Author Topic: [Forschender Blick nach rechts... ]  (Read 38902 times)

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[Niklas Frank (* 9. März 1939 in München)... ]
« Reply #80 on: September 18, 2019, 01:30:24 PM »

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[...] Niklas Frank (* 9. März 1939 in München) ist ein deutscher Journalist und Buchautor.

... 1987 sorgte Niklas Frank mit dem Buch Der Vater. Eine Abrechnung für Aufsehen. Frank rekonstruierte das Leben seines Vaters aufgrund jahrelanger Recherchen, in deren Verlauf er erkennen musste, welch ungeheuren Ausmaßes dessen Verbrechen waren. Das Buch wurde zunächst als Serie mit dem Titel Mein Vater, der Nazimörder im Stern veröffentlicht und löste heftige Kontroversen aus, u. a. weil er darin behauptete, als Jugendlicher zu der Vorstellung, wie sein Vater gehängt worden sei, aus Hass auf ihn masturbiert zu haben.

Es ist ein außergewöhnliches Dokument schonungsloser Offenheit eines Sohnes der Person und den Verbrechen seines Vaters gegenüber. Niklas Frank schreibt dazu:

    „Es gibt Väter, die zeugen einen täglich neu. So, wie der meine mich. Ich schlug mich mit ihm herum, ein Leben lang. Erst innerlich. Dann exhibitionierte ich, schrieb einen wüsten Text, ungefiltert durch bürgerlichen Geschmack, genau so ekelhaft, wie deutsche und österreichische Bürger während des ‚Dritten Reiches‘ ihren Verbrechen nachgingen, oder Hitler und seine Verbrecher schützten, stützten, verehrten, liebten – und die große Zeit bis heute nicht vergessen haben. (…) Wenn man seinen Vater verfolgt, wie ich, wenn man in sein Hirn hineinkriecht, wie ich, wenn man seine Feigheiten studiert, und sie wieder findet, wie ich bei mir, wenn man bei den Recherchen sieht, welch Gierzapfen meine Mutter war, wie sie das Generalgouvernement Polen als Supermarkt auffasste, in dem sie als ‚Frau Generalgouverneur‘ die Preise selbst bestimmen konnte, wenn man, wie ich mit ihr, durch die Gettos fuhr und Pelze auflud aus den jüdischen Geschäften, deren Inhaber fälschlicherweise glaubten, durch Brigitte Frank ihr Leben retten zu können, dann kann aus all dem Leid und Hass zwischen den Leichenbergen nur eines entstehen: Die Groteske.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Niklas_Frank (12. September 2019)

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[...] Mein Vater war Hitlers Generalgouverneur in Polen. Die Alliierten haben ihn in Nürnberg gehenkt. Oft betrachte ich sein Totenfoto. Zurzeit lacht er mich frech an. Von Niklas Frank

Obwohl ich gegen die Todesstrafe bin, habe ich sie meinem Vater immer gegönnt. Es ist gut, dass er wohl wenigstens für ein paar Sekunden jene Todesangst spüren musste, die er selbst millionenfach über unschuldige Menschen gebracht hat. Er hieß Hans Frank, er war Hitlers Generalgouverneur im besetzten Polen. Die Alliierten haben ihn dann in Nürnberg gehenkt.

Jetzt aber tauchen wieder Väter von meines Vaters Art auf, die mein Hirn vergiften wollen. 80 Jahre bin ich alt. Mein Leben lang hörte ich dieses verdruckste Schweigen, dieses nicht wirklich anerkennen wollen unserer Verbrechen. Doch nur wenn wir sie anerkennen, können wir trotz des damit verbundenen Schmerzes und der Wut ein ehrliches Leben ohne Hass hinlegen.

Oft betrachte ich meines Vaters Totenfoto. Wie er nach seiner Hinrichtung da liegt mit kaputtem Genick. Zurzeit lacht er mich frech an, denn das Schweigen wurde beendet – von der AfD.

Mein Vater wurde 1946 auch für "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verurteilt. Nein, kein AfD-Mitglied ist per se ein Verbrecher, aber im Kampf gegen die Menschlichkeit kommen viele von ihnen gut voran. Seit Jahren verfolge ich ihren Auftritt und kann es nicht fassen: Da spricht ja mein Vater! Das ist ja genau seine verlogene, feige, tückische Argumentation!

Wie damals er wollen auch heute wohl viele AfD-Leute eine Diktatur. Das entnehme ich etwa den Drohungen der AfD gegen die unabhängige Presse und Justiz. Schon drei Jahre vor Hitlers "Machtergreifung" telegrafierte mein Vater dem frisch in die Thüringer Landesregierung eingetretenen Wilhelm Frick: "Ich schwelge in dem Gedanken, einige jüdische Redakteure wegen Beleidigung des nationalsozialistischen Innenministers hinter Schloss und Riegel gebracht zu sehen."

88 Jahre später folgt meinem Vater drohend die AfD-Fraktion Hochtaunuskreis: "Bei uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Pressehäuser gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten Medienvertreter hierzulande einmal nachdenken."

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Heiko Heßenkemper scheint gleichfalls meines Vaters Meinung zu sein: "Wir müssen die Medien und den öffentlich-rechtlichen rot-grünen Propagandaapparat angreifen und schwächen."

Hitler baute eine furchtbare Diktatur auf. Das deutsche Volk wehrte sich nicht. Für mich ist klar, warum: Unter den 80 Millionen Deutschen damals und heute waren und sind allenfalls 20 Millionen echte Demokraten, von denen sich höchstens Hunderttausend aktiv für die Demokratie einsetzen. Die übrigen Demokraten grummeln abgeschlafft daheim vor sich hin. Folge: Die schweigende Mehrheit von rund 60 Millionen Deutschen würde sich gegen eine AfD-Diktatur nicht wehren.

Obwohl ich in Archiven nur wahllos herausgegriffene 5000 Entnazifizierungsakten der mehr als drei Millionen durchgearbeitet habe, weiß ich: Die beste Demokratie, die wir je erlebten – unsere jetzige also –, wurde auf Lug und Trug und Meineid aufgebaut. Warum das klappte? Erst gehorchten die Deutschen der Nazidiktatur. Als Hitler und seine Verbrecherclique ausgemordet hatten, wurde uns von unseren Befreiern diese Staatsform befohlen. Wieder gehorchten wir. Doch nie von Herzen: Vergiftet waren die nachfolgenden Generationen von ihren Eltern und Großeltern, die Hitlers Diktatur mit aufgebaut und bis zum Ende unterstützt hatten.

AfD-Vormann Björn Höcke nennt die Gedächtnisstelen in Berlin für die von uns ermordeten Juden ein "Denkmal der Schande". Seine Linie hat schon mein Vater 1946 in seinen letzten Worten vor dem Urteil vorgegeben: "Die riesigen Massenverbrechen entsetzlichster Art, die, wie ich jetzt erst erfahren habe, vor allem in Ostpreußen, Schlesien, Pommern und im Sudetenland von Russen, Polen und Tschechen an Deutschen verübt wurden und noch verübt werden, haben jede nur mögliche Schuld unseres Volkes schon heute restlos getilgt."

Mein Vater konnte glänzend Chopins Klaviersonaten spielen und soll – wie es der dabei anwesende italienische Autor Curzio Malaparte schilderte – mit denselben feinfühligen Fingern zum Gewehr gegriffen haben, um ein jüdisches Kind zu erschießen, das verzweifelt durch ein Loch in der Gettomauer gekrochen kam. Und wer machte sich unlängst fast schon auf den Weg, meinem Vater zu folgen? Beatrix von Storch! Sie postete bei Facebook ein potenziell todbringendes "Ja" auf die Frage: "Wollt Ihr etwa Frauen mit Kindern an der grünen Wiese den Zutritt mit Waffengewalt verhindern?"

Da hilft keine Entschuldigung. So etwas zeigt jene Empathielosigkeit, die vielen AfD-Mitgliedern eigen ist. Deswegen sitzt Storch auch weiterhin im Bundestag. Vielleicht spricht sie dereinst einen Satz wie jenen, den meine Mutter zehn Jahre nach meines Vaters Tod an eine Freundin schrieb: "Wenn ich an früher denke, wir waren gnadenlos."

Bei Brigitte Frank war es späte Einsicht. Bei Storch würde es vielleicht Stolz sein.

Auch der AfD-Humor folgt dem meines Vaters. In Lemberg packte er ihn 1942 vor ein paar Hundert deutschen Besatzern aus. Auf der Fahrt zu einem Veranstaltungsort waren ihm keine Juden mehr begegnet: "Was ist denn das? Es soll doch in dieser Stadt einmal Tausende und Abertausende von diesen Plattfußindianern gegeben haben – es war keiner mehr zu sehen. Ihr werdet doch am Ende mit denen nicht böse umgegangen sein?"

Und wie beschrieb das Protokoll die Reaktion des deutschen Publikums?

Große Heiterkeit.

Als sich AfD-Senior Alexander Gauland 2017 die damalige Migrationsbeauftragte Aydan Özoğuz vorknöpfte, waren Anklänge an Vaters Späße zu hören: "Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können."

Vater konnte seinen Witz direkter setzen, weil er schon die Macht hatte: "Hier haben wir mit dreieinhalb Millionen Juden begonnen, von ihnen sind nur noch wenige Arbeitskompanien vorhanden, alles andere ist, sagen wir einmal – ausgewandert."

Wir Deutschen wurden durch unsere Massenverbrechen während des "Dritten Reiches" zu einem auserwählten Volk: Wir wissen genau, dass mangelnde Zivilcourage, fehlendes Mitgefühl und verabscheute Toleranz zu Diktatur und Vernichtungslagern führen. Dennoch berauschen sich bestimmt so manche AfD-Sympathisanten – auch dank Gaulands Verkürzung der zwölfjährigen Massenmordorgie zum "Vogelschiss" – wieder an Tiraden, die mein Vater vorformulierte. Der schrieb ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkriegs: "Ich glaube an den Deutschen Geist. Er wird uns emporheben aus diesem Elend, in das uns der verrohte, sinnlos aufgehetzte Pöbel stürzen wird. Bei Gott, dieser Mob wird einmal leicht zur Ordnung gebracht werden. Nur durch die Diktatur wird Deutschland gerettet werden."

