[Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre #19… ]

foto: joanna pianka

Roman Gerold (23. August 2018): “ … Falls Sie kommende Woche Menschen erblicken, die aus einer riesigen weiblichen Brust trinken, die hinten aus einem Lkw herausragt – dann steckt dahinter der Künstler Milan Mijalkovic. … Zu jenen Phänomenen, die es in einer besseren Welt wohl nicht gäbe, zählt der „Arbeiterstrich“. Tagtäglich bieten dort Männer, vor allem aus Osteuropa, Dienste als Schwarzarbeiter an. Privatpersonen holen die Pfuscher ab und verbringen sie zu Baustellen in der Umgebung. Wiewohl die Männer nicht selten ausgebildet sind – sei es als Maurer oder als Elektriker -, müssen sie mangels Arbeitserlaubnis unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten. In Wien ist zum Beispiel die Triester Straße ein Hotspot solcher Schattenwirtschaft. Ebendort, unweit eines großen Baumarkts, könnte man in der kommenden Woche Zeuge einer seltsamen Begebenheit werden. Einer jener Lkws, die den Männern wohlbekannt sind, fährt vor, öffnet die Ladeluke – und zum Vorschein kommt eine riesige weibliche Brust. Keine Milch verspritzt diese allerdings, sondern Wasser, an dem sich die Arbeiter laben können. … Ja, ganz profan könnte man diese Intervention des Künstlers Milan Mijalkovic einen mobilen Brunnen nennen. Eigentlich heißt die Aktion, die außerdem an der Brünner Straße und der Herbststraße stattfindet, jedoch Die Wiener Maria. Sie fügt sich in eine ganze Reihe von sozial engagierten Kunstprojekten ein, die Mijalkovic verwirklicht hat, seit er im Jahr 2000 aus Mazedonien nach Wien kam. Gemeinsam sind diesen Interventionen der Fokus auf gesellschaftliche Schieflagen und der Hang zu einer fast überrumpelnden Direktheit. 2013 ironisierte Mijalkovic den Begriff „Verantwortung“, indem er in einem Happening die Verantwortung für diverse Naturkatastrophen der letzten Jahrtausende versteigerte. Später hielt er eine „Rede zur Demokratie“, die ausschließlich aus kalmierenden Pscht-Lauten bestand. Beruhigen und zugleich ruhig halten: Auf eine ähnliche Doppeldeutigkeit möchte Mijalkovic auch mit der Wiener Maria hinaus. Als „Brust des Kapitalismus“ sieht er das Objekt, eine Brust, die zugleich nähre und abhängig mache. … “ | https://derstandard.at/2000085852159/Weibliche-Brust-als-Wasserspender-fuer-den-Wiener-Arbeiterstrich

Mag. Bitterer, Ernst (Penthousebewohner, August 2018) “ … Das wird den Frauen der Arbeiter zuhause gefallen, wenn die im Ausland an fremden Brüsten nuckeln … Ob das nicht mehr Eigenwerbung für den „Künstler“ ist, als auf ein Problem hinzuweisen? Und wie „ausbeuterisch“ sind denn die Auftraggeber wirklich? Die zahlen doch sicher mehr als die Konzerne in Osteuropa – wer ist da der Ausbeuter? Die Arbeiter kommen meines Wissens auch aus freien Stücken nach Wien. Durch die Arbeitskraftverknappung im Osten steigt dort das Lohnniveau – alles nicht so einfach. …“
sistiana (August 2018): “ … Eklig und unnötig …“
Crom (August 2018): “ .. Genau wegen solcher verbitterten Leute sage ich: Coole Aktion :) …“
QueenBandBabyDuck (August 2018): “ … Igitt, Brüste! ;) …“
zeon (August 2018): „Bin ich der einzige, der nicht wusste, dass sowas wie ein Arbeiterstrich existiert? …“
Miesepete (August 2018): “ … Vermutlich. Sind Sie von der SPÖ Wien? …“
Markus D. Hartbauer (August 2018): „Was macht der Künstler eigentlich beruflich?“
Mafi (August 2018): „Kunst?“
yieldmush (August 2018): “ … [Du darfst] diesen Vergleich von Woody Alan ansehen: https://youtu.be/mr7ZWJJdPV8 …“
Der Waehlerwille (August 2018): “ … Wirklich mutig wär ja ein Penis gewesen .. der Milch gibt. …“
Der unbestechliche Akupunkteur (August 2018): “ … Eher Joghurt… “
Elektronik (August 2018): “ … Hatte ich heute Nacht schon. Danke, …“
Thorin (August 2018): “ … Ja, das hätte mir besser gefallen. Zumal den Kapitalismus weitgehend die Männer repräsentieren, nicht die Frauen. Aber gestandene Arbeiter, die an einem Penis nuckeln. Schwer vorstellbar. Das hält das männliche Ego nicht aus. …“

(Wien, 30. Juli 2018) „Kann alles Arbeit“ ist ein Satz, der in der illegalen Subkultur der Wiener Baubranche typischerweise die Verhandlungen eröffnet und dabei ein Dilemma ausdrückt. Wer seine Chancen auf Arbeit und damit Lohn nicht verwirken will, muss sich verkaufen können – und zwar unter Wert. Acht Euro ist der Stundenlohn, den sich die Männer aus Bulgarien, Rumänien, Polen, Ungarn, der Ukraine und dem Kosovo, viele von ihnen Meister ihres Fachs, erhoffen, wenn sie an der Triester Straße täglich zu Dutzenden darauf warten, abgeholt und zu einer Baustelle im Umland gefahren zu werden. …
https://milanmijalkovic.com/ | https://milanmijalkovic.com/Die-Wiener-Maria

lemonhorse / 23 August 2018 / Daten.PolitixMicro, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments

[Ordnung, Herrschaft und Interessen #13… ]

Wealth Inequality in America – Infographics on the distribution of wealth in America, highlighting both the inequality and the difference between our perception of inequality and the actual numbers.

