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[...] Riad – Frauen in Saudi-Arabien brauchen für Auslandsreisen nicht länger die Erlaubnis eines männlichen Vormunds. Frauen ab 21 Jahren können seit Dienstag Anträge für die Ausstellung oder Erneuerung eines Reisepasses einreichen und damit "ohne Erlaubnis" ins Ausland reisen, teilte die saudi-arabische Passbehörde auf Twitter mit.

Damit setzen die Behörden des erzkonservativen Königreichs eine historische Reform um, die Anfang August beschlossen worden war. Das saudi-arabische Vormundschaftssystem wurde international seit langem scharf kritisiert, und auch in Saudi-Arabien selbst regte sich zuletzt zunehmend Widerstand. Die Anfang des Monats verkündeten Gesetzesänderungen sehen außerdem vor, dass Frauen künftig die Geburt eines Kindes, eine Hochzeit oder eine Scheidung anmelden dürfen. Sie können auch die Vormundschaft für ein minderjähriges Kind übernehmen.

In den vergangenen Monaten hatten mehrere junge Frauen, die vor Bevormundung und Gewalt aus Saudi-Arabien flüchteten, weltweit für Aufsehen gesorgt. Im Jänner wurde die 18-jährige Rahaf al-Kunun auf der Flucht vor ihrer Familie in Bangkok gestoppt. Sie erhielt schließlich Asyl in Kanada. Im Februar wurde der Fall der Schwestern Reem und Rawan bekannt, die auf der Flucht vor ihrer Familie in Hongkong gestrandet waren. Sie durften schließlich in ein unbekanntes Drittland ausreisen. Im April flüchtete ein weiteres Schwesternpaar nach Georgien.

Die nun geltende "Reisefreiheit" ist der nächste Schlag gegen das System der Vormundschaft, die Frauen rechtlich zu Minderjährigen degradiert. In den vergangenen Jahren hatte Saudi-Arabien unter Kronprinz Mohammed bin Salman damit begonnen, die sehr strikten Regeln für Frauen zu lockern. So dürfen Frauen seit Juni 2018 Auto fahren – ein besonders symbolträchtiger Schritt, denn bis dahin war Saudi-Arabien das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht selbst fahren durften. Frauen wurde auch erlaubt, Fußballspielen beizuwohnen und Berufe zu ergreifen, die bis dahin Männern vorbehalten waren.

Diese Liberalisierung hat zwar das Leben vieler Frauen verbessert. Von einer Gleichberechtigung der Geschlechter ist das Land aber noch weit entfernt. Kritiker sprechen von lediglich kosmetischen Reformen und fordern, das Vormundschaftssystem komplett abzuschaffen. (APA, red, 21.8.2019)


Aus: "Frauen in Saudi-Arabien dürfen ab sofort selbstständig ins Ausland reisen" (21. August 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000107632099/frauen-in-saudi-arabien-koennen-selbststaendig-ins-ausland-reisen

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die gute Ente von Sezuan

Sodom und Gomorrha!


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MIDI & Synths (DIY) / Yamaha CS50 Synthesizer
« on: Yesterday at 04:41:54 PM »
Black Corporation Deckard´s Dream
Replikanten sind keine Klone! – Deckard’s Dream ist ein moderner Nachbau des Yamaha CS-80. Das in den 70er Jahren erschienene, mehr als 90 Kilo schwere Mammut-Instrument hat nicht nur die Musik des Films Blade Runner geprägt, sondern auch Alben von etwa Kraftwerk, Vangelis oder Jean Michel Jarre. Der Black Corporation ist es gelungen, die achtstimmig-polyphone, zweischichtige Analogsynthese des CS-80 in ein 19-Zoll-Gehäuse zu überführen. Dank polyphonem Aftertouch und MPE-Support lässt sich das Instrument überaus expressiv spielen. Der Sound ist füllig, warm und absolut sahnig. – Ein Traum!
https://www.schneidersladen.de/de/black-corporation-deckards-dream.html

https://www.thomann.de/de/black_corporation_deckards_dream.htm

https://www.deckardsdream.com/

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Behringer DS-80 (DS-80 Clone)
07. Mai 2019, Kategorien: News; geschrieben von: Gerald Dellmann
Gleichzeitig wird aber betont, dass es sich beim Behringer DS-80 nur um eine Design-Studie handeln würde. Wie bei Behringer üblich, werden erst einmal die Marktreaktionen analysiert.
https://megasynth.de/news/behringer-ds-80/


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"Neuer OpenPGP-Keyserver liefert endlich verifizierte Schlüssel" Jürgen Schmidt (19.06.2019)
Ein neuer Keyserver der PGP-Community liefert nur noch Schlüssel zu verifizierten E-Mail-Adressen. Allerdings muss man dafür auf das "Web of Trust" verzichten.
https://www.heise.de/security/meldung/Neuer-OpenPGP-Keyserver-liefert-endlich-verifizierte-Schluessel-4450814.html

"Neuer PGP-Keyserver prüft Mailadressen" Hanno Böck (13. Juni 2019)
Das bisherige Konzept der PGP-Keyserver ist an seine Grenzen gelangt, die bestehenden Keyserver werden immer unzuverlässiger. Nun gibt es einen neuen Keyserver mit einem anderen Konzept. Persönliche Daten werden nur nach einer Prüfung der E-Mail-Adresse verteilt. Unter keys.openpgp.org läuft künftig ein PGP-Keyserver mit der in Rust geschrieben Software Hagrid. Betrieben wird der neue Schlüsselserver gemeinsam von den Entwicklern von Enigmail, Openkeychain und Sequoia. Anders als bei bisherigen PGP-Keyservern werden hier nicht ungeprüft beliebige Daten verteilt. Der neue Keyserver prüft Schlüssel und verteilt persönliche Daten nur nach einer Prüfung der Mailadresse. ...
https://www.golem.de/news/keys-openpgp-org-neuer-pgp-keyserver-prueft-mailadressen-1906-141878.html

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Personal Computing / Teensy USB Development Board...
« on: Yesterday at 03:38:25 PM »
TDM Support, For Many-Channel Audio I/O
A project log for Teensy Audio Library
CD quality sound processing, integrated with Arduino sketches
Paul StoffregenPaul Stoffregen • 04/17/2017 at 20:39
https://hackaday.io/project/2984-teensy-audio-library/log/57537-tdm-support-for-many-channel-audio-io

Teensy: TDM Support For Many-Channel Audio I/O (May 1, 2017)
http://blog.oshpark.com/2017/05/01/tdm-support-for-many-channel-audio-io/






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[...] Bei einem Treffen des Dachverbandes der führenden Unternehmen in den USA wie Apple, Pepsi und Walmart, haben fast 200 Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer neue Grundsätze der Unternehmensführung definiert. Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren distanzierte sich der Business Roundtable dabei vom sogenannten Shareholder-Value-Prinzip, wie die New York Times berichtet. Stattdessen soll der Fokus auf Investitionen in Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Umweltschutz und einen fairen und ethischen Umgang mit Zulieferern gelegt werden.

"Wir wissen, dass viele Amerikaner Probleme haben. Zu oft wird harte Arbeit nicht belohnt, und es wird nicht genug getan, damit sich die Arbeitnehmer an das rasche Tempo des wirtschaftlichen Wandels anpassen können", schreiben die Unternehmer in ihrer Erklärung.

Nach dem Shareholder-Value-Prinzip hat die Unternehmensführung im Sinne der Anteilseigner zu handeln. Ziel ist die Maximierung des langfristigen Unternehmenswertes durch Gewinnmaximierung und Erhöhung der Eigenkapitalrendite. Im Statement formulieren die CEOs neue Eckpunkte für eine Unternehmungsführung. So soll ein Mehrwert für Kundinnen und Kunden sowie die Umwelt an Standorten geschützt werden. Außerdem sollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützt werden, indem sie etwa gerecht entlohnt werden und Aus- und Weiterbildungen erhalten. 

Damit reagieren die Unternehmer auf die aktuelle gesellschaftliche Lage in den USA. So sind laut einer Umfrage der Voter Study Group viele US-Amerikaner offen für ein radikales Programm, das die Wirtschaft des Landes umgestaltet. Eine klare Mehrheit befürwortet Steuererleichterungen für Geringverdiener, bezahlte Elternzeit, eine Anhebung des Mindestlohns und höhere Steuern für die Reichen. Eine Mehrheit spricht sich auch dafür aus, große Banken zu zerschlagen und es Arbeitern zu erleichtern, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Der Business Roundtable vertritt Geschäftsführer der führenden US-amerikanischen Unternehmen. Diese CEO-Mitglieder leiten Unternehmen mit mehr als 15 Millionen Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als sieben Billionen US-Dollar. Seit 1978 stellt der Business Roundtable regelmäßig Grundsätze für die Unternehmensführung aus.


Aus: "US-Unternehmer rücken vom Prinzip der Gewinnmaximierung ab" (20. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2019-08/usa-unternehmen-aktionaere-ethik-business-roundtable


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Manni_23 #8

Schöner Traum oder dummes Geschwätz. Das wir nie so passieren, weil es im vollkommenen Gegensatz zum Grundprinzip der kapitalistischen Wirtschaftsordnung steht.


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gigue #9

"US-Amerikaner offen für radikale Umgestaltung der Wirtschaft"

Es mehren sich schon seit einiger Zeit die Anzeichen dafür, dass es ein Umdenken in den Chefetagen der großen Konzerne gibt.
Die meisten CEOs usw. der Konzerne stammen ja nicht mehr aus den Reihen der OldBoysConnection oder den Eastcoast-Reichen, die nichts anderes gelernt haben, als alles zusammen zu raffen, was zu kriegen ist.
Im Grunde ist es reichlich grotesk, dass ausgerechnet einer aus der alten Garde der Raffer jetzt Präsident geworden ist, wo längst sich in den Köpfen der Führungsetagen ein anderes Denken breit macht.
Vor allem dieser ständige Run auf die Quartalszahlen, der sinnlose Hype um den Shareholder Value, der immer seltsamere Blüten treibt und vor allem unternehmensfernen Gestalten mit Titeln wie "Businessanalyst" usw. Wichtigkeit zutreibt, wo absolut keine Wichtigkeit ist, wird es Zeit, sich nach anderen Formen der gewerblichen Tätigkeit und deren Finanzierung umzuschauen.
Letztendlich ist eine Firma wie ein kleiner Staat: das Auskommen der Bürger ist final entscheidend, dass alle halbwegs profund leben können und nicht nur diejenigen, die sich in jeder Beziehung besser durch setzen können und der Rest dahin darbt. Eine solche Gesellschaft wünschen sich vielleicht noch einige Korrupties in unterentwickelten Ländern, aber in Industrieländern wird es Zeit, über andere Verteilungsmechanismen nachzudenken, die einer breiten Schicht von Menschen gerecht wird.


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Wiilibald #9.1

Ich kann mich an ein Interview eines deutschen Unternehmers (Selfmademan) durch einen US Journalisten im US TV erinnern. Wo der Journalist den Deutschen mehrmals ungläubig fragte, warum der mit den exorbitant hohen Steuern und Auflagen in Deutschland zufrieden sei. Und der Unternehmer antwortete: Ich verdiene auch mit den Steuern mehr als ich jemals ausgeben könnte und ich möchte in einem Land leben, wo ich jederzeit ohne Angst um mein Leben alleine durch die Stadt laufen kann und jedem in die Augen schauen kann. Erinnert mich an die Albrechts, die persönlich um die Ecke einkaufen gingen und jeden Pfennig umdrehten - Aldi - Sie wissen schon. Oder die Reimanns - Deutschlands reichste Familie - wo jeder Erbe vor Antritt des Erbes unterschreiben muss, ein unauffälliges Mittelstandsleben zu führen und alles Geld in den Firmen zu lassen.


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Frittiere nicht dein Leben Frittiere deinen Traum #10

Gab's so eine Erklärung nicht vor drei, vier Jahren schonmal? Wenn man das jetzt turnusmäßig aus Imagegründen wiederholt, ohne es tatsächlich umzusetzen, ist das alles wenig wert.


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Occam #12

Die Geschäftsführer können sich nur so lange von den Interessen der Anteilseigner distanzieren, bis sich die Anteilseigner von den Geschäftsführern distanzieren.
Geschäftsführer, CEO und Unternehmer synonym zu verwenden, ist problematisch.


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Comandante Amigo #17


Sollte das der Beginn des "nachhaltigen Kapitalismus" sein? Für US amerikanische Ohren wird das bestimmt wie purer Kommunismus klingen. Mal sehen was die Thinktanks des Kapitals daraus machen.


