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[...] Alternativmediziner gelten als mitverantwortlich für die Impfskepsis. Während ihre Kollegen in Deutschland für die Corona-Vakzine werben, bleiben die Homöopathen und anthroposophischen Ärzte hierzulande stumm.

... Auch der «Spiegel» macht Rudolf Steiner, den Gründer der Anthroposophie, für eine im esoterischen Milieu weitverbreitete Impfskepsis verantwortlich. Denn er habe geschrieben, Krankheiten hätten ihren Sinn im karmischen Geschehen. «Wer in früheren Leben Dinge falsch gemacht habe, müsse sie unter Umständen durch Krankheit wieder ausgleichen – und wer sich impfe, der könne taub werden für die karmische Botschaft», so beschreibt der «Spiegel»-Autor Steiners Position. Wer die entsprechenden Passagen bei Steiner lese, lerne, dass alle Krankheiten vor allem geistig bekämpft werden müssten.

Doch die Anthroposophische Gesellschaft der Schweiz bestreitet, dass Steiner so etwas je geschrieben oder gesagt hat. In einem Beitrag auf ihrer Website wirft sie dem «Spiegel» eine Verletzung der publizistischen Sorgfaltspflicht vor. Und sie verweist auf Aussagen, die der Gründer im Zusammenhang mit der Pocken-Prävention gemacht hat: «Da muss man eben impfen. Es bleibt nichts anderes übrig. Denn das fanatische Sichstellen gegen diese Dinge ist dasjenige, was ich, nicht aus medizinischen, aber aus allgemein anthroposophischen Gründen, ganz und gar nicht empfehlen würde.» Entsprechend liess Steiner sich und auch ihm anvertraute Kinder gegen Pocken impfen.

Im April 2019, wenige Monate vor dem Beginn der Pandemie, hielten die Medizinische Sektion am Goetheanum in Dornach und die Internationale Vereinigung Anthroposophischer Ärztegesellschaften (IVAA) fest: «Anthroposophische Medizin würdigt ausdrücklich den Beitrag von Impfungen zur weltweiten Gesundheit und unterstützt sie als wichtige Massnahme zur Vermeidung lebensbedrohlicher Erkrankungen. Anthroposophische Medizin vertritt keine Anti-Impf-Haltung und unterstützt keine Anti-Impf-Bewegungen.»

Allerdings gibt es vonseiten der Vereinigung anthroposophisch orientierter Ärzte in der Schweiz bis jetzt keine Aufforderung zur Covid-19-Impfung. Eine entsprechende Nachfrage der NZZ liess die Vereinigung unbeantwortet. Heikel dürfte aus Sicht gewisser anthroposophischer Ärzte vor allem die Impfung von Kindern sein, die in der Schweiz ab Januar möglich ist. Denn sie glauben an die Selbstheilungskräfte des Menschen und sehen in Infektionskrankheiten eine Möglichkeit für Kinder, ihr Immunsystem zu stärken.

Das ist einer der Gründe, warum manche anthroposophische Eltern die Masernimpfung ablehnen. 2019 sorgte ein Masernausbruch an einer Steiner-Schule in Biel für Unmut. Das sei wohl kein Zufall, sagte damals der noch wenig bekannte Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim BAG Daniel Koch. Das Masernvirus sei hochansteckend und sehr gefährlich, mahnte der spätere «Mister Corona». «Es kann nicht nur den Körper, sondern auch das Gehirn befallen. Deshalb können Masern immer wieder zu Todesfällen führen.»


Aus: "Impfempfehlung? Nein, dazu können sich Schweizer Homöopathen nicht durchringen" Simon Hehli (29.12.2021)
Quelle: https://www.nzz.ch/schweiz/impfempfehlung-nein-dazu-koennen-sich-schweizer-homoeopathen-nicht-durchringen-ld.1662179
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Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / Themen der Moderne (Moderne als Thema)...
« Last post by Link on January 18, 2022, 01:54:59 PM »
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[...] Eine systematische Soziologie des Verlusts gibt es bisher nicht.1 Das ist seltsam und nachvollziehbar zugleich. Seltsam ist es, weil man die moderne Gesellschaft ohne ihre Verlustdynamiken, ohne die kollektiven Verlusterfahrungen und deren soziale und kulturelle Folgen gar nicht begreifen kann. ...

... man [sollte] auch nicht dem Vorurteil erliegen, Verlust sei ausschließlich ein Phänomen konservativer oder reaktionärer Provenienz. Natürlich, der klassische politische Konservatismus lebt seit Edmund Burke von Verlustschmerz. Aber zum einen kultiviert auch die politische Linke ihre Verlustwahrnehmungen: von Walter Benjamins Bemerkung hinsichtlich einer »linken Melancholie« bis zur Trauer über den verlorenen Wohlfahrtsstaat und die verlorene Industriearbeiterschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Zum anderen sind viele Verlusterfahrungen politisch überhaupt nicht zuzuordnen oder grundsätzlich ambivalent: vom Umgang mit dem Tod bis zu den Folgen des Anthropozän.