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Kontext I

Malte Buhse „Die Krise der 99 Prozent“ (01.03.2013) – Die Einkommen sind in den USA weit ungleicher verteilt als vor der Krise, zeigen neue Daten. …| http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-03/usa-einkommen-finanzkrise-soziale-gerechtigkeit

martinius, 01.03.2013 um 11:26 Uhr
… Der Verfasser des Artikels bestätigt, dass die Analyse nicht von den Linken verfasst worden ist. … Gott sei Dank kann das in diesem Lande nicht passieren. Hier bestimmt die FDP und Rösler mit Hilfe anderer Politiker, was wie gedeutet wird. | http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-03/usa-einkommen-finanzkrise-soziale-gerechtigkeit?commentstart=17#cid-2639650

geschafft, 01.03.2013 um 11:35 Uhr
Verdoppelung des Privatvermögens in den letzten Jahren „Ein schwarz-gelbes Bubenstück war daher im Herbst 2012 die Verstümmelung des neuen Armuts- und Reichtumsberichts, dessen Entwurf seit September den Bundesministerien vorlag. So wurde dort zum Beispiel die Verdoppelung des Privatvermögens in den letzten Jahren von 4,5 auf 9 Billionen Euro nicht nur beim Namen genannt, sondern auch enthüllt, dass der Löwenanteil daran zu den obersten fünf bis zehn Prozent der Sozialhierarchie gewandert war. Dieser und weitere brisante Punkte fielen aber dem Kürzungseifer des internen Kartells zum Opfer … “
http://www.zeit.de/2013/07/Essay-Bundesregierung-Armuts-und-Reichtumsbericht/komplettansicht … | http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-03/usa-einkommen-finanzkrise-soziale-gerechtigkeit?commentstart=25#cid-2639683

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Kontext II

Alexander Cammann, „Und er triumphiert doch!“ (28.02.2013)“ … Seit der Erfindung der Dampfmaschine hat der Kapitalismus die »größte Wohlstandsvermehrung der Weltgeschichte ausgelöst«, wie der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe feststellte. 1960 lebten noch drei Milliarden Menschen auf der Welt, heute ernährt sie sieben Milliarden; betrug die durchschnittliche Lebenserwartung auf dem Planeten um 1950 noch 47 Jahre, stieg sie bis heute auf 68 Jahre. Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts setzte das kapitalistische System dann eine weitere technologische Revolution in Szene und mutierte zum »digitalen Kapitalismus«. Dieser hat ja nicht nur in kurzer Zeit für uns edle Weine und Schokoladen, veganes Essen, postmaterielle Daseinsformen und raschen Wissenszugang möglich gemacht. Weltweit enorm ausgeweitet haben sich durch ihn Lebenschancen und Teilhabe für seit Jahrtausenden Entrechtete, für Frauen, Farbige, Homosexuelle und Behinderte; selbst die »Idiotie des Landlebens« (Marx) verschwindet. … Das Monster Finanzkapitalismus ist ein ständig randalierendes, aber immer wieder zähmbares Nutztier. Es verhalf der digitalen Revolution zum Durchbruch – iPhone und Investmentbanking sind insofern zwei Seiten einer Medaille. Erst durch die Möglichkeit, kurzfristig immense Investitionen zu bewegen, waren die gigantischen technologischen Schübe möglich. … Doch so, wie die verelendeten Proletarier aus Manchester der Not entkamen, können auch diese Übel durch Interessenkämpfe und Innovation im wandlungsfähigen Kapitalismus allmählich verschwinden. … Der Erfolg des Kapitalismus beruht bekanntlich nicht nur, aber eben auch auf dem Egoismus zum Nachteil anderer. Das abstoßende Antlitz des Systems, das zuletzt Rainald Goetz in seinem Roman Johann Holtrop präzise gezeichnet hat, wird auch künftig den antikapitalistischen Affekt befeuern –, so lange, bis vielleicht jene Gesetzmäßigkeit von Marx eintrifft, wonach die Produktivkräfte von den herrschenden Produktionsverhältnissen derart gehemmt werden, dass die Menschen diese Verhältnisse umstürzen und neue schaffen. Das dürfte noch eine Weile dauern. … “ | http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus/

Zooey, 02.03.2013 um 18:50 Uhr:
drittletzte Zeile: „gesellschaftliche Verwerfungen“, „soziale Folgekosten“, sozusagen en passant. Prima, wie sich Cammann ins Eliteheer der Kriegsgewinnler einfühlt – ein bißchen Schwund ist halt immer. … | http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus/seite-2?commentstart=1#cid-2642582

astronautd, 02.03.2013 um 23:28 Uhr
Freude, schöner Götterfunken. In diesem Artikel feiert sich der privilegierte weiße Mann wiedermal selbst. … Angesichts der Borniertheit, die dieser Artikel offenbart, hätte der Verfasser ebenso gut über seinen Lieblingfußballverein schreiben können. Das hätte dann vielleicht nicht so weh getan. | http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus?commentstart=49#cid-2643083

