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Architektur (Bauwerk & Raum) [Verortung] / Urbanistik & Stadtforschung & Widerstand...
« Last post by Link on September 24, 2021, 10:33:53 AM »
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[...] Der Preisanstieg bei Wohnimmobilien hat sich beschleunigt. Nach vorläufigen Auswertungen des Statistischen Bundesamtes lag der sogenannte Häuserpreisindex im zweiten Quartal 2021 um 10,9 Prozent über dem Wert des Vorjahresquartals – der stärkste Anstieg seit Beginn der Statistik im Jahr 2000. Im ersten Vierteljahr des laufenden Jahres waren die Kaufpreise für Wohnungen sowie Ein- und Zweifamilienhäuser innerhalb eines Jahres nach jüngsten Berechnungen durchschnittlich noch um 8,9 Prozent gestiegen.

Wohnungen sowie Ein- und Zweifamilienhäuser verteuerten sich im Frühjahr 2021 gegenüber dem Vorquartal im Schnitt um 3,7 Prozent. "Die Preise stiegen sowohl in den Städten als auch in ländlichen Regionen deutlich", heißt es im Bericht des Bundesamtes.

Besonders kräftig stiegen die Preise in den sieben Metropolen Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf. In diesen Städten erhöhten sich die Preise für Ein- und Zweifamilienhäuser um 14,7 Prozent, Eigentumswohnungen verteuerten sich um 12,9 Prozent. In den anderen kreisfreien Großstädten stiegen die Preise für Ein- und Zweifamilienhäuser um 11,9 Prozent binnen Jahresfrist, Eigentumswohnungen kosteten dort 10,5 Prozent mehr.

Auch in dünn besiedelten ländlichen Kreisen stiegen die Häuserpreise um 11,8 Prozent, die Preise für Wohnungen um 9,2 Prozent. In den Werten sind die Nebenkosten eines Immobilienkaufs, zum Beispiel Maklerkosten, nicht abgebildet.


Aus: "Preisanstieg bei Wohnungen und Häusern beschleunigt sich" (24. September 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-09/statistisches-bundesamt-immobilienpreise-deutschland-2000-gestiegen
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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Last post by Link on September 23, 2021, 05:28:58 PM »
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[...] Millenials In Großbritannien wünschen sich zwei Drittel der Menschen unter 35 die Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus. Was ist los mit der jungen Generation?

Owen Jones ist Kolumnist der Tageszeitung The Guardian
Übersetzung: Carola Torti



... Laut einem im Juli publizierten Bericht der rechten Denkfabrik Institute for Economic Affairs (IEA) ist unter den Jüngeren in Großbritannien ein klarer Linksruck zu verzeichnen. Fast 80 Prozent machen den Kapitalismus für die Wohnungsnot verantwortlich, 75 Prozent halten die Klimakrise für „speziell ein Problem des Kapitalismus“ und 72 Prozent sind für eine weitreichende Verstaatlichung. Alles in allem wollen 67 Prozent der Befragten gern in einem sozialistischen Wirtschaftssystem leben.

Angesichts einer – nach der Überwindung des Corbynismus – scheinbar hegemonialen Konservativen Partei im Höhenflug sei die Umfrage ein „Weckruf“ für Unterstützer des Marktkapitalismus, warnt das IEA. „Die Ablehnung des Kapitalismus ist vielleicht nur ein abstrakter Wunsch. Aber das war der Brexit auch.“ Das gleiche auffällige Phänomen eins Linksrucks zeigt sich übrigens auch auf der anderen Seite des Atlantiks: Laut einer Studie der Harvard University im Jahr 2016 lehnten mehr als 50 Prozent der jungen Leute im wichtigsten Land der Laissez-Faire-Wirtschaft den Kapitalismus ab. Und 2018 ergab eine Gallup-Umfrage, dass nur noch 45 Prozent der jungen Amerikaner Kapitalismus positiv bewerteten, während das 2010 noch 68 Prozent taten.

Der 33-jährige Jack Foster, der in Salford für eine Bank arbeitet, ist ein Beispiel dafür, wie gelebte Erfahrung die Enttäuschung über den Kapitalismus verstärkt hat. Nachdem er sein Studium abgebrochen und in einem Callcenter – ein „schrecklicher Job“ – gearbeitet hatte, beeinflusste, wie bei vielen, in seiner Generation der Finanzcrash seine politische Einstellung. Dabei war das Thema Wohnen von besonders großer Bedeutung. „Ich lebte in einer Mietwohnung und dachte: ‚Wie soll ich mir je ein eigenes Haus leisten können?‘“, erzählt er . „Meine Mutter war Reinigungskraft, mein Vater hatte eine Behinderung, und alle Leute, die ich kannte und die sich ein Haus leisten konnten, wurden von ihren Eltern unterstützt. Es war keine Frage von Arbeiten und Sparen; man musste Geld erben.”

... Wie die Linken erklärt auch er die wachsende Attraktivität durch die enorme Wohnungskrise. „Ob man Vertreter des freien Marktes, Konservative, Vertreter der Mitte oder Mitte-links oder Sozialisten fragt, alle sind sich einig, dass Großbritannien in einer Wohnungskrise steckt und das ein enormes Problem ist. Nur haben alle unterschiedlichen Antworten auf die Frage nach den Ursachen und was sich dagegen tun lässt“, erklärt er. „Wenn Leute abgezockt werden und glauben, dass der Markt gegen sie arbeitet, ist es eine mögliche Reaktion, zu verallgemeinern: ‚So ist der Kapitalismus – so ist der Markt‘, und dann stärker mit sozialistischen Ideen zu sympathisieren.“

... statt der vom Thatcherismus versprochenen „Wohneigentumsdemokratie“ sieht es in Großbritannien eher nach einem Paradies für Vermieter aus. Im Jahr 2017 waren 40 Prozent der im Rahmen des Ankaufsrechts veräußerten Wohnungen im Besitz von privaten Vermietern, die das Doppelte an Miete im Vergleich zu Sozialwohnungen verlangen. Tatsächlich ist innerhalb von zwei Jahrzehnten die Chance eines jungen Erwachsenen mit mittlerem Einkommen nur noch halb so groß, ein eigenes Haus zu besitzen. Diese jungen Menschen werden als „Generation Rent“, Generation Miete, bezeichnet, weil rund die Hälfte der unter 35-jährigen in England auf einem freien Markt mietet, der häufig von Wuchermieten und Unsicherheit geprägt ist. Die Miete kostet in England annähernd die Hälfte des Nettoeinkommens der Mieter, in London sogar krasse 74,8 Prozent, ein Anstieg um ein Drittel seit Beginn des Jahrhunderts. Und wenn Millennials für den Hauskauf auf ein elterliches Rettungsboot setzen, winkt Enttäuschung: Die meisten erben erst im Alter zwischen 55 und 64 Jahren. Zudem liegt das Median-Erbe bei 11.000 britischen Pfund (knapp 12.800 Euro), was bedeutet, dass die Hälfte der Erben weniger erhält.

Es gibt einfach keinen rationalen Grund für junge Leute, dieses Wirtschaftssystem zu verteidigen. Laut Umfrage der Kinder-Hilfsorganisation Barnardo’s im Jahr 2019 gehen Zwei Drittel der Unter-25-jährigen davon aus, dass es ihrer Generation schlechter gehen wird als ihren Eltern. Dieser Pessimismus ist neu, sagt Keir Milburn, Wissenschaftler und Autor des Buches Generation Left, in dem er argumentiert, breite linke Sympathien unter jungen Menschen seien ein modernes, von den ökonomischen Bedingungen gefördertes Phänomen. „Für jemanden, der in den 60er-Jahren geboren und dann erwachsen wurde, gab es ein Gefühl von Optimismus, also dass die Lage besser wird“, erklärt er. „Es ist die aus der Zeit der Aufklärung stammende, modernistische Haltung, dass die Lage sich verbessert, dass die Gesellschaft, allgemein gesagt, immer Fortschritt verzeichnet. Jetzt denkt das nur noch Steven Pinker“ (ein US-amerikanischer Psychologe und Autor des Buches Enlightenment Now – Aufklärung jetzt).

Für den 30-jährigen David Horner, der in London für eine Wohltätigkeitsorganisation arbeitet, begann die Desillusionierung angesichts des herrschenden Systems schon im Studium. Jetzt bekommt er bald ein Kind und sorgt sich darum, in welche Welt er es hineinsetzt. Beim Blick auf seine Arbeit mit Jugendlichen aus ärmeren Verhältnissen und die Erfahrungen von Freunden, die in krisengeschüttelten Gesundheits- und Bildungseinrichtungen arbeiten, liegt für ihn das Problem auf der Hand. „Dabei erzählt man uns, das gegenwärtige sei das beste volkswirtschaftliche System, das wir kriegen können. Jede Alternative – selbst wenn sie scheinbar nicht sehr radikal ist – wird einfach abgelehnt, weil es angeblich so sein muss, wie es ist“, klagt er. „Mit zunehmendem Alter beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Ich will nicht mehr alles einfach hinnehmen. Aber es geht um viel Macht: Da sind die Konzerne und Leute mit Eigeninteresse am Kapitalismus und der Art und Weise, wie die Wirtschaft im Moment funktioniert.“

Einer ganzen Generation wurde gesagt, es sei wichtig zu studieren, um ein Gehalt zu haben, von dem man leben kann. Doch das Einkommensgefälle zwischen Studierten und Nicht-Studierten hat sich erheblich verringert. Und obwohl Englands Hochschulabsolventen im Jahr 2020 Schulden in Höhe von fast 47.000 Euro angehäuft hatten, arbeitet mehr als ein Drittel der Hochschulabsolventen in Jobs, die keinen solchen Abschluss erfordern.

In den Jahren nach dem Finanzcrash und der folgenden Sparpolitik waren es die Gehälter und Löhne der jungen Arbeitnehmer, die in einer beispiellosen Senkung des Lebensstandards am stärksten zurückgingen. Formale Bildung plus wirtschaftliche Unsicherheit sind eine riskante Mischung. Aber das ist nicht das einzige Phänomen, das eine Rolle spielt. Zusätzlich wurden nicht-akademische Wege zu einem gesicherten Lebensstandard gestrichen, wie die qualifizierten Lehrstellen, von denen so viele 16-jährige Schulabgänger zuvor profitierten. Junge Wähler aus der Arbeiterklasse stimmten 2017 mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit für Labour als ihre Altersgenossen aus der Mittelschicht.

Aber auch eine wichtige existenzielle Frage führt dazu, dass viele junge Leute das ganze Wirtschaftssystem kritisch sehen. „Vor kurzem las ich einen Post auf Instagram mit der Frage, ob man lieber hundert Jahre in die Vergangenheit oder hundert Jahre in die Zukunft reisen würde. Und alle Kommentare fragten: ‚Wird es in hundert Jahren überhaupt noch Menschen geben?‘“, erzählt der 22-jährige Uni-Absolvent Haroon Faqir. „Das fasst die Leute in meinem Alter und ihre Einstellung zu den Problemen, die in einem kapitalistischen System vor uns liegen, gut zusammen.“

Die 20-jährige Studentin Emily Harris aus London sagt, ihre größte Sorge sei, dass „es dann nicht einmal einen Planeten mehr gibt: Wir haben Jeff Bezos, der sich selbst in den Weltraum schickt, während in Las Vegas das Wasser ausgeht und die halbe Welt brennt. Wenn diese Milliardäre aufhören würden, Geld zu machen, könnten sie alle Probleme lösen und immer noch Milliarden auf der Bank haben.“

Während die Mainstream-Medien wenig Sympathien für die Unsicherheiten und Wünsche der jüngeren Briten aufbringen, ist im Internet politische Bildung zu finden. Die Journalistin Chanté Joseph ist 25, was sie in der Grenzregion zwischen Millennial und Zoomer ansiedelt. „[Die Mikro-Blogging-Seite] Tumblr hat mich radikalisiert“, erzählt sie. „Ich las dort über Rassismus, Identität und Klasse und dachte: ‚Das ist alles verrückt.‘ Es hat mir die Augen geöffnet.“

Viele in ihrer Generation seien zu Twitter und TikTok abgewandert, „wo junge Leute eine Menge politische Inhalte teilen, die wirklich persönlich und nachvollziehbar sind. Das ist der Grund, warum viele jüngere Leute sich radikaler fühlen – es scheint normaler zu sein, wenn diese Ideen auf eine Art und Weise erklärt werden, bei der man denkt: ‚Wie kann man da anderer Meinung sein?‘“

Mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer mit Null-Stunden-Verträgen – die häufig von Woche zu Woche nicht wissen, wie viel Geld sie verdienen werden – sind unter 25. Viele andere sind „scheinselbständig“, während sie doch einen Vertrag mit einem Arbeitgeber haben, nur dass ihnen Rechte wie Mindestlohn oder bezahlten Urlaub vorenthalten werden. Versprochen wurde ihnen, dass der freie Markt ihnen Freiheit bringt; tatsächlich geliefert wurde Unsicherheit.

