und die K.o.-Tropfen nimmt sie am Ende ganz allein ein.

Dass unklar bleibt, woher der Möchtegern-Dom die Erfahrung für seine gefährlichen Spiele nimmt, ist eine der Schwächen von Stahlmanns Romandebüt. Eine andere sind die manchmal allzu labyrinthischen Bandwurmsätze. Zu den Stärken zählt dagegen die bilderreiche, sinnliche Sprache der Autorin. Und nicht zuletzt die implizite Gesellschaftskritik, die deutlich wird, wenn sich etwa Minas Schulfreundinnen den sterilen Vorstellungen von Weiblichkeit à la „Germanys Next Topmodel“ hingeben, um nicht zu sagen: unterwerfen.

Bleibt die Frage: Erzählt Leona Stahlmann hier eigentlich eine Liebesgeschichte? Wenn man wie ihre Protagonisten bereit ist, eine Ohrfeige als Geste größtmöglicher Zärtlichkeit zu empfinden, dann sicherlich. Für Menschen wie Mina und Vetko ist eben vieles anders – ist Sexualität letztlich eine Sache des Kopfes, nicht der Genitalien. Es ist bemerkenswert, mit welcher Leichthändigkeit es der Autorin gelingt, diese andere Form von sexueller Identität ihren Lesern nahezubringen. Und das, obwohl das Thema Sadomasochismus nach dem Kunstlederkitsch von Fifty Shades of Grey für die Literatur erledigt zu sein schien. Das ist keine geringe Leistung für einen Debütroman.

Leona Stahlmann: Der Defekt.
Kein & Aber Verlag, Zürich 2020.
271 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783036958217


Aus: "Gegen das „Geschlamper der Geschlechter“" Oliver Pfohlmann (2020)
Quelle: https://literaturkritik.de/stahlmann-defekt,27164.html

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« Reply #221 on: October 15, 2020, 02:00:01 PM »
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[...] Vor 50 Jahren Auf dem Laufsteg wird er als Lieblingskind der Mode gefeiert, Boutiquen und gutbürgerliche Bekleidungshäuser räumen ihm bereitwillig Platz in der Vitrine ein. Und auch im modischen Straßenbild bedeutet er längst eine Selbstverständlichkeit. Im Büro, am Arbeitsplatz aber ist der Hosenanzug als „korrekte Kleidung“ noch umstritten, um nicht zu sagen, verpönt. Während Miniröcke den durchaus wohlwollenden Blick vieler Chefs ernten, sind die durch lange Hosen züchtig bedeckten Beine – sofern sie überhaupt im Büro aufmarschieren – auch im Jahr 1970 bei einigen Firmen Stein des Anstoßes. Für das Mißfallen, das Hosen an Damenbeinen bei Personalchefs offenbar auch im Zeitalter der Frauenemanzipation manchmal noch erregen können, gibt es ein verblüffendes Beispiel: Vor kurzem wurde bei einer Bremer Filiale einer Weltfirma eine Kontoristin entlassen. Der Kündigungsgrund: eine rote lange Hose und die Weigerung der Trägerin, in Zukunft auf diese „nicht passende Aufmachung“ zu verzichten. (30./31. Mai 1970)   

Hintergrund Man mag es kaum für möglich halten, aber das Thema Hosenanzug rief im Frühjahr 1970 einen handfesten Skandal hervor. Dafür sorgte eine gebürtige Bremerin, die frisch gewählte SPD-Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer (1915-1997) aus Isernhagen bei Hannover. Bis dahin hatte es noch keine Frau gewagt, das Parlament in Hosen statt mit Rock zu betreten und damit gegen die ungeschriebene Kleiderordnung zu verstoßen.

Doch als der damalige Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger (CSU) kundtat, er werde keiner Frau erlauben, mit Hosen im Plenum zu erscheinen und erst recht nicht, in einer solchen Aufmachung auch noch das Wort zu ergreifen, stachelte das den Widerstand einer kleinen Gruppe gewählter Volksvertreterinnen an. Dabei konnte die Sozialdemokratin keineswegs als junge Wilde durchgehen, im Gegenteil: Die damals 54-Jährige musste sich ihren beigen Hosenanzug extra kaufen, eigentlich bevorzugte sie den Rock. Aber die patriarchalische Haltung Jaegers entfachte nun einmal ihren Zorn, es ging ums Prinzip.

Als Lenelotte von Bothmer sich im April 1970 erstmals in Hosen im Bundestag blicken ließ, ging ein Raunen durch die Reihen, etliche Stimmen fürchteten um die Würde des Hohen Hauses. Dass sie bei dieser Gelegenheit noch nicht einmal eine Rede hielt, spielte keine Rolle. Ein mächtiges Rauschen durchzog den medialen Blätterwald, alarmierte Bürger ergingen sich in wüsten Beschimpfungen. „Armes Deutschland, so tief bist du gesunken mit den roten Parteiweibern“, hieß es in einer anonymen Zuschrift. Freilich beruhigten sich die Gemüter auch bald wieder. Entgegen gern kolportierter Ansicht tobte der Saal keineswegs, als die unerschrockene Politikern am 14. Oktober 1970 ihr Rededebüt im Hosenanzug gab. Das Protokoll vermerkt nur einen einzigen, vergleichsweise harmlosen Zwischenruf des CDU-Abgeordneten Berthold Martin: „Die erste Hose am Pult!“

Bereits in den 1930er-Jahren hatten Schauspielerinnen wie Marlene Dietrich einen Hosenanzug getragen. In breiteren Schichten setzte sich die Kombination aus Jacke und Hose aber erst in den 1960er-Jahren durch, ironischerweise erregten die doch eigentlich untadeligen Hosenanzüge fast noch mehr gesellschaftlichen Disput als die zeitgleich aufkommenden Miniröcke. Das Beispiel der angefeindeten Bremer Kontoristin zeigt, wie schwer sich manche Firmen taten, den Hosenanzug als Alternative zum Rock zu akzeptieren. Dazu der WESER-KURIER: „Was im Bonner Bundestag möglich ist, sollte in einem Bremer Büro eigentlich nicht unmöglich sein.“ Inzwischen sind Hosenanzüge längst salonfähig, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sogar eine ausgesprochene Vorliebe dafür.

Aus: "Vor 50 Jahren - „Der Kündigungsgrund: eine rote lange Hose“" Frank Hethey (30.05.2020)
Quelle: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-der-kuendigungsgrund-eine-rote-lange-hose-_arid,1915827.html


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« Reply #222 on: October 20, 2020, 12:31:38 PM »
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[...] Wie Instagram, nur nackter. So oder so ähnlich wird die Plattform Onlyfans oft beschrieben. Denn obwohl das Unternehmen versucht, vom Porno-Image Abstand zu nehmen, wird Onlyfans vor allem von Menschen genutzt, die hier freizügige Bilder und Videos gegen Geld anbieten. Inzwischen ist die 2016 gestartete Plattform im Mainstream angekommen. Spätestens, seit Beyoncé im Remix von Megan Thee Stallions Song Savage (2020) sang: „She might start an Onlyfans.“

Tatsächlich funktioniert Onlyfans ähnlich wie Instagram: Menschen teilen Bilder und Videos in ihrem Feed. Followers können die Inhalte liken, kommentieren und privat mit den Anbieter*innen kommunizieren. Der entscheidende Unterschied: Bei Onlyfans muss man für jeden Inhalt zahlen. Nur wer für ein Abo im Schnitt 14 Dollar pro Monat zahlt, hat Zugriff auf den jeweiligen Feed und kann Nachrichten an die Anbieter*innen verschicken. Besonders pikante Bilder und Videos kosten in der Regel extra – und je mehr man zahlt, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt man von den Urheber*innen.

Auf diese Art und Weise verdienen in Deutschland laut Angaben von Onlyfans momentan knapp 4.000 Menschen Geld – und manche ihren gesamten Lebensunterhalt. Eine davon ist die 22-jährige Yma Louisa Nowak, die seit Februar 2020 auf Onlyfans aktiv ist. Heute gehört sie zu den erfolgreichsten zwei Prozent weltweit. Nach eigenen Angaben verdient sie zwischen 1.500 und 5.000 Euro im Monat. In einem Interview mit dem Spiegel bezeichnete Nowak OnyFans als einen Ort der Selbstbestimmung. Dass sie über Onlyfans mit Nacktaufnahmen Geld verdient, sei für sie Ausdruck eines modernen und sexpositiven Feminismus. Auf Instagram habe sie immer wieder mit Sperrungen und Einschränkungen zu kämpfen gehabt, da ihre Bilder zu viel nackte Haut zeigten.

Im Gegensatz zum Mainstream-Porno sind die Inhalte auf Onlyfans diverser. Queere Personen, People of Color, Menschen mit Behinderung oder jene, die gängigen Schönheitsidealen nicht entsprechen, werden hier nicht zu nischigen Kategorien gemacht und fetischisiert. Sie sind nicht länger auf Agenturen oder Managements angewiesen, sondern können selbst Inhalte anbieten und sich eine Fanbase aufbauen. Durch die Chatfunktion können sie direkt mit ihrer Followerschaft kommunizieren; die Anonymität von Pornhub oder Youporn weicht hier einer nahezu intimen digitalen Beziehung. Sie können selbst entscheiden, wem sie was für welchen Preis zeigen wollen, sie können übergriffige Personen blockieren. Außer ihnen profitiert nur die Plattform finanziell.

Diese Vorteile haben im Zuge der Corona-Pandemie und des Tätigkeitsverbots auch viele Sexworker*innen und Pornodarsteller*innen zu Onlyfans gebracht, die zuvor eher offline arbeiteten. Im April dieses Jahres – als die Arbeitslosenzahlen in der Branche in die Höhe schnellten – stiegen die Neuanmeldungen bei Onlyfans nach Angaben des Unternehmens um 75 Prozent. Auch die Nachfrage stieg durch Social Distancing und Lockdown enorm: Im Mai meldeten sich täglich 200.000 neue User an.

Wie immer, wenn es um Sexarbeit und Feminismus geht, gibt es aber auch starke Einwände. Denn selbstverständlich geht es auch bei Onlyfans vor allem darum, dass Frauen ihren Körper Männern gegen Geld zur Verfügung stellen. Wer das per se unfeministisch findet, der wird auch Onlyfans keine emanzipatorische Nuance abgewinnen können. Es wird zudem zu Recht hinterfragt, wie selbstbestimmt die Arbeit wirklich ist, solange das Unternehmen saftige 20 Prozent des Umsatzes einkassiert.

Der sehr einfache Einstieg in die Plattform kann außerdem dazu führen, dass junge Menschen auf der Suche nach schnellem Geld unbedacht beginnen, pornografische Inhalte zu teilen – ohne sich der Risiken und der Stigmatisierung bewusst zu sein. Wer einmal auf Onlyfans erfolgreich ist, der kann nur schwer in eine andere Branche zurück. Und obwohl Onlyfans bei der Registrierung nach einem Ausweisdokument fragt, ist es einer BBC-Recherche zufolge für unter 18-Jährige nicht allzu schwer, sich anzumelden.

Auch Piraterie ist ein Thema, denn Inhalte von Onlyfans tauchen nicht selten gratis auf Plattformen wie PornHub oder Reddit auf. Man muss also damit rechnen, digitale Spuren zu hinterlassen, die nicht mehr gelöscht werden können. Außerdem sind viele finanziell abhängig von der Plattform: Ändert Onlyfans die Nutzungsbedingungen, dann kann das Existenzen bedrohen.

Genau das ist im August geschehen, als der ehemalige Disney-Kinderstar Bella Thorne Onlyfans beitrat. Innerhalb eines Tages verzeichnete die 23-Jährige einen Umsatz von einer Million Dollar – nach einer Woche waren es zwei Millionen. Das Problem: Anders als angekündigt gab es auf Thornes Onlyfans-Account gar keine Nacktbilder, sondern lediglich Bikinifotos zu sehen – für 200 Dollar pro Foto. Tausende Menschen wollten ihr Geld zurück.

Anschließend verschärfte das Unternehmen ohne Ankündigung die Nutzungsbedingungen: Für exklusive Fotos darf man nun maximal 50 Dollar verlangen; Trinkgelder können maximal 100 Dollar betragen. Zuvor gab es keine Limitierung. Außerdem behält Onlyfans nun die Umsätze von Nutzer*innen für 30 Tage ein. Für viele Anbieter*innen war das existenzbedrohend – und entsprechend groß war die Wut auf Bella Thorne. Onlyfans selbst dementierte später, dass Thorne der Grund für die Verschärfungen gewesen sei.

