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REALITY.SERVICES [REALITAETS.DIENSTE] => Erweiterte Gehirn Erkundschaftungen => Topic started by: Link on August 20, 2008, 09:30:58 PM

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on August 20, 2008, 09:30:58 PM
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[...] Margarete, genannt Gretchen, ist ein sehr junges Mädchen, das von dem älteren, respektablen Wissenschaftler Faust umworben wird. Nachdem sie sich schon mehrmals getroffen, auch geküsst, aber noch nicht miteinander geschlafen haben, kommt Gretchen auf einen Punkt zu sprechen, der für sie von äußerster Wichtigkeit ist: Gretchen: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“ [...] Goethe stellt an dieser Stelle mit Gretchen und Faust zwei Entwürfe einander gegenüber: Zum einen das Mädchen aus einfachen traditionsbestimmten Verhältnissen, das den Glauben an Gott und kirchliche Religiosität als Zentrum auch des eigenen Selbstverständnisses übernommen hat; zum anderen der gelehrte Heinrich Faust, der im Sinne neuzeitlicher Subjektivität auch die überlieferte Religion in Frage stellt, und argumentiert, er könne die gleichen Gefühle für das Gute, Schöne und Anständige haben wie Gretchen. Diese Werte müssten aber nicht unbedingt von der Kanzel gepredigt werden, um beherzigt zu werden. Da zur Zeit von Goethe die christliche Religion und somit der Klerus einen mächtigen Einfluss auf die Menschen hatte, ging es bei der Gretchenfrage auch um die traditionelle Herrschaftsform. Somit wird durch die Gretchenfrage verklausuliert die Frage nach der Akzeptanz der aktuellen Verhältnisse gestellt. Da in dem Milieu, in dem Gretchen zuhause ist, die kirchliche Religion nicht nur eine theoretische Frage ist, sondern den Alltag, das gesamte soziale Leben und das ethische Denken umfasst, lässt ihre Frage nach Faustens religiösem Glauben also auch die Frage nach seiner Lebenspraxis und gesellschaftlichen Eingebundenheit mitschwingen....

http://de.wikipedia.org/wiki/Gretchenfrage (http://de.wikipedia.org/wiki/Gretchenfrage) (15. August 2008)

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" ... Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion und sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. ..."    Albert Einstein
| https://www.heise.de/tp/features/Opfer-einer-Pandemie-Kritiker-der-wissenschaftlichen-Rationalitaet-4783403.html (https://www.heise.de/tp/features/Opfer-einer-Pandemie-Kritiker-der-wissenschaftlichen-Rationalitaet-4783403.html)

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[...] Dieter Kraft: Mit der Religion ist das so eine Sache. Für Niklas Luhmann ist sie ein geradezu überlebensnotwendiges Element menschlicher Evolution. Mit der sogenannten Religion tritt der werdende Homo sapiens aus dem Naturzusammenhang heraus und bekämpft Blitze und Donner mit Göttern und Gebeten. Das ist ein wirklich unglaublicher Evolutionssprung, ohne den es uns heute womöglich gar nicht geben würde. Wie wehrt man sich denn gegen Blitze und Donner, wenn man ihnen völlig ausgeliefert ist? Durch werdendes Selbstbewusstsein! Eine grandiose Evolutionsleistung. ...


Aus: ""In der DDR konnte Gemeindeexistenz 'biblischer' sein"" Reinhard Jellen (02. Januar 2021)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/In-der-DDR-konnte-Gemeindeexistenz-biblischer-sein-4996134.html (https://www.heise.de/tp/features/In-der-DDR-konnte-Gemeindeexistenz-biblischer-sein-4996134.html)

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[…] In seinem historischen Abriss kommt Halter an Tucholsky natürlich nicht vorbei: Tucholskys berühmtes "Was darf Satire? Alles" war 1919 mehr Manifest als Zustandsbeschreibung (und allenfalls die halbe Wahrheit); aber Kabarettisten, Karikaturisten und Schriftsteller glaubten sich damals noch in der historischen Offensive: Eine Religion, die das Schlachten des Weltkriegs segnete, schrieb Tucholsky 1929 zum Grosz-Prozess, habe das Recht verloren, sich über Schändung und Kränkung zu beklagen. Wenn jemand "Gefühle verletzt" habe, dann eine Kirche, deren Autorität "rechtens in die Binsen gegangen" sei. …

... Nur zur Erinnerung: In dem Karikaturenstreit geht es um alles mögliche, nur nicht um den lieben Gott.


Aus: "Eine kurze Geschichte der Blasphemie" (10.2.2006)
http://www.sudelblog.de/?p=216 (http://www.sudelblog.de/?p=216)

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Alan Watts - The Psychology of Religion | https://de.wikipedia.org/wiki/Alan_Watts
https://youtu.be/uJLhryQOZ3M

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A Secular Age is a book written by the philosopher Charles Taylor which was published in 2007
Charles Taylor - Narratives of Secularity | https://en.wikipedia.org/wiki/A_Secular_Age
https://youtu.be/tboLuziXoSg

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As a philosophy, secularism seeks to interpret life on principles taken solely from the material world, without recourse to religion. ...
https://en.wikipedia.org/wiki/Secularism

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The Monstrosity of Christ: Paradox or Dialectic? (Short Circuits)
by Slavoj Žižek, John Milbank, Creston Davis (Published April 1st 2009)
Interesting conversation between a committed Marxist atheist and a committed orthodox theologian about what parts of Hegel and Christianity they hold in common - and which they do not. ...
http://books.google.de/books?id=WNSlGl7FvCwC&lpg=PA264&ots=zH2zkv_Dnl&dq=Heidegger%E2%80%99s%20notion%20of%20Geworfenheit%2C%20of%20%E2%80%9Cbeing-thrown%E2%80%9D%20into%20a%20concrete%20historical%20situation%2C%20could%20be%20of%20some%20help%20here.&hl=de&pg=PA24#v=onepage&q&f=false (http://books.google.de/books?id=WNSlGl7FvCwC&lpg=PA264&ots=zH2zkv_Dnl&dq=Heidegger%E2%80%99s%20notion%20of%20Geworfenheit%2C%20of%20%E2%80%9Cbeing-thrown%E2%80%9D%20into%20a%20concrete%20historical%20situation%2C%20could%20be%20of%20some%20help%20here.&hl=de&pg=PA24#v=onepage&q&f=false)


On Belief (Thinking in Action)
From 'cyberspace reason' to the paradox that is 'Western Buddhism', On Belief gets behind the contours of the way we normally think about belief, in particular Judaism and Christianity. Holding up the so-called authenticity of religious belief to critical light, Zizek draws on psychoanalysis, film and philosophy to reveal in startling fashion that nothing could be worse for believers than their beliefs turning out to be true. On Belief is essential reading for anyone interested in how we continue to hold beliefs in this postmodern age.
http://books.google.de/books?id=O0Q6Bnx7R0UC&lpg=PT14&ots=kEYI5qEqxC&dq=Heidegger%E2%80%99s%20notion%20of%20Geworfenheit%2C%20of%20%E2%80%9Cbeing-thrown%E2%80%9D%20into%20a%20concrete%20historical%20situation%2C%20could%20be%20of%20some%20help%20here.&hl=de&pg=PT14#v=onepage&q&f=false (http://books.google.de/books?id=O0Q6Bnx7R0UC&lpg=PT14&ots=kEYI5qEqxC&dq=Heidegger%E2%80%99s%20notion%20of%20Geworfenheit%2C%20of%20%E2%80%9Cbeing-thrown%E2%80%9D%20into%20a%20concrete%20historical%20situation%2C%20could%20be%20of%20some%20help%20here.&hl=de&pg=PT14#v=onepage&q&f=false)

Das Reale des Christentums
Slavoj Zizek (Autor), Nikolaus G. Schneider (Übersetzer)
http://www.amazon.de/Das-Reale-Christentums-Slavoj-Zizek/dp/3518068601/ref=sr_1_16?ie=UTF8&qid=1347993271&sr=8-16

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[...] ich [kann] nicht begreifen, wie Menschen, die behaupten, liberal zu sein und Verteidiger der Unterdrückten, mich zum Schweigen bringen wollen, sobald ich ihre ideologische Weltsicht infrage stelle. Kürzlich, als die Schweizer Politikwissenschaftlerin Regula Stämpfli einen meiner Artikel über Islamophobie und die regressive Linke auf ihrer Facebook-Seite teilte, beschuldigte mich ein linker Kulturrelativist in seinem Kommentar als „islamophoben, sich selbst hassenden Araber und Eurozentristen“.

Gleichermaßen beschweren sich linke Genossen, dass ich zur sozialen Gerechtigkeit aufrufen sollte und zur Überwindung des Kapitalismus, statt zu verfechten, was sie „bourgeoise Freiheiten“ nennen, wie etwa Religionsfreiheit und die sexuelle Befreiung, während sie vergessen oder ignorieren, was Marx selbst hervorhob: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“

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Aus: "Ist Europa erloschen?" Kacem El Ghazzali (26.04.2017)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/kacem-el-ghazzali/ist-europa-erloschen (https://www.freitag.de/autoren/kacem-el-ghazzali/ist-europa-erloschen)

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Religionskritik
Religionskritik bezeichnet die rationale Infragestellung von Religionen und Religiosität, ihren Glaubensaussagen, Konzepten und praktischen Erscheinungsformen....
http://de.wikipedia.org/wiki/Religionskritik

Theismus (von gr. θεός, theós, „Gott“) bezeichnet im engeren Sinn den Glauben, dass es (genau) einen personalen, transzendenten, über alles herrschenden Schöpfergott gibt. Im weiteren Sinn ist damit der allgemeine Glaube gemeint, dass es mindestens einen Gott gibt. Der Theismus im weiteren Sinn schließt den Polytheismus ein. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Theismus

Atheismus
„Atheismus“ steht im weiteren Sinn für die Abwesenheit des Glaubens, dass es göttliche Wesen gibt, und im engeren Sinn für den Glauben, dass es keine göttlichen Wesen gibt...
http://de.wikipedia.org/wiki/Atheismus

Die Bezeichnung Aberglaube wird abwertend auf Glaubensformen und religiöse Praktiken angewandt, die nicht den eigenen, meist orthodoxen Lehrmeinungen, entsprechen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Aberglaube



Bigotterie (französisch bigoterie) oder Scheinheiligkeit ist die Bezeichnung für ein unreflektiertes, übertrieben frömmelndes, dabei anderen Auffassungen gegenüber intolerantes[1] und scheinbar ganz der Religion oder einer religiösen Autorität (Person oder Instanz) gewidmetes Wesen oder Verhalten. Der Duden bezeichnet Bigotterie als „kleinliche, engherzige Frömmigkeit und übertriebene[n] Glaubenseifer“....
https://de.wikipedia.org/wiki/Bigotterie

Agnostizismus
bezeichnet die philosophische Ansicht, das bestimmte Annahmen – insbesondere theologischer Art, welche die Existenz oder Nichtexistenz eines höheren Wesens wie beispielsweise eines Gottes betreffen...
http://de.wikipedia.org/wiki/Agnostik

Polytheismus (v. griech.: πολύς polys = viel und θεοί theoi = Götter), auf Deutsch auch als "Vielgötterei" bezeichnet, ist religiöse Verehrung einer Vielzahl von Göttern oder Geistern. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Polytheismus

Parawissenschaft
Als Parawissenschaften werden Forschungszweige bezeichnet, die sich mit Phänomenen befassen, deren Existenz aus wissenschaftlicher Sicht...
http://de.wikipedia.org/wiki/Parawissenschaft

Mystik bezeichnet die Suche nach und die Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer höchsten Wirklichkeit...
http://http://de.wikipedia.org/wiki/Mystik

Esoterik - Zum Supermarkt der Spiritualität...
http://de.wikipedia.org/wiki/Esoterik

Information on Alchemy - Over 90 megabytes online of information on alchemy
http://www.levity.com/alchemy/

http://alchemicalarchives.blogspot.de/

Hermes and Hermeticism Throughout the Ages (engl.)
http://www.gnosis.org/hermes.htm

Grenzwissenschaft - Eine Grenzwissenschaft ist eine Wissenschaft, die...
http://de.wikipedia.org/wiki/Grenzwissenschaft

Sufismus - Der Sufismus gilt allgemein als die islamische Mystik...
http://de.wikipedia.org/wiki/Sufismus

Monotheismus - Der Begriff Monotheismus bezeichnet Religionen bzw. philosophische Lehren, die einen allumfassenden Gott kennen und anerkennen...
http://de.wikipedia.org/wiki/Monotheismus

Religionsfreiheit - "Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit"...
http://de.wikipedia.org/wiki/Religionsfreiheit

Theosophie - Das Wort Theosophie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Göttliche Weisheit“ oder „Weisheit der Götter“. „Theos“ bedeutet Gott und „Sophia“ ist die Weisheit....
http://de.wikipedia.org/wiki/Theosophie

Als Anthroposophie (von griech. anthropos, Mensch, und sophia, Weisheit) wird heute eine von Rudolf Steiner (1861–1925) begründete, weltweit vertretene spirituelle Weltanschauung bezeichnet. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Anthroposophie | http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Steiner

Anthroposophie in Deutschland - Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945. 2 Bände --- Von Helmut Zander
http://www.perlentaucher.de/buch/27960.html

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Weltuntergang bleibt aus... "Weltuntergang bleibt aus - Sekte verlässt Höhle" (NZ, 16.05.2008)
http://www.netzeitung.de/vermischtes/1021557.html

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Title: Das fliegendes Spaghettimonster etc. ..
Post by: Link on August 20, 2008, 09:33:49 PM
"Tschechischer Politiker: Nudelsieb im Personalausweis" (13.08.2013)
Lukas Novy ist bekennender Anhänger einer Gottheit mit dem Namen "fliegendes Spaghetti-Monster". Deshalb ließ der tschechische Politiker sich für seinen Personalausweis mit einem Nudelsieb auf dem Kopf fotografieren. Das ging so lange gut, bis sich das Innenministerium einschaltete. ... das Innenministerium in Prag verstand keinen Spaß und bereitete dem Spuk inzwischen ein Ende. Eine Kopfbedeckung aus religiösen Gründen sei zwar zulässig, aber der Pastafarianismus sei keine anerkannte Glaubensgemeinschaft, stellte das Ministerium klar. ...
http://www.spiegel.de/panorama/tschechien-politiker-posiert-fuer-personalausweis-mit-nudelsieb-a-916275.html


"Fliegendes Spaghettimonster"
Das Fliegende Spaghettimonster (engl. Flying Spaghetti Monster, kurz: FSM) ist die Gottheit einer im Juni 2005 vom US-amerikanischen Physiker Bobby Henderson gegründeten Spaßreligion.
http://de.wikipedia.org/wiki/Fliegendes_Spaghettimonster

Church of the Flying Spaghetti Monster
The Church of the FSM is widely considered a legitimate religion, even by its opponents...
http://www.venganza.org/


Erste Vereinigte Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters in Deutschland
An die Thüringer Staatskanzlei
Herrn Ministerpräsident Dieter Althaus
29. September 2005 99084 Erfurt
Offener Brief zur „Diskussion über die Vereinbarkeit von Evolution und Glauben“
http://www.venganza.info/dokumente/offenerbrief.pdf | http://www.venganza.info/


"Zuerst war die Nudel!"
Die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters unterstützt jetzt auch in Deutschland die Kreationisten (TP, Ernst Corinth, 17.10.2007)
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26404/1.html


Intelligent Design (ID, deutsch etwa intelligenter Entwurf, intelligentes Design) ist der Standpunkt der Neokreationisten, dass bestimmte Merkmale des Universums und Lebens am besten durch eine intelligente Ursache erklärt werden können...
http://de.wikipedia.org/wiki/Intelligent_Design


Unintelligent Design (UD) ist ein Buchtitel von Mark Perakh. Er stellt darin eine satirische These dar, die als Reaktion auf die von vielen fundamentalreligiösen Kreisen unterstützte Intelligent-Design- bzw. Kreationismus-Bewegung gedacht ist. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Unintelligent_Design


Die Theorie des Intelligent Falling basiert auf der Grundannahme, dass Objekte nicht aufgrund von Gravitationskräften am Boden gehalten, sondern vielmehr von einer „Höheren Intelligenz“ zu Boden gedrückt werden. Die Argumente, die diese These stützen, sind denen ähnlich, die auch die Vertreter des Intelligent Design benutzen um durchzusetzen, dass an amerikanischen Schulen Intelligent Design anstelle oder zumindest neben der Evolutionstheorie gelehrt werden solle. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Intelligent_Falling


Das unsichtbare rosafarbene Einhorn (engl. invisible pink unicorn, Abk. IPU) ist die weibliche Gottheit einer Spaßreligion, die damit theistische Glaubensansichten parodiert. Zentrales Element ist die Einhorngestalt der Göttin, die paradoxerweise sowohl unsichtbar als auch rosafarben sein soll. Die Idee stammt aus der englischsprachigen Newsgroup alt.atheism, wo die Figur am 18. Juli 1990 erstmals erwähnt wurde ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Unsichtbares_rosafarbenes_Einhorn

Church of the SubGenius
Official Website of The Church of the SubGenius Maintained by The SubGenius Foundation, Inc. in the name of J.R. "Bob" Dobbs...
http://www.subgenius.com/

Neophilic Irreligions
Audience Cults and the World Wide Web
http://religiousmovements.lib.virginia.edu/nrms/neophile.html

„Und die Götter landen immer wieder...“
Zukunftsprognostik in neureligiösen UFO-Bewegungen (Dissertation, Gernot Meier, 2003)
http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=975599488&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=975599488.pdf

"GUNKL über Wüsten-Religionen, Wissen, Respekt und Kränkungen" (Am 29.08.2013 veröffentlicht)
Der Kabarettist Günther „Gunkl" Paal über Gott, Glauben, Aufklärung, Religionen des Friedens, Frauenrechte und Respekt. Ein komprimierter Angriff gegen Religionen und dem Umgang damit. Ausschnitt aus dem Programm "Die großen Kränkungen der Menschheit - auch schon nicht leicht"
https://youtu.be/EKQVsHwOGII
Title: religionskritik und gottesbeweis...
Post by: Link on August 20, 2008, 09:35:46 PM
Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst e. V. (Abkürzung REMID) ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Marburg, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Statistiken und Informationen zu unterschiedlichen religiösen Aspekten und Themenbereichen zu erarbeiten, zu sammeln und zu veröffentlichen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der zahlenmäßigen Erfassung der Religionszugehörigkeiten der Einwohner der Bundesrepublik Deutschland, der Vermittlung religionswissenschaftlicher Kenntnisse zur Beförderung von Toleranz, Religionsfreiheit und einem friedlichen Miteinander der Religionen in einer pluralistischen Gesellschaft.
REMID wurde im März 1989 von sieben Mitgliedern gegründet. Laut eigener Aussage will der Verein „durch religionswissenschaftliche Arbeit gewonnene Informationen in die Öffentlichkeit vermitteln. Dadurch soll ein Beitrag geleistet werden, die Vielfalt religiöser Überzeugungen wahrzunehmen und angemessen mit ihr umgehen zu können. Diese Absicht schließt auch eine gesellschaftliche Positionierung ein.“ ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Religionswissenschaftlicher_Medien-_und_Informationsdienst

REMID Blog
Religionswissenschaft ist in den Medien deutlich unterpräsentiert. .... Dieser Blog soll der Idee nach eine Plattform nicht nur für alle REMID-Mitglieder sein, auch Gäste dürfen in Absprache Artikel beitragen oder im Interview Rede und Antwort stehen. Auf diese einfache Weise können Neuigkeiten aus der Religionswissenschaft bzw. religionswissenschaftliche Analysen des Zeitgeschehens um Religionen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. ... Religionswissenschaft ist nicht Theologie. REMID steht für eine konfessionell ungebundene Religionswissenschaft, die mit vor allem deskriptiv-empirischen und philologischen Methoden Religionsgemeinschaften und Diskurse um religionsbezogene Themen untersucht. ...
http://www.remid.de/blog/ | http://bewegung.taz.de/organisationen/remid/ueber-uns


Gottesbeweis
Ein allgemein anerkannter schlüssiger Beweis konnte bisher weder für die Existenz noch für die Nicht-Existenz Gottes erbracht werden....
http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesbeweis


Albigenserkreuzzug (Ketzerkreuzzug)
Der Albigenserkreuzzug (1209-1229) war ein von Papst Innozenz III. initiierter Kreuzzug gegen die Katharer in Okzitanien (Südfrankreich).
http://de.wikipedia.org/wiki/Albigenserkreuzzug


Ketzer (Irrgläubiger)
Seit der frühen Neuzeit wird „Ketzerei“, „ketzerisch“ in übertragener Bedeutung dann auch für jede Art von intellektueller Dissidenz oder Opposition gegen eine herrschende Lehre oder Konvention...
http://de.wikipedia.org/wiki/Ketzer


Kategorie: Hexenverfolgung
Diese Kategorie ist Teil der Grundsystematik Frühe Neuzeit. Sie enthält Artikel zum Themengebiet der Hexenverfolgungen in der Frühen Neuzeit...
http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Hexenverfolgung


Inquisition
Entstanden ist die Inquisition in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als kirchliches Verfahren zur erleichterten Aufspürung von Ketzern.
http://de.wikipedia.org/wiki/Spanische_Inquisition

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Im IBKA haben sich nichtreligiöse Menschen zusammengeschlossen, um die allgemeinen Menschenrechte – insbesondere die Weltanschauungsfreiheit – und die konsequente Trennung von Staat und Religion durchzusetzen. Wir treten ein für individuelle Selbstbestimmung, wollen vernunftgeleites Denken fördern und über die gesellschaftliche Rolle von Religion aufklären.
Die Geschichte der Menschheit – eine Geschichte der Unmenschlichkeit. Maßgeblichen Anteil hieran hatten und haben die organisierten Religionen.
http://www.ibka.org/

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News für Religionskritiker und Atheisten
https://blasphemieblog2.wordpress.com

Title: variationen zur gretchenfrage...
Post by: Link on January 09, 2009, 10:26:26 AM
Der Deutsche Freidenker-Verband e. V. (Abk.: DFV) ist eine Weltanschauungsgemeinschaft eines Teiles deutscher Freidenker und Mitglied der Weltunion der Freidenker mit Sitz in Paris. Seine Mitglieder fördern und verbreiten nach dessen Satzung „eine nichtreligiöse, rational begründete Weltsicht, die sich auf ein Denken frei von Vorurteilen, Dogmen und Tabus stützt und sich an wissenschaftlich begründeter Erkenntnis orientiert.“ Sie fühlen sich „tätiger Humanität verpflichtet.“ (Satzung des DFV). Der DFV versteht sich somit als religionsunabhängig und als Vertreter nichtreligiöser Menschen und vertritt ethische Grundsätze wie Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Gewaltverzicht. Die Vorgängervereine kamen aus der Tradition der Feuerbestattungsvereine und standen der Arbeiterbewegung nahe. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Freidenker-Verband

Der Deutsche Freidenker-Verband sieht das Ziel der historischen Aufklärungsbewegung, die Durchsetzung der Vernunft im geistigen und wissenschaftlichen Leben, für nicht erreicht an, und daher in der Fortsetzung der Aufklärung eine zentrale Aufgabe.
http://www.freidenker.org/

Berliner Erklärung (Juni 1994)
http://www.freidenker.org/cms/dfv/index.php?option=com_content&view=article&id=49&Itemid=98

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Die Atheist Alliance International (AAI) ist ein Bündnis von autonomen atheistischen Organisationen...
http://de.wikipedia.org/wiki/Atheist_Alliance_International

http://www.atheistalliance.org/ | https://twitter.com/atheistalliance

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http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Atheismus

http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Vertreter_des_Atheismus

http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Religionskritik

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Atheism 2.0: Don’t get god, get good
science Saturday, January 28, 2012. Post by David Bradley
Alain de Botton posits the idea of a mixed-creed “religion for atheists” – call it Atheism 2.0 – that incorporates religious forms and traditions to satisfy our human need for connection, ritual and transcendence, but without all the creation myths, the slings and arrows, undead and the reincarnation.
http://www.sciscoop.com/atheism-2-0-dont-get-god-get-good.html


Title: variationen zur gretchenfrage...
Post by: Link on October 28, 2009, 04:51:57 PM
Talmud
http://de.wikipedia.org/wiki/Talmud

Bibel
http://de.wikipedia.org/wiki/Bibel

Koran
http://de.wikipedia.org/wiki/Koran

Der Ausdruck Apostasie (griechisch ἀποστασία apostasía ‚Abfall‘, ‚Wegtreten (vom ursprünglichen Sitz oder Standort)‘; von ἀφίσταμαι aphistamai ‚abfallen‘, ‚wegtreten‘) bezeichnet in der Theologie die Abwendung von einer Religionszugehörigkeit durch einen förmlichen Akt (beispielsweise Kirchenaustritt oder Übertritt zu einem anderen Bekenntnis, Konversion). Jemand, der Apostasie vollführt, ist ein Apostat. Während Häresie nur eine oder mehrere überlieferte Lehren der betreffenden Religionsgemeinschaft bestreitet, besteht die Apostasie in der Ablehnung der verlassenen Religion als solche. ....
https://de.wikipedia.org/wiki/Apostasie


Exkommunikation ist der zeitlich begrenzte oder auch permanente Ausschluss aus einer religiösen Gemeinschaft oder von bestimmten Aktivitäten in einer religiösen Gemeinschaft. Sie wird als Beugestrafe angewandt, das heißt bis zur Beendigung bzw. Wiedergutmachung des Fehlverhaltens. Im Mittelalter hatte die Exkommunikation die weltliche Reichsacht zur Folge und damit oft den wirtschaftlichen oder politischen Ruin (jemanden „in Acht und Bann tun“ = aus der Gemeinschaft ausschließen). ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Exkommunikation


Takfīr bedeutet in der islamischen Jurisprudenz und Theologie die Praxis, einen Muslim oder eine Gruppe von Muslimen der Apostasie (Ridda) zu bezichtigen, zum bzw. zu Ungläubigen, also Kāfir (Plural: Kuffar), zu erklären. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Takf%C4%ABr

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"Interaktiv: Diese Länder bestrafen die Abwendung vom Glauben" Manuel Bogner (12. Februar 2016)
In manchen Ländern kann es tödlich sein, keiner Religion anzugehören, die Religion zu wechseln oder seinen Glauben aufzugeben. ...
http://ze.tt/interaktiv-diese-laender-bestrafen-die-abwendung-vom-glauben/

We believe it is important to document discriminatory national laws and state authorities which violate freedom of religion or belief and freedom of expression. As well as affecting the overtly nonreligious, such as atheists and Humanists, such systemic discrimination also often affects the religious, in particular minorities and non-conformists, and the unaffiliated (those who hold no particular religion or worldview-level belief)....
http://freethoughtreport.com/
Title: variationen zur gretchenfrage...
Post by: Link on January 16, 2010, 09:48:19 PM
Richard Dawkins
http://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Dawkins

Richard Dawkins
http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Dawkins

Der Gotteswahn
Der Gotteswahn (englisch The God Delusion) ist der Titel einer 2006 erstmals bei Houghton Mifflin im englischen Original erschienenen Monografie Richard Dawkins', in der er sich gegen theistische Religionen und insbesondere gegen die drei abrahamitischen Weltreligionen wendet. Dawkins zentrale Thesen sind, dass jeder Glaube an Gott in all seinen Formen irrational sei und dass Religion in der Regel schwerwiegende negative Auswirkungen auf die Gesellschaft habe. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Gotteswahn


"SF Kultur: Richard Dawkins - Die Schöpfungslüge und Der Gotteswahn" (Sternstunde Religion vom 31.10.2010)
Dawkins gilt als einer der bekanntesten Vertreter des „Neuen Atheismus" und der sogenannten Brights-Bewegung, für die er in Artikeln in großen Zeitungen warb. ...
https://www.youtube.com/watch?v=bUHP5yCjffg

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Das Zeitalter der Aufklärung gilt als eine Epoche der geistigen Entwicklung der westlichen Gesellschaft im 17. bis 18. Jahrhundert, die besonders durch das Bestreben geprägt war, das Denken mit den Mitteln der Vernunft von althergebrachten, starren und überholten Vorstellungen, Vorurteilen und Ideologien zu befreien und Akzeptanz für neu erlangtes Wissen zu schaffen. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitalter_der_Aufkl%C3%A4rung

Humanismus ist eine Weltanschauung, die auf die abendländische Philosophie der Antike zurückgreift und sich an den Interessen, den Werten und der Würde des einzelnen Menschen orientiert. Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit gelten als wichtige humanistische Prinzipien menschlichen Zusammenlebens. Die eigentlichen Fragen des Humanismus sind aber: „Was ist der Mensch? Was ist sein wahres Wesen? Wie kann der Mensch dem Menschen ein Mensch sein?“ Humanismus bezeichnet die Gesamtheit der Ideen von Menschlichkeit und des Strebens danach, das menschliche Dasein zu verbessern. Der Begriff leitet sich ab von den lateinischen Begriffen humanus (menschlich) und humanitas (Menschlichkeit). ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Humanismus

... Der amerikanische Philosoph Daniel Dennett hat es in der „New York Times“ wie folgt formuliert: „Wir Brights glauben nicht an Geister, Elfen, den Osterhasen – oder Gott.“ ...
"Gut ohne Gott" Von Bas Kast (2007)
http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/art304,1292062

... "Die Brights sind ein internationaler Zusammenschluss von Personen, die ein Weltbild vertreten, das für sich in Anspruch nimmt, frei vom Glauben an Übernatürliches zu sein.[1] Dazu gehört insbesondere die Verneinung der Existenz von Mystischem  und Magischem. Der Begriff geht auf Paul Geisert und Mynga Futrell zurück und wurde von ihnen erstmals 2003 auf einer Konferenz der Atheist Alliance International  in Kalifornien öffentlich diskutiert, mit folgender Definition:   Die Brights sind Menschen mit einem naturalistischen Weltbild, das frei ist von mystischen und übernatürlichen Elementen und deren Ethik und Handlungen auf diesem Weltbild beruhen. Ziel der Organisation ist es, die gesellschaftliche Akzeptanz der Position des Naturalismus zu fördern und dazu unter anderem das Substantiv „Bright“ (von engl. bright – hell, klar, heiter, aufgeweckt, abgeleitet vom Begriff der Aufklärung „enlightment“) als positiven Begriff für Menschen mit einer solchen Position zu etablieren.... "
# ↑ Ungläubig - und das ist auch gut so Artikel bei Telepolis  vom 7. Oktober 2003
# ↑ Gary Wolf: Battle of the New Atheism. wired.com
# ↑ Brights.net, Begriffsdefinition: Brights-Net
# ↑ Dawkins: The future looks bright
http://de.wikipedia.org/wiki/Brights (http://de.wikipedia.org/wiki/Brights)

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Title: variationen zur gretchenfrage...
Post by: Link on December 09, 2010, 11:45:29 AM
"Basic Religion Test Stumps Many Americans" LAURIE GOODSTEIN, Published: September 28, 2010
http://www.nytimes.com/2010/09/28/us/28religion.html?_r=3&ref=us

"Das Leben des Brian"
Das Leben des Brian (Originaltitel: Monty Python’s Life of Brian) ist eine Komödie der britischen Komikergruppe Monty Python aus dem Jahr 1979. Der naive und unauffällige Brian, zur gleichen Zeit wie Jesus geboren, wird durch Missverständnisse unfreiwillig als Messias verehrt. Weil er sich gegen die römischen Besatzer engagiert, findet er schließlich in einer Massenkreuzigung sein sinnloses Ende. ... Während der Dreharbeiten sorgte ein weitreichendes Urteil in Großbritannien für Aufsehen und in der Folge für Sorge bei allen Beteiligten des Projekts: Die religiöse Organisation Nationwide Festival of Light konnte vor den Gerichten des Landes die erste Verurteilung wegen Blasphemie seit 55 Jahren erreichen. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Leben_des_Brian

Title: variationen zur gretchenfrage...
Post by: Link on October 18, 2011, 12:50:39 PM
"Bibeltreuer Biologieunterricht: Im Namen des Herrn" Bernd Kramer (12.10.2011)
Bibeltreue Christen gründen Privatschulen. Was lehren sie im Biologieunterricht?
http://www.zeit.de/2011/42/C-Schule-Kreationisten

Kinder des Spaghettimonsters
21. November 2005, 22:08
Ist das Leben auf der Erde das Werk Gottes oder durch Evolution entstanden? Weder, noch – wir alle sind Kinder des fliegenden Spaghettimonsters.
http://sc.tagesanzeiger.ch/dyn/digital/internet/563584.html

Der Hirte des Hermas lehrt im 2. Jahrhundert, dass es keine Vergebung gibt für die, die den Herrn bewusst verleugnen (74,2 bzw. sim. 8,8,2). Apostasie gehörte also zu den Sünden, für die die Alte Kirche ewige Buße und Exkommunikation auferlegte und die Vergebung der Sünde Gott allein überließ. ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Apostasie

"Apostasie im Islam"
http://de.wikipedia.org/wiki/Apostasie_im_Islam (http://de.wikipedia.org/wiki/Apostasie_im_Islam)

"Todesstrafe: Fast schon tot? " Evelyn Finger (23. Oktober 2011)
Nadarkhani wurde vor zwei Jahren verhaftet und vor einem Jahr wegen Apostasie zum Tode verurteilt. Ende September 2011 bestätigte der Oberste Gerichtshof in Kum dieses Urteil. In freiheitlichen Staaten wäre dieses Delikt kein Delikt, man würde es Konversion vom Islam zum Christentum nennen. Doch die iranischen Richter kennen das neutrale Wort nicht, weil sie der islamischen Staatsreligion verpflichtet sind. Sie nennen es Abfall von Gott. Das gilt gemäß der Scharia als Todsünde. Darauf steht heute im Sudan, im Jemen, in Somalia, Pakistan, Saudi-Arabien, Afghanistan die Todesstrafe. In Iran gibt es die Höchststrafe für Apostasie zwar nur als eine Strafmöglichkeit unter anderen. Aber seit dem Versuch des Parlaments vor drei Jahren, sie per Gesetzesnovelle fester in der iranischen Rechtsprechung zu verankern, ist der staatlich sanktionierte Mord an Abtrünnigen vom Islam noch einfacher geworden. ...
http://www.zeit.de/2011/43/Apostasie

Yousef Nadarkhani
http://de.wikipedia.org/wiki/Yousef_Nadarkhani

Title: variationen zur gretchenfrage...
Post by: Link on January 28, 2013, 12:32:28 PM
Liessmann: "Religionen sind ja keine Anleitung zum guten Leben"
Interview | Lisa Nimmervoll, 26. Jänner 2013, 12:00
Philosoph Konrad Paul Liessmann über das gute Leben und den rechten Glauben, weltliche Gesetze und göttliche Offenbarung ...
http://derstandard.at/1358304758111/Religionen-sind-ja-keine-Anleitung-zum-guten-Leben

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"Aufklärung ist Ärgernis, wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher.“ Karlheinz Deschner (1924-2014)

Karlheinz Deschner (* 23. Mai 1924 in Bamberg; † 8. April 2014 in Haßfurt[1]; eigentlich Karl Heinrich Leopold Deschner) war ein deutscher Schriftsteller und Religions- und Kirchenkritiker. Zu seinen Werken zählen Abermals krähte der Hahn (1962) und die 2013 mit dem zehnten Band fertiggestellte Kriminalgeschichte des Christentums. ....
https://de.wikipedia.org/wiki/Karlheinz_Deschner

Kriminalgeschichte des Christentums ist das zehnbändige Hauptwerk des Schriftstellers und Kirchenkritikers Karlheinz Deschner. Es beschreibt detailliert Verfehlungen, die den verschiedenen christlichen Kirchen, Konfessionen, Sekten, Sonderbünden und ihren Repräsentanten sowie christlichen Herrschern im Verlauf der Geschichte des Christentums angelastet werden. Das Werk umfasst die Kirchengeschichte von ihren biblischen Ursprüngen bis zur Gegenwart. Der erste Band ist 1986 erschienen, der abschließende zehnte 2013. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Kriminalgeschichte_des_Christentums


Ich will lieber mit den meisten irren als auf meine Weise. So dachte Augustinus. Ich denke umgekehrt. ...
http://www.deschner.info/ | http://www.deschner.info/index.htm?/de/werk/kg/verzeichnis.htm

"Karlheinz Deschner: Die Politik der Päpste"
Karlheinz Deschners so voluminöses wie gut belegtes Werk verfolgt den Weg des Papsttums von dessen tiefster Krise im 19. Jahrhundert bis zu seinem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege – von Pius IX., dem Verkünder päpstlicher Unfehlbarkeit, über Leo XIII. und Pius X. zu Benedikt XV., dem kurialen Kriegsgewinnler. Sein einflussreicher Nachfolger Pius XI. förderte Mussolini, Hitler, Franco. Und Pius XII. setzte diesen antikommunistischen Kurs fort, zur Verfolgung, Vernichtung der Juden fast ausnahmslos schweigend und die Ermordung orthodoxer Serben durch die katholische Ustascha in Kroatien widerspruchlos duldend.
Deschner weist nach, dass die Stellvertreter Gottes auch in dieser Epoche wie seither stets – mal mehr, mal weniger – auf der Seite jener Mächtigen standen, von denen sie Unterstützung ihrer imperialen Politik erhofften. ...
http://www.alibri-buecher.de/Buecher/Kirchenkritik/Karlheinz-Deschner-Die-Politik-der-Paepste::429.html (http://www.alibri-buecher.de/Buecher/Kirchenkritik/Karlheinz-Deschner-Die-Politik-der-Paepste::429.html)

"Flutlicht in die Abgründe der Kirchengeschichte"  Markus C. Schulte von Drach (12. November 2013)
Er ist extrem hart mit den christlichen Kirchen ins Gericht gegangen, bewusst einseitig und nicht immer ganz wissenschaftlich. Aber es ging Karlheinz Deschner auch nie um Ausgewogenheit, sondern darum, Dinge ans Licht zu holen, die viele Christen lieber im Dunklen gelassen hätten. Nun hat er, soweit es in seiner Macht stand, sein Lebenswerk abgeschlossen.  ...
http://www.sueddeutsche.de/wissen/das-lebenswerk-des-karlheinz-deschner-flutlicht-in-die-abgruende-der-kirchengeschichte-1.1810809

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on February 14, 2013, 12:30:56 PM
Gerechte-Welt-Glaube (Belief in a just world) bezeichnet eine generalisierte Erwartung, dass Menschen im Leben dasjenige bekommen, was sie verdienen. Im Mittelpunkt dieses Ansatzes steht das individuelle Streben danach, die Welt als geordnet und vorhersagbar zu erleben, wobei dieses Streben Bestandteil eines übergeordneten Strebens nach Kontrolle ist. Ungerecht erscheinendes Leiden anderer bedroht den Gerechte-Welt-Glaube. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechte-Welt-Glaube

-.-

"Der unbekannte Gott"
Ein ebenfalls sehr häufig geäußertes Argument, welches genau untersucht werden muss, ist dass Argument mit der unbekannten Natur Gottes (Gottes Wege sind unerforschlich). Ich selbst habe diese Argumentation als Gläubiger lange vertreten, und ihre Denkfehler sind sehr schwer zu durchschauen. ... Der Trick besteht darin, dass man - weil man es mit etwas Unbekanntem zu tun hat - alle Alternativen ignoriert und nur das gelten lässt, was den eigenen (unbewussten) Wünschen entspricht. Aber aus Unbekanntem folgen beliebige Schlüsse und da man nicht begründen kann, wie man zu den Schlüssen kam, ist dies nur eine bequeme Ausrede dafür, es erst garnicht zu versuchen. ...
http://www.dittmar-online.net/alt/religion/apologetik/unbekannt.html


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"Gläubige und ihre Gefühle: Die Erde ist eine Scheibe, Schwule sind Sünder" Sibylle Berg (07.03.2015)
Wenn Katholiken in Amt und Würden mal wieder Homosexuelle dissen, sollten wir innehalten und nachdenken. Über Gleichberechtigung, über Verbohrtheit, über die Gay-Lobby und die eigenen vier Wände. ...
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/glauben-und-toleranz-sibylle-berg-kolumne-a-1022024.html

http://www.spiegel.de/forum/kultur/glaeubige-und-ihre-gefuehle-die-erde-ist-eine-scheibe-schwule-sind-suender-thread-251637-1.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Sibylle_Berg


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"Islam: Der gefährliche Prophet - Mohamed ist ein Vorbild für Millionen Muslime – und auch für Terroristen. Der Islamexperte Hamed Abdel-Samad kritisiert ihn als Paranoiker und Tyrannen. Ein Vorabdruck"  Von Hamed Abdel-Samad - DIE ZEIT Nr. 38/2015, 17. September 2015
Als ich noch ein strenggläubiger Muslim war, dachte ich, ich wüsste alles über Mohamed, nur weil ich seine Biografie, den Koran und seine zahlreichen Hadithe – seine außerkoranischen Aussagen – gelesen hatte. Als Forscher allerdings musste ich eine kritische Distanz gewinnen. ... Das, woran die islamische Welt krankt, kann nur geheilt werden, wenn Muslime sich von den multiplen Krankheiten des Propheten lösen: Selbstüberschätzung, Paranoia, Kritikunfähigkeit sowie die Neigung zum Beleidigtsein. Auch das verzerrte Bild Gottes, das zum Vorbild für Despoten geworden ist, muss infrage gestellt werden. Fundamentalismus ist nicht eine Folge der Fehlinterpretation des Islams, sondern eine Folge seiner Überhöhung. Die Reform des Islams beginnt, wenn Muslime es wagen, Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu entlassen. Erst dann können sie selbst aus dem Gefängnis des Glaubens ausbrechen und Teil einer Gegenwart werden, die nicht von Gott, sondern von den Menschen bestimmt wird. ...
http://www.zeit.de/2015/38/Mohammed | https://de.wikipedia.org/wiki/Hamed_Abdel-Samad

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""Islamischer Staat" und Muslime : "Ich habe Angst""
Der islamische Theologe Erdal Toprakyaran über Gewalt im Islam, Wissenschaft gegen Waffen und die Hoffnung trotz alledem.
Interview: Christiane Florin und Wolfgang Thielmann (20. November 2015)
"Das Zentrum für islamische Theologe Tübingen verurteilt aufs Schärfste die terroristischen Anschläge in Paris", steht auf der Homepage seines Instituts. Der Terror sei mit der islamischen Religion, Lehre und Praxis unvereinbar. Warum beruft sich der IS auf den Islam? Hochschullehrer Erdal Toprakyaran stellt sich unseren Fragen. ...
http://www.zeit.de/2015/47/islam-theologie-terror-paris-is

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""Hört auf, euch Freidenker zu nennen" - David gegen Gott" Sandro Bucher (20. Nov 2015)
ZÜRICH/CH). (hpd) Amerikas "Chefatheist" David Silverman geht mit Religionen und deren Vertretenden gnadenlos ins Gericht. Auf seiner Europa-Tour kam der American Atheists-Präsident nach Basel und Zürich, um sein neues Buch "Fighting God" und den sogenannten "Firebrand Atheism" vorzustellen: die Universalwaffe gegen die "grösste Lüge der Menschheitsgeschichte". ...
http://hpd.de/artikel/12444

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"Religion und Evolution: Strafende Götter als Erfolgsgeheimnis der Menschheit" Frank Patalong (10.02.2016)
Die Forschergruppe wertet die Ergebnisse als ersten empirischen Beweis dafür, dass strafende Götter mit Totaldurchblick den Zusammenhalt expandierender Kulturen förderten. Evolutionär gedacht erklärt es, warum solche Religionsmodelle so erfolgreich wurden: Die Angst vor göttlicher Strafe motivierte zur Kooperation mit Menschen, mit denen man nichts gemein hatte als das gemeinsame Bekenntnis. Moralisierende Götter und die Furcht vor übernatürlicher Strafe habe die Menschheit im Wortsinn erst gesellschaftsfähig gemacht. ...
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/die-angst-vor-goettlicher-strafe-beguenstigte-expansion-frueher-kulturen-a-1076614.html



Title: Variationen zur Gretchenfrage (Bekleidungsvorschriften)...
Post by: Link on February 25, 2016, 09:49:06 AM
Quote
[...]  Das jüdische Label Mimu Maxi macht zeitgemäße, lässige Mode und befolgt dennoch religiöse Bekleidungsvorschriften. Mit der Unterdrückung der Frau hat das nichts zu tun.

... Mit ihren eigenen Kreationen wollten die zwei chassidischen Schwägerinnen Hecht und Notik ihrem Frust über unstylishe religiöse Kleidung Abhilfe verschaffen und feiern damit nun – über Religionsgrenzen hinweg – beachtliche Erfolge. 2012 gegründet, sprachen sie mit Mimu Maxi zunächst vor allem eine stilbewusste, religiöse (orthodox-jüdische, aber auch konservativ christliche und muslimische) weibliche Käuferschaft an. Spätestens seit 2015, als ihr Stil in Mode- und Lifestyle-Blogs zum Trend ernannt wurde, erreichen ihre Kollektionen nun auch säkulare Fashionistas.

Neben ästhetischen Kriterien erfüllen die Kollektionen von Mimu Maxi auch jene des tzinut, der orthodox-jüdischen Maßgabe für eine keusch-sittliche Lebensführung. Das hat durchaus Aufsehen erregt. Kein Bericht über das Label kommt ohne Verweis auf den religiösen Rahmen aus. Popsugar.com schreibt, die Mimu-Maxi-Designerinnen definierten keusche Mode (Modest Clothing) neu, laut der Huffington Post erschüttern Hecht und Notik mit ihren Kollektionen stereotype Vorstellungen von religiöser Kleidung. Religiös-keusche Trendsetter – die Vogue bringt auf den Punkt, was hier an Widersprüchen mitschwingt: "Jüdisch-orthodoxer Stil wurde zu einer ungewöhnlichen Inspirationsquelle für den heißesten Herbsttrend 2015." Ungewöhnlich deshalb, weil mit orthodoxem Judentum wohl vieles, jedoch kaum (Mode-)Trends und keinesfalls Sexyness assoziiert wird.

... Die Repräsentation von Weiblichkeit – in diesem Fall religiöser Weiblichkeit – ist in diesem Fall eine ungewohnte. Frau und Religion, dieses Verhältnis wird noch immer zu oft und zu undifferenziert als fixiert, repressiv und beklemmend eng aufgefasst. Auf der Website und dem Instagram-Profil von Mimu Maxi werden jedoch Frauen gezeigt, die in Bewegung sind. Models posieren vor repräsentativen Gebäuden, in der Mitte einer Straße, vor graffitibemalten Häuserwänden oder auch in einem riesigen, leer geräumten Loft. Auf Instagram zeigen sich die Modedesignerinnen und ihre Kundinnen selbst in der keuschen Mode. Den Inszenierungen zufolge ist der Umgang dieser Frauen mit religiösen Kleidervorschriften ein spielerischer – und vor allem ein aktiver und selbstbewusster: Die Interpretationen der durch religiöse Schriften und männliche Autoritäten übermittelten Vorschriften und Empfehlungen für eine religiöse Lebensführung sind vielfältig.

... Kein autoritärer Gott, keine normativen Schriften gestalten Religionen, sondern Menschen. Als Gestalterinnen sind Frauen in der Geschichte und in den Schriften der Religionen – oder in dem, was von ihnen tradiert und kanonisiert wurde – jedoch äußerst selten in Erscheinung getreten. Auch die säkulare Religionswissenschaft berücksichtigte Frauen lange Zeit kaum. Diese Lücke ist mittlerweile aufgrund von stichhaltiger feministischer Kritik zumindest ideell geschlossen. Es gilt nun, Frauen nicht nur als religiöse Akteurinnen wahrzunehmen, sondern anzuerkennen, dass vor allem sie es sind, die innerhalb von Religionen die jeweilige Notwendigkeit von Wandel und Bewahrung gestalten und verhandeln.


Aus: "Modest Clothing: Sexy orthodox"  Márcia Elisa Moser (24. Februar 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2016-02/modest-clothing-mimu-maxi-juedisch-orthodox-mode-10nach8 (http://www.zeit.de/kultur/2016-02/modest-clothing-mimu-maxi-juedisch-orthodox-mode-10nach8)

Quote
aufgeklärt und eigenverantwortlich#2 

"Auf Instagram zeigen sich die Modedesignerinnen und ihre Kundinnen selbst in der keuschen Mode."

Drehen denn jetzt alle langsam durch ?


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atech #4

"Mit der Unterdrückung der Frau hat das nichts zu tun" - diesen schönen Satz hört man auch regelmäßig von emanzipierten Muslimas, die ihr Kopftuch auch völlig freiwillig tragen und die die "unbedeckten Frauen" wissen lassen, dass sie die "Unterdrückten" sind - unterdrückt durch die "Modediktate" der Neuzeit...

Tut mir leid, aber diese sack-artigen Kleidungsstücke haben sehr wohl etwas mit Frauenunterdrückung zu tun. Auch wenn die Säcke aus New York kommen.


Quote
AgainstBigotry #4.1

Jetzt lass doch die Frauen anziehen was sie wollen. So lange sie nicht explizit dazu gezwungen werden, nach dem Schema: "Ich will das nicht anziehen, aber ich muss.", ist das doch nicht schlimm.

Wenn wir nun über indirekten Zwang reden, dann muss man auch erkennen, dass dieser Zwang in unserer westlichen Gesellschaft auch existiert. Die Medien verbreiten natürlcih ein bestimmtes Schönheitsideal, das auch mit Kleidung und bestimmten Trends zusammenhängt. Medien zeigen uns, was "sexy", "modisch" und "schick" ist. Welche Badekleidung ist sexy und gleichzeitig noch akzeptabel? Schauen Sie sich mal die Bademode der 50er Jahre in Deutschland an...

Also ja, wenn die Muslima in dieser Weise dazu "gezwungen" wird sich so zu kleiden, wie es ihrem (von ihrem Umfeld abhängigen) Geschmack entspricht, dann kann man wohl sagen, dass das etwas mit Zwang zu tun hat.

Ein anderes Beispiel. Meine Tante und deren Töchter sind hochreligiöse christliche Freikirchler. Die Töchter haben alle direkt nach der Schule/ Uni geheiratet und Kinder bekommen. geheiratet werden durfte aber auch nur innerhalb des engsten religiösen Kreises. Natürlich haben die freiwillig einen Mann aus derselben Religionsgemeinschaft geheiratet und sofort Kinder gezeugt. Aber ein gewisser aus dem Umfeld kommender, verinnerlichter Zwang war sicherlich trotzdem da.

Uns beiben also 2 Möglichkeiten: Entweder wir akzeptieren diesen Zwang bei Christen und Muslimen, oder wir kritisieren beides. Aber bitte keine Scheinheiligkeit!


Quote
Amandas #4.3

Meiner Erfahrung nach kann man, wenn in irgendeinem Headliner die Behauptung auftaucht, dass eine Sache mit einer anderen "nichts zu tun hat", getrost davon ausgehen, dass das Gegenteil der Fall ist.
In der Regel folgt dann im Artikel selbst eine gewisse Ausdifferenzierung, wie ja auch hier. Die Autorin versucht zu beschreiben, wie Frauen sich innerhalb eines engen, autoritären Systems gewisse Freiheiten erobern - indem sie es erstmal anerkennen. Das kann ich meinerseits durchaus auch anerkennen.
Nur dass damit schon jede Unterdrückung ausgeschaltet wäre, ist natürlich Quatsch.


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Danke für den Hinweis #6

Die alten Linken haben sich noch von der Reiligon distanziert und waren stolz auf Aufklärung und Selbstbestimmung. Heute distanzieren sich die Linken höchstens noch vom Papst und ansonsten scheint man mit erstaunt großen Augen vor jeder Art von religiösem Eifer begeistert.


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M.Knarz #7

Keine Unterdrückung der Frau? Warum aber gibt es dann genaue Vorgaben dafür, "wie Frauen sich kleiden sollen", sodass sie möglichst "modest" erscheinen, den "Verhüllungsgeboten" entsprechen und möglichst "keusch" wirken bzw. bleiben?

Und vor allem: warum gibt es exakt diese "Vorgaben" nur für Frauen? Sicher, auch Männer sollen nach dem orthodoxen Glauben etwa eine Kippa tragen, aber dies sicher nicht um ihre "Keuschheit" zu bewahren oder zur Schau zu tragen.

Man kann ja alles mit einem Flair an Modernität garnieren, es ändert aber nichts daran, dass diese Kleidungsvorgaben, die sich explizit an Frauen richten, geprägt sind durch ein zutiest archaisches wie sexistisches Geschlechterverständnis, dem zufolge Frauen -- anders als Männer! -- in besonderem Maße ihren Körper verbergen, ihre sexuellen Reize verstecken und "keusch" bleiben sollen.

Übrigens in Anführungszeichen alles direkte Zitate aus dem Artikel, der gleichwohl die bei genauerem Hinsehen doch etwas gewagte Behauptung aufstellt, "Mit der Unterdrückung der Frau hat das nichts zu tun."


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Paul von Arnheim #7.1

Mit der Unterdrückung der Frau hat das nichts zu tun...

Ich muss Ihnen recht geben. Dass die Keuschheitsnummer nichts mit der Unterdrückung der Frau zu tun habe, ist eine gewagte Behauptung. Die Bekleidungsvorschriften aller abrahamitischen Religionen zielen darauf ab, Frauen als sittsam und keusch, also als ehrenhaft zu kennzeichnen. Georg Christoph Lichtenberg hat sich schon lustig gemacht über die "schöne Ehre, die die Frauenzimmer haben, die einen halben Zoll vom Arsch abliegt".

Es ist Unterdrückung der Frau, ihre Ehre in Rektumnähe anzusiedeln. Ich kriege langsam die Wut über diese permanente Verharmlosung, dieses Abwiegeln und Kleinreden. Heute musste ich schon auf Zeit online einen Artikel lesen, der tatsächlich die Überschrift "Faire Genitalverstümmelung, kann es das geben?" hat und so endet: "der Vorstoß im Journal of Medical Ethics zwingt dazu, zu einem kulturell, ethisch wie medizinisch sensiblen Thema triftige Argumente auszutauschen." Zwischendurch ist zu lesen: "... liberale Gesellschaften sollten "kultursensibler" werden und zumindest kleine, eher symbolische Eingriffe tolerieren. Und sie sollten die Sprache überdenken, in der sie darüber reden." Geht es eigentlich noch?



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Hamburgerin2.0 #8

Einen Gott, der Frauen dezidiert vorschreibt, welche Körperteile sie wann, in welcher Situation und wem gegenüber bedecken sollen, finde ich persönlich albern.

Aber eines kann man nicht bestreiten: Die beiden Designerinnen haben Trends gesetzt! Das Ding mit den weiten Ärmeln, die wie Flügel aussehen, wenn man die Arme ausbreitet, hing diesen Winter in jeder Boutique. Habe selbst ein Oberteil davon und finde es très chique und bequem - obwohl ich nicht religiös bin. Ich wusste nicht, dass der Grundentwurf von den beiden Designerinnen stammt. Hut ab!


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atheist999 #9

Ich warte mit Spannung auf die erste Präsentation eines christlichen Labels!!
Herr im Himmel ......


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atech #9.1

wieso? - Nonnenhabite gibt es doch schon lange...