Durch die Opfer, die viele junge Leute während der Pandemie gebracht haben, kristallisierte sich noch stärker ein Gefühl von Ungerechtigkeit heraus. Die 22-jährige Studentin Hannah Baird ist in Rotherham aufgewachsen und haderte schon immer mit dem Status Quo. Ihre Angst vor der Klimakrise und kritische Meinungen auf den Sozialen Medien verstärkten ihre Unzufriedenheit. „Während der Pandemie bekam man den Eindruck, dass junge Leute sehr stark für die Fallzahlen verantwortlich gemacht werden“, erzählt sie. „Dabei zahle ich weiter die gleichen Studiengebühren, kriege dafür aber seit eineinhalb Jahren nur Online-Lehre. Das fühlt sich an wie eine Ohrfeige. Bei Lockerungsplänen scheinen die Unis auch immer als Letzte erwähnt zu werden. Generell kriegt man den Eindruck, die Regierung kümmert unsere Generation wenig, so als ob man uns vergessen würde.“

Das bedeutet nicht, dass die junge Generation sich in überzeugte revolutionäre Sozialisten verwandelt hat. Aber von den Millennials, die Karl Marx kennen, sehen ihn die Hälfte positiv, im Vergleich zu 40 Prozent der Generation X und nur 20 Prozent der Babyboomer.

Auch in Schöne Welt. Wo bist du? – Millennial-Autorin Sally Rooneys neuestem Buch – ist nicht nur der Sex sexy. Einer der Charaktere im Buch denkt darüber nach, dass neuerdings alle über Kommunismus sprechen. „Als ich früher Marxismus ins Gespräch warf, wurde ich ausgelacht. Heute stehen alle darauf.“ Wahrscheinlich ist Marxismus nicht das Rückgrat der Sprüche in den neu belebten Nachtclubs in Newcastle oder Cardiff. Aber ohne Zweifel ist die Post-Kalter-Krieg-Jugend viel offener für diese von vielen rundweg abgelehnte Philosophie des 19. Jahrhunderts. Viele Jüngere hatten für die Lösung ihrer wirtschaftlichen Probleme Hoffnungen auf Jeremy Corbyn als Labour-Chef gesetzt; jüngste Umfragen zeigen, dass jüngere Labour-Wähler fast doppelt so wahrscheinlich glauben, dass er ein besserer Parteichef gewesen wäre als Keir Starmer.

Die meisten jungen Leute lesen keine radikale Literatur. Aber politisierte Zoomer und Millennials hinterlassen einen ideologischen Fußabdruck in ihren Freundeskreisen. Das heißt nicht, dass die Linke die beiden heranwachsenden Generationen als selbstverständlich nehmen und darauf warten sollte, dass die Demographie irgendwann automatisch den bisher nicht erreichten politischen Sieg bringt. Wie der Wirtschaftswissenschaftler James Meadway kürzlich in einem Artikel mit dem Titel „Die Generation Links ist vielleicht gar nicht so links“ warnte, könnten sich auch rechtspopulistische Antworten auf die Desillusionierung der Jugend durchsetzen. In Frankreich etwa sind viele junge Menschen nach rechts gerückt. In Großbritannien sind auch nur wenige in der Altersgruppe Mitglied in einer der Gewerkschaften, die in der Vergangenheit dazu beitrugen, eine antikapitalistische Einstellung zu entwickeln. Zudem gibt es das Phänomen, dass sich bei vielen jungen Menschen mit linken Haltungen parallel auch einige traditionell rechte Einstellungen finden.

Die Reichen – in der Pandemie noch reicher geworden – wird keiner essen. Aber junge Leute sehen auch keinen rationalen Grund, ein System zu unterstützen, dass wenig mehr als Unsicherheit und Krise zu bieten scheint.



Aus: "Esst die Reichen!" (23.09.2021)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/esst-die-reichen-kapitalismus-sozialismus-millenials

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Holger Braun | Community

Klar die Leute unter 35 haben Nullahnung wie scheisse Sozialismus ist. Handy heute bezahlen und in 5 Jahren geliefert bekommen. Ich denke dann hat die Begeisterung schnell ein Ende. Ah, ich vergaß das war der falsche, real existierende Sozialismus, im richtigen wird das alles anders und besser. Aber mit dem richtigen Sozialismus ist es wie mit Godot.


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[...] Das neue Parlamentsjahr hat mit einer neuen Abgeordneten begonnen: Nach dem Rückzug von Neos-Wirtschaftssprecher Sepp Schellhorn ist die Tiroler Unternehmerin Julia Seidl in den Nationalrat nachgerückt. Die 40-Jährige wurde am Mittwoch zu Sitzungsbeginn angelobt.

Die nachfolgende "Aktuelle Stunde" verlief aber in durchaus gewohnten Bahnen. Auf Antrag der Freiheitlichen wurde über die Situation im Asylwesen gestritten. Dominiert wurde die Debatte, die auch einige Corona-Einsprengsel hatte, wenige Tage vor der Oberösterreich-Wahl vom Streit der ehemaligen Koalitionspartner ÖVP und FPÖ, wer jetzt noch restriktiver in der Flüchtlingspolitik sei.

Den Auftakt machte FPÖ-Klubchef Herbert Kickl, der vom "katastrophalen Versagen" der Regierung in der Corona-Politik flott auf deren "Versagen" in der Asylpolitik umschwenkte. Während die Österreicher während der Pandemie eingesperrt worden seien, habe an den Grenzen 365 Tage im Jahr die Devise "Reinspaziert" geheißen. 30.000 Illegale würden heuer erwartet. Alles werde immer noch schlimmer, prophezeite Kickl.

Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) gab sich empört und unterstellte der FPÖ "Doppelmoral" in Bezug auf einen Medienbericht, wonach sich etliche freiheitliche Spitzenfunktionäre haben impfen lassen. Kickls verharmlosende Aussagen zum Coronavirus und dessen Agitation gegen die Impfung bezeichnete Nehammer als "letztklassig". Kickl verhalte sich "erbärmlich" gegenüber Patienten mit Langzeitfolgen und den Hinterbliebenen der zahlreichen Covid-Todesopfer. Nehammers Konsequenz Richtung Kickl: "Ich entziehe Ihnen hiermit unser Du-Wort, das wir gegenseitig gerne gepflegt haben."

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Aus: "Parlament live: Nehammer entzog Kickl wegen Covid-Verharmlosung im Nationalrat das Du-Wort" (22. September 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000129845344/nationalrat-startete-nach-sommerpause-mit-hitziger-asyldebatte
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Wie gehen Sie mit Corona-Diskussionen in der Familie und im Freundeskreis um? ( User-Diskussion, 21. September 2021)
https://www.derstandard.at/story/2000129669294/wie-gehen-sie-mit-corona-diskussionen-in-der-familie-und


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Kaffee ist immer gut!

In meinem weiteren Umfeld ist eine junge Frau an Covid verstorben. Sie hinterlässt einen Mann und zwei Kinder. Davon erzähle ich manchmal. Sonst erkläre ich offen, geimpft zu sein, aber lasse andere Meinungen daneben auch einfach stehen. Es ist wie bei Religionen, man wird kaum jemanden von der eigenen Sicht überzeugen. Das soziale Miteinander trotz Differenzen aufrecht zu halten, weiterhin im Gespräch zu bleiben halte ich momentan für essentiell.


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Ausgeflippter Lodenfreak

Ab einem gewissen Abstand der Überzeugungen sind Gespräche darüber sinnlos. Man kann sagen, woran man selbst glaubt und was einem selbst wichtig ist, aber der Ansatz den anderen von irgendetwas zu überzeugen wird nur zu Streit und Abneigung führen.
Ich habe das schon lange bei der Zuwanderungsdiskussion gelernt: es ist besser einen kurzen peinlichen Moment hinzunehmen und offensichtlich das Thema zu wechseln, als sich ewig die meilenweit und unversönlich auseinanderliegenden Standpunkte an den Kopf zuwerfen. Es genügt, dass man sagt, man denkt da ganz anders und aus.
Unsere Gesellschaft hat keine Mitte mehr und so gibt es immer mehr, immer unterschiedlichere und sogar gegensätzliche Standpunkte, wo es keinen gemeinsamen Weg mehr gibt.


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vaikunthaloka 21. September 2021, 10:41:54

Wir sind als Familie geimpft - allerdings machte ich die etwas beunruhigende Beobachtung, wie selbst einigermaßen intelligente und gebildete Verwandte und Freunde sich im Laufe des letzten Jahres zunehmend radikalisierten. Heute glauben die Dinge, die vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wäre.

Das ist teilsweise sehr müssig und ich merke selbst, dass es eigentlich keinen Spaß mehr macht, diese Leute zu sehen - der Missionseifer ist einfach nur anstrengend. Und wenn man sich dann noch dazu heinreißen lässt, zu antworten (ich bin in der Forschung tätig - zwar nicht zu Viren, aber dennoch etwas vertraut mit der Materie), ist der an sich gemütliche Abend zusammen schon gelaufen. Ich hoffe, die kommen irgendwann wieder im normalen Leben an.


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schwaiger2, 21. September 2021, 10:56:17

... Im Endeffekt stimmt man niemanden um und es wird nur zur psychischen Belastung für einen selbst.
Ich kann mit anderen Meinungen umgehen und akzeptiere diese ohne Weiteres, wenn sie fundiert sind. Wenn jemand allerdings mit einem "Bauchgefühl" daherkommt, bei dem jede wissenschaftliche Grundlage fehlt, ist diese Meinung irrelevant und wertlos für mich. Da ist es mir auch egal, wie nahe mir dieses Familienmitglied steht.
Wenn die Fakten eine eindeutige Sprache sprechen, gibt's keine "eigene Wahrheit".


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felicius

bin geimpft, aber ich versteh die bedenken schon (zum teil)
28 jähriger bekannter, war wochenlang im spital (blutgerinsel nach astra)
alle coronakranken die ich persönlich kenne, hatten alle nur einen harmlosen verlauf.
dann noch keine langzeitstudien..
da kann man schon ins grübel kommen…
hab mich dann in erster linie impfen lassen, weil ich meine damals schwangere frau auf keinen fall anstecken wollte.
bin nun sehr froh, dass ich geimpft bin und es nicht anders war als bei meinen vielen anderen impfungen.


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El Hidalgo, 21. September 2021, 11:55:48

Habe drei Monate argumentiert, bis meine Eltern (80 Jahre alt) sich impfen ließen. An sich waren sie von Anfang an nicht dagegen abgeneigt, allerdings hat meine Schwester (40 Jahre alt) ihnen monatelang eingeredet, dass die Impfung ein Plan sei, um die Älteren zu exekutieren. Sie meinte und meint es noch immer ernst. Unsere Eltern und auch ich natürlich, werden die nächsten 5 Jahre nicht mehr überleben können mit dieser Impfung. Sagt sie. Erschreckend ist, dass sie offensichtlich so dermaßen daran glaubt, dass sie sich bereits verlassen und allein glaubt. Weil wir uns impfen ließen, hat sie den Kontakt zu uns abgebrochen bzw. muss ich auch gestehen, dass mir jeglicher Wunsch nach Kontakt abhanden gekommen ist. Traurig das Ganze.


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RS85

ich lasse es einfach über mich ergehen, falls jemand mit seinen VT etc. kommt, einfach deswegen, weil ich nicht meine Energie in solchen sinnlosen DIskussionen vergeuden will, ich werde sie sicher nicht umstimmen können also lass ich es lieber ganz bleiben und enthalte mich meiner Meinung, was ich jedoch schon mache, ist das Gespräch auf ein anderes Thema zu leiten oder halt asap das Gespräch beenden. Ich respektiere jede andere Meinung, will also nicht missionieren, will mir aber auch kein Geschwurble anhören. ...


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Des Bodens Satz

Meine Oma (95) meinte im Januar, sie wisse noch nicht, ob sie sich impfen lassen wollte, „wegen den Langzeiteffekten.“  ...


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ElChupacabra

Mit Leuten, denen man mit Fakten nicht mehr kommen kann, spreche ich nicht mehr. ...


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Bambi Love VI, die Jungfrau

In meiner Familie sind 3 Leute an Covid gestrben, da gibt es keine Disskussionen mehr.