Aus: "Verlust und Moderne – eine Kartierung" Andreas Reckwitz (3. Januar 2022)
Quelle: https://www.merkur-zeitschrift.de/2022/01/03/verlust-und-moderne-eine-kartierung/

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Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / Romantik (Kulturgeschichtliche Epoche) ...
« Last post by Link on January 18, 2022, 01:45:05 PM »
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[...] Etliche Wissenschaftler wurden von Zeitungen zu der Frage einvernommen, ob die Romantik erklärt, dass es so viele Impfskeptiker in Deutschland gibt. Was steckt hinter dieser Debatte?

 Es wird wohl nicht mehr ganz zu klären sein, wer die Debatte darum, ob die Romantik schuld an der deutschen Impfskepsis ist, angestoßen hat. War es, wie der „Tagesspiegel“ vermeldet, ein Artikel von Nils Minkmar in der „Süddeutschen Zeitung“, der den rätselhaften Impf-Unwillen in deutschsprachigen Ländern auf „die zutiefst antimoderne Tiefenschicht der deutschen Seele“ zurückführte? Oder war es, wie die „NZZ am Sonntag“ vermutet, ein Tweet des „Spiegel“-Journalisten Mathieu von Rohr, der am 11. November 2021 verkündete: „Spätfolgen der Deutschen Romantik: Anthroposophie, Homöopathie, Impfgegnertum“? In jedem Fall ist seitdem die Debatte in der Welt, ob die kulturgeschichtliche Konstellation der Romantik für das Anwachsen eines Milieus irrationalistischer Protestierer verantwortlich gemacht werden kann.

In der „Zeit“ wurde das in einem modischen Pro-Contra-Spiel auf die Person des Dichters Novalis zugespitzt, mit Zwischenüberschriften wie: „Aber ja, er ist schuld!“ und „Um Himmels willen, nein!“ Man kann davon ausgehen, dass hier bereits der leise Unernst mitinszeniert werden sollte, der durch diese Debatte weht. Andere Feuilletons allerdings waren der Frage, ob von der Sehnsucht nach der blauen Blume ein direkter Weg zum Querdenkertum führt, mit großer Ernsthaftigkeit nachgegangen. Der „Tagesspiegel“ befragte den Politologen Herfried Münkler und den Historiker Volker Reinhardt. Die „taz“ tat sich mit der Schweizer WOZ und dem österreichischen „Falter“ zusammen, um durch Konsultation etlicher Fachleute für Geschichte der Esoterik zu klären, „ob die Impfskepsis eine Folge der deutschen Geistesgeschichte ist“. Schließlich musste der Romantik-Experte Stefan Matuschek in der „Zeit“ klarstellen, dass die Romantik zu einem „nationalpathologischen Popanz“ aufgebaut werde.

Es lohnt sich an dieser Stelle vielleicht, einen Schritt zurückzutreten und sich die Frage zu stellen, welche Funktionen diese Form der Aktualisierung hat. Denn die Vorstellung, dass eine typisch deutsche Verbundenheit zur Romantik, zur Fetischisierung von Natur, zur irrationalen Schwärmerei existiert, hat auch etwas Eitles, weil es teilweise ziemlich erbärmliche Probleme mit dem edlen Grusel einer tiefgründigen kulturgeschichtlichen Tradition auflädt. So lässt sich die politische Analyse durch den raunenden Verweis auf einen tief verwurzelten und irgendwie auch ästhetischen Nationalcharakter ersetzen.

Vor allem aber folgt diese Art der Aktualisierung einer aufmerksamkeitsökonomischen Logik des Feuilletons und der Literaturwissenschaft, die ihre historischen Gegenstände immer wieder in zeitgenössische Debatten einzuschreiben versucht. Das wirkt im Kontext eines oft diagnostizierten Relevanzverlustes ziemlich panisch. Man möchte zeigen, dass man auch etwas beizutragen hat zu den großen Fragen der Gegenwart. Mit der Behauptung, die Romantik sei schuld an der hohen Quote deutscher Impfgegner, wird das leicht angestaubte kulturgeschichtliche Erbe mit dem Glamour einer bis in die Gegenwart relevanten Tradition aufgeladen. Der unmittelbare Erkenntnisgewinn für die Gegenwart selbst bleibt dagegen fragwürdig. Im Hin und Her der feuilletonistischen Debatte erhält sich indes der Verdacht, es müsse sich um etwas wirklich Wichtiges handeln – würde man sonst darüber streiten?

Dieses Insistieren auf der Gegenwärtigkeit kanonisierter Kulturbestände tut den Autoren oder Werken, die dafür herhalten müssen, die Relevanz des eigenen Metiers zu belegen, oft gar nicht gut. So erfolgt die ritualisierte Beteuerung der „erstaunlichen Modernität“ kanonischer Werke erstaunlicherweise meist genau dann, wenn ein Autor gerade ein Jubiläum feiert. Und den Gegenstand, dessen deutende Kraft man unter Beweis stellen wollte, zieht man auf die Ebene einer Gegenwartsdiagnose in Gemeinplätzen herunter. 2018 etwa veröffentlichte der berühmte Shakespeare-Forscher Stephen Greenblatt ein kurzes Buch mit dem Titel „Tyrant – Shakespeare on Politics“, einen Angriff auf Donald Trump, der ausgesprochen transparent mit den Tyrannenfiguren in den Dramen gleichgesetzt wurde. So heißt es über den Aufrührer Jack Cade: „He promises to make England great again.“ Das war, gerade für einen Leser, der für seine Subtilität bekannt ist, eine erstaunlich magere Ausbeute.