V.Uljanov, 03.03.2013 um 5:02 Uhr
… Der Autor verkuendet hier schlicht seinen Glauben und nichts anderes. … | http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus?commentstart=57#cid-2643323

alliance1979, 03.03.2013 um 0:47 Uhr
Sehr geehrter Herr Cammann
… Kapitalismus ist bei ihnen ein nicht näher definierter Sammelbegriff, der alles gute in der Welt erklären soll, das das weniger guter doch unter dem Strich rechtfertigt.
Auch halte ich teile des Artikels für äußerst zynisch. Als beispiel: „heute ernährt sie sieben Milliarden“.
Mir wäre es neu wenn wir es auf diesem Planeten schaffen alle Menschen zu ernähren. Theoretisch wäre dies zwar ohne weiteres möglich, doch ist es nun einmal so, das wir mit Agrar Subventionen (die so gar nichts kapitalistisches haben), die Märkte kleinerer Länder zerstören. Dabei schmeißen wir 50% der Lebensmittel die wir produzieren in den Müll oder verbrennen ihn um Strom zu erzeugen. Kapitalismus sei dank, denn es rechnet sich einfach Menschen verhungern zu lassen. … | http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus?commentstart=49#cid-2643178

Paxvo, 03.03.2013 um 2:08 Uhr
Weltmarktpreise – Was ich von Menschen wie Ihnen gerne mal erklärt bekommen hätte:
Also, mit unseren Agrarsubventionen zerstören wir die Märkte kleinerer Länder (Anm: mal davon abgesehen, dass Holland auch ein ziemlich kleines Land ist). Zerstören heißt ja wohl, dass die Weltmarktpreise durch unsere subventionierte Massenproduktion sinken und ärmere Länder mit veralteten Methoden nicht mithalten können? Soweit so gut; davon hatte ich mich irgendwann überzeugen lassen. Also: niedrige Preise = böse, weil sich so die Landwirtschaft in der 3. Welt nicht lohnt. Dann war ich überrascht, zu hören, dass Rohstoffspekulation die Preise hochtreiben soll, was natürlich: wieder böse ist. Also, ich blick´ nicht mehr durch! | http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus?commentstart=57#cid-2643262

alliance1979, 03.03.2013 um 2:43 Uhr
… Ich werde es versuchen. Auch wenn das kein geeigneter Ort ist. Die USA und die EU subventionieren ihre eigene Agrar Industrie. Diese arbeit dank High Tech dazu hoch effizient. Jetzt produzieren wir zu viel für einem sehr günstigen Preis. Wir sind also kein guter Markt für die meisten Agrar Produkte aus dem nicht EU Außland. Hinzu kommt das wir unsere günstigen Erzeugnise exportieren. Das zu Schleuderpreisen. In Länder die ihre Landwirtschaft nicht im selben Ausmaß subventionieren können und die nicht unseren technologischen Stand haben. Wir bieten also keine Märkte und drängen in andere Märkte hinein. So zerstören wir dort die Preise und bringen Kleinbauern so an den Rand des Ruins. Das haben sie im Grunde schon beschrieben.
Diese Entwicklung lief über Jahrzehnte. Die Preise von Lebensmitteln steigen aber erst seit relativ kurzer Zeit. Viele Kleinbauern sind bis zu dieser Entwicklung der steigenden preise schon in Städte übergesiedelt oder haben nicht mehr das Kapital um ihre Äcker zu bestellen. (Saatgut/Werkzeug)
So unglaublich es klingen mag. Zu niedrige Preise sorgten über Jahrzehnte für viel Armut und Hunger, weil die meisten Menschen Weltweit nun einmal Bauern sind. Die steigenden Preise sorgen auch für Hunger, weil sich die völlig verarmte Bevölkerung in den Städten die Lebensmittel zu teuer sind. Die eigene Produktion liegt am Boden. Das ist aber nur ein Aspekt.
Man kann z.B. nur schwer die Gründe für Hunger in Afrika oder etwas Asien pauschalisieren. Speziell in Afrika gibt es da natürlich z.B. häufig viel Korruption oder z.B. Bürgerkriege. Oder langfristig abgeschlossene Verträge mit den USA, der EU oder deren Institutionen. So müssen viele Länder ihre Märkte generell öffnen um z.B. Kredite oder Entwicklungshilfe zu erhalten. Grundsätzlich fließt dabei aber immer Kapital aus diesen Ländern Richtung USA, China oder eben Europa, weil diese Länder generell fast nichts exportieren außer Rohstoffen. Dies geht häufig zu lasten für Ausgaben in Bildung oder eben auf kosten des Ausbaus einer funktionierenden Infrastruktur. [Die Marktteilnehmer in vielen Ländern sind schlicht nicht in der Lage die Märkte in denen sie operieren müssen zu verstehen. So kann es sein das sie durch sehr hohe Preise des Produktes A dazu animiert werden, die Aussaat für die nächste Ernte zu intensiveren. Im nächsten Jahr bricht dann die Nachfrtage ein und Produkt B wird stärker nachgefragt. Die generell steigenden Preise bedeuten auch nicht das die Preise zum Zeitpunkt X des Verkaufs hoch sein müssen. Hier ist eine begrenzte Spekulation sogar sinnvoll, weil sie das Preisgefälle zwischen Hoch und Tiefpreis abfangen kann. Dies gilt solange wie keine Spekulationsblase entsteht.
Vereinfacht ausgedrückt. Wer in den Markt einsteigt, weil die fundamentalen Daten dazu animieren tut meist etwas sehr nützliches. Wer aber einfach nur in den Markt einsteigt, weil es gerade viel Geld bringt und es alle tun, entsteht eine Blase, die die aktuelle Situation am Markt nicht realistisch wiederspiegelt. !Stark! vereinfachend wie der Immobilien Markt in Spanien, nur mit Nachrungsmitteln/Agrarerzeugnissen.
Stellen sie sich z.B. vor sie nehmen Kredite auf um ihre Produktion zu erhöhen und stehen dann 6 Monate vor einem zerstörten Markt, aber mit Krediten am Hals die sie abzahlen müssen.] … das Problem ist hoch komplex. Ich empfehle ihnen z.B. das Buch Mords Hunger. Hier wird viel äußerst sachlich dargelegt. | http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus?commentstart=57#cid-2643292 & http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus?commentstart=57#cid-2643296 | http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus?commentstart=57#cid-2643311