Der Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmaier sprach 2015, als er noch AfD-Nachwuchschef war, wie einst Hans Frank: "Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz, ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk, und zwar nur für das Volk, gemacht – denn wir sind das Volk, liebe Freunde."

Ich sehe meinen toten Vater Tränen lachen, denn mit einer unabhängigen Justiz ließe sich nichts "ausmisten".

Mit ihr könnte auch AfD-Mann Uwe Junge, Fraktionschef in Rheinland-Pfalz, nicht halten, was er verspricht: "Der Tag wird kommen, an dem wir alle Ignoranten, Unterstützer, Beschwichtiger, Befürworter und Aktivisten der Willkommenskultur im Namen der unschuldigen Opfer zur Rechenschaft ziehen werden!"

Frank Scherie aus der AfD-Ratsfraktion von Ennepetal in Nordrhein-Westfalen ist wie mein Vater gleichfalls ohne Mitleid: Man "sollte sich nicht wundern, wenn der Bürger in Ermangelung von Alternativen selber das Heft in die Hand nimmt und Bürgerwehren gegen solche Umtriebe formiert. Ob diese dann im Falle eines Falles noch die 110 wählen oder direkt die erwischten 'Import-Früchtchen' dem Vater Rhein zwecks Überprüfung der in NRW nur noch rudimentär vermittelten Schwimmfähigkeiten übergeben, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen."

Als NSDAP-Mitglied wusste mein Vater genau, dass er gegen die Menschlichkeit handelt. So, wie es die AfD heute wissen muss. Wer trotzdem Mitglieder, die demokratiefeindliche Drohungen raushauen, nicht umgehend aus der Partei entfernt oder selbst entsetzt austritt, macht sich mitschuldig. Und wer mit dieser Partei politisch kungelt, wird selbst zum demokratieverachtenden AfD-Mitglied.

Nur Demokratie kann Menschlichkeit garantieren.

1934, ein Jahr nach der Machtübernahme, konnte mein Vater Vollzug melden: "Wir haben durch die Stärke unseres Vorgehens gegen den Verbrecher im weitesten Sinne, vor allem durch den rücksichtslosen Vollzug der Todesstrafe, durch die Einführung der Sondergerichte, die Einführung des Volksgerichtes zum Schutze von Volk und Staat eine Disziplinierung all der minderwertigen Strömungen erreicht, die die Sicherheit des anständigen Teils des deutschen Volkes im weitesten Maße gewährleistet."

Ich fürchte, dass die AfD irgendwann all jene Deutschen als "Verbrecher im weitesten Sinne" verfolgen könnte, die sich ihr nicht unterwerfen und somit nicht zum "anständigen Teil des deutschen Volkes" gehören.

Triumphierend nickt mir mein Vater zu.




Aus: "Sohn eines NS-Verbrechers über AfD-Rhetorik - Da spricht ja mein Vater!" Niklas Frank (06. September 2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/plus/sohn-eines-ns-verbrechers-ueber-afd-rhetorik-da-spricht-ja-mein-vater-a-00000000-0002-0001-0000-000165813287

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[2018 wurden bei Ermittlungen... ]
« Reply #81 on: September 28, 2019, 09:17:27 PM »
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[...] Bei Ermittlungen im Zusammenhang mit rechtsmotivierten Straftaten ist die Polizei im vergangenen Jahr auf 1.091 Waffen gestoßen. Das waren deutlich mehr als im Jahr zuvor, als die Ermittlerinnen und Ermittler 676 Waffen sicherstellten. Diese Zahlen gehen aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor und lagen zunächst dem ARD-Hauptstadtstudio vor. Extremismusforscher und die Linkspartei warnen vor einem zunehmenden Terrorpotenzial in der rechten Szene.

Laut Bundesinnenministerium handelt es sich unter anderem um Faustfeuerwaffen, Langwaffen, Kriegswaffen, Pyrotechnik oder Hieb- und Stichwaffen, die bei rechtsmotivierten Straftaten verwendet oder von Beschuldigten mitgeführt worden seien. Die Auflistung nennt 563 entsprechende Straftaten, darunter 235 Gewaltdelikte. Ein Jahr zuvor waren es viel weniger Waffen, aber exakt die gleiche Anzahl an Straftaten.

Innenminister Horst Seehofer (CSU) sagte, die gestiegene Zahl festgestellter Waffen und ähnlicher Gegenstände bei rechten Straftätern alarmiere. "Sie belegt aber auch den Verfolgungsdruck und zeigt, dass die Behörden genau hinschauen", sagte er. Der Rechtsextremismus sei eine große Gefahr für die freiheitliche Gesellschaft. Er sei "fest entschlossen, die Sicherheitsbehörden hier personell sowie strukturell deutlich zu stärken und ihnen die notwendigen rechtlichen Instrumente zu geben. Der Rechtsstaat muss hier handlungsfähig sein."

Die rapide Zunahme der Waffenfunde werfe ein Schlaglicht auf das wachsende Potenzial des Rechtsterrors, sagte die stellvertretende Chefin der Linkspartei, Martina Renner. "Die militante Neonaziszene muss entwaffnet werden", forderte sie. Der Rechtsextremismus-Forscher Matthias Quent vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) nannte die Zahlen im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio "erschreckend und alarmierend". Er sprach von einer "massiven Aufrüstung und Bewaffnung der rechtsradikalen Szene", die sich auf militante Angriffe auf Minderheiten, politische Gegner und Repräsentanten des Staates vorbereite. "Ihr Ziel ist die Einschüchterung der Gesellschaft und Vertreibung von Menschengruppen. Teile der Szene wollen sogar einen Bürgerkrieg", sagte Quent.

Die Linke hatte in ihrer Anfrage an das Bundesinnenministerium auch um Informationen zu "Schießübungen von Neonazis mit legalen wie illegalen Waffen" gebeten. In der Antwort heißt es, dass der Bundesregierung seit Jahresbeginn 2018 "15 Fallkomplexe" bekannt geworden seien, in denen Rechtsextremisten einzelne oder auch mehrere aufeinanderfolgende Schießübungen abgehalten hätten. In den meisten Fällen sei dies im europäischen Ausland geschehen.

Das Ministerium listet zudem Straftaten gegen Asylunterkünfte, Asylbewerber und Asylbewerberinnen zwischen 2017 und September dieses Jahres auf, bei denen legale und illegale Waffen verwendet wurden. Insgesamt wurden demnach in den vergangenen gut zweieinhalb Jahren 20 Angriffe auf Unterkünfte und 26 Angriffe auf Asylbewerber mit Druckluft-, Schreckschuss und Paintballwaffen, aber auch mit scharfen Waffen verübt. Die meisten Angriffe gab es 2017.


Aus: "Ermittler stellen fast 1.100 Waffen in rechter Szene sicher" (28. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-09/rechtsextremismus-waffenfunde-ermittlungen-innenministerium-terrorismus

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[Die Straßburger Richter urteilten nun... ]
« Reply #82 on: October 03, 2019, 05:31:47 PM »
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... Holocaustleugnung ist seit 1945 fester Bestandteil rechtsextremer Ideologien und eng mit dem heutigen Antisemitismus und einem auf die NS-Zeit bezogenen Geschichtsrevisionismus verbunden. ... Die meisten Leugner haben die Zeit des Nationalsozialismus nicht erlebt, vertreten aber ähnliche oder gleiche Ideologien. Ihr gemeinsames Merkmal ist der Antisemitismus. Laut Historikern und Erziehungswissenschaftlern in den USA sind ihre Hauptziele: die öffentliche Sympathie für Juden zu verringern, ihren eigenen extremen Ideen Zustimmung und Legitimität zu verschaffen, Rassentheorien der „arischen Rasse“ zu rehabilitieren, den Staat Israel zu zerstören.[6] Neonazis bekennen sich offen dazu, dass sie den Holocaust leugnen, um den Nationalsozialismus politisch wieder zustimmungsfähig zu machen. ... Verdrängung der NS-Zeit, „Schlussstrich“-Mentalität und Erinnerungsabwehr begünstigen dies. Umfang und Durchführung des Holocaust waren so außerordentlich, dass für viele unvorstellbar bleibt, dass Menschen dazu fähig waren. Dieses psychologische Motiv schließt an Schutzbehauptungen vieler Deutscher nach 1945 an, wie etwa die Phrase „Davon haben wir nichts gewusst“, und bestimmt auch spätere Generationen mit geringer Kenntnis der NS-Zeit. Nach einer globalen Studie der Anti-Defamation League von 2013 und 2014 kannten nur 54 Prozent der Befragten den Begriff Holocaust. Davon bezweifelte knapp ein Drittel, dass er tatsächlich geschehen ist. ...


https://de.wikipedia.org/wiki/Holocaustleugnung (3. Oktober 2019)

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Holocaustleugnern

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[...] Die Leugnung des Holocausts ist nicht von der Europäischen Menschenrechtskonvention gedeckt – das hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) nun entschieden. Der NPD-Politiker Udo Pastörs hatte vor dem Gericht Beschwerde gegen einen Schuldspruch in Deutschland engereicht, doch die Straßburger Richter wiesen seine Eingabe einstimmig ab.

Hintergrund ist eine Rede, die Pastörs im Januar 2010 im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern hielt. Damals war er  dort NPD-Fraktionsvorsitzender. In seiner Rede sprach er vom "sogenannten Holocaust" und einer "Auschwitzprojektion" durch demokratische Parteien. Eine Gedenkveranstaltung für die Opfer kritisierte er als "Betroffenheitstheater" und das Andenken an die Toten als "einseitigen Schuldkult".

Das Amtsgericht Schwerin verurteilte ihn deshalb 2012 wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und Verleumdung zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung. Zusätzlich wurde eine Geldbuße von 6.000 Euro verhängt. Das Landgericht in Schwerin und das Oberlandesgericht in Rostock bestätigten das Urteil; Pastörs zog bis vor das Bundesverfassungsgericht, doch das wies seinen Einspruch im Jahr 2014 ab. Zu der Zeit war der Politiker vorübergehend Chef der NPD.

Die Straßburger Richter urteilten nun, Pastörs habe "absichtlich die Unwahrheit gesagt, um Juden zu diffamieren". Seine Äußerungen fielen nicht unter den Schutz der Meinungsfreiheit, weil sie den Werten der Menschenrechtskonvention selbst entgegenstünden. Deshalb sei seine Verurteilung auch kein Verstoß gegen die Konvention.

