Show Posts

This section allows you to view all posts made by this member. Note that you can only see posts made in areas you currently have access to.


Messages - Link

Pages: [1] 2 3 ... 129
1

Quote
[...] Niklas Frank (* 9. März 1939 in München) ist ein deutscher Journalist und Buchautor.

... 1987 sorgte Niklas Frank mit dem Buch Der Vater. Eine Abrechnung für Aufsehen. Frank rekonstruierte das Leben seines Vaters aufgrund jahrelanger Recherchen, in deren Verlauf er erkennen musste, welch ungeheuren Ausmaßes dessen Verbrechen waren. Das Buch wurde zunächst als Serie mit dem Titel Mein Vater, der Nazimörder im Stern veröffentlicht und löste heftige Kontroversen aus, u. a. weil er darin behauptete, als Jugendlicher zu der Vorstellung, wie sein Vater gehängt worden sei, aus Hass auf ihn masturbiert zu haben.

Es ist ein außergewöhnliches Dokument schonungsloser Offenheit eines Sohnes der Person und den Verbrechen seines Vaters gegenüber. Niklas Frank schreibt dazu:

    „Es gibt Väter, die zeugen einen täglich neu. So, wie der meine mich. Ich schlug mich mit ihm herum, ein Leben lang. Erst innerlich. Dann exhibitionierte ich, schrieb einen wüsten Text, ungefiltert durch bürgerlichen Geschmack, genau so ekelhaft, wie deutsche und österreichische Bürger während des ‚Dritten Reiches‘ ihren Verbrechen nachgingen, oder Hitler und seine Verbrecher schützten, stützten, verehrten, liebten – und die große Zeit bis heute nicht vergessen haben. (…) Wenn man seinen Vater verfolgt, wie ich, wenn man in sein Hirn hineinkriecht, wie ich, wenn man seine Feigheiten studiert, und sie wieder findet, wie ich bei mir, wenn man bei den Recherchen sieht, welch Gierzapfen meine Mutter war, wie sie das Generalgouvernement Polen als Supermarkt auffasste, in dem sie als ‚Frau Generalgouverneur‘ die Preise selbst bestimmen konnte, wenn man, wie ich mit ihr, durch die Gettos fuhr und Pelze auflud aus den jüdischen Geschäften, deren Inhaber fälschlicherweise glaubten, durch Brigitte Frank ihr Leben retten zu können, dann kann aus all dem Leid und Hass zwischen den Leichenbergen nur eines entstehen: Die Groteske.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Niklas_Frank (12. September 2019)

Quote
[...] Mein Vater war Hitlers Generalgouverneur in Polen. Die Alliierten haben ihn in Nürnberg gehenkt. Oft betrachte ich sein Totenfoto. Zurzeit lacht er mich frech an. Von Niklas Frank

Obwohl ich gegen die Todesstrafe bin, habe ich sie meinem Vater immer gegönnt. Es ist gut, dass er wohl wenigstens für ein paar Sekunden jene Todesangst spüren musste, die er selbst millionenfach über unschuldige Menschen gebracht hat. Er hieß Hans Frank, er war Hitlers Generalgouverneur im besetzten Polen. Die Alliierten haben ihn dann in Nürnberg gehenkt.

Jetzt aber tauchen wieder Väter von meines Vaters Art auf, die mein Hirn vergiften wollen. 80 Jahre bin ich alt. Mein Leben lang hörte ich dieses verdruckste Schweigen, dieses nicht wirklich anerkennen wollen unserer Verbrechen. Doch nur wenn wir sie anerkennen, können wir trotz des damit verbundenen Schmerzes und der Wut ein ehrliches Leben ohne Hass hinlegen.

Oft betrachte ich meines Vaters Totenfoto. Wie er nach seiner Hinrichtung da liegt mit kaputtem Genick. Zurzeit lacht er mich frech an, denn das Schweigen wurde beendet – von der AfD.

Mein Vater wurde 1946 auch für "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verurteilt. Nein, kein AfD-Mitglied ist per se ein Verbrecher, aber im Kampf gegen die Menschlichkeit kommen viele von ihnen gut voran. Seit Jahren verfolge ich ihren Auftritt und kann es nicht fassen: Da spricht ja mein Vater! Das ist ja genau seine verlogene, feige, tückische Argumentation!

Wie damals er wollen auch heute wohl viele AfD-Leute eine Diktatur. Das entnehme ich etwa den Drohungen der AfD gegen die unabhängige Presse und Justiz. Schon drei Jahre vor Hitlers "Machtergreifung" telegrafierte mein Vater dem frisch in die Thüringer Landesregierung eingetretenen Wilhelm Frick: "Ich schwelge in dem Gedanken, einige jüdische Redakteure wegen Beleidigung des nationalsozialistischen Innenministers hinter Schloss und Riegel gebracht zu sehen."

88 Jahre später folgt meinem Vater drohend die AfD-Fraktion Hochtaunuskreis: "Bei uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Pressehäuser gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten Medienvertreter hierzulande einmal nachdenken."

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Heiko Heßenkemper scheint gleichfalls meines Vaters Meinung zu sein: "Wir müssen die Medien und den öffentlich-rechtlichen rot-grünen Propagandaapparat angreifen und schwächen."

Hitler baute eine furchtbare Diktatur auf. Das deutsche Volk wehrte sich nicht. Für mich ist klar, warum: Unter den 80 Millionen Deutschen damals und heute waren und sind allenfalls 20 Millionen echte Demokraten, von denen sich höchstens Hunderttausend aktiv für die Demokratie einsetzen. Die übrigen Demokraten grummeln abgeschlafft daheim vor sich hin. Folge: Die schweigende Mehrheit von rund 60 Millionen Deutschen würde sich gegen eine AfD-Diktatur nicht wehren.

Obwohl ich in Archiven nur wahllos herausgegriffene 5000 Entnazifizierungsakten der mehr als drei Millionen durchgearbeitet habe, weiß ich: Die beste Demokratie, die wir je erlebten – unsere jetzige also –, wurde auf Lug und Trug und Meineid aufgebaut. Warum das klappte? Erst gehorchten die Deutschen der Nazidiktatur. Als Hitler und seine Verbrecherclique ausgemordet hatten, wurde uns von unseren Befreiern diese Staatsform befohlen. Wieder gehorchten wir. Doch nie von Herzen: Vergiftet waren die nachfolgenden Generationen von ihren Eltern und Großeltern, die Hitlers Diktatur mit aufgebaut und bis zum Ende unterstützt hatten.

AfD-Vormann Björn Höcke nennt die Gedächtnisstelen in Berlin für die von uns ermordeten Juden ein "Denkmal der Schande". Seine Linie hat schon mein Vater 1946 in seinen letzten Worten vor dem Urteil vorgegeben: "Die riesigen Massenverbrechen entsetzlichster Art, die, wie ich jetzt erst erfahren habe, vor allem in Ostpreußen, Schlesien, Pommern und im Sudetenland von Russen, Polen und Tschechen an Deutschen verübt wurden und noch verübt werden, haben jede nur mögliche Schuld unseres Volkes schon heute restlos getilgt."

Mein Vater konnte glänzend Chopins Klaviersonaten spielen und soll – wie es der dabei anwesende italienische Autor Curzio Malaparte schilderte – mit denselben feinfühligen Fingern zum Gewehr gegriffen haben, um ein jüdisches Kind zu erschießen, das verzweifelt durch ein Loch in der Gettomauer gekrochen kam. Und wer machte sich unlängst fast schon auf den Weg, meinem Vater zu folgen? Beatrix von Storch! Sie postete bei Facebook ein potenziell todbringendes "Ja" auf die Frage: "Wollt Ihr etwa Frauen mit Kindern an der grünen Wiese den Zutritt mit Waffengewalt verhindern?"

Da hilft keine Entschuldigung. So etwas zeigt jene Empathielosigkeit, die vielen AfD-Mitgliedern eigen ist. Deswegen sitzt Storch auch weiterhin im Bundestag. Vielleicht spricht sie dereinst einen Satz wie jenen, den meine Mutter zehn Jahre nach meines Vaters Tod an eine Freundin schrieb: "Wenn ich an früher denke, wir waren gnadenlos."

Bei Brigitte Frank war es späte Einsicht. Bei Storch würde es vielleicht Stolz sein.

Auch der AfD-Humor folgt dem meines Vaters. In Lemberg packte er ihn 1942 vor ein paar Hundert deutschen Besatzern aus. Auf der Fahrt zu einem Veranstaltungsort waren ihm keine Juden mehr begegnet: "Was ist denn das? Es soll doch in dieser Stadt einmal Tausende und Abertausende von diesen Plattfußindianern gegeben haben – es war keiner mehr zu sehen. Ihr werdet doch am Ende mit denen nicht böse umgegangen sein?"

Und wie beschrieb das Protokoll die Reaktion des deutschen Publikums?

Große Heiterkeit.

Als sich AfD-Senior Alexander Gauland 2017 die damalige Migrationsbeauftragte Aydan Özoğuz vorknöpfte, waren Anklänge an Vaters Späße zu hören: "Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können."

Vater konnte seinen Witz direkter setzen, weil er schon die Macht hatte: "Hier haben wir mit dreieinhalb Millionen Juden begonnen, von ihnen sind nur noch wenige Arbeitskompanien vorhanden, alles andere ist, sagen wir einmal – ausgewandert."

Wir Deutschen wurden durch unsere Massenverbrechen während des "Dritten Reiches" zu einem auserwählten Volk: Wir wissen genau, dass mangelnde Zivilcourage, fehlendes Mitgefühl und verabscheute Toleranz zu Diktatur und Vernichtungslagern führen. Dennoch berauschen sich bestimmt so manche AfD-Sympathisanten – auch dank Gaulands Verkürzung der zwölfjährigen Massenmordorgie zum "Vogelschiss" – wieder an Tiraden, die mein Vater vorformulierte. Der schrieb ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkriegs: "Ich glaube an den Deutschen Geist. Er wird uns emporheben aus diesem Elend, in das uns der verrohte, sinnlos aufgehetzte Pöbel stürzen wird. Bei Gott, dieser Mob wird einmal leicht zur Ordnung gebracht werden. Nur durch die Diktatur wird Deutschland gerettet werden."

Der Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmaier sprach 2015, als er noch AfD-Nachwuchschef war, wie einst Hans Frank: "Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz, ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk, und zwar nur für das Volk, gemacht – denn wir sind das Volk, liebe Freunde."

Ich sehe meinen toten Vater Tränen lachen, denn mit einer unabhängigen Justiz ließe sich nichts "ausmisten".

Mit ihr könnte auch AfD-Mann Uwe Junge, Fraktionschef in Rheinland-Pfalz, nicht halten, was er verspricht: "Der Tag wird kommen, an dem wir alle Ignoranten, Unterstützer, Beschwichtiger, Befürworter und Aktivisten der Willkommenskultur im Namen der unschuldigen Opfer zur Rechenschaft ziehen werden!"

Frank Scherie aus der AfD-Ratsfraktion von Ennepetal in Nordrhein-Westfalen ist wie mein Vater gleichfalls ohne Mitleid: Man "sollte sich nicht wundern, wenn der Bürger in Ermangelung von Alternativen selber das Heft in die Hand nimmt und Bürgerwehren gegen solche Umtriebe formiert. Ob diese dann im Falle eines Falles noch die 110 wählen oder direkt die erwischten 'Import-Früchtchen' dem Vater Rhein zwecks Überprüfung der in NRW nur noch rudimentär vermittelten Schwimmfähigkeiten übergeben, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen."

Als NSDAP-Mitglied wusste mein Vater genau, dass er gegen die Menschlichkeit handelt. So, wie es die AfD heute wissen muss. Wer trotzdem Mitglieder, die demokratiefeindliche Drohungen raushauen, nicht umgehend aus der Partei entfernt oder selbst entsetzt austritt, macht sich mitschuldig. Und wer mit dieser Partei politisch kungelt, wird selbst zum demokratieverachtenden AfD-Mitglied.

Nur Demokratie kann Menschlichkeit garantieren.

1934, ein Jahr nach der Machtübernahme, konnte mein Vater Vollzug melden: "Wir haben durch die Stärke unseres Vorgehens gegen den Verbrecher im weitesten Sinne, vor allem durch den rücksichtslosen Vollzug der Todesstrafe, durch die Einführung der Sondergerichte, die Einführung des Volksgerichtes zum Schutze von Volk und Staat eine Disziplinierung all der minderwertigen Strömungen erreicht, die die Sicherheit des anständigen Teils des deutschen Volkes im weitesten Maße gewährleistet."

Ich fürchte, dass die AfD irgendwann all jene Deutschen als "Verbrecher im weitesten Sinne" verfolgen könnte, die sich ihr nicht unterwerfen und somit nicht zum "anständigen Teil des deutschen Volkes" gehören.

Triumphierend nickt mir mein Vater zu.




Aus: "Sohn eines NS-Verbrechers über AfD-Rhetorik - Da spricht ja mein Vater!" Niklas Frank (06. September 2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/plus/sohn-eines-ns-verbrechers-ueber-afd-rhetorik-da-spricht-ja-mein-vater-a-00000000-0002-0001-0000-000165813287

2
Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Edward Snowden...
« on: Today at 10:46:32 AM »
Quote
[...] Am Dienstag ist Edward Snowdens Autobiografie Permanent Record erschienen. Noch am selben Tag hat die US-Regierung Snowden sowie seine Verleger Holtzbrinck und Macmillan verklagt. Als CIA- und NSA-Mitarbeiter habe sich Snowden dazu verpflichtet, alle Veröffentlichungen vorab genehmigen zu lassen. Dem ist Snowden nicht nachgekommen, weshalb alle Buch-Erlöse Snowdens dem Staat zustünden.

Die Verbreitung von Edward Snowdens Biografie Permanent Record selbst sucht die Regierung nicht einzuschränken. Das wäre unter US-Recht schwierig, weil das Recht auf Freie Meinungsäußerung dort gut geschützt ist. Offensichtlich enthält das Buch selbst aus Regierungssicht keine extrem sensiblen Staatsgeheimnisse, die ein Verkaufsverbot rechtfertigen könnten. Das Verfahren heißt USA v. Edward Snowden und ist am Bundesbezirksgericht für das östliche Virginia unter dem Az. 19-cv-01197 anhängig.

Von 2005 bis 2013 hat Snowden als Mitarbeiter mehrfach Schweigeverpflichtungen gegenüber CIA und NSA unterzeichnet. Darin enthalten ist die Verpflichtung, geplante Veröffentlichungen, die sich auf im Zuge der Arbeit gewonnene Informationen beziehen, vorab zur Genehmigung vorzulegen. Außerdem enthalten ist eine Klausel, mit der der Mitarbeiter alle Tantiemen und sonstigen Erlösen aus nicht genehmigter Veröffentlichung dem Staat überträgt. Darauf beruft sich die US-Regierung in ihrer Klage.

Doch der Staat will mehr als nur Buchtantiemen und etwaige Erlöse aus Filmrechten: Unter Berufung auf die selbe Vertragsklausel verlangt die Regierung auch die Beschlagnahme aller Einnahmen aus öffentlichen Reden, bei denen Snowden über seine Zeit im Staatsdienst spricht. Das ist Snowdens wichtigste Geldquelle.

Ziel der Klage ist also, Snowden seinen Lebensunterhalt zu entziehen. Die Biografie ist der aktuelle Aufhänger. Und die Verleger sind US-Unternehmen, bei denen das Geld relativ einfach beschlagnahmt werden kann.

"Das Buch enthält keine Regierungsgeheimnisse, die noch nicht von respektablen Medien veröffentlicht worden wären", reagierte Snowdens Rechtsbeistand Ben Wizner auf die Klage, "Hätte Herr Snowden geglaubt, dass die Regierung sein Buch fair begutachten würde, hätte er es eingereicht. Aber die Regierung besteht darauf, dass Fakten, die weltweit bekannt sind und diskutiert werden, immer noch irgendwie geheim sind." Wizner ist hochrangiger Mitarbeiter der US-Bürgerrechtsorganisation ACLU (American Civil Liberties Union), die Snowden rechtlich zur Seite steht.

Die Organisation hält die Verpflichtung zur Vorabgenehmigung für verfassungswidrig und damit nicht anwendbar. Eine entsprechende Klage hat die ACLU gemeinsam mit dem Knight First Amendment Institute der Columbia-Universität bereits im April eingebracht. Das Verfahren (Timothy Edgar v. Daniel Coats) ist am US-Bundesbezirksgericht für Maryland unter dem Az. 19-cv-00985 anhängig.

"Herr Snowden hat dieses Buch geschrieben, um die weltweite Erörterung von Massenüberwachung und freien Gesellschaften (...) fortzuführen", sagte Wizen. Snowden hoffe, die US-Klage werde dem Buch mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Das dürfte zutreffen. Allerdings ist es gut möglich, dass der Autor daraus keinen geldwerten Vorteil ziehen wird können.


Aus: "US-Regierung will Snowdens Biografie-Erlös beschlagnahmen" Daniel AJ Sokolov (17.09.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/US-Regierung-will-Snowdens-Biografie-Erloes-beschlagnahmen-4532922.html


3
Quote
[...] Wahrscheinlich könnten die amerikanischen Geheimdienste problemlos herausfinden, dass Sie gerade diesen Text lesen. Und auch, wann Sie zuletzt eine E-Mail verschickt oder mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin telefoniert haben. Oder dass Sie sich gerade vor Ihrem Bildschirm am Kinn kratzen.

Noch vor wenigen Jahren hätten diese Sätze wie Paranoia geklungen – oder zumindest selbstbezogen. Es schien abseits von Science-Fiction- und Hollywoodfantasien nicht vorstellbar, dass die amerikanischen Geheimdienste jegliche Kommunikation aller Menschen weltweit speichern könnten. Dass sie jeden von uns ins Visier nehmen würden und diese Daten dann auch noch durchsuchen würden. Im Hintergrund, ohne das Wissen der Öffentlichkeit geschehen.

Seit dem 6. Juni 2013 ist klar, dass dies der Realität ziemlich nahe kommt. Damals erschien ein Bericht im britischen Guardian mit dem nüchternen Titel "NSA collecting phone records of millions of Verizon customers daily": Die amerikanische National Security Agency (NSA) speichere täglich die Anruflisten aller Kundinnen und Kunden des Telekommunikationsdienstleisters Verizon. Der Bericht war der Anfang einer ganzen Kaskade von Artikeln, die einen unfassbaren Skandal aufdeckten: Die amerikanischen Geheimdienste überwachten Menschen weltweit – ohne dass die davon wussten. Unter Aufsicht einer demokratischen Regierung spionierten sie den Globus aus.

Die Quelle für diese Berichte waren Dokumente, die direkt aus der NSA kamen; von einer Person, die selbst einmal an diesem System mitgearbeitet, es durch ihre fachlichen Kenntnisse mitermöglicht hatte: Edward Snowden. Heute ist sein Name mit der NSA-Affäre, seine persönliche Geschichte mit den Veröffentlichungen verwoben. Es ist die Geschichte eines Mannes, der ursprünglich nur seinem Land dienen wollte – und schließlich einige seiner größten Geheimnisse enthüllte.

Der Weg von Edward Snowden wurde schon etliche Male in verschiedenen Varianten nachgezeichnet; in Zeitungsartikeln seine beruflichen Stationen, in der Dokumentation Citizenfour seine Enthüllungen in einem Hongkonger Hotelzimmer und in dem Hollywoodfilm Snowden mit Joseph Gordon-Levitt in der Hauptrolle sein restliches Leben. Einige Details gab Snowden auch selbst preis. Seine Autobiografie Permanent Record, die nun erschienen ist, könnte daher eine langweilige Nacherzählung dessen sein, was man sowieso schon irgendwie wissen konnte; ein mit Anekdoten gespickter Lebenslauf.

Aber Snowden schafft es, dem mehr hinzuzufügen. Er erzählt die Geschichte des Internets mit dem er groß wurde, von ersten anarchischen Strukturen in den Achtzigern bis zum Web heute, das längst von großen Unternehmen kontrolliert wird. Snowden zeichnet die jüngere Geschichte Amerikas, wie der 11. September die USA auf ihren Weg zum Sicherheitsstaat lenkte. Und seine individuellen Entscheidungen macht er verständlich, indem er die Überwachungssysteme und das Rechtssystem erklärt. Snowdens Autobiografie liest sich wie ein Plädoyer für die Privatsphäre. Und auch wie eine Bitte um Verständnis für seine Entscheidungen.

Man muss sich das bewusst machen: Die NSA entwickelte zahlreiche Tools, um den Internetverkehr zu überwachen. Ein digitales Werkzeug, das dabei besonders stark in die Privatsphäre von Nutzerinnen und Nutzern eindrang, hieß Turbulence. Damit konnte die Behörde jede URL weltweit prüfen. Tippte jemand etwa google.com in den Browser ein, durchlief diese Anfrage auch Server in Telekommunikationsfirmen und Botschaften. Ein weiteres Werkzeug namens Turmoil sammelte diese Daten – abgesehen von der URL etwa das Land, aus dem die Anfrage gestellt wurde. Schien irgendetwas verdächtig, wurde die Anfrage weiter an das Werkzeug Turbine geleitet, das sie auf die Server der NSA verwies. Automatisiert wurden dann Exploits, also Schadprogramme, mit der URL an den Nutzer geschickt. Während der also dachte, er würde schlicht Google abrufen, konnte die NSA von nun an alle seine Daten überwachen. So beschreibt es Snowden. Massenüberwachung per Mausklick.

Nur warum schien das außer Snowden niemand bei der NSA fragwürdig zu finden? Wie konnte es sein, dass niemand früher an die Öffentlichkeit ging? Zwar skizziert der Whistleblower in seinem Buch durchaus einzelne Verstöße, die Mitarbeiter begingen oder von denen sie wussten. Erzählte er seinen Kollegen von seinen Bedenken, erntete er oft nur ein Schulterzucken: "Was will man machen?"

Vielleicht war ihnen das Ausmaß der Überwachung gar nicht bewusst. Kein einzelner Agent habe jemals einfach zufällig während seiner Tätigkeit von allen Aktionen etwas mitbekommen können, schreibt Snowden. Auch weil die auf vielfältige technische Art und Weise begangen wurden. "Um auch nur die Spur einer strafbaren Handlung zu entdecken, musste man danach suchen. Und um danach suchen zu können, musste man wissen, dass es sie gab."

Es ist wahrscheinlich relativ leicht zu beantworten, warum Edward Snowden zum Whistleblower wurde: Ihn plagten sein Wissen und sein Gewissen. Schwieriger ist zu beantworten, wie seine Zweifel entstanden. Permanent Record zeigt: Es gab nicht die eine Situation, die besondere Grenzüberschreitung, die pikante Information, die Snowden zu seinem Schritt inspirierten.

Es begann banal: Er sollte auf einer Konferenz einen Vortrag über Chinas Fähigkeiten halten, amerikanische Agenten elektronisch zu verfolgen. Bei der Vorbereitung stieß er auf ein System totalitärer Kontrolle. Er las über Mechanismen und Geräte, mit denen Chinas Regierung täglich Anrufe und Internetverbindungen ihrer Bürgerinnen und Bürger sammelte, speicherte und auswertete. "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die USA so viele Informationen über das Treiben der Chinesen besaßen, ohne genau die gleichen Dinge zumindest ansatzweise auch selbst getan zu haben", schreibt Snowden. Es war nicht mehr als ein Verdacht. Einer, der ihn nicht mehr loslassen sollte.

Wie jemand, der Betrug in einer langjährigen Beziehung wittert, dämmerte es auch Snowden: Die ersten Zweifel kann man noch verdrängen, es gibt schließlich immer eine Erklärung. Aber irgendwann plagt einen das Unwissen, man will mehr herausfinden, fängt an zu recherchieren – auch wenn man vielleicht noch nicht weiß, wonach man sucht. Zumindest unterbewusst hat man da schon entschieden, dass man den tatsächlichen oder vermeintlichen Vertrauensbruch nicht länger hinnehmen will. 