Das Beispiel zeigt, wie Aktualisierung schiefgehen kann, wenn man sie zu erzwingen versucht. Aktualität gewinnen Feuilleton und Geisteswissenschaften, wenn sie, statt ihre Gegenstände in gegenwärtige Debatten zu drängen, tatsächlich die Gegenwart beobachten. Hätte sich etwa unter den „Querdenkern“ ein Novalis-Kult ausgebreitet, mit blauen Blumen am Parka, dann hätte die Berufung auf das Erbe der Romantik eine ganz andere Energie besessen. Das Fortleben von kulturgeschichtlichen Traditionen lässt sich vor allem in der Analyse konkreter Praktiken beobachten, nicht mit dem Verweis auf einen vagen Nationalcharakter.


Aus: "Mythos der Impfskepsis: Die Kritik der Romantik" Johannes Franzen (17.01.2022)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/nationalcharakter-und-impfskepsis-17725584.html

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[...] Update vom 17. Januar, 6.20 Uhr: Erneut sind die Corona-Zahlen in Deutschland gestiegen, erneut meldet das RKI einen Inzidenz-Höchstwert über 500. Das Institut gab den Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche am Montagmorgen mit 528,2 an. Zum Vergleich: Bereits am Vortag hatte der Wert bei 515,7 gelegen, vor einer Woche bei 375,7 (Vormonat: 413,7). Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 34.145 Corona-Neuinfektionen. Vor einer Woche waren es 25.255 Ansteckungen. Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 30 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 52 Todesfälle gewesen.

Update vom 17. Januar, 10.45 Uhr: Sie waren lange Zeit die absoluten Sorgenkinder in Deutschland, nun zeigen sich die Corona-Zahlen in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Während Deutschland erneut einen Höchstwert verzeichnet, das RKI mit einer Inzidenz von 528,2 sogar erneut einen Rekord vermeldet, scheint sich die Situation in diesen drei Bundesländern weiter zu entspannen.

Das RKI gibt die Inzidenz in Thüringen am Montag mit 197,9 an, in Sachsen beträgt der Wert 248,5 und in Sachsen-Anhalt 280,4. Damit verzeichnen die drei Bundesländer nicht nur eine niedrigere Inzidenz als der bundesweite Wert. Laut RKI-Angaben belegen Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt damit zugleich die Plätze mit der aktuell niedrigsten Inzidenz. In den vergangenen Monaten hatten die drei Bundesländer mit sehr hohen Werten und Infektionszahlen für Schlagzeilen gesorgt.

Aktuelle Sorgenkinder sind nun das einstige Inzidenz-“Vorbild“ Bremen mit einer Inzidenz von 1389,3 und Berlin mit einem Wert von 947,7.

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Aus: "Corona-Inzidenz knackt 500er-Marke - Deutschlands Hotspots und Sorgenkinder haben sich komplett geändert" (17.01.2022, 13:14 Uhr Von: Magdalena Fürthauer, Jennifer Lanzinger)
Quelle: https://www.merkur.de/welt/corona-news-aktuell-deutschland-rekord-neuinfektionen-inzidenz-massnahmen-demos-news-zr-91239226.html

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[...] Die hochansteckende Omikron-Variante lässt die Corona-Fallzahlen in die Höhe schnellen, die Krankheitsverläufe sind aber überwiegend milde. Das hat Folgen - auch für die Debatte um die allgemeine Impfpflicht.

Den vierten Tag in Folge meldet das Robert Koch-Institut einen Rekordwert bei der Sieben-Tage-Inzidenz - sie hat inzwischen die 500er-Schwelle überschritten. Die Lage auf den Intensivstationen ist aber nicht so dramatisch, wie die Zahlen vermuten lassen würden - was wohl auch daran liegt, dass die Omikron-Variante bislang eher milde Krankheitsverläufe verursacht. Anders als es etwa bei der Delta-Variante der Fall war.

... Kritiker einer allgemeinen Impfpflicht sehen sich nun in ihren Bedenken bestätigt. Braucht es diese schwerwiegende und umstrittene Maßnahme wirklich noch? "Omikron ändert die Spielregeln", sagte der parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Bundestag, Stephan Thomae, der "Süddeutschen Zeitung". "Es ist jetzt nicht an der Zeit, einfach nur irgendetwas zu tun und möglichst harte Maßnahmen zu beschließen, nur um Handlungsbereitschaft zu beweisen. Es geht darum, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun."