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gradwhan

... Ich habe [ ] mit meiner kleinen Schwester einen sehr bedauerlichen Fall von Long Covid. Aufgrund dieser Belastung reagieren auch meine Eltern sehr sensibel auf dieses Thema.
Meine Schwiegermutter ist leider sehr esoterisch veranlagt und naja... wir haben uns geeinigt, dass wir nicht mit ihr darüber sprechen. Wer einmal behauptet, dass Menschen absichtlich beatmet werden um Maßnahmen zu rechtfertigen hat bereits längst den Boden der Vernunft verlassen.


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bullchopper

War Schwierig aber mit der Zeit doch lösbar. In meiner Familie gibt es 3 Verschwörungsfans. Alle anderen sind geimpft. Sollte das Thema aufkommen und es ungemütlich werden da unsere Verwandten Anti-Vaxxer die Mischpoche belehren müssen dann haben wir eine witzige Lösung gefunden. Wir fangen an über Sachen zu reden von denen wir wissen das wir keine Ahnung haben und unsere Schwurbler Experten sind.

Zum Sportexperten sage ich das Thomas Muster mit Fiat Formel-1 Weltmeister geworden wäre wenn 911 nicht passiert wäre und meine Frau erzählt der Modespezialistin das Gucci für ihre Taschen Westindische Fersenhornhaut benutzt würde. Dem Computerfutzi erkläre ich das man Basic eigentlich "Basitsch" ausspricht weil's ein Albaner erfunden hat.

Alle lachen. Streit vorbei. Tusch. Vorhang. Ende.


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Verliebt_Verlobt_Vereinsamt

Ich diskutiere mit niemandem mehr. Ich bin es leid, ich habe es satt. Meine Liebsten sind alle geimpft und gut ists. Machts, was wollts.

Meinen besten Freund habe ich bereits im Herbst 2020 an die Pandmiepanik verloren. Es war nicht möglich, über dieses Thema auch nur beiläufig zu reden. Seine Angststörung hat voll zugeschlagen und letztendlich hat er mit mir vollkommen hysterisch "Schluß gemacht", weil ich die Dinge anders beurteilt habe.
Tja was solls. Ich weiß nicht, ob er mittlerweile geimpft ist.


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Nabu

Hatte gerade letztes Wochenende ein längeres Gespräch mit einem hochintelligenten Impfgegner, zusammen mit zwei anderen, ebenso hochintelligent.

Eigentlich baute seine Argumentation auf der permanenten Fehlinformation durch Medien und Politik auf, welchen er einfach überhaupt nicht mehr vertraut. Er ist kein Hardcore Impfgegner, sondern meinte einfach nur er will sich nicht impfen lassen, kann es sich aber unter Umständen vorstellen, wenn die Todesrate in die Höhe schnellt etwa.

War eigentlich alles faktenbasiert, hat nur eben kein Vertrauen mehr. Ich glaube es geht vielen Impfgegnern so. Alles nennt man heute Nazi und ähnliche Diffamierungen, obwohl sie überhaupt nichts mit dieser Ideologie am Hut haben. Bedenkliche Entwicklung.


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Ein Leser weniger

Wer missioniert fliegt raus.


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public wildlife defender

sry - fast schon zu Klischeehaft: Mein engeres familiäres Umfeld und ich sind geimpft - wir bewegen uns aber alle im weitesten Sinne naturwissenschaftlich - die Impfung ist also eine logische Antwort auf die Virus-Pandemie. Ich respektiere nicht Geimpfte! Ich selbst würde, wenn gefragt, die Impfung empfehlen. Ich werbe oder bekehre aber niemanden. Aufklärungskampagnen SOLLTEN von der Regierung kommen! Ich verachte Anti-Vaxxer-Kampagnen aus dem rechten politischen Eck (sprich Kickl-Fraktion der FPÖ) - diese Menschen sind meiner Meinung gemeingefährlich. Allerdings sind alle meine (gemäßigten) FPÖ-Freunde geimpft.


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phuxxx

In meiner Familie sind alle geimpft - seit Kurzem. Nachzüglerin war meine 14jährige Nichte, die - man kanns nicht anders nennen - aus rein pubertärer Opposition die Impfung verweigert hat. Vor ca. einer Woche ist sie dann doch zum ersten Stich gegangen. Aus Angst, dass sie als Ungeimpfte bald nicht mehr bei H&M und Co reinkommt. Die Vorstellung, nicht mehr ungehemmt shoppen zu dürfen, hat offenbar gereicht.


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lukaesch

manche lernens eben nur auf "die harte Tour".....


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synt4x3rr0r

In meinem Freundeskreis gibt's da kaum Diskussionen, was die Impfung angeht
Jeder hat sich impfen lassen, aus. Die Maßnahmen und wie sie begründet werden halten wir alle für eher fragwürdig, aber im Endeffekt kann man's eh nicht ändern, also ist es auch egal.

Erschreckend war für mich am Wochenende beim gemeinsamen Fortgehen mit meiner besten Freundin und deren Mädelsrunde, dass von denen fast die Hälfte ungeimpft ist, weil sie Angst davor haben, dadurch unfruchtbar zu werden. Alles Studentinnen, alle politisch eher bis stark links. Da kann man als Mann dann auch gar nicht dagegen argumentieren, weil (identity-politics-konform) "du kannst das halt nicht verstehen, du bist ja keine Frau".


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Beta Androide

Ich habs aufgegeben mit Fakten zu argumentieren.


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Ruhiger_Typ

 ... Bei uns gibt es in der Familie leider auch eine Person, die generell eher esoterischer Natur ist und nicht impfen geht. Ihr "Argument" unter anderem "ist nur Geldmacherei!".
Die gleiche Person geht bei wirklich jedem Wehwehchen zum Alternativmediziner ums teure Geld. ...


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [Migration & Flüchtlingspolitik (Notizen) ... ]
« Last post by Link on September 22, 2021, 12:14:47 PM »
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[...] An der deutsch-polnischen Grenze in Brandenburg steigt die Zahl der illegalen Grenzübertritte stark an. Das berichtete der RBB unter Berufung auf einen Bericht des Bundesinnenministeriums. Demnach wurden in Brandenburg in der ersten Septemberhälfte rund 400 Menschen "bei der unerlaubten Einreise festgestellt", wie das Ministerium dem Sender bestätigte. Im ganzen Monat August waren es den Angaben nach ebenfalls 400.

125 weitere Geflüchtete ohne Papiere sollen nach RBB-Informationen am vergangenen Wochenende allein rund um Frankfurt/Oder aufgegriffen worden sein. Die Stadt gilt derzeit als Schwerpunkt der illegalen Migration über Belarus und Polen nach Deutschland. Rund 75 Prozent der Migrantinnen und Migranten geben dabei an, zuvor über Belarus oder Litauen und Polen eingereist zu sein. Das bestätigte die Bundespolizei der Redaktion rbb24-Recherche. Ein Großteil der auf diesem Weg nach Brandenburg kommenden Flüchtlinge sind den Angaben zufolge irakische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger.

Die Bundespolizei sehe einen Zusammenhang zwischen der Situation an der deutsch-polnischen Grenze in Brandenburg und der Situation entlang der polnisch-belarussischen Grenze, berichtete der rbb. Sie bereite sich bereits auf die Ankunft weiterer Geflüchteter vor: Auf dem Gelände der Bundespolizeiinspektion Frankfurt/Oder wurden den Angaben zufolge bereits Zelte und Toiletten aufgebaut.

Der polnische Grenzschutz registrierte den Angaben nach rund 8.000 Migranten an der polnisch-belarussischen Grenze, die versucht haben, illegal ins Land zu kommen. "Die meisten dieser Versuche konnten wir bis jetzt erfolgreich verhindern", teilte der Grenzschutz mit.

Polens Regierung beschuldigt die Regierung des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, die Flüchtlinge in organisierter Form an die EU-Außengrenze zu bringen. Von dort aus versuchen viele nach Deutschland zu gelangen. Die Regierung in Warschau wirft der Regierung in Minsk vor, die EU und Polen aus Rache für die jüngsten Sanktionen durch das gezielte Durchschleusen von Migranten destabilisieren zu wollen. Im Grenzgebiet zu Belarus gilt seit Anfang September der Ausnahmezustand. An der polnischen Ostgrenze sind vor wenigen Tagen vier Geflüchtete unter bisher ungeklärten Umständen gestorben.


Aus: "Zahl illegal Einreisender an deutsch-polnischer Grenze steigt stark an" (22. September 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-09/bundesinnenministerium-illegale-migration-deutsch-polnische-grenze-brandenburg-anstieg

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[...] Ein offizieller Besuch ist derzeit nicht geplant. Aber Joe Biden kann gar nicht anders, als die Installation vor seiner Haustür zur Kenntnis zu nehmen: Sie ist vom Truman-Balkon des Weißen Hauses aus sichtbar.

Als der US-Präsident am Montag in seinem Hubschrauber Marine One abhebt, um nach New York zur Generalversammlung der Vereinten Nationen zu reisen, fliegt er über das weiße Flaggenmeer. An diesem Tag erreichen die USA eine Zahl, die erschüttert: Trotz aller wissenschaftlichen Errungenschaften, trotz aller Fortschritte sind nun bereits mehr Menschen in Amerika an den Folgen des Coronavirus gestorben als an der Spanischen Grippe vor 100 Jahren – mehr als 675.000.

Suzanne Brennan Firstenberg steht Sonntagmorgen am Rande ihres Flaggen-Kunstwerks auf der Washingtoner Mall. Handschuhe, blaue Leinenbluse, ein Strohhut schützt die blonde Frau vor der immer noch intensiven Sonne. Ihre rote Maske nimmt sie auch im Freien nicht ab.

Als sie im Herbst 2020 die kleinen weißen Fähnchen das letzte Mal in den Washingtoner Rasen vor dem RFK Stadium pflanzte, hatten die USA gerade die Schwelle von 220.000 Toten überschritten. Auch das eine Zahl, mit der lange keiner gerechnet hatte.

Wenn die Zahlen so groß würden, sagt Firstenberg, werde es schwierig, sie zu verstehen. Daher habe sie die Dimension sichtbar machen wollen.

Nach einem „kalten, dunklen Winter habe sie dann diese Installation auf der Mall geplant, sagt die 62-Jährige. „Ich dachte, wir haben das nun bald hinter uns. Also gab ich der Installation den Namen ,In America: Remember’. Ich nahm an, wir würden nun unsere Leben weiterleben, zurück in unsere Büros, die Kinder zurück in die Schulen gehen. Ich wollte die Amerikaner daran erinnern, dass eine von drei Familien in Amerika jemanden verloren hatte.“

Aber die Normalität sei nicht eingetreten. „Jetzt schauen Sie sich das hier an“, sagt Firstenberg und zeigt auf die riesige weiße Fläche hinter sich. „Jetzt müssen wir uns in Amerika daran erinnern, uns gegenseitig zu schützen. Denn es ist nicht vorbei.“

Rechteck an Rechteck reiht sich auf der riesigen Grünfläche nahe des Washingtoner Monument, auch aus der Luft betrachtet scheint das Kunstwerk kein Ende zu nehmen. Dass die Installation an die weiße Strenge des Arlingtoner Friedhofs auf der anderen Seite des Potomac Rivers erinnert, ist kein Zufall. Dort liegen die Toten der amerikanischen Kriege.

Zwischen den Rechtecken können die Besucher hindurch laufen, die Installation soll begehbar sein. Und sie soll sich entwickeln. Auf manchen Flaggen sieht man in schwarzer Schreibschrift Namen von Verstorbenen und Widmungen.

„Randy Westgard. Wir lieben und vermissen dich, Papa“, steht auf einer. Auf einer anderen: „Joseph O’Neal Hinton. Vater, Freund, Bruder. Ein gesunder, starker 78-Jähriger. Er starb am Vatertag – vier Tage, nachdem er positiv getestet worden war.“

Diese Widmungen sind erwünscht. Angehörige können ihren Verstorbenen eine Flagge widmen, entweder, indem sie sich hier vor Ort registrieren und ein Fähnchen beschriften lassen oder, falls die Anreise zu weit ist, im Internet.

Genau um diese Darstellung individuellen Leids geht es Firstenberg. „Die Botschaft ist: Wir müssen mehr aufeinander acht geben, statt einfach nur unser eigenes Leben zu leben. Die Menschlichkeit, die sich hier darstellt, ist enorm.“

So viele seien alleine gestorben, die Pandemie habe lange im Verborgenen stattgefunden. „Jede dieser Flaggen steht für eine Person in den Vereinigten Staaten, die an Covid-19 gestorben ist. Indem wir jeden einzelnen mit einer Flagge repräsentieren, sagen wir: Dieser Mensch ist wichtig. Das bedeutet Patriotismus für mich.“

Dass die Pandemie in den USA wieder so eskaliert ist, liegt auch an den vielen Impfgegnern im Land. Viele von ihnen nennen sich Patrioten, viele sind Anhänger von Bidens Vorgänger Donald Trump.

