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[...] Am Montagmorgen, knapp 24 Stunden nachdem Donald Trump das Spiel mit dem Feuer begonnen hatte, legte der amerikanische Präsident nach: „Wann werden die linksradikalen Kongressabgeordneten sich entschuldigen?“, fragte er auf Twitter. „Bei unserem Land, dem israelischen Volk und sogar beim Amt des Präsidenten.“ Dass er nach einer Entschuldigung der vier Parlamentarierinnen auch seine eigenen Äußerungen zurücknehmen werde, fügte er nicht an. Vielmehr war seine abermalige Provokation eine Botschaft ans eigene Lager, standhaft zu bleiben. Bislang schweigen die Republikaner zu dem Vorfall, bei dem der Präsident sich nicht nur nach Meinung der linksliberalen Öffentlichkeit offen rassistisch geäußert hatte.

Trump hatte am Sonntag auf Twitter ganz bewusst provoziert: Es sei sehr interessant zu sehen, dass „progressive Abgeordnete“, die aus Ländern stammten, deren Regierungen völlige Katastrophen seien, dem amerikanischen Volk, der großartigsten und mächtigsten Nation auf Erden, nun lauthals und bösartig sagten, wie das Land zu führen sei. Weiter schrieb er: „Warum kehren sie nicht heim und helfen dabei, die vollkommen kaputten und von Kriminalität befallenen Orte, aus denen sie gekommen sind, in Ordnung zu bringen?“ Gemeint waren Alexandria Ocasio-Cortez (gebürtige New Yorkerin, ihre Familie stammt ursprünglich aus Puerto Rico); die Afroamerikanerin Ayanna Pressley (geboren in Cincinnati); Rashida Tlaib (geboren in Detroit, ihre Familie ist palästinensischer Herkunft); und schließlich: Ilhan Omar, die einzige Abgeordnete der vier Vertreterinnen des linken Flügels der Demokraten, die tatsächlich nicht in den Vereinigten Staaten geboren wurde, sondern in Somalia.

Die vier Abgeordneten zählen zu Trumps schärfsten Gegnern im Kongress: Einige haben sich offen für ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn ausgesprochen, andere untersuchen das Finanzgebaren der Trump-Organisation. Allesamt sind sie vehemente Kritikerinnen seiner Migrationspolitik. Die Flüchtlingsunterkünfte nennen sie „Konzentrationslager“ – ein Vergleich, der nicht nur im Weißen Haus, sondern auch in Israel für Empörung gesorgt hatte. Um all das ging es Trump aber nicht. Der Präsident gab sein eigentliches Motiv zu erkennen, als er schrieb, auch Nancy Pelosi, die „Sprecherin“ des Repräsentantenhauses, wäre sicher erfreut, wenn die vier Abgeordneten sich in ihre Heimat aufmachten.

Hintergrund ist ein seit Wochen tobender Streit zwischen der demokratischen Kongressführung und den linken Wortführern über die Migrationspolitik. Es fing damit an, dass Pelosi sich auf Druck moderater Kräfte in ihrer Fraktion genötigt sah, einem Grenzschutz- und Nothilfepaket, das die Republikaner eingebracht hatten, zuzustimmen. Mit den bewilligten Geldern wird nicht nur die humanitäre Hilfe für Migranten finanziert, was die Moderaten zur Zustimmung bewogen hatte. Die Mittel dienen auch dazu, die Grenzbehörden besser auszustatten, weshalb der einflussreiche Büroleiter der Abgeordneten Ocasio-Cortez kürzlich auf Twitter den Vorwurf erhob, die Demokraten „ermöglichten ein rassistisches System“.

Diesen Konflikt wollte Trump durch seinen Tweet anheizen. Er bewirkte aber das Gegenteil. In einer ersten Reaktion sagte Pelosi, die Äußerung über „vier amerikanische Abgeordnete“ bestätige einmal mehr: Wenn Trump von „Make America great again“ rede, sei eigentlich gemeint: „Make America white again“. Er wolle Amerika nicht zu alter Größe führen, sondern die Vorherrschaft der Weißen wiederherstellen. Die Vielfalt sei aber Amerikas Stärke und die Einigkeit seine Macht.

Das bisherige Schweigen der Republikaner offenbart den zerbrechlichen Zustand der Präsidentenpartei: Zweieinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt hat Trump in weiten Teilen der Partei eine Atmosphäre geschaffen, in der jedwede Kritik an ihm als Verrat gilt. Wer das Wort gegen den Präsidenten erhebt, gilt sogleich als verweichlichter Liberaler. [...]


Aus: "Provokation auf Twitter : Trumps Spiel mit dem Feuer" Majid Sattar (15.07.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/twitter-trump-will-konflikte-unter-den-demokraten-schueren-16286419.html

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     Hauke Pütz (voliant), 16.07.2019 - 00:53

moderat ausgedrückt, könnte man herrn trump ja mal empfehlen sich in seiner eigenen genealogie schlau zu machen. herr trump ist wie alle weißen einwanderer
auch kein "ur-amerikaner". und als deutscher schäme ich mich für das verhalten eines auswanderers, der absolut nichts kennt als arroganz anderen gegenüber.


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Michael Conrad (Mtwain), 15.07.2019 - 23:25

Trump ist ein armer Kerl, der politische Diskurse nicht aushalten kann - diese Menschen mit sozialen Defiziten begeben sich gerne in Opferrollen (AfD) oder begeben sich in die Untiefen der Diskriminierung und Herabwürdigung anderer Menschen. Das ist der Antihumanismus der Art, die Menschen die Würde und das Leben absprechen will.


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Jen Long (treehugger), 15.07.2019 - 22:33

Ihre Meinung

Ich persoenlich finde die Demokraten spielen hier mit Feuer, indem sie die judenfeindlichen Kommentare ihrer neuen Abgeordneten nicht kritisieren. Vor allem Ilhan Omar und Rashida Tlaib, die sich auf Twitter ganz offen als Antisemiten outen. Trump haette sich in diesem Fall den Tweet sparen sollen. Obwohl ich ihm recht gebe, wie viele Amerikaner.


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     Arnd Stricker (astricker), 15.07.2019 - 22:26

Zu weit gedacht

Ich bin überzeugt, dass das zu weit gedacht ist. Trump ist ziemlich roh, nicht sehr reflektiert, erratisch und direkt. Deswegen sehe ich da weniger taktisches Kalkül gegenüber den Demokraten. Bei allen intellektuellen Abkürzungen, die Trump nimmt, hat er als Machtpolitiker ein gutes Bauchgefühl. Das stimmt für die Einschätzung Chinas als größte Bedrohung (auch wenn das Handeln nicht konsequent ist), das gilt aber auch für die Identitätspolitiker, die Teilhabe und Sonderrechte für ihre Gruppen nur aufgrund ihrer schieren Existenz fordern, ohne über Gegenleistung zu reden oder gar grundlegende Werte der gesamten Gesellschft rundheraus ablehnen. Mit seinen rassistischen Tweets zielt er genau dorthin; und trifft damit wahrscheinlich das ungute Bauchgefühl vieler Amerikaner, die nicht unbedingt das Thema tiefer durchdringen wollen (so wie Trump selbst)


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[...] Der US-Präsident will, dass mehrere Kongressabgeordnete in die Länder ihrer Familien zurückkehren. Das empört die Demokraten – und nun auch einige Republikaner.  ...  Omar sagte, Trump habe eine "eklatante rassistische Attacke" gegen die vier Abgeordneten gefahren. "Das ist die Agenda der weißen Nationalisten." ...


Aus: "USA: Auch Republikaner werfen Donald Trump Rassismus vor" (15. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-07/usa-kritik-republikaner-donald-trump-rassismus-demokraten

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useros #5

Trump bedient sein Klientel.


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Geitonas #7

Diese verbalen rassistischen Entgleisungen Donald Trumps dienen lediglich seiner ihm treu ergebenen stockkonservativen bis ebenso rassistischen Kern-Wählerschaft, bei der er sich offenbar am wohlsten fühlt. Die Aufgabe eines Präsidenten der USA ist es nicht, seine persönlichen Stammtische zu bedienen, sondern souverän für alle Amerikaner gleichermaßen zu sprechen. In dieser Verpflichtung und Aufgabe versagt Donald Trump. ...


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Für mehr nach vorne #8

Wir müssen es einfach sagen, wie es ist: So widerwärtig uns Trump vorkommt, er trifft den Nerv großer Teile der Amerikaner. ...


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BiggerBetterStronger #14

Trump trifft einen Nerv und spricht genau das aus, was viele denken. Wer Amerika nicht liebt, kann ja gehen. ...


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Fr3n3t1c #16

Seit wann ist es rassistisch, wenn man vorschlägt, das jemand der sich anmaßt ein Land zu verbessern erstmal mit gutem Beispiel vorangeht und es zuhause vorlebt?
Seit wann ist es rassistisch und sexistisch, Menschen mit Migrationshintergrund und Frauen zu kritisieren?
Wer sich den Text von Trump im Wortlaut statt die Interpretation der linksliberalen Medien durchliesst merkt schnell, das es schon eine gewisse Fantasie braucht, um hier Rassismus zu konstruieren.


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Kay-Ner #16.1

Die sind zuhause!


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Fr3n3t1c #16.2

Mag ja sein, trotzdem haben sie einen Migrationshintergrund. Es wird doch wohl noch legitim sein darauf hinzuweisen, das in deren ursprünglichen Vaterländern die Dinge nicht so gut laufen und wenn es ihnen in Amerika nicht gefällt, können sie gerne dorthin zurückgehen.
Das machen Grünradikale hier doch auch so gerne, sagen AfD Wählern sie solln bitte schön auswandern...
Wenn solche Kommentare hier kommen wird das schön stehen gelassen.
Einfach nur ne Doppelmoral.


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Hefti gegen Zensur #16.5

... Soll ich ihnen nun erklären, dass es nur eine Art von Staatsbürgern gibt? Soll ich ihnen erklären, dass jeder in einer zivilisierten Gesellschaft das Recht hat, u.a die Regierung zu kritisieren? Soll ich ihnen erklären, dass es rassistisch ist, wenn man Menschen aufgrund ihrer Aussehens, ihres Geburtsortes, des Geburtsortes seiner Eltern, für Bürger zweiter Klasse erklärt?

Oder muss ich sie ernsthaft fragen, ob ihnen nicht klar ist, wie rassistisch und rechtsstaatfeindlich es ist, wenn u.a. sie amerikanischen Bürgern bzw. Bürgerin ihre Staatsbürgerschaft absprechen indem sie unterstellen, dass ihr "zuhause" nicht die USA ist?

Nochmals, ihr Kommentar sieht so gekünstelt aus, dass ich nicht glaube, dass sie den Kram wirklich selber glauben. ...


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Fr3n3t1c #16.16

Klar ist das legitim. Aber genauso waren Trumps Worte legitim. Lest sie euch mal genau im Wortlaut durch, das wird mal wieder seitens der linken Medien absichtlich misinterpretiert - so eindeutig ist da kein Rassismus festzustellen.
Diese Meinung haben so sogar einige gemäßigte Demokraten auf Reddit vertreten.

"So interesting to see 'Progressive' Democrat Congresswomen, who originally came from countries whose governments are a complete and total catastrophe, the worst, most corrupt and inept anywhere in the world (if they even have a functioning government at all), now loudly and viciously telling the people of the United States, the greatest and most powerful Nation on earth, how our government is to be run.

Why don’t they go back and help fix the totally broken and crime infested places from which they came. Then come back and show us how it is done. These places need your help badly, you can’t leave fast enough. I’m sure that Nancy Pelosi would be very happy to quickly work out free travel arrangements!"


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Kay-Ner #16.17

"who originally came from countries whose governments are a complete and total catastrophe, the worst, most corrupt and inept anywhere in the world (if they even have a functioning government at all)"

Ja nochmal: original stammen die meisten der angesprochenen Personen aus den USA.
... leider betreibt der Präsident nur rechte Identitätspolitik. Biste nicht weiß, biste 2. Klassig...


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r.schewietzek #16.18

Sie wollen, dass Trump nach Deutschland übersiedelt? Bin ich gegen.
Übrigens müsste er dann wohl erst mal Melania nachhause schicken [Melania muss zurück, in deren Heimatland ist die Situation auch nicht prickelnd].


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Calvisius #16.25

Melania kommt aus Slovenien. Ich war da vor ein paar Jahren mal im Urlaub (am Bleder See und in Ljubljana). Es war ein wunderbarer Urlaub, und ich hatte nicht das geringste Gefühl, dass das Land in einer "nicht prickelnden" Situation wäre.


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Rollmann #16.27

Naja worüber er sich empört is ja folgendes:
Amerikaner der Gruppe A (Migrationshintergrund der Eltern) erdreistet sich Amerikanern der Gruppe B (Migrationshintergrund jenseits der Eltern) zu erzählen was in beider Gruppen Heimatland politisch falsch läuft.

Ich frage mich wie man da nicht ungläubig den Kopf schütteln kann?


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Renschenmann #16.28

"Seit wann ist es rassistisch, wenn man vorschlägt, das jemand der sich anmaßt ein Land zu verbessern erstmal mit gutem Beispiel vorangeht und es zuhause vorlebt?"

Die Demokratinnen sind in ihrem Zuhause, die USA ist ihr Zuhause, die Stadt in der sie leben ist ihr Zuhause. Von der Hautfarbe auf ein anderes Zuhause zu schließen ist Rassismus. Schade, dass Sie das in keinster Weise verstehen können. Vielleicht hilft ein Kurs zum Thema Rassismus.


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Renschenmann #16.29

Alle weißen US-Amerikaner sind Kinder von Migranten. Migranten, die mit Feuer und Schwert das Land von den rechtmäßigen Einwohnern Nordamerikas geraubt haben. Trumps Großvater war ein deutscher Auswanderer, der in den USA ein Bordell betrieben hat, ein Lude, ein Zuhälter. Sein Sohn, Trumps Vater, war ein mit der Mafia befreundeter Bauunternehmer. Jeder weiß, dass die Baubranche in den USA wie in Italien durchsetzt ist von der organisierten Kriminalität und Fred Trump gehörte dazu. Und der Enkel eines deutschen Zuhälters und Sohn eines mutmaßlichen Mafiosi wird zum Präsidenten gewählt und kritisiert amerikanische Staatsbürger, die eine andere Hautfarbe haben. ...


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Des Doktors Bruder #20

Wenn ZON es mir erlaubt wuerde ich gerne etwas direkt aus den USA dazu beitragen.
Alles begann mit einem innerparteilichen Streit zwischen Alexandria Ocasio-Cortez und Frau Pelosi.
AOC ( das ist die hier verwendete Abkuerzung) warf Frau Pelosi vor eine Rassistin zu sein, da diese eine alt, eingesessene und weisse Dame ist welche die neuen angeblich wegen deren Hautfarbe und Herkunft uebergeht (Partei-intern).

Soweit so gut.

Nun kommt der Schlingel Trump ins Spiel und unterstuetzt mit seiner Aussage Frau Pelosi.
Diese kann das natuerlich, da Oposition, absolut nicht auf sich sitzen lassen.
Also bezeichnet die bezeichnete Rassistin Trump ein Rassist zu sein.
Verwirrend? Nein liebe Leser das nennt sich schlicht Politik hier in den USA.
Nun wirft sich die komplette links/liberale Presse logischerweise natuerlich auf President Trump.
Aber was liebe Leser denken Sie wird der US-Waehler ueber dieses Schauspiel denken? ...


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FCKNZS7 #34

Trumps Rassismus hat eine lange Geschichte:

"Donald Trump’s long history of racism, from the 1970s to 2019" https://www.vox.com/2016/7/25/12270880/donald-trump-racist-racism-history

"Trump's Racism: An Oral History" https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2019/06/trump-racism-comments/588067/

"Trump’s Long History of Racism" https://www.rollingstone.com/politics/politics-features/trumps-long-history-of-racism-201446/

Etc. pp.


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viper_100 #38

Lustig, wie man hier anfängt, zu hyperventilieren.
Trump wird die Wahl gewinnen. Gut so.


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sonstwer #38.1

Lustig, diese substanzlosen Trollereien.


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Pagenotfound404 #38.3

Lustig die tiefbegabten.


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DieMenschheitIstGut #44

Und wieder einmal tönt es aus allen Ecken: Das war zu viel, Trump muss weg. Jetzt. Gleich. Und wieder einmal passiert: Nichts. Trump wird wiedergewählt werden, weil die Reps zwar pflichtschuldig meckern, ihn aber nicht wirklich nicht stoppen können / wollen. Und weil die Demokraten überwiegend charisma- und ideenlose Kandidaten haben, die sich dazu noch gegenseitig in die Pfanne hauen. Und das Volk, so wie ich es dort erlebe, nimmt lieber einen Trump hin, als "kommunistische Spinner" (wörtlich mehrfach genannt) à la Sanders etc. Zwar entspricht das Verhalten eines Machtmenschen wie Trump sicher nicht der deutschen Mentalität, weiten Teilen der US-Bevölkerung jedoch schon. Auch wenn ich persönlich Trump lieber sonstwo sähe als im White House, das sind die Tatsachen und nicht das, was man in Deutschland immer wieder dazu meint.


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Linnerk #45

Fast schon köstlich, die Debatte und Aufgeregtheit.
Es ist mir bekannt, dass im Anti-Trump-und-Antiamerikanismus-Deutschland folgende Einschätzungen nicht geteilt werden, aber Meinungsfreiheit oder sogar "freedom of speech" sind hohe Güter einer Demokratie, die ihren Namen auch verdient haben will.

Zum amerikanischen Präsidenten Donald Trump:
Wie blöde muss die Öffentlichkeit eigentlich sein, wenn sie hysterisch versucht ihn über die "Rassismus"-Keule zu attackieren?
Genau das spielt ihm in die Hände und er nutzt es aus!
Seine Wähler und manche Unentschlossenen werden sich fragen:
>Inwiefern sollen die Äußerungen Donald Trumps denn rassistisch sein?<
>Darf man denn nicht sagen, was er von sich gegeben hat?<
>Liegt ein Kern Wahres in dem, was er postet?<
> Sind israelfeindliche/antizionistische Stellungnahmen der betreffenden demokratischen Abgeordneten teilweise nicht auch antisemtisch, also rassistisch?< (Genau diese Frage werden sich sogar liberale Demokraten stellen und Trump hat dann bei Ihnen gepunktet.)

Im Ergebnis wird er seine Anhänger eher hinter sich scharen und insbesondere auch bei undogmatischen, antihysterischen Liberalen Punkte sammeln.
Besonders in der Arbeiterschaft, bei Menschen in prekären Lebenssituationen und vielleicht sogar gemäßigten Liberalen mit Israelverbundenheit wird sein Zuspruch dadurch gestärkt werden, denke ich (und diese Gruppen sind nicht alles "Rassisten").
Tja, er weiß, ob's gefällt oder nicht, wie "Öffentlichkeit" geht.


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sonstwer #45.3

Rassismus bleibt Rassismus. Wahrheit bleibt Wahrheit und ist keine Frage irgendeiner politischen Taktik. Da können sie noch so sehr relativieren.
Und wenn sich seine ... Anhänger dadurch umso mehr hinter ihrem nackten Kaiser scharen: Who cares? Die müssen morgens in den Spiegeln schauen.

Es ist nichts daran hysterisch die Wahrheit zu sagen und ein rassistischer Tweet bleibt ein rassistischer Tweet. Nix mit Keule.


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Linnerk #45.6

ich habe nicht "relativiert", das ist eine Unverschämtheit.
ich habe (mögliche) Folgen der hysterischen "Rassismus"-Keule skizziert und zwar politisch-taktische.
Zu ihrem "Argument".
Rassismus ist eine Form von Diskriminierung und eine Art über andere Menschen zu denken, die sich von einem selbst oder von einer andere Gruppe von Menschen unterscheiden. (Eine ausführliche Definition erpspare ich uns jetzt). Rassismus ist abzulehnen.
Aber 'Rassismus' ist auch (nicht nur!) ein politisch-taktischer, agitatorischer Kampfbegriff geworden (ähnlich wie "Faschismus", "Gutmensch", ....). Das ist das Problem.
In der Auseinadersetzung mit Präsident Trump wird auch die agitatorische Karte gespielt.
Trump hat das (wahrscheinlich bewusst!) provoziert.
Und er erreicht (ganz dialektisch!) das, was er will, denke und befürchte ich.
[Wer den Rassismus-Begriff verwendet, könnte das auch in agitatorischer Absicht tun. ... Ich denke aber wirklich, dass Präsident Trump in seiner Gerissenheit (klassisch, im Sprachgebrauch in Anlehnung an Machiavellis auch 'Klugheit' genannt) nicht unterschätzt werden sollte. M.E. hat er seine Gegner bewusst provoziert und eine entsprechende Reaktion 'heraus gekitzelt'.
Es wird ihm eher nutzen als schaden!]


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[...] Donald Trump offenbart mit seiner Hetze gegen die vier farbigen Abgeordneten einmal mehr seine rassistische Weltsicht. Das mag schockieren, ist aber nicht neu. Vielmehr reihen sich die Äußerungen ein in eine lange Kette an Ausfällen und Taten, die bis in die Tage zurückreichen, als Trump in seinen Mietwohnungen Minderheiten diskriminierte. Dass nicht einmal die Fakten stimmen, darf auch nicht überraschen. Trump log genauso über Barack Obamas Herkunft, wie er nun den Eindruck erweckt, die verunglimpften Politikerinnen seien keine richtigen Amerikaner.

Schlimmer als Trumps dümmliches Gezwitscher ist das Schweigen der Republikaner und der Beifall seiner Anhänger. Beides normalisiert Rassismus im politischen Alltag der USA. In dem ethnisch bunten Land werden sich damit auf Dauer keine Mehrheiten finden lassen, aber für die nächsten Wahlen könnte es Trump helfen, genügend verängstigte Weiße an die Urne zu bewegen. Der Präsident weiß, wie stark die Mischung aus Angst und Hass mobilisieren kann. ...


Aus: "Kommentar über Trumps Tweets: Platte Hetze" Thomas Spang (15.07.2019)
Quelle: https://www.weser-kurier.de/deutschland-welt/deutschland-welt-politik_artikel,-platte-hetze-_arid,1845072.html

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adagiobarber
am 15.07.2019, 22:12
that's america ...

showtime is showtime.
und ... primetime is also showtime.

alle wußten & wissen das:

- wilhelm II
- erich honecker
- eduard von schnitzler
- die liste ist lang ...

ich glaube, selbst dieter bohlen weiß es.


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[...] Die deutschen Sicherheitsbehörden haben vor knapp zwei Jahren einen Anschlag auf Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) befürchtet – und zwar aus den eigenen Reihen. Kurz davor waren zwei Studenten wegen ihrer rechtsextremen Gesinnung aus der Bundeswehr entlassen worden. Wie die Welt am Sonntag berichtete, vermuteten die Behörden bei einem der zwei, dass er womöglich ein Attentat auf von der Leyen verüben könnte.

Eine Durchsuchung bei ihm brachte jedoch kein Ergebnis, die Ermittlungen wurden eingestellt. Doch laut Welt denken die Behörden, dass der Soldat die Razzia erwartet und entsprechende Schritte eingeleitet hat – es gilt die Unschuldsvermutung.

Bei dem damals Verdächtigen handelt es sich um T.L., ein Mitglied der Passauer Burschenschaft Markomannia Wien, wie dem STANDARD aus mehreren Quellen bestätigt wurde. Die hat beste Verbindungen nach Österreich: Sie war etwa im Mai 2018 zu Gast bei der Wiener Bruna Sudetia, die damals gerade wegen der Liederbuch-Affäre in den Schlagzeilen war. Passend dazu postete die Markomannia auf Facebook ein Liederbuch, um den Besuch zu illustrieren.

