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Music and Sound Art (Klang) / Chet Baker (1929 - 1988) ...
« Last post by Link on July 03, 2022, 07:12:15 PM »
Chet Baker, Jim Hall, Hubert Laws - Studio Trieste (1982)
Recorded at Van Gelder Studios, Englewood Cliffs, New Jersey on March, April 1982.
00:00 Swan Lake
08:41 All Blues
18:22 Malagueña
28:05 Django
Arranged By – Don Sebesky
Art Direction – Muneo Hanzawa
Artwork [Design By] – Blake Taylor
Drums – Steve Gadd
Engineer, Photography [Liner - Hall] – Rudy Van Gelder
Flugelhorn, Trumpet – Chet Baker
Flute – Hubert Laws
Guitar – Jim Hall
Mastered By – Seiji Kaneko
Percussion – Sammy Figueroa
Photography By [Cover] – Pete Turner (4)
Photography By [Liner] – Darryl Pitt
Producer – Creed Taylor
Reissue Producer – Yoichi Nakao
https://youtu.be/f_Crtg-0Rg8

Chet Baker - Lauwe 1983
https://youtu.be/prDNVveSzQs
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Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / [Künstliche Intelligenz / KI (Notizen) ... ]
« Last post by Link on July 01, 2022, 02:25:49 PM »
Künstliche Intelligenz: Deepfake-Expertin Nina Schick: "Jede Identität ist heute gefährdet"
Die IT-Expertin spricht anlässlich der "Fake-Klitschko"-Anrufe über die gefährliche Seite der KI-Revolution. Und darüber, wie sich unser Kulturkonsum wandeln wird
Interview Stefan Weiss (1. Juli 2022)
... Künstliche Intelligenz wird die menschliche Realitätswahrnehmung verzerren, weil sie schon sehr bald dafür eingesetzt werden wird, jeden beliebigen digitalen Inhalt zu kreieren. Die Menschen werden nicht mehr zwischen künstlichen und authentischen Medien unterscheiden können. Künstlich generierte Inhalte werden allgegenwärtig sein. ... Ich bin überzeugt davon, dass KI-kreierte Digitalinhalte zur Norm werden. Das wird unseren Kulturkonsum von "authentischen" Inhalten radikal verändern. ...
https://www.derstandard.at/story/2000137059050/deepfake-expertin-nina-schick-jede-identitaet-ist-heute-gefaehrdet

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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [Politische Mythologie (Notizen) ... ]
« Last post by Link on June 30, 2022, 08:41:54 PM »
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Der türkische Actionstar Cüneyt Arkın ist gestern gestorben. Zeynep Tuna und Nino Klingler haben bei uns vor einigen Jahren eine Erkundungstour durch seine Historienfantasmen unternommen, in denen Arkın selbst Nonnen zum Islam konvertieren lässt ...

5:50 nachm. · 29. Juni 2022


Quelle: https://twitter.com/criticde/status/1542173687679418368?t=7d2pCQ2tkp26NZDgVLhQCg&s=03

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... bei vielen Menschen in der türkischen Community in Deutschland ist Arkın beliebter Filmheld, dessen Abenteuer etwa bei gemeinsamen Familienabenden liefen. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu erinnerte sich einmal, dass sein Vater besonders für »jene Hauwegfilme mit Cüneyt Arkın in der Hauptrolle« schwärmte. ...


Aus: "Schauspieler Cüneyt Arkın gestorben" (28.06.2022)
https://www.spiegel.de/kultur/kino/cueneyt-arkin-ist-tot-tuerkischer-filmstar-mit-84-jahren-gestorben-a-1c1922d2-9a70-4013-bbc9-cb67ef90b0f8

Cüneyt Arkın (bürgerlich Fahrettin Cüreklibatır[1]; * 8. September 1937 in Karaçay, Bezirk Alpu in der Provinz Eskişehir; † 28. Juni 2022 in Istanbul) war ein türkischer Schauspieler, Drehbuchautor, Filmregisseur und -produzent.
https://de.wikipedia.org/wiki/C%C3%BCneyt_Ark%C4%B1n