Die Schauspielerin selbst entschuldigte sich und erklärte, sie habe Aufmerksamkeit für die Plattform generieren wollen, um so das Stigma um Sexarbeit abzubauen. Die Anmeldung auf der Plattform sei außerdem Teil der Vorbereitung für einen Film gewesen, den sie bald drehe – sie habe eine authentische Erfahrung als Onlyfans-Neuling angestrebt. Dass diese für einen Ex-Disney-Star nicht besonders repräsentativ ausfällt, bemerkte sie wohl spätestens, als die erste Million auf ihrem Konto landete.

Diese Gentrifizierung von Onlyfans durch prominente Personen mit großer Anhängerschaft – wie beispielsweise auch die 90er-Pop-Sensation Aaron Carter oder Rapperin Cardi B – wird von nicht prominenten Anbieter*innen seither kritisch diskutiert und verurteilt. Je mehr Menschen mit großen Followerzahlen auf anderen Plattformen wie Instagram oder Tiktok zu Onlyfans strömen, desto härter wird der Wettbewerb für die, die finanziell wirklich von der Plattform abhängig sind. Onlyfans selbst übernimmt bisher keine Verantwortung für die Gentrifizierung der Plattform und die Folgen – und dürfte glücklich darüber sein, dass sich die Wut vor allem gegen die prominenten Nutzer*innen richtet.

Mit knapp 30 Millionen Nutzer*innen weltweit ist Onlyfans zwar im Vergleich zu Facebook (2,5 Milliarden) oder Instagram (500 Millionen) noch mikroskopisch klein, doch es scheint erfolgreich zwei Tendenzen zu vereinen, die auch auf allen anderen Social-Media-Plattformen eine Rolle spielen: sexuelle Enttabuisierung und die konstruierte Authentizität und Nahbarkeit der klassischen Influencer*innen. Heraus kommt eine neue Art von Intimfluencer*innen, die der Anonymität und Unpersönlichkeit des klassischen Pornos ein Ende setzen. Ist diese Entwicklung Ausdruck einer neuen sexuellen Befreiung, die Sexworker*innen mehr Autonomie ermöglicht und sie aus der Anonymität holt? Oder handelt es sich um eine erneute, noch radikalere Objektifizierung von (Frauen-)Körpern? Wir sollten uns drauf einstellen, diese Diskussion nun öfter zu führen.


Aus: "Nackte zahlen" Johanna Warda (Ausgabe 42/2020 )
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/jowa/nackte-zahlen


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« Reply #223 on: October 20, 2020, 12:43:24 PM »
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[...] Seit dem 20. November findet man die reine Frauenverbindung auf Facebook, der erste Eintrag zeigt einen Fackelmarsch an der Münchner Ruhmeshalle. Auf den ersten Blick wirkt alles wie bei einer traditionellen Burschenschaft, die in Deutschland seit über 200 Jahren in altertümlichen Uniformen Trinkgelage veranstalten und teilweise deutschtümelnde bis rechtskonservative Gesinnungen vertreten. Auch die Burschenschaft Molestia trägt schwarz-weiß-gelbe Couleur. Doch spätestens beim Wappentier – einer Muräne – wird klar, dass hier einiges anders – und unterhaltsamer – laufen dürfte als bei anderen Verbindungen.

Therese von Bayern, die die Verbindung angeblich bereits 1871 in München gegründet hat, habe insbesondere Nasenmuränen erforscht, die als Männchen zur Welt kommen und im Laufe ihres Lebens eine Geschlechtsumwandlung zum Weibchen durchliefen, heißt es auf der Facebook-Seite.

... Die Molestia (zu Deutsch: Belästigung) lehnte eine Interviewanfrage von VICE ab, sie stehe nicht für Pressegespräche zur Verfügung. "Die vermehrten Berichte über die Urburschenschaft Hysteria haben leider gezeigt, dass die Presse massiv mit Fake News arbeitet, und die Burschenschaft als Satire- oder Kunstprojekt bezeichnet", schreibt die Verbindung in einer Mail. Auch unser verzweifelter Verweis auf die in Paragraph 143 der Frankfurter Reichsverfassung erklärte Pressefreiheit konnte die deutschen Herzen der Burschenschafterinnen nicht erwärmen.

...


Aus: "Verbindungen - "Heil Molestia!": Deutschland hat jetzt eine feministische Burschenschaft" Tim Geyer, Rebecca Baden (30 November 2017)
Quelle: https://www.vice.com/de/article/wjzen9/heil-molestia-deutschland-hat-jetzt-eine-feministische-burschenschaft

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Quote
[...] Molestia ist Teil eines internationalen „Korporationsrings“ weiblicher Burschenschaften. Die erste war die „Hysteria“ zu Wien, zu der die bekannte österreichische Künstlerin und Autorin Stefanie Sargnagel gehört. Inzwischen gibt es in Deutschland und Österreich zahlreiche „Schwesternburschenschaften“: In Berlin und Innsbruck („Furia“), Leipzig („Lascivia“), Frankfurt („Gynokratia“), Jena („Lethargia“), Linz („Infamia“) und Klagenfurt („Paracelsia“).

Aber was machen die Burschenschaftlerinnen eigentlich? Die Ziele sind ganz klar formuliert: Die Herbeiführung des goldenen Matriarchats und das Beschützen des schwachen Geschlechts – unserer Männer. In der Tradition des Matriarchats und des Männerschutzes werden immer wieder Kameradschaftsaufmärsche, Kneipenabende, Informationsveranstaltungen und andere Aktionen veranstaltet.

Zur Verabschiedung des Polizeiaufgabengesetzes schreiben sie: „Liebe Polizei, ihr seid sicher, wir beschützen euch!“ und posieren stramm vor einem Polizeiauto. Zu CSU-Klausurtagung schreiben sie einen offenen Brief an Karin Seehofer und Karin Baumüller-Söder und appellieren: „Männerschutz ist jetzt wichtiger denn je!“. Von einem Artikel der VICE distanzieren sie sich mit den Worten „Der Mann darf bei uns ganz Mann sein; er darf sich endlich wieder dem widmen was er am besten kann: seine Frau im geschützten Bereich des Häuslichen verwöhnen!“.

Und die Affäre um den Verfassungsschutz im letzten Jahr kommentiert die Burschenschaft Hysteria nur mit „Männer sind für politische Tätigkeiten schlichtweg ungeeignet und benötigen dringend weibliche Führung.“ Zur Wahl in Österreich verteilen sie in Wien Flyer mit der Aufschrift „Nein zum Männerwahlrecht!“.

All das mutet satirisch an, aber die Burschenschaftlerinnen verneinen diese Annahme immer wieder vehement: Wenn sie zum Beispiel Presseanfragen ablehnen, weil sie zu oft fälschlicherweise als Satire- oder Kunstprojekt bezeichnet worden seien. Die Burschenschaft habe schließlich eine uralte Tradition, die es zu respektieren gelte.

Damit fordern die Burschenschaftlerinnen letztlich einfach nur das selbe Maß an Toleranz an, dass ihren männlichen Pendants in Deutschland und Österreich heute – im Patriarchat – zukommt. Das ist vielleicht Satire, aber vielleicht auch einfach konsequent.

...


Aus: "Molestia: Münchens erste Burschenschaft für Frauen" Johanna Warda (2019)
Quelle: https://muenchen.mitvergnuegen.com/2019/molestia-burschenschaft-frauen/

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Quote
[...] "Du bist dem Ruf der Scheide gefolgt", rufen die Aktionistinnen der Burschenschaft Molestia zu Anfang. Sie tragen schwarzes Jacket und Hose, weißes Hemd, dazu gelbe Schärpe und die für Burschenschaften obligatorische Schirmmütze. "Nun stehst Du am Tor zum Scheideweg", sagen sie und weiter: "Bereit für die Reise zum reinigenden Feuer des Matriarchats." Die BesucherInnen der Aktion seien Auserwählte, denen von der Burschenschaft Molestia die wahre Welt vor Augen geführt werde.

Drei Stunden dauert die Performance, eine Mischung aus Aktionskunst und Gesamtkunstwerk, der Vermischung von Wahrheit und Schauspiel zu Diensten. Auf dem Programm stehen neun Stationen, darunter ein Orakel, das Vulva-Futura, die Weise des Matriarchats, spricht: Sie sitzt im Schneidersitz auf der Ladefläche eines Transporters und blickt mithilfe eines Hoden-Pendels, einer Menstruationstasse oder mittels Karten in die Zukunft der Auserwählten.

Die Performances wechseln ab mit professioneller Beratung für den Umgang mit Verschwörungstheorie-AnhängerInnen von Kira Ayyadi, einer Expertin für Rechtsextremismus. Sie wird aus der Juristischen Bibliothek des Münchener Rathauses zugeschaltet. Darauf folgt eine Gedenkfeier für ermordete Frauen in Südamerika oder im Iran, ein Hodenreinigungsritual mit Menstruationsseife und allerhand Volkshygienetipps am Brunnen vor der Bayerischen Akademie der Wissenschaften oder eine Bierpause in den Maximiliansanlagen.

Anfangs jedoch muss frau sich erst einmal am Alten Südfriedhof am Rand des Glockenbachviertels einfinden. Es gelte, so die Aktionistinnen, erst einmal die "Rache und Stärke der Ahninnen wahrzunehmen" - Energien, die man gut gebrauchen könne, schließlich gehe es auf dem Scheideweg um nichts weniger als um eine neue Weltordnung im Zeichen eines goldenen Matriarchats. So lassen es die Anschubkräfte der Münchener Burschenschaft Molestia, einem reinen Frauenbündnis übrigens, verlauten. Ihr Motto, in Frakturschrift geschrieben, lautet "Blut und Hoden".

Ansonsten ist der Ablauf des Stationenspektakels minuziös durchgeplant und perfekt inszeniert: Stramme Ordnung wie es sich für Burschenschaften gehört, wird hier parodiert, unterstützt von gelegentlichen "Heil Molestia"-Rufen der weiblichen Burschenschaftler.

Wappentier der Burschenschaft Molestia ist übrigens eine zähnefletschende Muräne. Im Fokus steht bei diesem Verein naturgemäß die Zerstörung des Patriarchats. Allmählich entsteht während der Performance ein Parcours zwischen Aktions-, Konzept- und Multimediakunst zur Rekrutierung von Kämpferinnen Klitorias.

Für jeden sogenannten "Scheidepunkt" ist zudem ein Passwort aufzusagen: "Operation Östrogenia", "Hygiene- Demo" oder "Ehre, Freiheit, Vatermord" lauten sie. Auf den Wegen zwischen den Stationen leuchten Audiofiles, die frau sich zuvor aufs Smartphone laden konnte, die Abgründe von Verschwörungstheorien und Gerüchteküchen aus.

Molestia zelebriert also das Pathos männerbündischer Auftritte. Der von Burschenschaften vertretene Sexismus wird überspitzt formuliert und ins Gegenteil verkehrt. Die Aktivistinnen greifen zudem die Ästhetisierung der Politik durch Rechte auf und unterwandern ebenso spielerisch wie klug rechtsradikale Redeweisen und Rituale: Parodie als Kritik an der Macho-Gesellschaft.

Bei der Aktion "Blut und Hoden. Die Welt am Scheideweg" geht es auch um aktuelle Verschwörungs-Szenarien – mal humorvoll, mal ernst, immer an der Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst. Molestia schafft mit Performance, Ernst, fröhlicher Groteske und Ironie Raum für wirkliches, für aufrichtiges Engagement.

Am Ende des Scheidewegs, nach kräftigendem Körpertraining steht schlussendlich dann ein Feuerritual. Alle Auserwählten bekommen eine schwarze, brennende Kerze in die Hand gedrückt: Das Feuer des Matriarchats, raunen die Molestia-Macherinnen verschwörerisch, sei nun entfacht. "Geh hin und verbreite die neue Weltordnung", empfehlen sie noch und karikieren damit das christlich-abendländische Missionsgebahren. ...


Aus: ""Blut und Hoden": Feministinnen gründen "Burschenschaften"" Christine Hamel (23.06.2020)
Quelle: https://www.br.de/nachrichten/kultur/blut-und-hoden-feministinnen-gruenden-burschenschaften,S2czS98
« Last Edit: October 20, 2020, 01:14:27 PM by Link »

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« Reply #224 on: October 26, 2020, 10:41:23 AM »
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[...] Die Wut der Frauen entlud sich in der Nacht auf Freitag vor dem Wohnsitz des Vizepremiers Jaroslaw Kaczynski. Es flogen Steine und Eier. Die Polizei setzte Tränengas ein und nahm mehrere Personen fest. Auch vor dem Parteisitz der Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) und dem Verfassungsgericht kam es zu Protesten.