Snowdens eigentliche Recherchephase begann auf Hawaii, an einem Ort, der The Tunnel genannt wird. Sein Büro lag unterhalb eines Ananasfeldes und hinein gelangte man über einen Tunnel. Seine aktive Suche nach Übergriffen der NSA habe nicht damit begonnen, dass er Dokumente kopiert, sondern dass er sie gelesen habe, schreibt Snowden. Er baute ein eigenes System, mit dem er Informationen aus allen möglichen Netzwerken zusammentrug. Seinen Chefs verkaufte er es als Forum für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter: Sie würden alle die Dokumente sehen, die für sie relevant waren.

Die Ironie: Fast alle Dokumente, die Snowden später Journalistinnen und Journalisten übergeben würde, stammten aus diesem System, heißt es in dem Buch. Der damalige Geheimdienstmitarbeiter schmuggelte sie in SD-Karten auf Zauberwürfeln, im Mund oder einfach in der Hosentasche aus dem Gebäude. Unbemerkt.

Doch so sehr die von ihm gesammelten Erkenntnisse auch einschlugen: Blickt man zurück, scheint sich wenig verändert zu haben. Gesetze wie die europäische Datenschutzgrundverordnung vermitteln zumindest europäischen Bürgerinnen mehr digitale Rechte. Die NSA sammelt offenbar nicht mehr die Anruflisten aller Amerikanerinnen und Amerikaner. Und der Webverkehr ist mittlerweile oft verschlüsselt (selbst Messenger wie WhatsApp).

Und doch bleibt da das Gefühl, dass vielleicht irgendwo jemand permanent mithört, mitaufzeichnet, mitliest. Denn wenn irgendwas nach den Snowden-Enthüllungen klar ist, dann das: Der geheimdienstliche Durst nach Informationen wird niemals gestillt sein. Das zeigt sich auch in Deutschland, wo das Bundesinnenministerium gerne Hintertüren in verschlüsselte Kommunikation einbauen will. Obwohl das Ziel von Verschlüsselung das Gegenteil meint.

Machtlos sind Bürgerinnen und Bürger aber nicht. Verschlüsselung sei der einzig wirkliche Schutz gegen Überwachung, schreibt Snowden in seinem Buch. Jede Nation habe ihren Rechtskodex, doch der Computercode sei für alle gleich. Es sei einfacher, ein Smartphone zu verschlüsseln, als ein Gesetz zu verändern. Nun hat natürlich nicht jeder die IT-Kenntnisse von Snowden, das ist klar. Allerdings gibt es relativ einfache Wege, zumindest schon mal die eigenen E-Mails vor Mitleserinnen und Mitlesern zu schützen.

Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft von Edward Snowden: Jeder kann sich wehren. Den Veröffentlichungstermins seines Buches wählte der Whistleblower aus seinem Asyl in Moskau nicht zufällig. In einem Video auf Twitter weist er darauf hin, dass der 17. September auch der Constitution Day in den USA ist: Vor genau 232 Jahren wurde an diesem Tag die amerikanische Verfassung unterzeichnet.

Im vierten Zusatz der US-Verfassung heißt es: "Das Recht des Volkes auf Sicherheit der Person und der Wohnung, der Urkunden und des Eigentums, vor willkürlicher Durchsuchung, Verhaftung und Beschlagnahmung darf nicht verletzt werden, und Haussuchungs- und Haftbefehle dürfen nur bei Vorliegen eines eidlich oder eidesstattlich erhärteten Rechtsgrundes ausgestellt werden und müssen die zu durchsuchende Örtlichkeit und die in Gewahrsam zu nehmenden Personen oder Gegenstände genau bezeichnen." Kurz: Ohne Verdacht darf es keine Durchsuchung geben.

Versteht man das Internet als digitalen Raum, müsste dieser Zusatz auch dort gelten.

Edward Snowden:  Permanent Record – Meine Geschichte
S. Fischer Verlag, 2019; 432 Seiten



Aus: ""Permanent Record": Weil die wissen, was Sie tun" Eine Rezension von Lisa Hegemann (17. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2019-09/permanent-record-edward-snowden-whistleblower-cia-nsa-autobiografie-rezension/komplettansicht

Quote
Minilieb #2.1

Letztendlich bestätigt er, dass unser Werte- und Demokratiekonstrukt solange trägt, wie niemand richtig hinsieht. Diese Erkenntnis ist bedrückend. Ja, wir leben in einer Demokratie, haben ein Grundgesetz, benehmen uns zivilisiert.

Letztendlich ist das behördliche Misstrauen und der Datenmissbrauch aber kaum geringer als das totalitärer Staaten. Chinas Massenüberwachung und -kontrolle erscheint uns schauderlich. Aber wie lange würde es dauern auch bei uns ein ähnliches System scharf zu schalten und ähnlich zu nutzen. Wir arbeiten daran. Wir digitalisieren alles und jedes, bauen Kameras überall auf um uns sicherer zu fühlen, freuen uns über digitale Bezahlmöglichkeiten, stellen uns Wanzen ins Zimmer und erkennen nicht, dass wir uns selbst wegsperren.

Die freie Bewegungsfreiheit ohne das Wissen anderer wird in nicht allzulanger Zeit nicht mehr gegeben sein. Unsere Freiheit werden unsere Kinder nicht mehr haben. Im besten Fall werden sie sie nicht vermissen...


Quote
Robert Nozick #2.5

Edward Snowden ist den USA wohl eher ein Straftäter, der Landesverrat begangen hat und damit im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht hat.
Und ich schließe mich dieser Einschätzung ausdrücklich an.


Quote
Minilieb #2.6

"Edward Snowden ist den USA wohl eher ein Straftäter, der Landesverrat begangen hat und damit im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht hat."

Exakt das trifft auf jeden zu, der im Dritten Reich Widerstand geleistet hat. Gesetzesbrecher, die im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht haben. Ob den Führer, die SS, die Gestapo, die Wehrmacht oder aufgrund Spionageaktivitäten den Endsieg gefährdeten. Sie alle haben "Landesverrat" begangen und Menschen gefährdet...


Quote
Robert Nozick #2.7

Nun, wenn sie die USA und das "Dritte Reich" gleichsetzen haben Sie selbstverständlich Recht. Allerdings disqualifiziert sich damit ihre Aussage von selbst.


Quote
Minilieb #2.8

Ich setzte nicht die USA mit den Nazis gleich sondern prüfe die Tragfähigkeit Ihrer Argumentation und stelle fest, dass es so einfach wohl nicht ist...


Quote
Hugo von Bahnhof #2.13

"Edward Snowden ist ein moderner Held..."

Da bin ich völlig eiverstanden. Nur habe ich in ZON viele verschiedene Aufrufe zu vielen verschiedenen Aktionen gelesen. Nur der Aufruf dazu, dass Snowden Asyl in Deutschland bekommt, habe ich wahrscheinlich übersehen. ...


Quote
deDude #10

Snowden hat auf die Frage was er am meisten fürchtet bzgl. seiner Enthüllungen mal gesagt "Das die Leute es zur Kenntnis nehmen, aber keinerlei Konsequenzen daraus gezogen werden" ...


Quote
Nr.27 mit extra Käse #15

Kann mich noch gut erinnern, wir hatten in der Firma eine zeitlang einen selbstständigen konstrukteur der sich geweigert hat sein Rechner ans Netz zu hängen. Der hat ständig gesagt" ihr glaubt gar nicht was da alles überwacht wird" der hatte Angst um seine Daten.
Damals hat man den nicht für voll genommen, Aluhut und so weiter.
Zwei Jahre später hat dann Snowden ausgepackt.


...

4
Quote
[...] Wahrscheinlich könnten die amerikanischen Geheimdienste problemlos herausfinden, dass Sie gerade diesen Text lesen. Und auch, wann Sie zuletzt eine E-Mail verschickt oder mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin telefoniert haben. Oder dass Sie sich gerade vor Ihrem Bildschirm am Kinn kratzen.

Noch vor wenigen Jahren hätten diese Sätze wie Paranoia geklungen – oder zumindest selbstbezogen. Es schien abseits von Science-Fiction- und Hollywoodfantasien nicht vorstellbar, dass die amerikanischen Geheimdienste jegliche Kommunikation aller Menschen weltweit speichern könnten. Dass sie jeden von uns ins Visier nehmen würden und diese Daten dann auch noch durchsuchen würden. Im Hintergrund, ohne das Wissen der Öffentlichkeit geschehen.

Seit dem 6. Juni 2013 ist klar, dass dies der Realität ziemlich nahe kommt. Damals erschien ein Bericht im britischen Guardian mit dem nüchternen Titel "NSA collecting phone records of millions of Verizon customers daily": Die amerikanische National Security Agency (NSA) speichere täglich die Anruflisten aller Kundinnen und Kunden des Telekommunikationsdienstleisters Verizon. Der Bericht war der Anfang einer ganzen Kaskade von Artikeln, die einen unfassbaren Skandal aufdeckten: Die amerikanischen Geheimdienste überwachten Menschen weltweit – ohne dass die davon wussten. Unter Aufsicht einer demokratischen Regierung spionierten sie den Globus aus.

Die Quelle für diese Berichte waren Dokumente, die direkt aus der NSA kamen; von einer Person, die selbst einmal an diesem System mitgearbeitet, es durch ihre fachlichen Kenntnisse mitermöglicht hatte: Edward Snowden. Heute ist sein Name mit der NSA-Affäre, seine persönliche Geschichte mit den Veröffentlichungen verwoben. Es ist die Geschichte eines Mannes, der ursprünglich nur seinem Land dienen wollte – und schließlich einige seiner größten Geheimnisse enthüllte.

Der Weg von Edward Snowden wurde schon etliche Male in verschiedenen Varianten nachgezeichnet; in Zeitungsartikeln seine beruflichen Stationen, in der Dokumentation Citizenfour seine Enthüllungen in einem Hongkonger Hotelzimmer und in dem Hollywoodfilm Snowden mit Joseph Gordon-Levitt in der Hauptrolle sein restliches Leben. Einige Details gab Snowden auch selbst preis. Seine Autobiografie Permanent Record, die nun erschienen ist, könnte daher eine langweilige Nacherzählung dessen sein, was man sowieso schon irgendwie wissen konnte; ein mit Anekdoten gespickter Lebenslauf.

Aber Snowden schafft es, dem mehr hinzuzufügen. Er erzählt die Geschichte des Internets mit dem er groß wurde, von ersten anarchischen Strukturen in den Achtzigern bis zum Web heute, das längst von großen Unternehmen kontrolliert wird. Snowden zeichnet die jüngere Geschichte Amerikas, wie der 11. September die USA auf ihren Weg zum Sicherheitsstaat lenkte. Und seine individuellen Entscheidungen macht er verständlich, indem er die Überwachungssysteme und das Rechtssystem erklärt. Snowdens Autobiografie liest sich wie ein Plädoyer für die Privatsphäre. Und auch wie eine Bitte um Verständnis für seine Entscheidungen.

Man muss sich das bewusst machen: Die NSA entwickelte zahlreiche Tools, um den Internetverkehr zu überwachen. Ein digitales Werkzeug, das dabei besonders stark in die Privatsphäre von Nutzerinnen und Nutzern eindrang, hieß Turbulence. Damit konnte die Behörde jede URL weltweit prüfen. Tippte jemand etwa google.com in den Browser ein, durchlief diese Anfrage auch Server in Telekommunikationsfirmen und Botschaften. Ein weiteres Werkzeug namens Turmoil sammelte diese Daten – abgesehen von der URL etwa das Land, aus dem die Anfrage gestellt wurde. Schien irgendetwas verdächtig, wurde die Anfrage weiter an das Werkzeug Turbine geleitet, das sie auf die Server der NSA verwies. Automatisiert wurden dann Exploits, also Schadprogramme, mit der URL an den Nutzer geschickt. Während der also dachte, er würde schlicht Google abrufen, konnte die NSA von nun an alle seine Daten überwachen. So beschreibt es Snowden. Massenüberwachung per Mausklick.

Nur warum schien das außer Snowden niemand bei der NSA fragwürdig zu finden? Wie konnte es sein, dass niemand früher an die Öffentlichkeit ging? Zwar skizziert der Whistleblower in seinem Buch durchaus einzelne Verstöße, die Mitarbeiter begingen oder von denen sie wussten. Erzählte er seinen Kollegen von seinen Bedenken, erntete er oft nur ein Schulterzucken: "Was will man machen?"

Vielleicht war ihnen das Ausmaß der Überwachung gar nicht bewusst. Kein einzelner Agent habe jemals einfach zufällig während seiner Tätigkeit von allen Aktionen etwas mitbekommen können, schreibt Snowden. Auch weil die auf vielfältige technische Art und Weise begangen wurden. "Um auch nur die Spur einer strafbaren Handlung zu entdecken, musste man danach suchen. Und um danach suchen zu können, musste man wissen, dass es sie gab."

Es ist wahrscheinlich relativ leicht zu beantworten, warum Edward Snowden zum Whistleblower wurde: Ihn plagten sein Wissen und sein Gewissen. Schwieriger ist zu beantworten, wie seine Zweifel entstanden. Permanent Record zeigt: Es gab nicht die eine Situation, die besondere Grenzüberschreitung, die pikante Information, die Snowden zu seinem Schritt inspirierten.

Es begann banal: Er sollte auf einer Konferenz einen Vortrag über Chinas Fähigkeiten halten, amerikanische Agenten elektronisch zu verfolgen. Bei der Vorbereitung stieß er auf ein System totalitärer Kontrolle. Er las über Mechanismen und Geräte, mit denen Chinas Regierung täglich Anrufe und Internetverbindungen ihrer Bürgerinnen und Bürger sammelte, speicherte und auswertete. "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die USA so viele Informationen über das Treiben der Chinesen besaßen, ohne genau die gleichen Dinge zumindest ansatzweise auch selbst getan zu haben", schreibt Snowden. Es war nicht mehr als ein Verdacht. Einer, der ihn nicht mehr loslassen sollte.

Wie jemand, der Betrug in einer langjährigen Beziehung wittert, dämmerte es auch Snowden: Die ersten Zweifel kann man noch verdrängen, es gibt schließlich immer eine Erklärung. Aber irgendwann plagt einen das Unwissen, man will mehr herausfinden, fängt an zu recherchieren – auch wenn man vielleicht noch nicht weiß, wonach man sucht. Zumindest unterbewusst hat man da schon entschieden, dass man den tatsächlichen oder vermeintlichen Vertrauensbruch nicht länger hinnehmen will. 

Snowdens eigentliche Recherchephase begann auf Hawaii, an einem Ort, der The Tunnel genannt wird. Sein Büro lag unterhalb eines Ananasfeldes und hinein gelangte man über einen Tunnel. Seine aktive Suche nach Übergriffen der NSA habe nicht damit begonnen, dass er Dokumente kopiert, sondern dass er sie gelesen habe, schreibt Snowden. Er baute ein eigenes System, mit dem er Informationen aus allen möglichen Netzwerken zusammentrug. Seinen Chefs verkaufte er es als Forum für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter: Sie würden alle die Dokumente sehen, die für sie relevant waren.

Die Ironie: Fast alle Dokumente, die Snowden später Journalistinnen und Journalisten übergeben würde, stammten aus diesem System, heißt es in dem Buch. Der damalige Geheimdienstmitarbeiter schmuggelte sie in SD-Karten auf Zauberwürfeln, im Mund oder einfach in der Hosentasche aus dem Gebäude. Unbemerkt.

Doch so sehr die von ihm gesammelten Erkenntnisse auch einschlugen: Blickt man zurück, scheint sich wenig verändert zu haben. Gesetze wie die europäische Datenschutzgrundverordnung vermitteln zumindest europäischen Bürgerinnen mehr digitale Rechte. Die NSA sammelt offenbar nicht mehr die Anruflisten aller Amerikanerinnen und Amerikaner. Und der Webverkehr ist mittlerweile oft verschlüsselt (selbst Messenger wie WhatsApp).

Und doch bleibt da das Gefühl, dass vielleicht irgendwo jemand permanent mithört, mitaufzeichnet, mitliest. Denn wenn irgendwas nach den Snowden-Enthüllungen klar ist, dann das: Der geheimdienstliche Durst nach Informationen wird niemals gestillt sein. Das zeigt sich auch in Deutschland, wo das Bundesinnenministerium gerne Hintertüren in verschlüsselte Kommunikation einbauen will. Obwohl das Ziel von Verschlüsselung das Gegenteil meint.

Machtlos sind Bürgerinnen und Bürger aber nicht. Verschlüsselung sei der einzig wirkliche Schutz gegen Überwachung, schreibt Snowden in seinem Buch. Jede Nation habe ihren Rechtskodex, doch der Computercode sei für alle gleich. Es sei einfacher, ein Smartphone zu verschlüsseln, als ein Gesetz zu verändern. Nun hat natürlich nicht jeder die IT-Kenntnisse von Snowden, das ist klar. Allerdings gibt es relativ einfache Wege, zumindest schon mal die eigenen E-Mails vor Mitleserinnen und Mitlesern zu schützen.

Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft von Edward Snowden: Jeder kann sich wehren. Den Veröffentlichungstermins seines Buches wählte der Whistleblower aus seinem Asyl in Moskau nicht zufällig. In einem Video auf Twitter weist er darauf hin, dass der 17. September auch der Constitution Day in den USA ist: Vor genau 232 Jahren wurde an diesem Tag die amerikanische Verfassung unterzeichnet.

Im vierten Zusatz der US-Verfassung heißt es: "Das Recht des Volkes auf Sicherheit der Person und der Wohnung, der Urkunden und des Eigentums, vor willkürlicher Durchsuchung, Verhaftung und Beschlagnahmung darf nicht verletzt werden, und Haussuchungs- und Haftbefehle dürfen nur bei Vorliegen eines eidlich oder eidesstattlich erhärteten Rechtsgrundes ausgestellt werden und müssen die zu durchsuchende Örtlichkeit und die in Gewahrsam zu nehmenden Personen oder Gegenstände genau bezeichnen." Kurz: Ohne Verdacht darf es keine Durchsuchung geben.

Versteht man das Internet als digitalen Raum, müsste dieser Zusatz auch dort gelten.

Edward Snowden:  Permanent Record – Meine Geschichte
S. Fischer Verlag, 2019; 432 Seiten



Aus: ""Permanent Record": Weil die wissen, was Sie tun" Eine Rezension von Lisa Hegemann (17. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2019-09/permanent-record-edward-snowden-whistleblower-cia-nsa-autobiografie-rezension/komplettansicht

Quote
Minilieb #2.1

Letztendlich bestätigt er, dass unser Werte- und Demokratiekonstrukt solange trägt, wie niemand richtig hinsieht. Diese Erkenntnis ist bedrückend. Ja, wir leben in einer Demokratie, haben ein Grundgesetz, benehmen uns zivilisiert.

Letztendlich ist das behördliche Misstrauen und der Datenmissbrauch aber kaum geringer als das totalitärer Staaten. Chinas Massenüberwachung und -kontrolle erscheint uns schauderlich. Aber wie lange würde es dauern auch bei uns ein ähnliches System scharf zu schalten und ähnlich zu nutzen. Wir arbeiten daran. Wir digitalisieren alles und jedes, bauen Kameras überall auf um uns sicherer zu fühlen, freuen uns über digitale Bezahlmöglichkeiten, stellen uns Wanzen ins Zimmer und erkennen nicht, dass wir uns selbst wegsperren.

Die freie Bewegungsfreiheit ohne das Wissen anderer wird in nicht allzulanger Zeit nicht mehr gegeben sein. Unsere Freiheit werden unsere Kinder nicht mehr haben. Im besten Fall werden sie sie nicht vermissen...


Quote
Robert Nozick #2.5

Edward Snowden ist den USA wohl eher ein Straftäter, der Landesverrat begangen hat und damit im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht hat.
Und ich schließe mich dieser Einschätzung ausdrücklich an.


Quote
Minilieb #2.6

"Edward Snowden ist den USA wohl eher ein Straftäter, der Landesverrat begangen hat und damit im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht hat."

Exakt das trifft auf jeden zu, der im Dritten Reich Widerstand geleistet hat. Gesetzesbrecher, die im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht haben. Ob den Führer, die SS, die Gestapo, die Wehrmacht oder aufgrund Spionageaktivitäten den Endsieg gefährdeten. Sie alle haben "Landesverrat" begangen und Menschen gefährdet...


Quote
Robert Nozick #2.7

Nun, wenn sie die USA und das "Dritte Reich" gleichsetzen haben Sie selbstverständlich Recht. Allerdings disqualifiziert sich damit ihre Aussage von selbst.


Quote
Minilieb #2.8

Ich setzte nicht die USA mit den Nazis gleich sondern prüfe die Tragfähigkeit Ihrer Argumentation und stelle fest, dass es so einfach wohl nicht ist...


Quote
Hugo von Bahnhof #2.13

"Edward Snowden ist ein moderner Held..."

Da bin ich völlig eiverstanden. Nur habe ich in ZON viele verschiedene Aufrufe zu vielen verschiedenen Aktionen gelesen. Nur der Aufruf dazu, dass Snowden Asyl in Deutschland bekommt, habe ich wahrscheinlich übersehen. ...


Quote
deDude #10

Snowden hat auf die Frage was er am meisten fürchtet bzgl. seiner Enthüllungen mal gesagt "Das die Leute es zur Kenntnis nehmen, aber keinerlei Konsequenzen daraus gezogen werden" ...


Quote
Nr.27 mit extra Käse #15

Kann mich noch gut erinnern, wir hatten in der Firma eine zeitlang einen selbstständigen konstrukteur der sich geweigert hat sein Rechner ans Netz zu hängen. Der hat ständig gesagt" ihr glaubt gar nicht was da alles überwacht wird" der hatte Angst um seine Daten.
Damals hat man den nicht für voll genommen, Aluhut und so weiter.
Zwei Jahre später hat dann Snowden ausgepackt.


...

5
Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Edward Snowden...
« on: Today at 10:11:27 AM »
Quote
[...] Wahrscheinlich könnten die amerikanischen Geheimdienste problemlos herausfinden, dass Sie gerade diesen Text lesen. Und auch, wann Sie zuletzt eine E-Mail verschickt oder mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin telefoniert haben. Oder dass Sie sich gerade vor Ihrem Bildschirm am Kinn kratzen.

Noch vor wenigen Jahren hätten diese Sätze wie Paranoia geklungen – oder zumindest selbstbezogen. Es schien abseits von Science-Fiction- und Hollywoodfantasien nicht vorstellbar, dass die amerikanischen Geheimdienste jegliche Kommunikation aller Menschen weltweit speichern könnten. Dass sie jeden von uns ins Visier nehmen würden und diese Daten dann auch noch durchsuchen würden. Im Hintergrund, ohne das Wissen der Öffentlichkeit geschehen.

Seit dem 6. Juni 2013 ist klar, dass dies der Realität ziemlich nahe kommt. Damals erschien ein Bericht im britischen Guardian mit dem nüchternen Titel "NSA collecting phone records of millions of Verizon customers daily": Die amerikanische National Security Agency (NSA) speichere täglich die Anruflisten aller Kundinnen und Kunden des Telekommunikationsdienstleisters Verizon. Der Bericht war der Anfang einer ganzen Kaskade von Artikeln, die einen unfassbaren Skandal aufdeckten: Die amerikanischen Geheimdienste überwachten Menschen weltweit – ohne dass die davon wussten. Unter Aufsicht einer demokratischen Regierung spionierten sie den Globus aus.

Die Quelle für diese Berichte waren Dokumente, die direkt aus der NSA kamen; von einer Person, die selbst einmal an diesem System mitgearbeitet, es durch ihre fachlichen Kenntnisse mitermöglicht hatte: Edward Snowden. Heute ist sein Name mit der NSA-Affäre, seine persönliche Geschichte mit den Veröffentlichungen verwoben. Es ist die Geschichte eines Mannes, der ursprünglich nur seinem Land dienen wollte – und schließlich einige seiner größten Geheimnisse enthüllte.

Der Weg von Edward Snowden wurde schon etliche Male in verschiedenen Varianten nachgezeichnet; in Zeitungsartikeln seine beruflichen Stationen, in der Dokumentation Citizenfour seine Enthüllungen in einem Hongkonger Hotelzimmer und in dem Hollywoodfilm Snowden mit Joseph Gordon-Levitt in der Hauptrolle sein restliches Leben. Einige Details gab Snowden auch selbst preis. Seine Autobiografie Permanent Record, die nun erschienen ist, könnte daher eine langweilige Nacherzählung dessen sein, was man sowieso schon irgendwie wissen konnte; ein mit Anekdoten gespickter Lebenslauf.