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Hamburgerin2.0 #9.2

Ich hatte eine ältere Verwandte, ihres Zeichens Protestantin aus einer strenggläubigen Familie. Die durfte als Kind und Jugendliche nicht in den Spiegel schauen. Weil Eitelkeit Sünde ist...


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quevedo #10

Gender meets Religion? Geht das? Möglicherweise gibt es ja da eine gemeinsame Basis fundamentalistisch-radikalen Denkens.
Der Feminismus scheint ja auch mit gewissen Eigenheiten des Islam keine Schwierigkeiten zu haben, jedenfalls bleibt es da in der Regel auffällig still.
Man darf gespannt sein, ob frau dann demnächst noch Sympathien für evangelikal interpretiertes Christentum entwickelt. Oder wäre das dann doch zu viel verlangt...?


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Franklin-04 #13

"Religiöse Bekleidungsvorschriften"
wer sich von einer Religion vorschreiben läßt, was er essen oder anziehen darf, der hat die Aufklärung nicht begriffen. Ganz egal, welche Religion dabei gemeint ist. Religion beschreibt das individuelle Verhältnis Mensch zu Gott, ein innerliches Verhältnis. Kleidung beschreibt nur das Verhältnis zu anderen Menschen - Gott läßt sich doch nicht von einem Modelabel beeindrucken...

Wir müssen hier nichts mehr "aushandeln", diese Aufgabe hat Napoleon vor langer Zeit erledigt: Gleichberechtigung und Freiheit für alle Religionen (auch das Judentum), dafür sind sie raus aus der Politik und sonstigen Vorschriftenmacherei.


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h humbert #18

Ich stelle mir Gott immer so vor wie Harald Glöööckler. Da haben Kleiderordnung, Bart- und Haartracht oberste Prio.

[ https://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Gl%C3%B6%C3%B6ckler (https://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Gl%C3%B6%C3%B6ckler) ]


...
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on March 15, 2016, 09:58:06 AM

"Anzeige gegen Hamed Abdel-Samad: Islamkritik = Volksverhetzung?" (12. Mär 2016)
Hamed Abdel-Samad portraitiert in seinem Buch "Mohamed – Eine Abrechnung" den Propheten als einen widersprüchlichen Prediger, der in seinem historischen Kontext betrachtet werden muss. Vehement tritt Abdel-Samad dafür ein, Mohamed endlich von seinem unverdienten Thron zu stoßen und seine Unantastbarkeit zu beenden. Denn der Prophet war auch ein "Massenmörder" und ein "krankhafter Tyrann", meint der umstrittene Islamkritiker.
Dass seine Thesen kontrovers diskutiert werden, ist ein erklärtes Ziel. "Ich will mehr Unruhe stiften. Es ist Zeit, dass Mohammed als Mensch beleuchtet wird. Mohammed ist vor 1.400 Jahren gestorben, aber begraben wurde er nie richtig. Er liegt in seinem Sarg und regiert von seinem Sarg aus. Er hat Macht über unsere Welt heute, die er nicht kennt", erklärte Abdel-Samad nach der Buchveröffentlichung in einem ARD-Interview.
Nun wurden allerdings rechtliche Schritte gegen Hamed Abdel-Samad eingeleitet: "Irgendjemand hat eine Anzeige gegen mich wegen Volksverhetzung erstattet. Die Staatsanwaltschaft Berlin nimmt die Anzeige offensichtlich ernst. Also wurde ich gestern vernommen. Es geht um mein Buch 'Mohamed – Eine Abrechnung', genauer gesagt um die Aussage, dass Mohamed ein 'Massenmörder und krankhafter Tyrann' war", schrieb Abdel-Samad am Freitag Abend auf seiner Facebook-Seite und beklagte: "Dass ein Schriftsteller im 21. Jahrhundert eine historische Figur aus dem 7. Jahrhundert nicht kritisieren darf, dafür aber andere Religionsgründer und historische Figuren durch den Kakao ziehen kann, ist mir ein Rätsel. Dass dies auch noch mitten in Europa über 220 Jahre nach Kant und Voltaire geschieht, ist kein Zeichen von Fortschritt!"...
http://hpd.de/artikel/islamkritik-volksverhetzung-12840

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Hayagriva Serapis am 14. März 2016 - 10:08

Der Koran, die Sunna und die Hadithe enthalten die scheußlichste Volksverhetzung, die es gibt.
Die sogenannten Kuffar werden pauschal auf drastischste Weise und in dezidiert böswilliger Absicht verunglimpft und diffamiert. Atheisten, Agnostikern und Polytheisten wird gar die Existenzberechtigung abgesprochen.


http://hpd.de/comment/12821#comment-12821

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Felix Bölter am 12. März 2016 - 12:05

Dass es hierzulande derart dünnhäutige Gläubige gibt, die einen solcher Schritt für notwendig erachten, ist gleichermaßen ärgerlich wie bekannt.
Ähnliches durften Karoline Kebekus, Dieter Nuhr und Michael Schmidt-Salomon erfahren.

Zu übersehen ist aber auch nicht, dass die Verpflichtung des Staates, bei Vorliegen eines Anfangsverdachtes einer Straftat ohne Ansehen der Person den Sachverhalt auf Strafwürdigkeit zu prüfen, eine wichtige rechtsstaatliche Errungenschaft ist. Abdel-Samads Empörung kann ich daher nur sehr bedingt nachvollziehen - allerhöchstens die Tatsache, dass die Anzeige nicht direkt fallen gelassen, sondern er zur Vernehmung vorgeladen wurde, erscheint diskussionswürdig.

Es entbehrt dabei allerdings nicht einer gewissen Ironie, dass dieses Instrument des weltlichen Rechtsstaates eventuell von jemandem in Anspruch genommen wurde, für den das islamische Recht bedeutender erscheint als die deutsche Rechtsordnung.

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Bernd Kammermeier am 13. März 2016 - 10:34

Sehr geehrter Herr Bölter,

"Zu übersehen ist aber auch nicht, dass die Verpflichtung des Staates, bei Vorliegen eines Anfangsverdachtes einer Straftat ohne Ansehen der Person den Sachverhalt auf Strafwürdigkeit zu prüfen, eine wichtige rechtsstaatliche Errungenschaft ist."

In der Regel ja. Bei offensichtlich unbegründetem Anfangsverdacht darf eine Ermittlungsverfahren jedoch auch eingestellt werden. Wenn jeder Anzeige - egal ob begründet oder nicht - mit gleicher Akribie nachgegangen werden müsste, wäre die Justiz noch überlasteter, als sie es ohnehin ist.

Was müsste also ein Staatsanwalt tun, um die Anzeige zu überprüfen? Schließlich kann es sich ja auch um eine Rufschädigungskampagne handeln, an der er sich nicht beteiligen sollte. Er würde wohl einen Experten zu Hameds Buch befragen. Eventuell würde er mit dem Droemer Verlag Kontakt aufnahmen und mit dessen Justitiar den Fall besprechen. Schließlich handelt es sich in Hameds "Fall" nicht um islamophobe Wandschmierereien oder Hass-Mails im Internet.

Ein Buch durchläuft eine lange Wegstrecke vom Manuskript des Autors über das Lektorat (wo auch bei großen Verlagen eine juristische Prüfung [auch im Hinblick auf Plagiate] vorgenommen wird. Das erfolgt sehr gewissenhaft - zumal bei einem kitzligen Thema, wie dem Islam, dessen glühende Verehrer bekannt sind für lockersitzende "Gegenmaßnahmen".

Am Ende hätte der Staatsanwalt die Anzeige fallenlassen müssen, weil kein Anfangsverdacht einer "Volksverhetzung" erkennbar ist. Weder ist der Droemer-Verlag bekannt für rechtsradikale Schriften, noch ist Hamed je als Hassprediger - weder der einen oder anderen Seite - aufgefallen.

Eine pointierte Meinung, sogar ein wissenschaftliches Fachbuch, darf in Deutschland auch fehlerhaft sein. Wären unrichtige Aussagen in Büchern bereits strafbar, dann wäre der Kopp-Verlag längst verboten. Also muss sich der Staatsanwalt einer inhaltliche Prüfung sowieso enthalten (nur insoweit, wie Persönlichkeitsrechte Dritter verletzt worden sein können. Aber der kritisierte Mohamed ist schon etwas länger tot).

Und trotzdem wird Hamed in obigem Artikel so zitiert:

"Die Staatsanwaltschaft Berlin nimmt die Anzeige offensichtlich ernst. Also wurde ich gestern vernommen."

Das ist in Anbetracht der Gesamtumstände nicht nur unangemessen, sondern setzt ein falsches Signal. Künftig müssten nur plötzlich justizaffin gewordene Muslime regelmäßig eine Anzeige gegen Hamed erstatten und er könnte praktisch ein Zimmer direkt neben dem Justizgebäude anmieten.

Nein! Der Staatsanwalt hätte klar erkennen müssen, dass Hamed kein Volksverhetzer ist, sondern ein völlig legitimes Buch in einem seriösen Verlag nach professioneller Prüfung veröffentlicht hat. Man mag mit dessen Inhalt nicht einverstanden sein, aber das muss man in einem Land der Meinungsfreiheit aushalten. So sind die Regeln und nur so funktioniert ein entspanntes Miteinander...


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Jann Wübbenhorst am 13. März 2016 - 15:53 Permanenter Link

Ich kann Abdel-Samads Empörung durchaus nachvollziehen. Dass ein wissenschaftliches Buch über Mohamed (das sowohl methodisch als auch in seinem Umgang mit dem Quellenmaterial überzeugt; s. z.B.
die Würdigung von Abdel-Hakim Ourghi; http://www.zeit.de/gesellschaft/2015-12/hamed-abdel-samad-islamkritik-buch ) auch nur den Anfangsverdacht auf Volksverhetzung begründen soll, ist, gelinde gesagt, schon sehr ungewöhnlich.


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Elke Metke-Dippel am 12. März 2016 - 12:27

Es bedarf besonderen Mut, den Islam und seinen Propheten so deutlich zu kritisieren und eine Entmystifizierung zu fordern.
Gut, dass diese Stimmen immer lauter werden und sich nicht den Mund verbieten lassen.

Der christliche Kulturkreis hatte schon vor 200 Jahren diese mutigen Vorreiter. Deshalb verdient Abdel Hamed-Samad unsere volle Unterstützung.



http://hpd.de/comment/12776#comment-12776

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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on March 27, 2016, 01:05:50 PM
"Feminismus: "Manchmal muss man blind sein"" Interview: Sarah Jäggi und Aline Wanner (27. März 2016)
Wie kommen emanzipierte Frauen dazu, religiös zu sein? Wir haben eine Jüdin, eine Muslimin, eine Protestantin und eine Katholikin zum Gespräch gebeten. ...
http://www.zeit.de/2016/14/feminismus-religion-emanzipation-islam-judentum-katholizismus-frauen/komplettansicht

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atech #17 (27.03.2016)

Interessant und aufschlussreich war, dass sich alle Damen zum Schluß in dem Punkt einig waren, dass sie alle zu demselben Gott beten. Das ist logisch, wenn man der Überzeugung ist, dass es nur einen einzigen Gott gibt: dann kann es gar keine anderen Götter geben.

An der Stelle hätte man noch nachfragen können, wie die Frauen mit der Tatsache umgehen, dass dieser Gott, nach allem, was über ihn in den "Heiligen Büchern" steht, die Frauen als Eigentum des Mannes (10 Gebote), als zur Lehre ungeeignet und unter den Männern stehend (Neues Testament) oder als den Männern zum Gehorsam verpflichtet (Koran) sieht.

Andererseits: wer glauben will, der fragt nicht nach. Dem ist seine "persönliche Beziehung zu Gott" (von der alle religiösen Menschen immer wieder sprechen) wichtiger als solche "Detailfragen", die ein Hinterfragen des Glaubens wären.


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bauerhans #8 (27.03.2016)

glauben kann nicht hinterfragt werden!


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palmax #5 (27.03.2016)


Ich finde es immer wieder erschütternd, wie angeblich emanzipierte Menschen sich zu reaktionären Schritten hinreißen lassen. Religion ist und war schon immer frauenfeindlich. Das kann man sich nicht einfach drehen und wenden, wie man will. Man merkt das auch an dem Gespräch dieser 4 Frauen: Einerseits wollen sie Strenggläubigkeit, anderseits wieder doch nicht, weil ihnen die eindeutig sexistischen Religionsrituale und Zitate ihrer Glaubenswerke gegen den feministischen Strich gehen. Hü und Hott, rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Die eine Dame hat ein Problem damit, wenn der Pfarrer nur von Brüdern sprechen würde, aber wenn Gott eine eindeutig männliche Bezeichnung erhält, stört sie das nicht.
Genauso das Thema Gewalt. Die Gewalttaten in Köln zu Sylvester haben sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun, ebenso die Gewalt islamistischer Fanatiker. Natürlich stehen religiöse Gewalttaten nicht für die Religion an sich, wohl aber stehen sie für eine bestimmte Interpretation und Auslegung religiöser Texte. Es gibt also sehr wohl eine Schnittmenge von Islam und Gewalt.
Ich selbst befürworte die Idee des Sozialismus. Ich würde allerdings nie behaupten, die roten Diktaturen des 20. Jahrhunderts hätten nichts mit dem Sozialismus zu tun gehabt. Natürlich hatten sie das, aber in einer extremen Interpretation dieser Idee.



Und als Befürworter des Sozialismus muss ich mich mit Gewalt auch auseinander setzen, auch mit den kommunistischen Diktaturen. Ich kann nicht einfach behaupten, Lenin und Stalin wären keine Kommunisten gewesen, sondern ich muss mir selbst die Frage stellen, warum und wie die Idee des Sozialismus zur Rechtfertigung von Gewalt führt.

Und ebenso müssen Anhänger einer Religion, ja überhaupt jeder Weltanschauung, sich intensiv mit Gewalt in ihrer Religion auseinander setzen, anstatt diese einfach zu verneinen und als Fremdheit in ihrer Religion anzusehen. Leugnen ist immer einfacher als sich mit etwas kritisch auseinander zu setzen.

Zu guter Letzt die Sache mit dem Gottesglauben. Ich kann nur immer wieder mit dem Kopf schütteln, wenn Menschen meinen, ein Hirngespinst wie dieser Gott wäre permanent bei ihnen und sie würden sich mit ihm unterhalten und zu ihm eine Beziehung pflegen. Würden sie anstatt "Gott" eine andere Person nennen oder Elfen oder Zwerge, würde jeder Therapeut sie zu einem Gespräch bitten. Menschen, die meinen, ein nicht existentes Wesen spräche zu ihnen, sind mir zutiefst suspekt. Und diese Gläubigkeit wiederum steht ebenfalls in einem tiefen Widerspruch zum Feminismus, deren meiste Vertreter sich gegen bloße Glaubensinhalte wehren.



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" Urteil im Spaghettimonster-Prozess: Ausgenudelt" (13.04.2016)
Sie treffen sich jeden Freitag um zehn Uhr. Dann feiern die Angehörigen der "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" im brandenburgischen Templin ihren Gottesdienst, natürlich nach angemessenem Zeremoniell: Piratenkappen als Kopfbedeckung sind die Regel, alternativ akzeptieren die Gläubigen auch Nudelsiebe.
Als wäre all das nicht schon kurios genug, haben die selbsternannten Pastafaris auch Hinweisschilder an allen vier Ortseingängen in Templin angebracht: Darauf weisen sie wie andere Glaubensgemeinschaften auf ihre Gottesdienstzeiten hin. Der Brandenburger Landesbetrieb Straßenwesen wehrte sich jedoch gegen diese Schilder, der Fall landete vor dem Landgericht in Frankfurt (Oder) - und das hat nun entschieden: Die Schilder müssen weg.
Die Pastafaris geben vor, an die Existenz eines Ungetüms mit Nudel-Tentakeln und Frikadellen-Augen zu glauben. Tatsächlich richtet sich die von Rüdiger Weida als "Bruder Spaghettus" angeführte Gruppe aber gegen die Bevorzugung großer Religionsgemeinschaften im öffentlichen Leben. Bei dem Schilderstreit geht es im Grunde also um sehr wichtige Fragen: Wie ernst gemeint ist die Religionsfreiheit in Deutschland - und genießen im säkularen Staat alle Glaubensgemeinschaften die gleichen Rechte? ...
In Deutschland kämpft die Spaghettimonster-Kirche seit Langem um die Anerkennung als Religionsgemeinschaft, bislang allerdings erfolglos. So untersagte das Verwaltungsgericht Potsdam dem deutschen Nudelchef Weida im November, auf dem Foto seines Personalausweises eine Piratenkopfbedeckung zu tragen.
Der 64-Jährige hatte sich auf die im Grundgesetz vorgeschriebene Gleichbehandlung von Weltanschauungs- und Religionsgemeinschaften berufen. Das Gericht befand jedoch, dass der Spaghettimonster-Kirche ein eigener weltanschaulicher Erklärungsansatz fehle. Es sah vielmehr eine "parodistisch-kritische Auseinandersetzung" mit als intolerant und dogmatisch empfundenen Lehrmeinungen.
Andere Spaghettimonster-Fans haben es zumindest etwa in Österreich geschafft, auf offiziellen Papieren mit einem Nudelsieb auf dem Kopf abgebildet zu sein. In Deutschland sind Kopfbedeckungen auf Passbildern grundsätzlich nicht gestattet - es sei denn, die Passbehörde lässt aus religiösen Gründen eine Ausnahme zu. ...
In Neuseeland ist die Bewegung seit vergangenem Dezember als Religionsgemeinschaft anerkannt und darf daher kirchliche Trauungen durchführen. Da die Pastafaris auch Lesben und Schwule verheiraten und Neuseeland jede kirchliche Trauung automatisch staatlich anerkennt, haben die Nudeljünger indirekt die Homo-Ehe in dem Inselstaat eingeführt.
Für die satirische Religionsgemeinschaft ist das ein großer Erfolg, denn sie setzt sich seit Jahren für die Rechte von Homosexuellen ein - angeblich wegen einer Vision: 2011 habe das Spaghettimonster einer Gläubigen namens Katie mitgeteilt, "dass Homosexuelle schwul oder lesbisch sind, weil es sie mit seinem nudeligen Anhängsel berührt hat", teilte der Verein mit: "Und weil Schwule und Lesben von ihm auserwählt wurden, ist es in seinen Augen (Fleischbällchen) eine Abscheulichkeit, ihnen das Recht auf Ehe zu verweigern."
Auf einen Erfolg wie in Neuseeland setzen auch die deutschen Pastafaris, daher ist ein Ende des juristischen Kleinkriegs zwischen Bruder Spaghettus und den Behörden in Brandenburg trotz des jetzigen Urteils nicht in Sicht. ...
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/templin-in-brandenburg-spaghettimonster-kirche-darf-keine-schilder-aufstellen-a-1086905.html

Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland e.V. - Das Wort zum Freitag - Wir kämpfen weiter! (07.04.2016)
Vor Gericht lief eigentlich alles, wie ich erwartet hatte. Die Richterin hatte keinen Bock, in die Thematik einzusteigen und stellt auf Formalie ab. Das bedeutet, in ihrem für den 13. angekündigten Urteil wird sie feststellen, dass der Landesbetrieb Straßenwesen einen zwischen uns bestehenden Vertrag rechtskräftig gekündigt hat. ... Es waren viel mehr Pressevertreter und Besucher da, als in den kleinen Raum 404 gepasst hätten. Wir mussten in einen größeren umziehen. Irgendwie hatte das Gericht da keinen guten Riecher. Na, Schwamm drüber. Die nächste Instanz wird nicht mehr dort sein. Mal sehen, was uns dann erwartet.
Wenn die Resonanz wieder so groß ist wie jetzt, wir haben gestern einige Spenden, elf neue Vereinsmitglieder und, an einem Tag, rund 250 neue Follower auf unserer FB - Seite bekommen. Dort sind wir jetzt über 8000. Das zeigt, wir sind richtig unterwegs. Was wir tun, wird gebraucht. Wir versprechen euch, wir werden nicht damit aufhören.
http://www.pastafari.eu/index.php?artnr=44168286

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on April 24, 2016, 09:29:05 PM
"Schriftsteller wollen Blasphemie-Paragrafen abschaffen" (2016)
Gotteslästerung steht nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland unter Strafe. Das muss ein Ende haben, fordert nun die Schriftstellervereinigung PEN. "Wir verlangen die ersatzlose Streichung des Paragrafen 166", sagte der Präsident des deutschen PEN-Zentrums, Josef Haslinger. Es könne nicht angehen, dass andere Länder gerügt würden, weil sie gegen Kritik am Islam vorgingen während Deutschland selbst Gotteslästerung noch unter Strafe stelle.
Im Paragrafen 166 heißt es: "Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." ...
http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-04/blasphemie-paragraf-abschaffung-pen-schriftstellervereinigung

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"Reise ins Ungewisse: Brauchen wir eine neue Aufklärung?" Konrad Paul Liessmann (16. April 2016)
... Am Ende seiner Schrift, nahezu versteckt, berührt Kant dann doch noch die zentrale Frage der Aufklärung, das Verhältnis der Vernunft zur Religion: "Dass die Menschen in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines Anderen sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehr viel." Machen wir uns nichts vor: Der Nebel, den es durch Aufklärung zu lichten galt, das Dunkel, das durch die Vernunft aufgehellt werden musste, waren vorrangig die Lehren der Religionen, der blinde Offenbarungsglaube, das göttliche Gesetz, das keine Kritik vertrug. Aufklärung war und ist, heute vielleicht mehr denn je, Religionskritik. Keine Religion, so der Toleranzgedanke der Aufklärung, kann eine höhere Wahrheit für sich beanspruchen als eine andere; jede Religion aber muss sich den Ansprüchen der prüfenden, kritisierenden, forschenden Vernunft unterwerfen. Es ist ein grobes Missverständnis, dass die Vernunft gegenüber Glaubenswahrheiten tolerant sein muss; die Vernunft hat nichts zu dulden, was ihren Ansprüchen nicht genügt. Wären die Aufklärer und Religionskritiker, von Voltaire über Feuerbach bis zu Marx, Nietzsche und Freud ähnlich wie wir von der Besorgnis getragen gewesen, nur ja keine religiösen Gefühle zu verletzen, hätte es keine Aufklärung, keine Menschenrechte, keine moderne Lebenswelt gegeben. ... http://derstandard.at/2000034984382/Reise-ins-Ungewisse-Brauchen-wir-eine-neue-Aufklaerung

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"Atheisten kippen strenge Karfreitags-Verbote" Jost Müller-Neuhof (01.12.2016)
Wer sich als Durchschnittsberliner in das bayerische Feiertagsgesetz einliest, wird meinen, dass es kein Vorrecht afghanischer Taliban sein muss, bei öffentlichen Tanzvergnügen auf die Spaßbremse zu treten. An „stillen Tagen“ wie etwa zu Ostern, Heiligabend oder am Aschermittwoch, so wird in Bayern dekretiert, sind „Unterhaltungsveranstaltungen“ nur erlaubt, wenn der „ernste Charakter“ der Tage gewahrt werde. Die Gemeinden dürfen Ausnahmegenehmigungen erteilen, kein Pardon gibt es jedoch für den Karfreitag, an dem „in Räumen mit Schankbetrieb musikalische Darbietungen jeder Art verboten“ sind. Der Tag wird von allen Ausnahmen ausgenommen.
Das geht zu weit, hat das Bundesverfassungsgericht mit einem am Mittwoch veröffentlichten Beschluss entschieden und damit ein Fass aufgemacht, aus dem Bayerns Politik noch länger schöpfen wird. (Az.: 1 BvR 458/10). Die Regelungen mit ihrem „qualifizierten Ruhe- und Stillerahmen“ seien zwar insgesamt verfassungsgemäß, jedoch nicht für den besonders strikten Karfreitagsschutz. Es sei unverhältnismäßig, meinen die Richter, wenn Befreiungen von den dort angeordneten „Handlungsverboten“ von vornherein ausgeschlossen sind. ...
http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/bayern-atheisten-kippen-strenge-karfreitags-verbote/14916504.html
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on February 08, 2017, 11:39:10 AM
"Warum wir Linken über den Islam nicht reden können" Sama Maani (10. Jänner 2017)
Bis in die 1990er-Jahre behauptete der Diskurs der Rassisten und "Ausländerfeinde" in Österreich und in Deutschland, die Türken würden "uns" deshalb Probleme bereiten, weil sie Türken seien. Seit dem Erstarken des sogenannten politischen Islam, vor allem seit den Anschlägen von 9/11, behauptet der neue rassistische Diskurs, die Türken (die Araber, die Nordafrikaner, die Iraner ...) würden "uns" Probleme bereiten, weil sie Muslime seien. Seither gilt der Islam als eine – mit Marx zu sprechen – den Türken (den Arabern, den Nordafrikanern ...) "an und für sich selbst zukommende Eigenschaft". Die Kategorie "Islam" funktioniert hier als Fetisch im Marx'schen Sinn: Eine gesellschaftlich (sprich durch das Sich-Bekennen gläubiger Muslime oder durch die Fremdzuschreibung an die Adresse tatsächlicher oder vermeintlicher Muslime) hergestellte Verknüpfung zwischen einzelnen Subjekten und dem Islam erscheint als eine naturgegebene. Der Zusammenhang zwischen dem Islam und den Türken (den Arabern, den Iranern ...) wird als ein unauflöslicher, quasi genetischer aufgefasst. Diese "volle Identifizierung" von real existierenden Individuen mit der imaginären Kategorie Islam (imaginär, weil es sich hier um Glaubensvorstellungen handelt) ist unabdingbare Voraussetzung des neuen Rassismus. Voraussetzung für die Kritik dieses Rassismus wäre daher die Kritik dieser Voraussetzung. ...
http://derstandard.at/2000050315751/Warum-wir-Linke-ueber-den-Islam-nicht-reden-koennen-1


""Islamophobie": Wie falsche Begriffe falsches Bewusstsein schaffen" Blog, Sama Maani (31. Jänner 2017)
Im Blogbeitrag "Warum wir Linken über den Islam nicht reden können" war die Rede vom neuen rassistischen Diskurs von FPÖ, AfD und Co und von dem – sich selbst als "antirassistisch" missverstehenden – Diskurs des linken und liberalen Mainstreams. Beide stellen eine falsche fixe Verknüpfung – mehr noch: eine "volle Identität" – zwischen Individuen aus islamisch geprägten Gesellschaften und dem Islam her. Rassistisch ist genau diese fixe Verknüpfung und nicht, wie es Begriffe wie "Islamophobie" suggerieren, die Angst vor einer (oder die Ablehnung einer) Glaubenslehre. Linke, die "Islamophobie" als "rassistisch" bezeichnen, fassen ein Glaubensbekenntnis als eine Art Individuum auf, dem so etwas wie Menschenrechte zustehen, sodass ihnen die Inschutznahme einer Glaubenslehre "antirassistisch" erscheint – was letztlich die Preisgabe jeden Anspruchs auf Religionskritik bedeutet. ...
http://derstandard.at/2000051810936/Islamophobie-Wie-falsche-Begriffe-falsches-Bewusstsein-schaffen


""Unser Problem ist die Scharia – nicht der 'Islamismus"" Blog, Sama Maani (7. Februar 2017)
1974, fünf Jahre vor der Islamischen Revolution, war im Iran das Heiratsalter für beide Geschlechter, internationalen Standards entsprechend, auf achtzehn Jahre erhöht worden. Wenige Jahre nach der Islamischen Revolution von 1979 wurde dann, auf der Grundlage der islamischen Scharia, das Mindestheiratsalter von Mädchen auf neun Jahre gesenkt. Zu Beginn des neuen Jahrtausends schließlich beschloss das iranische Parlament auf Initiative von "reformislamistischen" Parteigängerinnen des damaligen Präsidenten Mohammad Khatami eine Erhöhung des Heiratsalters von Mädchen auf dreizehn Jahre. Man beachte: Hier setzten "Islamistinnen" eine bescheidene, progressive Reform (die Erhöhung des Heiratsalters von Mädchen von neun auf dreizehn Jahre) gegen den traditionellen Islam durch. Für Vertreter des linken und liberalen Mainstreams, die den hochkomplexen Zusammenhang zwischen dem sogenannten politischen und dem traditionellen Islam in die simple Dichotomie: "Islam = (an sich) gut" versus "Islamismus = böse" zu übersetzen gewohnt sind, ein verwirrender Befund. Allerdings ist es – die leicht zu erlangende Einwilligung eines "kompetenten Richters" vorausgesetzt – auch im Iran des Jahres 2017 durchaus möglich, Mädchen unter dreizehn, mitunter auch unter neun Jahren, zu heiraten: siehe oben. Auch zahllose andere gesetzlich festgeschriebene Menschrechtsverletzungen (Todesstrafen für Abtrünnige und Homosexuelle, Steinigung von "Ehebrecherinnen" et cetera) haben ihre Grundlage in der islamischen Scharia. Um einen aus dem Iran geflüchteten Bekannten, einen ehemaligen schiitischen Geistlichen, zu zitieren: "Unser Problem im Iran ist nicht der 'Islamismus' – sondern die Scharia." - Dieses allzu Sichtbare zu sehen, daran hindert linke und liberale Vertreter der Ideologie der "vollen Identität" ein Unsichtbares: Dass sie nicht durchschauen, dass ihr eigenes falsches Bewusstsein zwischen einem Glaubenssystem und den Menschen, die sich (vermeintlich oder tatsächlich) zu diesem bekennen, keinen Unterschied macht. So muss ihnen jede Kritik an diesem Glaubenssystem als "rassistische" Verunglimpfung jener Menschen erscheinen. Den offensichtlichen Zusammenhang zwischen Menschenrechtsverletzungen (im Iran, in Saudi-Arabien und in anderen islamisch geprägten Gesellschaften) und der islamischen Scharia können sie weder gelten lassen, noch denken. Menschenrechtsverletzungen in islamisch geprägten Gesellschaften sind für sie stets "islamistische". Dass Vertreter des linken und liberalen Mainstreams sichtlich davor zurückschrecken, zwischen dem Islam und konkreten Problemen islamisch geprägter Gesellschaften auch nur Berührungspunkte gelten zu lassen, offenbart ihr tiefes Unvermögen, dem Islam gegenüber eine auch nur annähernd kritische Haltung einzunehmen. Wer aber die Realität auf so durchschaubare Weise abschafft, schafft zuallererst seine eigene Glaubwürdigkeit ab. Und spielt den Rassisten von FPÖ, AfD und Co. in die Hände, statt sie zu bekämpfen. Angesichts dieser Selbstdemontage der Vertreter des linken Mainstreams in Sachen Religionskritik können in der Auseinandersetzung mit rechten Hetzern auch ihre richtigen Argumente ihre Wirkung verfehlen. Etwa jenes, dass soziale Deklassierung zur religiösen Radikalisierung beitragen kann. Den Rassisten fällt es dann leicht, diese richtigen Hinweise auf die soziale Mitbedingtheit vermeintlicher oder tatsächlicher religiöser Phänomene als Relativierung problematischer Aspekte des "Islam" zu diffamieren. Das ist bedauerlich, weil die Erkenntnis, dass Muslime nicht immer als Muslime, also nicht immer "aus ihrem Glauben heraus", handeln, zu Ende gedacht, die Ideologie der "vollen Identität" zwischen real existierenden Subjekten und dem Islam brechen würde. Bevor das geschehen kann, müssten aber Mainstream-Linke und -Liberale diese Ideologie, die ihre Positionen in der Islam-Debatte wesentlich mitbestimmt, überhaupt erst in den Blick bekommen. Sie müssten sich also "in Sachen Islam" selbst verstehen. ...
http://derstandard.at/2000052127199/Unser-Problem-ist-die-Scharia-nicht-der-Islamismus

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Lichtfreak, 08.02.2017

Unser Problem ist nicht die Sonne, nur deren Hitze!


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Squidgy, 08.02.2017

Religion hat mit Rasse nichts gemein. Religion ist eine (philosophische) Ideogie, Rasse ein biologischer Begriff . Und Religionskritik sollte Pflichtfach für alle sein, die sich nicht blindlings antiken Märchenfiguren unterwerfen wollen.


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Liberaler Atheist, 08.02.2017

Sehr gut - es geht nicht um Islamismus
Ich habe gelernt, dass ich ohne als "Rassist", "Idiot", oder was auch immer betitelt werden zu können, den Islam und das auf ihm beruhende Regelswerk der Scharia als verbrecherische Ideologie bezeichnen kann. Und dass das eigentlich jeder tun sollte, der Menschenrechte und westliche Werte hochhält.


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boy112, 07.02.2017

Das Problem ist dass Religionen
Zu große Bedeutungen haben. Die sollten im Ranking von Spielzeugen oder Horoskopen liegen

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Der Unkurze, 07.02.2017

das wäre schön... aber ich fürchte das wird ein Traum bleiben


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lessismore, 07.02.2017

Solange "In God we trust" auf den GELDSCHEINEN steht, sicher.



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dampfplaudern, 07.02.2017

Lieber Sama
es ist sehr schwierig Deinen sprunghaften Statements zu folgen, glaubst Du aber wirklich, mit einer schamlosen Kritik am Islam, an der islam.Tradition ohne Rücksicht auf irgendwelche kulturellen Gepflogenheiten (wie z.B. die Kinderehe), egal wie dann die (pseudo)linken Intellektuellen Dich des westl.Hochmuts zu Unrecht zeien, kannst Du dem Islam die Sharia austreiben?
Es wäre interessant, wie Du Dir eine erfolgreiche islamsiche Aufklärung vorstellst, anstatt immer nur aufs Versagen der Linken zu schimpfen. Die sind nie und nimmer die Lordsiegelbewahrer der islamischen Aufklärung. Oft genauso selber Opfer ihrer Wahnvorstellungen!


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pox vobiscum,  07.02.2017

Man hat gesehen, wie es mit dem Christentum funktioniert hat.
Man müsste eben die liberalen Strömungen fördern, den Unterricht und die Predigten besser kontrollieren und es muss den liberalen Muslimen Gehör verschafft werden (zB kritische Koranexegese, historische Deutungen der Schriften, Theologie der Barmherzigkeit/Khorchide).
Ich bin überzeugt, dass dann ein "europäischer" Islam möglich wäre, der sich genau so vom reaktionären "Islamismus" abhebt wie zB das prostestantische Christentum vom Kreationismus.


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Wolfgang Gleich, 07.02.2017

Nein, unser Problem ist nicht die Scharia! - Unser Problem ist, dass es hierzulande Menschen gibt, die glauben, sie müssten sich nicht an Recht und Gesetz halten, wenn sie sich auf irgendwelche archaische religiöse Vorschriften berufen!


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deridiot, 07.02.2017

Sehr guter Punkt: "Im Islam-Diskurs von uns Linken und Liberalen gibt es also Unverstandenes."
Die Linken und die Liberalen verstehen sich selbst nicht mehr. Sie verstehen nicht mehr, was Aufklärung aktuell bedeutet.

Die Linken sind nicht mehr links, sondern Rechte hinter zynisch-humanistischen Visagen ("Clinton-Grinsen"); und die Liberalen sind nicht liberal, sondern Protagonisten eines "neuen" Feudalsystems (Erben statt Arbeiter- und Unternehmertum).

Diese dumme Eurozentrismus-Kritik aus den Spät-70ern hat die westlichen Intellektuellen "verblödet". Kant zu lesen, wäre "böser" als ein diktatorischer Massenmörder aus einem Drittweltland: weil er ein "alter, weißer Mann" und keine "junge, schwarze Frau" usw.. Dieser Unfug des politisch-korrekten "Denkens" bewirkte, dass "wir" nichts mehr verstehen an anderen Kulturen.


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Meslier, 07.02.2017

"Zum Muslim wird jemand dann, und nur dann, wenn sie oder er sich – freiwillig – zum Islam bekennt."

So, jetzt ist der Ristretto - unfreiwillig - über den Laptop verteilt.


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Mad Max, 07.02.2017

Ich denke, der Autor wurde hier mehrmals missverstanden. Es geht darum, dass Kritik am Islam (der Scharia als Kernkomponente) nicht automatisch rassistisch ist, da es sich dabei ja nicht um etwas genetisch vererbtes handelt, sondern um eine freiwillige Mitgliedschaft. Gerade die in der Scharia angedrohte Strafe auf Apostasie zeigt, dass die Religionszugehörigkeit nichts Unabänderliches ist. Somit ist der Pauschalvorwurf des Rassismus gewisser Linker und Liberaler an Islamkritikern nicht generell haltbar und behindert die Diskussion um die tatsächlichen Probleme im Islam. ...


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on March 21, 2017, 09:48:10 AM
"Atheisten-Werbespot mit Ron Reagan" Daniela Wakonigg (15. Mär 2017)
Christliche Inhalte in privaten Fernsehsendern sind in den USA nichts Ungewöhnliches. Ein Werbespot, in dem für eine Atheisten-Vereinigung geworben wird, hingegen schon. Nach jahrelangen Bemühungen der Freedom From Religion Foundation läuft ihr TV-Werbespot nun gleich auf zwei großen US-Sendern. ... Beim Versuch, ihren Werbespot bei den großen Fernsehsendern zu platzieren, erhielt die FFRF viele Absagen. Daher wurde der Spot hauptsächlich auf einigen Regionalsendern gezeigt. Von den landesweiten Sendern erklärte sich lediglich CNN zu einer Ausstrahlung bereit. Jüngst gelang es der FFRF jedoch, ihren Werbespot auch auf einem weiteren großen amerikanischen Fernsehsender zu platzieren. Und das an prominenter Stelle, denn der Spot ist von Ende Februar bis Mitte März während der erfolgreichen Talkshows Morning Joe und Rachel Maddow Show auf MSNBC zu sehen. Parallel wird der Spot auch auf CNN erneut ausgestrahlt. Was die Atheisten im Land freut, ist für die Christen ein Ärgernis. Der christliche Nachrichtensender CBS (Christian Broadcasting Network) berichtet auf seiner Webseite, dass sich Ron Reagans konservativer Adoptivbruder Michael Reagan aufgrund des Spots entschlossen habe, nun MSNBC und CNN zu boykottieren. Dies verkündete Michael Reagan, Autor und ehemaliger Talkshow-Gastgeber bei Twitter, wo er überdies mitteilte, dass die Ausstrahlung des Spots mit seinem Bruder "unseren Vater im Himmel" zum Weinen bringen würde. ...
https://hpd.de/artikel/atheisten-werbespot-ron-reagan-14202


"These Networks Are Now Airing Once Banned Atheist Commercial" Charlene Aaron (03-08-2017)
For the first time, an ad inviting viewers to join the Freedom from Religion Foundation is airing on multiple cable news networks. ... He ends the ad with a wry smile, saying, "Ron Reagan, lifelong atheist, not afraid of burning in hell." ...
http://www1.cbn.com/cbnnews/2017/march/these-networks-are-now-airing-once-banned-atheist-commercial

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"Gotteslästerung im Münsterland?: "Der Aufklärung sind Grenzen gesetzt"" Daniela Wakonigg (26. Feb 2016)
Das Amtsgericht Lüdinghausen verurteilte am gestrigen Donnerstag den pensionierten Lehrer Albert Voß wegen Verstoßes gegen den sogenannten Gotteslästerungsparagraphen §166 StGB. ... Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, Amtsanwältin König, hielt Voß zwar zugute, dass er mit seinen Sprüchen zur Aufklärung beitragen wolle, trotzdem sah sie den Tatbestand der Beschimpfung eines religiösen Bekenntnisses erfüllt. Da er keine wörtlichen Zitate genutzt habe, habe er sich den Inhalt seiner Sprüche zu eigen gemacht. Sie beantragte daher eine Verurteilung nach §166 StGB. ... Die Urteilsverkündung zeigte, was sich bereits im Prozess angedeutet hatte: Richterin Schwefer, die während der gesamten Verhandlung sehr ungehalten wirkte, ließ kein einziges Argument der Verteidigung gelten. Sie schloss sich vollumfänglich der Haltung der Staatsanwaltschaft an und sprach Albert Voß wegen Verstoßes gegen §166 StGB schuldig. ...
https://hpd.de/artikel/aufklaerung-sind-grenzen-gesetzt-12781

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Stefan Dewald am 26. Februar 2016 - 15:03

»Respekt« fordern nur schlechte Rapper und Menschen, denen die Argumente ausgegangen sind.



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Bernd aus B. am 26. Februar 2016 - 11:24

Die Sache erscheint mir glasklar:
Es ging um die Verletzung der Gefühle der Richterin. ... Sie hat nicht Recht der Bundesrepublik Deutschland gesprochen, sondern ihr eigenes, religiös motiviertes.
Hoffen wir, dass die nächsthöhere Instanz die Befangenheit der Richterin feststellt.


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Ernst Deimel am 26. Februar 2016 - 13:02

Ich bin der Meinung, dass die Äusserungen des Lehrers nicht gerade von gutem Geschmack zeugen. In der Sache aber gegebe ich ihm recht. Und Provokation ist sicher kein Fehler, wenn man die Schäfchen erreichen will.
Das Gesetz aber sollte schleunigst abgeschafft werden.


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Thomas am 26. Februar 2016 - 14:22

"Wie sich ein Ungläubiger fühlen mag, wenn auf Kanzeln regelmäßig der Atheismus für das Übel der Welt verantwortlich gemacht wird oder im Fernsehen eine Serie mit dem Titel "Gottlos – Warum Menschen töten" läuft, ist der Justiz hingegen herzlich egal"

Es ist ja noch viel schlimmer: jede einzelne Begegnung mit fälschlichem für-wahr-Halten jenseits einfachen Irrtums und seinen Folgen kann die spezifischen Gefühle eines Rationalisten verletzen. Religioten und andere Irrationalisten machen sich keine Vorstellung davon, welche psychische Belastung es ist, unter Menschen zu leben, die Falsches oder Unprüfbares glauben, entsprechend dummes Zeug reden und sich entsprechend rücksichtslos verhalten. Ohne wirksame Schutzmechanismen gegen das alltägliche irrationalistische Trommelfeuer drohen psychische Erkrankungen bis hin zur Lebensmüdigkeit. ...


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Markus Schiele am 26. Februar 2016 - 15:07

Richterin Schwefer ging es [...], darum dass Christen das Recht haben, "darauf zu vertrauen, dass ihr Glaube respektiert wird".
Christen haben als Menschen das Recht darauf, respektiert zu werden. Für ihren hanebüchenen Glauben können sie diesen Respekt hingegen nicht einfordern.


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F. Belz am 26. Februar 2016 - 15:13

"Der Aufklärung sind Grenzen gesetzt", sagte Schwefer. - Da zieht es einem die Schuhe aus! ...


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Herr.Lich am 2. März 2016 - 11:50 Permanenter Link

Am 29. Februar fand ich folgenden Leserbrief in der Lüdinghauser Zeitung:

„Kein Grund zur Aufregung“
Leserbrief zum Bericht „Aufklärung“ ist unangenehm“ (WN vom 26. Februar):
„Wegen Gotteslästerung verurteilt“ — ich staunte nicht schlecht, als ich das gleich dreifach in dicker Über-schrift in den WN fand. Der Blasphemieparagraf 166 StGB wurde nämlich bereits 1969 abgeschafft. In dem hieß es: „Wer dadurch, daß er öffentlich in beschimpfenden Äußerungen Gott lästert, ein Ärgernis gibt, […] wird mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft.“ Der heutige § 166 kennt den Begriff Gotteslästerung gar nicht.
Unter der Überschrift „Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungs-vereinigungen“ heißt es jetzt: „Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“
Das ist ein nicht unwesentlicher Unterschied. Gott darf kräftig und deftig gelästert werden bei uns, solange das nicht den öffentlichen Frieden stört. Gott muss Spott ertragen. Ich finde das nicht schlimm, denn ich persönlich glaube, dass er das sehr gut kann. Was wäre es für ein jämmerlicher Gott, der es nötig hätte, seine Ehre von deutschen Staatsanwälten und Richtern verteidigen zu müssen.
Es gehört zum Recht auf freie Meinungsäußerung, dass der Staat Gotteslästerung ungestraft lässt. Strafrecht-lich relevant wird Gottes- und Kirchenbeschimpfung erst, wenn dadurch der Friede in der Gesellschaft ge-stört wird. Jetzt aber wird es problematisch: Ist der Friede in der Gesellschaft schon gestört, wenn einzelne Gläubige, ob Christen, Muslime oder Juden, sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen?
Müssen sie nur laut genug aufschreien, damit man den Frieden gestört findet? Das Amtsgericht jedenfalls hat im Fall von Albert V.’s Heckscheibensprüchen offenbar angenommen, dass sie dazu geeignet sind.
Als Pfarrerin bekenne ich, dass ich die zitierten Sprüche eher drollig finde, meinetwegen auch geschmacklos, denn so richtig lustig sind sie ja nicht wirklich. Lustig ist wohl eher der missionarische atheistische oder antikirchliche Eifer, der hier am Werk ist. Kein Grund zur Aufregung also, finde ich.
Ich bin froh, meinen Glauben in einer Gesellschaft leben und ausleben zu können, in der man auch gegen diesen Glauben polemisieren darf. Es reicht das konsequent durchgesetzte Verbot der Volksverhetzung, um den gesellschaftlichen Frieden zu schützen. Im Grunde braucht es überhaupt keinen Religionsparagrafen, denn Gott und Glauben schützt man nicht mit dem Strafrecht, sondern mit Gottvertrauen und heiterer Überzeugungskraft.

Silke Niemeyer,
Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde
Münsterstraße 54
Lüdinghausen


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"Spruchtaxi: Kein Verstoß gegen § 166 StGB: Freispruch für "Gotteslästerer"" Daniela Wakonigg (30. Mär 2017)
In zweiter Instanz wurde der pensionierte Lehrer Albert Voß gestern durch das Landgericht Münster vom Vorwurf des Verstoßes gegen den sogenannten "Gotteslästerungsparagrafen" §166 StGB freigesprochen. Für "gotteslästerliche" Sprüche auf der Heckscheibe seines Autos war er im Vorjahr durch das Amtsgericht Lüdinghausen in erster Instanz schuldig gesprochen worden. ... Staatsanwalt Dr. Sumpmann verlas in seinem Plädoyer die Urteilsbegründung des Amtsgerichts Lüdinghausen, das Voß in der ersten Instanz schuldig gesprochen hatte. Er betonte, dass dieses Urteil im Ergebnis richtig sei. Auch wenn Albert Voß durch seine Sprüche Aufklärung betreiben wolle, habe er dennoch gegen §166 verstoßen. Wenn diese Sprüche keinen Verstoß gegen §166 darstellten, was dann überhaupt noch ein Verstoß gegen §166 sein könne, fragte er. Auch, dass es sich bei der "Papstsau" um ein Luther-Zitat handle, sei für Voß kein Freibrief, denn "man darf nicht alles, was in der Geschichte mal gesagt wurde, zitieren". Er wolle Luther zwar nicht mit anderen Figuren der Geschichte gleichsetzen, aber man wisse schon, was er meine, sagte der Staatsanwalt. Ferner betonte er den Sinn des §166 StGB – insbesondere nach den Ereignissen um Charlie Hebdo. "Man muss mit dem Beschimpfen von Religionen sehr vorsichtig sein", sagte Dr. Sumpmann, "sonst löst man einen Brand aus". Was wohl passieren würde, wenn Voß statt seiner Kritik am Christentum, Kritik am Propheten Mohamed üben würde, fragte der Staatsanwalt. Deshalb sei es wichtig, mit Kirchen und Religionen tolerant umzugehen.
Angesichts dieses Plädoyers des Staatsanwalts hielt es den Verteidiger nicht auf seinem Stuhl. Er bat erneut um das Wort und wies darauf hin, dass es sich bei Charlie Hebdo um ein äußerst heikles Terrain handle. Gerade Charlie Hebdo, betonte er gegenüber Staatsanwalt und Richterbank, könne eben kein Argument dafür sein, die Meinungsfreiheit zugunsten der Religionsfreiheit einzuschränken.
Das Gericht folgte in seinem Urteil der Argumentation der Verteidigung und sprach Albert Voß vom Vorwurf des Verstoßes gegen §166 StGB frei. Die Sprüche auf der Heckscheibe seines Autos, die Voß in der ersten Instanz eine Verurteilung eingebracht hatten, sind nach Auffassung des Landgerichts Münster nicht geeignet, den öffentlichen Frieden zu stören und erfüllen damit nicht den Tatbestand von §166 StGB. ...
Albert Voß und sein Verteidiger Dr. Rath betrachten den Prozessausgang mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Bei Albert Voss überwiegt zwar die Freude, dass das Gericht ihm nun Recht gegeben hat, doch durch den Freispruch ist kein Gang durch die Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht mehr möglich, wo man den "Gotteslästerungsparagrafen" §166 StGB selbst auf den Prüfstand hätte stellen können.
https://hpd.de/artikel/freispruch-fuer-gotteslaesterer-14259

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"Brief an eine Katholikin" Kurt Tucholsky [1930], Glossen und Essays - Gesammelte Schriften (1907-1935)
Die Kirche rollt durch die neue Zeit dahin wie ein rohes Ei. So etwas von Empfindlichkeit war überhaupt noch nicht da. Ein scharfes Wort, und ein ganzes Geheul bricht über unsereinen herein: Wir sind verletzt! Wehe! Sakrileg! Unsre religiösen Empfindungen ... Und die unsern –?
Halten Sie es für richtig, wenn fortgesetzt eine breite Schicht des deutschen Volkes als ›sittenlos‹, ›angefressen‹, ›lasterhaft‹, ›heidnisch‹ hingestellt und mit Vokabeln gebrandmarkt wird, die nur deshalb nicht treffen, weil sie einer vergangenen Zeit entlehnt sind? Nehmt ihr auf unsre Empfindungen Rücksicht? Ich zum Beispiel fühle mich verletzt, wenn ich einen katholischen Geistlichen vor Soldaten sehe, munter und frisch zum Mord hetzend, das Wort der Liebe in das Wort des Staates umfälschend – ich mag es nicht hören. Wer nimmt darauf Rücksicht? Ihre Leute nicht, gnädige Frau. ...
http://www.textlog.de/tucholsky-brief-katholikin.html

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on June 03, 2017, 10:29:51 AM
""Gotteslästerung": Dänemark schafft Blasphemie-Gesetz ab" Florian Chefai (2. Jun 2017)
Nach der Streichung des Blasphemie-Gesetzes in Dänemark zählt Deutschland neben Polen und Russland zu den wenigen europäischen Ländern, in denen ein vergleichbares Gesetz fortbesteht. Der sogenannte "Gotteslästerungsparagraph" (§ 166 StGB) droht mit empfindlichen Freiheits- und Geldstrafen, wenn religiöse oder weltanschauliche Bekenntnisse in einer Weise "beschimpft" werden, die geeignet ist, den "öffentlichen Frieden" zu stören. Eine Petition der Giordano-Bruno-Stiftung zur Streichung des "Gotteslästerungsparagraphen" wurde 2015 vom Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags abgelehnt. ...
https://hpd.de/artikel/daenemark-schafft-blasphemie-gesetz-ab-14486

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"Religion, Intelligenz und Demografie – Jetzt auch in der Evolutionspsychologie angekommen" Michael Blume (2. Juni 2017)
Okay, ich gebe es zu! Als mich die Meldung über eine neue Religion-Intelligenz-Studie erreichte, war mein erster Gedanke: „Nicht schon wieder!“ Immerhin war das Thema hier auf dem Blog bereits vor neun Jahren erschöpfend behandelt und diskutiert worden… Und es war ja auch irgendwie klar, dass in Zeiten von Terroranschlägen und Ramadan-fastenden Schulkindern das Klischee der „dummen Gläubigen“ wieder nachgefragt werden würde.
Aber wenn mich Kollege Bernold Feuerstein wortlos auf etwas hinweist, hat es meist auch wissenschaftliche Substanz. Und tatsächlich las sich die „Rezension“ von Jan Osterkamp unter dem schmissigen Titel „Sind Religiöse dümmer?“ so interessant, dass ich mir das Originalpapier besorgte.
Tatsächlich diskutieren Edward Dutton vom Londoner Ulster Institute for Social Research und Dimitri van der Linden vom Department of Psychology, Education and Child Studies an der Erasmus-Universität Rotterdam zwei seit Jahren immer wieder belegte Befunde:
1.   Nichtreligiöse weisen weltweit im Durchschnitt einen höheren Intelligenzquotienten (IQ) und höhere, formale Bildungsabschlüsse als Religiöse auf.
2.   Religiöse weisen – gerade auch bei höheren Bildungsabschlüssen – im Durchschnitt deutlich höhere Geburtenraten auf als ihre nichtreligiösen Peers.
... So weit, so banal (wenn ich mich wohl auch drüber freuen sollte, dass sich dies langsaaaaam herumzusprechen beginnt).
Spannender ist, dass Dutton und Van der Linden ernstnehmen, dass rationale Intelligenz alleine nicht in der Lage zu sein scheint, nichtreligiöse Populationen zu erhalten – diese verebben mangels Nachwuchs. Während Religiosität auf sozialen „Instinkten“ aufbaue und diese verstärke, ermögliche Intelligenz das Überschreiten dieser Instinkte und damit die Anpassung auf neuartige Lebensbedingungen. So kommen sie zu der ziemlich spannenden Vermutung, dass beim Menschen Intelligenz und Religiosität gemeinsam evolvieren und sich gegenseitig in Check halten! ...
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religion-intelligenz-und-demografie-jetzt-auch-der-evolutionspsychologie-angekommen/

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"Es geht um die Nudel: Berufungsverfahren zu "Spaghettimonster"" Anna Ringle (03.07.2017)
 Einmal die Woche "Nudelmesse": Darf ein Parodie-Verein, so wie es Kirchen mit ihren Gottesdienstzeiten tun, an Ortseingängen Hinweisschilder aufstellen? Das Oberlandesgericht in Brandenburg muss das klären. Es geht mal wieder um die Nudel in der Uckermark. Genauer: um das "Spaghettimonster" in Templin. Ein Verein, der sich "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" nennt, will genauso wie Kirchen es mit ihren Gottesdienstzeiten tun mit Schildern am Ortseingang auf seine "Nudelmesse" hinweisen. Das Landgericht Frankfurt (Oder) hatte das aber verneint – am Freitag (7. Juli, 10 Uhr) befasst sich im Berufungsverfahren das Brandenburgische Oberlandesgericht mit dem Fall.
Der Religionsparodie-Verein will als Kläger in dem Zivilverfahren erreichen, dass er vier Infoschilder aufstellen darf, wie eine Gerichtssprecherin mitteilte. Verklagt hatte er das Land Brandenburg, vertreten durch den Landesbetrieb Straßenwesen. Dieser hatte die Schilder nämlich abgelehnt. Das Landgericht in Frankfurt (Oder) hatte sich in seinem Urteil im April 2016 darauf bezogen, dass es keine wirksame Vereinbarung für das Anbringen gebe. Der Verein hatte gegen das Urteil Berufung eingelegt. Er hatte darauf gepocht, dass die "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" als Weltanschauungsgemeinschaft die gleichen Rechte haben müsste wie etablierte Kirchen.
https://www.heise.de/newsticker/meldung/Es-geht-um-die-Nudel-Berufungsverfahren-zu-Spaghettimonster-3761376.html

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     Sebastian_R, 03.07.2017 14:34

Ich muss doch sehr bitten!
Parodie-Verein? Bitte! Solche Unverschaemtheiten soll man bitte unterlassen!
Ich mache mich ja auch nicht ueber die "Wasser in Wein verwandelt" Sache der Christen lustig!
Man respektiere gefaelligst meine Religion!