JohnDelay, 02.03.2013 um 22:55 Uhr
Ignoranz kennt keine Grenzen … Noch nie gab es eine naivere Sicht auf die Weltwirtschaft in dieser Zeitung. … Und Menschen wie der Autor klopfen sich vermutlich noch auf die eigene Schulter, wenn sie im Angebot das Kilo Bananen für 99 Cent kaufen, während in Ecuador im selben Moment die Frau, die ihm seine Bananen vor ein paar Wochen gepflückt hat, ein durch Pestizidbelastung missgebildetes Kind zur Welt bringt. Schliesslich hat das alles ja mit Kapitalismus rein gar nichts zu tun. … | http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus?commentstart=49#cid-2643038

Fuka, 02.03.2013 um 22:21 Uhr
Nach der Lektüre der ersten Sätze dachte ich: Satire! Aber nein – der Autor meint es tatsächlich ernst. Nietzsche hätte es nicht schöner schreiben können. ja, wir hatten eine heftige Krise 2008, ja das kostet soziale Verwerfungen – aber dennoch sind wir alle unglaublich stolz und glücklich, für die Spekulationslust der Banken und der Finanzkapitalisten zahlen zu dürfen. Wir opfern auch unser letztes Hemd, wenn wir nur den Kapitalismus behalten dürfen, weil es ja nichts besseres gibt. … Die Urenkel der Arbeiter im Manchesterkapitalismus würden heute noch so leben wie ihre Urgroßväter, wenn sie sich nicht gewehrt hätten.
… Ich behaupte: Kapitalismus braucht keine Demokratie, er nimmt sie hin, wenn sie die Geschäfte nicht stört. Diktatoren sind auch gute Geschäftspartner. Wie die mit ihren Gegnern umgehen, ist [] egal, solange die Geschäfte laufen. Kapitalismus kennt keine ethischen und moralischen Werte, gut ist alles, was dem Geschäft nutzt. … | http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus?commentstart=41#cid-2642985

Mollemo, 02.03.2013 um 18:59 Uhr
… Ein amüsanter Artikel. Im Endeffekt läuft es auf die [] Frage hinaus: „Wie viel Elend bin ich bereit zu ignorieren?“ Fast alle Vorteile des Kapitalismus, die der Autor anspricht, bemerkt man nur in den Industriestaaten. Die Voraussetzung für diese Vorteile werden aber weitgehend ignoriert. … Weit weg von uns und unserem Interesse schuften unsere „modernen Sklaven“. Wen kümmerts, ich hab was gespart. … | http://www.zeit.de/2013/09/Kritik-am-Kapitalismus?commentstart=9#cid-2642599