Ihr Obmann Herwig Götschober, der bei dem damaligen Verkehrsminister Hofer arbeitete, war bei dem Termin nicht anwesend. Die Markomannia war auch zu Besuch bei der Moldavia Wien, bei der Mitarbeiter der FPÖ aktiv sind. Ebenso gab es ein Treffen bei der Germania Ried, in der sich der damalige oberösterreichische Landesrat Elmar Podgorschek (FPÖ) engagiert. Der verdächtige T.L. dürfte bei diesen Reisen als führendes Mitglied der Markomannia mit dabei gewesen sein. Odin Wiesinger, der Lieblingsmaler von Parteichef Norbert Hofer (FPÖ), bot der Markomannia an, ein Sujet für sie zu gestalten; das likte auf Facebook der Neonazi Franz R. aus dem Umfeld von Gottfried Küssel.

Der einst verdächtigte Soldat T.L. ist mittlerweile bei der AfD aktiv. Die ursprünglichen Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt. Unklar ist aber, wie sehr T.L. unabhängig von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen noch auf dem Radar der Nachrichtendienste steht. Sein Fall dürfte durch das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages aufgekommen sein, an das der Bundesnachrichtendienst (BND), der Militärische Abschirmdienst (MAD) und der Verfassungsschutz berichten.

Die Causa fügt sich in eine Reihe von Vorfällen ein, die gemeinsam ein Netzwerk an rechtsextremen Soldaten und Polizisten konstituieren. Diese treffen oft Vorkehrungen für einen "Tag X" und legten Feindeslisten an. So gibt es einen zeitgleich mit T.L. entlassenen Bundeswehr-Studenten, der Nachrichten mit einer Person im Umkreis von Franco A. hatte. Letzterer war im Februar 2017 in Wien festgenommen worden, als er eine Pistole aus ihrem Versteck am Flughafen Schwechat holen wollte. Franco A., ein Berufssoldat, hatte sich heimlich als syrischer Flüchtling registrieren lassen. Der Fall hängt auch mit der Causa jener deutschen Polizisten zusammen, die kürzlich in Mecklenburg-Vorpommern verhaftet wurden. Sie hatten ebenfalls Feindeslisten angelegt und bereits den Erwerb von Leichensäcken geplant gehabt. (fsc, lalo, 15.7.2019)


Aus: "Rechtsextremismus: Behörden befürchteten Attentat auf von der Leyen durch Soldaten" Fabian Schmid, Laurin Lorenz (15. Juli 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000106313935/behoerden-befuerchteten-attentat-auf-von-der-leyen-durch-soldaten?ref=article

https://www.welt.de/politik/plus196804049/Bundeswehr-Sicherheitsbehoerden-fuerchteten-Angriff-auf-von-der-Leyen.html

https://www.welt.de/politik/plus192653589/Fall-Franco-A-Das-rechte-Schattennetzwerk.html (30.04.2019)

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"Welternährung: 820 Millionen Menschen hungern" Alexandra Endres (15. Juli 2019)
Dass bis 2030 kein Mensch auf der Erde mehr Hunger leidet, wird kaum noch zu schaffen sein. Im Gegenteil, warnt die FAO: Wirtschaftskrisen werden die Lage verschärfen. ,,, Bis zum Jahr 2030 soll niemand mehr Hunger leiden, das hatten sich die Vereinten Nationen vor vier Jahren vorgenommen. Ein großes Ziel – und es ist kaum noch zu erreichen, wie Wissenschaftler unter Federführung des Entwicklungsökonomen und UN-Sonderberaters Jeffrey Sachs erst kürzlich schrieben. Tatsächlich steigt die Zahl der Hungernden, statt zu sinken: Im Jahr 2018 waren es 820 Millionen Menschen. Das geht aus dem jährlichen, gerade aktuell veröffentlichten Bericht der UN-Welternährungsorganisation FAO zum Stand der weltweiten Nahrungsmittelsicherheit hervor. ... Zugleich, und das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, nimmt die Zahl der Übergewichtigen und Fettleibigen zu. Im Jahr 2016 waren zwei Milliarden Erwachsene weltweit übergewichtig, das sind die neusten verfügbaren Daten. Etwa ein Drittel von ihnen galt als fettleibig. Die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen überstieg die 300 Millionen. ...
https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-07/welternaehrung-bericht-fao-hunger-nahrung-wirtschaftskrise

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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [CDU (Politik)...]
« on: Yesterday at 09:31:22 AM »
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[...] Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat mit seiner Aussage "Ich bin vor dreißig Jahren nicht der CDU beigetreten, damit heute 1,8 Millionen Araber nach Deutschland kommen." auf Twitter einiges an Empörung verursacht. Gesagt hat Maaßen diesen Satz auf einer Veranstaltung des CDU-Ortsverbandes Weinheim. Auf Twitter reagieren viele User entsetzt. Einige fragen sich, wie dieser Mann mal Präsident des Verfassungsschutzes gewesen sein kann. Andere zweifeln, dass die CDU noch die richtige Partei für Maaßen ist. ...


Aus: "Twitter-Reaktionen: Maaßens Aussage zu Arabern: "Wie lange darf er sowas noch als CDU-Mitglied sagen?"" (02. Juli 2019)
Quelle: https://www.stern.de/politik/deutschland/hans-georg-maassen--das-sagen-twitter-user-zu-seiner--araber-aussage--8779874.html

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[...] Der frühere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat am Dienstagabend mit einem Tweet eine heftige Debatte im Netz ausgelöst. Maaßen teilte einen Link zu einem Artikel der "Neuen Zürcher Zeitung" mit der Überschrift: "In deutschen Städten sieht die Mehrheitsgesellschaft ihrem Ende entgegen". Darin heißt es weiter: "Frankfurt am Main, Offenbach, Heilbronn, Sindelfingen - in diesen und anderen Städten sind Deutsche ohne Migrationshintergrund nur noch die grösste Gruppe, stellen aber keine absolute Mehrheit mehr dar." Maaßen schrieb dazu: "Für mich ist die NZZ so etwas wie "Westfernsehen".

Dafür erntete der 56-Jährige überwiegend Kritik - und zwar umgehend. Der Grünen-Politiker Volker Beck etwa erwiderte: "Wir haben also nach Ihrer Ansicht, geschätzter Herr Maaßen, in Deutschland Zensur und staatlich gelenkte Medien wie in der DDR? Habe ich Sie richtig verstanden, dass damit die FDGO [Anm. der Red.: freiheitliche demokratische Grundordnung], die Sie als Verfassungsschutzpräsident schützen sollten, Ihrer Meinung bereits außer Kraft ist?"

Maaßen twitterte zurück: "Wir haben zuviele Relotiusse". Damit warf er den deutschen Medien pauschal vor, in ihren Berichten weitgehend die Unwahrheit zu berichten. Der Journalist Claas Relotius war Ende des vergangenen Jahres damit aufgeflogen, dass viele seiner preisgekrönten Reportagen ganz oder teilweise erfunden waren. ...

Der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz meinte: "Ein früherer Präsident des Verfassungsschutzes vergleicht die deutschen Medien mit der SED-Einheitspresse. Bisher brüllten nur die völkisch-nationalistische AfD und Pegida "Lügenpresse". Die sogenannte "'WerteUnion' verliert völlig die Orientierung."

Auch die von Maaßen gelobte "NZZ" wehrte sich gegen die Darstellung des früheren Verfassungsschützers. "Wir sind kein Westfernsehen", bezog die Schweizer Zeitung Stellung zum Maaßen-Tweet. "Dieser Vergleich ist unpassend und Geschichtsklitterung".

... Maaßen ist Mitglied der CDU und der "Werte-Union", die sich als konservative Strömung in der Union versteht. ... Als Folge seiner beschönigenden Aussagen zu rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz im September 2018 wurde Maaßen in den einstweiligen Ruhestand versetzt.


Aus: "Ex-Chef des Verfassungsschutzes: Maaßen vergleicht deutsche Medien mit DDR-Einheitspresse - gelobte "NZZ" distanziert sich" (10. Juli 2019)
Quelle: https://www.stern.de/politik/deutschland/hans-georg-maassen-vergleicht-deutsche-medien-mit-ddr-einheitspresse---gelobte--nzz--distanziert-sich-8792796.html

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"Provokation mit neuem Westfernsehen-Tweet Maaßen postet Hetz-Bericht von rechtsradikalem Medium" Alexander Fröhlich (14.07.201)
Erneut greift Ex-Verfassungsschutzespräsident Maaßen die deutschen Medien an. Diesmal beruft er sich auf ein Leitmedium der Neuen Rechten. ... Der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Hans Georg Maaßen schreckt auch nicht mehr davor zurück, Inhalte eines Leitmediums der Neuen Rechte in Deutschland zu teilen. Am Sonntagvormittag twitterte er: „Sollte dieser Bericht zutreffen, ist Panorama jedenfalls kein Westfernsehen mehr.“ Verlinkt war ein Beitrag des rechtspopulistischen und AfD-nahen Portals „Journalistenwatch“ – kurz: JouWatch. ...  Maaßen ist Mitglied der CDU und der kleinen Parteigruppierung Werte-Union, die sich als konservative Strömung in der Union versteht. Hätte Maaßen am Sonntag genauer auf dem Internetportal nachgelesen, hätte er sicherlich noch andere Beiträge gefunden, wie diesen: „Berliner Antisemitismus-Beauftragter ,Bessermensch mit erhobenem Zeigefinger‘“. Oder einen Beitrag über den Wahlkampfauftakt der AfD in Cottbus, der mit vielen Videos praktisch Wahlwerbung für die AfD betreibt.
Nach dem Beitrag über die „Sea-Watch 3“ hat JouWatch auch gleich einen Beitrag über die Identitäre Bewegung auf die Homepage gestellt. Erst vor wenigen Tagen hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz die Identitären als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung“ eingestuft und zum Beobachtungsobjekt erklärt. Es war also jene Behörde, deren Präsident Maaßen bis November 2018 war.
Auf dem Portal "JouWatch", wo sich der frühere Behördenpräsident am Sonntag tummelte, darf sich der Chef der Identitären in Deutschland, Daniel Fiß, ausführlich in einem Interview zu äußern, dass seine Gruppierung nun amtlich rechtsextremistisch ist. Ebenfalls am Sonntag erschien auf der Homepage dann ein Bericht aus Berlin-Kreuzberg, der Titel: „Linke Männer haben keine Eier“.
Im Impressum von JouWatch, „Verein für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit“, heißt es: „Der Anbieter übernimmt ausdrücklich keine Gewähr – weder ausdrücklich noch stillschweigend – für Richtigkeit, Vollständigkeit, Verlässlichkeit und Aktualität sowie für die Brauchbarkeit der abgerufenen Beiträge für den Nutzer.“
https://www.tagesspiegel.de/berlin/provokation-mit-neuem-westfernsehen-tweet-maassen-postet-hetz-bericht-von-rechtsradikalem-medium/24592608.html

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jotka26 08:42 Uhr
So langsam dürfte es Jedem dämmern, was für einen peinlichen, braunen Apokalyptiker sich die BRD-Land als "Verfassungsschutz-Präsidenten" ausgesucht hatte. ...


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[...] Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat mit seiner Aussage "Ich bin vor dreißig Jahren nicht der CDU beigetreten, damit heute 1,8 Millionen Araber nach Deutschland kommen." auf Twitter einiges an Empörung verursacht. Gesagt hat Maaßen diesen Satz auf einer Veranstaltung des CDU-Ortsverbandes Weinheim. Auf Twitter reagieren viele User entsetzt. Einige fragen sich, wie dieser Mann mal Präsident des Verfassungsschutzes gewesen sein kann. Andere zweifeln, dass die CDU noch die richtige Partei für Maaßen ist. ...


Aus: "Twitter-Reaktionen: Maaßens Aussage zu Arabern: "Wie lange darf er sowas noch als CDU-Mitglied sagen?"" (02. Juli 2019)
Quelle: https://www.stern.de/politik/deutschland/hans-georg-maassen--das-sagen-twitter-user-zu-seiner--araber-aussage--8779874.html

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[...] Der frühere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat am Dienstagabend mit einem Tweet eine heftige Debatte im Netz ausgelöst. Maaßen teilte einen Link zu einem Artikel der "Neuen Zürcher Zeitung" mit der Überschrift: "In deutschen Städten sieht die Mehrheitsgesellschaft ihrem Ende entgegen". Darin heißt es weiter: "Frankfurt am Main, Offenbach, Heilbronn, Sindelfingen - in diesen und anderen Städten sind Deutsche ohne Migrationshintergrund nur noch die grösste Gruppe, stellen aber keine absolute Mehrheit mehr dar." Maaßen schrieb dazu: "Für mich ist die NZZ so etwas wie "Westfernsehen".

Dafür erntete der 56-Jährige überwiegend Kritik - und zwar umgehend. Der Grünen-Politiker Volker Beck etwa erwiderte: "Wir haben also nach Ihrer Ansicht, geschätzter Herr Maaßen, in Deutschland Zensur und staatlich gelenkte Medien wie in der DDR? Habe ich Sie richtig verstanden, dass damit die FDGO [Anm. der Red.: freiheitliche demokratische Grundordnung], die Sie als Verfassungsschutzpräsident schützen sollten, Ihrer Meinung bereits außer Kraft ist?"

Maaßen twitterte zurück: "Wir haben zuviele Relotiusse". Damit warf er den deutschen Medien pauschal vor, in ihren Berichten weitgehend die Unwahrheit zu berichten. Der Journalist Claas Relotius war Ende des vergangenen Jahres damit aufgeflogen, dass viele seiner preisgekrönten Reportagen ganz oder teilweise erfunden waren. ...

Der frühere CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz meinte: "Ein früherer Präsident des Verfassungsschutzes vergleicht die deutschen Medien mit der SED-Einheitspresse. Bisher brüllten nur die völkisch-nationalistische AfD und Pegida "Lügenpresse". Die sogenannte "'WerteUnion' verliert völlig die Orientierung."

Auch die von Maaßen gelobte "NZZ" wehrte sich gegen die Darstellung des früheren Verfassungsschützers. "Wir sind kein Westfernsehen", bezog die Schweizer Zeitung Stellung zum Maaßen-Tweet. "Dieser Vergleich ist unpassend und Geschichtsklitterung".

... Maaßen ist Mitglied der CDU und der "Werte-Union", die sich als konservative Strömung in der Union versteht. ... Als Folge seiner beschönigenden Aussagen zu rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz im September 2018 wurde Maaßen in den einstweiligen Ruhestand versetzt.


Aus: "Ex-Chef des Verfassungsschutzes: Maaßen vergleicht deutsche Medien mit DDR-Einheitspresse - gelobte "NZZ" distanziert sich" (10. Juli 2019)
Quelle: https://www.stern.de/politik/deutschland/hans-georg-maassen-vergleicht-deutsche-medien-mit-ddr-einheitspresse---gelobte--nzz--distanziert-sich-8792796.html

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"Provokation mit neuem Westfernsehen-Tweet Maaßen postet Hetz-Bericht von rechtsradikalem Medium" Alexander Fröhlich (14.07.201)
Erneut greift Ex-Verfassungsschutzespräsident Maaßen die deutschen Medien an. Diesmal beruft er sich auf ein Leitmedium der Neuen Rechten. ... Der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Hans Georg Maaßen schreckt auch nicht mehr davor zurück, Inhalte eines Leitmediums der Neuen Rechte in Deutschland zu teilen. Am Sonntagvormittag twitterte er: „Sollte dieser Bericht zutreffen, ist Panorama jedenfalls kein Westfernsehen mehr.“ Verlinkt war ein Beitrag des rechtspopulistischen und AfD-nahen Portals „Journalistenwatch“ – kurz: JouWatch. ...  Maaßen ist Mitglied der CDU und der kleinen Parteigruppierung Werte-Union, die sich als konservative Strömung in der Union versteht. Hätte Maaßen am Sonntag genauer auf dem Internetportal nachgelesen, hätte er sicherlich noch andere Beiträge gefunden, wie diesen: „Berliner Antisemitismus-Beauftragter ,Bessermensch mit erhobenem Zeigefinger‘“. Oder einen Beitrag über den Wahlkampfauftakt der AfD in Cottbus, der mit vielen Videos praktisch Wahlwerbung für die AfD betreibt.
Nach dem Beitrag über die „Sea-Watch 3“ hat JouWatch auch gleich einen Beitrag über die Identitäre Bewegung auf die Homepage gestellt. Erst vor wenigen Tagen hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz die Identitären als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung“ eingestuft und zum Beobachtungsobjekt erklärt. Es war also jene Behörde, deren Präsident Maaßen bis November 2018 war.
Auf dem Portal "JouWatch", wo sich der frühere Behördenpräsident am Sonntag tummelte, darf sich der Chef der Identitären in Deutschland, Daniel Fiß, ausführlich in einem Interview zu äußern, dass seine Gruppierung nun amtlich rechtsextremistisch ist. Ebenfalls am Sonntag erschien auf der Homepage dann ein Bericht aus Berlin-Kreuzberg, der Titel: „Linke Männer haben keine Eier“.
Im Impressum von JouWatch, „Verein für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit“, heißt es: „Der Anbieter übernimmt ausdrücklich keine Gewähr – weder ausdrücklich noch stillschweigend – für Richtigkeit, Vollständigkeit, Verlässlichkeit und Aktualität sowie für die Brauchbarkeit der abgerufenen Beiträge für den Nutzer.“
https://www.tagesspiegel.de/berlin/provokation-mit-neuem-westfernsehen-tweet-maassen-postet-hetz-bericht-von-rechtsradikalem-medium/24592608.html

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jotka26 08:42 Uhr
So langsam dürfte es Jedem dämmern, was für einen peinlichen, braunen Apokalyptiker sich die BRD-Land als "Verfassungsschutz-Präsidenten" ausgesucht hatte. ...


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Julian Assange / Wikileaks ...
« on: July 13, 2019, 09:53:21 PM »
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[...] Ob Großbritannien den WikiLeaks-Gründer Assange wirklich an die USA ausliefert, entscheidet sich wohl erst im kommenden Jahr. Ein Gericht setzte die Verhandlung über das US-Gesuch für Ende Februar 2020 an.

Der britische Innenminister Sajid Javid hat die Auslieferung des WikiLeaks-Gründers Julian Assange an die USA zwar bereits formell abgesegnet, die endgültige Entscheidung fällt aber voraussichtlich erst Ende Februar des kommenden Jahres.

 Ob der 47-jährige Australier wirklich an die US-Behörden übergeben wird, liegt nämlich bei der Justiz. Der Westminster Magistrates' Court legte nun das Datum für die Anhörung fest: Sie soll am 25. Februar beginnen und fünf Tage dauern.

Der im Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh inhaftierte Assange war per Videostream in den Gerichtssaal geschaltet. Er wurde in Großbritannien zu 50 Wochen Gefängnis verurteilt, weil er mit der Flucht in die ecuadorianischen Botschaft gegen Kautionsauflagen verstoßen hat. ...

Aus Belmarsh heraus kündigte Assange an, sich mit allen juristischen Mitteln gegen eine Auslieferung an die USA wehren zu wollen. Sein Anwalt, Mark Summers, bezeichnete das Gesuch der US-Behörden als "ungeheuerlichen und frontalen Angriff auf die Rechte von Journalisten". In der Verhandlungen im kommenden Jahr müsste "eine Vielzahl tiefgreifender Fragen" geklärt werden.

Assange fügte hinzu:

    "175 Jahre meines Lebens stehen gewissermaßen auf dem Spiel."

Damit bezog sich Assange auf die Höchststrafe, die ihm in den USA droht, sollte er in allen 18 Anklagepunkten schuldig gesprochen werden, die ihm dort vorgeworfen werden. Die USA legen Assange unter anderem einen Verstoß gegen Spionage-Gesetze sowie das Veröffentlichen von Geheimdokumenten zur Last.

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Aus: " WikiLeaks-Gründer Assange Verhandlung über Auslieferung erst 2020" (14.06.2019)
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/assange-auslieferung-107.html


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„Eigentlich will ich nur in Ruhe anschaffen gehen“ von dissenspodcast (03.07.2019, Dissens Podcast)
Kritisieren was ist, heißt sagen, was geändert werden muss. Der wöchentliche Gesprächs-Podcast über Kapitalismus und das gute Leben. ... Seit zwei Jahren ist das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Das Gesetz verletze Grundrechte und dränge Sexarbeiter*innen in die Illegalität, sagt die Aktivistin Undine de Rivière vom Berufsverband Sexarbeit. Ein Gespräch über staatliche Bevormundung, Selbstverwirklichung in Gang-Bang-Parties und die Hurenbewegung. Der Dissens Podcast mit Lukas Ondreka.
https://blogs.taz.de/dissenspodcast/eigentlich-will-ich-nur-in-ruhe-anschaffen-gehen/

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Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen / Timothy Leary...
« on: July 09, 2019, 03:01:37 PM »
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[...] Boyle präpariert die drei Jahre 1962, 1963 und 1964, in denen mit Kennedys Ermordung die erste grundlegende Erschütterung des amerikanischen Selbstverständnisses nach 1945 liegt, aus Learys Lebenslauf heraus, der damals mit der Tätigkeit in Harvard seinen institutionellen Höhepunkt erlebte und später mit etlichen Verhaftungen eine ganze Serie von Tiefschlägen.  ...


Aus: "Sie schwören auf Sex, Drugs & Jazz" Andreas Platthaus (02.02.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/t-c-boyles-neuer-roman-das-licht-16014339-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_1

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[...] "Das Licht" ist ein Roman wie ein Rausch, ein famos nach allen Seiten ausuferndes Affentheater mit Menschen als Versuchspersonen – und LSD-Papst Leary mittendrin, der sich in Cambridge von Geisteszwergen umgeben fühlt, die sich wie zu Galileos Zeiten weigern, durch das Teleskop zu blicken, um neue Wege ins Innere abseits der Couch-Manie des österreichischen Psycho-Clowns zu erkunden.

"Das Licht" erzählt von den entscheidenden Jahren eines pharmazeutisch-psychedelischen Experiments, als Timothy Leary im mexikanischen Zihuatanejo und in Millbrook, US-Bundesstaat New York, einige Getreue um sich scharte, um mithilfe von LSD, Meskalin und Psilocybin in das Angesicht Gottes zu blicken. Als jeder mit jedem in der kleinen Kolonie ins Bett ging – weil es ohnehin in der Familie blieb. Als Menschen – Toxin in der Blutbahn und einen neuronalen Funkensturm im Kopf – mit geweiteten Pupillen an die Zimmerdecke starrten und "Das Licht! Das Licht" stammelten oder stundenlang den Putz beäugten, um dem Weiß an der Wand letzte Geheimnisse zu entlocken. Mit Lebensmittelfarbe wurde in der Wohngemeinschaft der Kartoffelbrei leuchtend grün eingefärbt, der Weißwein schwarz, der Kaffee rosarot koloriert, das Fleisch bananengelb glasiert.

Boyle, 70, ist ein Geschichte-Erzähler im besten Sinn. In seinen Romanen beschreibt er die absonderlichen Aggregatszustände der amerikanischen Historie – nicht als statisches Tableau, sondern, wie bereits der Märchen-Sammler Wilhelm Grimm wusste, als "Lehrstücke für die Gegenwart". Ein Lehrstück für die Buchbranche ist "Das Licht" schon jetzt: Der Roman erscheint diese Woche auf Deutsch – drei Monate vor der englischsprachigen Originalausgabe. Der Vorsprung erklärt sich unter anderem damit, dass in den USA der Buchfrühling tatsächlich im April beginnt – und nicht schon im Winter.