In einem zweiten Beschwerdepunkt waren sie jedoch uneinig. Pastörs hatte sein Recht auf ein unparteiisches Verfahren in Deutschland verletzt gesehen, da zwei der Richter, die in den Jahren 2012 und 2013 an unterschiedlichen Gerichten in seinem Fall entschieden hatten, miteinander verheiratet waren. Drei der sieben Richter des Menschenrechtsgerichtshof sahen Pastörs in diesem Punkt im Recht. Da sie sich aber in der Minderheit befanden, hat das keine rechtlichen Konsequenzen.



Aus: "Holocaust-Leugnung ist in Europa kein Menschenrecht" Alexandra Endres (3. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-10/udo-pastoers-npd-holocaust-leugnung-meinungsfreiheit-menschenrechte

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wilsieb #3

Meinung und Tatsachenbehauptungen sind zwei unterschiedliche Sachen.
Tatsachenbehauptungen können strafbar sein; Meinungen nur wenn es sich um schlimme Beleidigungen handelt.
Die Tatsachenbehauptung, der Holocaust habe nicht oder nicht so, wie in es in den Geschichtsbüchern steht, stattgefunden, ist strafbar.


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TDU #3.1

wilsieb

"Die Tatsachenbehauptung, der Holocaust habe nicht oder nicht so, wie in es in den Geschichtsbüchern steht, stattgefunden, ist strafbar."

Das ist eine Meinung über eine behauptete Tatsache, die nicht wahr ist.


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Deserteur 2.0 #4

Perfekt formuliert:

Seine Äußerungen fielen nicht unter den Schutz der Meinungsfreiheit, weil sie den Werten der Menschenrechtskonvention selbst entgegenstünden. Deshalb sei seine Verurteilung auch kein Verstoß gegen die Konvention.


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tomari #5

Lügen sind eben keine Meinung.


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interstellar44 #8

Den Holocaust zu leugnen ist sicherlich ein Fall für den Knast. Oder die Psychiatrie.
Es ist schon erstaunlich so etwas überhaupt zu tun. Doch es gibt auch Flatearthers. Die NPD ist so etwas ähnliches wie die "Flache Erde"-Bewegung (leider nicht so harmlos doof). Leute, die glauben, die Erde sei flach. Oder Kreationisten usw. (Leugnen die Evolution).

"Immer spielt eine vermeintliche Verschwörung zur Unterdrückung der angeblichen Wahrheit eine zentrale Rolle. Echte Leugnisten sind nicht am Austausch von Argumenten interessiert, sondern ausschließlich an Information, die ihre eigene Weltsicht stützt. Ein konstruktiver Diskurs mit ihnen ist unmöglich."

Mittlerweile hat bekanntlich sogar der Vatikan akzeptiert, dass wir auf einer Felskugel leben, die mit hoher Geschwindigkeit durchs All rast, aber das interessiert die Anhänger der "Flachen Erde"-Theorie nicht. ...
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/scheibenwelt-was-wir-von-flacherdlern-lernen-koennen-a-1162461.html (Sonntag, 13.08.2017)


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Dogwalker #11

Es ist bezeichnend, dass sich gerade diejenigen auf Menschenrechte berufen, welche sie mit Füßen treten wollen. Genauso wie sich diejenigen auf ihre(!) demokratischen Rechte berufen, die sie - so sie denn an die Macht kommen- für alle anderen abschaffen wollen.


...

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[...] Er war Teilnehmer einer Besuchergruppe von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel. Jetzt muss sich ein 69-Jähriger vor dem Amtsgericht Oranienburg wegen Volksverhetzung verantworten – weil er in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen in Brandenburg die Existenz von Gaskammern geleugnet haben soll.

Der Angeklagte hatte am 10. Juli 2018 die Gedenkstätte besucht, er war Teilnehmer einer Reisegruppe aus dem Wahlkreis der Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion aus der Bodenseeregion. „Im Rahmen der durchgeführten Führung soll der Angeklagte bei einer Diskussion geäußert haben, dass es im Zweiten Weltkrieg Gaskammern nur in den USA gegeben haben soll“, teilte das Amtsgericht jetzt mit.

Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft Neuruppin vor dem Amtsgericht Oranienburg beantragt, einen Strafbefehl zu erlassen. Das Gericht stimmte dem zu, der Mann sollte eine Geldstrafe zahlen – er legte jedoch Widerspruch ein. Deshalb kommt es jetzt zu einem öffentlichen Prozess. Das Gericht hat die Verhandlung für den heutigen Dienstag angesetzt.

Gegen die anderen Teilnehmer der Besuchergruppe, die Weidel aus ihrem Wahlkreis zu einem Berlin-Ausflug eingeladen hatte, sind die Ermittlungen eingestellt worden. Ihnen habe keine konkrete Äußerung und keine Beteiligung nachgewiesen werden können, erklärte die Staatsanwaltschaft. Weidel selbst war beim Besuch in der Gedenkstätte nicht dabei.

Das Auftreten der Gruppe in der Gedenkstätte in Oranienburg (Oberhavel) hatte internationale Empörung ausgelöst. Der Vorgang war Ende August 2018 durch Tagesspiegel-Recherchen bekannt geworden – weshalb Ermittlungen eingeleitet wurden.

Die Brandenburger Polizei hatte unmittelbar nach Erscheinen des Tagesspiegel-Berichts Ende August von Amts wegen Strafanzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin hatte zeitnah den Guide, der die AfD-Gruppe durch die KZ-Gedenkstätte geführt und die Tour abgebrochen hatte, vernommen.

Bereits diese Zeugenvernehmung hatte die Vorwürfe erhärtet. Die Ermittlungen gestalteten sich zunächst schwierig, weil das Bundespresseamt die Teilnehmerliste vernichtet hatte.

Nach Darstellung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten hatten mehrere Teilnehmer der von Weidel eingeladenen Gruppe die Existenz von Gaskammern in Zweifel gezogen. Mehrere AfD-Besucher hätten die KZ-Verbrechen verharmlost und relativiert und dem Referenten der Gedenkstätte mangelnde Kompetenz und Manipulation unterstellt.

Dieser hatte den Besuch daraufhin abgebrochen. Die Berlin-Fahrt, in deren Rahmen der Besuch der Gedenkstätte stattfand, war – wie prinzipiell für alle Bundestagsabgeordneten möglich – vom Bundespresseamt finanziert worden.

Ein Sprecher der AfD im Bundestag hatte eine Mitverantwortung von Weidel für den Eklat in der Gedenkstätte von sich gewiesen. „Dabei handelte es sich um ein Programm des Bundespresseamtes, bei dem Alice Weidel ein Programmpunkt von vielen war. Beim Besuch der Gedenkstätte war Alice Weidel nicht zugegen.“

Ein Funktionär des AfD-Bodenseekreis erklärte, die Besucher am 10. Juli hätten nicht den Holocaust geleugnet, sondern „kritische Nachfragen bezogen auf einzelne Sachverhalte“ gestellt.


Aus: "Gast von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel muss vor Gericht" Alexander Fröhlich (08.10.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/volksverhetzung-in-kz-gedenkstaette-sachsenhausen-gast-von-afd-fraktionschefin-alice-weidel-muss-vor-gericht/25072006.html

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gehirnstein 13:33 Uhr
Man kann ja nicht Frau Weidel auch noch die Schuld dafür zuschieben das Faschisten in der AfD sind.


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Aldermann 14:21 Uhr
Antwort auf den Beitrag von gehirnstein 13:33 Uhr

Genau. Warum laufen die Leugner zur AfD?
Total komisch und überraschend.


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Pat7 14:47 Uhr
Antwort auf den Beitrag von gehirnstein 13:33 Uhr

Wer gibt der Weidel die Schuld?

Im Übrigen kann nicht jeder einfach mal so Mitglied einer Besuchergruppe für einen Bundestagsabgeordneten werden. Die Leute werden handverlesen.


Quote
southcross 13:45 Uhr

Das Gericht stimmte dem zu, der Mann sollte eine Geldstrafe zahlen – er legte jedoch Widerspruch ein.

Warum? Weil er meint, das sei "Meinungsfreiheit"?
Nö, die Leugnung des Holocaust ist eine Beleidigung für die Opfer und deren Nachkommen. Für einen Demokraten ist das völliges NOGO. Achso... die AfD und ihre Groupies sind ja keine Demokraten, dass sind ja Rechtsextremisten. ... Und "kritische Nachfragen" sehen nach Gusto der rechtsextremen "AfD" so aus:

„Im Rahmen der durchgeführten Führung soll der Angeklagte bei einer Diskussion geäußert haben, dass es im Zweiten Weltkrieg Gaskammern nur in den USA gegeben haben soll“, teilte das Amtsgericht jetzt mit.

...


...
« Last Edit: October 08, 2019, 03:39:32 PM by Link »

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[Zu wem genau sprach er da?... ]
« Reply #83 on: October 10, 2019, 11:49:57 AM »
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[...] Ein Lachen ist zu hören, höhnisch. Seine Hände in dicken grünen Handschuhen sind sichtbar. Er montiert das Gewehr. Kommt nicht gleich damit zurecht. „Gott, wie krieg ich das drauf?“ Im Hintergrund läuft offenbar amerikanische Rap-Musik. Er fährt durch die Stadt. „Nobody expects the internet SS“, sagt er an einer roten Ampel. Keiner rechnet mit der Internet-SS.

Er fährt an einer Mauer entlang. „Hey, klappt das? Nee, nee. Fuck, fuck.“ Er hält, steigt aus, geht mit einem Gewehr zu einer Tür in der Mauer. Man sieht das Messingschild der Synagoge an der Humboldtstraße. Er kriegt die Tür nicht auf. „Fuck!“ Er läuft hin und her, versucht es wieder. Ein Schuss fällt. Offenbar galt er der Tür. Die steht einen Spalt offen, er drückt gegen sie und sagt: „Das sprengen wir.“

Er öffnet eine Autotür, eine Kiste ist zu sehen, darin Flaschen und ein Eimer, darin etwas wie Handgranaten. Noch mehr Ausrüstung wird sichtbar. Er nimmt einen silbrigen Gegenstand heraus, offenbar einen Sprengsatz, und schiebt ihn in den Türspalt. Kurz darauf ist eine Explosion zu hören.