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Kontext III

Ingo Schulze (26. 02. 2012): “ … Weniger Staat, mehr Markt. Das hieß: Je mehr Freiheit, desto mehr Wohlstand. Kaum jemand fragte: Freiheit für wen? Freiheit wovon? Wohlstand für wen? Worte wie Kapitalismus, Klassenkampf oder Profitmaximierung wurden im Sprachgebrauch tunlichst vermieden. Zu fragen, wer woran verdient, wem das und das nutzt oder zu wessen Nachteil dies oder jenes ist, galten als unfein und waren ein Ausweis von vulgärem Denken. So verschwanden just in dem Moment Worte und Fragen aus dem Alltag, da sie notwendiger denn je gewesen wären, um die neue Wirklichkeit zu beschreiben.
Die Ideologie besteht darin, die Fakten und Tatsachen so aussehen zu lassen, als handele es sich um etwas Gegebenes, naturgesetzlich Vorgefundenes, womit wir uns abzufinden, womit wir uns zu arrangieren haben. Dieser Sprachgebrauch lockt von den politischen, sozialen, ökonomischen und historischen Zusammenhängen und Fragen weg, und führt in Gefilde, in denen es keine Infragestellung des Status quo gibt, in denen alle Zwänge Sachzwänge sind und gegensätzliche Interessen nur an der Oberfläche existieren. Eine Sprache, die aus Geschichte Natur macht, eine Natur, die zu ändern nicht in unserer Macht steht, mit der wir uns zu arrangieren, an die wir uns zu gewöhnen haben. Die neuen gültigen Spielregeln wurden als die einzigen anstrebenswerten vorausgesetzt und verabsolutiert, wer sie nicht akzeptiert, stellt sich außerhalb des Diskurses.
Am Diskurs teilnehmen dürfen jene, die Profit „Shareholder value“ nennen, die zu demjenigen, der seine Arbeitskraft verkauft, „Arbeitnehmer“ sagen und zu demjenigen, der die Arbeit kauft, „Arbeitgeber“. Steuersenkung für Unternehmen und Unternehmer werden „Entlastung der Investoren“ genannt, aus der Senkung der social security wird „Leistungskürzung für Arbeitsunwillige“, die Belastung für Arme heißt „Eigenverantwortung“, die Kürzung der Arbeitslosenhilfe wird zum „Anreiz für Wachstum“, die Senkung der geringsten Einkommen wird als „globale Konkurrenzfähigkeit“ oder „marktgerechte Beschäftigungspolitik“ bezeichnet, Gewerkschaften, die für Flächentarifverträge eintreten werden zu „Tarifkartellen“ und „Bremsern“ und so weiter. (Ivan Nagel, Falschwörterbuch, Berlin 2004)
„Man pflegt das Schiller-Distichon von der ’gebildeten Sprache, die für dich dichtet und denkt‘, rein ästhetisch und sozusagen harmlos aufzufassen“, schreibt Victor Klemperer in seiner LTI (Victor Klemperer, LTI (Lingua Tertii Imperii). Notizbuch eines Philologen, Berlin 1947). „Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse.“
Mit den Worten, die ich benutze, mit der von mir gesprochenen und geschriebenen Sprache fallen Vorentscheidungen in meinem Fühlen, Denken und Handeln. Das Bild, das ich mir von mir selbst und von der Welt mache, hängt auch davon ab, welche Worte ich wähle, welche Bedeutung ich diesen Worten als Einzelner gebe und welche Bedeutung die Gesellschaft als Ganzes ihnen gibt. … Vor einem Jahr kam es in Berlin zu einem Volksbegehren, das de facto den ersten Schritt zu einer Re-Kommunalisierung der Berliner Wasserbetriebe darstellt. Der rotschwarze Senat hatte 1999 49,9 Prozent der Berliner Wasserbetriebe an RWE und Veolia verkauft, wobei die nicht öffentlichen Verträge Gewinngarantien für die Privaten vorsahen. Neben anderen fatalen Auswirkungen stiegen die Berliner Wasserpreise im Schnitt um 30 bis 35 Prozent. Das Volksbegehren musste auch gegen den Widerstand des rot-roten Senates durchgesetzt werden. Trotz des politischen Gegenwindes und einem erschreckenden Desinteresse der Medien, gelang das Wunder: Es kam über etliche Zwischenetappen zu dem Volksentscheid und der wurde gewonnen, obwohl das Budget der Aktivisten bei etwa 25000 Euro lag. Das Niederschmetternde daran ist allerdings, dass diese Initiative von einem Dutzend wacher Demokraten, sich gegen den gesamten demokratischen Apparat durchklagen musste, und dass es darum ging, Beschlüsse von demokratisch gewählten Vertretern rückgängig zu machen. Jetzt hat sogar das Kartellamt verfügt, die Berliner Wasserpreise um 19 Prozent zu senken. Das Gemeinwesen, in diesem Fall der Berliner Senat, hätte einfach nur sagen müssen: Sauberes Wasser ist ein Menschenrecht, das liefern wir nicht privatem Gewinnstreben aus. … “ | Aus: „Unsere schönen neuen Kleider – Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte“ (26. 02. 2012) | http://www.ingoschulze.com/rede_dresden.html

lemonhorse / 3 März 2013 / Daten.PolitixMicro, Fraktal.Text, Gespaltene.Deutung, Global.Politix:Micro / 0 Comments

[Miau, Miau… ]

[Ordnung, Herrschaft und Interessen (10)… ]

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“ … Nachdem sich in der Finanzkrise des Jahres 2008 und in den „Schuldenkrisen“ unserer Tage jede Vernunft und Moral absentierte, gibt es nicht mehr nur Kapitalismus in der Unterhaltung und Unterhaltung im Kapitalismus, sondern auch den Kapitalismus als Unterhaltung. Wenn der Goldpreis auf der Titelseite der Bild-Zeitung behandelt wird, werten das „Wirtschaftsjournalisten“ an anderem Ort als „Alarmzeichen“, die „Unternehmer“ verkünden gern ihre Weltmodelle in Talkshows, und zeigen öffentlich, dass sie sich eines sehr schlichten Gemüts nicht schämen würden, wenn sie denn ein Gemüt hätten, und der DAX wird zur Fieberkurve, die anzeigt, wie gut es „uns“ geht. Als Entertainment, Soap Opera und Mitmach-Show benötigt der Kapitalismus keine Vernunft. … So beschreibt es Alain Badiou: „Von gewöhnlichen Bürgern wird bedingungslos verlangt zu ‚verstehen’, dass es vollkommen unmöglich sei, das finanzielle Loch in der Sozialversicherung zu stopfen, dass man aber, ohne nachzuzählen, Milliarden in das Bankenloch stopfen müsse. Wir sollen allen Ernstes zustimmen, dass es anscheinend für niemanden mehr in Betracht kommt, eine Fabrik, und zwar eine mit Tausenden von Arbeitern, zu verstaatlichen, die sich aufgrund der Markkonkurrenz in wirtschaftliche Schwierigkeiten manövriert hat, dass das Gleiche aber völlig auf der Hand liege bei einer Bank, die sich durch Spekulation ruiniert hat“. …“ | Aus: „Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (5)“ von Georg Seeßlen | http://www.seesslen-blog.de/2011/08/17/nachschriften-zu-den-blodmaschinen/

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… Die Beamten des Bundesfinanzministeriums haben sich 2006 von Lobbyisten des Bankgewerbes die Hand führen lassen. Die damalige Begründung zur Änderung eines Steuergesetzes ist zu großen Teilen identisch mit einem Schreiben des Bundesverbandes deutscher Banken aus dem Jahr 2002. Nach Recherchen der ZEIT übernahmen die Beamten über lange Passagen wortwörtlich die Formulierungen der Verbandsexperten. Damaliger Bundesfinanzminister war der heutige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. … | http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/lobbyismus-banken-steinbrueck

