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[...] Zum 50. Jahrestag ist die erste Mondlandung unglaublicher denn je: Die NASA hatte es ganz knapp geschafft, innerhalb des von John F. Kennedy angekündigten Jahrzehnts, Amerikaner auf den Mond zu bringen. Knapp drei Jahre später war nach der Landung von Apollo 17 dann alles vorbei und seitdem hat kein Mensch mehr den Mond betreten, geschweige denn eine auch nur annähernd ähnliche Leistung bei der Erforschung des Weltalls erbracht.

Ende der 1960er Jahre schien noch alles möglich, der Weltraum stand uns offen – erwartungsgemäß hatten wir längst den Mars betreten haben müssen. Die Enttäuschung, die sich seitdem nicht nur in den USA über ausbleibende weitere Erfolge des Weltraumprogramms breit gemacht hat, erklärt wohl, warum sich Zweifel an der Echtheit der NASA-Mondmissionen hartnäckig halten. Fünfzig Jahre nach der ersten Mondlandung werden diese Zweifler eher mehr als weniger. Einen großen Anteil daran hat auch das Internet.

Angefangen hat wohl alles mit Bill Kaysing, einem ehemaligen US-Marine-Offizier, der einige Jahre vor der Mondlandung beim Raketen-Hersteller Rocketdyne als technischer Redakteur gearbeitet hatte. Rocketdyne produzierte die Raketenmotoren für die bei der Mondmission verwendete Saturn-V-Rakete. Nach seinem Ausscheiden bei der Firma, Jahre vor der eigentlichen Mondlandung, fing er an daran zu zweifeln, dass die USA tatsächlich die technischen Mittel dazu habe, Astronauten sicher vom Mond wieder auf die Erde zurück zu bringen.1976 veröffentlichte Kaysing in Eigenregie ein Heft namens "We Never Went to the Moon: America's Thirty Billion Dollar Swindle" und legte damit wohl den Grundstein für eine Reihe von Verschwörungstheorien, die behaupten, NASA wäre nie auf dem Mond gelandet und hätte die Mond-Missionen mit samt der entsprechenden Fernsehbilder komplett gefälscht.

Immer wieder wurde von Anhängern dieser Theorien behauptet, der bekannte Science-Fiction-Author Arthur C. Clarke hätte das Drehbuch zu dieser Inszenierung geschrieben. Stanley Kubrick soll als Regisseur für die gefälschten Aufnahmen verantwortlich gewesen sein, wohl wegen der damals bahnbrechenden Spezialeffekte seines Filmes "2001: Odyssee im Weltraum". Dieser war ein Jahr vor der Mondlandung in die Kinos gekommen und hatte die Darstellung des Weltraums im Film revolutioniert. Dass James Bond im ebenfalls thematisch von Weltraumthemen beeinflussten Film "Diamantenfieber" aus dem Jahr 1971 über ein Filmstudio der NASA stolpert, in dem Astronauten gerade in Schein-Zeitlupe Mond-Szenen nachstellen, war zwar lustig, hat aber den Verschwörungstheorien damals ziemlich wahrscheinlich noch mehr Aufwind in den Augen der Öffentlichkeit gegeben.

Die Errungenschaften der Apollo-Missionen erschienen auf einmal so unglaublich, dass es für einige einfacher zu sein schien, an eine großangelegte Desinformationskampagne der US-Regierung zu glauben. In der politisch aufgeheizten Situation auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges – eben jene Situation, die erst zur Entstehung des waghalsigen Wettrennens zum Mond geführt hatte – ist diese Denkweise weit weniger abwegig, als sie heutzutage erscheint.

Man muss sich dabei vor Augen führen, dass das Vertrauen der US-amerikanischen Öffentlichkeit in die eigene Regierung in den 1970er Jahren einen absoluten Tiefpunkt erreicht hatte. Die Pentagon Papers hatten 1971 gezeigt, dass die Johnson-Regierung das eigene Volk gezielt über die Vorgänge im Vietnam-Krieg belogen hatte. Ein Jahr später brach der Watergate-Skandal über die Folgeregierung Nixon herein. Im Jahr 1979 schließlich kam eine Untersuchung des US-Kongresses zu dem Schluss, dass die Attentate auf John F. Kennedy und Martin Luther King höchstwahrscheinlich auf eine Verschwörung zurück zu führen waren.

Dass auch andere Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Regierung in diesem politischen Klima an Popularität gewannen, ist nachvollziehbar. Schließlich sind Verschwörungstheorien nicht pauschal immer Blödsinn, denn manchmal finden im politischen Leben tatsächlich Verschwörungen statt – etwa die Planung des Mauerbaus durch die DDR oder der Versuch der Sowjetregierung, das Tschernobyl-Unglück zu vertuschen. Was sich allerdings durch den damaligen Zeitgeist noch einigermaßen erklären ließ, nahm im Laufe der Zeit geradezu groteske Züge an.

Nach Kaysings bahnbrechendem Buch kamen immer mehr Autoren, Filmemacher und eine Ansammlung merkwürdiger Gestalten auf die Idee, die Mondlandung anzuzweifeln. Ihre Erklärungen dafür reichen von den riesigen Kosten des Unternehmens, über angebliche optische oder akustische Anomalien in Fotos und Filmmaterial bis hin zur vermeintlich unüberwindbaren kosmischen Strahlung außerhalb des Magnetfeldes der Erde, die ihren Berechnungen nach sofort zum Tod der Astronauten geführt hätte.

Obwohl Wissenschaftler und Experten seitdem viele dieser Argumente eindeutig widerlegt haben und externe Quellen eigene Beweise für die Hinterlassenschaften der Apollo-Missionen auf dem Mond gefunden haben, hielten sich diese Theorien hartnäckig über die '80er und '90er Jahre hinweg und wurden von ihren Verfechtern stetig weiter ausgebaut. Die Verteidiger der Theorie von der gefakten Mondlandung lassen sich nicht mal dadurch von ihrem Irrglauben abbringen, dass selbst die Daten der Sowjets den Mondflug ihres Erzfeindes bestätigen. Mittlerweile werden selbst Vergleiche zu Filmaufnahmen von Weltraumspaziergängen von ISS-Astronauten dazu herangezogen, die angeblichen Fehler im angeblich gestellten Apollo-Filmmaterial aufzuzeigen.

Mit der Popularisierung des Internets würde die Behauptung vom großen Fake in weitere Bereiche der Gesellschaft getragen und dort weiterentwickelt. Obwohl das Internet seinen Benutzern einen bisher nie dagewesenen Zugang zum gesammelten Wissen der Welt ermöglicht, schafft es zunehmend eben auch einen Raum, in dem jeder seine Theorien in einem ganz neuen Maßstab verbreiten kann. Den Mondlandungs-Zweiflern wurde auf diesem Wege eine Plattform verschafft, bei der es nicht darauf ankommt, wie gut sich eine entsprechende Theorie belegen lässt, sondern eher darauf, wie gerne ihre Empfänger an sie glauben wollen.

Wo Mondlandungs-Verschwörungstheorien früher eher die Domäne von Autoren, Filmemachern und einigen ins Abseits geratenen Journalisten waren, werden sie heute vor allem von Podcastern und YouTubern vorgetragen und auf Reddit und Facebook verbreitet. Diese Theorien sind damit verstärkt aus den Untiefen abseitiger Diskussionsforen direkt in eine sich neu entwickelnde Medienlandschaft übergegangen.

Wohingegen in den '70ern solche Verschwörungstheorien hauptsächlich vom Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung vorangetrieben wurden, gesellt sich im Internet dieser Tage das Misstrauen vor der Presse und elitären Wissenschaftlern als wichtigerer Faktor hinzu. Und im Gegensatz zum Glauben an eine flache Erde, an eine Regierungsverschwörung zur gezielten Wetterveränderung oder der Bewusstseinsmanipulation mittels Chemtrails ist das Misstrauen darüber, dass die NASA im Jahr 1969 einen Mann auf den Mond schicken konnte wenn sie es heute nicht mal mehr hinbekommt, selbst Astronauten auf die ISS zu fliegen, noch eine eher naheliegende Denkrichtung. Dass die NASA damals jahrelang knapp vier Prozent des riesigen Staatshaushaltes der Vereinigten Staaten verschluckte, um diese Mammutleistung zu erbringen, blenden viele YouTube-Zuschauer vermutlich einfach aus.

Mal davon abgesehen, wie unwahrscheinlich es ist, dass die NASA bei knapp 400.000 beteiligten Personen ein solches monumentales Geheimnis fünfzig Jahre erfolgreich vertuschen konnte. Ist es wirklich glaubhafter, dass diese angebliche Verschwörung selbst fünfzig Jahre später noch (mit neuen, glasklaren Filmaufnahmen) überzeugende PR-Arbeit leistet als zu akzeptieren, dass Armstrong und Aldrin wirklich den Mond betreten haben? Auf der großen Bühne des Internets, so scheint es, sind alle Theorien gleich. Dem YouTube-Algorithmus sei Dank.

Geschichtswissenschaftlich interessierte Beobachter wird es indes nicht überraschen, dass sich solche abwegigen Theorien nach wie vor beständig halten. Immer wieder müssen wir feststellen, dass mit zunehmendem Abstand zu einem geschichtlichen Ereignis die vorhandenen Fakten von einer wachsenden Anzahl an Überlieferungen und Mythen begleitet oder gar überdeckt werden. Mit der Zeit kommen Originaldokumente unweigerlich abhanden, Augenzeugen sterben und neue Generationen wachsen ohne direkte Erinnerung an die entsprechenden Vorkommnisse heran, was zu Zweifeln und Desinformation führt.

Den Historikern und anderen Wissenschaftlern stehen dann in zunehmendem Maße Stimmen gegenüber, die eine eigene Version der historischen Ereignisse propagieren. Ein gutes Beispiel ist die systematische Vernichtung von Menschen jüdischen Glaubens, Homosexuellen und anderen Bevölkerungsgruppen im Dritten Reich – auch hier wächst mit zunehmender historischer Distanz die Zahl der öffentlichen Zweifler an einem historisch eindeutig belegbaren Ereignis. Zweifel an der Echtheit der Mondlandung scheinen vergleichsweise harmlos zu sein, sie unterliegen aber den gleichen gesellschaftlichen Phänomenen.

Es liegt in der Natur des Menschen, zu zweifeln. Oft handelt es sich dabei um einen guten, gar lebenswichtigen Instinkt. Er ist der Ausgangspunkt allen wissenschaftlichen Denkens und die Grundlage guter journalistischer Berichterstattung. Zweifel können sich aber eben auch verselbstständigen und zu den absurdesten Glaubensvorstellungen führen. Es ist nur zu erahnen, wie frustrierend solche fehlgeleiteten Überzeugungen für die eigentlichen Beteiligten der Mondmissionen sein müssen.

Irgendwie kann man es einem harten Knochen wie Buzz Aldrin in diesem Zuge kaum verübeln, dass er 2002 dem Mondlandungs-Verschwörungstheoretiker Bart Sibrel mit geschlossener Faust ins Gesicht schlug, nachdem dieser Aldrin mit einer Bibel bedrängt und als Feigling und Lügner bezeichnet hatte. Er sei schließlich nie auf dem Mond gewesen. Angesichts der Absurdität der Provokation kam selbst der Richter, der sich später mit diesem Fall auseinandersetzen musste, zu dem Schluss, dass Aldrin nichts vorzuwerfen sei.


Aus: "Die Mondlandung, ein Magnet für Verschwörungstheorien" Fabian Scherschel (19.07.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Die-Mondlandung-ein-Hort-fuer-Verschwoerungstheorien-4472198.html?seite=all

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"Erinnerungskultur : "Auf subtile Weise mit dem NS-Regime kooperiert"" Interview: Kilian Trotier (8. Mai 2019)
74 Jahre sind seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen. Doch ausgerechnet die Geschichtsvereine haben die Zeit immer noch nicht aufbereitet – dabei kooperierten sie selbst mit dem NS-Regime. Der Historiker Gunnar B. Zimmermann hat erforscht, wie sich der Verein für Hamburgische Geschichte unterm Hakenkreuz verhalten hat. "Bürgerliche Geschichtswelten im Nationalsozialismus" heißt seine über 700 Seiten starke Studie. Hier erzählt er, was er über die Hamburger Historiker und Archivare herausgefunden hat. ...
https://www.zeit.de/hamburg/2019-05/geschichtsverein-hamburg-ns-zeit-gunnar-zimmermann

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[...] Die Behörden hörten die Handygespräche der Rechtsextremisten vor dem Anschlag ab. Sie können nachweisen, dass ein ehemaliger Neuköllner NPD-Funktionär und ein früheres AfD-Mitglied Kocak verfolgten und seinen Wohnsitz ermittelten. Polizei bleibt tatenlos

Der Verfassungsschutz gab dies an das Landeskriminalamt weiter. Doch LKA und Polizei taten: nichts. „36 Stunden nachdem der Verfassungsschutz dem LKA mitgeteilt hatte, dass die Neonazis wissen, wo ich wohne, wurde der Brandsatz gelegt. Wir sind nur mit sehr viel Glück mit dem Leben davon gekommen.“

... Sowohl die Opfer der Anschlagsserie als auch die Öffentlichkeit werden von staatlichen Stellen nicht über den Stand der Ermittlungen informiert. Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus fragt sich vor allem, wie die Täter die Wohnorte ihrer Opfer erfahren.

... „Die Frage ist, ob es mehr oder weniger ein Datenleck seitens der Behörden gibt, eine Datendurchlässigkeit an die Außenwelt, also dementsprechend auch an die möglichen rechtsextremen Täter – und wie auch rechtsextreme Einstellungen bei der Berliner Polizei verbreitet sind.“

Haben Ermittler beim Landeskriminalamt möglicherweise vorsätzlich aus vorliegenden Informationen über die rechtsextremen Täter keine Konsequenzen gezogen? Haben die Ermittler die Täter gar bewusst gedeckt?
Berlins Innensenator Andreas Geisel regte eine Untersuchung der Vorfälle durch den Generalbundesanwalt in Karlsruhe an. Und Ferat Kocak fordert einen Untersuchungsausschuss über „rechte Strukturen bei der Berliner Polizei“.


Aus: "Rechter Terror in BerlinAnschlag unter Aufsicht" Sebastian Engelbrecht (01.04.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/rechter-terror-in-berlin-anschlag-unter-aufsicht.1001.de.html?dram:article_id=445126

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[...] Seit Mai treffen sie sich jeden Donnerstagmorgen vor dem Berliner LKA: Menschen, die Opfer rechtsextremistischer Straftaten geworden sind, die wie Christiane Schott aus der Britzer Hufeisensiedlung seit 2011 „sieben Anschläge auf unser Haus und eine Schmiererei an der Hauswand“ erleben mussten.

Christiane Schott hat die Bürgerinitiative „Basta“ mitgegründet, die sich für die Aufklärung rechtsextremistischer Straftaten im Süden Neuköllns einsetzt. Ein gutes Dutzend Betroffener, die vor dem LKA demonstrieren und Schilder hochhalten, auf denen Sätze wie „Arbeiten LKA und Nazis zusammen?“ oder „LKA, aufwachen! Rechtes Auge öffnen“ stehen.

... seit 2016 gibt es in Neukölln eine Anschlagsserie. Die mobile Beratung gegen Rechtsextremismus und das Bezirksamt zählten mehr als 50 rechtsmotivierte Angriffe, darunter Brandanschläge und an Wände gesprühte Morddrohungen gegen Bürger.

Der Brandanschlag auf das Auto des Linken-Politikers Ferat Kocak Anfang Februar 2018 ist auch noch nicht aufgeklärt, obwohl der Verfassungsschutz (VS) vorab von den Anschlagsplänen erfahren haben soll. Und wieder soll es eine Informationspanne zwischen VS und Polizei gegeben haben. Kocaks Anwältin hat noch keine Akteneinsicht erhalten.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) sprach im Parlament von Anschlägen, „die durchaus als Terrorismus eingeschätzt werden können“. Die Polizei hat inzwischen eine 30-köpfige Ermittlergruppe gegründet: Sie soll bislang nicht erkannte Zusammenhänge zwischen Anschlägen gegen Politiker und Bürger zusammenführen, die sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus engagieren. Ermittlungserfolge sind nötig, „um das Vertrauen zur Polizei wieder aufbauen zu können“. Mit dieser Aussage steht Ferat Kocak nicht allein da.


Aus: "Nach Anschlagsserie im Süden Berlins: Neuköllner fühlen sich schutzlos im Kampf gegen Rechts" Sabine Beikler (20.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nach-anschlagsserie-im-sueden-berlins-neukoellner-fuehlen-sich-schutzlos-im-kampf-gegen-rechts/24681184.html

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[...] Sven Deppisch studierte Geschichte und Politische Wissenschaft an der LMU in München. Der promovierte Historiker arbeitet in den Bereichen Redaktion und Marketing und ist als Lehrbeauftragter an der Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern – Fachbereich Polizei tätig

Die junge Polizistin ist den Tränen nah, als sie im Unterricht für Polizeigeschichte erfährt, dass ihre Vorgänger in Uniform massenhaft Zivilisten umgebracht haben. Die Klasse mit 30 angehenden Kommissaren des bayerischen Staates bekommt hier in ihrer Ausbildungsstätte im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg zum ersten Mal Dinge zu hören, die seit Langem bekannt, aber nicht Allgemeinwissen sind.

Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begannen Polizisten, mit polizeilichen Methoden systematisch wehrlose Menschen zu töten. Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis: Die uniformierte Staatsgewalt beteiligte sich an der Ermordung von über zwei Dritteln aller jüdischen Opfer, wobei sie selbst etwa eine Million Menschen direkt erschoss. Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen.

Dieser erschütternde Befund zur Rolle der Polizei im „Dritten Reich“ scheint all jene zu bestätigen, die glauben, dass der „Freund und Helfer“ heute noch auf dem „rechten Auge“ blind sei. Skandale der jüngsten Vergangenheit geben ihnen anscheinend recht: So wird ein Frankfurter Polizist verdächtigt, 2018 einer türkischstämmigen Rechtsanwältin in der Mainmetropole Drohfaxe geschickt zu haben, von denen zumindest eines mit „NSU 2.0“ unterschrieben war.

Mit Kollegen soll er sich auch in einer Chatgruppe befunden haben, in der Hitlerbilder und Hakenkreuze kursierten. Wegen des Verdachts auf Rechtsextremismus wird allein in Hessen gegen insgesamt 38 Beamte ermittelt.

Auch mehrere Münchner Polizisten machten im März 2019 von sich reden, weil sie über WhatsApp antisemitische Videos geteilt hatten. Eine Gruppe von ehemaligen und aktiven Elitebeamten aus Mecklenburg-Vorpommern hortete Unmengen an Munition aus den Beständen des Landeskriminalamts. Sie erstellten Listen mit unliebsamen Politikern, die sie offenbar bei einer Staatskrise am „Tag X“ liquidieren wollten.

Für solche besorgniserregenden Zustände werden allerhand Gründe ins Feld geführt: eine tendenziell eher konservativere Grundhaltung von Polizeibeamten, Überforderung durch viele Überstunden und Personalmangel, negative Erfahrungen mit Ausländern, steigende Gewalt gegenüber Polizisten.

Doch damit lassen sich derartige Auswüchse nicht erklären – und rechtfertigen schon gleich gar nicht. Zusammen mit weiteren Missständen, Einsatz- und Ermittlungspannen legen die oben genannten Vorfälle eher den Schluss nahe, dass etwas mit dem Geist in der deutschen Polizei nicht stimmt. Befinden sich aber deshalb gleich alle rund 300.000 Beamten bundesweit in einer politisch-moralischen Krise? Keineswegs!

Als Dozent für Polizeigeschichte spreche ich mit den angehenden bayerischen Kommissaren auch über aktuelle Skandale in der Polizei und stelle sie in einen historischen Kontext – soweit es die knapp bemessene Zeit zulässt. Die Reaktionen zeigen, dass das Verhalten ihrer Berufsgenossen auch für sie unfassbar ist.

Von der Weimarer Demokratie bis in die Bundesrepublik liefert der Unterricht einen Überblick über die häufig unrühmliche Geschichte der deutschen Polizei – seit Frühjahr 2018 ein Novum im Freistaat.

Im Zentrum steht die Rolle der Polizei im Natio­nalsozialismus. Dabei spielen sich in jedem Semester nahezu die gleichen Szenen ab: In meinen Klassen sitzen etliche Studenten, die anfangs recht amüsiert sind und kichernd miteinander tuscheln. Wahrscheinlich denken sie sich: „Jetzt will ausgerechnet ein Historiker uns Polizisten etwas über die Polizei erzählen!?“

Dementsprechend nehmen einzelne die Lehrveranstaltung zunächst auf die leichte Schulter, während die Mehrheit ihrer Kommilitonen gespannt ist, was auf sie zukommt. Es ist ein Rendezvous mit der Vergangenheit ihrer eigenen Institution. Deren Beteiligung am Holocaust ist ein elementarer Teil des Unterrichts.

Dieser zielt aber keineswegs darauf ab, den künftigen Führungskräften der Polizei einen Kulturschock zu verpassen. Er wirft schlicht wichtige Fragen auf: Wie wurde die Polizei zu dem, was sie heute ist? Welche Lehren kann ich aus der Geschichte ziehen? Ist das alles längst vergangen oder hat das auch etwas mit mir zu tun? Wie hätte ich mich in der jeweiligen Situation verhalten? Hätte ich mitgeschossen oder mich dagegen entschieden?

Als Polizeihistoriker befasse ich mich schon seit vielen Jahren mit Fragen rund um die dunkle Vergangenheit der deutschen Staatsgewalt. In meiner Doktorarbeit untersuchte ich anhand der Polizeischule Fürstenfeldbruck, an der ich heute ebenfalls unterrichte, wie die Nationalsozialisten die Führungskräfte der Ordnungspolizei ausbildeten und welche Folgen das hatte.

Hunderte Männer aus ganz Deutschland und Österreich besuchten in der oberbayerischen Bildungsstätte spezielle Lehrgänge, aus denen sie als Polizeioffiziere hervorgehen sollten. Diese Kurse zielten besonders darauf ab, sie auf ihren Kriegseinsatz und vor allem auf den Kampf gegen „Banden“ vorzubereiten.

Erschreckend viele Schüler, aber auch Lehrer und sogar Schul­leiter verübten in den besetzten Gebieten zahlreiche Gräueltaten an Juden und anderen Opfern. Ihre Taten reichten von Massenerschießungen über Sexualverbrechen an Kindern bis zur Vernichtung ganzer Dörfer.

Für meine Studenten ist das kein leicht verdaulicher Lehrstoff; und sie reagieren ganz unterschiedlich. Die einen lassen den Unterricht über sich er­gehen, verfolgen ihn teilnahmslos und fragen sich wohl bis zum Schluss, was ihnen das eigentlich bringen soll. Andere zeigen sich deutlich interessierter: durch aktive Mitarbeit, Wortbeiträge und Nachfragen.

Mehrfach kamen einzelne auf mich zu, um mir für den Unterricht zu danken. Junge Polizisten reagieren also durchaus engagiert, wenn sie von der mörderischen Historie ihres Dienstherrn erfahren – und das ist keineswegs selbstverständlich. Denn schließlich sind sie Nachfolger der einst eben hier im nationalsozialistischen Ungeist unterrichteten Offiziersanwärter.

Seither hat sich die Mentalität innerhalb der Polizei enorm zum Guten gewandelt. Sie bemüht sich sehr darum, ihren Angehörigen demokratische Werte zu vermitteln. In der Theorie ist jeder Polizist ein Muster­demokrat – zumindest, wenn es nach der Exekutive selbst geht. Für die absolute Mehrheit der uniformierten Staatsdiener trifft das auch zu.

Die Praxis zeigt jedoch auch, dass sich einzelne Beamte nicht so verhalten, wie man es von Demokraten in Uniform erwarten muss. Im Gegensatz zu den von ihrer Institution vorgegebenen Normen pflegen sie eine inoffizielle Polizistenkultur, die wesentlich durch eigene Erfahrungen im Einsatz und die Kameradschaft geprägt wird.

Schlimmstenfalls bilden sich so Grüppchen innerhalb der Polizei, die sich gemeinsam radikalisieren und ein übersteigertes Freund-Feind-Denken entwickeln. Werden einzelne meiner Studenten irgendwann einmal auch zu ihnen zählen? Obwohl ich es mir nur schwer vorstellen kann, wird es die Zeit zeigen. Als angehende Führungskräfte der bayerischen Polizei werden sie nicht zuletzt für das Befinden ihrer Untergebenen verantwortlich sein und solche Vorgänge zu verhindern haben.

Jeder von ihnen hat es in der Hand, an den künftigen Kapiteln der Polizeigeschichte mitzuschreiben. Im Rahmen seiner Möglichkeiten kann jeder Einzelne für sich bestimmen, wie diese aussehen sollen.

Die Vergangenheit zeigt, welche katastrophalen Folgen es haben kann, wenn Polizisten ihre Macht missbrauchen, Befehle blindlings befolgen und ihre Karriere über Menschenleben stellen. Dahingehend müssen die Gesetzeshüter von heute und morgen sensibilisiert werden.

An ihren Lehranstalten dominieren jedoch andere Themen, die Geschichte ihrer Institution kommt in der Ausbildung viel zu kurz. Ein Allheilmittel ist sie nicht. Wer sich als Gesetzeshüter mit ihr auseinandersetzt, ist nicht davor gefeit, politisch abzudriften, selbst gegen das Gesetz zu verstoßen und eine Gefahr für Bürgerinnen und Bürger zu werden, statt sie zu schützen.

Aber die Erinnerungskultur muss gerade innerhalb der Polizei intensiver gepflegt werden, um ihre Angehörigen und damit auch uns so gut wie nur möglich davor zu bewahren, selbst zum Gegenstand weiterer dunkler Kapitel ihrer Geschichte zu werden.