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Aus: "Ändert Omikron die Spielregeln?" (17.01.2022)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/impfpflicht-debatte-133.html

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[...] Spanien bereitet eine Wende in Coronakrise vor. Man müsse die Omikron-Variante wie eine Grippe behandeln und die Notfall-Maßnahmen abbauen, so Premier Sánchez. Geplant sei auch eine EU-weite Initiative.

Sánchez sagte, spanische Experten arbeiteten “seit Wochen” daran, Covid-19 etwa wie eine Grippe zu behandeln und die Entwicklung der Infektionsfälle anhand eines Wächtersystems zu überwachen.

Covid-19 entwickele sich von einer Pandemie zu einer endemischen Krankheit, auf die man mit neuen Instrumenten reagieren müsse, so der sozialistische Politiker.
Sánchez stellte klar, dass man keinen nationalen Alleingang anstrebe: “Wir versuchen, eine Debatte auf europäischer Ebene anzustoßen.”
Doch das wird nicht leicht. Deutschland versucht mit allen Mitteln, sich vor der neuen Omikron-Welle abzuschirmen – die Maßnahmen werden ständig verstärkt.
Auch in Belgien und Frankreich denkt man nicht über Lockerungen nach. In Frankreich sollen demnächst sogar doppelt Geimpfte ihre sozialen Rechte verlieren, um sie zum “Boostern” zu zwingen.

Die EU-Kommission schweigt. Obwohl sie eine neue Gesundheitsagentur aufbaut und ständig von einer “Gesundheitsunion” redet, bleibt sie eine Antwort auf Omikron schuldig.
Aber vielleicht ändert sich das ja nun – dank Spanien. Das Land galt bisher als Musterbeispiel für eine gelungene Impfkampagne; noch im Dezember wurde es auch in Deutschland gepriesen.

Doch nun steigen die Infektionen rasant, die Inzidenz liegt über 1400. Das befürchtete Chaos ist bisher aber noch nicht ausgebrochen. Und die Zahlen scheinen sich zu stabilisieren.

All dies könnte zu einem Umdenken führen…


Aus: "Omikron: Hoffnung aus Spanien" (ericbonse 15.01.2022, Lost in EUrope - Eric Bonse, EU-Korrespondent der taz in Brüssel)
Quelle: https://blogs.taz.de/lostineurope/2022/01/15/hoffnung-aus-spanien/

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"Das anthroposophische Narrativ von der Dekadenz, Corona und die Neue Rechte" (Eingestellt von Michael Eggert Januar 12, 2022)
 [...] ... Die multi- faktorielle, interdisziplinäre Zusammenarbeit z.B. von Archäologen mit Paläontologen, Sprachwissenschaftlern, DNA- Analytikern, 3D- Visualisten, Geologen, Fachleuten für das Lesen von Eiskernen, Vulkanologen, Physikern usw hat die zweidimensionalen Bezüge durch Netzwerke ersetzt. Das gilt für die meisten wissenschaftlichen Disziplinen, die dadurch seit einigen Jahren gegenseitige Erkenntnisgewinne produzieren, die durch das exponentielle Wachstum kaum noch in Büchern erfasst werden können, da diese zum Erscheinungsdatum bereits veraltet sind. ... Mit dazu bei tragen natürlich die technologischen Fortschritte, aber auch die offenen Systeme, die auf wissenschaftlicher Ebene eine globale Kooperation - nicht selten zeitgleich - ermöglichen. ... Diesen Durchbrüchen einer globalen Vernetzung und Vertiefung der Wissenschaft stehen politisch, gesellschaftlich und ideologisch die denkbar größten Anachronismen entgegen, bis hin zu „alternativen Fakten“ und Welterklärungs- Modellen aus den Bot- Baukästen im Auftrag einer virtuellen, hybriden Kriegsführung. Die in den Netzen kursierenden, geistig infektiösen Alternativ- Erklärungsmodelle wuchern parallel zum Wachstum der wissenschaftlichen Disziplinen und produzieren parallele Modelle der Erklärung von Wirklichkeit. Der tiefe Fall von Corona- Leugnern z.B. nicht nur unter den Stand der Wissenschaft in Bezug auf die Entwicklung von Impfstoffen ... hindurch ins unterirdische Reich der alternativen Fakten ist beeindruckend; als globales Phänomen, als gesellschaftliches Problem, aber auch als individuelles Rätsel, wenn ihm intelligente und bis vor kurzem rational ansprechbare Personen verfallen. Die hypnotische Massen- Suggestion mit der typischen ideologisierten Schnappatmung setzt dann nach und nach ein, bis der beleidigte Wutbürger sich in die Sonntagsdemo vor dem Landtag oder der Ferienwohnung der Politikerin oder Virologin einreiht. Niemand wundert sich über Meldungen, dass ein enthemmter Mob in der nächsten Großstadt einen Apple- Laden während einer Corona- Demonstration attackiert und sich zu plündern anschickt, da die Demonstranten irrtümlich davon ausgingen, dass Bill Gates der Inhaber dieser Firma sei, der ja wiederum durch die Impfung die genetische Reprogrammierung der Menschheit plane.
Dass auch so viele anthroposophische Publikationen, Persönlichkeiten, Ärzte und Institutionen den Weg ins unterirdische Reich der anti- wissenschaftlich Pseudo- Logik, Desinformation und anti- gesellschaftlichen, trotzigen Hysterie beschreiten würden, war nicht unbedingt vorher zu sehen, auch wenn das Pathos der Anti- Zeitgeistigkeit und Anti- Wissenschaftlichkeit, rechte Zeitschriften und Aktivisten, Christus- Jünger und stigmatisierte Gurus nicht Gutes hatten ahnen lassen. Inzwischen scheinen auch im Goetheanum selbst in der Leitung solche Ängste vor den emotionalisierten Anhängern vorzuherrschen, dass man sich für den Einsatz von Tests entschuldigt, das Tragen von Masken im Gebäude bei Veranstaltungen zu unterlaufen versucht und sich bei Impfgegnern entschuldigt, die dem Zentrum dann per Behördendekret doch fernbleiben müssen, denn zumindest seit Ende 2021 gilt auch im Goetheanum ein strenges Schutzkonzept. 
Dass Rudolf Steiner nicht nur immer wieder in die Schmuddelecke der unreflektierten politischen Abwege gestellt, sondern auch von Anhängern selbst genau so gelesen und interpretiert wird, liegt vielleicht an Aussagen des Begründers ...  [...]
https://egoistenblog.blogspot.com/2022/01/das-anthroposophische-narrativ-von-der.html