Sie betonen, Masken, Abstandsauflagen und Impfvorschriften verletzten ihre individuelle Freiheit. Mit ihrem Kunstwerk macht Firstenberg deutlich, wie hohl diese Argumentation angesichts der vielen Toten klingt.

Am Dienstag wollte die oberste Demokratin im Kongress, Nancy Pelosi, die Installation besuchen. Die Sprecherin des Repräsentantenhauses war auch schon im vergangenen Oktober bei dem Kunstwerk.

Dabei erklärte sie, 220.000 Tote sei eine „schier unvorstellbare Zahl“. Schier unvorstellbar sei, dass so etwas in Amerika geschehen könne. Firstenbergs Kunstwerk sei so wichtig, da es die Botschaft aussende, dass sich etwas verändern müsse.

Im Herbst war es noch die Trump-Regierung, die für den Umgang mit der Pandemie verantwortlich war. Inzwischen hat der Demokrat Biden übernommen. Nach anfänglichen Erfolgen ist die Impfkampagne in den letzte Monaten ins Stocken geraten. Auch deshalb hat sich die Zahl der Toten inzwischen mehr als verdreifacht.

Die Fähnchen sollen nun insgesamt 17 Tage lang im Wind wehen. Dann wird das Kunstwerk wieder abgebaut. Wahrscheinlich nicht zum letzten Mal. „Ich werde das so lange machen, wie es dauert“, sagt Künstlerin Firstenberg.

„Jeden Tag tausche ich die Ziffern an der großen Tafel hier vorne aus, so dass wir eine akkurate Zahl zeigen. Und jeden Tag pflanze ich mehr Flaggen. Gestern musste ich mehr als 2600 weitere stecken.“

Damit habe sie nie gerechnet, sagt sie. Als sie im Juni 630.000 Flaggen erworben habe, habe sie gedacht, die brauche sie nie. „Nun musste ich bereits zweimal nachbestellen. Und das werden wohl nicht die letzten gewesen sein.“

Einen Vergleich hebt das Kunstwerk besonders deutlich hervor: den zwischen Ländern, die die Pandemie gut und jenen, die sie schlecht in den Griff bekommen haben.

Am linken Rand des Flaggenfelds, vorne neben dem National Museum of African American History and Culture gibt es ein kleines Areal. Darauf stehen 27 Flaggen. Sie repräsentieren die Zahl der Toten in Neuseeland. „27. Wir in Amerika haben mehr als 670.000 Tote“, sagt Firstenberg. „Das musste nicht sein.“


Aus: "Covid-Gedenken in den USA: Ein weißes Meer aus Flaggen" Juliane Schäuble (21.09.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/covid-gedenken-in-den-usa-ein-weisses-meer-aus-flaggen/27632978.html
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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Zur Thematik von Verschwörungstheorien...
« Last post by Link on September 21, 2021, 03:00:07 PM »
"Politics: Bad Information" Nicolas Guilhot (August 23, 2021)
Conspiracy theories like QAnon are ultimately a social problem rather than a cognitive one. We should blame politics, not the faulty reasoning of individuals. ... Like picture day at school, the January 6 march on the Capitol was about wearing your best outfit. For the rank-and-file, the uniform would do—heavy-duty workwear and a MAGA cap—but the more exuberant went for superhero costumes, Roman togas, animal pelts, or ghillie suits. The optics were all the more important because not much else was at stake. In the absence of any clear agenda and organizational capacity, posing inevitably took the place of politics: it was all about showing up and showing off. Only violence saved the bravado from complete ridicule. When the clueless mob moved in to take the country back by force, all it was able to get its hands on were a stolen pulpit and other memorabilia of parliamentary procedure. The real trophies of the day were the selfies. ... Short of this, conspiracy theories will continue to thrive and occupy the place once taken by ideologies. It is already clear that the politicians tempted to harness them are playing the sorcerer’s apprentice—indeed, the shaman’s apprentice. And as we all know, their time is the midnight hour.  ...
https://bostonreview.net/politics/nicolas-guilhot-bad-information

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[...] Forscher wiesen in Haushalten am Rande landwirtschaftlich genutzter Gebiete bis zu 23 Pflanzenschutzmittel nach. Wie gelangt umstrittene Chemie in die eigenen vier Wände?

Wien – Apfelbäume, so weit das Auge reicht. Jedes Frühjahr hüllen sie Puch bei Weiz mit zartrosa Blütenwolken ein. Auf mehr als 600 Hektar baut die kleine Gemeinde im oststeirischen Hügelland Obst an. Der Apfel ist auf ihrem Ortswappen verewigt und seit Generationen größter Arbeitgeber der Region.

Doch jedes Frühjahr erfüllt nicht nur der Duft blühender Gärten das idyllische Dorf. Ätzender, beißender Geruch, der an Schuhputzmittel erinnert, zieht von den umliegenden Plantagen durch die Ortschaft und frisst sich in den Häusern fest.

Die Fenster zu schließen helfe nur bedingt, erzählt ein Gemeindebürger, an Spazierengehen sei nicht zu denken. Zwischen zehn- bis 20-mal im Jahr werden Obstbäume Angaben der Landwirte zufolge gegen Bakterien und Pilze, Fressfeinde und Unkraut chemisch behandelt. Je nach Witterung, Höhenlage und Sorte in unterschiedlicher Intensität.

Dass ein Teil der Spritzmittel im Zuge der Abdrift und Verdunstung übers Ziel hinausschießt, sei jedem hier klar, sagt der Steirer, dessen Haus an die Plantagen angrenzt. "Mit einem eigenen Garten tut man sich in Puch sicher nichts Gutes." Das Ausmaß der Kontamination mit Pflanzenschutzmitteln im Inneren seiner Wohnräume habe ihn dennoch schockiert.

Einen Mix aus zwölf Pestiziden haben Forscher im Sommer in seinem Hausstaub nachgewiesen. Zwei davon gelten in den USA als möglicherweise krebserregend.

Chemie aus der Landwirtschaft, die weit über ihren Bestimmungsort hinaus wirkt, ist nichts Neues. 2019 sorgten etwa mit Spritzmitteln belastete öffentliche Kinderspielplätze in Südtirol für Unruhe. Nun hat die europäische Bürgerinitiative "Biene und Bauern retten", die von internationalen NGO-Organisationen getragen wird, einen Blick in Schlafzimmer von Europäern geworfen, die in intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten leben.

In 21 privaten Haushalten aus 21 EU-Staaten wurden im Juni und Juli Staubproben gezogen. Alle Proben waren mit Pestiziden belastet – im Schnitt mit acht, maximal mit 23 Wirkstoffen, zeigt die dem STANDARD vorliegende Studie. Jede vierte Schlafzimmerprobe, die ein französisches Labor analysierte, enthielt Pestizide, die von der Europäischen Chemikalienagentur ECHA als möglicherweise krebserregend eingestuft wurden.

In 80 Prozent der Stichproben waren Wirkstoffe nachweisbar, die im Verdacht stehen, die menschliche Fortpflanzung zu schädigen. Der höchste ausgewiesene Wert stammt aus Belgien. Österreich rangiert mit der Probe aus Puch an dritter Stelle.

Zahlreiche epidemiologische Studien zeigten, dass Menschen, die von intensiver Landwirtschaft umgeben sind, einem doppelt so hohen Risiken ausgesetzt sind, an Krebs zu erkranken oder Fehlgeburten zu erleiden, als Menschen in Stadtgebieten, warnt Helmut Burtscher. Der Umweltchemiker der Organisation Global 2000, Mitinitiator und Autor der Studie, fordert, dass Pflanzenschutzmitteln mit negativen gesundheitlichen Folgen die Marktzulassung entzogen gehört – zumal viele Bauern damit auch ein hohes persönliches Risiko eingingen.

Burtscher vermisst in Österreich Untersuchungen staatlicher Aufsichtsbehörden zum Ausmaß der Abdrift von Pestiziden und ihren möglichen gesundheitlichen Gefahren. "Die Verantwortlichkeit endet offenbar mit der Zulassung."

Es sei inakzeptabel, dass Menschen in ihren Wohnräumen einem Pestizidcocktail ausgesetzt seien, ergänzt Martin Dermine vom Pesticide Action Network. Statt chemieintensive Landwirtschaft in der EU zu subventionieren, gehöre die Forschung von umweltfreundlichen Alternativen finanziell gestärkt.

450 Wirkstoffe sind für die Landwirtschaft in der EU derzeit zugelassen. Untersucht wurden die Schlafzimmerproben aus Kostengründen nur auf 30. Tatsächlich hätten sich darin wohl doppelt so viele gefunden, vermutet Burtscher. Auch Glyphosat, das dazu dient, Wiesen unter den Obstbäumen von Unkraut freizuhalten, und das sich über die Luft gut verbreitet, sei den Forschern damit durch die Lappen gegangen.

Anders als für Lebensmittel gibt es für Hausstaub keine Grenzwerte. In Dänemark wurden bei einer Probe 4.942 Milligramm an Pestiziden je Kilo Staub gemessen, in der Steiermark 683 Milligramm. Am häufigsten wies das Labor Pyraclostrobin, Spiroxamine und Fluopyram nach.

Bestätigt sich eine bedenkliche Konzentration an Wirkstoffen, müsse sich die Behörde der Sache annehmen, sagt Christian Stockmar. Von "unseriöser Angstmache" hält der Chef der Syngenta und Obmann der Industriegruppe Pflanzenschutz allerdings wenig: "Pflanzenschutzmittel sind die am besten untersuchten Substanzen."

Hochsensible Analysemethoden erlaubten mittlerweile, alles zu finden, wonach gesucht werde. In der Regel sei die Belastung mit Wirkstoffen so gering, dass sie umwelt- und humantoxisch gesehen, irrelevant sei. "Wir müssen die Kirche im Dorf lassen."

Er wolle nichts schönreden, sagt Stockmar. Aber er appelliere an Respekt vor der Wissenschaft. Ziel sei es bei Themen wie diesen, gemeinsam Lösungen zu finden.

An Möglichkeiten, das Problem der Abdrift besser in den Griff zu bekommen, fehlt es aus Sicht von Fritz Prem, des Präsidenten des europäischen Bioobst-Forums, nicht. Es gebe bereits serienreife Applikationsmethoden, die diese um 90 Prozent reduzieren. Allein, man schreibe sie in Österreich nicht gesetzlich vor. "Dabei wäre dies ein großer Schritt nach vorne."

Verzichtbar seien wirksame Pestizide für konventionelle Betriebe über Nacht aber nicht – außer man nehme erhebliche Einbußen in Kauf und gleiche diese durch höhere Preise aus. Er selbst habe 20 Jahre lang konventionell produziert, ehe er vor 25 Jahren auf Bio umsattelte: Noch mehr Kosten einzusparen als bisher schon sei im Obstbau aufgrund der knappen Kalkulationen nicht mehr möglich. "Es ist ein Teufelskreis."

Verantwortung dafür tragen vor allem Konsumenten, die auf perfektem, makellosem Obst bestehen, ist der betroffene Anrainer aus Puch überzeugt. Zwar wollten immer mehr Betriebe auf biologischen Anbau umstellen. Doch solange der Nachbar seine Flächen weiterhin mit Chemie behandle, sei vielen der Umstieg aufgrund der Abdrift zu riskant.

Mit offenem Verdeck spritzten die Bauern am Traktor dreimal die Woche vor seiner Haustür, sagt er und berichtet von vermehrten Krebserkrankungen in der Region. Der örtliche Supermarkt verkaufe regelmäßig Äpfel aus Afrika – ansässige Betriebe exportierten ins Ausland. "Hier läuft doch etwas schief."



Aus: "Landwirtschaft verursacht Pestizidcocktail im Schlafzimmer" Verena Kainrath (20. September 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000129796886/landwirtschaft-verursacht-pestizidcocktail-im-schlafzimmer

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vv7, 20. September 2021, 19:51:08

Habe einmal auf einem Wochenmarkt Äpfel einer alten Apfelsorte gekauft. Der Apfelhändler erzählte mit einer Begeisterung von seinen Apfelsorten und das diese wenig anfällig gegen Schädlinge sind. Die Äpfel sahen zwar nicht so hochglanzpoliert wie in einem Supermarkt aus, dafür war der Geschmack sensationell. So, wie die Äpfel, die ich aus meiner Kindheit kenne. Ich, als Konsument möchte wieder Äpfel, die auch nach Äpfel schmecken. Sie müssen nicht perfekt aussehen. Also liebe Produzenten nehmt Rücksicht auf die Natur und auf uns.