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arnolsi #21

Jetzt, nachdem sie so pervers reich sind und ihnen eh schon praktisch alles gehört, bekommen sie moralische Anflüge?


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k-os2o14 #27

Die Unterzeichner findet man hier -> https://opportunity.businessroundtable.org/ourcommitment/ und ich hab schon gut gelacht. Das Who is Who von Finanzkrise bis lass mal Länder platt Bomben und Öl-Deals sichern.



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Schattenboxen #27.1

Danke für den Link. Das liest sich im Original völlig anders als die ZON-Interpretation. ...


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GrüneHoffnung #28

Ups, Revolte von oben gegen sich selber???

Nur zu, kann gar nicht heftig genug sein. :)

> ZON hat Halluzinationen.

Nicht wirklich.

Die Beschreibungen und Art der Wortwahl erinnern mich mehr an agile Prinzipien und da ist dann nicht mehr der Sharehoulder im Mittelpunkt sondern der Stakehoulder. Ist tatsächlich was anderes, wenn auch der Unterschied in den Feinheiten steckt. Stakehoulder sind im Prinzip wir alle, die an einem Produkt, dem dem/den herstellendem/n Unternehmen und/oder Dienstleister. Kann man sogar auf die Politik ausweiten, im Sinne von dienen, den Wünschen der Interessierten.

Ist sicher alles andere als eine Revolte gegen sich selber von oben aber immerhin ein kleines Schrittchen hin zurück zu etwas mehr Verantwortungsbewußtsein fürs eher Ganze.

Wenn man die letzten 30-250 Jahre hier eher auf der Null Linie agierte ist etwas mehr als Null schon ein riesiger Satz.

;)


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Für mehr nach vorne #7

Da Christian Lindner und Friedrich Merz immer noch nicht kapiert haben, dass der Wirtschaftsliberalismus ein Auslaufmodell ist, sollten sich beide ein Beispiel am Umdenken dieser Unternehmen nehmen.


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W_Schäfer #7.1

Sie lassen sich aber schnell mit Lippenbekenntnissen einlullen.


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[...] Das Verwaltungsgericht in Wiesbaden hat seinen Unmut über den mangelnden Auskunftswillen des Bundeskriminalamts (BKA) deutlich erkennen lassen. Die Behörde habe ein Jahr lang „rumgeeiert“, ehe sie eine Anfrage des Journalisten Arne Semsrott abgelehnt habe, schrieb der Vorsitzende Richter Hans-Hermann Schild der Behörde am Montag ins Stammbuch.

Semsrott scheiterte aber mit seinem Anliegen, die „Feindeslisten“ der Rechtsextremisten ausgehändigt zu bekommen, die im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen die Nazigruppe „Nordkreuz“ gefunden worden waren. Dabei geht es nach Auskunft des BKA um Angaben zu insgesamt rund 25.000 Personen, davon 24.000 aus der Kundenliste eines Online-Versandhandels. Semsrott hatte die Anfrage für das Internetportal „Frag den Staat“ gestellt.

Richter Schild teilte die Auffassung des BKA, dass der Journalist sich beim Generalbundesanwalt nach der Liste erkundigen müsse, da die Polizeibehörde hier in dessen Auftrag tätig werde. Außerdem empfahl Schild, die Liste unter Berufung auf das Presserecht anzufordern und nicht unter Bezug auf das Informationsfreiheitsgesetz (IFG). In diesem Fall könne er „mit 99,9-prozentiger Wahrscheinlichkeit“ einen Anspruch geltend machen, befand der Richter. Semsrott hatte aber bewusst das IFG herangezogen. Sein Ziel, dass alle Personen, die auf einer solchen Liste stehen, darüber informiert werden, sei nur auf diesem Wege zu erreichen, erklärte er. Denn die Behörde sei gehalten, die Betroffenen zu informieren, wenn sie die Daten an einen Journalisten herausgäbe.

Darauf hatte das BKA bereits in seiner Antwort an den Journalisten hingewiesen, die von Richter Schild als „bestenfalls semiprofessionell“ bezeichnet wurde. Die Polizeibehörde warnte den Journalisten darin, dass er mit 500 Euro an Gebühren für die Auskunft zu rechnen hätte – die er dann ohnehin nicht bekam. „Liebes BKA, das war nicht der Burner, wie man damit umgegangen ist“, mahnte Richter Schild jovial.

Vor Gericht waren die drei Vertreter des BKA nicht in der Lage, das Aktenzeichen zu nennen, unter dem das „Nordkreuz“-Verfahren vom Generalbundesanwalt geführt wurde. Auf Fragen von Semsrotts Rechtsanwalt Raphael Thomas, warum einzelne Landeskriminalämter die Betroffenen informierten, wenn doch nur der Generalbundesanwalt die Hoheit über Auskünfte besitze, antworteten sie nicht. Diese Frage sei „nicht streitgegenständlich“.

Am Ende des Verfahrens zog Semsrott auf Empfehlung des Richters seine Klage zurück. Die fünfköpfige Kammer des Verwaltungsgerichts demonstrierte in ihrer Kostenentscheidung erneut, dass sie das Verhalten des BKA nicht in Ordnung fand. Die Behörde muss dem Kläger die Hälfte der außergerichtlichen Kosten erstatten und auch die Gerichtskosten zur Hälfte tragen.


Aus: "Hessen: Journalist scheitert vor Gericht: „Feindesliste“ bleibt verborgen - doch BKA kassiert Rüffel" Pitt v. Bebenburg (19.08.2019)
Quelle: https://www.fr.de/politik/nordkreuz-arne-semsrott-scheitert-feindesliste-bleibt-verborgen-doch-bka-kassiert-rueffel-12927684.html

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Blogs [Weblogs | Blogroll] / [Einzelne ausgewählte Blogbeiträge ... ]
« on: August 19, 2019, 01:59:05 PM »
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[...]  Hör! Mir! Zu!

Ich bin immer wieder erstaunt, mit welchem Detailreichtum und welcher Ausdauer manche Menschen ihr bedeutungsloses Leben beschreiben können. Ein Abend mit einer Berufsschullehrerin namens Sieglinde Dingsbums und ihrem Mann, der sich mit der Rolle des Stichwortgebers zufrieden gibt: Zunächst geht es um die beiden Söhne. Es gibt nur einen Bereich, in dem der Narzissmus und das Eigenlob noch größer sind als im Beruf: die Familie. Die aktuelle Elterngeneration ist die beste aller Zeiten und ihre Kinder sind die tollsten, die es je gegeben hat. Schon klar. Bloß nix sagen. Widerstand ist zwecklos.

Sohn Nr. 1 studiert auf Lehramt. Er wohnt noch zu Hause, bekommt 400 € Taschengeld, seine Mutter macht ihm die Wäsche, aber er muss jede dritte Tankfüllung des Autos zahlen, das er mitbenutzt. Sohn Nr. 2 war gerade ein Jahr im Ausland und geht noch zur Schule. Sie hätte auch über Blattspinat sprechen können. Niemand interessiert sich für die langweiligen Kinder anderer Leute.

Aber man hat den Eindruck, hier spricht Heidi Klum über ihr Privatleben und ganz Deutschland hat auf diese Enthüllungen gewartet. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass meine Eltern in solcher Ausführlichkeit über mich und meine Schwester gesprochen hätten. Den Kindern geht’s gut. Punkt. Nächstes Thema. Sieglinde hat nach den Kindern allerdings noch ihren Beruf, den Rentenbescheid und ihren Garten zu bieten. Es nimmt kein Ende. Jeder Anruf bei irgendeiner Behörde wird im Wortlaut wiedergegeben.

Ein weiteres Thema sind natürlich die ausgedehnten Reisen des Ehepaars, das sich immer wieder an den Händen hält, während Sieglinde erzählt und ihr Mann gelegentlich eine kleine Arabesque anfügt, ohne zu merken, dass seine haarige Wampe seit einer Stunde vom Nabel bis zum äußerst südlich gelegenen Hosenbund freiliegt. Eine Aufzählung von Orten in aller Welt, ausnahmslos wunderschön, aber keine einzige Erzählung, kein Erlebnis, eine endlose Fahrt ohne Inhalt. Ich werde unfreiwillig Zeuge einer in ihrer Unglaubwürdigkeit geradezu absurden Harmonieshow, weil es eine Reise ohne Streit und ohne Regen nun einmal nicht gibt. Jedenfalls nicht über Jahrzehnte. Nebenbei bemerkt: Wer gibt im Jahr 2019 noch mit Kreuzfahrten und Langstreckenflügen an wie ein Sack Mücken?

Ich empfinde es regelrecht als Drohung, als Sieglinde bemerkt, sie hätte inzwischen ihre Fotos pro Reise auf siebzig „eingedampft“, wie sie es ausdrückt, damit die Präsentation beim Dia-Abend nicht so lange dauert. Solche Selbstdarsteller pumpen auch siebzig Bilder auf mehrere Stunden tödlich langweiliges Geschwafel auf. Niemand interessiert sich für drittklassige Fotografien und ein paar Anmerkungen zu Restaurants, in denen man selbst nie gewesen ist. Diese Erinnerungen haben nur für die Reisenden eine Bedeutung. Wurde deshalb nicht Instagram als Schutthalde und Endlager für solche Nullinformationen erfunden? Vor langer Zeit habe ich mal drei Stunden auf einem steinharten Holzstuhl in Kreuzberg gesessen und die Ägyptenreise einer Kulturhistorikerin überstehen müssen, Diakasten für Diakasten. Nie wieder!

Alle Gäste, die nicht Sieglinde heißen, sind still geworden. Die Smartphones werden gezückt, ich setze mich einfach mal zehn Minuten zwischendurch auf der Gästetoilette, um mich zu erholen. Sie stellt anderen Menschen keine Fragen, zeigt keinerlei Interesse und es ist mühsam, ihren Monolog zu unterbrechen. Wir sitzen stundenlang zusammen, aber sie will nicht wissen, wer ich bin, woher ich komme oder was ich mache. Sie saugt den ganzen Sommerabend in sich hinein wie ein schwarzes Loch. Nach und nach verabschieden sich an diesem Samstagabend die Gäste, es ist noch nicht einmal elf Uhr. Aber selbst der Abschied von Sieglinde zieht sich auf quälende Weise in die Länge. Wieso kann sie nicht einfach „Auf Wiedersehen“ sagen und mich in die Nacht, in die Freiheit entlassen?

Ich verbuche den Abend unter der Rubrik „Studien zur Mikrosoziologie des Banalen“. Die humanitäre Katastrophe, dieser soziale Totalschaden ist in West-Berlin geboren und hat die Stadt eigentlich nie für längere Zeit verlassen. Nach zwei Monaten im Hunsrück komme ich in die große Stadt zurück und staune, wie unerträglich und penetrant die Hauptstadtmenschen in ihrer Eitelkeit sein können. Zum Glück kenne ich noch viele andere Exemplare. Sonst hätte ich nach einem Abend mit Sieglinde von Berlin für alle Zeiten die Schnauze voll.

P.S.: Und jetzt kommt noch mein persönliches Highlight. Sieglinde erzählt von einer Hochzeit, bei der sie neben Albrecht von Lucke gesessen hat. Dem berühmten Politologen, der auch regelmäßig in Talkshows eingeladen wird. Vermutlich will sie mit der Personalie angeben. Ich erwähne beiläufig, dass ich mit Albrecht in der Grundschule, im Gymnasium und im Handballverein (HSC Ingelheim) gewesen bin, was vermutlich über ein kurzes Gespräch bei einer Familienfeier hinausgeht. Trotzdem erklärt Sieglinde mir, dem ebenfalls promovierten Politologen, wer Albrecht eigentlich ist und welche Positionen er vertritt. Kannst du dir nicht ausdenken. Ich lasse es widerspruchslos über mich ergehen und schreibe eben hinterher darüber, liebe Freunde des gepflegten Wahnsinns.


Aus: "Hör! Mir! Zu!" Eingestellt von Matthias Eberling (Sonntag, August 18, 2019)
Quelle: https://kiezschreiber.blogspot.com/2019/08/hor-mir-zu.html


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [Forschender Blick nach rechts... ]
« on: August 19, 2019, 10:31:31 AM »
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[...] Weil wir hier am Hegelplatz sowohl ein weiches Herz als auch ein gutes Gedächtnis haben, erinnern wir uns in diesen Tagen an Frauke Petry. Sie macht nämlich gerade Wahlkampf in Sachsen für ihre neue Partei, die sie gegründet hat: Die blaue Partei. Die kennt kaum jemand, und ihre Chancen sind gering, und Frauke Petry wird nach den Wahlen vermutlich endgültig im Orkus des Vergessens verschwinden. Für die Politik ist das kein Verlust. Für die Literatur schon.