pseudolego, 05.12.2012 um 13:46 Uhr
Miau, Miau… also wenn man den Beitrag so liest, könnte man glatt auf den Gedanken kommen, an den HarzIV-Gesetzen hätten die Lobbyisten der Industrie mitgeschrieben, oder an den Gesetzen zur Leiharbeit der Herr Hundt bzw. der Arbeitgeberverband, an den Apotheken-Gesetzen die Apotheker, an den Miet-Gesetzen die Vermieter, an den Rentengesetzen nicht die Rentner usw. Bisher ging ich davon aus, dass der weise Abgeordnete, nur dem Interesse des Landes verpflichtet, unabhängig irgendwelcher Sonderinteressen, sorgfältig abwägend Gesetze formuliert, einbringt, verabschiedet – und nun das… Was für ein Drama! | http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/lobbyismus-banken-steinbrueck?commentstart=49#cid-2468388

ozanBerlin, 05.12.2012 um 13:53 Uhr
„Nach Recherchen der ZEIT übernahmen die Beamten über lange Passagen wortwörtlich die Formulierungen der Verbandsexperten.“ -> Liebe Redaktion, könnten Sie die entsprechenden Dokumente hier veröffentlichen bzw. verlinken? Mich würde der Inhalt sehr interessieren.. Danke! | http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/lobbyismus-banken-steinbrueck?commentstart=49#cid-2468406

hierundjetzt, 05.12.2012 um 14:11 Uhr
Es ist nicht erst neueren Datums, das Wirtschaft, Finanzen und Lobbyisten regieren. Die Wirtschafts- und Finanzdiktatur braucht immer noch die von uns gewählten Marionetten, sprich ‚Volksvertreter‘, die im Vordergrund das Wahlvolk verdummen. Dies ist das altmodische an dieser Konstellation. | http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/lobbyismus-banken-steinbrueck?commentstart=57#cid-2468460

tolerant, 05.12.2012 um 14:25 Uhr
bevor wir uns alle sehr darüber aufregen weil Herr Steinbrück damals Finanzminister war und dabei Banken ihre Regeln beeinflussen konnten sollten wir genau wissen ob die SPD überhaupt nach der kommenden Bundestagswahl ernsthafte Absichten hat wirklich ernsthaft zu regieren, den Eindruck hat man seit der Nominierung von Herrn Steinbrück wirklich überhaupt nicht. | http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/lobbyismus-banken-steinbrueck?commentstart=65#cid-2468503

c3n0rsRh3r3, 05.12.2012 um 14:29 Uhr
Das war alles schon bekannt gehen sie jetzt mal ins Schäuble Ministerium, da finden sie mehr „ausgeliehene“ Mitarbeiter von irgendwelchen Unternehmen und Lobbygruppen als sie sich vorstellen können. War schon immer Gang und Gäbe in dt. Ministerien ([03.04.2008]https://www.focus.de/politik/deutschland/rechnungshof-ministerien-liessen-lobbyisten-gesetze-schreiben_aid_268156.html). … als das Haus 2008 schon richtig in Flammen stand, hat die Staatsratsvorsitzende (mit 98 Prozent gewählt) mit dem Oberbanker Ackermann Geburtstag im Kanzleramt gefeiert. … | http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/lobbyismus-banken-steinbrueck?commentstart=65#cid-2468509 | & [„Merkels große Bankersause“ > https://www.taz.de/!98080/ (26.07.2012)]

Grellseher, 05.12.2012 um 12:49 Uhr
Herr Steinbrück ist kein bezahlter Lobbyist. Der macht das völlig freiwillig und ohne jeden Vorteil für sich selbst, aus tiefer Überzeugung. … | http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/lobbyismus-banken-steinbrueck?commentstart=1#cid-2468242

lemonhorse / 5 Dezember 2012 / Daten.PolitixMicro, Gespaltene.Deutung / 0 Comments

[Aufmerksamkeitssucher… ]

This world is fucked up we need to fuck with fuckers on fucking power.
Because they fuck with us every fucking day. Motherfuckers!

(dizimasimples, 29.09.2011)

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“ … Klar, dass eine solche Spekulantenkarikatur Fragen aufwirft. Und so kursierte gestern nicht nur das Video in der Finanzcommunity, sondern auch gleich das – von allen Seiten dementierte – Gerücht, Rastani sei gar kein Händler, sondern Mitglied der Yes Men – einer Medienguerillagruppe, die mit Fälschungen von Internetseiten und Zeitungen sowie Undercover-TV-Auftritten Großkonzerne bloßstellt. Und tatsächlich ähnelt Rastani einem der Yes Men, der 2004 als „Sprecher“ der US-Konzerns Dow Chemical hohe Entschädigungen für Opfer der Chemiekatastrophe im indischen Bhopal 1984 ankündigte. Aber offenbar ist Rastani ganz echt und wirklich ein Profi-Händler, der halt aussprach, was er dachte. … Nutzer Maradona2 [auf Youtube] erhielt bis gestern Abend die höchste Zustimmung von den rund 500.000 Zuschauern binnen 24 Stunden für den Hinweis, dass der Mann Respekt verdiene. „Weil es wahrscheinlich das erste Mal in der Geschichte ist, dass jemand wie er auftritt und alles tatsächlich ehrlich meint.“ … “

Aus: „Börsenhändler hält Goldman Sachs für die Weltregierung“
Von Christian Kirchner Frankfurt (28.09.2011)
Quelle: http://www.ftd.de/finanzen/:skurriler-tv-auftritt-boersenhaendler-haelt-goldman-sachs-fuer-die-weltregierung/60109605.html