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at1234567

Kann mir hier irgendjemand erklären, warum man jetzt, also zur reifezeit heimischer Äpfel, im supermarkt Äpfel aus Neuseeland (!) angeboten bekommt?


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karlreal

Einfach zum Nachdenken.

Das mit dem Pestizidcocktail im Zimmer betrifft nicht nur die Obstbauern. Wenn man direkt neben landwirtschaftlichen Flächen liegt hat man ebenfalls sämtliche Spritzmittel im Haus. Abstand ist auch keine Garantie, denn der Vertrag der Spritzmittel geht laut bayrischer Studie schon bei geringem Wind einige 100 Meter. Direkt angrenzende Liegenschaftsbesitzer sollten einmal ihr Gemüse oder Obst testen lassen und sie werden unglaubliches erfahren. Dieses Problem wird unterschätzt und sogar heruntergespielt trotz hoher Toxizität. Nach dem Motto, es kann ja nicht sein, was nicht sein darf. Man muss sich diese Exposition über Jahre vorstellen. Dies betrifft in erster Linie die Kinder, die im Freien spielen. Der Innenbereich ist nicht viel besser.


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without_von_delay

Ein Bauer in "Am Schauplatz" meinte mal ganz treffend bio ist doch nur die Rückkehr zur Normalität.

Alle die behaupten, dass diese Giftcocktails nur gegen Schädlinge toxisch wirken sind entweder wirklich so naiv oder arbeiten im Dunstkreis einer gewissen österreichischen Bank.


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [Forschender Blick nach rechts... ]
« Last post by Link on September 21, 2021, 10:43:47 AM »
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[...] Eine Polizistin aus Sachsen-Anhalt ist beurlaubt worden, nachdem sie die Nähe zu dem Attentäter von Halle gesucht haben soll. Das berichtet die in Halle erscheinende Mitteldeutsche Zeitung. Die Polizistin soll per Brief romantische Gefühle gegenüber Stephan B., der vor zwei Jahren einen Anschlag auf die Synagoge in Halle verübte, ausgedrückt haben. Außerdem soll die Frau, die Anfang 20 sein soll, eine Neigung zu rechtsextremen Verschwörungstheorien offenbart haben.

Die Polizistin soll selbst den Briefkontakt zu dem 29-jährigen Mann gesucht haben. In einem Brief soll sie geschrieben haben, dass sie an ein jüdisches Machtmonopol glaube. Gegen die Polizistin aus dem Bereich der Polizeiinspektion Dessau-Roßlau wurde eine interne Ermittlung eingeleitet. Sie soll klären, inwiefern die Polizistin gegen Beamtenrecht verstoßen hat. Das Landesinnenministerium in Magdeburg äußerte sich am Montag nicht zu dem Fall.

Am 9. Oktober 2019 hatte der Attentäter versucht, 51 Menschen zu töten, die in der Synagoge von Halle den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur feierten. Er warf Brand- und Sprengsätze und schoss auf die Zugangstür, gelangte aber nicht auf das Gelände. Vor der Synagoge ermordete er dann die 40 Jahre alte Passantin Jana L. und in einem nahe gelegenen Dönerimbiss den 20-jährigen Kevin S. Auf seiner Flucht schoss der Mann auf Polizisten, fuhr mit dem Fluchtwagen einen Schwarzen an und schoss in einem Dorf bei Halle einen Mann und eine Frau an, nachdem sie ihm ihr Auto nicht geben wollten. In einer Werkstatt erpresste der damals 27-Jährige dann ein Taxi, das die Polizei mithilfe des Taxifahrers orten konnte. Anschließend nahmen Polizisten ihn fest. 

Auf der Anklagebank hatte sich der Mann zu seinem Judenhass bekannt. Er habe weitere Extremisten zu Anschlägen motivieren wollen, sagte B. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilte B. Ende 2020 zu lebenslanger Haft und Sicherungsverwahrung. Ein Gutachter diagnostizierte bei B. eine Persönlichkeitsstörung.


Aus: "Polizistin schreibt Briefe an Attentäter von Halle" (20. September 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-09/rechtsextremismus-polizistin-briefe-stephan-b-anschlag-halle

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  Tonk #27

Obwohl das Phänomen bekannt ist, bleibt es irritierend. Liebesbriefe an einen persönlich nicht bekannten inhaftierten Staftäter. Auch Breivik erhält romantische Post.


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[...] Ein 20-jähriger Student, der in Idar-Oberstein an einer Tankstelle jobbte, hat seinen Einsatz zur Einhaltung der Coronaregeln ersten Ermittlungen zufolge mit dem Leben bezahlt. Nach einem Streit über das Tragen einer Coronamaske erschoss ein 49-Jähriger den jungen Kassierer.

Der Mann habe sich geärgert, weil der Mitarbeiter ihm kein Bier verkaufen wollte, da er keinen Mund-Nasen-Schutz getragen habe, sagte Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann zu der Tat in Rheinland-Pfalz.

Gegen den mutmaßlichen Täter aus dem Kreis Birkenfeld sei Haftbefehl wegen Mordes vor dem Amtsgericht Bad Kreuznach erlassen worden. Er habe gestanden, den Kassierer mit einem gezielten Schuss in den Kopf getötet zu haben, sagte Fuhrmann.

Nach den bisherigen Ermittlungen hatte der Mann am Samstagabend den Verkaufsraum der Tankstelle ohne Maske betreten und zwei Sechserpack Bier auf den Tresen an der Kasse gestellt. Der Kassierer wies den Mann auf die Maskenpflicht hin – woraufhin der Mann den Raum verließ und dabei drohend die Hand hob.

Eine gute Stunde später sei er erneut in der Tankstelle erschienen – diesmal habe er eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen, wieder ein Sechserpack Bier genommen, und sei zur Kasse gegangen. »Dort setzte er die Mund-Nasen-Bedeckung ab«, sagte Oberstaatsanwalt Fuhrmann. Der Kassierer habe den Mann erneut auf die Einhaltung der Maskenpflicht hingewiesen: Daraufhin zog der Täter einen Revolver und erschoss den Kassierer.

Zum Motiv habe der mutmaßliche Mörder angegeben, dass ihn die Situation der Coronapandemie stark belaste. Er habe sich in die Ecke gedrängt gefühlt und »keinen anderen Ausweg gesehen«, als ein Zeichen zu setzen, sagte Fuhrmann. Das Opfer schien ihm dabei »verantwortlich für die Gesamtsituation, da es die Regeln durchgesetzt habe.«

Der Mann war am Sonntagmorgen auf dem Gelände der Polizei in Idar-Oberstein festgenommen worden. »Wir gehen davon aus, dass er sich stellen wollte«, sagte Triers Polizeipräsident Friedel Durben. Zwischenzeitlich hatten die Ermittler einer Mitteilung zufolge mit Aufzeichnungen der Überwachungskameras nach ihm gesucht und davor gewarnt, Anhalter mitzunehmen.

»Das ist auf jeden Fall ein besonderer Fall«, sagte Polizeipräsident Durben. »Wir haben weder im Polizeipräsidium Trier noch im Land Rheinland-Pfalz eine solche Tat gehabt, die einen Zusammenhang zu Corona vermuten lässt.«

apr/dpa


Aus: "Tankstellen-Kassierer nach Streit über Coronamaske erschossen" (20.09.2021)
Quelle: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/idar-oberstein-tankstellen-kassierer-nach-streit-um-corona-maske-erschossen-a-b40989e3-223f-4072-8bda-26bbf5c66d07

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20.09.2021 – 17:38
Polizeipräsidium Trier
POL-PPTR: Idar-Oberstein. 49-Jähriger nach Tötungsdelikt in Untersuchungshaft
Nach den bisherigen Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft soll der 49-Jährige zunächst gegen 19.45 Uhr die Tankstelle betreten haben, um dort einzukaufen. Weil er keine Mund-Nasen-Bedeckung trug habe es eine kurze Diskussion mit dem Kassierer gegeben, dem späteren Opfer der Tat. Daraufhin verließ der Tatverdächtige die Tankstelle. Gegen 21.25 betrat der Tatverdächtige erneut die Tankstelle, diesmal mit angelegter Mund-Nasen-Bedeckung. Als er an der Kasse war, zog er die Maske herunter und es kam erneut zu einem kurzen Wortwechsel. Schließlich zog er einen Revolver aus der Hosentasche und gab einen tödlichen Schuss auf den 20-jährigen Studenten aus Idar-Oberstein ab. Anschließend flüchtete er zu Fuß.
https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/117701/5025378

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[...] Im Chat-Kanal des rechtsextremen Verschwörungsideologen Sven Liebich entflammt der Hass besonders rasch. Der Täter habe wohl einfach die "Schnauze voll" gehabt, kommentiert dort einer, oder auch: „Wenns die richtigen trifft, hab ich nichts dagegen“.

Ein weiterer schreibt: “Kein Mitleid. Die Leute immer mit dem Maskenscheiß nerven. Da dreht irgendwann mal einer durch. Gut so.”

Während am Montagabend die Nachricht des mutmaßlichen Mordes wegen eines Streits ums Maskentragen deutschlandweit Bestürzung auslöste, finden sich auf dem Messengerdienst Telegram auch gegenteilige Reaktionen.

In diversen  Kanälen szenebekannter Verschwörungsideologen wird die Gewalttat in Rheinland-Pfalz wahlweise als Notwehr, logischer Schritt oder Beginn eines langersehnten Befreiungskampfs gegen die angebliche "Merkel-Diktatur" gefeiert. Im Kanal "Free your mind" heißt es frohlockend: "Jetzt geht's los!!!" In anderen Kanälen werden Herzen und Daumen nach oben gepostet.

Laut Staatsanwaltschaft befindet sich der 49-Jährige, der am Samstagabend an einer Tankstelle in Idar-Oberstein wegen seines fehlenden Mund-Nasen-Schutzes kein Bier kaufen durfte, später zurückkehrte und den Kassierer mit einem Revolver erschoss, inzwischen in Haft. 

Früher oder später habe es zu einer solchen Tat kommen müssen, heißt es in einschlägigen Kanälen auf Telegram. Schuld daran seien die Politiker, die die Bürger mit ihren Corona-Regeln tyrannisierten.

Vielfach herrscht zudem Schadenfreude darüber, dass es sich bei dem Getöteten um einen Studenten handelt. Das Opfer sei sicher ein Linker gewesen: "Eine Zecke weniger!"

Experten warnen seit langem vor einer Radikalisierung der Szene der Querdenker, die auch in Gewalt und sogar Terror münden könne. In den vergangenen Monaten gab es bereits mehrere Anschläge, die mutmaßlich von Gegnern der Coronamaßnahmen begangen wurden. Sollte sich der Verdacht der Staatsanwaltschaft in Rheinland-Pfalz bestätigen, wäre die Tat von Idar-Oberstein nun der erste Mord.

In den Verschwörungskanälen auf Telegram sind bereits in der Nacht zu Dienstag eine Reihe neuer Verschwörungsmythen entstanden: So behaupten Nutzer der Gruppe "Servus Deutschland" etwa, dass es sich bei der Tat in Wahrheit nur um eine sogenannte "False flag"-Aktion handeln könne, also eine von Regierungsseite inszenierte Tat, um "Stimmung gegen die Ungeimpften zu machen". In einer Darmstädter Querdenken-Gruppe wird behauptet, dies sei ein Manöver der Herrschenden zur Beeinflussung der Bundestagswahl.

Der Messenger-Dienst Telegram gilt als Sammelbecken für Corona-Verharmloser und andere Verschwörungsgläubige sowie Rechtsextremisten. Sie können dort ungestört Falschinformationen und Hass verbreiten, erreichen so täglich Hunderttausende. Das von Bund und Ländern eingerichtete Kompetenzzentrum jugendschutz.net sieht Telegram inzwischen als „Verschwörungsschleuder“ beziehungsweise als „zentrale Ausweichplattform für rechtsextreme Propaganda“.

Und das Problem nimmt zu: Denn während Facebook und Instagram zunehmend strafbare Inhalte löschen und Accounts sperren, wandern die Geschassten zu Telegram ab - dort können sie ungestört hetzen. Es gibt nicht einmal die Funktion, Hassbotschaften und Mordaufrufe zu melden.

Anders als etwa Facebook oder Twitter fallen Messenger-Dienste wie Telegram nicht unter das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Der Betreiber muss rechtswidrige Inhalte daher nicht innerhalb von 24 Stunden nach Eingang einer Beschwerde löschen oder sperren.