https://egoistenblog.blogspot.com/search/label/Corona

https://egoistenblog.blogspot.com/search/label/Rechtspopulismus

https://egoistenblog.blogspot.com/search/label/Ansgar%20Martins

https://egoistenblog.blogspot.com/search/label/Querdenker

https://egoistenblog.blogspot.com/search/label/Anthroposophie
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Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
« Last post by Link on January 15, 2022, 01:50:29 PM »
"Nietzsche als freier Geist" ( 06.05.2015)
Prof. Dr. Volker Gerhardt (Videokatalog)
https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/v/17620
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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Political Stunts (CIRCA, Peng!, ZPS, etc.) ...
« Last post by Link on January 14, 2022, 10:36:04 AM »
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[...] Die Berliner Polizei bestätigte auf Anfrage der taz, dass am Donnerstagmorgen aufgrund eines richterlichen Durchsuchungsbeschlusses ein Atelier und eine Wohnung in Prenzlauer Berg von Er­mitt­le­r*in­nen des polizeilichen Staatsschutzes durchsucht wurden. Das sei aufgrund eines laufenden Verfahrens wegen „Fälschung beweiserheblicher Daten“ passiert. Bei den Durchsuchungen wurden nach Angaben der Polizei Beweismittel sichergestellt. Mehrere Datenträger wie Smartphones oder Computer sollen beschlagnahmt worden sein.

Im Vorlauf des Bundestagswahl soll der fiktive „Flyerservice Hahn“ von der extrem rechten Partei den Auftrag erhalten haben, mehrere Millionen AfD-Wahlkampfflyer für die Bundestagswahl unter die Wäh­le­r*in­nen zu bringen. Anstatt das Material zu verteilen, habe das ZPS die fünf Millionen Flyer von verschiedenen Kreisverbänden der Partei allerdings nur eingesammelt, um sie später zu entsorgen. Die Künst­le­r*in­nen sprachen von etwa 30 Tonnen Werbematerial, das sie bei einem Unternehmen für Aktenvernichtung geschreddert hätten. Die AfD kündigte damals eine Anzeige an.

Das ZPS kritisierte die Durchsuchungen auf Twitter und kommentierte mit Blick auf die Landesregierung aus SPD, Grünen und Linken: „Die erste Amtshandlung des neuen R2G-Senats in Berlin: Wohnungen von Künstlern durchsuchen.“ Das Vorgehen des LKA nennen die Künst­le­r*in­nen einen „politischen Skandal“. Für einen möglichen Rechtsstreit und die damit verbundenen Kosten hatte sich das Zentrum für politische Schönheit bereits mit einer Crowdfunding-Aktion gewappnet. Zahlreiche Menschen unterstützten die Künst­le­r*in­nen und die Aktion gegen die AfD mit einer Geldspende.

Nach Angaben des ZPS gab es keinen rechtsgültigen Vertrag mit der AfD. Auch hätte in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des fiktiven „Flyerservice Hahn“ gestanden, dass „die Verteilung von ‚Propaganda und Falschaussagen‘ sowie Werbematerialien ‚politischer Parteien‘ ausdrücklich“ ausschlossen sei.

Das Zentrum für politische Schönheit beschreibt sich auf ihrer Homepage als „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit“. In der abstrakten, poetischen Beschreibung liegt bereits eine der Charakteristiken der Arbeit des Kollektivs: Sie provozieren mit ihren Aussagen, kreieren sprachliche Widersprüche und wollen auch durch ihre Kommunikationsart Debatten anstoßen. Die handelnden Personen sind ein Zusammenschluss von Künstler*innen, die sich mit ihren Aufsehen erregenden Kunstaktionen insbesondere gegen die Verletzung von Menschenrechten engagieren.