Aber Snowden schafft es, dem mehr hinzuzufügen. Er erzählt die Geschichte des Internets mit dem er groß wurde, von ersten anarchischen Strukturen in den Achtzigern bis zum Web heute, das längst von großen Unternehmen kontrolliert wird. Snowden zeichnet die jüngere Geschichte Amerikas, wie der 11. September die USA auf ihren Weg zum Sicherheitsstaat lenkte. Und seine individuellen Entscheidungen macht er verständlich, indem er die Überwachungssysteme und das Rechtssystem erklärt. Snowdens Autobiografie liest sich wie ein Plädoyer für die Privatsphäre. Und auch wie eine Bitte um Verständnis für seine Entscheidungen.

Man muss sich das bewusst machen: Die NSA entwickelte zahlreiche Tools, um den Internetverkehr zu überwachen. Ein digitales Werkzeug, das dabei besonders stark in die Privatsphäre von Nutzerinnen und Nutzern eindrang, hieß Turbulence. Damit konnte die Behörde jede URL weltweit prüfen. Tippte jemand etwa google.com in den Browser ein, durchlief diese Anfrage auch Server in Telekommunikationsfirmen und Botschaften. Ein weiteres Werkzeug namens Turmoil sammelte diese Daten – abgesehen von der URL etwa das Land, aus dem die Anfrage gestellt wurde. Schien irgendetwas verdächtig, wurde die Anfrage weiter an das Werkzeug Turbine geleitet, das sie auf die Server der NSA verwies. Automatisiert wurden dann Exploits, also Schadprogramme, mit der URL an den Nutzer geschickt. Während der also dachte, er würde schlicht Google abrufen, konnte die NSA von nun an alle seine Daten überwachen. So beschreibt es Snowden. Massenüberwachung per Mausklick.

Nur warum schien das außer Snowden niemand bei der NSA fragwürdig zu finden? Wie konnte es sein, dass niemand früher an die Öffentlichkeit ging? Zwar skizziert der Whistleblower in seinem Buch durchaus einzelne Verstöße, die Mitarbeiter begingen oder von denen sie wussten. Erzählte er seinen Kollegen von seinen Bedenken, erntete er oft nur ein Schulterzucken: "Was will man machen?"

Vielleicht war ihnen das Ausmaß der Überwachung gar nicht bewusst. Kein einzelner Agent habe jemals einfach zufällig während seiner Tätigkeit von allen Aktionen etwas mitbekommen können, schreibt Snowden. Auch weil die auf vielfältige technische Art und Weise begangen wurden. "Um auch nur die Spur einer strafbaren Handlung zu entdecken, musste man danach suchen. Und um danach suchen zu können, musste man wissen, dass es sie gab."

Es ist wahrscheinlich relativ leicht zu beantworten, warum Edward Snowden zum Whistleblower wurde: Ihn plagten sein Wissen und sein Gewissen. Schwieriger ist zu beantworten, wie seine Zweifel entstanden. Permanent Record zeigt: Es gab nicht die eine Situation, die besondere Grenzüberschreitung, die pikante Information, die Snowden zu seinem Schritt inspirierten.

Es begann banal: Er sollte auf einer Konferenz einen Vortrag über Chinas Fähigkeiten halten, amerikanische Agenten elektronisch zu verfolgen. Bei der Vorbereitung stieß er auf ein System totalitärer Kontrolle. Er las über Mechanismen und Geräte, mit denen Chinas Regierung täglich Anrufe und Internetverbindungen ihrer Bürgerinnen und Bürger sammelte, speicherte und auswertete. "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die USA so viele Informationen über das Treiben der Chinesen besaßen, ohne genau die gleichen Dinge zumindest ansatzweise auch selbst getan zu haben", schreibt Snowden. Es war nicht mehr als ein Verdacht. Einer, der ihn nicht mehr loslassen sollte.

Wie jemand, der Betrug in einer langjährigen Beziehung wittert, dämmerte es auch Snowden: Die ersten Zweifel kann man noch verdrängen, es gibt schließlich immer eine Erklärung. Aber irgendwann plagt einen das Unwissen, man will mehr herausfinden, fängt an zu recherchieren – auch wenn man vielleicht noch nicht weiß, wonach man sucht. Zumindest unterbewusst hat man da schon entschieden, dass man den tatsächlichen oder vermeintlichen Vertrauensbruch nicht länger hinnehmen will. 

Snowdens eigentliche Recherchephase begann auf Hawaii, an einem Ort, der The Tunnel genannt wird. Sein Büro lag unterhalb eines Ananasfeldes und hinein gelangte man über einen Tunnel. Seine aktive Suche nach Übergriffen der NSA habe nicht damit begonnen, dass er Dokumente kopiert, sondern dass er sie gelesen habe, schreibt Snowden. Er baute ein eigenes System, mit dem er Informationen aus allen möglichen Netzwerken zusammentrug. Seinen Chefs verkaufte er es als Forum für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter: Sie würden alle die Dokumente sehen, die für sie relevant waren.

Die Ironie: Fast alle Dokumente, die Snowden später Journalistinnen und Journalisten übergeben würde, stammten aus diesem System, heißt es in dem Buch. Der damalige Geheimdienstmitarbeiter schmuggelte sie in SD-Karten auf Zauberwürfeln, im Mund oder einfach in der Hosentasche aus dem Gebäude. Unbemerkt.

Doch so sehr die von ihm gesammelten Erkenntnisse auch einschlugen: Blickt man zurück, scheint sich wenig verändert zu haben. Gesetze wie die europäische Datenschutzgrundverordnung vermitteln zumindest europäischen Bürgerinnen mehr digitale Rechte. Die NSA sammelt offenbar nicht mehr die Anruflisten aller Amerikanerinnen und Amerikaner. Und der Webverkehr ist mittlerweile oft verschlüsselt (selbst Messenger wie WhatsApp).

Und doch bleibt da das Gefühl, dass vielleicht irgendwo jemand permanent mithört, mitaufzeichnet, mitliest. Denn wenn irgendwas nach den Snowden-Enthüllungen klar ist, dann das: Der geheimdienstliche Durst nach Informationen wird niemals gestillt sein. Das zeigt sich auch in Deutschland, wo das Bundesinnenministerium gerne Hintertüren in verschlüsselte Kommunikation einbauen will. Obwohl das Ziel von Verschlüsselung das Gegenteil meint.

Machtlos sind Bürgerinnen und Bürger aber nicht. Verschlüsselung sei der einzig wirkliche Schutz gegen Überwachung, schreibt Snowden in seinem Buch. Jede Nation habe ihren Rechtskodex, doch der Computercode sei für alle gleich. Es sei einfacher, ein Smartphone zu verschlüsseln, als ein Gesetz zu verändern. Nun hat natürlich nicht jeder die IT-Kenntnisse von Snowden, das ist klar. Allerdings gibt es relativ einfache Wege, zumindest schon mal die eigenen E-Mails vor Mitleserinnen und Mitlesern zu schützen.

Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft von Edward Snowden: Jeder kann sich wehren. Den Veröffentlichungstermins seines Buches wählte der Whistleblower aus seinem Asyl in Moskau nicht zufällig. In einem Video auf Twitter weist er darauf hin, dass der 17. September auch der Constitution Day in den USA ist: Vor genau 232 Jahren wurde an diesem Tag die amerikanische Verfassung unterzeichnet.

Im vierten Zusatz der US-Verfassung heißt es: "Das Recht des Volkes auf Sicherheit der Person und der Wohnung, der Urkunden und des Eigentums, vor willkürlicher Durchsuchung, Verhaftung und Beschlagnahmung darf nicht verletzt werden, und Haussuchungs- und Haftbefehle dürfen nur bei Vorliegen eines eidlich oder eidesstattlich erhärteten Rechtsgrundes ausgestellt werden und müssen die zu durchsuchende Örtlichkeit und die in Gewahrsam zu nehmenden Personen oder Gegenstände genau bezeichnen." Kurz: Ohne Verdacht darf es keine Durchsuchung geben.

Versteht man das Internet als digitalen Raum, müsste dieser Zusatz auch dort gelten.

Edward Snowden:  Permanent Record – Meine Geschichte
S. Fischer Verlag, 2019; 432 Seiten



Aus: ""Permanent Record": Weil die wissen, was Sie tun" Eine Rezension von Lisa Hegemann (17. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2019-09/permanent-record-edward-snowden-whistleblower-cia-nsa-autobiografie-rezension/komplettansicht

Quote
Minilieb #2.1

Letztendlich bestätigt er, dass unser Werte- und Demokratiekonstrukt solange trägt, wie niemand richtig hinsieht. Diese Erkenntnis ist bedrückend. Ja, wir leben in einer Demokratie, haben ein Grundgesetz, benehmen uns zivilisiert.

Letztendlich ist das behördliche Misstrauen und der Datenmissbrauch aber kaum geringer als das totalitärer Staaten. Chinas Massenüberwachung und -kontrolle erscheint uns schauderlich. Aber wie lange würde es dauern auch bei uns ein ähnliches System scharf zu schalten und ähnlich zu nutzen. Wir arbeiten daran. Wir digitalisieren alles und jedes, bauen Kameras überall auf um uns sicherer zu fühlen, freuen uns über digitale Bezahlmöglichkeiten, stellen uns Wanzen ins Zimmer und erkennen nicht, dass wir uns selbst wegsperren.

Die freie Bewegungsfreiheit ohne das Wissen anderer wird in nicht allzulanger Zeit nicht mehr gegeben sein. Unsere Freiheit werden unsere Kinder nicht mehr haben. Im besten Fall werden sie sie nicht vermissen...


Quote
Robert Nozick #2.5

Edward Snowden ist den USA wohl eher ein Straftäter, der Landesverrat begangen hat und damit im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht hat.
Und ich schließe mich dieser Einschätzung ausdrücklich an.


Quote
Minilieb #2.6

"Edward Snowden ist den USA wohl eher ein Straftäter, der Landesverrat begangen hat und damit im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht hat."

Exakt das trifft auf jeden zu, der im Dritten Reich Widerstand geleistet hat. Gesetzesbrecher, die im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht haben. Ob den Führer, die SS, die Gestapo, die Wehrmacht oder aufgrund Spionageaktivitäten den Endsieg gefährdeten. Sie alle haben "Landesverrat" begangen und Menschen gefährdet...


Quote
Robert Nozick #2.7

Nun, wenn sie die USA und das "Dritte Reich" gleichsetzen haben Sie selbstverständlich Recht. Allerdings disqualifiziert sich damit ihre Aussage von selbst.


Quote
Minilieb #2.8

Ich setzte nicht die USA mit den Nazis gleich sondern prüfe die Tragfähigkeit Ihrer Argumentation und stelle fest, dass es so einfach wohl nicht ist...


Quote
Hugo von Bahnhof #2.13

"Edward Snowden ist ein moderner Held..."

Da bin ich völlig eiverstanden. Nur habe ich in ZON viele verschiedene Aufrufe zu vielen verschiedenen Aktionen gelesen. Nur der Aufruf dazu, dass Snowden Asyl in Deutschland bekommt, habe ich wahrscheinlich übersehen. ...


Quote
deDude #10

Snowden hat auf die Frage was er am meisten fürchtet bzgl. seiner Enthüllungen mal gesagt "Das die Leute es zur Kenntnis nehmen, aber keinerlei Konsequenzen daraus gezogen werden" ...


Quote
Nr.27 mit extra Käse #15

Kann mich noch gut erinnern, wir hatten in der Firma eine zeitlang einen selbstständigen konstrukteur der sich geweigert hat sein Rechner ans Netz zu hängen. Der hat ständig gesagt" ihr glaubt gar nicht was da alles überwacht wird" der hatte Angst um seine Daten.
Damals hat man den nicht für voll genommen, Aluhut und so weiter.
Zwei Jahre später hat dann Snowden ausgepackt.


...

6
"Reeperbahn: Der wahre Spirit von Freiheit" Till Raether (18. September 2019)
Seit 20 Jahren habe ich Stadtteilneid auf St. Pauli Nord. Dieser etwas vage begrenzte Ort liegt zwischen dem Karo- und dem Schanzenviertel im Norden, Altona-Altstadt im Westen, und von Süden drückt irgendwie das helle, laute, rotlichtleuchtende St. Pauli der Reeperbahn dagegen. Die Menschen, die in St. Pauli Nord wohnen und arbeiten und ihr Leben im Sommer auf die Straße tragen, damit ich es vom Fahrrad aus bewundere: Sie reden von sich selbst nicht so kompliziert, sie wohnen einfach "auf St. Pauli".  ... Die Menschen hier kämpfen beharrlich und schon lange gegen einfallslose Investoren und mitleidslose Hausverwaltungen. Der Quadratmeter Nettokaltmiete kostet inzwischen trotzdem an die 18 Euro, erzählen sich die Leute, andere sagen: Da hätten sie sogar noch Schlimmeres gehört. Also kommen die, die sich das leisten können, und das ändert natürlich auf die Dauer, wer hier wie lebt.
https://www.zeit.de/entdecken/reisen/merian/st-pauli-reeperbahn-rotlichtviertel-hamburg-stadtteil

Quote
DailyHabit #1

Die Menschen hier kämpfen beharrlich und schon lange gegen einfallslose Investoren und mitleidslose Hausverwaltungen. Der Quadratmeter Nettokaltmiete kostet inzwischen trotzdem an die 18 Euro, erzählen sich die Leute, andere sagen: Da hätten sie sogar noch Schlimmeres gehört. Also kommen die, die sich das leisten können, und das ändert natürlich auf die Dauer, wer hier wie lebt.

Der Stadtteil wurde doch bereits in den letzten 10 bis 15 Jahren komplett durch gentrifiziert mit einer weitgehenden Vertreibung der vorherigen Mieter. Die Lobeshymne auf dieses "Lebensgefühl" dieser ganzen schicken cafes und arthubs die es in diesem Ausmaße insbesondere seit 10 bis 15 Jahren gibt inklusive der dazugehörigen hippen Klientel, die jetzt selber dran sind sich die Miete nicht mehr leisten zu können, hat meiner Meinung nach erst die "Seele" des ehemaligen Arbeiterstadtteils zerstört.


7
Quote
[...] Johanna König, eine der ersten deutschen Werbe-Ikonen, ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Sie war als "Klementine" in einer Waschmittelwerbung berühmt geworden. Die waschende Klempnerin hatte einen extremen Wiedererkennungswert und wurde zur Vorzeigefrau der jungen Bundesrepublik.

Sie trug natürlich weiß. Bei Waschmittelwerbung muss das so sein. Die Vollwaschkraft der Werbe-Ikone Klementine kam also in weißen Latzhosen zur Geltung. Dazu hatte die patente Frau ein Hütchen auf und steckte in einem rot-weiß kariertem Hemd.

So wurde Klementine zu einer Vorzeigefrau der Bundesrepublik, sie warb als fröhlich arbeitende Klempnerin für Waschmittel, das nach dem Luftgeist in Shakespeares „Sturm“ benannt ist, und sie versprach "Wäscht nicht sauber, sondern rein“. Manchmal auch "porentief rein“, was bei einer Klempnerin auch ein bisschen heikel ist.

"Ariel“ hatte mit dieser Werbung enormen Erfolg, und Johanna König, die Darstellerin der Klementine, wurde damit bekannt. Jahrzehntelang hielt sich ihr Ruhm, viel länger als bei manchen Schauspielern und Sängern, die Leute riefen der Berlinerin immer ihr "Hallo Klementine!“ hinterher, auch wenn sie nicht in Klempner-Kluft unterwegs war. Am Dienstag ist Johanna König im Alter von 87 Jahren in ihrer Berliner Wohnung gestorben.

Klementines Arbeit begann im Schicksalsjahr 1968, und sie steht beispielhaft für die Mentalitätsgeschichte der erfolgreichen Bundesrepublik. Klementine hatte wenig mit der braven Hausfrau gemein, die in den Fünfzigern mit Rock an der Waschmaschine stand und auf den Mann wartete. Sie arbeitete im klassischen Männerberuf. Sie war selbstbestimmt und frech.

Gestandene Wäscherinnen nahmen ihre Tipps ebenso an wie Feministinnen, die sich gerne mit ihr arrangierten, auch wenn sie verachtete Tugenden wie „Reinheit“ anpries. In Wahrheit mussten nämlich auch Studentinnen und Demonstranten ihre Wäsche waschen. Klementine hätte vielleicht nicht Marx und Marcuse Recht gegeben, doch jederzeit "Mein Bauch gehört mir!“ rufen können.

Und die weiße Latzhose? Ein Erbe der Hippies, die sich so gern mit den Werktätigen solidarisierten! Ein gleiches gilt für Klementines braune Halbschuhe, auf denen man sonst durch Hörsäle und Institutionen marschierte. In der Werbefigur scheint so schon die gesellschaftliche Versöhnung auf, die in den Siebzigern auf vielen Ebenen stattfand. Rebellen passten sich an, wertkonservative Damen trugen bunte Kleider mit LSD-Muster. Folgerichtig landeten.

Klementines Latzhose und die handbestickte Mütze zeitweilig im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn und schließlich im Deutschen Werbemuseum.

Johanna König warb als Klementine bis 1984 für das Waschmittel. Dann schwand einerseits in den coolen Achtzigerjahren die Handwerkerbegeisterung, zum anderen wurden alle Werbe-Ikonen der Garaus gemacht, Frau Sommer, Herr Kaiser, Tante Tilly und Frau Antje hatten es plötzlich schwer. Da stand König bereits kurz vor der Rente. Die gebürtige Leipzigerin war in Operetten, Musicals und Revuen aufgetreten. Sie spielte auch in Heimatfilmen und den ARD-Vorabendserien „Drei Damen von Grill“ und „Praxis Bülowbogen“ mit, immer als schnoddrige, liebenswerte Frau.

Johanna König wurde vor ein paar Jahren noch einmal für eine Retro-Werbung ins Fernsehen gebracht, die Generation der jetzt 40-50-Jährigen gilt als enorm werbeaffin. Sie erkennt in den Werbefiguren mehr unschuldiges Identifikationspotenzial als in den früher identitätsstiftenden Charakteren von Goethe, Fontane, Thomas Mann.

Jungen Frauen, die mit Haushaltstugenden kaum etwas anfangen können, riet Johanna König 2002 als Expertin zu altbewährten Methoden. Praktisches Wissen war plötzlich, im aufkeimenden Neobürgertum, wieder etwas wert.

Bei Buntwäsche solle man Zucker ins Spülwasser geben, um die Farben zu erhalten, Rostflecken könne man mit saurer Milch einreiben. Wenn das Öko-Waschmittel (Ohne Tenside) versagt hilft, der Klassiker: Bei weißer Kochwäsche etwas Backpulver mitwaschen. Macht sauber und irgendwie auch rein.

Mit dem Konzern Procter & Gamble hatte Johanna König einen lebenslangen Vertrag geschlossen. Der zahlte sich auch ganz praktisch aus. Bis zuletzt bekam Klementine jeden Monat zwei Packungen Waschmittel geliefert.


Aus: "Die waschende Klempnerin Klementine ist tot" Holger Kreitling (04.03.2009)
Quelle: https://www.welt.de/fernsehen/article3318286/Die-waschende-Klempnerin-Klementine-ist-tot.html


8
Quote
[...] Eigentlich sollte Wikileaks-Gründer Julian Assange am 22. September 2019 aus der Haft entlassen werden, doch ein Gericht in London entschied am 13. September, dass er auch nach dem Verbüßen seiner Haftstrafe im Gefängnis bleiben muss. Als Grund nannte die Richterin Vanessa Baraitser seine "Fluchtvergangenheit". Zuerst berichtete der Nachrichtensender BBC https://www.bbc.com/news/uk-49689167.

Kurz nach der Festnahme Assanges im April dieses Jahres hatten die USA einen Auslieferungsantrag gestellt. Die mündliche Verhandlung über diesen beginnt am 25. Februar 2020. Assange könne sich dem Auslieferungsverfahren durch eine Flucht entziehen, für diese Annahme gebe es "substanzielle Gründe", erklärte die Richterin. Sie erklärte, dass sein Anwalt es abgelehnt habe, in seinem Namen einen Antrag auf Kaution zu stellen, und fügte hinzu: "Vielleicht nicht überraschend angesichts Ihrer Fluchtgeschichte in diesem Verfahren." Assange war bei der Verhandlung per Videochat aus dem Gefängnis zugeschaltet.

Die USA werfen Assange Spionage und Verschwörung mit der Whistleblowerin Chelsea Manning vor und haben offiziell einen Auslieferungsantrag gestellt. Assange droht damit im Fall einer Auslieferung an die USA und einer Verurteilung in allen mittlerweile 18 Anklagepunkten eine Höchststrafe von bis zu 175 Jahren Haft. Manning hatte Wikileaks im Jahr 2010 Hunderttausende geheime Militärdokumente zukommen lassen und damit US-Kriegsverbrechen öffentlich gemacht.

Assange wurde in Großbritannien wegen Verstoßes gegen Kautionsauflagen zu 50 Wochen Haft verurteilt. Er war am 11. April 2019 von der britischen Polizei in der Botschaft Ecuadors in London festgenommen worden, nachdem das südamerikanische Land das politische Asyl aufgehoben hatte. Assange war 2012 in die diplomatische Vertretung geflüchtet, um einer Auslieferung an Schweden wegen Vergewaltigungsvorwürfen zu entgehen. Er befürchtete, zunächst nach Skandinavien und schließlich an die USA ausgeliefert zu werden.


Aus: "Assange kommt nicht frei" Moritz Tremmel/ dpa (14. September 2019)
Quelle: https://www.golem.de/news/wikileaks-assange-kommt-nicht-frei-1909-143862.html

Quote
Er ist ein Verbrecher

Autor: piratentölpel 16.09.19 - 21:15

Unsere Regierung und auch die US Regierung haben deutlich zu erkennen gegeben das er laut Gesetz ein Krimineller ist weil er sensible Wahrheiten und Geheimnisse verbreitet hat die niemanden und schon gar nicht die breiten Massen zu interessieren haben. Deshalb ist es auch gut so das er weiterhin im Gefängnis bleibt und über seine Verbrechen nachdenkt.
Ich bin froh das unsere Regierungen darauf achten das wir nicht zu viel Wahrheit erfahren, denn das kann nicht selten zu mentaler Unverständnis führen und das wiederum gesellschaftliche Unsicherheit zur Folge haben.


Quote
Re: Er ist ein Verbrecher

Autor: Der Held vom Erdbeerfeld 16.09.19 - 21:52

Der Countdown läuft: Wie lange wird es wohl dauern, bis jemand deinen Beitrag ernst nimmt und empört reagiert? :-P


...

9
Quote
[...] Erstmeldung vom Montag, 16. 09., 6.37 Uhr: Ein Interview des ZDF mit dem AfD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Thüringen, Björn Höcke, hat mit einem Eklat geendet. In dem Gespräch, das am Sonntagabend in der Sendung „Berlin direkt“ ausgestrahlt wurde, ging es zunächst um die Sprache des Politikers vom rechtsnationalen Flügel und um NS-Begriffe.

Nach laut ZDF etwa zehn Minuten intervenierte Höckes Pressesprecher und sagte: „Ich würde sagen, das sollten wir einfach wiederholen. Das geht so nicht. Das geht so nicht. Sie haben jetzt Herrn Höcke mit Fragen konfrontiert, die ihn stark emotionalisiert haben. Diese Emotionen, glaube ich, sollte man so nicht im Fernsehen bringen.“ Eine Wiederholung lehnte der ZDF-Redakteur ab.

...


Aus: "Eklat bei "Berlin direkt" - Abgebrochenes Höcke-Interview hat Folgen: ZDF fordert Stellungnahme von AfD" (17.09.2019)
Quelle: https://www.fr.de/politik/bjoern-hoecke-afd-bricht-interview-fordert-stellungnahme-zr-13007245.html

-

Quote
[...] Es begann gleich konfrontativ: Redakteur David Gebhard hatte Parteifreunde Höckes mit einem Zitat konfrontiert: "Ein paar Korrekturen und Reförmchen werden nicht ausreichen, aber die deutsche Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen, dann werden die Schutthalden der Moderne beseitigt." Damit verband er die Frage: "Ist das aus 'Mein Kampf' oder von Herrn Höcke?"