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[...] Schaut man sich Arkıns Filme heute an, wirken sie auf verwirrende Weise unzeitgemäß. Einerseits sind sie in ihrer billigen Verkleidungsästhetik meilenweit weg von den aktuellen, sleaken Film- und Serienproduktionen im türkischen Kino und Fernsehen. Für Europäer mag vor allem ihr chauvinistischer, hemmungsloser Anti-Christianismus und die fast unterschiedslos extrem negative Zeichnung westlicher historischer Figuren und Kulturfacetten eigenartig wirken. Die Art allerdings, wie sie frei von historischen Fakten anatolische Sehnsüchte auf eine (prä-)osmanische Glanzzeit projizieren, bildet gleichzeitig eine interessante Kontrastfolie für die derzeit enorm populären Telenovelas mit Osman-Setting – allen voran natürlich der Exportschlager Muhteşem Yüzyıl (der dank Netflix endlich auch einer englisch- und deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich ist und von dem in der Türkei gerade die erste Staffel einer Neuauflage abgeschlossen wurde) oder die kraftmeiernde Kriegersaga Diriliş Ertuğrul (die als Produktion des von der Regierungspartei AKP vereinnahmten Staatssenders TRT unverblümte Nationalpropaganda betreibt). ...

Aus: "Freezeframe zwischen Lamm und Löwe – Der türkische Actionstar Cüneyt Arkin" Nino Klingler, Zeynep Tuna (12.04.2017)
Quelle: https://www.critic.de/special/freezeframe-zwischen-lamm-und-loewe-4115/

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[...] Eine Radiostunde mit Lothar König vergeht sehr schnell, der Jugendpfarrer im (Un-)Ruhestand steckt voller gelebter Geschichten. Für König persönlich kann eine Radiostunde quälend lang sein. Im Studio darf nicht gequalmt werden. Für den leidenschaftlichen Raucher geht das eigentlich nur „im Notfall“.


Seine erste Zigarette hat König schon als Kind gepafft. „Ich muss mindestens schon sechs gewesen sein. Ich bin auf einem Dorf groß geworden. Wenn Konfirmationen waren, gehörte das mit dazu.“
Waren Zigaretten schon frühzeitig ein elementarer Bestandteil seines Lebens, die Kirche blieb ihm noch viele Jahre fremd. Erst über Umwege fanden der Mann aus Leimbach, einem Dorf im Harz, und die evangelische Kirche wirklich zueinander.
Bei den Behörden war König schon während der Schulzeit „politisch negativ“ aufgefallen, das Abitur wurde ihm verwehrt. 1969 hatte Lothar mit Kreide „Dubček“ an eine Wand geschrieben.
Alexander Dubček, die Leitfigur des Prager Frühlings: Das war eine Provokation. „Am anderen Tag war der Notstand in Leimbach. Das Dorf war voller Stasi und Polizei.“
Nach einer Ausbildung wurde Lothar König Diakon, durfte später Theologie studieren. Aber er fremdelte weiterhin. „Mein Weg zur Kirche war sehr ruppig. Ich habe gedacht, die haben alle eine Klatsche dort. Die spinnen ja, also Jungfrauengeburt und so. Bis ich mit voller Freude Pfarrer sein konnte, da habe ich lange gebraucht.“


Ab den 1990er Jahren begann sich Lothar König als Stadtjugendpfarrer in Jena auch mit der wachsenden Neonazi-Szene zu beschäftigen. „Ich habe versucht mit denen Kontakt aufzunehmen. Ich dachte, man könnte die einbinden. Habe versucht, ihre Gesellschaftskritik, ihre Wut ein bisschen zu kanalisieren. Auch ein Nazi ist ein Mensch, das ist mir ganz wichtig.“
Für sein Engagement gegen Rechts musste Lothar König viel Kritik einstecken. In der Kirche und bei den Behörden waren viele von seiner Arbeit nicht überzeugt. Von Neonazis wurde er verprügelt, eine große Narbe auf der Stirn erinnert noch heute daran.
Nicht nur Links- oder Rechtsextremisten hält der heute 65-Jährige für gefährlich, sondern auch die „Mittelextremisten“. Den Begriff hat Lothar König selbst geprägt. „Das sind die Angepassten, die, die Schnauze halten. Die von nichts wissen wollen.“