In "Das Licht" erzählt Boyle mit lässiger, jazziger Leichtigkeit von einer Zeit, in der man sich auf halluzinogener Abenteuerreise lustvoll den Gaukeleien des Gehirns hingab. Der Schriftsteller hütet sich vor retrospektiver Schlaumeierei und pseudoabgeklärter Billig-Ironie: Er lotet geschickt einen Echoraum der Geschichte aus, in dem bis heute relevante Fragen verhandelt wurden: Gemeinschaftsgefühl oder Egoismus? Treue oder Tabu? Schließlich: Wie gehen Politik und Privatleben zusammen?

Boyle, dem Großmeister kühner literarischer Bilder, dem Wortdrechsler und Metaphernschmied, kommen die galoppierenden Gemütszustände seiner von Hyperaufmerksamkeit geplagten Helden gerade recht. Ein Grinsen wird zum "Riss in der unteren Gesichtshälfte" und der Gesang einer Frau klingt nach einer "Überdosis Hustensaft mit Kodein". Dann wieder betritt ein Mann mit "einem Gesicht wie eine erhobene Axt" die Szenerie, während eine Frau unter LSD aussieht, "als hätte man sie aus einer Tube gedrückt". Boyle auf Poesie-Trip.

"Das Licht" setzt an einem historischen Wendepunkt ein. Besser wird es nicht werden. Nach der LSD-Achterbahnfahrt erscheinen die ersten Hippies am Horizont. In grellbunt bemalten Bussen, bewaffnet mit tibetanischen Räucherstäbchen, unter "All You Need Is Love"-Geheul.

Nur Fitz weiß nicht, wohin mit sich. Eine Schmeißfliege surrt während eines seiner Trips wütend gegen die Fensterscheibe, die zwischen ihr und der Eiablage steht. "Woher sollte dann die nächste Generation von Maden kommen?", rätselt Fitz. "War denn alles aus den Fugen?" Lang lebe der Exzess: "Für eine Weile war er die Fliege, und dann war er in der Fliege, ein Ei, das darauf wartete, in einem Haufen Scheiße heranzureifen."

T. C. Boyle: Das Licht. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, 380 S.,


Aus: "Diagnose: Überdosis - T.C. Boyles "Das Licht"" Wolfgang Paterno (26.1.2019)
Quelle: https://www.profil.at/kultur/diagnose-ueberdosis-tc-boyle-das-licht-10615784

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[...] T.C. Boyle wählt jenen Umweg, den er schon im Roman „Dr. Sex“ über Alfred Kinsey einschlug: Und zeigt Leary im Spiegel der glänzenden Augen eines seiner Studenten, Fitz, sowie dessen Ehefrau Joanie. Mit ihrem Sohn leben die beiden in einer maroden Wohnung in Boston. Die ersten „Sessions“ führen sie hinaus aus dem engen, von Geldsorgen geplagten Alltag – und hinein in einen Rausch (zunächst mit Psilocybin), der ihnen den besten Sex ihres jungen Lebens schenkt. Im Dienste des Gruppenbewusstseins folgen sie ihrem Guru – „gepflegt, athletisch und mit dem breiten Grinsen, das sein Gesicht nie zu verlassen schien“ – erst nach Mexiko. Und später, nach Learys Rauswurf aus Harvard, in die gesponserte Villa: „Sie waren jetzt vereint in Körper und Geist, ja, so war es, sie brachen auf zu einem großen Abenteuer, und nichts konnte sie aufhalten.“

Boyle weiß, wie Drogen sich anfühlen, das hat er oft genug betont (und auch, dass heute das Schreiben sein einziges Rauschmittel ist). Die Schilderung der guten Trips scheinen so glaubwürdig wie farbenfroh, die miesen wirken vielleicht sogar noch selbsterlebter. Weit mehr als der Rausch aber interessiert Boyle die Dynamik der Gruppe. Was bedeutet es fürs eigene Leben, einem Guru zu folgen? So wandelt sich Joanie von einer Skeptikerin zur glühenden Anhängerin, aber nur so lange, bis Sohn Corey ins Spiel kommt: Dass der Teenager das Freie-Liebe-Prinzip mit der ebenfalls minderjährigen Nancy umsetzt, geht doch zu weit.

Überhaupt, die Liebe: Die schöne Idee von der Kollektivierung aller Leidenschaften endet dort, wo offenbar unausrottbare Besitzansprüche laut werden. Letztlich ist es die Sehnsucht nach Exklusivität, die sich – ohne zu viel verraten zu wollen – in ungeheuer bürgerlichen Eifersuchtsdramen Bahn bricht.

Die gut recherchierte, historisch-politisch fundierte Fiktion ist seit seinen erfolgreichen Anfängen eine Spezialität von T.C. Boyle – ob es um den Abenteurer Mungo Park in Afrika geht („Wassermusik“), um mexikanische Einwanderer („América“), um den Architekten Frank Lloyd Wright („Die Frauen“) oder den Kampf der Umweltschützer auf den Channel Islands vor Kalifornien („Wenn das Schlachten vorbei ist“). So unterschiedlich seine Themen sein mögen, ihr Kern lässt sich auf eine einzige, im bitterironischen Ton verkündete Wahrheit reduzieren: Der größte Feind des Menschen ist – er selbst.


Aus: "ROMAN: T.C. Boyle blickt in „Das Licht“ auf LSD-Guru Timothy Leary" Britta Heidemann (25.01.2019)
Quelle: https://www.wr.de/kultur/t-c-boyle-blickt-in-das-licht-auf-lsd-guru-timothy-leary-id216294655.html

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[...] Wegen seiner großen Fangemeinde in Deutschland stellte T.C. Boyle seinen neuen Roman nicht in den USA, sondern in Berlin vor. Es geht darin um Timothy Leary, der in den 60ern mittels LSD die Psychiatrie verändern wollte und dann zum Drogen-Guru wurde.

T.C. Boyle ist als dankbarer Autor nach Berlin gekommen. In Deutschland hat er eine große Fangemeinde, sie ist so groß, dass die Weltpremierenlesung seines neuen Romans in Berlin stattfindet, erst im Frühjahr erscheint "Das Licht" in seiner Heimat.

Boyle hat bewusst für diesen Abend kein wildes Outfit gewählt und auch seine Haare stehen ihm nicht mehr im Stile eines Punk zu Berge. Stattdessen nimmt er in einem schwarz-weiß-karierten Sakko Platz. Und er macht von Anfang an klar, dass es ihm mit seinem Buch nicht darum geht, möglichst wilde Geschichten über Drogenexperimente und exzessive Partys in den Sechzigerjahren zu erzählen.

Den Professor und Psychologen Timothy Leary, der in den frühen Sechzigerjahren an der Harvard Universität mit Drogen experimentierte und später LSD-Kommunen gründete, bescheinigt Boyle, damals eine große Entdeckung gemacht zu haben:

„Er war ein großer Charismatiker, er war brillant“, meint Boyle.

„Er entdeckte eine Droge, mit der er den ganzen Psychiatrie-Betrieb auf den Kopf stellen konnte. LSD war ein Schlüssel, um die Hierarchien zwischen dem Psychiater und seinem Patienten abzubauen. Leary sah die Zukunft in der partnerschaftlichen Beziehung zwischen Arzt und Patient, vereint im bewusstseinserweiternden LSD-Erlebnis. Aber schaut, was aus ihm geworden ist. Es wurde ein Krimineller aus ihm und dann ein Verrückter.“

Boyles Roman kreist um die Kultfigur Timothy Leary, doch die bleibt genau so unnahbar, wie man sich einen Guru vorstellt. Die LSD-Sessions und das Leben in den Kommunen werden aus der Sicht seines Gefolges beschrieben.

Ein junges Paar, er angehender Doktorand, sie die Frau an seiner Seite, die mit einem Bibliotheksjob ihren Mann finanziell unterstützt, erzählt eine Geschichte, die mit Aufbruch aus konventionellem Karrieredenken beginnt und mit dem Scheitern der Ehe endet.

Die Erlebnisse ihres ersten gemeinsamen Trips werden bei T.C. Boyles Lesung vom Schauspieler Florian Lukas auf Deutsch gelesen. Wie die Protagonisten seines Romans einem charismatischen Führer verfallen, wie sie einerseits in neue Bewusstseinssphären aufbrechen, aber sich auch in blinder Gefolgschaft ihres Gurus und dem Widerspruch zwischen Drogenkommune und Ego-Trip verlieren, genau das interessiert Boyle.

Und deshalb hat er sich die Anfangsjahre der psychedelischen Bewegung herausgepickt, eigentlich erst der Beginn einer spektakulären Reise, auf die sich dann Timothy Leary später noch begab. Als sein Wirken und seine Droge illegalisiert wurden, er im Knast landete, als Illegaler in Marokko, der Schweiz oder in Afghanistan untertauchte und später als exzentrischer Computer- und Internet-Begeisterter wieder auftauchte.

Es wäre ein Leichtes gewesen, Timothy Leary zu überzeichnen, ihn als Karikatur bloßzustellen. Doch Boyle, der als Erneuerer des historischen Romans gilt, fasziniert das Phänomen des charismatischen Führers und er hat solche Figuren der US-amerikanischen Geschichte bereits in anderen Romanen beschrieben – etwa den Cornflakes-Produzenten John Harvey Kellog oder den Sexualforscher Alfred Charles Kinsey.

Gegen Ende seiner Lesung weist Boyle darauf hin, dass jede Generation seine Verführer und seine Drogen hat. „Die Drogen unserer Zeit“, stellt Boyle nüchtern für sein Heimatland fest, „sind schmerzstillende Opiate, mit denen Menschen ihren harten Alltag vergessen machen.“


Aus: "T.C. Boyles neuer Roman „Das Licht“ Wie aus dem Charismatiker Leary ein Verrückter wurde" Steen Lorenzen (04.02.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/t-c-boyles-neuer-roman-das-licht-wie-aus-dem-charismatiker.1013.de.html?dram:article_id=440169

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[...] Diese moralisch korrekte Geschichte hat man schon oft gelesen: Eine Generation will die Welt aus den Angeln heben und endet im Elend kaputter Ehen, entgleister Biografien und vernachlässigter Kinder. Die Überlebenden trollen sich geläutert zurück ins Körbchen. Der Roman, dessen große Stärke in der ausschweifenden historiografischen Rekonstruktion liegt, endet (ganz anders als Michael Pollans sehr viel neugierigeres Buch) mit der wenig überraschenden und absolut jugendfreien Pointe, dass solche Träume zu nichts führen.


Aus: "Die Jünger des LSD-Apostels"  Iris Radisch (6. Februar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/07/t-c-boyle-das-licht-drogenprofessor-rezension

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pizarro52 #2

Treffender Kommentar !
Boyle's Schreibstil ist zwar locker und flüssig, aber das war's dann auch schon.
Die zweifellos intensiven, aussergewöhnlichen Erfahrungen, die die LSD-Apostel machten, werden mit keiner Silbe erschlossen oder gar reflektiert. Der Roman liest sich so, als würde ein Wüstenbewohner bemüht, aber gelangweilt über die Unermesslichkeit des Meeres schreiben.
Fazit: Null Erkenntnisgewinn, dafür Langeweile wie aus einem Guss. Ein Buch für den hintersten Teil der Schublade, leider !


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56t-bird #6

Ich finde den nüchternen Stil hervorragend, die distanzierte Haltung von Boyle dankenswert. Anfang der 80er Jahre habe ich selbst als Student der Verhaltensbiologie Learys Behauptungen bzgl Bewusstseinerweiterung und psychiatrischen Anwendungen naiv unterstützt. Die neurochemische Modulation meines postpupertären Gehirns hatte wohl meinen Geist vernebelt, heute sehe ich das anders, ähnlich wie Boyle. In seinem Buch erschüttern die zynische Figur T Learys, seine Überheblichkeit der Wissenschaft gegenüber, und die naiven Jünger, deren Leben und Beruf schliesslich zerscherbeln. Der Erzähler beschreibt den Meccano mit dem genauen und untrüglichen Blick des Verhaltensforschers auf den Ameisenhaufen. Frau Radisch und andere (Thea Dorn im Lit Q) wünschen sich offenbar mehr Action beim Thema LSD. Könnte man fast ein bisschen postpubertär nennen, dies Bedürfnis.


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Julian Assange / Wikileaks ...
« on: July 09, 2019, 01:34:57 PM »
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[...]  Redaktion (nachdenkseiten.de): Herr Bröckers, Sie bezeichnen Julian Assange als „Freiwild“. Warum?

Mathias Bröckers: Weil die Verfolgung Julian Assanges mit einem ordentlichen rechtstaatlichen Verfahren wenig bis nichts zu tun hat. Schon 2008 wurde im Pentagon eine Task-Force mit dem Ziel eingerichtet, Wikileaks und seinen Gründer unglaubwürdig zu machen und zum Schweigen zu bringen. Mit juristischen Mitteln war das schwer möglich, deshalb schlug Hillary Clinton 2016 bei einem Brainstorming vor: “Können wir den Kerl nicht einfach ‘drohnen’ ?” Sie konnte sich, darauf angesprochen, nicht erinnern, das gesagt zu haben, und wenn, dann sei es ein Scherz gewesen. Ihre Chefplanerin Ann-Marie Slaughter (sic) aber mailte anschließend ein Memo dieser Besprechung über „legal and non-legal strategies“ gegen Wikileaks. Die Vereinigten Staaten versuchten also mit allen Mitteln, Julian Assange mundtot zu machen und hatten ihn nicht nur im Scherz zum Abschuss freigegeben. Und sie übten ganz offensichtlich auf Teile der Justiz in Schweden und in Großbritannien ganz erheblichen Druck aus, deren Aktivitäten in den letzten Jahren man nur mit zwei zugedrückten Augen nicht als Rechtsbeugung sehen kann.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Dann kam der 3. Juni 2019.

Mathias Bröckers: An dem Tag hat ein schwedisches Gericht festgestellt, dass die Vorwürfe gegen Julian Assange wegen einvernehmlichem, aber ungeschütztem Sex mit zwei Frauen nicht für einen Haftbefehl ausreichen.

Redaktion (nachdenkseiten.de): 2012 sah das anders aus.

Mathias Bröckers: Richtig, kaum hatte er 2012 das Land verlassen – nachdem er in Schweden zu diesen Vorwürfen vernommen worden war und die Oberstaatsanwältin ihm beschieden hatte, dass seiner Ausreise nach London nichts mehr im Wege steht – erging aus Schweden eine „red notice“, ein internationaler Haftbefehl und ein Auslieferungsgesuch. Assange stellte sich der britischen Polizei und wurde während der Entscheidung über die Auslieferung mit Hausarrest und einer elektronischen Fußfessel belegt.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Dann ging es durch die Instanzen.

Mathias Bröckers: Seine Anwälte klagten durch drei Instanzen gegen die Auslieferung, weil der Antrag nicht von einem schwedischen Gericht, sondern von der Staatsanwaltschaft gestellt worden war. Doch der britische Supreme Court entschied, dem Antrag stattzugeben: zwar dürfe nach EU-Auslieferungsrecht nur eine „judicial authority“, also ein Gericht, eine Auslieferung beantragen, wenn man aber die französische Übersetzung – „autorité judicial“ – heranzöge, dürften das auch Staatsanwälte, lautete das Urteil. Dass Julian Assange angesichts derartiger Rechtsverdrehungen in die ecuadorianische Botschaft flüchtete, weil er das Vertrauen in ein faires Verfahren verloren hatte und befürchtete, von Schweden an die USA weitergereicht zu werden, ist absolut nachvollziehbar. Dass er jetzt wegen eines Meldevergehens zu 50 Wochen in einem Hochsicherheitsgefängnis verurteilt wurde, zeigt ebenfalls, dass seine Verfolgung nur noch scheinbar dem Buchstaben des Gesetzes angemessen ist. Assange ist kein Krimineller, sondern ein politischer Gefangener.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Für alle Leser, die sich mit Assange noch nicht so richtig auseinandergesetzt haben: Können Sie uns etwas zu seiner Biografie sagen? Und: Wie wurde er überhaupt zum Chef von Wikileaks?

Mathias Bröckers: Julian Assange ist Australier und hat sich mit 14 Jahren auf dem „Commodore 64“ das Hacken selbst beigebracht. Wenige Jahre später war er mit zwei Freunden in der Lage, sich zu zahlreichen Rechnern von Universitäten, Banken, Behörden und Militär Zugang zu verschaffen und sich dort umzusehen. Irgendwann wurden die jugendlichen Hacker erwischt und Julian Assange als Kopf der „Bande“ angeklagt. Nach einem sich lange hinziehenden Verfahren bekannte er sich am Ende schuldig und wurde 1996 zu einer Geldstrafe von 2000 australischen Dollar verurteilt. Das Gericht begründete die milde Strafe damit, dass Assange nicht zum Zwecke persönlicher Bereicherung, sondern aus „intellektueller Neugier“ gehandelt habe.

Redaktion (nachdenkseiten.de): 2007 ging es dann mit Wikileaks los. Was würden Sie als die gewichtigsten Veröffentlichungen der Plattform bezeichnen?

Mathias Bröckers: Weltberühmt und berüchtigt wurde Wikileaks nach der Veröffentlichung des Videos „Collateral Murder“, das die Ermordung von einer Gruppe von sechszehn Zivilisten, inklusive Kindern, und zwei Reuters-Journaliste durch einen US-Kampfhubschrauber im Irak zeigt. Ein Verbrechen, für das bis dato niemand verantwortlich gemacht wurde – außer Julian Assange, der die Weltöffentlichkeit darüber informiert hat.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Das war 2010.

Mathias Bröckers: Aber schon 2007 hat Wikileaks die Standard Operating Procedures for Camp Delta, das Handbuch für Soldaten von Gefangenen in Guantanamo Bay, veröffentlicht, wodurch unter anderem ans Licht kam, dass Gefangene vor dem Komitee des Roten Kreuz versteckt wurden und sich unter den Gefangenen auch fünfzehnjährige Kinder befinden.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Was hat Wikileaks noch veröffentlicht?

Mathias Bröckers: 2010 und 2011 werden geheime Militärdokumente aus den Kriegen in Afghanistan und Irak publiziert, die belegen, dass die Zahl der Ziviltoten weitaus höher ist, als offiziell zugegeben wird. 2015 veröffentlicht Wikileaks das geheime »Investment-Kapitel« der TPP-Verträge, das supra-nationale Gerichtshöfe vorschlägt, bei denen multinationale Konzerne Länder verklagen können. 2016 dann die Emails von Mitarbeitern des Democratic National Congress (DNC), aus denen hervorgeht, wie die Parteizentrale Hillary Clinton in den Vorwahlen bevorteilte, obwohl Bernie Sanders bessere Aussicht auf einen Wahlsieg hatte. Die ebenfalls publizierten Emails von John Podesta zeigten unter anderem, wie Wallstreet-Banker die Mitglieder des Obama-Kabinetts ausgesucht haben. Im März 2017 wird »Vault 7« veröffentlicht, tausende interne CIA-Dokumente, die unter anderem über verdeckte Hacking-Programme und Spionagesoftware berichten, mit denen Mobiltelefone und Auto-Computer angegriffen werden können.
Das sind, neben den 2010/11 veröffentlichten 250.000 diplomatischen Depeschen des US-Außenministeriums, die vielleicht wichtigsten Wikileaks-Publikationen, die die USA betreffen. Aber es wurden in diesen Jahren auch viele Materialien aus anderen Ländern publiziert – von Korruption in Kenia, über den Bankenskandal in Island, der zur Inhaftierung zahlreicher Banker führte, bis zu den „Spy Files“ über die Überwachung in Russland.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Wikileaks wurden immer mehr Unterlagen zugespielt. Die Mitarbeiter konnten die Informationen selbst nicht mehr bewältigen, haben sich dann große Medien als Kooperationspartner gesucht. War das ein Fehler?

Mathias Bröckers: Im Nachhinein betrachtet würde ich sagen, dass es ein Fehler war. Aber was sollte Assange sonst tun? Einfach nur die vielen Dokumente zu publizieren, die Whistleblower auf Wikileaks hinterlegt hatten, machte wenig Sinn und erzeugte kaum Wirkung. Sie mussten in einen Kontext gestellt werden, was nur Fachleute können, die sich in den jeweiligen Ländern oder Zusammenhängen auskennen. Aber Wikileaks hatte sich mit der mächtigsten Instanz dieser Erde, der amerikanischen Kriegsmaschine, angelegt und konnte nicht einfach Stellenanzeigen aufgeben, ohne befürchten zu müssen, umgehend von Spitzeln und Agenten unterwandert zu werden. Und so blieb Assange und seinen wenigen Vertrauten eigentlich gar nichts anderes übrig, als sich an die großen Medien zu wenden. Bevor Wikileaks die diplomatischen Depeschen selbst publizierte, wurden sie dem „Guardian“ und der „New York Times“ zur Verfügung gestellt. Hier prallten dann zwei Welten aufeinander: Wikileaks mit seinem radikalen Transparenzprinzip, grundsätzlich alle Dokumente unbearbeitet zu veröffentlichen und nur die Namen völlig unbeteiligter Zivilpersonen zu schwärzen – und die Großmedien in ihrer Funktion als Schleusenwärter und Gatekeeper.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Unter den Materialien, die Wikileaks an den Guardian weitergab, waren auch Depeschen über die Kriminalität in Bulgarien. Wie ist der Guardian damit umgegangen?

Mathias Bröckers: Der „Guardian“ hat nur einen Bruchteil publiziert, ohne auf die Kürzungen hinzuweisen und sämtliche Namen weggelassen, unter Berufung auf das Risiko von presserechtlichen Klagen. In der Depesche berichtet der US-Botschafter sehr ausführlich nach Hause, von welchen organisierten Kriminellen die bulgarischen Behörden und die Regierung unterwandert sind – er benennt die Personen und ihre Geschäfte und Unternehmen. In den „Guardian“-Auszügen des Dokuments wird dann nur ein einziger Name genannt und die Passagen sind so zusammenstellt, als ob die berichtete Kriminalität und Unterwanderung allein auf diesen russischen Oligarchen zurückgeht. Das ist nur eines von vielen Beispielen, das den Widerspruch zwischen Wikileaks-Transparenz und Medien-Spin gut verdeutlicht. Und auch zeigt, dass die Berufung auf „Presserecht“ und „journalistische Verantwortung“ nur vorgeschoben ist und wie in diesem Fall zwar für Bulgaren, aber nicht für Russen gilt.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Wie bewerten Sie den Umgang der großen Medien mit den Informationen, die von Wikileaks kamen?

Mathias Bröckers: Das kann man am besten bewerten, wenn man sich den Umgang der Großmedien mit Whistleblower-Material anschaut, das nicht von Wikileaks kam – wie das ganze Material von Edward Snowden, von dem nur Bruchteile bekannt geworden sind. Er hatte es „The Intercept“ anvertraut, von wo jetzt gerade mitgeteilt wurde, dass für eine weitere Sichtung und Bearbeitung leider das Geld fehlt – dieser Laden wird von dem ebay-Milliardär Pierre Omidyar finanziert. Von den „Panama Papers“ wurden nur 2% publiziert – von einer Gruppe internationaler Medien unter Beteiligung der „Süddeutschen Zeitung“. Dass Wikileaks alle 250.000 diplomatischen Kabel unbearbeitet veröffentlichte, führte dann dazu, dass sich die Medien von Assange distanzierten; auch intern gab es Konflikte. Aber wie das Beispiel zeigt: nur das radikale Wikileaks-Prinzip, nach Überprüfung der Dokumente auf ihre Echtheit alles zu publizieren, garantiert einem Whistleblower, dass sein Material auch wirklich an die Öffentlichkeit kommt.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Welche Bedeutung hat Assange mit seiner Plattform für den investigativen Journalismus?