Von dieser Gesetzeslücke profitierten während der Pandemie reihenweise Straftäter wie der inzwischen mit Haftbefehl gesuchte und geflüchtete Berliner Antisemit Attila Hildmann. Aus seinem Exil in der Türkei meldete sich Hildmann in der Nacht zu Dienstag ebenfalls über Telegram zu Wort - und kommentierte den mutmaßlichen Mord in Idar-Oberstein mit einem Lachanfall.


Aus: "Rechte jubeln über Mord von Idar-Oberstein" Sebastian Leber (21.08.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/nach-streit-um-maskenpflicht-rechte-jubeln-ueber-mord-von-idar-oberstein/27631262.html

https://www.tagesspiegel.de/politik/getoetet-weil-er-auf-maskenpflicht-hinwies-die-politische-dimension-eines-verbrechens/27631024.html

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M.Aurelius #33

Laut der Ermittlungsbehörden hat der Täter zum Motiv angegeben, dass ihn die Situation der Corona-Pandemie stark belaste. Er habe sich in die Ecke gedrängt gefühlt und „keinen anderen Ausweg gesehen“, als ein Zeichen zu setzen. Das Opfer schien ihm dabei „verantwortlich für die Gesamtsituation, da es die Regeln durchgesetzt habe“.

Das Geschwurbel des Täters belegt wieder einmal, dass Zeitgenossen, die durch die schlichte Alltagsrealität derartig überfordert sind, unter keinen Umständen in den Besitz einer Waffe kommen dürfen.



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Klementina #12

Ich bin fassungslos. Da fehlen mir einfach die Worte. Wie kann man so etwas tun?


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Umelaphi wakho #12.1

"Wie kann man so etwas tun?"

Das passiert, wenn man seine Emotionen nicht mehr unter Kontrolle hat und den Gang zum Arzt vermeidet.


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User789 #12.2

Blinde Wut auf Staat und Gesellschaft? Tiefe Frustration, Gefühl der Ohnmacht und man will das "endlich zeigen". So in etwa . Und resultiert ist das in einem geplanten vorsätzlichen Mord.


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Buttercreme #31

Ein Täter, der das Angesprochenwerden auf die Maskenpflicht zum Anlass für einen Kopfschuss nimmt, bekommt hoffentlich lebenslange Sicherungsverwahrung. Man wüsste nicht, was der nächste Grund für einen Mord wäre.


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Standhaftes Nelklein #25

Das Böse ist banal - so sinnlos. Eltern sollten nicht ihre Kinder zu Grabe tragen.

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Watzinger #28

Über alle demokratischen Parteien hinweg wird vor der Radikalisierung der Querdenker gewarnt. Allein wie hier im Forum das Maskentragen als "staatlicher Eingriff in die persönliche Freiheit" verleugnet wird, wie die Maßnahmen zum Schutz der Gesellschaft als staatlicher Terror verleugnet werden, ist für mich der Ausgangspunkt für die Entwicklung dieses Mannes zum Mörder.


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Biagobaer #29

Ich finde das zutiefst beängstigend.
Ich kenne einige Quer" denker" .Die putschen sich gegenseitig so auf in ihren Vorstellungen von "Widerstandskampf gegen das Böse ", dass ich schon oft zu meinem Mann sagte " Wenn es nochmal zum Lockdown kommt, haben wir einen Bürgerkrieg "

Ich sehe öfter Leute ohne Maske in den Läden.Die schauen dann richtig provokativ jeden an und warten nur darauf, dass jemand etwas sagt , das sieht man ihnen richtig an.- ich werde mich hüten.

Es sind ja auch schon Busfahrer ins Koma geprügelt worden.

Es ist eine aufgeheizte Stimmung und wenn dann jemand cholerisch ist und eine Waffe besitzt .......

Mein herzliches Beileid den Angehörigen.Das ist einfach nur schrecklich.


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polygraphos #32

Streng genommen handelt es sich um einen politischen Mord, denn der Täter begründet ihn ja mit der Corona-Situation, deren Handhabung durch die Regierung er ablehnt und die er als "belastend" empfindet. Der unglückliche Student an der Tankstellenkasse ist für ihn nur Repräsentant des "Systems". Man muss sich das nur einmal vorstellen, praktisch jeder, der wie der Kassierer dazu verpflichtet ist, auf die Einhaltung der Maskenpflicht zu achten, hätte zum Opfer werden können. Wenn es nicht dieser gewesen wäre, dann vielleicht am nächsten Tag irgendein Busfahrer, Verkäufer oder sonstiger Bediensteter.

Nein, ein gewöhnlicher Mord aus niedrigen Beweggründen oder persönlichen Motiven war das nicht. Hier ist in einem labilen Alkoholiker die Saat des Hasses und der Lüge aufgegangen. Von wem alles diese gesät wurde, erspare ich mir an dieser Stelle.


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Lofwyr #62

Eine furchtbare und sinnlose Tat. Wie weit muss man nur von der Realität sein um so eine Tat auch noch mit heroischem Pathos auszukleiden? "Zeichen setzen" "keinen Ausweg gesehen" und alles nur weil man 5 Minuten eine Maske aufsetzen soll? Man sieht wie tief der Hass sitzt den die geistigen Brandstifter in den letzten 2 Jahren gesät haben.


Kommentare zu: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-09/maskenpflicht-coronavirus-mann-erschiesst-kassierer-tankstelle-rheinland-pfalz

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[...] Ein 20-jähriger Student, der in Idar-Oberstein an einer Tankstelle jobbte, hat seinen Einsatz zur Einhaltung der Coronaregeln ersten Ermittlungen zufolge mit dem Leben bezahlt. Nach einem Streit über das Tragen einer Coronamaske erschoss ein 49-Jähriger den jungen Kassierer.

Der Mann habe sich geärgert, weil der Mitarbeiter ihm kein Bier verkaufen wollte, da er keinen Mund-Nasen-Schutz getragen habe, sagte Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann zu der Tat in Rheinland-Pfalz.

Gegen den mutmaßlichen Täter aus dem Kreis Birkenfeld sei Haftbefehl wegen Mordes vor dem Amtsgericht Bad Kreuznach erlassen worden. Er habe gestanden, den Kassierer mit einem gezielten Schuss in den Kopf getötet zu haben, sagte Fuhrmann.

Nach den bisherigen Ermittlungen hatte der Mann am Samstagabend den Verkaufsraum der Tankstelle ohne Maske betreten und zwei Sechserpack Bier auf den Tresen an der Kasse gestellt. Der Kassierer wies den Mann auf die Maskenpflicht hin – woraufhin der Mann den Raum verließ und dabei drohend die Hand hob.

Eine gute Stunde später sei er erneut in der Tankstelle erschienen – diesmal habe er eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen, wieder ein Sechserpack Bier genommen, und sei zur Kasse gegangen. »Dort setzte er die Mund-Nasen-Bedeckung ab«, sagte Oberstaatsanwalt Fuhrmann. Der Kassierer habe den Mann erneut auf die Einhaltung der Maskenpflicht hingewiesen: Daraufhin zog der Täter einen Revolver und erschoss den Kassierer.

Zum Motiv habe der mutmaßliche Mörder angegeben, dass ihn die Situation der Coronapandemie stark belaste. Er habe sich in die Ecke gedrängt gefühlt und »keinen anderen Ausweg gesehen«, als ein Zeichen zu setzen, sagte Fuhrmann. Das Opfer schien ihm dabei »verantwortlich für die Gesamtsituation, da es die Regeln durchgesetzt habe.«

Der Mann war am Sonntagmorgen auf dem Gelände der Polizei in Idar-Oberstein festgenommen worden. »Wir gehen davon aus, dass er sich stellen wollte«, sagte Triers Polizeipräsident Friedel Durben. Zwischenzeitlich hatten die Ermittler einer Mitteilung zufolge mit Aufzeichnungen der Überwachungskameras nach ihm gesucht und davor gewarnt, Anhalter mitzunehmen.

»Das ist auf jeden Fall ein besonderer Fall«, sagte Polizeipräsident Durben. »Wir haben weder im Polizeipräsidium Trier noch im Land Rheinland-Pfalz eine solche Tat gehabt, die einen Zusammenhang zu Corona vermuten lässt.«

apr/dpa


Aus: "Tankstellen-Kassierer nach Streit über Coronamaske erschossen" (20.09.2021)
Quelle: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/idar-oberstein-tankstellen-kassierer-nach-streit-um-corona-maske-erschossen-a-b40989e3-223f-4072-8bda-26bbf5c66d07

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20.09.2021 – 17:38
Polizeipräsidium Trier
POL-PPTR: Idar-Oberstein. 49-Jähriger nach Tötungsdelikt in Untersuchungshaft
Nach den bisherigen Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft soll der 49-Jährige zunächst gegen 19.45 Uhr die Tankstelle betreten haben, um dort einzukaufen. Weil er keine Mund-Nasen-Bedeckung trug habe es eine kurze Diskussion mit dem Kassierer gegeben, dem späteren Opfer der Tat. Daraufhin verließ der Tatverdächtige die Tankstelle. Gegen 21.25 betrat der Tatverdächtige erneut die Tankstelle, diesmal mit angelegter Mund-Nasen-Bedeckung. Als er an der Kasse war, zog er die Maske herunter und es kam erneut zu einem kurzen Wortwechsel. Schließlich zog er einen Revolver aus der Hosentasche und gab einen tödlichen Schuss auf den 20-jährigen Studenten aus Idar-Oberstein ab. Anschließend flüchtete er zu Fuß.
https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/117701/5025378

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[...] Im Chat-Kanal des rechtsextremen Verschwörungsideologen Sven Liebich entflammt der Hass besonders rasch. Der Täter habe wohl einfach die "Schnauze voll" gehabt, kommentiert dort einer, oder auch: „Wenns die richtigen trifft, hab ich nichts dagegen“.

Ein weiterer schreibt: “Kein Mitleid. Die Leute immer mit dem Maskenscheiß nerven. Da dreht irgendwann mal einer durch. Gut so.”

Während am Montagabend die Nachricht des mutmaßlichen Mordes wegen eines Streits ums Maskentragen deutschlandweit Bestürzung auslöste, finden sich auf dem Messengerdienst Telegram auch gegenteilige Reaktionen.

In diversen  Kanälen szenebekannter Verschwörungsideologen wird die Gewalttat in Rheinland-Pfalz wahlweise als Notwehr, logischer Schritt oder Beginn eines langersehnten Befreiungskampfs gegen die angebliche "Merkel-Diktatur" gefeiert. Im Kanal "Free your mind" heißt es frohlockend: "Jetzt geht's los!!!" In anderen Kanälen werden Herzen und Daumen nach oben gepostet.

Laut Staatsanwaltschaft befindet sich der 49-Jährige, der am Samstagabend an einer Tankstelle in Idar-Oberstein wegen seines fehlenden Mund-Nasen-Schutzes kein Bier kaufen durfte, später zurückkehrte und den Kassierer mit einem Revolver erschoss, inzwischen in Haft. 

Früher oder später habe es zu einer solchen Tat kommen müssen, heißt es in einschlägigen Kanälen auf Telegram. Schuld daran seien die Politiker, die die Bürger mit ihren Corona-Regeln tyrannisierten.

Vielfach herrscht zudem Schadenfreude darüber, dass es sich bei dem Getöteten um einen Studenten handelt. Das Opfer sei sicher ein Linker gewesen: "Eine Zecke weniger!"

Experten warnen seit langem vor einer Radikalisierung der Szene der Querdenker, die auch in Gewalt und sogar Terror münden könne. In den vergangenen Monaten gab es bereits mehrere Anschläge, die mutmaßlich von Gegnern der Coronamaßnahmen begangen wurden. Sollte sich der Verdacht der Staatsanwaltschaft in Rheinland-Pfalz bestätigen, wäre die Tat von Idar-Oberstein nun der erste Mord.

In den Verschwörungskanälen auf Telegram sind bereits in der Nacht zu Dienstag eine Reihe neuer Verschwörungsmythen entstanden: So behaupten Nutzer der Gruppe "Servus Deutschland" etwa, dass es sich bei der Tat in Wahrheit nur um eine sogenannte "False flag"-Aktion handeln könne, also eine von Regierungsseite inszenierte Tat, um "Stimmung gegen die Ungeimpften zu machen". In einer Darmstädter Querdenken-Gruppe wird behauptet, dies sei ein Manöver der Herrschenden zur Beeinflussung der Bundestagswahl.

Der Messenger-Dienst Telegram gilt als Sammelbecken für Corona-Verharmloser und andere Verschwörungsgläubige sowie Rechtsextremisten. Sie können dort ungestört Falschinformationen und Hass verbreiten, erreichen so täglich Hunderttausende. Das von Bund und Ländern eingerichtete Kompetenzzentrum jugendschutz.net sieht Telegram inzwischen als „Verschwörungsschleuder“ beziehungsweise als „zentrale Ausweichplattform für rechtsextreme Propaganda“.