Denn dieses Gericht in Polen hatte am Donnerstag das bisherige Gesetz, das eine Abtreibung bei einer schweren Fehlbildung erlaubt, als verfassungswidrig eingestuft. Nun dürfen Abtreibungen allein bei Vergewaltigung, Inzest sowie Lebensgefahr für die Schwangere vorgenommen werden.

"Damit ist es faktisch ein totales Abtreibungsverbot. Bei einer Vergewaltigung traut sich kaum eine Frau, dies zu melden" so Anna Karaszewska, Vorsitzende des Interessenverbands "Kongress der Frauen" auf Anfrage. Karaszewska sieht die grundlegenden Rechte in Polen gefährdet. "Frauen werden nicht wie Menschen behandelt."

Denn 1.074 von den 1110 offiziellen Abbrüchen in Polen im vergangenen Jahr wurden wegen fehlgebildeten Föten vollzogen.Mit Fehlbildung ist auch das Down Syndrom gemeint, Frauen können jedoch nun auch gezwungen werden, sterbende oder tote Kinder zu gebären. Borys Budka, Vorsitzender der Oppositionspartei "Bürgerplattform" (PO) warf Kaczynski vor, "den Frauen eine Hölle zu bereiten". Staatspräsident Andrzej Duda begrüßte, dass "das Verfassungsgericht auf Seiten des Lebens steht". ...

In Polen werden nach Angaben von Frauenorganisationen jährlich 200.000 illegale Abtreibungen vorgenommen, mittellose Frauen nutzen dazu Kleiderbügel aus Draht, die bei Demonstrationen gegen das Abtreibungsverbot als Protest in die Höhe gehoben werden. Wohlhabendere Polinnen fahren ins säkulär geprägte Tschechien, wo ein liberales Abtreibungsrecht herrscht.

Nach dem im September berufenen Erziehungsminister Przemyslaw Czarnek, ein ehemaliger Dozent der katholischen Universität Lublin, seien Frauen von Gott vor allem zum Kinderbekommen berufen und dies möglichst früh, damit es viele werden. Dabei entspricht dieses konservative Rollenverhalten kaum der Realität - in Polen werden 28 Prozent der Unternehmungen von Frauen geführt, womit das Land auf Platz 5 in Europa steht.

Die Entscheidung des Gerichts wird nun zu weiteren Verwerfungen in der polnischen Gesellschaft führen.


Aus: "Polen: "Faktisch totales Abtreibungsverbot"" Jens Mattern (24. Oktober 2020)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Polen-Faktisch-totales-Abtreibungsverbot-4938021.html

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     StefGer, 24.10.2020 17:16

Es gilt zu bedenken! - Aus christlicher Sicht.

Polen ist ein Land des reinen, unverkürzten 2000 Jahre alten Lehramtes unserer hl. Mutter Kirche. Der heilige Johannes Paul II. hat dies in seinem Pontifikat bestätigt. Die polnische Regierung wird von Männern des Glaubens und des Lehramts geführt. Sie ist nicht nur gewählt, sondern von Gott erwählt und gesalbt. Das Lehramt verbietet die Abtreibung, sie ist eine Todsünde. Sie ist mit der Tatstrafe der Exkommunikation zu bestrafen.

Gott spricht über den Apostel Paulus im Korintherbrief zu uns. Gott sagt dort (1. Kor. 14, 34):

"Mulier in ecclesia taceat."

Das ist kein Gebot. Das ist ein Befehl, den Gott dort ausspricht. Und er betrifft nicht nur das kirchliche Leben, Gott befiehlt es für die Gesamtheit der Gesellschaft.

Und im Römerbrief, Kapitel 13 geht Gott sogar noch weiter! Er verbietet die Abwahl oder Absetzung einer gottesfürchtigen Regierung. Gott spricht:

("1) Omnis anima potestatibus sublimioribus subdita sit non est enim potestas nisi a Deo quae autem sunt a Deo ordinatae sunt.

(2) Itaque qui resistit potestati Dei ordinationi resistit qui autem resistunt ipsi sibi damnationem adquirunt."

Wer sich gegen eine von Gott gesandte Regierung stellt, und das ist die polnische Regierung, den erwartet nach dem Tode das Gericht. Wer nun aber für Abtreibung ist und auch noch Gegner der von Gott gesandten Regierung wählt, bekommt das doppelte Gericht. Diese Sünde ist nicht durch den Kreuzestod Jesu Christi abgegolten.


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     Two Moons, 24.10.2020 17:31

Re: Es gilt zu bedenken! - Aus christlicher Sicht.

Das ist Satire oder? Ja bestimmt, das muss Satire sein. Aber für meinen Geschmack nur sehr bedingt witzig.



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     Frank_Drebbin, 24.10.2020 15:30

Fundamentale Religiöse sind überall gleich sobald man sie politisch mitmachen lässt, richten sie Unheil an....
Ob das jetzt Christliche Fundamentalisten in den USA, katholische Parteien in Polen oder Gottesstaaten islamischer Geschmacksrichtung sind.....


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« Reply #225 on: October 29, 2020, 05:05:57 PM »
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Martin Lohmann (* 14. März 1957 in Bonn) ist ein deutscher römisch-katholischer Publizist und Journalist. ... Von 1983 bis 1987 war Martin Lohmann stellvertretender Bundesgeschäftsführer des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU). 1987 trat er in die Redaktion des Rheinischen Merkurs ein und wurde später Ressortleiter von Christ und Welt. Von 1994 bis 1997 war er dort stellvertretender Chefredakteur. Von 1998 bis 2004 war er Chefredakteur der Rhein-Zeitung, von 1996 bis 2002 Moderator der Münchner Runde, einer politischen Live-Talkshow des Bayerischen Rundfunks. 2002 gründete er zusammen mit Lothar Roos die Joseph-Höffner-Gesellschaft und war bis 2010 deren 2. Vorsitzender. Seit 2005 arbeitet er als freier Journalist. Seit 2007 ist er Kolumnist bei Bild. ...

Lohmann ist Gegner von Schwangerschaftsabbrüchen. In der Talkshow Günther Jauch vom 3. Februar 2013, in der es um katholische Krankenhäuser ging, die einem Vergewaltigungsopfer keine Pille danach verschreiben wollten, vertrat er zudem die Ansicht, dass bei einer Vergewaltigung die sogenannte Pille danach gemäß katholischer Ansicht nicht erlaubt sei; zulässig sei lediglich eine Pille, die nur die Befruchtung verhindere, aber eine bereits befruchtete Eizelle unversehrt lasse. Zum Selbstbestimmungsrecht der Frau in dieser Frage sagte er, die „Sache mit der Selbstentscheidung der Frau“ sei „ja vielschichtig“, da er neben der Mutter auch den Embryo bzw. Fötus als lebenden Menschen betrachte. Auf die Frage, ob dies auch bei einer Vergewaltigung der eigenen Tochter so gelte, sagte er, dass er ihr helfen würde, „mit ihrem Schicksal klar zu kommen“. In einem Interview mit dem Focus einige Tage später bekräftigte Lohmann, dass die Äußerungen in der Talkrunde „richtig und absolut katholisch“ gewesen seien, äußerte allerdings selbstkritisch, dass er sein „Verständnis für andere, erst recht, wenn sie in Not sind“ deutlicher hätte zeigen sollen. Jauchs Frage nach seiner Tochter bezeichnete er als „übergriffig“, sie sei ein „mehr als grenzwertiger Eingriff in die Privatsphäre“.

Im Dezember 2012 war Lohmann Gast in der ARD-Sendung hart aber fair. In der Diskussion verteidigte er die „christliche Ehe“ und begründete seine Ablehnung der „gelebten Homosexualität“, der Einführung der sogenannten Homo-Ehe und des vollen Adoptionsrechtes für eingetragene Lebenspartnerschaften. Am 12. Dezember 2012 wurde mittels anonymer E-Mail gedroht, ihn mit dem HI-Virus zu infizieren, worauf er Anzeige gegen unbekannt erstattete.

... Lohmann engagiert sich für zahlreiche Sozialprojekte im Heiligen Land. 2001 wurde er vom Kardinal-Großmeister Carlo Kardinal Furno zum Ritter des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem ernannt und am 12. Mai 2001 im St.-Paulus-Dom in Münster durch Anton Schlembach, Großprior der deutschen Statthalterei, in den Orden investiert. Er ist Mitglied im Deutschen Verein vom Heiligen Lande.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Lohmann (26. August 2020 um 15:33 Uhr, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Martin_Lohmann&oldid=203126698)

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"Warum die Aufklärung ein Torso blieb und der Freiheit nicht dient" Martin Lohmann (8. Oktober 2020)
Der Verlust der Wahrheit und die amputierte Vernunft. ...
https://www.tabularasamagazin.de/warum-die-aufklaerung-ein-torso-blieb-und-der-freiheit-nicht-dient/


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« Reply #226 on: November 17, 2020, 10:53:51 AM »
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Hans-Ludwig Kröber, 69, zählt zu den bekanntesten deutschen Kriminalpsychiatern. Bis zu seiner Emeritierung 2016 war Kröber Direktor der forensischen Psychiatrie an der Charité. Er erstellt bis heute Kriminalprognosen bei Straftätern. 117 Frauen wurden 2019 von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Psychiater Hans-Ludwig Kröber analysiert seit 30 Jahren die Täter.

Katja Füchsel: Herr Kröber, bei wie vielen Partnerschaftstötungen sind Sie als Gutachter hinzugezogen worden?

Hans-Ludwig Kröber: Das sind ja mehr als 30 Jahre, also sicherlich eine stattliche zweistellige Zahl.

Katja Füchsel: Dazu zählen Angeklagte, die vor Gericht standen, und Verurteilte, für die Sie am Ende der Haftzeit ein Prognosegutachten erstellt haben. Haben die alle etwas gemeinsam?

Hans-Ludwig Kröber: Das sind eigentlich durch die Bank Personen, bei deren Verhalten Frauen gegenüber man sich als Mann ein bisschen schämt, dass man dem gleichen Geschlecht angehört. Männer, die Mängel in ihrer sozialen Kompetenz haben, ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Selbstständigkeit. Einerseits brauchen sie dringend eine stabilisierende Beziehung zu einer Frau, können sich Beziehung aber letztlich nur als Unterwerfung vorstellen. Es sind sozial nicht selten Loser, die sich nicht damit abfinden können, nun auch im privaten Bereich eine Niederlage zu erleiden.

Katja Füchsel: Wie wichtig ist denn der Faktor Emanzipation?

Hans-Ludwig Kröber: Der Zuwachs an sozialer Macht für Frauen ist ein wichtiger Faktor. In dem Moment, wo es Emanzipationsprozesse gibt, gibt es Reibungsprozesse, erweist sich der Herrschaftsanspruch des Mannes als Anmaßung.

Katja Füchsel: Was heißt das konkret?

Hans-Ludwig Kröber: Als ich in den 80er Jahren in Heidelberg war, habe ich relativ viele türkische Täter begutachtet, die sich verpflichtet fühlten, ihre Frauen zu töten, weil diese sich nicht mehr unterwerfen wollten. Viele hatten sich in Deutschland viel besser emanzipiert als die Männer. Sie gingen arbeiten, hatten einen Führerschein gemacht, Freundinnen gefunden, wurden autonom und mächtiger als die Männer, die zusehen mussten, wie die Frauen ihnen und ihrer Herrschaft entwuchsen. Das schafft Konfliktstoffe, die in einer homogenen vordemokratischen Gesellschaft weniger ausgeprägt sind. Was die Männer, die das nicht akzeptieren können, nicht entschuldigen soll.

Katja Füchsel: Gibt es so etwas wie einen typischen Ablauf?

Hans-Ludwig Kröber: Häufig habe ich erlebt – und zwar bei türkischen, arabischen wie bei deutschen Männern –, dass es vor der Tötung eine längere Phase der Trennung gegeben hat. Wo es immer hin- und hergeht, sich die Frau trennt und es dann doch noch mal versucht. In dieser Zeit der Ungewissheit wächst beim Mann der Hass an und die Wut, die aber nicht zugelassen werden, weil man sich damit ins Unrecht setzt. Das schaukelt sich auf, spitzt sich zu. Die Männer schießen sich komplett ein auf diesen Konflikt, leben in einer Blase und glauben irgendwann, dass es keine andere Lösung gibt.

Katja Füchsel: Und irgendwann kommt es zum Showdown?