Frauke Petry ist ja so eine Art Lady Macbeth des Ostens. Macht, Intrigen, Ehrgeiz in der Provinz – das Stück ihres Lebens liest sich wie Shakespeare in Dresden. Und weil sie zusammen mit ihrem Mann Marcus Pretzell annähernd zehn Kinder hat – wobei jeder vier aus erster Ehe mitgebracht hat –, denkt man auch viel ans Alte Testament. Frauke Petry war die Frau, die Bernd Lucke aus der AfD drängte, die er sozusagen erfunden hatte, dann radikalisierte Petry diese Partei und wurde schließlich von den Kräften vernichtet, die sie selbst entfesselt hatte.

Frauke Petry hat also einiges auf dem Kerbholz und sieht dabei immer noch so jungenhaft fröhlich aus, dass einem angst und bange werden kann. Ich habe schon einmal länger über Frauke Petry nachgedacht und damals geschrieben: „Was ist das für eine Frau? Ich habe ihr in einer Talkshow gegenübergesessen. Sie ist eine hübsche, sympathisch wirkende Frau. Ihr Lächeln ist gewinnend und fröhlich – bis es plötzlich in ihrem Gesicht gefriert, und aus dem lächelnden Mund läuft ihr der Hass. Es ist unheimlich. Was hat diese Frau erlebt? Woher kommt die Wut?“ Zur Erinnerung: Auf die Frage, wie ein Grenzer reagieren soll, wenn ein Flüchtling den Grenzzaun überwinden will, hatte sie auch nichts anderes gesagt, als Erich Honecker gesagt hätte: „Er muss den illegalen Grenzübertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz.“

Also ist das die entscheidende Frage, nicht nur bei Frauke Petry, sondern bei all diesen Leuten da draußen, den Ausländerfeinden, Volksschützern, Islamhassern, Antisemiten und Schwulenschlägern: Woher kommt die Wut?

Denn über nationale und kulturelle Grenzen hinweg gleichen sich all diese Leute ja in ihrer emotionalen Kälte, ihrem eklatanten Mangel an Selbstkritik, ihrem ausgeprägten Egoismus, ihrer moralischen Urteilsschwäche und natürlich ihrem großen Brutalitätspotenzial. Im 19. Jahrhundert, als der zivilisierte Mensch sich plötzlich der eigenen Grausamkeit bewusst wurde, neigte man eine Weile dazu, das Böse für eine Krankheit zu halten. In der jungen Wissenschaft der Psychiatrie wurde dafür ein Wort entwickelt, das heute nicht mehr benutzt wird: moral insanity, moralischer Wahnsinn.


Aus: "Einmal noch schaudern über Petrys Kälte" (Jakob Augstein | Ausgabe 32/2019 )
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/jaugstein/einmal-noch-schaudern-ueber-petrys-kaelte

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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Überwachung und Paranoia...
« on: August 19, 2019, 09:44:32 AM »
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[...] Kameras werden die neuen Lehrer in China. Sie studieren die Gesichtsausdrücke der Schüler während des Unterrichts ganz genau – abschreiben oder gar einschlafen wird hier keiner. Offiziell sollen die Daten, die gesammelt werden, Aufschluss darüber geben, ob und wie sich das Lernverhalten verändert.

Was für Deutschland undenkbar wäre, ist Teil eines Plans, mithilfe künstlicher Intelligenz Chinas Schüler digital zu optimieren. Das Kamerasystem kann erkennen, ob Schüler interessiert sind, traurig, wütend oder gelangweilt.

Es ist wie der Videobeweis beim Fußball: Ein Schiedsrichter bekommt nicht alles mit, auch ein Lehrer nicht – aber dank der Kameras soll er seine Schüler umfassender beurteilen können. Die Kontrolle ist künftig umfassend.

In China ist die digitale Rundumüberwachung und Verhaltenskontrolle der Bürger schon länger Alltag. Schon 2017 verkündete der Staatsrat einen „Entwicklungsplan für Künstliche Intelligenz der neuen Generation“, bis 2030 sollen demnach umgerechnet 150 Milliarden US-Dollar investiert werden.

Viele Chinesen sind durchaus bereit, Überwachungskameras, Gesichtserkennung oder gar Zensur- und Spionage-Apps hinzunehmen, wenn das zu mehr Sicherheit führt. Im Mai wurde nun Guangzhou als Pilotregion für die Ausbildung im Fach Künstliche Intelligenz an den Schulen auserkoren. Es soll ab September an den Mittel- und Oberschulen gelehrt werden. Parallel dazu wird das Kamerasystem erprobt.

Die menschlichen Lehrer erfahren, was ihre Schüler lesen, was sie in der Kantine essen, wie aufmerksam oder müde sie sind und wie sie sich am Unterricht beteiligen. So hat etwa die Oberschule Nr. 11 in Hangzhou ein „intelligentes Verhaltensmanagementsystem für Klassenräume“ installiert, das die Ausdrücke und Bewegungen der Schüler erfasst und große Datenmengen analysiert. Das System identifiziert die Schüler auch in der Mensa per Gesichtsscan und regelt die Abbuchung des Geldes für das Essen.

Neben der Aufzeichnung schulischer Leistungen liefert die Datenerfassung so noch eine Analyse des Ernährungsverhaltens der Jungen und Mädchen. Eltern bekommen einen Überblick darüber, ob ihre Kinder nur noch Kohlenhydrate essen und Gemüse und Fisch oder Fleisch links liegen lassen, und vor allem, wie häufig sie zu Snacks und zuckerhaltigen Getränken greifen. Das sind Daten, die für die Hersteller von Fertignahrung oder Getränken von Interesse sein können.

Zhang Guanchao, der stellvertretende Rektor der Oberschule, sieht sich in einer der Vorreiterrolle und ist stolz darauf, dass seine Schule zu den ersten gehört, die nicht nur Gesichtserkennung in den Schulklassen, in der Mensa und an den Getränkeautomaten einsetzen, sondern auf dem gesamten Schulgelände. Selbst in der Schulbibliothek werden die Bücher schon seit 2017 per Gesichtsscan ausgeliehen.

Vonseiten der Eltern gab es jedoch durchaus Kritik, in den sozialen Netzwerken machte sich Unmut breit. Sie sahen ihre Kinder als Versuchskaninchen. „Technologien sollten uns dienen, nicht uns überwachen“, schrieb ein Nutzer. Zwischenzeitlich ist das System an der Musterschule in Hangzhou ausgesetzt worden.

Chinas Schulsystem setzt bis heute größtenteils auf Frontalunterricht und Auswendiglernen von Fakten, die bei der Abschlussprüfung, Gaokao genannt, abgefragt werden. Die Punktzahl entscheidet darüber, ob man an einer der führenden Elite-Unis oder den eher unbekannten Hochschulen studieren darf.

Aber die Curricula sind nun in Bewegung geraten – es scheint, als könne die KI-Nutzung im Unterricht und zur Kontrolle der Schüler nicht schnell genug gehen. Zum neuen Schuljahr sollen an 100 Schulen in Guangzhou Pilot-Kurse in Künstlicher Intelligenz angeboten werden.

Xiong Bingqi, stellvertretender Leiter eines Bildungsforschungsinstituts in Peking, mahnt an, dass KI-Kurse nur an Schulen unterrichtet werden sollten, wenn Bildungsbehörden und andere relevante staatliche Institutionen und Lehrerausschüsse Machbarkeitsstudien und Unterrichtsbewertungen durchgeführt haben.

„KI-Unterricht sollte nicht überstürzt in Grund- und Mittelschulen gelehrt werden, ohne ernsthaft die Bedürfnisse der Gesellschaft nach KI und den Unterrichtsbedingungen der Schulen zu berücksichtigen“, sagte er den Staatsmedien.

Auch die Schüler rebellieren. Durch die KI-Kurse wird ihnen neuer Lehrstoff zusätzlich aufgebürdet, der in den Abschlussprüfungen bisher noch nicht einmal abgefragt wird. Chinas Weg hin zur Nutzung der digitaler Überwachung in den Schulen scheint aber festzustehen.


Aus: "Wenn Kameras jede Gesichtsregung auswerten" Ning Wang (18.08.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/totale-ueberwachung-in-chinas-schulen-wenn-kameras-jede-gesichtsregung-auswerten/24913046.html

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Sciaridae 16.08.2019, 20:31 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Pat7 16.08.2019, 19:31 Uhr
Das Traurige daran ist ja, dass sich selbst konservativ, gar christlich nennende Menschen hierzulande, mit ihren feuchten Träumereien zum Einsatz dieser Technik bereits an die Grenzen der Verfassungsmäßigkeit herantasten, um auch hier Schritt für Schritt für "Sicherheit und Ruhe" zu sorgen. Und viele Bürger finden das gut, weil sie ja nichts zu verbergen haben. Diese ahnungslosen Idioten, im Sinne der ursprünglichen Bedeutung, werden uns noch viel Freude bereiten.


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Kategorie:Aufruhr
« on: August 19, 2019, 09:22:58 AM »
Die Proteste gegen das Auslieferungsgesetz in Hongkong 2019 sind eine Reihe von Demonstrationen in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong und in anderen Städten außerhalb Chinas, die einen vollständigen Rückzug der von der Regierung Hongkongs vorgeschlagenen Novelle zum Gesetz über flüchtige Straftäter und Rechtshilfe in Strafsachen fordern.
https://de.wikipedia.org/wiki/Proteste_in_Hongkong_2019https://de.wikipedia.org/wiki/Proteste_in_Hongkong_2014


"So geht Widerstand" Eine Analyse von Katharin Tai (17. August 2019)
Die Generation, die in Hongkong gerade auf die Straße geht, hat keine Anführer und ist perfekt organisiert. Wie schafft sie es, trotz aller Repressalien weiterzumachen? ... Um zu verstehen, warum in Hongkong immer noch protestiert wird, muss man zunächst verstehen, wer protestiert. Bisher gibt es keine absolut verlässlichen Zahlen, doch einer ersten Umfrage der Chinese University of Hong Kong zufolge sind die Demonstrierenden überwiegend jung, zwischen 20 und 35 Jahre, und gut gebildet; je nach Umfragezeitpunkt haben zwischen 68 und 88 Prozent einen Universitätsabschluss.
Diese jungen Menschen sind mit Protesten aufgewachsen, und mit dem Internet. Sie haben aus den Erfahrungen früherer Bewegungen gelernt. Und sie haben gelernt, die Tools ihres Alltags auf politischen Protest anzuwenden. Ein wichtiges Mantra der Bewegung kommt aus einem Kung-Fu-Film mit Bruce Lee: "Sei Wasser, mein Freund." Die Idee: Wie Wasser sollen die Demonstrierenden von Ort zu Ort fließen und der Polizei keine Chance geben, sie festzunehmen. ... Um zu vermeiden, dass diesmal wieder Einzelpersonen verfolgt und verhaftet werden, haben die Demonstrierenden im Jahr 2019 Führungslosigkeit und Basisdemokratie zu einem der wichtigsten Aspekte ihrer Bewegung gemacht. Was wollen wir fordern? Wo demonstrieren wir als Nächstes? Sollen wir den Flughafen besetzen oder lieber die U-Bahn blockieren? Alles steht zur Debatte. Große Teile des Entscheidungsfindungsprozesses laufen über das reddit-ähnliche Forum LIHKG und die Messenger-App Telegram, in gigantischen Chatgruppen mit mehreren Tausend Mitgliedern wird diskutiert und abgestimmt. So gibt es keine Einzelpersonen, die wie Wong, Law oder Chow dafür angeklagt werden könnten, einen illegalen Protest angestiftet zu haben. Anstifterinnen gibt es Tausende und sie sind alle namenlos.
... Basisdemokratie und führungslose Entscheidungen über Telegram und LIHGK sind nur eine Art, wie die Demonstrierenden das Internet einsetzen. Die Protestierenden sind gewohnt, über Plattformen hinweg an ihren Handys und mit Memes zu kommunizieren und zu organisieren. Diese Erfahrung haben sie mittlerweile auch auf den politischen Protest in der Großstadt übertragen. 
Ein ganzer Teil der Bewegung ist nur damit beschäftigt, Memes und Grafiken zu produzieren, mit denen politische Nachrichten und logistische Informationen für kommende Aktionen verbreitet werden. Es gibt Kanäle, die minütliche Updates von Protesten posten, damit jeder nachschauen kann, wie gefährlich die Situation gerade ist. Andere Gruppen produzieren detaillierte Anleitungen, wie Demonstrierende einen anonymen Chataccount einrichten und so verhindern, dass die Polizei sie online identifizieren kann.
Mehr als 700 Demonstrierende soll die Hongkonger Polizei seit Beginn der Proteste Anfang Juni festgenommen haben. Doch viele andere konnten ihr entkommen und einfach wieder mit dem Rest der Stadt verschmelzen. Sie sind Wasser und bleiben ungreifbar und anonym. Wer wissen will, wie Protest im 21. Jahrhundert funktionieren kann, sollte nach Hongkong schauen.
https://www.zeit.de/campus/2019-08/hongkong-massenproteste-jugendliche-organisation-strategie