Seine Erfahrungen mit Rechtsextremisten lassen den Pfarrer Sätze sagen, die man von einem Seelsorger eher nicht erwartet. „Man muss manchmal auch zu Gewalt greifen, so hart das ist. Das habe ich auch gelernt. Wenn die [Neonazis] so stark sind und so übermächtig.“
1998 hatte Lothar König die Sicherheitsbehörden bereits vor einem rechtsextremistischen Untergrund gewarnt: „Wir sind immer auf Ablehnung gestoßen.“
Doch Lothar König sollte recht behalten. Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, das spätere sogenannte NSU-Trio, sie waren dem Jugendpfarrer schon als junge Rechtsradikale in Jena begegnet.
Und heute, nach zehn Morden, 42 Mordversuchen, Sprengstoffanschlägen und Raubüberfällen, wie steht es um die Aufarbeitung des NSU-Komplexes?
„Wollen Sie eine ehrliche Antwort?“, fragt Lothar König. Das sei alles erst am Anfang: „Dieses Nazi-Netzwerk ist dicht und gefestigt.“

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Aus: "Pfarrer Lothar König - „Mein Weg zur Kirche war sehr ruppig“" Moderation: Britta Bürger (29.11.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/pfarrer-lothar-koenig-mein-weg-zur-kirche-war-sehr-ruppig-100.html

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[...] Erst am Wochende setzte die Höchstzahl an Toten an der EU-Außengrenze in Melilla eine schreckliche historische Marke. Bis zu 2.000 Menschen hatten am Freitag versucht, die Grenze zur spanischen Exklave Melilla zu überwinden, laut Hilfsorganisationen sollen 37 Menschen dabei gestorben sein. Nur wenige Tage später ist ein neuer moralischer Tiefstand erreicht: Am Mittwoch berichtete der Spiegel unter Berufung auf gemeinsame Recherchen mit der ARD, der Recherche-NGO Lighthouse Reports, Le Monde und dem Guardian über eine bisher unbekannte Praxis der griechischen Polizei bei gewaltsamen Zurückschiebungen, den sogenannten Pushbacks.

Seit mindestens 2013 ist bekannt, dass Griechenland sich mit dieser Praxis neu ankommender Schutzsuchender entledigt. Dabei hat das Land bis heute in vielen Tausend Fällen schwere, bisweilen auch tödliche Gewalt eingesetzt. Lange war klar, dass die griechischen Behörden selbst diese ausgeübt hatten. Zuletzt zeigte sich immer öfter Mitwisserschaft und teils wohl auch die Beteiligung der EU-Grenzschutzagentur Frontex.

Nun aber wird offenbar, dass die griechische Polizei auch Flüchtlinge selbst für die Pushbacks in Dienst nahm – also Menschen, die ihnen ausgeliefert sind und durch die weitgehende Entrechtung in einer klaren Zwangslage stecken. Diese wurde offenbar gezielt ausgenutzt. Die Polizei versprach den Männern die ansonsten praktisch unerreichbaren Aufenthaltspapiere, so die Berichte. Infamer geht es kaum.

Bauern und Fischer, die das Sperrgebiet am Grenzfluss Evros betreten dürfen, hätten immer wieder Geflüchtete gesehen, die für die Polizei arbeiteten. Der Rechercheverbund um den Spiegel, der mit seinen Nachforschungen zu dem Pushbacks in der Ägäis erst Ende April den Frontex-Direktor Fabrice Leggeri zu Fall gebracht hatte, konnte sich die neuen Enthüllungen eigenen Angaben zufolge von griechischen Polizeibeamten bestätigen lassen.

In den Berichten ist von einem Syrer die Rede, mit dem die Polizei zusammenarbeite. Er kooperiere mit Menschenschmugglern in Istanbul, um an Pushback-Helfer zu kommen, und sei sehr gewalttätig gegen Asylsuchende vorgegangen. Welchen Umfang diese Auslagerung der Gewalt an Flüchtlinge hat, wie viele weitere sich auf einen solchen Deals eingelassen haben, ist unklar. Mit der Praxis wollten die griechischen Behörden offenbar die eigenen Einsatzkräfte schützen, denn die Pushbacks sind auch für diese nicht ohne Risiko.

„Dieses Vorgehen ist ein Bruch mit allen Werten, die wir in der Europäischen Union vertreten“, sagte die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Luise Amtsberg. Es sei an Abgründigkeit und Perfidität nicht zu überbieten.