Hans-Ludwig Kröber: Eine fatale Situation habe ich in dieser Konstellation wieder erlebt: Frauen, die nach der Trennung Mitleid mit ihrem Ex hatten. Sie haben sich gesorgt, ob der Mann etwas zu essen bekommt und die Wäsche gewaschen wird, sind bei ihm zu Hause vorbeigekommen, um zu helfen. Das führt dazu, dass die Männer wieder hoffen, sich einbilden, dass sie eine zweite Chance bekommen. Diese Hoffnung wird aber jedes Mal wieder neu enttäuscht, die Männer frustriert. Bis es dann richtig kracht.

Katja Füchsel: Sind die Tötungen typischerweise das grausame Ende einer Eskalation der Gewalt? Fängt es oft an mit einem Schlag und endet im Mord?

Hans-Ludwig Kröber: Bei den Tötungsdelikten, die ich kennengelernt habe, gab es nur sehr wenige Männer, die vorher regelmäßig Gewalt angewendet hatten.

Katja Füchsel: Zeigen Gerichte zu viel Verständnis für die Männer?

Hans-Ludwig Kröber: Wenn wir nicht versuchen, einen Täter zu verstehen, lernen wir überhaupt nichts dazu. Wenn man im Prozess nachvollzieht, wie es zu dieser Tat kommen konnte, heißt das ja nicht, dass man den Angeklagten milder bestraft. Ich kenne eine Reihe von Urteilen, die zum Schluss kamen, dass der Angeklagte die Trennung nicht verkraftet habe, weil er die Frau als seinen persönlichen Besitz betrachtete. Das sei ein niedriger Beweggrund und erfülle damit den Tatbestand des Mordes. Bisweilen sind die Taten selbst auch heimtückisch. Die rechtlichen Möglichkeiten, einen Mann wegen Mordes abzuurteilen, sind gegeben.

Katja Füchsel: Hört man den Verteidigern zu, kann man den Eindruck bekommen, die Opfer seien selbst schuld gewesen.

Hans-Ludwig Kröber: Natürlich muss man im Prozess die Rolle der Frau beleuchten und verstehen. Fast nie hat eine Frau provoziert, sie machten nur oft den Fehler mangelnder Eindeutigkeit. Der verlassene Mann aber fühlt sich ungerecht behandelt und glaubt, er sei zur „Gegenwehr“ berechtigt.

Katja Füchsel: Hat sich die Rechtsprechung in den letzten Jahrzehnten verändert?

Hans-Ludwig Kröber: Früher wussten die – deutschen – Angeklagten das ganze Mitgefühl der alteingesessenen konservativen Berufsrichter hinter sich, die oft zum Schluss kamen, dass die Frau ja alles provoziert habe. In den 50ern war das noch ein Klassiker, wo solche Männer tatsächlich öfter dekulpiert und milder bestraft wurden. In den 70er Jahren bis in die 80er Jahre hinein gab es dann Tendenzen der Strafverteidiger, zu behaupten, dass ihre Mandanten im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt hätten, weil sie von ihrem Affekt hingerissen wurden.

Katja Füchsel: Die Männer reden dann oft von einem Blackout …

Hans-Ludwig Kröber: … und die Erinnerung setzt erst wieder ein, als sie im Polizeiauto sitzen. Diese amnestische Lücke beweist dann angeblich die tiefgreifende Bewusstseinsstörung. In aller Regel ist das gelogen, so etwas passiert in der Wirklichkeit nicht. Eine klassische Verteidigungsfinte.

Katja Füchsel: Es gibt die Kritik, dass die Taten als schicksalhafte private Verstrickungen verharmlost werden. Die Femizide seien ein gesellschaftliches Massenphänomen. Stimmen Sie dem zu?

Hans-Ludwig Kröber: Wenn 120 von insgesamt 40 Millionen Frauen im Jahr von ihren Männern getötet werden, kann man nicht sagen, dass das eine typische Folge der Sozialstruktur ist. Das ist geradezu absurd.

Katja Füchsel: Welche Rolle spielen geschlechtsspezifische Stereotypen?

Hans-Ludwig Kröber: Natürlich wird das Geschehen von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflusst, von den Rollenzuschreibungen einer Frau innerhalb der Gesellschaft, wie sie sich sozial entwickeln und entfalten kann. Aber bei uns spielen doch die individuellen Bedürftigkeiten und Schwächen von zwei Personen eine wesentliche Rolle. Frauen, die schwierige Männer retten wollen, bis sie es aufgeben, und Männer, die es nicht schaffen, hinreichend selbstbewusste und verantwortungsbereite starke Männer zu werden. Zumeist liegt ein Konflikt zugrunde, der alten Rollenklischees folgt, der aber am Ende nur noch sehr wenig mit der Sozialstruktur der Gesamtgesellschaft zu tun hat.

Katja Füchsel: Neigen diese Männer nach der Haftzeit zum Rückfall?

Hans-Ludwig Kröber: Beziehungen führen viele dieser Männer nach einer Art Schablone, die durchaus Wiederholungsgefahr birgt. Jemand, der seine erste Frau umgebracht hat, ist jedenfalls nicht davor gefeit, seine nächste Freundin umzubringen.


Aus: "Warum töten Männer ihre Frauen? „Mitleid mit dem Ex ist fatal“" (17.11.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/warum-toeten-maenner-ihre-frauen-mitleid-mit-dem-ex-ist-fatal/26621506.html

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« Reply #227 on: November 17, 2020, 11:24:12 AM »
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[...] Die zweite Coronawelle schwappt über Frankreich, und seine Medien debattieren eifrig über Themen wie Schutzmasken, Sperrzonen oder Wirtschaftsfolgen. Anders Caroline De Haas. Als die Regierung in Paris Ende Oktober neue Ausgangssperren ankündigte, twitterte die bekannteste Pariser Feministin: "Jedes Mal, wenn man von einem teilweisen oder vollständigem Lockdown spricht, denke ich an die 213 000 Frauen, die in Frankreich mit einem gewalttätigen Partner zusammenleben."

Die Zahl ist natürlich nicht aus der Luft geholt: Sie entspricht den jährlichen Meldungen wegen Ehegewalt in Frankreich. Im Unterschied zu Ländern wie Italien oder den USA ist die Tendenz in Frankreich in der Coronaphase steigend. In der ersten Welle haben die Anzeigen bei der Polizei um 30 Prozent zugenommen. Überdurchschnittlich betroffen sind sozial randständige Viertel, wo die Wohnfläche pro Person entsprechend gering ist. Wo also Familien nahe beieinander leben. Um nicht zu sagen aufeinander. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt ein Blick in die Facebook-Adresse "Féminicides par compagnons ou ex", zu Deutsch etwa: "Morde an Frauen durch ihre aktuellen oder ehemaligen Partner." Im Schnitt alle drei Tage kommt ein neuer Fall zusammen, was aufs Jahr landesweit über hundert Femizide ausmacht. Es ist eine schreckliche, tragische, bisweilen makabre Liste, die von Alkohol und Arbeitslosigkeit, blanken Nerven und Dominanz, ja den Abgründen einer Alltagsbeziehung berichtet. Mit Opfern, deren langes Leiden vor der Ermordung wohl nicht einmal zu erahnen ist.

Das Problem ist in Frankreich natürlich nicht erst seit dem Aufkommen des Coronavirus erkannt und bekannt. Schon während der ersten Welle im März und April gab es zahlreiche Initiativen, um den betroffenen, häufig isolierten Frauen eine Kontaktmöglichkeit zu bieten. Mehrere Notrufnummern wurden aktiviert oder reaktiviert.

Dazu kommen nun neue Apps wie "Arrêtons les violences" (Stoppen wir die Gewalt) oder "En Avant Toutes" (Vorwärts alle Frauen). Eine originelle Operation erlaubte es Frauen schon im Frühjahr, sich direkt beim Einkaufen im Supermarkt an Psycholog*innen und Jurist*innen zu wenden (die FR berichtete) – diese Operation wird nun auf einzelne Apotheken ausgedehnt. Ziel ist es, verletzten Frauen eine unauffällige Hilfe unter Umgehung männlicher Kontrollversuche zu bieten.

Ein beträchtlicher Schritt für das bürokratische Land ist die Ankündigung, dass Gewaltopfer kein Covid-Ausgeh-Formular vorzuweisen haben. Vielmehr können sie einen Uber-Beförderungsdienst rufen, auch wenn ihnen ihr Mann kein Geld gelassen hat; die Behörden tragen die Unkosten. Wohl noch wichtiger: Das Ministerium für Geschlechtergleichheit organisiert insgesamt 10.000 Hotelzimmer für verfolgte Frauen und ihre Kinder – und teilweise sogar für gewalttätige Männer.

Diese konkrete Reaktion ist auch eine Folge harter Kritik durch Frauen wie Caroline De Haas. Sie hatte das Schutzdispositiv der ersten Welle für verfolgte Frauen als völlig ungenügend bezeichnet. Für flankierende Maßnahmen brauche es "nicht eine Million, sondern eine Milliarde Euro", sagte sie; nur so lasse sich ein genügender Ausbau der Familiengerichte und ihrer Sozialstellen finanzieren. Bis heute bleiben in Frankreich fast 90 Prozent aller Gerichtsklagen ohne wirkliche Rechtsfolgen. Auch der Umstand, dass 41 Prozent der von ihrem Partner getöteten Frauen zuvor erfolglos Anzeige erstattet hatten, wirft ein Schlaglicht auf die fehlenden Mittel der Justiz.

Gleichheits-Ministerin Elisabeth Moreno will nun immerhin Therapieeinrichtungen für gewalttätige Männer subventionieren. Das soll ihre Rückfallquote halbieren. Auch sollen die Opfer schon im Krankenhaus Kontakt zu zuständigen Gerichten aufnehmen können. Das setzt eine Zusammenarbeit von Gesundheits- und Justizbehörden voraus, was in Frankreich viel Zeit in Anspruch nimmt. Noch ungeklärt ist zudem, wie weit Gynäkolog*innen und andere Mediziner*innen vom Arztgeheimnis entbunden werden sollen, um der Polizei häusliche Gewaltakte zu melden. Die Ärzteschaft ist vehement dagegen, nicht zuletzt, weil sie selbst Attacken gewalttätiger Männer befürchtet. (Stefan Brändle aus Paris, 15.11.2020)


Aus: "Gewalt gegen Frauen: Frankreich will es in der zweiten Welle besser machen" (15. November 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000121681776/frankreich-will-es-in-der-zweiten-welle-besser-machen




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« Reply #228 on: November 22, 2020, 12:22:00 PM »
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[...] Was haben Katja Krasavice und Andrew Onuegbu gemein? Sie sind Opfer von Zwangsbeglückern geworden. Zwangsbeglücker sind Menschen, die anderen auf den richtigen Weg helfen wollen. Klingt gut, hat aber einen Haken: Was der richtige Weg ist, entscheiden sie.

Onuegbu ist aus Nigeria und Wirt. In Kiel betreibt er das Restaurant „Zum Mohrenkopf“. Er hat sich den Namen selbst ausgesucht und kein Problem damit. Andere haben jedoch eins. Der Name seines Lokals sei rassistisch und müsse weg, bekommt er immer wieder zu hören. Seine Antwort: „Nö, der Name gefällt mir.“

Kürzlich trat der Nigerianer im Fernsehen auf, bei „hart aber fair“. Der Mohrenkopf stehe für Qualität, sagte er, das sei schon im Mittelalter so gewesen, deswegen habe er den Namen gewählt. Im Übrigen brauche er keine Weißen, die ihm erklären, wann er sich gekränkt fühlen soll.

Onuegbu möchte nicht zwangsbeglückt werden: „Ich finde es schlimm, wenn Menschen mir sagen, wann meine Gefühle verletzt sind. Ich bin alt genug und habe genug Verstand, um selbst zu wissen, wann mich jemand verletzt.“

Katja Krasavice ist eine Internetberühmtheit kurz vor der Grenze zum Pornostar, mehrfach operiert, schmales Näschen, dicke Lippen, falsche Brüste, von allem zu viel, zu blond, zu geschminkt, eine lebende Kunstfigur, eigentlich heißt sie Katrin Vogel und kommt aus Sachsen. Sie ist erfolgreich, hat mit ihren 24 Jahren schon ihre Autobiografie veröffentlicht, „Die Bitch Bibel“ erreichte Platz 2 der „Spiegel“-Sachbuchbestsellerliste.

Musik macht sie auch: Ihr Debütalbum „Boss Bitch“ stieg in diesem Jahr auf Platz 1 der Albumcharts. Das Lied „Doggy“, in dem sie trällert, wie gerne sie von hinten genommen wird, wurde auf Youtube 31 Millionen Mal angesehen. An Krasavice stören sich – was sonst – Feministinnen. Schließlich stellt sie sich als Sexobjekt dar. Krasavice selbst findet das prima.