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [SPD (Politik)... ]
« on: August 17, 2019, 02:33:40 PM »
Die Realos der SPD!?
Woher kommt der Hass auf den Seeheimer Kreis?
Robert Kiesel • 02. Januar 2018
Seit seiner Gründung im Jahr 1974 wird der Seeheimer Kreis von der SPD-Linken mit Argwohn betrachtet. Nun eskalierte der Hass im Netz. Seeheimer-Sprecher Johannes Kahrs nimmt Stellung. ... „In der Presse werden wir immer als rechtskonservativ dargestellt. Wir selbst sehen uns so gar nicht. Wir sehen uns eher als Kreis von Pragmatikern, als die Realos der SPD.“ ...
https://www.vorwaerts.de/artikel/kommt-hass-seeheimer-kreis


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Stammt der Hass auf Seeheimer Kr. aus Wut über eigene Schwäche?
Beteigeuze hat am 4. Januar 2018 - 12:42 kommentiert

Meiner Meinung nach ja. Denn die "linken" Sozialdemokraten können den eher konservativ-bürgerlichen Kreisen in der SPD nichts entgegnen, und zwar schon seit vielen Jahrzehnten nicht. Der Kampf der Lassellaner gegen die Bebelianer wurde für die Lassellaner entschieden. Daher die Wut der Unterlegenen. ...


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Fakten können helfen

E. Hofherr hat am 4. Januar 2018 - 23:19 kommentiert

Es erstaunt doch immer wieder wie in Teilen der SPD Realitäten ausgeblendet werden. Erinnert sei bspw. daran, dass Schröder 2005 mit seiner Agenda-Politik noch gute 34 % der Wählerstimmen holen konnte. 2009 mit ersten Korrekturen an der Agenda-Politik und Mehrwertsteuererhöhung waren es unter Steinmeier nur noch 23 %. Bis heute hat sich an diesen Zahlen nichts geändert und dies trotz Mindestlohn (!!) und weiterer Korrekturen an der Hartzgesetzgebung. Neoliberale Politik sieht wirklich anders aus. Vielleicht sollte die SPD sich doch wieder mehr an einer vernunfts- und wirtschaftsorientierten Mitte-Politik ausrichten wie sie von den ach so bösen Seeheimern vertreten wird. Gute Arbeitsplätze und Sozialstaat erfodern nunmal eine starke Wirtschaft; das haben zumindest die Seeheimer in der SPD immer verstanden.


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Fakten können helfen

Michael Mantel hat am 6. Januar 2018 - 19:05 kommentiert

"Gute Arbeitsplätze und Sozialstaat erfodern nunmal eine starke Wirtschaft; das haben zumindest die Seeheimer in der SPD immer verstanden."

Und weil die Seeheimer schon immer mit unendlichem Verstand gesegnet sind, führten sie unter Schröder den "besten Niedriglohnsektor Europas" ein und schafften damit jede Menge "gute Arbeitsplätze".
Die so beglückte Stammwählerschaft goutiert dies bis heute mit reichlich Kreuzchen auf dem Zettel.

Die Seeheimer Steinmeier, Steinbrück und Schulz konnten von dieser hervorragenden Politik nur nicht profitieren, weil der gemeine Wähler nichts von der "vernunfts- und wirtschaftsorientierten Mitte-Politik" versteht und diese Tatsache nicht ausreichend kommuniziert wurde.
Dem nächsten Seeheimer-Kanzlerkanditaten wird dieser kleine Fehler sicher nicht mehr unterlaufen.

Was sie allerdings mit "trotz Mindestlohn(!!) und weiterer Korrekturen an der Hartzgesetzgebung" meinen erschließt sich nicht denn Hartz IV-Betroffene sind vom Mindestlohn ausgeschlossen und andere "Korrekturen an der Hartzgesetzgebung" haben die Situation der Betroffenen auch nicht verbessert.
Bisher scheint der abstiegsgefährdete Teil der "Mitte" jedenfalls nicht begeistert


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Manfred Jannicke hat am 2. Januar 2018 - 22:22 kommentiert

Woher kommt nur der "Hass" auf die Seeheimer?

Nun ja, die Agressivität wird wohl daher kommen, daß die Partei offensichtlich in etwa gleich große Hälften gespalten ist - die eine Seite neigt den m.A.n. sehr wohl neoliberalen Haltungen der SPD seit Agenda 2010 weiter zu und erhofft ihr Heil in der "Mitte", die anderen sehen einen Verrat an den "kleinen Leuten". Beide Seiten existieren in ihrer Filterblase und derzeit ist niemand da, der das verbindet. Die Führungsgremien sind alle in der Hand der Seeheimer (satirisch: weiblicher, jünger usw) und der Vorsitzende steht für die neoliberale Europa- Agenda der letzten anderthalb Jahrzehnte (Der Schulz- Zug hat gezeigt, welche Dynamik jemand auslösen könnte, der wirklich für linke Positionen einträte). Ein Kommunikationsproblem ist es m.A.n. nicht - eher eines der konkreten Inhalte und Positionen, ...

Solidarische Grüße!




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Einseitig

Jan Maaten hat am 3. Januar 2018 - 11:07 kommentiert

Es spricht ich für eine ausgewogene Berichterstattung im Vorwärts, dass hier nur eine Seite zu Wort kommt. Es zeigt eben das unselige Gewicht der Seeheimer in der Partei. Herr Kahrs steht nicht für sozialdemokratische Politik oder "soziale Gerechtigkeit", wie alleine seine Taten, Affären und Skandale der letzten Jahrzehnte zeigen. Er steht, mangels beruflicher Alternative, für reinen Machterhalt, Profit steht bei ihm wie vielen Funktionären über Prinzipien. Die Führung, Schulz, Klingbeil, Oppermann, Scholz etc. sprach nur von Neuorientierung und sicherte sich Posten. Die alte Garde ist die neue, mit den alten, neoliberalen "Thesen", am Menschen vorbei. Bei den Genossen und Wählern gibt es daher einen großen Vertrauensverlust. Mit den Seeeimern ist die Partei auf 20Prozent, demnächst wohl auf 15 Prozent, gesunken. Selbstreflexion angesichts des schlechtesten Wahlergebnisses seit Beginn der Republik ist nicht zu erkennen. Aber weiter vorwärts oder eher abwärts mit Kahrs, der seit Jahren an Stimmen im Wahlkreis verliert und sich dreist zu den "Gewinnern" zählt, sozialdemokratisch ist an Berlinreisen, Spargelfahrten, an reinem Machterhalt und Wählerverachtung nun rein gar nichts.


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Am Rande des Untergangs

Jan Röser hat am 3. Januar 2018 - 11:51 kommentiert

Wundert es wirklich jemanden, dass der Ärger über die Politik der Seeheimer in der Basis so groß ist? Die Politik dieses Flügels ist das was die SPD unter Gerd Schröder gemacht hat und in großen Teilen bis heute macht und da kommt unser Wähler einfach kaum vor. Das ist auch der wichtigste Grund dafür, dass wir heute bei unter 20 Prozent liegen. Wir müssen wieder glaubhaft werden, aber das schaffen wir nur, wenn wir echte Alternativen zu der Politik der Kanzlerin bieten und das können wir auch. Nur liegen diese nicht im Spektrum der Seeheimer, sondern ein ganzes Stück links davon. Und dies muss im Diskurs mit allen auch mal klar gemacht werden, es ist Zeit, einen neuen Weg zu beschreiten.


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Woher kommt der Hass auf den Seeheimer Kreis?
Helmut Gelhardt hat am 3. Januar 2018 - 20:23 kommentiert

Vorab: Hasstiraden auf den Seeheimer Kreis sind absolut indiskutabel und
verbieten sich. Mehr gibt es in Punkto "Hass" nicht zu sagen. Was
im Facebook verbreitet wurde kann ich nicht beurteilen - nehme nicht
dran teil. Was in der vorwärts-Internet-Seite zur "Oppositionsromantik"
geäußert wurde ist dort nachzulesen. Auch mein Kommentar.
Für Hass halte ich dies nicht. (Dann hätte es auch gelöscht werden müssen!) Die Kritik an den Seeheimern war zuweilen hart und auch sehr
hart. Aber diese Kritik haben sich die Seeheimer redlichst verdient.
Sie sind Neoliberale reinsten Wassers. Da gibt es kein Vertun. Sie sind
Jünger des 'Schröder-Blair-Papiers' und ihre Position hat bis heute dazu
geführt, dass es z.B. keine Wende bei 'Hartz-IV/Agenda 2010' gibt. Keine!
Man könnte jedenfalls noch 100 neoliberale Punkte der Seeheimer aufführten, die alle bis heute munter weitergehen - zum Schaden der Masse; von denen, die die SPD eigentlich erreichen müsste! Diese
erreicht sie aber nicht mehr. 20,5 Prozent stehen. Johannes Kahrs sollte keine Krokodilstränen weinen, sondern in sich gehen. Das wird er aber nicht. Und auch deshalb "schmiert die SPD ab"! Aus absolut eigener Schuld!


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Kahrs

Ralf Hron hat am 4. Januar 2018 - 0:49 kommentiert

Die Seeheimer begreifen nicht, dass weite Teile der SozialdemokratInnen es satt haben, mit ihrem Positionen identifiziert zu werden. Präziser, es ist ihnen egal, weil sie haben ja ein "entspanntes Verhältnis" zur Macht. Das ihre "Umtriebe" der SPD in den vergangenen Jahren die Hälfte der Mitglieder gekostet haben, darüber sehem sie ebenfalls "entspannt" hinweg. Dann von "Zusammenhalt" zu schwadronieren ist dreist, passt aber ins Bild.



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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [SPD (Politik)... ]
« on: August 17, 2019, 02:20:27 PM »
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[...] Was kann man tun, um eine seit zwanzig Jahren verkommende SPD zu retten? Seit heute gibt es eine neue mögliche Antwort: Den seit mehr als zwanzig Jahren aktiven Olaf Scholz zu ihrem Chef machen. Bisher weiß man nur von einigen Vorstandsmitgliedern, dass sie das für eine gute Idee halten. Aber sicher werden noch einige hinzukommen, die meinen, die SPD müsse vor allem wie eine Partei wirken, deren Spitze jederzeit Regierungspressekonferenzen abhalten könnte.

Scholz' Entscheidung hat etwas von den Bewerbungen Hillary Clintons um die demokratische Präsidentschaftskandidatur 2008 und 2016: Kaum einer ist begeistert, aber die meisten halten es für unvermeidlich. Clinton legte es damals auf diese Aura an – und scheiterte. Scholz könnte es genauso ergehen. Hoffen wir es zumindest.

Man muss vor allem drei Episoden aus dem langen politischen Leben von Olaf Scholz kennen. Die erste geschah im Jahr 2001, im Hamburger Bürgerschaftswahlkampf. Amtsrichter Ronald Barnabas Schill, der erste moderne deutsche Rechtspopulist, lag in Umfragen konstant zweistellig und bedrohte die Mehrheit der seit Jahrzehnten regierenden SPD mit Forderungen nach einem harten Vorgehen in der Inneren Sicherheit.