Aus: "Polizei im Nationalsozialismus: Rendezvous mit der Vergangenheit" Sven Deppisch (19.7.2019)
Quelle: https://taz.de/Polizei-im-Nationalsozialismus/!5607287/

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Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / Thomas Metzinger...
« on: July 19, 2019, 12:13:47 PM »
"Das philosophische Radio mit Thomas Metzinger – Aus dem "Ego Tunnel" - das Selbst" (06.05.2019)
Geist und Bewusstsein sind fest verankert in unserem Bild vom Menschen. Der Neuro-Philosoph Thomas Metzinger hält das allerdings für eine Konstruktion: Wir leben in einem Ego-Tunnel voller Illusionen.
Studiogast: Thomas Metzinger, Philosoph Moderation: Jürgen Wiebicke Redaktion: Gundi Große WDR 5 (2014)
https://youtu.be/MQascfS_dpA

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"Laser-Holografie: Forscher schreiben Erregungsmuster direkt ins Gehirn" Jan Dönges (03.05.2018)
Jeder Gedanke äußert sich als komplexes Muster in der Aktivität der Hirnzellen. In winzigen Ausschnitten des Kortex übernehmen nun Forscher das Ruder - und geben das Muster vor. ...
https://www.spektrum.de/news/forscher-schreiben-erregungsmuster-direkt-ins-gehirn/1563032

"Neurowissenschaft: Schon wenige Hirnzellen lassen Mäuse halluzinieren" Daniela Zeibig (18.07.2019)
Forscher haben Mäuse auf Knopfdruck halluzinieren lassen – und dabei etwas über die visuelle Wahrnehmung gelernt. ... Erstaunlicherweise mussten die Wissenschaftler nur verblüffend wenige Neurone stimulieren, um die Nager die Streifenmuster »halluzinieren« zu lassen: In manchen Fällen reichten bereits weniger als 20 Nervenzellen aus, um eine entsprechende Kaskade im Gehirn auszulösen. »Ein Mäusehirn hat Millionen Neurone, ein menschliches viele Milliarden«, sagt der Optogenetik-Pionier Karl Deisseroth, der ebenfalls an der Untersuchung beteiligt war. Wenn bereits so wenige Zellen eine Wahrnehmung erzeugen können, dann sei die spannende Frage eigentlich nicht, warum wir manchmal unter bestimmten Umständen halluzinieren – sondern eher, warum wir es nicht ständig tun. ...
https://www.spektrum.de/news/schon-wenige-hirnzellen-lassen-maeuse-halluzinieren/1660594



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Christian Fuchs Verifizierter Account @ChristianFuchs

Christian Fuchs hat Ernst Eckhardt retweetet
Antwort an @ChristianFuchs_ @HGMaassen und
Gerade auf JournalistenWatch entdeckt. Sehr merkwürdig!
 Die Polizei von Nordhein-westfalen wirbt auf Youwatch gleich neben Reconquista und Aufruf zu IB Demo in Halle um neue Polizisten. @PolizeiSachsen @polizei_nrw_k Alles Strange! ...


Habe mit Polizei NRW gesprochen. Niemals hat sie auf Journalistenwatch geworben - auch nicht indirekt über GoogleAds. Das Portal ist bei Polizei auf der Blacklist. Scheinbar hat Jouwatch die echte Anzeige illegal publiziert, um seriöser zu wirken. Gute Idee, sich mit Polizei anzulegen?

09:48 - 17. Juli 2019


https://twitter.com/ChristianFuchs_/status/1151534140002582533?s=03



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[...] Am Wochenende outete sich ein Prominenter als Leser des rechtspopulistischen Blogs Journalistenwatch. Der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen teilte auf Twitter einen Artikel dieses Portals, das systematisch revisionistische, rassistische und antisemitische Inhalte verbreitet. Später löschte Maaßen die Empfehlung kommentarlos. Beiträge unterschiedlicher Persönlichkeiten aus dem rechten Spektrum erschienen in den vergangenen sieben Jahren in dem Onlinemedium: Die Publizisten Akif Pirinçci und Vera Lengsfeld veröffentlichten dort Texte ebenso wie der Verleger Götz Kubitschek oder der damalige österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ). Eine Videokolumne von Henryk Broder wird publiziert und ein Videoformat des Sprechers der Identitären in Österreich, Martin Sellner.

Nach Information von ZEIT ONLINE hat Journalistenwatch nun aber einen Unterstützer weniger: den Staat. Das Finanzamt Meißen entzog dem Trägerverein des Portals die Gemeinnützigkeit. Spender können ihre finanzielle Unterstützung nicht mehr steuerlich absetzen. Die Behörde wollte sich mit Verweis auf das Steuergeheimnis nicht offiziell äußern.

Im Impressum von Journalistenwatch fehlt seit spätestens Anfang Juni 2019 der Hinweis auf den Gemeinnützigkeitsbescheid des Finanzamts und die Steuernummer des Vereins. Die Vereinsvorsitzende Marilla Slominski dementierte den Verlust der Gemeinnützigkeit nicht, sondern bat auf Anfrage nur darum, ihre Mitarbeiter nicht weiter zu "belästigen". Nach der Anfrage von ZEIT ONLINE findet sich im Impressum ein Verweis auf die Satzung des Vereins, der eine Gemeinnützigkeit suggeriert.

Das Portal ist seit seiner Gründung 2011 zu einem der einflussreichsten Medien der Neuen Rechten geworden. Es ist ein Knotenpunkt der Szene, ein Scharnier auch zwischen den zwei verfemten Lagern der Strömung, den islamfeindlichen Rechtspopulisten und den völkischen rechtsextremen Strategen.

Nach Angaben von Journalistenwatch besuchen Hunderttausende Menschen täglich die Seite. Verifizierbar ist das nicht, weil das Onlinemedium seine Reichweite nicht unabhängig messen lässt. Aber der Statistikanbieter Alexa schätzt die Resonanz auf fast 300.000 Seitenbesuche am Tag. Laut dem Analysedienst 10000flies erreicht Journalistenwatch vor allem über die sozialen Medien viele Leser – auf Facebook liegt es noch vor Angeboten wie FAZ, SZ oder ZEIT ONLINE.

Auf der Website werden reißerische und menschenverachtende Artikel publiziert mit Überschriften wie "17-jähriges Goldstück aus Somalia auf Sextrip in Bonn" oder "Irrenhaus Deutschland: Moslems sind Nazis, und Nazis sind Moslems?". Über hundert weitere Texte, zum Beispiel über "Terror-Goldstücke" und "Macheten-Fachkräfte", so werden hier Migranten häufig genannt, wurden bisher auf der Seite veröffentlicht.

In vielen Artikeln machen Autoren Stimmung gegen alles, was nicht ins radikal rechte Weltbild passt: Einige Autoren hetzen gegen Vertreter jüdischer Organisationen, gegen Seenotretter, Politiker etablierter Parteien und kritische Journalisten seriös arbeitender Medien. Die Macher verallgemeinern, spitzen zu und verzerren so die Realität. Sexuelle Übergriffe von Geflüchteten werden beispielsweise gemeldet, die viel häufigeren Vergewaltigungen durch deutsche Täter sind hingegen kein Thema.

Der "Journalistenwatch e.V. – Verein für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit" wurde vor sieben Jahren in Berlin gegründet und betreibt das Blog. Von Anfang an versuchte der Verein, gemeinnützig zu werden. Bereits in der ersten Satzung, die ZEIT ONLINE vorliegt, heißt es im Paragraph 1, dass Journalistenwatch "ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke" verfolge, insbesondere "die Förderung der demokratischen und staatsbürgerlichen Bildung". Später wurde daraus "Volksbildung".

Noch 2016 forderte das Amtsgericht Berlin aber eine Nachbesserung in der Satzung, damit die Gemeinnützigkeit zuerkannt werden könne. Kurz darauf verlegten die Gründer den eingetragenen Verein dann nach Jena, wo er im Februar 2017 als gemeinnützig anerkannt wurde. Nun warb das Portal mit diesem Hinweis Geld ein: "Sie sparen mit jeder Spende Steuern und können so dem 'Merkel-Regime' noch zusätzlich eins auswischen."

Im vergangenen Jahr entbrannte eine Debatte um die Gemeinnützigkeit politisch ausgerichteter Vereine. Die linken Globalisierungskritiker von Attac verloren ihre Gemeinnützigkeit, auch der linksliberalen Deutschen Umwelthilfe sollte nach Willen von CDU-Politikern dieser Status aberkannt werden – Letzteres bisher ohne Erfolg.

Allerdings haben auch rechte Vereine Schwierigkeiten mit der Anerkennung als gemeinnützig. Dem AfD-Unterstützerverein "zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten e.V." aus Stuttgart wurde die Gemeinnützigkeit 2017 gar nicht erst zuerkannt. Andere rechtslastige Vereine wie die Ludendorff-Gedenkstätte im bayerischen Tutzing oder die Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft in Hamburg gelten seit Jahrzehnten als gemeinnützig, berichtete das ARD-Magazin Panorama im Frühjahr.

Als das Finanzamt Jena, wohl auch durch kritische Berichte über Journalistenwatch, auf die Aktivitäten der Seite und den Widerspruch zum vermeintlichen Vereinszweck aufmerksam wurde, verlegte der Verein vergangenes Jahr seinen Sitz abermals, diesmal ins sächsische Meißen, wie der Tagesspiegel herausfand.

Mit einer rechtlich korrekten Satzung ist es in Deutschland relativ einfach, die Gemeinnützigkeit für einen Verein zu erhalten. Finanzbeamte prüfen zunächst nur nach Papierlage, meist auch das nur kursorisch. Die zuständigen Finanzbehörden haben schlicht zu wenig Mitarbeiter, um die tatsächlichen Aktivitäten von Vereinen zu prüfen. Die Aberkennung des steuerbegünstigten Status ist daher schwerer, oft kommt es zu langwierigen Verfahren bei Finanzgerichten. Abstimmungen zwischen den Finanzbehörden aus Sachsen und Thüringen führten wohl nun zu dem Ergebnis, die Gemeinnützigkeit von Journalistenwatch abzuerkennen.

Auch wenn der Verein inzwischen im sächsischen Meißen gemeldet ist, scheint das Medium auch von Sachsen-Anhalt aus betreut zu werden. Die Gründer des Portals haben sich unweit des Hauses der rechtsextremen Identitären in Halle niedergelassen, in der Nachbarschaft des neurechten Antaios-Verlags, der Zeitschrift Sezession und des Instituts für Staatspolitik, einer Ausbildungsstätte von Funktionären der Neuen Rechten. Die AfD hat in der Region große Wahlerfolge erreicht.

Der Vereinsgründer Thomas Böhm hat eine merkwürdige journalistische Karriere hingelegt. Nach dem Volontariat bei der linken tageszeitung (taz) arbeitete er für das Berliner Boulevardblatt B.Z., um sich später mit einer Illustrierten für alle Hundeliebhaber im Internet selbstständig zu machen. Böhm gründete in Deutschland die rechtspopulistische Partei Die Freiheit mit, eine Schwesterpartei der "Partij voor de Vrijheid" von Geert Wilders in den Niederlanden. In Bayern wurde Die Freiheit vom Verfassungsschutz beobachtet.

Die Partei löste sich 2016 zugunsten der Alternative für Deutschland auf, viele Mitglieder wechselten zur AfD. Die parteinahe Stiftung der Freiheit wurde von AfD-Mitgliedern übernommen und war lange Zeit im Gespräch als offizielle AfD-Stiftung. Bis heute ist Thomas Böhm auch Geschäftsführer der rechten Bürgerbewegung Pax Europa. In dieser Zeit gründete er auch Journalistenwatch.

Finanziell unterstützt wurde das Portal seit den Anfängen auch von der islamfeindlichen Organisation Middle East Forum aus den USA. Die meisten Einnahmen stammen heute aber, nach eigener Aussage, von Spendern und Anzeigenkunden. Und Letztere gibt es zahlreich auf den Seiten. Über einen Drittanbieter wurden Werbebanner großer Firmen wie der Deutschen Bahn angezeigt – die Firmen finanzierten damit das politisch extreme Portal mit. Die Deutsche Bahn bedauerte dies auf Anfrage und teilte mit, dass "die besagte Webseite auf eine blacklist gesetzt wird" und künftig keine DB-Werbung mehr auf Journalistenwatch zu sehen sein wird. "Selbstverständlich hat Werbung der Deutschen Bahn auf rechtspopulistischen Seiten nichts zu suchen", so ein Sprecher.

Die meiste Werbung stammt jedoch von einschlägig rechten Organisationen: Der Kopp-Verlag wirbt für seine Bücher, außerdem werben auch die AfD und Pax Europa. Zuletzt war zudem ein Werbebanner für ein sogenanntes Patriotisches Sommerfest der Identitären geschaltet. Gerade erst hat das Bundesamt für Verfassungsschutz diese Gruppe als rechtsextrem eingestuft.

Bis vor neun Monaten war Hans-Georg Maaßen noch Präsident genau dieser Behörde.


Aus: ""Journalistenwatch": Hetze ohne Spendenquittung"  Christian Fuchs (18. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-07/journalistenwatch-rechtsextremismus-hetze-plattform-gemeinnuetzigkeit/komplettansicht

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Guglmann #16

Ich möchte "Journalistenwatch" nicht missen, da ich an Meinungsvielfalt interessiert bin.
Das übliche "alles Nazis" zieht bei mir nicht.


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anderfoerde #16.4

Den "Spaß" nimmt Ihnen niemand. Lediglich die Gemeinnützigkeit wurde entzogen. Die Seite dürfen Sie nach wie vor konsumieren. Nur weiß ich nicht, wen hier Ihre Auswahl der Medien zur Bildung Ihrer Meinungsvielfalt interessiert...


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CAM_2903 #16.6

Es muss im Weltnetz auch Seiten für diejenigen geben, für die pi-news zu intellektuell ist.....


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12. März 2019 Christian Fuchs - Verifizierter Account @ChristianFuchs_

Sie planen die Revolution von rechts. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern: "Das Netzwerk der Neuen Rechten".
Die Deutschlandkarte mit über 150 neurechten Medien, Denkfabriken sowie Kampagnen & ihren Verbindungen hier: http://www.neuerechte.org


https://twitter.com/ChristianFuchs_/status/1105374371508563969

In dem Buch enthüllen wir erstmals das Ausmaß und die ganze Breite des Milieus - seine ideologischen Grundlagen, seine führenden Köpfe, seine wichtigen Zeitschriften, Verlage, Internet-Plattformen, Burschenschaften und Finanziers. Und wir erklären die Aktionsformen und Strategien der Szene, zeigen die engen Kontakte zur AfD auf, wie die Strömung international vernetzt ist und wie sie den Anschluss an die gesellschaftliche Mitte sucht.
"Christian Fuchs und Paul Middelhoff sind tief eingetaucht in das Milieu. Sie belegen in ihrem Buch, in welchem Ausmaß rechte und rechtsradikale Parteien und Bewegungen und ihre publizistischen Helfer in der Bundesrepublik die politische und mediale Agenda bestimmen." (Süddeutsche Zeitung) ...
https://www.neuerechte.org/


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Photography (Bild & Kunst) / urban exploration (Lost Places)...
« on: July 18, 2019, 04:39:20 PM »
A web gallery for abandoned photography
https://abandonedography.com/

https://blog.uni-koblenz-landau.de/urban-exploration-morbide-faszination-fuer-verlassener-orte/

Urban Exploration - Marode Industrie - Architektur - Bilder vom Zerfall bedrohter und stillgelegter Lost Places. Urbex von Industrieverfall und Industriekultur.
https://marodes.de/

https://die-verlassenen-orte.de/

https://www.panorama-frankfurt.de/html/urban_exploration_frankfurt.html

Urban Exploration Ruinenromantik oder Gesellschaftskritik?
Sie erkunden verlassene Industrieruinen und steigen auf die Gerüste städtischer Baustellen. Auch in Deutschland wollen sogenannte Urban Explorer den urbanen Raum neu für sich entdecken. Für manche ist es bloß ein Abenteuer, andere sehen sich als politische Aktivisten.
https://www.goethe.de/de/kul/mol/20448009.html?forceDesktop=1


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[...] Autor Thomas Ebermann über Lokalpatriotismus, Bodenständigkeit und die Behauptung, der Mensch sei ein Baum.

Herr Ebermann, viele Linke wollen den Heimat-Begriff links umdeuten mit der Begründung, den Rechten nicht das Feld zu überlassen. Kann das funktionieren?

Thomas Ebermann: Rechten macht man das Feld streitig, indem man ihnen widerspricht. Alles andere hat in der Geschichte eher dazu geführt, dass rechtes Gedankengut zur allgemeinen Sichtweise wurde. Denken Sie an die absurden Versuche der Weimarer Zeit, wenn Linke glaubten, die besseren Nationalisten sein zu müssen und ihre Abscheu vor den Versailler Verträgen noch vehementer betonten.

Bitte konkreter.

Heimat ist in jeder Hinsicht mit linkem Denken antagonistisch. Die erste Assoziation lautet ja meist Idyll, Vertrautheit, Harmonie. Der Gesellschaftskritiker oder der Nestbeschmutzer bestreitet das. Er verficht sogar, dass, wo diese Lügen aufgetischt werden, das Grauen am Heftigsten wütet.

Welche Lügen?

Heimat ist mit zwei weiteren Begriffen konnotiert: Erstens mit dem Lob der Verwurzelung, also der Behauptung, der Mensch sei ein Baum und ihn umzupflanzen, tue ihm Gewalt an. Und zweitens sollen angeblich die Bräuche der Region des Aufwachsens den Menschen prägen. Alle aufklärerische Hoffnung setzt jedoch darauf, dass der zur Reflexion fähige Mensch das trostlose Das-mach-man-hier-So überwinden kann. Heimat sagen jene, die auch gerne von Schicksal oder Schicksalsgemeinschaft sprechen, also von der Unentrinnbarkeit. Heimat ist deshalb ein Wort, das sehr nahe an der „Volksgemeinschaft“ siedelt, die wir ja hoffentlich auch nicht den Rechten durch Neuinterpretation entreißen wollen.

Wozu brauchen die Leute die Heimat? Beziehungsweise, warum ist sie für viele so positiv besetzt?

Es geht um die Romantisierung der Probleme, in denen man nun einmal steckt, oder die Romantisierung der Kindheit. Also das Vergessen der Angst vor der Schule, die Strafen, die man erlitten hat oder bei Mitschülern beobachtete, die einschüchternden Autoritäten – man wurde oft um das gute Leben betrogen. Wenn alte Männer über ihre Zeit bei der Bundeswehr erzählen, ist ja meist auch der Streich, den man dem Feldwebel gespielt hat, dominant und nicht die Tortur beim Nachtmarsch mit Gepäck. Und Rentner bescheinigen sich selbst oft ein erfülltes Berufsleben, obwohl sie lebenslang vom Chef drangsaliert wurden und vom Arbeitstempo überfordert waren. Heimat ist eine Ideologie, die mit dem bestehenden Falschen versöhnt. Außerdem ist auch längst schon empirisch erforscht, dass es einen engen Zusammenhang gibt zwischen behaupteter Heimatliebe und rassistischer Gesinnung.

Ist Heimat nicht auch bodenständig eine Aufwertung der regionalen Strukturen?

Bodenständigkeit ist für mich nur ein anderes Wort für Borniertheit. Wer singt „kein schöner Land in dieser Zeit“, oder aber moderne Hymnen gleichen Inhalts, leidet im Regelfall entweder an Geschmacksverirrung oder hat von der Welt nichts gesehen. Natürlich hat die Bodenständigkeit, also der Stolz auf sich und seine Scholle, auch eine gefährliche Dimension: Sie ist die Grundlage zur unterstellten Wurzellosigkeit, zum Fluch über den ewig herum wandern müssenden Juden. Die historischen Heimatvereine hatten deshalb ja meist auch ihre Arierparagraphen in der Satzung, die Juden ausschlossen. Die Bodenständigkeit ist ein typisches Wort, das man dem Leben auf dem Lande zuschreibt. Die Stadt ist dann Sündenpfuhl, Unsittlichkeit und historisch natürlich auch der Wohnort des rebellischen Proletariats.

Wie verhält es sich mit den bodenständigen, regionalen Produkten? Ist das nicht unterstützenswert?

Man sollte den regionalen Mittelstand nicht in den Himmel heben, sondern sich die Arbeitsbedingungen, die dort herrschen, kritisch ansehen. Gammelfleisch kommt nicht immer aus der Ferne.

Stichwort Mobilität. Kann es sein, dass die Heimat hier als Gegenmodell dient, die eine Ausgrenzung von Migranten legitimiert?

Selbstverständlich, bei dem Begriff Heimat schwingt ja immer mit, dass es eine „gute alte Zeit“ gegeben haben soll. Und das ist halt eine Zeit, in der – jedenfalls in der Fantasie – die Eingeborenen noch unter sich waren. Man kann sich einfach zwei gute Filme angucken: „Das weiße Band“ und „Drei Herren im Anzug“. Das müsste reichen, alle Verklärung der Vergangenheit ad acta zu legen.

Es heißt oft, Deutsche mit Migrationshintergrund könnten kein Heimatgefühl entwickeln. Warum sollten sie das müssen?

Natürlich müssen sie das nicht. Man muss sich die ganze Drohung und die ganze Gewalt, die in der Parole „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ liegt, doch nur vergegenwärtigen. Das wird nicht immer so drastisch formuliert, aber ist oft auch bei milderer Formulierung gemeint. Ein Mensch, der sich vielleicht ängstigt, sein Asylbewerberheim werde angezündet oder sie werde abgeschoben, hat gewiss andere Sorgen, als sich in ein Fachwerkhaus zu verknallen.

Wie beurteilen Sie den Lokalpatriotismus, wenn beispielsweise manche mit Deutschland nichts anfangen können, aber einen Ort als ihre Heimat begreifen?

Lokalpatriotismus ist doch nur die Einübung des Nationalismus im Kleinen. Jedenfalls gilt das immer, wenn nicht Sezessionismus, also die Lostrennung der Region aus dem Staat, im Spiel ist.

Was hat Heimat mit der deutschen Geschichte zu tun?

Die historische Heimatbewegung beziehungsweise der historische Heimatdiskurs waren immer so rechts, dass sie vom Nationalsozialismus übernommen und eben nicht missbraucht wurden.

Und nach 1945?

Als man nach 1945 nicht mehr so einfach „Blut und Boden“ sagen konnte, wurde Heimat, der Heimatfilm, zu Stellvertretern. Das wissen auch fast alle, die heute in den Medien ihre Sonderhefte und Serien zur neuen Heimatliebe publizieren. Immer findet sich in den Einleitungen ein Verweis, dass einem eigentlich ja bewusst sei, dass hier ein heißes, historisch vorbelastetes Thema angepackt werde. Mit dieser Pseudoreflexion erteilt man sich dann die Absolution, nun endlich unverkrampft und unbefangen loszulegen.

Heimat als rechtes Ventil?

Zumindest muss oft ein als modern geltender, des Hinterwäldlertums unverdächtiger Charakter herhalten, einer der viele Sprachen spricht, und weit in der Welt herum gekommen ist. Der erzählt dann, dass er weiß, wo er hingehört, wo er im Kirchenchor gesungen hat, und dass er im Garten des elterlichen Hauses endlich wieder Tomaten züchtet. Die gesellschaftliche Rechtsentwicklung zeigt sich ja gerade daran, dass alle Parteien Heimat auf ihre Wahlplakate schreiben, dass in diesem Punkt die Gesellschaft eine oppositionslose ist. Heimat, das ist der Zynismus, der mir immer dann begegnet, wenn bei einem Flugzeugabsturz der Nachrichtensprecher meint erwähnen zu müssen, wie viele Deutsche unter den Todesopfern sind.

Wie würden Sie das Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort sonst benennen?

In der Regel gebe ich einfach meine Adresse an. Ich beharre darauf, dass St.Pauli oder das Schanzenviertel, wo ich wohne, eben nicht „schön“ sind (wie es mal in antirassistischer Absicht plakatiert wurde), sondern dass dort Menschen anderen Menschen das antun, was sie einander im Kapitalismus ebenso anzutun pflegen. Von städtebaulichen Hässlichkeiten einmal ganz abgesehen. Trotzdem, weil die Frage mir ja Konzessionsbereitschaft abverlangt, gebe ich zu, dass es Ecken gibt, wo die soziale Kontrolle bedrückender ist. Ich kenne sogar drei Kneipen, in denen man sich freut, wenn den Gegnern der deutschen Nationalmannschaft ein schönes Tor gelingt. Sie sehen, ich verachte das Graduelle keineswegs.

Interview: Katja Thorwarth

Thomas Ebermann, 1951 in Hamburg geboren, ist Buchautor, Publizist und Dramaturg. Er hat Stücke geschrieben und literarische Texte für die Bühne bearbeitet. 1980 war er an der Gründung der Partei Die Grünen beteiligt. Unter anderem war er dann Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft und von 1987 bis 1989 als Bundestags- abgeordneter Fraktionssprecher seiner Partei. Das Auschwitz-Komitee hat Ebermann 2012 mit dem Hans-Frankenthal-Preis ausgezeichnet.

Buch: Thomas Ebermann:  Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2019. 148 S.


Aus: "Thomas Ebermann: „Heimat ist eine Ideologie, die mit dem bestehenden Falschen versöhnt“" Katja Thorwarth (17.07.2019)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/literatur/heimat-eine-ideologie-bestehenden-falschen-versoehnt-12823901.html


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[...] Zur Demokratie gehören auch Protestbewegungen, stehen sie doch für Grundrechte und Pluralismus. Dass dabei Gewalt abgelehnt wird, zählt zu den grundlegenden Selbstverständlichkeiten. Dies wird aber in bestimmten Bereichen des Protestmilieus anders gesehen. Für Autonome ist die sogenannte Militanz konstitutiv, was auch bei den Ausschreitungen anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg 2017 beobachtbar war. Davon konnte man nicht überrascht sein. Allein die im Internet problemlos zugänglichen Mobilisierungsvideos machten deutlich, dass manche Anreisende nicht mit friedlichen Einstellungen kommen würden. Das Ausmaß der Gewalttaten verschreckte dann selbst das Umfeld und führte zu absonderlichen Reaktionen. Diese schwankten zwischen Bejubelung und Ignoranz, es gab weniger Reflexionen und Selbstkritik. Andreas Blechschmidt, der in Hamburg in der "Roten Flora" aktiv ist, äußert sich jetzt dazu in einem eigenen Kommentar, der als "Gewalt, Macht, Widerstand. G20 – Streitschrift um Mittel und Zweck" erschien.

Wer eine Distanzierung von Gewalt erwartet, der kann gleich schon auf der ersten Seite lesen: "Es wird ausdrücklich nicht darum gehen, militante Interventionen im Konkreten oder militante Politik im Allgemeinen zu diskreditieren, sondern Militanz in Beziehung zu den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen zu bringen" (S. 6). Als kleine Lesehilfe sei hier schon erläutert: Die Begriffe "Gewalt" und "Militanz" werden meist synonym genutzt, wobei mit der letztgenannten Bezeichnung etwas Grundsätzlicheres gemeint ist. Die zitierte Bekundung meint indessen nur, dass Blechschmidt sich nicht von Gewalt distanzieren will, sondern nach den Kontexten fragt. Dass Gewalt ein legitimes Mittel sei, um den Kapitalismus zu überwinden, wird dabei nicht näher begründet, sondern letztendlich vorausgesetzt. Es geht mehr um das Problem der Vermittlung.