Jens Maier, Bundestagsabgeordneter und Mitglied des völkischen "Flügels" der Partei, lachte auf, als er das hörte. Und sagte dann: "Wenn, eher aus 'Mein Kampf', würde ich sagen, aber nicht von Herrn Höcke." Gebhard konfrontierte noch weitere AfD-Politiker mit diesem und einem weiteren Zitat. So recht festlegen wollten sie sich nicht. Beide Zitate stammten tatsächlich aus einem Buch Höckes. Damit war das Thema gesetzt: der Sprachgebrauch des Spitzenkandidaten, der immer wieder auf Bilder und Formulierungen aus der Nazi-Zeit zurückgreift.

Höcke selbst nannte das im Gespräch "originell". Politiker müssten "auch eine Sprache verwenden, die manchmal vielleicht etwas zu sehr ins Poetische geht". Gebhard erinnerte den Geschichtslehrer Höcke daran, dass das, was er "poetisch" findet, oft Begriffe mit direkten NS-Bezügen seien, wie "Lebensraum", "Keimzelle des Volkes", "entartet" oder "Volksverderber". Selbst ein Gutachten seiner eigenen Partei habe Höcke "Wesensverwandtschaften mit dem Nationalsozialismus" attestiert.

Das Verharmlosen erreichte jetzt seinen Höhepunkt: "Also, dieses permanente Rekurrieren auf den NS ist etwas abwegig in dem Zusammenhang, muss man sagen", wandte Höcke ein. "Ja, was ist alles NS? Wer definiert, was NS ist? Ich glaube nicht, dass es eine allgemein gültige Definition dessen gibt, was NS-Diktion, was NS-Sprache ist, ja." Schließlich habe sich die deutsche Sprache "in den letzten 75 Jahren auch weiterentwickelt".

Höcke nahm die Begriffe damit aus ihrem Kontext: Es habe sie vor der Zeit des Nationalsozialismus und danach gegeben. Inzwischen seien es "das alles Kampfbegriffe, die von einem politisch-medialen Establishment so definiert werden und damit – ja – dem Sprachgebrauch entzogen werden sollen, um ein politisches Ziel zu erreichen", sagte der AfD-Politiker. Es gebe eine Tendenz in Deutschland, "die Sprach- und Meinungskorridore immer weiter zu verengen".

Was er nicht sagte: dass Ausdrücke wie "Lebensraum" und "entartet" seit Jahrzehnten völlig selbstverständlich als nationalsozialistischer Sprachgebrauch gelten. Die von Höcke postulierte "Weiterentwicklung" von Sprache ist hier tatsächlich eine Rückentwicklung.

Zehn Minuten drehte sich das Interview um dieses Thema. Als Gebhard auf Höckes Demokratieverständnis zu sprechen kommen wollte, ging der AfD-Sprecher hinter der Kamera dazwischen. "Das geht so nicht. Sie haben jetzt Herrn Höcke mit Fragen konfrontiert, die ihn stark emotionalisiert haben", wandte Günther Lachmann, ein Ex-Journalist, ein. Diese Emotionen "sollte man so nicht im Fernsehen bringen". Sein Vorschlag: alles noch mal von vorn. Und außerdem sei das alles nicht so abgesprochen gewesen – was Gebhard bestritt: "Ich hatte gesagt, es geht nicht um Thüringen. Es geht um die bundespolitische Bedeutung von Herrn Höcke. Es geht um seine Sprache und sein Politikverständnis. Und da sind wir gerade dabei."

Höcke, anscheinend von seinem Sprecher falsch gebrieft, gebärdete sich jetzt in staatsmännischer Vernunft. "Das ist nicht seriös", schaltete er sich wieder ein. "Ich bin auch gerne bereit, unangenehme Fragen zu beantworten, aber das geht so nicht." Ausgerechnet der AfD-Politiker mahnte nun zur Mäßigung in einer gespaltenen Gesellschaft. "Wissen Sie, wir leben doch in einer Lage, die sowieso schon polarisiert ist. Wollen Sie da wirklich so'n Ding noch raushauen?" Auch eine Anspielung auf die "Lügenpresse"-Rufe ließ er nicht aus: "Ich meine, Sie sind doch als öffentlich-rechtlicher Sender auch stark in der Kritik. Sie spüren doch, wie in diesem Land gerade was erodiert."

Der ZDF-Journalist lehnte eine Wiederholung des Gesprächs jedoch als unüblich ab. Wenn Höcke das Gespräch beenden wolle, dann könne man es beenden. Womit die nächste Phase begann: die der Drohungen. "Passen Sie auf, dann haben wir ein manifestes Problem", sagte der AfD-Politiker. "Und dann wird das entsprechende Konsequenzen haben. Ich kann Ihnen sagen, dass das massive Konsequenzen hat - in der vertraulichen Zusammenarbeit zwischen Politiker und Journalist." Der AfD gegenüber seien Journalisten nicht neutral, sondern hätten anscheinend einen "politischen Auftrag". Höcke beklagte eine "typische Verhörsituation". ZDF-Journalist Gebhard darauf: "Das ist keine Verhörsituation, das ist ein Interview."

Das ist es offenbar nur so lange, wie die Fragen dem Politiker genehm sind. "Sie hätten doch eigentlich mit schönen Sachfragen zur Landespolitik einsteigen können und Sie hätten ja die Fragen dann am Ende, wenn wir im Laufen waren, noch mal vielleicht stellen dürfen", sagte Höcke. "Aber direkt wieder diese alte Chose, ich kann's auch nicht mehr hören, ich kann's nicht mehr hören."

Für den Journalisten gab es nun zwei Möglichkeiten: das Gespräch zu beenden oder an der abgebrochenen Stelle fortzusetzen. "Wir beenden das Interview", entschied Höcke. "Nur dann ist klar - wir wissen nicht, was kommt -, dann ist klar, dass es mit mir kein Interview mehr für Sie geben wird."

Ob das eine Drohung sei, wollte Gebhard wissen. "Nein, das ist nur eine Aussage, weil ich auch nur ein Mensch bin. Ich bin auch nur ein Mensch, verstehen Sie?", erklärte Höcke. Und was "kommen" könnte? "Vielleicht werde ich auch mal eine interessante politische Person in diesem Land, könnte doch sein." Am Ende blieb Höcke wolkig. Seine Anhänger dürfen sich ausmalen, was er da gemeint hat.

...


Aus: "Erst gibt er das Opfer, dann droht er dem Journalisten" Aus einer Analyse von Ingo Salmen (16.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/bjoern-hoecke-bricht-zdf-interview-ab-erst-gibt-er-das-opfer-dann-droht-er-dem-journalisten/25018112.html

Quote
Goebel 16.09.2019, 08:07 Uhr

Leute in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken, indem man ihre und Nazi-Zitate gegenüberstellt, ist ein beliebter Scherz und gab es schon immer, beispielsweise als Franz-Josef Strauß 1980 als Kanzler kandidierte. Da gab es auch Ratespiele "Von wem ist es? Strauß oder Hitler?" Die Vorgehensweise ist also nicht neu sondern abgeschmackt und - nebenbei bemerkt - vollkommen wirkungslos. Nicht der Interviewte wird dadurch bloßgestellt sondern der Interviewer stellt sich selbst bloß.


Quote
olly1956 16.09.2019, 09:56 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Goebel 16.09.2019, 08:07 Uhr

    Leute in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken, indem man ihre und Nazi-Zitate gegenüberstellt

Ja wie denn sonst , müssen diese Menschen mit ihren kranken Ansichten erst andere Menschen umbringen, dass man ihren Worten glauben darf?


Quote
A.v.Lepsius 16.09.2019, 07:53 Uhr
Was für eine herbe Enttäuschung. Ich frage mich immer, was mich mehr anwidert: Die Existenz von Rechtsextremen in der Politik oder die Tatsache, dass diese Rechtsextremisten nicht zu Ihrer Einstellung stehen. ...


Quote
Aldermann 16.09.2019, 11:16 Uhr
Antwort auf den Beitrag von A.v.Lepsius 16.09.2019, 07:53 Uhr

"Ich frage mich immer, was mich mehr anwidert: Die Existenz von Rechtsextremen in der Politik oder die Tatsache, dass diese Rechtsextremisten nicht zu Ihrer Einstellung stehen."

Genauso geht es mir auch. Die echten Nazis von damals drehen sich in ihren Kriegsgräbern um, ob der Feigheit der heutigen Nazis.


Quote
EckhardtKiwitt 16.09.2019, 08:35 Uhr

Die "Lügenpresse"-Partei

Mit der Verwendung des Begriffs "Lügenpresse" durch ranghohe Mitglieder der sogenannten "AfD" hat diese Partei bereits eindrücklich gezeigt, dass sie möglicherweise nur das in den Medien veröffentlicht wissen möchte, was man in dieser sogenannten "AfD" für "die Wahrheit" hält.

Pikanterweise wurde der Begriff "Lügenpresse" bereits von den Nationalsozialisten während der Gröfaz-Diktatur (3. Reich), und auch von den Machthabern in der DDR verwendet. In beiden Diktaturen war es um die Pressefreiheit nicht gut bestellt. Möchte man in der sogenannten "AfD" daran anknüpfen ?

Eckhardt Kiwitt, Freising


Quote
Pedro_Garcia 16.09.2019, 15:48 Uhr

Das ist doch alles wohlüberlegtes Kalkül. Genau wie Trump. Seine Fans werden jubeln und ihn zum Opfer stilisieren, aller anderen werden sich vor Abscheu und Übelkeit abwenden.
Es ging ihm nur darum seine Reihen fester zu schließen und seinen Fans zu zeigen, was sache ist. Das ist zu 100% gelungen.


Quote
Hoelzchen 16.09.2019, 14:04 Uhr

Das "Höcke oder Hitler"-Spielchen am Anfang fand ich unfair. Kevin Kühnert ist auch schon mal auf diese Weise reingelegt worden, indem er einem Höcke-Zitat zustimmte, bevor er den Urheber erfuhr.
https://www.focus.de/politik/deutschland/zustimmung-fuer-die-falsche-partei-oha-juso-chef-unterstuetzt-afd-aussage-bis-ihm-der-urheber-genannt-wird_id_7946903.html
Sowas sagt also überhaupt nichts aus.


Quote
Aldermann 16.09.2019, 15:13 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Hoelzchen 16.09.2019, 14:04 Uhr

Warum bricht der Höcke dann ab?
Dann ist ja alles gut und er kann argumentieren.


Quote
Felixmiller 16.09.2019, 11:21 Uhr

In Kombination mit der menschenverachtenden Aggressivität widert mich die Weinerlichkeit dieser neuen Nazis an. Was hätten wohl ihre Vorgänger dazu gesagt?


Quote
Charybdis66 16.09.2019, 12:31 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Felixmiller 16.09.2019, 11:21 Uhr

Die Vorgänger haben auch regelmäßig auf ihre Opferrolle verwiesen. Stets und ständig. Und sie haben sich zu den Sprechern der Opfer der damaligen Lebensumstände oder auch der gefühlten oder demagogisch erzeugten Opfer aller Art ernannt - wirtschaftlich, politisch, rassistisch (die deutsche Frau, der deutsche Arbeiter als Opfer der Juden und so ein Quark)... Allerdings haben die Vorgänger deutlich offensichtlicher und unverhohlener gedroht. Mit dem Versuch, sich als demokratisch zu verkaufen, haben sich die meisten damals nicht abgegeben. Dass sie demokratische Funktionen nur nutzten, um sie später außer Kraft zu setzen, war ziemlich klar erkennbar.


Quote
mogberlin 16.09.2019, 09:25 Uhr

    ...Günther Lachmann, ein Ex-Journalist...

Ein Ex-"Journalist" des Springer-Blattes WELT, um genau zu sein. Als vermeintlich seriöser und objektiver Berichterstatter hatte er bereits zu jener Zeit der rechtsextremistischen und verfassungsfeindlichen "A"fD nach dem Munde geredet, ohne dass seiner Chefredaktion daran irgendetwas auffällig erschienen wäre. Erst als er sich an den damaligen Partei-Protagonisten Pretzell wandte, um ihm die Offerte zu unterbreiten, auch weiterhin sehr wohlwollend über die "A"fD zu "berichten", wofür er dann aber - inoffiziell und unter höchster Verschwiegenheit - finanziell profitieren wolle, wurde er endlich, endlich rausgeschmissen. Um sodann als "Pressesprecher" bei genau der Partei unterzukommen, der er gerade ein höchst unmoralisches Angebot unterbreitet hatte. ...


Quote
kerrin 16.09.2019, 13:06 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mogberlin 16.09.2019, 09:25 Uhr

Was mich verwundert, ist auch, dass Höcke als Lehrer/ Oberstudienrat (angeblich) nicht damit zurechtkommt, wenn ihm einmal nicht ganz so (scheinbar) passende Fragen gestellt werden. Die haben ihn emotionalisiert? Und daher muss er das Interview abbrechen? Ist er dann früher aus dem Unterricht rausgerannt?


Quote
jonnyrotten 16.09.2019, 08:26 Uhr

    "Der Abbruch des Gesprächs durch den Interviewten zeigt, dass er auf kritische Fragen keine intelligenten Antworten hat", sagte [Hr.] Überall: "Herr Höcke hat die Schwelle von der Demokratie zu faschistischen Fantasien überschritten."

Besser hätte man es fast nicht ausdrücken können!


...

10
Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Edward Snowden...
« on: September 16, 2019, 11:11:52 AM »
Quote
[....] Der Whistleblower Edward Snowden, der eine ausufernde Internet-Überwachung durch westliche Geheimdienste enthüllte, würde immer noch gern politisches Asyl in Deutschland bekommen. "Ich glaube, dass jeder, der einigermaßen objektiv auf die Geschichte blickt, erkennen wird, dass, wenn Deutschland mich aufnehmen würde, es inzwischen nicht mehr als ein feindlicher Akt gegen die USA aufgefasst würde", sagte Snowden der Tageszeitung Die Welt.

Denn Asyl für ihn in der Europäischen Union "würde bedeuten, dass Europa für die Vereinigten Staaten eintritt, auch in Augenblicken, wenn diese gerade nicht für sich selbst und ihre Werte einstehen können", argumentierte Snowden.

Der Ex-Geheimdienstler hatte 2013 Dokumente zu Ausspäh-Aktivitäten des US-Abhördienstes NSA und seines britischen Gegenparts GCHQ an Journalisten gegeben. Auf der Flucht über Hongkong wollte er nach eigenen Angaben nach Ecuador, strandete aber am Moskauer Flughafen, nachdem die US-Regierung seinen Reisepass annulliert hatte. Snowden bekam Asyl in Russland, nach einer Verlängerung aktuell bis 2020.

Er halte es für "immer wahrscheinlicher", dass er eines Tages in die USA zurückkehren könne, sagte Snowden zugleich dem Spiegel. Der Vorwurf von 2013, er habe die nationale Sicherheit gefährdet, sei "in sich zusammengefallen". Snowden gab diverse Interviews zur Veröffentlichung seiner Autobiografie "Permanent Record: Meine Geschichte" kommende Woche.

Der Süddeutschen Zeitung sagte Snowden, das wahrscheinlichste Szenario sei, dass seine Aufenthaltsgenehmigung verlängert werde. "Letztendlich hoffe ich aber weiterhin, dass mir eine andere Regierung politisches Asyl oder einen sicheren Aufenthalt in Europa gewährt." Er fügte dabei hinzu: "Unter Kanzlerin Angela Merkel wird dies wohl nicht mehr der Fall sein."

"Wir sehen einen neuen Aufstieg des Autoritarismus. Verbunden mit immer neuen Überwachungsmethoden ist das eine gefährliche Entwicklung", warnte Snowden im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. "Überall haben Politiker und Unternehmer verstanden, dass sie Technologien nutzen können, um die Welt auf einem neuen Level beeinflussen zu können", sagte er dem Spiegel. In einem ersten Schritt gelte es, etwa für jeden Smartphone-Nutzer "sichtbar zu machen, wie sehr wir auf Schritt und Tritt verfolgt werden".

Der anhaltende Wunsch des US-amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden nach Asyl ist bei deutschen Politikern auf ein geteiltes Echo gestoßen. SPD-Vize Ralf Stegner sagte der Welt am Sonntag, er habe sich bereits für eine Aufenthaltsgenehmigung für Snowden in Deutschland ausgesprochen, als diese Frage zum ersten Mal angestanden habe. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter bezeichnete es als "Armutszeugnis für die westlichen Demokratien", dass sich Edward Snowden noch immer im autoritär regierten Russland verstecken müsse und von Putins Launen abhängig sei.

Ablehnende Stimmen zitierte die Welt am Sonntag dagegen aus der CDU. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Mathias Middelberg, sieht "nach wie vor keine Gründe für eine Aufnahme von Herrn Snowden in Deutschland". Er habe "keinen Zweifel, dass er ein rechtsstaatliches Verfahren bekäme, sollte er in die USA zurückkehren", sagte Middelberg. Der CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt wies darauf hin, dass der Verrat von Staatsgeheimnissen in jedem Land der Welt strafbar sei. "Selbst wenn der Verräter ehrenwerte Motive damit verbindet, gefährdet er die Sicherheit seines Landes und in unabsehbarer Weise auch das Leben von eigenen Agenten und Informanten". Snowden sei "wahrlich kein Held".

FDP-Vize Wolfgang Kubicki sagte der Welt am Sonntag: "Deutschland kann Edward Snowden kein Asyl gewähren, weil er von den Vereinigten Staaten nicht politisch, sondern strafrechtlich verfolgt wird." Linkspartei-Vorsitzende Katja Kipping meinte dagegen, es sei Snowden zu verdanken, dass einer der größten Geheimdienstskandale der Welt aufgedeckt worden sei. "Wir Linken haben vorgeschlagen, ihn dafür mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen, und gefordert, ihm Asyl zu gewähren", sagte sie der Zeitung. (bme)


Aus: "Snowden wirbt um Asyl in Deutschland – geteiltes Echo deutscher Politiker" (15.09.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Snowden-wirbt-um-Asyl-in-Deutschland-geteiltes-Echo-deutscher-Politiker-4523368.html

Quote
     trilling, 15.09.2019 12:46

Das ist doch mal ein Zeichen

CDU und FDP zeigen gerade der Welt, was sie davon halten wenn der Staat etwas völlig falsch macht was das Gemeinwohl nachhaltig schädigt und jemand das erst intern versucht zu ändern und sich dann notwendigerweise an die Öffentlichkeit wendet: hängt ihn höher.

Und nein, ein rechtsstaatliches Verfahren bekommt Snowden in den USA nun wirklich nicht, dafür haben sich schon zu viele US-Politiker sehr, sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Natürlich ist das politisch und natürlich kann man in Deutschland in so einem Fall politisches Asyl geben. Aber mich düngt die Herrn betrachten den Geheimdienstskandal gar nicht als Skandal sondern als Wunschliste auch für deutsche Geheimdienste.


Quote
     DasWoelfchen, 15.09.2019 20:39

"dass der Verrat von Staatsgeheimnissen in jedem Land der Welt strafbar sei"

Wobei man mit Fug und Recht bestreiten kann, dass die Verletzung von verfassungsrechtlichen Rechten der eigenen Bürger und der Grundrechte der Bürger von anderen Staaten, überhaupt ein legitimes Staatsgeheimnis sein kann.

Die Rechtsauffassung der CDU in Bezug auf den Schutz von Straftaten als Staats- oder Betriebsgeheimnis, ist meiner persönlichen Meinung nach sehr fragwürdig. ...


...

-

"Whistleblower Snowden schmuggelte Daten mit Zauberwürfeln raus- Micro- und Mini-SD-Karten passten unter die Aufkleber" (15. September 2019)
Der amerikanische Whistleblower Edward Snowden hat die beim US-Geheimdienst NSA kopierten Daten unter den Aufklebern von Zauberwürfeln, in Socken oder in seiner Backe aus dem Gebäude geschmuggelt. Das berichtete die "Süddeutsche Zeitung" am Samstag nach einem Interview mit Snowden über einen verschlüsselten Video-Chat. Der 36-Jährige veröffentlicht in wenigen Tagen seine Memoiren. Snowden hatte 2013 die ausufernde Überwachung durch den US-Geheimdienst NSA öffentlich gemacht. ...
https://www.derstandard.at/story/2000108656521/whistleblower-snowden-schmuggelte-daten-mit-zauberwuerfeln-raus

Quote
m

solange man die Socke nicht in die Backe steckt, fällt es natürlich keinem auf.


...

11
Quote
14.09.2019, ... Philip Bethge  ... Meine Leseempfehlungen dieser Woche

    Der Terroranschlag am 11. September 2001 ließ drei Hochhäuser in New York einstürzen. In zwei rasten Flugzeuge. Das dritte soll durch Feuer zerstört worden sein. Wirklich? Ein Report von Forschern der Universität Alaska in Fairbanks stellt das offizielle Untersuchungsergebnis infrage und schürt dadurch Verschwörungstheorien. ...


Quelle: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/rasse-selektion-apartheid-rassismus-afd-rassenlehre-9-11-a-1286518.html

-

Quote
[...] In dem vergangene Woche veröffentlichten Abschlussbericht ihrer vier Jahre dauernden Untersuchung erklären die promovierten Bauingenieure Leroy Hulsey, Zhili Quan und Feng Xiao, der Einsturz von World Trade Center 7 am 11. September 2001 sei aufgrund eines "nahezu gleichzeitigen Versagens jeder Säule des Gebäudes" erfolgt und "nicht durch Feuer".

Sie stützen sich dabei auf eine neue Computersimulation, die die thermische Wirkung auf die Stahlkonstruktion im Detail nachbildet. Der 126-seitige Bericht wurde am 3. September an der Universität Alaska Fairbanks (UAF) öffentlich vorgestellt. Die großen Medien berichten bislang nicht.

Die Ergebnisse stehen im Widerspruch zur offiziellen Untersuchung der Regierungsbehörde NIST (National Institute of Standards and Technology) aus dem Jahr 2008, in der, ebenfalls auf Grundlage einer Computersimulation, erklärt worden war, der 186 Meter hohe Wolkenkratzer sei durch Bürobrände in sich zusammen gefallen, indem Stahlträger sich durch Feuer verformt hätten, wodurch die einzelnen Etagen nacheinander eingestürzt wären. ZDF und BBC hatten damals in einer aufwändig gemeinsam produzierten Dokumentation zu WTC 7 resümiert: "Offiziell ist das letzte große Rätsel des 11. September nun gelöst."

Ein Problem mit dieser Erklärung war stets, dass die dokumentierten Filmaufnahmen des Ereignisses (der Zusammenbruch von WTC 7 wurde von mehr als einem halben Dutzend verschiedenen Kameras und Blickwinkeln festgehalten) ganz anders aussehen als die NIST-Simulation, in der das Gebäude sich asymmetrisch verbiegt, starke Deformationen der Außenhülle aufweist und keineswegs gerade und senkrecht nach unten fällt.

Ein weiteres Problem bestand darin, dass der Turm sich während seines Zusammenbruchs für eine Phase von zwei Sekunden vollständig im freien Fall bewegte. Die Behörde räumte dieses Phänomen zwar nach anfänglicher Leugnung ein, konnte es jedoch nie erklären.

Der neuen Studie zufolge weist die NIST-Untersuchung gravierende methodische Mängel auf. So hat NIST bestehende Bolzen und Verstärkungen der Stahlkonstruktion in seiner Simulation weggelassen (UAF-Studie S. 74-86). Erst durch diese Verfälschung der tatsächlichen Konstruktionsdaten habe die Behörde das letztliche Untersuchungsergebnis erzielen können. Zur Erinnerung: ZDF und BBC hatten zur NIST-Untersuchung damals behauptet: "Jedes Detail, buchstäblich jede Schraube des Gebäudes wurde erfasst." Das war, wie sich nun herausstellt, gelogen.

Dass die Bolzen existierten, war bereits 2010 in Gutachten der amerikanischen Ingenieurfirmen Arup und Nordenson nachgewiesen worden (UAF-Studie S. 63), damals im Rahmen einer juristischen Auseinandersetzung zwischen einem New Yorker Energieversorger und dem Betreiber von WTC 7. Eine technische Anlage der Firma unterhalb des Turms war durch den Zusammenbruch zerstört worden, weshalb das geschädigte Unternehmen gemeinsam mit einer Versicherung geklagt hatte.