Die „Zeit“ widmete ihr im September ein ganzseitiges Interview, in dem sie ähnlich entwaffnend wie der Kieler Wirt einfach nicht sieht, was das Problem ist. Na klar sei sie ein Sexobjekt, bestätigt sie, sie sei aber völlig selbstbestimmt.

„Wenn ich zum Beispiel rausgehe, wird mich kein einziger Typ klarmachen, denn ich suche mir den Typen aus“, sagt sie in dem Interview. In ihrem Buch findet sich der Satz: „Eine emanzipierte Gesellschaft muss es ertragen können, wenn eine Frau über Sex redet, Künstlichkeit feiert und sich der Klischees bedient, die andere als Zeichen männlicher Unterdrückung verstehen.“

 Wer hat jetzt das Problem? Schadet sie damit dem Feminismus? Oder hat sie nicht eher dessen Ziele perfekt umgesetzt, nämlich die Emanzipation der Frau, bloß anders, als die Vertreterinnen des Feminismus sich das vorgestellt haben?

Die eigene Position infrage zu stellen, kommt den Zwangsbeglückern nicht in den Sinn. Aber was bringt es ihnen eigentlich, Leute disziplinieren zu wollen, die sie für „unterdrückt“ halten, die sich blöderweise aber gar nicht so fühlen?

Man kann annehmen, dass es ihnen um die Sache gar nicht geht – sondern um das eigene Gefühl der moralischen Überlegenheit. Sie brauchen die „Unterdrückten“ mehr als diese sie – denn ohne sie hätten die Zwangsbeglücker keine Mission mehr und müssten verstummen. Oder in den Worten von Krasavice: „Meine Seele fühlt sich gut, wenn sie Silikonbrüste hat.“



Aus: "Sexobjekt und zufrieden damit Eine Gesellschaft muss auch Silikonbrüste aushalten können" Fatina Keilani (20.11.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/sexobjekt-und-zufrieden-damit-eine-gesellschaft-muss-auch-silikonbrueste-aushalten-koennen/26640966.html

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CharlyBrensberger 21.11.2020, 17:25 Uhr

Sehr schöner Artikel. Und ja, jede(r) Angehörige einer Minderheit kennt das: Die selbsternannten Lobbyisten und "Kümmerer" drängen einem auf (vorschreiben wäre zuviel gesagt), worüber man sich bitteschön aufzuregen und wogegen man zu protestieren habe. Will ich mich aber tatsächlich zu selber wahrgenommenen postiven oder negativen Umständen äußern, kann es passieren dass die Lobbyisten mir über den Mund fahren. Der Duktus ist dann: Du als Betroffene(r) hast ja keine Ahnung, wir können das besser beurteilen.

Das war jetzt bewusst sehr allgemein formuliert, weil auch dieses Phänomen leider omnipräsent ist.

...

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dorfler 20.11.2020, 19:16 Uhr

Das Selbstbestimmungsrecht von Frauen wird, so sieht man, von verschiedenen Seiten auf unterschiedliche Art bedroht. Will eine Frau ein Kopftuch tragen, wird sie von der AfD angegangen, will sie Ihr Geld in der Sexarbeit verdienen, wird Herr Lauterbach sie in die Illegalität treiben wollen, entscheidet sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch, machen sog. "Lebensschützer" daher Stress. Silikonbrüste - wo kommen wir denn dahin?

Immerhin sind die Silikonbrüste Frau Krasavices legal, während Abtreibung, Sexarbeit und Kopftuch entweder verboten sind oder das Verbot von bestimmten Leuten gefordert wird.

Vorschlag: Kann wenigstens der Staat bitte allen geschäftsfähigen Menschen das Recht zugestehen, mit ihrem Körper zu machen was sie wollen? Ob "body modification", Sexarbeit, Abtreibung, diese oder jene Kleidung, ob nun Kopftuch oder FKK?


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SchartinMulz 20.11.2020, 20:08 Uhr
Antwort auf den Beitrag von dorfler 20.11.2020, 19:16 Uhr

Sie wollen im Ernst, dass demnächst auf den Straßen Nackte herumlaufen?


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Partypapst 21.11.2020, 12:11 Uhr
Antwort auf den Beitrag von SchartinMulz 20.11.2020, 20:08 Uhr

Welche negativen Konsequenzen hätte es denn? Wer es nicht sehen will, der kann wegschauen...


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alleswirdbesser 21.11.2020, 17:31 Uhr
Antwort auf den Beitrag von dorfler 20.11.2020, 19:16 Uhr

Ich glaube Sie bringen da ganz schön was durcheinander. Das z.B. mit dem Kopftuch haben Sie auch nicht verstanden. Ich habe noch nie gehört das Eltern ihre 13-14 jährigen Mädchen dazu drängen jetzt FKK zu machen. Das mit dem FKK ist nämlich 100% freiwillig im Gegensatz dazu das Kopftuch tragen.


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der_vom_storch 20.11.2020, 18:03 Uhr

In meinen Augen sind diese ganze Zwangsbeglücker, Meinungs- und Deutungshoheitler einfach nur mit sich selbst unzufriedene Menschen.


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berlinonzin 20.11.2020, 17:28 Uhr

Ein Plädoyer für Liberalität, Selbstbestimmung und Freiheit.
Früher hielt ich sowas tatsächlich für links. Wie naiv.


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« Reply #229 on: November 26, 2020, 06:52:55 PM »
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Aylin Karabulut
@_aylinkarabulut
·
Nov 25
#TagGegenGewaltAnFrauen
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tagesschau
@tagesschau
 · May 15, 2017
Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 20 Jahren strafbar. Bis dahin war es ein langer Weg.

https://twitter.com/_aylinkarabulut/status/1331524369013747712?s=03

https://twitter.com/tagesschau/status/864177990229528576

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« Reply #230 on: December 17, 2020, 11:07:56 AM »
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[...] In Hijab-Pornos haben Kopftuchträgerinnen Sex mit weißen Männern. Ihr Reiz geht von rassistischen Narrativen aus: der vermeintlichen Unterdrückung der muslimischen Frau.
Seit 2015 boomen sogenannte Refugee- und Hijab-Pornos. Darin ist meist eine bis aufs Kopftuch nackte Darstellerin beim Sex mit einem weißen cis-Mann zu sehen. Der Plot ist stereotypisch aufgeladen: Sie sucht eine Wohnung, braucht einen Ausweis oder Job und bezahlt dafür mit ihrem Körper. Oder sie wird für schlecht verrichtete Hausarbeit bestraft.
Der weiße, männliche Blick giere danach, die muslimische Frau zu exotisieren und zu erniedrigen, sagt Claude C. Kempen. Er*sie hat am Berliner Leibniz-Zentrum Moderner Orient zu anti-muslimischem Rassismus und Sexismus in Pornos publiziert. Im Interview mit ze.tt erklärt Kempen, was wir aus diesen Pornos über weiße Zerbrechlichkeit, gesellschaftliche Machtverhältnisse und die Fetischisierung des Kopftuchs lernen können.  ... Ich denke, es ist nicht besonders realistisch oder sinnvoll, diese Filme zu verbieten. Jede muslimische Frau, die im Kopftuch Pornos drehen will, sollte das auch tun dürfen. Das kann sehr emanzipatorisch wirken, wenn es einvernehmlich passiert und allen Teilnehmenden Spaß und Lust bereitet. Außerdem sollten wir nicht den Boten, also das Medium Pornografie, mit der Nachricht, hier Rassismus und Sexismus, verwechseln.  ... Durch Pornos können vermeintliche gesellschaftliche Tabus sichtbar gemacht und dadurch sogar zelebriert werden. So kann das Untersuchen von Pornos Teil feministischer und antirassistischer Praktiken sein. Pornos geben uns die Möglichkeit, weiße männliche Dominanz, Gewaltfantasien und den stereotypen Blick auf Frauen of Colour zu verstehen. Somit können wir auch eine Verteufelung von Pornos umgehen und diese stattdessen als zugängliches und vielfältiges Medium für uns als Feminist*innen nutzbar machen.  ...

Aus: "Antimuslimischer Rassismus in der Pornografie: "Es ist die Fantasie der prüden Schlampe, der Heiligen und der Hure"" Meret Reh (14. Dezember 2020)
Aus: https://www.zeit.de/zett/liebe-sex/2020-12/antimuslimischer-rassismus-pornografie-hijab-pornos-fetisch-sexismus/

« Last Edit: December 31, 2020, 02:38:29 PM by Link »

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« Reply #231 on: December 17, 2020, 11:22:12 AM »
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[...] An Schulen und Universitäten in Rumänien dürfen weiterhin Gender-Studies unterrichtet werden. Das rumänische Verfassungsgericht hat ein entsprechendes Verbot durch das Parlament gekippt. Die Änderung des "Gesetzes zur nationalen Bildung" sei verfassungswidrig, hieß es vom Gericht. Die im Juni verabschiedete Gesetzesänderung umfasste ein Verbot zur Verbreitung von "Theorien oder Meinungen zur Geschlechtsidentität, wonach das Geschlecht ein vom biologischen Geschlecht getrenntes Konzept ist".

Kritikerinnen des Gesetzes befürchteten ein illiberales Abdriften, das an das Vorgehen von Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán erinnere. Rumäniens Präsident Klaus Johannis hatte das Gesetz vor dem Gericht angefochten. Er sah dieses "im Widerspruch zu mehreren Verfassungsprinzipien, einschließlich der Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und dem Zugang zu Bildung".

Bereits im September hatten mehrere rumänische und ausländische Universitäten, unterstützt von fast 900 Professorinnen und Forschern, das Gericht aufgefordert, das Verbot aufzuheben. Sie begründeten den Schritt unter anderem mit der "Verletzung der Universitätsautonomie".



Aus: "Verbot von Gender-Studies in Rumänien gekippt" (16. Dezember 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-12/rumaenien-gender-studies-universitaeten-schule-studienfach

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« Reply #232 on: December 27, 2020, 12:45:27 PM »
"Streitgespräch Prostitution: „Nicht mal genügend Bettwäsche“"  Das Interview führte Patricia Hecht (27. 12. 2020)
Die SPDlerin Leni Breymaier will den Kauf von Sex verbieten, die CDUlerin Sylvia Pantel die Rechte von Sexarbeiterinnen verbessern. Ein Streitgespräch.
https://taz.de/Streitgespraech-Prostitution/!5735935/

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outsourced

Der Seitenhieb zum Thema Feminismus in der taz hat mich an ein Grundproblem erinnert:

Ich habe es schon ein zwei mal in Zusammenhang gesetzt und werde es auch erneut tun

Wie viel wert hat ein Feminismus der sich auf Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung beruft und dann aber Missstände unter diesem Aspekt laufen lässt. Sexualität gerade zwischen Mann und Frau sind häufig geprägt von Macht und eben Ausbeutung. Da muss Mann weder ins Bordell noch an die Straßenecke - da reicht schon der Klick in die nächste Free-Porn Seite. Und auch Pornographie kritisiere ich scharf, denn wer Feminismus schreit und sich dann einem Milliardenmillieu hingibt was auf Ausbeutung und Unterdrückung basiert, der hat etwas nicht verstanden. Selbstbestimmung hin oder her - solange der Kapitalismus vorherrscht können wir nicht von Selbstbestimmung reden - denn jeder dreckigste Niedriglohnvertrag würde selbstständig unterschrieben. Das hat mit Selbstbestimmung wenig zu tun - es bleibt Ausbeutung. ...


Quote
Tobsen

Frau Breymaier entlarvt sich hier als Vertreterin eines widerlichen reaktionären Pseudo-Feminismus. Ich kann kaum glauben, dass Sie als Expertin zu dem Thema nicht weiß welche negative Folgen das Sexkaufverbot in Schweden für die Sicherheit der Prostituierten hat. Man muss wohl davon ausgehen, dass Sie diese Gefährdung von Frauen (und auch Männern, ganz nebenbei gesagt) billigend in Kauf nimmt für den Zweck sich selbst als ach so hochmoralisch zu inszenieren.

Wenn es ihr Ernst damit wäre, Frauen in Notsituationen zu schützen, würde Sie wohl kaum von der Liberalisierung der Prostitution unter Rot-Grün reden, die ja im Ernst nur die vergleichsweise bessergestellten Prostituierten betraf. Sondern eher um den Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Armutsprostitution und der Einführung von Hartz IV.