Ihre Kunstaktionen kreiden politische Tatenlosigkeit an, etwa in der Politik für Geflüchtete und auch im Hinblick auf das Erstarken von Rechtspopulismus in Deutschland, etwa durch die AfD. So bauten die Künst­le­r*in­nen beispielsweise im November 2017 auf dem Nachbargrundstück des Thüringer AfD-Politikers Björn Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal nach, nachdem dieser es öffentlich als „Denkmal der Schande“ betitelt hatte.

Gegründet hat sich die Gruppe im Jahr 2009. Insgesamt sollen sich über 70 Personen zum Zentrum für politische Schönheit zusammengeschlossen haben. Das Kernteam besteht dabei aus einer Gruppe von etwa zehn Menschen. Zentrale Ak­teu­r*in­nen der Gruppe sind und waren der Politikwissenschaftler und Theaterregisseur Philipp Ruch, der Dramaturg André Leipold, die Schauspielerin Cesy Leonard und der Busunternehmer Stefan Pelzer.


Aus: "Durchsuchungen bei Kunstkol­lek­tiv ZPS: Razzia nach AfD-Flyeraktion" Linda Gerner (13.1. 2022)
Quelle: https://taz.de/Durchsuchungen-bei-Kunstkollektiv-ZPS/!5828243/

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HoboSapiens

Flyerservice Hahn - sehr zu empfehlen!

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"BILDUNG: Die Lehre von Atlantis"
Die Prüfstelle für jugendgefährdende Medien muss über eine heikle Frage entscheiden: War Rudolf Steiner, Inspirator der Waldorfschulen, ein Rassist?
Von Per Hinrichs (02.09.2007, 13.00 Uhr • aus DER SPIEGEL 36/2007)
... Das Schreiben aus dem Bundesfamilienministerium ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die beiden Bücher seien »geeignet, Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren«, da sie »Rassen diskriminierende Aussagen« enthielten. Autor der Werke: Rudolf Steiner.
Die beiden Steiner-Bücher sollen, so der ministerielle Antrag, auf die Liste der jugendgefährdenden Medien gesetzt werden. Am kommenden Donnerstag entscheidet die Bundesprüfstelle. ...
https://www.spiegel.de/wissenschaft/die-lehre-von-atlantis-a-5d550164-0002-0001-0000-000052809337?context=issue

"Steiners „Volksseelenzyklus“ in kommentierter Neuauflage erschienen" (21. März 2017)
Das sicher komplexeste und womöglich einflussreichste Buch aus dem Kanon anthroposophischer Völkerpsychologie und Rassenlehre ist nach zehnjähriger Überarbeitung wieder aufgelegt worden: Steiners sogenannter „Volksseelenzykus“. 2007 hatte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) das Buch unter Kommentarzwang gestellt, weil es „in Teilen als zum Rassenhass anreizend“ verstanden werden könne – worauf ich noch zurückkomme ... Es geht um Steiners 1910 in Oslo gehaltene Vortragsreihe „Die Mission einzelner Volkseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie“ (im Folgenden: GA 121). ...
https://waldorfblog.wordpress.com/2017/03/21/ga121/

GA 121
https://anthrowiki.at/index.php?title=GA_121&redirect=no

Rudolf Steiner - Die Mission einzelner Volksseelen
im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie (GA 121)
In diesen Vorträgen, die im Juni 1910 in Kristiania gehalten worden sind, habe ich den Versuch gewagt, die Psychologie der Völkerentwickelung zu zeichnen. Als Grundlage der Betrachtung hat gedient, was ich über anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft (in meinen Büchern «Theosophie», «Geheimwissenschaft», «Vom Menschenrätsel», «Von Seelenrätseln» und anderen) dargestellt habe. ...
https://www.anthroposophie.net/steiner/ga/bib_steiner_ga_121.htm

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Künstlerinnengruppe Erfurt (1984–1994), 3sat, Kulturzeit, 14.12.21
https://youtu.be/SdgpIWBnoWI

Künstlerinnen: Monika Andres, Tely Büchner, Elke Carl, Monique Förster, Gabriele Göbel, Ina Heyner, Verena Kyselka, Claudia Morca Bogenhardt, Bettina Neumann, Ingrid Plöttner, Marlies Schmidt, Gabriele Stötzer, Harriet Wollert und weitere Frauen
Erstmals und umfassend präsentiert die Ausstellung mit dem Titel »Hosen haben Röcke an« originale Materialien und Kostüme der Künstlerinnengruppe Erfurt aus den Archiven der Akteurinnen.
1984 von Gabriele Stötzer gegründet, lebte die Künstlerinnengruppe zehn Jahre lang einen radikalen künstlerischen Gegenentwurf zum DDR-Alltag aus. Nach Außen traten sie entschlossen als subversives Frauenkollektiv auf, das sich mit den Mitteln der Kunst Freiräume erschuf, die es sonst innerhalb der ostdeutschen Verhältnisse kaum gab. Ihre Super-8-Filme, Fotografien, Performances, Mode-Objekt-Shows, Manifeste und Soundexperimente zelebrieren weibliche Selbstermächtigung, Gendergerechtigkeit, künstlerische Freiheit als universelles Menschenrecht und radikale Gesellschaftskritik. Bis heute bleibt die solidarische, kreative und politisch angstfreie künstlerische Umsetzung ihrer Ideen, Ängste und Wünsche
https://www.museumsportal-berlin.de/de/ausstellungen/hosen-haben-roecke-an-kuenstlerinnengruppe-erfurt-1984-1994/