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    abcman

Re: Ich muss doch sehr bitten!

Genau. Steinigt sie alle. Tötet die Ungläubigen... Ach ups, das war ja eine andere Religion...


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     marasek, 03.07.2017 15:06

Re: Ich muss doch sehr bitten!

Heraklex schrieb am 03.07.2017 15:04:

        Ich mache mich ja auch nicht ueber die "Wasser in Wein verwandelt" Sache der Christen lustig!

        Man respektiere gefaelligst meine Religion!


    Ich darf Dich an das 1. "Mir wär’s wirklich lieber, du würdest nicht..." erinnern. Für das Fliegende Spagehttimonter ist es vollkommen okay, wenn man nicht daran glaubt, sich sogar darüber lustig macht. Merkmal einer ordentlichen Offenbahrungsreligion ist, dass sie möglichst widersprüchlich und weit auslegbar ist. Insofern: ernudelt die Ungläubigen!



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     dukoids, 03.07.2017 14:30

Verunglimpfung als "Parodieverein" -- § 166 Stgb

Ich glaube mit der Verunglimpfung der Pastafaris als "Parodieverein" macht sich der Autor gem. § 166 Stgb strafbar.


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     Rolf Magnus, 04.07.2017 09:32

Gründungsgründe

    Die "Spaghettimonster-Kirche" war vor mehr als zehn Jahren in den USA als Kritik darauf gegründet worden, dass unter anderem der Kreationismus immer mehr Einfluss auf den Schulunterricht genommen habe. Deren Anhänger lehnen die Evolutionstheorie nach Charles Darwin ab.

Das ist recht vorsichtig formuliert. Die Kreationisten (zumindest die, um die es hier geht) sind überzeugt davon, dass die Schöpfungsgeschichte der Bibel mit den 7 Tagen, an denen die Welt geschaffen worden sein soll, sich tatsächlich so zugetragen hat und sehen das als Fakt an. Sie wollten deshalb in den USA erreichen, dass dies in den naturwissenschaftlichen Unterrichtsfächern gelehrt wird.
Die Kirche vom fliegenden Spaghettimonster ist von einem Wissenschaftler ersonnen worden, nach dem Motto: Wenn die Bibelgeschichte als Naturwissenschaft gelehrt wird, dann muss die Lehre vom fliegenden Spaghettimonster das gleiche Recht bekommen. So wollte er zeigen, wie absurd es ist, irgendeinen nicht beweisbaren Glauben als wissenschaftliche Tatsachen in den Schulen zu lehren.


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     Gast-Redner, 04.07.2017 11:26

@ Autor: Parodie-Verein?

Hallo,

auch wenn es nicht in die Köpfe reingeht, das Spaghettimonster ist real wie jede andere Gottheit auch!

Die Bezeichnungen dafür sind sehr diskriminierend, ich dachte, in Deutschland herrscht Religionsfreiheit! Auch nicht jeder kann Petrus, Jesus, Mohamed, Odin oder Jupiter ernst nehmen, der Respekt muss aber da sein!



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Liste von Fabelwesen
Die folgende Liste beinhaltet Fabelwesen und Fabelwesengattungen, die kultur- und kontinentübergreifend bekannt sind ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Fabelwesen

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on July 05, 2017, 04:25:55 PM
"Seyran Ateş: Polizeischutz für Gründerin der liberalen Moschee verstärkt" (5. Juli 2017)
Nach etwa 100 Morddrohungen erhält Seyran Ateş laut einem Bericht inzwischen rund um die Uhr Personenschutz. Ihre Berliner Moschee vertritt einen säkularen Islam. Für die Gründung der liberalen Moschee in Berlin schlägt Seyran Ateş so viel Hass entgegen, dass sie laut einem Bericht der Welt am Sonntag inzwischen rund um die Uhr Polizeischutz braucht. "Über die sozialen Medien habe ich wegen der Moscheegründung so viele Morddrohungen bekommen, dass das Landeskriminalamt zu der Einschätzung gelangt ist, mich rund um die Uhr schützen zu müssen", sagte Ateş der Zeitung. So starke Schutzvorkehrungen sind selbst bei Bundesministern selten nötig.
Nach eigenen Angaben erhielt die Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin und Autorin etwa 100 Morddrohungen. Wie aus ihrem Umfeld bekannt wurde, ist sie auch bereits auf offener Straße bedroht worden. Ateş war 1984 bei der Arbeit in einem Beratungszentrum für türkische Frauen in Kreuzberg bereits Opfer eines Attentats geworden und dabei lebensgefährlich verletzt worden. ...
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-07/seyran-ates-liberale-moschee-berlin-personenschutz-morddrohungen

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"Charles Taylor Der Geist und die Geister" Rolf Spinnler (06.01.2010)
Wie hältst du’s mit der Religion: Charles Taylor erzählt die Geschichte der Säkularisierung ... „Warum war es in unserer abendländischen Gesellschaft beispielsweise im Jahre 1500 praktisch unmöglich, nicht an Gott zu glauben, während es im Jahre 2000 vielen von uns nicht nur leichtfällt, sondern geradezu unumgänglich vorkommt?“ Mit dieser Ausgangsfrage beginnt der kanadische Philosoph Charles Taylor sein monumentales Werk „Ein säkulares Zeitalter“, das auf 1300 Seiten die Geschichte des Säkularisierungsprozesses der westlichen Welt erzählen will. Die Standardantwort auf diese Frage lautet etwa so: Der Westen hat sich in einem jahrhundertelangen Prozess der Aufklärung, Rationalisierung, Verwissenschaftlichung und Demokratisierung von mythischen, irrationalen, unwissenschaftlichen und vormodernen Weltbildern emanzipiert und betrachtet die Welt heute endlich so, wie sie wirklich ist. Es gibt keine Götter, Geister und höheren Mächte, sondern wir Menschen leben in einem Universum, das ausschließlich von Naturgesetzen bestimmt ist, die wir nach und nach enträtseln können. Wir leben in Gesellschaften und politischen Ordnungen, deren Normen wir ohne Berufung auf göttliche Instanzen selbst festlegen.
Taylor will zeigen, dass diese von ihm als „Subtraktionstheorie“ bezeichnete Auffassung falsch ist. Er bestreitet zwar nicht, dass in den letzten 500 Jahren ein Wandel stattgefunden hat, aber er deutet ihn anders als die üblichen Säkularisierungstheorien. Und er gibt freimütig zu, dass er seine Version der abendländischen Säkularisierungsgeschichte nicht aus einer neutralen Position heraus erzählen will, sondern aus der eines gläubigen (Links-)Katholiken.
Der Standarderzählung des westlichen Säkularisierungsprozesses, die diesen als einen geradlinigen Weg vom dunklen Mittelalter zum hellen Licht der Aufklärung begreift, hält Taylor eine reichlich verschlungene Geschichte entgegen. Und so verschlungen, mit vielen Abschweifungen und Nebenfäden, ist auch sein Buch. Seine These lautet: Die Säkularisierung ist selbst ein Produkt der Religion und verdankt sich einer doppelten Weltbildrevolution. Zuerst haben in der von Karl Jaspers so genannten „Achsenzeit“ um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends der jüdische Monotheismus und die platonische Philosophie die alten archaischen Weltbilder entzaubert, in denen der ganze Kosmos von Geistern und Dämonen bevölkert war. Und dann hat innerhalb des lateinischen Christentums eine von Taylor als „REFORM“ bezeichnete Bewegung versucht, jene Elemente aus der Volksreligion zu entfernen, die aus der Sicht der Theologen noch aus dem alten Heidentum stammten: Karneval und Reliquienkult, heilige Zeiten und heilige Orte. Diese „REFORM“ setzt für Taylor nicht erst mit Luthers und Calvins Reformation ein, sondern bereits im Hochmittelalter. Taylor folgt hier Max Weber und Michel Foucault: Die „REFORM“ ersetzt die außerweltliche Askese der Mönche und Nonnen durch die innerweltliche Askese der gewöhnlichen Gläubigen (Weber) und die zeitliche Diskontinuität von Alltag und ekstatischer Festlichkeit durch ein in kontinuierlicher Selbstdisziplin geführtes Leben (Foucault).
Damit ist der Boden für einen Lebensstil bereitet, der den Einzelnen nicht mehr in eine sakrale Ordnung der Gesellschaft und des Kosmos einbettet, sondern ihn zwingt, als atomisiertes, „abgepuffertes“ Individuum sein Leben rational selbst zu steuern. In den Gesellschaftstheorien seit Thomas Hobbes und John Locke haben Ekstase und Selbsttranszendenz, Hingabe und Opfer keinen Platz mehr, sie beruhen vielmehr auf einer Logik der Selbsterhaltung und des wechselseitigen Vorteils.
... Allerdings setzt etwa zur selben Zeit innerhalb der säkularen Mentalität eine Gegenbewegung gegen dieses Modell der rationalen Lebensführung ein. Diese „immanente Gegenaufklärung“, wie Taylor sie nennt, reicht von der Romantik über Friedrich Nietzsche und Georges Bataille bis zur Jugendrevolte der 1960er Jahre. Sie nimmt eine dritte Position jenseits von Religion und säkularem Humanismus ein und lehnt sowohl das Christentum als auch die Aufklärung ab, denen sie beiden vorwirft, das Irrationale und Ekstatische, das Aristokratische und Heroische zu unterdrücken. ...
http://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/charles-taylor-der-geist-und-die-geister/1658842.html

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"Gericht: "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" keine Religionsgemeinschaft" Andreas Wilkens (02.08.2017)
Der Verein "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" (FSM) kann nicht die Rechte einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft beanspruchen. Daher dürfe das Land Brandenburg dem Verein auch untersagen, an den Ortseingängen von Templin (Uckermark) mit Hinweisschildern für ihre wöchentlichen "Nudelmessen" zu werben, entschied das Oberlandesgericht Brandenburg am Mittwoch.
2014 hatte die FSM-Gemeinde Uckermark erstmals seine Schilder mit den Messe-Uhrzeiten samt Abbildung des "Spaghettimonsters" aufgehängt, und zwar an jene Masten, an denen auch die katholische und die evangelische Kirche mit Schildern auf ihre Gottesdienste hinwiesen. Der Landesbetrieb Straßenwesen hängte sie wieder ab, die FSM-Gemeinde weist nun an anderer Stelle auf ihre freitägliche Nudelmesse hin und klagte gegen den Landesbetrieb.
Der Verein hatte in seiner Klage gegen das Verbot geltend gemacht, dass er als Weltanschauungsgemeinschaft das gleiche Recht haben müsse wie die christlichen Kirchen, die an den Ortseingängen mit Schildern auf die Zeiten der Gottesdienste hinweisen dürfen. Vier Infoschilder wollte der Verein aufstellen. Das Landgericht in Frankfurt (Oder) hatte sich in seinem Urteil im April 2016 darauf bezogen, dass es keine wirksame Vereinbarung für das Anbringen gebe. Der Verein hatte gegen das Urteil Berufung eingelegt.
Für die "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" war es wichtig, dass "sich das Gericht wirklich intensiv mit der Problematik Weltanschaung auseinander gesetzt hat", wie "Bruder Spaghettus" in einem Blogbeitrag schreibt. "Die Religionssatire des Fliegenden Spaghettimonsters wird als künstlerisches Mittel genutzt, um in satiretypischer Art intolerante und dogmatische Anschauungen und Handlungen zu überhöhen und zu hinterfragen", heißt es in seiner Satzung. Damit will der Verein die Verbreitung einer offenen und toleranten Ethik im Sinne des evolutionären Humanismus fördern und so an der öffentlichen Meinungsbildung mitwirken.
Nach Angaben der FSM hat das OLG keine Revision zugelassen. Das Gericht habe sich in seiner Entscheidung auf die Satzung des Vereins berufen. Demnach sei die Kirche des FSM keine Weltanschauungsgemeinschaft, da sie keine gemeinsame Sicht auf die Welt habe, aus der sie Werte ableite, sondern nur Kirche parodiere.
Update 2.8.2017, 12.23 Uhr: "Die darin geäußerte Kritik an Überzeugungen Anderer stelle kein umfassend auf die Welt bezogenes Gedankensystem im Sinne einer Weltanschauung dar", begründete das Gericht weiter seine Entscheidung. Auch der für Religionsgemeinschaften charakteristische Gottesbezug fehle nach dem Inhalt der Satzung.
"Da hat das Gericht einen Fehler gemacht, denn es hat offensichtlich die Spaghettimonster-Kirche im Allgemeinen beurteilt und nicht unseren Verein", sagte der Vereinsvorsitzende Rüdiger Weida. "Wir sind nach unserer Satzung Humanisten – und Humanismus ist eindeutig eine Weltanschauung." Weida verwies dabei auf die "10 Angebote des evolutionären Humanismus" auf der Webseite des Vereins.
Weida kündigte an, dass der Verein nun vor den Bundesgerichtshof (BGH) und gegebenenfalls auch weiter zum Bundesverfassungsgericht ziehen wolle. "Und zur Not gehen wir auch bis zum Europäischen Gerichtshof", betonte er.
https://www.heise.de/newsticker/meldung/Gericht-Kirche-des-fliegenden-Spaghettimonsters-keine-Religionsgemeinschaft-3790560.html

Quote
     IggoOnTour, 02.08.2017 11:56

Der Verein hat eine Satzung in der das Wort Satire vorkommt?
Verbrennt diese Häretiker! Schlachtet ihre Kinder und Kindeskinder! Salzt die Böden auf denen sie ihre Felder bestellen!
Die Kirche des Fliegenden Spagettimonsters ist nicht "eine Religionsgemeinschaft", die Heilige Kirche des einzig wahren Spagettimonsters ist DIE RELIGIONSGEMEINSCHAFT.
Der Zorn der Pasta wird über die Ungläubigen kommen!

.... vielleicht sollte ich erstmal was essen ;-)


Quote
   DerLinuxUser, 02.08.2017 11:47

DIESE UNGLÄUBIGEN!!!

Wir müssen unsere Rechte als Gläubige des einzig wahren Glaubens und die Ehre des Spaghettimonsters verteidigen! Das ist ein Kochduell der Religionen! Gebt den unterdrückerischen Ungläubigen Pasta!!!1!


https://www.heise.de/forum/heise-online/News-Kommentare/Gericht-Kirche-des-fliegenden-Spaghettimonsters-keine-Religionsgemeinschaft/forum-385382/comment/
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on August 20, 2017, 01:20:01 PM
"Atheismus: "Eine Gesellschaft aus Atheisten könnte perfekt funktionieren"" Interview: Johanna Haag (19. August 2017)
 Philosoph Andreas Urs Sommer über das Fast-Verschwinden der Religion, Angst vor dem Tod und die Frage: Ist uns die Suche nach dem Sinn des Lebens einfach egal?
ZEIT Campus ONLINE: Und woran liegt es, dass Religion für uns in westlichen Gesellschaften nicht mehr so wichtig ist?
Sommer: Religion ist seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert permanent unter Beschuss geraten: Alle Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen, darf man als gescheitert betrachten. Und die historische Kritik der Bibel und der anderen Offenbarungsschriften hat gezeigt, dass diese Werke von Menschen für Menschen geschrieben worden sind. Und zwar in einem bestimmten Kontext. Deswegen können wir einen Brief des Apostels Paulus, das Buch eines alttestamentlichen Propheten oder eine Sure aus dem Koran heute nicht mehr ohne Zurechtbiegung als Lebensanweisung für unsere Gegenwart verstehen. Diese historische Kritik ist zwar auch wesentlicher Teil der Arbeit kritischer Theologen. Sie ist aber für Religionen brandgefährlich, weil sie nicht nur den Glauben an die Schriften, sondern auch an die Institution der Kirche zersetzt. Heute haben wir außerdem säkulare Antworten auf unsere Sinnfragen gefunden und das Gefühl, unser Leben selbst im Griff zu haben. Der Mensch der westlichen Moderne braucht keine höhere Instanzen mehr, auf die er hofft, denen er sich ausliefert und die seine Weltsicht bestimmen.
... ZEIT Campus ONLINE: Sind uns diese großen Fragen der Menschheit einfach egal?
Sommer: Das nicht. Aber wir sind nicht mehr darauf gepolt, sie als zentral für unser Leben zu betrachten. Selbst, wenn wir uns etwa in der Pubertät fragen, was der Sinn unseres Lebens ist, finden wir im Laufe des Erwachsenwerdens eigene Antworten. Auch mit dem Thema Tod gehen die meisten Menschen relativ entspannt um: Für unsere letzten Lebenstage vertrauen wir der Medizin und danach schauen wir mal, was kommt. Ein Grund für diese Gelassenheit ist auch, dass wir keine Angst mehr haben. Uns ist relativ egal, was nach dem Tod passiert: Wenn die Christen recht haben, gibt es ein Jenseits. Besonders schlimm kann’s aber nicht werden, denn wir sind ja schließlich keine Sünder, die im Fegefeuer schmoren müssen. Die für das Christentum einst fundamentale Vorstellung, erlösungsbedürftig zu sein, ist uns heute vollkommen fremd geworden. Gehen Sie mal in die Kirche: Da spricht niemand von "Verdammnis" oder "Hölle". Selbst dort geht es nicht mehr um die letzten Dinge. ...
http://www.zeit.de/campus/2017-08/atheismus-religion-werte-philosoph-andreas-urs-sommer-jung-und-gott

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Quote
[...] Professor Joas: ...  Ich behaupte, dass eine begriffliche Mehrdeutigkeit die Voraussetzung für die Geschichte ist, die Weber erzählt. Die Bekämpfung von Magie, die Schwächung von Heiligkeitsvorstellungen und der Verlust von Transzendenz etwa sind drei völlig unterschiedliche Prozesse, die man nicht einfach hintereinander schalten oder unter dem einen Begriff der Entzauberung zusammenwerfen darf. Es ist manchmal genau umgekehrt: Der Kampf gegen die Magie zum Beispiel soll ja die Vorstellung von Gott erhöhen, stärken – und gerade nicht zerstören.

...  Die Kommunisten haben den einbalsamierten Leichnam Lenins oder die rote Fahne kultisch verehrt. Liberale Humanisten halten die Würde des Menschen für unantastbar und bestehen somit auf der Sakralität jeder Person. Selbst dem übelsten Verbrecher, dem grausamsten Terroristen kommt deshalb im Rechtsstaat eine menschenwürdige Behandlung zu. Daran sieht man: Auch das Weltbild des Grundgesetzes enthält Elemente einer – nicht-religiösen – Sakralität.

...


Aus: "Soziologe über Glauben „Das Heilige gibt es keineswegs nur innerhalb der Religionen“" Joachim Frank (08.04.2018)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/kultur/soziologe-ueber-glauben--das-heilige-gibt-es-keineswegs-nur-innerhalb-der-religionen--29971768 (https://www.berliner-zeitung.de/kultur/soziologe-ueber-glauben--das-heilige-gibt-es-keineswegs-nur-innerhalb-der-religionen--29971768)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on June 05, 2018, 09:42:05 AM
Quote
[...] Der Oberste Gerichtshof der USA hat einem Bäcker Recht gegeben, der einem schwulen Paar aus religiösen Gründen keine Hochzeitstorte backen wollte. Der Supreme Court argumentierte in der am Montag veröffentlichten Entscheidung, dass eine aus Protest von dem Paar angerufene Kommission im US-Bundesstaat Colorado die Rechte des Bäckers in Bezug auf seinen Glauben verletzt habe. Richter Anthony Kennedy machte in seiner Stellungnahme aber deutlich, dass er in der Entscheidung keinen Präzedenzfall sieht.

Der Konditor Jack Phillips aus Colorado hatte sich 2012 geweigert, dem Paar Charlie Craig und Dave Mullins eine Hochzeitstorte zu backen. Er berief sich dabei auf seinen christlichen Glauben. Die beiden legten daraufhin bei der Bürgerrechtskommission von Colorado Beschwerde ein.

Die Gesetze des Bundesstaates verbieten es Firmen, Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zu diskriminieren. Die Kommission entschied, dass Phillips genau dies getan habe. Zwei Gerichte kamen zu demselben Schluss. Der Bäcker legte daraufhin Berufung beim Supreme Court ein.

Das Oberste Gericht argumentierte nun wiederum, die Bürgerrechtskommission habe den Glauben des Mannes nicht hinreichend berücksichtigt. Das Gremium habe sich der religiösen Überzeugung des Mannes gegenüber feindselig verhalten, heißt es in der Stellungnahme von Kennedy.

Der Richter nahm dabei Bezug auf Äußerungen von Mitgliedern der Kommission, die Phillips' Glauben seiner Meinung nach verunglimpft hätten. Diese hätten suggeriert, dass religiöse Überzeugungen in Colorados Geschäftswelt nicht uneingeschränkt willkommen seien.

Kennedy erklärte aber auch, dass es in ähnlich gelagerten Fällen zu einer anderen Entscheidung kommen könnte. Es bedürfe einer tiefergehenden Bewertung in den Gerichten, schrieb er. Dabei müsse sowohl berücksichtigt werden, dass religiöse Überzeugungen nicht unangemessen missachtet werden dürften, wie auch die Tatsache, dass homosexuelle Menschen nicht gedemütigt werden dürften, wenn sie bestimmte Dienstleistungen auf dem freien Markt in Anspruch nehmen wollten.

In den USA gibt es noch eine Reihe weiterer Fälle, in denen Geschäfte homosexuellen Paaren Leistungen verweigert hatten - darunter Floristen, Fotografen und Bäcker. Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes fiel sieben zu zwei aus. Die beiden liberalen Richterinnen Ruth Bader Ginsburg und Sonia Sotomayor stimmten dagegen.


Aus: "US-Bäcker darf Schwulen Hochzeitstorte verweigern" (04.06.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/oberster-gerichtshof-us-baecker-darf-schwulen-hochzeitstorte-verweigern/22642668.html (https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/oberster-gerichtshof-us-baecker-darf-schwulen-hochzeitstorte-verweigern/22642668.html)

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Quote
[...] Der Staat überweist den Kirchen jährlich immer mehr Geld – unabhängig von der Kirchensteuer und von Zahlungen für kirchlich erbrachte Dienste wie in Kindergärten oder Altenheimen. Die sogenannten Staatsleistungen steigen 2018 laut Kennziffern aus den Haushaltsplänen der Bundesländer gegenüber dem Vorjahr um mehr als 14 Millionen Euro auf 538 Millionen Euro an – so viel wie noch nie. Das jedenfalls ergibt eine Erhebung der Humanistischen Union, welche der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vorliegt. Wie der kirchenkritische Verband weiter vorrechnet, erhielten die Kirchen seit 1949 insgesamt fast 17,9 Milliarden Euro Staatsleistungen.

Das Geld fließt aus dem allgemeinen Steueraufkommen der Bundesländer; Bremen und Hamburg beteiligen sich nicht. Die Ansprüche der Kirchen haben ihren Ursprung im Wesentlichen im 19. Jahrhundert, als Ausgleich für Enteignungen nach dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803, zum Ende des Heiligen Römischen Reichs.

Von den 538 Millionen Euro in diesem Jahr erhält die evangelische Kirche rund 314 Millionen und die katholische Kirche 224 Millionen Euro, so die Humanistische Union. Je Einwohner in Deutschland betrage die Leistung 6,55 Euro im Jahr. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz kommentierten die Zahlen am Montag auf Anfrage nicht.

Die Staatsleistung fließt zusätzlich zu Kirchensteuern und zu den Zahlungen, welche die Kirchen für ihre Arbeit im sozialen Sektor erhält, also etwa in Kindergärten, Schulen oder Krankenhäusern. Wofür sie die Staatsleistung verwenden, müssen sie nicht offenlegen. Die Deutsche Bischofskonferenz nennt in erster Linie Aufwendungen für Personal und Gebäudeunterhalt. Die Weimarer Reichsverfassung forderte 1919 die Staatsleistungen abzulösen, der entsprechende Artikel wurde auch ins Grundgesetz übernommen. "Dieser Verfassungsauftrag ist endlich auszuführen", fordert die Humanistische Union. Die Kirchen zeigen sich dazu bereit – gegen Sonderzahlungen.

Nach Angaben der EKD machen die Staatsleistungen im Schnitt 2,6 Prozent des jeweiligen Haushalts in den Landeskirchen aus. Wichtigster Einnahmeposten ist die Kirchensteuer: Laut Destatis und den Kirchen nahm 2016 darüber die Katholische Kirche 6,2 Milliarden Euro und die Evangelische Kirche mehr als 5,4 Milliarden Euro ein. Der Fiskus zieht die Steuer, die in Wirklichkeit eher ein Mitgliedsbeitrag ist, für die Kirchen ein.

Quelle: n-tv.de , kpi


Aus: "Staat zahlt Kirchen so viel wie nie zuvor" (Dienstag, 05. Juni 2018)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Staat-zahlt-Kirchen-so-viel-wie-nie-zuvor-article20464328.html (https://www.n-tv.de/politik/Staat-zahlt-Kirchen-so-viel-wie-nie-zuvor-article20464328.html)

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on July 07, 2018, 11:13:59 PM
Quote
[...] Evangelikale Christen sind nicht nur Gläubige, sie sind auch eine der mächtigsten gesellschaftlichen Bewegungen der Nachkriegszeit. Keine andere religiöse Gemeinschaft in Amerika hat wie sie nach politischem Einfluss gestrebt. Als Reaktion auf die kulturellen Gewitter der Sixties begannen vor allem weiße, konservative Menschen aus den wachsenden Vororten Amerikas sich politisch zu organisieren. Sie begriffen ihr politisches Engagement als einen antiliberalen Feldzug zur Rettung der Seele Amerikas. 1979 gründeten Jerry Falwell und Tim LaHaye die Moral Majority-Bewegung, andere Gruppierungen folgten und rollten mit ihrem Kampf für "Familienwerte" die amerikanische Politik auf.

Evangelical wurde zunehmend gleichbedeutend mit christian right, mit rechter Politik. Abtreibung, Homosexualität, Feminismus, Pornografie, Verhütung, die sexuelle und soziale Revolution der Sechzigerjahre kam seit den späten Siebzigern auf die Agenda der Wahlkämpfe. Evangelikale Prediger wie Billy Graham hatten nicht nur stets Zugang zu den amerikanischen Präsidenten, als Fernsehprediger hatten sie auch Zugang zu jedem amerikanischen Wohnzimmer. Zumindest Ronald Reagan und George W. Bush gaben konservativen Christen das Gefühl, einer von ihnen stehe an der Spitze des Staates.

Die Hinwendung der Evangelikalen zu Trump ist weniger selbstverständlich. "Die moralischen Überzeugungen vieler evangelikaler Führer sind nur noch geprägt von politischem Lagerdenken. Das ist nicht einmal mehr Leichtgläubigkeit; es ist die reine Korruptheit", schrieb etwa der konservative Politiker Michael Gerson in einem wütenden Essay für den Atlantic. Gerson wuchs selbst in einer evangelikalen Familie auf und hat lange für republikanische Regierungen gearbeitet. An den derzeitigen republikanischen Präsidenten hätten die evangelikalen Christen ihre Seele verkauft. Die Anführer der evangelikalen Bewegung seien geblendet vom Hass auf ihre politischen Gegner und sähen gar nicht mehr, welchen Schaden sie den Zielen zufügten, denen sie ihr Leben gewidmet hätten.

... Der linke Philosoph und Theologe Adam Kotsko, der selbst aus einem evangelikalen Umfeld stammt, erklärt die Doppelmoral vieler amerikanischer Christen mit ihrem verzweifelten Drang nach kultureller und politischer Anerkennung. Trump gebe ihnen das Gefühl, respektiert zu werden, und dass ein reicher, mächtiger Mann von außerhalb der evangelikalen Kultur ihre Forderungen ernst nehme, mache die Bindung zu ihm fast noch enger, sagt Kotsko. So konnte Trump gegen alle Wahrscheinlichkeit zur Führungsfigur des weißen, christlichen Amerikas werden, zum völligen Unverständnis aller Liberalen, die in ihm nur den obszönen, ganz und gar unchristlichen Unhold sehen. Für die einen ist er eine Heilsgestalt, für die anderen der Antichrist. Auch das spiegelt wieder, wie zerbrochen die amerikanische Öffentlichkeit ist. Mehr noch als andere Konservative haben die Evangelikalen eine dichte Blase, ja eine Parallelgesellschaft, geschaffen. Sie heiraten unter sich, schicken ihre Kinder auf gesonderte Schulen und Universitäten und haben ihre eigenen Medien, welche von Trump gezielt hofiert werden. Das Christian Broadcasting Network des Predigers Pat Robertson unterstützte Trump etwa bereits im Wahlkampf und bekommt seitdem immer wieder exklusive Interviews mit dem Präsidenten und hohen Regierungsmitgliedern.

Tatsächlich hat vieles, was man heute mit dem Phänomen Trump in Verbindung bringt, eine Vorgeschichte in der evangelikalen Kultur. Nicht erst Trump brachte den evangelikalen Christen bei, dass man von Medien und Eliten verbreiteten Fakten auch ignorieren kann, wenn sie die eigene Identität bedrohen: Fast 70 Prozent aller Evangelikalen leugnen schließlich die wissenschaftliche Evolutionstheorie. Seit Jahrzehnten gehört es zur Grundstimmung der christlichen Rechten, sich vom gesellschaftlichen Mainstream entfremdet zu fühlen. Auch deshalb kämpfen Evangelikale so sehr um politische Macht und fühlen sich trotz ihres Einflusses gleichzeitig so unterlegen wie bedroht: Weil sie fürchten, den Kampf um die Seele Amerikas endgültig zu verlieren. Der Anteil der weißen Christen in der Bevölkerung liegt nur noch bei 43 Prozent. Dass in der amerikanischen Bevölkerung etwa Homosexualität zunehmend nicht mehr geächtet wird, erscheint vielen von ihnen als ein Zeichen definitiver Dekadenz. Mit diesem Untergangsgefühl, das leicht in eine Wagenburgmentalität und heftigen Aggressionen gegen den politischen Gegner mündet, trat der Trumpismus in Resonanz.

... Nicht alle folgen deshalb der Erzählung des konservativen Autors Michael Gerson, derzufolge die evangelikale Bewegung erst kürzlich und aus Opportunismus von ihrem reinen Weg abgekommen sei. Für viele ist Trump schlicht der authentische Ausdruck der antintellektuellen, nationalistischen und autoritären Kultur des evangelikalen Amerikas, die von der Angst durchsetzt ist, bald nicht mehr in einer christlich-weiß geprägten Nation zu leben. Das legt etwa die Forschung der Professorin Janelle Wong von der Universität von Maryland nahe. Nach der Wahl im November 2016 versuchte sie herauszufinden, warum Evangelikale für Trump gestimmt hatten. 50 Prozent der von ihr befragten weißen Evangelikalen seien der Ansicht, dass Einwanderer der Wirtschaft schadeten, schrieb sie in der Washington Post. Als konservative Christen fühlten sie sich angegriffen, als Weiße diskriminiert.

Der strukturelle Rassismus in der Geschichte der USA, die Vorstellung, das tiefe Amerika beruhe auf einer protestantisch-weißen Kultur und müsse gegen weitere Einwanderung oder gesellschaftliche Durchmischung mit anderen Kulturen, Religionen oder Hautfarben geschützt werden, war häufig religiös gefärbt. So rekrutierte der Ku-Klux-Klan, als er nach dem Ersten Weltkrieg im Zeichen des Kreuzes zu einer gewaltbereiten Millionenbewegung anwuchs, seine Mitglieder fast ausschließlich aus der protestantischen Mittelschicht. Die Agitation des Klans richtete sich gegen Migranten, Feminismus und alle Nichtweißen, aber auch gegen Katholiken und Juden. Er tat es auf eine Weise, die frappierend an die Anti-Islam-Agitation von heute erinnert.

"Evangelikalismus ist eine sehr weiße Bewegung", sagt auch Adam Kotsko. Was die Evangelikalen heute mit Trump eine, sei "das Gefühl, dass Amerika bedroht und umlagert ist. Dies sei die letzte Chance, um noch das, was sie für die authentischen amerikanischen Werte halten, zu bewahren."

...

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DieZeitKommentieren #23

... Religionen sind waren schon immer gut für Krieg, Tod, Verfolgung und zum Geld verdienen. Jüngst kommt dann noch reichlich sexueller Missbrauch dazu...


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Something_is_rotten #25

Dieser Artikel hinterlässt bei mir eine große Gelassenheit.
Jesus sagt: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung erleiden, denn ihnen wird das Himmelreich zuteil! Selig seid ihr, wenn man euch um meinetwillen schmäht und verfolgt und euch lügnerisch alles Böse nachredet! Freuet euch darüber und jubelt, denn euer Lohn ist groß im Himmel! Ebenso hat man ja auch die Propheten vor euch verfolgt.“ (Jesus in Matthäus Kapitel 5, Verse 10-11)
... Im Übrigen: "DIE Evangelikalen" gibt es ebenso wenig wie "DIE Muslime".


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atech #34.1

Religiöser Glaube ist nicht erblich. Moderne, naturwissenschaftliche Schulbildung ist ein wirksames Gegengift. Das wissen die Religiösen weltweit allerdings auch. Donald Trump setzte Betsy deVos als Bildungsministerin für evangelikale Privatschulförderung ein, Präsident Erdogan hat die Evolutionstheorie aus dem Lehrplan gestrichen...


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MaryPoppinsky #88

Bildungsverachtung ist ebenfalls Teil des Problems:
"Most Republican voters believe that higher education is bad for the country."
"Republicans: College Is Ruining America"
“Republicans increasingly say colleges have negative impact on U.S. Republicans and Democrats offer starkly different assessments of the impact of several of the nation’s leading institutions – including the news media, colleges and universities and churches and religious organizations – and in some cases, the gap in these views is significantly wider today than it was just a year ago. While a majority of the public (55%) continues to say that colleges and universities have a positive effect on the way things are going in the country these days, Republicans express increasingly negative views. A majority of Republicans and Republican-leaning independents (58%) now say that colleges and universities have a negative effect on the country, up from 45% last year. By contrast, most Democrats and Democratic leaners (72%) say colleges and universities have a positive effect, which is little changed from recent years.”
-> https://www.youtube.com/watch?v=N22d_kqtYpA (https://www.youtube.com/watch?v=N22d_kqtYpA)


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Seemannsfrau #35

Deus vult !

Gott will es. Das hat schon vor unserer Zeit ganze Landstriche ins Chaos gestürzt.
Schauen wir mal, was noch alles auf uns zukommt.


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der_pfälzer #36

Mir als bekennender Christ wird schlecht wenn ich dies lese. Das was die amerikanischen Evangelisten predigen hat nichts, aber auch gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun. Wenn ich - was ich per se meines evangelischen Glaubens nicht tue - an die Hölle glauben würde, wäre ich sicher dass diese Leute alle in der Hölle landen würden.


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Jimmy III. #36.3

Aha...nach welcher Methodik entscheiden sie denn was "christlich" ist, und was nicht?
Meiner Erfahrung nach ist die Logik immer die Selbe:
Was mir persönlich nicht passt ist unchristlich, und jeder der meiner Meinung ist ist christlich...


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tobias.x #37

> "Man kann Trumps Regierung sicherlich als eine der christlichsten der jüngeren Geschichte bezeichnen."

Bitte schreiben Sie lieber:
"... als eine der Regierungen mit dem größten Einfluss sich christlich nennender Gruppierungen".

So wie im Text verwendet wird das Wort "christlich" komplett entwertet.

Schreibe ich als überzeugter Atheist, der aber die grundlegenden christlichen Werte in weiten Bereichen schätzt. Wenn sich die als Christen bezeichnenden Menschen nur mehr daran halten würden..


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Matze 83 #39

"Gott wolle es so, das ist ein Argument, mit dem man in den USA Politik begründen kann."

Ein "Argument" mit dem man im Mittelalter auch schon die Kreuzzüge "begründet" hat. "Deus Vult"
Wenn eine Gesellschaft soweit ist das man ihr"Gottes Wille" als ausreichende Begründung für politische Entscheidungen verkaufen kann, kann man als Politiker alles machen, jede Grenze überschreiten (sprichwörtliche und reale) und jedes Verbrechen rechtfertigen.


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Kohlenträgersohn #42

Klasse Zeitartikel, wann findet der erste analytische untersuchende gegen den Islam statt oder traut man sich nicht ?


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atech #42.1

what about...


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Matze 83 #42.3

Ich hatte mich schon gefragt wann hier der Erste mit "Aber der Islam..." um die Ecke kommt. :)


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SchnellerDrehmoment #43

Wer glaubt, dass der "liebe Gott" in diesem, sich immer weiter ausdehnenden, unfassbar großen Universum, ganz intensiv um kleine Erde kümmert und jeden Einzelnen von uns genau beobachtet, aufpasst, dass wir auch immer ordentlich beten, ganz nebenbei noch so Sachen wie die unbefleckte Empfängnis erfindet, natürlich alle Geschicke dieses Planeten genau vorher geplant hat, der glaubt auch, dass Fruchtzwerge gesund sind oder mit anderen Worten, dem ist auch nicht mehr zu helfen.


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SchnellerDrehmoment #43.3

... und wenn jemand was gegen Religionen sagt, werden seine Beiträge zensiert, weil man ja religiöse Gefühle verletzt.
Warum werden die anderen nicht davor geschützt, dass man ihren gesunden Menschenverstand beleidigt.


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Matze 83 #43.4

"Warum werden die anderen nicht davor geschützt, dass man ihren gesunden Menschenverstand beleidigt."

Weil diejenigen, die dem gesunden Menschenverstand statt irgendwelchen überkommenen Aberglauben anhängen erwachsen genug sind mit derartigen "Beleidigungen" umzugehen ohne einen Tobsuchtsanfall zu bekommen.

;)


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heined #47

Eines Tages platzte einer meiner Schüler mit muslimischer Herkunft in mein Büro und fragte: "Nicht wahr, Gott ist doch nur ein grosser Schwindel?"
Ich überlegte und antwortete: "Ich unterrichte Mathematik und nicht Religion. Schule ist neutral in solchen Fragen. Aber es ist doch so, dass wenn ich eine Wurst auf den Tisch lege und dem Hund verbiete sie zu essen, wird er gehorchen, so lange ich da bin. Was aber passiert, wenn ich hinausgehe?"
Schüler: Er schnappt sich die Wurst."
"Eben," fuhr ich fort," ein Mensch aber gehorcht auch dann, wenn ich weg bin. Denn man hat ihm beigebracht, dass Gott alles sieht."


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wilsieb #56

Liebe Deutschen, wähnt euch nicht sicher vor evangelikalen, fundamentalistischen Christen in Deutschland. Einer meiner besten Freunde, inklusive der ganzen Familie, ist Mitglied in einer evangelikalen Freikirche. Das ist Gehirnwäsche pur, meiner Meinung nach. Pfadfinder-Vereine sind auch oft von evangelikalen Freikirchen (z.B. die Royal Rangers).
Mein Freund erzählt z.B. gerne was von Anzeichen für die Apokalypse. Bis vor kurzem hat er noch Theologie und Musik studiert, inzwischen hat er Theologie abgebrochen und ist auf Englisch gewechselt (gutes Zeichen!).
Er studiert im Raum Stuttgart - da gibt es leider viele Evangelikalen...

... Ach ja, zum Bibelkreis geht er übrigens auch.


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freidenker80 #67

Ich finde es immer krass, wenn Leute meinen, den Willen eines übermenschlichen Wesens zu kennen. Jeder, der statt von Gott von anderen Fabelwesen wie Außerirdischen oder Kobolden faselt, ist reif für die Klapse. Aber wenn man sich einen Gott halluziniert und sich mit seinen Taten auf ihn beruft, wird das als normal akzeptiert.


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Erstmal -zurücklehnen #83
Das sind die christlichen Kirchen wie sie immer waren und bleiben. Die Kooperation mit den Nazis war es bei uns. Aktive Gegenwehr gegen "das Böse" schlechthin kam nur von einzelnen und sehr wenigen.
Heute salbadern sie bei uns wieder von Menschlichkeit. Aber jetzt wieder die Nagelprobe: Wo ist die klare Kante gegen das Verhalten von Seehofer und Co gegenüber dem Leid der Geflüchtete?
Sie politisieren und taktieren wieder. Klar meine Herren Kardinäle. ...


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Saltatio #83.2

Es gab katholische Priester und evangelische Pfarrer, die sind in den KG der Nazis gestorben. In Dachau gab es zum Beispiel einen "Pfarrerblock". Bitte werfen Sie nicht alles in einen Topf.


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Hartmann Ulrich #104

Die Unterstützung vieler Evangelikaler für Trump beweist, daß das, was sie für sich in Anspruch nehmen und was ihnen auch in diesem Artikel zugeschrieben wird, nämlich daß sie die Bibel wörtlich nehmen, in Wirklichkeit nicht zutrifft. Wenn man nämlich die Bibel wörtlich nimmt, und da ist es fast egal, welchen Teil, steht Trump fast durchweg für das Gegenteil. Demut, Wahrhaftigkeit, Friedenswille, Feindesliebe, Verzicht, Bußfertigkeit, Mäßigung... Nicht einmal seine Anhänger können ernsthaft behaupten, daß diese Werte, die in der Bibel hochgehalten werden, von Trump verkörpert werden. Daß sie ihn dennoch unterstützen, zeigt, daß es sich bei ihnen nicht um (wörtlich gemeint) christliche Fundamentalisten handelt, sondern um Nationalreligiöse.


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O Quijano #105

Text und Kommentare überbieten sich ja an Spott und Verachtung über christliche Amerikaner. Keine Ahnung ob es begründet ist oder nicht, dafür kenne ich diese Amerikaner zu wenig.
Eines weis ich aber: diejenigen, die sich so höhnisch über Glauben und Religion anderer erhaben fühlen, sollten sich fragen, ob sie selber nicht in grotesker Verblendung den Balken im eigenen Auge, die Allgegenwart von Glauben in ihrem eigen Leben übersehen.
Man mache einen Versuch und ersetzte „USA“ durch „Deutschland“ und „Gott/Religion/christlich“ beispielsweise durch „Europa“. Voilá, man erhält das Bild einer Gesellschaft, die in identischem Ausmaß vom Glauben bestimmt ist wie die Gemeinschaft der gerade noch unflätig als hinterwäldlerisch und irrational beschimpften Evangelikalen in den USA:
„Die Anwendung des Gesetzes sei gut und moralisch, so habe Europa es gewollt. Europa wolle es so, das ist ein Argument, mit dem man in den Deutschland Politik begründen kann. Wie sehr Europa und Politik in Deutschland verquickt sind, …… In seiner Rede stellte der Bundespräsident fest: Deutschland ist eine europäische Nation. Ohne Europa würde die deutsche Gesellschaft zugrunde gehen: Wenn unsere Nation sich von Europa abwendet, … usw …usw…usw“


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Paul Benjamin #109

Erwachsene Menschen mit unsichtbaren Freunden sollten von politischer Verantwortung ferngehalten werden.


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InXR #108

Pauschaler geht es nicht - solch ein Essay ist der "Zeit", die sonst so auf differenzierte Darstellung Wert legt, nicht würdig.
In Amerika steht "evangelical" für "evangelisch" und ist eine überkonfessionelle Bewegung, der auch ein Jimmy Carter angehört (nachzulesen bei Wikipedia "Evangelikalismus"). Dazu werden nur negative Attribute miteinander wild verknüpft und unter dem Strich kommen Trump-Mittelalter-Monster rüber. Dass unter diesen "Evangelikalen" auch Friedensaktivisten (z.B. Mennoniten) oder Ärzte (z.B. Mercy Ships) sind, die sich weltweit ehrenamtlich für die Ärmsten der Armen engagieren, wird bewusst weggelassen.
Solch ein Essay über DIE Atheisten geschrieben, die im 20. Jahrhundert mit Mao, Stalin, Hitler und Pol Pot über 100 Millionen Menschen abgeschlachtet haben, weil sie den Menschen und sich selbst damit in den Mittelpunkt des Universums gesetzt haben - oh, oh, da gäbe es einen Aufschrei. Zu Recht, denn natürlich ist nicht jeder Atheist ein Mao, Stalin, Hitler oder Pol Pot.
Genauso wenig wie "Evangelikale Christen" Trump-Mittelalter-Monster sind.
Von daher nur eine kleine Bitte, die aber dringlich: Differenzierter und weniger auf Beifall heischend! Denn Evangelikale abzuwatschen, da kann man sich dem Beifall in den Kommentarzeilen sicher sein.



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Haschim Ibn Hakim #110

Religion war schon immer ein probates Mittel zur Unterdrückung und Verdummung. Glauben muss man, was die Herrschaften vorgeben, waren sie doch 'Herrscher von Gottes Gnaden'. Seinerzeit hat der Papst den Kaiser gekrönt. Heutzutage läuft es halt ein wenig anders, aber überall wo sich Herrscher (oder Regierende) auf Gott berufen, ist etwas faul, Iran, Saudi-Arabien, und nun auch auch die USA.
Wer nichts weiss , muss eben glauben. Wissen, Erkenntnisse, kritisches Denken sind verpönt. ...


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Aus einem  Essay von Paul Simon "Weil Gott es will" (7. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2018-07/evangelikale-donald-trump-religioeser-fundamentalismus-usa-migration/komplettansicht (https://www.zeit.de/kultur/2018-07/evangelikale-donald-trump-religioeser-fundamentalismus-usa-migration/komplettansicht)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on July 08, 2018, 11:16:07 AM
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Würden Sie sich als Atheisten bezeichnen?

Jan Assmann (Kulturtheoretiker): Nein. Gott ist für mich eine offene Frage; für die Atheisten ist sie gelöst. Ich würde meinen, dass alle Religionen Übersetzungen von etwas Verborgenem, aber irgendwie Spürbaren sind. Religionen finden im Sinne dieser „verborgenen Religion“ dann jeweils andere Bilder, andere Übersetzungen dieser Grunderfahrung. Das ist die Weisheit der Ringparabel, deren Varianten bis ins 8. Jahrhundert zurückgehen. Die Wahrheit ist verborgen, aber wir dürfen nicht aufhören, sie in unserem Tun und Denken anzuzielen.

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Aus: "„Es gibt keine wahre Religion“" (2013)
Quelle: https://philomag.de/es-gibt-keine-wahre-religion/ (https://philomag.de/es-gibt-keine-wahre-religion/)

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"Christlich-jüdisches Verhältnis: Benedikts Aufsatz mit kirchenpolitischer Sprengkraft" Michael Hollenbach (16.08.2018)
Ein Text des früheren Papstes Benedikt XVI. polarisiert. Darin stellt der Emeritus die Frage, ob das Christentum das Judentum ersetzt. Ratzinger wolle mit dem Aufsatz die Diskussion "verdeutlichen, versachlichen und vertiefen", sagen die einen - andere sehen das Judentum abgewertet. ... Papst Johannes Paul II. legte großen Wert auf den aktuellen Dialog mit dem heutigen Judentum. Einen weiteren Schritt der Versöhnung unternahm der polnische Papst im März 2000, als er in einem Gebet um Verzeihung bat: "Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen. Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes."
Papst Benedikt setzt dagegen andere Akzente. Ihn beschäftigte das Schisma der Piusbruderschaft. Heftige Irritationen löste er aus, als er sich 2007 und 2008 um eine Versöhnung mit der Gemeinschaft, die das Zweite Vatikanische Konzil nicht akzeptiert, bemühte. Benedikt erlaubte mit dem Erlass "Summorum pontificum" - auf Deutsch: Die Sorge der Päpste - die Messe nach vorkonziliarem Ritus. Wohlwollende Beobachter deuteten dies als Beitrag zur Einheit der Kirche und zur liturgischen Vielfalt, Kritiker als Zugeständnis an die Piusbruderschaft.
Zum Alten Ritus gehört die Karfreitagsfürbitte. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil hatte der Priester in der Messe darum gebeten, dass Gott "den Schleier von den Herzen der Juden wegnehmen" möge, damit auch sie Jesus Christus erkennen würden. Die Juden sollten, wie es hieß, ihrer Finsternis entrissen werden. Davon hatte sich der Vatikan eigentlich längst distanziert. Benedikt XVI. veröffentlichte im Mai 2008 eine neue Fassung der Karfreitagsbitte. Die lautet:
"Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen."
Als Rückschritt in den Beziehungen zum Judentum wertet Hanspeter Heinz diese Aktionen des deutschen Papstes zehn Jahre später:
"Er ist sich selber treu, in dem er stehen bleibt, und das heißt: an Christus führt kein Weg vorbei. Er lässt beten für die Bekehrung der Juden, das hat für Riesenärger gesorgt, weil es im Grund die Kehrseite der alten Karfreitagsfürbitte ist, wo von den Juden gesagt wird: Sie leben in Finsternis, sie sind blind, und dass sie Jesus Christus, den Erlöser erkennen. Sie müssen zu Christus Ja sagen, und das bricht den Juden das Kreuz." ...
https://www.deutschlandfunk.de/christlich-juedisches-verhaeltnis-benedikts-aufsatz-mit.886.de.html
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on August 23, 2018, 07:44:38 AM
"Integration: Da musst du jetzt durch" Simone Schmollack (22. August 2018)
Was passiert, wenn eine junge Geflüchtete und eine Deutsche zusammenwohnen? Unsere Autorin erlebt es seit einigen Monaten mit Senait, die als 17-Jährige aus Eritrea kam. ... Wenn sie von ihrem Gott redet, tut sie es sehr leidenschaftlich. Ich höre zu, ich frage nach. Manchmal habe ich das Gefühl, sie möchte, dass ich ihrer Religion ebenfalls folge. Aber ich glaube nun mal nicht ans Jenseits und an ein Leben nach dem Tod, jede Form von Spiritualität ist mir suspekt. Das sage ich Senait nicht. Aber sie spürt es, runzelt die Stirn und sagt: "Das geht nicht. Jeder Mensch braucht einen Gott."  ... Wenn wir auf der Straße muslimische Frauen mit Kopftuch treffen, sagt sie: "Das ist nicht richtig." "Doch", sage ich: "Die Frauen, die es wollen, dürfen ein Kopftuch tragen." Senait ist kritisch gegenüber dem Islam und kritisch gegenüber anderen Glaubensrichtungen, die von ihrem Gottesbild abweichen. Sie versteht nicht, dass es in Asien viele verschiedene Religionen mit unzähligen Göttern gibt. Ich versuche, ihr das zu erklären und sage so etwas: "Jeder Mensch darf an das glauben, woran er und sie möchte." Ich verwende Begriffe wie Toleranz, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung. Sie versteht die Wörter, beharrt aber darauf, dass ihre Religion die einzig richtige ist. Im Laufe der Zeit habe ich verstanden, dass es egal ist, ob sie meinen Aussagen folgt oder nicht. Und sie hat verstanden, dass mein Leben ohne Gott nicht leer, richtungslos und unvollständig ist. ...
https://www.zeit.de/kultur/2018-08/integration-gefluechtete-zusammenleben-eritrea-naehe-10nach8/komplettansicht

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"EuGH-Urteil: Halleluja, Gleichheit ist der EU heiliger als die Kirche" Ein Kommentar von Luisa Jacobs (11. September 2018)
Die Kündigung eines wieder verheirateten katholischen Chefarztes kann Diskriminierung sein, befand das EuGH. Ein wichtiges europäisches Signal für die Gleichheit. ... Eine Ärztin ist keine weniger gute Ärztin, weil sie eine Frau ist. Ein Pfleger ist kein weniger guter Pfleger, weil er Männer liebt. Und eine Krankenschwester macht ihre Arbeit nicht schlechter, weil sie eine nicht weiße Hautfarbe hat. In Deutschland regelt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, dass Menschen nicht aus Gründen der Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung benachteiligt werden dürfen. Diskriminierung ist laut deutschem Arbeitsrecht verboten. Eigentlich.
Die katholische Kirche aber tut genau das. Sie diskriminiert. Wenn beispielsweise ein katholischer Arzt gegen katholische Moralvorstellungen verstößt, dann soll er auch nicht mehr in einem katholischen Krankenhaus arbeiten. ... Konkret geht es um folgenden Fall: Ein katholischer Chefarzt, der die Abteilung für Innere Medizin an einem katholischen Krankenhaus in Düsseldorf leitet, lässt sich von seiner ersten Ehefrau, mit der er nach katholischem Ritus verheiratet war, scheiden und heiratet erneut standesamtlich, ohne seine erste Ehe für nichtig zu erklären. Weil das gegen die Moralvorstellungen der katholischen Kirche verstößt, kündigt ihm das katholische Krankenhaus. Der Chefarzt klagt gegen die Kündigung. Denn: Einem evangelischen oder konfessionslosen Chefarzt wäre bei Wiederheirat nicht gekündigt worden.
Seit neun Jahren streiten deutsche Gerichte nun darüber, ob die katholische Kirche ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kündigen darf oder nicht. Drei Arbeitsgerichte gaben dem Chefarzt recht. Die Kirche aber gab nicht auf und zog vor das Bundesverfassungsgericht, und das befand im Jahr 2014, die Arbeitsgerichte hätten sich zu tief in innerkirchliche Angelegenheiten eingemischt. 
Heute, endlich, hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass das Privatleben des Chefarztes keine Auswirkung auf seine Tätigkeit, "nämlich die Beratung und medizinische Pflege in einem Krankenhaus und Leitung der Abteilung Innere Medizin", hat, so drückt es der EuGH in seinem Urteil aus. Kurz: Ein mehrfach geschiedener Chefarzt kann sich um kranke Patienten ebenso gut kümmern wie ein nach katholischem Ritus verheirateter Chefarzt.
Dafür spricht auch die Tatsache, dass an katholisch geleiteten Krankenhäusern eben nicht ausschließlich katholisches Personal arbeitet, sondern ebenso konfessionslose oder anders gläubige Mitarbeiterinnen. Dass ein nicht katholischer und ein mit den moralischen Vorstellungen brechender Katholik unterschiedlich behandelt werden können, ist ein Fall von Diskriminierung.
Mit dieser Entscheidung weist der Europäische Gerichtshof den deutschen, traditionell kirchenfreundlichen Gerichten die richtige Richtung: Gleichheit muss vor kirchlicher Selbstbestimmung kommen. In Deutschland haben Gerichte in der Vergangenheit im Zweifel eher für die Kirche entschieden." Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheit selbständig innerhalb des für alle geltenden Gesetzes", so steht es im Grundgesetz und so wurde der Passus oft kirchenfreundlich interpretiert.
Der Europäische Gerichtshof muss sich dieser Tradition nicht unterordnen. Der EU ist die Gleichstellung heiliger als die Kirche. ...
https://www.zeit.de/arbeit/2018-09/eugh-urteil-katholische-kirche-gleichheit-arbeitnehmerrechte/komplettansicht

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Renfrew #2

Ein wichtiges Urteil. Es muss Schluss damit sein, dass sich die Kirchenoberen wie Stammesfürsten verhalten, die mit dem Personal nach Gutsherrenart umgehen.


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Heiliger Römischer Reis #4

Mit dieser Entscheidung weist der Europäische Gerichtshof den deutschen, traditionell kirchenfreundlichen Gerichten die richtige Richtung: Gleichheit muss vor kirchlicher Selbstbestimmung kommen

Halleluja!

Wurde aber auch Zeit...