Aber alleine das Wort Armutsprostitution möchte Sie natürlich nicht in den Mund nehmen, weil das ihrer Taktik zuwiderläuft jegliche Differenzierung zu übertünchen. So zum Beispiel hin und her zu springen zwischen "Es geht um Menschenhandel!" und "Glauben Sie etwa irgendjemand arbeitet gerne als Prostituierte?" Offensichtlich geht es hier um zwei verschiedene Themen. Aber wer den grundsätzlichen Arbeitszwang im Kapitalismus nicht problematisieren will, dem bleibt wohl nichts anderes übrig.

Tatsache bleibt: Ob wir nun Sexarbeiterin sind oder Supermarktkassierer, Schlachthofmitarbeiter oder SPD-Politikerin. Prostituieren müssen wir uns in diesem System alle, wenn wir nicht gerade mit dem goldenen Löffel im Mund geboren sind. ...


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« Reply #233 on: December 30, 2020, 01:11:01 PM »
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[...] Das Abtreibungsverbot in Argentinien wurde durch ein Senatsvotum gekippt. Befürworter*innen sprechen von einem „historischen Moment“. ... BUENOS AIRES taz | Argentiniens Senat stimmt für die Liberalisierung des Abtreibungsrechts. 38 Senator*innen votierten am frühen Mittwochmorgen mit Ja, 29 mit Nein – bei einer Enthaltung. Bei der Abstimmung ging Pro und Contra quer durch die Parteien. Das Abgeordnetenhaus hatte bereits vor gut zwei Wochen zugestimmt. Damit ist das 100-jährige Abtreibungsverbot gefallen. „Historisch“ war denn auch das Wort der Stunde.
„Ya es ley – Es ist Gesetz“ jubelten die Befürworter*innen vor dem Kongressgebäude, erkennbar an den grünen Halstuch, dem Symbol der Kampagne für das Recht auf eine legale, sichere und kostenlose Abtreibung. Dagegen herrschte unter den mit hellblauen Halstüchern bestückten Gegner*innen Entsetzen und Enttäuschung.  ... Schätzungsweise gibt es in Argentinien jährlich 300.000 bis 500.000 heimliche Abtreibungen. „Die Abtreibung ist ein Problem der öffentlichen Gesundheit“, so die Position des Präsidenten. Seit der Rückkehr zur Demokratie im Jahr 1983 seien mehr als 3.000 Frauen an den Folgen einer klandestinen Abtreibung gestorben, viele seien durch eine schlecht durchgeführte Abtreibung gesundheitlich geschädigt, erklärte Fernández. „Es gibt ein heuchlerisches Argentinien, das die Abtreibung leugnet, wie es zuvor die Homosexualität geleugnet hat“, sagte er. ...


Aus: "Argentinien kippt Abtreibungsverbot: Abbrüche nun legal" Jürgen Vogt Korrespondent Südamerika (30.12.2020)
Quelle: https://taz.de/Argentinien-kippt-Abtreibungsverbot/!5740895/
« Last Edit: December 31, 2020, 02:37:25 PM by Link »

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« Reply #234 on: December 31, 2020, 02:36:35 PM »
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[...] Die Angst kommt in Schüben. An guten Tagen denkt Anna: Ja, es gibt Nacktbilder von mir im Internet. Ich weiß nicht, wie sie dort hingelangt sind. Sie werden vermutlich immer wieder auftauchen. Aber das zerstört nicht mein Leben. Es ist nicht meine Schuld.

An schlechten Tagen kriecht die Angst in der 29-Jährigen hoch. Sie fühlt sich verfolgt. Weil sie fürchtet, jemand könnte in ihre Wohnung eindringen, schließt sie alle Räume ab und sich selbst im Schlafzimmer ein. Sie spürt die Blicke von Fahrgästen in der Straßenbahn. Schaut der Mann mich einfach nur so an? Oder weiß er Bescheid?

Am 18. März 2019 bekommt Anna um 18.16 Uhr eine WhatsApp-Nachricht von einem alten Schulkameraden, mit dem sie auf dem Gymnasium in dieselbe Klasse ging: "Hey Anna, kannst du mich bitte schnellstmöglich anrufen? Ist wichtig!" Befreundet sind die beiden nicht. Zuletzt hat er Anna im Jahr 2016 zum Geburtstag gratuliert. Annas letzte Nachricht an ihn ist von 2013, ebenfalls ein Gruß zum Geburtstag.

Als Anna ihn anruft, merkt sie, dass er zögert. Ihm scheint etwas unangenehm zu sein. Aus dem Gespräch erinnert sie sich bis heute an einen Satz: "Da sind Sachen von dir im Internet, die da nicht sein sollten." Diese Sachen sind insgesamt 25 Bilder und zwei Videos von Anna, die auf pornografischen Plattformen hochgeladen wurden. Manche Fotos zeigen ihr Gesicht und ihre nackten Brüste, andere ihren kompletten nackten Körper. Ihr Schulkamerad hat diese Aufnahmen auf xHamster entdeckt, einer der meistbesuchten Pornoseiten Deutschlands. Er schickt ihr im Anschluss an das Telefonat die Links.

Die Fotos und Videos sind mehrere Jahre alt. Anna hatte sie ihrem Freund per WhatsApp geschickt, als dieser 2013 im Auslandssemester in Spanien war. Die beiden sind bis heute ein Paar, wohnen seit einem Jahr zusammen in einer deutschen Großstadt. Ihr Freund habe die Aufnahmen nie weitergeschickt oder hochgeladen. Wie sie im Internet landen konnten, kann sich Anna damals nicht erklären; bis heute hat sie nur Vermutungen.

Was Anna passiert ist, wird oft "Revenge Porn", Racheporno, genannt. Wenn Nacktbilder gegen den Willen der abgebildeten Person verbreitet werden, handelt es sich aber nicht um Pornografie, sondern um eine Straftat. Die Täter*innen können Ex-Partner*innen und andere Personen aus dem persönlichen Umfeld sein oder auch völlig Fremde, die die Aufnahmen gestohlen oder heimlich aufgenommen haben.

In diesem Text werden diese Taten deshalb als das bezeichnet, was sie sind: digitale Gewalt. Das Ausmaß ist unklar. Auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion von November 2018, wie oft Formen digitaler Gewalt – unter anderem sogenannter Revenge Porn – in den vergangenen fünf Jahren angezeigt und verurteilt wurden, antwortete die Bundesregierung, dass der Justiz hierzu keine Erkenntnisse vorliegen.

Nicht auf allen Fotos, die hochgeladen wurden, ist Anna nackt. Manche zeigen sie auch mit ihrem Freund oder mit Freund*innen beim Feiern. Auf einem ist sie minderjährig, um die 15 Jahre alt, schätzt Anna. Die Bilder hatte sie vor Jahren auf ihrem Facebook-Profil veröffentlicht. Nun stehen sie auf xHamster und anderen kleineren Pornoseiten zusammengestellt mit den Nacktfotos in einer Galerie. Dort ist auch ihr Vor- und Nachname und ihr Heimatort angegeben. Anna heißt eigentlich nicht Anna. In diesem Text wird sie so genannt, um ihre Privatsphäre zu schützen.

Neben den Fotos wurde ein Screenshot ihres Facebook-Profils veröffentlicht. Erst nach dem Telefonat mit ihrem Schulkameraden bemerkt Anna, dass sie dort in den vergangenen Tagen mehrere Anfragen bekommen hat. Von Männern, die ihr die Nacktfotos und anzügliche oder beleidigende Nachrichten schicken, oder Bilder von ihren erigierten Penissen. Bis heute sind diese Nachrichten Annas Alarmsignal, dass vermutlich wieder irgendwo Nacktbilder von ihr online aufgetaucht sind.

Als ihr Schulkamerad auflegt, steht Anna allein mit dem Handy in der Hand vor einem Pariser Hotel, sie ist gerade auf einer Dienstreise in Frankreich. Auf ihrem Hotelzimmer beginnt sie ihren Namen bei sämtlichen Suchmaschinen einzutippen, fügt Schlagworte wie porn oder young girl hinzu. Sie macht Screenshots, um zu dokumentieren, was sie findet. Sie löscht ihren Instagram-Account und lässt ihr Foto und ihren Nachnamen auf der Homepage ihres Arbeitgebers entfernen. Sie geht ihre Kontaktliste durch und überlegt, wer ihr helfen könnte: Wen kenne ich, der oder die Jura studiert hat? Oder IT? Oder sogar bei einer Pornoseite arbeitet? Erst nach mehreren Stunden hört sie erschöpft auf. Bei der Arbeit sagt sie am nächsten Tag, es gebe einen Notfall in ihrer Familie.

Zurück in Deutschland erstattet Anna Anzeige bei der Polizei. Die Telefonate mit den Beamt*innen beschreibt sie als frustrierend. Statt ihr dabei zu helfen, die Fotos so schnell wie möglich aus dem Internet zu entfernen, habe man ihr Fragen gestellt wie: "Sind Sie sicher, dass Sie die Bilder nicht selbst hochgeladen haben?" Oder: "Wieso haben Sie überhaupt solche Fotos von sich gemacht?" Die Ermittlungen werden schließlich eingestellt.

Es gibt kein Gesetz in Deutschland, das Betroffene von Revenge Porn explizit schützt, sagt Juristin Josephine Ballon, die bei der Organisation HateAid Betroffene digitaler Gewalt berät. Der Begriff findet sich nicht im Strafgesetz. Wurde ein Bild unerlaubt hochgeladen, das mit Einverständnis der abgebildeten Person erstellt wurde, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Verletzung des Rechts am eigenen Bild nach dem Kunsturhebergesetz. Ist das verbreitete Bild unerlaubt entstanden, zum Beispiel in einer Wohnung oder einem besonders geschützten Raum, kann der Paragraf 201a im Strafgesetzbuch greifen: Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen.

Um nackt im Internet zu landen, braucht es – anders als in Annas Fall – gar keine realen Nacktaufnahmen: Im Oktober 2020 berichtete die IT-Sicherheitsfirma Sensity, dass auf der Messengerplattform Telegram mithilfe eines Bots gefälschte Nacktfotos von über 100.000 Frauen erzeugt wurden – sogenannte Deepfakes. Vermutlich sei dafür die Software DeepNude genutzt worden. Die Bilder wurden im Anschluss öffentlich geteilt. Es handelt sich bei den betroffenen Frauen vor allem um Privatpersonen, manche sollen sogar minderjährig sein. Auf diese Weise kann es theoretisch jede Person treffen, mit fingierten Nacktbildern bloßgestellt oder erpresst zu werden.

Anna kontaktiert die Pornoplattformen. Bei xHamster füllt sie dafür ein vorgefertigtes Onlineformular aus, den kleineren Seiten schreibt sie E-Mails mit der Aufforderung, die Fotos und Videos herunterzunehmen. Es klappt: Bei xHamster ist die Bildergalerie bereits nach 24 Stunden von der Seite genommen. Dazu sind Plattformen auch verpflichtet, sobald sie davon erfahren, dass Aufnahmen gegen den Willen der gezeigten Person hochgeladen wurden.

Wenige Monate später bemerkt Anna jedoch, dass ihre Fotos wieder im Internet sind, zunächst nur auf kleineren Seiten. Sie vermutet erst, dass sie vielleicht etwas übersehen hatte und erwirkt bei den Betreiber*innen wieder die Löschung. Im Juni 2020 sind ihre Aufnahmen aber auch erneut auf xHamster und erstmals in der Google-Suche zu finden. "In dem Moment dachte ich: Scheiße, die kommen echt immer wieder. Ich habe mich einfach nur ohnmächtig gefühlt", sagt Anna. Sie erstattet zwei weitere Male Anzeige bei der Polizei, ohne Erfolg. Dort rät man ihr, doch mal bei Google anzurufen.

Wenn Täter*innen im Internet nicht unter Klarnamen agieren, werden die Ermittlungen oft eingestellt, sagt Josephine Ballon. Insbesondere auf Plattformen, wo nicht einmal ein Account angelegt werden muss, um etwas hochzuladen, sei es schwierig, Täter*innen zu identifizieren. "Viele Staatsanwaltschaften und Ermittlungsbehörden sind gar nicht darauf spezialisiert, diese Ermittlungen im Netz durchzuführen und es mangelt ihnen an rechtlichen Möglichkeiten. Die Pornoseiten selbst sind meist auch nicht kooperativ", sagt Ballon.

Derzeit fallen pornografische Plattformen nicht unter das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG). Dieses ermöglicht, dass in sozialen Medien illegale Inhalte gemeldet werden können und schafft eine gesetzliche Pflicht für Plattformen, diese auch innerhalb einer bestimmten Frist zu löschen. Betreiber*innen müssen außerdem regelmäßig über ihren Umgang mit Beschwerden zu rechtswidrigen Inhalten auf ihrer Plattform berichten und eine*n inländische*n Ansprechpartner*in stellen.