Denn Blechschmidt war schon aufgefallen, dass bestimmte Ereignisse in Hamburg nicht unbedingt Sympathien auslösten. Diese hält er denn auch um gesellschaftlicher Akzeptanzen willen für problematisch: "Wenn binnen 24 Stunden zunächst in Altona u. a. 19 Kleinwagen abgefackelt werden, parallel dazu ein Bengalo in ein Geschäft, über dem sich Wohnungen befanden, geworfen wird und dann später im Schanzenviertel versucht wird, zwei Geschäfte, über denen sich wiederum Wohnungen befinden, in Brand zu setzen ebenso wie eine Tankstelle mitten im Viertel, dann muss die Frage nach den Mitteln zum Zweck gestellt werden" (S. 51).

Dann könnten aber auch folgende Fragen gestellt werden: Was sind das für Akteure? Welche Einstellungen haben sie? Und welche Menschenfeindlichkeit ist ihnen eigen? Blechschmidt sorgt sich aber mehr um die Vermittlung, er thematisiert weniger die Gewalt als Handlungsstil an sich. Demgemäß gelingt es ihm auch nicht, zwischen angeblich legitimen und nicht-legitimen Formen begründet und trennscharf zu unterscheiden. Stattdessen beginnt er einen Ausflug in die Ideen- und Realgeschichte, da kommen mal Hannah Arendt und Johann Galtung, mal die Pariser Kommune von 1871 und mal der Pariser Mai von 1968 vor.

Dabei verstolpert sich der Autor gleich mehrfach. Wenn dann auf Gemeinsamkeiten linker und rechter Gewalt verwiesen wird, reagiert Blechschmidt allergisch: "Diese totalitäre Gleichsetzung menschenverachtender rechter Gewalt mit linker Militanz ist Ausdruck des Establishments, die bestehende kapitalistische Ordnung zu verteidigen" (S. 70). Er selbst muss aber versteckt in einer Fußnote einräumen, dass bestimmte linke Protestformen "mittlerweile rechte Gruppen" (S. 80, Fußnote 97) nutzen. Doch darüber reflektiert er nicht.

Bei den philosophischen Deutern der Gewalt kommt übrigens Georges Sorel nicht vor, der doch für Anarchisten wie Faschisten ein Klassiker wurde. Diese Gemeinsamkeiten könnten zum Nachdenken anregen. Aber dann müsste man die Gewaltfixierung ablegen, so soll sie als pseudoemanzipatorischer "Riot" legitimiert werden. Derartige Denkungsarten und Handlungen haben den Protestbewegungen erheblichen Schaden zugefügt. Man redet über Gewalt, nicht über Globalisierungskritik. Wer freut sich wohl am meisten darüber?

Andreas Blechschmidt, Gewalt, Macht, Widerstand. G20 – Streitschrift um die Mittel zum Zweck, Münster 2019 (Unrast-Verlag), 157 S.


Aus: "Kritischer Kommentar zu einem Plädoyer der Gewalt: Gewalt und Vermittlung" Armin Pfahl-Traughber (16. Jul 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/gewalt-und-vermittlung-17015

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Roland Fakler am 16. Juli 2019 - 16:18

Gewalt erzeugt Gegengewalt, das lernt man normalerweise im Kindergarten. Man könnte auch viele Beispiele aus der Geschichte anführen oder besser aus der Gegenwart. Anschauungsmaterial dazu bieten Syrien und Libyen.
Also: Wer dieses Land zerstören will, der wende Gewalt an, um seine Ziele durchzusetzen. Dabei sollte einem allerdings klar sein, dass es in diesem Staat sehr viele unterschiedliche Vorstellungen von der „gerechten“ Herrschaft gibt. Nicht nur Linke wollen ihren kommunistischen Staat, auch Rechte wollen ihren Führerstaat und Religiöse wollen ihren Gottesstaat….Na, dann haut einfach mal drauf los, was da wohl rauskommt. Gewalt ist nur gerechtfertigt zur Bekämpfung einer gewaltsamen Herrschaft. ....



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Rainer Herzog

»Nicht von außen, so sagte Rudolf Steiner schon 1914/1915, drohe seinem Werke Gefahr. Die Feinde kommen von innen, aus der Mitgliederschaft selbst.« (Adelheid Petersen, „Erinnerungen an Rudolf Steiner“, S. 189)

Ich muss gestehen, dass ich noch bis vor kurzem die diversen Berichte, Mahnungen und Warnungen über die Offenheit der anthroposophischen Bewegung für Verschwörungstheorien (VT) als etwas übertrieben erlebte – auf Facebook und auch vor allem hier auf dem Egoistenblog.

Inzwischen weiß ich: Es ist viel schlimmer, irrer und durchgeknallter, als ich angenommen hatte. Ich war ein halbes Jahr Mitglied in einer geschlossenen anthroposophischen Gruppe auf Facebook *), die unter anderem den Bedürfnissen nach geistiger Erbauung, Erkenntnisvertiefung, wissenschaftlichem Arbeiten und einem vertieften Studium Rechnung tragen will – und bin in diesen Tagen dort ausgestiegen.

Das Resümee schon einmal vorwegnehmend: Es hat sich gelohnt, ich wurde mit Erkenntnissen und Eindrücken bezüglich der zunehmenden VT-Begeisterung in Anthrohausen reich beschenkt. Dafür vielen und herzlichen Dank an die Gruppe! Ich kann es daher jedem unbedingt empfehlen, dieser (oder einer ähnlichen) Gruppe beizutreten, um sich ein lebendiges Bild vom, wie ich finde, desolaten, peinlichen und bedenklichen Zustand der gegenwärtigen anthroposophischen Bewegung zu machen.


Die folgenden skizzenhaften Erinnerungen und, ja, natürlich, auch Deutungen aus meiner Zeit in dieser Gruppe sind selbstverständlich subjektiv und als ergänzungsbedürftig anzusehen. Manche der Dialoge und Äußerungen, auf die ich mich im folgenden beziehe, wurden da wohl auch längst gelöscht, manche Mitglieder, mit denen ich debattiert hatte, sind inzwischen wieder ausgetreten.

Mitte April wurde ich auf FB von Jostein Saether in diese Gruppe eingeladen; da ich Jostein kenne und sehr schätze, war ich neugierig, was mich erwarten würde (Jostein selbst hat die Gruppe dann allerdings ziemlich schnell wieder verlassen). Das Geschehen dort fing an mit dem üblichen, eigentlich freundlichen, manchmal interessanten, irgendwie auch vertrauten und sich wiederholenden Posten von Zitaten oder Wahrspruchworten aus Steiners GA; es folgten Kommentare, Meinungen oder Fragen der Mitglieder dazu. Man kennt das ein wenig, manchmal kann das anregend sein, manchmal erbaulich, mir persönlich bringt so etwas nicht mehr viel. Einige Male wurde auf anthroposophische Seminare hingewiesen, ähnlich wie es in anderen Gruppen auf FB üblich ist. Interessant und unterhaltsam.

Irgendwann, ich glaube im Mai, ging „es“ los: Die Beiträge in der Gruppe kreisten zunehmend mehr und mehr um die diversen Erscheinungsformen der VT. Vor allem die resolute Hauptmoderatorin *), zweifellos die alles dominierende „Chefin“ und treibende Kraft, sowohl im 5er Moderatorenteam, als auch in der gesamten Gruppe (die anderen 4 Moderatoren waren äußerst zurückhaltend und eher bescheiden) – hat eine unermüdliche Energie, fast schon leidenschaftliche Hingabe entwickelt in der Bearbeitung von zahllosen und sich wiederholenden VT-Themen. Es entstand der Eindruck: Ein Mensch hat endlich sein Lebensthema, sein Schicksal gefunden.

Es kristallisierte sich im Laufe der kommenden Wochen und Monate heraus, dass VT-Denkhaltungen für einen größeren Teil der Mitglieder (zum Glück nicht für alle; und für manche mehr, für manche weniger) zu einer fest verankerten und ganz unumstrittenen Selbstverständlichkeit geworden sind: Man kann den „Mainstreammedien“ nicht trauen, da grundsätzlich „NATO-konform“ und von „der Staatsmacht“ gelenkt, man muss „hinter die Kulissen gucken“, man darf „die Wahrheit“ nicht mehr aussprechen, da die Mächtigen in Staat/ Wirtschaft/ Logen/Weltlenkung das zu verhindern versuchen, usw. usf.

Von einem Mitglied wurden in einer Diskussion nicht nur pauschal die „Mainstreammedien“ angezweifelt, sondern, wenn man schon einmal dabei war, auch die „Mainstreamgeschichtswissenschaften“(!). Auf meine diesbezügliche Frage, was denn genau bei den Geschichtswissenschaften anzuzweifeln wäre und welchen Autor etwa er mir denn nennen könnte, wurde herumgedruckst. Klar, so gut kennt man die denn nun doch nicht.

Der selbsternannte „Friedensforscher“ Daniele Ganser wird von vielen Mitgliedern der Gruppe nicht nur als symphatisch erlebt oder geschätzt, er wird regelrecht verehrt, er ist eine absolute und nicht weiter zu hinterfragende Autorität. Es ist wohl vor allem Gansers oft demonstrierte Haltung und Methode, aus seiner von ihm behaupteten „Wahrheitsliebe“ heraus anscheinend „nur unbequeme Fragen zu stellen“ (was sich „Mainstreamwissenschaftler“ aus Rücksicht auf ihre Karriere natürlich nie trauen würden), die dazu führt, dass viele Anthroposophen seine Denkhaltung begeistert 1:1 übernehmen.

Der Umstand, dass R. Steiner innerhalb seiner unüberschaubar großen GA diverse Male seine Zuhörer, Leser und Schüler ermuntert, die zu seiner Zeit gängigen wissenschaftlichen, philosophischen und sozialen Gegebenheiten und Autoren zu hinterfragen, um sie anthroposophisch zu durchdringen und entsprechend zu korrigieren, bzw. zu ergänzen, wird von nicht wenigen heutigen Anthroposophen etwas unbedarft übertragen auf die Person und Methodik des D. Ganser. Dass man sich als eifriger anthroposophischer Ganserist mit den zu hinterfragenden politischen und wissenschaftlichen relevanten aktuellen Autoren und Theorien häufig kaum oder nicht beschäftigt hat, kann dabei den Kampf der „Wahrheitsliebenden“ offenbar nicht stören - in den vielen Diskussionen in den darauffolgenden Monaten konnte ich immer wieder staunend erleben, dass der angenommene „Mainstream“ in Politik und Geschichte so gut wie immer grundsätzlich hinterfragt wurde, parallel zu einer meist auffällig dürftigen Kenntnis der Forschungsresultate eben dieses „Mainstreams“: „Ich denk mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ (Pippi Langstrumpf).

Sagte nicht bereits Steiner bei politischen Themen häufig kritische Dinge über die USA? Genau wie Ganser! Spricht Steiner nicht vom Blick hinter die Kulissen? Wie Ganser! Und dann Steiners Aussagen über Geheimlogen! Werden wir nicht heute auch irgendwie alle gelenkt und gesteuert? Meine vorsichtigen Einwände in der Gruppe, dass das ja bei Steiner erstens im Verhältnis zur Gesamt-GA nur sehr wenige Äußerungen waren, die er zweitens vor gut 100 Jahren im finstersten wilhelminischen Zeitalter gemacht hatte, wurden zurückgewiesen; eine solche Unterscheidung wäre allzu willkürlich, wie würde ich darauf kommen, wie kann man nur, wir haben hier Aussagen von Steiner... Als dann irgendjemand mal die naheliegende Frage in den Raum stellte, welche Logen, von denen Steiner damals sprach, heute noch möglicherweise tätig sind, konnte natürlich niemand dazu etwas sagen.

Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sich die Gruppenmitglieder in den endlosen Debatten zu dem Thema, ganz nebenbei, aber doch mehr oder weniger bewusst, ein neues aufregendes Selbstbild konstruieren wollten; die entsprechenden Denkmuster der VT lassen sich allerdings erst dann bruchlos in ein anthroposophisches Weltbild einfügen, wenn man letzteres einigermaßen begrifflich festgezurrt und auf einen allzu schlichten Gut-Böse/Wir-Die-Dualismus reduziert hat: Wir stellen die unbequemen Fragen. Wir lassen uns den Mund nicht verbieten. Wir kämpfen für die wahre Anthroposophie. Wir klären auf, kämpfen für die Wahrheit und kommen den Komplott auf die Schliche. usw. Ihr anderen werdet manipuliert und wollt die Wahrheit nicht zulassen.

(Es wurde in der Gruppe übrigens durchaus ernsthaft versucht, bei den VT zu differenzieren: Die „Reptilienmenschen“ und „Flat earth“-Vertreter wurden nicht ernst genommen, ok, zu unseriös. Immerhin, das soll hier nicht unerwähnt bleiben).

Das zentrale Thema, um das es hingegen immer wieder ging, das man sich nicht nehmen lassen wollte, da es längst zum zentralen Baustein des eigenen Weltbildes gehörte, war natürlich auch hier die beliebte „Nine-eleven-inside-job“-These. Dabei war es für mich in gewisser Weise rührend zu erleben, dass einige Teilnehmer (ja, vor allem auch die Chefin) möglicherweise noch nie, oder kaum etwas davon gehört hatten, dass es bereits eine seit 17 Jahren bestehende bekannte und umstrittene (und längst widerlegte) „Forschung“ und entsprechende Bewegung („Truther“) zu dem Thema gibt. Es schien ansatzweise so, dass man in der Gruppe tatsächlich die Hoffnung hatte, „ganz unbefangen“ die Ereignisse von damals „kritisch und sachlich“ völlig neu zu bewerten, „erforschen“, zu können. (Spätestens dann kommt, wie auch in ähnlichen Debatten andernorts, der Hobbyarchitekt im Manne zum Vorschein, mit diversen, schnell gegoogelten Beweisen, wann der Schmelzpunkt von dieser und jener Sorte von Stahlträgerkonstruktionen erreicht ist... – einmal ging es in der Gruppe sogar um die Brennbarkeit von Büromöbeln (!) von WTC 7. Ja, man lernt tatsächlich erstaunliche Dinge in solchen Diskussionen.)

Irgendwann kam auch mal jemand auf die glorreiche Idee, dass kein geringerer als Steiner selbst mit seinen Ausführungen zur 5. Nebenübung den Übenden regelrecht ermuntert, die Welt vor allem „unbefangen“ und somit im Grunde eigentlich auch „VT-mäßig“ zu sehen: Wie sagte Steiner – man solle sich unbefangen vorstellen, dass ein Kirchturm über Nacht ganz schief stehe... Man kann sich daher doch auch ebenso unbefangen vorstellen, dass die US-Regierung damals am 11.09 ...
Seufz. Und das war nicht das erste Mal, dass ich in dieser Gruppe erleben konnte, wie das Werk Steiners gezielt verzerrt und lächerlich gemacht wurde.

So ging das tatsächlich unermüdlich viele Wochen lang. Bei aller Unterhaltsamkeit – das Verfolgen dieser Naivität und Durchschaubarkeit des Denkens bei Menschen, die sich mit der „Philosophie der Freiheit“ verbunden fühlen, war letztendlich zum Fremdschämen.

Apropos PhdF: Ich hatte des öfteren den Eindruck, dass u.a. auch der, wenn auch nicht immer offen ausgesprochene, Bezug auf Steiners berühmtes Hauptwerk, mit seinem leider sehr dehnbar und beliebig auslegbaren Schlagwort „Freiheit“, als willkommene Legitimation für die „man-wird-doch-mal-was-sagen-dürfen“-Haltung herhalten musste. Auch Schillers „Die Gedanken sind frei“ wurde natürlich bei einer VT-Debatte triumphierend ausgegraben.

Auf diesem sehr überschaubaren und etwas schlichten Niveau plätscherten zahllose Debatten etwas ermüdend vor sich hin.
Ganz selten gab es mal ein wirkliches Highlight, einen von mir aufgeschnappten Dialog, der mich zutiefst und vom Herzen her erfreute: Bei Ganser war man sich, wie gesagt, in der Einschätzung seiner Person und der damit verbundenen Verehrung einig, nicht so (wahrscheinlich wegen seiner etwas prolligen Art) bei Ken Jebsen:
Mitglied A: „Wie würdet ihr Ken Jebsen einschätzen?“
Mitglied B: „Manches ist sehr gut bei ihm, er ist auf jeden Fall michaelisch, da er am 29.09. Geburtstag hat.“
Darauf muss man erst einmal kommen. Anthroposophische Geistesforschung 2018.

Der Fairness halber sei an dieser Stelle angemerkt, dass nicht wenige Mitglieder vom „Dauerthema VT“ einigermaßen genervt waren, zumal das meistens nicht nur zu Streitereien und schlechter Stimmung, sondern auch dazu führte, dass viele Mitglieder sich überhaupt nicht mehr trauten, irgedetwas zu kommentieren (Meine Idee, politische oder VT-Themen probehalber für 2 Monate auf Eis zu legen, hat niemanden interessiert). Daher gab es von der Chefin, im Stile einer sich kümmernden Übermutter, in regelmäßigen Abständen eine gutgemeinte pädagogisch-moralische Übung, um den eigenen Kommunikationsstil zu verbessern („4 Nachrichten einer Botschaft“, „Erwachen am anderen Menschen“ usw.). Wurde viel geliked, hat natürlich niemand gemacht.
(Die späteren Aufforderungen, den Kommunikationsstil zu vervollkommnen, waren dann lustigerweise ausschließlich für mich gedacht).


Eingestellt von Ingrid H. Oktober 23, 2018 32 Kommentare
Ein halbes Jahr in einer anthroposophischen Facebook-Gruppe – Ein Selbstversuch
Rainer Herzog

»Nicht von außen, so sagte Rudolf Steiner schon 1914/1915, drohe seinem Werke Gefahr. Die Feinde kommen von innen, aus der Mitgliederschaft selbst.« (Adelheid Petersen, „Erinnerungen an Rudolf Steiner“, S. 189)

Ich muss gestehen, dass ich noch bis vor kurzem die diversen Berichte, Mahnungen und Warnungen über die Offenheit der anthroposophischen Bewegung für Verschwörungstheorien (VT) als etwas übertrieben erlebte – auf Facebook und auch vor allem hier auf dem Egoistenblog.

Inzwischen weiß ich: Es ist viel schlimmer, irrer und durchgeknallter, als ich angenommen hatte. Ich war ein halbes Jahr Mitglied in einer geschlossenen anthroposophischen Gruppe auf Facebook *), die unter anderem den Bedürfnissen nach geistiger Erbauung, Erkenntnisvertiefung, wissenschaftlichem Arbeiten und einem vertieften Studium Rechnung tragen will – und bin in diesen Tagen dort ausgestiegen.

Das Resümee schon einmal vorwegnehmend: Es hat sich gelohnt, ich wurde mit Erkenntnissen und Eindrücken bezüglich der zunehmenden VT-Begeisterung in Anthrohausen reich beschenkt. Dafür vielen und herzlichen Dank an die Gruppe! Ich kann es daher jedem unbedingt empfehlen, dieser (oder einer ähnlichen) Gruppe beizutreten, um sich ein lebendiges Bild vom, wie ich finde, desolaten, peinlichen und bedenklichen Zustand der gegenwärtigen anthroposophischen Bewegung zu machen.

Die folgenden skizzenhaften Erinnerungen und, ja, natürlich, auch Deutungen aus meiner Zeit in dieser Gruppe sind selbstverständlich subjektiv und als ergänzungsbedürftig anzusehen. Manche der Dialoge und Äußerungen, auf die ich mich im folgenden beziehe, wurden da wohl auch längst gelöscht, manche Mitglieder, mit denen ich debattiert hatte, sind inzwischen wieder ausgetreten.

Mitte April wurde ich auf FB von Jostein Saether in diese Gruppe eingeladen; da ich Jostein kenne und sehr schätze, war ich neugierig, was mich erwarten würde (Jostein selbst hat die Gruppe dann allerdings ziemlich schnell wieder verlassen). Das Geschehen dort fing an mit dem üblichen, eigentlich freundlichen, manchmal interessanten, irgendwie auch vertrauten und sich wiederholenden Posten von Zitaten oder Wahrspruchworten aus Steiners GA; es folgten Kommentare, Meinungen oder Fragen der Mitglieder dazu. Man kennt das ein wenig, manchmal kann das anregend sein, manchmal erbaulich, mir persönlich bringt so etwas nicht mehr viel. Einige Male wurde auf anthroposophische Seminare hingewiesen, ähnlich wie es in anderen Gruppen auf FB üblich ist. Interessant und unterhaltsam.

Irgendwann, ich glaube im Mai, ging „es“ los: Die Beiträge in der Gruppe kreisten zunehmend mehr und mehr um die diversen Erscheinungsformen der VT. Vor allem die resolute Hauptmoderatorin *), zweifellos die alles dominierende „Chefin“ und treibende Kraft, sowohl im 5er Moderatorenteam, als auch in der gesamten Gruppe (die anderen 4 Moderatoren waren äußerst zurückhaltend und eher bescheiden) – hat eine unermüdliche Energie, fast schon leidenschaftliche Hingabe entwickelt in der Bearbeitung von zahllosen und sich wiederholenden VT-Themen. Es entstand der Eindruck: Ein Mensch hat endlich sein Lebensthema, sein Schicksal gefunden.

Es kristallisierte sich im Laufe der kommenden Wochen und Monate heraus, dass VT-Denkhaltungen für einen größeren Teil der Mitglieder (zum Glück nicht für alle; und für manche mehr, für manche weniger) zu einer fest verankerten und ganz unumstrittenen Selbstverständlichkeit geworden sind: Man kann den „Mainstreammedien“ nicht trauen, da grundsätzlich „NATO-konform“ und von „der Staatsmacht“ gelenkt, man muss „hinter die Kulissen gucken“, man darf „die Wahrheit“ nicht mehr aussprechen, da die Mächtigen in Staat/ Wirtschaft/ Logen/Weltlenkung das zu verhindern versuchen, usw. usf.

Von einem Mitglied wurden in einer Diskussion nicht nur pauschal die „Mainstreammedien“ angezweifelt, sondern, wenn man schon einmal dabei war, auch die „Mainstreamgeschichtswissenschaften“(!). Auf meine diesbezügliche Frage, was denn genau bei den Geschichtswissenschaften anzuzweifeln wäre und welchen Autor etwa er mir denn nennen könnte, wurde herumgedruckst. Klar, so gut kennt man die denn nun doch nicht.

Der selbsternannte „Friedensforscher“ Daniele Ganser wird von vielen Mitgliedern der Gruppe nicht nur als symphatisch erlebt oder geschätzt, er wird regelrecht verehrt, er ist eine absolute und nicht weiter zu hinterfragende Autorität. Es ist wohl vor allem Gansers oft demonstrierte Haltung und Methode, aus seiner von ihm behaupteten „Wahrheitsliebe“ heraus anscheinend „nur unbequeme Fragen zu stellen“ (was sich „Mainstreamwissenschaftler“ aus Rücksicht auf ihre Karriere natürlich nie trauen würden), die dazu führt, dass viele Anthroposophen seine Denkhaltung begeistert 1:1 übernehmen.

Der Umstand, dass R. Steiner innerhalb seiner unüberschaubar großen GA diverse Male seine Zuhörer, Leser und Schüler ermuntert, die zu seiner Zeit gängigen wissenschaftlichen, philosophischen und sozialen Gegebenheiten und Autoren zu hinterfragen, um sie anthroposophisch zu durchdringen und entsprechend zu korrigieren, bzw. zu ergänzen, wird von nicht wenigen heutigen Anthroposophen etwas unbedarft übertragen auf die Person und Methodik des D. Ganser. Dass man sich als eifriger anthroposophischer Ganserist mit den zu hinterfragenden politischen und wissenschaftlichen relevanten aktuellen Autoren und Theorien häufig kaum oder nicht beschäftigt hat, kann dabei den Kampf der „Wahrheitsliebenden“ offenbar nicht stören - in den vielen Diskussionen in den darauffolgenden Monaten konnte ich immer wieder staunend erleben, dass der angenommene „Mainstream“ in Politik und Geschichte so gut wie immer grundsätzlich hinterfragt wurde, parallel zu einer meist auffällig dürftigen Kenntnis der Forschungsresultate eben dieses „Mainstreams“: „Ich denk mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ (Pippi Langstrumpf).

Sagte nicht bereits Steiner bei politischen Themen häufig kritische Dinge über die USA? Genau wie Ganser! Spricht Steiner nicht vom Blick hinter die Kulissen? Wie Ganser! Und dann Steiners Aussagen über Geheimlogen! Werden wir nicht heute auch irgendwie alle gelenkt und gesteuert? Meine vorsichtigen Einwände in der Gruppe, dass das ja bei Steiner erstens im Verhältnis zur Gesamt-GA nur sehr wenige Äußerungen waren, die er zweitens vor gut 100 Jahren im finstersten wilhelminischen Zeitalter gemacht hatte, wurden zurückgewiesen; eine solche Unterscheidung wäre allzu willkürlich, wie würde ich darauf kommen, wie kann man nur, wir haben hier Aussagen von Steiner... Als dann irgendjemand mal die naheliegende Frage in den Raum stellte, welche Logen, von denen Steiner damals sprach, heute noch möglicherweise tätig sind, konnte natürlich niemand dazu etwas sagen.

Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sich die Gruppenmitglieder in den endlosen Debatten zu dem Thema, ganz nebenbei, aber doch mehr oder weniger bewusst, ein neues aufregendes Selbstbild konstruieren wollten; die entsprechenden Denkmuster der VT lassen sich allerdings erst dann bruchlos in ein anthroposophisches Weltbild einfügen, wenn man letzteres einigermaßen begrifflich festgezurrt und auf einen allzu schlichten Gut-Böse/Wir-Die-Dualismus reduziert hat: Wir stellen die unbequemen Fragen. Wir lassen uns den Mund nicht verbieten. Wir kämpfen für die wahre Anthroposophie. Wir klären auf, kämpfen für die Wahrheit und kommen den Komplott auf die Schliche. usw. Ihr anderen werdet manipuliert und wollt die Wahrheit nicht zulassen.

(Es wurde in der Gruppe übrigens durchaus ernsthaft versucht, bei den VT zu differenzieren: Die „Reptilienmenschen“ und „Flat earth“-Vertreter wurden nicht ernst genommen, ok, zu unseriös. Immerhin, das soll hier nicht unerwähnt bleiben).