Mathias Bröckers: Wikileaks hat eine neue Dimension für investigativen Journalismus eröffnet, der de facto ja kaum noch stattfindet, da die Presse als „vierte Säule“ und Wachhund der Demokratie weitgehend zu einem Schoßhund der Mächtigen geworden ist. Chelsea (damals noch: Bradley) Manning hatte die Dokumente über die Kriegsverbrechen in Irak und Afghanistan ja zuerst der New York Times und der Washington Post angeboten, erst als diese nicht interessiert waren, wandte er sich an Wikileaks. Julian Assange hat mit dieser Plattform eine Möglichkeit geschaffen, die Whistleblowern Anonymität sichert, also mit technischen, kryptographischen Mitteln einen 100-prozentigen Quellenschutz garantiert, wie er Journalisten rechtlich ohnehin zusteht – und mit dem Transparenz-Prinzip auch sichergestellt, dass die übermittelten Materialien auch publiziert werden. Von den mehr als 1,5 Millionen Dokumenten, die Wikileaks veröffentlichte, hat sich kein einziges als Fälschung erwiesen. Das spricht im Zeitalter von Fake-News für die herausragende Qualität dieser publizistischen Institution – kein anderes unserer sogenannten Qualitätsmedien kann sich in Sachen Faktentreue und Wahrheitsgehalt mit Wikileaks messen.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Mittlerweile wird in der Berichterstattung der Medien Assange als eine ziemlich kontroverse Person dargestellt. Was ist Ihre Einschätzung?

Mathias Bröckers: Die wunderbare Caitlin Johnstone – ‚rogue journalist’ und Bloggerin in Julian Assanges Heimatland Australien – hat einen Artikel ausgearbeitet, in dem sie auf die zahlreichen Verleumdungen Julian Assanges eingeht und sie Punkt für Punkt widerlegt. Wie schon gesagt, wird seit mehr als zehn Jahren von Seiten der Vereinigten Staaten daran gearbeitet, den Ruf von Wikileaks und die Glaubwürdigkeit seines Gründers zu zerstören. Und das mit Erfolg, denn kaum fällt der Name, kommt meist sofort das große „Ja aber…“, gefolgt von Begriffen wie „Vergewaltiger“, „Trump-Fan“, „Putin-Agent“ usw.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Caitlin Johnstone hat 29 dieser Verleumdungen genauer betrachtet …

Mathias Bröckers: … und widerlegt! Es ist eine Schmierenkampagne sondergleichen, die dazu geführt hat, das Julian Assange als „kontroverse Person“ in den Medien dargestellt wird. Der Grund für alle diese Diffamierungen ist, vom Kern der Sache abzulenken.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Was ist denn der Kern?

Mathias Bröckers: Es geht bei der Verfolgung und Anklage gegen Julian Assange nicht um seine Person, es geht um die Institution Wikileaks, es geht um die unabhängige Publikation von Informationen, es geht um die Wahrheit über Kriegsverbrechen, Korruption und Kriminalität der Herrschenden.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Auch wenn Sie kein Anwalt sind, was meinen Sie: Wie viel Substanz haben die rechtlichen Vorwürfe gegen Assange?

Mathias Bröckers: Die Anklageschrift aus den USA umfasst 18 Punkte. Einer davon ist, dass er Chelsea Manning angestiftet und geholfen haben soll, „Collateral Murder“ und anderes Material von den Militärservern herunterzuladen. Chelsea Manning wurde nach der Begnadigung durch Präsident Obama jetzt zum zweiten Mal in Beugehaft genommen, um eine Zeugenaussage gegen Assange zu erzwingen. Sie weigert sich weiter, der Vorladung zu folgen und muss dafür eine Strafe von 500 Dollar pro Tag zahlen.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Eine Menge Geld.

Mathias Bröckers: Das sind Daumenschrauben. Sie erinnern an die Methoden der mittelalterlichen Inquisition – und zeigen, wie wenig die US-Justiz gegen Julian Assange letztlich in der Hand hat. Die anderen 17 Anklagepunkte betreffen allein die publizistischen Aktivitäten von Wikileaks, die Veröffentlichungen von als geheim eingestuften Dokumenten, was nach dem „Espionage Act“ von 1917 angeklagt ist. Es ist das erste Mal, dass ein Journalist nach diesem Gesetz angeklagt wird und die Staatsanwaltschaft des Court of Virgina fordert für Assange insgesamt 175 Jahre Haft. Rechtlich geht das nur, indem man den Angeklagten als „feindlichen Spion“ einstuft. Weil er aber in keiner Weise spioniert, sondern nur publiziert hat, steht diese Anklage meiner Einschätzung nach auf sehr tönernen Füßen.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Es wird immer gesagt, Assange sei kein Journalist. Wie sehen Sie das?

Mathias Bröckers: Das wird von seinen Verfolgern immer wieder behauptet, Außenminister Pompeo nannte Wikileaks einen „feindlichen Geheimdienst“, denn nur wenn man Assange den Status eines Publizisten abspricht, kann man eine solche Anklage konstruieren. Dass Assange Wikileaks einmal ironisch als „Geheimdienst des Volkes“ bezeichnet hat, nimmt die Anklageschrift gleich im ersten Satz allen Ernstes auf. Dass Wikileaks das genaue Gegenteil eines Geheimdiensts ist, weil alle gesammelten Informationen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden – derlei Subtilitäten sind den US-Anklägern offensichtlich entgangen. Sie verwenden die Definition, um aus Assange einen feindlichen Spion zu basteln und seine Aktivitäten von publizistischem, journalistischem Tun zu entfernen. Das ist notwendig, denn sonst müssten alle die Verleger und Journalisten von der New York Times abwärts, die Wikileaks-Material publiziert haben, ebenfalls als feindliche Spione angeklagt werden. Deshalb hatten die Juristen der Obama-Regierung der Anti-Wikileaks-Taskforce noch geraten, auf eine solche Anklage zu verzichten, weil davon der Verfassungsgrundsatz der Pressefreiheit berührt ist. Die Regierung Trump hat diese Bedenken nun fallengelassen und versucht, einen Präzedenzfall zu schaffen.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Warum ist die Frage, ob Assange als Journalist zu betrachten ist oder nicht, von Relevanz?

Mathias Bröckers: Wenn diese Anklage zu einer Auslieferung und Verurteilung Julian Assanges führt, kann künftig jeder verfolgt werden, der für das US-Imperium unangenehme Wahrheiten veröffentlicht. Es geht bei diesem Fall nicht um irgendeinen Freak, der Geheimdokumente ins Internet gestellt hat, es geht um einen Präzedenzfall, der die Grundlage demokratischer Verfassungen, die Pressefreiheit, außer Kraft setzt.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Was würde denn eine Auslieferung oder gar eine Verurteilung aufgrund dieser Anklage bedeuten?

Mathias Bröckers: Dann heißt das nichts anderes, als dass fortan jeder Publizist und jeder Verlag überall auf der Welt zur Loyalität gegenüber den Vereinigten Staaten und zur Verschwiegenheit gegenüber ihren Staatsgeheimnissen verpflichtet ist. Und dass als „Journalist“ nur noch gilt, wer von der künftigen „Reichsschrifttumskammer 2.0“ in Washington nicht als »feindlicher Spion« eingestuft und mit internationalem Haftbefehl zur sofortigen Auslieferung ausgeschrieben wird.
Edward Snowden hat gesagt: „Wenn das Aufdecken von Verbrechen wie ein Verbrechen behandelt wird, werden wir von Verbrechern regiert“ – der Ausgang des Verfahrens gegen Assange wird zeigen, ob wir definitiv schon so weit sind. Nils Melzer, der Sonderberichterstatter für Folter vom Hochkommissariat der Menschenrechte der Vereinten Nationen, der Julian Assange im Gefängnis mit zwei medizinischen Experten besuchen konnte, spricht von „psychologischer Folter“, der Assange seit Jahren ausgesetzt sei und die sofort beendet werden müsse. Er hat fast 10 Kilo abgenommen und befindet sich derzeit im Krankenhaus des Gefängnisses. Diese Torturen werden von der Öffentlichkeit nur hingenommen, weil Julian Assange der Status als Journalist abgesprochen wird. Stellen Sie sich vor, in Russland oder in China säße ein Kollege, der Dokumente über Kriegsverbrechen und Korruption veröffentlicht hat, wegen Verstoß gegen Meldeauflagen in Isolationshaft und das UN-Kommissariat konstatiert in einem Gutachten „Folter“. Was wäre da international in den Nachrichten los, was gäbe es für einen Alarm von Amnesty International, Reporter ohne Grenzen und aus der Politik ? Als der Springer-Journalist Deniz Yücel in der Türkei in Haft genommen wurde, war das monatelang ein Thema, von „taz“ über FAZ bis „Tagesschau“ bis hin zum Bundespräsidialamt.

Redaktion (nachdenkseiten.de): Was fällt Ihnen an der Berichterstattung hierzulande zu Assange auf?

Mathias Bröckers: Eben dieses penetrante, ignorante Schweigen. Bei dem ich aber nicht weiß, ob es allein aus Unterwürfigkeit gegenüber dem US-Imperium stattfindet oder weil die Branche einfach den Schuss nicht gehört und noch gar nicht gecheckt hat, dass von diesem Fall jede Journalistin, jeder Journalist, jeder Verlag, jede Webseite, alle, die „irgendwas mit Medien“ machen, betroffen sind. Und zwar nicht irgendwie, sondern im Kern. Wer Journalismus noch nicht als Teil einer internationalen Unterhaltungsindustrie versteht, sondern so, wie er in der Verfassung definiert und mit besonderen Rechten ausgestattet ist – als Wachhund und Kontrolleur der Mächtigen, der für den eigentlichen Souverän – das Volk – Transparenz und Öffentlichkeit herstellt – muss verhindern, dass mit der Verurteilung von Julian Assange ein Präzedenzfall geschaffen wird. Deshalb muss immer wieder klargestellt werden: Wikileaks hat keine Verbrechen begangen, sondern Verbrechen aufgedeckt! Julian Assange ist kein Spion, sondern Journalist und Publizist! Er darf nicht an die Vereinigten Staaten ausgeliefert und verurteilt werden, denn seine Tätigkeit ist von allen europäischen Verfassungen geschützt. Seine Verfolgung ist ein massiver Angriff auf die Pressefreiheit. Die Bundesregierung und die EU-Institutionen in Brüssel sind aufgerufen, dies klarzustellen und Julian Assange Asyl zu gewähren. Und wenn ich dort irgendetwas zu sagen hätte, würde ich ihn als Datenschutz- und Whistleblower-Beauftragten einstellen und ihn zusammen mit Chelsea Manning umgehend für den Friedensnobelpreis 2019 nominieren.


Aus: "Mathias Bröckers: „Julian Assange ist kein Spion, sondern Journalist und Publizist!“" (03. Juli 2019)
Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=52967

Buch: Bröckers, Mathias: "Don’t kill the messenger. Freiheit für Julian Assange".
Mit einem Beitrag von Caitlin Johnstone. Westend Verlag (2019)

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[...]  Julian Assange und die Pressefreiheit: Keiner von uns
Wir müssen die Pressefreiheit verteidigen – aber nicht Julian Assange. Wikileaks arbeitet wie ein Geheimdienst und unterstützt den Rechtsextremismus.

Von Jörn Schulz

Allzu schwer ist es eigentlich nicht. Selbst zwei ehemalige Tory-Minister sowie zwölf Baronessen und Lords haben es begriffen. Sie und knapp 60 weitere britische Abgeordnete forderten Mitte April in einem offenen Brief an den britischen Innenminister Sajid Javid und die Labour-Schatteninnenministerin Diane Abbott, »Schweden jede Unterstützung zu gewähren«, wenn die Ermittlungen gegen Julian Assange ­wegen Vergewaltigung wieder aufgenommen werden sollten. »Wir bitten Sie dringlich, an der Seite der Opfer sexueller Gewalt zu stehen und anzustreben, dass die Vorwürfe gegen Herrn Assange nun ordnungsgemäß untersucht werden können.«

So heruntergekommen die Labour Party sein mag – viele ihrer Abgeordneten und sogar einige Konservative sind in Sachen konsequenter Ermittlungen in Fällen sexueller Gewalt fortschrittlicher als ein beachtlicher Teil der Linken. Bei diesen, so Nesrine Malik im Guardian, gebe es die Tendenz zu einer »Hierarchie würdiger Themen«, oben stünden die USA und der Imperi­alismus, ganz unten rangierten »nervtötende Gender-Angelegenheiten, die die Solidarität mit Männern brechen«.

Auch Axel Berger und Felix Klopotek (Jungle World 21/2019) fordern nur kryptisch eine »Klärung« des Vergewaltigungsvorwurfs und referieren kritiklos die Rechtfertigungsstrategie des Verdächtigen: »Unter der Voraussetzung einer Nichtauslieferung an die USA hatte Assange stets angeboten, mit Schweden zu kooperieren.« Die bescheidene Forderung, mal eben das rechtsstaatliche Verfahren für Aus­lieferungen außer Kraft zu setzen, wird wohlwollend als Bereitschaft zur ­Zusammenarbeit gewertet. Tatsächlich aber hatte sich Assange in die ecuado­rianische Botschaft zurückgezogen, um sich nicht der schwedischen Justiz stellen zu müssen – nachdem er zuvor keine Bedenken gezeigt hatte, sich in Schweden aufzuhalten.

Ursprünglich warfen US-Ermittler Assange eine konkrete Straftat vor, nämlich einen digitalen Einbruch. Die Strafverfolgung nach dem »Espionage Act« stellt jedoch tatsächlich einen Angriff auf die Pressefreiheit dar, da hier die Veröffentlichung von Material kriminalisiert werden soll. Man sollte also gegen diese Strafverfolgung und eine Auslieferung an die USA opponieren, aber auch fordern, dass Assange sich einem schwedischen Gericht stellt. Für Solidarität (»unbedingtes Zusammenhalten mit jemandem aufgrund gleicher Anschauungen und Ziele« oder »auf das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Eintreten füreinander sich gründende Unterstützung«, wie der Duden lehrt) mit Assange hingegen fehlen die Voraussetzungen – jedenfalls sollte es in der Linken so sein.

»Ich liebe Märkte«, offenbarte Assange zu Beginn seiner Karriere im Jahr 2010 dem Magazin Forbes. Aber »damit es einen Markt gibt, muss es Informa­tionen geben«, da sich sonst Monopole bildeten, und diese Informationen würden nicht immer freiwillig herausgegeben. »Wikileaks wurde geschaffen, um den Kapitalismus freier und ethischer zu machen.« Assange war damals ein Rechtslibertärer, und die Staatsfeindlichkeit der Rechtslibertären ist die der egoistischen Einzelkämpfer. Von dort ist der Weg zum Rechtsextremismus nicht weit, eine solche Entwicklung ist angelegt im Sozialdarwinismus, der staatliche Umverteilung, den Sozialstaat und Antidiskriminierungsgesetze grundsätzlich ablehnt, und in der Ansicht, man müsse bei der Verfolgung eigener Interessen keine Rücksicht auf Regeln, Mitmenschen und Kollateralschäden nehmen.

Rechtslibertäre sind zudem unfähig zur Analyse und glauben, das Problem der Politik seien schmutzige Geheimnisse. Das führt oftmals in die Verschwörungsideologie, weil die Enthüllung des zuweilen tödlichen, aber immer recht ­banalen Treibens der Herrschenden sie nicht zufriedenstellen kann und sie glauben, da müsse noch etwas viel Böseres, Schmutzigeres sein, so etwas wie »Pizzagate« – eine Verschwörungstheorie über einen von Hillary Clinton ­betriebenen Kinderpornoring.

Das schmutzige Geheimnis des Kapitalismus hat  bereits Karl Marx enthüllt, aber man kann es wohl nicht oft genug wiederholen: G-W-G‘. Sich auch mit jenen Formen der Herrschaftsausübung und Geschäftstätigkeit zu befassen, die vor der Öffentlichkeit verborgen werden sollen, ist keineswegs überflüssig. Es birgt aber die ­Gefahr, sich auf Skandale zu konzentrieren, die als moralische Verfehlungen in einem an sich guten System gesehen werden, das eben nur »freier und ethischer« ­gemacht werden müsse. Das Hauptangriffsziel der radikalen Linken sollte der Normalbetrieb des Kapitalismus sein.

Zudem bleibt ein Rätsel, was gemeint ist, wenn Berger und Klopotek behaupten, die Politik verlagere sich »immer mehr ins Arkane – in Geheimoperationen, Geheimverträge, Geheimverhandlungen«. Das Gegenteil ist der Fall. Das Leak ist integraler Bestandteil der Politik geworden, die Voraussetzungen für Geheimoperationen, die ihren Namen auch verdienen, sind durch die globale Verbreitung von Smartphones und Recherchenetzwerke wie Bellingcat geschwunden. Der Job von Whistle­blowern ist es, dringend benötigte ­Beweise für etwas zu beschaffen, das man längst weiß. Dass etwa Reiche Steuerbetrug begehen, ist keine Überraschung, aber es ist nützlich, dies belegen zu können. Überraschungen hatte auch Wikileaks nicht zu bieten. Selbst der wohl spektakulärste Coup, die Veröffentlichung des »Baghdad Airstrike«-Videos, enthüllte nichts. Unter Berufung auf Augenzeugen berichtete Reuters bereits am Tag des Massakers, dass ein US-Hubschrauber auf Journalisten und andere Zivilisten geschossen habe. Das Video brachte dann den Beweis.

Die Geheimnisse des Staates und der Konzerne aber erschöpfen sich nicht in vertuschten Massakern und »House of Cards«-kompatiblen Intrigen. Weitaus häufiger sind es die Geheimnisse der von der Staatsgewalt Betroffenen und der Lohnabhängigen, deren Veröffentlichung gefürchtet werden sollte. Die von Klopotek und Berger befürwortete ungefilterte Veröffentlichung (»radikale Öffentlichkeit gegen Arkanpolitik«) ist ein Verstoß gegen den ­Datenschutz, der sogar Menschenleben gefährdet, wenn es etwa um Homo­sexuelle in Saudi-Arabien oder Übersetzer des US-Militärs in Afghanistan geht.

Zudem arbeitet Wikileaks spätestens seit 2016 nicht mehr als allgemeine Enthüllungsplattform, sondern wie ein Geheimdienst mit politischer Agenda. Bereits im November des Vorjahres schrieb Assange an Wikileaks-Mitarbeiter, es sei »viel besser, wenn die GOP (Grand Old Party, die Republikaner, Anm. d. Verf.) gewinnt«. Dieser Vorgabe folgte Wikileaks im US-Wahlkampf. Tweets wie »Unsere Analyse zeigt, dass Trump bezüglich TPP recht hat« und »Trump hat recht, dass Libyen vor allem durch Clintons Handlungen zerstört wurde« zeigen, dass es nicht nur um die Diskreditierung der demokratischen Präsidentschaftskandidatin ging. Schwer zu glauben ist zudem, dass die Kommunikation von Wikileaks mit ­Donald Trump Jr. und Roger Stone, ­einem zeitweiligen Berater Trumps, nur ein unverbindlicher Meinungsaustausch war.

Beschafft wurden die Daten, die Clinton und die Demokraten diskreditieren sollten, nicht von Whistleblowern, sondern von Hackern des russischen Militärgeheimdiensts GRU, wie der Bericht des US-Sonderermittlers Robert Mueller feststellt. Assange deutete 2016 an, der nach Polizeiermittlungen einem Raubmord zum Opfer gefallene Seth Rich, ein Angestellter des Democratic National Committee, sei die Quelle der Enthüllungen gewesen; Wikileaks versprach eine Belohnung von 20 000 US-Dollar für Informationen, die zur Ergreifung des Täters führen – ein ­geradezu klassisches geheimdienstliches Ablenkungs- und Desinformationsmanöver.

Wikileaks hat die antidemokratischen Manipulationen der russischen Außenpolitik und den rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump unterstützt. Reaktionäre, frauenfeindliche und antisemitische Äußerungen Assanges und anderer Wikileaks-Mitarbeiter sind keine Ausrutscher verschrobener Nerds, sondern geben die ideologische Haltung wieder, die dieser Politik zugrunde liegt. Auf der Einhaltung rechtsstaatlicher Regeln muss die Linke bestehen, auch wenn es um ihre Feinde geht. Sie sollte aber auch deutlich sagen, dass Assange nicht viel mit Whistleblowern wie Can Dündar oder Alexander Nikitin gemein hat, sondern mehr mit Demagogen wie Steve Bannon.


Aus: "Julian Assange und die Pressefreiheit: Keiner von uns" Jörn Schulz (04.07.2019)
Quelle: https://jungle.world/artikel/2019/27/keiner-von-uns

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Pressemitteilung, Darmstadt, 14. Juni 2019. Das PEN-Zentrum Deutschland verurteilt die Entscheidung der britischen Regierung, Wikileaks-Gründer Julian Assange an die USA auszuliefern. Zugleich appelliert der PEN an die britischen Behörden, ihren Beschluss zu revidieren, und ruft die EU-Mitgliedstaaten wiederholt dazu auf, Assange Asyl zu gewähren.

„Der Fall Assange ist komplex, denn in der Tat ist er selbst kein Journalist, Wikileaks übernimmt ja keine redaktionelle Verantwortung für das, was veröffentlicht wird. Es geht hier, wie auch bei Manning, Snowden und anderen, um die komplexe Beziehung zwischen Journalisten und ihren Quellen. Ein Angriff auf den Schutz journalistischer Quellen wird gravierende Auswirkungen auf den Journalismus und die Pressefreiheit haben. Deshalb ist dieser Fall so eminent wichtig, bei aller Kritik, die man in anderer Hinsicht an der Person Assange haben kann“, so PEN-Präsidentin Regula Venske.

Die zuständigen Institutionen der EU müssen Assange gegen eine Ausweisung schützen. Sollte er an die USA ausgeliefert werden, wäre dies ein schwerer Schlag gegen die Freiheit des Wortes, die Pressefreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Medienberichten zufolge hat die britische Regierung dem Auslieferungsgesuch der USA gegen den Wikileaks-Gründer Julian Assange zugestimmt, nachdem die britischen Behörden den Antrag dazu am Mittwoch erhalten haben. Dem Whistleblower drohen bis zu 175 Jahre Haft.

Für das PEN-Zentrum Deutschland

Leander Sukov
Vizepräsident und Writers-in-Exile Beauftragter


Aus: "Auslieferung von Julian Assange wäre Verrat an Freiheit des Wortes und Pressefreiheit" Veröffentlicht am 14.06.2019 von PEN-Zentrum   
Quelle: https://www.pen-deutschland.de/de/2019/06/14/auslieferung-von-julian-assange-waere-verrat-an-freiheit-des-wortes-und-pressefreiheit/


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[...] Das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) hat eine Studie veröffentlicht, die Tötungsdelikte weltweit aufzeigt (Global Study on Homicide). Aus ihr geht hervor, dass 2017 weltweit 87.000 Frauen getötet wurden, 50.000 von ihnen wurden von ihrem Partner oder einem Familienangehörigen umgebracht.