Eine stämmige Frau in Outdoorjacke und rotem Pullover, mit Brille und Rucksack kommt die Straße entlang, sieht sein Auto, das den Bürgersteig blockiert, sagt ärgerlich: „Muss das sein, wenn ich hier langgehe? Mann, ey!“ Als sie auf der Straße am Auto vorbeigeht, schießt er ihr in den Rücken, vier Schüsse in schneller Folge. Sie stürzt und bleibt leblos neben dem Auto liegen.

Nach dem Mord geht er wieder auf die Tür los. „Fuck. Verkackt. Scheiß druff. Ich komm‘ hier nicht rein.“ Er geht zum Auto zurück, feuert eine neue Salve auf die Tote und beschimpft sie unflätig. Mittlerweile keucht er. „Ich hab mir ’nen Reifen zerschossen.“ An der Mauer lehnt sein zweites Gewehr mit Magazin.

Er versucht erneut vergeblich, zur Synagoge vorzudringen und kehrt zum Auto zurück, wo die Tote liegt. Auf der Straße hält ein weißer Minitransporter, der Fahrer ist ausgestiegen. Stephan B. ruft herausfordernd: „Ja, bitte?“ Er zielt auf den Mann, der steigt schnell und anscheinend angstvoll in seinen Wagen und fährt weg.

Dann schießt Stephan B. dreimal auf die Tür. Tritt dreimal gegen sie. Sie hält stand. Er flucht: „Scheiße!“ Er schießt in die Luft, läuft hin und her. „Verkackt!“ Sagt etwas von „Kanaken“. Und zur Toten hin wieder Unflätiges.

Er fährt ein paar Meter, steigt wieder aus. „Eigenen Platten geschossen.“ Die Scheibenwischer sind an, obwohl es nicht regnet. Alles macht den Eindruck von Nervosität und Konfusion. Seufzer sind zu hören, Selbstbeschimpfungen. „I killed some, I tried to kill some. Ach. Then I die. Like the loser I am. Fuck.” Ich habe ein paar getötet, ich habe es versucht. Dann sterbe ich. Als der Versager, der ich bin.

Nun sucht er eine Granate. „Ist die noch drin oder hab ich die verloren? Nee, hab ich verloren. Scheißdreck.“ Steigt aus, geht mit dem Gewehr über die Ludwig-Wucherer-Straße.

Schießt vor einem Döner-Laden zweimal. Eine Person verschwindet darin. Er folgt ihr hinein. Zwei Männer flüchten in den Hinterraum. Patronenhülsen fallen zu Boden, Stephan B. hantiert mit der Waffe.

Hinterm Kühlschrank taucht ein dritter Mann auf. Er zielt auf ihn, der Mann fleht um sein Leben. Stephan B. erschießt ihn.

Er geht raus und schießt auf einen jüngeren Passanten. Hat wieder Probleme mit seiner Waffe. Versucht, sie im Auto zusammenzusetzen. „Wo ist der Griff, wo ist der Griff?“

Steigt wieder aus. Zwei Frauen rennen weg. Ein Schuss fällt, die Frauen suchen Deckung hinter parkenden Autos.

Keuchend läuft er in den Laden zurück, sieht den Toten, schießt nochmals auf ihn. Schießt abermals. Schießt ein drittes, ein viertes Mal. Verlässt den Laden. Steigt ins Auto. Sagt: „Tja. Ich habe auf jeden Fall bewiesen, wie absurd improvisierte Waffen sind.“

Dann: „Jetzt Polizei.“ Er feuert auf einen quer stehenden Wagen, der ihm den Weg stadtauswärts versperrt. Feuert noch dreimal, fährt los in die Gegenrichtung, offenbar auf einer Felge, es rumpelt metallisch. „Alle Waffen haben versagt.“

Ein Klingelton ist im Auto zu hören, vermutlich ein Anruf. Im Autoradio läuft eine Sendung über illegalen Waffenhandel. Stephan B. spricht offenbar mit dem Anrufer: „Ja, hier is … Ich muss aber sagen, ich blute, bin angeschossen, und zwar am Hals, und ich weiß nicht, ob ich sterbe.“ Er redet ansatzlos von seiner Lage, als sei dem Anrufer klar, was er tut.

Jetzt ist wieder sein Gesicht zu sehen, sein blutiger Hals. Er hält sich etwas Weißes gegen die Wunde. Schmerzverzerrter Mund. Schmerzensschreie. „So, guys, das war’s erst mal mit action.“ Dann wird das Bild schwarz. Man hört die Geräusche vieler vorbeifahrender Autos. Die Kamera scheint allein im Auto zurückgeblieben zu sein.

... 22.30 Uhr, Dokument im Internet: Ein zehnseitiger Plan, der dem Täter zugeschrieben wird, macht im Internet die Runde. Darin werden zunächst Waffen gezeigt und beschrieben. Später macht sich der Verfasser dann Gedanken über die bauliche Eigenschaft der Synagoge und wie man sie am besten angreifen könne. Dort steht auch der Satz: „Der beste Tag zum Zuschlagen sollte Jom Kippur sein, da an diesem Datum selbst ,nicht-religiöse‘ Juden oft die Synagoge besuchen.“

...


Aus: "Während der Wahnsinnstat bekam Stephan B. einen Anruf"
Manuel Bewarder, Wolfgang Büscher, Christina Brause, Alexej Hock, Martin Lutz, Ibrahim Naber, Annelie Naumann, Uwe Müller (10.10.2019)
Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article201675040/Terror-in-Halle-Waehrend-der-Wahnsinnstat-bekam-Stephan-B-einen-Anruf.html

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Vera A.

 Man möge doch insbesondere auch und gerade den Opfern gedenken und auch insbesondere an die Hinterbliebenen der Opfer denken!


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Rainer L.

Gleiches Muster wie Christchurch. Für psychisch Kranke ist das alles wahrscheinlich nur ein "Ballerspiel"!
Welche Gesellschaft produziert solche Kreaturen?


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[...] Es gehört zur Boshaftigkeit des Terrorismus, dass nicht alle Aufmerksamkeit seinen Opfern gewidmet sein kann. Dass es nicht nur um die geht, die gestorben sind, weil sie im falschen Moment erbärmlichen Menschen voller Hass begegneten. Oder um die Überlebenden, deren psychische Wunden vielleicht nie vernarben werden. Sondern dass sich ein Teil des öffentlichen Interesses auch auf die Täter richtet, jemanden also wie Stephan B., der vermutlich genau das bezweckte, als er gestern in Halle zwei Menschen tötete, und wohl aus Zufall nicht mehr Menschen umbrachte. Obwohl der Täter es verdient hätte, in seiner Zelle bis ans Ende der Zeit vergessen zu werden, müssen wir uns auch mit ihm befassen. Oder besser: mit dem, was ihn trieb.

Kurz bevor der Mörder sich gestern aufmachte, seine widerwärtigen Fantasien in die Tat umzusetzen, wandte er sich in einem Video an eine globale Blase von Neonazis, Rechtsextremisten und Antisemiten und sagte etwas, das so dumm und hasserfüllt wie bedeutend ist. Er leugnete in dem kurzen Video erst den Holocaust, dann sprach er vom Feminismus, der der Grund für niedrige Geburtenraten im Westen sei, was wiederum zu Massenimmigration führte. Und erklärte, dass "der Jude" der Grund für all das sei.

Zu wem genau sprach er da? Das Video zeigt, dass B., der zum Teil auf Englisch spricht, offenbar einerseits einer weltweiten, in Foren organisierten Community von Rechtsextremen imponieren wollte. Leuten, die sich in einem Kampf gegen den Islam und die Juden sehen und deren Helden rassistische Mörder wie Breivik und die Täter von Charlottesville und Christchurch sind. Beunruhigend genug.

Doch da ist noch mehr. B. versuchte in dem Video nicht nur, Neonazis zu gefallen. Es ist das direkte Nebeneinander seines Antisemitismus mit Thesen, die heute auch innerhalb der AfD-Anhängerschaft weit verbreitet sind. Thesen, die in abgeschwächter Form auch manche, die sich konservativ nennen, in Talkshows vortragen. Der Judenhass des Täters, in einen Zusammenhang gebracht mit den Narrativen von Genderwahn und Bevölkerungsaustausch: Doch, das geht.

Auch wenn jeder Rechte bei Verstand sich nun so weit möglich distanziert von dem Täter, so meinte dieser doch offenbar, auch im Sinne jener zu handeln, die daran glauben, dass Angela Merkel und die linken Eliten einen groß angelegten und perfiden Plan verfolgen, die deutsche Bevölkerung auszutauschen. Natürlich kann man als Rechtspopulist behaupten, man habe damit nichts zu tun. Aber der Mörder von Halle benutzt ihre Argumente, er benutzt ihre Worte und ihre Erzählungen.

Nun sind die Neuen Rechten nicht mehr die Neonazis von früher. Sie haben in Deutschland den Durchbruch geschafft, als sie sich konzeptionell vom Nationalsozialismus trennten. Isolierten sich Rechtsradikale früher durch ihre Hitlerei regelmäßig selbst, so lassen sie heute kaum eine Gelegenheit verstreichen, sich von NS und Antisemitismus zu distanzieren. Wenngleich sie hin und wieder mit Ein- oder Zweideutigkeiten dem faschistischen Teil ihrer Wählerinnen und Wähler zuzwinkern, versuchen sie mit wachsendem Erfolg, sich sogar als die wahren Verteidiger der Juden aufzuspielen. Die Figur, die es dafür brauchte, war der pathologisch antisemitische Muslim. Mit ihm ließ sich die Verächtlichmachung des Islam prächtig hinter dem "Nie wieder!" der Bundesrepublik verstecken. Wie stark diese Reinwaschung wirkt, kann man daran erkennen, dass die Behauptung, der wahre Antisemitismus sei inzwischen ein zugewanderter, auch in bürgerlichen Milieus wirkt.

Nein, man kann an diesem Tag nicht verschweigen, dass in Berlin erst vor fünf Tagen ein 23-jähriger Syrer mit einem Messer in der Hand auf die Wachmänner vor einer Synagoge zulief. Der Judenhass aber wirkt längst wieder in allen Teilen der Gesellschaft. Der Versuch, ihn zu ethnisieren und ihn damit weit weg von der weißen deutschen Bevölkerung zu halten, hilft niemandem außer der AfD selbst. Antisemitismus hat keine Hautfarbe und keine Religion, es gibt ihn unter Linken und unter Rechten, unter Arbeitslosen und unter Superreichen. Er ist die Geißel der menschlichen Zivilisation, seit Jahrtausenden.