Das zentrale Thema, um das es hingegen immer wieder ging, das man sich nicht nehmen lassen wollte, da es längst zum zentralen Baustein des eigenen Weltbildes gehörte, war natürlich auch hier die beliebte „Nine-eleven-inside-job“-These. Dabei war es für mich in gewisser Weise rührend zu erleben, dass einige Teilnehmer (ja, vor allem auch die Chefin) möglicherweise noch nie, oder kaum etwas davon gehört hatten, dass es bereits eine seit 17 Jahren bestehende bekannte und umstrittene (und längst widerlegte) „Forschung“ und entsprechende Bewegung („Truther“) zu dem Thema gibt. Es schien ansatzweise so, dass man in der Gruppe tatsächlich die Hoffnung hatte, „ganz unbefangen“ die Ereignisse von damals „kritisch und sachlich“ völlig neu zu bewerten, „erforschen“, zu können. (Spätestens dann kommt, wie auch in ähnlichen Debatten andernorts, der Hobbyarchitekt im Manne zum Vorschein, mit diversen, schnell gegoogelten Beweisen, wann der Schmelzpunkt von dieser und jener Sorte von Stahlträgerkonstruktionen erreicht ist... – einmal ging es in der Gruppe sogar um die Brennbarkeit von Büromöbeln (!) von WTC 7. Ja, man lernt tatsächlich erstaunliche Dinge in solchen Diskussionen.)

Irgendwann kam auch mal jemand auf die glorreiche Idee, dass kein geringerer als Steiner selbst mit seinen Ausführungen zur 5. Nebenübung den Übenden regelrecht ermuntert, die Welt vor allem „unbefangen“ und somit im Grunde eigentlich auch „VT-mäßig“ zu sehen: Wie sagte Steiner – man solle sich unbefangen vorstellen, dass ein Kirchturm über Nacht ganz schief stehe... Man kann sich daher doch auch ebenso unbefangen vorstellen, dass die US-Regierung damals am 11.09 ...
Seufz. Und das war nicht das erste Mal, dass ich in dieser Gruppe erleben konnte, wie das Werk Steiners gezielt verzerrt und lächerlich gemacht wurde.

So ging das tatsächlich unermüdlich viele Wochen lang. Bei aller Unterhaltsamkeit – das Verfolgen dieser Naivität und Durchschaubarkeit des Denkens bei Menschen, die sich mit der „Philosophie der Freiheit“ verbunden fühlen, war letztendlich zum Fremdschämen.

Apropos PhdF: Ich hatte des öfteren den Eindruck, dass u.a. auch der, wenn auch nicht immer offen ausgesprochene, Bezug auf Steiners berühmtes Hauptwerk, mit seinem leider sehr dehnbar und beliebig auslegbaren Schlagwort „Freiheit“, als willkommene Legitimation für die „man-wird-doch-mal-was-sagen-dürfen“-Haltung herhalten musste. Auch Schillers „Die Gedanken sind frei“ wurde natürlich bei einer VT-Debatte triumphierend ausgegraben.

Auf diesem sehr überschaubaren und etwas schlichten Niveau plätscherten zahllose Debatten etwas ermüdend vor sich hin.
Ganz selten gab es mal ein wirkliches Highlight, einen von mir aufgeschnappten Dialog, der mich zutiefst und vom Herzen her erfreute: Bei Ganser war man sich, wie gesagt, in der Einschätzung seiner Person und der damit verbundenen Verehrung einig, nicht so (wahrscheinlich wegen seiner etwas prolligen Art) bei Ken Jebsen:
Mitglied A: „Wie würdet ihr Ken Jebsen einschätzen?“
Mitglied B: „Manches ist sehr gut bei ihm, er ist auf jeden Fall michaelisch, da er am 29.09. Geburtstag hat.“
Darauf muss man erst einmal kommen. Anthroposophische Geistesforschung 2018.

Der Fairness halber sei an dieser Stelle angemerkt, dass nicht wenige Mitglieder vom „Dauerthema VT“ einigermaßen genervt waren, zumal das meistens nicht nur zu Streitereien und schlechter Stimmung, sondern auch dazu führte, dass viele Mitglieder sich überhaupt nicht mehr trauten, irgedetwas zu kommentieren (Meine Idee, politische oder VT-Themen probehalber für 2 Monate auf Eis zu legen, hat niemanden interessiert). Daher gab es von der Chefin, im Stile einer sich kümmernden Übermutter, in regelmäßigen Abständen eine gutgemeinte pädagogisch-moralische Übung, um den eigenen Kommunikationsstil zu verbessern („4 Nachrichten einer Botschaft“, „Erwachen am anderen Menschen“ usw.). Wurde viel geliked, hat natürlich niemand gemacht.
(Die späteren Aufforderungen, den Kommunikationsstil zu vervollkommnen, waren dann lustigerweise ausschließlich für mich gedacht).

Zwischendurch hat man übrigens immer mal wieder versucht, ein „richtiges“ anthroposophisches Thema aufs Tapet zu bringen (sinngemäß): „Inwiefern können wir die Aussage Steiners, dass wir Anthroposophen die Wächter der Zeit sind, verwirklichen ... ?“ Auch das wurde ausgiebig und ausnahmsweise sehr einmütig diskutiert.
Meine Güte, liebe Leute: „Wir – die Wächter dieser Zeit“! Geht`s denn vielleicht nicht noch unbescheidener...? Kann man nicht erst einmal versuchen, die eigenen Gedanken und Gefühle halbwegs zu sortieren und ansonsten sehen, dass man eine gewisse anfängliche Grundlagenbildung in Politik und Geschichte erwirbt oder wiederherstellt...?

Im Sommer platzte dann endgültig die Bombe: Info3. Der in anthroposophischen Kreisen reichlich viel Groll, Empörung und Staub aufwirbelnde Artikel: „Die offene Anthroposophie und ihre Gegner“. Die Chefin und einige andere drehten jetzt erst richtig auf; was vorher mehr eine Art „interessiertes, wenn auch leidenschaftliches Engagement“ gewesen war, entwickelte sich in den kommenden Wochen und Monaten für Aussenstehende zu einem beeindruckenden Schauspiel eines etwas irren und teilweise aus dem Ruder laufenden Privat-Djihad. Von „Inquisition“ war ansatzweise die Rede (JSH - Jens Savonarola Heisterkamp?). Nach dem Motto: Gibt es denn eigentlich nichts wichtigeres als diese dauernde „Gefährdung der Demokratie“...?

So ging das noch etliche Wochen weiter. Als vor einigen Tagen dann die Chefin die fröhliche Idee hatte, dass sich jetzt Mitglieder bei ihr persönlich anonym über andere Mitglieder beschweren durften, reichte mir der entwürdigende Klamauk, das ging für mich in Richtung „Aufforderung zur Denunziation“.

Fairerweise möchte ich betonen, dass der grösste Teil der Mitglieder sich überhaupt nicht, oder nur sehr sporadisch, an Diskussionen beteiligt hat. Es gab selbstverständlich auch zahlreiche äußerst positive und anregende Begegnungen. Diejenigen, die es betrifft, werden wissen, dass sie gemeint sind. Die hier dargestellte VT-Offenheit wurde in gewisser Weise nur von einer bestimmten Anzahl von Mitgliedern verbreitet, dieses dann allerdings so vehement und teilweise fanatisch, dass das bald den Stil, Duktus und Geist dieser Gruppe vollständig beherrschte.

Bei aller Ironie und Sarkasmus in der Darstellung meiner Ausführungen: Man kann sich natürlich zu Recht überlegen, ob einem diese Dinge nicht egal sein sollten. Ich hatte allerdings in den letzten Monaten zunehmend den Eindruck (auch durch reichlich ähnliche Beobachtungen in meinem Bekanntenkreis und auf FB), dass die von mir beschriebene Qualität und Vehemenz der VT-Offenheit in dieser Facebook-Gruppe ein durchaus repräsentatives Ergebnis der anthroposophischen Bewegung zeigt.

Wenn man, wie ich, mit der Anthroposophie seit über 30 Jahren so sehr verbunden ist, dass sie zum wesentlichen Bestandteil des eigenen Lebens gehört, kann und will man daher nicht schweigend zusehen, wie sie vollends der Lächerlichkeit und Demagogie preisgegeben wird.

- - -

*) Name der Redaktion bekannt.



Aus: "Ein halbes Jahr in einer anthroposophischen Facebook-Gruppe – Ein Selbstversuch" Eingestellt von Ingrid H. (23. Oktober 2018)
Quelle: https://egoistenblog.blogspot.com/2018/10/ein-halbes-jahr-in-einer.html


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Quote
[...] Natürlich gibt es große, Generationen  übergreifende Trends, aus denen man seine biografische Agenda bezieht- oder man stellt sich gerade in den Gegensatz zu ihnen, und definiert sich im Widerspruch zu diesen Trends. Bei mir war es, was die anthroposophische Agenda betrifft, sicherlich ein Mix von beidem: Einerseits entsprang das Zündende daran dem Zeittrend, der (in den 70ern des letzten Jahrhunderts) eine Mischung von Hippie- Kultur, Spiritualität, steppenwölfischer Wahrheitssuche darstellte - eine romantische Wendung hin zum „Ewigen in mir“ und in der Natur; andererseits markierte das trotzige Statement „Ja, ich bin Anthroposoph“ in der kleinstädtisch- katholisch geprägten Umgebung und ihren Arbeitsplätzen einen Standpunkt, der zumindest nicht gerade der Karriere-, aber doch der trotzig abgerungenen Identität förderlich war.

Zu dieser Zeit lief eine solche Haltung unter dem Label Progressiv, und verstand sich als Part der alternativen Szene. Die tatsächlichen anthroposophischen Milieus und Arbeitsstätten mit ihren bleiernen Strukturen, den lokalen Guru- artigen Gestalten, den arroganten Globuli- Ärzten waren sehr schnell ebenso zu eng gestrickt wie häufig Anthro- Familien mit ihrem restriktivem Regelwerk, das vor allem auf Vermeidung von Konsum, Genuss und Medien setzte, um des ewigen Seelenheils willen. Die real existierende Anthroposophie des letzten Jahrhunderts hatte etwas von einem bleiernen Katechismus - die eigentliche Suchbewegung war längst zu einem formelhaften Abbeten von Zitaten, Geboten und Phrasen geronnen, aus dem immer wieder einzelne Persönlichkeiten - freie Geister- heraus ragten, manchmal - wie Beuys oder Kühlewind - kometenartig aufstiegen und bekannt wurden, aber zumindest intern in der Szene weder verstanden noch nachhaltig integriert wurden.

So konnte man beobachten, wie viele Paradiesvögel, Intellektuelle, Suchende in diese Szene strömten und dort sehr bald, nachdem der freundlich- alternative Rahmen durchdrungen war, auf die hierarchischen Strukturen, die interne Machtbalance (meist mit einer narzisstischen Führerpersönlichkeit), die Bigotterie, Ignoranz und den besserwisserischen Katechismus aufprallten. Selten erlebte man andernorts eine derartige Häufung von - gefühlt- „wichtigen Leuten“ an allen Schaltstellen, die mit einem intellektuellen Minimal- Einsatz stereotype Vorträge hielten und - zumindest damals- ein Buch nach dem anderen heraus gaben. In diesem Biotop konnten schlichte Naturen mit einer Begabung zur bigotten Machtentfaltung erstaunlichen Einfluss ergattern, solange sie frömmelnde oder esoterische Weisheiten von sich gaben, die den eigenen nackten Ehrgeiz verdeckten. Man konnte die Posten, die manchmal sehr lukrativ waren (in Form von Immobilien, Folgeaufträge auch für die Verwandtschaft, gesondert ausgehandelten Verträgen mit besonderen Gehältern, usw), nicht selten Generationen- übergreifend weiter geben und somit eine anthroposophische, manchmal auch Branchen- übergreifende Dynastie begründen.  Im Umkreis und nah am Zentrum großer Institutionen, Unternehmen und Bildungsunternehmen der Szene haben sich einzelne Persönlichkeiten immer ein überaus lukratives Einkommen und ein überaus angenehmes Heim schaffen können. Die Futtertröge sind heute rar gesät, freilich, und werden immer knapper.

Aber natürlich läuft nicht alles über die liebe Verwandtschaft. Wenn man im Um- und Dunstkreis solcher Milieus zu schaffen hat, bemerkt man auch die wundersame Kraft der Cliquen und des Buddy- Ismus. Eine fest gestrickte Gruppe, die sich gegenseitig schützt, Dynamik schafft, den Rücken frei hält und Geld und Bürgschaften beschafft, hat die Potenz, zusätzliche Menschen zu binden, die schließlich ganze institutionelle Gründungen fertig kriegen, die wiederum Aufträge, Geld und Kontakte generieren. Die Synergien sind enorm und führen nicht selten dazu, dass sich lebenslange Freundschaften entwickeln, eine Berufswahl getroffen wird und sich Karrieren anbahnen- oder zumindest ein Sprungbrett dorthin. Sind die Bindungen lang und tief genug, macht es nichts, wenn der Eine in Mumbai sitzt, ein Anderer sonstwo; die Scheidungen, die Freundschaften auch der Kinder, gemeinsame Wohnprojekte, Tausch der Partner- das alles wird in das Strickmuster des Milieus integriert, ohne irgend einen ideologischen Hintergrund. Aber dass diese weit gefasste Gruppe Waldorfschulen, -kindergärten und weitere Institutionen gegründet, gebaut und beherrscht hat, bleibt ein innerer Pol für diesen Kreis.

Und niemand ist hier abgedreht. Das sind (weitgehend) Leute aus der Wirtschaft- zumindest die des inneren Kreises. Die haben durch die Gründungen Kontakte in Verwaltung und Wirtschaft entwickelt. Aber auch wenn auf dieser Ebene der Gründer und Bauherren eine bestimmte Schicht innerhalb der Stadt involviert ist, die dann auch mit ihren Kindern in die Institutionen drängt, ist doch in den weiteren Kreisen jeder Aspekt des Bildungs- Bürgertums vertreten- bis hin zu „alternativen Lebensmodellen“, Künstlern und Medienschaffenden. In Deutschland bleibt das Schulgeld auch die staatliche Refinanzierung überschaubar. Dennoch ist die spezifische Verankerung und gesellschaftliche Durchmischung in jeder Waldorfschule sehr unterschiedlich.^

Jedem in diesem rationalen System ist aber doch klar, dass man ein wenig Tribut an das Surreale tragen muss. Während alle Beteiligten an den Gründungen, den Unternehmen, den Wohnverhältnissen, den Liebschaften und den Finanzierungen vernünftig agieren, braucht man ein paar Irre, um den anthroposophischen Schein zu wahren. Selbst die jährlichen Tagungen in Stuttgart und Dornach sind perfekt organisiert, gestylt, Lebensmittel- technisch korrekt und vom Material der Kleidung und Kladden nachhaltig. Alle führen den Kanon von Übungen durch, die die Generation der Achtsamen selbst am Arbeitsplatz, in der Freizeit und im Yogaseminar praktiziert, und legen für eine Stunde ihr Smartphone weg.

Aber den irren Anthroposophen, der seine verbalen Ergüsse aus christologischer Ich- Erkenntnis, dubiosen Anthro- Letters und einem Mix von Steiner- Zitaten und rechtsnationalem Gedankengut zusammen bastelt, muss man einfach haben, allerdings nur mit einem halben Vertrag und kurz vor der Pensionierung stehend. Jeder weiß, dass er mit der dürren, aber energischen Schritts daher schreitenden Eurythmistin etwas  am Laufen hat. Zu Festen, beim Weihnachtsspiel und bei öffentlichen Veranstaltungen spricht er ein paar einführende Worte, die meist bemüht tiefsinnig und vage kulturkritisch wirken. Er ist bislang harmlos, auch wenn man das Schlimmste befürchten muss. Wenn er mit seiner teigigen Haut über den Schulhof trottet, sehen die Rationalisten einen dicklichen, abwesend wirkenden älteren Herren- er selbst aber sonnt sich in seiner geistigen Aura. Es gibt gerade in anthroposophischen Kreisen diese narzisstische Störung, die bei Rudolf Steiner sogar notwendiger Teil des „Schulungsweges“ ist: Das Auseinanderfallen von Denken, Fühlen und Wollen bzw von Fremd- und Selbst- Wahrnehmung. Die eigene Bedeutsamkeit wird auf geradezu groteske Art überschätzt.

Sehen wir uns zu diesem Thema doch einmal einen Rundbrief an, der gerade von dem Anthroposophen und Judith- von- Halle- Anhänger Andreas Delor verschickt wurde. Er kommt erst einmal aktuell, zeitgeistig und rational daher, mit Bezügen zu Rezo, Greta Thunberg, AfD und CDU, aber auch mit einem Link zu einem eigenen Artikel. Dankenswerter Weise präsentiert Delor darin aufs Schönste den hier gemeinten Narzissmus: „Schaut man sich das Rezo-Video an (alles, was Reso aufzeigt, war mir im Prinzip lange vorher bekannt, nicht aber, WIE weit vorangeschritten diese Prozesse mittlerweile sind), so wird deutlich, dass dessen Titel eigentlich heißen müsste einerseits: „die Selbstzerstörung der CDU“ und andererseits: „die Zerstörung unseres Planeten und der Menschheit durch die CDU, wenn sie auch nur einen Tag so weitermacht wie bisher“. Und es wird deutlich, dass nicht nur die CDU/CSU, nicht nur die SPD, FDP und AfD (sowie die führenden Politiker rund um den Globus) darin angeklagt sind, sondern genauso die großen Firmen der Welt, die Militärs, Geheimdienste und Diktaturen.
In meinem Aufsatz "Die Zerstörung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft" möchte ich zeigen, dass der Grund dafür, dass all diese Mächte die Welt überhaupt zerstören können, bei UNS, eben in der „Zerstörung der Allgemeinen Anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft“ liegt, in genau diesem Sinne als „Selbstzerstörung der AAG“ und „Zerstörung unseres Planeten und der Menschheit durch die AAG, wenn diese auch nur einen Tag lang so weitermacht“.“
*

Hier wird ja nun schon der bizarre Trugschluss verbreitet, das Wohl und Wehe der Welt „rund um den Globus“ einschließlich aller „großen Firmen der Welt“, der „Militärs, Geheimdienste und Diktaturen“ hinge ab von der Befindlichkeit der Anthroposophen. Und so holt Andreas Delor „ein wenig aus“ und beleuchtet die wahren Zusammenhänge hinter dem Weltgeschehen in einer Betrachtung - hier (1) herunter zu laden - die aber eigentlich auch nur ein Ausschnitt aus seinem Buch „Das Ereignis Rudolf Steiner im Lebenswerk von Sigurd Böhm und Judith von Halle“ ist. (2)

Das mit dem „ein wenig Ausholen“ ist wörtlich gemeint, denn Dekor springt direkt von Greta Thunberg zum heiligen Gral und zurück, ekstatisch, was die Potentialität der anthroposophischen Lehre angeht, denn rein theoretisch könnte dieser heilige Gral nach Rudolf Steiner auch Maschinen antreiben, womit die ganze Diskussion um den Verbrennungsmotor natürlich überflüssig wäre. Leider sei als „Speerspitze der Anthroposophie“ nur die Waldorfpädagogik übrig geblieben- immerhin, in einer durch und durch verdorbenen Zivilisation: „Die Kinder sind dem Himmel am nächsten; sie kommen mit immer neuen Impulsen aus der geistigen Welt herunter – und, man soll sich nicht täuschen: in eine absolut kinderfeindliche, greisenhafte und menschenverachtende Zivilisation hinein, die dabei ist, den gesamten Planeten in die Luft zu sprengen.

So betreibt Delor seine in anthroposophischen Kreisen übliche Verdammung seiner Gegenwart, mit der Attitüde geistig- moralischer Überlegenheit, natürlich, die dann auch die heutigen Waldorfschulen umfasst, die allesamt keinen Sinn mehr für Spiritualität und Gemeinschaftsbildung hätten. Delor untermauert mittels Steiner- Zitaten, dass man, um sein schlechtes Karma zu überwinden, sich gegenseitig aneinander abschleifen müsste, was offenbar niemand mit Herrn Delor zu tun bereit gewesen ist. Sonst würde sein Klagelied keinen Sinn machen. Wie er von diesem Thema unmittelbar auf die Massenmorde des IS kommt, bleibt sein Geheimnis: „Schwere Krisen und deren Überwindungen gehören in Neuen Gemeinschaften einfach dazu; nicht im Erreichen eines Paradieszustandes – der ist nicht mehr zeitgemäß – liegt die Zukunft, sondern in einer „permanenten Revolution“, wo mitgebrachte Jugendkräfte gar nichts mehr helfen. Wirkliche Gemeinschaftsbildung gelingt tatsächlich nur in anstrengender gemeinsamer spiritueller Arbeit – ohne das fällt man in die vor-individuelle Gruppenseele zurück, wie es in schrecklicher Weise vom ja zweifellos zum gegenwärtigen spirituellen Aufbruch gehörenden Islamismus demonstriert wird, wo nicht nur Angehörige anderer Religionsgemeinschaften wie Jesiden, Hindus, Juden oder Christen bestialisch umgebracht werden, sondern genauso islamische „Abweichler“ wie Schiiten oder Sufis.

Aber nun breitet Delor die ganze Pracht des Eingeweihten auf dem anthroposophischen Pfad aus, der allerdings zuvor die so schwierigen Texte Rudolf Steiners, die wie Seife in der Badewanne nicht zu packen seien, studieren muss und dabei eine völlige Wesens- Umwandlung erfahre. Dabei sei es günstig, wenn es einem damit möglichst schlecht gehe, da das (etwa jahrelange Depressionen?) der Vorbote des Fortschritts und der Genesung sei: „Man kann es geradezu als „Rezept“ angeben: wenn es dir schlecht geht (körperlich, seelisch, beruflich, in der Beziehung usw.), arbeite – aber bitte intensiv; alles andere nützt nichts! – an kurzen Text-Passagen Rudolf Steiners, egal an welchen, dann ziehst du dich daran wie Münchhausen am eigenen Haarschopf wieder aus dem Sumpf; dies ist ein todsicher wirkendes Mittel, der Anfang aller Meditation.

Das klingt nicht lustig. Aber für lustige Personen ist Anthroposophie ja auch nicht gedacht, nicht wahr? Im Gegenteil machten Sprödigkeit anthroposophischer Texte und permanentes Zähneausbeißen daran erst den wahren Anthroposophen aus. Wer da durch ist, wird schon direkt seine Belohnung erhalten, und zwar in Form von Selbstdisziplinierung und Bedeutung: „Tatsächlich ist der „Anthroposophische Schulungsweg“ nichts anderes als die Selbst-Erziehung zur starken, Großen Persönlichkeit – nur starke und Große Persönlichkeiten können überhaupt heilend ins Weltgeschehen eingreifen. Im in sich selber ruhenden menschlichen ICH liegen die großen Heilkräfte für alles – nirgends anders. Nur ein Souverän kann wirklich heilen, eine starke Persönlichkeit, ein Freier Geist, der in jeglicher Beziehung gegen den (inneren und äußeren) Strom schwimmen kann – wer Sich Selber nicht stützen kann, kann auch keinen anderen stützen.

Aber das Klagelied Delors beginnt erst an diesem Punkt. Er holt noch sehr viel weiter aus, um das ganze Ausmaß des Scheiterns der Anthroposophischen Gesellschaft darzustellen, was ein unfassbares Martyrium Rudolf Steiners darstelle und faktisch eine zweite Kreuzigung des Christus. Aus tiefster Not schreit Delor zu uns: Vom Verrat der Klassentexte Steiners, vom Scheitern der Mitglieder, von Schlampereien und Entweihung. Er verweist auf das Buch „Rudolf Steiners Leidensweg“, was aber nur ein kleiner Schritt sei bis zur von Delor geschilderten „Hölle Anthroposophie“, die nicht nur faktisch durch die permanenten Streitereien von Mitgliedern und deren sektiererischen Abspaltungen begründet werde, sondern auch noch durch die Außenstehenden, die das Spektakel der „blöden Anthroposophen“ erheitert und hämisch kommentierten.

Dabei liege doch letztlich die Schuld bei einem „schwarzen Engel“, wie eine Hellseherin (3) namens Verena Staël v. Holstein offenbart habe, der schon Hitler geistig zerrüttet hätte: „Genauso haben höhere schwarze Wesen den Entschluss gefasst, gegen das große weiße Wesen, welches Rudolf Steiner mit seiner Anthroposophie verankert hat, aktiv zu werden und ein großes schwarzes Wesen der Anthroposophie entgegenzustellen. (...)
Der gesamte deutsche Sprachraum ist von seinen geistigen Wurzeln radikal abgeschnitten worden. (...) Bei den Deutschen hat dieses Abschneiden von den alten mythologischen Wurzeln derart stark die Zukunft verändert, dass die Auswirkungen bis in die Ausprägung der hellseherischen Fähigkeiten der heute lebenden Menschen gegangen ist.
Hintergrund war die Wesenheit eines schwarzen Engels, der sich nach der Gasvergiftung Hitlers in ihm inkorporiert und nach und nach die anderen Menschen um sich gesammelt hat, die sein Wirken mitgelebt haben. Sie entwickelten eine Ideologie, rissen alle nordischen Götternamen in ihren Schmutz und in ihre Ideologie hinein und schnitten damit die Mitteleuropäer von ihren geistigen Wurzeln ab. Deswegen konnte sich das, was Rudolf Steiner für die Zukunft voraussagte, nicht richtig und nicht in Ruhe entwickeln.


So siehts nämlich aus! Hitlers schwarzer Engel hat die Anthroposophie ruiniert! Andreas Delor setzt, in seinem elaborierten Erregungszustand, das Scheitern der Anthroposophischen Gesellschaft auch noch - ziemlich geschmacklos- in Kontext mit dem Holocaust, aber, nach einer Reihe rein assoziativer Schlenker, sogar in Zusammenhang mit mir (4), und zwar was Zweifel an Steiners Aussagen über Frühmenschen betrifft. Was das mit Delors Thema zu tun haben könnte? Offenbar findet er nicht nur interne Streitigkeiten der Anthroposophenschaft zersetzend, sondern jeden Zweifel an den Aussagen des Meisters überhaupt. Delor verlangt wortwörtliche - eigentlich biblische- Auslegung ohne jede Interpretation: „Rudolf Steiners Ausführungen wortwörtlich zu nehmen, wie ich es tat und immer noch tue, meinte Stockmar, sei naiver Realismus im Sinne der „Philosophie der Freiheit“.“ Stattdessen empfiehlt Delor genau den naiven Realismus, den Stockmar ihm vorwirft: Die Vorspiegelung, es gäbe eine „gegebene“, ohne Interpretation vorliegende wortwörtliche Auffassung der Worte Rudolf Steiners, die im Fall von Andreas Delor und den Seinen doch in besonderem Maß zivilisationsmüde, miesepetrig, depressiv mit Hang zum Pompösen und zur narzisstischen Selbst- Überhöhung zelebriert werden. Der ganze inszenierte Zerfall der anthroposophischen Szene soll doch die Einzigartigkeit der „wahren Jünger“ des Meisters heraus stellen, die an seiner Brust liegen wie einst der Jünger, den der Herr lieb hatte. Hosianna!