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on September 24, 2018, 11:26:02 AM
"Schamanismus: Finde die Weisheit der Gebärmutter" Lilli Heinemann (2. August 2017)
Es liegt was in der Luft: Junge Frauen suchen nach Sinn und flüchten in die Natur. Chakrenbalance, Kristalltherapie und Korbflechten sind .... hip. ... Chloe gehört einer Bewegung junger Frauen an, die mitten im Leben stehen, aber nach mehr suchen. Sie treffen sich regelmäßig in den Wäldern rund um London. Die Zusammenkünfte der sogenannten Sisterhood werden durch schamanische Praktiken, vedische Meditation, Tanz und Gesang begleitet. Dabei werden Lebensmittel fermentiert, Körbe geflochten, Stoffe gefärbt, Kräutermedizin hergestellt, Gedichte geschrieben, Yoga praktiziert, gemeinsam gekocht und vieles mehr. "Wir können nicht länger in einer zusammenhanglosen Welt existieren. Unser Überleben hängt davon ab, sich zu erinnern, wer wir sind und woher wir kommen", erklärt Charlotte Hall. Charlotte ist im gleichen Alter wie Chloe, lebt ebenfalls in London und arbeitet als PR-Beraterin in der Modeindustrie. Sie kam schon als Kind mit alternativen Lebensformen in Kontakt, besuchte regelmäßig New-Age-Gemeinschaften auf dem Land, die temporär zusammen lebten, Hütten nach altertümlichen Methoden bauten und ihr Essen am offenen Feuer zubereiteten. Als Teenager wandte sie sich von diesem Lebensstil ab, um wie die anderen zu sein. Erst mit der Schwangerschaft und Geburt ihrer Tochter öffnete sie sich wieder für ein anderes Leben und nimmt seither regelmäßig an Women's Gatherings teil.  ...
https://www.zeit.de/kultur/2017-07/schamanismus-spiritualitaet-rituale-grossstadtleben-10nach8/komplettansicht

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Mag is back #1

Nur meine persönliche Meinung. Die oben genannten Rituale und Praktiken sehen für mich stark nach Wohlstandsdekadenz aus.



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commandantina #13

Endlich mal ein angenehm nüchterner, nicht von vornherein ablehnender, aber doch kritisch hinterfragender Artikel zum Esoterik-Trend unserer Zeit, danke! Ich persönlich kann dieses Gewäsch "Verbinde dich mit deinen Körperteilen und heilige sie!" nicht ausstehen - dazu kenne ich (beruflich bedingt) viel zu viele Frauen im besten Alter, die erst aufgeblüht sind, als sie ihre Gebärmutter los waren. Auch die Behauptung, "göttliche Weiblichkeit" sei gleichbedeutend mit einem unbedingt zu akzeptierenden Empfangsprinzip (Zitat: "Bei der zelebrierten göttlichen Weiblichkeit ginge es hingegen um das Empfangen, darum, es den Dingen zu erlauben, zu einem zu kommen.") halte ich psychologisch für gefährlichen Unsinn: Es sind die Fesseln der Verzweiflung, die eine Frau der anderen anzulegen versucht, damit sie die Einsamkeit echter Erkenntnis nicht alleine ertragen muss.


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JuliusU995 #16

"Chloe erklärt, dass die weibliche Kraft und Weisheit in der Gebärmutter "

Ok ZON ich versuche es sachlich. Gibt es nicht auch den Brauch das Mütter nach der Entbindung ein Teil der Plazenta zubreiten und essen ?
Es tut mir leid, ich kann mir nicht helfen. Aber ich weiß nicht wie man auf sowas reagieren soll ?
Humor ? Wut ? Gleichgültigkeit ? Schreiend zur Tür hinaus laufen? Und kommt es mir nur so vor oder geht es bei den ganzen Eso-Kram eigentlich nur um Sex ? Ich mein wenn ein paar Verpeielte gerne Geld ausgeben, bitte schön. Nur bei diesen ganzen EsoZeugs gibt es eine Menge Menschen die ernsthafte Probleme haben und verzweifelt sind. Kommt mir zu kurz in dem Artikel.


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twigalo #16.1  —  3. August 2017, 11:50 Uhr 3

Lesen Sie weiter unten den Kommentar, der auf den Zusammenhang mit vorher erlebtem sexuellen Mißbrauch hinweist, und auf die konkret erlebte und nachhaltige Verbesserung und Entkrampfung im Beckenbereich durch praktisch geübte Entspannung. Das ist plausibel. Vielleicht müssen Sie dann nicht mehr schreien. Auch wenn das Ganze in etwas zu mystische Terminologie gepackt ist - wenn es hilft, hilft' s.


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Something_is_rotten #17  —  2. August 2017, 22:29 Uhr 5

Chakrenbalance statt Klassenkampf...vorübergehend...


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Kybernetik #18  —  2. August 2017, 22:54 Uhr 7

"Im Zentrum dieser Spiritualität steht auch der Holismus, der besagt, dass ein System als Ganzes funktioniert und nicht aus Einzelteilen zusammengesetzt ist – es geht um die Verbundenheit von allem mit allem."

Eigentlich ist es sogar wissenschaftlicher Konsens, das ein System anders funktioniert, als seine Einzelteile. Das es Systemgesetzte gibt, Regelkreise etc. Schaut man sich die Biosphäre an, so ist tatsächlich alles miteinander vernetzt und bilden verschiedene Organisationsformen aus, die wiederum mit anderen in Verbindung stehen.

Manche Menschen, die eine Psychose durchlebt haben, haben öfters auch spirituelle Erfahrungen gemacht. In diesen berichten sie immer wieder von dem wunderbaren Gefühl des Einseins mit der Natur und das alles mit allem verbunden ist.

Der Mensch wird wohl erst dann verstehen, dass er nicht außerhalb der Natur steht sondern mitten drin, wenn er es endlich geschafft hat sich selbst den Ast abzusägen, auf dem er sitzt.

Ich denke auch, das Spritualität durchaus etwas ist, wozu ein Mensch fähig ist und das dies auch einen Sinn erfüllt, gerade, wenn der Sinn nicht mehr im größer, schneller, mehr, gesehen wird, sondern in der Entschleunigung, der Rückbesinnung, der Erdung und letztlich wieder in einer zugewandten Gemeinschaft.


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Googlefix #19  —  2. August 2017, 23:21 Uhr 5

Früher ging es eben etwas prosaischer zu. Bekannt wurden in den 70er Jahren die Selbstuntersuchungsgruppen, in denen sich Frauen gegenseitig mit gynäkologischem Besteck selbst untersuchten, alternative Verhütungsmittel erprobten und versuchten, sich Wissen und Kompetenz um und über den eigenen Körper anzueignen. Die sprirituellen Aspekte waren damals Thema in den Hexenseminaren.

Ziel war damals das Kennenlernen und Wertschätzen des eigenen Geschlechts, das ja heute vielfach noch als minderwertig begriffen wird. Analog dazu gibt es eben für die Männer die Schwitzhüttenrituale, denen auch Putin und Schröder frönten.


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Laubfall #21  —  2. August 2017, 23:30 Uhr 5

Die Damen leben oder lebten in der City in ihrem Kokon aus Materialismus, Äußerlichkeiten, Beliebigkeit und mehr.

Würden Sie auf dem Land leben, mit eigenem Garten, Natur, im Einklang mit den Jahreszeiten, geerdet und weit weg von jedem Jet-Set, so hätten sie alles gehabt, was sie jetzt verzweifelt suchen.


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Frau. Huber #21.1  —  3. August 2017, 7:27 Uhr

Ich glaube nicht, dass man das pauschal so sagen kann. Ich kenne z. B. eine Frau, die einen eigenen Garten hat, ein Kind hat, wenig Geld hat und alles andere als ein Jet Set Typ ist. Aber sie ist von so schamanischem Klimbim ziemlich angetan, was evtl auch damit zu tun hat, dass sie als Teenager vergewaltigt wurde und darüber nie wirklich hinweg gekommen ist und Probleme mit ihrem Körper und ihrer Weiblichkeit hat.


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twigalo #21.2  —  3. August 2017, 11:03 Uhr 2

Ich glaube nicht, dass sie etwas ' verzweifelt' suchen. Vielleicht ein paar wenige, aber die meisten scheinen schon ganz zufrieden zu sein mit ihren Aktivitäten, haben Spaß dabei, und stören tun sie damit ja niemanden. Und wer weiss, was dann in ein paar Jahren sein wird. Der Weg ist das Ziel. Bis dahin viel Zeit in der Natur verbracht zu haben, ist jedenfalls für Körper und Geist schon mal nicht verkehrt. Komisch wird es dann, wenn sie teure Seminare machen.


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Teilzeitberliner #23  —  2. August 2017, 23:45 Uhr 3

Die dürfen alle wählen gehen!

Das macht mir Angst.


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X #23.2  —  3. August 2017, 2:26 Uhr 4

Angst und so ist normal für einen Städter, der in entfremdeter Umgebung einer entfremdeten Arbeit nachgeht.
Machen Sie mal was Anderes, bevor Sie sich dann im September selbst in der Wahlkabine einfinden.



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Merowinger II #23.3  —  3. August 2017, 5:33 Uhr 6

Wer Menschen, die die Spiritualität für sich entdecken, für eine grosse Gefahr hält, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen. Als ob es nicht genug echte Probleme gäbe, vor denen man Angst haben sollte.


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twigalo #23.4  —  3. August 2017, 11:08 Uhr 1

Genauso wie die aggressiven Automachos, Deutsche Islamisten, Nazis, egoistische bullies usw. Und die sind übrigens keinen Deut rationaler.


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Yvolat #27  —  3. August 2017, 1:18 Uhr 5

Anscheinend macht die Autorin dieses Artikels sich lieber über etwas lustig, das ihr suspekt ist, als dass sie sich auch nur bemüht, es zu verstehen. Den Ton des Artikels finde ich unerträglich, die Verachtung für Frauen, die einen anderen, tieferen Sinn im Leben suchen, ist in jeder Zeile spürbar.
Zur "Weisheit der Gebärmutter" - als jemand, die als Kind sexuell missbraucht wurde, weiß ich, wie sehr diese Erfahrung sich im Becken als Störfaktor festsetzt, und das betrifft die Geschlechtsorgane (u.a. Gebärmutter), aber auch das Tan Tien, ein "Reservoir" unserer Lebensenergie. Blockaden der Lebensenergie im Beckenbereich haben sehr viele Frauen, nicht nur aufgrund persönlicher sexueller Mb-Erfahrungen (die natürlich nicht jede hat oder in der gleichen Weise hat), sondern auch aufgrund von religiös/kulturell verankerter Beschmutzung der weiblichen Sexualität, und der Tatsache, dass man als Frau immer wieder aufs Sexuelle reduziert/bezogen wird und es sehr schwer hat, einfach nur als Mensch wahrgenommen zu werden (nicht alle Frauen profitieren davon oder genießen es, sich sexuell/erotisch in Szene zu setzen) - all das hinterlässt Narben, und diese Narben haben im Sinne der Lebensenergie einen Ort, das Becken.
Ich bin übrigens ganz und gar keine Anhängerin von Esoterik, die für mich deutliche Gefahren hat, aber die spirituelle Sehnsucht der Frauen kann ich gut verstehen und teile sie. Schade, dass die Autorin den beschriebenen Trend nur benutzt, um sich einen abzulachen.


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ikonist #33  —  3. August 2017, 5:09 Uhr

es wird mit Hexenverbrennungen enden


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twigalo #33.1  —  3. August 2017, 11:21 Uhr 1

Hä?


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ikonist #33.2  —  3. August 2017, 13:58 Uhr

der >(schwarze)humorlevel< ist nicht sehr hoch!?


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Gerhard Mall #34  —  3. August 2017, 5:14 Uhr 1

Mich erinnern die beschriebenen Praktiken an Rituale der NS-Zeit, die auf die Wandervogelbewegung und die Reformbewegung zurückgingen. Die Suche nach "Sinn" ist ungebrochen. Sehr interessanter Artikel!


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Kabeljau #38  —  3. August 2017, 9:23 Uhr 3

Als ich die Überschrift las musste ich spontan lachen. Es erinnerte mich sofort an meine Zeit als Student. Damals gab es an der Uni eine Menstruationsgruppe, die sich bei Mondschein treffen und gemeinsam menstruieren wollte.

Kommt irgendwie alles wieder.


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biermännchen #42  —  3. August 2017, 11:44 Uhr 2

"Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten – und sie kommen in Scharen." G.K. Chesterton


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Farmhouse #43  —  3. August 2017, 11:44 Uhr 1

So lange die Zunft der Seelenquacksalber jeden Morgen einen Dummen und eine Dumme findet, der für ihr Auskommen sorgt, werden Lichtwesen, Auren und Energiezentren die Regale der Buchläden und die Konten der Feen und Schamanen füllen.


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Pyntanell #45  —  3. August 2017, 13:14 Uhr 3

Ich finde es immer wieder interessant, dass Schamanismus mit der üblichen Esogeldmacherei verbunden wird. Dabei ist gerade Schamanismus eine Erfahrung, für die man eigentlich keinen Tinnef braucht. Keine Ritualgegenstände, keine Kristalle,keine Altäre. Man braucht nur die Welt um sich herum und die Bereitschaft, ihr zuzuhöhren.


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derneuekarl #53  —  3. August 2017, 19:19 Uhr 2

Ein typisches Weiberding und einer der ersten Problempunkte, die ein Mann abchecken sollte. Vor allem eine potenzielle Geldvernichtungsmaschine im Haushalt, denn wer wird wohl in erster Linie von Astro-TV/Questico abgezockt? Für den Preis eines Fläschchens Schwingungswasser vom professionellen Channel-Medium kann der männliche Spinner viel Freie Energie aus einem alten Plattenspielermotor schöpfen...

Also Vorsicht, Männer, denn es fängt in jungen Jahren ganz harmlos mit Horoskopelesen, Homöopathie und Feng Shui an, und kann sich bei nicht beständigem Contra zu einem veritablen Schamanismus auswachsen. ...


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Merowinger II #53.1  —  3. August 2017, 20:00 Uhr 2

Das erste, was man "abchecken" sollte, ist solche Arroganz und Ignoranz wie in Ihrem Beitrag. Nein, Spiritualität ist kein "typisches Weiberding". Und es gibt viele Männer, die sich eine spirituelle Parterin wünschen. Hören Sie also bitte auf, von sich aus auf andere zu schließen.


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Farmhouse #54  —  4. August 2017, 22:39 Uhr

Für zahlreiche dieser Sinnsuche-Angebote gilt:

Skrupellose Scharlatane bringen Menschen in schwierigen Lebenssituationen (seien diese psychisch, physisch, materiell,....), von denen manch eine und einer profesioneller wie auch immer geartete Hilfe oder Unterstützung bedarf, um ihr Geld und manchmal um ihre ganze Existenz.


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ichweissdassichnichtsweiss2 #56  —  vor 21 Stunden

Dieser Quatsch ist doch inzwischen schon schon bei Trainings für Führungskräfte eingezogen. Solange man ein Haufen Geld damit verdienen kann ist alles recht. Willkommen im post-faktischen Zeitalter.


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califex #61

Die einen fangen dann philosophische Grundsatzdebatten an, die zweiten verteidigen die katholische und evangelische Kirche, dritte bekunden Sympathie gegenüber Spiritualität, distanzieren sich aber von Abzocke; vierte berichten dann von persönlichen Missbrauchserfahrungen (ja, das ist schon schlecht) – das führt doch alles zu nichts! ...


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on October 28, 2018, 09:44:30 AM
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[...] Die Iren stimmten [ ] in einem Referendum über die Abschaffung des Blasphemieparagraphen ab. Laut Nachwahlbefragungen am Samstag votierten mehr als zwei Drittel der Wahlberechtigten dafür, das Verbot der Gotteslästerung aus der Verfassung zu streichen. Laut Befragungen der Zeitung Irish Times stimmten 69 Prozent für die Streichung, 31 Prozent dagegen.

Der Verfassungsartikel definiert die Verbreitung von "gotteslästerlichen, aufrührerischen und unanständigen Themen" als strafwürdiges Vergehen. Sie kann mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro geahndet werden.

Der Paragraf kam in der jüngeren Geschichte Irlands jedoch nie zur Anwendung. 2015 liefen zwar nach der Anzeige einer Privatperson Ermittlungen gegen den britischen Schauspieler und Regisseur Stephen Fry, der Fall wurde aber juristisch nicht verfolgt. Fry hatte im irischen Fernsehen Gott als "dumm" bezeichnete, weil er eine Welt voller "Ungerechtigkeiten" geschaffen habe.

Die Dominanz der katholischen Kirche hat in Irland in den vergangenen Jahrzehnten erheblich abgenommen. Erst im Mai hatten die irischen Wähler in einem Referendum mit großer Mehrheit für die Legalisierung von Abtreibungen gestimmt. Im Jahr 2015 führte Irland als erstes Land der Welt per Volksentscheid die Ehe für Alle ein. Ein Referendum zu einem Verfassungsartikel, welcher Pflichten von Frauen im Haushalt hervorhebt, ist bereits in Planung.


Aus: "Irland: Michael Higgins als Präsident wiedergewählt" (28. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-10/irland-praesident-wahl-michael-higgins-blasphemie-verbot

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Luis Tränker #5

Laut Umfragen stimmte auch eine Mehrheit dafür, den Verfassungsartikel zur Gotteslästerung zu streichen.

Herzlichen Glückwunsch Irland, da seid ihr weiter als Deutschland.


Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on November 09, 2018, 01:01:55 PM
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[...] Kennen Sie den? Die Ehefrau des Propheten Mohammed stürmt wütend in dessen Zimmer. Sie will ihn zur Rede stellen und sagt: »Du bist pervers.« Dieser entgegnet kühl: »Das sind große Worte für eine Sechsjährige.«

Witzeleien und Äußerungen zu den erotischen Vorlieben von Religionsgründern aus der Spätantike stehen für gewöhnlich nicht im Zentrum der Arbeit des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg.

In seinem Urteil vom 25. Oktober musste sich das Gericht jedoch zur Meinungsfreiheit und zu verletzten religiösen Gefühlen verhalten.

Das war geschehen: Eine Österreicherin hielt 2009 bei zwei von der rechtsextremen FPÖ ­organisierten Bildungsseminaren einen Vortrag über den Islam. In ihrem Referat sagte sie über die Eheschließung Mohammeds mit der nach Angaben der autoritativen islamischen Quellen sechs- oder siebenjäh­rigen Aisha – beim »Vollzug der Ehe« soll sie neun oder zehn Jahre alt ge­wesen sein –, der ­Prophet »hatte nun mal gerne mit Kindern ein bisschen was«. Weiter fragte sie: »Ein 56jähriger und eine Sechsjährige (…) Wie nennen wir das, wenn es nicht Pädophilie ist?« 2011 wurde sie von einem Wiener Gericht deswegen zu ­einer Geldstrafe von 480 Euro und der Erstattung der Prozesskosten verurteilt. Der Vorwurf: »Herabwürdigung religiöser Lehren«, ein Tatbestand im österreichischen Strafrecht. Der »religiöse Frieden« sei durch diese Aussagen gestört worden. Die Frau sah sich in ihrer Meinungsfreiheit verletzt, ging durch alle österreichischen Instanzen und zog schließlich vor den EGMR.

Der entschied nun, dass die Verurteilung statthaft war. Zwar gab das Gericht der Klägerin recht, dass Religions­gemeinschaften sachlich begründete Kritik aushalten müssten. Die Religionsfreiheit schütze davor nicht. Doch nicht der reine Inhalt oder der unmittelbare Kontext einer Aussage bestimmten darüber, ob diese von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, schrieben die Richter in ihrer Urteilsbegründung. Wer sich in eine aufgeheizte Debatte einschalte, müsse bedenken, was er damit bewirken könnte. Das Gericht bezog sich in seinem Urteil vor allem auf die Aussage, dass Mohammed pädophile Neigungen gehabt habe. Die Beschwerdeführerin unterstelle damit, Mohammed sei es nicht wert, religiös verehrt zu werden. Das könne Empörung aus­lösen, denn Pädophilie sei gesellschaftlich geächtet. Die Beschwerdeführerin hätte beachten müssen, dass Mohammeds Ehe mit Aisha bis zum Tod des Propheten und somit nach deren Pubertät angedauert habe. Die Schlussfolgerung des EGMR: Ein primäres sexuelles Interesse an Kindern könne bei Mohammed nicht festgestellt werden.

Ekmeleddin İhsanoğlu, ehemaliger Generalsekretär der Organisation für ­Islamische Zusammenarbeit (OIC), begrüßte das Urteil. Der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu sagte er: »Der Kampf gegen Islamophobie und die Auffassungen, die wir seit Jahren vertreten, wurden vom EGMR angenommen. Das Urteil ist in allen Aspekten erfreulich.« Die OIC ist ein Block aus 57 mehrheitlich muslimischen Staaten mit Sitz im saudi-arabischen Jeddah.

Auf UN-Ebene setzt sie sich für nicht bindende Resolutionen ein, die Blasphemie ächten und verbieten sollen.

Die Internationale Humanistische und Ethische Union (IHEU) beschreibt sich selbst als repräsentative Dachorganisation der Humanistischen Bewegung. Ihr Direktor, Gary McLelland, schrieb auf ihrer Homepage, das ­Gericht zeige eine »zunehmde Zaghaftigkeit bei grundlegenden Fragen der Redefreiheit. Angesichts der nationalistischen und populistischen Welle in Europa ist es verständlich, dass viele die Auseinandersetzung mit diesen schwierigen Fragen meiden wollen. Aber eine Einschränkung der Meinungsfreiheit läuft Gefahr, die Stimmen der Paranoiden zu legitimieren und eine ›Tabukultur‹ zu schaffen.«

Maajid Nawaz ist Gründer von Quilli­am. Die Organisation setzt sich gegen Extremismus in der muslimischen Gemeinde Großbritanniens ein. »Das Urteil ist antimuslimisch. Im Namen des ›Friedens‹ verstärkt es das Blasphemieverbot (aber nur im Islam)«, kritisierte Nawaz auf Twitter. Das Urteil basiere auf einer »Bigotterie der geringen Erwartungen« gegenüber Muslimen. Die Frauenrechtlerin und Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali sprach ebenfalls auf Twitter vom »widerlichsten, barbarischsten Urteil unserer Zeit«. Für Muslime und Nicht-Muslime, die sich für Meinungsfreiheit einsetzen, sei dies ein Rückschlag. »Kein Wunder, dass die Bürger Europas ihren Glauben an Institutionen wie diese verloren haben.«
 

Offen bleibt, ob das Urteil über seine symbolische Kraft hinaus zur Krimina­lisierung von Kritik an Mohammed und dem Islam beitragen wird. Die Mitgliedsstaaten des Europarats sind dazu verpflichtet, sich der Rechtsprechung des EGMR zu unterwerfen. In ihrer Begründung stellten die Straßburger Richter klar: Geprüft wurde in erster Linie, ob die Bestrafung der Beschwerdeführerin erstens auf vorhandenen Gesetzen basierte und zweitens der Zweck des Gesetzes (Wahrung des »religiösen Friedens«) legitim ist. Die Richter bejahten beides. Doch bei der Frage, ob und in welchem Ausmaß die Staaten des Europarats Bürger zur Verantwortung ziehen müssen, die Mohammed einen Pädophilen nennen, ließ der EGMR einen weiten Spielraum. Die Wahrung des »religiösen Friedens« sei eine sensible ­nationale Angelegenheit. Wann dieser Frieden gestört ist, könnten die Staaten selbst am besten beurteilen. So betrifft das Urteil in erster Linie Länder, die Straftatbestände wie die Herabsetzung religiöser Lehren oder Blasphemie kennen. Neben Österreich sind dies etwa Deutschland, Russland, Polen und die Türkei. Unter anderem Island, das Vereinigte ­Königreich (außer Schottland und Nordirland), Malta und Irland haben ihre Blasphemieparagraphen aus dem Gesetz gestrichen.

Als Beispiel für eine vermeintlich proislamische Haltung des EGMR taugt der Fall nur bedingt. So beschied das Gericht vergangenes Jahr trotz Empörung von antirassistischen Aktivisten und muslimischen Vertretern, dass die in einigen europäischen Ländern eingeführten Verbote der Vollverschleierung mit den Menschenrechten in Einklang stehen. Wahr ist aber auch: Frühere Entscheidungen zu Fragen der Blasphemie, die beim EGMR landeten, fielen religionsfreundlich aus. Der britische Regisseur Nigel Wingrove konnte seinen 1989 fertiggestellten Film »Visions of Ecstasy« nicht als Video vertreiben, weil er von den Behörden das nötige Zertifikat nicht erhalten hatte. Grund war der damals in Großbritannien noch geltende Blasphemieparagraph. Als blasphemisch wurden unter anderem die Darstellungen von St. Teresa von Ávila qualifiziert, die im Film als lesbische Masochistin porträtiert wird.

In der Türkei wurde 1993 ein Buch des Schrifstellers Abdullah Rıza Ergüven verboten, weil es die religiösen Muslime in der Türkei beleidige. Im betreffenden Werk werde unter anderem suggeriert, Mohammed habe sich durch den Sex mit Aisha zu einigen Koranpassagen inspirieren lassen. Ergüvens Verleger wurde deshalb zu einer Geldstrafe verurteilt. In beiden Fällen bekräftigte der EGMR das Recht Großbritanniens und der Türkei, die Meinungsfreiheit ein­zuschränken, wenn religiöse Gefühle verletzt werden. Doch auch damals betonten die Richter, dass bei der Abwägung von Redefreiheit und Befindlichkeiten in der Bevölkerung den Staaten ein weiter Ermessensspielraum zustehe.

Das Beispiel des Vereinigten Königreichs zeigt: Staaten können auf die Urteile des EGMR auch reagieren, indem sie den Straftatbestand der Blasphemie einfach abschaffen. Die Beschwerdeführerin hat drei Monate Zeit, die jüngste Straßburger Entscheidung anzufechten, und den Rest ihres Lebens, um sich in Österreich für die Streichung ­eines Paragraphen einzusetzen, der es ihr verbietet, religiöse Lehren zu verunglimpfen.


Aus: "Bloß keine Gefühle verletzen" Marcus Latton (08.11.2018)
Quelle: https://jungle.world/artikel/2018/45/bloss-keine-gefuehle-verletzen?page=all (https://jungle.world/artikel/2018/45/bloss-keine-gefuehle-verletzen?page=all)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on January 31, 2019, 04:06:16 PM
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[...] Es gibt wohl kaum einen Politiker, der seit seinem Amtsantritt so sehr polarisiert hat wie Donald Trump. Seit mehr als zwei Jahren sitzt er nun im Weißen Haus - plant Mauern, schimpft gegen Demokraten, Presse und Sonderermittler und twittert mit der Welt um die Wette. Und noch immer kitzelt bei dem ein oder anderen die Frage im Hinterkopf: Wie? Wie und wieso konnte es dieser Mann an die Spitze einer der mächtigsten Nationen weltweit schaffen?

Doch nun können die politischen Grübler endlich aufatmen und das zermürbende Kopfzerbrechen einstellen, denn die Antwort ist einfach. Nein, es hatte nichts mit Trumps Stammbaum zu tun. Nein, auch nicht mit den Millionen auf seinem Konto. Und auch nichts mit den Stimmen der Wahlmänner, die sich Ende 2016 für Trump als den nächsten Mr. President aussprachen. Eigentlich hätten sie abstimmen können, wie sie wollen: Clinton oder Trump, Demokraten oder Republikaner - alles wurscht.

 Denn Trumps Türchen ins Oval Office öffnete sich von weiter oben - von ganz, ganz oben sozusagen. Das verriet nun Trumps Sprecherin im Weißen Haus, Sarah Sanders, im Interview mit dem "Christian Broadcasting Network". "Ich denke, dass Gott wollte, dass er Präsident wird", sagte sie voller Überzeugung, ganz christlich in weiß gekleidet, mit der Perlenkette um den Hals und dem Scheinwerferlicht, dass ihr ein Leuchten in die Augen zauberte.

Halleluja - da haben wir's! Gott in seiner Allwissenheit hat erkannt, was Sanders als Sprecherin des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten dann auch klar geworden ist: Trump sei ein geborener Anführer, der sich den Problemen widme, die "den Bürgern wahren Glaubens" nachts den Schlaf rauben.

Bleibt abzuwarten, was die göttliche Vorsehung für die zweite Halbzeit von Trumps Präsidentschaft bereithält. Und wenn es dann 2020 heißt: Entweder ein neuer Staatschef oder eine zweite Amtszeit für den jetzigen - dann helfen Sanders ja vielleicht rechtzeitig ein paar Stoßgebete.



Aus: "Trump-Sprecherin Sanders Präsident von Gottes Gnaden" (31.01.2019)
Quelle: https://www.tagesschau.de/schlusslicht/usa-trump-139.html (https://www.tagesschau.de/schlusslicht/usa-trump-139.html)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on February 07, 2019, 12:00:31 PM

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[...] Nazma Khan, die mit elf Jahren aus Bangladesch nach New York kam, fühlte sich als Hijab-Trägerin immer diskriminiert. "Ninja" habe man sie in der Schule genannt, "Terroristin" in der Universität. Das bewog sie 2013 zur Initiierung des Tages, der Nicht-Musliminnen auffordert, an der Aktion "Hijab for a day" teilzunehmen. Unter dem Hashtag "freeinhijab" sollen sie Fotos von ihrem Selbstversuch veröffentlichen. Für einen Tag sollen Frauen weltweit die Erfahrung der Verschleierung machen, so will Khan religiöse Toleranz steigern und das Verständnis für das Tragen des Hijab in nicht-muslimischen Ländern fördern. Und sie hat Erfolg damit: Nach eigener Aussage würden sich Frauen aus 190 Ländern an der Aktion beteiligen. Der Bundesstaat New York erkannte den Tag 2017 offiziell an, die schottische Premierministerin Nicola Sturgeon tritt auf der Website der Aktion offiziell als Unterstützerin auf. Auf worldhijabday.com findet man Beiträge mit Titeln wie "Ich habe mich nie schöner und selbstbewusster gefühlt" und "Der Tag, an dem ich mein Haus ohne Schleier verlasse, wäre kein Tag zum Feiern".

Die Antwort der sozialen Medien ließ nicht lange auf sich warten: Kritikerinnen kehrten den 1. Februar zum "No Hijab Day" um. Unter dem Hashtag "freefromhijab" wiesen Männer und Frauen auf die Unterdrückung in islamischen Ländern durch den Kopftuchzwang hin. Twitter-User may singh rajput postete eine Zusammenstellung aus Zeitungsartikeln, die über Fälle berichteten, in denen Frauen Gewalt angetan wurde, in denen sie zu Gefängnisstrafen verurteilt oder gar getötet wurden, weil sie sich unverschleiert in die Öffentlichkeit gewagt hatten. "Der Hijab ist eine Fessel für die Freiheit und die Identität von Frauen. Er steht für eine altertümliche arabische Frauenfeindlichkeit und die Versklavung von Frauen und Mädchen", schreibt Tania auf Twitter. Ensaf Haidar, die Frau des nach wie vor inhaftierten säkularen Bloggers Raif Badawi, bezeichnete den "World Hijab Day" in einem Tweet als "islamische Propagandakampagne" und rief dazu auf, für "die Opfer, die darunter leiden, den Hijab oder Niqab tragen zu müssen", einzutreten.

... Auf die historische Bedeutung des 1. Februar im Zusammenhang mit der Frauenverschleierung weist das feministische Magazin Emma hin: Vor 40 Jahren kehrte Ajatollah Khomeini in den Iran zurück und machte das Land zum Gottesstaat. Ab diesem Zeitpunkt mussten sich die Frauen zwangsweise verschleiern. Jetzt soll ebendieser Tag die Freiheit von Frauen symbolisieren, ihn zu tragen. Ein gewisser Zynismus lässt sich da nicht leugnen.


Aus: ""World Hijab Day" wird zum "No Hijab Day"" Helena Sommer (1. Feb 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/world-hijab-day-wird-zum-no-hijab-day-16456 (https://hpd.de/artikel/world-hijab-day-wird-zum-no-hijab-day-16456)

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[...] Mina Ahadi: Rückblickend war das Jahr 1979 also nicht nur ein Schicksalsjahr für die iranische Gesellschaft, sondern hat auch mein Leben wie kein anderes durcheinander geworfen. Ich musste unter den faschistischen Mullahs viel erleiden. Ich habe Menschen verloren, die ich liebte – ein Trauma, das bis heute anhält.

    Die Lebenssituation von Frauen hat sich kurz nach der islamistischen Machtergreifung drastisch verschlechtert. Ein Tag vor dem Weltfrauentag, am 7. März 1979, ordnete Chomeini den Kopftuchzwang an. In der Folge gab es zahlreiche Übergriffe auf Frauen, die sich dem Befehl verweigerten. Die Islamisten betrachteten Frauen nämlich als Ware, über die Männer je nach Belieben verfügen dürfen. Chomeinis Anhänger skandierten "Ja Rusari, ja tusari", was so viel bedeutet wie "Entweder Kopftuch oder ein Schlag auf den Kopf". Es war also schnell klar, dass wir es mit einem frauenverachtenden Regime zu tun hatten, das unsere Rechte mit Füßen tritt.

    Daraufhin bildete sich eine Frauenbewegung. Tausende gingen auf die Straße, um gegen den Kopftuchzwang zu demonstrieren. Sie wollten sich nicht verschleiern, sondern ihr Leben ohne islamische Moralvorschriften fortführen. Denn für sie war das Kopftuch nicht nur ein harmloses Stück Stoff oder normales Kleidungsstück, sondern ein politisches Instrument, um die Religion in das Privatleben der Menschen zu verankern und Macht über sie auszuüben.


Lassen Sie uns zum Schluss in die Zukunft blicken: Was würden Sie tun, wenn es nächstes Jahr zu einer demokratischen Revolution im Iran käme, die die Mullahs entmachtet?

    Ich würde sofort in den Iran fliegen! Nach Jahrzehnten der Trennung könnte ich endlich wieder meine Familie besuchen und mir die Orte anschauen, in denen ich einmal gelebt habe. Und natürlich würde ich mich auch weiter politisch engagieren. Ich würde mich für einen weltoffenen, säkularen und lebensbejahenden Iran einsetzen – mit all meinen Kräften.



Aus: "Interview mit Mina Ahadi: Islamische Revolution 1979 – "Es fühlte sich wie ein Albtraum an"" Florian Chefai (1. Feb 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/islamische-revolution-1979-es-fuehlte-sich-albtraum-an-16457 (https://hpd.de/artikel/islamische-revolution-1979-es-fuehlte-sich-albtraum-an-16457)

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Wolfgang von Sulecki am 4. Februar 2019 - 15:13
Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass es in wenigen Monaten mit der DDR zu Ende sein würde?


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Werner Haas am 4. Februar 2019 - 21:50

Vor 40 Jahren las ich zufällig einen Artikel in der International Herald Tribune. Ausführlich wurde dort Chomeini aus seinen Büchern zitiert.
Jeder, der lesen konnte, hätte damals verstehen können, wohin die Reise mit ihm geht. Das Bestürzende war, dass meine Kommilitonen, die sich als links und freiheitsliebend verstanden, nichts davon hören wollten. Wenn man nur gegen den Schah war - das reichte, um als gut, gerecht und mutig zu gelten.
Mina Ahadi, Sie sind eine bewundernswerte Frau!


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[...] DER THEOLOGE wird von einem ehemaligen lutherischen Pfarrer heraus gegeben. Zu den Mitarbeitern gehören neben einem weiteren Evangelischen Theologen ein früherer katholischer Priester und ein Diplom-Theologe und ehemaliger katholischer Religionslehrer.
Wir sind alle aus der Kirche ausgetreten. In unseren Studien sind wir deshalb - anders als die konfessionelle Theologie - frei und unabhängig von Dogma und Glaubenszwängen der Institutionen Kirche.


"[Die heilige römische Kirche, durch das Wort unseres Herrn und Erlösers gegründet,] glaubt fest, bekennt und verkündet, dass niemand außerhalb der katholischen Kirche, weder Heide noch Jude noch Ungläubiger oder ein von der Einheit Getrennter - des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn er sich nicht vor dem Tod ihr (der Kirche) anschließt ..."

(Die Allgemeine Kirchenversammlung zu Florenz im Jahr 1442 (Konzil von Florenz 1438-1445), zit. nach Josef Neuner - Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, 13. Auflage, Regensburg 1992. Das Urteil des Konzils von Florenz wird dort unter der Nr. 381 als "unfehlbarer" und damit automatisch auch für allen Zeiten gültiger Lehrsatz der Kirche markiert)

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Aus: "Die katholische Kirche und der Holocaust" (DER THEOLOGE, Nr. 85)
Quelle: https://www.theologe.de/katholische-kirche_holocaust.htm (https://www.theologe.de/katholische-kirche_holocaust.htm)

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[...]  Klar ist längst, dass Pius XII. zum entsetzlichsten Verbrechen der Geschichte schwieg, obwohl er früh genau Bescheid wusste. Auch dass sehr viele Kirchenführer mit dem Hitler-Regime sympathisierten oder es tolerierten, ist lange bekannt. Ihnen warf schon Konrad Adenauer kurz nach dem Krieg krasses moralisches Versagen vor. Der wahre Grund für die Sünde der meisten Bischöfe, so interpretieren Historiker Adenauer, sei freilich nicht im Antisemitismus zu suchen, sondern in einem Charakterfehler - der Feigheit.
Bei Pius XII. bedienen sich Gegner und Freunde anderer Begründungen. Mal ist er jemand, der taktisch geschwiegen hat, um so noch größeres Übel zu verhindern. Mal wird die Schweigsamkeit des Papstes als "Erbsünde" dargestellt, die auch unverzeihlich wäre, sollte es ihm darum gegangen sein, ein Bollwerk gegen den "gottlosen" Bolschewismus zu stützen.
Dem Mann in Rom als Triebfeder seines Handelns aber konsequenten Antisemitismus vorzuwerfen ist so recht noch nie gelungen. Als Beleg gilt der unsägliche Brief Pacellis sowie ein ähnliches Schriftstück aus seiner Zeit als Apostolischer Nuntius in Bayern (1917 bis 1925).
Aber weder die zwischen 1965 und 1981 publizierten vatikanischen Dokumente der Kriegszeit, immerhin 5000, brachten weitere Belege noch die Arbeit einer Wissenschaftlerkommission.
Doch Goldhagen polemisiert nicht nur gegen den Versager oder Verbrecher im Vatikan, sondern gegen die ganze Kirche. Alles, was er an Belegen für Antisemitismus zusammenträgt, hat dabei "die Kirche" zu verantworten. Alles, was er an guten Worten und Taten von Bischöfen und einfachen Gläubigen auftat, ist für ihn judenfreundliches Verhalten einer Minderheit.
Natürlich gibt es in der katholischen Kirche nach wie vor Antisemitismus. Doch Goldhagen ignoriert weitgehend, dass die Einsicht in die Mitschuld am Holocaust inzwischen herrschende Lehre ist. Eine "gelassene und freimütige Diskussion über die Haltungen der Kirche und ihrer Geistlichen gegenüber Juden vor allem in der NS-Zeit", behauptet er, "können die Kirche und ihre Verteidiger nicht dulden".
Das Gegenteil stimmt. Papst, Bischöfe und Theologen ringen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) um die Einsicht in eigene gewaltige Schuld. ...


Aus: "Absurde Idee" GEORG BÖNISCH, ULRICH SCHWARZ  (07.10.2002)
Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-25396535.html (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-25396535.html)

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[...] Gegenwärtig werde ein Kampf gegen den Glauben an Christus "generalstabsmäßig organisiert und international durchgeführt in dem von einzelnen Staaten und NGO's finanzierten Programm der Ent-Christianisierung der vom christlichen Glauben geprägten Kulturen", erklärte Kardinal Müller in einem Vortrag anlässlich des Pater-Werenfried-Jahresgedenkens. Ziel sei eine Auslöschung des Gottesglaubens zugunsten einer "materialistische[n] Konsumhaltung". 

Die Anfänge eines solchen "antichristlichen Tsunamis" sei in der Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts und dem damit verbundenen "Humanismus ohne Gott" zu verorten. Den Atheismus brachte Müller dabei mit Vernichtungsideologien in Verbindung: "Während man in den politischen Atheismen den sicher erwarteten Tod der Religion durch die Ausrottung ihrer Anhänger beschleunigen will, wird in den liberalen Kreisen der natürliche Tod der Religion in Kürze erwartet", so der damalige Regensburger Bischof und spätere Vorsitzende der Vatikanischen Glaubenskongregation.

Neu ist diese atheismus-feindliche Haltung nicht. Müller ist bekannt für seine Aversion gegen eine vermeintlich "aggressive Gottlosigkeit", die er in der Nachfolge eines "politisch aggressiven Atheismus des Nationalsozialismus und des Kommunismus" sieht.

Um seine These "Wo Gott geleugnet wird, dort gibt es kein Recht für den Menschen, kein Recht auf Leben, kein Recht auf Selbstbestimmung" zu belegen, diffamierte er in einer Predigt den Philosophen und Vorstandssprecher der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon mit falschen Behauptungen: Angeblich habe dieser Gläubige als Schweine eingestuft und den Kindsmord befürwortet. 

Schmidt-Salomon klagte damals auf Richtigstellung und Unterlassung. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof stellte in einem Urteil schließlich fest, dass die Behauptungen Müllers im Widerspruch zu Schmidt-Salomons tatsächlichen Veröffentlichungen standen und geeignet waren, dessen Ansehen in der Öffentlichkeit zu schaden.


Aus: "Kardinal Müller warnt vor "antichristlichem Tsunami"" Florian Chefai (5. Feb 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/kardinal-mueller-warnt-antichristlichem-tsunami-16465 (https://hpd.de/artikel/kardinal-mueller-warnt-antichristlichem-tsunami-16465)

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Stefan Dewald am 5. Februar 2019 - 11:40

Und jetzt bleibt wieder mal die Frage offen, warum sich die römisch-katholische Kirche im letzten Jahrhundert gleich mit jedem faschistischen Regime ins Bett gelegt hat. Auch das aktuell immer noch gültige Reichskonkordat wurde mit dem Nationalsozialistischen Regime im Dritten Reich geschlossen.


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  Ralf Rosmiarek am 5. Februar 2019 - 14:39

Nur zur Ergänzung: Die evangelische Kirche stand dem nicht nach ... von Bekenntniskirche bis zu den Deutschen Christen hieß es frisch und munter: „Wir sagen ja zum Hakenkreuz!“ ... und dann bleibt noch eine andere Wahrheit: Märchen bedürfen nach wie vor keiner Argumente!


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Wolfgang Schaefer am 5. Februar 2019 - 11:40

Also dem Müller steht sein Karnevalskostüm ganz gut. Und dann noch seine Büttenreden! Hellau!


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Rüdiger Pagel am 5. Februar 2019 - 14:22

Er, Kardinal Müller, ist doch der, der den Mantel des Schweigens und Vertuschens über die Missbrauchsskandale in Regensburg gelegt hat.
Dafür wurde er dann zum Chef der Glaubenskongregation in Rom befördert.
Mit diesem erzkonservativen Hardliner erneuert sich die Kirche nie.


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Madwolf am 5. Februar 2019 - 18:18

Zuerst sollte der werte Herr sich mal erkundigen, was Atheismus ist, und den Unterschied erkennen, das Atheismus nichts mit antichristlichen Idealen gemein hat. Typisch Kirche.
Alles verteufeln, was nicht verstanden wird.
Materialismus.
Also wenn man bedenkt, was grade die römisch katholische Kirche sich an staatlichen Geldern reinzieht und mit riesigen Prachtbauten protzt, dann verstehe ich, das sie nur Angst vor der Pleite hat.


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Roland Fakler am 6. Februar 2019 - 12:55

Tatsache ist, dass sowohl religiöse als auch atheistische Weltanschauungen eine breite Blutspur in der Geschichte hinterlassen haben.
Die gemeinsame Ursache dafür liegt meines Erachtens darin, dass sie die Menschen in Auserwählte und Verdammte (Juden), in Christen und Heiden (Staatschristentum), in Muslime und Ungläubige (Islam), in Arier und Untermenschen (Faschismus), in Genossen und Klassenfeinde (Kommunismus) eingeteilt und die Falschdenkenden damit zum „Abschuss“ freigegeben haben.
Der säkulare Humanismus müsste sich nun von obigen Weltanschauungen dadurch unterscheiden, dass er keine Feindbilder aufbaut, sondern allen Menschen Würde und Menschenrechte zugesteht…im Rahmen der freiheitlich - demokratischen Ordnung.
Das wäre die Lehre aus der Weltgeschichte!


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on March 13, 2019, 10:02:03 AM
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[...] Im Jahr 2015 wurde von verschiedenen humanistischen, atheistischen und säkularen Organisationen weltweit die Kampagne "End Blasphemy Laws" ins Leben gerufen. Seitdem haben sechs Länder ihre Blasphemiegesetzgebung abgeschafft oder die Abschaffung auf den Weg gebracht: Malta, Norwegen, Island, Dänemark, Kanada und Irland. Nachdem das neuseeländische Parlament vergangene Woche in dritter Lesung einen Entwurf zur Abschaffung der Blasphemiegesetzgebung annahm, reiht sich nun auch Neuseeland in den Reigen jener Länder ein, die sich von der anachronistischen Bestrafung der Beleidigung von Göttern verabschiedet haben. Zwar muss die Gesetzesänderung noch vom offiziellen Oberhaupt des Commonwealth-Staates Neuseeland, der britischen Königin Elisabeth II., abgenickt werden, doch dieser Akt gilt als Formalie.

Die Blasphemie-Gesetzgebung in Neuseeland kam selten zur Anwendung. Der letzte Fall, in dem die Behörden Blasphemie strafrechtlich verfolgten, war jener des Zeitungsverlegers John Glover im Jahr 1922 für die Veröffentlichung eines Gedichts, an dem einige christliche Gemüter Anstoß nahmen. Vom Gericht wurde Glover freigesprochen.

Laut Humanists International erklärte der neuseeländische Justizminister Andrew Little, die geplante Gesetzesänderung stelle sicher, dass die Strafgesetzgebung Neuseelands auf der Höhe der Zeit sei und die Werte der modernen und vielfältigen Gesellschaft widerspiegele, die Neuseeland heute sei. Deswegen habe man sich entschlossen, die archaische Gesetzgebung aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Denn eine solche Gesetzgebung untergrabe die Möglichkeiten Neuseelands, andere Staaten für ihre Blasphemie-Gesetzgebung zu kritisieren, wenn dies notwendig sei. Das Gesetz sei unpassend für Neuseeland als Bastion der Menschenrechte. Little erklärte ferner, dass es für ihn Bände spräche, dass sowohl Kanda als auch Irland sich von ihren Blasphemie-Gesetzgebungen verabschiedet hätten. "Das zeigt einfach, dass moderne Demokratien für eine solche Gesetzgebung in ihrem Strafgesetzbuch oder ihrer Verfassung keinen Platz sehen."

Vor allem in vielen mehrheitlich muslimischen Ländern gelten bis heute äußerst harsche Blasphemie-Gesetze, nach denen regelmäßig Menschen zum Tode verurteilt werden. Doch auch in Europa ist der Anachronismus bei Weitem nicht verschwunden. Auch in Deutschland gilt mit § 166 StGB noch ein Blasphemie-Paragraf, in Österreich ist es § 188 des Strafgesetzbuchs und in der Schweiz Artikel 261 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs.


Aus: "Neuseeland stimmt für Abschaffung der Blasphemie-Gesetzgebung" Daniela Wakonigg (12. Mär 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/neuseeland-stimmt-fuer-abschaffung-des-blasphemie-gesetzgebung-16584 (https://hpd.de/artikel/neuseeland-stimmt-fuer-abschaffung-des-blasphemie-gesetzgebung-16584)

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on March 21, 2019, 11:26:27 AM
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[...] Seit Jahren versuchen religionsfreie Menschen in der SPD einen Arbeitskreis zu gründen, wie der hpd schon mehrfach berichtete. Erst im vergangenen Jahr wurde ihr Antrag erneut abgelehnt. Nun hat Generalsekretär Lars Klingbeil den "Säkularen Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen" – kurz "Säkulare Sozis" – erneut eine Absage erteilt: Sie dürfen sich nicht "Sozialdemokraten" nennen. Das berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und beruft sich dabei auf einen Brief Klingbeils, den er am 5. März an die nicht-religiöse Vereinigung seiner Partei richtete.

Die "Säkularen Sozis" haben mehrere hundert Mitglieder, darunter prominente Personen aus der säkularen Szene wie die ehemaligen Bundestagsabgeordneten Ingrid Matthäus-Maier und Lale Akgün, die sich für einen aufgeklärten Islam stark macht, sowie der ehemalige Staatsminister und Staatssekretär Rolf Schwanitz. Das nicht anerkannte Bündnis setzt sich für die Belange Konfessionsfreier und einen weltanschaulich neutralen Staat ein.

Andere Weltanschauungen haben Arbeitskreise, die von der Partei akzeptiert werden: Sowohl Christen, Menschen jüdischen Glaubens und seit 2014 auch Muslime. Der Antrag der Nicht-Religiösen zur Gründung eines Arbeitskreises wurde hingegen abgelehnt, der damalige Chef der SPD, Sigmar Gabriel, begründete dies seinerzeit damit, dass die strikte Trennung von Kirche und Staat das Kernanliegen der Laizisten, nicht aber Mehrheitsposition der SPD sei.

Aktuell existieren die "Säkularen Sozis" in erster Linie im Internet. Doch auch das will der Generalsekretär jetzt unterbinden: "Auch für öffentliche Auftritte, zum Beispiel im Internet" gilt das Verbot, die Bezeichnung "Sozialdemokraten" zu verwenden. Er verlangt Respekt für die "Entscheidung, dass der Parteivorstand keinen säkularen Arbeitskreis einrichten wird und dass Ihr daher den Namen 'SozialdemokratInnen' nicht weiter verwenden könnt."

Auf die Bitte des hpd um eine Stellungnahme, welche Gründe es dafür gibt, einen säkularen Arbeitskreis nicht zuzulassen und wie die Partei das mit ihrem Selbstverständnis und dem Gleichbehandlungsgrundsatz in Einklang bringt, kam bisher keine Antwort des Parteivorstands. Dass Konfessionsfreie in der SPD diskriminiert werden, ist jedoch nichts Neues: Im vergangen Jahr berichtete der hpd über einen Fall aus Augsburg, bei dem Aktionskünstler David Farago der Eintritt in die Partei verwehrt wurde – wegen seiner religionskritischen Haltung.


Aus: "Kein Platz für säkulare Interessen in der SPD" Gisa Bodenstein (20. Mär 2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/kein-platz-fuer-saekulare-interessen-spd-16625 (https://hpd.de/artikel/kein-platz-fuer-saekulare-interessen-spd-16625)

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Bernd Kammermeier am 20. März 2019 - 13:57

Ich war einst, zu Zeiten von Willy Kniefall von Warschau Brandt, ein glühender Verehrer der SPD, die eine deutliche Alternative zur stockkonservativen CDU bot.
Doch ihr schleichender Niedergang scheint Parteiprogramm geworden zu sein. Selbstzerfleischung als Ausdruck der Entdeckung der christlichen Leidensphilosophie? Welchen Blumentopf will die SPD denn noch gewinnen? Den stetig schrumpfenden Teil der christlich konfessionellen Bevölkerung krallt sich so gut es geht die Union und die AfD. Dort kann die SPD immer schwerer Wähler herausquetschen, zumal auch die Grünen ihre Gottesaffinität entdeckt haben.

Der SPD bliebe doch nur der Weg, sich für die einzige deutlich wachsende Gruppe der Bevölkerung zu engagieren: für die Konfessionsfreien. Da ist die Zukunft Deutschlands, nicht ihm Geisterglauben aus einer glücklicherweise längst vergangenen Welt.

Ich wünschte mir die SPD zurück, die sich einst voller Tatendrang für die Gleichberechtigung von Mann und Frau gegen katholische Verbände, gegen CDU und FDP durchsetzte.

Ich wünschte mir eine SPD, deren Vorsitzende einen symbolischen Kniefall vor den konfessionsfreien Steuerzahlern hinbekommt, die noch immer - 100 Jahre nach Weimar - für die üppigen Bischofs- und Kardinalsgehälter aufkommen müssen.

Ich wünschte mir eine SPD, die sich die real existierende Kirche mit ihrer Unfähigkeit zu Reformen und Selbsterkenntnis genauer anschaut und sie entsprechen kritisiert.

Ich wünschte mir eine SPD zurück, die für alle Menschen da ist - und die ich irgendwann wieder wählen kann...


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Stefan Dewald am 20. März 2019

»Die Geschichte des Pfaffentums aller Nationen und aller Konfessionen ist ein ununterbrochener Kampf gegen den aufstrebenden menschlichen Geist, eine ununterbrochene Reihe von Attentaten gegen Vernunft und Humanität.«

Wilhelm Liebknecht (Mitbegründer der SPD)

»Die Religion der Liebe, die christliche, ist seit mehr als achtzehn Jahrhunderten gegen alle Andersdenkenden eine Religion des Hasses, der Verfolgung, der Unterdrückung gewesen.
Keine Religion der Welt hat der Menschheit mehr Blut und Tränen gekostet als die christliche, keine hat mehr zu Verbrechen der scheußlichsten Art Veranlassung gegeben; und wenn es sich um Krieg und Massenmord handelt, sind die Priester aller christlichen Konfessionen noch heute bereit, ihren Segen zu geben, und hebt die Priesterschaft der einen Nation gegen die feindlich ihr gegenüberstehende Nation flehend die Hände um Vernichtung des Gegners zu einem und demselben Gott, dem Gott der Liebe, empor.«

»Genau genommen ist aber ein Arbeiter, der Kloaken auspumpt, um die Menschen vor gesundheitsgefährdenden Miasmen zu schützen, ein sehr nützliches Glied der Gesellschaft, wohingegen ein Professor, der gefälschte Geschichte im Interesse der herrschenden Klassen lehrt, oder ein Theologe, der mit übernatürlichen transzendenten Lehren die Gehirne zu umnebeln sucht, äußerst schädliche Individuen sind.«

»Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser. Der sogenannte gute Kern im Christentum, den Sie, aber ich nicht darin finde, ist nicht christlich, sondern allgemein menschlich, und was das Christentum eigentlich bildet, der Lehren- und Dogmenkram, ist der Menschheit feindlich.«

August Bebel (Mitbegründer der SPD)



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Ernst-Günther Krause am 20. März 2019

Ich bin traurig über so viel Borniertheit in der SPD-Spitze.
Eine Partei, die säkular denkende Menschen, die mehr als ein Drittel der Bevölkerung bilden, auf eine solch intolerante Art und Weise ausschließt ...


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Gerhard Lein am 20. März 2019 - 14:35

1. Wir geben nicht auf.
2. Säkulare Bürger sind in unserem Land dabei die Mehrheit zu gewinnen. In vielen großen Städten sind sie es längst.
3. Der Sprecher*innerkreis des bundesweiten Netzwerkes säkularer Sozialdemokrat*innen trifft sich am 23.3. im SPD-Haus in Hannover.
4. Vorwärts!


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Rene Goeckel am 20. März 2019 - 16:09

Seltsam, wenn Parteien verkommen, wie einst auch die Grünen, dann immer in Richtung Religion. ...