"Den Farbfilm nicht vergessen" Tanja Dückers (16.12.2021)
Super-8-Aufnahmen, Fotografien, Performances, Modenschauen, Manifeste und experimentelle Musik: Eine Ausstellung in Berlin zeigt die Arbeiten des subversiven Frauenkollektivs Künstlerinnengruppe Erfurt. ... Dabei war die Gruppe keineswegs traditionslos. Insbesondere die mittelalterliche Stadtgeschichte Erfurts wurde zu einem kreativen Bezugspunkt, etwa die in das Erfurter Domportal gemeißelte Steinfigurengruppe, die »die Törichten Jungfrauen« genannt wird – lachende, grinsende, ulkende Frauen, wie man sie selten im kirchlichen Kontext sieht. »Wir haben uns als Gruppe frech ­gefühlt und als etwas Besonderes«, so Stötzer in einem Begleittext zur Ausstellung. »Wir haben es genossen, nicht so langweilig zu sein wie der ganze Osten.« ...
https://jungle.world/artikel/2021/50/den-farbfilm-nicht-vergessen

Super-8-Filme von Gabriele Stötzer und der Künstlerinnengruppe Exterra XX auf der mitteldeutschen Kunstmesse KUNST/MITTE in Magdeburg, 6.-9. September 2018
https://dedicatedcollectors.wordpress.com/2018/08/21/super-8-filme-gabriele-stoetzer-waehrend-der-mitteldeutschen-kunstmesse-6-9-september-2018/

https://dedicatedcollectors.files.wordpress.com/2018/08/pm-super-8-gabriele-stoetzer-kunstmitte.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BCnstlerinnengruppe_Erfurt
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Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / Thomas Metzinger...
« Last post by Link on January 13, 2022, 12:46:36 PM »
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[...] Philosoph Professor Thomas Metzinger denkt zwar nicht, dass wir unser Leben nur träumen. Aber das, was wir um uns herum wahrnehmen, ist definitiv nicht so, wie wir uns das denken und vorstellen, sagt er voller Überzeugung im Gespräch mit MDR WISSEN: "Wenn man die allerneuesten Theorien anschaut, dann ist das, was wir jetzt erleben, die Farben, die Formen, die Gerüche, die Bauchgefühle, eine kontrollierte Halluzination."

... Wir lassen uns also schon durch kleinste Veränderungen täuschen, im Fühlen und auch im Denken. Wenn wir genauer hinschauen, ist es einfach glitzerklar, dass wir die Welt gar nicht so sehen können, wie sie wirklich ist. Schon der Ort, an dem unser Hirn platziert ist, dort wo unser Bild von der Welt entsteht, lässt keine andere Möglichkeit zu.

Denn dieses Hirn befindet sich nicht in der vordersten Reihe zur Wirklichkeit. Mutter Natur hat es an einen geschützten, einsamen und dunklen Ort unter der Schädeldecke verfrachtet, einzig verbunden mit der Außenwelt durch kleine Drähte: den Nervenbahnen. Das heißt: Das alles, was da drin entsteht, ist nicht die Realität. Es ist ausgedacht, eine Idee von der Welt, ein Modell, erklärt Metzinger: "Das, was wir bewusst erleben, ist nur ein Modell. Das lässt sich an folgendem Beispiel gut verdeutlichen: Egal, wo Sie sind, es ist hell, das Licht ist jetzt an. Da, wo dieses Modell der Situation in ihrem Gehirn entsteht, ist aber garantiert kein Licht.

Das heißt, die Helligkeit, die Sie jetzt erleben, ist wirklich etwas Inneres." Das heißt: Vielleicht sind 'hell' und 'dunkel' nur eine Vorstellung, eine Idee unseres Gehirns, ausgelöst durch bestimmte Wellenlängen, die unsere Augen wahrnehmen können. Denn niemals hat auch nur ein Lichtstrahl unser Hirn erreicht, niemals hat echter Bratenduft eine Hirnzelle im Entferntesten auch nur gestreift, niemals hat sich eine Hirnzelle selbst an einem Streichholz verbrannt und das Gehirn hat niemals selbst in einen Apfel gebissen oder einen Hund gesehen.