Hulsey und seine Kollegen weisen darauf hin, dass bereits die technischen Gutachten, die im Rahmen dieses Gerichtsverfahrens von Klägern und Beklagten beauftragt wurden, an zahlreichen Stellen wesentliche Behauptungen des NIST-Reports widerlegen.

Der Leiter der NIST-Untersuchung, Dr. Shyam Sunder, ließ eine Nachfrage von Telepolis nach seiner Einschätzung zur neuen Studie unbeantwortet. Der NIST-Report krankt generell an fehlender Transparenz. Eine Veröffentlichung der Rohdaten, auf die die Regierungsbehörde ihre Computersimulation stützte, wurde 2009 verweigert. Zur Begründung hieß es damals, eine Offenlegung der Daten könne "die öffentliche Sicherheit gefährden". Dadurch wurde eine regierungsunabhängige wissenschaftliche Überprüfung erschwert.

Die Forscher der Universität Alaska haben eine solche Überprüfung nun dennoch vorgenommen und kommen zum Ergebnis, dass selbst bei Übernahme der fehlerhaften Voraussetzungen von NIST (fehlende Bolzen und weggelassene Verstärkungen der Konstruktion) in der Simulation keineswegs ein progressiver Zusammenbruch zu beobachten ist - also kein fortschreitender Kollaps von Etage zu Etage, wie NIST ihn annimmt.

Eine weitere Erkenntnis der neuen Studie betrifft den Einsturz des östlichen Penthouses auf dem Dach des 47 Etagen hohen Gebäudes. Dieser Teileinsturz ging dem Fallen des gesamten Turms um etwa 5 Sekunden voraus, wie auf den Videos deutlich sichtbar ist. Das Universitätsteam um Hulsey zeigt nun, dass sich dieser separate Einsturz nicht mit dem Zusammenbruch einer Säule in der 13. Etage erklären lässt, wie NIST es tut. In der Computersimulation erreichten die Forscher nur dann das im Video zu beobachtende Ergebnis, wenn sie Säulen viel weiter höher, in der 45. Etage, entfernten. Dort aber gab es am 11. September 2001 keine Feuer. Das heißt, schon der Zusammenbruch des Penthouses, der dem Gesamtkollaps vorausging, lässt sich mit Feuer nicht erklären. Was das Gebäude insgesamt angeht, fanden die Forscher am Computer nach vielen Versuchen nur eine mögliche Variante, die dem tatsächlich beobachteten Zusammenbruch des Turms gleichkam:

    Das gleichzeitige Versagen aller Säulen im Inneren des Gebäudes über einen Bereich von 8 Etagen, gefolgt von einem 1,3 Sekunden späteren gleichzeitigen Versagen aller Außensäulen im gleichen Bereich erzeugt beinahe exakt das Verhalten, das die Videos des Zusammenbruchs zeigen.
    Leroy Hulsey, Zhili Quan und Feng Xiao


Der Kollaps, so die Autoren, habe in der 16. Etage oder darunter begonnen. Unter Berücksichtigung dieser Annahme blieben die Ergebnisse gleich, unabhängig davon, welche Etage man als Startpunkt festlegt.

Die Studie, die mit mehr als 300.000 Dollar vom Verein "Architects and Engineers for 9/11 Truth" finanziert wurde - einem Verband von über 3000 Architekten und Ingenieuren, die sich für eine Neuuntersuchung von 9/11 einsetzen -, vermeidet Schuldzuweisungen und politische Spekulationen. Auch das Wort "Sprengung" kommt im Bericht nicht vor. Doch ist eine andere Erklärung für das gleichzeitige Versagen aller Säulen kaum denkbar.

Die der Untersuchung zugrunde liegenden Rohdaten sollen bis Ende September auf der Projektwebseite der Universität Alaska veröffentlicht werden. Bis zum 1. November werden darüber hinaus fachliche Einschätzungen zur Studie gesammelt, die in einen Ende des Jahres zu veröffentlichenden finalen Abschlussbericht einfließen sollen.



Aus: "9/11: Studie schließt Feuer als Einsturzursache des dritten Turms aus" Paul Schreyer (10. September 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/9-11-Studie-schliesst-Feuer-als-Einsturzursache-des-dritten-Turms-aus-4518328.html

Quote
     GeplanteUnwissenheit, 10.09.2019 07:52

Findet man dazu irgendwas in den MSM? Hat jemand was dazu in den "Qualitätsmedien" entdeckt?


Quote
     -fdik-, Volker Birk, 10.09.2019 02:08

Tja.

Na, sowas.

Da wurde doch tatsächlich das WTC7, Sitz der CIA und der Börsenaufsicht SEC, mitten in New York gesprengt.

Und das auch noch am 11. September 2001. So dass die Enron-Akten verloren gingen – der grösste Betrugsprozess bis dato in den Vereinigten Staaten.

Na, sowas.

Es ist also nicht nur das Flugzeug bei Shanksville im Boden verschwunden. Und es ist nicht nur der Flieger ins Pentagon regelrecht reingesaugt worden durch ein viel zu kleines Loch. Sondern die Sprengung von WTC7 kam schon mal im Fernsehen – 20 Minuten, bevor das Gebäude gesprengt wurde, sendete die BBC eine Reuters-Nachricht dazu.

Na, sowas.

Da sind doch tatsächlich Insidergeschäfte in einer Studie der Uni Zürich nachgewiesen worden vor 9/11. Und die Saudis wurden dabei erwischt, wie sie die Flugschüler finanziert haben, die nach verpatzter Einführung in eine Cessna 172 doch tatsächlich Verkehrsflugzeuge entführt haben. Mit Teppichmessern bewaffnet. Was bewiesen ist, weil man einen Pass gefunden hat.

Na, sowas.

Das hört sich ja grad so an, als hätten die Truther die ganze Zeit recht gehabt, die von den Qualitätsmedien all die Jahre diensteifrig als “Verschwörungstheoretiker” diffamiert wurden.

Na, sowas.

...

Quote
     schtonie, 10.09.2019 10:43

Genau wie die "magic Bullet"

Wird uns die offizielle VT als Narrativ erhalten bleiben. Vollkommen egal, wie viele Studien und was auch immer veröffentlicht werden, es wird bei dem offiziellen Narrativ bleiben.
Warum? Ganz einfach. Weil ansonsten das Machtfundament sämtlicher westlicher Staaten kollabieren würde. Würde man dieses Ereigniss tatsächlich noch einmal transparent aufarbeiten und am Ende belegt werden, dass es im überwiegenden Maße doch ein "inside job" gewesen sein muss, da die vielen "Zufälle" ansonsten nicht erklärt werden können, fällt es schwer sich die Erosion vorzustellen, welche das in allen westlichen Staaten auslösen würde.

Die Dimension dieses Verrats ist dermaßen groß, dass es eine Mehrheit in den Bevölkerungen gibt, welche lieber weiter an eine Lüge glauben wollen, als sich die Skrupellosigkeit und Menschenverachtung zu vergegenwärtigen, welche Teilen der sog. "Elite" innewohnt.


Quote
     OmO0815, 10.09.2019 11:24

Wie auch immer...

Im World Trade Center 7 saß auch u.a. die Börsenaufsicht "United States Securities and Exchange Commission" (SEC) in deren Tresoren sollen sich wichtige Beweisunterlagen zu Fällen großangelegter Wirtschaftskriminalität (wie der damals sehr bekannte ENRON-Fall etc.) befunden haben.

Der Einsturz des Gebäudes - wie er auch immer letztendlich zustande kam - hatte für einige einflussreiche Kreise wohl auch positive Aspekte zu bieten ...


Quote
     Meyex, 10.09.2019 13:53

Let us never tolerate outrageous conspiracy theories

https://www.youtube.com/watch?v=6K5M0xtxQVQ

Der gleiche Bush-Junior, der aufgrund einer Lüge mehrere hunderttausend Menschen im Irak ermorden ließ. Nee, da bin ich lieber Verschwörungstheoretiker.

Meyex


Quote
     digifree, 10.09.2019 14:01

wir werden von Wahnsinnigen regiert

Die meisten Leute reagieren mit mentaler Verweigerung, wenn sie die Möglichkeit einer Inszenierung der Attentate durch einen ‚tiefen Staat' innerhalb der USA in Erwägung ziehen. Eine solche Dimension der Manipulation scheint absurd. Aber ist sie es tatsächlich? Ein Blick in die Geschichte sollte uns eines Besseren belehren. Die größten Verbrechen der Menschheit wurden nicht durch Individuen oder kriminelle Banden begangen, sondern durch institutionalisierte Herrschaftsformen, die sich als Garanten der Ordnung präsentierten, während sie ihre Bürger im Sinne von kurzfristigen Machtinteressen instrumentalisierten. Es wäre nicht das erste Mal, dass die USA False-Flag-Opreationen nutzten, um ihre Interessen abzusichern.

Und es ist ja nicht gerade so, als würden unsere westlichen Werte-Politiker mit ihrem zwielichtigem Verhältnis zur Wahrheit die politische Vertrauensbildung fördern. Nur selten bringt es jemand so unverblümt auf den Punkt wie der aktuelle US-Außenminister und ehemalige Geheimdienstchef Mike Pompeo, der prahlte: „Ich war der CIA-Direktor. Wir haben gelogen, wir haben geschummelt, wir haben gestohlen. Es war so, als hätten wir regelechte Lehrgänge darin absolviert.”

Der eigentliche Skandal von 9/11 ist hinter der Fassade einer scheinbar funktionierenden Demokratie zu suchen, welche sich aber längst zu einer obszönen Selbstbereicherungsveranstaltung einer kleinen, über Leichen gehenden Clique gewandelt hat. Es ist an der Zeit, endlich selbst einmal das Gehirn einschalten und den Tatsachen unverblümt ins Auge zu sehen.

Gerade wir Deutschen kennen das hinter der Geschichte liegende Schema: Ohne die vielen dazu notwendigen Helfer und Mitläufer, ohne die politischen Handlanger und grauen Technokraten, ohne die dienstbeflissenen Funktionäre und kühlen Karrieristen, ohne die neurotischen Duckmäuser oder die ergebene Parteigänger würde die Macht wahnsinniger politischer Egomanen zusammenfallen wie ein Kartenhaus im Wind.


Quote
     F.e.4.I.v.V.LocC'St4, 10.09.2019 20:41

Vielen Dank an TP und vielen Dank auch an etliche User von hier

Dank an TP dafür, dass zu diesem Artikel sogut wie keine (also denke ich mal) Sperrungen und Verschiebungen statt fanden, so wie ich und andere User es auf Seite 1 vermuteten.
Jeder konnte seine Meinungen zu diesem Thema frei äußern, ohne das ein großes Fetzen statt fand.
Ich dachte mir heute Nacht schon, dass es im Laufe des Tages über 1000 Kommentare gehen wird, da dieses 9/11 Thema eben noch vielen unter der Haut steckt.

Dank auch an die vielen User hier, die wie ich (von Tag eins an) die offizielle (Verschwörungs)Theorie anzeifeln/anzweifelten.
Durch eure Postings inc für mich neuer Informationen in Videos und wissenschaftlichen Aussagen, ist/wurde dieser erbärmliche Insidejob nochmal mehr als bestätigt.

Fast 20 Jahre musste ich mich mit den von den Mainstream verblendeten "werte"westlichen System-Kopfnickern aus dem Volk rumschlagen und das in sämtlichen Nachrichtenforen dieser Welt.
Jetzt wo das Lügenkartell des sogenannten "Deep States" mehr und mehr zusammen fällt, erfahre ich endlich innere Erleichterung, PUNKT!


Quote
     Illoinen, 11.09.2019 12:31

Zu was Geheimdienste fähig sind

Die International Association for Bridge and Structural Engineering (IABSE), eine der prestigeträchtigsten Ingenieursvereinigungen weltweit, feierte dieses Jahr ihr 90-jähriges Bestehen. Zum diesbezüglichen Jahreskongress in der ersten Septemberwoche lud die IABSE die weltweite Elite der Bauingenieure nach New York City ein, um aktuelle Trends und Entwicklungen im Bauwesen und neue bauphysikalische Forschungsergebnisse zu präsentieren.

Eingeladen war auch der Physiker und Mathematiker Ansgar Schneider, um dort über seine Arbeit über die Zerstörung des World Trade Centers (WTC) am 11. September 2001 vorzutragen. Die amerikanische Regierung verweigerte ihm jedoch die Einreise.

Begründung gab es keine.

Dass der Turm eingestürzt ist, ist bewiesen, aber die Frage ist: Welcher Mechanismus hat die Widerstandskraft so weit verkleinert, dass der Einsturz erst so schnell anfangen und dann später so schnell weiterlaufen konnte, obwohl das Gebäude prinzipiell stabil genug war, den begonnenen Einsturz abzufangen? Da gibt es bisher nur eine einzige bekannte wissenschaftliche Erklärung, die mit all den anderen empirischen Daten, die schon länger bekannt sind, vereinbar ist: menschliches Einwirken.

Das gesprengt wurde, davon gehen die meisten Fachkreise aus.


Quote
     hubertosenf, 11.09.2019 12:39

911, der Lackmustest der Mainstreamhörigkeit...

"Die großen Medien berichten bislang nicht."

Tja, wie auch, entweder die Journalisten sind Ihrer Mainstreamhörigkeit dermaßen gefangen, dass sie die Unlogik der offiziellen Version glauben. (Kognitive Dissonanz) ... Es darf nicht sein, was nicht sein darf.


Quote
     lu12345, 11.09.2019 14:16

Active Thermitic Material in Dust from the 9-11 World Trade Center Catastrophe

Zu der Forderung des dänischen Chemie-Professors Dr. Niels H. Harrit ( "Further investigation is required") hatte ich hier gepostet:
https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/9-11-Studie-schliesst-Feuer-als-Einsturzursache-des-dritten-Turms-aus/Further-investigation-is-required/posting-35214093/show/

Es geht ja letztendlich darum, wie der Abriss des Gebäudes WTC 7 umgesetzt wurde. Auf u.a. Nanothermite im Abriss-Staub hat Prof.Dr. Harris hingewiesen.

Die Studie zum Nano-Thermite wurde im "The Open Chemical Physics Journal, 2009, 2, 7-31" veröffentlicht. Für Interessenten hier als Nachtrag zu meinem Post der Link zur Studie:

> https://archive.org/download/FullThermitePaper/Full_Thermite_paper.pdf


Quote
     Huhu!, 12.09.2019 18:28

Das Wort zum Sonntag (wer alt genug ist, es noch zu kennen)

Was würde passieren, wenn jemand wie Snowden die Beweise auf den Tisch legen würde? Nix, dafür gibt es Plan Vorwärts. Erst nix, dann Entrüstung und zum Schluss die Präsentation der "wahren. Drahtzieher. Optimalerweise Männer die schon tot sind (Bush sen,...) Verrückte halt, von deren Handeln man keine blasse Ahnung hatte. Die Medien empören sich kurz mit und sind erschüttert, natürlich hat man immer seine Arbeit gut gemacht aber leider auch nix mitbekommen. ...


Quote
     Toddybear, 15.09.2019 10:08

Und jetzt?

Wow, weit über 2000 Beiträge im Forum, sowas kommt selten vor, aber bei dem Thema kein Wunder. Es haben ja andere das schon ausreichend thematisiert, jeder der nicht mit zugekniffenen Augen durch die Welt stolpert dürften die vielen Ungereimtheiten rund um 9/11 aufgefallen sein.


Quelle: https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/9-11-Studie-schliesst-Feuer-als-Einsturzursache-des-dritten-Turms-aus/forum-433668/comment/

...


12
Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Edward Snowden...
« on: September 14, 2019, 11:40:58 AM »
Quote
[...] Der frühere Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden würde immer noch gerne politisches Asyl in Deutschland bekommen. "Wenn Deutschland mich aufnehmen würde", sagt Snowden der Welt, würde dies inzwischen "nicht mehr als ein feindlicher Akt gegen die USA aufgefasst". Asyl für ihn in der Europäischen Union würde bedeuten, dass "Europa für die Vereinigten Staaten eintritt" zu einer Zeit, da Amerika nicht für sich selbst und seine Werte einstehen könne, argumentierte Snowden.

Snowden hatte 2013 Dokumente zu Ausspähaktivitäten des US-Abhördienstes NSA und seines britischen Gegenparts GCHQ an Journalisten gegeben. Auf der Flucht über Hongkong wollte er nach eigenen Angaben nach Ecuador, strandete aber am Moskauer Flughafen, nachdem die US-Regierung seinen Reisepass annulliert hatte. Snowden bekam Asyl in Russland, nach einer Verlängerung aktuell bis 2020.

Er halte es für "immer wahrscheinlicher", dass er eines Tages in die USA zurückkehren könne, sagte Snowden dem Spiegel. Der Vorwurf von 2013, er habe die nationale Sicherheit gefährdet, sei "in sich zusammengefallen". Snowden gab diverse Interviews zur Veröffentlichung seiner Autobiografie Permanent Record: Meine Geschichte, die kommende Woche erscheint. Am Dienstag spricht Snowden per öffentlicher Videoübertragung auch mit Holger Stark, dem ZEIT-Ressortleiter Investigativ.

Überall hätten Politikerinnen und Unternehmer verstanden, dass sie Technologien nutzen können, um die Welt auf einem neuen Level beeinflussen zu können, sagte er dem Spiegel weiter. In einem ersten Schritt gelte es, etwa für jede Smartphone-Nutzerin "sichtbar zu machen, wie sehr wir auf Schritt und Tritt verfolgt werden".


Aus: "Edward Snowden hofft weiter auf Asyl in Deutschland" (13. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2019-09/whistleblower-edward-snowden-asyl-deutschland-usa

Quote
Minilieb #1

Keine Chance. Soviel Rückgrat gibt es nicht im Ansatz in dieser Bundesregierung und sicher wäre er in Deutschland auch nicht.
Es ist aber schön, dass er uns das ab und zu unter die Nase reibt. Wir verteidigen unsere "Werte" nur dann, wenn es nichts kostet...


Quote
Think Tank #1.3

Niemals!

Ein Herr Maas, der einen Herrn Wong empfängt (mit freundlicher Unterstützung der Springer-Presse), der kann doch gar nicht anders, als diesen mutigen Dissidenten mit offenen Armen zu empfangen.
Nie und nimmer käme unser Außenminister auf die Idee, diesen großartigen Vorschlag einfach zu ignorieren, liegen seinem Handeln doch ausschliesslich Werte wie Demokratie und Menschenrechte zu Grunde.
Ich bin mir absolut sicher, dass unsere Regierung nicht zögern wird, Snowdens Bitte nachzukommen.
Alles andere wäre eine moralische Bankrotterklärung.


Quote
It is the money #17

Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.
Snowdon wird nicht aus politischen sondern aus strafrechtlichen Gründen verfolgt, er hat Geheimnisse verraten. Ich fürchte, dass Asyl in D nicht gewährt wird.


Quote
Marvin Gandalf #20

Auch wenn Dinge in einigen Ländern als "normale" Straftat verfolgt wird, ist der Grund trotzdem ein Politischer.
Auch in Russland werden Menschen aufgrund von Gesetzesverstößen verfolgt, die eine politische Ursache haben (z.B. Verstoß gegen das dortige Versammlungsgesetz).
Hier werden diese Taten aber fast ausnahmslos als politische Handlungen verstanden.
Was ist der jeweilige Maßstab?


Quote
kemal_acaröz #22

Hochachtung vor Snowden. Er hat alles geopfert, gut dotierten Job, Familie, Karriere, im Prinzip sein bisheriges Leben, um die Welt über die totale weltweite Überwachung der US-Dienste zu informieren und aufzuklären. Denn diese Überwachung ist ein Angriff auf die freie Gesellschaft Orwellschen Ausmaßes.
Das ist eine eine sehr ehrenwerte Haltung, die höchsten Respekt verdient.
Und natürlich ist er ein politisch Verfolgter und sollte Asyl erhalten. In dem Fall wiegt die Aufklärung über millionenfach eklatanten Rechtsbruch höher als der Geheimnisverrat. Denn die totale Überwachung ist ein Angriff auf zentrale Menschenrechte.
Umso schäbigen, wie sich die Bundesregierung bisher weggeduckt hat.
Ebenso die Gesellschaft, die diese Überwachung weiterhin schulterzuckend hin nimmt.


...

13
Cinema (Movies and Art) / Filmmusik ...
« on: September 13, 2019, 09:59:39 AM »
La Planète Sauvage
https://de.wikipedia.org/wiki/La_Plan%C3%A8te_sauvage

https://www.discogs.com/de/Alain-Goraguer-La-Plan%C3%A8te-Sauvage-An-Original-Soundtrack-Recording/release/24183

ALAIN GORAGUER / LA PLANETE SAUVAGE (FULL ÀLBUM) SOUND TRACK
https://youtu.be/4vXkI1zYyDo

Cody Avant: I watched this weird ass movie because of this amazing soundtrack.

---

14
Quote
[...] In den vergangenen Jahren sind laut einem Bericht 100.000 Männer belästigt, genötigt oder vergewaltigt worden. Vor allem US-Soldaten niederer Dienstgrade sind betroffen.

Bei den US-Streitkräften sind in den vergangenen zehn Jahren mindestens 100.000 Männer pro Jahr Opfer sexueller Übergriffe geworden. Wie die New York Times unter Berufung auf Zahlen des US-Verteidigungsministeriums berichtete, waren allein 2018 etwa 7.500 Männer von sexueller Belästigung, versuchter Nötigung bis hin zu Vergewaltigung betroffen. Die Opfer seien meist jünger als 24 Jahre und hätten einen niedrigen Dienstgrad.

Die Zahl der registrierten weiblichen Opfer ist dem Bericht zufolge mit 13.000 im Jahr 2018 höher als die der Männer. Jedoch sagt das nichts über das tatsächliche Verhältnis, da man nicht weiß, wie viele Opfer die Vorfälle nicht anzeigen. Nur einer von fünf betroffenen Männern meldete Übergriffe – bei den Frauen seien es dagegen 38 Prozent. Viele Betroffene müssten die Armee verlassen und hätten dann Schwierigkeiten, im Alltag wieder Fuß zu fassen, hieß es weiter.

Mehr als die Hälfte der Übergriffe ging nach Angaben des Verteidigungsministeriums von Männern aus. In 13 Prozent der Fälle handelte es sich um Männer und Frauen als Täter.

30 Prozent der betroffenen Männer gaben an, die Täter seien weiblich gewesen. Bei den weiblichen Opfern waren vor allem Männer die Täter.

Laut der Zeitung erhebt das Ministerium erst seit 2006 Zahlen über männliche Opfer sexueller Übergriffe. Man sei sich bis dahin sicher gewesen, dass es sich um ein weibliches Problem handle, zitierte die New York Times Nathan W. Galbreath vom zuständigen Büro des Verteidigungsministeriums.


Aus: "Tausende Männer in US-Armee Opfer sexueller Übergriffe" (12. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-09/sexueller-missbrauch-us-armee-soldaten-noetigung

Quote
recht und gerechtigkeit #6

Wenn man schon mit Zahlen hantieren, sollte man auch klar stellen, wieviele Belästigungen, Nötigungen und Vergewaltigungen es waren.


Quote
recht und gerechtigkeit #6.1

Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Thema. Danke, die Redaktion/km


Quote
produbio #6.2

Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.


Quote
recht und gerechtigkeit #6.3

Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.


Quote
recht und gerechtigkeit #6.5

Liebe Redaktion, das ist aber armselig. Sie könnten Fakten nachliefern statt Kommentare zu löschen.


Quote
recht und gerechtigkeit #6.6

Und da die Löschung mich doch trifft:

"Die Zahl der registrierten weiblichen Opfer ist dem Bericht zufolge mit 13.000 im Jahr 2018 höher als die der Männer."

Es sind 14% Frauen und 86% Männer im aktiven Dienst (insgesamt 1,4 Millionen).

"Jedoch sagt das nichts über das tatsächliche Verhältnis, da man nicht weiß, wie viele Opfer die Vorfälle nicht anzeigen. Nur einer von fünf betroffenen Männern meldete Übergriffe – bei den Frauen seien es dagegen 38 Prozent."