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“ … Auf Rastanis Facebook-Seite postete eine Frau: „Italien liebt dich, Held der Wahrheit.“ Andere empörten sich über die moralische Verlottertheit des Kapitalismus. … Rastani selbst sagte dem „Daily Telegraph“, er sei ein „Aufmerksamkeitssucher“. Der Handel mit Aktien sei nur ein Hobby, was er von zu Hause aus betreibe. Er handele mit seinem eigenen Geld, sagte er dem US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“. Nur mit welchem Geld? Laut „Telegraph“ hat er eine kleine Firma, die verschuldet ist. …. Auch Rastani selbst zeigte sich überrascht von dem Medienecho. Er habe keine Ahnung, warum er so viel Aufmerksamkeit bekomme, sagte er „Forbes“. Was er gesagt habe, sei doch nichts Neues. „Ich dachte, das wüssten schon alle.“ …. “

Aus: „Wie ein Freizeit-Börsianer die BBC narrte“ Von Carsten Volkery, London (28.09.2011)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,788954,00.html

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danduin, 28.09.2011: „… Wissen tut das nicht jeder, dass Goldman Sachs die Welt regiert, es wird nur vermutet oder zynisch gesagt. Dies offen auszusprechen und Regierungen als reines Puppentheater darzustellen, hat sich einfach noch keiner gewagt. …“

Fred_MUC, 28.09.2011: „Die BBC hat einen Volltreffer gelandet, so ganz versehentlich. “

Emil Ule, 28.09.2011: „Seit den Zeiten der Fugger haben die Banken die Welt regiert. Das fing an, als man auf den Trichter kam, Wechsel (Schuldscheine) auszustellen und mit diesen Wechseln zu handeln. Was soll daran neu sein, dass eine Bank die Welt regiert? “

yardfather,28.09.2011: “ … „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“ …“

nepo77, 29.09.2011: „Die Aufregung kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, gerade die Deutschen müssten nach diesen 3 Jahren kapiert haben das die Banken regieren und sonst niemand. Ansonsten habe ich mit den Möchtegern Yuppies kein Mitleid wenn Ihre Götter sie verlassen. …“

themistokles, 29.09.2011: „Die Frage ist, wer hier wen narrt? Ein Freiberufler, der sich mit Aktion und Handel beschäftig, die BBC oder Goldman Sachs & Co den Rest der Welt? …“

http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=44758

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“ … Ein erfolgreicher Trader mag Rastani nicht sein – Kollegen wie der anonym bloggende Wall-Street-Trader „Kid Dynamite“ geben ihm bei seiner Marktanalyse allerdings Recht.

Und auch von den Yes Men erhält der Mann, der die aktuelle Krise in dreieinhalb Minuten erklärte, Unterstützung. „Wer im großen Bankgeschäft wettet denn nicht gegen die Interessen der Armen und erhält dafür auch noch eine dicke Belohnung – wenn nicht durch den Markt, dann über gigantische Bailouts durch den Steuerzahler?“ fragen sie auf ihrer Homepage. „Rastanis Methode ist schon seit Jahren absoluter Mainstream; wir müssen ihm dafür danken, dass er ihr ein menschliches Gesicht gegeben hat.“ … “

Aus: „BBC-Interview als Internet-Hit: „Ich rede gerne““ Von Johannes Kuhn (28.09.2011)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bbc-interview-als-internet-hit-das-wahre-gesicht-des-kapitalismus-1.1151390-2

lemonhorse / 29 September 2011 / Fraktal.Text, Global.Politix:Micro / 0 Comments

[Dumpster diving mit Friedrich Merz… ]


[„Der Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung!„]

[…] Es wäre [ ] vollkommen falsch, die Krise jetzt zum Anlass zu nehmen, das ganze System zu kritisieren oder gar zu beseitigen. Im Gegenteil, in der Krise wird sich zeigen, daß eine auf privatem Kapitaleinsatz beruhende, marktwirtschaftliche Ordnung in einer vernünftigen und mit Augenmass neu justierten Aufgabenteilung zwischen staatlicher Regulierung und marktwirtschaftlicher Freiheit über die besten Instrumente verfügt, die Krise selbst zu bewältigen und den Wohlstand der Menschen auf Dauer zu sichern.

Aus: „Friedrich Merz: „Mehr Kapitalismus wagen““ (Berlin, 13.10.2008)
Text der Rede anlässlich der Vorstellung des gleichnamigen Buches
Quelle: friedrich-merz.de

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[…] Erfrischend surreal. Die Zelebrierung des Absurden. Provokativ – subversiv. Gegen den Zeitgeist. Hintersinnig. Eventuell der zweite Merz des Dadaismus? Wer weiß. Aus: „Merzkunst“ Von Das Grauen (14.10.2008)

[…] „Der Markt ist sozial und der Kapitalismus gerecht.“ Sätze wie diesen muss man sich in Zeiten der Finanzkrise auf der Zunge zergehen lassen.
(Aus: „Es lebe der Kapitalismus„, SZ (14.10.2008))

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Respekt Friedrich,
was für ein cooles Timing für deine thematisch passende Buchveröffentlichung – so mitten im globalisierten finanziellen Monsterdesaster. Der Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung! – Ja, ich glaube auch der Kapitalismus bringt mächtig Spaß – solange man zu den autistischen Gewinnern einer zynischen Finanzwelt gehört. We Always Crashing in the Same Car. Der Welt geht es gut, wir brauchen nur ein paar kleine Korrekturen? Kapitalismus als die große Verheißung für die freie Welt? Zugegeben: wir leben wohl in verschiedenen Galaxien und ich habe noch nicht abgeschlossen mit dem denken über diese „finanziellen Anomalien“. Wir sind alle Menschen (oder sind ein paar von uns Außerirdische?) und dramatische Wandlungen können jeden treffen – ich möchte ein wenig phantasieren: würde Friedrich weiterhin seine Thesen zum entfesseltem Kapitalismus auch Mülleimern unterbreiten, wenn er sich all seiner Nebentätigkeiten verlustig finden würde? – Wenn er aller finanziellen Mittel beraubt, mit Nichts in der Tasche in einem verdreckten Pullover und zerrissener Hose in einer verlassenen Seitenstraße stünde?
Wie würde er reagieren, wenn ihn der Hunger und die Kälte zum Containern getrieben hat und er beim Dumpster diving zufällig sein eigenes Buch fände? – Würde er mit seinem Buch in zitternden Händen kurz die Augen verdrehen? Würdest er schmunzeln bevor sein schallendes Gelächter der kalten Herbstnacht dargeboten wird?