Schon Ende 2019 hatte das türkische Innenministerium Griechenland vorgeworfen, in den vorangegangenen zwölf Monaten fast 60.000 Menschen illegal in die Türkei zurückgeschoben zu haben. Seither wurde die Praxis immer ungenierter und öffentlicher vollzogen. Die Pushbacks – und Pullbacks, durch die sogenannte libysche Küstenwache auf dem zentralen Mittelmeer – sind heute zu einer der dominierenden Umgangsformen mit Ankommenden in Europa geworden. Der Europarat hatte erst im April von einem „systematischen, paneuropäischen Problem“ gesprochen.

Es wäre in erster Linie an der EU-Kommission, gegen diese Rechtsverstöße vorzugehen. Doch die hat viel geredet, aber praktisch nichts getan, um Länder wie Griechenland, Kroatien oder Polen an den massenhaften Pushbacks zu hindern. Die Kommission scheute den Konflikt – und versicherte stattdessen auch jenen Staaten ihre Unterstützung, die offen das europäische Flüchtlingsrecht mit Füßen treten. „Die Sorge des einen ist nie legitimer als die des anderen,“ sagte etwa der „Kommissar für die Förderung des europäischen Lebensstils“, Margaritis Schinas, als er den EU-Migrationspakt vorstellte. Es war ein Signal, das in Ländern wie Griechenland klar als Ermächtigung aufgefasst wurde, losgelöst vom Recht gegen die Ankommenden vorzugehen.

Wie groß in der EU die Bereitschaft ist, selbst schwerste Gewalt hinzunehmen, zeigte sich erst vor wenigen Tagen: „Wir unterstützen Spanien und alle Länder, die an vorderster Front die Grenzen der EU schützen, voll und ganz. Die Migration ist eine schwierige Herausforderung für alle. Ich sage den spanischen Behörden meine Unterstützung zu“ – das sagte Ratspräsident Charles Michel, nachdem am Wochenende Mi­gran­t:in­nen an den Zäunen der Enklave Melilla regelrecht massakriert wurden.

So ist eine Dynamik von Entrechtung und Verrohung und im Gang, die immer neue Formen der Gewalt hervorbringt – wie nun den griechischen Weg, Flüchtende selbst zu zwingen, gegen ihresgleichen vorzugehen, um die eigene Haut zu retten. Die Geschwindigkeit des moralischen Verfalls Europas ist atemberaubend. Immer mehr Kraft wird es kosten, diesen aufzuhalten. Kaum jemand scheint die Kraft dafür aufbringen zu wollen.



Aus: "Flucht nach Europa: Atemberaubender moralischer Verfall" Kommentar von Christian Jakob (28.6.2022)
Quelle: https://taz.de/Flucht-nach-Europa/!5861114/

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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [Terror als Themenfeld (Notizen) ... ]
« Last post by Link on June 29, 2022, 10:19:30 AM »
"Prozessende in Frankreich: Katharsis im Zeichen des Grauens" Selim Nassib (29. 6. 2022)
In Paris fallen Urteile gegen 20 Angeklagte, die im November 2015 dschihadistischen Terror verübt haben sollen. Damit endet ein monatelanger Mammutprozess, der die französische Gesellschaft bewegt. ... Gerechtigkeit walten lassen, ja, aber vor allem eindrücklich aufzeigen, dass in einer zivilisierten Gesellschaft auf die blinde Gewalt des Terrorismus nur eins antworten kann: das Recht. Ein Fingerzeig auch in Richtung der USA, die nach dem 9/11-Terror im Jahr 2001 und konträr zum amerikanischen Strafsystem rechtsfreie Räume geschaffen haben – namentlich die Geheimgefängnisse der CIA und das Straflager in Guantánamo.

 ... Der Prozess in Paris hat seit September 2021 und in 140 Verhandlungstagen, verfolgt von Hunderten Jour­na­lis­t:in­nen aus aller Welt und gefilmt für die Geschichte, beklemmend minutiös alle Handlungs- und Schicksalslinien nachgezeichnet. Die der Terroristen, ihrer Opfer und der Zeug:innen, aber auch der Polizist:innen: Ein Horrorfilm in nachträglicher Zeitlupe ist hier zur Aufführung gelangt. ...
https://taz.de/Prozessende-in-Frankreich/!5861083/
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[...] Die Luft ist warm und weich, Stimmen tanzen über das Wasser, warme Sommerworte mischen sich mit einem wummernden Bass, Gitarrenklängen, Gesang. Eine Bluetoothwelle legt sich über die andere: Die Wiese am Urbanbecken in Berlin ist voller Menschen, die den längsten Tag des Jahres feiern, es ist 23 Uhr am 21. Juni 2022 und noch etwas Licht am Horizont, es wird geredet und gelacht, gerufen, gesungen und getanzt. Keine 50 Meter daneben ringen Menschen auf der Intensivstation des Urban-Krankenhauses um ihr Leben.