Doch es hat schon seinen Grund, warum der Zentralrat der Juden immer wieder besonders vor der AfD warnt, vor einem neu aufkeimenden Rassismus, der sich insbesondere gegen Muslime, aber auch gegen Juden richtet. Es ist derselbe Grund, warum auch die sicher nicht linke israelische Regierung jeden Kontakt zu den deutschen Rechtspopulisten verweigert.

Ein Wesenszug des klassischen Antisemitismus liegt in der Bereitschaft, die Juden als eine kollektiv nach einem düsteren Plan handelnde Gruppe zu markieren. Sie als Fremdkörper zu betrachten, der innerhalb einer Gesellschaft seine eigenen Ziele verfolgt, der irgendwann unweigerlich den Niedergang seiner "Wirtsgesellschaft" auslöse. Ein anderer ist die Beschreibung von Juden als wurzellose, wohlhabende Kosmopoliten, denen die Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft fremd seien.

Beide antisemitischen Erzählfiguren kommen zusammen, wenn die AfD und ihre Anhänger von der demografischen Katastrophe sprechen, die der linke Feminismus ausgelöst habe und die nun handstreichartig durch arabische Massenzuwanderung gelöst werde, unterstützt von linken Bildungsbürgern, die nichts von den Normen und Werten des Normalbürgers wüssten. Nicht viel anderes sagte ja auch der Täter von Halle, bevor er den Juden daran die Schuld gab. So unelegant gehen heutige Rechtspopulisten natürlich nicht vor. Sie überlassen es meist den Zuhörerinnen und Zuhörern, ihre Schlüsse zu ziehen. Der Antisemitismus der AfD braucht keine Juden mehr. Er braucht nur noch die antisemitischen Stereotype.

In Halle hat der Judenhass gestern ein neues Fanal gesetzt. Doch es ist nicht nur diese Tat, es sind auch kleinere Zeichen, die einen sorgen müssen. Die wachsende Zahl von Leuten zum Beispiel, die meinen, Deutschland müsse einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit ziehen. Die von einem Drittel der Deutschen geteilte Behauptung, die Juden würden den Holocaust zu ihrem Vorteil nutzen. Die völlig unproportionale Anzahl von Deutschen, die behaupten, ihre Vorfahren seien im Widerstand gewesen. All das sind Zeichen dafür, dass viele Deutsche aufgehört haben, sich aktiv mit dem antisemitischen Erbe zu befassen, das in die Katastrophe des Völkermordes an den Juden führte. Wenn sie es je getan haben. Stattdessen wird ein lächerlicher Begriff wie "Aufarbeitungsweltmeister" zum Symbol dieser versteinernden Erinnerungskultur. Als sei die Bewältigung unserer Vergangenheit längst mit Bestnote abgeschlossen und jetzt etwas zum Angeben wie der Tiguan im Carport.

Was wird von diesem schrecklichen Tag bleiben, in einer Woche, in einem Monat? Im besten Fall könnte ein paar Leuten einfallen, dass der Kampf gegen Antisemitismus mehr ist, als eine KZ-Gedenkstätte besucht zu haben. Dass die AfD längst wieder dabei ist, mit antisemitischen Denkfiguren Zustimmung zu gewinnen, und zwar nicht nur unter Rechtsextremen. Sondern bis ganz weit in das, was man die Mitte nennt.

Der Antisemitismus steckt, wie auch der Rassismus, in vielen. Es geht nicht darum, das zu verschweigen, sondern sich zu fragen, wo sein Gift in uns selbst wirkt. Wo wir still verstehen, wenn vom Einfluss der "israelischen Lobby" die Rede ist. Wie oft wir ganz allgemein bereit sind, Menschengruppen kollektive, schädliche Interessen zu unterstellen, wenn es nur genügend andere Leute sagen.

Aber vielleicht läuft es auch schlecht, und bald wird wieder ein beliebtes Wort seine sedierende Wirkung entfalten. Es lautet: Einzeltäter. Soviel aber ist sicher: Stephan B. ist nicht allein.


Aus: "Anschlag in Halle: Er ist nicht allein" Ein Kommentar von Christian Bangel (10. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-10/anschlag-halle-synagoge-antisemitsmus-rechtspopulismus/komplettansicht

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The_User #6

Vielen Dank für diesen differenzierten Kommentar! Vor allem für die Einleitung mit dem Hinweis, nach so einer Tat eben “leider“ auch einen Blick auf den Täter werfen zu müssen. Und auch die kritische Betrachtung des Begriffs “Einzeltäter“: wie wahr!  ...


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sperrstund #61

"wohl aus Zufall nicht mehr Menschen umbrachte"

Der glückliche "Zufall" hieß Gebäudesicherung, und die wird zum Glück bei fast allen europäischen Synagogen angewendet. Ich möchte gerne in einer Welt leben, wo Synagogen genauso offen wären wie die Kirchen der Christen.


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Schwäbisch-Alemannisch #4

Was mich wundert ist, dass solche Täter nicht von Anfang an von der Presse und von den Politikern als das bezeichnet werden, was sie sind: Psychopathen.

Allein das, permanent auf alle Attentäter angewendet, dürfte dazu führen, dass dies Nachahmer abschreckt.
Die wollen schließlich als „Helden“ berühmt werden und nicht als psychisch kranker Psychopath.


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marzipan_für_alle #4.2

Seh ich nicht so. Denn dann lehnen sich die ganzen geistigen Brandstifter (AfD und andere) zurück und waschen ihre Hände in Unschuld, weil der Mann ja "psychisch krank" war.
Die Rechtspopulisten und Rechtsextremen nähren nach solchen Taten eh schon das Narrativ vom "geistig verwirrten Vollpfosten/Idioten", der mit nix was zu tun hat und natürlich nur ein "verwirrter Einzeltäter" ist.


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Chipio #4.4

Nun, Psychopathie ist eine klinische Diagnose. Weder Presse noch Politiker können diese Diagnose stellen. Zudem wäre das eine Rationalisierung der Tat, die möglicherweise Verantwortung von ihm nähme und auf die Krankheit schöbe.

Aus demselben Grund sollten auch die Täter des historischen Nationalsozialismus nicht pathologisiert werden. Die meisten von ihnen waren rational handelnde, klar denkende Menschen, denen das gesamte menschliche Gefühlsspektrum zugänglich war. Nur dass sie das nicht daran gehindert hat, andere Menschen zu ermorden und sich an der Ermordung zu beteiligen.

Die wollen schließlich als „Helden“ berühmt werden und nicht als psychisch kranker Psychopath.

Was "die" wollen, kann von Menschen mit einem intakten demokratischen Wertesystem kaum nachvollzogen werden. Als "Helden" werden sie in ihren Milieus ohnehin gefeiert; eine herabsetzende Berichterstattung in den "Mainstream-Medien" würde die Milieus wahrscheinlich eher noch stärker radikalisieren, wenn diese überhaupt noch ungefilterten Zugang dazu bekommen.

"Die" öffnen ja nicht ihren Browser und geben in die Browserzeile "zeit.de" ein. Die öffnen ihr Forum oder ihr soziales Netzwerk, lesen, wie sich einer über die Verblendung der Medien echauffiert, klicken auf einen Link zu einer rechten Nachrichtenseite, wo ein einschlägiger Autor irgendwelche Theorien zusammenspinnt, den "Mainstream-Medien" verfälschende Berichterstattung vorwirft und diese These dann mit Links zu eben jenen Medien "belegt".


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Tordenskjold #4.5

Nein, wenn wir solche Attentäter als Psychopathen bezeichnen, dann entlasten wir die geistigen Brandstifter.
Wer Politiker per Kopfschuß regelrecht hinrichtet, wer gezielt Synagogen angreift, der wurde inspiriert, dem wurde ein Feindbild präsentiert.
Wer so einen Täter als Psychopathen bezeichnet, der entlässt jene aus der Verantwortung, die den Hass jahrelang öffentlich gepredigt haben.
Der Psychopath handelt aufgrund einer Psychose.
Der Attentäter hat ein politisches Motiv und für das tragen andere sehr wohl eine Mitverantwortung.
Diese Mitverantwortung gilt es nun zu benennen und die Höckes dürfen sich nicht damit rausreden, dass der Täter „nur“ psychisch krank sei. ...


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Catweazel zwei #4.10

... Inwieweit sich radikalisierte Extremtäter (jeglicher Coleur!) Lediglich schon von einer abwertenden Titulierung in der medialen Berichterstattung abhalten lassen würden, möchte ich sehr bezweifeln!

Vielmehr scheinen mir derartige Personen in ihrem Hass und ihrer Verblendung, nahezu 100% immunisiert bzw. in eigenen Filterblasen unterwegs, als dass sie sich in ihrem Handeln durch Täterkategorisierungen in den (meist eh schon extrem verhassten) bürgerlichen Medien, wvon ihren terroristischen Vorhaben, abhalten ließen.
Anerkennung und meinetwegen "Heldenstatus" im eigenen Milieu scheinen mir trotz der von Ihnen vorgeschlagenen Benennung nicht wirklich gefährdet!
Vielmehr könnte eine derartige Titulierung eventuell sogar noch befeuernd wirken, es "Denen mal zu zeigen"!

Terror ist als Terror zu benennen!
Terror an sich ist keine psychische Krankheit!
Vielmehr entsteht er (meist) aus der Entwicklung einer extrem verengten und verblendeten Wahrnehmung/Weltsicht, die schlimmstenfalls dazu führt, auf dem Hintergrund der eigenen ideologischen Konstrukte, den Tod anderer (andersdenkender) Menschen eiskalt in Kauf zu nehmen bzw. anzustreben.




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Till_Eulenspiegel #1.12

 Fred Meier #1.6: Wir im Westen hatten diesen Judenhass überwunden.

Wir haben diesen Antisemitismus im Westen nicht überwunden. Er ist nur in die Wohnzimmer und Keller zurück gedrängt worden.

Jetzt kommt er da wieder raus. Man muss sich nur die Wahlergebnisse der AfD-Wahlergebnisse und die Vorkommnisse im Landtag von Baden-Württemberg anschauen, um festzustellen, dass dies kein importiertes Ost-Problem ist.