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Bernhard Zaugg am 20. März 2019 - 23:05

So ein Armutszeugnis für eine einst große Partei! Die SPD ist tief im 20. Jahrhundert sitzen geblieben. ...


Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on April 26, 2019, 11:31:34 AM
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Freund-Feind-Den·ken
/Freúnd-Feínd-Denken/
Substantiv, Neutrum [das] (Soziologie)

    schematische Klassifizierung von Mitmenschen unter dem alleinigen Gesichtspunkt der Freundschaft oder der Feindschaft


https://www.google.com/search?q=freund+feind+denken (https://www.google.com/search?q=freund+feind+denken)

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[...] Radikale Islamisten betrachten Sufisten wegen ihrer Toleranz auch anderen Religionen gegenüber als Feinde. Die Sicherheitsvorkehrungen an den Moscheen wurden der Polizei zufolge erhöht. ...


Aus: "Drahtzieher der Anschläge in Sri Lanka soll tot sein" (26.04.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/islamistenchef-hashim-drahtzieher-der-anschlaege-in-sri-lanka-soll-tot-sein/24259574.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/islamistenchef-hashim-drahtzieher-der-anschlaege-in-sri-lanka-soll-tot-sein/24259574.html)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on September 10, 2019, 05:12:53 PM
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[...] In Deutschland gibt es Hunderte Waldorfschulen und -kindergärten. Religionswissenschaftler Ansgar Martins sieht dort eine „ideologische, kitschig zurechtharmonisierte Logik der Welt“ am Werk. Doch heute werde oft vergessen, worauf der Lehrplan basiert.

Frederik Schindler: Herr Martins, die Waldorfschulen feiern gerade ihr 100-jähriges Gründungsjubiläum. Nach dem Begründer Rudolf Steiner soll die Waldorfschule ein „praktischer Beweis für die Durchschlagkraft der anthroposophischen Weltanschauung“ sein. Was kennzeichnet diese Weltanschauung?

Ansgar Martins (Religionswissenschaftler Ansgar Martins forscht unter anderem zu moderner Esoterik und zur Geschichte der Anthroposophie im Nationalsozialismus): Steiner versteht darunter eine vermeintlich wissenschaftliche Forschung in übersinnlichen Welten. Die physische Welt ist demnach nur der sichtbare Ausdruck geistiger Wesen und Kräfte. Steiner will die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Übersinnlichen bis ins Detail erforscht haben. Weil Steiner zum Beispiel erkannt haben will, dass der „Astralleib“ im 14. Lebensjahr geboren wird, kann er sagen, was Vierzehnjährige am besten zu tun und zu lassen haben, damit sie sich im Einklang mit der kosmischen Harmonie entwickeln. Konkret setzt mit 14 laut Steiner die „Geschlechtsreife“ ein, erst ab diesem Jahr dürfe man sich eigene Urteile bilden.
Aus seinen esoterischen Ansichten hat Steiner so den bis heute gültigen Lehrplan der Waldorfschulen erstellt. Ziel seiner Reformprojekte war es, Medizin, Landwirtschaft und Pädagogik auf eine neue, spirituelle Ära der Menschheitsentwicklung abzustimmen, die mittels Anthroposophie ermöglicht werde.

Frederik Schindler: In Deutschland gibt es heute 245 Waldorfschulen und 581 Waldorfkindergärten. Das sollen alles Horte der Esoterik sein?

Martins: Waldorf hat eine spirituelle Natur-Folklore aus erfundenen Traditionen entwickelt. Da gibt es Rituale zu den Jahreszeiten, Engel-Bilder, Filzfiguren von Elfen und Zwergen und nicht zuletzt den anthroposophischen Ausdruckstanz Eurythmie, der die geistigen Ur-Gesten von Buchstaben und Tönen darstellen soll. Daraus ist ein Korsett entstanden, das man auch anwenden kann, wenn man nicht an Steiners Engel- oder Planeten-Lehren glaubt.

Der Erziehungswissenschaftler Klaus Prange hat das „Weihnachtsmannpädagogik“ genannt, in der permanent mit mythischen Bildern gearbeitet wird, ohne dass je explizit aufgelöst wird, wofür sie stehen sollen. Darüber hinaus gibt es spezielle Seminare zur Ausbildung von Waldorflehrern, wo man sich detailliert mit Steiners Schriften auseinandersetzt. Dabei sind liberalere und konservativere Ausbildungsstätten und Lesarten zu unterscheiden.

Frederik Schindler: Die Waldorfschulen widersprechen der Behauptung, sie seien „Weltanschauungsschulen“. Und laut einer Studie aus dem Jahr 2013 bezeichnen sich nur ein Drittel der Waldorflehrer als praktizierende Anthroposophen.

Martins: Seit dem Boom der Waldorfschulen in den 1980er-Jahren wachsen die Schulen viel zu schnell, als dass alle Stellen mit Praktizierenden besetzt werden könnten. Es gibt seit Langem massiven Lehrermangel, und das traditionelle anthroposophische Milieu stirbt ohnehin aus. Nach der Studie, die Sie erwähnt haben, bezeichnet sich jedoch nur ein Prozent der Lehrer als „skeptisch“ gegenüber Steiner. Die Frage ist: Was machen die zwei Drittel der Lehrer, die ihn irgendwie gut finden, aber keine engagierten Anthroposophen sind?
Es wird immer mehr vergessen, worauf der Lehrplan eigentlich basiert. Aus dem Glauben wird diffuser Aberglaube, und Waldorf driftet ganz langsam ins weitere ökospirituelle Milieu ab. Anthroposophie wurde übrigens nie explizit unterrichtet. Nach Steiners Konzeption sind es nicht die Schüler, sondern die Lehrer, die einen esoterischen Schulungsweg durchlaufen sollen, um die früheren Inkarnationen ihrer Zöglinge zu erforschen.

Frederik Schindler: Sie waren selbst Schüler an einer Waldorfschule. Wie wird diese Theorie konkret im Unterricht in die Praxis umgesetzt?

Martins: Meine eigene Schulzeit habe ich als ziemlich angenehm in Erinnerung. Als Waldorfschüler bekommt man allerdings kaum einen Eindruck davon, welche Theorie da in welche Praxis umgesetzt wird. Man sagt zum Beispiel jeden Morgen einen pantheistischen „Morgenspruch“ über den „Gottesgeist“ auf, der in „Weltenraum“ und „Seelentiefen“ wirke und „Kraft und Segen“ zum Lernen spenden soll. Aber es wird nie transparent gemacht, warum. Das ist die Dimension, die meine Neugier auf die Hintergründe geweckt hat.
Anthroposophie wird unter anderem so umgesetzt, dass nach Steiners Lehre feststeht, in welchem Alter man was lernen soll: Viertklässler setzen sich mit germanischer Mythologie auseinander und schnitzen Runenstäbe. Fünftklässler durchlaufen das antike Griechenland. In der 11. Klasse wird Parzival gelesen. Diese Inhalte sind nach einem Kulturstufen-Modell des 19. Jahrhunderts angeordnet, wonach die Schüler über die Jahre die Entwicklung der Gesamtmenschheit wiederholen. Steiner stellt sich Geschichte als göttlich gelenkte Evolution vor: als einen in sich sinnig strukturierten Weg von mythischen Urkulturen bis in die Gegenwart. So ist das Curriculum aufgebaut, und schon dadurch wird eine ideologische, kitschig zurechtharmonisierte Logik der Welt und der Geschichte suggeriert.

Frederik Schindler:Rudolf Steiner ist auch für rassistische und antisemitische Überzeugungen bekannt. In der „Stuttgarter Erklärung“ des Bunds der Freien Waldorfschulen aus dem Jahr 2007 heißt es jedoch, dass sich die Waldorfpädagogik „gegen jede Form von Rassismus“ richte. Stimmt das?

Martins: Im ursprünglichen Waldorflehrplan, den Caroline von Heydebrand 1931 verschriftlicht hat, war „Völker- und Rassenkunde“ für die 7. Klasse vorgesehen. In der Neuauflage von 2009 ist diese Bemerkung kommentarlos verschwunden. Steiner hat eine Rassentheorie entwickelt, viel prägender für die Anthroposophie ist aber seine Überzeugung von der „Geistesmission Mitteleuropas“ und der Verderbtheit des englischsprachigen Westens, der von „okkulten Logen“ gesteuert werde.
Daran konnten braune wie grüne Anthroposophen anknüpfen. Auch davon grenzen sich aber einige Anthroposophen sehr entschieden ab. Insgesamt ist Anthroposophie weniger anachronistisch als sie erscheint, eher unbewusst opportunistisch. Man war zwar 1933 überzeugt, schon immer zur „Volksgemeinschaft“ erzogen zu haben. Heutzutage sind Anthroposophen jedoch ganz sicher, Anthroposophie sei schon immer dagegen gewesen. Aus Steiners geistiger Welt spricht stets der Zeitgeist. Auch das dürfte zum Erfolg der Waldorfpädagogik beitragen.



Aus: "Schulen: „Waldorf hat eine spirituelle Natur-Folklore erfunden“" Frederik Schindler (2019)
Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article199890164/Waldorfschulen-Religionswissenschaftler-sieht-spirituelle-Naturfolklore.html (https://www.welt.de/politik/deutschland/article199890164/Waldorfschulen-Religionswissenschaftler-sieht-spirituelle-Naturfolklore.html)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on September 25, 2019, 03:34:53 PM
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[...] ZEIT ONLINE: Ihr neuer Film Gelobt sei Gott sorgte schon vor seinem Filmstart für einige Aufregung. Er erzählt vom Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche von Lyon – und der Täter, der ehemalige Priester Bernard Preynat, hat versucht, den französischen Filmstart per einstweiliger Verfügung zu verhindern.

François Ozon: Ja, Preynat hat gegen den Kinostart geklagt mit der Begründung, dass der Film sein Recht auf die Unschuldsvermutung verletze, weil das Urteil im Prozess schließlich noch nicht gesprochen ist.

ZEIT ONLINE: Moment – obwohl Preynat sofort gestanden hat, wie es im Film auch zu sehen ist, hat er auf sein Recht auf Unschuldsvermutung geklagt?

Ozon: Tja, da war auch ich etwas naiv. Die Unschuldsvermutung gilt auch im Falle eines Geständnisses des Angeklagten. Sie ist in Frankreich sehr wichtig. Der Richter hat dann aber abgewogen gegenüber einem anderen Recht, das sehr hoch geschätzt wird: der Freiheit der Kunst. Und er hat schließlich entschieden, dass in diesem Fall die Freiheit der Kunst wichtiger ist.

... ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das Thema bei der Vorbereitung des Films recherchiert?

Ozon: Ich habe alle Beteiligten – alle Beteiligten auf Seiten der Opfer – getroffen und ausführlich gesprochen. Mit den Mitarbeitern der katholischen Kirche habe ich nicht gesprochen, ich konnte diesbezüglich ohnehin auf das bereits veröffentlichte Material zurückgreifen. Die Pressekonferenz zum Beispiel, in der Kardinal Barbarin diesen furchtbaren Satz sagt, dass "Gott sei Dank" ("Grâce à Dieu") alle Geschehnisse bereits verjährt seien, ist auf YouTube zu sehen. Der Titel des Films spielt auf genau diesen Satz an. In Frankreich hat er für viel Empörung gesorgt. Es war, als hätte dabei das Unterbewusstsein des Kardinals gesprochen: "Gott sei Dank ist die Mehrheit der Verbrechen verjährt."

ZEIT ONLINE: Der Satz ist gleich in doppelter Hinsicht schockierend: Zum einen, weil er bedeutet, dass Barbarin froh ist, dass die Taten verjährt sind. Und zum anderen, weil er eben das mit Gott in Verbindung bringt. Als würde Gott absichtlich die Täter schützen, nicht die Opfer.

Ozon: Eben. Der Kardinal tut so, als sei es Gottes Wille, dass sexueller Missbrauch nach einer festgelegten Frist verjährt – dabei ist es der Wille einer Justiz. Und die wurde von Menschen geschaffen.


Aus: "François Ozon: "Sehen, welche Folgen Missbrauch für die Opfer hat"" Interview: Julia Dettke (25. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/film/2019-09/francois-ozon-gelobt-sei-gott-film (https://www.zeit.de/kultur/film/2019-09/francois-ozon-gelobt-sei-gott-film)

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on October 15, 2019, 11:06:08 AM
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[...] „Es besteht kein Konflikt, keine Meinungsverschiedenheit zwischen der Kirche, dem Heiligen Stuhl, und den Vereinten Nationen in Sachen Menschenrechten, vor allem nicht wenn es um den Frieden und den Wohlstand für alle Menschen geht.“

Silvano Maria Tomasi ist katholischer Erzbischof und ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, der UNO. Allerdings hat der Vatikanstaat die Menschenrechtscharta der UNO nicht unterzeichnet. Die Menschenrechte stellen jene Rechte dar, die einzelne Personen vom Staat einfordern können. Der Heilige Stuhl ist einer der wenigen Staaten, die diese Rechtsforderungen der Vereinten Nationen nach wie vor ablehnen. Auch die Europäische Menschenrechtskonvention wurde bisher vom Heiligen Stuhl nicht unterzeichnet.

Aus einem präzisen Grund hat der Vatikan immer noch Probleme damit, solche internationalen Dokumente zu unterzeichnen, erklärt Daniele Menozzi, Historiker an der Universität Scuola Normale Superione in Pisa und Autor eines 2012 erschienen Buches zum Thema Kirche und Menschenrechte:
„Gegen das Recht des Menschen über sich selbst zu bestimmen argumentieren die Päpste mit dem Naturrecht, dem sich der Kirche nach die Menschen unterzuordnen haben.“

Die Kirche und die Menschenrechte: ein Thema, das die Päpste seit 1789 beschäftigt. Die Ausrufung der Menschenrechte während der Französischen Revolution überraschte die Kirche. Vor allem war Papst Pius VI. über das Verhalten des französischen Klerus angesichts der Menschenrechtserklärung überrascht.

„Die französische Kirche beteiligte sich an der Verfassung dieser Erklärung. Sie war nicht mit allen Artikeln der Erklärung einverstanden, gab aber Empfehlungen, die beim Abfassen des Textes berücksichtigt wurden. Als Rom davon erfuhr, reagierte der Papst sofort: Pius VI. verurteilte die Menschenrechtserklärung offiziell, mit dem Hinweis, dass diese Rechte der kirchlichen Lehre widersprächen.“
Die Mehrheit des französischen Klerus gehorcht dem römischen Diktat.

Mit der entschiedenen Ablehnung dieser ersten Menschenrechtserklärung beginnt Historiker Menozzi zufolge die konfliktreiche Geschichte zwischen dem Vatikan und den verschiedenen späteren Menschenrechtserklärungen:

„Das Motiv der Ablehnung solcher Erklärungen seitens der Kirche liegt in der Überzeugung der Päpste, dass sich eine menschliche Gesellschaft nach den Prinzipien Gottes und nicht der Menschen zu organisieren habe.

Und so kommt es vor allem im 19. Jahrhundert zu scharfer Kritik seitens der Päpste allen Versuchen gegenüber Menschenrechte zu deklarieren. Ende der 1870er-Jahre schließlich erklärt Papst Leo XIII., dass es innerhalb des göttlichen Naturrechts gewisse Menschenrechte gebe.“

Die Rede ist vom Sogenannten „ius divinum naturale“. Das ist jenes göttliche Recht, das aus den Hinordnungen, den inclinationes, der menschlichen Natur abgeleitet werden kann und somit dem Naturrecht vergleichbar ist. Das „ius divinum“ wird unmittelbar auf den Willen Gottes zurückgeführt. Es ist im Verständnis der Kirche überzeitlich, dem übrigen kirchlichen und menschlichen Recht übergeordnet. Es kann somit weder von weltlichen noch von kirchlichen Gesetzgebern verändert und aufgehoben werden. Aus diesem Grund tat sich vor allem die Kirche des 19. und der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schwer damit, Menschenrechtserklärungen anzuerkennen. Schon allein deshalb, weil jede solche Erklärung den päpstlichen Primat nicht nur infrage stellt, sondern negiert. Der päpstliche Primat gilt allerdings als eine dem Willen des menschlichen Gesetzgebers entzogene weil von Gott verliehene Rechtstatsache.

Die Einstellung der Kirche den Menschenrechten gegenüber änderte sich, so Historiker Menozzi, zum ersten Mal mit Papst Johannes XXIII.:
„Vor allem mit seiner Enzyklika ‚Pacem in terris‘ von 1963 vollzog die Kirche eine tief greifende Wende. Zum ersten Mal überhaupt wurde das Wort ‚Menschenrechtserklärung‘ positiv in einem päpstlichen Dokument erwähnt. Dieser Papst war davon überzeugt, dass diese Erklärung die Basis für alle menschlichen Organisationen sein sollte.“

Johannes XXIII. eröffnete damit einen Dialog innerhalb seiner Kirche. Die bis dato hohe Barriere zwischen Menschenrechten und göttlichem Naturrecht war entschieden niedriger geworden.

Das Abschlussdokument des Zweiten Vatikanischen Konzils sprach sich aber weitaus vorsichtiger gegenüber dem Thema der Menschenrechte aus als Papst Johannes XXIII. Dort war, wenn auch mit weitreichenden Zugeständnissen der modernen Gesellschaft gegenüber, wieder vom Primat des göttlichen Naturrechts die Rede.

Mit dem Pontifikat von Johannes Paul II., vor allem aber von Benedikt XVI. setzte sich innerhalb der Amtskirche wieder jene orthodoxe Konzeption des göttlichen Naturrechts als allem menschlichen Recht übergeordnet durch.

Und jetzt, mit Papst Franziskus? Wird sich mit ihm in Sachen Kirche und Menschenrechten etwas ändern? Katholiken weltweit erwarten sich, so Historiker Daniele Menozzi, auch in diesem Punkt Veränderungen durch den Papst aus Argentinien:

„Während des Pontifikats von Benedikt XVI. kann man von einer Obsession bezüglich des göttlichen Naturrechts sprechen. Franziskus hat deutlich gemacht, das unter seinem Pontifikat diese Fixierung nicht mehr so wichtig ist. Er sagte es klar: Die Kirche darf nicht wollen, dass sich die Menschen ihrem Recht unterordnen, sondern sie muss die Frohe Botschaft verbreiten.“

Aber Menozzi glaubt nicht, dass der Vatikan bald schon UNO- und EU-Menschenrechtserklärungen unterzeichnen wird. Mit Papst Franziskus, so der Historiker, wird das Dogma des göttlichen Naturrechts als allem menschlichen Recht übergeordnet nicht etwa abgeschafft, sondern nur weniger wichtig.


Aus: "Staat und Religion: Der Vatikan und die Menschenrechte" Thomas Migge (09.01.2015)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/staat-und-religion-der-vatikan-und-die-menschenrechte.886.de.html?dram:article_id=308219 (https://www.deutschlandfunk.de/staat-und-religion-der-vatikan-und-die-menschenrechte.886.de.html?dram:article_id=308219)

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[...] Markus Tiedemann (Jg. 1970) ist Professor für Didaktik der Philosophie und Ethik an der TU Dresden. Publikationen unter anderem: "'Liebe Fanatiker!' Philosophische Briefe an Menschen extremer Glaubensrichtungen" und "'In Auschwitz wurde niemand vergast'. 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt".

Er referiert am 16. Oktober (17 Uhr, NIG, Hörsaal 3D) im Rahmen der von Philosoph Konrad Paul Liessmann, Niklas Gyalpo, Bernadette Reisinger und Elisabeth Widmer in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe "Fachdidaktik kontrovers" zum Thema "Weder Tugendterror noch Nihilismus. Das Konzept der Transzendentalen Toleranzerziehung". Das Generalthema im Wintersemester 2019/20 lautet: "Erziehung zum Guten? Ethikunterricht zwischen Reflexion & Indoktrination".


STANDARD: Was halten Sie vom österreichischen Plan, Ethikunterricht nur für jene verpflichtend zu machen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht haben?

Tiedemann: Ich finde es grundsätzlich wünschenswert, dass Ethik in Österreich nun breiter eingeführt wird, gleichwohl ist das Modell alles andere als ambitioniert. Meines Erachtens braucht die pluralistische, multikulturelle Gesellschaft ein Pflichtfach Ethik für alle, und wer dann möchte, kann zusätzlich Religion wählen. Denn diese beiden Fächer sind sehr unterschiedlich. Eine ethische oder philosophische Reflexion ist per Definition ergebnisoffen, während eine religiöse Perspektive notwendig an Dogmen gebunden ist.

STANDARD: "Ethikunterricht ist nicht religionsfeindlich", sagen Sie. Viele Kritiker des Ethikunterrichts sagen, genau das ist er.

Tiedemann: Wer sich für Ethikunterricht ausspricht, geht davon aus, dass die wesentliche Grundlage unserer Gesellschaft auf einem gemeinsamen Diskurs beruht, zu dem Menschen unterschiedlichster sozialer Prägung oder religiöser Tradition versammelt werden. Schulunterricht sollte genau das befördern. Das kann er aber nicht, wenn er junge Menschen in unterschiedlichen, kulturell homogenen Schubladen unterbringt. Vor allem gilt ein wichtiger Grundsatz: Die entscheidenden Werte unserer Gesellschaft beruhen nicht auf religiösen Überzeugungen. Die Menschenrechte sind gegen und nicht durch die Religionen erkämpft worden. Das kann gar nicht oft genug betont werden. Der Vatikan hat bis heute die Menschenrechte nicht anerkannt. Insofern darf betont werden: Wenn wir die humanistischen Grundlagen unserer Gesellschaft pflegen wollen, dann sind diese zunächst einmal areligiös. Das heißt nicht, dass man religionsfeindlich ist.

STANDARD: Eine der Befürchtungen der Kritiker eines Ethikunterrichts lautet: Da werden die Schülerinnen und Schüler einfach nur anders, eben nichtreligiös indoktriniert ... quasi Gesinnungsunterricht auf andere Art oder Political Correctness als Schulfach. Was entgegnen Sie diesem Vorwurf?

Tiedemann: Zunächst würde ich sagen: Ja, Sie benennen eine große Gefahr. Das ist die Gefahr, die in jeder Pädagogik steckt, und wir Didaktiker zerbrechen uns darüber den Kopf unter dem Stichwort Wertevermittlungsdilemma. Wie kriegen wir es hin, dass Menschen moralisch wertvolle Grundsätze entwickeln, aber gleichzeitig dem Prinzip des Selbstdenkens und der freien Urteilskraft treu bleiben? Wir können ja nicht sagen: Ich möchte, dass du deine autonome Urteilskraft schulst, aber am Ende musst du ein Vertreter von Menschenrechten, Toleranz und Demokratie sein. Wir können diese Ergebnisse nicht vorgeben ohne die philosophische Essenz des Selbstdenkens zu verraten. Es geht nicht um Wertevermittlung, sondern Werte-Entwicklung, die von Generation zu Generation neu ausgetragen werden muss.

STANDARD: Wie gehen Sie mit diesem Dilemma im Unterricht um?

Tiedemann: Die philosophische Auseinandersetzung hat ein formales Dogma: Argumentiere kohärent, nicht willkürlich. Nur die Argumente werden anerkannt, die von jedem vernunftbegabten Wesen als Argument zumindest nachvollzogen werden können. Was die Pflege der humanistischen Werte angeht, gibt es das Vertrauen auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments nach Jürgen Habermas. Das heißt, in einem freien, rationalen Diskurs, so die – wie ich finde, auch begründete – Hoffnung, werden sich auch die Argumente durchsetzen, die ein starkes Primat für Menschenrechte, Toleranz und Demokratie vertreten.

STANDARD: Sie haben eine Studie über kulturell-religiöse Konflikte in Schulen durchgeführt. Sind sie mehr geworden, welche sind es, und wie sollen Schulen damit umgehen?

Tiedemann: Immer dann, wenn in ein System, hier die Schule, mehr Menschen unterschiedlicher Prägung hineinkommen, steigt die Konflikthäufigkeit. Die Lehrerinnen und Lehrer berichten, dass die Organisation, der Alltag und der Unterricht formal durch mehr Konflikte belastet sind und sie auch inhaltlich vor neuen Orientierungsfragen stehen. Vor 50 Jahren hätte wohl kaum eine Lehrerin oder ein Lehrer über Ernährung bei Schulfesten nachdenken müssen. Heute muss das organisatorisch geklärt werden. Aber auch inhaltliche Fragen wie die Gleichberechtigung der Geschlechter stehen erneut auf der Agenda und müssen neu ausgehandelt werden. Religions- und Kulturkunde sind hier hilfreiche, vielleicht sogar notwendige Bestandteile des Diskurses. Sie sind aber nicht hinreichend, um entsprechende Konflikte zu lösen. Dafür bedarf es des gemeinsamen Ringens um Argumente höherer Ordnung.

STANDARD: Diese Konflikte sind lauter Beispiele, wo Schulen oder die Gesellschaft entscheiden müssen, was tolerieren wir und was nicht. Wie und wo sollen Integrationsgesellschaften da die Grenze ziehen?

Tiedemann: Wir haben eine relativ gut begründete Grenze: die Menschenrechte. Wenn Menschenrechte zur Disposition stehen, haben wir gute Gründe zu sagen: Bis hierher und nicht weiter! Prinzipiell müssen wird uns des Begriffs Toleranz bewusster werden. In der Alltagssprache herrscht ein inflationärer Gebrauch: Wenn du mich gut findest, bist du tolerant. Und wenn du mich nicht gut findest, bist du intolerant. Das hat mit Toleranz nichts zu tun. Tolerare heißt ja erleiden, erdulden. Wir müssen etwas schlecht finden, um überhaupt tolerant sein zu können. Wenn es mir egal ist, bin ich nicht tolerant, und wenn ich es gut finde, auch nicht. Ich muss es ablehnen. Ablehnen und dennoch akzeptieren, das ist die Herausforderung echter Toleranz.

STANDARD: Warum soll ich etwas, das ich schlecht finde, akzeptieren?

Tiedemann: Weil es Argumente höherer Ordnung gibt. Ein Beispiel: Mein Nachbar spielt Trompete, und ich hasse es. Ich finde es schlecht und toleriere es dennoch, weil es Argumente höherer Ordnung gibt: die Freiheit der Lebensgestaltung, Gesetzestreue, Solidarität und so weiter. Oder: Ich mag es nicht, wenn Karikaturen über meinen Propheten gemacht werden. Dennoch toleriere ich es, weil die Rechtfertigung auf Werte wie Meinungs- und Pressefreiheit verweist, die über meine subjektive Empfindung hinausweisen. Deswegen darf ich die Karikaturen nach wie vor ablehnen und schlecht finden. Niemand zwingt mich, sie zu begrüßen, aber solange ich meine Ablehnung nicht selbst mit Argumenten höherer Ordnung rechtfertigen kann, muss ich mich fügen. Rainer Forst nennt dies das Recht und die Pflicht auf allgemeine und reziproke Rechtfertigung. Die Tugend echter Toleranz muss sehr intensiv trainiert werden. Meine Hoffnung ist, dass der Ethikunterricht zum expliziten Ort für dieses Training wird.

STANDARD: Warum ist philosophisch-ethische Bildung "eine wichtige Radikalisierungsprophylaxe", wie Sie sagen?

Tiedemann: Weil mir selbstkritische Reflexion die Endlichkeit meiner eigenen Vernunft vor Augen führt. Ein Beispiel: "Kann Gott einen Stein erschaffen, den er selbst nicht heben kann?" Fragen wie diese setzen einen Reflexionsprozess in Gang, der sich mäßigend auf religiösen Fundamentalismus auswirkt. Wie kann ich blind den Geboten eines angeblich allmächtigen Gottes folgen, wenn ich diese Allmacht nicht einmal widerspruchsfrei denken kann? Ein zweites Beispiel: "Wie kann ich eine politische Bewegung auf den Begriff einer nationalen Identität gründen, wenn ich gleichzeitig nicht in der Lage bin, diesen essenziell oder historisch zu definieren?" Wo meine Rechtfertigungen inkohärent werden, ist für meine Forderungen Bescheidenheit geboten. Das zu verstehen ist eine wirkungsmächtige Dogmatismusprophylaxe. (Lisa Nimmervoll, 14.10.2019)


Aus: "Fachdidaktik kontrovers: Philosoph zum Ethikunterricht: "Menschenrechte wurden gegen Religionen erkämpft""
Interview Lisa Nimmervoll (15. Oktober 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000109862955/philosoph-zum-ethikunterricht-menschenrechte-wurden-gegen-religionen-erkaempft (https://www.derstandard.at/story/2000109862955/philosoph-zum-ethikunterricht-menschenrechte-wurden-gegen-religionen-erkaempft)

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Jakob Stainer

Sehr gutes Interview! - Ich befürchte, dass viele, welchen es gut stehen würde das durchzudenken, nicht lesen werden.


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Kilian Schirrhackl

"Wenn die Welt erst ehrlich genug geworden sein wird, um Kindern vor dem 15ten Jahr keinen Religionsunterricht zu erteilen; dann wird etwas von ihr zu hoffen sein."
Arthur Schopenhauer (1788 - 1860), deutscher Philosoph


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jumpingjack flash

einen stein erschaffen den man nicht heben kann also der christliche Gott kann das - der schreibt auch auf krummen Linien gerade...
sprich da ist klar dass es um Dimension geht die NICHT mit unserem menschlichen verstand greifbar sind. ...


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Pater W1

Wenn Gott einen Stein erschaffen kann, den er nicht heben kann ist er nicht allmächtig - er hat zwar den Stein geschaffen, kann ihn aber trotz seiner Allmacht nicht heben. Oder er kann ihn heben, dann ist es aber kein Stein, den nicht mal er heben kann. Insofern gibt es keine Allmacht. Jetzt verstanden?


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jumpingjack flash

ja, nur entzieht sich das Verständnis dieser "Logik" völlig dem allmächtig und ungreifbaren bild des christlichen gottes (wie das bei Mohammed ist weiß ich nicht) - solche Fangfragen sind schlicht sinnlos - wie gesagt er kann auf krummen Linien gerade schreiben.
auch die Unendlichkeit ist ein begriff wo sich viele schwer tun - den zu vermitteln ist nicht leicht bis unmöglich.


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VHRedhunter

Immer wieder beeindruckend, wie sehr Rel. das Denkvermögen schädigt.


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on January 01, 2020, 10:06:56 PM
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[...] Ein pakistanisches Gericht hat einen Universitätsprofessor wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt. Der Richterspruch gegen den 33-jährigen Junaid Hafeez wurde am Samstag in der Stadt Multan verkündet. Sein Anwalt nannte das Urteil „höchst bedauerlich“ und kündigte an, Berufung einzulegen. Hafeez wurde im März 2013 verhaftet, weil er sich in Onlinenetzwerken abfällig über den Propheten Mohammed geäußert haben soll. Zu diesem Zeitpunkt lehrte er in Multan. Nach dem Urteil gegen Hafeez verteilte die Staatsanwaltschaft Süßigkeiten unter ihren Kollegen, die „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) und „Tod den Gotteslästerern“ skandierten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International nannte das Urteil „einen groben Justizirrtum“ und forderte Hafeez‘ sofortige Freilassung. Rund 40 Menschen sitzen nach einer Schätzung der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit aus dem Jahr 2018 nach Blasphemieurteilen in Pakistan in der Todeszelle.

...


Aus: "Todesurteil wegen Blasphemie für Professor" (Samstag, 21. Dezember 2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/todesurteil-wegen-blasphemie-fuer-professor.265.de.html?drn:news_id=1082917 (https://www.deutschlandfunkkultur.de/todesurteil-wegen-blasphemie-fuer-professor.265.de.html?drn:news_id=1082917)

Junaid Hafeez is a Pakistani university lecturer and graduate student who was convicted of blasphemy under Pakistan's broad blasphemy laws and sentenced to death. Arrested in 2013, Hafeez was accused of making derogatory comments about the prophet Mohammed on social media. ...
https://en.wikipedia.org/wiki/Junaid_Hafeez
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on January 06, 2020, 12:20:58 PM
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[...] Im Interview mit Talk-Master Michael Parkinson musste sich Blair zum wiederholten Male für seine Entscheidung rechtfertigen, zum Sturz Saddams an der Seite der USA Truppen in den Irak zu schicken. Der Premier sagte, er habe damals mit seinem Gewissen gerungen und, ja, auch gebetet. Aber letztlich werde das Urteil von anderen gefällt. Als Parkinson nachfragte, wer damit gemeint sei, antwortete Blair: "Wenn man an Gott glaubt, dann wird es auch von Gott gefällt." Mit dieser Antwort begab sich Blair auf ähnliches Terrain wie der Verbündete George W. Bush. ...


Aus: "Irak-Krieg: Tony Blair fragte Gott um Rat" (27.04.2009)
Quelle: https://www.merkur.de/politik/irakkrieg-tony-blair-fragte-gott-247673.html (https://www.merkur.de/politik/irakkrieg-tony-blair-fragte-gott-247673.html)

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[...] London. Fernab feinziselierter Beamtensprache hat eine Untersuchungskommission ein vernichtendes Urteil über die Rolle Großbritanniens beim Einmarsch im Irak 2003 gefällt. „Die Ernsthaftigkeit der Bedrohung durch Waffenvernichtungswaffen wurde mit einer Sicherheit präsentiert, die nicht gerechtfertigt war“, sagte Ausschussvorsitzender Sir John Chilcot bei der Präsentation des Berichts in London. „Trotz ausdrücklicher Warnungen“ seien die Folgen der Invasion völlig unterschätzt worden, die Vorbereitungen für die Zeit nach dem Einmarsch seien vollkommen unzureichend gewesen und die Regierung habe „ihre erklärten Ziele nicht erreicht“. ...


Aus: "Ein vernichtendes Urteil über Blairs Irak-Feldzug" Gabriel Rath (06.07.2016)
Quelle: https://www.diepresse.com/5044875/ein-vernichtendes-urteil-uber-blairs-irak-feldzug (https://www.diepresse.com/5044875/ein-vernichtendes-urteil-uber-blairs-irak-feldzug)

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[....] Miami – US-Präsident Donald Trump hat auf seiner ersten Wahlkampfveranstaltung des Jahres um die Stimmen der wichtigen evangelikalen Wähler geworben. "Ich glaube wirklich, dass wir Gott auf unserer Seite haben", sagte Trump mit Blick auf die Präsidentschaftswahl im November in Miami im US-Bundesstaat Florida am Freitag. ...


Aus: "Trump wirbt um evangelikale Christen: "Haben Gott auf unserer Seite"" (4. Jänner 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000112925773/trump-wirbt-um-evangelikale-christen-haben-gott-auf-unserer-seite (https://www.derstandard.at/story/2000112925773/trump-wirbt-um-evangelikale-christen-haben-gott-auf-unserer-seite)

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fizcaraldo

Wer kennt nicht die Stelle in der Bibel wo Gott verkünden lässt ein guter Christ solle sich mehrfach scheiden lassen, eine Affäre mit einer Pornodarstellerin haben und Schweigegeld zahlen um diese geheim zu halten?


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Grisu der kleine Drache

Lügen und Fremdgehen, Schmiergeldzahlungen zur Vertuschung von Ehebruch ... all das wiegt nicht so schwer, Hauptsache kein gottloser "socialist" im Weißen Haus.
Die Evangelikalen scheinen sehr situationselastisch zu sein.


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herr-s

Da tät ich mich jetzt nicht drauf verlassen "Haben Gott auf unserer Seite"
Das stand auch auf dem Koppelschloss der deutschen Wehrmacht.


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Replagiator

Die Irren unter sich!


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breite masse

Wo ist der Unterschied zur Wiener Stadthalle?
Kollektives Gebet für Sebastian Kurz in der Wiener Stadthalle
In der ausverkauften Wiener Stadthalle dankten die Veranstalter von Awakening Austria GOTT für Sebastian Kurz.

In der ausverkauften Wiener Stadthalle dankten die Veranstalter von Awakening Austria Gott für Sebastian Kurz (16. Juni 2019)
https://www.derstandard.at/story/2000104960625/kollektives-gebet-fuer-sebastian-kurz-in-der-wiener-stadthalle (https://www.derstandard.at/story/2000104960625/kollektives-gebet-fuer-sebastian-kurz-in-der-wiener-stadthalle)
"Vater, wir danken dir so sehr. Für die Weisheit, die du IHM gegeben hast. Für das Herz, das du IHM gegeben hast für dein Volk," sprach Fitzgerald, der Jesus bei einer Begegnung im Jahr 2002 kennenlernte, als er mit Drogen dealte. Die Aufrichtigkeit von Kurz richte die Nation auf, und man bete dafür, dass ihm "gerechte Führung" zuteil werde.


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Suzukaze Aoba

Schlimm, diese Gottesstaaten …


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Pedro007

Ich schäme mich Christ zu sein.


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peter schmidt

And, I wear (the black) for the thousands who have died,
Believen' that the Lord was on their side



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Charly Firpo

Sobald ein Politiker sagt "Gott ist mit uns" oder "Gott ist auf unserer Seite" wird es gefährlich.


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Huitzilihuitl

Joseph Campbell in seinem Vorwort zu The Masks of God: Primitive Mythologie (1969):
„Und ich kann keinen Grund erkennen, warum man annehmen sollte, daß dieselben, oft gehörten Motive nicht weiterklingen werden … genutzt von vernünftigen Menschen zu vernünftigen Zwecken oder von Wahnsinnigen zu Unfug und Verderben.“

Den Segen in voller Länge:
https://youtu.be/HrBvMFJ_drs (https://youtu.be/HrBvMFJ_drs)


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Jake Gittes

Das erste Bild ist herrlich. Die Bigotterie und Heuchelei perfektest dargestellt.


Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on January 10, 2020, 03:06:28 PM
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[...] Verwirrung über eine Serie in Brasilien: Ein Gericht in Rio de Janeiro hatte den US-Streamingdienst Netflix angewiesen, sein umstrittenes Weihnachtsspecial „The First Temptation of Christ“ (Die erste Versuchung Christi) abzusetzen. Das berichteten örtliche Medien am Mittwoch. Der brasilianische Film, der Jesus als homosexuelle Witzfigur darstellt, sorge in der „mehrheitlich christlichen Gesellschaft Brasiliens“ für Unruhe, so der Richter.

... Kehrtwende dann am Donnerstagabend (Ortszeit). Das Oberste Gericht hob ein Urteil eines Bundesrichters in Rio de Janeiro auf, der die Ausstrahlung der Komödie nach Protesten christlicher Gruppen untersagt hatte, wie die Tageszeitung „Folha de São Paulo“ berichtete.

Der Präsident des Obersten Gerichts, Dias Toffoli, betonte, die Meinungsfreiheit sei unerlässlich für eine Demokratie. Eine Satire könne nicht die christlichen Werte schwächen, deren Wurzeln zweitausend Jahre zurückreichten.

...


Aus: "Netflix-Film spaltet Brasilien Jesus, ein schwuler Witz" Joachim Huber (10.01.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/netflix-film-spaltet-brasilien-jesus-ein-schwuler-witz/25404058.html (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/netflix-film-spaltet-brasilien-jesus-ein-schwuler-witz/25404058.html)

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Aldermann 12:00 Uhr

Was passiert denn, wenn Religion meine unreligiösen Gefühle verletzt?


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SybilleHeckenreuter 12:22 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Aldermann 12:00 Uhr

Bekanntlich gibt es Gefühle nur bei religiösen Menschen. Alle anderen sind gefühllose Rationalisten, die dereinst in der Hölle enden werden.


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SybilleHeckenreuter 12:22 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Aldermann 12:00 Uhr
Bekanntlich gibt es Gefühle nur bei religiösen Menschen. Alle anderen sind gefühllose Rationalisten, die dereinst in der Hölle enden werden.

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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on February 13, 2020, 09:26:02 AM
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unbedenklich 12.02.2020, 22:59 Uhr

    „Entweder er (Gott) heilt sie oder nicht“, zitiert sie den Vater. „Ich habe das Gefühl gehabt, das war richtig so für sie.“

Unfassbar. Aber nach meiner Erfahrung in einer ev. Privatschule auch alles andere als unvorstellbar.
Was ich überhaupt nicht nach einer solchen Aussage verstehe ist das Urteil.  Das ist keine grobe Vernachlässigung, sondern ein Mord. Die einzige Entschuldigung ist die geistige Verwirrung der Eltern, die die Schuldfähigkeit mindert. Ich hoffe wenigstens die anderen Kinder werden vor diesen Eltern in Sicherheit gebracht.


Zu: "Gläubige Deutsche ließen Tochter sterben – fünf Jahre Haft" (12.02.2020)
Ein streng gläubiges Ehepaar hofft und vertraut, dass Gott ihr schwerkrankes Kind heilt. Sie brachten die 13-Jährige nicht ins Krankenhaus.
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/urteil-in-oesterreich-glaeubige-deutsche-liessen-tochter-sterben-fuenf-jahre-haft/25541018.html (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/urteil-in-oesterreich-glaeubige-deutsche-liessen-tochter-sterben-fuenf-jahre-haft/25541018.html)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on April 14, 2020, 11:31:22 AM
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[...] Keine Frage, die Corona-Pandemie lässt viele Akteure dumm dastehen. Ganze Milieus, Geschäftsmodelle und Ideologien zeigen sich in der Auseinandersetzung mit dem Virus unbewaffnet und ahnungslos, oder sie offenbaren ihre Natur als zynischer Zirkus.

Der Fußball in Stuttgart und in Mailand, der Karneval in Heinsberg und in New Orleans, der glorreiche "freie Markt" und seine Unfähigkeit, irgendwas vernünftig zu regeln, Populisten wie Trump [https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/28/trump-coronavirus-politics-us-health-disaster (https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/28/trump-coronavirus-politics-us-health-disaster)], Bolsonaro [https://www.dw.com/de/bolsonaro-und-corona-ein-gespenst-geht-um-in-brasilien/a-52960590 (https://www.dw.com/de/bolsonaro-und-corona-ein-gespenst-geht-um-in-brasilien/a-52960590)] und die AfD (natürlich) [https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_87571086/hoyerswerda-afd-gruppe-spaziert-trotz-corona-krise-mit-blumen-in-klinik.html (https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_87571086/hoyerswerda-afd-gruppe-spaziert-trotz-corona-krise-mit-blumen-in-klinik.html)], und viele andere Stützen der Gesellschaft sind da nur ein paar Beispiele. Lustig ist das allenfalls für Sadisten, die an ihre eigene Unverwundbarkeit glauben.

Ganz besonders nackt stehen aber die Religionen da. Ihre Unfähigkeit, sinnvoll auf die Krise zu reagieren, sollte keine Überraschung sein - was in sich sinnlos ist, kann in Krisensitutationen nicht sinnvoller werden. Aber die Nachhaltigkeit, mit der sich der Budenzauber gerade blamiert, ist schon spektakulär; der Weg von der Religion zur Selbstsatire war noch selten kürzer.

Als erstes positionierten sich natürlich wieder einmal die besonders schattigen Vertreter der religiösen Zunft, wie zum Beispiel die Mullahs im Iran, die erst durch komplette Passivität und Ahnungslosigkeit glänzten, indem sie vielbesuchte Pilgerstätten geöffnet ließen und dann, wie üblich, mit lächerlichen Verschwörungstheorien von ihrer eigenen Unfähigkeit ablenken wollten. Das Ergebnis war bereits Mitte März aus dem Weltraum zu beobachten: Massengräber [https://www.mena-watch.com/coronavirus-iran-hebt-massengraeber-aus/ (https://www.mena-watch.com/coronavirus-iran-hebt-massengraeber-aus/)].

Amerikanische Dudelprediger konnten natürlich auch nicht auf der faulen Haut liegen. Besonders bezeichnend in dieser Hinsicht mag das Schicksal von Landon Spradlin sein, der erst meinte, die Aufregung um Sars-CoV2 sei eine gegen Trump gerichtete politische Waffe der Medien und der dann an Covid-19 starb.

Teilweise riskierten seine Kollegen den offenen Konflikt mit der Staatsmacht [https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/31/florida-megachurch-pastor-arrested-for-breaching-covid-19-health-order (https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/31/florida-megachurch-pastor-arrested-for-breaching-covid-19-health-order)]. Rabbis, die den Virus als Zeichen für das Nahen des Messias begriffen, moslemische Prediger, die selbstverständlich den Ursprung des Virus in den USA oder in Israel verorteten, griechisch-orthodoxe Geistliche, die ihre Gemeindeschäfchen dazu aufriefen, Ausgangssperren zu umgehen - keiner wollte beim grausigen Festival der Dummheit fehlen. Ein konservativer katholischer Kardinal namens Raymond Burke, für den es anscheinend in Italien gar nicht genug Tote geben kann, machte bei der Narrenparade natürlich auch mit [https://www.ncronline.org/news/people/catholic-cardinal-burke-says-faithful-should-attend-mass-despite-coronavirus (https://www.ncronline.org/news/people/catholic-cardinal-burke-says-faithful-should-attend-mass-despite-coronavirus)].

Sein Chef ließ sich noch was Anderes einfallen. Am 15.3. ging er den kurzen Dienstweg und bat Gott umstandslos, die Pandemie zu beenden [https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-03/papst-erfleht-in-rom-ende-der-globalen-corona-pandemie.html (https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-03/papst-erfleht-in-rom-ende-der-globalen-corona-pandemie.html)]. Als Gott auf die Dringlichkeitsnote nicht hörte, richtete sich sein Stellvertreter wieder an das Kirchenvolk und spendete eine Extradosis Urbi et Orbi [https://www.tagesschau.de/inland/corona-papst-107.html (https://www.tagesschau.de/inland/corona-papst-107.html)]. Das "Expecto Patronum" des Katholizismus gibt es sonst nur zwei Mal im Jahr (und nach einer Papstwahl).

Immerhin war man nicht wahnsinnig genug, den Mummenschanz vor dem vollbesetzten Petersplatz aufzuführen, was Kardinal Burke wahrscheinlich wiederum begrüßt hätte. Das Geisterspiel ohne Publikum geriet dann unfreiwillig zu einem vernichtenden Kommentar über die ganze religiöse Pantomime. Erst auf der leeren Bühne, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, entfaltete sich die Nichtigkeit der Zaubersprüche mit allem Nachdruck. Wie der Autor und Journalist Günther Hack kann man vermuten, dass dieses Bild von der Corona-Krise bleiben wird [https://twitter.com/guenterhack/status/1243608635516899334 (https://twitter.com/guenterhack/status/1243608635516899334)].

Selbstverständlich macht es keinen Sinn, jetzt Virologen und Mediziner zu allwissenden Superhelden und quasireligiösen Ersatzautoritäten aufzubauen. Das erzeugt nur einen Erwartungsdruck, dem man sich als Wissenschaftler ja entziehen muss, um arbeitsfähig, ehrlich und nüchtern zu bleiben. Und selbstverständlich gibt es religiöse Menschen, die sich in allen möglichen Situationen und Positionen sinnvoll engagieren, genau wie nichtreligiöse.

Aber die Religionen als institutionalisierte und hierarchisierte Formen des magischen Denkens (und zumal ihre herausragenden Vertreter), geben das erwartbar jämmerliche Bild ab. Das törichte Herumgefuchtel mit Monstranzen, heiligen Texten und dummen Ideen ist im besten Fall nutzlos, im schlimmsten Fall kann es ungezählte Menschen das Leben kosten. Die Corona-Epidemie macht mit seltener Deutlichkeit klar: Die Religionen haben keine Probleme, sie sind ein Problem. (Marcus Hammerschmitt)


Aus: "Pandemie und Pantomime" Marcus Hammerschmitt (13. April 2020)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Pandemie-und-Pantomime-4699684.html (https://www.heise.de/tp/features/Pandemie-und-Pantomime-4699684.html)

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on May 13, 2020, 08:43:25 PM
Bischof Gebhard Fürst @BischofGebhard
Als Bischof der #dioezeserottenburgstuttgart distanziere ich mich klar von den gefährlichen Theorien der Gruppe um Erzbischof Viganò. Wer die Bemühungen der Politik, Menschenleben vor dem #coronavirus zu schützen, in eine dubiose Weltverschwörung umdeutet, spielt mit dem Feuer!
https://twitter.com/BischofGebhard/status/1259782337866465282

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[...] Es gebe "Kräfte, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen". "Fremde Mächte" mischten sich ein, "supranationale Einheiten" mit unklaren Absichten und "sehr starken politischen und wirtschaftlichen Interessen". Projekte, "um besser manipulieren und kontrollieren zu können", eine "Politik der drastischen Bevölkerungsreduzierung" und ein "beunruhigender Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung". Es geht um den Kampf gegen einen "unsichtbaren Feind". Diese Zitate stammen nicht aus kruden Manifesten von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern oder Esoterikern. Sie sind einem Manifest des ehemaligen US-Nuntius und Erzbischofs Carlo Maria Viganò entnommen. "Die Wahrheit wird euch frei machen" ist das dem Johannes-Evangelium entnommene biblische Motto des "für die Kirche und für die Welt  an Katholiken und alle Menschen guten Willens" gerichteten Schreibens.

Angesichts der weltweiten Einschränkungen von Freiheitsrechten zur Eindämmung der Corona-Pandemie wollen sich Erzbischof Viganò und seine Mitunterzeichner vordergründig zur Stimme einer demokratischen Öffentlichkeit und für die Bewahrung von Freiheitsrechten machen, insbesondere der Religionsfreiheit. Das am 7. Mai veröffentlichte und auf den 8. Mai datierte Manifest spart dafür nicht an raunendem Alarmismus und Versatzstücken von Verschwörungsmythen und strukturellem Antisemitismus, die die freien Völker unter der Knute von ominösen und ungenannten wirtschaftlichen und politischen Interessen sieht.

Die Liste der Unterzeichner liest sich wie ein Who is Who der Kritiker und Gegner des amtierenden Papstes Franziskus. Drei Kardinäle haben die Petition unterzeichnet. Wie der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, sind auch die anderen beiden unterzeichnenden Kardinäle bereits im Ruhestand. Der ehemalige Bischof von Hongkong Joseph Zen Ze-kiun war bisher vor allem mit Kritik an der Annäherungspolitik des Vatikans an China aufgefallen. Zunehmend klangen seine Wortmeldungen zum von ihm konstatierten Ausverkauf der chinesischen Untergrundkirche verbitterter. Der dritte Kardinal im Bund war Erzbischof von Riga, seit 2010 ist er emeritiert: International wurde Janis Pujats durch seine Äußerungen zum Thema Homosexualität bekannt. Durch die EU-Mitgliedschaft seines Heimatlandes sei die lettische Gesellschaft sexualisiert worden, die EU führe einen internationalen Kreuzzug gegen das Christentum. Er zählte auch zu den Kritikern von den von Franziskus veranlassten Familiensynoden.

Neben den Emeriti unterstützen auch zwei amtierende Ortsbischöfe die Petition: Der Texaner Joseph Strickland, der vor kurzem auf Twitter den Osnabrücker Bischof unter Häresieverdacht gestellt hatte, und Tomasz Peta, Erzbischof von Astana. Weitere Bischöfe auf der Liste sind der umtriebige Weihbischof des kasachischen Bistums Astana, Athanasius Schneider, der emeritierte Salzburger Weihbischof Andreas Laun und der emeritierte Erzbischof des kasachischen Karaganda Jan Pawel Lenga, der jüngst aufgrund seiner polemischen Kritik an Papst Franziskus vom Ortsbischof seines polnischen Altersruhesitzes mit einem Predigt- und Auftrittsverbot belegt wurde. Lenga hatte den Papst unter anderem als "Antichrist" bezeichnet. Einige der Bischöfe sind bereits zuvor in Petitionen und Manifesten gegen die Linie des Papstes an die Öffentlichkeit gegangen. Der prominenteste Laie auf der Liste ist der US-Präsidentenneffe Robert Francis Kennedy jr., ein bekannter Imfpgegner.

Ursprünglich wurde noch ein vierter Kardinal von Viganò in Anspruch genommen. Dieser angebliche Unterzeichner ist der Gruppe aber schon abhanden gekommen: Kurienkardinal Robert Sarah bat darum, wieder von der Unterstützerliste entfernt zu werden. Als Kardinalpräfekt und Teil der Kurie habe er "eine gewisse Zurückhaltung in politischen Fragen" an den Tag zu legen und sollte daher keine derartigen Petitionen zeichnen, distanzierte er sich kurz nach Veröffentlichung per Twitter. Inhaltlich äußerte er dort nur verhaltene Zustimmung: Er teile "aus seiner persönlichen Sicht einige Fragen und Bedenken zur Einschränkung von Grundrechten", schloss er sein Dementi. Wie er zu Spekulationen über eine "Weltregierung", "interessierte Kräfte" und "supranationale Einheiten" steht, gab er nicht zu Protokoll. In einem ebenfalls am 8. Mai veröffentlichten Artikel für die französische Zeitschrift L'Homme Nouveau verzichtete er jedenfalls auf derartige Schuldzuweisungen, während er die Autonomie der Kirche und ihr unveräußerliches Recht auf die Feier der Liturgie stark machte.

Erzbischof Viganò dagegen veröffentlichte eine Replik auf die Aussagen des Kardinals, in der er seine Sicht des Ablaufs schildert. Demzufolge habe Sarah erst seine Unterschrift zugesagt, hätte sie später aber auf Anraten "einiger Freunde" per SMS zurückgezogen. Diese Nachricht habe Viganò erst nach Veröffentlichung des Manifests gelesen. Sarah wollte sich zu Viganòs Darstellung der Zeitabläufe nicht mehr äußern.

Angesichts der gewichtigen Vorwürfe in Viganòs Manifest bleibt es auffällig unbestimmt, gegen wen es sich richtet. Wer genau der kritisierte unsichtbare Feind sein soll, wird in dem "Aufruf für die Kirche und die Welt" nicht ausgeführt. Wer mit den "fremden Mächte" gemeint ist, die eine Weltregierung anstreben, darf der Leser selbst ausfüllen, während die Unterzeichner jederzeit darauf verweisen können, es so ja gar nicht gemeint zu haben. Insgesamt bleibt der Appell bei aller Bestimmtheit oft im Ungefähren.

Auch wer die angesprochenen "vielen maßgebliche Stimmen in der Welt der Wissenschaft und Medizin" sind, auf die sich die Unterzeichner berufen, bleibt offen. Warum sie der Meinung sind, dass angesichts von Covid-19 ungerechtfertigter "Alarmismus" vorliege, wird nicht erwähnt. Man habe "auf Grundlage offizieller Daten der Epidemie in Bezug auf die Anzahl der Todesfälle" Grund zur Annahme, es solle durch "interessierte Kräfte" Panik geschürt werden. Von welchen Zahlen das Manifest ausgeht, wird wiederum nicht transparent gemacht. Nach den Aufstellungen der Johns-Hopkins-Universität gab es bisher fast 30.000 Covid-19-Tote in Italien, wo die meisten der Unterzeichner leben, und über 75.000 Toten in den USA, wo Viganò zuletzt als Nuntius gewirkt hat.