Also haben 20% der betroffenen Männer Vorfälle gemeldet und 38% der betroffenen Frauen.

D.h. es wären 50.000 Männer und 34210 Frauen. Bei 1204000 Männer und 196000 Frauen im Dienst. Das sind 4,1% Betroffenenquote bei Männern und 17,5% bei Frauen.

Davon wären dann bei 30% der männlichen Betroffenen Frauen als Täter (15000, wenn man auch Mehrfachtäter jedesmal zählt) und bei 70% der männlichen Betroffenen und 100% der weiblichen Betroffenen Männer als Täter (35000 plus 34210 = 69210).

Und dann ist nicht mal geklärt, wieviel davon Belästigungen, Nötigungen, Vergewaltigungen waren.

Das eigentliche Problem ist aber bei allen Betroffenen, dass es die Betroffenen waren, die gehen mussten, um Frieden herzustellen oder weil die Betroffenen von gravierenderen Übergriffen traumatisiert und nicht mehr leistungsfähig waren. Junge Rekruiten aus armen Schichten und ohne Perspektive als Frischfleisch so zu sagen. Die Täter blieben.


Aus: "Tausende Männer in US-Armee Opfer sexueller Übergriffe" (12. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-09/sexueller-missbrauch-us-armee-soldaten-noetigung


15
Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [Die Frage ist halt nur... ]
« on: September 12, 2019, 05:01:41 PM »
Quote
[...] Shibboleth #33
Ganz generell und ohne Wertung: wer die Rechten wählt hat i.d.R. Angst vor Veränderung. Er sieht, wie sich die Welt um ihn herum immer schneller verändert, und ist damit überfordert. Er wünscht sich, daß die Zeit innehält, damit er wieder durchatmen kann. Mit anderen Worten: Konservative. Dagegen ist übrigens nichts einzuwenden: eine Gesellschaft braucht Progressive UND Konservative, um zu einer gesunden Balance zu finden.
Die Frage ist vielmehr: wer wählt die Rechtsradikalen und Rechtsextremen? Da ist die Antwort schon viel schwerer und differenzierter. Wahrscheinlich ist es ein ganze Mix aus Protestwählern, Enttäuschte, Menschenhassern, Abgehängte, Ungebildet, Rassisten, (Religiöse) Fanatiker, Menschen mit Empathie-Defizit-Syndrom, Extremängstliche, Menschen mit Sexualneid (auf Neuankommende), Homophobe... und auch Freunde und Verwandten, die einfach wie so wählen wie ihre rechtsdrehenden Bekannten, ohne sich groß dabei was zu denken.
Die Soziologie des Wählerpotentials von AfD, NPD, SVP, FPÖ & Co. ist sicher nicht einfach. Holzschnittartig kann man daran nicht gehen... es ist kompliziert.

blin #33.2
Nein, ich habe ganz sicher keine Angst vor Verändern. Ich habe Angst vor !gewissen! Veränderungen.

Ferndenker #25
Rechte wählen die Rechten. Niemand sonst.

Hjalmar_Poelzig #5.5
[Ich wähle inzwischen auch rechts - Jahrzehnte lang habe ich links gewählt, aber irgendwann war Schluss. Zugeben muss ich natürlich auch das ich alt, weiß, und recht gut gebildet/ausgebildet bin.] Die politische Linke hatte für mich keine Antworten mehr, sie hat sich in Genderheckmeck, Allestoleriererei, Klimareligion, Minderheitenthemen, und einer Verharmlosung des Islams verloren.
Lästig wurden der Linken auch noch ihre ehemaligen Wähler/Klientel die mit den "mosaiklinken" Themen nicht mehr viel anzufangen wussten. [Die AfD ist für mich auch nur mit Vorsicht zu genießen - dennoch hat sie ein Alleinstellungsmerkmal: sie ist die einzige Opposition im Lande. Auch kann man aufgrund der Existenz der AfD wunderbar die Heuchelei der Altparteien erkennen. Wenn die AfD geschickt wäre würde sie in das "soziale Vakuum" im Land eindringen.
Die "Mitte" ist für mich der Inbegriff des "alternativlos".]

Ridikolaus #5.7
ich bin relativ linker sozialdemokrat, was für mich größtenteils bedeutet ich hätte gerne eine deutlich „bessere“ Verteilung von Wohlstand. Für mich gibt es eigentlich keine Partei, wo meine Stimme 100% Sinn ergibt. Insbesondere die SPD ist seit Harz 4 aus ideologischen Gründen ziemlich unwählbar für mich geworden.
Was ich nicht verstehe: nur weil es keine „linke“ oder sozialpolitische Partei (mehr) gibt, die 100% meine Ideologie teilt, fang ich ja nicht an cdu oder AfD zu wählen und meine politische Ideologie 100% umzukehren :D

elfotografo #5.9
"Genderheckmeck, Allestoleriererei, Klimareligion, Minderheitenthemen"
Mit der pauschalisierenden Phrasendrescherei sind Sie allerbestens aufgehoben bei der AfD. Gut gemacht.

Tranquility Base #5.21
"Die AfD ist für mich auch nur mit Vorsicht zu genießen"
Für jeden Bürger, der sich mal auch nur im entferntesten mit "linken" oder liberalen Werten auseinandergesetzt hat, wie Sie es ja angeblich getan haben, ist die AfD absolut ungenießbar.

Wellensittich #2
Immer noch keine Unterscheidung zwischen rechts und rechtsextremistisch. Rechts ist eine normale Strömung in der Politik wie links und Mitte! Unverzichtbar für eine funktionierende Demokratie!

dingensda #2.8
Das ist richtig. Aber die AfD schafft es ja gerade nicht, sich gegenüber den Rechtsextremen abzugrenzen.

MrPlankton #2.10
"Nochmal: rechts ist nicht rechtsextrem!"
Die CDU ist rechts, die CSU ist ganz weit rechts und die AfD ist rechtsextrem. Ist doch ganz einfach.
Sie müssen den blaubraunen Freunden der alternativen Fakten nur genau zuhören, dann werden Sie es vielleicht merken.

Ressiw Resseb #2.17
"Sie haben es nicht verstanden. Nochmal: rechts ist nicht rechtsextrem!"
Ist aber auch schwer zu unterscheiden, denn sehr viele Rechtsextreme fressen Unmengen Kreide, um sogar als Bürgerliche durchzugehen.
Und wie bezeichnen Sie Leute, die haufenweise Rechtsextreme in ihren Reihen dulden?

Rudolf Rocker #2.29
Also ich kenne niemanden, der sich als rechts bezeichnet und dabei nicht ganz weit außen beheimatet ist. Rechts waren historisch gesehen die Konservativen und Reaktionären. Letzteres will heute niemand mehr sein, daher bezeichnen sich heute alle als konservativ. Das ist natürlich falsch, denn die wenigsten der AfD wollen unsere Gesellschaft wirklich vor Veränderung bewahren sondern ihre Vorstellungen von einer Gesellschaft wie es sie in den 50er Jahren gegeben hat (nicht zu vergessen, die eher die 30er Jahre anstreben) verwirklichen.

maxvau #1.52
Wer sich als konservativ bezeichnet, sollte sich im Klaren darüber sein, was er im Sinne des Wortes "bewahren" will. Das zieht aus meiner Sicht aber eine Bringschuld nach sich. Wer meint, die "deutsche Kultur" bewahren zu wollen und deswegen Angst vor "kulturfremden" Einwanderern, aber seit Jahrzehnten keine Bibliothek, kein Theater und keinen Konzertsaal mehr von innen gesehen hat, ist für mich kein glaubwürdiger Konservativer, sondern schlicht ein Fremdenfeind. Für den Begriff "Eliten" wünsche ich mir wie viele andere Foristen hier gerne mal eine schlüssige Definition, denn ich habe den Verdacht, dass das nichts weiter als ein verklausuliertes, aber genau so diffuses "die da oben" ist. Wo fangen Eliten an? Beim Herrn Bürgermeister? Beim nebenan wohnenden Chefarzt? Oder meint das Wort ein elitäres "sich für was Besseres halten"? Und vor allem: Was wünschen sich die Kritiker genau von diesen Eliten? Empathie? Chancengleichheit? Respekt? Also all das, was das ultrarechte politische Spektrum bestimmten Bevölkerungsgruppen in aller Regel verweigern will?

indubioprolibertate #1.69
Kritisch gegenüber irregulärer Migration zu sein ist sicher kein Alleinstellungsmerkmal der AfD. Das gesamte aktuelle Migrationsrecht, getragen von CDU, SPD, FDP und auch weiten Teilen der Grünen ist kritisch gegenüber irregulär und illegal eingereist Migranten, das bringt uns also nicht weiter.
Spannend wird es bei der Frage: wie weit sind wir bereit, Menschenrechte zu beschränken um irreguläre Migration als Gesamtphänomen einzudämmen? Also welchen Preis sind wir zu zahlen bereit, um unsere "migrationskritische" Haltung auch durchzusetzen? Daran macht sich der Unterschied des rechten Rands zur bürgerlichen Mitte fest. Auch Angela Merkel wollte ganz sicher keine Einreise so vieler Personen. Sie war aber nicht dazu bereit, dass die Bundespolizei die Menschen im Zweifel mit Schusswaffengewalt aufhält. Beatrix von Storch wäre dazu bereit gewesen.
Die Bundesregierung möchte Asylverfahren gerne noch stärker beschleunigen. Aber sind wir dafür bereit, rechtsstaatliche Garantien, also Widerspruchs- und Gerichtsverfahren, aufzugeben?
Das sind die entscheidenden Fragen und weniger, ob man irreguläre Migration als solche kritisch sieht oder nicht.

Zeiterleben #1.67
Natürlich ist die AfD elitenfreundlich, auch wenn sie ihren Wählern um an die Macht zu kommen anderes suggeriert (sich als Kümmerer für die Menschen inszeniert).
Hier nur zwei der zahlreichen Beispiele:
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/alternativlos-neoliberal
https://www.manager-magazin.de/unternehmen/personalien/alice-weidel-afd-frontfrau-a-1144588.html
https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/afd-spenden-115.html

detlef richter #1.71
Seit wann sind Konservative kritisch gegenüber Eliten? Und es waren vor allem auch Konservative, die die EU gebaut haben, wie wir sie heute kennen, von Adenauer, DeGaulle und Giscard bis zu Kohl, Thatcher und Merkel. ...

Zahlen helfen #2.35
"Immer noch keine Unterscheidung zwischen rechts und rechtsextremistisch..."
Da stimme ich Ihnen zu. Die Frage ist halt nur, wo genau die Grenze zu ziehen ist. Wo ziehen Sie die?

John Jürgen Smith #2.39
Die blaue Partei von Petry ist rechts. Die AfD ist rechtsradikal bis rechtsextrem.

dingensda #2.41
Konservativ und Rechts sind zwei vollkommen unterschiedliche politische Aussagen.
Das ist Ihre private und keineswegs allgemeingültige Einteilung.
Traditionell teilt man das politische Schema in links und rechts, wobei links die Revolutionären und Progressiven sitzen, rechts die Konservativen und die Faschisten.

Simplicio #3
"Wer wählt die Rechten?"
Das Ressentiment.

Que Che #3.8  —  vor 2 Stunden
"Wer wählt die Rechten?"
Nein es ist das tiefe Bedürfnis nach Identität.

Der Holger #10
Viele Bürger möchten wahrgenommen werden und ihre Sorgen und Nöte sollten von den etablierten Parteien umsetzt werden,
vor jeder Bundestagswahl wird erzählt, Bildung, Bildung....
und wie sehen die Schulen aus, sie sind teilweise in einem jämmerlichen Zustand.
Umweltschutz, es gibt immer mehr Verkehr auf den Straßen und dadurch wird die Umwelt/Städte stark belastet, warum baut man nicht die Bahn vierspurig auf den Hauptstrecken aus? Ist die Autolobby ist zu stark? Deshalb sind viele Protestwähler, nicht weil die AfD so gut ist, nein die anderen Parteien haben keinen Mut mehr große Dinge anzufassen!!

marzipan_für_alle #10.1
und was plant die AfD KONKRET für z.b. die Umwelt, die Ihnen ja offensichtlich am Herzen liegt? Die wollen doch z.B. den Diesel retten. Mit der AfD wird die Autolobby noch viel stärker als jetzt.

Kulturpessimistin #21
*bekennende mit-Afd-Sympathisanten-Redende*
Bisher kam mir noch nicht unter, dass da wirklich Leute die AfD wählen, weil sie deren Programm so doll finden. Ganz im Gegenteil finden die Leute z.B. deren Sozialprogramm total mist. Zustimmen kann ich, wo (mindestens) anti-blue-eyed-Ressentiments festgestellt werden. Man kann sagen, das wird *mindestens* geduldet, von vielen aber aktiv vertreten. Hingegen ist gegen Kritik und Skeptizissmus ja nichts zu sagen (es gab auch mal eine EU-kritische PdL).
Ich muss sagen, bei den (in letzter Zeit zurückgegangenen) Gelegenheiten, mit AfD-Leuten zu sprechen, habe ich regelmäßig Ärger über die Ignoranz der Politik bemerkt - und eine große Bereitwilligkeit, "kleinere Übel" zu erdulden. Jeder der Ü30-Menschen, die ich traf, kannte Politikerverprechen ("Stärkung der Tarifpartnerschaft" der CDU z.B.), von denen nichts zu halten war. Darin haben die Leute Übung. Und deshalb werden, aus dieser Übung heraus, die berechtigten Warnungen vor der AfD oftmals abgetan. "Was, das steht in deren Wahlprogramm? Ach, das ziehen die eh nicht durch."
Ich denke, diese politische Unernsthaftigkeit, die nicht die AfD erfunden hat, trägt dazu bei, dass man sie nicht so ernst nimmt. Nicht als die Gefahr wahrnimmt, die man erkennen könnte, nähme man ihre Vertreter ernst.

Tom Orrow #22
Rechtsradikale wählt man entweder aus Dummheit heraus oder mit voller Absicht. Wer bis heute noch nicht mitbekommen hat, welche Klientel sich in dieser Sekte tummelt, zählt offensichtlich zu Ersteren. Es gibt ansonsten keine Ausreden mehr!

ZahlendreHerr #22.1
~1/4 der Bevölkerung vieler Länder als Sekte oder ähnliches zu bezeichnen, zeugt von herausragender Ignoranz.
Hach, aber zappeln und zetern sie nur noch ein bisschen, in 10-20 Jahren haben sie sich dann auch daran gewöhnt, wie die Schweiz und Österreich.

Theraphosis #23
Wenn man sich so anhört, was etliche dieser "Rechten" von sich geben, dann kann Keine Trennung zwischen "Rechts" und "Rechtsextrem" mehr erfolgen.
Dabei ist gleichgültig, ob AfD, Lega, FPÖ, Fidesz oder wie sie sich alle nennen mögen. Es steckt überall der Geist der NSDAP dahinter.
Mir fällt da immer ein Zitat ein: "Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen: Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus. Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent. Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi." - Gerhard Bronner, Rede anlässlich der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Gunskirchen, 7. Mai 2005

ernstel 1973 #24
"[...]männlich, unter 65, niedriger gebildet ... und ganzheitlich unattraktiv.[...]"
In unserem Ort hat sich dieses Klischee leider bewahrheitet.

blin #31
Ich: Master of Science in Informatik (Uni), 36, Teamleiter. Softwareentwicklung. Ich fahre in mindestens 25% der Neuzulassungen in Deutschland mit, ohne dass mich irgendeiner kennt. Hohes Einkommen. Überzeugter AFD Wähler.

vonDü #31.1
"Überzeugter AFD Wähler."
Was genau überzeugt Sie? ...

blin #31.3
Mich überzeugt die Argumentation der AFD Führung.
Themen bei denen ich deckungsgleich mit AFD bin:
-Migrationspolitik
-EU Politik
-Familienpolitik
-Wirtschaftspolitik
-Grenzschutz
-Klimathemen
Alle diese Punkte sind völlig anders als bei den anderen Parteien. Die CDU ist eine Ausnahme und hat argumentative Überschneidungen. Diese werden de facto aber nicht umgesetzt. Das ist mit Merkel für die CDU nicht machbar. Ausserdem nervt mich tierisch die kategorische Ablehnung der AFD seitens der CDU sowie das Theater mit Maaßen. Die CDU ist in ihrer Links/Grün/Konservativ Verwirrung gefangen. Ich sehe keine eindeutige Politik. Nur Beobachtung und Reaktion. Gerade das, was eben gehyped wird in den Medien. Damit disqualifiziert sich die CDU für mich.

vonDü #31.5
Danke für die ausführliche Antwort.
"Mich überzeugt die Argumentation der AFD Führung."
Finde ich schwer nachvollziehbar. Wenn es in Debatten mal nicht um den Stil, sondern um Inhalte der AfD geht, dann offenbaren sich große Lücken.
"-Klimathemen"
Als Naturwissenschaftler finde ich die Thesen der AfD zum Klima ähnlich überzeugend, wie der der Kreationisten zur Evolution.
"-Wirtschaftspolitik"
bei der AfD ähnelt stark den Ideen von Trump, kommt mit sozialem Mäntelchen daher, ist aber im Kern neoliberaler als die der FDP. Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft wird man damit kaum überwinden können.
"Familienpolitik"
Die Geburtenrate in den "gewünschten" Kreisen zu steigern, wird mit einer neoliberalen Wirtschaftspolitik nicht gelingen. Das klassische Familienideal geht außerdem an der Realität des Jahres 2019 vorbei. Wenn es außerdem , wie propagiert um Kinder geht, dann sollten die gleichberechtigt da gefördert werden, wo sie sind.
Dass Europa Reformen braucht, die Migration einer Regelung bedarf würde ich unterschreiben. Aber im Rückzug auf das Nationale und Grenzen dicht sehe ich keine Lösung für die Zukunft. ...

KopfGeist #32
Die wenigstens Leute sind wirklich "links" oder "rechts". Das sind Kampfbegriffe aus dem letzten Jahrhundert. Sie wählen einfach was ihnen am wenigstens auf die Nerven geht, oder wahlweise eine Partei, die aus ihrer Sicht das für sie wichtigste Thema anspricht.
Bin selbst erstaunt, wie viele in meiner Umgebung immer "radikaler" werden in ihren Ansichten. Fast durch die Bank weg Akademiker übrigens. ...

Shibboleth #32.1
"Die wenigstens Leute sind wirklich "links" oder "rechts". Das sind Kampfbegriffe aus dem letzten Jahrhundert."
Genauer: diese Begriffe sind nicht differenziert genug. Beim Political Compass wird da nach zwei zueinander orthogonale Kategorien unterschieden: nach der wirtschaftlichen Ausrichtung zwischen links und rechts, und nach der sozialen Ausrichtung zwischen anarchisch und autoritär:
https://www.politicalcompass.org/analysis2
Eine solche Differenzierung hilft viel mehr die Neorechten zu lokalisieren: und zwar in den oberen Quadranten (autoritär), sowohl links als auch rechts.

Der0mmel #35
Warum ich die AfD wähle?
Sagen wir mal so: Ich sehe aktuell akute Probleme in Deutschland. Dazu gehören unter anderem die massiv aus dem Ruder gelaufene Migration, sowie die dadurch entstandenen und sich immer weiter entwickelnde gesellschaftliche Probleme, die aber von den Altparteien nur ungern bis gar nicht angesprochen und teilweise verharmlost werden.
Wenn ich diese Probleme als großes Risiko für unsere Zukunft sehe, wen soll ich denn dann wählen? Und nein "Hauptsache nicht AfD" ist nicht die Antwort.
CDU/SPD: Hat das Problem erzeugt und ist offensichtlich nicht willens oder intellektuell in der Lage es zu lösen.
Linke/Grüne: Braucht man nicht drüber reden, da wird es nur noch schimmer.
FDP: Redet und redet aber macht nachweislich nie was.
Da bleibt dann nur noch die AfD. Wenn es andere Möglichkeiten gibt bitte vorschlagen.

MrPlankton #35.1
Eine Alternative zur AfD wäre ihre Schwesterpartei, die NPD. Die demokratiefeindliche Gesinnung ist die gleiche.

Sarah Zustra #48
Komme grade vom Spiegel rüber ... ganz ähnlicher Artikel heute. Seit Jahren in rhythmischen Abständen hochtrabende Analysen über den "rechten Wähler" quer durch alle Medien. Dabei müssten sie eigentlich nur ein paar der 28% in Sachsen (oder wo auch immer) fragen und die Antworten genau so nehmen wie sie gegeben werden. Da braucht es keine psychologische Hintergrundanalyse; die Antworten sind direkt das Ergebnis.
[Ich erkläre mir das so, dass "die anderen", also die Erklär-Woller und Wähler-Analysten tatsächlich nicht den Sprung in das andere Denkschema machen können. Es erscheint ihnen so abwegig, dass sie krampfhaft nach "schlüssigen" Erklärungen suchen. Das geht offenbar beiden "Seiten" so. Man kann sich in die andere absolut nicht hineindenken. Der Trend hat sich in den letzten Jahren verschärft; die Unterschiede zwischen CDU und SPD in den 60ern, 70ern waren minimal gegen die Welten, die heute eine Grüne und eine AfD - Richtung unterscheiden. Das ist für eine Gesellschaft nicht ungefährlich.]

Mama Wombat #49.2
Sie irren. Ich kann mich in Rechtsextreme und deren Wünsche, Wollen und Absichten nur zu gut "hineindenken".
Das ist es ja gerade, was mir so große Angst bereitet und mich sowohl um die Demokratie als auch mein eigenes Wohlbefinden und Leben fürchten lässt.

AgainstBigotry #51
Bildung schütz vor Rassismus nicht. Die ersten judenfreien Räume in der 1930er Jahren waren die Universitäten. Es wurde ja gerade versucht, die Rassenlehre wissenschaftlich zu erforschen. Die Wählerschaft rassistischer Parteien sind rassistische Wähler oder Wähler, denen es egal ist, dass Sie Rassisten wählen.


Kommentare zu: https://www.zeit.de/2019/37/wahlverhalten-rechte-parteien-waehler-fpoe-svp/komplettansicht

16
Quote
[...] Schon mit seinem ersten Buch aus dem Jahr 2013 „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ sorgte der französische Wirtschaftsprofessor Thomas Piketty weltweit für Aufsehen. Vor allem in den USA war seine These, dass unregulierter Kapitalismus immer zu Vermögensungleichheit führt, hoch umstritten. Nun hat er nachgelegt. Sein neues Werk erscheint am heutigen Donnerstag in Frankreich und trägt den Titel „Capital et Idéologie“ (zu deutsch: Kapital und Ideologie). Es ist ein ehrgeiziges Werk von 1232 Seiten. Und wieder spart Piketty nicht an radikalen Forderungen.

„Ich schlage vor, dass wir das Privateigentum hinter uns lassen und zum sozialen und temporären Eigentum übergehen.“ Was für ihn aber keinesfalls Kommunismus bedeutet, sondern ein bessere Verteilung des Reichtums. Der Franzose, Forschungsdirektor an der Schule für Sozialforschung EHESS und Wirtschaftsprofessor am Ecole d´économie in Paris, sieht Ungleichheit als ideologisch und politisch bestimmt und damit gewollt.

Pikettys erstes Werk wurde in 40 Sprachen übersetzt und mehr als 2,5 Millionen Mal verkauft. „Capital et Idéologie“ bezeichnet der Autor selbst im Vorspann als eine Fortsetzung. Er betont: „Es ist Zeit, den Kapitalismus zu überwinden.“ Reichtum solle nicht mehr nur in den Händen weniger sein, das Kapital müsse besser verteilt werden. Er zeigt unter anderem mit Grafiken, dass ab den 1980er Jahren die Reichen immer reicher wurden. Das Buch ist eine Geschichte der Ungleichheit auf wirtschaftlicher, sozialer, intellektueller und politischer Ebene von frühen Sklavengesellschaften bis zu den heutigen modernen kapitalistischen Formen.

Pikettys Tenor dabei: Der Kampf für Gleichheit und Bildung war es, der die wirtschaftliche Entwicklung und den menschlichen Fortschritt gefördert hat, nicht der Besitz. Er plädiert für einen neuen Sozialismus, in dem Mitbestimmung herrscht. Für ihn ist das eine neue Gleichheit, sozialer, in der alle das gleiche Recht auf Bildung haben, die Macht besser verteilt ist und niemand zu viel Eigentum anhäufen kann.