Meiner Erfahrung nach sind vor allem alleinstehende Männer, die vom Leben enttäuscht sind (Partnerschaft, Beruf), anfällig für solche Verschwörungstheorien. Man sieht sich in erster Linie als Opfer des Systems und sucht dann nach konkret Schuldigen, die man in "den Juden" und "den Eliten" gefunden zu haben glaubt.


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ohdochnein #11

Guter Kommentar der mich aber in einem Punkt ratlos lässt. Mir ist schleierhaft wie der Zusammenhang 'niedrige Geburtenrate durch Feminismus'/ ' massenweise Zuwanderung aus arabischen Ländern gleich die 'Juden sind schuld' hergestellt wird. Ja, der Rechtsterrorist von Halle hat diese Kausalität hergestellt, aber selbst bei Spon wird dieser Zusammenhang als wirr bezeichnet. Wie erklären sich Rechtsextreme dies? Das ist doch völlig irre.


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Hanayagi #11.2

Wirklich? Erwarten Sie von einem rechtsextremen Doppelmörder irgendwie kohärente Gedanken? Ihre Frage selbst ist komplett fehlgeleitet.


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PG13 #11.4

Im Endeffekt ein klassisch rassistisches Motiv: es geht um die Dezimierung der weißen/europäischen Bevölkerung durch einerseits niedrige Geburtenrate und deren Ersetzung durch nichteuropäisch/weiße Einwanderer. Und hinter beidem stehen in NS-Tradition als Mastermind die Juden.


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Büro für Handstreiche #11.5

Rechtsextreme Ideologien sind immer wirr und widerspruechlich, um nicht zu sagen idiotisch.
Googeln Sie mal nach Umberto Ecos Urfaschismus, da wird das ganze gedankliche Elend kurz und bündig seziert.


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Ἀντιγόνη #11.6

Grob gesagt ist das ein sehr altes Motiv im Sinne von "die Juden sind an allem schuld, was falsch mit unserer Gesellschaft ist", Logik braucht es dafür keine, wenn nur entsprechende Verschwörungstheorien vorhanden sind. Wird halt alles, was einem nicht passt, in einen Topf geworfen und einem Sündenbock zugeschoben.
Feminismus, Genderwahn, Willkommenskultur sind alles politisch links konnotierte Themen, die aus Sicht dieses Psychopathen und seiner Umgebung - in neurechten Kreisen sind das sehr gängige Ansichten - eben alle entweder direkt " dem Juden" zu verdanken sind oder die wenigstens angeblich von "ihm" genutzt werden, um seinen "Wirt", in diesem Falle wohl Deutschland und allgemein die restliche Welt, parasitär zu untergraben.
Ja, das ist völlig irre, aber wenn man nur tief genug in diesem ganzen Weltbild steckt, dann macht eben vieles auf einmal ganz viel Sinn, das praktischerweise auch das eigene Versagen im Leben erklärt und die Schuld anderen zuschieben lässt.

Ich erwische mich selbst oft dabei, die Gefahr, die von diesen Leuten ausgeht, nicht ganz ernst nehmen zu können, weil diese Theorien einfach so skurril sind (vor einiger Zeit erst mit meinem Freund Witze drüber gemacht, wie dankbar ich ihm doch sein müsste, dass er als Jude für den Feminismus verantwortlich sei). Aber wir müssen in diesen Zeiten wohl einfach die Hirnlosigkeit einiger Menschen als Fakt annehmen und dementsprechend handeln lernen.


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regilot #11.8

"Niedrige Geburtenrate durch Feminismus" erklären sich die rechten Spinner wohl dadurch, dass man als weißer Mann sich seine Frau nicht einfach mehr so "nehmen" darf. Eine Frau hat zu gehorchen - so in etwa. Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand... da hat vor noch nicht allzu langer Zeit sogar die CDU mit gehadert...


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FestFesterLose #11.10

Es sei noch ergänzt, dass das idiotische Narrativ lautet, hinter allen angefeindeten Erscheinungen wie Klimawandelmahnung, Feminismus, Genderforschung, etc. steht grundsätzlich eine herbeifantasierte jüdische Weltverschwörung. Hinter den "Finanzeliten" sowieso, nur der Bolchewismus hat wohl mittlerweile ausgedient.

Insofern erschreckend wenig Weiterentwicklung des Topos seit den Nationalsozialisten. Nur der krude Versuch modernere gesellschaftliche Entwicklungen mit dieser Legende zu vereinen und neue Dinge in den Katalog der den Juden zugeschriebenen Dinge aufzunehmen.

Widerwärtig, aber in solchen geschlossenen Weltbildern bewegen sich die Rechten bishin zu AfD-Funktionären.


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MistaChronos #11.12

Dahinter steckt der Grundgedanke, dass der Zionismus seine Hände in allen großen Vorgängen in der Welt im Spiel hat.
Quasi "Nichts passiert ohne dass es vom Zionismus (=den Juden) nicht genau so geplant ist".
Psychologisch steckt dahinter, einer Situation, der man sich hilflos ausgeliefert sieht, einen ursächlichen Feind (den man "bekämpfen" kann) zu geben.


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ottonis #15

Es gab gestern auf Bild online einen (ausnahmsweise) sehr klugen Kommentar von deren Chefreporter Julian Reichelt mit der Kernaussage, dass unser Rechtsstaat und unsere Gesellschaft viel zu permissiv mit rechtsextremen und antisemitischen Tendenzen und Tätern umgehen und auf diese Weise Anschläge, wie den gestrigen in Halle, indirekt ermutigen.
Da hat er recht!
Der Attentäter hat vielleicht allein gehandelt, aber seine Gesinnung konnte auf einem Boden keimen und Reifen, der gegenüber Rassismus und Antisemitismus immer gleichgültig wird und in dem rechtsextreme "Blasen" recht gut gedeihen können.


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Maurice Fiège #15.1

"Der Attentäter hat vielleicht allein gehandelt, aber seine Gesinnung konnte auf einem Boden keimen und Reifen, der gegenüber Rassismus und Antisemitismus immer gleichgültig wird und in dem rechtsextreme "Blasen" recht gut gedeihen können."

. . . ein Boden, den die Bild-Zeitung mit ihrer Art der "Berichterstattung" seit Jahrzehnten mit nährt. Hat er leider nicht erwähnt . . .


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mirinord #15.3

Jedenfalls passt zur Berichterstattung der Bildzeitung, dass der Täter als "Alternative" zur Synagoge mal eben in einen Dönerladen gegangen ist und dort einen Menschen ermordet hat.


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Du Kati #20

Dass das Gift des Nationalsozialismus, des Rassismus, der Holocaust-Leugnung wirkt, sollte wirklich jeder Redliche zugeben und begriffen haben. ...

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J-J-Rousseau #24

Ja er ist sicherlich nicht allein. Der Hass ist weit verbreitet. Nicht nur gegen die jüdische Religionsgemeinschaft, auch gegen Türken, Frauen, Ausländer, Klassenfeinde, Banker, etc. etc. Der Hass ist überall der gleiche, nur das Objekt des Hasses ist jeweils verschieden. Man muss endlich aufhören, solche Taten und die ZUFÄLLIGEN Ideologien dahinter nur moralisch anzugehen, mit frommen Reden und (scheinheiligem) erhobenen Zeigefinger. Der Hass ist mitten unter uns. ...


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St.Expeditus #56

Der Antisemitismus hat in Deutschland (und Europa) eine jahrhunderte alte Tradition und ist bis in die Mitte der Gesellschaft virulent.
Auch nach der Niederlage Nazideutschlands war dieser Antisemitismus nicht tot, er waberte weiter unter der Oberfläche - im Westen wie im Osten. Mit Pegida, der AfD und „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ kam nicht nur die Fremdenfeindlichkeit an die Oberfläche, sondern auch der Antisemitismus.
Daher sollten wir uns ehrlich machen, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sind keine Randerscheinungen in unserer Gesellschaft, sie reichen weit bis in die Mitte!


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Alles_Für_Alle_Und_Zwar_Umsonst #24.3

"Der Hass ist überall der gleiche, nur das Objekt des Hasses ist jeweils verschieden."

Das ist leider nicht wirklich richtig. Es ist nicht nur "Hass".

Der Antisemitismus ist eine ziemlich perfide Ideologie für sich, die Kapitalismuskritische Elemente, einen eher untypischen rassismus (anstatt abwertung der Gruppe findet praktisch eine Aufwertung zu den Beherrschern der Welt statt) sowie einige andere nicht unbedingt rassismustypische Elmente miteinander vermengt.

Der Kapitalismuskritische Teil ist übrigens sehr wichtig. Er erklärt nämlich, warum es besonders nach Wirtschafts/Finanz/Bankenkrisen zu einem Anstieg im Antisemitischen denken und entsprechenden Verbrechen kommt.(der massive Anstieg von Antisemitismus begann 2008 in der Finanzkrise).

Aber sie haben Recht, wir müssen uns dringend mit unserer Gesellschaftsform auseinandersetzen. Leider findet sich da im moment nur sehr wenig Hoffnung spendendes. Viel mehr hat man den Eindruck, dass die verschiedensten Extremisten gerade unter sich ausfechten, welche form von Diktatur uns das nächste Zeitalter bescheren soll.

Leider würde eine solche Innenschau Selbstkritik auf allen Ebenen erfordern. Und die ist noch spärlicher zu finden als das eintreten für Demokratie.


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regilot #73

Die Mitverantwortlichen zu entlarven (AfD) ist das eine.
Das andere ist doch auch, dass in Sachsen fast ein Drittel und in Brandenburg ein Viertel der Bevölkerung diese Partei wählt.
Und in Brandenburg haben sie sogar einen echten Nazi (Kalbitz) gewählt.
Da fragt man sich doch, was in den Köpfen der Leute vor ich geht!?
Soll es am Ende wieder heißen "sie wurden verführt"? Verführt von was?



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[Neumann spricht von einem Baukastenprinzip... ]
« Reply #84 on: October 11, 2019, 01:45:50 PM »
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[...] Auf den rechtsextremen Anschlag auf eine Synagoge und einen Dönerimbiss in Halle haben auch Politiker der AfD.

Björn Höcke, Spitzenkandidat der AfD in Thüringen, schrieb bei Twitter: „Mit großer Bestürzung habe ich von dem Terroranschlag in Halle erfahren. Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer dieses völlig wahnhaften Verbrechens. Was sind das nur für Menschen, die anderen Menschen so etwas antun?!“

Fast 1000 Mal wurde der Tweet kommentiert - in den Kommentaren findet sich fast ausschließlich Kritik. Die Nutzer werfen Björn Höcke immer wieder Scheinheiligkeit vor.