"Viele werden von ihren aktuellen oder früheren Partnern getötet, aber auch von Vätern, Brüdern, Müttern, Schwestern und anderen Familienmitgliedern wegen ihrer Rolle und ihres Rangs", heißt es in dem Bericht. Wenn es sich um Partner oder Ex-Partner handle, seien die Taten meist nicht spontan, sondern stünden am Ende einer langen Gewaltspirale. Motive, die eine große Rolle spielten, seien Eifersucht oder Angst vor der Trennung. Verglichen mit 2012 ist die Zahl der Opfer leicht gestiegen.

Die meisten Fälle häuslicher Gewalt mit tödlichem Ausgang wurden 2017 in Asien verzeichnet: 20.000 Frauen wurden dort von ihren Partnern oder Familienangehörigen getötet. In Afrika wurden 19.000 Fälle gezählt, auf dem amerikanischen Kontinent 8.000, in Europa 3.000. Werden die jeweiligen Einwohnerzahlen der Regionen berücksichtigt, ist die Situation für Frauen in Afrika am gefährlichsten, in Europa dagegen vergleichsweise sicher.

Laut dem Bericht liegt die Gewalt gegen Frauen oft in stereotypen Ansichten zur autoritären Rolle des Mannes begründet. Wer glaube, der Mann habe das Recht auf Sex oder das Recht, die Frau zu dominieren, neige eher zu mitunter auch tödlicher Gewalt. Bei den Tätern seien geringe Bildung, Misshandlungen in der Kindheit, Alkohol und die Erfahrung niedriger Hemmschwellen zur Gewaltanwendung wichtige Faktoren.

Insgesamt sind 2017 weltweit 464.000 Menschen Opfer von Tötungsdelikten geworden. Durch Mord und Totschlag seien viel mehr Menschen gestorben als in allen bewaffneten Konflikten – das waren im selben Zeitraum 89.000. Banden wie die Mafia – also die organisierte Kriminalität – seien für 19 Prozent aller Tötungsdelikte verantwortlich.


Aus: "UN-Bericht: 87.000 Frauen wurden 2017 gewaltsam getötet" (8. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-07/un-bericht-toetungsdelikte-undoc-haeusliche-gewalt-verbrechensbekaempfung

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St.Expeditus #2

"Aus ihr geht hervor, dass 2017 weltweit 87.000 Frauen getötet wurden, 50.000 von ihnen wurden von ihrem Partner oder einem Familienangehörigen umgebracht.
Insgesamt sind 2017 weltweit 464.000 Menschen Opfer von Tötungsdelikten geworden. Durch Mord und Totschlag seien viel mehr Menschen gestorben als in allen bewaffneten Konflikten – das waren im selben Zeitraum 89.000."

Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? ....


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 Statikus #26

Ich hätte mir zu diesem Artikel noch ein paar weitere Hintergrundinformationen gewünscht: Wenn von insgesamt 464.000 Opfern der Anteil der Frauen augenscheinlich bei knapp 20% liegt, wie ist die entsprechende Verteilung bei den Tätern? Bei wie vielen der Tötungsdelikte konnte die Tat aufgeklärt werden? Aber auch: Wenn bei den weiblichen Opfern genau ausgerechnet wird, dass dies 238 Todesfälle pro Tag sind (eine zugegebenermaßen erschreckende Zahl), warum wird nicht zumindest in einem Nebensatz erwähnt, dass die Zahl der männlichen Opfer mit mehr als 1.000 täglich eigentlich noch viel erschreckender ist? Wie sieht es in diesen Fällen mit der Motivlage aus?


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Havelock Vetinari #37

Vielleicht wären einige weiter Fakten dieses Berichts interessant, um das Informationsspektrum etwas zu erweitern:Globally, some 81 per cent of homicide victims recorded in 2017 were men and boys, and more than 90 per cent of suspects in homicide cases were men, according to the most recent estimates. ...

https://www.unodc.org/documents/data-and-analysis/gsh/Homicide_report_press_release.pdf


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Reinerkar #42


Die Aufsummierung auf die Kontinente erscheint schon etwas grob zu sein. Mich würde auch einmal interessieren, ob es entsprechende Aufschlüsselungen gibt, die sich mit der Kultur/Religion der jeweiligen Täter beschäftigen.

Ebenfalls würde mich interessieren, warum angesprochen wird, (so schrecklich das auch ist) das 87.000 Frauen Opfer von Morden wurden (87.000 zuviel).
Es wird aber nicht erwähnt, das in der gleichen Zeit (2017) 377.000 Männer ermordet wurden.
Selbst wenn wir annehmen, das die ganzen *Kriegsopfer* Männer waren, sind immer noch 288K zu 87K, also ungefähr 3 x so viele Männer ermordet worden, wie Frauen.
Wäre es hier nicht angebrachter, darüber entsetzt zu sein, das insgesamt fast eine halbe Million Menschen ermordet worden sind?


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allesmist #42.1

Ja aber diese Männer werden ja häufig von anderen Männern umgebracht. Sie gehören der gleichen Gruppe an und sind somit gewissermaßen "selbst schuld". So zumindest die Standardargumentation an dieser Stelle...


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AH-JA #43

Wie viele Frauen wurden in Deutschland getötet? Wie schlüsseln sich die Zahlen auf?

Ab 2012 stieg die Zahl der Morde (Frauen und Männer) deutlich an:

- Tiefststand 2012: 181 Morde
- Höchststand 2017: 405 Morde.
- Trendwende ab 2018: 386 Morde

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2229/umfrage/mordopfer-in-deutschland-entwicklung-seit-1987/

Die Welt der Gewalt ist häufiger männlich. Grausam sind beide Geschlechter.
https://www.rbb-online.de/taeteropferpolizei/themen/frauenkriminalitaet.html


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trockenpflaume #44

Jede Frau und jeder Mann sind ein Mensch zuviel. Aber was will uns diese Meldung sagen? Bei 464.000 Tötungsdelikten weltweit sind also 87.000 weibliche Opfer und 377.000 männliche Opfer. Es gibt schlimme Verbrechen an Frauen, aber Mann sein ist viel gefährlicher?!


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Atomickitten #44.1

Vielleicht weil es einfach noch perfider anmutet, wenn Frauen Opfer werden durch ihre eigenen (meist männlichen Angehörigen)? Ein interessanter Blog dazu:
http://kattascha.de/mord-ist-kein-beziehungsdrama/

Und ein Mann sehr selten einfach nur getötet wird, weil er ein Mann ist. Also nicht wegen seines Geldes. Einfach weil man ihn vergewaltigen will und/oder einen Hass auf Männer hat. Hassverbrechen wegen Religion, Rasse oder sexueller Orientierung werden auch als ganz besonders perfide und verachtenswert eingestuft.


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  matthias pietsch #48.7

Da Gewalt ja ohnehin ein Männerproblem ist, hält sich meine Verwunderung eher in Grenzen.


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Porkchop9111 #51.4


"A 2013 global study on homicide by the United Nations Office on Drugs and Crime found that men accounted for about 96 percent of all homicide perpetrators worldwide"
https://en.wikipedia.org/wiki/Homicide_statistics_by_gender

Gewalt ist eigentlich ein Problem von Männer für Männer. Aus dem Artikel der im eigentlichen Artikel verlinkt wird:

"Stefanie Leich: Die Gewalt gegen Frauen nimmt nicht ab, das Ausmaß hat sich seit 20 Jahren nicht verändert. Jede dritte bis vierte Frau erlebt in ihrem Leben Gewalt. Zwar hat sich im Opferschutz viel getan, an anderer Stelle dagegen nichts. Ich kann Gewalt gegen Frauen nur verhindern, wenn ich auch die miteinbeziehe, die die Gewalt ausüben. Stichwort Täterarbeit. Die ist aber vielerorts total banal: Bei uns in Hamburg gibt es beispielsweise genau eine Beratungsstelle, an die sich Täter oder Täterinnen wenden können. Wenn man nur auf die eine Hälfte schaut, kann man dauerhaft nichts verändern." https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-11/haeusliche-gewalt-taeterarbeit-hamburger-frauenhaus-opfer


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Edward Snowden...
« on: July 08, 2019, 02:57:45 PM »
Quote
[...] Gespannt verfolgt der Anwalt von Edward Snowden, Robert Tibbo, den Fall Julian Assange, der in England im Gefängnis sitzt. Die USA verlangen die Auslieferung des Wikileaks-Gründers, der geheime Dokumente aus dem Irak- und dem Afghanistan-Krieg veröffentlicht hatte. Wie mit ihm umgegangen werde, sei für den Fall Edward Snowden zentral. «Was mit Assange passiert, wird zum Präzedenzfall für Personen, die eine gewisse politische Meinung äussern, mit der die USA nicht einverstanden sind», sagt Tibbo. Die USA wollten an Assange ein Exempel statuieren. «Sie wollen ihn zum Schweigen bringen und für immer wegsperren.» Damit sollen Whistleblower abgehalten werden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Botschaft ist klar: Wenn ihr es wagt, dann bezahlt ihr einen hohen Preis. «Der Fall Assange betrifft damit alle Whistleblower. Er betrifft aber auch Journalisten, die mit Whistleblowern zusammenarbeiten. Und er betrifft auch Leute, die Whistleblower in irgendeiner Form unterstützen», sagt Tibbo.

Dabei glaubt Tibbo nicht, dass Assange in die USA ausgeliefert werde. Zum einen sei da der schlechte Gesundheitszustand des gebürtigen Australiers. Auf der Flucht vor den Behörden lebte Assange über sieben Jahre lang in der ecuadorianischen Botschaft in London. In dieser Zeit war er dringend auf medizinische Hilfe angewiesen, er konnte die Botschaft aber nicht verlassen, um ein Spital aufzusuchen. Die englische Regierung machte klar, dass sie ihn sofort verhaften werde, sobald er einen Fuss vor die Tür setzen werde. Als Ecuador den politischen Schutz im vergangenen April aufhob, wurde er verhaftet. In den Medien war ein weisshaariger, schwacher Assange zu sehen. Zum anderen sei es bekannt, wie schlecht die USA politische Gefangene behandelten.

«Als Anwalt würde ich den Fall Pinochet vor Gericht aufführen», sagt Tibbo. Augusto Pinochet, der verstorbene chilenischen Diktator, wurde bei einem Besuch in Grossbritannien aufgrund eines Auslieferungsgesuchs Spaniens festgenommen. Nach einem jahrelangen Tauziehen entschied die englische Justiz schliesslich, Pinochet aufgrund seines Gesundheitszustandes freizulassen, worauf dieser nach Chile zurückkehrte, wo er später verstarb. «Im Unterschied zu Assange hat Pinochet unzählige Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Das war kein Whistleblower, sondern ein Mann, der die schrecklichsten Dinge tat. Er liess Tausende Menschen verschwinden und ermorden.» Dass er dabei von den USA unterstützt wurde, sei natürlich Ironie der Geschichte.


Aus: "Was der Fall Julian Assange für Edward Snowden bedeutet" Roman Schenkel (1.7.2019)
Quelle: https://www.luzernerzeitung.ch/international/was-der-fall-julian-assange-fuer-edward-snowden-bedeutet-ld.1130278

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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Julian Assange / Wikileaks ...
« on: July 08, 2019, 02:53:24 PM »
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[...] Vor einigen Tagen hat Sajid Javid, der Innenminister Großbritanniens, das Auslieferungsgesuch der USA für Julian Assange formell angenommen. In einem Interview mit dem Radio 4 der BBC am 13. Juni rechtfertigte er seine Entscheidung folgendermaßen: „Assange befindet sich zu Recht hinter Gittern. Es gibt ein Auslieferungsgesuch von den USA, es wird schon morgen vor Gericht verhandelt. Ich selbst habe das Gesuch bereits gestern unterzeichnet, es formell angenommen, und so wird es morgen verhandelt. Schlussendlich ist es eine Entscheidung des Gerichtes, doch auch der Innenminister spielt dabei eine Rolle, und ich für meinen Teil möchte sicherstellen, dass stets Recht geschieht. Es gibt hier ein legitimes Auslieferungsgesuch, also habe ich es unterschrieben, aber die finale Entscheidung liegt nun beim Gericht.“

Es lohnt sich, sich diesen kurzen, genuschelten Absatz im Detail anzusehen: Was einem sofort ins Auge fällt, ist die dreimalige Wiederholung der Aussage, dass die Entscheidung am Ende beim Gericht liege („so wird es morgen verhandelt“, „schlussendlich ist es eine Entscheidung des Gerichtes“, „die finale Entscheidung liegt nun beim Gericht“), und genau diese dreimalige Betonung zeigt uns, dass hier etwas nicht stimmt. Was er tatsächlich sagt, ist, dass es eben keine Entscheidung des Gerichtes, dass die Entscheidung bereits „gestern“ gefallen sei.

Das britische Rechtssystem hat bereits entschieden, den Wünschen der USA zu entsprechen, und das Gericht wird es bloß quasi rückwirkend noch einmal bestätigen („morgen“). Anders ausgedrückt, bedeutet die Aussage, „stets sicherstellen zu wollen, dass Recht geschieht“, dass das Recht schon gesprochen wurde, bevor der Prozess auch nur begonnen hatte, denn nur so kann man seine Aussage verstehen, dass Assange sich „zu Recht hinter Gittern befindet“. Nur so lässt sich auch ein weiteres, seltsames und offensichtlich illegales Ereignis erklären. Es trug sich drei Wochen vor Ablauf der Frist für das finale Auslieferungsgesuch der USA zu: Ecuadorianische Beamte begaben sich nach London, um den amerikanischen Staatsanwälten die Möglichkeit zu geben, sich an Assanges Habseligkeiten „zu bedienen“.

Weder Assanges Anwälten noch Beamten der UN wurde erlaubt, bei dieser „von den US-Behörden eingeforderten“ illegalen Beschlagnahmung anwesend zu sein. Unter den beschlagnahmten Gegenständen befanden sich zwei seiner Manuskripte sowie seine gerichtlichen Unterlagen, medizinische Berichte und elektronische Geräte. Diese Beschlagnahmung verletzt Gesetze, die medizinische sowie rechtliche Verschwiegenheit, aber auch die Pressefreiheit schützen sollten. Baltasar Garzón, einer von Assanges Anwälten, formulierte die Umstände dieser Beschlagnahmung sehr treffend:

„Es ist vollkommen unverständlich, warum das Land, das ihm einmal Schutz geboten hat, nun seine privilegierte Position ausnutzt, um dem Land, das ihn verfolgt, seine Besitztümer zu übergeben. Diese Besitztümer werden ohne jeden gerichtlichen Beschluss beschlagnahmt, ohne die Rechte politischer Flüchtlinge zu achten, ohne die Beweismittelkette zu respektieren. Und was alles noch schlimmer macht, ist die systematische Anfertigung von Aufzeichnungen, die in der Botschaft stattgefunden hat, wozu es bereits eine Beschwerde gegeben hat. Die systematische Verletzung von Assanges Rechten übersteigt die Grenze der Vorstellungskraft.“

Die einzige Art und Weise, wie sich diese illegale Schamlosigkeit begreifen lässt, ist Absicht zu unterstellen. Die Brutalität, mit der hier vorgegangen wurde, die Respektlosigkeit gegenüber rechtlichen Sitten und Vorgaben ergibt nur dann einen Sinn, wenn man die Illegalität an sich als zentrale Botschaft an die Öffentlichkeit versteht: „Legt euch mit uns nicht an, denn wenn ihr das tut, werden wir euch vernichten …“

Wo sind sie nun also, all die weisen Stimmen, die Assange rieten, sich zu ergeben, weil er doch ohnehin nur ein paar Wochen im Gefängnis verbringen würde? Wo sind all diejenigen, die ein Auslieferungsszenario und die damit einhergehende lebenslange Haft in einem US-Gefängnis bloß als paranoiden Größenwahn Assanges abgetan hatten?

Wo sind all diese verabscheuungswürdigen Kolumnisten, die sich darüber ausließen, wie Assange „die Gastfreundschaft der ecuadorianischen Botschaft überstrapaziert“ habe. Im Ernst, wo sind sie? Welche Wahl hatte er denn? Wo sind jetzt all die „Feministen und Feministinnen“, die behaupteten, dass ein Vergewaltiger wie Assange unserer Solidarität nicht würdig sei? Die ekelhafteste Position überhaupt ist jene, dass Assange nach Schweden ausgeliefert werden sollte: als seien die Anschuldigungen, auf denen das Auslieferungsgesuch nach Schweden basiert, nicht zutiefst umstritten. Diese Position fußt auf derselben Annahme wie Javids Aussage, nämlich dass Assanges Schuld bereits feststeht.

Jene, denen die Freiheit unseres öffentlichen Lebens wirklich am Herzen liegt, sollten jetzt (wenigstens) zwei Dinge tun. Zum einen sollten Assange, Manning und Snowden wie echte Helden gefeiert werden, mindestens ebenso sehr wie der chinesische Dissident und Künstler Ai Weiwei (der sich, das muss man zu seinen Gunsten feststellen, tatsächlich an einem öffentlichen Protest für Assange in Berlin beteiligt hat).

Zweitens sollten wir nicht bloß erwarten, dass die arabischen Länder sowie China und Russland neue Assanges hervorbringen, nein, wir sollten diese zukünftigen Assanges ermutigen, sie auffordern. Unsere liberalen Köpfe haben oft gefragt, was jemandem wie Assange in einem autoritären Land wie den eben genannten passiert wäre. Nun kennen wir die Antwort: so etwas Ähnliches wie das, was Assange heute geschieht.


Aus: "Wir brauchen mehr Leute wie Julian Assange" Slavoj Žižek (17.06.2019)
Quelle: https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article195383529/Wir-brauchen-mehr-Leute-wie-Julian-Assange.html

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[...] Gespannt verfolgt der Anwalt von Edward Snowden, Robert Tibbo, den Fall Julian Assange, der in England im Gefängnis sitzt. Die USA verlangen die Auslieferung des Wikileaks-Gründers, der geheime Dokumente aus dem Irak- und dem Afghanistan-Krieg veröffentlicht hatte. Wie mit ihm umgegangen werde, sei für den Fall Edward Snowden zentral. «Was mit Assange passiert, wird zum Präzedenzfall für Personen, die eine gewisse politische Meinung äussern, mit der die USA nicht einverstanden sind», sagt Tibbo. Die USA wollten an Assange ein Exempel statuieren. «Sie wollen ihn zum Schweigen bringen und für immer wegsperren.» Damit sollen Whistleblower abgehalten werden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Botschaft ist klar: Wenn ihr es wagt, dann bezahlt ihr einen hohen Preis. «Der Fall Assange betrifft damit alle Whistleblower. Er betrifft aber auch Journalisten, die mit Whistleblowern zusammenarbeiten. Und er betrifft auch Leute, die Whistleblower in irgendeiner Form unterstützen», sagt Tibbo.

Dabei glaubt Tibbo nicht, dass Assange in die USA ausgeliefert werde. Zum einen sei da der schlechte Gesundheitszustand des gebürtigen Australiers. Auf der Flucht vor den Behörden lebte Assange über sieben Jahre lang in der ecuadorianischen Botschaft in London. In dieser Zeit war er dringend auf medizinische Hilfe angewiesen, er konnte die Botschaft aber nicht verlassen, um ein Spital aufzusuchen. Die englische Regierung machte klar, dass sie ihn sofort verhaften werde, sobald er einen Fuss vor die Tür setzen werde. Als Ecuador den politischen Schutz im vergangenen April aufhob, wurde er verhaftet. In den Medien war ein weisshaariger, schwacher Assange zu sehen. Zum anderen sei es bekannt, wie schlecht die USA politische Gefangene behandelten.

«Als Anwalt würde ich den Fall Pinochet vor Gericht aufführen», sagt Tibbo. Augusto Pinochet, der verstorbene chilenischen Diktator, wurde bei einem Besuch in Grossbritannien aufgrund eines Auslieferungsgesuchs Spaniens festgenommen. Nach einem jahrelangen Tauziehen entschied die englische Justiz schliesslich, Pinochet aufgrund seines Gesundheitszustandes freizulassen, worauf dieser nach Chile zurückkehrte, wo er später verstarb. «Im Unterschied zu Assange hat Pinochet unzählige Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Das war kein Whistleblower, sondern ein Mann, der die schrecklichsten Dinge tat. Er liess Tausende Menschen verschwinden und ermorden.» Dass er dabei von den USA unterstützt wurde, sei natürlich Ironie der Geschichte.


Aus: "Was der Fall Julian Assange für Edward Snowden bedeutet" Roman Schenkel (1.7.2019)
Quelle: https://www.luzernerzeitung.ch/international/was-der-fall-julian-assange-fuer-edward-snowden-bedeutet-ld.1130278

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[...] Man zeigt sich schockiert über das Video der Sendung Kontraste, welches PEGIDA Anhänger anlässlich des Mordes von Walther Lübcke zu Wort kommen lässt.

Ganz unverhohlen und ohne Scham, zeigt man sich bei PEGIDA erfreut und erregt sich über „Merkel“ und „die Linken“. Lübcke sei selbst schuld und/ oder Merkel schuld und die Linken seien sowieso viel schlimmer, hört man Menschen, denn jede menschliche Regung abhanden gekommen, ist brüllen.

Und auch Uwe Junge, Landesvorsitzender der AfD in Rheinland- Pfalz, schaffte es bei der schwer erträglichen „hart aber fair“ Sendung zu relativieren.

Schließlich habe ja Lübcke auch das deutsche Volk beleidigt, indem er dieses zum Auswandern aufgefordert hätte.

Dabei wird die Aussage, des von Neonazis ermordeten Lübcke, falsch wiedergegeben. Lübcke äußerte, dass diejenigen die ein Problem mit den deutschen Werten hätten, dass Land ja verlassen können.

„Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen.“

Die „deutschen Werte“ sind der objektive Werterahmen, der durch die Grundrechte gebildet wird und also solche Werte, die für das gedeihliche Zusammenleben der Menschen unabdingbar sind.
Dazu gehören die Achtung des menschlichen Lebens, die Würde des Menschen, die körperliche Unversertheit und die Gleichheit aller Menschen, woraus sich ableiten lässt, dass es unsere Pflicht ist Schwächeren beizustehen.
Übrigens fände ich es auch dufte, dass alle die, welche Respekt, Toleranz und die Gleichheit der Menschen ablehnen, gehen. Dieses Land könnte dann so viel schöner sein.

Im Grunde genommen fordern insbesondere die Rechten seit jeher, dass wer ein Problem mit Deutschland hätte, Deutschland ja verlassen könne. Nun stellt sich ein CDU Politiker hin und äußert, dass wer ein Problem mit dem Grundgesetz und den „deutschen Werten“ hat, dass Land verlassen kann.

Hätte Lübcke diese Worte in Bezug auf Schutzsuchende und Nichtdeutsche gesprochen, wäre ihm der Applaus von rechter Seite gewiss gewesen. Aber so?

Das Grundgesetz trifft diese Entscheidung nicht. Alle Menschen, die hier leben müssen sich an die hier lebenden Gesetze halten. Deutsche, genauso wie Nichtdeutsche.

Nun, sind die Wahrnehmung und Beharrung von und auf Etabliertenvorrechte ein Merkmal der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.
Es wundert daher nicht, dass die Rechten bei der Aufforderung sich an Recht und Gesetz zu halten getriggert werden und ausrasten. Man meint schließlich, dass man mehr Rechte hätte.

Allein die Aufregung über das Geäußerte von Seiten der Politiker*innen, die sich über die Äußerung schockiert zeigen, verwundert ein wenig.

Das Ganze ist nicht neu. Hass und Hetze sind die Kernkompetenz von und bei Pegida. Bereitwillig imprägniert man sich jeden Montag aufs Neue mit ungeheuerlichen klingenden Hetz- und Hassgeschichten und wähnt sich im „Widerstand“ gegen das Land, dass einem fremd geworden ist weil man es im Rausch des „Wahns“ für überfremdet hält und meint es seine eine Diktatur.