Sein Wahlkampfschlager war die Forderung nach dem polizeilichen Einsatz von Brechmitteln, einer Flüssigkeit, die verdächtigen Dealern verabreicht werden sollte, um sie die Heroinkügelchen, die sie vor Festnahmen oft hinunterschluckten, wieder auskotzen zu lassen. Das Mittel ist umstritten, wenige Monate später starb ein mutmaßlicher Dealer bei einem solchen Einsatz. Jedenfalls beschloss die Hamburger SPD drei Monate vor der Wahl, Scholz zu ihrem Innensenator zu machen. Und Scholz' Idee war bahnbrechend: Er führte einfach selbst Brechmitteleinsätze ein. Sein berühmt gewordener Satz dazu lautete: "Ich bin liberal, aber nicht doof." Schill holte bei der Wahl trotzdem fast 20 Prozent, die SPD verlor das Hamburger Rathaus. Die Erkenntnis hätte sein können: Scholz war doof, aber nicht liberal.

Hätte. Doch kurz darauf, 2002, folgte die zweite bedeutende Episode. Scholz wurde zum Generalsekretär der SPD, ausgerechnet in jener Zeit, in der die Sozialdemokraten zusammen mit den Grünen Hartz IV einführten und damit die gesellschaftliche Mittelschicht in eine dauerhafte Angst vor dem sozialen Absturz versetzten. Die Botschaft dieser neoliberalen Gewalttat lautete kurz gesagt: Häng dich besser rein, sonst musst auch du bald Unkraut im Stadtpark jäten. "Zumutbar" lautete das Schlagwort dieser Jahre, gemeint war, dass, wer staatliche Hilfe in Anspruch nehme, jeden Job annehmen müsse, der ihm vom Amt angeboten werde. Als jemand aus der SPD sagte, das bedeute ja auch, dass ein Minister unter Umständen künftig Würstchen verkaufen müsse, antwortete Scholz kalt, er würde Würstchen verkaufen. Was sei denn das für eine Welt, in der man Arbeit für unwürdig halte, die man anderen zumuten will. So war der Umgang mit Leuten, denen es Sorgen machte, dass sie auch nach jahrzehntelangem Berufsleben im Fall unverschuldeter Arbeitslosigkeit in Arbeitskolonnen eingeteilt werden könnten.

Was folgte, war der Niedergang der SPD. Scholz aber verkaufte keine Würstchen, er scholzte jahrelang in großen Koalitionen mit und genoss vereinzelte Stimmen der Verzweiflung, nach denen er Kanzlerformat habe. Bis er, Episode Nummer drei, von einer Laune der Geschichte im Jahr 2017 zum Finanzminister gemacht wurde. Er folgte auf Wolfgang Schäuble, der mit seiner Austeritätspolitik im Begriff war, halb Südeuropa zugrunde zu richten. Und die schwarze Null in Deutschland zu einem politischen Fetisch machte. Mögen die Infrastruktur kaputtgehen und die Schulen vergammeln: Hauptsache, wir geben nicht mehr aus, als wir haben. Und die anderen in Europa auch nicht.

Welch eine Gelegenheit für einen SPD-Menschen, durch die Übernahme dieses Amtes einen politischen Kontrast zu schaffen. Den Beweis anzutreten, dass Investitionen etwas anderes sind als Schuldenmacherei, vielleicht die eine oder andere internationale Kontroverse in der Frage unseres Wirtschaftssystems zu stiften. Oder zumindest mit brutaler Härte gegen die Verbrecher der Cum-Ex-Geschäfte vorzugehen. In Erinnerung von Scholz aber werden aus dieser Zeit höchstens zwei Sätze bleiben. Nämlich: "Ein deutscher Finanzminister ist ein deutscher Finanzminister." Und: "Die fetten Jahre sind vorbei." Welch ein Versagen, dieses Amt mit nichts als veratmeter politischer Luft zu befüllen.

Betrachtet man Scholz' politischen Lebenslauf, ist da eigentlich nur eine Konstante: Er scheint zu glauben, die SPD brauche an der Spitze Politiker, die genauso auch in der CDU sein könnten. Politiker, die im Zweifel die eigene Partei links liegen lassen, um damit Stimmen aus der CDU zu lösen. Diesen Glauben hat er nicht allein. Er ist ein fester Bestandteil der SPD, ja, man könnte sagen, die Kanzlerschaften Helmut Schmidts und Gerhard Schröders sind vor allem aus diesem Glauben heraus erklärbar.

Scholz hatte ja auch durchaus politische Erfolge: Zweimal gewann er in Hamburg die Bürgerschaftswahlen. Nur ist Hamburg nicht Deutschland und die politische Mitte, die Scholz mit seiner stilisierten Apathie offenbar ansprechen will, ganz woanders, als er es vermutet. Die SPD hat – anders als vielleicht noch in den Neunzigern – keine Chance, Rechte für sich zu gewinnen, die Scholz für einen schneidigen Mann halten. Denn abgesehen davon, dass Scholz alles andere als schneidig ist: Enttäuschte Konservative wählen die AfD.

Erreichbar sind dagegen die vielen Merkel-Wähler, die von der SPD kamen und nach dem enttäuschenden Beginn Annegret Kramp-Karrenbauers dazu tendieren, sich den Grünen zuzuwenden. Vielleicht, weil sie sich in einem kosmopolitischen Lebensgefühl angesprochen fühlen. Oder weil sie bei ihnen politische frische Luft vermuten. Oder weil sie etwas Radikalität in den ökologischen und sozialen Fragen unserer Zeit nicht mal für so falsch halten. Mit nichts davon kann Scholz dienen. 

In den USA nennt man sozialdemokratische Politiker wie Scholz DINOs. Das steht für Democrats in name only, Demokraten nur dem Namen nach. Leute dieser Art hat die SPD regalweise. Namen wie Wolfgang Clement, Otto Schily, Gerhard Schröder und Peer Steinbrück begleiten den Niedergang der SPD wie Leitpfosten am Straßenrand. Olaf Scholz steht wie eine Eins in dieser Reihe. Er ist ein weiterer Leitpfosten auf dem Weg bergab.

Und trotzdem: Es ist gut, dass Scholz antritt. Seine Kandidatur gibt der SPD endlich die Chance, sich einmal explizit von dem loszusagen, was die Partei in den vergangenen zwanzig Jahren nach unten gezogen hat. Scholz könnte, wenn es für ihn schlecht läuft, zum Opfer einer sehr emotionalen Abwehrreaktion in der SPD werden, die sich bei Weitem nicht nur gegen ihn richtet.

Was er dagegen tun kann? Eigentlich bleiben ihm nur zwei Möglichkeiten. Entweder er findet eine überzeugende, energetische linke Frau als Tandempartnerin, die politische Fantasien beflügelt und das Konzept Scholz bis ins Homöopathische verdünnt. Oder: Er erfindet sich neu. Er distanziert sich selbst und verdammt mit einer flammenden Rede all die Apparatschikhaftigkeit und intellektuelle Leere, für die er jahrzehntelang stand.

Aber wahrscheinlich ist das nicht. Er wird einfach hoffen, dass die SPD so verzagt ist, dieselbe giftige Medizin einfach noch mal zu schlucken, bis sie irgendwann wirkt. Deswegen kann man SPD, der deutschen Linken und auch Olaf Scholz eigentlich nur wünschen, dass Scholz scheitert. Und zwar überzeugend.


Aus: "Olaf Scholz: Bitte nicht" Ein Kommentar von Christian Bangel (16. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/2019-08/olaf-scholz-spd-vorsitz-finanzminister-konservatismus/komplettansicht

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Best Friend Tabitha #1.1

Denke ich an Olaf Scholz, denke ich an G20. Dieser Mann in der Spd?
Ich schließe mich der Zeit Überschrift an (Olaf Scholz - bitte nicht...).


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Nikias #1.6

"Denke ich an Olaf Scholz, denke ich an G20. "

Also an die Verteidigung des Rechts gegen das Unrecht?


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Best Friend Tabitha #1.7

Klar, das Verteidigen des Rechts auf Meinungsäußerung und Versammlung mit dem Gummiknüppel, der keinen Unterschied zwischen Chaot, friedlichem Demonstrant oder unbeteiligtem Passant machte.

Und Scholz breitbeinigen Außerungen zu diesen Vorfällen. An ganz genau dass denke ich. Die Sache mit dem Brechmittel aus Schills Zeiten kannte ich noch gar nicht, passt aber ins Bild.


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Unflat #1.9

Das Versagen der SPD liegt im Neoliberalismus, nicht im "immer linker werden". Jahrzehntelang wollte man nicht mehr die Dreckarbeit für die arbeitende Bevölkerung machen, sondern auch mal schicke Anzüge tragen, mit wichtigen Leuten teuren Wein trinken und viele Geschenke bekommen. Und man wusste: in der FDP könnte man das überzeugender tun, aber dann hätte man keine Chance auf Wählerstimmen.
Olaf Scholz gehört leider dazu. Es ist mir ein Rätsel, was der Seeheimer Kreis und Konsorten so lange schon in der SPD machen und einfach ungestört ihr Spiel spielen können, dabei die Partei zerstören.
Wir brauchen die Sozialdemokratie mehr denn je. Leider ist sie in der SPD größtenteils nicht mehr Zuhause und das schon länger.


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Think Tank #1.11

Man mag vom Scholzomat halten, was man will, aber seine Kandidatur ermöglichst der SPD eine echte Richtungsentscheidung.

Neoliberalismus bis zum Untergang oder endlich wieder sozialdemokratische Politik?

Quo Vadis, SPD?

Jetzt haben die Mitglieder das Wort.


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Meyfan #1.28

Er passt perfekt zur SPD.


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Edelfeder #9

Scholz war der, der die Besteuerung von US-Internetkonzernen geblockt hat, die Frankreich dann im Alleingang umgesetzt hat, richtig?


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nesnaj #9.1

Ja, und dann eine Finanztransaktionssteuer aus dem Hut gezaubert, die quasi nur die Kleinsparer trifft und Optionen, Derivate, etc. nicht besteuert.
Genau andersherum hätte es Sinn gemacht. Viel schlechter hätte man es gar nicht machen können.


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heined #14.2

Ich weiss ja, dass es gross in Mode ist, auf allem und vor allem der SPD rumzuhacken, wutbürgermässig. Von diesem Zeit"geist" bin ich halt nicht betroffen. Ich sehe in Scholz einen Politiker, der als Innensenator, Generalsekretär der SPD, Arbeitsminister, Ministerpräsident von Hamburg, Finanzminister und Vizekanzler ein beeindruckendes politisches Palmares vorzuweisen hat. Ich teile auch nicht die Tendenz des Artikels, Leute wie Helmut Schmidt, Peer Steinbrück etc. abzuqualifizieren, weil sie in der politischen Mitte politisiert haben. Das haben, auf der anderen Seite, Rita Süssmuth oder Norbert Blüm auch und ich finde, dass es in einer gesunden Demokratie Leute in der Mitte braucht.


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_soko #16

Wenn der Parteivorstand der SPD Olaf Scholz für eine gute Wahl hält, zeigt das nur wieder einmal, dass man dort die Identitätskrise der eigenen Partei nicht verstanden hat.


...

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SPD-Vorsitzendenkandidat Die Union würde Scholz wählen Florian Gathmann (19.08.2019)
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-vorsitzendenkandidat-die-union-wuerde-olaf-scholz-waehlen-a-1282649.html

"SPON-Umfrage: Hälfte der SPD-Anhänger lehnt Scholz als Parteichef ab" (19.08.2019)
Soll Olaf Scholz SPD-Vorsitzender werden? Eine SPON-Umfrage zeigt: Es gibt große Vorbehalte gegen die Kandidatur des Vizekanzlers - auch bei Sympathisanten der Sozialdemokraten.
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/olaf-scholz-haelfte-der-spd-anhaenger-lehnt-scholz-als-parteichef-ab-a-1282548.html

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egoest gestern, 14:45 Uhr

Begeisterung auf der falschen Seite
Dass sich gerade in CDU und FDP soviele Scholz-Fans finden, zeigt genau das Problem von Scholz. ...


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Hörbört gestern, 14:52 Uhr

Erwartungsgemäß

Scholz fuhr bei den parteiinternen Wahlen stets miserable Ergebnisse ein. Warum sollte sich das geändert haben? Seine Entourage weiß natürlich um diesen Makel, weshalb sie schon verlauten ließen, dass er "in der Bevölkerung" sehr beliebt sei. Man argumentiert hier also über Bande und wirft ein angebliches Gewicht in die Waagschale, was mit der eigentlichen Partei-DNA nichts zu tun hat. Denn ginge es nach Beliebtheit "da draußen", könnten die SPD-Mitglieder ja auch Angela Merkel oder Roberto Blanco zum Parteichef küren.


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xcountzerox gestern, 14:57 Uhr

Erneuerung sieht anders aus...