Auf Höckes Frage „Was sind das nur für Menschen, die anderen Menschen so etwas antun?!“ haben die meisten Nutzer eine eindeutige Antwort:

    „Es waren deine Gesinnungsgenossen, und die deiner Partei“
    „Das kann ich dir sagen, Bernd. Es sind die Menschen, die der Ideologie eurer AfD einen "Dienst erweisen" wollen, denen eure verbale Hetze Ansporn und Aufruf ist, Worte in Taten umzusetzen.“
    „Ich kann mir gut vorstellen, das Sie diese Worte mit einem diabolischen Lächeln geschrieben haben. Sie sind ein Heuchler ersten Grades.“
    „Ich denke, das kann man schon jetzt sagen: Leute wie du! Rassisten, Nazis, Menschenverachter...“

Björn Höcke ist Mitinitiator des rechtsextremen „Flügels“. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet in Aussagen von Höcke antisemitische, rassistische und rechtsextremistische Positionen. Der AfD-Mann nutzt in seiner Sprache immer wieder Begriffe des Nationalsozialismus.

...


Aus: "Björn Höcke (AfD) äußert sich zu Halle-Anschlag - und erntet Shitstorm - Björn Höcke (AfD) äußert sich zu Anschlag von Halle – und wird scharf attackiert" (11.10.2019)
Quelle: https://www.derwesten.de/politik/bjoern-hoecke-afd-aeussert-sich-zu-anschlag-von-halle-an-der-saale-und-wird-scharf-attackiert-id227325733.html

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[...] Selten wurde eine Beileidsbekundung mit so viel Verachtung kommentiert. Dabei wollte Björn Höcke doch einfach nur ein Bild auf Twitter posten. "Halle: Was sind das nur für Menschen, die anderen Menschen so was antun?", steht in weißer Schrift auf dem Bild, daneben das Konterfei des ultrarechten Thüringer AfD-Mannes, betroffen dreinschauend.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. "Das sind Nazis, Deine Fans, du scheinheiliger Fatzke", kommentiert ein User. Ein anderer nimmt sich das Bild und malt einen roten Kreis mit vielen Pfeilen um Höckes Kopf, als wolle er sagen: Wir wissen ganz genau, wer so etwas tut.

Unter den Tweets von AfD-Größen wie Alice Weidel, Beatrix von Storch oder Jörg Meuthen ergibt sich ein ganz ähnliches Bild. "Ach lassen Sie es einfach", schreibt ein User unter den Beileid-Tweet von Storchs. "Keiner hat Bock auf sie." Mit unflätigen Beleidigungen sparen die User ohnehin nicht. "Idiot", "Faschist, "Heuchler" gehören noch zu den netteren Dingen, die sich die drei Politiker anhören müssen.

Die Reaktionen auf die AfD-Statements mögen unfair sein, eine ungehörige politische Instrumentalisierung eines schrecklichen Anschlags, wie Parteichef Alexander Gauland in einer Pressemitteilung kritisiert. Sie zeigen aber auch das Glaubwürdigkeitsproblem der AfD.

Denn dass eine Partei, deren Führungsmitglieder eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" fordern (Höcke), den deutschen "Schuldkult" für beendet erklären (Jens Maier), stolz sind "auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen" (Gauland), sich mit rechter Hand am Herzen vor der "Wolfsschanze" Adolf Hitlers fotografieren lassen (Siegbert Droese), im Deutschen Bundestag gegen "Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner" hetzen (Weidel), die rechtsextreme Verschwörungstheorie vom "Bevölkerungaustausch" als Fakt verkaufen (nochmal Gauland) und die bei einer Neonazi-Demo in Chemnitz mitmarschieren (fast alle) - dass diese Partei jetzt geschockt und bestürzt sein soll von einem rechtsextremen Terroranschlag, wirkt wenig glaubhaft.

Wundern darf sich die Partei darüber nicht. Seit ihrer Gründung im Jahr 2013 wird in der einst bräsigen "Professorenpartei" der völkisch-nationalistische Flügel immer stärker. Die Forderungen der Partei jetzt, die Tat nicht politisch zu instrumentalisieren, verhallen da ungehört.

Das liegt auch daran, dass die AfD in Sachen Instrumentalisierung selbst zu den Profis gehört. "Seehofer muss die Bürger endlich schützen!", twitterte Weidel etwa am Dienstag, nur einen Tag vor Halle, nachdem ein Syrer in Limburg mit einem gestohlenen Lkw in eine Kreuzung gerast war.

Die AfD-Fraktionschefin ist da längst kein Einzelfall. Den Amoklauf in München aus dem Juli 2016 dichteten AfD-Größen wie André Poggenburg fälschlicherweise zum islamistischen Terroranschlag um. "AfD wählen!", twitterte Partei-Pressesprecher Christian Lüth damals, mit einem Link zu einem Artikel zur Lage im Olympia-Einkaufszentrum. Den Tweet löschte er nach einer Welle der Empörung wieder.

Mit den Trauerbekundungen der AfD-Spitze können auch viele offensichtlich AfD-nahe User nichts anfangen. Sie weisen die Schuld lieber von sich. "Liebe Politiker, das ist die Saat, die ihr gesät habt", schreibt einer unter den Post von Björn Höcke. "Wo soll das enden, wenn man sich als Bürger nicht in die U-Bahn traut?" Ein Narrativ, wie es oft zu finden ist an diesem Tag: Bei den ganzen Flüchtlingen dürfe man sich ja nicht wundern, wenn sich mal ein Deutscher "wehrt". Auch wenn es in diesem Beispiel eine Synagoge treffen sollte. Unter Rechtsextremen und AfD-Fans auf Twitter kursieren zudem Verschwörungstheorien, der Angriff sei nur ein elaboriertes Schauspiel gewesen, eine sogenannte "False Flag"-Operation, und Vermutungen, der Täter sei doch kein Deutscher gewesen.

Ihre eigenen Fans hat die Führungsriege eben kaum im Griff. Das gilt selbst für Bundestagsabgeordnete. "Auf Usedom töteten zwei Antifa-Anhänger ein schwangeres Mädchen, weil sie keinen 'Nazi' fanden", schrieb etwa der AfD-Abgeordnete Thomas Seitz. "In Halle tötete ein echter Nazi zwei Zufallsopfer, weil er nicht in die Synagoge kam. Haben demokratische Parteien eine Mitschuld an diesen Verbrechen?" Dass die Mörder von Usedom auf der Suche nach 'Nazis' zum Töten waren, dafür gibt es keinen Beleg. Seitz stört das nicht. Die Anteilnahme am schrecklichen Terrorangriff von Halle - sie scheint plötzlich wieder weit weg.



Aus: "Die Reaktion auf den Halle-Anschlag zeigt das Glaubwürdigkeits-Problem der AfD" (10.10.2019)
Quelle: https://www.focus.de/politik/deutschland/kommentar-die-reaktion-auf-den-halle-anschlag-zeigt-das-glaubwuerdigkeits-problem-der-afd_id_11224978.html

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[...] Judenfeindlichkeit, Ablehnung von Migranten, Front gegen Feminismus: Stephan B. hat vieles gemein mit Rechtsextremisten, wie sie in Deutschland bekannt sind. Zugleich greift er manche ihrer Kernmotive gar nicht auf. Ausländer kommen bei ihm nur am Rande vor. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), eine Lieblingsgegnerin vieler Unzufriedener im Lande, erwähnt er im Video und dem bislang bekannten Manifest kein einziges Mal. Stephan B., der selbst erklärte "Loser" (Versager), ist eine neue Art Rechtsterrorist in Deutschland: seltsam selbstironisch, flapsig menschenverachtend – und offenbar weltweit gut vernetzt mit Gleichgesinnten.

Dass von rechts Gefahr droht, ist den deutschen Sicherheitsbehörden bewusst – nicht zuletzt der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke in diesem Sommer hat das deutlich gemacht. Mehrere hundert neue Stellen sollen bei Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz für die Bekämpfung des Rechtsextremismus geschaffen, ein neues Risikobewertungssystem ähnlich wie beim Islamismus soll eingeführt werden. Rund 40 Menschen im rechten Spektrum stufen die Behörden als Gefährder ein, trauen ihnen also schwerste Straftaten bis hin zum Anschlag zu. Insgesamt 12 700 Rechtsextremisten hält der Verfassungsschutz für gewaltorientiert.

Doch nicht immer funktioniert das Frühwarnsystem. Der mutmaßliche Mörder Lübckes war vom Radar der Behörden verschwunden. Und längst tummeln sich auf Gaming-Plattformen im Internet nicht mehr nur passionierte Videospieler, die sich über PC- und Konsolen-Spiele austauschen wollen, sondern auch Rechtsextremisten, Islamisten, Holocaust-Leugner und Verschwörungstheoretiker, die sich hier vernetzen. Da der Austausch oft ohne Moderation erfolgt, bieten sich einige dieser Foren für Kommunikation unterhalb des Radars der Behörden an.

Neben dem Zugang zu verschlüsselten Messenger-Diensten wie Telegram oder Signal hat das Bundesinnenministerium bei seinen umstrittenen Überlegungen für eine Reform des Verfassungsschutzrechts auch diese Foren im Blick. Der Entwurf für die Gesetzesnovelle ist aktuell noch Gegenstand von Diskussionen zwischen dem Innenressort und dem Justizministerium, das eine Ausweitung der Befugnisse mit einem Mehr an parlamentarischer Kontrolle verbinden will. Die bislang bekannt gewordenen Entwürfe stehen aber sehr in der Kritik, da sie nach Ansicht vieler Bürgerrechtler weit über das Ziel hinausschießen und elementare Freiheitsrechte einschränken.