Zwar gibt es bei der Unterstützerliste einen eigenen Abschnitt für "Ärzte, Immunologen, Virologen und Forschern", jedoch wird bei keinem eine einschlägige Spezialisierung erwähnt, stattdessen finden sich nach eigenen Angaben unter anderem Mikrochemiker, Psychiater, Psychologen, Kardiologen und Ernährungswissenschaftler unter den genannten Personen, die teilweise Verbindungen zu Impfgegner-Vereinigungen haben. Zwei der Forscher betreiben ein Laboratorium, das sich einer pseudowissenschaftlichen Theorie widmet. Unter den als unterstützende Organisationen benannten Gruppen sind neben Initiativen, die sich Lebensschutz und traditionelle Liturgie auf die Fahnen geschrieben haben, vor allem italienische Impfgegner zu finden, die auf ihren Seiten bekannte Falschinformationen zur angeblichen Schädlichkeit von Impfungen verbreiten. Dabei kommt es auch zu kuriosen Querfronten: Aus dem Netzwerk der Impfgegner ist auch eine "Associazione Atman" unter den Unterzeichnern, eine Yoga-Vereinigung, die sich nach eigenen Aussagen auf die Fahne geschrieben hat, "das Wissen und die Praxis des Raja Yoga und all jener esoterischen Traditionen zu verbreiten, die die Verbesserung des Menschen als Ganzes zum Ziel haben".

Dass Erzbischof Viganò ein derartiges Konglomerat an Verschwörungsmythen und Pseudowissenschaft anführt, überrascht in dieser Deutlichkeit, auch wenn er sich seit Beginn seiner Kampagne gegen Papst Franziskus immer schriller äußerte. Verschwörungsdenken ist ein roter Faden im Werk Viganòs. Im vergangenen Jahr zitierte ihn der Vatikan-Journalist Robert Moynihan mit einer von Viganò so genannten "Synthese seines Denkens", demzufolge in der Kirche ein seit 60 Jahren von Jesuiten betriebener marxistischer Plan zur Umgestaltung der Kirche verfolgt werde, weg von Liturgie und Moral, hin zu sozialem Engagement. Dieser Plan hätte nun mit einem Jesuiten auf dem Papstthron seinen Höhepunkt gefunden.

In seinem Manifest verzichtet Viganò diesmal auf eine direkte Kritik am Papst, spricht ihn vordergründig gar nicht an. Die raunende Sprache der Verschwörungsmythen richtet sich bei ihren säkularen Protagonisten gegen Bill Gates, George Soros, das "Weltjudentum" oder auch die Pharmaindustrie – und, als Schnittmenge zu Viganòs Weltbild, Freimaurer und Jesuiten. Wenn Viganò und seine Unterstützer von Plänen einer "Weltregierung" oder von "supranationalen Einheiten" sprechen, dann klingen dabei auch Äußerungen des Papstes in der Corona-Krise an. Wenn Franziskus sich zu den Bedrohungen zur Pandemie äußert, dann spricht der Papst von "nachhaltiger und integraler Entwicklung der ganzen Menschheitsfamilie", beim Regina Coeli am dritten Ostersonntag hatte er sich für eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Impfstoffe ausgesprochen. Er sieht keine Panikmache interessierter Kreise am Werk, sondern sorgt sich im Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel um die globale humanitären und politischen Auswirkungen der Pandemie und setzt sich dabei für die Schwächsten ein.

Im Zuge der Corona-Krise hatte Viganò bereits zum Exorzismus gegen die Pandemie aufgerufen und eine Petition zur Wiedereröffnung der Bäder von Lourdes veröffentlicht, da man sich im Heilwasser des Marienwallfahrtsorts nicht anstecken könne. Das allein hätte man noch als Kuriositäten einer traditionalistischen Glaubenswelt abtun können. Mit dem aktuellen Manifest ist das kaum mehr möglich. Viganò ist endgültig ins Lager des Obskurantismus abgedriftet.

Von Felix Neumann


Aus: "Erzbischof Viganò: Vom Nuntius zum Verschwörungstheoretiker" Felix Neumann (Bonn/Rom - 08.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25438-erzbischof-vigano-vom-nuntius-zum-verschwoerungstheoretiker (https://www.katholisch.de/artikel/25438-erzbischof-vigano-vom-nuntius-zum-verschwoerungstheoretiker)

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[...] Auf der Webseite des Corona-Manifests von Erzbischof Carlo Maria Viganò wurden versehentlich E-Mail-Adressen von mehreren Zehntausend Unterzeichnern veröffentlicht. Die Hauptunterzeichner, zu denen Kardinal Gerhard Ludwig Müller und verschiedene Organisationen von Impfgegnern gehören, bieten eine Mitzeichnung der Petition über ein Formular an. Durch einen technischen Fehler sind nicht nur Name, Herkunft und Organisationszugehörigkeit der Unterzeichner abrufbar, sondern zusätzlich auch die von ihnen angegebenen E-Mail-Adressen und Nachrichten an die Initiatoren.

... Der Appell "Veritas liberabit vos" ("Die Wahrheit wird euch freimachen") wurde Ende der vergangenen Woche von dem ehemaligen US-Nuntius Erzbischof Carlo Maria Viganò veröffentlicht. Zu seinen Unterzeichnern gehören die Kardinäle Gerhard Ludwig Müller und Joseph Zen aus Hongkong. In dem Text heißt es, es gebe "Kräfte, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen", im "Kampf gegen einen unsichtbaren Feind" gelte es, Bestrebungen zur "Schaffung einer Weltregierung" und eine "Politik der drastischen Bevölkerungsreduzierung" zu verhindern. Das von Impfgegner-Organisationen unterstützte Papier bezweifelt die Gefährlichkeit des neuartigen Coronavirus.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und mehrere Bischöfe haben den Aussagen im Papier widersprochen. Die "Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz" unterscheide sich grundlegend von der im Aufruf Viganòs geäußerten. (fxn)


Aus: "Datenpanne bei Viganò-Petition: Tausende E-Mail-Adressen öffentlich" (Bonn - 12.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25478-datenpanne-bei-vigano-petition-tausende-e-mail-adressen-oeffentlich (https://www.katholisch.de/artikel/25478-datenpanne-bei-vigano-petition-tausende-e-mail-adressen-oeffentlich)

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[...] Der ernannte Augsburger Bischof Bertram Meier hat sich deutlich von dem Corona-Aufruf von Kardinal Gerhard Ludwig Müller und Erzbischof Carlo Maria Vigano distanziert. "Jeder muss in einer freiheitlichen Gesellschaft seine Meinung frei äußern dürfen, aber in unserem Bistum haben wir einen Priester an Corona verloren" sagte Meier der "Augsburger Allgemeinen" (Mittwoch). Weiter fügte er hinzu: "Und ich denke vor allem auch an die vielen Menschen, die in verschiedenen Altenheimen in unserer Region inzwischen nach einer Covid-19-Infektion gestorben sind."

"Hier von einer 'Weltverschwörung' zu reden, empfinde ich geradezu als zynisch", erklärte Meier und betonte: "Was unser Bistum betrifft: Wir werden in der Corona-Pandemie weiterhin eng mit den staatlichen Stellen zusammenarbeiten. Denn nur gemeinsam können wir dieses Virus besiegen."

Zuvor hatten bereits mehrere Kirchenmänner das jüngst veröffentlichte Schreiben kritisiert. Von diesen "gefährlichen Theorien" distanziere er sich klar, schrieb Rottenburgs Bischof Gebhard Fürst am Montag auf Twitter: "Wer die Bemühungen der Politik, Menschenleben vor dem Coronavirus zu schützen, in eine dubiose Weltverschwörung umdeutet, spielt mit dem Feuer!" Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der Magdeburger Bischof Gerhard Feige und der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sowie Essens Generalvikar Klaus Pfeffer und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, distanzierten sich von dem Aufruf.

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) war bereits am Wochenende auf Distanz zu dem Aufruf gegangen. "Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands", sagte der Konferenz-Vorsitzende, Bischof Georg Bätzing, am Wochenende: "Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet."

Die Gruppe um Müller, Vigano und Kardinal Joseph Zen Ze-kiun hatte eine Warnung veröffentlicht, nach der die Corona-Pandemie genutzt werden solle, um eine Weltregierung zu schaffen, "die sich jeder Kontrolle entzieht". Sie werde als Vorwand genutzt, um "Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt" einzuschränken. So ernst der Kampf gegen Covid-19 sein möge, dürfe er nicht "als Vorwand zur Unterstützung unklarer Absichten supranationaler Einheiten dienen, die sehr starke politische und wirtschaftliche Interessen verfolgen". Nach wachsender Kritik hatte Müller am Wochenende seine Unterschrift verteidigt. Interessierte kirchliche Kreise hätten das Papier benutzt, "um daraus Empörungskapital gegen ihre vermeintlichen Gegner zu schlagen", so der Kardinal. (tmg/KNA)


Aus: "Künftiger Bischof Meier: Corona-Text von Müller und Vigano "zynisch"" (Augsburg - 12.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25474-kuenftiger-bischof-meier-corona-text-von-mueller-und-vigano-zynisch (https://www.katholisch.de/artikel/25474-kuenftiger-bischof-meier-corona-text-von-mueller-und-vigano-zynisch)

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[...] Kardinal Gerhard Ludwig Müller wehrt sich gegen den Vorwurf, er verbreite Verschwörungsmythen. "Man gesteht einander einfach keinen guten Willen zu", sagte der frühere Präfekt der römischen Glaubenskongregation im Interview der "Zeit" (Donnerstag): "Ich verstehe nicht, warum man bei Vorwürfen immer gleich bis zum Äußersten gehen muss." Der Kardinal wehrt sich damit gegen die anhaltende Kritik an einem Brief von Erzbischof Carlo Maria Viganò, den er mit unterschrieben hatte. Darin wird unter anderem davor gewarnt, die Corona-Pandemie solle genutzt werden, um eine Weltregierung zu schaffen, "die sich jeder Kontrolle entzieht". Sie werde als Vorwand genutzt, um "Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt" einzuschränken. So ernst der Kampf gegen Covid-19 sein möge, dürfe er nicht "als Vorwand zur Unterstützung unklarer Absichten supranationaler Einheiten dienen, die sehr starke politische und wirtschaftliche Interessen verfolgen".

Seine Unterschrift jetzt zurückzuziehen, wäre "die feige Variante", so Müller: "In der Tat stammt keine einzige Zeile von mir. Normalerweise unterschreibe ich solche Aufrufe nicht, die notwendig allgemein gehalten sein müssen und im Detail nicht präzis sein können." Aber er habe Vigano, dem man "böse mitgespielt hat und der sehr isoliert ist", auf seine Bitte nicht schroff eine Absage erteilen wollen. "Ich möchte auch klarstellen, dass ich seine Aufforderung an Papst Franziskus, zurückzutreten, nicht gutheiße", ergänzte der Kardinal. Das Papier verstehe er als einen Appell zum Nachdenken: "Wenn alles so einfach zu widerlegen ist, warum wischen unsere klugen Anti-Verschwörungstheoretiker nicht mit drei geistreichen Sätzen das Papier vom Tisch oder versenken es in der Schublade?"

Dass die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) auf Distanz zu dem Papier gegangen sei, kommentierte Müller mit den Worten: "Die Bischofskonferenz hat sich auch von der Forderung des Papstes distanziert, die Neuevangelisierung an die Spitze der katholischen Reform zu stellen. Das belastet mich und nicht die Distanzierung vom einem Dreiseitentext." Weiter betonte der Kardinal, viele Vorsichtsmaßnahmen gegen die Pandemie seien anfangs sicher richtig gewesen, doch dürfe man damit nicht jegliches Verbot rechtfertigen: "Es steht mir doch zu, Kirchenschließungen zu kritisieren, wenn Supermärkte geöffnet sind."

"Ich erachte es als eine Frechheit, wenn mich jemand als konservativ bezeichnet", sagte Müller weiter. Diese politischen Kategorien passten einfach nicht auf die Kirche. "Was ich bin und wie ich denke, das kann ich ohne Nachhilfe noch selbst definieren." Erstens sei er kein Vertreter "irgendeines weltanschaulich gefärbten Katholizismus" und zweitens kein Antipode zum Papst. "Er hat selbst zu mir gesagt, ich solle mich um dieses sinnfreie Gerede nicht kümmern, das aus der Verwechselung von Politik und Theologie kommt", so Müller.

Auf die Frage, ob die Idee einer Weltregierung nicht klassisch verschwörungstheoretisch sei, antwortete Müller: "Wer die Geschichte kennt, der weiß, dass es schon oft den Griff nach der Weltherrschaft gab - durch den Faschismus wie durch den Kommunismus." Und niemand könne leugnen, dass heute mit modernsten technischen Methoden eine totale Kontrolle der Bevölkerung möglich wäre - "etwa durch Social Scoring in China". In der Demokratie seien solche Versuche vielleicht zum Scheitern verurteilt, aber "eine gewisse Wachsamkeit erfordert die Sicherung von Freiheit und Selbstbestimmung auch heute. Die Kritiker des Briefes blenden völlig aus, dass es illiberale Maßnahmen, wie sie im Brief angesprochen sind, tatsächlich gibt. Und ich kann nicht sehen, dass im sogenannten Westen oder in China die christliche Kultur allgemein gefördert wird."

Mehrere führende Kirchenvertreter aus Deutschland hatten den Viganò-Aufruf teils scharf kritisiert. "Hier von einer 'Weltverschwörung' zu reden, empfinde ich geradezu als zynisch", erklärte etwa der ernannte Bischof von Augsburg, Bertram Meier, am Dienstag. Von diesen "gefährlichen Theorien" distanziere er sich klar, schrieb Rottenburgs Bischof Gebhard Fürst am Montag auf Twitter: "Wer die Bemühungen der Politik, Menschenleben vor dem Coronavirus zu schützen, in eine dubiose Weltverschwörung umdeutet, spielt mit dem Feuer!" Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der Magdeburger Bischof Gerhard Feige und der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sowie Essens Generalvikar Klaus Pfeffer und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, distanzierten sich von dem Aufruf. Die DBK war bereits am Wochenende auf Distanz gegangen. "Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands", sagte der Konferenz-Vorsitzende, Limburgs Bischof Georg Bätzing, am Wochenende: "Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet." (tmg/KNA)


Aus: "Müller zu Viganò-Aufruf: Jetzt zurückzuziehen, wäre die feige Variante" (Hamburg - 13.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25491-mueller-zu-vigano-aufruf-jetzt-zurueckzuziehen-waere-die-feige-variante (https://www.katholisch.de/artikel/25491-mueller-zu-vigano-aufruf-jetzt-zurueckzuziehen-waere-die-feige-variante)

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[...] Wien, 13.05.2020 (KAP) Der Kommunikationschef der Erzdiözese Wien, Michael Prüller, hat sich in deutlichen Worten vom jüngsten Corona-Aufruf von Ex-Glaubenspräfekt Kardinal Gerhard Ludwig Müller und dem pensionierten US-Nuntius Carlo Maria Vigano distanziert. In seiner Kolumne in der neuen Ausgabe der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" (Mittwoch) bezeichnet der Sprecher von Kardinal Christoph Schönborn wesentliche Teile des Aufrufs wörtlich als "unchristliche Panikmache".

"Ich bin für Wachsamkeit. Und man soll die Maßnahmen gegen Corona ruhig kritisch sehen. Opposition ist erlaubt und wichtig", hält Prüller fest: "Aber es ist unredlich, eine Verschwörung zu behaupten, ohne die Fakten zu nennen, die man anspricht, und ohne die 'Kräfte' zu definieren, die uns versklaven wollen. Ohne einen einzigen Beleg wird den Politikern, Wissenschaftlern, Medienleuten und Bischöfen unterstellt, dass sie nicht verantwortungsbewusst handeln, sondern entweder ahnungslose Handlanger oder vielleicht sogar selber Weltverschwörer sind."

Die Gruppe um Vigano und Müller hatte in einem internationalen Aufruf vor einigen Tagen die Aufhebung sämtlicher Beschränkungen für Gottesdienste gefordert. In dem Text findet sich auch eine Warnung, nach der die Corona-Pandemie genutzt werden solle, um eine "Weltregierung" zu schaffen, "die sich jeder Kontrolle entzieht". Sie werde als Vorwand genutzt, um "Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt" einzuschränken.

Kritisch zu dem Schreiben äußerte sich in Österreich auch der Theologe Gunter Prüller-Jagenteufel im Interview der Kooperationsredaktion der heimischen Kirchenzeitungen. Er ortet in dem Text u.a. eine "zerstörerische Kampfrhetorik". Dem an der Universität Wien lehrenden Theologen stößt dabei schon der Einleitungssatz auf, wo mit der Formulierung "In einer Zeit schwerster Krise erachten wir Hirten der katholischen Kirche, aufgrund unseres Auftrags, es als unsere heilige Pflicht ..." offenbar der Eindruck eines offiziellen Kirchendokuments erweckt werden soll. Prüller-Jagenteufel sieht darin "Hybris" der bischöflichen Proponenten des Aufrufs, von denen die meisten emeritiert sind: "Die Hirten der Kirche sind die Ortsbischöfe, die Bischofskonferenzen, der Papst."

Zum Anliegen des Aufrufs, auf alle Beschränkungen bei öffentlichen Gottesdiensten zu verzichten, erinnert der Theologe, dass auch die Kirche an rechtliche Regelungen vonseiten des Staates gebunden sei. Basis für das Vorgehen seien zudem "nicht einzelne wissenschaftliche Sonderpositionen, sondern der breitestmögliche Konsens der Wissenschaft, der zurzeit zu erreichen ist" so Prüller-Jagenteufel. Niemand würde ernsthaftes Interesse daran haben, die Maßnahmen länger aufrechtzuerhalten als unbedingt notwendig.

Auf die Notwendigkeit der in Österreich von der Bischofskonferenz "in Eigenverantwortung" beschlossenen tiefgreifenden Einschränkungen des kirchlichen Lebens verwies auch der Presse- und Medienreferent der Österreichischen Bischofskonferenz, Paul Wuthe, zuletzt auf Anfrage von Medien. "So schmerzlich die Einschränkungen gerade im Blick auf Ostern waren, die positiven Entwicklungen bei der Eindämmung der Pandemie in den letzten Wochen zeigen, dass die Maßnahmen sinnvoll waren, was neben anderem auch zur Folge hat, dass ab 15. Mai wieder öffentliche Gottesdienste unter Auflagen stattfinden können", hielt Wuthe fest.

Die getroffenen Maßnahmen seien sowohl mit der Bundesregierung und allen anderen gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften vereinbart als auch mit ausgewiesenen Experten abgeklärt worden, erinnerte Wuthe: "Die nötigen Einschränkungen waren und sind Ausdruck einer recht verstandenen christlichen Selbst- und Nächstenliebe. Dabei war für die österreichischen Bischöfe nicht zuletzt auch das Vorbild von Papst Franziskus maßgeblich. Daher unterscheidet sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Österreichische Bischofskonferenz fundamental vom jüngst veröffentlichten Aufruf."


Aus: "Kritik an Vigano-Aufruf: "Unchristliche Panikmache"" (13.05.2020, 12:03 Uhr Österreich/Kirche/Epidemie)
Quelle: https://www.kathpress.at/goto/meldung/1889605/kritik-an-vigano-aufruf-unchristliche-panikmache (https://www.kathpress.at/goto/meldung/1889605/kritik-an-vigano-aufruf-unchristliche-panikmache)

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[...] Der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, wünscht sich mehr deutliche Worte gegen einen Text hoher Kirchenmänner zur Corona-Krise. Er habe sich zwar über die klare Positionierung von Essens Bischof Franz-Josef Overbeck und die vorsichtige Distanzierung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Georg Bätzing, gefreut. "Davon abgesehen hält sich der Widerspruch aber in Grenzen", sagte Pfeffer im Interview dem Magazin "Spiegel" (Online, Sonntagabend).

Eine Gruppe um die Kardinäle Gerhard Ludwig Müller und Joseph Zen Ze-kiun hatten zusammen mit Erzbischof Carlo Maria Vigano eine Warnung veröffentlicht, nach der die Corona-Pandemie genutzt werden solle, um eine Weltregierung zu schaffen, "die sich jeder Kontrolle entzieht". Der Ruhr-Generalvikar kritisierte: "Das sind krude Verschwörungsmythen, es werden keine Fakten und Belege präsentiert." Pfeffer erkenne in dem Text eine Nähe zu Rechtspopulisten und auch zu den Anti-Corona-Demonstrationen. Diese Thesen würden "nun in ein religiöses Gewand gehüllt". Es sei erschreckend und gefährlich, dass hochrangige Vertreter der katholischen Kirche so etwas verbreiteten. "Es macht mich fassungslos."

Pfeffer erklärte zudem: "Ganz viele normale Katholiken sind entsetzt. Sie setzen sich jeden Tag dafür ein, die Pandemie einzudämmen und die Probleme zu bewältigen, die aus ihr entstehen. Und nun bekommen sie so einen Aufruf vorgesetzt." Die breite Mehrheit der Gläubigen tragen seinem Eindruck nach die Maßnahmen der Regierung mit. Der Ruf nach Lockerungen sei zwar rund um das Osterfest lauter geworden, aber er sei nie massiv gewesen. "Deshalb überrascht es mich, dass diese Verschwörungstheorien nun offenbar in kirchlichen Kreisen aber auch in Teilen der Gesellschaft insgesamt Zuspruch finden", so der Generalvikar. Er glaube nicht, dass die katholische Kirche ein generelles Problem habe. "Nun aber zeigt sich, dass der eine oder andere abrutscht und sich von vernünftigen Argumenten verabschiedet. Das ist schon heftig", so Pfeffer.

Bereits am Wochenende hatte der Essener Generalvikar den Corona-Appell der Kirchenvertreter scharf kritisiert. Jeder, der diesen Aufruf unterzeichnet habe, entblöße sich selbst, schrieb Pfeffer auf Facebook. Er sei "einfach nur fassungslos, was da im Namen von Kirche und Christentum verbreitet wird: Krude Verschwörungstheorien ohne Fakten und Belege, verbunden mit einer rechtspopulistischen Kampf-Rhetorik, die beängstigend klingt."

"Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands" sagte der DBK-Vorsitzende, Bischof Georg Bätzing, am Samstagabend: "Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet."

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck schrieb am Wochenende auf Facebook, die Kirche könne zur Bewältigung der Corona-Krise einen klaren Beitrag leisten: "Solidarität zu üben als deutliches Zeichen der Entschlossenheit, sich für das Gemeinwohl und für soziale Gerechtigkeit einzusetzen". Das beschreibe genau das Gegenteil der Positionierung "jener Populisten und anderer Verschwörungstheoretiker, die alle Anstrengungen zur Eindämmung der Pandemie als Vorwand verstehen wollen, eine hasserfüllte technokratische Tyrannei zu begründen und die christliche Zivilisation auszulöschen". Dem müsse von Seiten der Kirche klar widersprochen werden - "ganz gleich, wer solches formuliert!".

Nach wachsender Kritik hatte der deutsche Kardinal Müller seine Unterschrift unter den Text verteidigt. Interessierte kirchliche Kreise hätten das Papier benutzt, "um daraus Empörungskapital gegen ihre vermeintlichen Gegner zu schlagen", erklärte er am Sonntag. "Jeder nennt jetzt jeden Andersdenkenden Verschwörungstheoretiker." Müller sagte weiter, der von Kardinälen, Bischöfen und katholischen Laien unterzeichnete Text werde bewusst missverstanden. Er selbst stehe zu Unrecht im Zentrum der Kritik. (tmg/KNA)


Aus: "Pfeffer zu Viganò-Appell: Ganz viele normale Katholiken sind entsetzt" (Hamburg - 11.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25455-pfeffer-zu-vigano-appell-ganz-viele-normale-katholiken-sind-entsetzt (https://www.katholisch.de/artikel/25455-pfeffer-zu-vigano-appell-ganz-viele-normale-katholiken-sind-entsetzt)

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[...] Der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst hat sich gegen einen von mehreren Bischöfen und Kardinälen unterzeichneten Aufruf gewandt, wonach die Corona-Krise nur ein Vorwand sei, Bürgerrechte einzuschränken und eine "Weltregierung" auf den Weg zu bringen. Von diesen "gefährlichen Theorien" distanziere er sich klar, schrieb Fürst am Montag auf Twitter: "Wer die Bemühungen der Politik, Menschenleben vor dem Coronavirus zu schützen, in eine dubiose Weltverschwörung umdeutet, spielt mit dem Feuer!" Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer distanzierte sich von dem Aufruf und "macht sich die Worte des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, ausdrücklich zu eigen", wie das Bistum Regensburg am Montag mitteilte.

... Auch der Hamburger Erzbischof Stefan Heße wandte sich gegen Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. "Ich verstehe diese Stimmen in der Gesellschaft und auch in der Kirche nicht", sagte Heße am Montag. Die Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pandemie ergriffen worden sind, halte er für richtig und verantwortungsvoll. "Dass diese Maßnahmen von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragen werden, ist ein Ausdruck der Solidarität, die wirklich erforderlich ist", so der Erzbischof. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige wandte sich gegen eine Verunglimpfung der Vorsichtsmaßnahmen - "verbreitet durch Verschwörungstheoretiker, Wutbürger und einzelne Kommentatoren sowie Politiker". Sogar manche "extreme Kirchenvertreter" gebärdeten sich auf einmal als "Pseudo-Wissenschaftler, Impfgegner und Esoteriker".

... Am Wochenende hatte der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer bereits scharfe Kritik an dem Aufruf geäußert und seine Position am Montag noch einmal untermauert. "Das sind krude Verschwörungsmythen, es werden keine Fakten und Belege präsentiert." Pfeffer erkenne in dem Text eine Nähe zu Rechtspopulisten und auch zu den Anti-Corona-Demonstrationen. Diese Thesen würden "nun in ein religiöses Gewand gehüllt".

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Aus: ""Spiel mit dem Feuer": Bischof Fürst kritisiert Viganò-Aufruf" (Rottenburg - 11.05.2020)
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/25459-spiel-mit-dem-feuer-bischof-fuerst-kritisiert-vigano-aufruf (https://www.katholisch.de/artikel/25459-spiel-mit-dem-feuer-bischof-fuerst-kritisiert-vigano-aufruf)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on May 20, 2020, 03:45:58 PM
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[...] A prominent Nigerian humanist accused of blasphemy has been arrested and taken to the northern city of Kano, according to figures close to him.

Mubarak Bala, the president of the Humanist Association of Nigeria, was taken from his home on 28 April in neighbouring Kaduna state and taken to Kano, where a warrant for his arrest was issued, Leo Igwe, a fellow Nigerian humanist and human rights advocate, said.

“We condemn his arrest and are extremely worried because this came after several threats made by the religious community in Kano,” Igwe said. “They are likely to try him under sharia law in Kano, which could lead to capital punishment.”

Sharia law is applied in 12 states across the predominantly Muslim north of Nigeria, including Kano where blasphemy is punishable by death.

Igwe said police had denied Bala access to a lawyer and had not said what the charges were, heightening fears for his safety.

“Our worst fear is that he would be taken to Kano because there are many figures who have been threatening him and promising to end his life,” Igwe said. “The Kano police told me he was in their custody, but for days now they haven’t given us any more information.”

Police in Kano would not confirm whether they were holding Bala.

In a statement, Humanist UK, the leading British humanist society, said: “We condemn in the strongest terms the arrest of our humanist colleague Mubarak Bala by the Nigerian authorities, who have accused him of ‘blasphemy’, which can carry the death penalty.”

Nigeria is a deeply religious country, mainly Christian in the south and largely Muslim in the north.

Bala, the son of a widely regarded Islamic scholar, has been an outspoken religious critic in a staunchly conservative region, where open religious dissent is uncommon. After renouncing Islam in 2014, he was forcibly committed to a psychiatric facility by his family in Kano before being discharged.

After Bala posted comments critical of Islam and religion on his Facebook profile recently he had received a surge of online accusations of blasphemy and threats, Igwe said, largely from figures in Kano.

On Facebook on Monday, Bala said that after recent threats he would resort to more mildly critical posts and humour.

Igwe said Bala had helped create a community for thousands of atheists, particularly in northern Nigeria. “To speak out and say you’re an atheist or humanist in Nigeria can be dangerous, but Bala is very passionate about creating a space for those who do not subscribe to Islam or religion,” he said.


From: "Fears for Nigerian humanist held for blasphemy in sharia state" Emmanuel Akinwotu West Africa correspondent (Fri 1 May 2020)
Source: https://www.theguardian.com/world/2020/may/01/fears-for-nigerian-humanist-held-for-blasphemy-in-sharia-law-state (https://www.theguardian.com/world/2020/may/01/fears-for-nigerian-humanist-held-for-blasphemy-in-sharia-law-state)

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"Nigeria: Ein Schlag gegen die atheistische Bewegung"
Daniela Wakonigg (18. Mai 2020)
https://hpd.de/artikel/schlag-gegen-atheistische-bewegung-18059
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on August 10, 2020, 12:02:05 PM
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[...]  Ronya Othmann ist Kolumnistin, Autorin, Lyrikerin und Journalistin. Sie schreibt für die taz zusammen mit Cemile Sahin die Kolumne OrientExpress. Am 17. 8. 2020 erscheint ihr Roman „Die Sommer“, Hanser Verlag, 288 Seiten.

Für mich ist der Islamismus nie weit weg gewesen und nie abstrakt. Ich kenne Islamismus von meinen Aufenthalten in den kurdischen Gebieten in Irak, Syrien und der Türkei. Ich habe gesehen, was Islamismus anrichtet, wenn Frauen sich nicht von ihren gewalttätigen Männern trennen können, weil islamisches Recht gilt und den Männern im Falle einer Scheidung die Kinder zugesprochen würden. Ich habe gesehen, was Islamismus anrichtet, wenn Ladenbesitzer, die Alkohol verkaufen, um ihr Leben fürchten müssen. Ich habe gesehen, was Islamismus anrichtet in den vielen Flüchtlingscamps im Nordirak, wo diejenigen leben, die dem Terror, aber nicht dem Trauma entkommen sind.

Islamismus ist der Grund, weshalb meine Großmutter, mein Onkel und seine Familie sowie der Großteil meiner êzîdischen Verwandtschaft aus Syrien und Irak fliehen mussten.

Doch Islamismus beschränkt sich nicht auf den Nahen Osten, sondern ist eine globale Ideologie mit weltweitem Herrschaftsanspruch. Islamismus bedient sich religiöser Sprache und Inhalte, um seine politischen Ziele durchzusetzen. Islamismus hat viele Gesichter. Islamist*innen können auch weiße Deutsche sein, wie der Youtube-Salafist Pierre Vogel, der ehemals Linksextreme Bernhard Falk oder die IS-Anhängerin Jennifer W., die nach Syrien gereist ist, um sich dem „Islamischen Staat“ (IS) anzuschließen, und gerade in München wegen Mordes an einem fünfjährigen êzidischen Mädchen angeklagt ist.

Islamist*innen können gewaltbereit sein, sich Terrorgruppen wie al-Qaida, IS, Hamas oder Hisbollah anschließen oder als Einzeltäter im Sinne einer islamistischen Ideologie handeln, die nicht in eine Organisation eingebunden ist. Islamismus kann terroristisch sein, aber auch legalistisch. Legalistischer Islamismus lehnt Gewalt ab, versucht seine Ziele politisch durchzusetzen und kommt oft harmlos daher, wie beispielsweise Milli Görüş, Ditib und die Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG), die der Bayerische Verfassungsschutz den Muslimbrüdern zuordnet. Es gibt Islamisten, die Bart und Pluderhose tragen, andere tragen Jeans und Hemd.

Egal wie er daherkommen mag: Jeder Islamismus bedroht unsere Gesellschaft. Islamismus, nicht der Islam. Das eine ist Ideologie, das andere Religion. Und über Ideologie müssen wir sprechen, auch aus einer linken Perspektive. Einfach ist das nicht. Allein das Wort „Islamismus“ emotionalisiert.

Die Linke tut sich schwer mit einer klaren Haltung zum Islamismus. Sie schwankt zwischen pauschalisierender und rassistisch anmutender Islamkritik und Relativierung des Islamismus als Teil des antikolonialen Widerstands.

Auch im linksliberalen Spektrum wird Islamismus kaum thematisiert. Unter dem Banner „gemeinsam gegen rechts“ werden Querfronten gebildet, wie bei dem Bündnis #Unteilbar, bei dem der Zentralrat der Muslime (ZDM) Erstunterzeichner ist. Zum ZDM gehören unter anderem der Verband der türkischen Kulturvereine in Europa (ATB), der den Grauen Wölfen zugerechnet wird, und das Islamische Zentrum Hamburg, das dem obersten Geistlichen des Irans untersteht.

Man will möglichst divers sein, intersektional. Mit wem man sich eigentlich verbündet, ist oft zweitrangig, XYZ sei ja schließlich von Rassismus betroffen und man selbst weiß, deswegen nicht in der richtigen Sprecher*innenposition. Dazu kommt häufig die Angst, rassistisch zu sein oder als rassistisch zu gelten. Aber auch in Antira- und Bipoc-Communitys wird geschwiegen und relativiert, etwa mit dem Argument, es gebe weitaus mehr Todesopfer rechter als islamistischer Gewalt in Deutschland.

Ich finde es zynisch, Todesopfer gegeneinander aufzurechnen. Oft habe ich Muslim*innen klagen hören, es werde zu viel über den 11. September, den Terror des „Islamischen Staats“ in Irak und Syrien geredet. Das würde doch nur antimuslimische Ressentiments verstärken. Auch das finde ich als Ezîdin, deren Familie von diesem Terror betroffen ist, zynisch.

Kritisiere ich diesen Islamismus und das Schweigen, wird mir Nestbeschmutzung vorgeworfen. Es heißt: „Du spaltest“, „für die Nazis sind wir eh alle gleich“. Mir wurde auch schon gesagt, dass Ezîd*innen per se antimuslimische Rassist*innen sind. Da Ezîd*innen als Minderheit in islamischen Gesellschaften seit Jahrhunderten verfolgt werden, ist das eine perfide Täter-Opfer-Umkehr.

In dieser Gemengelage ist ein Sprechen über Islamismus kaum möglich. Hinzu kommt, dass es an Grundwissen fehlt. Da wird eine Ditib-Moschee mal als salafistisch bezeichnet. Der Unterschied zwischen Salafismus – eine islamistische Strömung, die die Rückkehr zu den so angenommenen Wurzeln des Islams anstrebt – und Ditib, die der türkischen Religionsbehörde Diyanet untergeordnet ist und einen türkischen Staatsislamismus vertritt, wird übersehen. Wobei es nicht nur ein Nichtwissen, sondern oft auch ein Nicht-wissen-Wollen ist. Sprechen über Islamismus ist anstrengend, aber das war antifaschistische Arbeit schon immer.

Islamismus ist faschistisch, totalitär und antidemokratisch: der globale Herrschaftsanspruch, die Vorstellung eines reinen Islams, die radikale Auslegung von Koran und Haditen, die keine Ambivalenzen erlaubt, das in sich geschlossene Weltbild, das Propagieren einer Umma, der Gemeinschaft aller Muslime, von der bedingungslose Loyalität erwartet wird und die von Abweichlern und anderen Gruppen (wie die sogenannten „Kafir“, Ungläubige, Homosexuelle und Jüd*innen) zu reinigen ist.

Islamismus ist gefährlich. Im Namen einer islamistischen Ideologie wurde 2014 ein Genozid an Ezîd*innen begangen. Weltweit wurden islamistische Terroranschläge verübt, auch in Deutschland 2016, beim Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

Auch der legalistische Islamismus bedroht Feminist*innen, queere Menschen und Minderheiten, er bedroht mich. Ich kann mich noch gut an eine Demonstration erinnern, 2014 in München, als gerade der IS in Shingal, das êzîdische Siedlungsgebiet im Irak, eingefallen war, auf der Salafisten die überwiegend êzîdischen Demonstrant*innen angriffen, bedrohten und beleidigten und die Polizei einschreiten musste. Oder daran, dass 2014 Ezîd*innen in Herford und Celle von Salafisten angegriffen wurden. Ich kann mich an êzîdische Geflüchtete erinnern, die aus Angst vor Anfeindungen in den Flüchtlingsheimen ihre êzîdische Identität geheim hielten. Ich kann mich daran erinnern, wie ich auf Social Media als Kafir, Ungläubige, beschimpft wurde.

Doch nicht nur Ezîd*innen sind betroffen. Erst Mitte Juni wurden auf einem Friedhof in Ludwigsburg alevitische Gräber geschändet. Die Liste islamistischer Gewalttaten ist lang. Nicht zuletzt werden sie an Muslim*innen verübt.

Oft wird versucht, Kritik am Islamismus mit antimuslimischem Rassismus gleichzusetzen. Im Jahr 2014 veröffentlicht die Seta-Stiftung, das wissenschaftliche Sprachrohr der Erdoğan-Regierung, den Europäischen Islamophobie-Report, in dem Kritiker*innen des Islamismus pauschal des antimuslimischen Rassismus bezichtigt werden. Unter den Kritisierten befinden sich der muslimische Theologe Mouhanad Khorchide, die Menschenrechtsaktivistin Saida Keller-Messahli, der Psychologe Ahmed Mansour, die Journalisten Tunca Öğreten und Bülent Mumay.

Rechte nutzen den Islamismus dabei tatsächlich, um ihren antimuslimischen Rassismus durch die Gleichsetzung von Islamismus und Islam zu legitimieren. Und auch sie instrumentalisieren die Opfer von Islamismus. 2018 war ich in der kurdischen Autonomieregion Irak. Dort erzählte mir ein Ezîde, dass ein Bundestagsabgeordneter ezîdische Überlebende des Genozids besucht habe. Weitere Unterstützung sei von ihm aber nicht gekommen. Wie sich dann herausstellte, war es der AfD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Oehme.

Rechten und Islamist*innen geht es nicht um eine pluralistische Gesellschaft. Zum Glück gibt es Stimmen, die den Kampf gegen Islamismus und den gegen Rechtsextremismus zusammendenken.

Ich muss an die Autorin Sineb El Masrar denken, die sich für einen islamischen Feminismus einsetzt, in ihren Büchern gegen das Patriarchat anschreibt. An die Rapperin und Wissenschaftlerin Reyhan Şahin, die zum muslimischen Kopftuch geforscht hat. Ich muss an Düzen Tekkal denken, die Menschenrechtsaktivistin, die in ihrem Buch, „Deutschland ist bedroht“ von den „bösen Zwillingen“ spricht, die unsere Freiheit gefährden: die Islamisten und die Rechten.

Der Kampf gegen den Islamismus ist Teil des antifaschistischen Kampfes. Deshalb müssen wir solidarisch sein mit den Opfern des Islamismus. Mit den religiösen Minderheiten, den Alevit*innen, Assyrer*innen, Chaldäer*innen, Armenier*innen, Zo­ro­astri­er*innen, Kakai, und vielen mehr, aber auch mit den queeren Menschen im Nahen Osten, den Athe­ist*in­nen und nicht zuletzt den vielen Mus­li­m*in­nen, die vor islamistischer Gewalt fliehen.

Der Islamismus wird nicht verschwinden, wenn wir ihn ignorieren. Beschweigen wir ihn, verlieren wir alle.


Aus: "Kritik an Islamismus: Tödliche Ideologie" Ronya Othmann (9.8.2020)
Quelle: https://taz.de/Kritik-an-Islamismus/!5700251/ (https://taz.de/Kritik-an-Islamismus/!5700251/)

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Rolf B.

Die AnhängerInnen eines islamischen Fundamentalismus haben es in Deutschland relativ leicht, weil die Angst der aufgeklärten Gesellschaft vor einer verleumderischen Denunziation Richtung Islamophobie oder Rassismus haben und vor einer Gleichsetzung berechtigter Kritik mit rassistischer Hetze der Rechten. Diese Gleichsetzung hat sich pandemisch ausgebreitet auf andere Bereiche. Immer dann, wenn Argumente nicht vorhanden sind, kommen denunziatorische Behauptungen, dass auch Rechte eine ähnliche Meinung vertreten würden. Ein Totschlag"argument". So werden wichtige Diskussionen verhindert.

Wer das Glück hat, aufgeklärte Freunde aus dem islamischen Kulturkreis zu haben, kennt deren Ängste vor treuen Erdogan Spitzeln, grauen Wölfen und Kurdenhassern. Und der kennt auch deren Unverständnis für die Mutlosen, die stets meinen, auf der guten Seite zu stehen.


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Links van der Linke

Welche Ideologie ist mit dem Begriff "Islamismus" hier gemeint? Ungläubige sind lebensunwerte Wesen, Frauen (gläubige Frauen) haben kein Recht auf selbstbestimmtes Handeln, die Wahrheit ist für gewisse, göttlich auserwählte Personen zugänglich, alle anderen haben sich zu fügen? Gut, so ein Islamismus ist abzulehnen und zu bekämpfen. Dort ä, wo er die Regierung oder gar wie im Iran das Staatswesen dominiert, zu bekämpfen. Aber man vergesse nicht, dass auch das Christentum bis heute in vielen Ländern (in Lateinamerika, in sowjetischen Ex-Republiken usw) genau das predigt. Und in West-Europa i)war das vor einigen Jahrzehnten nicht anders. Daher gefällt mir der Begriff "Islamismus" überhaupt nicht, er hat wirklich etwas von Islamophobie in sich.


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    Nina Janovich

    @Links van der Linke

Bis Anfang der 90er dominierte in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung der Begriff Fundamentalismus der die radikale "Wiederherstellung" (erträumter keinesfalls realer) vormoderner idealisierter Fundamente der "eigenen" (im Sinne von ich und sonst keiner bestimme wie meine Religion zu sein hat) betrieb. Die Schriftenreihe "the fundamentals" (1910-1915) von Protestanten in den USA gilt als Geburtstunde des (religiösen) Fundamentalismus. Mit diesem Begriff lassen sich nun auch wesentlich besser ideologische Bewegungen die sich selbst als einzig wahre Bestimmer "ihrer" Religion sehen analysieren. Tatsächlich gehen sie in ihrem Kampf gegen "Ungläubige" der "eigenen" Religionsgemeinschaft die ja weltweit sehr heterogen sind vor allem gegen alle als säkularisiert oder liberal verachtete Anhänger der eigenen Religion oder jene die "ihre" Fundamente mit anderer Interpretationverraten hätten besonders brutal vor da diese ihren Alleinherrschaftsanspruch am stärksten gefährden. Natürlich gibt es auch Ähnlichkeiten zu säkularen auf Rassismus statt Religion basierenden Ideologien die statt die religiösen "Fundamente" dann die (erträumten keinesfalls reale) vorgestellte glorreiche Vergangenheit der eigenen wie auch immer ethnisch definierten Gemeinschaft wieder herstellen wollen, der entscheidende Unterschied ist aber der religiöse Fundamentalisten nicht per se rassistisch denken sondern aufnehmen der oder die sich zu "ihrer" Religion und ihrer Deutungshoheit bekehrt. Auch der Begriff faschistisch passt nicht zum religiösen Fundamentalismus sondern wurde von den säkularen rassistischen Ideologien geprägt bei dem die Definition wer dazugehört und wer nicht und damit sein Leben aus Sicht der Anhänger quasi seit Geburt verwirkt hat auf eben jener rassistischen Grundlage basiert. Das heißt nicht dass das eine harmloser als das andere sei aber saubere Analyse hilft bei der Bekämpfung.

Wers philosophisch mag findet großartige Analysen zu fundamentalistischen Ideologien im Islam beim leider früh verstorbenen Nasr Hamid Abu Zaid: Auf Deutsch z.B.: Politik und Islam: Kritik des Religiösen Diskurses, translated by Cherifa Magdi, Dipa-Verlag, Frankfurt, 1996.


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tomás zerolo

Vielen Dank für diesen Beitrag: "Hinzu kommt fehlendes Grundwissen."

So ist es. Deshalb: danke dafür.

"Oft wird versucht, Kritik am Islamismus mit antimuslimischem Rassismus gleichzusetzen."

Diese Muster sind hinlänglich bekannt. Immer eine gute Gelegenheit Kritiker*innen zu diskreditieren. Ja, antifaschistische Arbeit ist anstrengend. Einerseits muss mensch sich selbst ständig hinterfragen, andererseits darf mensch nicht in solche Fallen tappen. ... Danke für Frau Tekkals Bild der "bösen Zwillinge". Sehr treffend.


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Maschor

Da sich die Autorin mehrmals ausdrücklich als Jesidin bezeichnet, wären eine kritische Anmerkung über die jesidische Kultur ebenfalls angebracht gewesen. Sind eine ausschließlich aus der Abstammung abgeleitete Zugehörigkeit, das Fehlen jeder Möglichkeit zur Konversion und strikte Endogamie (der Ausschluss aus der Gemeinschaft bei Heirat einer/eines Nicht-Jesiden) heute noch zeitgemäß? Von der Akzeptanz von LGBT ganz zu schweigen..


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Suryo

@Maschor Immerhin versuchen Jesiden aber nicht, anderen diese Religion mit Gewalt aufzuzwingen.


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Jim Hawkins

Danke für den persönlichen und fundierten Artikel. Islamismus ist von allen Linken und allen Demokratinnen und Demokraten genauso zu bekämpfen wie Rassismus, Faschismus und Antisemitismus.

Diese peinliche Leisetreterei vieler Linker, wenn es um Islamismus geht, die auch stark im Hinblick auf die mörderische und menschenverachtende Diktatur im Iran zum Tragen kommt, ist möglicherweise als anti-westliches, anti-amerikanisches Vorurteil zu lesen. ...


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on August 12, 2020, 10:16:11 AM
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[...] COTONOU taz | Yahaya Sharif-Aminu soll hängen. Das hat ein Scharia-Gericht in der Provinzhauptstadt Kano am Montag entschieden. Nach Einschätzung der Richter kommt es in einem Lied des 22-jährigen Sängers zu Gotteslästerung. In diesem soll er einen Imam in höchsten Tönen gelobt haben und diesen Imam über den Propheten Mohammed stellen.

Die Zeitung Daily Trust zitiert aus der Anklageschrift, in der es heißt: der Angeklagte hatte „die Absicht, die Gefühle von gläubigen Muslim*innen zu verletzen“. Auch habe er Mohammed als Atheisten bezeichnet. Für das Gericht eine eindeutige Angelegenheit: Das ist Blasphemie und gehört bestraft.

Verbreitet hatte sich das Lied Ende Februar und zwar vor allem über den Nachrichtendienst WhatsApp. Wenige Tage später, so schreibt der nigerianische Guardian, steckten Hunderte wütende Jugendliche das Haus von Sharif-Aminus Eltern in Kano in Brand. Auch forderten sie die Scharia-Polizei Hisbah dazu auf, Maßnahmen zu ergreifen. Sänger Sharif-Aminu tauchte zwischenzeitlich unter. Online hat es für das Urteil viel Zuspruch gegeben: Damit werde ein Exempel statuiert, auch werde es vor weiteren Unruhen schützen.

„Ich hoffe, dass gegen das Urteil etwas unternommen wird“, sagt jedoch Hauwa Shaffi Nuhu. Die Frauenrechtlerin, Poetin und angehende Juristin hält es für „barbarisch“. In Nigeria gelte schließlich Meinungsfreiheit. Auch sei fraglich, dass jemand, der solche Texte verfasst, sich selbst als Muslim bezeichne. Scharia-Gerichte dürfen aber nur über Muslim*innen Recht sprechen.

Blasphemie steht in beiden in Nigeria geltenden Rechtssystemen, also dem säkularen und der Scharia, unter Strafe. Regelmäßig kommt es zu Gerichtsverfahren. Am Montag wurde nicht nur Sänger Sharif-Aminu verurteilt, sondern auch ein 13-Jähriger, der „unhöfliche Bemerkungen“ über Gott gemacht haben soll. Zehn Jahre Gefängnis lautet das Urteil. Beide haben die Möglichkeit, in den kommenden 30 Tagen in Berufung zu gehen. Dass das Todesurteil allerdings vollstreckt wird, gilt in Nigeria als unwahrscheinlich. Bisher wurden auch andere Urteile, etwa Steinigung wegen Ehebruch, abgemildert oder ganz ausgesetzt.

In Haft wegen mutmaßlicher Blasphemie ist derzeit auch der Präsident der humanistischen Vereinigung Nigerias, Mubarak Bala. Er setzt sich für Religionsfreiheit ein und schreibt im Internet über religiösen Extremismus. Nachdem er in Kaduna verhaftet wurde, sitzt er nun in Kano im Gefängnis.

Der Bundesstaat Kano gilt in Sachen Scharia als besonders streng und rigoros. Diese wurde dort im Jahr 2000 eingeführt. Drei Jahre später entstand mit der Hisbah eine Polizei, die für die Überwachung der islamischen Gesetzgebung verantwortlich ist. Die Hisbah bringt etwa überall in der Provinzhauptstadt Schilder an, die auf den Koran verweisen. Auch kontrolliert sie, ob Alkohol verkauft wird. Der ist natürlich, wenn auch versteckt, erhältlich.


Aus: "Scharia-Gericht in Nordnigeria: Musiker zu Todesstrafe verurteilt" Katrin Gänsler (11. 8. 2020)
Quelle: https://taz.de/Scharia-Gericht-in-Nordnigeria/!5702114/ (https://taz.de/Scharia-Gericht-in-Nordnigeria/!5702114/)

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Smonkintrees

Man versucht ja durchaus sich in religöse Menschen reinzudenken, Juden/innen, Christen/innen, Buddhisten/innen, usw. doch bei der Islamischen rechtssprechung da hab ich echt meine Probleme. Allah scheint sehr empfindlich zu sein. ...


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on August 19, 2020, 03:29:57 PM
" ... Im heutigen französischen Verständnis ist Laizismus zu einem politischen Ideal geworden, das die Grundsätze der Neutralität des Staates gegenüber den Religionen, deren Gleichbehandlung sowie die Glaubensfreiheit zum Ziel hat. Laizismus ist ein Verfassungsprinzip. Religion ist ausschließlich Privatangelegenheit, woraus folgt, dass Religion nicht nur keine staatliche, sondern auch keine öffentliche Funktion hat. ..." (26. Februar 2020)
https://de.wikipedia.org/wiki/Laizismus (https://de.wikipedia.org/wiki/Laizismus)

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" ... Multikulturalismus (zumeist abwertend auch Multi-Kulti oder Multikulti) ist der Oberbegriff für eine Reihe sozialphilosophischer Theorieansätze mit Handlungsimplikationen für die Gesellschaftspolitik eines Staates. ... Ziel des Multikulturalismus ist die multikulturelle Gesellschaft, in der es keinen staatlichen oder auch nichtstaatlichen Anreiz oder „Druck“ zur Assimilation geben soll. Die ethnischen und kulturellen Gruppen sollen hingegen einzeln existieren. Dabei beruht dieses Modell auf dem Postulat, dass die (Angehörigen der) jeweiligen Ethnien sich gegenseitig Verständnis, Respekt, Toleranz entgegenbringen und einander als gleichberechtigt ansehen können. Kanada wird des öfteren als positives Beispiel für die Umsetzung des Multikulturalismus angeführt. ... "
https://de.wikipedia.org/wiki/Multikulturalismus (https://de.wikipedia.org/wiki/Multikulturalismus) (7. Juli 2020)

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[...] Multikulturalismus ist ein trügerisches Wort, weil es viel weitreichendere Implikationen hat, als man auf den ersten Blick vermutet. Wenn wir an Multikulturalismus denken, denken wir meistens an die bunte Begegnung zwischen vielfältigen Traditionen, Bräuchen, Speisen, Kleidung, Musik usw. Aber der Multikulturalismus hat auch politische Konsequenzen und kann aus der Pluralität der Traditionen zu einer Pluralität der Rechte führen, was problematisch ist.

Nach dem Multikulturalismus sollten die verschiedenen Kulturen so, wie sie sind, akzeptiert werden und dürfen nicht infrage gestellt werden. Das Problem dabei ist, dass die Kulturen keine unveränderlichen und beschlossenen Objekte sind, sondern vielmehr soziale Prozesse, die ständig in Bewegung sind und die letztendlich vom Austausch einzelner Menschen leben – jeder mit seinen eigenen Erfahrungen, Gedanken, politischen und ethischen Überzeugungen, die nicht völlig von der Herkunft oder der religiösen Zugehörigkeit bestimmt sind.

Die Falle des Multikulturalismus ist die, dass man vor lauter Respekt vor den Kulturen Gefahr läuft, die Verletzungen der Menschenrechte der einzelnen Individuen zu übersehen oder sogar zu fördern.

Im Jahr 1972 hat eine Amish-Familie in den USA gefordert, dass ihre Kinder von der Schulpflicht befreit werden, weil nach ihren eigenen religiösen Überzeugungen die Grundschule für die Kinder ausreichte und weiter in die Schule zu gehen, ihre Erlösung gefährdet hätte. Der oberste Gerichtshof der USA hat diese Anfrage angenommen, weil sie auf religiösen Gründen basiert.

Ein solches Sonderrecht den Amish anzuerkennen bringt die Verletzung des Rechts der Kinder auf Bildung mit sich und stellt eine Diskriminierung im Vergleich zu den anderen Kindern dar. Eine Verletzung mit großen Folgen: Da die Amish-Kinder keine Möglichkeit hatten, weiter in die Schule zu gehen, hatten sie auch keine Freiheit, ihr Leben selbstbestimmt zu führen.

Um Menschenrechte immer und überall zu schützen, brauchen wir eine strenge Laizität, die die Menschenrechte in den Mittelpunkt stellt und ihnen alles andere unterordnet. Überall wo Religionen eine große Rolle im öffentlichen Leben spielen, werden Menschenrechte (und insbesondere Frauenrechte) verletzt. Wir brauchen nicht weit umherzuschauen, um das zu beweisen: In Polen will die Regierung, die tief von der katholische Kirche beeinflusst ist, aus der Istanbul-Konvention gegen Gewalt gegen Frauen austreten.

Aber was heißt Laizität? Laizität ist das politische Prinzip, das sich ausgehend vom historischen Prozess der Trennung von Kirche und Staat durchgesetzt hat und das heute noch einen Schritt weitergehen muss. Bisher stellte sich das Problem nämlich rein als eine Frage der Macht dar (der Staat gegen eine Kirche, die säkulare Ambitionen hatte) – ein Problem, das man durch die Aufteilung der Machtbereiche lösen konnte, indem man dem Kaiser gab, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.

Heutzutage reicht das nicht mehr und der „Kaiser“ muss einerseits dafür sorgen, dass „Gott“ nicht gegen die Grundprinzipien des demokratischen Staates verstößt, angefangen bei den Grundrechten des Einzelnen; und andererseits muss der „Kaiser“ die kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und materiellen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die ­einzelnen Bürger tatsächlich in die Lage versetzt werden, ihre eigenes Leben selbst zu bestimmen.

Seit rund 20 Jahren umgibt uns ein Narrativ, das uns in ein „wir“ und ein „die anderen“ aufteilen will und uns in einen fatalen „Konflikt der Kulturen“ zwingt. In Wahrheit gibt es aber keinen Kulturenkonflikt, was es allerdings tatsächlich gibt, ist ein ganz und gar politischer Konflikt, der jeder Kultur der Welt inhärent ist: ein Konflikt zwischen reaktionären und fundamentalistischen Kräften auf der einen Seite und progressiven Kräften und Verfechtern der Menschenrechte auf der anderen. Ganz oft, und oft ohne Absicht, rutschen die Multikulturalisten auf die Seite der Reaktionäre.