Verweise ---------

1 https://andreas-delor.com/files/AndreasDelor/dokumente/anthroposophie-aufsaetze/1ZerstörungderAAG.pdf
2  Ich habe leider keine Ahnung, wer Sigurd Böhm ist.
3 aus: Flensburger Hefte Nr. 107: „Neues Hellsehen”, Flensburg 2010)
4 Delor schreibt in seinem unter 1 verlinkten Artikel: „„Haben also die «Atlantier» – so Steiner – tatsächlich «gelebt auf dem Boden, der jetzt bedeckt ist mit den Fluten des Atlantischen Ozeans» (Rudolf Steiner, GA 93a, S.138f)? (...) Viele Funde sind in Bezug auf Varianten der menschlichen Spezies gemacht worden – Rudolf Steiner kannte zu seiner Zeit lediglich eine zweite hominide Art neben dem Homo Sapiens, nämlich den so genannten Neanderthaler...
– Da ist – ich muss für eventuell unkundige Leser die Dinge gleich an Ort und Stelle geraderücken – der Autor Michael Eggert schlecht informiert: Rudolf Steiner spricht ebenso über den damals „Pithecanthropus“ genannten Homo erectus; weitere Homininen waren zu dieser Zeit noch nicht entdeckt. –
...Diese beschrieb Steiner im Kontrast zu den «Atlantiern» als primitive, degenerierte Art, die sich nach den Atlantiern entwickelt haben soll: «Die alten Atlantier, die hatten in ihrem wässrigen Kopf gerade eine sehr hohe Stirne, und dann kam, als dies zurückging, zuerst die niedrige Stirn, und die wuchs sich nach und nach wiederum aus zu den höheren Stirnen. Das ist eben eine Zwischenzeit, wo die Menschen so waren wie der Neandertalmensch.» (Rudolf Steiner: GA 354, S. 69)
Das muss eine verdammt lange Zwischenzeit gewesen sein. Denn die Neanderthaler haben, in einer Population von etwa einer Million Menschen, angesiedelt in den dichten, artenreichen Wäldern zwischen «the Indonesian archipelago and the Iberian», schon vor 300000 Jahren das Feuer beherrscht: «By about 300,000 years ago, Homo erectus, Neanderthals and the forefathers of Homo sapiens were using fire on a daily basis.» (Zitate aus – ohne Seitenangaben im Kindle –: Yuval Noah Harari: «Sapiens: A Brief History of Humankind». Deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit, DVA 2013) Diesen Lebensraum hatten die Neanderthaler aber bereits zuvor schon Hunderttausende von Jahren bewohnt...
– Auch hier ist Eggert schlecht informiert: vor 300.000 Jahren gab es nach heutigem wissenschaftlichen Stand noch lange keine Neandertaler (die allerfrühesten vor 180.000 Jahren) geschweige denn Hunderttausende von Jahren zuvor! –
...Im Gegensatz zur Darstellung Rudolf Steiners ist archäologisch und paläontologisch nach zu weisen, dass eine erste Welle von Gruppen der Spezies Sapiens, am östlichen Mittelmeer auf diese uralte statische Kultur der Neanderthaler gestossen ist. (...) Im Gegensatz zu Rudolf Steiners Darstellung gingen diese wie andere hominide Arten nicht auseinander hervor...
– was bedeuten würde, dass jede Homininen-Art neu aus dem Boden gewachsen wäre –
...Im heutigen menschlichen DNA-Code finden sich etwa 2% Neanderthaler-Gene, was für eine sehr geringe Durchmischung spricht. Die Neanderthaler sind keineswegs aus den «Atlantiern» hervor gegangen...
– Die anderen homininen Arten, aus denen die Neandertaler sowie sämtliche Früh- und Vormenschen, da der liebe Gott sie nicht alle neu geschaffen hat, definitiv hervorgegangen sind, nennt Steiner nun einmal „Atlantier“. Diese waren nach ihm wie gesagt so weichkörprig, dass sie keine Fossilien hinterließen – schaut man sich die mittlerweile in reicher Fülle vorliegenden Homininen-Funde etwas genauer an, so deuten diese selber ganz stark darauf hin, dass Steiner mit seiner Behauptung recht hat, was mit dem dilettantischen Halbwissen, das Eggert hier auffährt, schon gar nicht zu widerlegen ist. Eggert geht auf die Frage der Weichkörprigkeit mit keinem Sterbenswort ein; es geht ihm gar nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern allein darum, Rudolf Steiner zu verunglimpfen: –
...(...) Rudolf Steiner hat seinem eigenen Konzept – erst Atlantier mit hoher Stirn, dann Neandertaler mit niedriger, dann wieder Arier mit hoher Stirn – auch gelegentlich selbst widersprochen und eine gegenteilige Darstellung gegeben: «Die Atlantier hatten weniger Vorderhirn und eine noch weiter zu- rückliegende Stirne...» (Rudolf Steiner, GA93a, S. 138f)...
– Wenn man bei Steiner nicht richtig hinschaut und die Dinge regelrecht falsch wiedergibt, dann ist es natürlich sehr einfach, bei ihm Widersprüche zu konstruieren. Weil Eggert Steiners Position gar nicht wirklich kennt, schiebt er ihm Dinge unter, die das Gegenteil von dessen Aussage beinhalten. –
...Statt die Zehntausende von Jahren parallel existierender menschlicher Kulturen zu schildern, entwickelte er vor allem eine atlantische Rassenlehre, die keiner Peinlichkeit entbehrt, dafür aber auch darum erfunden scheint, um das Hohelied des arischen Menschen singen zu können. (...) Besonders peinlich, dass Steiner sich genötigt fühlte, darauf hinzuweisen, dass die von ihm semitisch genannte der «heutigen jüdischen Bevölkerung» sehr unähnlich gewesen sein soll. Damit will er die angebliche Superiorität der arisch-kaukasischen Rasse offenbar nochmals betonen...
– wobei Eggert offenbar nicht weiß, dass Rudolf Steiner mit „Rassen“ ausschließlich „Zeiten“ oder „Entwicklungsepochen“ meint; er war anfangs gezwungen, sich solcher theosophischen Termini zu be- dienen, um überhaupt verstanden zu werden – später distanziert er sich scharf davon. Die außer-anthroposophischen Rassismus-Kritiker sind in Bezug auf Rudolf Steiner seit längerem sehr still geworden, weil sich inzwischen herumgesprochen hat, dass bei einer wirklich differenzierten Betrachtung und wenn man die zeitgebundene damalige Ausdrucksweise abstreicht, von einem „rassistischen Rudolf Steiner“ nichts übrigbleibt – nur Eggert scheint diese Entwicklung verschlafen zu haben. –
...Steiner hat in seiner merkwürdigen Atlantis-Saga Märchenstoff, Mythen, aber auch arische Herrenrassen-Ideologie in die menschliche Entwicklungsgeschichte gepackt. Die Fakten – auch die Analyse der heutigen menschlichen DNA – widerlegen seine Darstellung.“ (Michael Eggert: „Atlantisches Phantasialand mit rassistischer Note“, 23.3.2016, https://egoistenblog.blogspot.de/ 2016/03/atlantisches-phantasialand-mit.html) – in Wirklichkeit bestätigen sie sie, natürlich nicht in der völlig verfälschten Darstellung, wie Eggert sie hier wiedergibt.
Ich führe diese keinerlei Peinlichkeit entbehrende, von nicht viel Sachkenntnis und intellektueller Redlichkeit getrübte „Rezension“ nicht deshalb hier an, weil ich meine, dass sie eine besondere Bedeutung hat, sondern weil Eggert sich erstens aus unerfindlichen Gründen immer noch als der anthroposophischen Bewegung angehörig versteht (die nun einmal auf Rudolf Steiner zurückgeht) und weil er zweitens nur ausspricht, was mittlerweile sehr Viele denken – diese Entwicklung ist aber von Menschen wie Wolfgang Schad eingeleitet worden, der damit begonnen hat, Steiner an den „feststehenden Tatsachen der anerkannten Wissenschaft“ zu messen, ohne diese selbst zu hinterfragen.
Wie gesagt: eine gründliche wissenschaftliche Überprüfung Rudolf Steiners ist nicht nur berechtigt, sondern wird von Steiner selbst in aller Strenge gefordert. Solche Prüfung wird jedoch gar nicht geleistet; ich konstatiere bei den „inner-anthroposophischen“ Steiner-Kritikern stattdessen eine Heiligsprechung anerkannter wissenschaftlicher Lehrmeinungen – oft ohne ausreichende Kenntnis derselben, s.o. – und der inquisitorischen Verdammung jeglicher abweichender Positionen“ (5)

5 https://egoistenblog.blogspot.com/2016/03/atlantisches-phantasialand-mit.html
* Rundbrief


Aus: "Der anthroposophische Narzisst oder: Die gefühlte Selbst- Bedeutsamkeit" Michael Eggert (26.06.2019)
Quelle: https://egoistenblog.blogspot.com/2019/06/der-anthroposophische-narzisst-oder-die.html

Quote
T. Majoor (2019)

Delors in seinem Zerstörungsaufsatz (53 Seiten) polemisiert natürlich sehr. Mag er z.B. sogar recht haben, dass vor 300.000 Jahren nicht der Neanderthaler, sondern Homo Erectus das natürliche Feuer verwendete (vgl. Steiners Atlantier und Lemurier, 11.52 und 11.69f.), aber Delors Stil wirkt hier regelrecht polarisierend, so wie bei seinen anderen Themen.

Die Parallelisierung von sieben ‘atlantischen‘ und fünf ‘nachatlantischen‘ oder ‘kaukasischen‘ Kulturen mit der letzten Eiszeit (Kaltzeit) und der darauffolgenden Überflutung (Warmzeit) basierte Steiner (1910) auf einer axialen Präzessionzyklus ‘von etwa 26.000 Jahren‘ (Frühlingspunktbewegung, 13.423), so wie 1920 Milankovic gewisse Klimaschwankungen mit einem Zyklus von 26.000 Jahren vermutet hatte. Es handelte sich bei Steiners ‘Atlantis‘ oder ‘Eiszeitalter‘ um eine Periode von 15.000 Jahren, weit nach dem Aussterben vom Homo Neanderthalensis vor 40.000 Jahren. (Das letzte glaziale Maximum (LGM) herrschte vor etwa 21.000 bis 18.000 Jahren.)

‘Weichkörprigkeit’ (auch Neotenie oder Juvenilisation) in der Zoologie des 19.Jh. bei Steiner:
“Nun studieren Sie einmal dasjenige, was in der Zoologie vorliegt, ich will sagen, durch die Untersuchungen von Selenka über den Un¬terschied zwischen Mensch und Tier in der embryonalen Bildung, und wie diese Bildung dann erscheint nach der Geburt beim Menschen, wie sie erscheint bei dem höheren Tier, dann werden Sie eine Vorstellung verknüpfen können mit diesem Zurückbleiben. In der Tat verdanken wir unsere menschliche Bildung dem Umstande, daß wir während der Embryonalbildung nicht so weit vorschreiten wie das Tier, sondern zurückbleiben.“ 323.233 f. (siehe auch Kollmann, 61.229 f. und Klaatsch, 61.233 f.)

Die atlantische Nostalgie Delors (und Bosses) geht Jahrmillionen zurück in die Erdgeschichte.

Wenn man jedoch für ‘Atlantis‘ mit 15.000 Jahren rechnet, so Steiner (1918, 180.272), dann bleibt man zeitnah im Jung-Paläolithikum (letzte Eiszeit) und bei den ‘European Early Modern Humans‘ (Cro-Magnon-Menschen) mit ihren ziemlich niedrigen Schädeln. Neanderthaler muss man in dieser Steinerschen Chronologie Lemuriern gleichstellen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Cro-Magnon-Mensch
https://en.wikipedia.org/wiki/European_early_modern_humans
https://anthrowiki.at/Lemurische_Zeit


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Michael Eggert -> Mod T. Majoor

Vielen Dank für die Klarstellung!


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Claudius Weise (2019)

Ad Fußnote 2: Sigurd Böhm war Gründer und spiritus rector der Freien Schule Albris, vormals Freie Waldorfschule Kempten. Andreas Delor war sein Schüler. Vgl. https://andreas-delor.com/news-details/items/das-ereignis-rudolf-steiner-im-lebenswerk-von-sigurd-boehm-und-judith-von-halle


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Michael Eggert -> Mod Claudius Weise (2019)

Vielen Dank!


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Claudius Weise Michael Eggert (2019)

Erklärt, glaube ich, einiges ...


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Dirk Klose (2019)

Narzissmus ist ein guter Ausdruck für den beschriebenen Prozess. Die Anthroposophen nehmen sich selbst so wichtig als wären sie der Mittelpunkt der Welt. Das hat in der Tat schon pathologische Züge.
Mir ist nicht klar wer der Autor des Textes ist. Ist es Michael Eggert? Verwirrend wäre in diesem Fall die Fußnote 4, wo wiederholt der Autor sich selbst (?) des Irrtums bezichtigt.


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Michael Eggert -> Dirk Klose (2019)

Muss ich noch etwas nacharbeiten. Der Text ist von mir, aber Anmerkung 4 ist ein Zitat aus dem Beitrag Delors. Das ist zugegeben verwirrend.


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[...] Am Montagmorgen, knapp 24 Stunden nachdem Donald Trump das Spiel mit dem Feuer begonnen hatte, legte der amerikanische Präsident nach: „Wann werden die linksradikalen Kongressabgeordneten sich entschuldigen?“, fragte er auf Twitter. „Bei unserem Land, dem israelischen Volk und sogar beim Amt des Präsidenten.“ Dass er nach einer Entschuldigung der vier Parlamentarierinnen auch seine eigenen Äußerungen zurücknehmen werde, fügte er nicht an. Vielmehr war seine abermalige Provokation eine Botschaft ans eigene Lager, standhaft zu bleiben. Bislang schweigen die Republikaner zu dem Vorfall, bei dem der Präsident sich nicht nur nach Meinung der linksliberalen Öffentlichkeit offen rassistisch geäußert hatte.

Trump hatte am Sonntag auf Twitter ganz bewusst provoziert: Es sei sehr interessant zu sehen, dass „progressive Abgeordnete“, die aus Ländern stammten, deren Regierungen völlige Katastrophen seien, dem amerikanischen Volk, der großartigsten und mächtigsten Nation auf Erden, nun lauthals und bösartig sagten, wie das Land zu führen sei. Weiter schrieb er: „Warum kehren sie nicht heim und helfen dabei, die vollkommen kaputten und von Kriminalität befallenen Orte, aus denen sie gekommen sind, in Ordnung zu bringen?“ Gemeint waren Alexandria Ocasio-Cortez (gebürtige New Yorkerin, ihre Familie stammt ursprünglich aus Puerto Rico); die Afroamerikanerin Ayanna Pressley (geboren in Cincinnati); Rashida Tlaib (geboren in Detroit, ihre Familie ist palästinensischer Herkunft); und schließlich: Ilhan Omar, die einzige Abgeordnete der vier Vertreterinnen des linken Flügels der Demokraten, die tatsächlich nicht in den Vereinigten Staaten geboren wurde, sondern in Somalia.

Die vier Abgeordneten zählen zu Trumps schärfsten Gegnern im Kongress: Einige haben sich offen für ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn ausgesprochen, andere untersuchen das Finanzgebaren der Trump-Organisation. Allesamt sind sie vehemente Kritikerinnen seiner Migrationspolitik. Die Flüchtlingsunterkünfte nennen sie „Konzentrationslager“ – ein Vergleich, der nicht nur im Weißen Haus, sondern auch in Israel für Empörung gesorgt hatte. Um all das ging es Trump aber nicht. Der Präsident gab sein eigentliches Motiv zu erkennen, als er schrieb, auch Nancy Pelosi, die „Sprecherin“ des Repräsentantenhauses, wäre sicher erfreut, wenn die vier Abgeordneten sich in ihre Heimat aufmachten.

Hintergrund ist ein seit Wochen tobender Streit zwischen der demokratischen Kongressführung und den linken Wortführern über die Migrationspolitik. Es fing damit an, dass Pelosi sich auf Druck moderater Kräfte in ihrer Fraktion genötigt sah, einem Grenzschutz- und Nothilfepaket, das die Republikaner eingebracht hatten, zuzustimmen. Mit den bewilligten Geldern wird nicht nur die humanitäre Hilfe für Migranten finanziert, was die Moderaten zur Zustimmung bewogen hatte. Die Mittel dienen auch dazu, die Grenzbehörden besser auszustatten, weshalb der einflussreiche Büroleiter der Abgeordneten Ocasio-Cortez kürzlich auf Twitter den Vorwurf erhob, die Demokraten „ermöglichten ein rassistisches System“.

Diesen Konflikt wollte Trump durch seinen Tweet anheizen. Er bewirkte aber das Gegenteil. In einer ersten Reaktion sagte Pelosi, die Äußerung über „vier amerikanische Abgeordnete“ bestätige einmal mehr: Wenn Trump von „Make America great again“ rede, sei eigentlich gemeint: „Make America white again“. Er wolle Amerika nicht zu alter Größe führen, sondern die Vorherrschaft der Weißen wiederherstellen. Die Vielfalt sei aber Amerikas Stärke und die Einigkeit seine Macht.

Das bisherige Schweigen der Republikaner offenbart den zerbrechlichen Zustand der Präsidentenpartei: Zweieinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt hat Trump in weiten Teilen der Partei eine Atmosphäre geschaffen, in der jedwede Kritik an ihm als Verrat gilt. Wer das Wort gegen den Präsidenten erhebt, gilt sogleich als verweichlichter Liberaler. [...]


Aus: "Provokation auf Twitter : Trumps Spiel mit dem Feuer" Majid Sattar (15.07.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/twitter-trump-will-konflikte-unter-den-demokraten-schueren-16286419.html

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     Hauke Pütz (voliant), 16.07.2019 - 00:53

moderat ausgedrückt, könnte man herrn trump ja mal empfehlen sich in seiner eigenen genealogie schlau zu machen. herr trump ist wie alle weißen einwanderer
auch kein "ur-amerikaner". und als deutscher schäme ich mich für das verhalten eines auswanderers, der absolut nichts kennt als arroganz anderen gegenüber.


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Michael Conrad (Mtwain), 15.07.2019 - 23:25

Trump ist ein armer Kerl, der politische Diskurse nicht aushalten kann - diese Menschen mit sozialen Defiziten begeben sich gerne in Opferrollen (AfD) oder begeben sich in die Untiefen der Diskriminierung und Herabwürdigung anderer Menschen. Das ist der Antihumanismus der Art, die Menschen die Würde und das Leben absprechen will.


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Jen Long (treehugger), 15.07.2019 - 22:33

Ihre Meinung

Ich persoenlich finde die Demokraten spielen hier mit Feuer, indem sie die judenfeindlichen Kommentare ihrer neuen Abgeordneten nicht kritisieren. Vor allem Ilhan Omar und Rashida Tlaib, die sich auf Twitter ganz offen als Antisemiten outen. Trump haette sich in diesem Fall den Tweet sparen sollen. Obwohl ich ihm recht gebe, wie viele Amerikaner.


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     Arnd Stricker (astricker), 15.07.2019 - 22:26

Zu weit gedacht

Ich bin überzeugt, dass das zu weit gedacht ist. Trump ist ziemlich roh, nicht sehr reflektiert, erratisch und direkt. Deswegen sehe ich da weniger taktisches Kalkül gegenüber den Demokraten. Bei allen intellektuellen Abkürzungen, die Trump nimmt, hat er als Machtpolitiker ein gutes Bauchgefühl. Das stimmt für die Einschätzung Chinas als größte Bedrohung (auch wenn das Handeln nicht konsequent ist), das gilt aber auch für die Identitätspolitiker, die Teilhabe und Sonderrechte für ihre Gruppen nur aufgrund ihrer schieren Existenz fordern, ohne über Gegenleistung zu reden oder gar grundlegende Werte der gesamten Gesellschft rundheraus ablehnen. Mit seinen rassistischen Tweets zielt er genau dorthin; und trifft damit wahrscheinlich das ungute Bauchgefühl vieler Amerikaner, die nicht unbedingt das Thema tiefer durchdringen wollen (so wie Trump selbst)


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[...] Der US-Präsident will, dass mehrere Kongressabgeordnete in die Länder ihrer Familien zurückkehren. Das empört die Demokraten – und nun auch einige Republikaner.  ...  Omar sagte, Trump habe eine "eklatante rassistische Attacke" gegen die vier Abgeordneten gefahren. "Das ist die Agenda der weißen Nationalisten." ...


Aus: "USA: Auch Republikaner werfen Donald Trump Rassismus vor" (15. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-07/usa-kritik-republikaner-donald-trump-rassismus-demokraten

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useros #5

Trump bedient sein Klientel.


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Geitonas #7

Diese verbalen rassistischen Entgleisungen Donald Trumps dienen lediglich seiner ihm treu ergebenen stockkonservativen bis ebenso rassistischen Kern-Wählerschaft, bei der er sich offenbar am wohlsten fühlt. Die Aufgabe eines Präsidenten der USA ist es nicht, seine persönlichen Stammtische zu bedienen, sondern souverän für alle Amerikaner gleichermaßen zu sprechen. In dieser Verpflichtung und Aufgabe versagt Donald Trump. ...


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Für mehr nach vorne #8

Wir müssen es einfach sagen, wie es ist: So widerwärtig uns Trump vorkommt, er trifft den Nerv großer Teile der Amerikaner. ...


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BiggerBetterStronger #14

Trump trifft einen Nerv und spricht genau das aus, was viele denken. Wer Amerika nicht liebt, kann ja gehen. ...


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Fr3n3t1c #16

Seit wann ist es rassistisch, wenn man vorschlägt, das jemand der sich anmaßt ein Land zu verbessern erstmal mit gutem Beispiel vorangeht und es zuhause vorlebt?
Seit wann ist es rassistisch und sexistisch, Menschen mit Migrationshintergrund und Frauen zu kritisieren?
Wer sich den Text von Trump im Wortlaut statt die Interpretation der linksliberalen Medien durchliesst merkt schnell, das es schon eine gewisse Fantasie braucht, um hier Rassismus zu konstruieren.


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Kay-Ner #16.1

Die sind zuhause!


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Fr3n3t1c #16.2

Mag ja sein, trotzdem haben sie einen Migrationshintergrund. Es wird doch wohl noch legitim sein darauf hinzuweisen, das in deren ursprünglichen Vaterländern die Dinge nicht so gut laufen und wenn es ihnen in Amerika nicht gefällt, können sie gerne dorthin zurückgehen.
Das machen Grünradikale hier doch auch so gerne, sagen AfD Wählern sie solln bitte schön auswandern...
Wenn solche Kommentare hier kommen wird das schön stehen gelassen.
Einfach nur ne Doppelmoral.


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Hefti gegen Zensur #16.5

... Soll ich ihnen nun erklären, dass es nur eine Art von Staatsbürgern gibt? Soll ich ihnen erklären, dass jeder in einer zivilisierten Gesellschaft das Recht hat, u.a die Regierung zu kritisieren? Soll ich ihnen erklären, dass es rassistisch ist, wenn man Menschen aufgrund ihrer Aussehens, ihres Geburtsortes, des Geburtsortes seiner Eltern, für Bürger zweiter Klasse erklärt?

Oder muss ich sie ernsthaft fragen, ob ihnen nicht klar ist, wie rassistisch und rechtsstaatfeindlich es ist, wenn u.a. sie amerikanischen Bürgern bzw. Bürgerin ihre Staatsbürgerschaft absprechen indem sie unterstellen, dass ihr "zuhause" nicht die USA ist?

Nochmals, ihr Kommentar sieht so gekünstelt aus, dass ich nicht glaube, dass sie den Kram wirklich selber glauben. ...


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Fr3n3t1c #16.16

Klar ist das legitim. Aber genauso waren Trumps Worte legitim. Lest sie euch mal genau im Wortlaut durch, das wird mal wieder seitens der linken Medien absichtlich misinterpretiert - so eindeutig ist da kein Rassismus festzustellen.
Diese Meinung haben so sogar einige gemäßigte Demokraten auf Reddit vertreten.

"So interesting to see 'Progressive' Democrat Congresswomen, who originally came from countries whose governments are a complete and total catastrophe, the worst, most corrupt and inept anywhere in the world (if they even have a functioning government at all), now loudly and viciously telling the people of the United States, the greatest and most powerful Nation on earth, how our government is to be run.

Why don’t they go back and help fix the totally broken and crime infested places from which they came. Then come back and show us how it is done. These places need your help badly, you can’t leave fast enough. I’m sure that Nancy Pelosi would be very happy to quickly work out free travel arrangements!"


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Kay-Ner #16.17

"who originally came from countries whose governments are a complete and total catastrophe, the worst, most corrupt and inept anywhere in the world (if they even have a functioning government at all)"

Ja nochmal: original stammen die meisten der angesprochenen Personen aus den USA.
... leider betreibt der Präsident nur rechte Identitätspolitik. Biste nicht weiß, biste 2. Klassig...


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r.schewietzek #16.18

Sie wollen, dass Trump nach Deutschland übersiedelt? Bin ich gegen.
Übrigens müsste er dann wohl erst mal Melania nachhause schicken [Melania muss zurück, in deren Heimatland ist die Situation auch nicht prickelnd].


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Calvisius #16.25

Melania kommt aus Slovenien. Ich war da vor ein paar Jahren mal im Urlaub (am Bleder See und in Ljubljana). Es war ein wunderbarer Urlaub, und ich hatte nicht das geringste Gefühl, dass das Land in einer "nicht prickelnden" Situation wäre.


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Rollmann #16.27

Naja worüber er sich empört is ja folgendes:
Amerikaner der Gruppe A (Migrationshintergrund der Eltern) erdreistet sich Amerikanern der Gruppe B (Migrationshintergrund jenseits der Eltern) zu erzählen was in beider Gruppen Heimatland politisch falsch läuft.

Ich frage mich wie man da nicht ungläubig den Kopf schütteln kann?


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Renschenmann #16.28

"Seit wann ist es rassistisch, wenn man vorschlägt, das jemand der sich anmaßt ein Land zu verbessern erstmal mit gutem Beispiel vorangeht und es zuhause vorlebt?"

Die Demokratinnen sind in ihrem Zuhause, die USA ist ihr Zuhause, die Stadt in der sie leben ist ihr Zuhause. Von der Hautfarbe auf ein anderes Zuhause zu schließen ist Rassismus. Schade, dass Sie das in keinster Weise verstehen können. Vielleicht hilft ein Kurs zum Thema Rassismus.