Was ungeheuerlich klingt wird Woche für Woche bei PEGIDA gebetet, vorgesprochen und findet echohaften Widerhall, denn in den Netzwerken und Profilen der Rechten regiert eben nur noch Hass und jeder „Einzelfall“ wird als Beweis genommen.

Nichts davon ist neu und seit Jahren wird darauf hingewiesen, allerdings von Personen die, weil sie immer wieder auf die Grundrechte hinweisen, in Sachsen ohnehin als linksextrem und damit nicht satisfaktionsfähig gelten.

Auf der anderen Seite wurde PEGIDA lange verhätschelt, umschmeichelt, belobigt von Teilen der Politik und Gesellschaft.

Die Mehrzahl sei schließlich „gutwillig besorgt“ wie vor 2 Jahren Prof. Dr. Patzelt feststellte. Jener Prof. der auch das CDU Wahlprogramm mitschrieb und der AfD in Sachsen schon mal bescheinigt die richtigen Themen anzusprechen. Eben jener AfD, die noch in der Stunde der Ermordung Aufrufe zur Ermordung unkommentiert auf ihrer Seite stehen liess, und deren Abgeordnete nicht den Anstand haben dem Toten die letzte Ehre zu erweisen.

In ihrem Hass und dem Zuspruch aus der Politik, hat sich PEGIDA immer weiter radikalisiert bis hin zu einer quasi religiösen Gruppe, die jeden Diskurs ablehnt und der Realität entsagt hat – es ist eine sektenähnliche Struktur.

Das sind also „die Rechten“ mit denen ich reden soll und „Toleranz“ üben muss?

Einen Scheiß muss ich. Es gibt keine Toleranz mit denjenigen, die Mord für legitim erachten und Hass und Hetze verbreiten.

Eine kämpferische Demokratie gewährt auch ihren Gegnern alle Rechte aber eine kämpferische Demokratie muss nicht widerspruchslos ertragen, wie ihre Werte und die Grundrechte jeden Tag aufs Neue mit Füssen getreten und beleidigt werden.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch in Sachsen!


Aus: "Kontraste, PEGIDA und die gespielte Aufregung" Juergen Kasek, Katgeorien PolitikSchlagwörter kontraste, lübcke, NoAfD, NoPEGIDA, PEGIDA, Walther Lübcke (7. Juli 2019)
Quelle: https://juergenkasek.wordpress.com/2019/07/07/kontraste-pegida-und-die-gespielte-aufregung/

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[...] Aus Telefonüberwachungen weiß man, dass eine wachsende Zahl von Ehefrauen, Müttern, Schwestern und Töchtern genervt ist vom ewigen Machogehabe ihrer Väter, Männer, Brüder und Söhne. Viele Frauen haben es satt, die Männer im Gefängnis zu besuchen und dass die Polizei am frühen Morgen anlässlich einer Razzia im Schlafzimmer steht. ... Etliche Mädchen und Frauen dieser Clans sind weit bildungshungriger als die Männer. Sie wollen einen Schulabschluss, einen Beruf erlernen, vielleicht studieren und arbeiten. ...


Aus: "Fünf vor acht / Clan-Kriminalität: Den Familien permanent auf die Nerven gehen" Aus einer Kolumne von Martin Klingst (8. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2019-07/clan-kriminalitaet-grossfamilien-parallelgesellschaften/komplettansicht

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[...] Wenn wir über Fußball reden, dann meinen wir Männerfußball. Männerfußball sagt man aber nicht, denn er ist die Normalität. Zur Fußball-WM der Frauen in Frankreich, die an diesem Wochenende in Lyon ins Finale geht, hat lediglich der deutsche Spiegel die Geschlechtermarkierung weggelassen und tickert online sichtbar aktuelle Spiele und Spielstände, während man bei den meisten Medien immer noch nach Beginnzeiten, Ergebnissen oder Berichterstattung suchen muss.

Wenn über Frauenfußball gesprochen und geschrieben wird, ist zuallererst (immer noch) Rechtfertigung im Spiel, warum es überhaupt Fußball spielende Frauen gibt, dazu gehören Erläuterungen, dass das Spiel schneller und interessanter geworden ist, die Rasanz dieser Entwicklung, aber auch Abbildungen schöner respektive weiblicher (sexy) Fußballerinnen – auch dies Entschuldigung und Ausweichmanöver.

Noch zur 2011er-WM in Deutschland sollen die "Mannweiber- und Lesbenklischees" werbewirksam durch neue Bilder ersetzt werden (die besser ins patriarchalische Weltbild passen), und heuer sponsert die Commerzbank einen ironischen Spot mit deutschen Nationalspielerinnen, die sich darüber lustig machen, dass sie keine Eier brauchen, weil sie Pferdeschwänze haben. Gut gemeint ist es bestimmt, aber ein Hinweis darauf, dass die Überschreitung der Geschlechtergrenzen nach wie vor höchst problematisch ist.

Anders ist es in den sozialen Netzwerken, wo Expertinnen und Experten, Fans und Interessierte wie beim "normalen" Fußball darüber kommunizieren, was sie beschäftigt: schöne Tore und Paraden, Aufstellungen, Taktiken, Chancen, Niederlagen, Trainerinnen- und Trainerentscheidungen, Lifestyle und politische Einstellungen einzelner Spielerinnen und so weiter.

Die Geschichte des Fußballspiels wurde erst vor rund hundert Jahren in Männerfußball einerseits und vorübergehend attraktiven, aber kaum geduldeten bzw. bald verbotenen Frauenfußball andererseits getrennt. Man weiß vielleicht nicht, wer genau ab dem 5. Jahrhundert in China gekickt hat, in England ab dem 12. Jahrhundert taten es alle. Über Stunden gingen diese Volksspiele, an denen sich ganze Dörfer – Männer, Frauen, Kinder – beteiligten und die auch sonst kaum reguliert waren.

Als Geburtsjahr des modernen Fußballs für Männer wie Frauen gilt das Jahr 1863, als die englische Football Association (FA) – eine Art Vorgängerorganisation der Fifa – gegründet wurde. Ab nun gibt es beachtliche Zahlen und weniger erstaunliche Verbote für Fußballerinnen. 1895 sehen 10.000 Zuschauer ein Frauenfußballspiel, das professionell nach FA-Regeln abgehalten wird. England-Nord vs. England-Süd, und die Namen der Spielerinnen, die in wallenden Knickerbockern auflaufen, sind überliefert.

In England ist Frauenfußball bis in die 1920er-Jahre so attraktiv und finanziell erfolgreich, dass die FA Konkurrenz für den Fußball der Männer fürchtet. Die Dick Kerr's Ladies (später FC Preston Ladies) füllen große Stadien, ein Spitzenspiel gegen die St. Helens Ladies in Everton wird 1920 von 53.000 Zuschauern verfolgt.

Im Jahr 1922 verbietet die Football Association offiziell, dass ihre Mitgliedsvereine die Plätze Frauen überlassen – ab nun entzieht man dem Frauenfußball wortwörtlich den Boden. Die fadenscheinigen Begründungen dieses Verbots – Gefährdung der weiblichen Gebärfähigkeit sowie Fehlen der grundsätzlichen körperlichen Eignung, moralisch-sittliche Bedenken et cetera – werden sich in den kommenden 50 Jahren in den meisten europäischen Ländern wiederholen und von allen möglichen Experten mit Thesen untermauert, die sich heute nur skurril lesen. In der Österreichischen Damenliga kommen zu den Spielen im Wiener Raum mit neun Mannschaften 3000 Zuschauer, und die Frauen spielen, bis 1938 der Nationalsozialismus Sport ausübende Frauen ausbremst und Frauenfußball verbietet.

Die Kabarettistin Lotte Specht gründet 1930 in Frankfurt am Main ein Frauenteam, das nur gegen sich selbst spielen kann, bis sich der Verein aufgrund Anfeindungen bald wieder auflöst – die Spielerinnen werden als "Mannsweiber" beschimpft und mit Steinen beworfen. Spechts Initiative ist keine rein sportliche, sondern emanzipatorisch gemeint, aber nachhaltig sind erst jene Vereine, die um des Fußballspielens per se gegründet werden.

Nach dem Wunder von Bern wollen auch die deutschen Frauen spielen, und landauf, landab bilden sich in den 1950er-Jahren Teams und wilde Ligen, man organisiert inoffiziell Länderspiele, bis der DFB 1955 schließlich den Frauenfußball offiziell verbietet, denn diese Kampfsportart sei "der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd" – geholfen hat es wenig, im Jahr darauf gewinnt eine Auswahl deutscher Frauen gegen die Niederlande 2:1. Die Spiele der Frauen werden immer wieder von Verbänden, teilweise mithilfe der Polizei, geräumt. 1963 spielt die deutsche Auswahl dennoch rund 70 Länderspiele.

Das deutsche Frauenfußballverbot gilt bis 1970 – kurz bevor in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt wird. Fußball spielen die Schweizerinnen schon länger. Madeleine Boll, Jahrgang 1953, bekommt als Zwölfjährige als erste Frau einen Spielerpass – aber nur, bis man bemerkt, dass der Mittelfeldspieler links mit der guten Technik ein Mädchen ist. Sie wechselt zu Gomma-Gomma in Mailand und ins Pionierland des europäischen Frauenfußballs. "La Montagna Bionda", wie die Presse Boll nennt, versteht erst später, dass sie Pionierin und Vorbild war.

Vielen Frauen in der Mitte des 20. Jahrhunderts in England, Deutschland und der Schweiz geht es um Fußball, nicht um Politik, sie haben männliche Vorbilder, wollen einfach nur Fußball spielen. Ehemalige Schweizer Fußballerinnen (die bei einem inoffiziellen Ländermatch 1970 9:0 gegen die Österreicherinnen gewinnen) sehen keinen Zusammenhang zwischen den gesellschaftspolitischen Aufbrüchen um 1968 herum und den Frauenvereinen, die sich zu der Zeit überall gründen. Dennoch geben sie sich nicht damit zufrieden, dass ihnen etwas verboten sein soll, das Männer dürfen.

Bis zuletzt lesen sich so manche Argumente gegen Frauenfußball ähnlich wie jene gegen das Wahlrecht für Frauen. Von Verantwortung gegenüber Frauen und Mädchen spricht die Kapitänin der französischen Nationalmannschaft, Armadine Henry: Nicht nur um Fußball gehe es, sondern auch um weiblichen Stolz. Frauenfußball und Politik sind nicht zu trennen, der Status des Frauenfußballs sagt viel über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft aus.

Am 8. März 2019, dem internationalen Weltfrauentag, klagen 23 US-Nationalspielerinnen ihren Verband wegen Diskriminierung, es geht um Geld und um Gleichstellung, um Wertschätzung und Respekt. Die dreifachen Weltmeisterinnen, vierfachen Olympiasiegerinnen erhalten nur 38 Prozent des Lohns ihrer männlichen Kollegen, sind aber nicht nur vielfach erfolgreicher als diese, sondern spielen auch entsprechend mehr Geld ein als die US-Fußballer.

Warum ist Fußball in den USA weiblich? Interessant ist die historische These, dass der Kolonialismus Mitte des 19. Jahrhunderts eine strikte Fußballverweigerung nach sich zog und stattdessen American Football gespielt wurde. Fußball in den USA war und ist nicht als Arena der Männlichkeitsdemonstration besetzt. Hier durften Frauen spielen, weil es Männer nicht interessierte. Und weil die US-Fußballerinnen eine Tradition haben, zählen sie heute zu den besten Teams im Frauenfußball.

Um Gleichstellung bemühen sich einzelne Spielerinnen und ganze Teams auch in Dänemark, Norwegen oder Australien. Neben den Löhnen geht es um Strukturen und Anerkennung innerhalb der Verbände, die deutschen Fußballerinnen kämpfen ebenso wie ihre internationalen Kolleginnen gegen Vorurteile, Vorbehalte und Vergessen (sic!). Aber auch um mediale Wahrnehmung, Sichtbarkeit und fixe Austragungszeiten – Voraussetzung für Sponsormöglichkeiten und damit mehr Geld. Politik und Protest haben auf dem Fußballplatz nichts verloren – das ist eine gängige Floskel.

Gegen Rassismus macht sich die Fifa stark, auch gegen Homophobie – aber kaum ein männlicher Spieler würde sich als schwul outen. Cynthia Uwak, zweimal beste Fußballerin Nigerias, fliegt wegen ihrer offen gelebten Homosexualität aus dem Nationalteam und sagt mit Augenzwinkern bei einem Talk im Wiener WUK: "Nicht alle Fußballerinnen sind lesbisch."

Megan Rapinoe, die mehrere Tore für die USA in der laufenden WM geschossen hat, verweigert das Absingen der Hymne, weil sie so gegen den strukturellen Rassismus in ihrer Heimat und die Politik des Präsidenten demonstriert. Und kurz bekommt die Frauenmannschaft des Wiener FC Mariahilf medial mehr Aufmerksamkeit als die Frage, ob die US-Frauen noch jubeln dürfen, nachdem sie der gegnerischen Mannschaft aus Thailand die historisch höchste Niederlage bei einer WM zugefügt haben (13:0). Vor dem Freundschaftsspiel der Wienerinnen gegen die Frauen aus dem Vatikan demonstrieren während der Vatikan-Hymne drei Spielerinnen des FC Mariahilf mit aufgemalten Gebärmüttern gegen die Vatikan-Abtreibungspolitik, worauf der Nuntius die Römerinnen nicht spielen lässt. Dass die Demonstrantinnen auf ihre Teilnahme verzichten, hilft so wenig wie die Demontage der Regenbogenflaggen am Spielfeldrand, die nicht goutiert werden.

Viel ist von Höflichkeit und Gastgeberetikette die Rede, weniger von gegenseitigem Respekt und Dialogbereitschaft. Als 2006 der BSV Al-Dersimspor aus Berlin-Kreuzberg gegen das Team der iranischen Frauennationalmannschaft in Teheran vor ausschließlich weiblichem Publikum aufläuft – es ist das erste Spiel der Iranerinnen seit 1979 überhaupt -, demonstrieren im Stadion Frauen für ihr Grundrecht, die Spiele der Männer live im Stadion sehen zu dürfen, 2019 ist es ihnen immer noch verwehrt.

Um sich darüber hinwegzusetzen, verkleiden sich weibliche Fußballfans mit Bärten. Die Spielerinnen müssen Hidschab und lange Hosen tragen – was mittlerweile von der Fifa geduldet wird, die nicht auffällig ist, was gleiche Rechte für Frauen im Fußball angeht. In der Hallenfußballvariante Futsal ist das iranische Team der Frauen in Asien quasi ungeschlagen.

Homosexualität ist im Iran strafbar, bei Geschlechtsumwandlungen übernimmt die Krankenkasse die Hälfte der Kosten, die Frauen dürfen nicht zuschauen, und wenn sie selber spielen … was für ein Vergrößerungsspiegel für die Widerstände, denen Fußball spielende Frauen immer noch ausgesetzt sind.


Aus: "Essay - Frauenfußball: Sie wollen nur spielen" Angelika Reitzer (7.7.2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000105965660/frauenfussball-sie-wollen-nur-spielen


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Daniel Hug, Ressortleiter Wirtschaft, bei der «NZZ am Sonntag» hat gekündigt. Nach 25 Jahren im Journalismus, 16 davon bei der NZZaS arbeitet er ab August für die Uhrenmarke Longines und wird dort den Bereich Vintage-Uhren weiterentwickeln und stärken, wie er auf Anfrage von persoenlich.com sagt. «Ich habe mich entschieden, nochmals etwas ganz anderes zu machen», fügt er an. Für ihn sei die Aufgabe bei Longines spannend, weil er sowohl auf Produkt- wie auf Kommunikationsebene mitgestalten könne. Auf der anderen Seite müsse er seinen Journalisten-Beruf aufgeben, was ihm nicht ganz leicht falle.

Hug startete seine journalistische Karriere 1995 in der Wirtschaftsredaktion vom «Bund» und wechselte drei Jahre später zum «Tages-Anzeiger». Seit 2003 arbeitet er im Wirtschaftsressort der «NZZ am Sonntag», wo er im Herbst 2008 die Ressortleitung übernahm. Hug hat Wirtschafts und Politikwissenschaften an der Universität Bern studiert. Später folgte die berufsbegleitende Ausbildung zum Exec. Master of Science in Communications Management an der Uni Lugano.

Wer die Position als Ressortleiter Wirtschaft bei der «NZZ am Sonntag» ab August übernimmt, ist laut Hug noch nicht klar.


https://www.persoenlich.com/medien/wirtschaftschef-daniel-hug-geht (26.04.2019)

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Kommentare

    Robert Penzinger, 26.04.2019 15:19 Uhr
    Früher galt ein Redaktionsjob bei der NZZ als "Lebensstellung"; in der Aera Gujer hat das geändert: Noch nie gab es so viele Abgänge wie in den letzten Monaten.

    Sebastian Renold, 26.04.2019 19:25 Uhr
    @Penzinger: Und nicht die Schlechtesten verliessen das Schiff!

    Urs Rauber, 29.04.2019 18:04 Uhr
    Die NZZaS steht unter ausschliesslicher Leitung von Chefredaktor Luzi Bernet. Eric Gujer redet da nicht rein.

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Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), im Zürcher Dialekt Zürizytig genannt, ist eine Schweizer Tageszeitung des Medienunternehmens NZZ-Mediengruppe mit Sitz in Zürich. Als traditionsreiche Zeitung ist sie überregional bekannt, wird zu den Leitmedien im deutschsprachigen Raum gezählt und vertritt gemäss ihrem Leitbild eine «freisinnig-demokratische Ausrichtung». ... Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt meinte einmal, dass er doch lieber gleich die NZZ lese als die Berichte seines Auslandsgeheimdienstes BND.[22] Rainer Link stellte 2019 im Deutschlandfunk fest, dass die „Qualitätszeitung […] zu einer intellektuellen Kulturlandschaft“ in der deutschen Presse zählt und laut Thomas Bernhard „ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, in dem er die ‚Neue Zürcher Zeitung‘ nicht bekommt“. ... Seit der Ernennung von Eric Gujer als Chefredaktor im März 2015 und von René Scheu 2016 als Feuilletonchef zeichnet sich nach Ansicht mancher Beobachter nach Abgängen mehrerer Redaktoren eine Verschiebung der NZZ nach rechts ab.[26] In einem Brief an die NZZ von rund 70 Intellektuellen (darunter Jan-Werner Müller, Jan Assmann, Caspar Hirschi und Sibylle Lewitscharoff) wurden die Entlassungen kritisiert und die Entwicklungen von einigen als «politische Öffnung am rechten Rand des Liberalismus oder hin zu einem bemüht unkonventionellen Libertarismus» gedeutet.René Scheu hat diese Einschätzung in einem Interview mit dem Branchenmagazin Persönlich bestritten. ... (1. Juli 2019)
https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Z%C3%BCrcher_Zeitung

Johannes Franzen @Johannes42
03:38 - 6. Juli 2019
Guter Artikel in der @Wochenzeitung der einen Eindruck davon vermittelt, wie die NZZ zum deutschsprachigen Fox-News werden konnte. Auch beängstigend, weil sich zeigt, wie schnell so etwas gehen kann.
https://twitter.com/Johannes42/status/1147454813753491457/photo/1

"NZZ: Die Angst geht um an der Falkenstrasse" Von Kaspar Surber
Nr. 41/2017 vom 12.10.2017 (Dossiers: Archiv)
Bei der «Neuen Zürcher Zeitung» findet ein radikaler Umbau von oben statt. Erstmals sprechen prominente frühere MitarbeiterInnen der Zeitung: Unter Chefredaktor Eric Gujer herrschten ein Klima der Angst und ein ideologisch verengter Kurs. ...
https://www.woz.ch/-81a3


""Neue Zürcher Zeitung": Druck von rechts" Matthias Daum und Caspar Shaller (13. Dezember 2017)
Renommierte Wissenschaftler protestieren gegen Entlassungen bei der "Neuen Zürcher Zeitung". Manche befürchten einen politischen Kurswechsel beim Schweizer Traditionsblatt.
https://www.zeit.de/2017/52/neue-zuercher-zeitung-christoph-blocher-rechtsruck

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Inoagent #3

Das übliche Schema nur in diesem Fall schon kurz vor dem Endstadium: der medialen Gleichschaltung. Die Rechtspopulisten haben überall gemeinsam, dass sie den freien und unabhängigen Journalismus dumpf mit Schlagworten wie "Lügenpresse" in den Dreck ziehen. Da kommt dann immer der Vorwurf, die Publikation "XYZ" würde zu einseitig und tendentiös berichten, dabei ist das eigentliche Problem der Rechtspopulisten, dass die Publikatuionen eben nicht so einseitig und tendentiös sind, wie sie es gerne hätten. Sobald eine Rechtspopulistische Partei in die Situation gerät, über genügend Macht zu verfügen, setzt sie diese zur Gleichschaltung auf die eigene Parteilinie ein. Das kann man in Polen und Ungarn sehen, in Russland sowieso, jetzt in Österreich.
In den Online-Foren kann man ganz gut beobachten, wie rechtspopulistische User versuchen, auf die Inhalte der jewiligen News-Site einzuwirken. Passt ein Artikel oder eine Kolummne nicht zur Ideologie, wird Gift und Galle gegen das Portal und den Autoren gespuckt. Passt es hingegen, heißt es dann, das sei jetzt eine "wohltuende Ausnahme" und dergleichen gewesen. Diese User reflektieren entweder gar nicht, dass sie selbst es sind, die nach einseitiger Information verlangen oder sie versuchen bewusst die plurale Medienlandschaft einzuschränken.


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daketias #5

Die NZZ ist schon seit längerem durch eine immer tendenziösere Berichterstattung aufgefallen. Dass dann Nadelstreifen-Rassisten wie Blocher ihre Finger im Spiel haben wundert leider nicht. Immer Lügenpresse, Lügenpresse schreien, wenn einem die ideologische Gesinnung nicht passt zeigt halt seine Früchte. So funktioniert halt die Welt: anstatt sich mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu widmen wird der alte Kampf von Geldeliten (Milliardäre wie Blocher) von Innnen gegen ein vermeintliches Außen angezettelt. Und all die Trottel fallen drauf rein :( #sad


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Schulzsuchender #5.1  —  16. Dezember 2017, 14:35 Uhr 11

"Die NZZ ist schon seit längerem durch eine immer tendenziösere Berichterstattung aufgefallen. "

"Tendenziöse Berichterstattung" stört merkwürdiger Weise stets dann besonders, wenn sie von der eigenen Ideollogie abweicht. Geht die "Tendenz" jedoch in die eigene politische Weltsichtsrichtung, wird sie zur Objektivität.


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WindomEarle #5.3  —  18. Dezember 2017, 9:55 Uhr 1

Das ist doch immer so. Schauen Sie mal, welche Leute nun die NZZ für ihre "realitätsnahe" Berichterstattung loben. Denken Sie, das sind Linke oder Rechte?

Was "realitätsnah" ist, entscheidet der eigene Horizont. Und der ist eng und wird in der eigenen Blase, welche uns das Internet gibt, immer enger. Entsprechend schriller brüllen sich die Seiten an.