Daran denken die Feiernden natürlich nicht, jeden Abend sitzen sie hier am Urbanbecken, weil es schön ist am Wasser, weil es einer der wenigen Orte ist, an dem die Berliner Häuserschluchten sich öffnen und etwas länger Licht bis auf die Berliner Füße fallen lassen. Krankheit und Leid hinter den Mauern, Freude und Feiern davor, so ist es schon immer.

Meist stört sich niemand daran. Bis zum Frühjahr 2020. Wisst ihr noch? Dieser Boots-Rave, auf dem all die Corona-Verdrängungs-Hedonist*innen waren, denen das Schicksal der Erkrankten total egal war und die in der Sonne tanzten, bloß um sich gegenseitig anzustecken? Da war ich, auf diesem Rave. Und jetzt, zwei Jahre pandemieerfahrener, möchte ich gerne etwas zur Empörungs-Dynamik sagen – und zum Umgang mit Krankheit und Tod in dieser Gesellschaft.

Als die Berliner Clubs ihre Wasserdemonstration „Rettet die Rave-Kultur!“ starteten, am 31. Mai 2020, lag die Corona-Inzidenz bei 3,5. Und wir kamen alle aus wochenlanger Isolation.

Ich zumindest hatte seit März kaum jemanden richtig gesehen und vor allem gearbeitet, isoliert, alleine wohnend, Homeoffice. Ich hatte Wochen der Einsamkeit und Verängstigung hinter mir, wie die meisten. Aber jetzt war Frühling, ich hatte mir ein Gummiboot gekauft und das wollte ich ausprobieren, mit meinem Bruder, einem der wenigen Menschen, die ich in den vergangenen Wochen viel und eng gesehen hatte. Wir pumpten also das Boot am Ufer des Landwehrkanals auf und hörten Musik, Techno-Beats, sie kamen immer näher, und es klang nicht mehr nach Smartphone oder Café. Es klang nach ganz großer Box. Nach Bass. Bass in den Knochen. Mein Körper reagierte – zum ersten Mal seit Wochen war da dieser Takt, der unter die Haut geht: Musik! Woher kommt die?Als die Berliner Clubs ihre Wasserdemonstration „Rettet die Rave-Kultur!“ starteten, am 31. Mai 2020, lag die Corona-Inzidenz bei 3,5. Und wir kamen alle aus wochenlanger Isolation.

Ich zumindest hatte seit März kaum jemanden richtig gesehen und vor allem gearbeitet, isoliert, alleine wohnend, Homeoffice. Ich hatte Wochen der Einsamkeit und Verängstigung hinter mir, wie die meisten. Aber jetzt war Frühling, ich hatte mir ein Gummiboot gekauft und das wollte ich ausprobieren, mit meinem Bruder, einem der wenigen Menschen, die ich in den vergangenen Wochen viel und eng gesehen hatte. Wir pumpten also das Boot am Ufer des Landwehrkanals auf und hörten Musik, Techno-Beats, sie kamen immer näher, und es klang nicht mehr nach Smartphone oder Café. Es klang nach ganz großer Box. Nach Bass. Bass in den Knochen. Mein Körper reagierte – zum ersten Mal seit Wochen war da dieser Takt, der unter die Haut geht: Musik! Woher kommt die?

Wir brachten unser Boot zu Wasser, dann kamen die ersten Club-Boote, eins nach dem anderen, und langsam verstanden wir: Eine Boots-Demo! Ein Rave auf dem Kanal!

Um uns herum begannen die Gummiboote, sich an die großen Boote zu hängen und sich schleppen zu lassen. Wir knoteten uns an ein Nachbarboot, unterhielten uns mit den anderen, die zwei Meter entfernt im Wasser saßen, lachten. Wir versuchten, auf dem wackeligen Boot aufzustehen und zu tanzen. Wir fielen hin, fast ins Wasser, wie andere auch, wir lachten in andere lachende Gesichte, endlich wieder andere lachende Gesichter! Wir holten uns einen Aperol Spritz am Ufer und tanzten weiter, alle zwei Meter tanzten zwei Menschen in ihrem Boot, es gab Glitzer und Lachen und wieder Glitzer, und es war ein großer Spaß. Tanzen ohne Ansteckung, genial, genial!