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Renschenmann #16.29

Alle weißen US-Amerikaner sind Kinder von Migranten. Migranten, die mit Feuer und Schwert das Land von den rechtmäßigen Einwohnern Nordamerikas geraubt haben. Trumps Großvater war ein deutscher Auswanderer, der in den USA ein Bordell betrieben hat, ein Lude, ein Zuhälter. Sein Sohn, Trumps Vater, war ein mit der Mafia befreundeter Bauunternehmer. Jeder weiß, dass die Baubranche in den USA wie in Italien durchsetzt ist von der organisierten Kriminalität und Fred Trump gehörte dazu. Und der Enkel eines deutschen Zuhälters und Sohn eines mutmaßlichen Mafiosi wird zum Präsidenten gewählt und kritisiert amerikanische Staatsbürger, die eine andere Hautfarbe haben. ...


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Des Doktors Bruder #20

Wenn ZON es mir erlaubt wuerde ich gerne etwas direkt aus den USA dazu beitragen.
Alles begann mit einem innerparteilichen Streit zwischen Alexandria Ocasio-Cortez und Frau Pelosi.
AOC ( das ist die hier verwendete Abkuerzung) warf Frau Pelosi vor eine Rassistin zu sein, da diese eine alt, eingesessene und weisse Dame ist welche die neuen angeblich wegen deren Hautfarbe und Herkunft uebergeht (Partei-intern).

Soweit so gut.

Nun kommt der Schlingel Trump ins Spiel und unterstuetzt mit seiner Aussage Frau Pelosi.
Diese kann das natuerlich, da Oposition, absolut nicht auf sich sitzen lassen.
Also bezeichnet die bezeichnete Rassistin Trump ein Rassist zu sein.
Verwirrend? Nein liebe Leser das nennt sich schlicht Politik hier in den USA.
Nun wirft sich die komplette links/liberale Presse logischerweise natuerlich auf President Trump.
Aber was liebe Leser denken Sie wird der US-Waehler ueber dieses Schauspiel denken? ...


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FCKNZS7 #34

Trumps Rassismus hat eine lange Geschichte:

"Donald Trump’s long history of racism, from the 1970s to 2019" https://www.vox.com/2016/7/25/12270880/donald-trump-racist-racism-history

"Trump's Racism: An Oral History" https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2019/06/trump-racism-comments/588067/

"Trump’s Long History of Racism" https://www.rollingstone.com/politics/politics-features/trumps-long-history-of-racism-201446/

Etc. pp.


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viper_100 #38

Lustig, wie man hier anfängt, zu hyperventilieren.
Trump wird die Wahl gewinnen. Gut so.


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sonstwer #38.1

Lustig, diese substanzlosen Trollereien.


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Pagenotfound404 #38.3

Lustig die tiefbegabten.


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DieMenschheitIstGut #44

Und wieder einmal tönt es aus allen Ecken: Das war zu viel, Trump muss weg. Jetzt. Gleich. Und wieder einmal passiert: Nichts. Trump wird wiedergewählt werden, weil die Reps zwar pflichtschuldig meckern, ihn aber nicht wirklich nicht stoppen können / wollen. Und weil die Demokraten überwiegend charisma- und ideenlose Kandidaten haben, die sich dazu noch gegenseitig in die Pfanne hauen. Und das Volk, so wie ich es dort erlebe, nimmt lieber einen Trump hin, als "kommunistische Spinner" (wörtlich mehrfach genannt) à la Sanders etc. Zwar entspricht das Verhalten eines Machtmenschen wie Trump sicher nicht der deutschen Mentalität, weiten Teilen der US-Bevölkerung jedoch schon. Auch wenn ich persönlich Trump lieber sonstwo sähe als im White House, das sind die Tatsachen und nicht das, was man in Deutschland immer wieder dazu meint.


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Linnerk #45

Fast schon köstlich, die Debatte und Aufgeregtheit.
Es ist mir bekannt, dass im Anti-Trump-und-Antiamerikanismus-Deutschland folgende Einschätzungen nicht geteilt werden, aber Meinungsfreiheit oder sogar "freedom of speech" sind hohe Güter einer Demokratie, die ihren Namen auch verdient haben will.

Zum amerikanischen Präsidenten Donald Trump:
Wie blöde muss die Öffentlichkeit eigentlich sein, wenn sie hysterisch versucht ihn über die "Rassismus"-Keule zu attackieren?
Genau das spielt ihm in die Hände und er nutzt es aus!
Seine Wähler und manche Unentschlossenen werden sich fragen:
>Inwiefern sollen die Äußerungen Donald Trumps denn rassistisch sein?<
>Darf man denn nicht sagen, was er von sich gegeben hat?<
>Liegt ein Kern Wahres in dem, was er postet?<
> Sind israelfeindliche/antizionistische Stellungnahmen der betreffenden demokratischen Abgeordneten teilweise nicht auch antisemtisch, also rassistisch?< (Genau diese Frage werden sich sogar liberale Demokraten stellen und Trump hat dann bei Ihnen gepunktet.)

Im Ergebnis wird er seine Anhänger eher hinter sich scharen und insbesondere auch bei undogmatischen, antihysterischen Liberalen Punkte sammeln.
Besonders in der Arbeiterschaft, bei Menschen in prekären Lebenssituationen und vielleicht sogar gemäßigten Liberalen mit Israelverbundenheit wird sein Zuspruch dadurch gestärkt werden, denke ich (und diese Gruppen sind nicht alles "Rassisten").
Tja, er weiß, ob's gefällt oder nicht, wie "Öffentlichkeit" geht.


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sonstwer #45.3

Rassismus bleibt Rassismus. Wahrheit bleibt Wahrheit und ist keine Frage irgendeiner politischen Taktik. Da können sie noch so sehr relativieren.
Und wenn sich seine ... Anhänger dadurch umso mehr hinter ihrem nackten Kaiser scharen: Who cares? Die müssen morgens in den Spiegeln schauen.

Es ist nichts daran hysterisch die Wahrheit zu sagen und ein rassistischer Tweet bleibt ein rassistischer Tweet. Nix mit Keule.


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Linnerk #45.6

ich habe nicht "relativiert", das ist eine Unverschämtheit.
ich habe (mögliche) Folgen der hysterischen "Rassismus"-Keule skizziert und zwar politisch-taktische.
Zu ihrem "Argument".
Rassismus ist eine Form von Diskriminierung und eine Art über andere Menschen zu denken, die sich von einem selbst oder von einer andere Gruppe von Menschen unterscheiden. (Eine ausführliche Definition erpspare ich uns jetzt). Rassismus ist abzulehnen.
Aber 'Rassismus' ist auch (nicht nur!) ein politisch-taktischer, agitatorischer Kampfbegriff geworden (ähnlich wie "Faschismus", "Gutmensch", ....). Das ist das Problem.
In der Auseinadersetzung mit Präsident Trump wird auch die agitatorische Karte gespielt.
Trump hat das (wahrscheinlich bewusst!) provoziert.
Und er erreicht (ganz dialektisch!) das, was er will, denke und befürchte ich.
[Wer den Rassismus-Begriff verwendet, könnte das auch in agitatorischer Absicht tun. ... Ich denke aber wirklich, dass Präsident Trump in seiner Gerissenheit (klassisch, im Sprachgebrauch in Anlehnung an Machiavellis auch 'Klugheit' genannt) nicht unterschätzt werden sollte. M.E. hat er seine Gegner bewusst provoziert und eine entsprechende Reaktion 'heraus gekitzelt'.
Es wird ihm eher nutzen als schaden!]


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[...] Donald Trump offenbart mit seiner Hetze gegen die vier farbigen Abgeordneten einmal mehr seine rassistische Weltsicht. Das mag schockieren, ist aber nicht neu. Vielmehr reihen sich die Äußerungen ein in eine lange Kette an Ausfällen und Taten, die bis in die Tage zurückreichen, als Trump in seinen Mietwohnungen Minderheiten diskriminierte. Dass nicht einmal die Fakten stimmen, darf auch nicht überraschen. Trump log genauso über Barack Obamas Herkunft, wie er nun den Eindruck erweckt, die verunglimpften Politikerinnen seien keine richtigen Amerikaner.

Schlimmer als Trumps dümmliches Gezwitscher ist das Schweigen der Republikaner und der Beifall seiner Anhänger. Beides normalisiert Rassismus im politischen Alltag der USA. In dem ethnisch bunten Land werden sich damit auf Dauer keine Mehrheiten finden lassen, aber für die nächsten Wahlen könnte es Trump helfen, genügend verängstigte Weiße an die Urne zu bewegen. Der Präsident weiß, wie stark die Mischung aus Angst und Hass mobilisieren kann. ...


Aus: "Kommentar über Trumps Tweets: Platte Hetze" Thomas Spang (15.07.2019)
Quelle: https://www.weser-kurier.de/deutschland-welt/deutschland-welt-politik_artikel,-platte-hetze-_arid,1845072.html

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adagiobarber
am 15.07.2019, 22:12
that's america ...

showtime is showtime.
und ... primetime is also showtime.

alle wußten & wissen das:

- wilhelm II
- erich honecker
- eduard von schnitzler
- die liste ist lang ...

ich glaube, selbst dieter bohlen weiß es.


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[...] Die deutschen Sicherheitsbehörden haben vor knapp zwei Jahren einen Anschlag auf Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) befürchtet – und zwar aus den eigenen Reihen. Kurz davor waren zwei Studenten wegen ihrer rechtsextremen Gesinnung aus der Bundeswehr entlassen worden. Wie die Welt am Sonntag berichtete, vermuteten die Behörden bei einem der zwei, dass er womöglich ein Attentat auf von der Leyen verüben könnte.

Eine Durchsuchung bei ihm brachte jedoch kein Ergebnis, die Ermittlungen wurden eingestellt. Doch laut Welt denken die Behörden, dass der Soldat die Razzia erwartet und entsprechende Schritte eingeleitet hat – es gilt die Unschuldsvermutung.

Bei dem damals Verdächtigen handelt es sich um T.L., ein Mitglied der Passauer Burschenschaft Markomannia Wien, wie dem STANDARD aus mehreren Quellen bestätigt wurde. Die hat beste Verbindungen nach Österreich: Sie war etwa im Mai 2018 zu Gast bei der Wiener Bruna Sudetia, die damals gerade wegen der Liederbuch-Affäre in den Schlagzeilen war. Passend dazu postete die Markomannia auf Facebook ein Liederbuch, um den Besuch zu illustrieren.

Ihr Obmann Herwig Götschober, der bei dem damaligen Verkehrsminister Hofer arbeitete, war bei dem Termin nicht anwesend. Die Markomannia war auch zu Besuch bei der Moldavia Wien, bei der Mitarbeiter der FPÖ aktiv sind. Ebenso gab es ein Treffen bei der Germania Ried, in der sich der damalige oberösterreichische Landesrat Elmar Podgorschek (FPÖ) engagiert. Der verdächtige T.L. dürfte bei diesen Reisen als führendes Mitglied der Markomannia mit dabei gewesen sein. Odin Wiesinger, der Lieblingsmaler von Parteichef Norbert Hofer (FPÖ), bot der Markomannia an, ein Sujet für sie zu gestalten; das likte auf Facebook der Neonazi Franz R. aus dem Umfeld von Gottfried Küssel.

Der einst verdächtigte Soldat T.L. ist mittlerweile bei der AfD aktiv. Die ursprünglichen Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt. Unklar ist aber, wie sehr T.L. unabhängig von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen noch auf dem Radar der Nachrichtendienste steht. Sein Fall dürfte durch das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages aufgekommen sein, an das der Bundesnachrichtendienst (BND), der Militärische Abschirmdienst (MAD) und der Verfassungsschutz berichten.

Die Causa fügt sich in eine Reihe von Vorfällen ein, die gemeinsam ein Netzwerk an rechtsextremen Soldaten und Polizisten konstituieren. Diese treffen oft Vorkehrungen für einen "Tag X" und legten Feindeslisten an. So gibt es einen zeitgleich mit T.L. entlassenen Bundeswehr-Studenten, der Nachrichten mit einer Person im Umkreis von Franco A. hatte. Letzterer war im Februar 2017 in Wien festgenommen worden, als er eine Pistole aus ihrem Versteck am Flughafen Schwechat holen wollte. Franco A., ein Berufssoldat, hatte sich heimlich als syrischer Flüchtling registrieren lassen. Der Fall hängt auch mit der Causa jener deutschen Polizisten zusammen, die kürzlich in Mecklenburg-Vorpommern verhaftet wurden. Sie hatten ebenfalls Feindeslisten angelegt und bereits den Erwerb von Leichensäcken geplant gehabt. (fsc, lalo, 15.7.2019)


Aus: "Rechtsextremismus: Behörden befürchteten Attentat auf von der Leyen durch Soldaten" Fabian Schmid, Laurin Lorenz (15. Juli 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000106313935/behoerden-befuerchteten-attentat-auf-von-der-leyen-durch-soldaten?ref=article

https://www.welt.de/politik/plus196804049/Bundeswehr-Sicherheitsbehoerden-fuerchteten-Angriff-auf-von-der-Leyen.html

https://www.welt.de/politik/plus192653589/Fall-Franco-A-Das-rechte-Schattennetzwerk.html (30.04.2019)

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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Grundrechte & Global Issues...
« on: July 15, 2019, 05:10:47 PM »
"Welternährung: 820 Millionen Menschen hungern" Alexandra Endres (15. Juli 2019)
Dass bis 2030 kein Mensch auf der Erde mehr Hunger leidet, wird kaum noch zu schaffen sein. Im Gegenteil, warnt die FAO: Wirtschaftskrisen werden die Lage verschärfen. ,,, Bis zum Jahr 2030 soll niemand mehr Hunger leiden, das hatten sich die Vereinten Nationen vor vier Jahren vorgenommen. Ein großes Ziel – und es ist kaum noch zu erreichen, wie Wissenschaftler unter Federführung des Entwicklungsökonomen und UN-Sonderberaters Jeffrey Sachs erst kürzlich schrieben. Tatsächlich steigt die Zahl der Hungernden, statt zu sinken: Im Jahr 2018 waren es 820 Millionen Menschen. Das geht aus dem jährlichen, gerade aktuell veröffentlichten Bericht der UN-Welternährungsorganisation FAO zum Stand der weltweiten Nahrungsmittelsicherheit hervor. ... Zugleich, und das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, nimmt die Zahl der Übergewichtigen und Fettleibigen zu. Im Jahr 2016 waren zwei Milliarden Erwachsene weltweit übergewichtig, das sind die neusten verfügbaren Daten. Etwa ein Drittel von ihnen galt als fettleibig. Die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen überstieg die 300 Millionen. ...
https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-07/welternaehrung-bericht-fao-hunger-nahrung-wirtschaftskrise

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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [CDU (Politik)...]
« on: July 15, 2019, 09:31:22 AM »
Quote
[...] Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat mit seiner Aussage "Ich bin vor dreißig Jahren nicht der CDU beigetreten, damit heute 1,8 Millionen Araber nach Deutschland kommen." auf Twitter einiges an Empörung verursacht. Gesagt hat Maaßen diesen Satz auf einer Veranstaltung des CDU-Ortsverbandes Weinheim. Auf Twitter reagieren viele User entsetzt. Einige fragen sich, wie dieser Mann mal Präsident des Verfassungsschutzes gewesen sein kann. Andere zweifeln, dass die CDU noch die richtige Partei für Maaßen ist. ...


Aus: "Twitter-Reaktionen: Maaßens Aussage zu Arabern: "Wie lange darf er sowas noch als CDU-Mitglied sagen?"" (02. Juli 2019)
Quelle: https://www.stern.de/politik/deutschland/hans-georg-maassen--das-sagen-twitter-user-zu-seiner--araber-aussage--8779874.html

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[...] Der frühere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat am Dienstagabend mit einem Tweet eine heftige Debatte im Netz ausgelöst. Maaßen teilte einen Link zu einem Artikel der "Neuen Zürcher Zeitung" mit der Überschrift: "In deutschen Städten sieht die Mehrheitsgesellschaft ihrem Ende entgegen". Darin heißt es weiter: "Frankfurt am Main, Offenbach, Heilbronn, Sindelfingen - in diesen und anderen Städten sind Deutsche ohne Migrationshintergrund nur noch die grösste Gruppe, stellen aber keine absolute Mehrheit mehr dar." Maaßen schrieb dazu: "Für mich ist die NZZ so etwas wie "Westfernsehen".

Dafür erntete der 56-Jährige überwiegend Kritik - und zwar umgehend. Der Grünen-Politiker Volker Beck etwa erwiderte: "Wir haben also nach Ihrer Ansicht, geschätzter Herr Maaßen, in Deutschland Zensur und staatlich gelenkte Medien wie in der DDR? Habe ich Sie richtig verstanden, dass damit die FDGO [Anm. der Red.: freiheitliche demokratische Grundordnung], die Sie als Verfassungsschutzpräsident schützen sollten, Ihrer Meinung bereits außer Kraft ist?"

Maaßen twitterte zurück: "Wir haben zuviele Relotiusse". Damit warf er den deutschen Medien pauschal vor, in ihren Berichten weitgehend die Unwahrheit zu berichten. Der Journalist Claas Relotius war Ende des vergangenen Jahres damit aufgeflogen, dass viele seiner preisgekrönten Reportagen ganz oder teilweise erfunden waren. ...

Der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz meinte: "Ein früherer Präsident des Verfassungsschutzes vergleicht die deutschen Medien mit der SED-Einheitspresse. Bisher brüllten nur die völkisch-nationalistische AfD und Pegida "Lügenpresse". Die sogenannte "'WerteUnion' verliert völlig die Orientierung."

Auch die von Maaßen gelobte "NZZ" wehrte sich gegen die Darstellung des früheren Verfassungsschützers. "Wir sind kein Westfernsehen", bezog die Schweizer Zeitung Stellung zum Maaßen-Tweet. "Dieser Vergleich ist unpassend und Geschichtsklitterung".

... Maaßen ist Mitglied der CDU und der "Werte-Union", die sich als konservative Strömung in der Union versteht. ... Als Folge seiner beschönigenden Aussagen zu rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz im September 2018 wurde Maaßen in den einstweiligen Ruhestand versetzt.


Aus: "Ex-Chef des Verfassungsschutzes: Maaßen vergleicht deutsche Medien mit DDR-Einheitspresse - gelobte "NZZ" distanziert sich" (10. Juli 2019)
Quelle: https://www.stern.de/politik/deutschland/hans-georg-maassen-vergleicht-deutsche-medien-mit-ddr-einheitspresse---gelobte--nzz--distanziert-sich-8792796.html

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"Provokation mit neuem Westfernsehen-Tweet Maaßen postet Hetz-Bericht von rechtsradikalem Medium" Alexander Fröhlich (14.07.201)
Erneut greift Ex-Verfassungsschutzespräsident Maaßen die deutschen Medien an. Diesmal beruft er sich auf ein Leitmedium der Neuen Rechten. ... Der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Hans Georg Maaßen schreckt auch nicht mehr davor zurück, Inhalte eines Leitmediums der Neuen Rechte in Deutschland zu teilen. Am Sonntagvormittag twitterte er: „Sollte dieser Bericht zutreffen, ist Panorama jedenfalls kein Westfernsehen mehr.“ Verlinkt war ein Beitrag des rechtspopulistischen und AfD-nahen Portals „Journalistenwatch“ – kurz: JouWatch. ...  Maaßen ist Mitglied der CDU und der kleinen Parteigruppierung Werte-Union, die sich als konservative Strömung in der Union versteht. Hätte Maaßen am Sonntag genauer auf dem Internetportal nachgelesen, hätte er sicherlich noch andere Beiträge gefunden, wie diesen: „Berliner Antisemitismus-Beauftragter ,Bessermensch mit erhobenem Zeigefinger‘“. Oder einen Beitrag über den Wahlkampfauftakt der AfD in Cottbus, der mit vielen Videos praktisch Wahlwerbung für die AfD betreibt.
Nach dem Beitrag über die „Sea-Watch 3“ hat JouWatch auch gleich einen Beitrag über die Identitäre Bewegung auf die Homepage gestellt. Erst vor wenigen Tagen hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz die Identitären als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung“ eingestuft und zum Beobachtungsobjekt erklärt. Es war also jene Behörde, deren Präsident Maaßen bis November 2018 war.
Auf dem Portal "JouWatch", wo sich der frühere Behördenpräsident am Sonntag tummelte, darf sich der Chef der Identitären in Deutschland, Daniel Fiß, ausführlich in einem Interview zu äußern, dass seine Gruppierung nun amtlich rechtsextremistisch ist. Ebenfalls am Sonntag erschien auf der Homepage dann ein Bericht aus Berlin-Kreuzberg, der Titel: „Linke Männer haben keine Eier“.
Im Impressum von JouWatch, „Verein für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit“, heißt es: „Der Anbieter übernimmt ausdrücklich keine Gewähr – weder ausdrücklich noch stillschweigend – für Richtigkeit, Vollständigkeit, Verlässlichkeit und Aktualität sowie für die Brauchbarkeit der abgerufenen Beiträge für den Nutzer.“
https://www.tagesspiegel.de/berlin/provokation-mit-neuem-westfernsehen-tweet-maassen-postet-hetz-bericht-von-rechtsradikalem-medium/24592608.html

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jotka26 08:42 Uhr
So langsam dürfte es Jedem dämmern, was für einen peinlichen, braunen Apokalyptiker sich die BRD-Land als "Verfassungsschutz-Präsidenten" ausgesucht hatte. ...


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[...] Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat mit seiner Aussage "Ich bin vor dreißig Jahren nicht der CDU beigetreten, damit heute 1,8 Millionen Araber nach Deutschland kommen." auf Twitter einiges an Empörung verursacht. Gesagt hat Maaßen diesen Satz auf einer Veranstaltung des CDU-Ortsverbandes Weinheim. Auf Twitter reagieren viele User entsetzt. Einige fragen sich, wie dieser Mann mal Präsident des Verfassungsschutzes gewesen sein kann. Andere zweifeln, dass die CDU noch die richtige Partei für Maaßen ist. ...


Aus: "Twitter-Reaktionen: Maaßens Aussage zu Arabern: "Wie lange darf er sowas noch als CDU-Mitglied sagen?"" (02. Juli 2019)
Quelle: https://www.stern.de/politik/deutschland/hans-georg-maassen--das-sagen-twitter-user-zu-seiner--araber-aussage--8779874.html

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[...] Der frühere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat am Dienstagabend mit einem Tweet eine heftige Debatte im Netz ausgelöst. Maaßen teilte einen Link zu einem Artikel der "Neuen Zürcher Zeitung" mit der Überschrift: "In deutschen Städten sieht die Mehrheitsgesellschaft ihrem Ende entgegen". Darin heißt es weiter: "Frankfurt am Main, Offenbach, Heilbronn, Sindelfingen - in diesen und anderen Städten sind Deutsche ohne Migrationshintergrund nur noch die grösste Gruppe, stellen aber keine absolute Mehrheit mehr dar." Maaßen schrieb dazu: "Für mich ist die NZZ so etwas wie "Westfernsehen".

Dafür erntete der 56-Jährige überwiegend Kritik - und zwar umgehend. Der Grünen-Politiker Volker Beck etwa erwiderte: "Wir haben also nach Ihrer Ansicht, geschätzter Herr Maaßen, in Deutschland Zensur und staatlich gelenkte Medien wie in der DDR? Habe ich Sie richtig verstanden, dass damit die FDGO [Anm. der Red.: freiheitliche demokratische Grundordnung], die Sie als Verfassungsschutzpräsident schützen sollten, Ihrer Meinung bereits außer Kraft ist?"

Maaßen twitterte zurück: "Wir haben zuviele Relotiusse". Damit warf er den deutschen Medien pauschal vor, in ihren Berichten weitgehend die Unwahrheit zu berichten. Der Journalist Claas Relotius war Ende des vergangenen Jahres damit aufgeflogen, dass viele seiner preisgekrönten Reportagen ganz oder teilweise erfunden waren. ...

Der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz meinte: "Ein früherer Präsident des Verfassungsschutzes vergleicht die deutschen Medien mit der SED-Einheitspresse. Bisher brüllten nur die völkisch-nationalistische AfD und Pegida "Lügenpresse". Die sogenannte "'WerteUnion' verliert völlig die Orientierung."

Auch die von Maaßen gelobte "NZZ" wehrte sich gegen die Darstellung des früheren Verfassungsschützers. "Wir sind kein Westfernsehen", bezog die Schweizer Zeitung Stellung zum Maaßen-Tweet. "Dieser Vergleich ist unpassend und Geschichtsklitterung".

... Maaßen ist Mitglied der CDU und der "Werte-Union", die sich als konservative Strömung in der Union versteht. ... Als Folge seiner beschönigenden Aussagen zu rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz im September 2018 wurde Maaßen in den einstweiligen Ruhestand versetzt.


Aus: "Ex-Chef des Verfassungsschutzes: Maaßen vergleicht deutsche Medien mit DDR-Einheitspresse - gelobte "NZZ" distanziert sich" (10. Juli 2019)
Quelle: https://www.stern.de/politik/deutschland/hans-georg-maassen-vergleicht-deutsche-medien-mit-ddr-einheitspresse---gelobte--nzz--distanziert-sich-8792796.html

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"Provokation mit neuem Westfernsehen-Tweet Maaßen postet Hetz-Bericht von rechtsradikalem Medium" Alexander Fröhlich (14.07.201)
Erneut greift Ex-Verfassungsschutzespräsident Maaßen die deutschen Medien an. Diesmal beruft er sich auf ein Leitmedium der Neuen Rechten. ... Der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Hans Georg Maaßen schreckt auch nicht mehr davor zurück, Inhalte eines Leitmediums der Neuen Rechte in Deutschland zu teilen. Am Sonntagvormittag twitterte er: „Sollte dieser Bericht zutreffen, ist Panorama jedenfalls kein Westfernsehen mehr.“ Verlinkt war ein Beitrag des rechtspopulistischen und AfD-nahen Portals „Journalistenwatch“ – kurz: JouWatch. ...  Maaßen ist Mitglied der CDU und der kleinen Parteigruppierung Werte-Union, die sich als konservative Strömung in der Union versteht. Hätte Maaßen am Sonntag genauer auf dem Internetportal nachgelesen, hätte er sicherlich noch andere Beiträge gefunden, wie diesen: „Berliner Antisemitismus-Beauftragter ,Bessermensch mit erhobenem Zeigefinger‘“. Oder einen Beitrag über den Wahlkampfauftakt der AfD in Cottbus, der mit vielen Videos praktisch Wahlwerbung für die AfD betreibt.
Nach dem Beitrag über die „Sea-Watch 3“ hat JouWatch auch gleich einen Beitrag über die Identitäre Bewegung auf die Homepage gestellt. Erst vor wenigen Tagen hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz die Identitären als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung“ eingestuft und zum Beobachtungsobjekt erklärt. Es war also jene Behörde, deren Präsident Maaßen bis November 2018 war.
Auf dem Portal "JouWatch", wo sich der frühere Behördenpräsident am Sonntag tummelte, darf sich der Chef der Identitären in Deutschland, Daniel Fiß, ausführlich in einem Interview zu äußern, dass seine Gruppierung nun amtlich rechtsextremistisch ist. Ebenfalls am Sonntag erschien auf der Homepage dann ein Bericht aus Berlin-Kreuzberg, der Titel: „Linke Männer haben keine Eier“.
Im Impressum von JouWatch, „Verein für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit“, heißt es: „Der Anbieter übernimmt ausdrücklich keine Gewähr – weder ausdrücklich noch stillschweigend – für Richtigkeit, Vollständigkeit, Verlässlichkeit und Aktualität sowie für die Brauchbarkeit der abgerufenen Beiträge für den Nutzer.“
https://www.tagesspiegel.de/berlin/provokation-mit-neuem-westfernsehen-tweet-maassen-postet-hetz-bericht-von-rechtsradikalem-medium/24592608.html

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jotka26 08:42 Uhr
So langsam dürfte es Jedem dämmern, was für einen peinlichen, braunen Apokalyptiker sich die BRD-Land als "Verfassungsschutz-Präsidenten" ausgesucht hatte. ...