Er hat die Agenda2010 entscheidend mitgetragen. Dann könnte er jetzt an der von der Wirtschaft verlangten neuen Agenda mitwirken. ...


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Freidenker10 gestern, 15:05 Uhr

Scholz ist ein Bürokrat mit dem Charisma eines Sparkassendirektors! Auch erkenne ich bei ihm keinerlei Begeisterung für soziale Fragen und "unsoziale" Sozis gab es mittlerweile genug. Allerdings drängt sich aus meiner Sicht auch kein anderer Sozi auf, die SPD ist personell am Ende. ...


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Frietjoff gestern, 15:19 Uhr

Die SPD ist obsolet

Es ist praktisch egal, wer da antritt. Die SPD ist halt, wie traditionelle sozialdemokratische Parteien weltweit, obsolet. Für gebildete, kosmopolitische Sozialdemokraten gibt es keinen Grund, nicht zu den Grünen zu gehen. Für sozial gesinnte Arbeiter-Typen gibt es keinen Grund, nicht zu den Linken zu gehen. Und die paar (mehr oder weniger latent) nationalistisch/rassistisch motivierten Arbeiter sind eh schon bei der AfD (und werden nicht zurück kommen). Für welche wichtige Wählerschicht wird die SPD denn noch gebraucht? ...


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arminpillhofer gestern, 15:34 Uhr

Die sehr weit links stehende SPD

Dass Herr Scholz auch bei den eigenen Anhängern so schlecht abschneidet, zeigt nur wie weit links die SPD mittlerweile steht. Scholz ist ein Mann der Mitte, des Ausgleichs und der wirtschaftlichen Vernunft. Alles Eigenschaften, die bei den vielen sehr weit links stehenden SPD Wählern anscheinend nicht gefragt sind.


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Here Fido gestern, 15:36 Uhr

Mann ohne Eigenschaften

Da Clement und Schröder wohl zu alt sind bleibt Scholz ist die ideale Verkörperung des Problems der SPD. ...


...

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Cinema (Movies and Art) / Filmgeschichte...
« on: August 16, 2019, 11:33:23 AM »
We make films, produce, curate, project, collect, preserve or restore them, and we constitute a chain of skills and practices, linked together by the practice of projecting films in the historic format of cinema – today, in the digital era.
We wish to bring to light a critical situation which is, nonetheless, very little debated, and to come together into a compelling force, so that an industry’s choices do not annihilate the possibility of the unique marvel which is the projection of a film print.
The website filmprojection21.org is the embodiment of a network comprised around these affinities; it is a repertoire of initiatives, tools and reflections of this order, which permits to those who wish to do so to offer their support.
As signatories of this charter, we will favor photochemical film projection whenever a projectable print of a historic film is available or a contemporary film is made in this format.
To continue to be able to project films in their original format is not a luxury, it is a necessary and logical continuity. It is a unique and incomparable experience, which will also allow filmmakers to continue to create in this medium. Who knows? Perhaps, photochemical film, liberated from the burden of its industrial heft, will live to see a new age, a rebirth linked to its proper specificity, an unforseen and vibrant moment in its long history. ...
http://www.filmprojection21.org/ | http://www.filmprojection21.org/category/blog/?lang=en_us

Chicago Film Archives is a non-profit 501(c)(3) institution established in late 2003 in order to preserve and catalogue over five thousand 16mm films donated by the Chicago Public Library. Director, Nancy Watrous and a few devoted film archivists conceived a plan to create a regional film archive that conserves, promotes and exhibits moving image materials that reflect Chicago and Midwest history and culture.
http://www.chicagofilmarchives.org/

The Chicago Film Society exists to promote the preservation of film in context. Films capture the past uniquely. They hold the stories told by feature films, but also the stories of the industries that produced them, the places where they were exhibited, and the people who watched them. We believe that all of this history–not just of film, but of 20th century industry, labor, recreation, and culture–is more intelligible when it’s grounded in unsimulated experience: seeing a film in a theater, with an audience, and projected from film stock.
https://www.chicagofilmsociety.org/




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Quote
[...] Der Kapitalismus scheint immer noch wie etwas, das Außerirdische auf der Erde eingepflanzt haben, um uns zu verknechten. Aber wir haben ihn selbst geschaffen! Wir haben diese hässlichen Bürotürme gebaut, wir haben das Plastik ins Meer gekippt, wir haben die Erde geplündert für Konsum und Profit. Hier geht es um eine aufgeklärte Aufklärung, denn nicht Gott hat die Welt gemacht, sondern wir Menschen. Der neue Twist ist: Wir sind aber nicht allein hier. Die Natur ist da, die Pflanzen, die Tiere. Gerade müssen uns sogar Jugendliche wie Greta Thunberg daran erinnern, indem sie sagen: Entschuldigt mal, so geht das nicht weiter. Diese maßlose, rücksichtslose, ignorante Bereicherung muss ein Ende haben. ... Unsere westliche Kultur – damit meine ich alle Länder, die durch eine antike, christliche und koloniale Vergangenheit verbunden sind – hat das Denken vor das Dasein gestellt und das Machbare vor das Brauchbare. Der Weg aus der Krise beginnt damit, wieder über das Brauchbare nachzudenken. Was Menschen beispielsweise am glücklichsten macht, sind tiefe soziale Beziehungen. Wir wissen das alles. Das ist so spannend an dieser Zeit: Wir wissen alles und machen alles falsch. ... Die Welt ist noch da, sie ist uns nur abhanden gekommen. Wir müssen sie wieder lieben lernen. Doch das ist eine schreckliche Liebe. Weil wir auch grässliche Gebäude lieben müssen und den Müll im Ozean. Ebenso uns selbst, die das doch alles verursacht haben. Vielleicht ist das der tiefste Aufruf der Stunde, dass die Welt uns auf unendlich vielen Ebenen damit konfrontiert, dass unser Leben uns etwas angeht. Wir sind alle hier, der ganze Rest auch, sehr unordentlich die ganze Sache. ...


Aus: "Ariadne von Schirach über Gesellschaft: „Jetzt heißt es aufräumen“" Das Interview führte Jana Petersen (7. 5. 2019)
Quelle: https://taz.de/Ariadne-von-Schirach-ueber-Gesellschaft/!5589389/

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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [SPD (Politik)... ]
« on: August 15, 2019, 09:38:26 AM »
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     Twistie2015 (Bettina Hammer), 14.08.2019 17:14

Lieber ein ehrliches "du kannst mich" als geheuchelte Besorgnis

Die SPD hat nicht nur den Kontakt zu ihrem Klientel verloren, sie glänzt vor allen Dingen dadurch, dass sie sich fast nur noch mit sich selbst befasst und schon seit langem nicht einmal Dinge, die sie ablehnt, auch wirklich ablehnt, stattdessen wird mit Fraktionszwang und Realpolitik und ähnlichen Floskeln die Tatsache, dass man lieber am Machttrog bleibt statt zu sagen " so nicht ". kaschiert, it Bauchschmerzen zugestimmt usw.

Kurz vor den Wahlen öffnet sie dann den Wandschrank und holt den armen alten hart arbeitenden Malocher heraus, herzt ihn und setzt sich für ihn ein, was sie natürlich noch mehr tun würde, wäre sie nur alleinregierend --- nur um ihn dann wieder in den Schrank zu verfrachten weil sie nicht genug Stimmen erhielt


Quelle: https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Die-Distanz-des-Wahlvolks/Lieber-ein-ehrliches-du-kannst-mich-als-geheuchelte-Besorgnis/posting-35054035/show/

Zu: https://www.heise.de/tp/features/Die-Distanz-des-Wahlvolks-4496690.html

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Quote
[...] Klang nach einem coolen Geschäftsmodell: Wer grad keine Zeit hat zu kochen, kann sich das Essen fix bestellen, zwischendurch, per App. Reproduktion mit einem Klick erledigt. Früher unbezahlte (weibliche) Hausarbeit wird nun auf den Markt geworfen: So entstehen sogar Jobs. Klar, für 7,50 Euro pro Stunde durch den Regen radeln, zig Stockwerke erklimmen, dabei vom Chef per App gestresst werden, das klingt uncool. Aber hey, c‘est la vie. Fahrer beschwerten sich hier und da, gaben Zeitungen Stoff für Reportagen, und das Geschäft brummte weiter. Türkise und pinke Radler überall.

Nun verschwinden erstere: Deliveroo zieht sich vom 16. August an aus Deutschland zurück, kündigte das Unternehmen an – am 12. August. Was innerhalb von vier Tagen auch verschwindet: das Einkommen der Fahrer. Kündigungsfrist gab es bei den 1.100 Freelancern keine, Anspruch auf eine Abfindung auch nicht. Aus PR-Gründen zahlt Deliveroo ihnen nun „Kulanzpakete“, basierend auf dem Tagessatz der durchschnittlichen wöchentlichen Einnahmen der letzten Wochen. Mindestens: 50 Euro.

Dass prekäre Arbeitsbedingungen super in ein Geschäftsmodell passen, das Angebot und Nachfrage just in time aufeinander abstimmen muss, ist nichts Neues. Volle Flexibilität für das Unternehmen, volle Unsicherheit für die Arbeiterinnen: das Comeback der Tagelöhner im Neoliberalismus. Wer profitiert? Die Kapitalisten!, möchte die Marxistin rufen, nur: Das stimmt nicht. Deliveroo und sein niederländischer Konkurrent Takeaway, Mutter des deutschen Lieferando, verzeichnen Jahr für Jahr Verluste. Was ist das für ein Geschäfsmodell?

Ein „sehr schlechtes“ – zitiert das Manager Magazin Takeaway-Gründer Jitse Groen selbst, „unmöglich profitabel zu betreiben“. Der „Gewinn“ von Takeaway in Deutschland lag 2018 bei minus 36,7 Millionen Euro. Besiegen konnte der Konzern Deliveroo dennoch, einfach, weil er wächst: von 2016 auf 2018 stieg der Takeaway-Umsatz von 37 auf 86 Millionen Euro. Das Unternehmen schluckte Lieferando, Foodora – und nun den britischen Lieferdienst Just eat. Friss oder stirb wird zu: Friss einfach! Irgendein Investor wird schon weiter Kapital zuschießen. Bis die Wette aufgeht, die Konkurrenz weg ist und die Preise steigen können. Oder: Bis die Blase platzt.


Aus: "Friss einfach" Elsa Koester (14.08.2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/elsa-koester/friss-einfach

Quote
Lethe | Community

Alternative: Alle kochen selbst, mögliche FahrerInnen werden von vornherein nicht benötigt und können sich also sonstwo lustvoll und selbstermächtigt verwirklichen^^


...

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Quote
[...] Nach Google, Apple und Amazon hat einem Medienbericht zufolge nun auch das weltweit größte soziale Netzwerk Facebook eingeräumt, dass Sprachaufnahmen einiger Nutzer von Menschen abgehört und abgetippt wurden. Betroffen seien Anwender des Messenger-Dienstes, die die Transkriptionsfunktion für Sprachunterhaltungen eingeschaltet hätten, wie das Unternehmen in einer Stellungnahme der Finanznachrichtenagentur Bloomberg mitteilte. Facebook beauftragte demnach Hunderte Unternehmen, um die Abschriften zu machen. Deren Mitarbeiter sollten prüfen, ob die Software die Sätze richtig verstanden hat.

Facebook zufolge habe das soziale Netzwerk die Erlaubnis der Nutzer gehabt. Die Nachrichten seien anonymisiert worden und die Praxis inzwischen eingestellt: "Genauso wie Apple oder Google haben wir die Praxis, Tonaufnahmen von Menschen abhören zu lassen, vergangene Woche pausiert", zitierte Bloomberg aus der Mitteilung.

Dem Bericht zufolge zeigten sich Mitarbeiter der beauftragten Firmen irritiert von den privaten Gesprächen mit teils vulgären Äußerungen. Sie hätten weder Informationen über den Ursprung der Aufzeichnungen erhalten, noch erfuhren sie, wofür Facebook die Transkriptionen nutzte.

Wegen der Auswertung von Aufzeichnungen durch Menschen gerieten in den vergangenen Wochen auch Amazon, Apple und Google unter Druck. Apple und Google versicherten, die Praxis mittlerweile beendet zu haben.