Auch der mutmaßliche Täter von Halle scheint sichtbar fasziniert von Videospielen. Für den Live-Stream seiner Tat suchte er sich die Web-Plattform Twitch aus, die zu Amazon gehört. Hier streamen vor allem Gamer ihre Computerspiele. Mick Prinz, der sich bei der Amadeu-Antonio-Stiftung mit rechter Propaganda auf Gaming-Plattformen beschäftigt, sieht im Manifest von B. viele Parallelen zu Videospielen: Er setze sich dort Ziele ("Achievements") und beschreibe seine Mission. Dass er am Ende zwei Menschen tötet statt wie beabsichtigt Dutzende, steht dem nicht entgegen. "Auch für erste Schritte gibt es in einigen Videospielen "Achievements" - beispielsweise für das Kreieren eines eigenen Gaming-Charakters", sagt Prinz. "Stephan B. greift diese Thematik auf. Schon das Hochladen seines Dokuments wertet er als Erfolg. In anderen Achievements formuliert er konkrete Gewaltakte und Tötungsfantasien." Damit schafft er auch Vergleichbarkeit für mögliche Nachahmer.

Auch die Selbstbeschimpfungen B.s, die zur Schau gestellte Improvisation, passen in dieses Bild. Seine selbstgebauten Waffen, teilweise offensichtlich mit Bauteilen aus dem 3D-Drucker, beschreibt er als "billig", die Ausrüstung als "unzuverlässig", und wie es im Gebäude aussieht, das er angreifen will, weiß er auch nicht. "Was könnte schon schief gehen?", fragte der mutmaßliche Attentäter von Halle sarkastisch in seinem online veröffentlichten Ablaufplan.

Das sei ein gängiges Motiv in antifeministischen Internet-Strömungen, sagt Terrorismusforscher Peter Neumann vom Londoner King's College. Männer bezeichneten sich dort als Loser, weil sie keine Frau abbekommen haben. "Es gibt sogar Hitlisten mit berühmten Losern dort", sagt Neumann. "Je bescheidener und ironischer man in seinem eigenen Manifest ist, desto mehr wird man dort gefeiert. Das ist sein Publikum." Ob er in solchen Gruppen aktiv war, ist derzeit aber noch nicht klar.

"Sein Publikum für diesen Anschlag waren nicht irgendwelche Neonazis in Thüringen, sondern ein internationales Publikum", sagt Neumann. "Ich glaube, für jemanden wie ihn sind Anders Breivik oder die Attentäter von Christchurch und El Paso viel wichtigere Inspirationsquellen als die Neonazi-Kameradschaft um die Ecke." Was nicht heißen muss, dass es hier keinerlei Berührungspunkte gibt - am Tag nach der Tat war vieles über Stephan B. noch unbekannt.

Stephan B.s Weltbild scheint eine Art Extremismus von der Stange zu sein. Neumann spricht von einem "Baukastenprinzip", das rechte Online-Kulturen lieferten. "Da gibt es alle möglichen Feindbilder - Juden, Frauen, Mexikaner in den USA, und alles ist innerhalb dieser Kultur ein legitimes Ziel."

Die Extremismus-Forscherin Julia Ebner von der Londoner Denkfabrik Institute for Strategic Dialogue spricht von "inspirativem Terrorismus in losen Online-Netzwerken". In ihrem gerade veröffentlichten Buch "Radikalisierungsmaschinen: Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren" beleuchtet sie radikale Online-Netzwerke unterschiedlicher Couleur. B. hält sie am Tag nach der Tat für einen Einzeltäter, der sich aber online hat inspirieren lassen. "Das folgt einem Muster, das wir in der Vergangenheit auch bei IS-Einzeltätern beobachten konnten: Den Copycat-Terrorismus, der im Dschihadismus Anschlagswellen bewirkt hat, könnte es jetzt auch zunehmend auf rechtsextremer Seite geben." (jk)


Aus: "Rechtsextremistisches Attentat in Halle: Mord als Videospiel mit internationalem Publikum" Martina Herzog, dpa  (11.10.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Rechtsextremistisches-Attentat-in-Halle-Mord-als-Videospiel-mit-internationalem-Publikum-4551999.html

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[...] Der Attentäter von Halle hat die Tat gestanden und auch ein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv bestätigt. Der 27 Jahre alte Stephan B. habe in dem mehrstündigen Termin beim Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs am Donnerstagabend umfangreich ausgesagt, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur in Karlsruhe am Freitag.

Stephan B. sitzt derzeit in Untersuchungshaft. Der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof erließ am Donnerstagabend Haftbefehl gegen ihn. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm zweifachen Mord und versuchten Mord in mehreren Fällen vor. Nach Einschätzung der Ermittler wollte der Attentäter ein Massaker anrichten und Nachahmer zu ähnlichen rechtsextremistischen und antisemitischen Taten anstiften. Es bleiben jedoch viele Fragen.

Im Fokus steht dabei, „ob Personen in die Vorbereitung oder Durchführung des Anschlags eingebunden waren oder im Vorfeld Kenntnis hiervon hatten“, wie die Bundesanwaltschaft am Donnerstagabend erklärte. Bisher fehlten „zureichende tatsächliche Anhaltspunkte“ dafür, dass der Beschuldigte an eine rechtsterroristische Vereinigung angebunden gewesen sei oder ein sonstiger Zusammenhang mit einer solchen Vereinigung bestehe. Die Ermittlungsbehörden sprechen bislang von einem Einzeltäter. Am Donnerstagabend erklärte das Bundeskriminalamt, dass es die Ermittlungen übernommen habe.

Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion, Jan Korte, kritisierte den Begriff „Einzeltäter“. Damit werde seit Jahrzehnten versucht, die Öffentlichkeit nach rechten Anschlägen zu beruhigen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Opferberatungen machten schon lange „auf die rechten Netzwerke und den braunen Sumpf aufmerksam, aus dem all die Täter kamen“. Rechte Gewalt sei nicht zu trennen von rechter Ideologie und deren gesellschaftlicher Verbreitung. „Wie viele Einzeltäter sollen denn noch ihr Unwesen treiben, bevor endlich die Einzeltäterthese beerdigt wird?“, fragte Korte.

Stephan B. war am Mittwoch festgenommen worden, nachdem vor der Synagoge eine 40 Jahre alte Frau aus Halle und in einem nahe gelegenen Döner-Imbiss ein 20 Jahre alter Mann aus Merseburg erschossen worden waren. Zuvor hatte der Täter vergeblich versucht, die Synagoge mit Waffengewalt zu stürmen. 51 Menschen hielten sich zu dem Zeitpunkt in dem Gotteshaus auf und feierten das wichtigste jüdische Fest, Jom Kippur. Auf der Flucht verletzte der Täter zudem eine 40 Jahre alte Frau und deren 41 Jahre alten Mann mit Schüssen. Das Paar wird im Krankenhaus behandelt.

Ein Bekennervideo in sozialen Netzwerken zeigt den Ablauf der Tat aus der Perspektive des Attentäters – von der vergeblichen Erstürmung der Synagoge über die tödlichen Schüsse bis zur Flucht. Das Video diente den Ermittlern auch zur Rekonstruktion des Ablaufs der Tat. Zudem legte der Täter in einem elf Seiten langen „Manifest“ seine Gedanken dar. Der Text liest sich stellenweise wie die Anleitung zu einem Computerspiel, in dem Dokument wimmelt es vor antisemitischen Begriffen.

Bei dem Angriff führte der Täter nach Angaben von Generalbundesanwalt Peter Frank vier Schusswaffen mit sich. Es sei zumindest eine vollautomatische Schusswaffe dabei gewesen, zudem habe er auf der Fahrt zur Synagoge mehrere Sprengsätze im Auto gehabt. In Speziallaboren werde nun untersucht, um was für Chemikalien es sich handele, hieß es aus Sicherheitskreisen. Geklärt werden soll auch, ob der Sprengstoff selbst zusammengerührt wurde und woher etwaige Kenntnisse dafür stammen. Laut einem „Spiegel“-Bericht soll Stephan B. in seinem Zimmer mehrere Zettel mit der Aufschrift „Niete“ – wohl um die Beamten zu verhöhnen, die sein Zimmer nach Sprengfallen durchsuchten.

Unklar ist bislang auch, woher die Einzelteile stammen, aus denen der mutmaßliche Täter die Waffen zusammenbaute. Nach einem Bericht des ZDF-Magazins „Frontal 21“ soll er bei seiner Tat auch Waffen bei sich getragen haben, die teilweise mit 3D-Druckern hergestellt worden waren. Dafür gab es zunächst keine Bestätigung.

Der mutmaßliche Attentäter war nach Angaben der Sicherheitsbehörden zuvor nicht mit anderen kriminellen Handlungen aufgefallen. Obwohl bekannt sei, dass es in Deutschland rund 24.000 Rechtsextremisten gebe und etwa die Hälfte davon gewaltbereit sei, habe ihn offenbar kein Sicherheitsorgan „im Rahmen des normalen Systems“ auf dem Schirm gehabt, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“. Um ähnliche Fälle künftig ausschließen zu können, brauche es neue Techniken, mehr internationale Zusammenarbeit und eine Überprüfung des eigenen Rechtsrahmens „im Sinne von Effektivität“. Bürgerrechte dürften dafür aber nicht infrage gestellt werden.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sprach von einer „neuen Qualität des Rechtsextremismus“. Die weltweite Bestürzung über die Tat ist groß. An diesem Freitag sind in Halle weitere Gedenkveranstaltungen geplant.

„Ich empfinde ohnmächtige Wut“, schrieb der empörte Publizist und Historiker Rafael Seligmann in einem Gastbeitrag für die „Rheinische Post“ (Freitag): Seit Jahrzehnten sei er Zeuge von antijüdischen Anschlägen in Deutschland. „Danach erscheinen Politiker auf der Bildfläche. Sie sprechen von Trauer und versichern, wie wichtig ihnen das Wiederentstehen jüdischer Gemeinden in Deutschland ist. Und es geschieht nichts oder zumindest zu wenig.“

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) versprach in Halle, die Bundesregierung werde alles tun, damit „die Juden in unserem Land ohne Bedrohung, ohne Angst leben können“. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) brachte im Telefonat mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ihre tiefe Betroffenheit über den antisemitischen Anschlag zum Ausdruck, wie eine Regierungssprecherin mitteilte. Merkel habe deutlich gemacht, dass Deutschland fest zu seiner historischen Verantwortung stehe, jüdisches Leben zu schützen. Die Bundesregierung werde den Kampf gegen den Antisemitismus entschlossen fortsetzen.


Aus: "Anschlag in Halle : Attentäter gesteht Tat und rechtsextremistisches Motiv" alri./dpa (11.10.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/halle-attentaeter-gesteht-tat-und-rechtsextremistisches-motiv-16428059.html
« Last Edit: October 11, 2019, 01:56:52 PM by Link »