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Progenitor #6

Zur NZZ (und übrigens ebenso zur Weltwoche) kann man den Schweizern nur gratulieren. So stellt man sich Journalismus vor. Sachliche, ideologiefreie Kritik an herrschenden Zuständen, ohne dabei übers Ziel hinauszuschießen. Dass insbesondere Vertreter des deutschen Mainstreams darin gerne einen "Rechtsruck", "Rechtspopulismus" etc. erkennen mögen, sagt nichts über die NZZ aus, aber alles über diejenigen, die solche Vorwürfe erheben...


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Manudein #6.1  —  16. Dezember 2017, 22:29 Uhr 4

Du meine Güte, die Weltwoche ist ein rechtsnationales, populistisches Partei-Schmierenblatt. Mit üblen Kampagnen-Journalisten. So stellt man sich Systempresse vor. Weiter unter die Gürtellinie als die Weltwoche ist gar nicht möglich, da landen Sie nämlich bereits bei den Knöcheln. Dass Redaktoren der Weltwoche schon mehrfach von den Gerichten für ihre widerliche Schreibe, ihre Unterstellungen und Lügen verurteilt worden sind, scheint nicht bis zu Ihnen durchgedrungen zu sein. Zur Weltwoche muss man uns Schweizern vor allem eines: kondolieren.


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Rage against the Washmachine #8  —  16. Dezember 2017, 12:43 Uhr 7

"Das ist für mich Kindergarten-Logik", sagt Scheu. Nur weil die AfD applaudiert, bedeute das noch lange nicht, dass man es auf die AfD-Sympathisanten abgesehen habe.

Richtig, absolute Kindergarten-Logik. Mit derartiger Logik wird aber in letzter Zeit gern versucht zu argumentieren bzw. zu unterstellen. Ähnlich wie mit Labels und Schubladen diffamiert wird, mit Debatte hat das nichts zu tun.


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thenakedtruth
#10  —  16. Dezember 2017, 12:49 Uhr 18

Mir persönlich ist die Deutsch-sprachige Presselandschaft ohnehin DEUTLICH zu linkslastig !

Es fällt mir doch immer wieder, auf beinahe ALLEN Seiten anhand der Leserbriefe und Kommentare auf, dass die Menschen, welche sich wirklich für Politik und Gesellschaft interessieren und auch und Presse-Artikel zu diesen Themen überhaupt LESEN, statt sich ausschließlich mit Konsum und Unterhaltung zu befassen, ganz andere Meinungen und Werte-Ansichten haben, als die dauer kritischen links-intellektuellen, bisher der Gesellschaft "vorschreibenden" Damen & Herren der veröffentlichten Meinung.

Die Zeit des "Vorschreibens" geht zu Ende - auch dank des Internet. - ich bin nicht böse darum, denn oft sind die Kommentare gehaltvoller als der Artikel, bzw. gleichen Sie, deutlich erkennbare Tendenziösität aus.
Insofern dürfte eine von "Linken" als "Rechts" angesehene Zeitung doch an sich eine gute Sache sein ?


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Inoagent #10.1  —  16. Dezember 2017, 12:56 Uhr 13

Dann lesen Sie doch eine rechte Zeitung. Cicero, Junge Freiheit, Compact, BILD usw., da ist für jeden etwas dabei. Alles frei ud überall erhältlich.
Stattdessen hängen Sie bei Zeit Online im Forum herum und nölen über die linkslastigkeit...ja warum eigentlich?


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ReAnder #10.6  —  16. Dezember 2017, 13:59 Uhr 3

"Die Zeit des "Vorschreibens" geht zu Ende"

Sie geht erst richtig los mit lauter Internetkommentaren, die Journalisten vorschreiben, wie sie zu arbeiten und zu schreiben haben - natürlich inklusive selbstgenüsslicher Polemik.
Glauben Sie echt, dass ein Kippen nach Rechts die "Volkserziehung" ein Ende bereitet? ...


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Alois Hingerl #16  —  16. Dezember 2017, 13:16 Uhr 12

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, die NZZ ist nichts anderes als ein Parteiblatt der Schweizer FDP.
kurz mal bei wiki zitiert:
Politisch steht die NZZ der FDP Schweiz nahe; sie vertritt eine liberal-bürgerliche Haltung. Um Aktionär der NZZ zu werden, muss eine Person Mitglied der FDP sein oder aber sich zur freisinnig-demokratischen Grundhaltung bekennen, ohne Mitglied einer anderen Partei zu sein.

Man könnte das übergehen, aber leider triften die Liberalen immer mehr von einer humanistischen Grundidee (Dönhoff, Baum, ...Leutheuser-Scnarrenberger, ...) zu einem neokonservativen rechtspopulistischen Wirtschaftsliberalismus unter Vernachlässigung der Menschenrechte (FPÖ-Haider und Nachfolger, Kubicki, Lindner, ...)
Die NZZ ist als seriöses Organ der politischen Information schon längst im rechtspopulistischen Nebel gestrandet. Die Kulturseiten sind noch so einigermassen ok, waren aber auch schon deutlich besser.


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Jan Holler #23  —  16. Dezember 2017, 13:55 Uhr 5

"die Leser mögen den neuen Kurs"
Diese Hintergründe, die Matthias Daum hier in der Zeit einbringt, sind in der Schweiz allenthalben zu lesen gewesen. Sie werden hier gut auf den Punkt gebracht. Selber war ich um die 10 oder mehr Jahre Leser der NZZ. Ich nehme für mich in Anspruch, ein Gespür dafür zu haben, ob das, was ich in einer Zeitung lese, meinen Wissensdurst befriedigt. Ändert eine Zeitung oder Zeitschrift vom guten, recherchierten und objektiven Journalismus (inkl. der Kommentare) hin zu einem belehrenden Ton, der, auch wenn subtil, den Leser von bestimmten Positionen überzeugen will oder wird der Journalismus einseitiger, in dem er gewisse Themen auslässt oder sich zu wenig kritisch mit ihm nahestehenden Gesellschaftsströmungen auseinander setzt, dann breitet sich in mir über die Zeit Langweile und Enttäuschung aus.
Und genau das ist mir in der Zeit nach Spillmann mit der NZZ geschehen. Man kann das arrogant nennen, wenn sich ein einfacher Leser ein solches Urteil erlaubt: Mir sind die Positionen der heutigen NZZ zu banal, die Artikel befriedigen meinen Intellekt zu wenig, sie fordern mich nicht heraus, sie lassen mich als Leser unberührt. Dieser "Schaum vor dem Mund", wie es Daum beschreibt, stösst ab. Es ist nicht arrogant, wenn ein langjähriger Leser darum kündigt. Was hier Daum beschrieben hat, ist vielen aufgefallen. ...


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MaryPoppinsky #27  —  16. Dezember 2017, 14:12 Uhr 4

Die NZZ war schon immer rechts, in den letzten Jahren rutschte sie noch weiter nach rechts und nun soll sie offensichtlich faschistisch werden.


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Oberarzt #27.1  —  16. Dezember 2017, 14:16 Uhr 15

Faschistisch, aha.
Das zeigt wieviel Sie von diesem Begriff verstehen


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Zeitsierter30 #27.4  —  17. Dezember 2017, 0:56 Uhr 1

Der Frau ist einfach nichts zu peinlich...einfach links^^ liegen lassen!


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Eine Schweizerin #27.6  —  17. Dezember 2017, 2:20 Uhr 2

Bürgerlich-liberal im schweizerischen Sinn ist alles andere als faschistisch. Selbst wenn zum freisinnigen Gedankengut noch eine konservative Unterströmung hinzukommen sollte, ist das immer noch Lichtjahre von Faschismus entfernt.

Die NZZ war schon nicht faschistisch, als der Faschismus im umliegenden Ausland gross in Mode war. Die Gefahr, dass sie es jetzt werden sollte, ist verschwindend klein.


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Schwarzmaler #28  —  16. Dezember 2017, 14:12 Uhr 7

Rechts oder links finde ich nicht so bedrohlich. Die NZZ war, solange ich sie wahrnehme, immer etwas rechter als die deutsche Zeitungslandschaft. Gefährlicher ist ein "Gesundschrumpfen" des Personals. Mit weniger Stimmen wird eine Zeitung zwangsweise einförmiger, stromlinienförmiger und damit uninteressanter. Die FAZ hat sich inzwischen so schlank gespart, daß sich die Lektüre schlicht kaum noch lohnt.


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Sendepause #30  —  16. Dezember 2017, 14:25 Uhr 5

Ich weiß nicht, wer hier wohin gerückt ist, aber ich finde, die NZZ ist sich über die Jahre treu geblieben.


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Iphis
#49  —  19. Dezember 2017, 16:19 Uhr

Ich lebe als Deutscher in der Schweiz, denke sozial, liberal und grün, verehre die Schweizer Demokratie usw., lese die NZZ seit langem und habe da geschrieben. Leute, die jetzt das Blatt in D entdecken, können die Fallhöhe zur bisherigen NZZ offenbar nicht ermessen. Das rechts/links-Schema ist dafür wenig hilfreich. Ist es ein Rechtsruck, wenn in einem liberalen Blatt Mitarbeiter ideologisch auf Linie gebracht werden? Wenn Führungskräfte sich als Chaoten erweisen, die Planungsstrukturen einreissen, ohne selber tragfähige Ideen zu haben? Das Feuilleton wird repetitiver und uniformativer, Themenschwund macht sich breit, Meinung rangiert vor Reflexion, Storytelling vor solider Recherche und Fachkompetenz gilt neuerdings als akademisch angestaubt. Man hält es (wie Steve Bannon) mit Talebs Schwarzen Schwan, setzt auf Zuspitzung von Konflikten und verkauft die Probleme, die intellektuell und charakterlich überforderte Führungskräfte aufwerfen, als sportliche Herausforderung. Die berühmte wohltuende Solidität der Alten Tante wird zwar als Marke gerne verwertet, aber gleich noch als unstrukturiert und bequem diffamiert, wenn man die Arbeit, die das gekostet hat, nicht mehr machen will oder kann. Ein Trost ist, dass die Kritikkompetenz, für die lange das Feuilleton kompensatorisch aufkommen musste, sich in die Ressorts verlagert zu haben scheint, in denen man mit den katastrophalen Folgen von Jahrzehnten neoliberaler Indoktrinierung direkt konfrontiert ist (Wirtschaft und Ausland).


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[...] US-Präsident Donald Trump hat die umstrittenen Internierungslager für Migranten an der Grenze zu Mexiko erneut gegen Kritik verteidigt. „Viele von ihnen - nicht alle, aber viele von ihnen -, sie sind unglaublich, sie werden wirklich gut betrieben“, sagte Trump am Freitag vor Journalisten in Washington. Mit Blick auf die Grenzpolizei CBP fügte er hinzu: „Ich denke, sie machen einen großartigen Job mit diesen Einrichtungen.“ Das Problem der Überfüllung der Lager könne gelöst werden, indem Migranten den USA fernblieben, statt illegal über die Grenze zu kommen. „Sagt ihnen, dass sie nicht kommen sollen, weil es illegal ist.“

Die interne Aufsichtsbehörde des US-Heimatschutzministeriums hatte zuvor ein verheerendes Bild von Lagern gezeichnet, in denen Migranten nach dem illegalen Grenzübertritt aus Mexiko in die USA festgehalten werden. Nach der Inspektion fünf solcher Einrichtungen der Grenzpolizei CBP im Rio Grande Valley warnte das Büro des Generalinspekteurs (OIG), die Lager seien gefährlich überfüllt. Erwachsene und Kinder würden häufig zu lange festgehalten. Der am Dienstag veröffentliche OIG-Bericht schilderte alarmierende hygienische Zustände in den inspizierten Einrichtungen.

Der republikanische Präsident sagte dagegen, er habe selber einige Einrichtungen gesehen. „Sie sind sauber, sie sind gut.“ Wenn die Lager überfüllt seien, sei das die Schuld der Demokraten, die sich weigerten, „Schlupflöcher“ in den Migrationsgesetzen zu schließen. Trump betonte, die Grenzpolizisten seien nicht dazu ausgebildet, „Ärzte und Krankenpfleger und Hausmeister zu sein“. Die Migranten aus Lateinamerika kämen in die USA, weil sich die Wirtschaft unter ihm so positiv entwickelt habe. „Sie wollen Jobs.“

Trump sagte mit Blick auf Migranten mit Abschiebebescheid: „Abertausende Menschen werden legal aus dem Land geschafft, und dieser Prozess hat begonnen und wir machen das tatsächlich schon seit langer Zeit.“ Trump hatte ursprünglich Massenabschiebungen ab Sonntag angedroht und dann gesagt, Abschiebungen würden nach dem Feiertag am 4. Juli beginnen. Am Freitag sagte er: „Menschen werden außer Landes gebracht, wir bringen sie raus.“ Die Polizeibehörde ICE hatte im Gegensatz zu Trump nicht von Millionen Abschiebungen gesprochen, sondern von mehr als 2000 Menschen, die ins Visier genommen würden.

Die Lager sind wegen der stark gestiegenen Zahl der Migranten völlig überlastet. In den acht Monaten zwischen Oktober 2018 und Mai 2019 wurden nach CBP-Angaben mehr als 676 000 Menschen beim illegalen Grenzübertritt aus Mexiko in die USA aufgegriffen. Das sind etwa doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor. Zuletzt registrierte CBP monatlich mehr als 100 000 illegale Grenzübertritte. Viele der Migranten stammen aus Guatemala, El Salvador oder Honduras. Trump hat einen Nationalen Notstand an der Grenze ausgerufen. (dpa)


Aus: "An der Grenze zu Mexiko Trump nennt Internierungslager für Migranten „wirklich gut“" (05.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/an-der-grenze-zu-mexiko-trump-nennt-internierungslager-fuer-migranten-wirklich-gut/24531210.html

https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-07/usa-migration-mittelamerika-asylschutz-aufgehoben-einreise

"Flüchtlingspolitik: Berlin sieht Italiens Flüchtlingsplan skeptisch" (15. Juli 2019)
Die EU-Außenminister ringen um einen Verteilmechanismus für aus dem Mittelmeer gerettete Flüchtlinge. Ein Vorschlag Italiens stößt bei Deutschland auf wenig Gegenliebe.
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-07/fluechtlingspolitik-michael-roth-spd-staatsminister-fluechtlinge-verteilung


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[...] Eine rechtsextremistische Gruppe hat laut einem Medienbericht politisch motivierte Morde in ganz Deutschland geplant. Das Netzwerk habe auf seinen „Todeslisten“ Namen und Adressen von politischen Gegnern landesweit gesammelt.

Dies berichteten die Zeitungen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) unter Verweis auf Vernehmungsprotokolle des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA). Demnach geht die Bundesanwaltschaft davon aus, dass die Rechtsextremisten aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg nicht nur Personendaten aus ihren Regionen sammelten.

Laut den Angaben verfügt eine Gruppierung namens Nordkreuz über mindestens zwei weitere Ableger: Südkreuz und Westkreuz. Auch in und um Berlin soll eine Unterstützergruppe tätig sein. In Akten und auf elektronischen Datenträgern, die bei Durchsuchungen von Nordkreuz-Mitgliedern im August 2017 und April 2018 in Mecklenburg-Vorpommern sichergestellt wurden, sind demnach Namen und Adressen von fast 25.000 politischen Gegnern aus dem gesamten Bundesgebiet verzeichnet.

Nach RND-Informationen hat Nordkreuz überwiegend Daten von Personen aus dem linken politischen Spektrum gesammelt. Die meisten von ihnen hätten sich positiv über Geflüchtete und Asylsuchende geäußert.

Nach Einschätzung von Ermittlern planten die Rechtsextremisten, politische Gegner gezielt zu töten. Diesen Verdacht hätten zwei Vernehmungen eines der Nordkreuz-Angehörigen erhärtet. Dieser habe ausgesagt, die Listen mit „linken Persönlichkeiten“ hätten dem Ziel gedient, diese „im Konfliktfall“ zu liquidieren.

Laut den Vernehmungsprotokollen des BKA plante ein weiteres Nordkreuz-Mitglied, ein Rostocker Rechtsanwalt, seine Kameraden ab dem „Tag X“ mit Passierscheinen auszustatten, um schneller in die „Einsatzgebiete“ für die anvisierten Liquidierungen zu kommen. Die Passierscheine sollten mit Stempeln und auf Kopfbögen der Bundeswehr ausgestellt werden.

Der Gründer der rechten Prepper-Gruppe Nordkreuz sitzt seit Mitte Juni in Untersuchungshaft. Zusammen mit drei weiteren Polizisten soll er Munition aus Polizeibeständen entwendet und Tausende Patronen gehortet haben. Eine Materialliste von Nordkreuz zählt nach RND-Informationen neben Toilettenpapier und Wischtüchern auch rund 200 Leichensäcke und Ätzkalk auf. Die Bundesanwaltschaft ermittelt seit August 2017 gegen Mitglieder des Netzwerks wegen des Verdachts der Vorbereitung einer terroristischen Straftat.


Aus: "Rechtsextreme sollen Todeslisten aufgestellt haben" (6. Juli 2019)
Quelle: https://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2019/07/06/gruppe-nordkreuz-rechtsextreme-stellten-todeslisten-auf_28672

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kielbasam    #11

Bin mal gespannt ob die „politischen Gegner“ vom BKA darüber informiert werden das sie auf so einer Liste standen.


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zehwa    #12 

Vor 2 Wochen hätte ich die noch als Ewigpubertierende belächelt. Nach dem Mord an Walter Lübcke und der darauf folgenden Konkret-Reportage aus Dresden nicht mehr.  ...


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Binane   #35

Hier ist die Rede von Hausdurchsuchungen im Herbst 2017/Frühling 2018. Parallel erklärt uns Herr Maaßen eindringlich, es gäbe keine Gefahr von rechts, das seien alles Hirngespinste. Es ist ja bestimmt schon davon auszugehen dass Ermittlungsbehörden auf den Ebenen zusammen arbeiten und sich austauschen.
Warum gibt es diese Meldungen und Festnahmen erst jetzt? Mit einem Jahr Verspätung?


...

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[...] Der Gründer der rechten Prepper-Gruppe "Nordkreuz", der SEK-Beamte Marko G., sitzt seit Mitte Juni in Untersuchungshaft. Zusammen mit drei weiteren Polizisten soll er Munition aus Polizeibeständen entwendet und tausende Patronen gehortet haben. Eine bei Marko G. sichergestellte Maschinenpistole vom Typ Uzi stammte jedoch nicht aus LKA-, sondern aus Bundeswehrbeständen, wie das RND aus Ermittlerkreisen erfuhr. Demnach führt das LKA Mecklenburg-Vorpommern keine Waffen dieses Typs in seinem Bestand. Die Uzi soll vor etwa 15 Jahren aus Beständen der Truppe gestohlen worden sein. ...


Aus: "Todeslisten“ von Rechtsextremisten „Nordkreuz" sammelte 25.000 Adressen politischer Gegner" (06.07.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/todeslisten-von-rechtsextremisten-nordkreuz-sammelte-25-000-adressen-politischer-gegner/24531906.html

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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Weltanschauung und Ideologie ...
« on: July 05, 2019, 02:54:31 PM »
Sozialismus des 21. Jahrhunderts ist ein politischer Begriff und Slogan, der neue Formen des Sozialismus im 21. Jahrhundert definieren soll. Der einzige Staat, in welchem diese Form von einer Regierung als Ziel formuliert wurde, war Venezuela im Rahmen der Bolivarischen Revolution.  ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialismus_des_21._Jahrhunderts (14. Mai 2019)

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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Terror als Themenfeld...
« on: July 01, 2019, 02:14:14 PM »
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[...] Knapp vier Monate nach dem Anschlag in einer Straßenbahn in Utrecht hat sich der mutmaßliche Täter öffentlich zu der Tat bekannt. "Ich bin kein Verdächtiger, ich habe die Tat gestanden", sagte der 37-Jährige im Gerichtssaal in Utrecht. Er wird verdächtigt, im März in einer Straßenbahn vier Menschen erschossen und mehrere verletzt zu haben.

Nach der Anhörung im Utrechter Bezirksgericht veröffentlichte die Staatsanwaltschaft eine Erklärung, in der sie aus einem handschriftlichen Brief des 37-jährigen zitiert. Darin schreibt der Angeklagte, er habe die Tat für seine Religion begangen.

Die Staatsanwaltschaft teilte mit, dass es deutliche Hinweise auf terroristische Motive für die Tat gebe. Sie verwies dabei auf ein Bekennerschreiben, demzufolge der Angeklagte im Namen des Islams gehandelt haben will.

Vor Gericht berief sich der Mann zunächst auf sein Schweigerecht. Doch sagte er auf die Frage nach seinen Motiven, der Prophet werde lächerlich gemacht. "Niederländische Soldaten töten Muslime im Ausland, ihr seid minderwertig." Er erklärte, dass er das Gericht ablehne. "Ich bin kein Demokrat, ich erkenne eure Gesetze nicht an und eure Gerichte auch nicht."

Der Verdächtige wurde am 18. März Stunden nach der Tat festgenommen. Bei der Attacke waren drei Männer und eine Frau erschossen worden. Zwei weitere Personen waren schwer verletzt worden.

Beim ersten Gerichtstermin ging es zunächst um den Stand der Ermittlungen. Das Hauptverfahren soll voraussichtlich erst im nächsten Jahr beginnen.


Aus: "Niederlande: Verdächtiger gesteht Anschlag in Utrecht" (1. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-07/niederlande-utrecht-anschlag-strassenbahn-taeter-gestaendnis

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[...] Wem gehören die Häuser, in denen wir leben? Das wollten die Redaktionen von Tagesspiegel und dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv gemeinsam mit den Berliner Bürgerinnen und Bürgern herausfinden. ... Seit Januar werten Journalisten in beiden Redaktionen Tausende Einsendungen von Lesern sowie Hintergrundgespräche, Akten, anonyme Hinweise und Datenbanken aus. Dabei ging es nicht darum, Informationen zu einzelnen kleinen privaten Hauseigentümern zusammenzustellen. Es ging stattdessen darum, Probleme aufzudecken, größere Strukturen aufzuzeigen, Missstände sichtbar zu machen und eine bessere Faktengrundlage für die öffentliche Debatte zu legen. ...

Es gibt einen Mann, der das Potenzial des Berliner Wohnungsmarktes wohl besser erkannt hat als alle anderen. Zumindest hat er es am klügsten genutzt. Yakir Gabay, 53 Jahre alt, sitzt in einem hellblauen Hemd in einem grauweißen Büro in Tegel. Laut Forbes-Liste sind nur 567 Menschen auf der Welt noch reicher als er. Sein Vermögen soll 3,5 Milliarden Dollar betragen. Verdient hat er es vor allem mit Immobilien – auch in Berlin. Er sagt: „Ich bin mir nicht sicher, ob Politikern bewusst ist, dass sie mit den Kräften des Freihandels spielen.“

Der Senat will Mieterhöhungen in den nächsten fünf Jahren verbieten. Die erste Hürde für einen Volksentscheid, der Großeigentümer enteignen will, ist schon genommen. Der Druck auf die Immobilienwirtschaft steigt, Aktienkurse erzittern mit jeder neuen Debatte um Marktregulierung. Und selten ist in dieser Stadt so erbittert wie jetzt darüber gestritten worden, wer eigentlich profitieren kann, wer profitieren darf, vom Berliner Wohnungsmarkt.

Berlin ist Hauptstadt der Mieter. Von den 1,9 Millionen Wohnungen in der ganzen Stadt sind 1,5 Millionen Mietwohnungen – 81,5 Prozent. Privatpersonen oder Eigentümergemeinschaften gehören etwa 40 Prozent der Mietwohnungen. Das zeigt eine Analyse des Immobiliendienstleisters Savills. Die restlichen 60 Prozent der Wohnungen gehören professionell wirtschaftenden Eigentümern.