Und das Problem nimmt zu: Denn während Facebook und Instagram zunehmend strafbare Inhalte löschen und Accounts sperren, wandern die Geschassten zu Telegram ab - dort können sie ungestört hetzen. Es gibt nicht einmal die Funktion, Hassbotschaften und Mordaufrufe zu melden.

Anders als etwa Facebook oder Twitter fallen Messenger-Dienste wie Telegram nicht unter das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Der Betreiber muss rechtswidrige Inhalte daher nicht innerhalb von 24 Stunden nach Eingang einer Beschwerde löschen oder sperren.

Von dieser Gesetzeslücke profitierten während der Pandemie reihenweise Straftäter wie der inzwischen mit Haftbefehl gesuchte und geflüchtete Berliner Antisemit Attila Hildmann. Aus seinem Exil in der Türkei meldete sich Hildmann in der Nacht zu Dienstag ebenfalls über Telegram zu Wort - und kommentierte den mutmaßlichen Mord in Idar-Oberstein mit einem Lachanfall.


Aus: "Rechte jubeln über Mord von Idar-Oberstein" Sebastian Leber (21.08.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/nach-streit-um-maskenpflicht-rechte-jubeln-ueber-mord-von-idar-oberstein/27631262.html

https://www.tagesspiegel.de/politik/getoetet-weil-er-auf-maskenpflicht-hinwies-die-politische-dimension-eines-verbrechens/27631024.html

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[...] Bei dem mutmaßlichen Täter, der den tödlichen Schuss in einer polizeilichen Vernehmung eingeräumt hat, handelt es sich um den 49-jährigen selbstständigen Softwareentwickler Mario N., der im Idar-Obersteiner Stadtteil Enzweiler lebt. Laut Staatsanwaltschaft sei er nie polizeilich aufgefallen. Eine Nachbarin beschreibt ihn jedoch als aufbrausend und aggressiv: Er habe sich bei ihr oft über in der Straße parkende Kundinnen ihres Nagelstudios beschwert und sie in diesem Zusammenhang frauenfeindlich beschimpft. Ein weiterer Nachbar berichtet, er habe einmal mit Bekannten zusammengestanden, alle hätten dabei Masken getragen. N. habe sie daraufhin angesprochen: Sie seien "bekloppt", und das mit Corona sei "alles erfunden". Er lasse sich zudem nicht impfen, da man daran sterben könne.

Auch auf sozialen Netzwerken machte N. aus seinen Überzeugungen keinen Hehl. Über Masken schrieb er etwa vor einem Jahr auf dem Karrierenetzwerk LinkedIn in einem Kommentar, er finde die "eingeschränkte Atmung" beunruhigend. Ihm gefallen auf LinkedIn zudem reihenweise Beiträge und Kommentare, in denen Masken als "Unsinn" bezeichnet werden. Oder solche, die widerlegte Thesen des Mediziners und Bestsellerautors Sucharit Bhakdi verlinken, der die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie als "Wahn" bezeichnet.

Über ein Twitter-Profil, das sich mit hoher Wahrscheinlichkeit Mario N. zuordnen lässt, verbreitete er zudem bereits im Herbst 2019 Gewaltaufrufe: "Gnade denen welche diese Situation heraufbeschworen haben. Oder nein, Gnade wäre unrecht", heißt es dort etwa. Oder: "Ich freue mich auf den nächsten Krieg." Ihm gefielen – schon vor Beginn der Corona-Pandemie – zudem politisch rechte Inhalte, so etwa Beiträge von AfD-Politikern sowie des CDU-Politikers und früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen.

Staatsanwalt Kai Fuhrmann stellte den Ablauf der Tat auf einer Pressekonferenz am Montag wie folgt dar: Um 19.42 Uhr sei der Täter am Samstagabend erstmals auf dem Gelände der Aral-Tankstelle in Idar-Oberstein erschienen. Diese liegt etwa zehn Autominuten von seinem Haus entfernt. Ohne Mundschutz sei er in den Verkaufsraum der Tankstelle gelaufen und habe zwei Sechserpack Bier auf den Tresen gestellt. Doch der Kassierer, ein 20-jähriger Student aus Idar-Oberstein, habe sich geweigert, ihm das Bier zu verkaufen – und ihn stattdessen auf die Maskenpflicht hingewiesen. Der Täter sei daraufhin wütend geworden. Er habe mit den Händen gegen die Bierpackungen gestoßen und auf dem Weg zu seinem Auto die linke Faust drohend in Richtung des späteren Opfers erhoben.

Keine zwei Stunden später, um 21.30 Uhr, sei der Täter zurückgekehrt. Denn zu Hause, so sagte der Tatverdächtige später in einer Vernehmung, sei er immer wütender geworden. Er habe seinen Revolver eingepackt. Diesmal, so berichtet es Staatsanwalt Fuhrmann, sei er mit Maske in die Tankstelle gekommen, habe sie jedoch an der Kasse abgenommen, um zu provozieren. Das funktionierte offenbar: Wieder habe der Kassierer ihn auf die Maskenpflicht hingewiesen. Der Täter habe daraufhin den Revolver gezogen und dem Kassierer in den Kopf geschossen. Der sei zu Boden gesunken und sei sofort tot gewesen. 

Die Polizei Idar-Oberstein nahm den Tatverdächtigen am nächsten Morgen um 8.38 Uhr vor der Polizeiinspektion fest – er habe sich selbst stellen wollen, die Beamten seien ihm zuvorgekommen. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Ermittler weitere Waffen und Munition. Diese habe er nicht legal besessen. Im Beisein seines Strafverteidigers habe N. dann die Tat gestanden. Seine Erklärung: Die Corona-Pandemie belaste ihn stark. Er habe sich immer weiter in die Ecke gedrängt gefühlt und habe ein "Zeichen" setzen wollen. "Dabei schien ihm auch das Opfer verantwortlich für die Gesamtsituation, da es die Regeln durchgesetzt habe", so Staatsanwalt Fuhrmann.

Wie tief der Täter in weiteren Querdenker-Gruppen in sozialen Netzwerken verankert war oder ob er an Demonstrationen gegen Anti-Corona-Maßnahmen teilnahm, ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Die Staatsanwaltschaft rechnet mit einer Anklage in spätestens zwei Monaten. 


Aus: "Mutmaßlicher Tankstellen-Schütze teilte Querdenker-Inhalte"  Luisa Hommerich und Martín Steinhagen, Idar-Oberstein (21. September 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-09/idar-oberstein-mord-tankstellen-schuetze-querdenker-inhalte-maskenpflicht

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CertificateOfVaccinationID-AI #82

Klar, weil ein vereinzelter Irrer (bestmmter Hintergrund?), der schon wegen parkender Autos eine kurze Lunte hat, irgendjemanden abgeballert hat, soll der Typ für die Medien jetzt stellvertretend für alle Maßnahmenkritiker stehen oder was? Lächerlich.


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berlinerin73 #82.1

Nicht für alle Maßnahmenkritiker - wer von uns fand nicht schon mal ne einzelne Maßnahme ziemlich dämlich - sondern für die, die seit Monatem im Netz Maßnahmen als böse Verschwörung und Diktatur darstellen und zunehmend zu Gewalt aufrufen.


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User789 #82.2

an den social Media Reaktionen gerade aus der Querdenkerszene kann man das sehr wohl so sehen.
Es mag eine Einzeltat gewesen sein, ja. Der Beifall der Querdenker, VT und rechten Szene zeigt aber auch welche Tendenzen diese Szene hat. Und da kann man sehr wohl von einer "Stellvertretertat" sprechen.
Hier mal eine höchst interessante Sammlung von "Reaktionen" aus der Querdenkerszene.
https://www.volksverpetzer.de/bericht/querdenker-terror/


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Dogwalker #15

++Mario N. soll Maskenträger als "bekloppt" und Corona als "erfunden" bezeichnet haben. ++

Wer "bekloppt" ist dürfte offensichtlich sein. Bedauerlicherweise zeigt ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung inzwischen schwerwiegende psychische Defekte. ...


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Agda_Human #18

"Er habe sich immer weiter in die Ecke gedrängt gefühlt und habe ein "Zeichen" setzen wollen."

Vollkommen quer, mit Denken hat das alles nichts zu tun. Fürwahr, ein Zeichen hat er gesetzt, eines für vollkommen irre Dummheit und dafür wozu zersetzende Propaganda im Netz führt!


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Klickerzähler #23

Unerträglich. Auch die Kommentare, die sich dazu in der Querdenker-Telegramszene finden.
Schade finde ich, dass hier dem Täter die ganze Aufmerksam gilt, das Opfer aber keine Beachtung bekommt. Verständlich, aber dennoch ungut.


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Kein Einstein #28

... Das Opfer hat mehr Aufmerksamkeit verdient als der Täter.


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Watzinger #45

https://twitter.com/janboehm/status/1440367280378892297

Das ist eine Liste der Leute, Parteien und Organisationen, denen der Mörder auf twitter folgt. Aussagekräftig, wie ich finde.


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Mgagre #73

Gestern erhielt ich ein Video des freundlichen Herrn Yeadon, in dem er nicht nur behauptet, Corona sei völlig harmlos, eine Impfung hingegen unnötig und gefährlich, sondern auch darauf hinweist, dass man Ärzte, die solche Versuche durchführten, nach den Nürnberger Prozessen aufgehängt habe.

Da ich vermutlich -das Video ist ein halbes Jahr alt- weit unten in der Weiterleitpyramide positioniert bin, haben wahrscheinlich Millionen dieses Video gesehen, unter denen 100 sind, die daraus lernen, man tue eine gute Tat, wenn man Menschen, die Impfungen für wichtig halten, aufhänge oder ermorde.

Einer von ihnen war am Wochenende an der Tankstelle zum Bier holen.


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CamelCase #78

"Eine Nachbarin beschreibt ihn jedoch als aufbrausend und aggressiv: Er habe sich bei ihr oft über in der Straße parkende Kundinnen ihres Nagelstudios beschwert und sie in diesem Zusammenhang frauenfeindlich beschimpft. Ein weiterer Nachbar berichtet, [...] N. habe sie [...] angesprochen: Sie seien "bekloppt", und das mit Corona sei "alles erfunden". Er lasse sich zudem nicht impfen, da man daran sterben könne. [...] Ihm gefallen auf LinkedIn zudem reihenweise Beiträge und Kommentare, in denen Masken als "Unsinn" bezeichnet werden. Oder solche, die widerlegte Thesen des Mediziners und Bestsellerautors Sucharit Bhakdi verlinken, der die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie als "Wahn" bezeichnet.[...]
Ihm gefielen – schon vor Beginn der Corona-Pandemie – zudem politisch rechte Inhalte, so etwa Beiträge von AfD-Politikern sowie des CDU-Politikers und früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen. "

Wenn die Tat nicht so unglaublich traurig wäre, würde ich das für einen überzogenen Scherz halten. Wirklich, noch mehr Klischees komprimiert in einer Person geht fast nicht mehr, oder? Frauenfeind, Coronaleugner, Impfgegner und Nazi! Der Typ ist doch eine lebende Karikatur! Schwer zu glauben, dass jemand, der all dies in sich vereint, vorher nicht schon mal negativ aufgefallen ist. Auf jeden Fall ist klar, dass so jemand natürlich sehr anfällig für eine Radikalisierung bishin zur Gewaltbereitschaft ist.


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TheGreaterFool #78.1

Jo, solche Leute gibt es (leider) noch und es fällt nicht schwer sich vorstellen das sich so jemand heute gewissermaßen "unterdrückt" fühlt, da sein Weltbild so dermaßen gegen die großen Entwicklungslinien läuft das er im Grunde nur die Wahl hat dagegen zu wüten oder sich permanent in eine stille Ecke zu verkriechen.

Von der Sorte wird es noch so einige geben die von der gesamtgesellschatlichen Entwicklung mittlerweile über mehrere Jahrzehnte überholt worden sind und sich auch nicht mehr der Illusion hingeben können eine "schweigende Mehrheit" würde eigentlich doch genauso denken wie sie.

Fürchte da laufen noch einige Zeitbomben herum deren Frustration mit den herrschenden Verhältnissen leicht in Gewalt münden kann wenn auch noch eine gewisse psychische Labilität dazukommt.