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Julian Assange / Wikileaks ...
« on: July 13, 2019, 09:53:21 PM »
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[...] Ob Großbritannien den WikiLeaks-Gründer Assange wirklich an die USA ausliefert, entscheidet sich wohl erst im kommenden Jahr. Ein Gericht setzte die Verhandlung über das US-Gesuch für Ende Februar 2020 an.

Der britische Innenminister Sajid Javid hat die Auslieferung des WikiLeaks-Gründers Julian Assange an die USA zwar bereits formell abgesegnet, die endgültige Entscheidung fällt aber voraussichtlich erst Ende Februar des kommenden Jahres.

 Ob der 47-jährige Australier wirklich an die US-Behörden übergeben wird, liegt nämlich bei der Justiz. Der Westminster Magistrates' Court legte nun das Datum für die Anhörung fest: Sie soll am 25. Februar beginnen und fünf Tage dauern.

Der im Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh inhaftierte Assange war per Videostream in den Gerichtssaal geschaltet. Er wurde in Großbritannien zu 50 Wochen Gefängnis verurteilt, weil er mit der Flucht in die ecuadorianischen Botschaft gegen Kautionsauflagen verstoßen hat. ...

Aus Belmarsh heraus kündigte Assange an, sich mit allen juristischen Mitteln gegen eine Auslieferung an die USA wehren zu wollen. Sein Anwalt, Mark Summers, bezeichnete das Gesuch der US-Behörden als "ungeheuerlichen und frontalen Angriff auf die Rechte von Journalisten". In der Verhandlungen im kommenden Jahr müsste "eine Vielzahl tiefgreifender Fragen" geklärt werden.

Assange fügte hinzu:

    "175 Jahre meines Lebens stehen gewissermaßen auf dem Spiel."

Damit bezog sich Assange auf die Höchststrafe, die ihm in den USA droht, sollte er in allen 18 Anklagepunkten schuldig gesprochen werden, die ihm dort vorgeworfen werden. Die USA legen Assange unter anderem einen Verstoß gegen Spionage-Gesetze sowie das Veröffentlichen von Geheimdokumenten zur Last.

...



Aus: " WikiLeaks-Gründer Assange Verhandlung über Auslieferung erst 2020" (14.06.2019)
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/assange-auslieferung-107.html


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„Eigentlich will ich nur in Ruhe anschaffen gehen“ von dissenspodcast (03.07.2019, Dissens Podcast)
Kritisieren was ist, heißt sagen, was geändert werden muss. Der wöchentliche Gesprächs-Podcast über Kapitalismus und das gute Leben. ... Seit zwei Jahren ist das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Das Gesetz verletze Grundrechte und dränge Sexarbeiter*innen in die Illegalität, sagt die Aktivistin Undine de Rivière vom Berufsverband Sexarbeit. Ein Gespräch über staatliche Bevormundung, Selbstverwirklichung in Gang-Bang-Parties und die Hurenbewegung. Der Dissens Podcast mit Lukas Ondreka.
https://blogs.taz.de/dissenspodcast/eigentlich-will-ich-nur-in-ruhe-anschaffen-gehen/

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Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / Timothy Leary...
« on: July 09, 2019, 03:01:37 PM »
Quote
[...] Boyle präpariert die drei Jahre 1962, 1963 und 1964, in denen mit Kennedys Ermordung die erste grundlegende Erschütterung des amerikanischen Selbstverständnisses nach 1945 liegt, aus Learys Lebenslauf heraus, der damals mit der Tätigkeit in Harvard seinen institutionellen Höhepunkt erlebte und später mit etlichen Verhaftungen eine ganze Serie von Tiefschlägen.  ...


Aus: "Sie schwören auf Sex, Drugs & Jazz" Andreas Platthaus (02.02.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/t-c-boyles-neuer-roman-das-licht-16014339-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_1

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[...] "Das Licht" ist ein Roman wie ein Rausch, ein famos nach allen Seiten ausuferndes Affentheater mit Menschen als Versuchspersonen – und LSD-Papst Leary mittendrin, der sich in Cambridge von Geisteszwergen umgeben fühlt, die sich wie zu Galileos Zeiten weigern, durch das Teleskop zu blicken, um neue Wege ins Innere abseits der Couch-Manie des österreichischen Psycho-Clowns zu erkunden.

"Das Licht" erzählt von den entscheidenden Jahren eines pharmazeutisch-psychedelischen Experiments, als Timothy Leary im mexikanischen Zihuatanejo und in Millbrook, US-Bundesstaat New York, einige Getreue um sich scharte, um mithilfe von LSD, Meskalin und Psilocybin in das Angesicht Gottes zu blicken. Als jeder mit jedem in der kleinen Kolonie ins Bett ging – weil es ohnehin in der Familie blieb. Als Menschen – Toxin in der Blutbahn und einen neuronalen Funkensturm im Kopf – mit geweiteten Pupillen an die Zimmerdecke starrten und "Das Licht! Das Licht" stammelten oder stundenlang den Putz beäugten, um dem Weiß an der Wand letzte Geheimnisse zu entlocken. Mit Lebensmittelfarbe wurde in der Wohngemeinschaft der Kartoffelbrei leuchtend grün eingefärbt, der Weißwein schwarz, der Kaffee rosarot koloriert, das Fleisch bananengelb glasiert.

Boyle, 70, ist ein Geschichte-Erzähler im besten Sinn. In seinen Romanen beschreibt er die absonderlichen Aggregatszustände der amerikanischen Historie – nicht als statisches Tableau, sondern, wie bereits der Märchen-Sammler Wilhelm Grimm wusste, als "Lehrstücke für die Gegenwart". Ein Lehrstück für die Buchbranche ist "Das Licht" schon jetzt: Der Roman erscheint diese Woche auf Deutsch – drei Monate vor der englischsprachigen Originalausgabe. Der Vorsprung erklärt sich unter anderem damit, dass in den USA der Buchfrühling tatsächlich im April beginnt – und nicht schon im Winter.

In "Das Licht" erzählt Boyle mit lässiger, jazziger Leichtigkeit von einer Zeit, in der man sich auf halluzinogener Abenteuerreise lustvoll den Gaukeleien des Gehirns hingab. Der Schriftsteller hütet sich vor retrospektiver Schlaumeierei und pseudoabgeklärter Billig-Ironie: Er lotet geschickt einen Echoraum der Geschichte aus, in dem bis heute relevante Fragen verhandelt wurden: Gemeinschaftsgefühl oder Egoismus? Treue oder Tabu? Schließlich: Wie gehen Politik und Privatleben zusammen?

Boyle, dem Großmeister kühner literarischer Bilder, dem Wortdrechsler und Metaphernschmied, kommen die galoppierenden Gemütszustände seiner von Hyperaufmerksamkeit geplagten Helden gerade recht. Ein Grinsen wird zum "Riss in der unteren Gesichtshälfte" und der Gesang einer Frau klingt nach einer "Überdosis Hustensaft mit Kodein". Dann wieder betritt ein Mann mit "einem Gesicht wie eine erhobene Axt" die Szenerie, während eine Frau unter LSD aussieht, "als hätte man sie aus einer Tube gedrückt". Boyle auf Poesie-Trip.

"Das Licht" setzt an einem historischen Wendepunkt ein. Besser wird es nicht werden. Nach der LSD-Achterbahnfahrt erscheinen die ersten Hippies am Horizont. In grellbunt bemalten Bussen, bewaffnet mit tibetanischen Räucherstäbchen, unter "All You Need Is Love"-Geheul.

Nur Fitz weiß nicht, wohin mit sich. Eine Schmeißfliege surrt während eines seiner Trips wütend gegen die Fensterscheibe, die zwischen ihr und der Eiablage steht. "Woher sollte dann die nächste Generation von Maden kommen?", rätselt Fitz. "War denn alles aus den Fugen?" Lang lebe der Exzess: "Für eine Weile war er die Fliege, und dann war er in der Fliege, ein Ei, das darauf wartete, in einem Haufen Scheiße heranzureifen."

T. C. Boyle: Das Licht. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, 380 S.,


Aus: "Diagnose: Überdosis - T.C. Boyles "Das Licht"" Wolfgang Paterno (26.1.2019)
Quelle: https://www.profil.at/kultur/diagnose-ueberdosis-tc-boyle-das-licht-10615784

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[...] T.C. Boyle wählt jenen Umweg, den er schon im Roman „Dr. Sex“ über Alfred Kinsey einschlug: Und zeigt Leary im Spiegel der glänzenden Augen eines seiner Studenten, Fitz, sowie dessen Ehefrau Joanie. Mit ihrem Sohn leben die beiden in einer maroden Wohnung in Boston. Die ersten „Sessions“ führen sie hinaus aus dem engen, von Geldsorgen geplagten Alltag – und hinein in einen Rausch (zunächst mit Psilocybin), der ihnen den besten Sex ihres jungen Lebens schenkt. Im Dienste des Gruppenbewusstseins folgen sie ihrem Guru – „gepflegt, athletisch und mit dem breiten Grinsen, das sein Gesicht nie zu verlassen schien“ – erst nach Mexiko. Und später, nach Learys Rauswurf aus Harvard, in die gesponserte Villa: „Sie waren jetzt vereint in Körper und Geist, ja, so war es, sie brachen auf zu einem großen Abenteuer, und nichts konnte sie aufhalten.“

Boyle weiß, wie Drogen sich anfühlen, das hat er oft genug betont (und auch, dass heute das Schreiben sein einziges Rauschmittel ist). Die Schilderung der guten Trips scheinen so glaubwürdig wie farbenfroh, die miesen wirken vielleicht sogar noch selbsterlebter. Weit mehr als der Rausch aber interessiert Boyle die Dynamik der Gruppe. Was bedeutet es fürs eigene Leben, einem Guru zu folgen? So wandelt sich Joanie von einer Skeptikerin zur glühenden Anhängerin, aber nur so lange, bis Sohn Corey ins Spiel kommt: Dass der Teenager das Freie-Liebe-Prinzip mit der ebenfalls minderjährigen Nancy umsetzt, geht doch zu weit.

Überhaupt, die Liebe: Die schöne Idee von der Kollektivierung aller Leidenschaften endet dort, wo offenbar unausrottbare Besitzansprüche laut werden. Letztlich ist es die Sehnsucht nach Exklusivität, die sich – ohne zu viel verraten zu wollen – in ungeheuer bürgerlichen Eifersuchtsdramen Bahn bricht.

Die gut recherchierte, historisch-politisch fundierte Fiktion ist seit seinen erfolgreichen Anfängen eine Spezialität von T.C. Boyle – ob es um den Abenteurer Mungo Park in Afrika geht („Wassermusik“), um mexikanische Einwanderer („América“), um den Architekten Frank Lloyd Wright („Die Frauen“) oder den Kampf der Umweltschützer auf den Channel Islands vor Kalifornien („Wenn das Schlachten vorbei ist“). So unterschiedlich seine Themen sein mögen, ihr Kern lässt sich auf eine einzige, im bitterironischen Ton verkündete Wahrheit reduzieren: Der größte Feind des Menschen ist – er selbst.


Aus: "ROMAN: T.C. Boyle blickt in „Das Licht“ auf LSD-Guru Timothy Leary" Britta Heidemann (25.01.2019)
Quelle: https://www.wr.de/kultur/t-c-boyle-blickt-in-das-licht-auf-lsd-guru-timothy-leary-id216294655.html

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[...] Wegen seiner großen Fangemeinde in Deutschland stellte T.C. Boyle seinen neuen Roman nicht in den USA, sondern in Berlin vor. Es geht darin um Timothy Leary, der in den 60ern mittels LSD die Psychiatrie verändern wollte und dann zum Drogen-Guru wurde.

T.C. Boyle ist als dankbarer Autor nach Berlin gekommen. In Deutschland hat er eine große Fangemeinde, sie ist so groß, dass die Weltpremierenlesung seines neuen Romans in Berlin stattfindet, erst im Frühjahr erscheint "Das Licht" in seiner Heimat.

Boyle hat bewusst für diesen Abend kein wildes Outfit gewählt und auch seine Haare stehen ihm nicht mehr im Stile eines Punk zu Berge. Stattdessen nimmt er in einem schwarz-weiß-karierten Sakko Platz. Und er macht von Anfang an klar, dass es ihm mit seinem Buch nicht darum geht, möglichst wilde Geschichten über Drogenexperimente und exzessive Partys in den Sechzigerjahren zu erzählen.

Den Professor und Psychologen Timothy Leary, der in den frühen Sechzigerjahren an der Harvard Universität mit Drogen experimentierte und später LSD-Kommunen gründete, bescheinigt Boyle, damals eine große Entdeckung gemacht zu haben:

„Er war ein großer Charismatiker, er war brillant“, meint Boyle.

„Er entdeckte eine Droge, mit der er den ganzen Psychiatrie-Betrieb auf den Kopf stellen konnte. LSD war ein Schlüssel, um die Hierarchien zwischen dem Psychiater und seinem Patienten abzubauen. Leary sah die Zukunft in der partnerschaftlichen Beziehung zwischen Arzt und Patient, vereint im bewusstseinserweiternden LSD-Erlebnis. Aber schaut, was aus ihm geworden ist. Es wurde ein Krimineller aus ihm und dann ein Verrückter.“

Boyles Roman kreist um die Kultfigur Timothy Leary, doch die bleibt genau so unnahbar, wie man sich einen Guru vorstellt. Die LSD-Sessions und das Leben in den Kommunen werden aus der Sicht seines Gefolges beschrieben.

Ein junges Paar, er angehender Doktorand, sie die Frau an seiner Seite, die mit einem Bibliotheksjob ihren Mann finanziell unterstützt, erzählt eine Geschichte, die mit Aufbruch aus konventionellem Karrieredenken beginnt und mit dem Scheitern der Ehe endet.

Die Erlebnisse ihres ersten gemeinsamen Trips werden bei T.C. Boyles Lesung vom Schauspieler Florian Lukas auf Deutsch gelesen. Wie die Protagonisten seines Romans einem charismatischen Führer verfallen, wie sie einerseits in neue Bewusstseinssphären aufbrechen, aber sich auch in blinder Gefolgschaft ihres Gurus und dem Widerspruch zwischen Drogenkommune und Ego-Trip verlieren, genau das interessiert Boyle.

Und deshalb hat er sich die Anfangsjahre der psychedelischen Bewegung herausgepickt, eigentlich erst der Beginn einer spektakulären Reise, auf die sich dann Timothy Leary später noch begab. Als sein Wirken und seine Droge illegalisiert wurden, er im Knast landete, als Illegaler in Marokko, der Schweiz oder in Afghanistan untertauchte und später als exzentrischer Computer- und Internet-Begeisterter wieder auftauchte.

Es wäre ein Leichtes gewesen, Timothy Leary zu überzeichnen, ihn als Karikatur bloßzustellen. Doch Boyle, der als Erneuerer des historischen Romans gilt, fasziniert das Phänomen des charismatischen Führers und er hat solche Figuren der US-amerikanischen Geschichte bereits in anderen Romanen beschrieben – etwa den Cornflakes-Produzenten John Harvey Kellog oder den Sexualforscher Alfred Charles Kinsey.

Gegen Ende seiner Lesung weist Boyle darauf hin, dass jede Generation seine Verführer und seine Drogen hat. „Die Drogen unserer Zeit“, stellt Boyle nüchtern für sein Heimatland fest, „sind schmerzstillende Opiate, mit denen Menschen ihren harten Alltag vergessen machen.“


Aus: "T.C. Boyles neuer Roman „Das Licht“ Wie aus dem Charismatiker Leary ein Verrückter wurde" Steen Lorenzen (04.02.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/t-c-boyles-neuer-roman-das-licht-wie-aus-dem-charismatiker.1013.de.html?dram:article_id=440169

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[...] Diese moralisch korrekte Geschichte hat man schon oft gelesen: Eine Generation will die Welt aus den Angeln heben und endet im Elend kaputter Ehen, entgleister Biografien und vernachlässigter Kinder. Die Überlebenden trollen sich geläutert zurück ins Körbchen. Der Roman, dessen große Stärke in der ausschweifenden historiografischen Rekonstruktion liegt, endet (ganz anders als Michael Pollans sehr viel neugierigeres Buch) mit der wenig überraschenden und absolut jugendfreien Pointe, dass solche Träume zu nichts führen.


Aus: "Die Jünger des LSD-Apostels"  Iris Radisch (6. Februar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/07/t-c-boyle-das-licht-drogenprofessor-rezension

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pizarro52 #2

Treffender Kommentar !
Boyle's Schreibstil ist zwar locker und flüssig, aber das war's dann auch schon.
Die zweifellos intensiven, aussergewöhnlichen Erfahrungen, die die LSD-Apostel machten, werden mit keiner Silbe erschlossen oder gar reflektiert. Der Roman liest sich so, als würde ein Wüstenbewohner bemüht, aber gelangweilt über die Unermesslichkeit des Meeres schreiben.
Fazit: Null Erkenntnisgewinn, dafür Langeweile wie aus einem Guss. Ein Buch für den hintersten Teil der Schublade, leider !


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56t-bird #6

Ich finde den nüchternen Stil hervorragend, die distanzierte Haltung von Boyle dankenswert. Anfang der 80er Jahre habe ich selbst als Student der Verhaltensbiologie Learys Behauptungen bzgl Bewusstseinerweiterung und psychiatrischen Anwendungen naiv unterstützt. Die neurochemische Modulation meines postpupertären Gehirns hatte wohl meinen Geist vernebelt, heute sehe ich das anders, ähnlich wie Boyle. In seinem Buch erschüttern die zynische Figur T Learys, seine Überheblichkeit der Wissenschaft gegenüber, und die naiven Jünger, deren Leben und Beruf schliesslich zerscherbeln. Der Erzähler beschreibt den Meccano mit dem genauen und untrüglichen Blick des Verhaltensforschers auf den Ameisenhaufen. Frau Radisch und andere (Thea Dorn im Lit Q) wünschen sich offenbar mehr Action beim Thema LSD. Könnte man fast ein bisschen postpubertär nennen, dies Bedürfnis.


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Julian Assange / Wikileaks ...
« on: July 09, 2019, 01:34:57 PM »
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[...]  Redaktion (nachdenkseiten.de): Herr Bröckers, Sie bezeichnen Julian Assange als „Freiwild“. Warum?

Mathias Bröckers: Weil die Verfolgung Julian Assanges mit einem ordentlichen rechtstaatlichen Verfahren wenig bis nichts zu tun hat. Schon 2008 wurde im Pentagon eine Task-Force mit dem Ziel eingerichtet, Wikileaks und seinen Gründer unglaubwürdig zu machen und zum Schweigen zu bringen. Mit juristischen Mitteln war das schwer möglich, deshalb schlug Hillary Clinton 2016 bei einem Brainstorming vor: “Können wir den Kerl nicht einfach ‘drohnen’ ?” Sie konnte sich, darauf angesprochen, nicht erinnern, das gesagt zu haben, und wenn, dann sei es ein Scherz gewesen. Ihre Chefplanerin Ann-Marie Slaughter (sic) aber mailte anschließend ein Memo dieser Besprechung über „legal and non-legal strategies“ gegen Wikileaks. Die Vereinigten Staaten versuchten also mit allen Mitteln, Julian Assange mundtot zu machen und hatten ihn nicht nur im Scherz zum Abschuss freigegeben. Und sie übten ganz offensichtlich auf Teile der Justiz in Schweden und in Großbritannien ganz erheblichen Druck aus, deren Aktivitäten in den letzten Jahren man nur mit zwei zugedrückten Augen nicht als Rechtsbeugung sehen kann.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Dann kam der 3. Juni 2019.

Mathias Bröckers: An dem Tag hat ein schwedisches Gericht festgestellt, dass die Vorwürfe gegen Julian Assange wegen einvernehmlichem, aber ungeschütztem Sex mit zwei Frauen nicht für einen Haftbefehl ausreichen.

Redaktion (nachdenkseiten.de): 2012 sah das anders aus.

Mathias Bröckers: Richtig, kaum hatte er 2012 das Land verlassen – nachdem er in Schweden zu diesen Vorwürfen vernommen worden war und die Oberstaatsanwältin ihm beschieden hatte, dass seiner Ausreise nach London nichts mehr im Wege steht – erging aus Schweden eine „red notice“, ein internationaler Haftbefehl und ein Auslieferungsgesuch. Assange stellte sich der britischen Polizei und wurde während der Entscheidung über die Auslieferung mit Hausarrest und einer elektronischen Fußfessel belegt.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Dann ging es durch die Instanzen.

Mathias Bröckers: Seine Anwälte klagten durch drei Instanzen gegen die Auslieferung, weil der Antrag nicht von einem schwedischen Gericht, sondern von der Staatsanwaltschaft gestellt worden war. Doch der britische Supreme Court entschied, dem Antrag stattzugeben: zwar dürfe nach EU-Auslieferungsrecht nur eine „judicial authority“, also ein Gericht, eine Auslieferung beantragen, wenn man aber die französische Übersetzung – „autorité judicial“ – heranzöge, dürften das auch Staatsanwälte, lautete das Urteil. Dass Julian Assange angesichts derartiger Rechtsverdrehungen in die ecuadorianische Botschaft flüchtete, weil er das Vertrauen in ein faires Verfahren verloren hatte und befürchtete, von Schweden an die USA weitergereicht zu werden, ist absolut nachvollziehbar. Dass er jetzt wegen eines Meldevergehens zu 50 Wochen in einem Hochsicherheitsgefängnis verurteilt wurde, zeigt ebenfalls, dass seine Verfolgung nur noch scheinbar dem Buchstaben des Gesetzes angemessen ist. Assange ist kein Krimineller, sondern ein politischer Gefangener.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Für alle Leser, die sich mit Assange noch nicht so richtig auseinandergesetzt haben: Können Sie uns etwas zu seiner Biografie sagen? Und: Wie wurde er überhaupt zum Chef von Wikileaks?

Mathias Bröckers: Julian Assange ist Australier und hat sich mit 14 Jahren auf dem „Commodore 64“ das Hacken selbst beigebracht. Wenige Jahre später war er mit zwei Freunden in der Lage, sich zu zahlreichen Rechnern von Universitäten, Banken, Behörden und Militär Zugang zu verschaffen und sich dort umzusehen. Irgendwann wurden die jugendlichen Hacker erwischt und Julian Assange als Kopf der „Bande“ angeklagt. Nach einem sich lange hinziehenden Verfahren bekannte er sich am Ende schuldig und wurde 1996 zu einer Geldstrafe von 2000 australischen Dollar verurteilt. Das Gericht begründete die milde Strafe damit, dass Assange nicht zum Zwecke persönlicher Bereicherung, sondern aus „intellektueller Neugier“ gehandelt habe.

Redaktion (nachdenkseiten.de): 2007 ging es dann mit Wikileaks los. Was würden Sie als die gewichtigsten Veröffentlichungen der Plattform bezeichnen?

Mathias Bröckers: Weltberühmt und berüchtigt wurde Wikileaks nach der Veröffentlichung des Videos „Collateral Murder“, das die Ermordung von einer Gruppe von sechszehn Zivilisten, inklusive Kindern, und zwei Reuters-Journaliste durch einen US-Kampfhubschrauber im Irak zeigt. Ein Verbrechen, für das bis dato niemand verantwortlich gemacht wurde – außer Julian Assange, der die Weltöffentlichkeit darüber informiert hat.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Das war 2010.

Mathias Bröckers: Aber schon 2007 hat Wikileaks die Standard Operating Procedures for Camp Delta, das Handbuch für Soldaten von Gefangenen in Guantanamo Bay, veröffentlicht, wodurch unter anderem ans Licht kam, dass Gefangene vor dem Komitee des Roten Kreuz versteckt wurden und sich unter den Gefangenen auch fünfzehnjährige Kinder befinden.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Was hat Wikileaks noch veröffentlicht?

Mathias Bröckers: 2010 und 2011 werden geheime Militärdokumente aus den Kriegen in Afghanistan und Irak publiziert, die belegen, dass die Zahl der Ziviltoten weitaus höher ist, als offiziell zugegeben wird. 2015 veröffentlicht Wikileaks das geheime »Investment-Kapitel« der TPP-Verträge, das supra-nationale Gerichtshöfe vorschlägt, bei denen multinationale Konzerne Länder verklagen können. 2016 dann die Emails von Mitarbeitern des Democratic National Congress (DNC), aus denen hervorgeht, wie die Parteizentrale Hillary Clinton in den Vorwahlen bevorteilte, obwohl Bernie Sanders bessere Aussicht auf einen Wahlsieg hatte. Die ebenfalls publizierten Emails von John Podesta zeigten unter anderem, wie Wallstreet-Banker die Mitglieder des Obama-Kabinetts ausgesucht haben. Im März 2017 wird »Vault 7« veröffentlicht, tausende interne CIA-Dokumente, die unter anderem über verdeckte Hacking-Programme und Spionagesoftware berichten, mit denen Mobiltelefone und Auto-Computer angegriffen werden können.
Das sind, neben den 2010/11 veröffentlichten 250.000 diplomatischen Depeschen des US-Außenministeriums, die vielleicht wichtigsten Wikileaks-Publikationen, die die USA betreffen. Aber es wurden in diesen Jahren auch viele Materialien aus anderen Ländern publiziert – von Korruption in Kenia, über den Bankenskandal in Island, der zur Inhaftierung zahlreicher Banker führte, bis zu den „Spy Files“ über die Überwachung in Russland.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Wikileaks wurden immer mehr Unterlagen zugespielt. Die Mitarbeiter konnten die Informationen selbst nicht mehr bewältigen, haben sich dann große Medien als Kooperationspartner gesucht. War das ein Fehler?