Facebook, dem die US-Verbraucherschutzbehörde Ende Juli wegen Datenschutzverstößen eine Rekordstrafe von fünf Milliarden Dollar (4,5 Milliarden Euro) auferlegt hatte, leugnete lange Zeit das Abhören aufgezeichneter Gespräche von Nutzern. Facebook-Chef Mark Zuckerberg tat Warnungen vor einer solchen Geschäftspraxis im April 2018 bei einer Anhörung im US-Kongress als "Verschwörungstheorie" ab. "Wir machen das nicht", versicherte er damals.

Später stellte Facebook klar, dass das Unternehmen nur auf das Mikrofon eines Nutzers zugreife, wenn dieser zugestimmt habe. Laut Bloomberg legte der Konzern aber nicht offen, was er mit solchen Aufnahmen machte.


Aus: "Facebook ließ Sprachaufnahmen von Nutzern abhören und abtippen" (14. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2019-08/datenschutz-facebook-sprachaufnahmen-abhoeren-abtippen

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Strawberry Sundae #2.1

"Mensch, wer konnte so etwas ahnen...."

Ich war auch total ueberrascht... ;-)


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / Zur Geschichte (Bruhstuecke) ...
« on: August 14, 2019, 09:20:16 AM »
Anne Applebaum: Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine; aus dem Amerikanischen von Martin Richter; Siedler Verlag, München 2019; 544 S.,

""Roter Hunger": Wer nicht arbeitet, soll nicht essen" Eine Rezension von Robert Kindler (7. August 2019)
... Holodomor (ukrainisch für "Tötung durch Hunger") bezeichnete Hungersnot 1932/33 zu den vielen ungelösten Konflikten im russisch-ukrainischen Verhältnis. ... Es war nicht allein die Ukraine, die von der Hungersnot der Jahre 1932/33 heimgesucht wurde. In der gesamten Sowjetunion mangelte es in diesen Jahren an Nahrungsmitteln, und in manchen Regionen herrschte ein ebenso verheerender Hunger wie in der Ukraine. Insgesamt starben fünf bis sieben Millionen Menschen am Hunger oder an damit verbundenen Krankheiten. Mit über drei Millionen Toten war die höchste Zahl an Opfern in der Ukraine zu beklagen. Doch relativ zur Gesamtbevölkerung war das zentralasiatische Kasachstan am schlimmsten betroffen. Hier kamen rund 1,5 Millionen Menschen ums Leben, etwa ein Drittel der Kasachen. ... 1933 wurden nicht nur zahlreiche ukrainische Intellektuelle verhaftet, sondern auch innerhalb der ukrainischen Parteiorganisation kam es zu umfangreichen "Säuberungen". Zweifellos nutzten Stalin und seine Gefolgsleute die Krise aus. Doch auch dabei handelte es sich nicht um ein isoliertes Ereignis: Vielmehr kam es auch in anderen Teilen der Sowjetunion zu massiven Repressionen gegen Funktionäre, denen Versagen im Zusammenhang mit der "Versorgungskrise" zur Last gelegt wurde. Überall wurde die Krise dazu genutzt, missliebige Personen aus Institutionen und Apparaten zu entfernen.
https://www.zeit.de/2019/33/roter-hunger-anne-applebaum-hungertod

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Danke für dieses Geräusch #1

Die Beschäftigung mit diesem Thema ist von großer Bedeutung. Es beinhaltet eine historische Lehre: nämlich die Gefahr, die von der Kombination aus ideologischer Überzeugung und Planwirtschaft ausgeht. Man meint, es besser zu wissen als die Millionen Menschen.
Hier war es die ideologische Überzeugung, dass die sogenannten Kulaken, vermeintliche Großbauern, als Unterdrücker wirkten. Und die Begründung dafür war einfach: sie waren erfolgreicher als Andere.
Also nimmt man ihnen die Früchte weg und gibt sie denen, die weniger erfolgreich sind.
Das Schema "Wer erfolgreicher ist, erreicht dies durch Unterdrückung. Ausgleich kann nur durch Umverteilung erfolgen" scheint mir brandaktuell.
Daher danke für den Bericht über diese menschliche Katastrophe.


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Seldon-X #1.1

Tatsache ist, dass im Zarenreich und den Jahren nach der Revolution die landwirtschaftliche Produktivität so niedrig war, dass jede Störung der normalen Ernteabläufe ausreichte, um eine Hungersnot auszulösen. So hatte es 1891/92 eine Hungersnot gegeben, 1918–22 dann eine extrem schwere während des Bürgerkriegs und weitere wiederum in den Jahren 1924/25, 1927 und 1928/29.

Man lese bspw. Mark B. Tauger: Natural Disaster and Human Actions in the Soviet Famine of 1931–1933, in: The Carl Beck Papers (2001), No. 1.506 und ders.: Soviet Peasants and Collectivization 1930–1939. Resistance and Adaption, in: Journal of Peasant Studies 31 (2004), No. 3/4, S. 445
um ein objektives Bild zu bekommen:

Mark B. Tauger hat nicht nur die Version einer beabsichtigten Hungersnot, sondern auch die einer unbeabsichtigten, aber dennoch »menschengemachten« Katastrophe einer umfassenden Kritik unterzogen. Der renommierte Experte der sowjetischen Agrargeschichte verfolgt im Kern zwei Argumentationslinien. Zunächst bietet er eine umfassendere Analyse der Faktoren, die zur Hungersnot geführt haben, als alle anderen Autoren und weist nach, dass die Umweltbedingungen als Ursache der Hungersnot den bei weitem wichtigsten Faktor darstellten. Große Teile der Sowjetunion wurden 1931/32 von einer schweren Dürre heimgesucht, gleichzeitig kam es in einigen Regionen zu schweren Regenfällen und Überflutungen, die große Teile der Ernte vernichteten.


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Danke für dieses Geräusch #1.5

... Die sowjetische Führung hatte "gute Absichten" und durch die Planwirtschaft die Möglichkeit, ihren Plan vollständig in die Tat umzusetzen. Das ist die "unheilige" Kombination. Ideologische Überzeugung und die Möglichkeit, diese ungefiltert durchzusetzen.


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yoritomo #1.7

So nutzt jeder Stalins Despotie zur Verbreitung eigener Thesen, die mit der Sache an sich nichts zu tun haben, Sie wie Frau Applebaum.
Weder ist etwas umverteilt worden, noch hat es besonders die Ukrainer getroffen. Stalin wollte die Kollektivierung der Landwirtschaft. Ob dabei Millionen verhungern, das hat er in Kauf genommen und als Warnung für die Überlebenden gesehen. ... Die Lehre sollte eigentlich sein, dass Leute wie Stalin nicht (mehr) an die Macht kommen dürfen.


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Seldon-X #6

Übrigens: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" [...] "Nur wer arbeitet, soll auch essen." - Franz Müntefering am Dienstag 9. Mai 2006 in der Bundestagsfraktion der SPD zum geplanten „SGB II-Optimierungsgesetz“


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Gemütsarmer #6.2

Paul von Hindenburg, Chef des Generalstabs des Feldheeres, schrieb am 13. September 1916 an den damaligen Reichskanzler:

Ausdehnung des Kriegsleistungsgesetzes auch auf die abkömmlichen Frauen ist nötig. Es gibt ungezählte Tausende von kinderlosen Kriegerfrauen, die nur den Staat Geld kosten. Ebenso laufen Tausende Frauen und Mädchen herum, die nichts tun oder höchst unnützen Berufen nachgehen. Der Grundsatz ‚Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen‘ ist in unserer jetzigen Lage mehr denn je berechtigt, auch den Frauen gegenüber. ...


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Schneebahner #11

Das die Sowjets Hunger auch als politische Waffe einsetzten, indem sie in Gebieten mit hoher "Oppositionsdichte" lebensmittelverarbeitende Betriebe schließen ließ, dürfte wohl unstrittig sein. Vielleicht habe ich es überlesen aber dies wird im Artikel nicht thematisiert, ebensowenig wie die Tatsache das jede Hilfe aus dem Ausland kategorisch unterbanden. Die Hungersnot war damit nicht nur ein strukturelles Versagen der Planwirtschaft, sondern auch eine politische Maßnahme um die Opposition durch die Hungersnot regelrecht "auszurotten". In meinen Augen ist das ein Völkermord, dann halt nicht nur an den Ukrainern sondern an allen Völkern der damaligen Sowjetunion.


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Gemütsarmer #11.1

"Die Liquidierung der Kulaken als Klasse"


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adama #12

Verfassung der UDSSR 1936, Artikel 12. Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und eine Sache der Ehre eines jeden arbeitsfähigen Bürgers nach dem Grundsatz: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. In der UdSSR gilt der Grundsatz des Sozialismus: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung“
Die N-Sozialisten sagten. Jedem das seine und Arbeit macht frei.
Stalin war Georgier, kein Russe. An welchem Völkermord sollte er interessiert gewesen sein? Es waren auch nicht fremde Eroberer, die die große Hungersnot auslösten, es waren überall Kommunisten der selben Nationalität. Allerdings haben die Menschen sich überall gefragt warum die eigenen Leute zu so etwas fähig wären. So wurden in dem Vielvölkerstaat Russland aus den Kommunisten häufig Fremde, Russen, aber noch schneller Juden, die einfach nur feindlich waren. Umgekehrt hatten auch die Kommunisten sehr schnell alle möglichen Vorurteile und Feindbilder aufgebaut, um ihre Brutalität zu rechtfertigen. Lew Kopolew lesen!


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Erweiterter Machtdiskurs (Politik) / [Forschender Blick nach rechts... ]
« on: August 13, 2019, 12:47:50 PM »
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[...]  Was ist mit den Italienern los? - „C’era una volta il governo“ titelte am Donnerstag die Tageszeitung „La Repubblica“ mit dicken Lettern auf der Frontseite. „Es war einmal eine Regierung.“

Die italienische Regierungsmannschaft befindet sich in einem chaotischen Auflösungsprozess. Die beiden Koalitionsparteien, die rechtspopulistische Lega und die Protestbewegung Cinque Stelle zelebrieren täglich ihre Zerrissenheit.

Trotzdem: Ein grosser Teil der Italiener und Italienerinnen unterstützt diese Chaostruppe noch immer – oder besser: immer mehr.

Matteo Salvini ist eigentlich „nur“ Innenminister, doch er drückt alle an die Wand. Selbst seinen Chef, Ministerpräsident Giuseppe Conte, kanzelt er ab: „Was der sagt, interessiert mich unter-null“, sagte Salvini kürzlich. Sogar rechtsbürgerliche Zeitungen, wie „La Nazione“, bezeichnen seine Politik als „Diktat“.

Die Arroganz Salvinis ist kaum zu überbieten. Alle, die nicht seiner Meinung sind, werden beschimpft und geschmäht. Kritik an sich lässt er nicht gelten. „Was andere sagen, interessiert mich nicht.“

Den Journalisten läuft er davon. Als ihn letzte Woche ein Fernsehreporter auf seine Beziehungen zu Russland befragte, sagte Salvini: „Sei un maleducato.“ Du bist unerzogen – und brach das Gespräch ab.

In der „Moscopoli-Affäre“ wurde Salvini klar faustdicker Lügen überführt. Doch einen grossen Teil der Italiener scheint das nicht zu stören: Sie halten zu ihm.

Es gibt Ton-Aufnahmen, die belegen, dass ein Freund Salvinis in Moskau um russische Wahlkampfspenden in Millionenhöhe verhandelt hat. Diese Gelder hätten verdeckt an Salvinis Lega geschleust werden sollen. Der Innenminister selbst weigert sich, zur Affäre im Parlament Stellung zu nehmen. In jedem zivilisierten Land wäre ein solcher Minister gestürzt worden. Nicht so in Italien.

Auch Salvinis Flirt mit Marine Le Pen und Viktor Orbán finden viele Italiener in Ordnung. Seine Beziehungen zu rechtsextremen italienischen Kreisen (Casa Pound) schaden ihm nicht.

Während Jahren beklagte Italien, dass es in der Flüchtlingsfrage von den übrigen Europäern im Stich gelassen wurde. Und endlich sassen die Europäer letzten Monat zusammen, um eine gemeinsame Strategie zu finden, um Italien zu entlasten. Nur einer fehlte: ausgerechnet Matteo Salvini. Er nehme von den Europäern keine Befehle entgegen, polterte er. Vielleicht hat er gar kein Interesse an einer Lösung. Ein Treffen mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker lehnte er mit den Worten ab: „Ich spreche nur mit nüchternen Personen.“

Die Mittelmeer-Flüchtlinge nützt er gnadenlos zur eigenen Imagepflege aus. Jedes Mal, wenn ein Boot mit Migranten anlegen möchte, tritt er vor die Medien und verkündet wortgewaltig, wie er „sein Italien“, die italienische Identität und die „grossartige italienische Kultur“ schützen will. In diesem Sinn sind die Flüchtlingsboote eine wunderbare Wahlkampfmunition für ihn.