Dann, im Urban-Becken, war die Demo vorbei, aber es wurde weiter getanzt in der Sonne, denn hier schien endlich die Sonne auf das Wasser. Zuviel sogar, mit der Zeit. Die Sonne brannte und wir ruderten zurück nach Hause.

Abends ging ich auf Twitter. Und sah, was wir angerichtet hatten: Getanzt, so eng! Getanzt, vor einem Krankenhaus! War uns das Leben der mit dem Virus ringenden Menschen wirklich so egal? Wollten wir uns wirklich alle anstecken und unsere Alten in den Tod reißen?

Damals lag die 7-Tage-Inzidenz bei 3,5. Heute liegt sie bei 489.

Heute tanzen alle Menschen überall. In engen Clubs, aus derselben Bierflasche trinkend, Zigaretten teilend, dieselbe Luft hundert-, tausendfach einatmend, egal, egal. Und sie tanzen auch auf der Wiese am Urban-Becken, in der Abendsonne, und in der musikgeschwängerten Nachtluft der Sommersonnenwende. Vor dem Vivantes-Klinikum am Urban.

Deutschlandweit lagen am 31. Mai 2020 697 Menschen mit Covid-19 auf den Intensivstationen, heute sind es 795.

Aber der Juni 2022 ist nicht der Mai 2020, soviel steht fest. Im Mai 2020 hatte man die Bilder aus Bergamo in Italien im Kopf, Militärlaster voller Leichen, der blanke Horror. Man konnte das Virus nicht einschätzen: Wie stark verbreitet es sich im Freien? Wie viele Menschen werden sterben? Es gab keine Impfung, die Krankheitsverläufe waren wesentlich schwerer. Man hatte die Bilder aus den Intensivstationen im Kopf. Die Vorstellung, dass direkt davor Menschen tanzen, schien unmenschlich.

Heute, über zwei Jahre nach der Bootsparade, zeigt sich: Die Parade hat niemanden gefährdet. Der kollektive Aufschrei war nichts weiter als eine riesige Abreaktion der Angst und des Frustes, der Traurigkeit und Sorge, die sich wochenlang aufgestaut hatten. „Wir“ haben diese Abreaktion abbekommen. Es sollten sie noch andere abbekommen: Feiernde Familien, die eine Größe von Mama-Papa-Kind überschreiten, Neuköllner*innen im Allgemeinen; Großstädter; Spätgeimpfte; Ungeimpfte.

Doch auch „wir“, auch die Menschen auf dem Kanal, in den Booten und drum herum, hatten unsere eigene Corona-Geschichte. Wir hatten wochenlang keine Familie, keine Freund*innen gesehen, einige waren psychisch Rande der Erschöpfung, und wir genossen die paar Stunden Tanzen, weil dieses Tanzen Balsam war für unsere Seelen. Tanzen und Gemeinschaft.

Die Bootsdemo von damals stellt die uns innewohnende Empörungs-Lust in Frage; die Lust, all unsere Wut, Unsicherheit und unseren Frust zu kanalisieren, indem wir Schuldige finden und schreiend mit dem Finger auf sie zeigen.

Aber die Bootsdemo stellt auch Fragen, die heute nicht weniger offen sind als damals: Wie gehen wir in der Gesellschaft mit dem Leiden und dem Sterben um? Auch heute tanzen wieder Menschen, während Corona sich zur nächsten Welle formt, und während in der Ukraine Menschen ermordet werden, Hunderte, Tausende. Wir tanzen und lachen, obwohl und während es Leid gibt auf dieser Welt. Es gibt Zeiten der Trauer, es gibt Zeiten des Alltags, und es gibt Zeiten des Feierns. Nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Leben und Tod. Und alles dazwischen.

Ich würde mir wünschen, dass wir mit beidem einen Umgang finden. Denn das Leben ist nicht vorbei, wenn eine Krankheit ausbricht. Und der Tod ist nicht vorbei, wenn eine Pandemie zur Normalität übergeht. Wie sieht ein Umgang mit kranken, sterbenden und trauernden Menschen aus, im ganz normalen Leben? Das ist die Frage, die ich zwei Jahre nach dem Boots-Rave mit mir trage, hier am Berliner Landwehrkanal.