Obwohl es auf trockenen Zahlen beruht, konnte Piketty mit dem ersten Werk eine große Leserschaft erreichen. Er selbst glaubt fest daran, dass Buch Nummer zwei ihm noch besser gelungen ist. Dem Magazin „L’Obs“ sagte er: „Ich habe Fortschritte gemacht.“ Er habe noch mehr Material gesammelt. Deshalb brauche er noch ein paar Seiten mehr. Dass das Thema Wirtschaft die große Leidenschaft des heute 48-Jährigen ist merkt man. Auf Basis vieler Forschungsergebnisse und Zahlen leitet er konkrete Tipps für Änderungen der Wirtschaftsordnung ab. Und er könnte damit durchaus Gehör finden; viele politisch eher links Beheimatete schwören auf ihn, so auch der Ex-US-Präsident Barack Obama.

Besitz ist für Piketty dabei heute so etwas wie eine heilige Kuh. „Die Sakralisierung des Eigentums ist eine Art Antwort auf das Ende der Religion.“ Es fülle die Leere. Da Piketty aber ein pragmatischer Ökonom und kein Idealist ist, will er den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern eben nur geschickt „überwinden“. Privateigentum soll nicht abgeschafft werden, sondern umgewandelt werden, sozial werden und nicht mehr auf alle Ewigkeit in den Händen weniger verbleiben.

Dazu kommen vor allem im letzten Teil des Buches die konkreten Beispiele: Kein Aktionär soll an börsennotierten Firmen mehr als zehn Prozent der Stimmrechte halten dürfen – so wird der Besitz eingeschränkt. Piketty schlägt außerdem eine progressive Vermögenssteuer ab 100.000 Euro vor, die für Milliardäre dann 90 Prozent betragen soll. Das habe es nach dem ersten Weltkrieg schon in den USA gegeben, rechtfertigt sich Piketty. Damit will er die abgehobene Luxuswelt der Milliardäre zerschlagen.

Das Geld aus der Reichensteuer will er für eine „Universalkapitalausstattung“ verwenden, eine Art Grundeinkommen für alle. Alle Französinnen und Franzosen sollen – sobald sie 25 Jahre alt werden – 120.000 Euro erhalten, damit sie Häuser kaufen und Firmen gründen können. Das ist in Paris nicht viel: damit kann man gerade mal zehn Quadratmeter erwerben. Privateigentum, das im Rahmen bleibt, sieht Piketty durchaus als vernünftige Motivation. Laut Piketty stört eine Reichensteuer das Wachstum keinesfalls. Im Gegenteil; in den Unternehmen plädiert er für mehr Mitbestimmung der Angestellten und bessere Verteilung der Macht, um auch die Bezahlung von Spitzenmanagern transparenter zu machen.

Im Gegensatz zu Präsident Emmanuel Macron will er das Gesamtvermögen wieder versteuern. Macron war davon abgerückt und veranschlagt die Steuer nur noch auf Immobilien ab 1,3 Millionen Euro, nicht mehr auf Kapital. Das kritisiert Piketty im Interview mit „L’Obs“: „Das wirkliche Ziel war, die Reichen zu schonen.“ In Deutschland soll das Buch am 11. März 2020 im Verlag C.H. Beck erscheinen.


Aus: "Thomas Pikettys zweites Buch: Der Star-Ökonom, der jedem Franzosen 120.000 Euro schenken will" Tanja Kuchenbecker (12.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/thomas-pikettys-zweites-buch-der-star-oekonom-der-jedem-franzosen-120-000-euro-schenken-will/25005412.html

-

Quote
[...] Zu Pikettys Rockstar-Status passt sein Wunderkind-Werdegang. Als Sohn eines Aussteigerpaars schaffte er es mit 18 an die Ecole Normale Supérieure in Paris, mit 22 doktorierte er an der London School of Economics, anschliessend wurde er Professor an einer dritten Elite-Uni, dem MIT in Boston. Heute ist er 48 und lehrt unter anderem an der Paris School of Economics, die er mitgegründet hat.

... In seiner Karriere beschäftigen Piketty bis heute zwei Dinge ganz besonders: erstens die Ungleichheit, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Und zweitens die Statistiken, die in den Archiven verstauben, aber eigentlich die mitreissende Weltgeschichte dieser sozioökonomischen Abgründe erzählen.

...


Aus: "Starökonom fordert 90-Prozent-Steuer auf Milliardenvermögen" (10.09.2019)
Quelle: https://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/standardstaroekonom-fordert-90prozentsteuer-auf-milliardenvermoegen/story/29649023

-

Quote
[...] Im neuen Buch versucht er sich an einer weltweiten Geschichte ungleicher Gesellschaften, von der frühen Feudalzeit bis heute, und der Ideologien, die sie rechtfertigen sollten, von französischen Bischöfen des 11. Jahrhunderts bis zum chinesischen Parteiherrscher Xi Jinping.

Diesmal hebt Piketty allerdings hervor, dass es keine Zwangsläufigkeit ungerechter Verhältnisse gebe: Nach dem Zweiten Weltkrieg sei von Europa bis Amerika dank entschiedener Politiken zur Umverteilung die extreme Konzentration von Vermögen und Einkommen korrigiert worden. Gleichzeitig sei dies die dynamischste Phase wirtschaftlicher Entwicklung in den betreffenden Ländern gewesen.

Die intellektuelle Auslaugung der Sozialdemokratie, ihre mangelnde Antwort auf die Globalisierung, die Enttäuschung über den Kommunismus und dessen Ende in einem „kleptokratischen Hyperkapitalismus“ macht Piketty dafür verantwortlich, dass es seit Ende der 80er-Jahre wieder zu einer Verschärfung der Ungleichheit und einer Rückkehr des Nationalismus kommen konnte.

Die Apologeten einer „Heiligsprechung des Eigentums“ hätten freie Bahn gehabt. Das offiziell kommunistische China sei „innerhalb kurzer Zeit viel ungleicher geworden als Europa, eindeutig ein Scheitern des Regimes“, schreibt Piketty mit detaillierten Statistiken als Beleg. Insgesamt aber fällt der Part über die postkommunistischen Staaten viel zu kurz aus.

Ausführlich behandelt der 48-Jährige dagegen seine Alternative, den „partizipativen Sozialismus“. Damit dürfte er sich fast alle zum Feind machen, von den Anhängern eines reinen Kapitalismus bis zur harten Linken, die ihn umworben hat und deren Wahlkampagnen er in den vergangenen Jahren öfters unterstützt hat. Piketty spricht zwar von der „Überwindung des Kapitalismus“, doch sein Rezept bedient sich ausdrücklich einiger Elemente der deutschen Sozialen Marktwirtschaft, besonders der paritätischen Mitbestimmung.

... Der Sozialismus à la Piketty ist eine Kombination aus einer weiterentwickelten Mitbestimmung, progressiven Vermögens- und Erbschaftsteuern und einem chancengerechten Bildungssystem unabhängig von der sozialen Herkunft.

Hinzu kommt eine andere Parteienfinanzierung, die den Einfluss finanzstarker Interessen auf die Demokratie stoppen soll. Schließlich will er Besteuerung und Parlamentarismus möglichst auf eine transnationale Ebene heben – „ein ideales, idyllisches Szenario“, wie er selbst einräumt.

Mit seiner Lebensgefährtin Julia Cagé, deren Arbeiten er ausführlich zitiert, habe er in den letzten Jahren „die Welt neu erfunden“, schreibt Piketty in der Danksagung. Hunderttausende Leser werden am Ergebnis teilhaben wollen. Ob der Idealist auch politischen Erfolg hat, steht auf einem anderen Blatt.


Aus: "Mit seinem neuen Werk macht sich Ökonom Piketty alle zum Feind – Linke wie Rechte" Thomas Hanke (12.09.2019)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/politik/international/buch-capital-et-ideologie-mit-seinem-neuen-werk-macht-sich-oekonom-piketty-alle-zum-feind-linke-wie-rechte/25003506.html


17
Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / Okkultismus (Notizen) ....
« on: September 11, 2019, 05:10:21 PM »
Quote
[...] In Gottfried Kellers Werken herrscht ein ziemlicher Geisterverkehr und ein grosses Gedränge der Untoten. Er exorzierte damit auch seine Zeitgenossen.

Beginnen wir mit einem Ärgernis. Das Ärgernis steht in der Abteilung Alte Drucke der Zentralbibliothek Zürich und trägt die Signatur 43.194. Es handelt sich um ein Konvolut dreier zusammengebundener Drucke aus dem 16. Jahrhundert, nämlich Johann Weyers «De praestigiis daemonum» (1563), Abraham Saurs «Theatrum de veneficis» (1586) und Johann Fischarts Übertragung von Jean Bodins «Daemonomania» (1581) – drei dem Frühneuzeitforscher wohlbekannte Kompendien über die Beschwörung von Geistern, das Hexenwesen, magische Praktiken. Die Faszination dieser Texte liegt in ihrer Doppelbödigkeit beschlossen: Man sammelt das Verbotene, das Okkulte, um vor ihm zu warnen – und tradiert es dadurch. Dieser Widerspruch bleibt indessen nicht unbemerkt, sondern führt insbesondere bei Fischart auch zu poetologischen Reflexionen über den Umgang mit dämonologischer Literatur. Wir haben es demzufolge nicht nur mit mentalitätsgeschichtlichen Dokumenten zu tun, sondern auch mit Werken, aus denen sich so etwas wie eine Theorie der Inspiration, des Verhältnisses von Spiritus und Buchstabe, der Einkörperung von guten und bösen Geistern in der Schrift destillieren liesse.

Nun gehört dieses Konvolut nicht schlichtweg zur Rara-Sammlung der Zentralbibliothek, sondern ist darüber hinaus als Bestandteil jener Bibliothek ausgewiesen, die aus dem Nachlass Gottfried Kellers im Jahre 1890 der Stadt Zürich vermacht wurde. Das weckt die Lust zur Spekulation: Gibt es denn dämonologische Textspuren bei Keller? Für die Literaturwissenschaft wäre das ein wunderbarer Beleg für ihre immer noch intakte Intuition, fand die seltsame Präsenz der Geister in Texten von Raabe, Fontane, Meyer, Storm und Stifter im zurückliegenden Jahrzehnt doch wachsende Beachtung. Führt am Ende gar ein verborgener Tunnel aus dem okkulten Denkraum der Frühneuzeit mitten ins Herz des Realismus? Immerhin: Auch in Storms Husumer Nachlassbibliothek findet man solch einschlägige Drucke (wenn auch aus dem 17. Jahrhundert), etwa Balthasar Bekkers «Die bezauberte Welt» und Peter Goldschmidts «Höllischen Morpheus». Wäre also die «Unterscheidung der Geister», die Differenz von gottergebener und missbräuchlicher Zeichenpraxis womöglich eine relevante Grösse, um Kellers Werk neu oder anders zu verstehen?

Nur allzu gerne würde man dem Rausch der Intertextualität verfallen, wenn, ja: wenn es nicht dieses eine Ärgernis gäbe. Kellers Bibliothek ist nämlich nicht Kellers Bibliothek. Wie wir dank den Recherchen von Peter Villwock wissen, ist das, was da 1890 von den Herren Bächtold und Escher inventarisiert wurde, nur ein Bruchteil dessen, was Keller wirklich an Büchern besessen hat. Und das wiederum, was davon noch übrig ist, gehört nicht zweifelsfrei restlos in Kellers Besitz. Um sicherzugehen, brauchte man entweder ein Exlibris oder die Zusatzsignatur J 136. Über keines von beiden verfügt unser Fund. In Kellers Briefwechseln und Notizbüchern findet keiner der drei Titel Erwähnung. Thematisch steht der Band innerhalb des erhaltenen Nachlasses völlig isoliert. Damit aber ist jede Überlegung hinsichtlich einer dämonischen Übersiedlung von dort in Kellers Werk dem wissenschaftlichen Zweifel schutzlos ausgesetzt. Es ist ein Jammer. Beginnen wir anders.

Ein Gerücht geht um im Aargau: Die Lehnsfrau Kunigunde von Schwarzwasserstelz habe einen heimlichen Liebhaber, so heisst es. «Ihm sei die schöne Frau in Liebe ergeben, und als starker Nekromant wandle er, wenn er in die Gegend komme, nächtlich über das Rheinwasser trockenen Fusses, um sie ungesehen zu besuchen; er gleite auf einer wie Gold leuchtenden Strickleiter oder, wie andere meinten, von Dämonen getragen an der Turmmauer empor bis zum offenen Fenster der Dame.» Bei diesem Mann handelt es sich, so lässt uns Gottfried Kellers Novelle «Hadlaub» bereits zu Beginn wissen, um den späteren Konstanzer Bischof Heinrich von Klingenberg. Dessen doch etwas ungewöhnliche Charakterisierung hat Keller sich nicht aus den Fingern gesogen.

Der Verdacht, dass dieser Mensch dämonischen Umgang pflegte, lässt sich immerhin bis ins 15. Jahrhundert, bis zur «Konstanzer Chronik» zurückverfolgen. Gustav Schwab hat dieses Detail dann im dritten Band von «Die Schweiz in ihren Ritterburgen und Bergschlössern» (1839) aufgegriffen, und dass Keller es dorther hat, ist nicht unwahrscheinlich. Jedoch: Es ist eben nur ein Detail. «Fuit enim Nigromanticus» – darauf beschränken sich die Chronisten, wenn es um Klingenbergs Geisterverkehr geht, und auch Kellers Erzähler hält es nicht für erläuterungsbedürftig. Es mangelt diesem Faktum an Motivation – es wird nicht erklärt und erklärt scheinbar auch nichts. Man möchte es gerne für das dekorative Element einer historistischen Staffage halten und es dabei bewenden lassen.

Indessen darf man Gottfried Keller zugestehen, dass er seine Geschichtsquellen zwar ausgiebig nutzt, aber nicht einfach verschwendet. Er hat ein Auge für den poetischen Wert von Randnotizen, und so dürfte es sich auch lohnen, den Auftritt des Dämonenbeschwörers Heinrich von Klingenberg weniger durch die Welt zu plausibilisieren, der er entnommen ist, als vielmehr durch die Welt, in die er versetzt wurde. Das aber ist die Welt der «Züricher Novellen» (1876/77), deren erster Band zwei historische Prozesse kunstvoll miteinander verschränkt: das Schicksal der Dichtung nach dem «Ende der Kunst» einerseits, die Geschichte Zürichs andererseits.

Am Ausgangspunkt beider Reflexionsstränge steht dabei ein und dieselbe Figur: Klingenberg. Er ist nicht nur Patron der Manessischen Liederhandschrift, deren Grundstock seiner Dombibliothek entstammt und die im Zentrum der Debatten um Originalität und Epigonalität steht. Darüber hinaus ist er auch der verschwiegene Vater der Fides, die am Ende der ersten Novelle an der Seite Hadlaubs «als Bürgersfrau in die aufstrebende Stadt» zieht und darin (und nicht nur darin) zur sozialhistorischen Allegorie Zürichs avanciert. Zieht man aber diese genealogische Funktion der Figur Heinrichs von Klingenberg ins Kalkül, so wird man nicht nur damit beginnen müssen, dem Verweis auf deren magische Fähigkeiten mehr Bedeutung beizumessen, sondern auch damit, die «Züricher Novellen» anders zu lesen: nämlich als die Geschichte eines Exorzismus.

Sieht man einmal genauer hin, dann zeigt sich, dass dieses Erzählen von Anfang an in der Tat «besessen», dem Treiben der Geister ausgeliefert ist und sich vor ihnen zu schützen versucht. Am markantesten zeigt sich dies an zwei der charmantesten Figuren der Kellerschen Novellistik: an Buz Falätscher, dem «Narr auf Manegg», und an Figura Leu, der Vertrauten des «Landvogts von Greifensee». Es handelt sich um Gestalten, die von der Geschichte ausgeschlossen wurden. Buz, den letzten Sprössling des Manesse-Geschlechtes, hält die Vergangenheit gefangen: Den «guten Geist», den ihm das Leben in Form seines «Weibleins» zur Seite gestellt hat, vergrätzt er und ersetzt ihn durch die fixe Idee, das Dasein seiner Vorfahren zu wiederholen – ein Versuch, der in der brennenden Ruine Manegg sein jähes Ende findet. Figura wiederum wäre zur Frau des Salomon Landolt bestimmt gewesen und hätte als solche die Linie einer Zürcher Dynastie verlängern können. Dass sie es nicht tut und die Linie bei Salomon endet, verantwortet ein Familienleiden: Der schwermütigen Mutter muss sie auf dem Sterbebett versprechen, niemals zu heiraten, um der weiteren Vererbung des Defektes Einhalt zu gebieten.

In zweifacher Ausführung begegnet dem Leser hier die Austreibung der Geister aus der Historie. Im Falle der Figura Leu vollzieht sich diese Austreibung durch Verzicht: Eine Frau, die als «elementares Wesen» eingeführt wird und sich «leicht wie ein Geist» durch die Räume bewegt, verzichtet darauf, sich mit den Lebenden zu verbinden – aus Angst davor, diese in den Abgrund hinabzuziehen. Dieser Abgrund aber ist die Schwermut. Die «Irren wurden» einst «in den Familien behalten und lebten langehin als unselige dämonische Wesen in der Erinnerung». So gedenkt Figura des Schicksals ihrer Mutter, und darin steckt ein Doppelsinn: Die am Geist Erkrankten werden nicht nur in den Familien als dämonische Wesen im Gedächtnis bewahrt, sondern sie werden vielmehr erst zu dämonischen Wesen, weil sie in den Familien bleiben und dazu verdammt sind, in der Erinnerung, in ihrer Erinnerung zu leben.

Genau das ist die Diagnose, die dem Buz Falätscher zu stellen ist. Dieser vermacht sein Leben den Ahnen, das er in den Büchern aufgespeichert glaubt, vor allem in dem einen, dem Codex Manesse, den er an sich nimmt und «auszuschreiben» beginnt. Das Resultat ist bezeichnend: Die Verse des Nachfahren sind nicht bloss missraten, sondern besitzen jenen «schauerlichen Klang, der nur in der Geisternacht ertönt und nicht nachgeahmt werden kann».

Dort, wo sie sich mit der Vergangenheit einlässt, droht die Dichtung von Dämonen ergriffen zu werden. Im Lichte dieser Erkenntnis wird nun auch verständlich, warum Keller Heinrich von Klingenberg nicht einfach einen «Nigromanten», einen Schwarzkünstler, hat sein und einen «Nekromanten» hat werden lassen. Hinter der (durchaus geläufigen) Umformung verbirgt sich nämlich das poetische Selbstverständnis dieser Texte: Die Geister der Geschichte zu bändigen, das ist eine hohe Kunst, die nur eine Literatur beherrscht, die im wahrsten Sinne des Wortes über «nekromantische» Fähigkeiten verfügt, also: die Toten zu beschwören vermag. Die Archivare und Bestandswahrer wie Klingenberg, wie Rüdiger von Manesse, wie Hadlaub, das sind Totenbeschwörer, die stets vom «Dämon aller Sammler und Liebhaber» begleitet werden.

Es müssen nicht zwangsläufig die Lieder verblichener Minnesänger, die Stimmen der sterbenden Menschen sein, die dieser Dämon aus den Gräbern an sich zieht. Der Landvogt vom Greifensee etwa sammelt seine zerronnenen Fast-Ehefrauen und zimmert daraus ein «magisches Pentagramma von fünf Häuptern». Andere sammeln wiederum nur ihre eigene Vergangenheit, wie etwa der grüne Heinrich der zweiten Fassung, der das Manuskript seiner Jugendgeschichte nebst einem Totenschädel umherschleppt und deswegen von seinem Gastgeber, dem Grafen, zunächst für einen «Geisterbeschwörer» gehalten wird.

Die «Züricher Novellen» – und hierin erweisen sie sich als das ideologische Zentrum des späten Keller – inszenieren dieses riskante Widerspiel von Beschwören und Bannen der Toten in einer Doppelperspektive, in einer Vor- und einer Nachgeschichte. Zunächst lassen sie erahnen, dass die Dämonisierung der Geschichte eigentlich ein Effekt der Säkularisierung ist: Das Kompilieren von Dokumenten, das Verlangen, sich alles immer «in Copia geben» zu lassen, ist geknüpft an die Überzeugung, dass es ein «Uebel» sei, wenn «alles nur in den Gotteshäusern aufgeschrieben und bewahrt werde». In der Abschrift verlassen die Stimmen der Toten den Schutzraum der Kirche, und wer sich von nun ab schreibend mit den Quellen der Vergangenheit zusammenschliesst, der handelt auf eigene Gefahr und Verantwortung. Die Heilsgeschichte kann ihn nicht mehr retten.

Und da ist man dann auch schon bei der Nachgeschichte, der Erzählung vom «Herrn Jacques», die jenen ersten Band der «Züricher Novellen» moderiert und umschliesst. Jacques, ein junger Mensch, gespannt zwischen den «unbewussten Trieb», sich in die Geschichte der Zürcher Originale einschreiben zu wollen, und das beklemmende Gefühl, aus dieser Geschichte bereits verbannt zu sein – viel aktueller und tagespolitischer kann man es nicht haben.

Auch Jacques umstricken die Dämonen der Schweizer Historie, der mythischen wie der beglaubigten: die Gebeine von Felix und Regula, die «guten Geister des Liederbuchs», der von seiner eigenen Zeit bereits «überlebte» Johann Jakob Bodmer. Gemeinsam mit Fides blickt er hinab in die «Dämmerungen der Tiefe, in welcher unsichtbares Volk waltete, dem die Zukunft gehörte»; gemeinsam mit Buz Falätscher wird er von der Qual erlöst, «sein zu wollen, was man nicht ist».

Doch was meinte man eigentlich zu sein? Wohl doch das: Jemand, der die Vergangenheit als eine Potenz der Gegenwart, des eigenen Schaffens, der eigenen Werte zu erkennen und zu nutzen vermag. Kellers poetische Dämonologie setzt genau an diesem Punkt an. Sie verortet sich in einem historischen Moment, der dem unsrigen gar nicht einmal so unähnlich ist, in einer Zeit des «unechten Lebens, das über hundert Jahre im Verborgenen gewuchert hatte», einer Zeit falsch und halb verstandener nationalkultureller Traditionen. Mit ihnen nichts anfangen zu können, Epigone zu sein, in einer Epoche zu leben, die der Überlieferung nichts zuzusetzen hat, das wäre für sich genommen gar nicht einmal so schlimm.

Verderblich hingegen ist es, diesen Umstand zu leugnen und ein historisches Kontinuum dort zu behaupten, wo gar keines vorliegt. In Kellers Werk kann man in schöner Regelmässigkeit beobachten, was mit denjenigen geschieht, die von der Geschichte Besitz zu ergreifen versuchen und nicht merken, dass sie dabei selbst ergriffen werden: Besessene sind es, wie eben der Narr auf Manegg, die Täufer in «Ursula» oder wie Kurt vom Walde aus den «Missbrauchten Liebesbriefen». Und ihre Rede verrät stets den wahren Urheber.

Im Angesicht einer dämonischen Zeit, deren Ikone die lebenden Toten sind, wissen Kellers Novellen nur ein Schutzritual: das Opfer der Kunst. Am Ende, als der zum Mäzen gewandelte Jacques einen seiner Stipendiaten in Rom aufsucht, um einen «dürstende[n] Faun» zu begutachten, «der schon aus dem Marmor herauswachsen soll», wird er die Dämonen noch einmal vernehmen können. Inmitten der römischen Wildnis ist es ihm, als ob «ein unsichtbares Bacchanal verschollener Geister abgehalten würde». Zurückgelassen haben sie eine Leiche, nämlich besagten Faun, den Gott des Waldes, dessen Enthüllung eher Züge einer Obduktion hat – ein verdorrter, zerfallender Körper, der ohne Weinschlauch geblieben ist und vielmehr «um etwas Flüssiges zu beten» scheint.