Das italienische Wirtschaftswachstum beträgt 0,0 Prozent – der schlechteste Wert der grossen Volkswirtschaften. Schuld daran ist nach Angaben namhafter Wirtschaftsexperten die Wirtschaftspolitik der Regierung. Vertreter grosser Unternehmen prophezeien düstere Zeiten, ausländische Investoren springen ab. Fast 40 Prozent der Italiener nehmen es hin.

Die Europäische Union bleibt Salvinis Lieblings-Sündenbock. Die EU ist an allem schuld: schuld, dass Italien nicht aus dem Schlamassel herausfindet. Dass Italien ohne die Gelder aus Brüssel längst ein Drittweltland wäre, wischt er als „Fake News“ unter den Teppich.

Bei seinen Ferien an der Adria liess es die Polizei zu, dass Salvinis Sohn mit einem Polizeiboot (Moto d’acqua) eine Runde auf dem Wasser drehte. Ein Polizeifahrzeug wäre ja eigentlich nicht dazu da, um Minister-Söhnchen eine Vergnügungsfahrt zu ermöglichen. Ein Kameramann filmte die Szene.

Das passte den Salvini-Leuten gar nicht. Sie gaben sich als Polizisten aus, brachten den Kameramann auf den Polizeiposten, wo er stundenlang verhört wurde. Zudem verlangte man das Filmmaterial. Einer der Salvini-Bodyguards drohte dem Filmer: „Wir wissen, wo du wohnst.“ La Repubblica hat das Video inzwischen online veröffentlicht.

Diese Woche ist es Salvini gelungen, seinen Koalitionspartner, die Cinque Stelle, in die Knie zu zwingen. Die „Fünf Sterne“, eine mal linke, mal rechte Protestbewegung, sind erloschen. Ihr Führer, Luigi Di Maio, ist zu Salvinis Hampelmann degradiert. Fast alle Fünf-Sterne-Abgeordneten haben ihre Wahlversprechen über Bord geworfen, sich Salvini unterworfen und ihre Seele und ihr Herz verkauft – vor allem aus egoistischen Gründen. Sie wollen nicht, dass Salvini Neuwahlen ausruft. Bei solchen würden die meisten 5-Sterne-Abgeordneten ihr Mandat und damit ihre saftigen Diäten verlieren.

Mehr und mehr zeigt der Innenminister diktatorische Züge. Drohungen gehören längst zu seinem Regierungsstil.

In seinem Büro in Rom sitzt er selten. Er betreibt Dauer-Wahlkampf, obwohl (noch) keine Wahlen anstehen. Der italienische Sommer gehört ihm. Jeden Tag steht er vor den Kameras, oft jetzt in Badehose. Viele Leute reissen sich um ein Selfie mit ihm. Täglich drucken die Zeitungen diese Bilder. Die Botschaft ist klar: „Seht, die Menschen lieben mich.“ Eben hat er eine „Beach-Tour“ begonnen. Auf 22 süditalienischen Stränden will er auftreten und sich ablichten lassen.

Konkret erreicht hat Salvini fast nichts. In jedem anderen Land würde eine Regierung mit einem derart miserablen Leistungsausweis gestürzt. Nicht so in Italien. Im Gegenteil: Salvini wird stärker und stärker. Bei den Wahlen vor knapp anderthalb Jahren hatte er gut 17 Prozent der Stimmen erhalten. Jüngste Meinungsumfragen geben ihm jetzt knapp 39 Prozent. Jede Woche legt er leicht zu.

Wie kann das sein? Wie kann ein gebildetes europäisches Volk so blind sein? Spricht man mit Römer Polit-Beobachtern und italienischen Journalisten erhält man verschiedene Antworten.

Salvini hat die Gabe, sich zu inszenieren wie kein anderer lebender italienischer Politiker. Der Personenkult, den er entwickelt, schlägt sich in den Medien nieder. Er ist omnipräsent. Täglich veröffentlicht er teils Dutzende Tweets; in den sozialen Medien hat er Millionen Followers.

Dazu kommt, dass die nationalen Fernsehanstalten längst Salvini-Anstalten sind. Die Rai, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, gilt als Salvini-TV.

Das Fernsehen ist in Italien als Informationsmedium wichtiger als in anderen europäischen Ländern. Der Durchschnittsitaliener liest kaum politische Zeitungen; er saugt jetzt seine Informationen aus dem Salvini-Fernsehen. Und was das Ausland über Italien denkt, dringt kaum ins Land. Viele Italiener kennen keine Fremdsprache.

Salvinis furioser Aufstieg hat auch etwas mit der Schwäche der Opposition zu tun. Die Linke dümpelt mit 22 Prozent vor sich hin und ist noch immer zerstritten. Die Berlusconi-Partei Forza Italia ist zusammengebrochen und kommt noch auf 6 Prozent, etwa gleich viel wie die postfaschistischen Fratelli d’Italia. Und die Cinque Stelle sind dabei, zu verglühen.

Aber: Erklärt das alles den rasanten Aufstieg Salvinis?

Italien war schon immer ein Kuddelmuddel-Staat. Die Italienerinnen und Italiener, auch die Politiker, sind Weltmeister im Sich-Durchwursteln.

In den letzten Jahren hat sich dieses Geschacher, diese ewige „Polemica“, dieser Krieg „tutti contro tutti“ stark intensiviert. Italienische Parlamentsdebatten sind längst zu einem Opera-Buffa-Spektakel verkommen: Show, Theater, Schmierenzirkus, Lärm, Krach – eine tägliche „reality show“, wie das Nachrichtenmagazin „L’Espresso“ am letzten Sonntag schrieb. Doch regiert wird nicht.

Viele Italiener haben genug von diesem ewigen Hickhack. Früher hielten sie sich an eine starke Partei, die ihnen Hoffnung gab. Doch starke, klassische Parteien gibt es nicht mehr. So „suchen viele das Heil in einem starken Mann“, sagt uns ein Römer Polit-Journalist. Und Salvini spielt den starken Mann mit Bravour.

Sicher schadet der Klamauk im Parlament dem Ansehen der demokratischen Institutionen. Viele glauben nicht mehr, dass das Parlament noch in der Lage ist, die dringenden Probleme zu lösen. So setzen einige eben auf einen „starken Mann“, zu dem sie aufblicken können.

„Wie damals bei Mussolini“, tönt es schon aus der linken Ecke. Doch das ist Panikmache. Das Italien von heute ist nicht das Italien der Zwanzigerjahre. Das Land, vor allem auch seine Wirtschaft, ist eng mit Europa verflochten.

Einige weisen allerdings darauf hin, dass Salvini ein enger Freund Putins ist und auch mit dem autoritären, „illiberalen“, xenophoben, souveränistischen Regierungsstil von Viktor Orbán liebäugelt.

Natürlich gibt es auch Optimisten. Sie sagen, viele Politiker seien in Italien rasant aufgestiegen und ebenso rasant wieder gefallen. Jüngstes Beispiel ist Matteo Renzi. Er kam auf über 40 Prozent der Stimmen, heute ist er ein „Has-Been“.

Auch Salvini muss bald liefern. Noch hält er einen grossen Teil des Volkes am Gängelband. Doch wenn er keine Resultate vorweist, könnte seine Stunde schlagen. „Wie lange bleibt er noch an der Macht?“, fragen wir einen Römer Parlamentsberichterstatter. Antwort: „Mindestens noch ein bis anderthalb Jahre.“

Am Mittwoch hat sich das Parlament in die Ferien verabschiedet. Kurz danach forderte Salvini am Donnerstagabend Neuwahlen. Diese würde er klar gewinnen. Zusammen mit den postfaschistischen Fratelli d’Italia hätte er eine komfortable Mehrheit. Doch es ist nicht an ihm, sondern an Staatspräsident Sergio Mattarella, Neuwahlen anzusetzen.

Inzwischen hat Salvini seine Beach-Tour begonnen, und zwar ausgerechnet in Sabaudia. Das Retortenstädtchen südlich von Rom hat Symbolcharakter. Es war in den Dreissigerjahren gegründet worden: von Mussolini.


Aus: "Italien: Salvini wird stärker und stärker" Heiner Hug, Rom (08.08.2019)
Quelle: https://www.journal21.ch/salvini-wird-staerker-und-staerker

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[...] Die meisten Mediennutzer wissen, dass viele tagesaktuelle Berichte im Internet, in der Presse oder im Rundfunk von großen Nachrichtenagenturen wie AFP, dpa oder Reuters stammen. Weniger durchsichtig ist aber, dass auch große Medienkonzerne und -konglomerate vorgefertigte Text- oder Bildbeiträge für ihre einzelnen Kanäle produzieren und so massiv Themen setzen. Hier setzt ein Medienobservatorium der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) an.

Auf ein Beispiel verwies jüngst John Oliver in einer Ausgabe der Wochenschau "Last Week Tonight" in den USA. Der Beitrag zeigt, wie Sprecher zahlreicher lokaler TV-Sender ein identisches Skript ablesen, in dem sie ironischerweise auf einen Mangel an Diversität und Vielfalt in den Nachrichten hinweisen. Die Stationen gehören alle zur Sinclair Broadcast Group (SBG), mit rund 180 Fernsehsendern inklusive des Fox-Netzwerks oder ABC eines der größten Rundfunkunternehmen in den USA. Es erreicht dort gut ein Drittel aller Haushalte und versorgt sie mit rechtskonservativen Inhalten.

Forscher des Distributed Information Systems Laboratory (LSIR) der EPFL haben nun laut einem wissenschaftlichen Aufsatz einen Algorithmus für ein Media Observatory entwickelt, über das sie die internationale Medienlandschaft analysieren wollen. Dabei entsteht eine Art geografische Karte von gleichen oder ähnlichen Berichten lokaler Nachrichtenorgane. Diese werden mit den Mediengruppen verbunden, die dahinterstehen. [A Dynamic Embedding Model of the Media Landscape, https://www.mediaobservatory.com/assets/papers/www19.pdf]

"Schon der einfache Akt der Auswahl von Stories verweist auf eine inhärente Voreingenommenheit", erläutert Jérémie Rappaz, der zu den Hauptautoren der Studie gehört. Das Team habe daher entschieden, tausende Nachrichtenquellen zu vergleichen und sie nach Ähnlichkeiten zusammenzugruppieren. Damit soll auch offenbar werden, wenn sich die Redaktionslinie eines Kanals plötzlich ändert. Dies verweise meist auf einen Eigentümerwechsel, da die zu behandelnden Themen in der Regel von ganz oben vorgegeben würden. Zugleich werde damit der weit fortgeschrittene Grad der Medienkonzentration deutlich.

Mantelredaktionen für diverse Zeitungen einer Mediengruppe gibt es zwar schon Lange. Der zunehmende Kostendruck hat laut Rappaz aber dazu geführt, dass die Konzerne ihre Ressourcen weiter bündeln. Dies verenge aber auch die Sichtweisen, mit denen die Rezipienten in Kontakt kämen. Besorgniserregend sei dies vor allem, wenn diese Perspektiven stark voreingenommen seien.

Das Medienobservatorium befindet sich derzeit noch in einem Probebetrieb in Kooperation mit der Schweizer Tageszeitung Le Temps. Alle Funktionen der Online-Plattform sollen der Öffentlichkeit vom nächsten Jahr an verfügbar sein.

Die Technik hinter dem System ist weitgehend Open Source. Es baut auf einem Personalisierungs- und Empfehlungsalgorithmus auf, wie er auch von Portalen wie Netflix oder Amazon Prime Video bekannt ist. Dabei werden Videos auf Basis der individuellen Nutzungshistorie vorgeschlagen. Dieses Konzept sei gut auf den Bereich der Medienberichterstattung übertragbar gewesen, erläutert Rappaz. Die Wissenschaftler hätten den Algorithmus über die vergangenen drei Jahre hinweg mit rund 500 Millionen Artikeln aus gut 8000 verschiedenen Quellen gefüttert und trainiert. (anw)



Aus: "Algorithmus soll "externe" Einflüsse auf Medienberichte transparent machen" Stefan Krempl (13.08.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Algorithmus-soll-externe-Einfluesse-auf-Medienberichte-transparent-machen-4495265.html



Mapping the News Landscape - The Influence of Ownership on Media Coverage
https://www.mediaobservatory.com/


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