AUs: "Wisst ihr noch, der Boots-Rave? Warum wir uns weniger empören sollten" Elsa Koester (22.06.2022)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/elsa-koester/corona-und-die-bootsdemo-warum-tanzen-auch-in-der-pandemie-erlaubt-ist
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[...] Nach den tödlichen Schüssen rund um eine Bar in Oslo muss der mutmaßliche Täter für vier Wochen in Untersuchungshaft. Das teilte das Amtsgericht der norwegischen Hauptstadt mit. Die zuständige Richterin Rikke Lassen verhängte dabei ein für die gesamten vier Wochen geltendes Brief- und Besuchsverbot, zwei Wochen davon muss der Beschuldigte in vollständiger Isolation verbringen.

Der Angreifer hatte in der Nacht zum Samstag rund um eine beliebte Schwulenbar Schüsse abgefeuert. Dabei tötete er zwei Menschen und verletzte 21. Der norwegische Geheimdienst PST stuft die Attacke als islamistischen Terroranschlag ein.

Ein 43 Jahre alter Norweger mit iranischen Wurzeln wurde wenige Minuten nach den ersten Schüssen festgenommen. Das Tatmotiv ist noch unklar, die Polizei geht aber unter anderem der Theorie nach, dass es sich um ein explizit gegen Homosexuelle gerichtetes Hassverbrechen gehandelt haben könnte.

Die Behörden riefen nach dem mutmaßlichen Anschlag die höchste Terrorwarnstufe aus. Auch eine Pride-Parade, die wenige Stunden später hätte stattfinden sollen, wurde auf Anraten der Polizei abgesagt. Trotzdem fanden sich spontan mehrere tausend Menschen mit Symbolen der LGBTQI+-Community in der Osloer Innenstadt zusammen, um Solidarität mit den Opfern zu demonstrieren.

Regierungschef Jonas Gahr Støre rief die Bevölkerung nach der Tat dazu auf, sich gegen Hass zu wenden und weiter für eine vielfältige Gesellschaft einzustehen. Den Muslimen in Norwegen sicherte er zu, dass sie Teil der Gemeinschaft seien. Er wisse, dass viele von ihnen bestürzt darüber seien, dass der Angreifer aus islamistischen Motiven gehandelt haben soll.


Aus: "Mutmaßlicher Täter kommt nach Schüssen vor Lokal in Untersuchungshaft" (27. Juni 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-06/oslo-schuesse-nachtclub-untersuchungshaft

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[...] In einem Lastwagen im US-Bundesstaat Texas sind nach Angaben der Feuerwehr 46 tote Menschen entdeckt worden. Es handelt sich bei den Toten offenbar um Migranten. Auch die Lokalsender KSAT und News4SA sprachen von 46 Toten, die in dem Lastwagenanhänger nahe der Großstadt San Antonio gefunden worden seien. 16 Überlebende seien in Krankenhäuser gebracht worden, sagte der Feuerwehrchef. Fernsehbilder zeigten einen Großeinsatz der Polizei und Rettungskräfte.

Die Polizei suchte demnach nach dem Fahrer des Sattelzugs, der sein Fahrzeug in einer abgelegenen Gegend zurückgelassen hatte. Warum die Menschen gestorben waren, war zunächst noch unklar. Den Berichten zufolge soll es in San Antonio aber in den vergangenen Tagen sehr heiß gewesen sein.

In Lastwagen werden immer wieder von Mexiko aus Migranten in die USA geschleust. Der erzkonservative Gouverneur von Texas, Greg Abbott, machte auf Twitter die Migrationspolitik des Präsidenten Joe Biden dafür verantwortlich. "Diese Todesfälle sind Bidens Schuld." Sie seien "das Ergebnis seiner tödlichen Politik der offenen Grenzen", sagte Abbott. Es habe "tödliche Konsequenzen", geltendes Recht nicht durchzusetzen.

Die oppositionellen Republikanerinnen werfen Biden vor, in der Migrationspolitik und bei der Sicherung der Südgrenze einen zu laxen Kurs zu fahren. Sie wollen dieses Thema auch im Wahlkampf für die Kongresszwischenwahlen im November für sich nutzen.