Das Folgende ist der Bericht einer Mutter, deren Tochter, eine muslimische in Großbritannien lebende Frau, sich zivilrechtlich von ihrem Mann hatte scheiden lassen: „Mein Exschwiegersohn tauchte in unserer örtlichen Moschee auf und verkündete den Betenden, dass ich eine ‚unmoralische Frau‘ sei und meine Töchter zwinge, sich zu prostituieren. Er bat die Ältesten, ihm zu helfen, sich seine Frau und die gemeinsamen Kinder zurückzuholen, um ihre Seelen zu retten. Die Moschee (in East London) schickte eine Delegation zu mir nach Hause. Fünf Männer tauchten an meiner Haustür auf. Sie sagten mir, ich müsse meine Tochter zwingen, zu ihrem Mann zurückzukehren. Ich sagte ihnen, dass Lubna sich hatte scheiden lassen, doch sie antworteten, die englische Scheidung sei nichts wert und gelte nicht vor dem islamischen Gesetz.“

Deswegen musste am Ende diese Frau vor ein „Scharia-Gericht“ gehen, um eine muslimische Ehescheidung zu bekommen und endlich in Ruhe gelassen zu werden.

Ein Bericht der britischen Regierung schätzt, dass in Großbritannien Dutzende solcher Scharia-Gerichte aktiv sind, die über die Ehescheidungen entscheiden. Das Problem betrifft nur Frauen, weil Männer, laut der Scharia, über das Recht der Verstoßung verfügen, den sogenannten Talāq. Der Bericht wurde heftig kritisiert, weil er diese Gerichte nicht als illegal erklärt. Die Begründung dafür lautet „die Scharia-Räte decken in manchen muslimischen Gemeinschaften einen Bedarf ab. Es besteht ein Bedarf an religiöser Scheidung, dem aktuell die Scharia-Räte entgegenkommen.“

Ich frage mich: Wessen Bedürfnissen kommen diese Gerichte entgegen? Denen der Frau, die einfach in Ruhe ihr Leben führen möchte, oder denen der Männer der Community, die die Freiheit der Frau nicht akzeptieren?

Wenn wir in dieser Geschichte das religiöse Element entfernen, wären wir mit einem klassischen Fall von Stalking konfrontiert und hätten keine Zweifel, auf welche Seite wir uns stellen sollen. Wenn wir aber wieder das religiöse Element einfügen, scheint es plötzlich nicht mehr ein Fall von Stalking, sondern eine religiöse und kulturelle Frage zu sein, die mit Samthandschuhen und gebührendem „Respekt“ behandelt werden muss.

Die Rhetorik vom „Respekt vor den Kulturen“ ist für die Menschenrechte brandgefährlich. Das lässt sich mit der Geschichte von Rita Atria ­illustrieren, die wie ich aus Sizilien stammt. Rita war die Tochter eines Mafiosos, der, als sie elf Jahre alt war, getötet wurde. Nach dem Tod des Vaters nahm Ritas älterer Bruder seinen Platz in der mafiösen Organisation ein. Im Juni 1991 wurde auch der Bruder getötet. Die erst 17-jährige Rita ­beschloss, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, und wandte sich an den Richter Paolo Borsellino.

Rita wurde sofort ins Schutzprogramm aufgenommen: Neue Identität, geheimer Wohnort. Im Juli 1992 wurde der Richter Borsellino in der sogenannten Strage di Via d’Amelio in Palermo ermordet. Rita ertrug die Situation nicht länger und stürzte sich eine Woche danach aus dem siebten Stock der Wohnung in Rom, in der sie unter Polizeischutz lebte.

Ritas Familie hat sie immer verleugnet, ihre Mutter ist nicht zu ihrer Beerdigung gegangen, und sie hat sogar den Grabstein ihrer eigenen Tochter mit Hammerschlägen zerstört.

Warum? Weil Rita die Familie „verraten“ hatte, weil sie der Gemeinschaft „den Respekt verweigert“ hatte. Aber welchen Respekt war Rita ihrer Kultur schuldig? Sie entstammte dieser Kultur, dennoch besaß sie den Mut, ihre eigene Kultur infrage zu stellen, ihr im Namen der Gerechtigkeit und der Freiheit „den Respekt zu verweigern“, wofür sie einen sehr hohen Preis zahlen musste.

Ritas Geschichte ist die Geschichte all jener, die in jedem Winkel dieses Planeten, in jedem kulturellen Kontext patriarchalische und autoritäre Muster infrage stellen und die beschuldigt werden, den Traditionen, der Kultur und der Gemeinschaft den Respekt zu verweigern, beschuldigt von denen, die den Status quo aufrechterhalten wollen.


Aus: "Debatte um Identitäten und Multikulti: Die gewollte Spaltung" Cinzia Sciuto (19. 8. 2020)
Quelle: https://taz.de/Debatte-um-Identitaeten-und-Multikulti/!5702485/ (https://taz.de/Debatte-um-Identitaeten-und-Multikulti/!5702485/)

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[...] Die Gesellschaften Europas, in denen wir heute ­leben, werden zunehmend komplex. Ethnische, religiöse und kulturelle Konflikte durchziehen sie und machen eine Suche nach neuen Entwürfen des Zusammenlebens erforderlich. Will eine Gesellschaft kulturelle Vielfalt und Persönlichkeitsrechte unter ­einen Hut bringen, das zeigt Cinzia Sciuto in ihrem Buch, muss sie zwischen Staat und Religion unterscheiden. Sie muss laizistisch sein. Laizität ermöglicht den diversen Spielarten von Religionen und Weltsichten erst, in einer pluralistischen Gesellschaft nebeneinander zu existieren. Sie garantiert auf der einen Seite die Religionsfreiheit, gleichzeitig legt sie jedoch Prinzipien fest, von denen nicht abgewichen werden darf, auch nicht im Namen irgend­einer Gottheit. Laizität ist die vorpolitische Voraus­setzung für ein ziviles Zusammenleben in einer komplexen Gesellschaft, in dem die Freiheiten und Menschenrechte von allen respektiert werden.
Dieser politische Essay in der Art wie die von Carolin Emcke oder Hamed Abdel-Samad zeigt die problematische Kehrseite des Multikulturalismus. Wo Anerkennung und Respekt für die Identitäten der diversen ethnischen, religiösen und kulturellen Bestandteile einer Gesellschaft eingefordert werden, läuft man Gefahr zu vergessen, dass jeder Einzelne Träger seiner subjektiven Rechte ist und keine Gruppenzugehörigkeit diese ihm streitig machen kann. Cinzia Sciuto stellt die Prioritäten wieder auf die Füße: Das Individuum ist Träger von Identitäten und Zugehörigkeiten, anstatt dass es von seiner Zugehörigkeit definiert wird.



Laizität und Menschenrechte in einer vielfältigen Gesellschaft
Originaltitel: Non c'è fede che tenga
Übersetzung: Johannes von Vacano
Rotpunktverlag, 08/2020
Einband: Gebunden
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 9783858698865
Umfang: 180 Seiten



Aus: "Buch  - Cinzia Sciuto: Die Fallen des Multikulturalismus" (2020)
Quelle: https://www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/cinzia-sciuto-die-fallen-des-multikulturalismus/hnum/9870542 (https://www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/cinzia-sciuto-die-fallen-des-multikulturalismus/hnum/9870542)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on August 22, 2020, 01:43:46 PM
Quote
[...] Menschen, die erkennbar psychisch labil oder krank sind, die unvermittelt ausrasten. Wie offenbar Samrad A., der am Dienstagabend auf der Berliner Stadtautobahn A100 sechs Menschen [ ] verletzte, drei davon schwer. ... Samrad A., der am Dienstag drei Motorradfahrer rammte, einen davon lebensgefährlich verletzte und jetzt in der Psychiatrie sitzt. Diagnose: „Religiöser Wahn.“ ...


Aus: "Wie potentielle Attentäter rekrutiert werden" (22.08.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nach-dem-anschlag-auf-der-a100-in-berlin-wie-potentielle-attentaeter-rekrutiert-werden/26117416.html (https://www.tagesspiegel.de/berlin/nach-dem-anschlag-auf-der-a100-in-berlin-wie-potentielle-attentaeter-rekrutiert-werden/26117416.html)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on September 24, 2020, 08:47:02 PM
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[...] 1992: Nasr Hamid Abu Zaid veröffentlicht das Buch „Kritik des religiösen Diskurses“. Er bezahlt dafür einen hohen Preis.

Wie so oft war er seit Wochen ganz allein gewesen in Holland, in irgendeiner Vorstadt von Leiden, wo er ohne Rentenanspruch lehrte, in einer kleinen Wohnung mit niederländischem Mobiliar, beschaulich lebend wie einst in dem unterägyptischen Dorf, wie er mir seine Einsamkeit schönredete.“ So erinnert sich der Orientalist Naivd Kermani an seine letzte Begegnung mit dem islamischen Intellektuellen Nasr Hamid Abu Zaid

Die Einladung nach Köln habe Abu Zaid damals, 2006, ohne langes Zögern angenommen, schreibt Kermani in einem Nachruf auf den 2010 verstorbenen Gelehrten. Im Hause der Schwiegermutter wurde dann gemeinsam Weihnachten gefeiert. Mit Tannenbaum, Braten und allem, was sich gehört, wie Kermani betont. „Das ist mein letztes Bild von Nasr Hamid Abu Zaid: der Korangelehrte auf dem Sofa vor dem Weihnachtsbaum meiner deutschen Schwiegermutter.“

Abu Zaids Frau Ibtihal Younes, Professorin für französische Literatur, war zu dieser Zeit schon wieder aus dem niederländischen Exil an die Universität nach Kairo zurückgekehrt, um nicht auch noch ihre Altersversorgung aufs Spiel zu setzen.

Beide zahlten sie für die Widerständigkeit Abu Zaids einen hohen Preis. Die „Affäre“ nimmt 1992 ihren Lauf, als sein Buch „Kritik des religiösen Diskurses“ erscheint. Abu Zaid, der in Kairo Arabistik und Islamwissenschaften studiert hatte, plädiert darin für eine literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Koran, dafür also, ihn nicht als historisches Dokument, sondern als poetischen und damit offenen Text zu verstehen. Er wendet sich damit (auch) gegen den vom autokratischen Präsidenten Husni Mubarak verordneten ägyptischen Staatsislam. Denn dieser, so Abu Zaid, sei „nicht besser als die Islamdeutung der Extremisten, da beide auf ihrem Monopol auf die absolute Wahrheit bestehen“.

Das Buch führt zu heftigen Kontroversen. Als Abu Zaid im Mai 1992 in Kairo seine Beförderung vom Assistenz- zum ordentlichen Professor beantragt, wird er abgelehnt. Seine Schriften seien eine Beleidigung der Religion, heißt es damals in einem Gutachten. Konservative Professoren der Al-Azhar-Universität versuchen, ihn als Apostaten anzuklagen. Kollegen verlangen seine Hinrichtung. Weil sie damit im ägyptischen Strafrecht nicht durchkommen, ziehen sie Abu Zaid vor ein religiöses Scharia-Gericht und strengen ein Scheidungsverfahren an. Eine Muslima, so ihre Argumentation, dürfe nur mir einem Muslim verheiratet sein. Wenn also Abu Zaid vom Glauben abgefallen sei, könne auch seine Ehe nicht fortbestehen.

Die Eiferer, die in der ersten Instanz scheitern, gehen in Berufung und setzen sich 1995 schließlich mit ihrem perfiden Plan durch. Abu Zaid, heißt es im Urteil, streite ab, dass der Koran das dem Propheten Mohammed offenbarte Wort Gottes sei. Als Professor und Autor verbreite er Lügen unter den Studierenden. Die Scharia-Richter erklären ihn folglich zum Apostaten und annullieren die Ehe. Abu Zaid erhält daraufhin in Ägypten zahlreiche Morddrohungen und sucht mit seiner Frau schließlich Zuflucht in den Niederlanden.

Für den tief gläubigen Gelehrten, der den Koran schon als Kind auswendig zu rezitieren wusste, ist die kritische Beschäftigung mit der Schrift durchaus kein Sakrileg, sondern hermeneutische Notwendigkeit. „Der Text existiert nicht für sich selbst“, sagt Abu Zaid in einem Interview. „Um zu seiner Bedeutung zu gelangen, muss er interpretiert werden und Interpretation ist eine menschliche Tätigkeit.“ Jede Auslegung, so seine Überzeugung, ist das Ergebnis einer spezifischen Beziehung von Text und Exeget, die als solche reflektiert werden müsse. Dabei sei auch stets der historische und sozio-kulturelle Kontext zu beachten.

Abu Zaid illustriert das am Beispiel der „Hadd“-Strafe für überführte Diebe. Traditionalisten sähen im Abhacken der Hände ein typisches islamisches Strafmaß, das sie auch weiterhin gelten lassen wollten, erklärt er. „Ein historisch begründetes Verständnis aber würde schnell den Beweis führen, dass es sich dabei um eine Anleihe aus der vor-islamischen arabischen Gesellschaft handelt und in einem ganz speziellen sozialen und historischen Kontext verwurzelt ist“.

Den Koran in dieser Weise in seinen geschichtlichen Zusammenhang zu stellen, ihn zu entkleiden von dem, was lediglich in einer bestimmten Zeit verhaftet sei, ermöglicht es für Abu Zaid erst, zum „eigentlichen Kern“ der Offenbarung vorzudringen.

Für das traditionelle islamische Verständnis des Korans klingt das schnell ketzerisch. Hat er für Muslime doch eine wesentlich höhere Bedeutung als die Bibel für Juden und Christen, wie die Religionswissenschaftlerin Angelika Neuwirth erklärt. „Was in Parallele zu setzen ist, sind nicht Bibel und Koran, sondern Menschwerdung des Gotteswortes in Jesus Christus im Christentum und die Koranwerdung des Gotteswortes im Islam“, erläutert die Arabistin, die das Forschungsprojekt Corpus Coranicum in Berlin leitet.

Abu Zaid, der bis zu seinem Tod den Ibn-Ruschd-Lehrstuhl für Humanismus und Islam an der Universität in Utrecht innehatte, sieht sich selbst in der Tradition kritisch arabisch-islamischen Denkens, das er viel besser kennt als seine Denunzianten. Als zutiefst spiritueller Mensch verbindet er dabei seine Hermeneutik mit der Mystik des Sufismus. „Der Koran ist Rede Gottes, aber der Sufi betrachtet diese, als sei sie an ihn selbst ergangen“, sagt Abu Zaid in einem Interview. Das eröffne eine Vielfalt möglicher Deutungen, ohne der normativen Bedeutung des Korans Gewalt anzutun.

Er hätte es so viel einfacher haben können, wenn er sich wie andere damals mit den Zuständen in Ägypten arrangiert hätte, schreibt Kermani. „Vor Gericht hätte er nur das Glaubensbekenntnis aufsagen müssen, die Anwälte drängten ihn dazu, nur zwei Halbsätze, dann hätte sich der Tatbestand der Apostasie erledigt“, erinnert sich der Freund. Doch Abu Zaid blieb standhaft.

Mit diesem Mut wurde er zu einem Wegbereiter für aufgeklärte Lesarten des Koran. „Der Koran ist eben nicht als Monolog vom Himmel gefallen“, sagt der in Münster lehrende Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. Darauf mit seinem Werk hinzuweisen, sei das bleibende Verdienst Abu Zaids.


Aus: "Den Ideologen widerstehen"  Tobias Schwab (24.09.2020)
Quelle: https://www.fr.de/zukunft/storys/75-lektionen-mut/den-ideologen-widerstehen-90052849.html (https://www.fr.de/zukunft/storys/75-lektionen-mut/den-ideologen-widerstehen-90052849.html)

Nasr Hamid Abu Zaid oder auch Nasr Abozeid bzw. Nasr Hamid Abu Zayd (arabisch نصر حامد أبو زيد, DMG Naṣr Ḥāmid Abū Zaid; geb. 10. Juli 1943 in Qufaha bei Tanta, Ägypten; gest. 5. Juli 2010 in Kairo)
https://de.wikipedia.org/wiki/Nasr_Hamid_Abu_Zaid (https://de.wikipedia.org/wiki/Nasr_Hamid_Abu_Zaid)

https://de.wikipedia.org/wiki/Apostasie_im_Islam (https://de.wikipedia.org/wiki/Apostasie_im_Islam)

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“ … Joseph Campbell wies darauf hin, dass aus religiöser Sicht Mythos als „die Religion anderer Leute“ definiert werden kann. Insofern sei Religion „missverstandene Mythologie“. Das Missverständnis bestehe darin, dass „mythische Metaphern als Hinweise auf unumstößliche Tatsachen interpretiert werden“. …“


https://de.wikipedia.org/wiki/Mythologie (https://de.wikipedia.org/wiki/Mythologie) (2. März 2018)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on September 30, 2020, 12:25:46 PM
"Kirche gegen Kunst: Vor 65 Jahren verlor der katholische Klerus einen wegweisenden Prozess" Jan-Christian Petersen (25. Sep 2020)
Arno Schmidt – Blasphemie auf höchstem Niveau - In dem Roman "Seelandschaft mit Pocahontas" sah die katholische Kirche 1955 das Allerheiligste des christlichen Glaubens verletzt. Letztlich ist es Texten wie denen von Arno Schmidt zu verdanken, dass sich die junge Bundesrepublik schon früh als Hort der Meinungs- und Kunstfreiheit hat beweisen können. ... Anfang 1955 erschien Schmidts Kurzroman "Seelandschaft mit Pocahontas" in der Zeitschrift Texte und Zeichen im Luchterhand-Verlag. Die katholische Kirche nahm dies zum Anlass, Arno Schmidt, aber auch den Herausgeber Alfred Andersch im April desselben Jahres mit einem Gotteslästerungs- und Pornografieprozess zu überziehen. Das Erzbistum Köln versteckte sich hinter gleich zwei Anwälten. Schmidt, der sich hingegen keinen Rechtsbeistand leisten konnte, hat erst nach Prozessende erfahren, wer ihn da verklagt. Zuständig für den Fall seitens der katholischen Kirche war Prälat Wilhelm Böhler, ein hochrangiger Funktionär. Seit 1951 war er der offizielle Vertreter der katholischen Kirche bei der Bundesregierung. 1952 hatte Böhler das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gegründet und die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) mit aus der Taufe gehoben. In ihren Anklageschriften hatten die Anwälte zum Teil über ein dutzend Textstellen zusammengetragen, die die katholische Kirche der Adenauerzeit nicht zu tolerieren gewillt war. ...
https://hpd.de/artikel/arno-schmidt-blasphemie-hoechstem-niveau-18503 (https://hpd.de/artikel/arno-schmidt-blasphemie-hoechstem-niveau-18503)

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on October 13, 2020, 04:47:58 PM
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[...] Knut Wenzel ist Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt.

Der Weg zum melancholischen Gott: Der Gottesgedanke in Zeiten der Pandemie.

Dass die Kirchen den Lockdown willig in ein komplettes Einstellen ihrer liturgischen Tätigkeit ummünzten, war ein zentrales Organversagen. Als dann in Streaming-Gottesdiensten Priester vor starrer Kamera allein vor sich hin zelebrierten, schien die „Liturgie“ des Freud’schen Witzes am Werk, der zufolge im Unabsichtlichen das Wahre sich verrät; hier: die online-Auferstehung der Kirchen im Bild ihres notorischen und nun auch offenkundig absurden Klerikalismus. Der Papst zur Osternacht allein im Petersdom – braucht es mehr als solch ein niederschmetterndes Bild? Wäre damit das Zentralversagen nicht schon empörend genug, wurde es auch noch zur Farce, als sich die Großkirchen ausgerechnet von evangelikalen und rechtskatholischen Gemeinden die Zentralität der liturgischen Feier für das kirchliche Selbstverständnis vorführen lassen mussten.

Wären da nicht die vielen Pfarrgemeinden, die vor allem während der Karwoche und den Ostertagen vielgestaltige Weisen ersonnen und praktiziert haben, Orte und Zeiten der wenigstens symbolischen Berührung des in der Liturgie gefeierten Geheimnisses zu schaffen. Und hätte sich nicht im Malstrom der Pandemie, der ganze Gesellschaften in seinen Bann zog und abertausende Menschen verschlang und der sich mit rasender Geschwindigkeit noch immer weiter dreht – hätte sich hier nicht an der Stelle des Zentralversagens der Kirchen ein Vakuum aufgetan, als formte sich ein stummes Verlangen, eine schweigende Erwartung: dass die Pandemie in den Horizont Gottes gerückt werden würde. Nicht dass in Zeiten der Not eine säkulare Gesellschaft wieder fromm werden würde. Doch auch sie mag das ihr vielleicht selbst nicht erklärliche – und dennoch legitime – Bedürfnis entwickeln, eine große Katastrophe in einem umfassenden, einem umfassenderen Zusammenhang zu sehen.

Schnell zeigt sich dann freilich, dass der Gottesgedanke – der je umfassendere Zusammenhang – keine Beruhigung bereithält. So, wie er im Bedeutungsfeld zwischen Jerusalem und Athen entwickelt worden ist, handelt es sich um einen Reflexionsbegriff: mit jeder Beanspruchung Gottes im Zusammenhang einer existentiellen menschlichen Not fragt sich von neuem, wer dieser Gott eigentlich sei: Wer ist Gott, angesichts eines pandemisch gewordenen Leids?

Das Dilemma der Theodizee besteht darin, dass sie voraussetzen muss, was doch zu verteidigen sie aufgeboten wird: dass die Gottesannahme noch irgendeine Bedeutung hat, dass noch eine signifikante Anzahl Menschen meint, ohne die Gottesannahme keine Aussicht auf einen umfassenden Begriff ihrer – der? – Wirklichkeit zu haben. Selbst wenn dies, eine integrale Erfassung der Welt, faktisch nicht durchführbar ist, macht es, was die Gottesfrage angeht, genau den Unterschied aus, ob für eine vollständige Beschreibung der Wirklichkeit – sei dies nun realisierbar oder nicht – die Gottesannahme für prinzipiell notwendig erachtet wird oder nicht. Diese Alternative gibt es aber erst neuzeitlich, weswegen bei aller Familienähnlichkeit Theodizee streng genommen erst mit Leibniz, Anfang des 18. Jahrhunderts, da ist und nicht schon bei Hiob. Immerhin kommt es im Buch Hiob (500–100 v. Chr.) am Ende zu einer entscheidenden Konfrontation zwischen der Klage führenden Titelfigur und Gott selbst. Wir Bewohner der Doppelepoche von Neuzeit und Moderne hingegen werden die „Rechtfertigung Gottes“ – denn das bedeutet Theodizee – voraussichtlich unter uns, ohne göttliche Intervention, aushandeln müssen.

Die Redlichkeit verlangt das Eingeständnis, dass eine unbefangene theologische Erörterung der Gottesfrage in einer säkularen Öffentlichkeit sich nicht (mehr) von selbst verstehen kann, weil sie die säkular keineswegs mehr durchgängig geteilte Überzeugung voraussetzt: God matters. Für die Theologie muss daraus folgen, die säkulare Öffentlichkeit nicht als Publikum der eigenen Selbstinszenierung zu beanspruchen, sondern einen Beitrag zu ihrer Selbstverständigung zu erbringen. Eine theologische Diskretion sowohl gegenüber den in der Pandemie Leidenden als auch gegenüber Gott verbietet es zudem, das zu tun, was religiöse Verkündigung oft und oft getan hat: die Krise zu nutzen, um den Gottesgedanken zu promoten, in der Regel als Demütigung der Menschen in ihrer Selbstachtung. Als wären persönliches Leid, suspendierte Grundrechte, soziale Torsionen und globale ökonomische Zusammenbrüche nicht für sich genug: wozu dem noch den Vorwurf der Schuld aufbürden, für die all das an Leid und Not Strafe wäre, göttlich verhängt? Die Rationalisierung von Leid als Strafe für Schuld verfängt längst nicht mehr: seit dem Buch Hiob . Stattdessen bricht sich das Bewusstsein eines unausgleichbaren Spalts zwischen Moralität und Lebensglück Bahn: die Klage des Psalmisten, dass es dem Frevler gut geht und dem Frommen schlecht (Ps 73), legt eine Spur bis hinauf zu Immanuel Kants Postulat der Existenz Gottes; diesem allein wäre solch unmöglicher Ausgleich zuzutrauen („Kritik der praktischen Vernunft“).

Es ist verführerisch, auf die Theodizee-Frage – wie kommt das Übel in die Welt, wie kann es nicht zu rechtfertigendes Leid geben, wenn Gott doch sowohl gut als auch allmächtig ist – zu antworten, indem die Zuschreibung von Allmacht gestrichen wird. Übrig bliebe ein Gott, der gut ist – und schwach. Das lässt ihn sympathisch erscheinen; ein solcher Gott erweckt Mitleid – aber verdient er religiöse Anbetung? Auch wird so die Theodizee-Frage eigentlich nicht beantwortet; sie wird nur um eine ihrer Grundbestimmungen gekürzt.

Religiöser Glaube in theistischer Prägung gründet sich auf einen handlungsfähigen Gott; solcher Glaube kann sich nicht entzünden, wenn es von vornherein ausgeschlossen ist, dass Gott antwortet, eingreift, hilft. Die alt- und anders bekannte Frage „Wozu beten?“ stellt sich hier mit radikaler Schärfe. Auch wäre Kants Gottespostulat sinnlos: ein sympathisch schwacher Gott kann die Kluft zwischen Moralität und Lebensglück nicht schließen. Der theistische Gottesgedanke rechnet mit einem handlungsfähigen Gott. Der Monotheismus war in der Geschichte seiner Herausschälung von dem Interesse angetrieben, die Handlungsfähigkeit Gottes absolut zu denken: über alle Bedingtheit hinaus – ist sie Allmacht.

Das Konzept von einem allmächtigen Gott denkt ihn als allen Bedingungen vorausgehend. Damit wird nicht nur Gott als unbedingt gedacht, sondern zugleich alle Wirklichkeit, die Gesamtheit dessen, was ist – das „Sein“ – relativiert. Die Sorge um den unverkürzten biblisch-jüdischen Gottesgedanken hat deswegen Emmanuel Levinas zu der Formulierung gebracht: „Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht“.

In ihrem Bedeutungskern ist die Theodizee-Frage intellektueller Ausdruck der Empörung über die Realität des ungerechtem Leids. Die Allmacht Gottes bedeutet auch dessen prinzipielle Relativierung. Wer sie streicht, überlässt dem Unheil das letzte Wort. Eine Theologie des nur schwachen Gottes handelt sich ungewollt etwas Unfrommes ein.

Wie also die Theodizee denken? – Nicht zu Ende jedenfalls. Aporie – Weglosigkeit – ist das Bild für ein Denken, das zu keinem Ende kommt und doch gedacht werden muss. Heinz Robert Schlette hat vor langem schon die Nähe zwischen religiöser Glaubensoption und aporetischem Denken herausgestellt („Aporie und Glaube“, 1970). Hier drei Denkweisen im Modus des Aporetischen, die einer säkularen Öffentlichkeit, die der Theologie Rederecht einräumt, sicher die letzte Antwort vorenthalten müssen:

Paul Ricœur ist öfter auf das Buch Hiob zurückgekommen, manchmal in knappen, verdichteten Passagen. Seine Interpretation in aller Kürze: In der das Buch abschließenden Konfrontation Hiobs mit Gott wird dem Gehalt seiner Klage Recht gegeben: sein Leid ist grundlos, ungerecht. Die eigentliche Hiob-Frage – „Warum …?“ – bleibt ohne Antwort. Gottes Vorwurf gegen Hiob zielt auf die Dimension seiner Klage: Indem Hiob Gott um sein Leid verklagt, totalisiert er es. Indem er sein Leid in die Proportion Gottes versetzt, lässt er es zur letztbestimmenden Macht über seine Existenz werden. Dass von irgendwoher und unausrechenbar doch noch ein Lichtstrahl des Sinns in das Dunkel der Sinnlosigkeit fällt, against all odds, ist für die absolut gewordene Klage keine Möglichkeit mehr. Die Klage muss sich aus sich selbst begrenzen; ist sie die Artikulation der Unerträglichkeit des Leids, muss sie der Möglichkeit des Einbruchs eines rettenden Sinns Raum lassen.

An Gott zu glauben wird durch die Erfahrung sinnlosen Leids zugleich unmöglich und notwendig. Unmöglich wird die Unterstellung eines immer schon gegebenen Sinns; notwendig wird die Offenheit für einen vielleicht, wer weiß, doch noch sich einstellenden Sinn. Die Situation Hiobs, über den Sinn seines Leids keinen Aufschluss zu haben, kehrt in den Schriften der frühen Christen wieder: Unrechtes Leid, das nicht abgewendet werden kann, zu ertragen, eine Last mithin zu tragen, die eigentlich zu schwer ist, nennt der erste Petrusbrief „Gnade“ (1Petr 2,19). Norbert Brox hat den Text in seinem exegetischen Kommentar (1979) durchgängig von einer „Logik der Gnade“ getragen gesehen.

Der biblische Gott durchläuft eine Geschichte der Transformationen; der aus Gerechtigkeit strafende, aus Liebe zürnende wird zu einem melancholischen Gott, der kein Unheil, nicht Sintflut noch Plagen, über die Menschen bringt, dem nur noch bleibt, das Unheil, das die Menschen selber über sich und die Welt bringen, zu bezeugen und gewissermaßen notariell festzuhalten (vgl. Jeremia 7,11). Was ihn melancholisch werden lässt? – Dass er sich vorbehaltlos auf seine Schöpfung – und das heißt zunächst auf die Menschen in ihr – eingelassen hat. Er bestimmt seine Allmacht zu unbedingter Liebe. „Bad Case Of Loving You“: kein Psalm, nur ein Pop-Song (Moon Martin, 1978), der aber den Kern dieser Menschenliebe Gottes trifft.

Mit einem Amalgam aus mystischem Paradox und der Nonchalance des Pop könnte sie als mighty surrender bezeichnet werden: jene machtvolle Selbstübergabe, mit der Gott sich zum Sklaven erniedrigt, indem er den Tod des Menschen Jesus mitstirbt (vgl. Paulus an die Philipper 2,6–8). Der Gott Jesu ist nicht schwach. Doch am Kreuz, Werkzeug und Zeichen menschlicher Zerstörungsmacht, bestimmt er seine Macht zu einer negativistischen Präsenz. Edward Schillebeeckx hat dies in einer Theologie der „wehrlosen Übermacht Gottes“ entfaltet (1987). Ein die menschliche Vernichtungsmacht machtvoll besiegender Gott würde sie dadurch nur bestätigen; der wehrlose Gott lässt sie ins Leere laufen und entwaffnet sie so. Gottes Allmacht präsentiert sich am Kreuz als De-Legitimation aller Macht.

Am Ende gilt aber: Keiner Theorie, und sei sie noch so ausgefuchst, kann dieser Gott passgerecht eingefügt werden – wenn anders er nicht komplett verfehlt werden soll. Das hat Martin Luther durch den Gedanken vom Deus absconditus, dem verborgenen Gott, der Theologie mit scharfem Strich eingezeichnet (1525). In der Folge ist dies dunkel ausgemalt worden, bis zur Abgründigkeit Gottes. Diese als absolute Unverfügbarkeit Gottes aufzufassen, entspräche der vorhin genannten theologischen Diskretion besser, als aus ihr doch wieder das Drohbild eines pandemischen Vergeltungsgottes heraufzubeschwören. Auch in seiner Selbst-Offenbarung bleibt Gott Geheimnis (Karl Rahner, 1959) – wie schlussendlich jeder Mensch auch.

Ist die Liturgie nicht, gerade als Ritual, jene entlastende Begegnung von Mensch und Gott, die beiden wie ein zwangloses Gespräch ihr Geheimnis belässt?


Aus: "Das schwache Licht der Transzendenz" Knut Wenzel (17.08.2020)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/das-schwache-licht-der-transzendenz-90025075.html (https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/das-schwache-licht-der-transzendenz-90025075.html)

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Alexander Lammer (08/2020)

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Mich gruselt und fasziniert gleichzeitig, mit welchem geistigen Eiertanz von gläubigen Menschen versucht wird, das Unglaubliche dem gesunden Menschenverstand und den üblichen Kategorien einer Überprüfung zu entziehen.

Der obige Artikel gipfelt in dem grotesken und absurden Satz: „[D]er aus Gerechtigkeit strafende, aus Liebe zürnende wird zu einem melancholischen Gott.“

Und Herr Wenzel fordert tatsächlich die Anbetung dieses Geistes, obwohl er zugibt, dass er diesen Geist weder versteht noch die aufgezeigten Widersprüchlichkeiten erklären kann. Fast wie ein trotziges Kind, das auf den Boden stampft und schreit: „Menno, ich will es aber trotzdem!“ Nun ist Herr Wetzel aber kein trotziges Kind, lässt sich aber von Fakten, bei denen man an Grenzen stößt, offensichtlich nicht beeindrucken und will mit dem Kopf durch die Wand, um nicht umdenken und wahrscheinlichere Lösungen in Erwägung ziehen zu müssen. Zurück zum zitierten Satz. Der Schöpfergott der Bibel ist ein zorniger und absoluter Wüterich, der auf keinen Fall eine eigene Meinung oder freie Entfaltung erlaubt, sondern in diesen Fällen mal kurz die Menschheit auslöscht (Sintflut), um ein paar Jahre später seinen Sohn auf die Erde zu schicken, um ihn grausamst zu Tode foltern zu lassen. Damit lässt er ihn für die von ihm selbst verpfuschte Schöpfung büßen, um angeblich die Menschheit dadurch zu retten. Hätte er das nicht einfacher haben können, indem er die Schöpfung einfach „richtig“ macht? Gleiches gilt natürlich für Krankheiten und anderes Leid (Waren Sie schon einmal in einem Hospiz für Kinder… ?).

Ich sagte ja bereits: grotesk und absurd. Außerdem finde ich es mit der Würde des Menschen nicht zu vereinbaren, das komplette eigene Leben nach einem unbewiesenen bzw. unbeweisbaren Gott und dessen noch viel unergründlicherem „Willen“ auszurichten. Wo ist da der Unterschied zur Zahnfee oder dem Osterhasen? Was genau (welche Fakten) machen denn deren Existenz unwahrscheinlicher als die eines Gottes? Na ja, es wird wohl das Versprechen der Unsterblichkeit sein, die die Anbetung des göttlichen Geistes so verlockend macht und über die Maßen unkritisch werden lässt.

Man könnte allerdings auch Ockhams Rasiermesser anwenden und die einfachste und damit wahrscheinlichste Variante wählen: Aller Wahrscheinlichkeit nach gibt es keine Geister und Götter. Zu dieser Erkenntnis bräuchte man allerdings den Mut, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und es ohne fertiges „Rezept“ und „Gelinggarantie“ (also auch ohne „ewiges Leben“) versuchen zu leben. Die Orientierung an eigenen Bedürfnissen und dem Abgleich und der Berücksichtigung der Bedürfnisse der Mitmenschen scheint mir vernünftig und zielführend zu sein. Wenn die christliche Religion ohnehin auf Nächstenliebe hinauslaufen soll (warum diskriminiert die Kath. Kirche seit Anbeginn dann eigentlich Frauen und Homosexuelle?), dann kann ich den Blick doch gleich auf den Menschen wenden, ohne den Umweg über einen Geist, DESSEN Willen ich angeblich erfüllen soll. Das wäre dann auch intellektuell redlich und die Würde des/der Menschen wäre hergestellt, weil ich mich nicht an unrealistischen Wunschträumen, sondern an Fakten und humanitären Prinzipien orientiere.


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on October 26, 2020, 10:41:44 AM
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[...] Die Wut der Frauen entlud sich in der Nacht auf Freitag vor dem Wohnsitz des Vizepremiers Jaroslaw Kaczynski. Es flogen Steine und Eier. Die Polizei setzte Tränengas ein und nahm mehrere Personen fest. Auch vor dem Parteisitz der Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) und dem Verfassungsgericht kam es zu Protesten.

Denn dieses Gericht in Polen hatte am Donnerstag das bisherige Gesetz, das eine Abtreibung bei einer schweren Fehlbildung erlaubt, als verfassungswidrig eingestuft. Nun dürfen Abtreibungen allein bei Vergewaltigung, Inzest sowie Lebensgefahr für die Schwangere vorgenommen werden.

"Damit ist es faktisch ein totales Abtreibungsverbot. Bei einer Vergewaltigung traut sich kaum eine Frau, dies zu melden" so Anna Karaszewska, Vorsitzende des Interessenverbands "Kongress der Frauen" auf Anfrage. Karaszewska sieht die grundlegenden Rechte in Polen gefährdet. "Frauen werden nicht wie Menschen behandelt."

Denn 1.074 von den 1110 offiziellen Abbrüchen in Polen im vergangenen Jahr wurden wegen fehlgebildeten Föten vollzogen.Mit Fehlbildung ist auch das Down Syndrom gemeint, Frauen können jedoch nun auch gezwungen werden, sterbende oder tote Kinder zu gebären. Borys Budka, Vorsitzender der Oppositionspartei "Bürgerplattform" (PO) warf Kaczynski vor, "den Frauen eine Hölle zu bereiten". Staatspräsident Andrzej Duda begrüßte, dass "das Verfassungsgericht auf Seiten des Lebens steht". ...

In Polen werden nach Angaben von Frauenorganisationen jährlich 200.000 illegale Abtreibungen vorgenommen, mittellose Frauen nutzen dazu Kleiderbügel aus Draht, die bei Demonstrationen gegen das Abtreibungsverbot als Protest in die Höhe gehoben werden. Wohlhabendere Polinnen fahren ins säkulär geprägte Tschechien, wo ein liberales Abtreibungsrecht herrscht.

Nach dem im September berufenen Erziehungsminister Przemyslaw Czarnek, ein ehemaliger Dozent der katholischen Universität Lublin, seien Frauen von Gott vor allem zum Kinderbekommen berufen und dies möglichst früh, damit es viele werden. Dabei entspricht dieses konservative Rollenverhalten kaum der Realität - in Polen werden 28 Prozent der Unternehmungen von Frauen geführt, womit das Land auf Platz 5 in Europa steht.

Die Entscheidung des Gerichts wird nun zu weiteren Verwerfungen in der polnischen Gesellschaft führen.


Aus: "Polen: "Faktisch totales Abtreibungsverbot"" Jens Mattern (24. Oktober 2020)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Polen-Faktisch-totales-Abtreibungsverbot-4938021.html (https://www.heise.de/tp/features/Polen-Faktisch-totales-Abtreibungsverbot-4938021.html)

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     StefGer, 24.10.2020 17:16

Es gilt zu bedenken! - Aus christlicher Sicht.

Polen ist ein Land des reinen, unverkürzten 2000 Jahre alten Lehramtes unserer hl. Mutter Kirche. Der heilige Johannes Paul II. hat dies in seinem Pontifikat bestätigt. Die polnische Regierung wird von Männern des Glaubens und des Lehramts geführt. Sie ist nicht nur gewählt, sondern von Gott erwählt und gesalbt. Das Lehramt verbietet die Abtreibung, sie ist eine Todsünde. Sie ist mit der Tatstrafe der Exkommunikation zu bestrafen.

Gott spricht über den Apostel Paulus im Korintherbrief zu uns. Gott sagt dort (1. Kor. 14, 34):

"Mulier in ecclesia taceat."

Das ist kein Gebot. Das ist ein Befehl, den Gott dort ausspricht. Und er betrifft nicht nur das kirchliche Leben, Gott befiehlt es für die Gesamtheit der Gesellschaft.

Und im Römerbrief, Kapitel 13 geht Gott sogar noch weiter! Er verbietet die Abwahl oder Absetzung einer gottesfürchtigen Regierung. Gott spricht:

("1) Omnis anima potestatibus sublimioribus subdita sit non est enim potestas nisi a Deo quae autem sunt a Deo ordinatae sunt.

(2) Itaque qui resistit potestati Dei ordinationi resistit qui autem resistunt ipsi sibi damnationem adquirunt."

Wer sich gegen eine von Gott gesandte Regierung stellt, und das ist die polnische Regierung, den erwartet nach dem Tode das Gericht. Wer nun aber für Abtreibung ist und auch noch Gegner der von Gott gesandten Regierung wählt, bekommt das doppelte Gericht. Diese Sünde ist nicht durch den Kreuzestod Jesu Christi abgegolten.


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     Two Moons, 24.10.2020 17:31

Re: Es gilt zu bedenken! - Aus christlicher Sicht.

Das ist Satire oder? Ja bestimmt, das muss Satire sein. Aber für meinen Geschmack nur sehr bedingt witzig.



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     Frank_Drebbin, 24.10.2020 15:30

Fundamentale Religiöse sind überall gleich sobald man sie politisch mitmachen lässt, richten sie Unheil an....
Ob das jetzt Christliche Fundamentalisten in den USA, katholische Parteien in Polen oder Gottesstaaten islamischer Geschmacksrichtung sind.....


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on October 26, 2020, 11:00:56 AM
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[...] Die deutschen Bischöfe wollen sich mehrheitlich nicht zu den jüngsten Aussagen des Papstes über Homosexuelle äußern. Gegenüber der F.A.S. gaben viele an, den Zusammenhang der veröffentlichten Zitate nicht genau zu kennen. Als einer von wenigen sagte der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer: Alle Äußerungen des Papstes seien zu deuten „im Licht der Lehre der Kirche, wie sie im Katechismus zusammengefasst ist und die der Papst offenbar selbst nicht in Frage stellt, sondern bekräftigt“. Ein Film sei kein Medium für lehramtliche Verkündigung.

Laut Katechismus sind homosexuelle Handlungen „in sich nicht in Ordnung“. Franziskus hatte in einem Dokumentarfilm über homosexuelle Paare gesagt: „Was wir benötigen, ist ein Gesetz, das eine zivile Partnerschaft ermöglicht.“ Es war das erste Mal, dass ein Papst eine eingetragene Partnerschaft befürwortete.

Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, sagte, er toleriere, dass es in einer pluralistischen und säkularen Gesellschaft die Lebensform einer vom Staat garantierten eingetragenen Partnerschaft geben könne und dass diese Schutz und Rechte gewähren müsse. Nicht alle Bürger könnten auf das christliche Menschenbild verpflichtet werden, das eine „klare Vorstellung“ von Ehe und Familie als Gemeinschaft von Mann und Frau mit der Offenheit für Kinder habe.

Für die Laien sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg: „Als das ZdK sich bei seiner Vollversammlung in Würzburg 2015 für eine Neubewertung homosexueller Partnerschaften und deren Segnung eingesetzt hat, galt das noch als eine unerhörte Wortmeldung.“ Die Äußerung von Franziskus zeige, wie schnell sich das ändere.


Aus: "Viele Bischöfe schweigen zu Papst-Aussage" Tobias Schrörs (25.10.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/nach-papst-worten-ueber-homosexuelle-bischoefe-schweigen-17016800.html (https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/nach-papst-worten-ueber-homosexuelle-bischoefe-schweigen-17016800.html)

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Peter Dimitrov-Ludwig (plus8), 25.10.2020 - 21:16

Wird mal Zeit das die katholische Kirche im "hier und jetzt" ankommt!

Ansonsten geht der Aderlass munter weiter: Wenn die sich nicht ändern, dann interessiert sich bald kein Mensch mehr für die katholische Kirche - bis auf ein paar FAZ Journalisten ...


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Rolf Kroeger (anedabei), 26.10.2020 - 00:02

Ludwig Feuerbach

Der erkannte ca 1830: Der Mensch erschuf Gott.


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Martin Mühl (MartinJosefMichael), 25.10.2020 - 19:53

Kirchenaustritt

Im AT/Moses steht klar geschrieben, was Gott dazu meint.
Für mich ein Grund, aus der Kirche auszutreten.


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Wolfgang Körner (oskartheo), 26.10.2020 - 09:25

Herr Mühl

die lange Liste der Missbrauchsfälle in Ihrer Kirche ist für Sie kein Grund auszutreten?


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Georg Küppers (Sensenbrenner), 25.10.2020 - 22:48

Das ist kurzsichtig

Aus der kath. Kirche sollte keiner austreten. Man verspielt damit nur sein ewiges Heil. Wer die Kirche verleugnet, kommt nicht in den Himmel oder nur nach entsetzlichen Qualen. Nur weil man den Papst oder die Homosexuellen nicht mag, braucht man doch nicht auf den Himmel verzichten. Einfach Augen zu und durch, nur Mut!


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Christoph Rhein (CARHEIN71Comment1), 25.10.2020 - 20:15

Priesterbruderschaft St. Pius X.

Sehr geehrter Herr Mühl, es bleibt noch eine Möglichkeit katholisch zu bleiben, es ist die Priesterbruderschaft St. Pius X. Dort wird die katholische Glaubens- und Morallehre unverkürzt gemäß der Tradition verkündet und die Sakramente allesamt gültig gespendet. Worauf warten?

["Trotz zweifachen Verbots durch Erzbischof Giovanni Benelli weihte Lefebvre am 29. Juni 1976 Seminaristen der Piusbruderschaft zu Priestern. In der Predigt dazu bekundete er:

    „Es bereitet uns einen ungeheuren und unermesslichen Schmerz, feststellen zu müssen, dass wir mit Rom Schwierigkeiten haben — wegen unseres Glaubens! […] Wir befinden uns in einer wahrhaft dramatischen Situation. Wir müssen uns entscheiden. Es geht um einen sozusagen scheinbaren Gehorsam, denn der Heilige Vater kann von uns nicht mit Recht verlangen, unseren Glauben aufzugeben. […] Wir entscheiden uns dafür, unseren Glauben nicht aufzugeben, denn darin können wir uns nicht täuschen.“

... In einer mit den Piusbrüdern verbundenen Schule in Kansas wurde einer Schiedsrichterin die Tätigkeit verboten, da Frauen keine Autorität gegenüber Männern ausüben sollten. Schmidberger sprach sich gegen die Gleichberechtigung aus:

    „Wir brauchen heute Männer, die Männer sein wollen, Frauen, die Frauen sind und Frau sein wollen, das heißt Gehilfin des Mannes und Mutter der Kinder.“

...

" Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Priesterbruderschaft_St._Pius_X. (https://de.wikipedia.org/wiki/Priesterbruderschaft_St._Pius_X.) (15. Oktober 2020)]


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on October 27, 2020, 10:00:42 AM
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[...] die These vom verwirrten Einzeltäter gilt schon lange nicht mehr: Der Mord an Samuel Paty hat noch einmal fast lehrbuchartig vor Augen geführt, dass es ohne ein breites ideologisches Umfeld solche Taten nicht geben kann: Ein Vater, der mit Unterstützung eines landesweit bekannten Islamisten in der Schule seiner Tochter die Strafversetzung eines Lehrers fordert und im Internet gegen ihn hetzt – obwohl die Tochter in besagter Geschichtsstunde gar nicht anwesend war.

Ein islamistischer Prediger, der in der Großen Moschee von Pantin walten darf, auf deren Facebook-Seite das Hetzvideo des Vaters gegen den Lehrer verbreitet wird. Ein Video, das den Täter erst auf den Lehrer aufmerksam macht. Bis hin zu einer Studentin, die in den sozialen Medien die Tötung Patys gutheißt. Sie wurde zu drei Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Ja, das mag symbolisch sein; ja, nur mit Verboten lässt sich dem Problem nicht beikommen, das seine Wurzeln auch darin hat, dass viele junge Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich sozial abgeschlagen sind.

...


Aus: "Macron nimmt den Kampf mit den geistigen Brandstiftern auf" Aus einer Kolumne von Andrea Nüsse (27.10.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/mehr-solidaritaet-mit-frankreich-macron-nimmt-den-kampf-mit-den-geistigen-brandstiftern-auf/26309512.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/mehr-solidaritaet-mit-frankreich-macron-nimmt-den-kampf-mit-den-geistigen-brandstiftern-auf/26309512.html)

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[...] Murat Kayman ist Jurist und war von 2014 bis 2017 Koordinator der Landesverbände des islamischen Dachverbands Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib). Nach der Affäre um die Spitzeltätigkeit von Imamen in Deutschland legte er sein Amt nieder. In diesem Gastbeitrag, der auf einem längeren Blogeintrag basiert, setzt er sich nach dem Attentat auf den Pariser Lehrer Samuel Paty kritisch mit der Haltung muslimischer Verbände und vieler Muslime zur Gewalt auseinander. Kayman ist Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft, einem Zusammenschluss von Musliminnen und Muslimen, die sich als Europäer begreifen, und Mitglied des Podcasts "Dauernörgler".

Der Lehrer Samuel Paty wurde nur 47 Jahre alt. Er war damit in meinem Alter. Er musste sterben, weil er seinen Schülern am Beispiel der Mohammed-Karikaturen die Bedeutung von Meinungsfreiheit erklären wollte.

"Musste sterben" ist angesichts der tatsächlichen Umstände der Mordtat eine Verharmlosung. Wir müssen, gerade als Muslime, deutlicher beschreiben, wie er umgebracht wurde. Samuel Paty wurde nicht erschlagen oder erstochen. Er wurde nicht erdrosselt oder erschossen. Die Art und Weise seiner Ermordung haben muslimische Extremisten bei ähnlichen Taten in der Vergangenheit als "Schlachtung" ihres Opfers bezeichnet. Die Täter vollziehen ihre Tat dabei unter Anrufung Gottes. Es ist zu vermuten, dass auch der Mörder Samuel Patys seinem Motiv und seiner Tat die Bedeutung einer religiösen Rache oder einer stellvertretend vollzogenen göttlichen Strafe verleihen wollte.

Lehrer. Meinungsfreiheit. "Schlachtung". Aufgrund dieser besonderen Konstellation habe ich gewartet und mich gefragt, was die muslimischen Gemeinschaften und Dachverbände in Deutschland zu diesem Mordanschlag in Paris sagen werden.

Als Muslim meint und hofft man, die öffentlich präsenten muslimischen Dachverbände auf Bundesebene, wie die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) oder der Islamrat, hätten gerade wegen dieser Konstellation das Bedürfnis, in diesem Fall nicht zu schweigen, so wie oft. Denn welchen Wert hat es, zu behaupten, man erfülle die Merkmale einer Religionsgemeinschaft, als die man vom deutschen Staat anerkannt werden will, wenn in den entscheidenden Momenten unseres Zusammenlebens diese Behauptung nicht mit Wort und Tat bestätigt wird?   

Doch außer ein paar spärlichen Tweets oder Einträgen auf Facebook war nichts zu lesen oder zu hören. Selbst das wenige, das gesagt wurde, folgte einer Dramaturgie, die mittlerweile wie eine ritualisierte Betroffenheitsfolklore wirkt. Fast schon genervt klangen diese Erklärungen. Man habe doch all die Jahre immer und immer wieder erklärt, dass solche Taten nichts mit dem Islam zu tun haben! Am Ende des Tages bedeutet Islam Frieden und Allah allein weiß, weshalb Menschen plötzlich auf die Idee kommen, anderen die Kehle durchzuschneiden. Ich kann diesen öffentlich reproduzierten ignoranten Fatalismus der muslimischen Dachverbände nicht mehr hören.

Dabei gäbe es nach einem solchen Anschlag vieles zu bereden. Und viele Fragen. Ob etwa ein Zusammenhang zwischen einem solchen Mord und dem islamischen Opferritus bestehen könnte. Das jährliche Opferfest wird als Pflichterfüllung und Segen angepriesen. Kaum jemand stellt dies infrage oder fordert, die Schlachtung vielmehr als mahnende Erinnerung an das menschliche Gewaltpotenzial wahrzunehmen; als einen Tabubruch, nämlich der Tötung eines von Gott erschaffenen Wesens, das an die Anmaßung des Menschen erinnern und ihm Demut abverlangen soll.

Stattdessen wird der Akt des Tötens, konkret des Schlachtens eines dem Menschen hilflos ausgelieferten Lebewesens mittels Kehlschnitt als Normalität der Dominanz des Überlegenen gegenüber dem Unterlegenen – dem vielleicht Minderwertigen? – etabliert. Eine Dominanz, die sich in den eingangs geschilderten extremistischen Morden als Tathergang wiederholt.

In Freitagspredigten mag noch so häufig wiederholt werden, dass Islam Frieden bedeutet. Aber es gibt im religiösen Alltag der Muslime, in den Verbänden und Gemeinschaften bis ins unterste Glied strukturelle Probleme und jene, die vorgeben, uns Muslime zu vertreten und sich gerne als "Großverbände" präsentieren, sind mit ihrer Verdrängungshaltung ein gewichtiger Teil dieser Probleme. Es geht um ein Vorleben, um Denk- und Handlungsmuster, die von den Dachverbänden bis in die Gemeinden hinein ein Klima der Abwertung und Hierarchisierung schaffen. Es herrschen Bedingungen, in denen sich der Einzelne mit seinem individuellen Verhalten stets einer kollektiven Akzeptanz unterordnet und sich einer widerspruchslosen Duldung und Befürwortung durch die religiöse Gemeinschaft vergewissert.

Alle Religionen, so auch der Islam, tragen ein Friedenspotenzial und ein Gewaltpotenzial in sich. Das, was die Glaubensgemeinschaften als religiös konforme Haltung vorleben und tradieren, prägt ganz wesentlich die Frage, in welche Richtung sich insbesondere junge Muslime entwickeln.

Wenn also die muslimischen Verbandsvertreter frustriert und desinteressiert darauf hinweisen, dass das alles nichts mit dem Islam zu tun hat, müssen wir ihnen entgegnen: Es hat was mit uns Muslimen zu tun. Die von Muslimen verübte Gewalt hat sehr viel mit dem zu tun, was Muslime in ihren Gemeinschaften als akzeptabel dulden, was sie unterstützen, was sie nicht zum Anlass für Widerspruch nehmen, was sogar eine gemeinsame Identität fördert und was das Gefühl von Zugehörigkeit festigt. Denn auch der Mörder Samuel Patys wird für sich in Anspruch genommen haben, als "guter Muslim" zu handeln. Die muslimischen Dachverbände schulden uns Muslimen und der gesamten Gesellschaft eine Antwort auf die Frage, warum er seine Tat nicht als Widerspruch zu diesem Anspruch erlebt hat.

Dabei kann ich nicht die Augen davor verschließen, was wir in unseren muslimischen Gemeinschaften unwidersprochen hinnehmen und als wiederkehrende Verhaltensmuster akzeptieren. Es geht nicht darum, dass Gewalt ausdrücklich befürwortet wird, aber sehr wohl gibt es unter Muslimen eine unkritische Haltung zur Gewalt und eine Militanz des Denkens und Glaubens, die nicht mehr hinterfragt wird und nicht als Widerspruch zum Islam wahrgenommen wird.

In unseren muslimischen Gemeinschaften hat Gewalt einen viel zu häufig akzeptierten, als gesellschaftliche Normalität hingenommenen Platz. In der Kindererziehung, im Verhältnis von Mann und Frau oder als Muster kollektiver, politischer oder identitärer Auseinandersetzungen.

Weit verbreitet ist zum Beispiel in der religiösen Pädagogik noch die Vorstellung von Autorität und Unterordnung, die im Zweifel auch mit körperlicher Züchtigung einhergehen kann – die körperliche Herrschaft über das physisch unterlegene Kind wird als legitim angesehen. Oder suchen muslimische Frauen, die seelische oder körperliche Gewalt in der Ehe erfahren, Rat bei muslimischen Gemeinden und Verbänden, kommt es nicht selten vor, dass ihnen Geduld und stillschweigendes Ausharren empfohlen wird. Nicht die Gewalt des Mannes gilt als religiöse Verfehlung oder gesellschaftliches Stigma, sondern vielmehr der Status einer geschiedenen Frau.