Der junge römische Bildhauer hat geheiratet, seine Karriere hinter sich gelassen, und während sich die Hochzeitsgesellschaft nun tatsächlich in den Bacchanalien befindet, ist das marmorne Gefolge des Dionysos darüber verdurstet. In der Kunst, deren Körper man die Geister ausgetrieben hat, begegnen wir nur noch seinen sterblichen Überresten. Es sind die Überreste eines Exorzismus. Eines Exorzismus der Geschichte.


Aus: "Besessen von den Toten" Philipp Theisohn (25.5.2015)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/besessen-von-den-toten-1.18547312

-

"Gottfried Kellers Okkultismus" Von Kay Wolfinger (Archiv / Frühere Ausgaben / Nr. 7, Juli 2019 / Schwerpunkt II: 200. Geburtstag von Gottfried Keller / Essays)
„Die Geisterseher“ – eine (Re)Konstruktion und Spurensuche
https://literaturkritik.de/gottfried-kellers-okkultismus-die-geisterseher-eine-rekonstruktion-und-spurensuche,25871.html

...

18
Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / Okkultismus (Notizen) ....
« on: September 11, 2019, 05:00:18 PM »
Quote
[...] Göttingen/Lindau. Seit rund vier Monaten verhandelt das Landgericht Göttingen über einen ungewöhnlichen Mord. Ein 27-jähriger Mann aus Landsberg am Lech ist angeklagt, im Dezember 2017 an seinem Wohnort in Lindau einen 37-jährigen Hausnachbarn erdrosselt zu haben.

Später soll er die Leiche zerstückelt und gemeinsam mit einem anderen Mitbewohner vergraben haben. Inzwischen hat das Gericht nicht nur viele Zeugen, sondern auch viel Gruseliges gehört.

Der Angeklagte gehörte ebenso wie mehrere andere Hausbewohner einer obskuren Vereinigung an, die ihr Vermieter initiiert hatte. Dieser hatte gezielt esoterisch Interessierte als Mieter angeworben. Das Gebäude wurde so zu einer Art Geisterhaus, in dem okkultistische Handlungen und Rituale praktiziert wurden.

Die Umtriebe standen in starkem Kontrast zu der vorherigen Nutzung: Das Gebäude war vorher als Gästehaus für Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung genutzt worden, die mit rationalen Methoden den Geheimnissen des Universums auf die Spur zu kommen versuchen. Nachdem das Institut 2014 nach Göttingen umgezogen war, kaufte ein 31-Jähriger aus dem Raum Hildesheim das leer stehende Gebäude.

Gleichzeitig betätigte sich der neue Besitzer der Immobilie als selbst ernannter Sprecher des „Deutschen Hüterordens“. Dem mit düsteren Videos untermalten Internet-Auftritt zufolge sollte sich dahinter eine „besondere und geheimnisvolle Gemeinschaft“ verbergen.

Folgt man den Aussagen einiger früherer Hausbewohner, verband der 31-Jährige mit seinem „Geheimbund“ indes offenbar auch eine ganz profane Geschäftsidee. Interessenten, die sich von dem Mix aus Mystik, Okkultismus, Germanen-Gedöns und Verschwörungstheorien angezogen fühlten, animierte er dazu, nicht nur dem „Orden“ beizutreten, sondern auch eine Wohnung zu nehmen.

Nach und nach zogen allein lebende Männer aus ganz Deutschland in den Ort, in dem es weder einen Bahnanschluss noch einen Supermarkt gibt. Einige – wie das spätere Opfer – suchten nur eine billige Wohnung, andere nach Gleichgesinnten.

Wer Mitglied im Orden werden wollte, musste zuvor verschiedene Aufnahmerituale durchlaufen. Wie diese abliefen, wollte keiner der Zeugen so genau sagen, weil sie geschworen hätten, nichts über den Geheimbund zu erzählen. Ein in Celle stationierter Bundeswehrsoldat, der trotz der Entfernung ins mehr als 100 Kilometer entfernte Lindau gezogen war, berichtete, dass man verschiedene Stationen vom Keller bis zum Dachgeschoss durchlaufen musste.

Mit der Aufnahme bekam jeder einen Ordensnamen. Der Soldat wählte einen Namen aus einem Computerspiel. Der 31-jährige Initiator trat unter dem Namen „Kronum“ auf, der wohl seine höhere Stellung dokumentieren sollte. Ein 23-Jähriger, der anfangs von der Germanen-Mystik angetan war, nannte sich „Polarwolf“. Später habe ihn der Orden aber nicht mehr interessiert, weil andere Sachen im Vordergrund gestanden hätten, erklärte er vor Gericht. Wegen dieser „anderen Sachen“ rückte zweimal ein Sondereinsatzkommando der Polizei in dem Haus an.

Einige Monate nach dem ersten SEK-Einsatz verurteilte das Landgericht Braunschweig den 23-Jährigen, der sich in dem Prozess als überzeugter Nationalsozialist ausgab, wegen Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat. Aktuell ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen ihn wegen des Verdachts der Gründung einer rechtsterroristischen Vereinigung.

Der Vermieter betrieb auch einen okkulten Online-Shop. Ein Ex-Hausbewohner berichtete, dass sie für die Internet-Präsentation im Keller einen Altar hergerichtet hätten, auf dem man die Produkte drapiert habe – „kein hochwertiges Zeugs“, sondern „krasse Dinge“ wie ein Totenkopf für mehrere tausend Euro oder Schriftrollen mit Runen- oder Keilschrift.

Die Polizei fand heraus, dass ein dem Orden angehörender Metzger aus Sachsen-Anhalt die Pergamentrollen hergestellt hatte. Mehrere Zeugen berichteten, dass der Vermieter ihnen nahegelegt habe, diese Pergamentrollen zu kaufen, um diese dann bei den entsprechenden Zeremonien als „Opfergabe“ zu verbrennen.

Ein 33-jähriger aus Baden-Württemberg hatte anfangs an einem Treffen mit anderen Ordensinteressierten in Thale im Harz teilgenommen. Dort hätten sie auf dem Hexentanzplatz und anderen mystischen Orten Spaziergänge „in der Vergangenheit von tausenden von Jahren“ unternommen. Er sei fasziniert gewesen von dem Aufnahmeritual, bei dem sie mit Fackeln im dunklen Wald einen „Schwur vor der Gottheit“ geleistet hätten: „Es gab ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl, das ich noch nie in meinem Leben hatte.“

Nachdem er in das Haus gezogen war, sei aus dem Gemeinschaftsgefühl ein Albtraum geworden. Die Geisteranrufungen bei den Séancen, die maskierten und in dunkle Roben gekleideten Ordensmitglieder, die angsteinflößenden Geschichten über verärgerte Gottheiten – all das habe bei ihm einen Horrorflash ausgelöst, der in einen Suizidversuch mündete.

Vor allem der Angeklagte, der immer eine Puppe herumtrug, habe ihm große Angst gemacht: „Für mich war es das Geisterhaus schlechthin“, sagte der 33-Jährige.

Die mysteriöse Puppe trug den Namen Anneliese und war offenbar von großer Bedeutung für den Angeklagten. Die Ermittler vermuten, dass der Name mit einem aufsehenerregenden Exorzismusfall in Zusammenhang steht. 1976 war die Studentin Anneliese Michel nach Teufelsaustreibungen durch katholische Priester gestorben.

Der Angeklagte soll nach dem Mord in Lindau gegenüber einem Mitbewohner geäußert haben, dass es ein erhabenes Gefühl gewesen sei, einen Menschen sterben zu sehen und zu erleben, wie die Seele den Körper verlasse. „Ich hab‘s endlich getan“, habe er erklärt.

Acht Monate später bekam er offenbar Gewissensbisse. Im August beichtete er nach einem Suizidversuch, seinen Hausnachbarn getötet und die Leiche zerteilt zu haben. Anders hätte er die Leiche nicht wegschaffen können, sagte er vor Gericht.

Bei der Bergung stellten die Ermittler fest, dass die beiden Oberarme und ein Oberschenkel fehlten. Angeblich wurden sie im Müll entsorgt. Auch das Messer, mit dem die Leiche äußerst akkurat zerteilt wurde, ist verschwunden, ebenso die mysteriöse Puppe. Ob ihr Verbleib noch geklärt werden kann, ist zweifelhaft.


Aus: "In Lindau: ein Geisterhaus voll Mystik und Okkultismus" (05.06.2019)
Quelle: https://www.hna.de/lokales/northeim/lindau-ort28988/in-lindau-ein-geisterhaus-voll-mystik-und-okkultismus-12354953.html

Quote
Nasenzwerg

Das alles ist doch krank. ...


...

19
Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / Okkultismus (Notizen) ....
« on: September 11, 2019, 04:51:38 PM »
Quote
[...] Der moderne Okkultismus beginnt am letzten Märzabend 1848 in Hydeswill, so beschreibt es Thomas Knoefel in seinem Buch. Zwei Schwestern fangen an, per Klopfalphabet mit einer im Hause verstorbenen Entität zu kommunizieren. „Geister haben sich schon immer gezeigt und gemeldet. Aber das gab es zuvor in diesem Ausmaß noch nicht, dass der Verkehr mit den Geistern dialogisch wird.“

Dieses Ereignis habe sich schnell verbreitet, „es fing an, überall zu klopfen“. Es gebe Zahlen, die allerdings nicht ganz sicher seien, dass Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika zehn Millionen praktizierender Spiritisten von 30.000 professionellen Medien bedient wurden. Die Bewegung habe sich dann schnell nach Europa verbreitet, Anfang der 1850er Jahre. Vor allem in England und Frankreich und dem badischen Raum in Deutschland haben sich Menschen der Bewegung angeschlossen.

An der amerikanischen Ostküste sei es so gewesen, „dass es da Masseneinwanderung gab, dass es eine bestimmte Form von Anarchie ausgebildet hat, und plötzlich Dinge, die sehr randständig waren, im Mittelpunkt stehen konnten“. Gerade nach den Kriegen hatte es eine Art Konjunktur, so Knoefel. „Manchmal ist es auch so, wenn sehr viel gestorben wird, dass Menschen eine Art von Trost brauchen.“ Gerade, wenn die Toten nicht in der Heimat gefallen seien, habe es noch einen rituellen Abschied gebraucht, um den Tod zu besiegeln.

Beim Spiritismus handelt es sich für Thomas Knoefel nur zum Teil eine reaktionäre Bewegung. „Es ist viel mehr eine wesentliche Unterströmung der Moderne, oft klassenlos, weltoffen, formuliert Sozialutopien“. Auch dass so viele Frauen als Medium gearbeitet haben, sei sehr fortschrittlich gewesen. Es war die Chance eines sozialen Aufstiegs für die Frauen. Bei den vielfältigen Phänomenen, die Thomas Knoefel in seinem Buch beschreibt, gehe es ihm nicht darum, Vermutungen zu äußern, ob es sich um unbewusste Mehrleistungen, Wahrnehmungstäuschung, schlichten Betrug oder doch etwas Übersinnliches handele. „Die Zeichen bleiben in der Schwebe, ich beschreibe einfach nur und versuche mich dabei aller Wertung zu enthalten.“

Thomas Knoefel: „Okkultes Brevier. Ein Versuch über das Medium Mensch“
Matthes & Seitz Berlin, 2019. 394 Seiten



Aus: "Buch über das Paranormale: „Es fing an, überall zu klopfen“" Thomas Knoefel im Corsogespräch mit Ina Plodroch (09.09.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/buch-ueber-das-paranormale-es-fing-an-ueberall-zu-klopfen.807.de.html?dram:article_id=458394

20
Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / Okkultismus (Notizen) ....
« on: September 11, 2019, 04:45:06 PM »
Quote
[...] (Rom) Wer waren die treibenden Kräfte des Risorgimento, jener italienischen Einigungsbewegung, die zwischen 1859 und 1870 die staatliche Einheit Italiens durchsetzte? „Eine schöne Ansammlung von Spiritisten, Okkultisten und Freimaurern“, so der katholische Publizist Marco Respinti: „Die Väter des Vaterlandes, zeitlich gesehen von den ersten bis zu den jüngsten, pflegen Ideen, die in direktem Gegensatz zu jenen stehen, die von der katholischen Kirche verkündet werden und die im Volk verankert sind“.  Diese ungewohnte, weder mit den Schulbüchern noch der offiziellen Staatsdoktrin konforme Sichtweise, bietet das Buch von Pierluigi Baima Bollone: „Esoterik und Persönlichkeiten der italienischen Einigung. Von Napoleon zu Napoleone Emanuele III.“((Bollone Baima, Pierluigi: Esoterismo e personaggi dell’Unità d’Italia. Da Napoleone a Vittorio Emanuele III. Priuli e Verlucca editore, Borgaro Torinese 2011))

Der 80jährige Chirurg ist emeritierter Professor für Gerichtsmedizin an der Universität Turin, Mitglied der Konferenz der Ethik-Komitees der Region Piemont, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Standardwerke zur Gerichtsmedizin. Baima Bollone ist auch Ehrenpräsident des Internationalen Zentrums zur Erforschung des Turiner Grabtuchs. Unter seinen wissenschaftlichen Publikationen befassen sich mehrere mit dem Grabtuch von Turin.

Der Universitätsprofessor und Arzt Baima Bollone wollte keine Geschichte der italienischen Einigungsbewegung schreiben. Er wollte jedoch den zahlreichen okkulten Spuren nachgehen, die ihn im Laufe der Jahre bei der Beschäftigung mit den führenden Gestalten des Risorgimento stutzig machten. Seine Parallelgeschichte beleuchtet scheinbar bestens bekannte Ereignisse der europäischen und italienischen Geschichte in einer neuen Lesart. Sie kann nicht alles erklären, bietet aber durchaus neue Elemente, um wenig beleuchtete ideengeschichtliche Hintergründe des italienischen Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts zu erhellen.

Die damals von Hochgradfreimaurern und erklärten Kirchenfeinden geschaffene Staatsdoktrin eines zentralistischen Staatswesens gilt nach wie vor. Sie war das Gegenteil dessen, was Papst Pius IX. 1848 angeregt hatte, als es schien, als würde sich der Papst an die Spitze einer italienischen Einigungsbewegung stellen. Pius IX. schlug einen Bundesstaat vor, der den historischen und kulturellen Eigenheiten der italischen Halbinsel Rechnung tragen sollte. Als kirchenfeindliche Tendenzen bei den Einheitsverfechtern unübersehbar wurden, zum Beispiel das Verbot des Jesuitenordens in Piemont 1848, zog er sich zurück. Der damals entstandene Gegensatz zwischen „staatstragenden“ Kräften und katholischer Kirche bedeutete bis zu den Lateranverträgen von 1929 ein feindliches Gegeneinander und wirkt teilweise bis heute nach.

Was Baima Bollone jedenfalls bestens gelingt, ist es Zug um Zug nachzuweisen, wie sehr die sich selbst als „durch die reine Vernunft erleuchtete“ und vom „mittelalterlichen Aberglauben der Religion“ emanzipierte Elite des geeinten Italiens vielfach okkultistischen und skurrilsten abergläubischen Praktiken anhing.

Mit der unermüdlichen Ausdauer des Forschers nähert er sich auch der okkulten Seite des Risorgimento, die gewissermaßen die dunkle, unbekannte Seite dieses unruhigen Kapitels italienischer, aber auch europäischer Geschichte darstellt. Er stellte eine beeindruckende Sammlung von Fundstücken zusammen, die durch einen Bildteil von noch unbekannten Photographien und Darstellungen ergänzt wird, die eine andere Sprache sprechen als jene offizielle Version, die durch Generationen von Schülern Teil des kollektiven Gedächtnisses wurden.

Der Okkultismus war im 19. Jahrhundert vor allem in sozial höher gestellten Gesellschaftskreisen geradezu eine Mode. Etliche Elemente des Buches waren daher bereits in Biographien einzelner Persönlichkeiten allgemein zugänglich. Erst Baima Bollone fügte sie jedoch zu einer analytischen Gesamtschau zusammen.

Den Ausgangspunkt der Darstellung bildet Napoleon Bonaparte, da für Baima Bollone die gängige Chronologie der italienischen Einigungsbewegung zu kurz greift. Die italienische Einigung hat ihren Ursprung nämlich außerhalb Italiens in der Person des (italienischen) korsischen Franzosen Bonaparte, dem künftigen „Kaiser der Franzosen“, der im Juni 1800 mit der Schlacht von Marengo in Piemont den Prozeß auslöste, der zur politischen Einigung der italischen Halbinsel führen sollte.

1805 proklamierte Napoleon das erste Königreich Italien, das zwar nur einen Teil Norditaliens umfaßte, doch einen Namen trug, der zum Programm wurde. Dieses napoleonische Vasallenkönigreich existierte bis zur Niederlage Napoleons, offiziell mit seiner Abdankung als König von Italien am 11. April 1814. Es war Napoleon, so Baima Bollone, der der italienischen Einheit ein okkultes Gesicht verpaßte, indem er sich wahrscheinlich „während des Ägypten-Feldzugs 1798 in Memphis in die Freimaurerei aufnehmen ließ“ und in Kairo möglicherweise „die Isis-Loge des Memphis-Misraï m-Ritus“ mitbegründete, deren Ursprung meist erst auf die Jahre 1805 beziehungsweise 1814 datiert wird.

Parallel mit den französischen Revolutionstruppen trat in Italien auch eine Vielzahl von Sekten, okkulter Gruppen, Logen und subversiver Kreise auf. Es wimmelte geradezu von wirklichen und vermeintlichen Aufrührern und konspirativen Akteuren. Reguläre, irreguläre und angebliche Freimaurer, Spiritisten verschiedener Obedienzen, Mesmeristen des animalischen Magnetismus, Synkretisten und Theosophen, bayerische Illuminaten, Esoteriker und Okkultisten jeder Couleur sowie zahlreiche Illusionisten vernebeln die Szene, „daß man kaum erkennen kann, wo die wirklich durch Initiation ‚Erleuchteten‘ beginnen (nur wenige, dafür aber gefährliche) und wo hingegen nur die Verkäufer von Staubsaugern handeln (von denen eine große Zahl die Halbinsel abklapperte)“, wie Respinti schreibt.

Ausgestattet mit einer Fülle von neuheidnischen, pseudoantiken und orientalisierenden Symbolen war das von Baima Bollone beschriebene Italien der liberalen Kreise eine Art „russischer Salat des Vor-New-Age“. Das war „ein beliebter Zeitvertreib der Snobs“ der damaligen Zeit, übte gleichzeitig aber einen nicht unbeträchtlichen Einfluß auf jene Elite aus, die Träger des Risorgimento war. Baima Bollone führt den Leser auch in das auf den ersten Blick kurios anmutende Konnubium ein, das Okkultismus und Positivismus in aller Öffentlichkeit eingingen. Der vermeintliche Widerspruch einer solchen „eingetragenen Partnerschaft“ wurde zur Konstante der Moderne. Für nicht wenige Akteure jener Zeit (aber wohl nicht minder heute) scheint jedes Mittel recht, wenn es darum geht, dem Gott der Katholiken den Krieg zu erklären, eben auch die Verherrlichung der Technik und durch spiritistische Séancen gerufene Geister.

So stimmte der Dichter des neuen geeinten Vaterlandes, Giosue Carducci die „Hymne an Satan“ an, um durch die Anrufung des Fürsten der Finsternis die „philosophische Vernunft“ gegen die Religion der Päpste zu behaupten. Ebenso war der bekannte jüdische Gerichtsmediziner Cesare Lombroso, ein überzeugter Sozialist, Positivist, Rassist und Eugeniker, jedenfalls alles andere als ein gläubiger Katholik, der die anthropologische Tätertypenlehre entwickelte und auf den sich der Nationalsozialismus in der Durchführung medizinisch-eugenischer Programme an Kriminellen und Geisteskranken berief, ein faszinierter Anhänger des spiritistischen Mediums Eusapia Palladino.

Camillo Benso Graf Cavour, der als Ministerpräsident die Einheit Italiens verwirklichte und dessen Verfassung entwarf, schneiderte sich ein selbstgemachtes Evangelium zusammen. Cavour verachtete die Kirche und förderte die Freimaurerei soweit es ihm möglich war, und ihm war sehr viel möglich. Maßgeblich durch ihn wurde das geeinte Italien ein Freimaurerstaat. Wer etwas werden wollte, ob in Politik, Verwaltung, Schule oder Heer, mußte eine Logenmitgliedschaft vorweisen können. Dieses masonische Monopol auf einen ganzen Staat dauerte bis zur Machtübernahme des Faschismus an. Cavour selbst gehörte der Freimaurerei allerdings nicht an, wie häufig irrtümlich wegen seiner freimaurerfreundlichen Haltung behauptet wird. Sie war für seinen Geschmack viel „zu religiös“.

„Fest steht“, schreibt Baima Bollone, „daß sich kurz nach seinem Tod die Nachricht verbreitet, Cavour habe am Sterbebett beichten, die Letzte Ölung und die Heilige Kommunion empfangen wollen und es sei sein erklärter Wille gewesen, daß öffentlich bekannt werde, daß er als Katholik gestorben sei, wie er als solcher auch immer gelebt habe. Sollte dies der Wahrheit entsprechen, hätte Cavour mit dieser letzten Erklärung tatsächlich alles verleugnet, was sein politisches Handeln bestimmt hat“.

Giuseppe Mazzini, der andere „Säulenheilige“ vaterländischer Staatsdoktrin, war Zeit seines Lebens hin- und hergerissen zwischen protestantischen Tendenzen und Deismus. Vom Spiritismus wurde er magisch angezogen und es scheint, will man einigen von Baima Bollone aufgefundenen Spuren folgen, als habe er auch an die Existenz von Außerirdischen geglaubt. Gesichert ist, daß er an die Reinkarnation glaubte und die Lehren der Theosophin Helena Petrovna Blavatsky verehrte (der wir das zweifelhafte Wissen über angeblich im Meer versunkene Kontinente „verdanken“, die die New-Age- und Esoterik-Szene noch heute beschäftigen). Petrovna Blavatsky, geborene Helena von Hahn-Rottenstein unterwies selbst den Mahatma Gandhi, wie deren moderne Anhänger nicht müde werden, zu betonen.

Dieselbe Madame Blavatsky war ehrlich bezaubert von Giuseppe Mazzini und Giuseppe Garibaldi (im Bild als Freimaurer, deren Großmeister er war). Der „Held der beiden Welten“, Freimaurer des „ägyptischen“ Ritus, gehörte zu den verbissenen Feinden der Christen und war einer der hemmungslosesten Antiklerikalen. Eines Tages kaufte sich Garibaldi sogar einen „elektrischen Gürtel“, damals die neueste „Erfindung“ findiger esoterischer Geschäftsleute, um seine schwächelnde Potenz wiederzubeleben. Der „kosmischen“ Bauernfängerei gingen Scharen von Leichtgläubigen und Anhänger der pseudowissenschaftlichen Religion des Materialismus auf den Leim.

Die „okkulte Geschichte des Vaterlands“ (Marco Respinti) führt geradewegs zu den Sozialismen und Faschismen, die in der Zeit nach Erreichung der italienischen Einheit das Risorgimento vollendeten, auch in Sachen Esoterik. Der Freimaurer Arturo Reghini, einer „bestimmten Rechten“ nicht unbekannt, „setzt 1924 die ‚Heiligen‘ Mazzini und Garibaldi an die ideelle Spitze ‚einer imperialistischen und laizistischen, heidnischen und ghibellinischen Partei‘, entschlossen, sich der christlichen, römischen Kirche entgegenzustellen, die Mutter aller liberal-demokratischen und sozialistischen Internationalismen“ sei, so Baima Bollone.

Und das Königshaus der Savoyer? Viktor Emanuel II. war ausgesprochen abergläubisch und die Königin Margherita „war offen für den Okkultismus“. Sie wünschte „genau zu wissen, wie das Jenseits ist“.

Baima Bollone äußert zudem den Verdacht, daß jemand das Risorgimento auszunützen versuchte. Verschiedene, der von ihm skizzierten Akteure hätten an Persönlichkeitsstörungen gelitten, an Persönlichkeitsspaltung und seien daher pathologische Fälle gewesen.


Aus: "Eine Ansammlung von Spiritisten, Okkultisten und Freimaurern" BQ/Giuseppe Nardi (28. August 2018)
Quelle: https://katholisches.info/2018/08/28/eine-ansammlung-von-spiritisten-okkultisten-und-freimaurern/

Pages: [1] 2 3 ... 129