Was in Berlin besonders ist: Während privatwirtschaftliche Unternehmen in den meisten deutschen Städten noch keine dominierende Rolle auf dem Wohnungsmarkt übernehmen, gehören ihnen in der Hauptstadt 29 Prozent des Mietwohnungsbestandes. Ein Fünftel aller Berliner Mietwohnungen gehört Unternehmen, die Immobilien zu ihrem Hauptgeschäft gemacht haben.

Die mächtigsten unter ihnen: börsennotierte Konzerne. 230.000 Wohnungen sind in ihrem Besitz – 15 Prozent des gesamten Mietwohnraums. Ihre Namen kennt seit der Enteignungsdebatte fast jeder: Deutsche Wohnen, Vonovia, ADO Properties, Covivio, Akelius, TAG Immobilien, Grand City Properties.

Die meisten von ihnen sind nicht älter als 20 Jahre. Sie alle machen Kursgewinne, von denen die deutsche Industrie derzeit nur träumen kann.

Tagesspiegel und Correctiv haben in den vergangenen acht Monaten zum Berliner Immobilienmarkt recherchiert. Nun wollten wir wissen: Auf wen trifft man, wenn man die Frage „Wem gehört Berlin?“ bis ganz zu Ende verfolgt? Zu welchen Menschen und Firmen gelangt man, wenn man der Spur des Geldes durch den Finanzmarkt folgt? Die Recherche führt zu milliardenschweren Investmentfonds, Superreichen – und den Mietern selbst.

Wie ist Berlin in den Fokus der globalen Anleger geraten? Auf der Suche nach Antworten beginnt man vielleicht am besten bei Grand City Properties. Knapp drei Euro das Stück kostet die Aktie dieser Firma bei Börsengang im Jahr 2012. Am 28. August 2018 erreicht sie ihren Höchststand. 24 Euro mussten die Anleger nun zahlen, um von den spektakulären Dividenden des Unternehmens profitieren zu können. Ein Gewinn von fast 800 Prozent. Es ist einer der erfolgreichsten Börsengänge, die in den vergangenen zehn Jahren an der Frankfurter Börse stattgefunden haben. Und auch die Konkurrenten fahren in den letzten Jahren Rekordgewinne ein.

Ihr Erfolg erklärt sich vor allem aus politischen Entscheidungen der Vergangenheit. Es begann am 1. Januar 1990. Da endete in Deutschland die sogenannte Wohnungsgemeinnützigkeit – Wohnungsunternehmen mussten bis dahin bestimmte Steuern nicht zahlen, waren aber in Mieterhöhungen und Unternehmensgewinnen beschränkt.

Als die Beschränkungen fielen, verkauften die öffentlichen Wohnungsunternehmen massenhaft. Hunderttausende Wohnungen wurden privatisiert. Große Bestände landeten beim Vonovia (24.000 Wohnungen), Deutschlands größtem Privateigentümer. Auch Berlin brauchte dringend Geld. Allein 2004 trennte sich Berlin von 64.000 Wohnungen der GSW, die heute im Besitz der Deutschen Wohnen sind.

Dass Private-Equity-Unternehmen, also Firmen mit Kapital privater Investoren, begannen, die Bestände einzukaufen, war der Anfang der großen Wohnimmobilien-AGs, sagt Bernd Janssen. Er ist beim Investment-Banking-Unternehmen VictoriaPartners auf die Analyse von Immobilienaktien spezialisiert und beobachtet den Markt seit Jahren.

Der Einstieg in den Berliner Wohnungsmarkt war für die Aktiengesellschaften ein Glücksgriff. Nach der Finanzkrise 2008 senkte die Europäische Zentralbank den Leitzins, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Das ebnete den Weg für weitere Immobilienkäufe – zu extrem günstigen Zinsen. Der Bestand wuchs.

Und so stiegen wiederum immer größere Anleger in die Immobilien-AGs ein. Auch solche, die sich vorher nicht groß für Immobilien interessierten. „Die Immobilienquote der Versicherungen und Pensionskassen ist in den letzten Jahren stark gestiegen“, sagt Janssen. Auch weil sichere Alternativen wie Bundesanleihen keine Rendite mehr brächten. Berlin gehört inzwischen zu den wichtigsten Standorten für Investoren überhaupt.

Dass der Berliner Immobilienmarkt als besonders attraktiv gilt, hat mehrere Gründe. Erstens: die demografische Entwicklung. Zuzug ist gut für den Wert von Immobilien. Zweitens: wenig Leerstand und wenig Neubau. Wohnungsknappheit spielt den Immobilienkonzernen in die Hände. Sie können nun kräftige Mieterhöhungen durchsetzen. Drittens: Viele Häuser sind noch nicht modernisiert. Sie haben also hohes Wertsteigerungspotenzial. Und das geht viertens derzeit besonders gut, weil Kredite eben gerade fast nichts kosten.

So ergibt sich eine Spirale. Denn der Wert einer Immobilie bemisst sich nach der Qualität des Gebäudes zusammen mit der erwarteten Mietpreisentwicklung im Haus. So ist das Zusammenspiel zwischen niedrigen Zinsen, Modernisierungen und Mietsteigerungsmöglichkeiten Gold wert. Die Häuser kosten jedes Jahr mehr. Und so können die großen Unternehmen in ihren Bilanzen jedes Jahr hohe Wertsteigerungen für ihre Häuser angeben. Wer das rechtzeitig verstanden hatte, konnte fantastische Summen anhäufen.

Yakir Gabay gehört zweifellos zu diesen Menschen. Keine Tonaufnahmen, alle Zitate müssen später schriftlich verhandelt werden. Das ist die Bedingung für dieses Gespräch. Yakir Gabay lebt in London. Er hat sowohl Grand City Properties als auch Aroundtown aufgebaut. Heute sitzt er bei beiden im Beirat. Neben ihm sitzen Andrew Wallis, CEO von Aroundtown und Mitglied des Beirats von Grand City Properties und Christian Windfuhr, CEO von Grand City Properties. Dazu eine Pressesprecherin, ein weiterer Pressesprecher ist aus dem Urlaub zugeschaltet.

An der Wand hängen zwei Fotos von Szenen aus Jugendspielen des 1. FC Union. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Aroundtown neuer Hauptsponsor der ersten Mannschaft wird, die gerade den Aufstieg in die Bundesliga geschafft hat. Die Firma ist eine der größten privaten Gewerbeimmobilienfirmen Deutschlands. Der Gesamtmarktwert beträgt 8,1 Milliarden Euro. Aroundtown gehören Gebäude wie das Hilton Berlin, das Park Center Treptow und das Schlosshotel Grunewald.

Die Tochterfirma Grand City Properties hat sich derweil auf Wohnungen in Großstädten spezialisiert, allen voran Berlin. Deutschlandweit besitzt die Firma gut 84.000 Wohnungen, in Berlin ist sie mit 7500 Wohnungen der siebtgrößte private Eigentümer. Aroundtown hält 39 Prozent an Grand City. Beide sind in Luxemburg registriert.

Yakir Gabay erzählt, dass er an Berlin geglaubt habe, als die anderen es nicht taten. Das erste Berliner Haus habe er 2004 in Schöneberg gekauft. 33 Wohnungen, 30 Prozent Leerstand. „Ich glaube daran, dass sich auf lange Sicht immer ein Preisgleichgewicht einstellt“, sagt er. Überall lagen die Immobilienwerte schon höher. Er war überzeugt, dass Berlin irgendwann folgt. „Aber ich hatte auch nicht erwartet, dass die Preise so stark steigen würden.“

„Der Gewinn von Immobilienfirmen beruht zu einem wesentlichen Teil auf den Wertsteigerungen der Immobilien, und nicht auf Mieterhöhungen“, sagt Gabay. „Die Wertsteigerungen sind wiederum vor allem dadurch begründet, dass es derzeit so niedrige Zinsen gibt, und daher viele Investoren Immobilien als sichere und stabile Anlageform nachfragen. Das lässt die Preise selbst bei gleichbleibenden Mieten steigen.“

... Grand City selbst widme sich derzeit vermehrt dem Bauen. Die Nachverdichtung durch Neubau sei inzwischen oft lohnenswerter als der Kauf alter Häuser. Ob die Rechnung für Investoren aber noch aufgeht, wenn der Mietendeckel kommt, bezweifelt Gabay.

Auch auf die Frage, warum Grand City und Aroundtown eigentlich in Luxemburg registriert seien, hat Gabay eine einfache Antwort. Der Standort sei als Firmensitz schlicht bevorzugt und marktüblich für internationale Investoren. Man zahle aber fast die gleichen Steuern als wäre die Firma in Deutschland registriert. „Wir gehen nicht offshore, und haben das auch nicht vor.” Als Offshore-Standorte gelten Staaten wie die Bahamas, die nur schwer für Steuerfahnder erreichbar sind.

Roger Akelius hielt genau das für eine gute Idee. Er ist Schwede und wohnt inzwischen offiziell auf den Bahamas. Der Name Akelius fällt immer wieder während der Recherche für „Wem gehört Berlin?“. Über keinen Eigentümer haben sich bei Tagesspiegel und Correctiv im Rahmen der „Wem gehört Berlin?“-Recherche im Verhältnis mehr Mieter beschwert. Liegt die Durchschnittsmiete bei Grand City Properties bei 7,60 Euro und die Neuvermietungspreis bei 12 Euro pro Quadratmeter, hat Akelius 8,64 Euro bei Bestandsmietern und eine Durchschnittsmiete bei neuen Verträgen von 16 Euro pro Quadratmeter.

Die von Roger Akelius gegründete Akelius-Gruppe besitzt mehr als 50.000 Wohnungen weltweit, Gesamtwert der Immobilien laut Unternehmenswebsite: zwölf Milliarden Euro. Mit knapp 14.000 Wohnungen liegt der größte Anteil der Akelius-Wohnungen in Berlin. Den größten Teil seines Vermögens hat der Schwede einer Stiftung auf den Bahamas übertragen, die wohltätige Tätigkeiten unterstützen soll. Besonders an SOS-Kinderdörfer spendet sie.

Ein weiterer Zweck der Stiftung ist „Bildung und Forschung zu Wohnungsimmobilien“. Ihr Vermögen beträgt laut ihrer Homepage 100 Milliarden schwedische Kronen, das sind neun Milliarden Euro.

84,5 Prozent hält die Stiftung über eine Firma in Zypern an Akelius. Zwei weitere Anteilseigner sind ebenfalls Stiftungen, wie aus einem Börsenprospekt der irischen Börse hervorgeht. Die „Grandfather Roger Foundation“ und die „Hugo Research Foundation.“ Beide sind auf den Bahamas registriert. Auf die Frage, wer hinter den Stiftungen steckt und warum sie auf den Bahamas registriert sind, heißt es: „Hierzu möchte Akelius keine Angaben machen.“ Und auf die Frage, ob und wie viel Steuern die Akelius-Gruppe oder Roger Akelius selbst bezahlen, heißt es knapp: „Akelius versteuert dort, wo wir arbeiten.“

Erst Mitte der 1990er Jahre begann Akelius, in Immobilien zu investieren. Sein Erfolg begann in den 70ern – als Buchautor. Er schrieb zunächst Programmierbücher, dann ging es um Investments. Anfang der 1980er Jahre erschien dann ein Bestseller von Akelius. Darin erklärte er den Schweden, wie sie am besten Steuern sparen – ganz legal, so wie die großen Unternehmen.

Der europäische Leiter der Akelius-Gruppe ist Ralf Spann. Er sitzt in einem Berliner Altbau mitten in Kreuzberg. Und erwägt nun, gegen den Mietendeckel zu klagen. „Wer denken Sie, wird die neue Wohnung bekommen? Ich glaube, das werden nicht diejenigen sein, denen angeblich geholfen werden soll.“ Und: „Ich war zwei Jahre in New York. Berlin hat dort eine unglaublich starke Strahlkraft.“ Man wolle noch lange hierbleiben.

Strahlkraft hat auch Leonardo Del Vecchio. Er hält 2,5 Prozent der Unternehmensanteile an Covivio, viertgrößter Berliner Eigentümer. Die Firma besitzt derzeit 15.700 Wohnungen in Berlin. Das rechnet sich. Del Vecchio ist der zweitreichste Mann Italiens, ihm gehört eine 60-Meter-Yacht.

Sein Vater verkaufte Obst und Gemüse auf Mailands Straßen und starb vor seiner Geburt. Seine Mutter gab ihn ins Waisenhaus. Nach seinem Schulabschluss arbeitete in einer Schlosserei. Dann versuchte es sich als Unternehmer. Im Alter von 25 Jahren gründete er das Unternehmen Luxottica.

Heute ist die Firma der größte Brillenhersteller der Welt. Ray Ban und Oakley gehören zu seinem Imperium. Auch für zahlreiche Luxusmarken wie Chanel, Prada und Versace produziert Del Vecchios Unternehmen Gestelle. Und so landen die Ausgaben für hippe Sonnenbrillen am Ende teilweise in Berliner Häusern.

Die drei Männer sind keine Ausnahmen. Einer Umfrage der britischen Immobilienberatungsfirma Knight Frank zufolge investieren die Superreichen am liebsten in Aktien und Immobilien. Del Vecchio tut das über seine Familienholding Delfin. Mit 26 Prozent ist er an der französischen Immobilienfirma Covivio SA beteiligt, die zu den größten Eigentümern Europas zählt. Der wiederum gehört Covivio SE, das deutsche Tochterunternehmen, das nicht nur Immobilien in Berlin, sondern auch in ganz Deutschland hält und zu 55 Prozent dem Mutterkonzern gehört.

Das Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt sein Vermögen auf 19,8 Milliarden Dollar, Platz 50 auf der Forbes-Liste der Milliardäre 2019.

... Berliner Wohnungen sind in Zeiten der Nullzinspolitik [ ] sehr attraktiv für Milliardäre. Am Aktienmarkt sind sie trotzdem vergleichsweise kleine Player. Die wahren Könige des Markts sind hier Vermögensverwalter und Pensionsfonds. Ihr Kapital: das Hundert- und Tausendfache der Superreichen.

Und sie akkumulieren über Umwege inzwischen enorme Anteile. Zum Beispiel bei der Deutsche Wohnen, mit über 115.000 Wohnungen Berlins größter Eigentümer und größter Gewinner der Wohnungsprivatisierungen. Ein Blick auf die Anteilseigner zeigt: Knapp 70 Prozent der Aktien sind im sogenannten Streubesitz, gehören also Aktionären, die anonym sind. Das können kleine Privatanleger sein genauso wie Unternehmen.

Interessant sind die restlichen 30 Prozent. Ab drei Prozent der Anteile müssen Unternehmen dies bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht melden. Und treten somit aus der Anonymität heraus. Bei der Deutschen Wohnen sind es vier Anteilseigner, die am meisten von den Gewinnen profitieren.

Da ist der amerikanische Finanzdienstleister State Street Corporation mit drei Prozent Anteilen. Auf Platz drei mit sieben Prozent steht die Norges Bank, die Zentralbank von Norwegen. Sie verwaltet den staatlichen Pensionsfonds, der die Öleinnahmen des Landes so investieren soll, dass sie als Rücklage für schlechte Zeiten dienen. In der Investmentstrategie des Fonds ist Berlin eine der Städte, auf die sie ihre Immobilieninvestments konzentrieren.

Platz zwei geht an MFS Investment Management, eine der ältesten Vermögensverwaltungsgesellschaften der Welt. 1924 gegründet, verlor es einen Großteil seines Vermögens im Börsencrash im Jahr 1929, überstand aber die Krise. Heute gehört MFS zum dem kanadischen Lebensversicherer und Finanzunternehmen Sun Life.

Auf Platz 1: Blackrock. Das Unternehmen ist spätestens der breiten Masse bekannt, seit der CDU-Politiker Friedrich Merz bei dem deutschen Ableger des Vermögensverwalters einstieg. Auch bei Berlins zweitgrößtem privaten Wohnungseigentümer Vonovia ist Blackrock der größte Anteilseigner. Und auch an TAG Immobilien und Aroundtown, dem Mutterkonzern von Grand City Properties hält das Unternehmen Anteile.

Blackrocks Anteile an Deutsche Wohnen von 10,2 Prozent würden ganz grob umgerechnet 11 800 Wohnungen in Berlin entsprechen. Nimmt man die anderen Anteile dazu, wären es 15.700 Wohnungen in Deutschland. So würde an der Börse zwar niemand rechnen, aber es zeigt, wie die Debatte um den Berliner Wohnungsmarkt teils völlig an den Profiteuren vorbei geht. Demonstriert wird gegen die Deutsche Wohnen, nicht gegen Blackrock.

Blackrock verwaltet und vermehrt das Vermögen seiner Kunden. Insgesamt sind das 6300 Milliarden Dollar Anlagekapital. Dass der Konzern an mehr als 17.000 Unternehmen beteiligt ist, liegt an den Finanzprodukten, die er verkauft. Sogenannte Indexfonds halten branchenübergreifend Anteile an Konzernen, die an der Börse gelistet sind. So wird Blackrock zum größten Aktionär Europas.

Auch wenn Blackrock normalerweise nicht bei den öffentlichen Hauptversammlungen der AGs teilnimmt, kann der Konzern trotzdem seine Stimmrechte wahrnehmen und somit Unternehmensentscheidungen beeinflussen. Hält er an verschiedenen Unternehmen aus einer Branche Aktien, ist die potentielle Macht enorm, heißt es von Experten. Es gefährde den freien Wettbewerb.

Blackrock selbst schreibt dazu: „In die laufende Unternehmensführung mischt sich BlackRock nicht ein.“ Immer wieder betont Blackrock, dass das Geld nicht ihnen selbst gehöre. Man sei nur Treuhänder. Der Unternehmenschef Larry Fink sschrieb in einer Nachricht an die Anteilseigner: „Unsere Kunden sind Lehrer, Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Wissenschaftler, Geschäftsleute und so viele andere. Sie sind Mütter, Väter und Großeltern. Und ihre finanziellen Ziele sind Investitionen in den Ruhestand, ein Haus zu kaufen oder das College zu bezahlen.“

Sind die größten Profiteure also am Ende Normalverdiener?

Auch Berliner Mieter legen ihr Geld in privater Altersvorsorge an. Und investieren so unwissentlich in ihren eigenen Vermieter. So wie eine Vonovia-Mieterin aus Neukölln. Sie ist 39 Jahre alt und möchte lieber anonym bleiben. Sie wohnt mitten in jenem Kiez, in dem in den vergangenen Jahren die Mieten um mehr als 100 Prozent angestiegen sind. Auf Drängen ihrer Mutter, die sich Sorgen um die Altersvorsorge der Tochter machte, schloss sie eine Riesterrente ab.

Sie selbst arbeitet im Umweltbereich, ist Kundin bei einer Umweltbank, achtet auf Nachhaltigkeit. Mit einer ehemaligen Beamtenversicherung kann man nicht viel falsch machen, dachte sie sich und zahlte von nun an jeden Monat regelmäßig Geld in ihre Riesterrente.

Gleichzeitig kämpfte sie mit ihrem Vermieter – dem Immobilienkonzern Vonovia. Gleich zwei Gerichtsverfahren führt sie gegen Vonovia wegen der Nebenkostenabrechnungen. Außerdem versuchte das Unternehmen schon zweimal, ihre Miete zu erhöhen. Als zwei Nachbarwohnungen frei wurden, sanierte der Vermieter und erhöhte die Miete. Lag sie vorher noch zwischen 4,75 und 5,50 Euro, kostete der Quadratmeter von nun an 16 Euro, erzählt sie. Die Gewinne dieser Firmen seien unfassbar, sagt sie.

Ob sie wisse, dass sie über ihre Altersvorsorge selbst in Vonovia investieren? – Stille am anderen Ende der Leitung.

Das trifft auf viele zu. Immer mehr Deutsche investieren in eine private Altersvorsorge. Um das Geld ihrer Kunden gewinnbringend anzulegen, investieren viele Rentenfonds oder Versicherungen die Beiträge nicht nur direkt in Immobilien, sondern auch in dem Finanzmarkt – entweder in Form von Aktien oder in Investmentfonds. Was ihre Kunden meist nicht wissen – wo es langfristige gewinnbringende Investments geht, ist Blackrock nicht weit.

Im Fall der Neuköllner Vonovia-Mieterin sind es die Fonds, die sie und ihren Eigentümer zu indirekten Geschäftspartnern machen. Die Versicherung Debeka gehört zu den Blackrock-Kunden. Das versteckt sich tief in den Geschäftsberichten und Anlagestrategien des Versicherers. Die Debeka Riesterrente investiert ihre Überschüsse in den Debeka Global Share Fund – einen versicherungsinternen Fonds.

Der investiert in einen Blackrock-Fond mit dem komplizierten Namen iShares STOXX Europe 600. In seinem Portfolio findet man Anteile von fünf großen Berliner Immobilienkonzernen: Deutsche Wohnen, Covivio, Grand City Properties, TAG Immobilien und – mit dem höchsten Anteil – Vonovia. Ihre Mieterin kann nur noch bitter lachen. „Wir schaufeln uns hier unser eigenes Grab“, sagt sie.

Natürlich ist ihr eigener Anteil an der Entwicklung verschwindend gering. Doch die Masse macht es. Bei vielen großen Anbietern für Altersvorsorge wird man fündig. Bei der Allianz zum Beispiel. Ihre Lebensversicherung investiert indirekt über Fonds in die Wohnimmobilienkonzerne. Gleichzeitig hält ihr Rentenfonds auch direkt Anteile an Berlins zweitgrößtem privaten Vermieter Vonovia. Oder die Sparkassen. Ihre Lebensversicherung hat in ihren eigenen Produkten der Deka Investment Fonds Anteile an Vonovia. Und die Generali Lebensversicherung, auf der BaFin-Liste der größten Erstversicherer auf Platz sechs, hält so Anteile an Vonovia.

Der R+V Pensionsfonds investiert über einen Fonds in ADO Properties und Deutsche Wohnen. Und die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) ist über Investmentfonds mit 9,9 Prozent an TAG Immobilien beteiligt. Zehn Prozent der Arbeitnehmer in Berlin arbeiten für den öffentlichen Dienst. Feuerwehrmänner, Krankenschwestern, aber auch Verwaltungsangestellte und nicht-verbeamtete Lehrer zahlen dort ein – und das nicht einmal freiwillig. Wer einen Tarifvertrag im öffentlichen Dienst hat, ist pflichtversichert. In den meisten Fällen ist das dann bei der VBL.

Somit schließt sich ein Kreis aus Mietern, Pensionsfonds, Immobilien-AGs und dem Finanzmarkt. Und die Spirale dreht sich immer schneller. Beispielsweise gibt es nun immer mehr Riester-geförderte Fonds-Sparpläne, 3,3 Millionen, die zumindest leicht höhere Dividenden versprechen. Zum Start des Förderprogramms waren es noch 174.000 Verträge. Die Steigerung war so gewünscht. Als Riester die Rente senkte, wollte er den Deutschen stattdessen eine staatlich subventionierte Möglichkeit schaffen, am Kapitalmarkt teilzunehmen. Nicht nur die Reichen sollten profitieren, sondern auch Ottonormalverdiener.

Inzwischen liegt die durchschnittliche Rendite neuer Riester-Verträge allerdings unter einem Prozent. Ganz im Gegensatz zu den steigenden Mieten.


Aus: "Wer profitiert vom Berliner Mietmarkt?" Andreas Baum, Michael Gegg, Sidney Gennies, Hendrik Lehmann, Helena Wittlich (28. Juni 2019)
Quelle: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/mieten-und-renditen/


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