In den muslimischen Dachverbänden ist nicht selten die Vorstellung verbreitet, die eigenen Gemeinschaften seien Festungen des Islam in einem antimuslimischen Europa; seien wehrhafte Wagenburgen des Anstandes und der Moral in einer ethisch verderbten Gesellschaft, die sich dem Hedonismus, der Promiskuität, der Homosexualität und ganz allgemein der Lasterhaftigkeit hingegeben hat. Weil die Außenwelt derart schädlich ist, ist der innere Zusammenhalt besonders wichtig.

Zur Rhetorik gehört deshalb häufig die Reminiszenz an die Schlacht von Uhud im Jahre 625. Sie gilt als metaphorische Warnung vor Pflichtvergessenheit und Leichtsinn. In dieser historischen Schlacht standen die muslimischen Kämpfer in Medina kurz vor einem Sieg gegen ihre Angreifer. Jedoch verließen die muslimischen Bogenschützen, getrieben von der Aussicht auf reiche Beute, eine strategisch wichtige Anhöhe und verloren damit den sicher geglaubten Sieg. Die Verbandsfunktionäre werden nicht müde, das Bild der Uhud-Bogenschützen zu beschwören, wenn sie die eigenen Reihen schließen und zur bedingungslosen Loyalität aufrufen wollen.

Wenn eine solch militarisierte Sprache gepflegt und historische Schlachten zitiert werden, um zu demonstrieren, dass man bald auch in Deutschland siegreich sein werde, dann muss man sich nicht wundern, dass es in hiesigen Moscheegemeinden nicht als pädagogische Entgleisung wahrgenommen wird, wenn Kleinkinder mit Uniform und Spielzeuggewehr unter dem Applaus ihrer begeisterten Eltern an Inszenierungen von historischen Kriegen und Tod teilnehmen.

Bis heute ist das Verständnis von Erfolg und Macht mit der Eroberung ehemals muslimisch beherrschter Gebiete oder Symbolbauten verwoben. Eine besondere Funktion erfüllt dabei die al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Ihre regelmäßig geforderte "Befreiung" richtet sich gegen Juden, die im Rahmen antisemitischer Stereotype als übermächtiger Feind und Ränkeschmied imaginiert werden.

Die Rollenverteilung im Nahostkonflikt hat mittlerweile eine quasireligiöse Ersatzfunktion eingenommen: Die Haltung zu diesem Konflikt gilt als Nachweis der eigenen Frömmigkeit. Als "guter Muslim" ist es völlig klar, wie die Antwort auf die Gretchenfrage kollektiver muslimischer Identität "Wie hältst du es mit Israel?" lauten muss. Der Antisemitismus unter Muslimen ebnet damit den Weg zur Wahrnehmung und letztlich auch zur Legitimation von Gewalt als Reaktion auf erlittenes Unrecht. Er gilt als gegenwärtiger Vergewisserungsanker für historische Gewalt an Muslimen – und damit als moralische Entschuldigung eines religiösen Tabubruchs: der Tötung eines anderen Menschen.

Es gehört zum Wesen einer jeden Religion, dass sie exklusivistische Züge trägt. Wir halten unsere eigene Erzählung von Gott und der Schöpfung nur deshalb für glaubwürdiger als die vieler anderer alternativer Erzählungen, weil wir mit ihr aufgewachsen sind. Jede Religion hält jedoch für ihre Angehörigen auch die Zumutung von Irrationalität bereit. Diese Bruchstellen sorgen im Idealfall dafür, dass der Wahrheitsanspruch der eigenen Religion stets einen Hauch des Selbstzweifels erhält. Unser Glaube fordert uns dazu heraus, den eigenen Wahrheitsanspruch nicht nur zu behaupten, sondern durch gute Taten für alle unter Beweis zu stellen.

Jemand, der Gewalt gegen andere ausübt, will diesen mittelbaren Wahrheitsbeweis nicht antreten. Er will der Herausforderung, in einer widersprüchlichen Welt gläubig zu sein, durch die Vernichtung des anderen ausweichen. Ein wahrhaft gläubiger Mensch kann sich indes nie im Besitz einer vollständigen Wahrheit– und damit im Zustand der Vollkommenheit – wähnen. Vollkommenheit ist ein göttliches, kein menschliches Attribut.

Wer sich als Muslim im täglichen Gebet nur Gott hingibt und sich nur vor ihm beugt, im Gebet geradezu körperlich, darf eigentlich von keinem anderen Menschen erwarten, dass dieser sich der Glaubensüberzeugung und der Meinung eines Muslims zu beugen habe.

Wer aber in Kategorien von Überlegenheit und Unterordnung glaubt, ist anfällig dafür, andere Menschen abzuwerten. Jene, die einen solchen Weg einschlagen, können irgendwann auch zu der Überzeugung gelangen, dass menschliches Leben unterschiedlich viel wert ist, je nachdem, was einer denkt und meint.

Wir müssen als Muslime deshalb aufhören, andere Lebensweisen und Glaubensauffassungen in eine Rangfolge der Glaubwürdigkeit oder Werthaltigkeit einzuordnen. Wir müssen aufhören, solche Abwertungs- und Ausgrenzungserzählungen in unseren Gemeinschaften zu dulden. Wir müssen aufhören, Rassismus, Antisemitismus und Misogynie als hinnehmbare Haltung, ja gar als kollektive Identitäten stiftende Merkmale eines "normalen" oder "guten" Muslims wahrzunehmen.

Der Islam ist eine Idee davon, was Gott und was der Zweck seiner Schöpfung sein mögen. Wir Muslime entscheiden täglich darüber, wie wir diese Idee leben und damit auch darüber, ob sie uns zur Gewalt oder zum Frieden führt.


Aus: "Mord an Samuel Paty: Das hat was mit uns Muslimen zu tun" Ein Gastbeitrag von Murat Kayman (26. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-10/samuel-paty-mord-islamismus-islam/komplettansicht (https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-10/samuel-paty-mord-islamismus-islam/komplettansicht)

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Now we have the salad #9

Nur ein Satz: Danke für diesen wichtigen und aus meiner Sicht längst überfälligen Beitrag, Herr Kayman.


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Dialog 2.0 #1.2

Finde den Text [ ] sehr gut. Er könnte sogar als Paradetext im Ethikunterricht für alle großen Religionen sinnvoll sein. Wenn man die richtigen Stellen ersetzt so passt vieles ebenso auf das Christentum oder das Judentum...


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A dream within a dream #1.7

Und da man als nichtgläubiger Mensch bei Gläubigen oft auf taube Ohren stößt hat man vor allem auch die Hoffnung dass Argumente aus deren eigenen Reihen besser wirken.
Es lässt mich z.B. auch leise hoffen dass der Papst mit seinen kürzlichen Aussagen zu Homosexuellen in LGBT-feindlichen, katholischen EU Ländern eher ankommt als die Kritik aus nichtgläubigen oder andersgläubigen Kreisen. Er wird zwar selbst in seinem Amt nicht zu allen durchdringen (angeblich wird er von den Hardlinern als zu liberal kritisiert) aber ich denke doch eher als jemand der komplett außerhalb der Kirche steht.
Von daher freue ich mich besonders über solche guten Texte die aus der gläubigen Community selbst kommen, sei es die muslimische, christliche oder sonstige. Es steigert die Hoffnung dass es doch einige zum Nachdenken bringt.
Es empfiehlt sich z.B. auch immer wieder bei Reizthemen wie dem Urknall oder der Evolution usw. auf gläubige Wissenschaftler zu verweisen - ansonsten hat man bei einigen überhaupt keine Chance bei dem Thema überhaupt durchzuringen. Gibt leider immer noch zu viele die aus Glaubensgründen Wissenschaft verleugnen.


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NormanRae #7

Ein guter und wichtiger Kommentar gegen den Chor der Relativierung dieses scheußlichen Verbrechens, der in den letzten Tagen auf verschiedensten Ebenen bereits angestimmt wurde.


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fiete.hansen #10

"Der Islam ist eine Idee davon, was Gott und was der Zweck seiner Schöpfung sein mögen. Wir Muslime entscheiden täglich darüber, wie wir diese Idee leben und damit auch darüber, ob sie uns zur Gewalt oder zum Frieden führt."

Ein klarer und betont unpolemischer Artikel mit einer Zusammenfassung, die für alle fundamentalistischen Religionen und deren Angehörigen gelten sollte.

Nur befürchte ich, dass die Ratio nicht bei Fanatisten ankommt.


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mcurmel #12

Ein sehr guter Beitrag.
Leider dürfte Herr Kaymann aber der sprichwörtlich einsame Rufer in der Wüste sein.


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Carina Si-Fi #12.1

...so einsam ist er nicht, nur das Problem - Muslime, die es so sehen wie Kayman werden diffamiert und bedroht, brauchen nicht selten Personenschutz.


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olaola #20

Danke für den Artikel. Zwischen Rechten die so gerne "Murat den Messerstecher" heraufbeschwören und Linken bei welchen Islamophobie einzig ein politisches Kampfwort ist, brauchen wir mehr Debatte über dieses Thema!


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on October 29, 2020, 05:03:56 PM
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Martin Lohmann (* 14. März 1957 in Bonn) ist ein deutscher römisch-katholischer Publizist und Journalist. ... Von 1983 bis 1987 war Martin Lohmann stellvertretender Bundesgeschäftsführer des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU). 1987 trat er in die Redaktion des Rheinischen Merkurs ein und wurde später Ressortleiter von Christ und Welt. Von 1994 bis 1997 war er dort stellvertretender Chefredakteur. Von 1998 bis 2004 war er Chefredakteur der Rhein-Zeitung, von 1996 bis 2002 Moderator der Münchner Runde, einer politischen Live-Talkshow des Bayerischen Rundfunks. 2002 gründete er zusammen mit Lothar Roos die Joseph-Höffner-Gesellschaft und war bis 2010 deren 2. Vorsitzender. Seit 2005 arbeitet er als freier Journalist. Seit 2007 ist er Kolumnist bei Bild. ...

Lohmann ist Gegner von Schwangerschaftsabbrüchen. In der Talkshow Günther Jauch vom 3. Februar 2013, in der es um katholische Krankenhäuser ging, die einem Vergewaltigungsopfer keine Pille danach verschreiben wollten, vertrat er zudem die Ansicht, dass bei einer Vergewaltigung die sogenannte Pille danach gemäß katholischer Ansicht nicht erlaubt sei; zulässig sei lediglich eine Pille, die nur die Befruchtung verhindere, aber eine bereits befruchtete Eizelle unversehrt lasse. Zum Selbstbestimmungsrecht der Frau in dieser Frage sagte er, die „Sache mit der Selbstentscheidung der Frau“ sei „ja vielschichtig“, da er neben der Mutter auch den Embryo bzw. Fötus als lebenden Menschen betrachte. Auf die Frage, ob dies auch bei einer Vergewaltigung der eigenen Tochter so gelte, sagte er, dass er ihr helfen würde, „mit ihrem Schicksal klar zu kommen“. In einem Interview mit dem Focus einige Tage später bekräftigte Lohmann, dass die Äußerungen in der Talkrunde „richtig und absolut katholisch“ gewesen seien, äußerte allerdings selbstkritisch, dass er sein „Verständnis für andere, erst recht, wenn sie in Not sind“ deutlicher hätte zeigen sollen. Jauchs Frage nach seiner Tochter bezeichnete er als „übergriffig“, sie sei ein „mehr als grenzwertiger Eingriff in die Privatsphäre“.

Im Dezember 2012 war Lohmann Gast in der ARD-Sendung hart aber fair. In der Diskussion verteidigte er die „christliche Ehe“ und begründete seine Ablehnung der „gelebten Homosexualität“, der Einführung der sogenannten Homo-Ehe und des vollen Adoptionsrechtes für eingetragene Lebenspartnerschaften. Am 12. Dezember 2012 wurde mittels anonymer E-Mail gedroht, ihn mit dem HI-Virus zu infizieren, worauf er Anzeige gegen unbekannt erstattete.

... Lohmann engagiert sich für zahlreiche Sozialprojekte im Heiligen Land. 2001 wurde er vom Kardinal-Großmeister Carlo Kardinal Furno zum Ritter des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem ernannt und am 12. Mai 2001 im St.-Paulus-Dom in Münster durch Anton Schlembach, Großprior der deutschen Statthalterei, in den Orden investiert. Er ist Mitglied im Deutschen Verein vom Heiligen Lande.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Lohmann (https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Lohmann) (26. August 2020 um 15:33 Uhr, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Martin_Lohmann&oldid=203126698 (https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Martin_Lohmann&oldid=203126698))

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"Warum die Aufklärung ein Torso blieb und der Freiheit nicht dient" Martin Lohmann (8. Oktober 2020)
Der Verlust der Wahrheit und die amputierte Vernunft. ...
https://www.tabularasamagazin.de/warum-die-aufklaerung-ein-torso-blieb-und-der-freiheit-nicht-dient/

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on November 05, 2020, 03:32:29 PM
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[...] Einige Berliner Schüler begrüßen den Tod des französischen Pädagogen Paty. Dahinter steckt ein Problem mit streng konservativer Erziehung. Lehrer sind besorgt.

Der Pädagoge, der sich bei Hendrik Nitsch, dem Schulleiter der Gustav-Freytag-Schule, meldete, hatte bestürzende Nachrichten. Es war der Tag der Schweigeminute für den enthaupteten französischen Lehrer Samuel Paty, auch an der Integrierten Sekundarschule in Reinickendorf gab es diese Geste. Der Lehrer berichtete nun: Ein muslimischer Schüler der achten Klasse habe die Schweigeminute gestört und erklärt, Paty habe „doch das bekommen, was er verdient hat. Der gehörte hingerichtet. Er hatte den Propheten beleidigt.“

Insgesamt vier Kollegen, sagt Nitsch dem Tagesspiegel, seien zu ihm gekommen. „Der Tenor ihrer Berichte war immer der gleiche: Muslimische Schüler sagten, diese Tat sei richtig gewesen, bloß keine Schweigeminute für so jemanden.“

Nitsch ist auch stellvertretender Vorsitzender der Interessensgemeinschaft Berliner Schulleitungen, er sagt: „Wir müssen das aufarbeiten, so kann es nicht weitergehen. Das ist ein relativ großes Problem in Berlin.“ Mit dem Schüler wurde ein Gespräch geführt, aber das reiche ja nicht. „Wir müssen darüber nachdenken, wie wir die Mitläufer, die so etwas nur nachplappern, erreichen.“

Ein Lehrer an einer Integrierten Sekundarschule in Schöneberg erzählt, einer seiner muslimischen Schüler habe gesagt: „Dass jemand umgebracht wird, ist doch nicht so schlimm.“ Der Pädagoge ist überzeugt, „dass dieses Denken an meiner Schule weit verbreitet ist“.

Karina Jehnichen, Leiterin der Christian-Morgenstern-Grundschule in Spandau, eine Einrichtung mit hohem Migrations-Anteil, sagt über ihre muslimischen Schüler: „Viele sind in ihrem Denken so verfestigt, dass sie keine andere Ansichten mehr zulassen.“

Es gibt viele muslimische Schüler und Schülerinnen, die nicht verfestigt sind, die ihren Glauben leben und dabei genügend Toleranz für andere Meinungen lassen. Aber jene muslimischen Schüler, die streng konservativ erzogen sind, die keinen Spielraum lassen, die sind für immer mehr Lehrer und Lehrerinnen ein Problem.

„Bei unser Beratungs-Hotline melden sich Pädagogen, die mit solchen Sätzen konfrontiert sind, die Hilfe brauchen und uns um Rat fragen“, sagt Thomas Mücke, der Geschäftsführer von Violence Prevention Network (VPN), der Organisation, die sich um radikalisierte Islamisten kümmert. „Wir müssen das Thema ernst nehmen“, sagt er.

Auch bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) melden sich verunsicherte oder aufgeregte Pädagogen. „Wir haben vereinzelt Anrufe von Leuten, die besorgt sind, dass ihnen etwas Ähnliches wie in Frankreich droht“, sagt ein GEW-Pressesprecher. „Die hatten das Bedürfnis, ihre Sorgen zu thematisieren.“ Die GEW lege deshalb Wert darauf, „dass man gerade an Schulen, an denen es schwierig ist, nachhaltig Ethik, Demokratie und Toleranz unterrichtet“.

Das Sicherheitsgefühl ist zumindest bei einigen Pädagogen weg. „Ich habe jetzt Angst“, sagt eine erfahrene Schulleiterin. „Das Lehrpersonal hat ein mulmiges Gefühl“, sagt Nitsch. Und Lea Hagen, Lehrerin an einem Kreuzberger Gymnasium sagt: „Eine gewisse Angst haben wir alle. Aber viele reden nicht darüber.“

Die Freude über beziehungsweise die Sympathie für den Tod von Paty ist ja nur ein Symptom. Das Problem, sagen Pädagogen, gehe viel tiefer. Es geht um die generelle Vorstellung, wie man Religion lebt, welche Werte zählen, wo Toleranz endet. Viele Schüler mit streng konservativen Eltern bekommen in der Moschee oder zu Hause ein Weltbild vermittelt, in denen Homophobie und patriarchalisches Denken Alltag ist. „Die Schüler kommen aus einer Parallelgesellschaft“, sagt der Verbandsvertreter Nitsch, „die gehen neben der Schule noch in die Moschee, die werden dann mit einer Demokratie konfrontiert, die sie in ihrer Parallelwelt nicht kennen.“

Nitsch hatte durchaus mit Ablehnung der Idee gerechnet, eine Schweigeminute für Paty einzulegen. „Aber diese Art des Widerstands hat mich überrascht.“ Der Widerstand habe sich von der achten bis zur zehnten Klasse gezogen. „Das Thema muss im Ethikunterricht behandelt werden.“ Zudem möchte er externe Hilfe in die Schule holen, Organisationen, die Aufklärung betreiben könnten.

Die Denkweise dieser streng konservativ erzogenen Schüler zeigt sich vor allem beim Thema Israel. „Wenn man im Geschichtsunterricht das Dritte Reich behandelt, dann sagen muslimische Schüler: Ey, das ist doch gut, dass die Juden ausgerottet wurden“, erzählt ein Pädagoge. Ein Lehrer, der in Schöneberg unterrichtet, sagt, dass ein muslimischer Schüler den Unterricht „gesprengt hat, nur weil ich das Wort Israel benützt habe“. Danach habe es endlose Diskussionen gegeben.

Für Lea Hagen, die Geschichtslehrerin an einem Kreuzberger Gymnasium, die auch im Vorstand des Berliner Geschichtslehrerverbands sitzt, ist das keine Überraschung. „Das hängt ja auch mit dem Medienkonsum zusammen.“ Die muslimischen Schüler verfolgten die Sender der Heimatländer ihrer Familien. Dort gelten Juden und Israel als Zentrum alles Bösen.

In Hagens Schule gibt es sehr viele türkischstämmige Schüler und Schülerinnen. Im Unterricht, sagt sie, erzählten Schüler, dass sie keine französischen Produkte mehr kaufen. „Das hat natürlich mit Erdogan zu tun“, sagt Lea Hagen. Der türkische Präsident hatte als Reaktion auf kritische Äußerungen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zu Islamisten seine Landsleute aufgefordert, keine französischen Produkte mehr zu kaufen. „Und im Unterricht kommen dann die Zwischenrufe: Erdogan, Ehrenmann.“

Die Verbandsvertreterin Hagen wirft der Berliner Senatsbildungsverwaltung vor, sie habe „das Problem lange verdrängt. Man wollte es nicht sehen.“ An ihrer Schule stellt sie in Diskussionen fest, „dass sich die Muslime in der Opferrolle sehen“. Europa sei islamophob, „es geht immer zwischen Wir und Euch“. Da gebe es kein „Empfinden für ein gemeinsames Denken“, kein Gefühl dafür, dass man die Demokratie verteidigen müsse. Diese Schüler bestimmten den Diskurs, sei seien dabei auch in der Mehrheit. „Religionsfreiheit ist ganz wichtig für sie, aber den Propheten zu beleidigen, ist für sie keine Meinungsfreiheit“, sagt die Geschichtslehrerin.

Gleichzeitig gebe es aber enorme Informationsdefizite. „Viele haben bloß grob gehört, dass der Prophet beleidigt wurde, aber sie wissen nicht, was genau passiert ist.“ Es gebe Schüler, die glaubten, Paty habe selber die Karikaturen an die Tafel gemalt, andere hätten noch nie den Namen Paty gehört. „Aber ein Schüler forderte, dass man überhaupt keine Karikaturen mehr im Unterricht verwenden soll.“

Bei Lehrern herrsche ein Gefühl der Unsicherheit, sie wüssten nicht, wie sie mit solchen Diskussionen umgehen sollen. „Wir brauchen Fortbildungen“, sagt Lea Hagen, „wir müssen wissen: Wann radikalisiert sich ein Schüler? Wann müssen wir den Verfassungsschutz einschalten?“

Martin Klesmann, Pressesprecher der Senatsbildungsverwaltung, verweist auf „zahlreiche Angebote zur Demokratiebildung und auch viele Projekte zu Antisemitismus-Prävention“. Zudem gebe es die aussagekräftige Handreichung „Islam und Schule“. Themen wie „Grundrechte. Meinungsfreiheit und religiöse Toleranz sind nach den neuen Rahmenlehrplänen 1-10 im Sinne von Demokratiebildung ein Querschnittsthema an Berliner Schulen.“ Für die Verbandsvertreterin Hagen ist eines klar: „Was in Frankreich passiert ist, das ist ein Problem, das ganz Europa betrifft, also auch uns. “


Aus: "Wieso muslimische Schüler die Enthauptung eines Lehrers gutheißen" Frank Bachner (05.11.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/radikales-in-berliner-klassenraeumen-wieso-muslimische-schueler-die-enthauptung-eines-lehrers-gutheissen/26591388.html (https://www.tagesspiegel.de/berlin/radikales-in-berliner-klassenraeumen-wieso-muslimische-schueler-die-enthauptung-eines-lehrers-gutheissen/26591388.html)

Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on November 30, 2020, 12:10:10 PM
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[...] Artikel 261 des Schweizerischen Strafgesetzbuches stellt das Verspotten der "Überzeugung anderer in Glaubenssachen, insbesondere den Glauben an Gott" unter Strafe. Gleiches gilt für das "Verunehren" von Gegenständen oder Orten, "die für einen verfassungsmässig gewährleisteten Kultus oder für eine solche Kultushandlung bestimmt sind". Einzig religiöse Überzeugungen, Gegenstände und Orte genießen durch das StGB einen derartigen Schutz. Doch sind diese wirklich schützenswerter als beispielsweise politische?

Der Nationalrat findet: ja. Er lehnte die Motion zur Abschaffung des Blasphemieverbots am 30. Oktober 2020 mit 115 zu 48 Stimmen bei 12 Enthaltungen ab. Den Vorstoß eingereicht hatte GLP-Nationalrat Beat Flach im Dezember 2018, basierend auf einer Resolution der Freidenkenden Schweiz. Flach argumentierte, das StGB böte den Religionsgemeinschaften und anderen Gruppierungen auch ohne Blasphemieartikel ausreichend Schutz – und dem Rechtsstaat genügend Mittel, um TäterInnen zu verurteilen.1

Doch die Argumente fanden im Nationalrat praktisch nur bei den Grünen und Grünliberalen Gehör. Während hier praktisch alle Fraktionsmitglieder einer Abschaffung zustimmten, erhielt der Vorstoß aus FDP, SVP sowie der Mitte-Fraktion gerade mal eine Ja-Stimme. Bei den SozialdemokratInnen stimmte immerhin ein Viertel dafür, ein weiteres Viertel enthielt sich der Stimme.

Dabei wäre das Thema aktueller denn je – nicht zuletzt im Hinblick auf die brutale Ermordung des französischen Lehrers Samuel Paty Mitte Oktober, die als klarer Angriff auf die Meinungsfreiheit zu werten ist. Und umso bedeutsamer wäre es gerade in diesen Zeiten gewesen, ein Zeichen für die Meinungsfreiheit zu setzen – auch auf politischer Ebene. Denn die Abschaffung des Blasphemieverbots ist nicht nur für die Binnenwirkung wichtig, sondern zugleich auch ein klares und nötiges Signal an diejenigen Staaten, die Blasphemieverbote dazu nutzen, religiöse Minderheiten und säkulare AktivistInnen zu verfolgen. Länder wie Pakistan, Saudi-Arabien und Russland rechtfertigen ihre Gesetzgebungen gerne mit dem Verweis auf Blasphemieverbote in westlichen Staaten. ...


Aus: "Nationalrat der Schweiz erteilt Abschaffung des Blasphemieartikels Absage: Verspotten von religiösen Überzeugungen bleibt strafbar"
Freidenker-Vereinigung der Schweiz (FVS), 27. Nov 2020
Quelle: https://hpd.de/artikel/verspotten-religioesen-ueberzeugungen-bleibt-strafbar-18727 (https://hpd.de/artikel/verspotten-religioesen-ueberzeugungen-bleibt-strafbar-18727)

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Klaus Bernd am 27. November 2020 - 14:04

Dabei hat der Papst selbst in seiner letzten Enzyklika „Fratelli Tutti“ den Blasphemieparagraphen eine Absage erteilt. In Abschnitt 285 schreibt er:
„Denn Gott, der Allmächtige, hat es nicht nötig, von jemandem verteidigt zu werden;“


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Klaus Weidenbach am 27. November 2020 - 14:45

... Religiöse Gefühle sind Relikte aus der Kindheit des Menschengeschlechts. Wir sollten im 21. Jahrhundert allmählich erwachsen werden.


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M. Landau am 27. November 2020 - 15:38

Das deutsche Gegenstück dazu §166 StBG
https://dejure.org/gesetze/StGB/166.html (https://dejure.org/gesetze/StGB/166.html)

Solange reaktionäre alte Männer die Mehrheiten stellen, wird sich an diesem Zustand wohl so schnell nichts ändern...


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on December 17, 2020, 07:45:12 PM
Quote
[...] EU-Staaten dürfen nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs auch für rituelle Schlachtungen eine Betäubung des Tieres vorschreiben. Rituelle Schlachtungen als solche würden nicht verboten und damit werde die Religionsfreiheit geachtet, befanden die Richter des höchsten EU-Gerichts am Donnerstag. Das Urteil kommt überraschend, da ein EuGH-Gutachter kürzlich noch zu dem Schluss gekommen war, derartige Vorschriften widersprächen dem Recht auf Religionsfreiheit. Religionsvertreter kritisierten das Urteil scharf, Tierschützer begrüßten es.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sprach von einem Angriff auf die Religionsfreiheit. Man hoffe, dass es keine Nachahmer in Europa finde und andere EU-Staaten die religiöse Schlachtung weiterhin ermöglichten. Bini Guttmann, Präsident der Europäischen Union jüdischer Studenten, warnte gar, die Ermöglichung eines Schächt-Verbots „könnte jüdisches Leben, so wie wir es kennen, langfristig unmöglich machen“.

Verhandelt wurde ein Rechtsstreit aus Belgien. Dort hatte die Region Flandern die Schlachtung ohne Betäubung 2017 aus Tierschutzgründen verboten. Jüdische und muslimische Verbände klagten dagegen. In beiden Religionen gibt es Vorschriften zum Schlachten ohne Betäubung – dem Schächten, um Fleisch koscher beziehungsweise halal herzustellen. Den Tieren wird dabei mit einem Schnitt Speiseröhre, Luftröhre und Halsschlagader durchtrennt; sie bluten dann aus.

Der Deutsche Tierschutzbund begrüßte das EuGH-Urteil: Es sei gut, dass daraus hervorgehe, dass es Wege gebe, sowohl der Religionsfreiheit als auch dem Tierschutz gerecht zu werden. Oftmals werde es so dargestellt, „dass beides nicht in Einklang zu bringen ist“. In ihrem Statement verwiesen die Tierschützer auf Betäubungsarten, die bereits von vielen Muslimen akzeptiert würden.

Dem Urteil vom Donnerstag zufolge lässt das EU-Recht zwar in Ausnahmefällen und im Sinne der Religionsfreiheit die rituelle Schlachtung ohne vorherige Betäubung zu. Die EU-Staaten könnten aber dennoch dazu verpflichten, die Tiere zu betäuben.

Die Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER) zeigte sich empört über die Entscheidung. Ihr Präsident, Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, teilte mit, die Entscheidung stehe „im Widerspruch zu den jüngsten Erklärungen der europäischen Institutionen, dass jüdisches Leben geschützt werden soll“. Der Versuch der Richter, das religiöse Schlachten zu definieren, sei „absurd“. Das Verbot werde „nachhaltige Auswirkungen auf die jüdische Gemeinde in Europa haben“.

In anderen EU-Staaten wie Schweden oder Dänemark ist es hingegen verboten. In Deutschland können aus religiösen Gründen zwar Ausnahmen erteilt werden. Dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) zufolge seien solche Ausnahmeregelungen in einigen Teilen der Bundesrepublik aber schon nahezu unmöglich. Grund sei eine Zunahme an Auflagen, da hierzulande Tierschutz schon länger stärker berücksichtigt werde.

ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek beobachte deswegen, dass einerseits immer mehr geschächtetes Fleisch importiert und andererseits immer wieder inoffiziell geschächtet werde. „Und das wollen wir eigentlich nicht.“ Dass ein Urteil bewerte, was als Teil eines religiösen Ritus möglich ist oder nicht, sei „der falsche Weg“, kritisierte Mazyek. Veränderungen sollten durch die Religionsgemeinschaften selbst und nicht von außen erfolgen. „Der Ritus ist jahrtausendalter Teil jüdischen und muslimischen Lebens.“


Aus: "EuGH-Urteil : Juden und Muslime kritisieren Einschränkung des rituellen Schlachtens" (17.12.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/juden-und-muslime-kritisieren-einschraenkung-des-schlachtens-17107115.html (https://www.faz.net/aktuell/politik/juden-und-muslime-kritisieren-einschraenkung-des-schlachtens-17107115.html)
Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on December 21, 2020, 02:56:48 PM
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[...] Im Jahr 2020 über Religionskritik zu sprechen ist schwierig, weil man schlecht die Gefechte des Mittelalters wiederaufleben lassen kann. Es stellt sich die Frage, wie Menschen kritisiert werden sollen, die im 21. Jahrhunderts allen Ernstes behaupten, es gebe höhere Wesen, und sich also, ganz freiwillig und ohne Zwang, auf das intellektuelle Niveau von vor ein paar hundert Jahren begeben. Nur zu gerne würde man sich auf den Austausch der besten Propheten-, Jesus- und Messiaswitze beschränken.

Doch die letzten Dekaden haben gezeigt, dass das, was heute unter Religion firmiert, zu ernst ist, als dass man es allein mit den Mitteln der Humorkritik erledigen könnte – auch wenn einige religiöse Dogmen und Vorstellungen tatsächlich erst einmal als schlechter Witz erscheinen. Man denke nur an die Behauptung, Dschihadisten, die sich auf israelischen Gemüsemärkten in die Luft sprengen, würden im Paradies mit ein paar Dutzend Jungfrauen belohnt.

Leider geht es beim dschihadistischen Suicide Bombing und bei den aktuellen islamistischen Anschlägen nicht um eine gedankliche Schrulle, sondern um eine blutige gesellschaftliche Praxis.

Die Reaktionen auf den „Karikaturenstreit“ 2006, der Mordanschlag auf den dänischen Zeichner Kurt Wester­gaard 2010, die Ermordung von Redaktionsmitgliedern der Zeitschrift Charlie Hebdo und nun der brutale Mord an einem Lehrer in Paris, der im Unterricht einige Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte, verdeutlichen, dass Witze, insbesondere über die islamische Religion, das Problem eher verharmlosen, als es zu erhellen.

Lustig machen könnte man sich darüber, wenn es nur das Privatunvergnügen lustfeindlicher Obskuranten wäre, sich irgendwelchen unsinnigen Ernährungs-, Abbildungs- und Sexualvorschriften hinzugeben.

Es geht keineswegs ausschließlich um die diversen Ausprägungen des Islam – jedoch aus gutem Grund in erster Linie um ebendiese: Selbstverständlich gilt es, zu allem bereiten christlichen Fanatikern entgegenzutreten, auch wenn sie die Gesellschaften, in denen sie agieren, alles andere als dominieren. Doch kaum etwas kommt an die Barbarei heran, die aktuell von den diversen Fraktionen der Muslimbruderschaft, dem „Islamischen Staat“ und anderen sunnitischen Islamisten oder der „Islamischen Republik“ im Iran repräsentiert wird.

Wenn seit Beginn des Jahrtausends ein paar harmlose Karikaturen einen mittleren Aufstand auf dem halben Globus auslösen können, wenn Gruppierungen wie die Hamas Wahlen gewinnen, wenn ein esoterischer Obskurant mit Vorlieben für feudalistische Herrschaftsstrukturen wie der Dalai Lama als Vorbild ganzer Generationen über alle politischen Grenzen hinweg fungiert, wenn die katholische Homophobie in Polen und die russisch-orthodoxe in Moskau wieder als militanter Mob in Erscheinung tritt, wenn also das schon tausendfach Totgesagte sich heute als ausgesprochen lebendig erweist – im Falle des dschihadistischen Islam als dermaßen lebendig, dass es für Ungläubige eine tödliche Bedrohung darstellt –, dann müsste man noch einmal zum Anfang zurück und sich Grundlagen der Religionskritik vergegenwärtigen.

Gleichzeitig kann man aber nicht bei solch einer allgemeinen Religionskritik stehen bleiben. Es ginge darum, deutlich zu machen, inwiefern Religionen unterschiedlich weit entfernt sind vom Gedanken materialistischer Aufklärung und Kritik; dass manch religiöse Strömung eine Vermittlung des Glaubens mit der Vernunft anstrebt, während andere die Ratio für reines Teufelszeug halten.

Dass es, worauf Max Horkheimer nachdrücklich hingewiesen hat, Formen von Religiosität wie etwa den jüdischen Messianismus gibt, die vor allem die Sehnsucht nach dem ganz Anderen bewahren, die also auch den Gedanken an eine befreite Gesellschaft in wie auch immer deformierter Form aufrechterhalten, anstatt die gewaltsame Vermittlung im falschen Bestehenden durchzusetzen. Kurz: Man müsste die Unterschiede zwischen den Religionen thematisieren.

Man dachte, über Religion sei alles gesagt, und es ist schwierig, dem, was in den letzten 300 Jahren über den Götter- und Götzenglauben festgestellt wurde, viel Neues hinzuzufügen. Kant brachte Vernunft und Mündigkeit gegen den alten Gottesglauben in Anschlag und Ludwig Feuerbach sah in der Religion die Projektion menschlicher Sehnsüchte. Marx beschrieb die Religion als Opium des Volkes, Freud ortete im Glauben kindliche Wunschvorstellungen und Sartre betrachtete Religion völlig zu Recht als Bedrohung für die menschliche Freiheit.

Schon Marx ging Mitte des 19. Jahrhunderts davon aus, dass die Kritik der Religion bereits geleistet worden sei und man sich nun mit dem gesellschaftlichen Elend beschäftigen müsse, welches das Bedürfnis nach Religion erst hervorbringt. Er sah in der Religion noch einen Doppelcharakter: Sie sei Flucht aus dem Elend, aber auch „Protestation“ gegen dieses Elend.

Doch sollte man diese Protestation nicht überschätzen, denn sie vermag kaum zu den wirklichen Ursachen des Elends vorzudringen und bleibt durch ihr Gefangensein in den religiösen Illusionen in der Regel konformistische Rebellion.

Angesichts der heutigen Stellung der christlichen Kirchen hat allerdings auch gegenwärtige, sich vornehmlich auf das Christentum konzentrierende Religionskritik im Vergleich zu ihren Vorläufern in früheren Jahrhunderten immer etwas von einer konformistischen Revolte von Leuten, die radikale Gesellschaftskritik scheuen und sich lieber in anklägerische Pose gegenüber schon längst Erledigtem werfen.

Während Giordano Bruno und all die anderen Häretiker auf dem Scheiterhaufen landeten, sind Witze über den Papst heute ähnlich subversiv wie die von Regierungsparteien vorgetragene Kritik am Kapitalismus.

Heute geht es unter anderem darum, die vorbürgerlichen Relikte im bürgerlichen Recht endlich zu beseitigen, also die Blasphemieparagrafen aus den Gesetzbüchern zu tilgen und überall dort, wo Religionsausübung jene wie auch immer beschränkten individuellen Freiheiten verletzt, welche die westlichen Gesellschaften nach der partiellen Emanzipation von christlichem Tugendterror und staatlicher Willkürherrschaft zumindest garantieren können, die Mindeststandards bürgerlicher Aufklärung durchzusetzen.

Es gilt, die Bedingungen gesellschaftskritischer Reflexion – und Religionskritik wird einer der notwendigen Bestandteile solcher Reflexion bleiben müssen – aufrechtzuerhalten. Angesichts der Reaktionen, mit denen in den letzten Jahren insbesondere Vertreter der islamischen Religion mit kräftiger Unterstützung von Kulturrelativisten jeglicher Couleur auf Kritik reagiert haben, müssen diese Bedingungen als bedroht bezeichnet werden.

Große Teile der Linken überlassen die dringend notwendige Kritik des Islam den Fremdenhassern von rechts, anstatt eine an einer allgemeinen Emanzipation und an einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung orientierte Kritik an der islamischen Menschenzurichtung zu formulieren.

So gesehen ist es auch gar nicht verwunderlich, dass ganz so wie nach dem Mordanschlag auf Kurt Wester­gaard auch nach dem jetzigen Mord in Paris quer durch Europa die Medien ihren Lesern und Zusehern zwar von den „umstrittenen Karikaturen“ berichteten, sich aber kaum eine führende Zeitung oder ein Sender traut, beispielsweise die Abbildung Mohammeds samt Bombe im Turban, die nach Tausenden dschihadistisch motivierten Attentaten in den letzten Dekaden ebenso naheliegend wie in ihrer Kritik zurückhaltend ist, nachzudrucken.

Es geht heute darum, die bürgerlichen Freiheiten von Leuten wie Ayaan Hirsi Ali zu verteidigen, die den Propheten einen perversen Tyrannen genannt hat, von Hiphoppern, die Jesus als Bastard titulieren, und von israelischen Poplinken, die verkünden, der Messias werde nicht kommen.

Die Frage, warum die beiden Letztgenannten ähnlich wie lange Zeit Manfred Deix mit Kritik, Empörung und schlimmstenfalls mit aberwitzigen strafrechtlichen Konsequenzen leben müssen, Ayaan Hirsi Ali aber mit Morddrohungen und Kurt Westergaard mit Mordversuchen konfrontiert waren, lässt sich nur erklären, wenn in Zukunft versucht wird, die entscheidenden Unterschiede zwischen den Religionen und ihrer jeweiligen Funktion in den heutigen Gesellschaften zu thematisieren.

Und die Reaktion auf die grauenhafte Enthauptung eines Pariser Lehrers aufgrund seines selbstverständlichen Eintretens für das kleine Einmaleins der Aufklärung kann kein abstrakter Wald- und Wiesenatheismus sein, dem alles eins ist.

Wenn Linke und Liberale sich nicht einmal angesichts solcher Brutalität zu einer konsequenten Kritik sowohl des radikalen Islamismus als auch jener Elemente des orthodox-konservativen Mehrheitsislams bequemen, welche die emanzipatorischen Errungenschaften westlicher Gesellschaften bedrohen, werden weiterhin antikosmopolitische politische Formationen mit ihrer „Islamkritik“ reüssieren, die hinsichtlich Antisemitismus, Misogynie und Homophobie vom Objekt ihrer Kritik bei weitem nicht so weit entfernt sind, wie sie gerne suggerieren.


Aus: " Plädoyer gegen abstrakten Atheismus: Das Einmaleins der Aufklärung" Stephan Grigat (20.10.2020)
Quelle: https://taz.de/Plaedoyer-gegen-abstrakten-Atheismus/!5721820/ (https://taz.de/Plaedoyer-gegen-abstrakten-Atheismus/!5721820/)

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15610 (Profil gelöscht), 20. Okt, 17:37

Religionskritik, die sich ausschließlich auf Religion beschränkt, greift viel zu kurz. Wie steht es um den quasireligiösen Charakter politischer Ideologien ?

Grundlage für Millionen Tote war der Glaube ans dritte Reich und seine Verkünder. Das Gewissen eines Schergen der chinesischen Kulturrevolution war im Blutrausch genauso rein, wie das eines heutigen Dschihadisten - notfalls stirbt er für "richtige Sache"

Es ist vermutlich eher das alte Menschheitsthema vom Kampf für das Gute und gegen das Schlechte, das uns in unzähligen Heldenepen bis in die heutige Zeit verfolgt und eine wirkmächtige Faszination ausübt - und der leider nicht nur Literaten, sondern auch viele junge,überwiegend männliche, Menschen erliegen. Religion ist weder die einzige Quelle von Heilsversprechen, noch hat sie das Monopol auf Irrlehren.


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SchnurzelPu, 21. Okt, 08:14

Neben aller berechtigten Kritik am Islam und den Islamisten, sollten wir nicht übersehen, dass sich, als Gegenreaktion darauf, etwas auf christlicher Seite zusammenbraut.
Wenn im Pergamon Museum in Berlin 70 Ausstellungsstücke beschädigt werden, weil Attila Hildmann dort den Thron Satans verortet hat, dann läuft etwas schief in vielen Oberstuben.


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uvw, 21. Okt, 05:18

Der Unterschied zwischen einem Musikverein und einer Religionsgemeinschaft ist, dass erstgenannter keine Privilegien beansprucht.

Genau die sind das Problem. Der Mörder aus Evreux beanspruchte das Privileg, einen Menschen zu töten - den er nicht mal kannte. Die Religion gab ihm das Recht. Aus seiner Sicht legitimierte Herrschaftsausübung. Keine Religion darf Sonderrechte besitzen, die über denen des Staates stehen.

Die Konsequenz muss sein, alle Privilegien aller Glaubensgemeinschaften abzuschaffen. Denn sie sind die Basis für diese Selbstermächtigung und Entrechtung anderer.

Das umfasst eine riesige Palette an Privilegien im Arbeits- und Steuerrecht, bei Subventionen, durch automatisches Mitspracherecht in Gremien, Einfluss auf die Bildung aller, bei Verbrechen, die nach eigenem "Recht" geregelt werden dürfen, bei der Bildung von Vereinen, die normalerweise unter "terroristische Vereinigung" laufen würden, bei der Immunisierung gegen Kritik und bei der Freistellung von allgemeinen Rahmenbedingungen, die ihrem Glauben widersprechen.

Der "Freie Markt" widerspricht auch meinem "Glauben", nur kann ich mich davon leider nicht freistellen lassen.

Religionskritik geht weiter: Ideologien, die Koalitionen erlauben und hervorbringen mit alten und neuen Faschisten, mit alten und neuen Feudalisten, mit Tyrannen jeglicher Spielart, oder gleich in Personalunion das alles vereinen, sollten endlich so wahrgenommen werden. Ein Blick nach Brasilien, Polen, Indien, Türkei oder Saudi-Arabien genügt.

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Descartes, 20. Okt, 17:58

Ohne eine übernatürliche Instanz die uns vorschreibt was "gut" und was "böse" ist, sind diese Kategorien nicht objektiv feststellbar sondern bloße Meinungen (und das sage ich mal als Atheist).

Dass es bei uns heute z.B. keine Behinderten-Euthanasie gibt und Ehebruch nicht todeswürdig ist, deckt sich mit der aktuellen Mehrheitsmeinung. Das kann man aber auch anders sehen, das war auch schon mal anders, denn das ist keine Frage von "wahr" und "falsch".

Man muss sich zuerst eingestehen dass Menschenrechte, Meinungsfreiheit etc., nichts absolutes sind, nichts überall jederzeit allgemeingültiges wie die Schwerkraft, sondern nur unsere derzeitige "Leitkultur". Und die verteidigt man besser gegen jeden und nicht nur gegen Rechtsextreme, und nicht erst dann wenn die Hütte schon brennt.


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Title: Variationen zur Gretchenfrage...
Post by: Link on December 31, 2020, 04:07:45 PM
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[...] Zur Person - Peter Sloterdijk, Jg. 1947, veröffentlichte 1983 die „Kritik der zynischen Vernunft“. Sie zählt zu den meistverkauften philosophischen Büchern des 20. Jahrhunderts. ... Er ist emeritierter Professor für Philosophie und Ästhetik der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Soeben veröffentlichte er „Den Himmel zum Sprechen bringen – Über Theopoesie“. Suhrkamp Verlag. 352 S.

Michael Hesse: Herr Sloterdijk, erzeugt eine Zeit ohne Religion die verstärkte Suche nach einem alternativen Sinnsystem?

Peter Sloterdijk: Nun ja, Sinn ist ein weites Land, in ihm existieren auch religiöse Zonen, sein Gebiet geht aber weit über das Religiöse hinaus. In modernen Zeiten entdecken Menschen, dass es praktikable Alternativen zum religiösen Kult gibt. Standesbeamte können Priester ersetzen, ohne dass die Ehen deswegen misslingen; atheistische Implantologen schaffen neue Lebensfreude. Allgemein gesprochen dürfte man gut daran tun, mit Sinn sparsam umgehen, wie mit Süßigkeiten an den Feiertagen. Hier gilt die napoleonische Devise, wonach man nur das abschafft, was man ersetzt. Wenn Ersatz scheitert, wird das Abgeschaffte wiederkehren.

Michael Hesse: Den Himmel hatte die Theopoesie erst zum Sprechen gebracht, schreiben Sie in Ihrem Buch. Platon und seine Nachfolge unternahmen die Entkopplung von Dichtung und Wahrheit im Verstehen des Göttlichen. War das ein geglücktes Konzept oder brachten sie den Himmel wieder zum Schweigen?

Peter Sloterdijk: Tatsächlich, die frühe Philosophie hatte dem Himmel, sprich dem Höheren und Höchsten, eine noble Zurückhaltung aufgedrängt, indem sie die Wahrheit eher im Schweigen als im Reden lokalisierte. Sie wies anfangs eine Tendenz zur Einheitsmystik auf. Mystik mündet in nicht-diskursiven Endstellungen, sie bleibt bei einem Einheitsgedanken stehen, der nicht mehr in Aussagen auseinandergelegt werden kann. So gesehen hatte die frühe Philosophie eher einen schweigenden als einen redenden Himmel zu verantworten.

Für die Gesprächigkeit des Himmels war ja auf andere Weise gesorgt, weil es im Orient wie im Okzident unzählige Lokalreligionen und mythologische Fabelwelten gab, in denen das Verhalten der Götter und Helden mehr oder weniger blumig ausgemalt worden war. Da hatte die menschliche Vernunft, wenn sie an Höheres oder Himmlisches dachte, immer eine Menge zu erzählen. Nicht zu vergessen: Der griechische Himmel mit seinen 48 Sternbildern stellte eine ganze mythologische Bibliothek vor Augen. Zu jedem Sternbild konnte ein informierter Zeitgenosse eine Geschichte hinzuerzählen; man hatte ständig einen redefreudigen Himmel über sich. Die Mythologien Homers und Hesiods haben den Olympiern ausführliche Biografien angedichtet, so dass das theopoetische Geschäft in alter Zeit mit bunten Zutaten betrieben werden konnte.

Michael Hesse: Wie steht es um die großen Weltreligionen?

Peter Sloterdijk: Der globale Befund gilt natürlich – das ist die Pointe meiner Darstellung – ebenso für die „großen“ Religionen wie das Christentum und den Islam wie auch das Judentum. Deren Vertreter hatten schon früh ein Interesse daran, zu behaupten, ihre Offenbarungen seien wesentlich nicht-mythologischer und nicht-poetischer Art, sie seien vielmehr in einer Art von Offenbarungsprosa, in heiliger Sachlichkeit übermittelt worden, bei der kein von Menschen beigesteuertes dichterisches Element von Bedeutung sein sollte. Doch auch die strengsten monotheistischen Systeme müssen als theopoetische Gebilde beschrieben werden. Wir können uns vom Christentum kein angemessenes Bild machen, wenn wir in ihm nicht die durchgehend wirksamen theopoetischen Leistungen sehen Ich gebe in meinem Buch zahlreiche Belege hierfür. Vom Islam ganz zu schweigen, dessen heiliges Buch durch und durch Dichtung ist ohne es sein zu wollen.

Michael Hesse: Das Theopoetische ist die eigentliche Triebkraft des Erfolges der großen Religionen gewesen?

Peter Sloterdijk: Sie erzeugten Formen der Theopoesie, die den Mythos aus der bloß volkhaften Verankerung oder tribalen Verwurzelung herauskatapultierten. Sie erreichten eine theopoetische Dimension jenseits von Stämmen und Völkern. Das ist eine zivilisatorische Qualität, die dem Christentum, dem Judentum, dem Islam gemeinsam ist: dass sie potenziell Nationalgrenzen überschreiten können. Wobei beim Judentum eine Einschränkung fortbesteht, weil es durch den Bundesgedanken an ein völkisches Fundament gebunden blieb.

Michael Hesse: Nietzsche klagte, dass es 2000 Jahre lang keinen neuen Gott gegeben habe. Ist seine Verzweiflung Ausdruck des immensen Erfolgs der monotheistischen Religionen?

Peter Sloterdijk: Der berühmte Seufzer des späteren Nietzsche bezog sich auf die Geschichte des Christentums: 2000 Jahre und kein einziger neuer Gott! Der Verfasser des „Zarathustra“ besaß ein intensives Vorgefühl für das theopoetische Potenzial im Menschen, das noch nicht aktualisiert worden ist. Er wusste, es gibt noch viele Morgenröten, die noch nicht geleuchtet haben. Dieses Gefühl hat sich im 20. Jahrhundert bewahrheitet. Entgegen der aufklärerischen Legende von der Säkularisierung und dem allgemeinen Religionsabbau ist ja zu beobachten, dass zwischen 1800 und dem Jahr 2000 so viele Religionsstiftungen und Sektenbildungen aufgebrochen sind wie in der gesamten Religionsgeschichte der Menschheit zusammengenommen. Es gibt mitten in der Moderne ein ungeheures Gewimmel von mikrospirituellen Aufbrüchen und Dichtungen in jener Zeit. Es wird noch 100 Jahre mikrowissenschaftlicher Forschung brauchen, bis ein Überblick über all diese Gärungen vorliegt…

Michael Hesse: Womit erklären Sie sich das?

Peter Sloterdijk: Es hat vor allem damit zu tun, dass der Protestantismus unaufhörlich mutiert und metastasiert und ständig neue Freikirchen hervortreibt, die mehr oder weniger sorglos mit dem alten Überlieferungsmaterial umgehen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben in den USA Dutzende eigenwilliger Religionsstiftungen stattgefunden, unter anderem die der Mormonen, die mit einer kompletten neuen Mythologie angetreten sind, so wie sie auch ein künstliches Glaubensvolk geschaffen haben. Analoge Gärungen haben sich in den freikirchlichen Bewegungen vollzogen, die in die Tausende gehen. Die Wandlungen der sinnerzeugenden Kräfte lassen sich – anders als die Religionsdichtungen Asiens und Afrikas – aus unserer Sicht natürlich leichter in den Bereichen beobachten, die unsere eigene Kulturgeschichte integriert sind.

Michael Hesse: Das wäre zum Beispiel?

Peter Sloterdijk: Man verweist am besten auf die europäische Aufklärung, die von vornherein eine dialektische Unternehmung war. Indem sie Vernunft und Transparenz betonte, brachte sie immer auch ihre Gegenströmungen hervor, die ihre poetischen Überschüsse sehr wirkungsvoll zu formulieren wussten. Die Aufklärung war das Eldorado der Geheimkulte. Ein guter Teil der religiösen Energien ist seither in die Künste abgewandert. Wer nicht beten wollte und konnte, durfte schon im 19. Jahrhundert in die Oper gehen und singen. Man kann seither alle möglichen Formen des musikalischen Ausdrucks für frei vagabundierende Innerlichkeit entdecken.

Schleiermacher hat den wesentlichen Punkt getroffen, als er in seiner Schrift von 1799 „Über Religion. An die Gebildeten unter ihren Verächtern“ den Satz formulierte: „Nicht der hat Religion, der an eine heilige Schrift glaubt, sondern jener, der einer solchen Schrift nicht bedarf und notfalls selbst eine solche machen könnte.“ Damit wird der artistische Aspekt des Religionsmachens geradezu provozierend hervorgekehrt. Wenn man die Kunstgeschichte der vergangenen 200 Jahre betrachtet, kommt man an dem Befund nicht vorbei, dass ein Großteil der jüngeren Kunstgeschichte Religionsgeschichte auf Umwegen darstellt. Um von den politischen Massenbewegungen mitsamt ihren Dogmen und Liturgien zu schweigen.

Michael Hesse: Ist die poetische Kraft den großen Religionen ausgegangen – oder ist den Religionen eine Kraft der Selbstzerstörung immanent?

Peter Sloterdijk: Die höheren Religionen stehen seit jeher vor einem Dilemma: Sie müssen sich in die Generationenprozesse einprägen, um überlieferungsfähig zu werden. Hierbei riskieren sie, sich unmerklich selbst zu zerstören, indem sie dogmatisch und ritualistisch verknöchern. Durch den Versuch, sich zu stabilisieren, arbeiten die verfassten Religionen ihrer Sklerotisierung in die Hände. Sie müssen also ständig zwischen Häresie und Sklerose wählen. Diese Alternative ist heute bis an die Spitze des Katholizismus in der Person des Papstes vorgedrungen ist. Benedikt war nicht nur die Sklerose in Person, er verkörperte den Willen zur Sklerose, weil er Angst vor der Welt hatte. Franziskus ist der Anti-Sklerotiker par excellence. Von außen gesehen immer noch in Förmlichkeiten gefangen, aus der Innenperspektive die pure häretische Dissidenz. Er bricht in vielen Punkten mit dem althergebrachten Ritualwesen, als wäre das Christentum nicht vor 2000 Jahren entstanden, sondern müsse in unserer Zeit neu gestiftet werden.

Michael Hesse: Benötigen wir die Religion nach wie vor, um den Himmel zum Sprechen zu bringen?

Peter Sloterdijk: Ich würde weder vom „Benötigen“ noch vom „Brauchen“ sprechen, da ich von beiden Kategorien nicht so viel halte. Es sind ja offensichtlich Kräfte in der Welt, die sich in ständigem Wandel manifestieren. Die Kräfte, die sich im Modus Religion ausdrücken, haben eine Eigensinnigkeit, die mit dem Rätsel der Existenz verbunden ist. Das geht nicht weg. Auch die Kunst geht nicht weg. Wie auch die philosophische Besinnung nicht mehr weggehen wird. Religion, Kunst, Philosophie, richtig aufgefasst, sind Praktiken des existentiellen Radikalismus. Verstehen wir uns richtig: Der wirkliche Ökumenismus betrifft nicht die Koexistenz der Religionsgemeinschaften, er geht aus der Tatsache hervor, dass nach den Künsten und der besinnenden Philosophie in der Moderne auch die Religion frei geworden ist. Die Freiheit einer Sache erkennt man daran, dass man in ihr das Nutzlose erobern kann.


Aus: "Peter Sloterdijk: „Religion, Kunst, Philosophie. Das geht nicht weg“" Michael Hesse (21.12.2020)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/peter-sloterdijk-religion-kunst-philosophie-das-geht-nicht-weg-90148181.html (https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/peter-sloterdijk-religion-kunst-philosophie-das-geht-nicht-weg-90148181.html)