Die Regulierungen gelten allerdings nur für Plattformen mit mehr als zwei Millionen registrierten Nutzer*innen in Deutschland. Auf xHamster und PornHub muss man jedoch nicht registriert sein, um Inhalte anzusehen. Auf Nachfrage von ze.tt, wie viele registrierte Nutzer*innen xHamster in Deutschland hat, verweist ein Sprecher auf den Datenschutz.

Was sich für Anna als problematisch erweist: Derzeit prüfen die Betreiber*innen bei einem Upload nicht, ob das Material möglicherweise schon einmal gelöscht wurde. Es kann also nicht wirksam verhindert werden, dass Bilder und Videos erneut hochgeladen oder wenigstens schnell wieder entfernt werden können. Auf Nachfrage von ze.tt, ob xHamster plane, etwas dagegen zu unternehmen, teilt ein Sprecher mit, dass man Fälle von sogenanntem Revenge Porn sehr ernst nehme, jedoch keine näheren Angaben zu technischen Abläufen machen könne.

Zusammen mit einer anderen Betroffenen, HateAid und der Plattform Am I in Porn? hat Anna eine Petition an das Bundesjustizministerium gestartet. Darin fordern sie unter anderem, Pornoseiten in den Geltungsbereich des NetzDG aufzunehmen, eine Auskunftspflicht gegenüber Betroffenen einzurichten und die Betreiber*innen dazu zu verpflichten, Bild- und Videomaterial vor der Veröffentlichung intern zu prüfen. Über 62.000 Personen haben bereits unterschrieben.

Wer die Fotos und Videos hochgeladen hat und wie die Täter*innen überhaupt an das Material gekommen sind, weiß Anna bis heute nicht. Über eine Freundin bekommt sie Kontakt zu zwei Männern, die als IT-Forensiker bei einem internationalen Wirtschaftsunternehmen arbeiten. Anna vermutet seither, dass ihre Cloud gehackt wurde. Mit dem Identity Leak Checker des Potsdamer IT-Instituts Hasso Plattner kann jede*r eine Mailadresse daraufhin überprüfen lassen kann, ob persönliche Daten im Rahmen eines bekannten Hacks oder Datenlecks gestohlen wurden. In Annas Auswertung, die ze.tt vorliegt, taucht dabei unter anderem Dropbox auf. Der Hack fand im September 2012 statt, Annas Mailadresse und Passwort sollen demnach betroffen gewesen sein.

Erst 2016 wurde das ganze Ausmaß des Hacks öffentlich – mehr als 68 Millionen betroffene Accounts – und Dropbox forderte Nutzer*innen auf, ihre Passwörter zu ändern. Anna hatte das seit der Einrichtung ihres Accounts nicht getan. Auf Nachfrage von ze.tt heißt es, Dropbox habe jedoch keine Anhaltspunkte dafür, dass auf diese Accounts unerlaubt zugegriffen wurde.

Anna hatte sich den Account im Studium zugelegt und die Cloud mit ihrem Laptop synchronisiert. Heißt: Alle Dateien, die sie auf ihrem Laptop hatte, befanden sich in der Cloud – auch die Nacktbilder, vermutet Anna. Aktuell ist sie mit Dropbox in Mailkontakt: Anna fordert auf Basis der DSGVO, die Login-Files ihres Accounts einsehen zu dürfen. Sie hofft, damit mögliche auffällige Aktivitäten aus der Zeit nach dem Hack nachvollziehen zu können.

Die Angelegenheit verlaufe zäh, was aber auch an ihr liege, gibt Anna zu. Sie antworte auch mal einen Monat nicht auf eine Mail – wenn die Kraft nicht reiche. Dann öffne sie keine Nachrichten, hake nicht bei der Polizei nach und blocke ab, wenn jemand das Thema anspricht. Anna will noch ein anderes Leben haben als das, in dem sie die mit den Nacktbildern im Internet ist.

Dann sei es ihr Freund, der nachschaut, ob wieder etwas online ist. Im Juni 2020 durchsuchte auch er bis ins letzte Detail die Plattformen nach Annas Bildern. Er sei vor allem wütend darüber, was ihr angetan wurde, sagt Anna. Und frustriert, dass er ihr dabei kaum helfen könne. Anna selbst sieht das nicht so: Für sie ist ihr Freund und sein Verständnis eine der wichtigsten Stützen. Der Umgang mit den Nacktbildern sei ein Balanceakt: "Lange wollte ich nicht als jemand gesehen werden, den das so mitnimmt. Ich dachte, dann haben die Täter erreicht, was sie wollten. Aber mir wurde Gewalt angetan und ich muss zugeben können, dass das wehtut. Immer noch."

Anna sagt, sie schäme sich gar nicht so sehr für die Bilder selbst oder bei dem Gedanken, dass Kolleg*innen oder Bekannte sie so sehen könnten. Sie habe seither auch wieder Nacktaufnahmen von sich gemacht und verschickt. Vielmehr schäme sie sich dafür, dass sie sie damals nicht besser geschützt hat und man sie für leichtsinnig und naiv halten könnte. Heute nutzt sie Signal oder Threema, seinerzeit versendete sie die Aufnahmen an ihren Freund jedoch unverschlüsselt per WhatsApp. Möglicherweise sind sie auch so ins Internet gelangt.

In ihrem Freundeskreis wissen alle Bescheid, niemand habe ihr dort je Schuld an der Situation gegeben. Anders sei es bei ihren Eltern, die bisher noch nichts von all dem wissen. Bei ihnen überwiegt für Anna doch die Scham und die Angst, sie damit zu enttäuschen. Dieses Jahr an Weihnachten will Anna es ihnen aber doch endlich erzählen. Viele Dinge, die sie beschäftigten, müsse sie ihnen bisher verheimlichen, zum Beispiel die Arbeit an der Petition. Anfang des Jahres gründete Anna außerdem Anna Nackt – eine Plattform, auf der sich Menschen austauschen können, die ebenfalls nackt im Internet bloßgestellt wurden. Sie hat dort eine Liste mit Tipps für erste Schritte zusammengestellt. Genau das, was sie sich selbst gewünscht hätte.

Vielleicht sind in diesem Moment wieder Nacktfotos von Anna online. Sie weiß es nur noch nicht, oder sie sind ohne ihren Namen veröffentlicht, was es schwerer macht, sie zu finden. Es gebe noch mehr Fotos, die sie noch expliziter zeigten, sagt Anna. Möglich, dass auch die irgendwann im Netz auftauchen. Aber die Angst, dass diese Aufnahmen alles zerstören könnten, die sei kleiner geworden – weil es die letzten drei Male nicht so gekommen sei.


Aus: "Revenge Porn: Nackte Angst" Nina Monecke  (27. Dezember 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/zett/politik/2020-12/digitale-gewalt-revenge-porn-nacktfotos/komplettansicht

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Princess Poppy #8

Im Sommer 2014 gab es den sogenannten Cloud Hack, auch bekannt unter dem Titel "THE FAPPENING". Der Hackerangriff auf private Fotos von Prominenten 2014 (in der Netzkultur auch Celebgate genannt) bezeichnet den Diebstahl und die Veröffentlichung privater Fotos von jungen, überwiegend weiblichen Prominenten in den USA, die offenbar aus geknackten Accounts des Apple-Dienstes iCloud stammen. Es traf aber eben nicht nur Prominente, sondern auch wahllos Personen, die nicht prominent sind. Das im Artikel genannte Zeitfenster passt dazu perfekt.
Der US-amerikanische Hacker Ryan Collins wurde im Oktober 2016 zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, nachdem er sich schuldig bekannt hatte, unberechtigt auf 50 iCloud-Konten und 72 Google-Mail-Konten zugegriffen zu haben. Den Ermittlungen zufolge hatte er zwei Jahre lang durch Phishing die Zugangsdaten zu Konten gesammelt. Es wurden später drei weitere Hacker, darunter George G., verurteilt. Letzterer hatte sich Zugang zu mehr als 550 iCloud und Gmail Accounts verschafft.


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fipps #6

Liebe "Anna",

Mir ist mal ein ähnlicher Fall untergekommen. Eine Kollegin bat mit völlig verzweifelt um Hilfe, weil sie das Gefühl hatte ein aufdringlicher Verehrer/Studienkollege könne ihren Whatsapp Chat lesen.

Was war passiert? Sie war mit ihm Cafe lernen, und als Sie aufs Klo ist hatte sie ihr Handy in auf dem Tisch liegen gelassen. Er hatte sich wohl ihr Entsperrmuster gemerkt und während er seinen Laptop dabei hatte einfach sich mit Whatsapp Web verbunden - das geht sehr schnell und dauert nur ein paar Sekunden. Danach hatte er Vollzugriff auf ihr Konto, konnte alles mitlesen und natürlich auch auf alle Dateien zugreifen. Da es ein paar Jahre her ist war es auch nicht so aufdringlich als Symbol am Handy angezeigt wie das heute bei Whatsapp der Fall ist, sie hatte es also schlicht nicht bemerkt und er hatte über Wochen Zugriff auf ihren Account. Mit den richtigen Browsereinstellungen kommt man übrigens immer wieder rein ohne nochmal Scannen zu müssen. Da hilft nur die Verbindung manuell auf dem Handy zu unterbrechen.

Vielleicht ist Dir ja ähnliches passiert, da im Bericht stand es war Whatsapp im Spiel. Selbiges geht übrigens auch mit anderen Messengern wie Telegram etc.

...

Lg


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johannesbln #10

Ich hab schon jede Menge Nacktbilder und pornographisches Material von mir aufgenommen, verschickt und gespeichert.

Die wichtigste Regel ist nie etwas zu fotografieren was nie jemand sehen soll. Bei mir also nichts mit Kopf...
Und danach eben sichere Passwörter, am besten eine spezielle passwortgesicherte App oder verschlüsselte Volumes.
Es gibt immer Arschlöcher...sich dagegen zu schützen ist Aufgabe eines jeden einzelnen.


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  CIVIL #15

Der Artikel könnte auch von 2010 sein. Grundsätzlich gilt, was digital verbreitet wird kann überall auftauchen.


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Wendekind1989 #23

Was man online versendet ist da für immer.
Egal an wen, egal wann, egal was.
Das gehört zum kleinen 1x1 des Internets.
Auch der vertrauenswürdigste Freund oder fest Partner kann gehackt werden. Onlinespeicher angezapft oder sonstwas schief gehen.
Natürlich denkt man darüber in dem Moment nicht nach, aber so ist es nunmal.
Ein digitales Medium wird auch nicht wie ein einmaliger Druck geklaut, es wird kopiert und vervielfältigt sich. Am Ende weiß niemand woher es nun kommt oder wohin es geht. Es wandert frei und läuft "Informationsamok" und ist unaufhaltbar. Man kriegt es da auch nicht mehr weg. Irgendwer, irgendwo hat es auf seiner Platte und in der nächsten Onlinesammlung vor "Mädels mit Haarfarbe x/eigenschaft y" kann es einfach wieder auftauchen. Unvermittelt, plötzlich und vom Opfer auf Jahre unbemerkt.

Als Opfer bleibt eigentlich nur eines:
"Bodyposivity. Das bin ich. Das ist mein Körper zu dem ich stehe. Ich wollte nicht, dass es online ist, aber so es nun eben. Ich schäme micht nicht für mich selbst und bin deswegen keine *hier Herabwürdigung einfügen*. "
Und das als stures Mantra. Der Körper gehört nur einem selbst, dabei ist es letztlich egal wie viele ihn gesehen haben. Das schmälert nicht "Wert", Würde oder was auch immer.
Weniger: Wie halte ich das auf?
Mehr: Wie gehe ich damit um.


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Liisa #23.1

Trotzdem existiert das Recht am eigenen Bild. Googeln Sie mal danach.


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Odalis #23.2

Sicher tut es. Hilft aber nichts, wenn man es nicht durchsetzen kann.


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fat_bob_ger1 #29

Es scheint mir, als ob manche nicht so richtig zwischen Täter und Opfer unterscheiden können. In einer digitalen Welt kann alles an die Öffentlichkeit geraten. Wer ist schon begeistert, wenn gehackte Bankdaten über einen ins Internet gestellt werden, weil das Kreditinstitut keinen sicheren Server hatte. Ist daran etwa der Bankkunde schuldig? Hätte er vor Eröffnung eines Bankkontos einen IT Sicherheitsbeauftragten konsultieren sollen?