Mathias Bröckers: Im Nachhinein betrachtet würde ich sagen, dass es ein Fehler war. Aber was sollte Assange sonst tun? Einfach nur die vielen Dokumente zu publizieren, die Whistleblower auf Wikileaks hinterlegt hatten, machte wenig Sinn und erzeugte kaum Wirkung. Sie mussten in einen Kontext gestellt werden, was nur Fachleute können, die sich in den jeweiligen Ländern oder Zusammenhängen auskennen. Aber Wikileaks hatte sich mit der mächtigsten Instanz dieser Erde, der amerikanischen Kriegsmaschine, angelegt und konnte nicht einfach Stellenanzeigen aufgeben, ohne befürchten zu müssen, umgehend von Spitzeln und Agenten unterwandert zu werden. Und so blieb Assange und seinen wenigen Vertrauten eigentlich gar nichts anderes übrig, als sich an die großen Medien zu wenden. Bevor Wikileaks die diplomatischen Depeschen selbst publizierte, wurden sie dem „Guardian“ und der „New York Times“ zur Verfügung gestellt. Hier prallten dann zwei Welten aufeinander: Wikileaks mit seinem radikalen Transparenzprinzip, grundsätzlich alle Dokumente unbearbeitet zu veröffentlichen und nur die Namen völlig unbeteiligter Zivilpersonen zu schwärzen – und die Großmedien in ihrer Funktion als Schleusenwärter und Gatekeeper.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Unter den Materialien, die Wikileaks an den Guardian weitergab, waren auch Depeschen über die Kriminalität in Bulgarien. Wie ist der Guardian damit umgegangen?

Mathias Bröckers: Der „Guardian“ hat nur einen Bruchteil publiziert, ohne auf die Kürzungen hinzuweisen und sämtliche Namen weggelassen, unter Berufung auf das Risiko von presserechtlichen Klagen. In der Depesche berichtet der US-Botschafter sehr ausführlich nach Hause, von welchen organisierten Kriminellen die bulgarischen Behörden und die Regierung unterwandert sind – er benennt die Personen und ihre Geschäfte und Unternehmen. In den „Guardian“-Auszügen des Dokuments wird dann nur ein einziger Name genannt und die Passagen sind so zusammenstellt, als ob die berichtete Kriminalität und Unterwanderung allein auf diesen russischen Oligarchen zurückgeht. Das ist nur eines von vielen Beispielen, das den Widerspruch zwischen Wikileaks-Transparenz und Medien-Spin gut verdeutlicht. Und auch zeigt, dass die Berufung auf „Presserecht“ und „journalistische Verantwortung“ nur vorgeschoben ist und wie in diesem Fall zwar für Bulgaren, aber nicht für Russen gilt.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Wie bewerten Sie den Umgang der großen Medien mit den Informationen, die von Wikileaks kamen?

Mathias Bröckers: Das kann man am besten bewerten, wenn man sich den Umgang der Großmedien mit Whistleblower-Material anschaut, das nicht von Wikileaks kam – wie das ganze Material von Edward Snowden, von dem nur Bruchteile bekannt geworden sind. Er hatte es „The Intercept“ anvertraut, von wo jetzt gerade mitgeteilt wurde, dass für eine weitere Sichtung und Bearbeitung leider das Geld fehlt – dieser Laden wird von dem ebay-Milliardär Pierre Omidyar finanziert. Von den „Panama Papers“ wurden nur 2% publiziert – von einer Gruppe internationaler Medien unter Beteiligung der „Süddeutschen Zeitung“. Dass Wikileaks alle 250.000 diplomatischen Kabel unbearbeitet veröffentlichte, führte dann dazu, dass sich die Medien von Assange distanzierten; auch intern gab es Konflikte. Aber wie das Beispiel zeigt: nur das radikale Wikileaks-Prinzip, nach Überprüfung der Dokumente auf ihre Echtheit alles zu publizieren, garantiert einem Whistleblower, dass sein Material auch wirklich an die Öffentlichkeit kommt.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Welche Bedeutung hat Assange mit seiner Plattform für den investigativen Journalismus?

Mathias Bröckers: Wikileaks hat eine neue Dimension für investigativen Journalismus eröffnet, der de facto ja kaum noch stattfindet, da die Presse als „vierte Säule“ und Wachhund der Demokratie weitgehend zu einem Schoßhund der Mächtigen geworden ist. Chelsea (damals noch: Bradley) Manning hatte die Dokumente über die Kriegsverbrechen in Irak und Afghanistan ja zuerst der New York Times und der Washington Post angeboten, erst als diese nicht interessiert waren, wandte er sich an Wikileaks. Julian Assange hat mit dieser Plattform eine Möglichkeit geschaffen, die Whistleblowern Anonymität sichert, also mit technischen, kryptographischen Mitteln einen 100-prozentigen Quellenschutz garantiert, wie er Journalisten rechtlich ohnehin zusteht – und mit dem Transparenz-Prinzip auch sichergestellt, dass die übermittelten Materialien auch publiziert werden. Von den mehr als 1,5 Millionen Dokumenten, die Wikileaks veröffentlichte, hat sich kein einziges als Fälschung erwiesen. Das spricht im Zeitalter von Fake-News für die herausragende Qualität dieser publizistischen Institution – kein anderes unserer sogenannten Qualitätsmedien kann sich in Sachen Faktentreue und Wahrheitsgehalt mit Wikileaks messen.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Mittlerweile wird in der Berichterstattung der Medien Assange als eine ziemlich kontroverse Person dargestellt. Was ist Ihre Einschätzung?

Mathias Bröckers: Die wunderbare Caitlin Johnstone – ‚rogue journalist’ und Bloggerin in Julian Assanges Heimatland Australien – hat einen Artikel ausgearbeitet, in dem sie auf die zahlreichen Verleumdungen Julian Assanges eingeht und sie Punkt für Punkt widerlegt. Wie schon gesagt, wird seit mehr als zehn Jahren von Seiten der Vereinigten Staaten daran gearbeitet, den Ruf von Wikileaks und die Glaubwürdigkeit seines Gründers zu zerstören. Und das mit Erfolg, denn kaum fällt der Name, kommt meist sofort das große „Ja aber…“, gefolgt von Begriffen wie „Vergewaltiger“, „Trump-Fan“, „Putin-Agent“ usw.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Caitlin Johnstone hat 29 dieser Verleumdungen genauer betrachtet …

Mathias Bröckers: … und widerlegt! Es ist eine Schmierenkampagne sondergleichen, die dazu geführt hat, das Julian Assange als „kontroverse Person“ in den Medien dargestellt wird. Der Grund für alle diese Diffamierungen ist, vom Kern der Sache abzulenken.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Was ist denn der Kern?

Mathias Bröckers: Es geht bei der Verfolgung und Anklage gegen Julian Assange nicht um seine Person, es geht um die Institution Wikileaks, es geht um die unabhängige Publikation von Informationen, es geht um die Wahrheit über Kriegsverbrechen, Korruption und Kriminalität der Herrschenden.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Auch wenn Sie kein Anwalt sind, was meinen Sie: Wie viel Substanz haben die rechtlichen Vorwürfe gegen Assange?

Mathias Bröckers: Die Anklageschrift aus den USA umfasst 18 Punkte. Einer davon ist, dass er Chelsea Manning angestiftet und geholfen haben soll, „Collateral Murder“ und anderes Material von den Militärservern herunterzuladen. Chelsea Manning wurde nach der Begnadigung durch Präsident Obama jetzt zum zweiten Mal in Beugehaft genommen, um eine Zeugenaussage gegen Assange zu erzwingen. Sie weigert sich weiter, der Vorladung zu folgen und muss dafür eine Strafe von 500 Dollar pro Tag zahlen.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Eine Menge Geld.

Mathias Bröckers: Das sind Daumenschrauben. Sie erinnern an die Methoden der mittelalterlichen Inquisition – und zeigen, wie wenig die US-Justiz gegen Julian Assange letztlich in der Hand hat. Die anderen 17 Anklagepunkte betreffen allein die publizistischen Aktivitäten von Wikileaks, die Veröffentlichungen von als geheim eingestuften Dokumenten, was nach dem „Espionage Act“ von 1917 angeklagt ist. Es ist das erste Mal, dass ein Journalist nach diesem Gesetz angeklagt wird und die Staatsanwaltschaft des Court of Virgina fordert für Assange insgesamt 175 Jahre Haft. Rechtlich geht das nur, indem man den Angeklagten als „feindlichen Spion“ einstuft. Weil er aber in keiner Weise spioniert, sondern nur publiziert hat, steht diese Anklage meiner Einschätzung nach auf sehr tönernen Füßen.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Es wird immer gesagt, Assange sei kein Journalist. Wie sehen Sie das?

Mathias Bröckers: Das wird von seinen Verfolgern immer wieder behauptet, Außenminister Pompeo nannte Wikileaks einen „feindlichen Geheimdienst“, denn nur wenn man Assange den Status eines Publizisten abspricht, kann man eine solche Anklage konstruieren. Dass Assange Wikileaks einmal ironisch als „Geheimdienst des Volkes“ bezeichnet hat, nimmt die Anklageschrift gleich im ersten Satz allen Ernstes auf. Dass Wikileaks das genaue Gegenteil eines Geheimdiensts ist, weil alle gesammelten Informationen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden – derlei Subtilitäten sind den US-Anklägern offensichtlich entgangen. Sie verwenden die Definition, um aus Assange einen feindlichen Spion zu basteln und seine Aktivitäten von publizistischem, journalistischem Tun zu entfernen. Das ist notwendig, denn sonst müssten alle die Verleger und Journalisten von der New York Times abwärts, die Wikileaks-Material publiziert haben, ebenfalls als feindliche Spione angeklagt werden. Deshalb hatten die Juristen der Obama-Regierung der Anti-Wikileaks-Taskforce noch geraten, auf eine solche Anklage zu verzichten, weil davon der Verfassungsgrundsatz der Pressefreiheit berührt ist. Die Regierung Trump hat diese Bedenken nun fallengelassen und versucht, einen Präzedenzfall zu schaffen.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Warum ist die Frage, ob Assange als Journalist zu betrachten ist oder nicht, von Relevanz?

Mathias Bröckers: Wenn diese Anklage zu einer Auslieferung und Verurteilung Julian Assanges führt, kann künftig jeder verfolgt werden, der für das US-Imperium unangenehme Wahrheiten veröffentlicht. Es geht bei diesem Fall nicht um irgendeinen Freak, der Geheimdokumente ins Internet gestellt hat, es geht um einen Präzedenzfall, der die Grundlage demokratischer Verfassungen, die Pressefreiheit, außer Kraft setzt.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Was würde denn eine Auslieferung oder gar eine Verurteilung aufgrund dieser Anklage bedeuten?

Mathias Bröckers: Dann heißt das nichts anderes, als dass fortan jeder Publizist und jeder Verlag überall auf der Welt zur Loyalität gegenüber den Vereinigten Staaten und zur Verschwiegenheit gegenüber ihren Staatsgeheimnissen verpflichtet ist. Und dass als „Journalist“ nur noch gilt, wer von der künftigen „Reichsschrifttumskammer 2.0“ in Washington nicht als »feindlicher Spion« eingestuft und mit internationalem Haftbefehl zur sofortigen Auslieferung ausgeschrieben wird.
Edward Snowden hat gesagt: „Wenn das Aufdecken von Verbrechen wie ein Verbrechen behandelt wird, werden wir von Verbrechern regiert“ – der Ausgang des Verfahrens gegen Assange wird zeigen, ob wir definitiv schon so weit sind. Nils Melzer, der Sonderberichterstatter für Folter vom Hochkommissariat der Menschenrechte der Vereinten Nationen, der Julian Assange im Gefängnis mit zwei medizinischen Experten besuchen konnte, spricht von „psychologischer Folter“, der Assange seit Jahren ausgesetzt sei und die sofort beendet werden müsse. Er hat fast 10 Kilo abgenommen und befindet sich derzeit im Krankenhaus des Gefängnisses. Diese Torturen werden von der Öffentlichkeit nur hingenommen, weil Julian Assange der Status als Journalist abgesprochen wird. Stellen Sie sich vor, in Russland oder in China säße ein Kollege, der Dokumente über Kriegsverbrechen und Korruption veröffentlicht hat, wegen Verstoß gegen Meldeauflagen in Isolationshaft und das UN-Kommissariat konstatiert in einem Gutachten „Folter“. Was wäre da international in den Nachrichten los, was gäbe es für einen Alarm von Amnesty International, Reporter ohne Grenzen und aus der Politik ? Als der Springer-Journalist Deniz Yücel in der Türkei in Haft genommen wurde, war das monatelang ein Thema, von „taz“ über FAZ bis „Tagesschau“ bis hin zum Bundespräsidialamt.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Was fällt Ihnen an der Berichterstattung hierzulande zu Assange auf?

Mathias Bröckers: Eben dieses penetrante, ignorante Schweigen. Bei dem ich aber nicht weiß, ob es allein aus Unterwürfigkeit gegenüber dem US-Imperium stattfindet oder weil die Branche einfach den Schuss nicht gehört und noch gar nicht gecheckt hat, dass von diesem Fall jede Journalistin, jeder Journalist, jeder Verlag, jede Webseite, alle, die „irgendwas mit Medien“ machen, betroffen sind. Und zwar nicht irgendwie, sondern im Kern. Wer Journalismus noch nicht als Teil einer internationalen Unterhaltungsindustrie versteht, sondern so, wie er in der Verfassung definiert und mit besonderen Rechten ausgestattet ist – als Wachhund und Kontrolleur der Mächtigen, der für den eigentlichen Souverän – das Volk – Transparenz und Öffentlichkeit herstellt – muss verhindern, dass mit der Verurteilung von Julian Assange ein Präzedenzfall geschaffen wird. Deshalb muss immer wieder klargestellt werden: Wikileaks hat keine Verbrechen begangen, sondern Verbrechen aufgedeckt! Julian Assange ist kein Spion, sondern Journalist und Publizist! Er darf nicht an die Vereinigten Staaten ausgeliefert und verurteilt werden, denn seine Tätigkeit ist von allen europäischen Verfassungen geschützt. Seine Verfolgung ist ein massiver Angriff auf die Pressefreiheit. Die Bundesregierung und die EU-Institutionen in Brüssel sind aufgerufen, dies klarzustellen und Julian Assange Asyl zu gewähren. Und wenn ich dort irgendetwas zu sagen hätte, würde ich ihn als Datenschutz- und Whistleblower-Beauftragten einstellen und ihn zusammen mit Chelsea Manning umgehend für den Friedensnobelpreis 2019 nominieren.


Aus: "Mathias Bröckers: „Julian Assange ist kein Spion, sondern Journalist und Publizist!“" (03. Juli 2019)
Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=52967

Buch: Bröckers, Mathias: "Don’t kill the messenger. Freiheit für Julian Assange".
Mit einem Beitrag von Caitlin Johnstone. Westend Verlag (2019)

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[...]  Julian Assange und die Pressefreiheit: Keiner von uns
Wir müssen die Pressefreiheit verteidigen – aber nicht Julian Assange. Wikileaks arbeitet wie ein Geheimdienst und unterstützt den Rechtsextremismus.

Von Jörn Schulz

Allzu schwer ist es eigentlich nicht. Selbst zwei ehemalige Tory-Minister sowie zwölf Baronessen und Lords haben es begriffen. Sie und knapp 60 weitere britische Abgeordnete forderten Mitte April in einem offenen Brief an den britischen Innenminister Sajid Javid und die Labour-Schatteninnenministerin Diane Abbott, »Schweden jede Unterstützung zu gewähren«, wenn die Ermittlungen gegen Julian Assange ­wegen Vergewaltigung wieder aufgenommen werden sollten. »Wir bitten Sie dringlich, an der Seite der Opfer sexueller Gewalt zu stehen und anzustreben, dass die Vorwürfe gegen Herrn Assange nun ordnungsgemäß untersucht werden können.«

So heruntergekommen die Labour Party sein mag – viele ihrer Abgeordneten und sogar einige Konservative sind in Sachen konsequenter Ermittlungen in Fällen sexueller Gewalt fortschrittlicher als ein beachtlicher Teil der Linken. Bei diesen, so Nesrine Malik im Guardian, gebe es die Tendenz zu einer »Hierarchie würdiger Themen«, oben stünden die USA und der Imperi­alismus, ganz unten rangierten »nervtötende Gender-Angelegenheiten, die die Solidarität mit Männern brechen«.

Auch Axel Berger und Felix Klopotek (Jungle World 21/2019) fordern nur kryptisch eine »Klärung« des Vergewaltigungsvorwurfs und referieren kritiklos die Rechtfertigungsstrategie des Verdächtigen: »Unter der Voraussetzung einer Nichtauslieferung an die USA hatte Assange stets angeboten, mit Schweden zu kooperieren.« Die bescheidene Forderung, mal eben das rechtsstaatliche Verfahren für Aus­lieferungen außer Kraft zu setzen, wird wohlwollend als Bereitschaft zur ­Zusammenarbeit gewertet. Tatsächlich aber hatte sich Assange in die ecuado­rianische Botschaft zurückgezogen, um sich nicht der schwedischen Justiz stellen zu müssen – nachdem er zuvor keine Bedenken gezeigt hatte, sich in Schweden aufzuhalten.

Ursprünglich warfen US-Ermittler Assange eine konkrete Straftat vor, nämlich einen digitalen Einbruch. Die Strafverfolgung nach dem »Espionage Act« stellt jedoch tatsächlich einen Angriff auf die Pressefreiheit dar, da hier die Veröffentlichung von Material kriminalisiert werden soll. Man sollte also gegen diese Strafverfolgung und eine Auslieferung an die USA opponieren, aber auch fordern, dass Assange sich einem schwedischen Gericht stellt. Für Solidarität (»unbedingtes Zusammenhalten mit jemandem aufgrund gleicher Anschauungen und Ziele« oder »auf das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Eintreten füreinander sich gründende Unterstützung«, wie der Duden lehrt) mit Assange hingegen fehlen die Voraussetzungen – jedenfalls sollte es in der Linken so sein.

»Ich liebe Märkte«, offenbarte Assange zu Beginn seiner Karriere im Jahr 2010 dem Magazin Forbes. Aber »damit es einen Markt gibt, muss es Informa­tionen geben«, da sich sonst Monopole bildeten, und diese Informationen würden nicht immer freiwillig herausgegeben. »Wikileaks wurde geschaffen, um den Kapitalismus freier und ethischer zu machen.« Assange war damals ein Rechtslibertärer, und die Staatsfeindlichkeit der Rechtslibertären ist die der egoistischen Einzelkämpfer. Von dort ist der Weg zum Rechtsextremismus nicht weit, eine solche Entwicklung ist angelegt im Sozialdarwinismus, der staatliche Umverteilung, den Sozialstaat und Antidiskriminierungsgesetze grundsätzlich ablehnt, und in der Ansicht, man müsse bei der Verfolgung eigener Interessen keine Rücksicht auf Regeln, Mitmenschen und Kollateralschäden nehmen.

Rechtslibertäre sind zudem unfähig zur Analyse und glauben, das Problem der Politik seien schmutzige Geheimnisse. Das führt oftmals in die Verschwörungsideologie, weil die Enthüllung des zuweilen tödlichen, aber immer recht ­banalen Treibens der Herrschenden sie nicht zufriedenstellen kann und sie glauben, da müsse noch etwas viel Böseres, Schmutzigeres sein, so etwas wie »Pizzagate« – eine Verschwörungstheorie über einen von Hillary Clinton ­betriebenen Kinderpornoring.

Das schmutzige Geheimnis des Kapitalismus hat  bereits Karl Marx enthüllt, aber man kann es wohl nicht oft genug wiederholen: G-W-G‘. Sich auch mit jenen Formen der Herrschaftsausübung und Geschäftstätigkeit zu befassen, die vor der Öffentlichkeit verborgen werden sollen, ist keineswegs überflüssig. Es birgt aber die ­Gefahr, sich auf Skandale zu konzentrieren, die als moralische Verfehlungen in einem an sich guten System gesehen werden, das eben nur »freier und ethischer« ­gemacht werden müsse. Das Hauptangriffsziel der radikalen Linken sollte der Normalbetrieb des Kapitalismus sein.

Zudem bleibt ein Rätsel, was gemeint ist, wenn Berger und Klopotek behaupten, die Politik verlagere sich »immer mehr ins Arkane – in Geheimoperationen, Geheimverträge, Geheimverhandlungen«. Das Gegenteil ist der Fall. Das Leak ist integraler Bestandteil der Politik geworden, die Voraussetzungen für Geheimoperationen, die ihren Namen auch verdienen, sind durch die globale Verbreitung von Smartphones und Recherchenetzwerke wie Bellingcat geschwunden. Der Job von Whistle­blowern ist es, dringend benötigte ­Beweise für etwas zu beschaffen, das man längst weiß. Dass etwa Reiche Steuerbetrug begehen, ist keine Überraschung, aber es ist nützlich, dies belegen zu können. Überraschungen hatte auch Wikileaks nicht zu bieten. Selbst der wohl spektakulärste Coup, die Veröffentlichung des »Baghdad Airstrike«-Videos, enthüllte nichts. Unter Berufung auf Augenzeugen berichtete Reuters bereits am Tag des Massakers, dass ein US-Hubschrauber auf Journalisten und andere Zivilisten geschossen habe. Das Video brachte dann den Beweis.

Die Geheimnisse des Staates und der Konzerne aber erschöpfen sich nicht in vertuschten Massakern und »House of Cards«-kompatiblen Intrigen. Weitaus häufiger sind es die Geheimnisse der von der Staatsgewalt Betroffenen und der Lohnabhängigen, deren Veröffentlichung gefürchtet werden sollte. Die von Klopotek und Berger befürwortete ungefilterte Veröffentlichung (»radikale Öffentlichkeit gegen Arkanpolitik«) ist ein Verstoß gegen den ­Datenschutz, der sogar Menschenleben gefährdet, wenn es etwa um Homo­sexuelle in Saudi-Arabien oder Übersetzer des US-Militärs in Afghanistan geht.

Zudem arbeitet Wikileaks spätestens seit 2016 nicht mehr als allgemeine Enthüllungsplattform, sondern wie ein Geheimdienst mit politischer Agenda. Bereits im November des Vorjahres schrieb Assange an Wikileaks-Mitarbeiter, es sei »viel besser, wenn die GOP (Grand Old Party, die Republikaner, Anm. d. Verf.) gewinnt«. Dieser Vorgabe folgte Wikileaks im US-Wahlkampf. Tweets wie »Unsere Analyse zeigt, dass Trump bezüglich TPP recht hat« und »Trump hat recht, dass Libyen vor allem durch Clintons Handlungen zerstört wurde« zeigen, dass es nicht nur um die Diskreditierung der demokratischen Präsidentschaftskandidatin ging. Schwer zu glauben ist zudem, dass die Kommunikation von Wikileaks mit ­Donald Trump Jr. und Roger Stone, ­einem zeitweiligen Berater Trumps, nur ein unverbindlicher Meinungsaustausch war.

Beschafft wurden die Daten, die Clinton und die Demokraten diskreditieren sollten, nicht von Whistleblowern, sondern von Hackern des russischen Militärgeheimdiensts GRU, wie der Bericht des US-Sonderermittlers Robert Mueller feststellt. Assange deutete 2016 an, der nach Polizeiermittlungen einem Raubmord zum Opfer gefallene Seth Rich, ein Angestellter des Democratic National Committee, sei die Quelle der Enthüllungen gewesen; Wikileaks versprach eine Belohnung von 20 000 US-Dollar für Informationen, die zur Ergreifung des Täters führen – ein ­geradezu klassisches geheimdienstliches Ablenkungs- und Desinformationsmanöver.

Wikileaks hat die antidemokratischen Manipulationen der russischen Außenpolitik und den rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump unterstützt. Reaktionäre, frauenfeindliche und antisemitische Äußerungen Assanges und anderer Wikileaks-Mitarbeiter sind keine Ausrutscher verschrobener Nerds, sondern geben die ideologische Haltung wieder, die dieser Politik zugrunde liegt. Auf der Einhaltung rechtsstaatlicher Regeln muss die Linke bestehen, auch wenn es um ihre Feinde geht. Sie sollte aber auch deutlich sagen, dass Assange nicht viel mit Whistleblowern wie Can Dündar oder Alexander Nikitin gemein hat, sondern mehr mit Demagogen wie Steve Bannon.


Aus: "Julian Assange und die Pressefreiheit: Keiner von uns" Jörn Schulz (04.07.2019)
Quelle: https://jungle.world/artikel/2019/27/keiner-von-uns

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Pressemitteilung, Darmstadt, 14. Juni 2019. Das PEN-Zentrum Deutschland verurteilt die Entscheidung der britischen Regierung, Wikileaks-Gründer Julian Assange an die USA auszuliefern. Zugleich appelliert der PEN an die britischen Behörden, ihren Beschluss zu revidieren, und ruft die EU-Mitgliedstaaten wiederholt dazu auf, Assange Asyl zu gewähren.

„Der Fall Assange ist komplex, denn in der Tat ist er selbst kein Journalist, Wikileaks übernimmt ja keine redaktionelle Verantwortung für das, was veröffentlicht wird. Es geht hier, wie auch bei Manning, Snowden und anderen, um die komplexe Beziehung zwischen Journalisten und ihren Quellen. Ein Angriff auf den Schutz journalistischer Quellen wird gravierende Auswirkungen auf den Journalismus und die Pressefreiheit haben. Deshalb ist dieser Fall so eminent wichtig, bei aller Kritik, die man in anderer Hinsicht an der Person Assange haben kann“, so PEN-Präsidentin Regula Venske.

Die zuständigen Institutionen der EU müssen Assange gegen eine Ausweisung schützen. Sollte er an die USA ausgeliefert werden, wäre dies ein schwerer Schlag gegen die Freiheit des Wortes, die Pressefreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Medienberichten zufolge hat die britische Regierung dem Auslieferungsgesuch der USA gegen den Wikileaks-Gründer Julian Assange zugestimmt, nachdem die britischen Behörden den Antrag dazu am Mittwoch erhalten haben. Dem Whistleblower drohen bis zu 175 Jahre Haft.

Für das PEN-Zentrum Deutschland

Leander Sukov
Vizepräsident und Writers-in-Exile Beauftragter


Aus: "Auslieferung von Julian Assange wäre Verrat an Freiheit des Wortes und Pressefreiheit" Veröffentlicht am 14.06.2019 von PEN-Zentrum   
Quelle: https://www.pen-deutschland.de/de/2019/06/14/auslieferung-von-julian-assange-waere-verrat-an-freiheit-des-wortes-und-pressefreiheit/


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