Aus:"Mindestens 46 Tote in Lastwagen in Texas entdeckt" (28. Juni 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-06/texas-san-antonio-migranten-tot-in-lastwagen

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[...] Wien/Kopenhagen – COVID-19-positive Patienten haben ein erhöhtes Risiko für neurodegenerative Erkrankungen im Vergleich zu Personen, die negativ auf das Virus getestet wurden. Mit Ausnahme des ischämischen Schlaganfalls traten die meisten neurologischen Erkrankungen nach COVID-19 jedoch nicht häufiger auf als nach anderen Atemwegsinfektionen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine dänische Studie, die erstmals auf dem 8. Kongress der Europäischen Akademie für Neurologie (EAN) vorgestellt wurde und in Frontiers Neurology erschienen ist (2022; DOI: 10.3389/fneur.2022.904796). Für die Studie hatten Forschende um Erstautorin Pardis Zarifkar von der Abteilung für Neurologie am Rigshospitalet in Kopenhagen die Gesundheitsdaten von mehr als der Hälfte der dänischen Bevölkerung zwischen Februar 2020 und November 2021 analysiert.

Von fast 1 Millionen Personen, die im Rahmen der Studie auf COVID-19 getestet wurden, hatten gut 43.000 ein positives Testergebnis (etwa 8.000 stationär). Zudem identifizierten die Forschenden gut 8.000 Menschen mit Influenza A/B und fast 1.500 mit einer Pneumonie (aber negativem COVID-19-Test).

Das Risiko von COVID-19-positiven Patienten ein Jahr später an Alzheimer zu erkranken war 3,5-fach erhöht im Vergleich zu negativ-getesteten Patienten (RR 3,4 95-%-Konfidenzintervall=2,3-5,1). Das Risiko für Parkinson war um das 2,6-fache erhöht (RR = 2,6; 95%-KI=1,7-4,0), das für einen ischämischen Schlaganfall war 2,7-fach (RR = 2,7; 95%-KI=2,3-3,2) erhöht und intrazerebrale Blutung waren 4,8-fach (RR 4,8; 95%-KI=1,8-12,9) erhöht.

Mit Ausnahme des ischämischen Schlaganfalls bestand kein erhöhtes Risiko im Vergleich zu Influenza A/B und ambulant erworbenen Lungenentzündungen. Für den ischämischen Schlaganfall war das Risiko bei stationären Patienten mit COVID-19 im Vergleich zu stationären Patienten mit Influenza um das 1,7-fache erhöht (RR = 1,7; 95%CI: 1,2-2,4).

Bei stationär behandelten bakteriellen Pneumonien konnten die Forschenden einen noch größeren Unterschied zu COVID-19-Patienten ausmachen. Dieser trat aber nur bei Personen älter als 80 Jahre auf (RR = 2,7; 95%-KI: 1,2-6,2).

Ob sich das Risiko für Alzheimer und Parkinson nach COVID-19 im Vergleich zu Influenza und bakterieller Lungenentzündung tatsächlich unterscheidet, müssen größere Registerstudien klären, sagte Zarifkar.

Schließlich könnte der wissenschaftliche Fokus auf Langzeitfolgen durch COVID-19 zu mehr und früheren Diagnosen geführt haben, was einen Teil des beobachteten Anstiegs der neurodegenerativen Erkrankungen erklären könnte, erklärte Zarifkar auf der EAN-Pressekonferenz eine mögliche Ursache.

Kein erhöhtes Risiko konnte bei neuroimmunologischen Erkrankungen beobachtet werden. Die Häufigkeit von Multipler Sklerose (n=14 nach 12 Monaten), Myasthenia gravis (n=1 nach 12 Monaten), dem Guillain-Barré-Syndrom (n=1 nach 1 Monat und 2 nach 3 Monaten) und Narkolepsie (n=0) stieg nicht an nach COVID-19, Influenza und bakteriellen Lungenentzündungen.

Die Nachbeobachtungszeit von 1 Jahr sei aber wahrscheinlich zu kurz, um längerfristige Veränderungen festzustellen, wie dies bei Multipler Sklerose nach einer Ebstein-Barr-Virus-Infektion der Fall ist, heißt es in der Studie (Sage Journals 2022; DOI: 10.1177/1352458513513968).


Aus: "COVID-19 und Influenza erhöhen Risiko für neurodegenerative Erkrankungen – mit einer Ausnahme" (Montag, 27. Juni 2022)
Quelle: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/135389/COVID-19-und-Influenza-erhoehen-Risiko-fuer-neurodegenerative-Erkrankungen-mit-einer-Ausnahme
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