Jeder kann Pech haben. Auch ein sehr kleiner Fehler kann sich später fatal auswirken. Wer in den Fokus eines Profihackers gerät, der ist nahezu chancenlos. Wenn die eigenen Sicherheitsmaßnahmen nicht ausreichend waren oder man Pech hatte, dann muss sich der Betroffene überlegen, wie er damit umgeht. Dazu gehört m. E. (1) der Versuch, den/die Schuldigen zu finden und ggf. zu bestrafen, (2) die Frage, wie man mit dem Problem weiter umgeht, wo man sich Hilfe sucht... und (3) die Fähigkeit, es dem Vorgang nicht zu gestatten, das eigene Leben dauernd zu beeinträchtigen. Ich drücke der "Anna" in jedem Fall die Daumen, dass sie sich von der Verletzung ihrer Intimspähre erholt und möglichst die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen kann. Wenn die Schuldigen nicht gefunden werden können, dann wünsche ich ihr auch die nötige Gelassenheit bzw. Resilenz, die notwendig ist, um weitere Beeinträchtigungen zu minimieren.


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« Reply #235 on: January 02, 2021, 01:30:39 PM »
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[...] Das Hohe Gericht in Lahore verbietet die umstrittene Untersuchung als illegal und verfassungswidrig. Besonders Vergewaltigungsopfer waren betroffen.
MUMBAI taz | „Es ist ein kleiner Erfolg im langen Kampf gegen Vergewaltigungen, aber ein wichtiger“, twitterte die pakistanische Journalistin Manal Faheem Khan. Sie reagierte damit auf eine Entscheidung des Obersten Gerichts der Stadt Lahore, das Überprüfungen der Jungfräulichkeit bei Frauen und Mädchen verboten hatte.
Diese umstrittene Praxis kam im Falle von Vergewaltigungen zum Einsatz. Bei der Untersuchung führte eine medizinische Fachkraft zwei Finger in die Vagina der Betroffenen ein, um zu prüfen, wie locker die Vaginalmuskulatur ist und ob das Hymen sich dehnen lässt. 

Das Hohe Gericht von Lahore erklärte den sogenannten „Zwei-Finger-Test“ nun für illegal und verfassungswidrig. Zudem hieß es im Urteil von Richterin Ayesha A. Malik, dass der Test „keinen forensischen Wert im Fall von sexueller Gewalt hat“ und „die persönliche Würde von weiblichen Opfern verletzt“. Zwei Petitionen waren im vergangenen März beim Gericht eingegangen. Eine von der Politikerin Shaista Malik (PML-N), die andere von einer Gruppe von Menschenrechtlern, Anwält:innen und Journalist:innen.

Das Urteil aus Lahore, das alle Formen von Jungfräulichkeitstests verbietet, gilt für die pakistanische Provinz Punjab und könnte als Präzedenzfall dienen. Ein ähnlicher Fall wird derzeit in der Provinz Sindh vor Gericht verhandelt. Forderungen zur Abschaffung gab es schon in der Vergangenheit, da sie die Verfolgung von Straftaten an Frauen erschwert.
„Von der Registrierung der Anzeige durch die Polizei bis zur Verurteilung des Täters hat die Frage, ob der Charakter des Opfers als züchtig oder rein gilt, einen weitaus größeren Einfluss auf den Ausgang des Falles als die Art der erlittenen Verletzung“, erklärt die Anwältin Zainab Z. Malik. Die medizinische Praxis wurde zum Teil der Rechtsprechung. Bei Frauen mit sexueller Vorgeschichte wurde quasi angenommen, der Verkehr würde mit ihrem Einverständnis stattfinden und es handele sich daher nicht um eine Vergewaltigung.
Das Urteil aus Lahore macht aber deutlich, dass „das Sexualverhalten des Opfers völlig irrelevant ist“. Erst im Dezember hatte der pakistanische Präsident Arif Alvi ein neues Anti-Vergewaltigungs-Gesetz unterzeichnet, wonach Sexualstraftätern künftig härtere Strafen drohen. Die Dunkelziffer an Straftaten wird als hoch eingeschätzt. Gründe dafür sind lasche Strafverfolgung sowie gesellschaftliche Hürden, Vergewaltigungen anzuzeigen.
Auch andere ehemalige britische Kolonien, darunter Indien, Malaysia und Bangladesch, haben begonnen, „Zwei-Finger-Test“ rechtlich zu unterbinden. Im Nachbarland Indien hatte das Oberste Gericht in Gujarat die Tests im vergangenen Jahr als „veraltet und archaisch“ bezeichnet und angewiesen, sie sofort einzustellen. Verboten wurden sie allerdings bereits 2013. In Bangladesch folgte ein Verbot im April 2018.

Aus: "Frauenrechte in Pakistan: Keine Jungfräulichkeitstests mehr" Natalie Mayroth, Reporterin (5.1.2021)
Quelle: https://taz.de/Frauenrechte-in-Pakistan/!5741364/


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[...] Im Nahen Osten verzeichnen Podcasts und Internetformate Corona-bedingt hohen Zulauf. ...  In der Ankündigung für die heutige Ausgabe von „Elephant in the Room“ ist der junge Gast anonymisiert, es gibt keinen Namen, kein Foto. Vorsichtsmaßnahmen, die sowohl den zugeschalteten Ägypter als auch den Radiosender von Tala schützen sollen. Homosexualität ist – mit Ausnahme von einigen wenigen Ländern im Nahen Osten – nach wie vor ein Tabuthema. Darüber öffentlich zu reden, kann schwerste Konsequenzen haben.

Hinter Talas Sendung steckt „micro.radio“, ein jordanisches Internetradio, 2019 gegründet. Dana und Sharaf sind beide in den Zwanzigern und haben die Plattform nach über einem Jahr der Planung ins Leben gerufen. Die beiden Jordanier waren genervt von der poplastigen Musikszene in Amman und wollten etwas Neues schaffen. „Es gab schon immer eine Szene in Amman, in der intensiv über Musik diskutiert wurde, in der Techno und Elektro gehört wird. Wir wollten dieser Nische Gehör verschaffen und kamen so auf die Idee, einen eigenen Radiosender zu gründen“, sagt Dana, die eigentlich als Designerin arbeitet.

 Neben dem musikalischen Schwerpunkt von micro.radio entschieden sich Dana und Sharaf dazu, Menschen und Themen ein Forum zu bieten, die sonst in der immer noch sehr traditionellen konservativen jordanischen Gesellschaft kein Gehör finden. Neben „Elephant in the Room“ gibt es eine Sendung, in der über klassische arabische Musik und nahöstliche Geschichte gesprochen wird. In einer anderen verfolgen zwei Moderatoren das Konzept, dass es kein Konzept gibt. Über Stunden wird einfach über das geredet, was den beiden Sprechern in den Sinn kommt. Als Zuhörer fühlt man sich, als würde man mit einem Glas Wein gemeinsam mit den Moderatoren im Wohnzimmer sitzen.

Micro.radio versucht, die diversen Interessen einer jungen Generation abzubilden, die sich von der etablierten jordanischen Medienlandschaft nicht vertreten fühlt. Gesendet wird mittlerweile fast rund um die Uhr, nahezu ausschließlich auf Englisch.

...


Aus: "Junges Forum in traditioneller und konservativer Gesellschaft: Arabische Radio-Revolutionen" (18.05.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/junges-forum-in-traditioneller-und-konservativer-gesellschaft-arabische-radio-revolutionen/25840738.html

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jonnyrotten 19.05.2020, 09:30 Uhr

Ein Hoffnungsschimmer, wie es aussieht.


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« Last Edit: January 06, 2021, 07:39:10 PM by Link »

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« Reply #236 on: January 05, 2021, 07:04:16 PM »
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marla @prolepeach

The most important part of "sex work is work" imo is that it means "sex workers are workers." Treat us like workers in struggle, worthy of radicalizing and organizing and unionizing. Do not treat us like victims for you to project onto and pathologize.

6:34 nachm. · 4. Jan. 2021·Twitter


https://twitter.com/prolepeach/status/1346148131252137984

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Diogenes the critic @Wardenclyfe1
·
4. Jan. Antwort an @prolepeach

Fuck yeah!


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BrassClubMember @BrassMember Antwort an @prolepeach und @GemmaParadiseXO

The wrong double standard of "sex workers are victims and at the same time 'guilty and responsible' of the same crime" is an eloquent explanation of why this world is so fucked up...


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« Reply #237 on: January 20, 2021, 09:57:32 AM »
"Streit um Paragraph 219aSelbsternannte Lebensschützer gegen Frauenärzte" Gaby Mayr (09.04.2018)
Eine Gießener Ärztin wurde 2017 zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie auf ihrer Homepage über Schwangerschaftsabbruch informierte. Das Urteil stieß auf Protest. Dabei ist sie nicht die Erste, die ins Visier von „Lebensschützern“ geriet.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/streit-um-paragraph-219a-selbsternannte-lebensschuetzer.976.de.html?dram:article_id=415119

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"Abtreibung in DeutschlandUngewollt Schwangere werden immer schlechter versorgt" Lydia Heller (29.10.2020)
Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, geraten unter immer größeren Druck. Paragraf 219a des Strafgesetzbuches verbietet ihnen weitgehend, über ihre Methode zu informieren. Immer weniger Mediziner wollen Abtreibungen vornehmen. ...
https://www.deutschlandfunkkultur.de/abtreibung-in-deutschland-ungewollt-schwangere-werden-immer.976.de.html?dram:article_id=486619

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"Paragraf 219a: Verurteilung wegen Werbung für Schwangerschaftsabbruch rechtskräftig" (19. Januar 2021)
 Die Revision der Ärztin Kristina Hänel nach ihrer Verurteilung wegen Werbung für Schwangerschaftsabbrüche wurde abgelehnt. Sie will nun Verfassungsbeschwerde einlegen. ... Das Oberlandesgericht (OLG) in Frankfurt hat die Verurteilung der Ärztin Kristina Hänel zu einer Geldstrafe wegen Werbung für Schwangerschaftsabbrüche für rechtskräftig erklärt. Ihre Revision wurde somit zurückgewiesen. Hänel hat auf Twitter bereits angekündigt, nun eine Verfassungsbeschwerde einlegen zu wollen.  ...
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-01/paragraph-219a-schwangerschaftsabbruch-werbung-verurteilung-gerichtsurteil

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Mainzerin2015 #4

Viel Glück, Durchhaltevermögen und Kraft für Frau Hänel! Möge die Verfassungsbeschwerde Erfolg haben und Patagraf 219a endlich fallen!
Es kann doch nicht sein, dass Frauen relevante medizinische Informationen gesetzlich vorenthalten werden!


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Frank Hannover #5

Kaum zu Glauben das dieses Urteil Heute in der BRD gefällt wurde. Aufklärung verboten? Wo leben wir denn?


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knuthaub #6

In einer kuerzlich ausgestrahlten Dokumentation (ARD, 7 Tage in einer Abtreibungsklinik) wurde die Zahl fallengelassen das jede 4. Frau in Deutschland eine Abtreibung hatte. Vielleicht waere is in der Tat sinnvoll die rechtlichen Grundlagen zu modernisieren.


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« Last Edit: January 20, 2021, 12:19:07 PM by Link »

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« Reply #238 on: January 22, 2021, 03:19:51 PM »
"Amanda Gorman reminded America what poetry can do" [Youth poet laureate recites her stunning poem at Biden inauguration]
Opinion by Ashley M. Jones
Updated 1303 GMT (2103 HKT) January 22, 2021
(CNN) It is no secret what poetry can do. What Black poetry can do. Audre Lorde told us this in 1985. Although she spoke specifically to women, I hope she won't mind me saying that her words can apply to other folks, too. She wrote: "poetry is not a luxury. It is a vital necessity of our existence. It forms the quality of the light within which we predicate our hopes and dreams toward survival and change, first made into language, then into idea, then into more tangible action."
And it's true -- as I watched 22-year-old National Youth Poet Laureate Amanda Gorman read her piece, "The Hill We Climb," at President Joe Biden's inauguration Wednesday, I felt affirmed in my belief that art is the thing that has and will keep saving us. Poetry, by which I mean the words on a page and the life-force Lorde spoke of, is part of what will help us understand, as Gorman told us, that we must reckon with "the past we step into," that the work is in "how we repair it."
What is so important to me, a Black Southern woman who writes her authentic truth in verse, is the incredible door Gorman is opening and will keep opening for us in poetry. As I watched her, gorgeous as she is, walking up to that inaugural podium wearing her red Prada headband like a crown, in her striking yellow coat -- a sun only mirrored by the light emanating from her -- I was so proud of Amanda Gorman. ...
https://edition.cnn.com/2021/01/22/opinions/amanda-gorman-affirmed-poetry-and-me-ashley-m-jones/index.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Amanda_Gorman