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Thomas Wiebke #79

Warum immer wieder dieser Versuch einer Unterscheidung zwischen „politisch motiviert“ und „psychisch gestört“ ??!!
Kann es nicht sein, dass wir immer häufiger beides sehen, dass wir es immer häufiger mit einer Verquickung psychischer Probleme (insbesondere eines krankhaften Narzissmus) mit extremen „politischen“ Auffassungen zu tun haben? Anders gefragt: sind nicht politische Extremisten per se sogenannte narzisstische Persönlichkeiten, ergo Menschen, deren narzisstische Grundbedürfnisse nicht befriedigt worden sind? Ich meine Bedürfnisse, die uns allen zu eigen sind, Bedürfnisse nach Nähe, Bindung, Geborgenheit, Bestätigung, Liebe... Und sind nicht Menschen, die solch eine Art von Narzissmus aufweisen, per se ganz oft tickende Zeitbomben?!
Und noch weitergedacht: was haben wir alle, die wir hier so klug urteilen, eigentlich damit zu tun?! Diskutieren wir hier und anderswo im Netz nicht v.a. deswegen, weil wir uns einfach nur darstellen wollen, weil wir alle (ich schließe mich da durchaus ein), auch so eine narzisstische "Macke" haben?
Ich habe jedenfalls zunehmend das Gefühl, dass unsere Demokratien bzw. demokratische Kräfte mehr und mehr die Kontrolle verlieren! Und ich habe immer öfter Angst!!! Nicht so sehr um mich, aber um meine Kinder und zukünftigen Enkel... Wohin geht das alles?!


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Pippilangstrumpfvictualia #89

Das bedauernswerte Opfer! Die armen Eltern, Freunde und Verwandten des Opfers! ...


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Reinhard Schäfer #92

In diesem Zusammenhang wird wieder deutlich, dass die Täter in den (un-)sozialen Netzwerken ihre Bestätigung finden, sich durch die (verkaufsfördernden) Algorithmen zunehmend in einer Meinungsblase radikalisieren. Es sind ja nicht nur - wie in diesem Fall - Morde (und Selbstmorde), die dadurch provoziert werden können, sondern diese Netzwerke unterstützen eine Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft, weil sie lange davon wirtschaftlich profitieren.

Einhalt gebieten sie erst (erneut medienwirksam), wenn sie feststellen, dass andere Nutzer durch die radikalen Strömungen zunehmend abwandern. Das ist dann nicht mehr glaubwürdig und nur ein weiterer Teil des schäbigen Spiels, auf das man sich einlässt, wenn man dort durch Likes und Kommentare, häufigen Aufenthalt und Klicks das Geschäftsmodell unterstützt. Man unterstützt damit auch den Zerfall der Gesellschaft, anstatt sich mehr auf reale soziale Kontakte einzulassen.

Wichtig ist heute, bereits den Kindern in der Schule zu verdeutlichen, wie diese Algorithmen funktionieren und sie vor den Gefahren zu warnen. Viele erwachsene "Kinder" sind dafür kaum noch sensibilisierbar, sind gefangen im Netz scheinbarer Anerkennung, dem Gefühl, zu etwas dazuzugehören und eine wichtige, akzeptierte Meinung zu haben, so abwegig sie auch sei. Auf den Boden werden sie immer weniger zurückgeholt, da in der Blase kaum noch gegenteilige Meinungen zu lesen sind.


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mondogenius #93

Eine noch viel wichtigere Frage ist, wie gehen wir in Zukunft mit Fake-News/Verschwörungstheorien in sozialen Netzwerken um?
Das kann ja unmöglich so weiter gehen.
Diese Falschmeldungen und Videos dazu werden immer besser und Menschen radikalisieren sich regelrecht auf Facebook & Twitter.
Das ganze nimmt Sektenähnliche Züge an. ...


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Kultour666 #94

Hallo ihr Querdenker. Seid ihr nun zufrieden? In Eurer und der rechten Szene wird ja mächtig applaudiert.
Was seid ihr nur für ein erbärmlicher Abschaum. Ich schäme mich aus tiefsten Herzen wenn ich bedenke dass Ihr ”Das Volk” sein wollt. ...


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[...] Im hessischen Dietzenbach ist eine Wohnsiedlung zum Auffangbecken für Ausgestoßene, Aussiedler und Ausländer geworden. Der Komplex galt in den siebziger Jahren noch als erstklassige Kapitalanlage. Jetzt fordert eine Bürgerinitiative den Abriß des Viertels.

Der »Schandfleck«, das sind fünf Hochhäuser im Spessartviertel, 9 bis 17 Etagen hoch - eine »no-go-area« mitten in der Provinz. Hier läßt sich wie unter Laborbedingungen studieren, was Soziologen meinen, wenn sie von gesellschaftlichen Desintegrationsprozessen sprechen. Ausgrenzung, Armut, Perspektivlosigkeit und das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen verdichten sich am Ortsrand von Dietzenbach zu einer kritischen Masse.

...  Auf den Balkonen stapelt sich Hausrat. Ausrangierte Möbel und alte Fahrräder lassen gerade noch Platz für eine Satellitenschüssel. Gelegentlich schmeißen Bewohner ihren Müll über das Geländer. Die Flure sind 30 Meter lange, dunkle Korridore, in denen es nach Urin und Fäulnis riecht. Fast überall krabbelt Ungeziefer. Daß viele Scheiben zerbrochen, Briefkästen und Fahrstuhltüren angekokelt sind, stört kaum noch jemanden. Für eine Tour vom 20 Kilometer entfernten Rhein-Main-Flughafen ins Elendsviertel verlangen die Taxifahrer gewöhnlich Vorauskasse.

Marmorböden in den Eingangsbereichen der Häuser sind das einzige, was noch daran erinnert, daß der Komplex nicht als Endstation für all jene, die nirgendwo willkommen sind, konzipiert wurde.

Anfang der siebziger Jahre hatte die SPD-regierte Gemeinde mit Hilfe von Bund und Land Grundstücke gekauft und erschlossen. Der Traum von der durchgängigen Planbarkeit sozialer Verhältnisse äußerte sich in Dietzenbach in der Hoffnung, eine Art Edelvorort von Frankfurt zu werden. Ein S-Bahn-Anschluß sollte die Gemeinde für Menschen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet attraktiv machen.

Eine Bauträgergesellschaft errichtete die Häuser im Bauherrenmodell - als »erstklassige Kapitalanlage«.

Doch die S-Bahn nahm andere Wege, die Rechnung der SPD-Planer ging nicht auf. Viele Wohnungen blieben leer. Die Eigentümer machten potentiellen Mietern daraufhin das Angebot, die ersten drei Monate kostenlos zu wohnen - vergebens. Im Laufe der Zeit sammelten sich in den Häusern verstärkt arme, meist ausländische Familien. Die zogen Freunde und Verwandte nach, deutsche Mieter zogen aus - die Abwärtsspirale war nicht mehr aufzuhalten.

Heute herrscht beinahe Anarchie. In den Ruinen, in denen die Hoffnung auf bessere Verhältnisse dahin ist, kämpft jeder gegen jeden. Den Frontverlauf markieren Graffiti an und in den Häusern. »Scheiße, Zigeunern Hurren« steht in einem Flur an der Wand. Ein großes »Fuck You«, das sich an alle richtet, in einem anderen.

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Aus: "Ruinen der Hoffnung" (01.02.1998, DER SPIEGEL 6/1998)
Quelle: https://www.spiegel.de/politik/ruinen-der-hoffnung-a-614ce928-0002-0001-0000-000007810494

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[...] Spätestens nach dem Angriff auf Einsatzkräfte im Mai des Vorjahres kennen viele das Spessartviertel in Dietzenbach als sozialen Brennpunkt. Dietzenbach hat aber noch ein weiteres Problemviertel, das am südöstlichen Stadtrand liegt und sich rund um die sogenannte Richter-Wohnanlage gruppiert. Es sei „das schwierigste Quartier in Dietzenbach, noch vor dem Spessartviertel“, hieß es am Freitag in der Stadtverordnetensitzung.

Die Parlamentarier beschlossen deshalb mehrheitlich, dass die Stadt nun 128 000 Euro in die Hand nimmt, um für fünf Jahre ein Quartiersmanagement in dem Viertel „Dietzenbach Süd-Ost“ einzurichten und ein integriertes Stadtentwicklungskonzept (ISEK) zu erstellen. Vom Land kommen in diesem Jahr dafür 332 000 Euro an Fördergeldern. Künftig sollen jährlich Anträge auf Förderung gestellt werden, um die Situation in dem Problemquartier zu verbessern. Rund zehn Millionen Euro sollen dorthin fließen; die Stadt setzt mit dem ISEK für die kommenden zehn Jahre die Leitplanken.

In dem rund 40 Hektar großen Viertel zwischen Bahnhof im Westen und Justus-von-Liebig-Straße im Osten sowie Paul-Brass-Straße im Norden und Voltastraße im Süden wohnen mehr als 1000 Menschen. Schon 2019 hatte die Stadt die Aufnahme ins Förderprogramm „Soziale Stadt“ beantragt, will so das Gebiet rund um die Richter-Wohnanlage über zehn Jahre städtebaulich sanieren.

Dabei handelt es sich um eine Großwohnanlage mit rund 240 Wohnungen, die an der Robert-Koch-Straße liegt und im Privateigentum der Familie Richter ist. Die Anlage besteht aus drei achtgeschossigen Wohnblocks und einem sechsgeschossigen Block. „95 bis 100 Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund“, heißt es in dem Förderantrag an das Land. Die Wohnanlage weise „einen erheblichen Modernisierungs- und Sanierungsbedarf im Innen- wie im Außenbereich“ auf. Es fehle an Spielplätzen und Sitzgelegenheiten. Der Eigentümer kämpft mit Überbelegungen – so erklärte er es zumindest den Mitgliedern des Hauptausschusses in ihrer Sitzung. „Dort gab es sogar ein Bordell, von dem wir nichts wussten“, sagte Jens Hinrichsen (Freie Wähler) im Stadtparlament.

Ende Januar stand das Thema schon einmal auf der Tagesordnung. Damals folgte die Parlamentsmehrheit einem CDU-Änderungsantrag, die Stadt solle die Förderquote von 72,17 Prozent doch mit dem Land nachverhandeln, um 90 Prozent Förderung zu erhalten. Das Wirtschaftsministerium erteilte der Stadt aber eine Absage und machte klar, dass allen Kommunen zukünftig nicht verhandelbare 66 Prozent Förderung gewährt werden.

Der CDU-Änderungsantrag beinhaltete damals auch den Wunsch, der Eigentümer der Richter-Wohnanlage solle sich mit mindestens 20 Prozent an der Sanierung des Fördergebiets beteiligen. Hier kassierte die Stadt aber ebenfalls eine Absage. Der Eigentümer habe sich geweigert, schriftlich Konkretes zu vereinbaren, ärgerte sich Thomas Goniwiecha (CDU) im Stadtparlament. „Nur mit Treppen und Fahrstühlen, die er sanieren will, ist uns nicht geholfen.“ In drei Jahrzehnten habe sich dort nichts verändert. Cengiz Hendek (SPD) konterte, immerhin habe sich Markus Richter jetzt auf einen Dialog eingelassen.


Aus: "Sozialer Brennpunkt: Dietzenbach geht Problemviertel an" Annette Schlegl (20.09.2021)
Quelle: https://www.fr.de/rhein-main/dietzenbach-geht-problemviertel-an-90993572.html

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[...] Das Östliche Spessartviertel ist ein Stadtquartier in Dietzenbach. Unter seinem früheren Namen „Starkenburgring“ entwickelte es sich in den 1980er Jahren zum sozialen Brennpunkt. Seitdem ab 1997 gezielte Maßnahmen durchgeführt wurden, gilt das Quartier unter seinem neuen Namen als gelungenes Beispiel einer Sanierung. In den Häusern der Großwohnsiedlung leben 3280 Menschen. Mit über 1000 Kindern und Jugendlichen handelt es sich dabei um einen überdurchschnittlich jungen Stadtteil. Die Bewohner gehören innerhalb der Sozialstruktur mehrheitlich der Unterschicht an. Rund 95 % der Bewohner haben einen Migrationshintergrund von 80 Nationen.

... Früher hatten alle Hochhäuser des Viertels die Anschrift Starkenburgring. Aufgrund des negativen Images und die daraus resultierende Diskriminierung der Bewohner wurde 1993 in der Stadtverordnetenversammlung der Beschluss getroffen, allen Straßen und Wegen dieses Viertels neue Namen zu vergeben. Da die Namen größtenteils Städtenamen aus dem Spessart beinhalten, hat sich der Namen Spessartviertel für dieses Viertel etabliert. Da sich der Brennpunkt im Osten des Viertels befindet, wurde die Bezeichnung östliches Spessartviertel übernommen.

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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96stliches_Spessartviertel (27. Oktober 2020)
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