Äußere Reize müssen in die Sprache unseres Gehirns in elektrische Impulse übersetzt werden. Aus denen bastelt sich das Hirn, viel besser, wäre: bastelt sich jedes Hirn sein Bild, sein Modell von der Welt. Niemals sind elektrische Impulse in der Lage, die Wirklichkeit 1:1 an unser Gehirn durchzureichen. Da passt der Spruch: Schwund gibt' s immer. Aber wenn 's nur das wäre. Den größten Teil der Welt, der Realität bekommen wir gar nicht mit, sagt Thomas Metzinger: "Die allermeisten Dinge nehmen wir gar nicht wahr. Radiowellen, W-LAN, die kosmische Strahlung, die dauernd in Schauern durch unseren Körper rast. All das nehmen wir überhaupt nicht wahr. Wir nehmen das wahr, was unsere Vorfahren wahrnehmen mussten. Das ist bei anderen Tieren ganz anders."

Aber damit noch nicht genug. Mit dem bisschen Information, das auch noch unvollständig in uns hineinkommt, passiert noch etwas anderes, etwas ganz Entscheidendes, sagt Psychologe Ole Nummssen: "Unsere Sinne funktionieren übersinnlich. Weil wir aus diesem Input viel mehr generieren als eigentlich physikalisch da ist. Wenn ich in meine Küche schaue und die verschiedenen Schattenwürfe, die räumlichen Distanzen erfasse, ist das erstmal ein Gefühl, das nicht auf Wellenlängen basiert, sondern ist eine Interpretation. Die interessante Frage für mich ist, wie kann der Geist aus diesen physikalischen Inputs so viel Informationen aufladen, die gar nicht in dem physikalischen Input messbar sind."

Was wir aus den Reizen machen, hängt also vom Hirn, sozusagen vom Endgerät ab. Wie es funktioniert, wie groß und wie vernetzt es ist. Es ist ein bisschen so, als ob man elektrische Impulse in ein Radio, einen Fernseher oder ein Bügeleisen gibt. Das was reinkommt, ist vergleichbar, aber jedes Gerät macht was anderes daraus: das Radio Töne, der Fernseher Bilder und das Bügeleisen Wärme. Und alle denken, na logisch, genauso muss es laufen. Das haben mir die elektrischen Impulse doch mitgeteilt.

Die Unterschiede, wie wir die Welt wahrnehmen, sind zwischen uns Menschen relativ klein, obwohl bei uns auch schon unterschiedliche Programme auf der Festplatte laufen. Aber die Welt, die in den Köpfen von Fledermäusen oder Walen entsteht, hat wahrscheinlich mit unserer nur wenig zu tun. Welche Welt der Wirklichkeit näher kommt, ist dabei völlig schnurz. Wichtig ist nur Folgendes, sagen Thomas Metzinger und Maren Urner: "Also erstmal ist es Sinn und Zweck so eines Gehirns im Organismus, den Organismus möglichst lange am Leben zu erhalten. Punkt!" - "Unser Bewusstsein und unser Wahrnehmungsmodell der Welt ist entstanden, um möglichst viele Kinder zu haben, unseren Fortpflanzungserfolg zu erhöhen."

Das Bild, das wir von der Welt haben, muss also nicht objektiv sein, muss die Welt nicht 1:1 widergeben. Wichtig ist, dass es uns handlungsfähig macht, dass unser Hirn aus den Informationen, die wir bekommen zuverlässige Vorhersagen treffen kann. Dabei gibt es Dinge, die der Realität möglichst nahe kommen müssen, um zu überleben. Forscher Metzinger sagt: "Ich glaube, alles, was mit unserem Körper zu tun hat: Wie schwer bin ich? Wenn ich mich von diesem Ast zum nächsten schwinge, schaffe ich das oder bricht der ab? Diese Sachen sind sehr physikalisch realistisch. Die Affen, die das nicht richtig konnten, waren auch nicht unsere Vorfahren." Es gibt Dinge, Verhaltensweisen, die uns beim Überleben geholfen haben, die vielleicht gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatten. "Also ich hab' zum Beispiel immer die Wahrnehmung, 'Och, ein bisschen könntest du noch essen.' Das ist in der Evolution sehr erfolgreich gewesen, weil es in der Welt unserer Vorfahren wenig zu essen gab und man hat nie gewusst, wann man das nächste Mal was kriegt. Gierig zu sein hatte eine Funktion."

... Trotzdem können wir es nicht so richtig glauben, dass das da draußen, das Licht, die Farben, die Gerüche und der Geschmack vielleicht nur als Wellenlängen und als Moleküle existieren und dass die Vorstellungen, die Bilder, die unser Hirn daraus zusammensetzt, nur ein ungefähres Modell der Wirklichkeit sind. Für uns macht das nämlich keinen Unterschied, sagt Thomas Metzinger: "Der Trick bei der Sache besteht darin, dass wir das nicht als Modell erleben. Ich hab', wenn ich die Augen aufmache, einfach das Gefühl, es ist da. Der Apfel auf dem Tisch, der ist nicht konstruiert aus meinem Gehirn, der ist einfach da."



Aus: "Wie real ist unsere Welt?" Karsten Möbius (17. Dezember 2021)
Quelle: https://www.mdr.de/wissen/wie-real-ist-die-welt-102.html
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