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Kontext#1
Containern (engl.) Dumpster diving

[…] „The practice of Dumpster diving is also known variously as urban foraging, binning, alley surfing, aggressive recycling, Curbing, D-mart, Dumpstering, garbaging, garbage picking, garbage gleaning, dumpster-raiding, dumpstering, dump-weaseling, tatting, skally-wagging, skipping, or trashing. […] The term originates from the best-known manufacturer of commercial trash bins, „Dumpster,“ and the fanciful image of someone leaping head first into a dumpster as if it were a swimming pool…

Source: http://en.wikipedia.org/wiki/Dumpster_diving

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Kontext#2
„Ein Risikopapier“ Lorenz Maroldt über das neue Buch von Friedrich Merz (14.10.2008)
Quelle: tagesspiegel.de..Finanzkrise-Friedrich-Merz…

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Kontext#3
„The nine most terrifying words in the English language are, ‚I’m from the government and I’m here to help.'“ Ronald Reagan, 40th president of US (1911 – 2004)

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Kontext#4
http://de.wikipedia.org/wiki/Finanzkrise_2007/2008

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Kontext#5

[…] Während die Durchschnittseinkommen aller Deutschen in den 1990er Jahren weitgehend konstant blieben, konnten die oberen zehn Prozent der Einkommensbezieher einen Zuwachs von sechs Prozent verbuchen. Die Spitzenverdiener, die oberen 0,01 Prozent, gewannen 17 Prozent hinzu. Noch besser schnitten die wirklich Reichen ab: Das Jahreseinkommen der 650 wohlhabendsten Deutschen legte von 1992 bis 2001 um 35 Prozent zu, auf durchschnittlich 15 Millionen Euro. Bei den 65 Reichsten – Jahreseinkommen im Schnitt 48 Millionen Euro – betrug der Zuwachs 53 Prozent. Das bedeutet: Nahezu das gesamte Wirtschaftswachstum ist zwischen 1992 und 2001 von der Oberschicht abgeschöpft worden, nach dem Prinzip: je reicher, desto höher auch der prozentuale Zugewinn. Der Anteil der, finanziell gesehen, unteren Hälfte der Gesellschaft am Markteinkommen hat sich in derselben Zeit von 5,4 auf 3,4 Prozent verringert. Würden diese 32,5 Millionen Einwohner all ihre Einkünfte zusammenlegen, erreichten sie bei weitem nicht das, was die reichsten 65 000 Deutschen zusammengenommen verdienen. Dieser Trend hat sich seit 2001 fortgesetzt, bedingt auch durch die Senkung des Spitzensteuersatzes. […] Die Vorstandsvorsitzenden der DAX-Konzerne verdienten 2006 durchschnittlich 4,3 Millionen Euro brutto, über 14 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Nur um 1,7 Prozent wuchs dagegen das Jahresbruttogehalt eines Arbeiters im produzierenden Gewerbe, auf 34 000 Euro brutto. Spitzenmanager verdienten also im Durchschnitt 126-mal so viel wie Arbeiter. […] Weit schlechter als beim Einkommen seiner Bürger steht Deutschland im internationalen Vergleich bei den Bildungschancen da. In kaum einem anderen Land der EU hängt die Bildungsbiografie so sehr von der Herkunft ab. […] Die wachsende Zahl von Menschen mit fragmentierten Erwerbsbiografien und atypischen Beschäftigungsverhältnissen – Arbeitslose, Alleinerziehende, „Ich-AGs“ – wird oft keine ausreichenden Rentenanwartschaften aufbauen können. Soziale Ungleichheiten im Alter werden sich dadurch in Zukunft verstärken. […] Von der Politik erwarten die Menschen wenig – und die Kluft zwischen Volksvertretern und Bürgern ist tief …

Aus: „GEO Magazin Nr. 10/07 – GEO-Umfrage: Was ist gerecht?“
Von Markus Schrenker und Thomas Ramge
Quelle: geo.de/GEO/kultur/gesellschaft/54795.html…

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Kontext#5a

[…] Trotz des Finanzchaos an der Wall Street streichen die Banker nach einem Zeitungsbericht noch immer milliardenschwere Bonus-Zahlungen ein. Bei Morgan Stanley könnten sich die Mitarbeiter für ihr Gehalt sogar die ganze Bank kaufen. […] Allein die Bezüge der Mitarbeiter der sechs größten Banken summierten sich für die bisherige Arbeit in diesem Jahr auf über 70 Mrd. $. Davon entfällt ein Großteil auf Boni, berichtete die britische Zeitung „The Guardian“. Das entspricht etwa zehn Prozent des Volumens vom Rettungspaket der US-Regierung.

Aus: „Zahltag für die Banker: Die 70-Mrd-Dollar-Boni-Bonanza“ (FTD, 18.10.2008)
Quelle: http://www.ftd.de/koepfe/whoiswho/:Zahltag…

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Kontext#6

[…] Diese selbstkritische Betrachtung der eigenen Rolle, dieses kleine bisschen Scham ist in der aktuellen Krise aufseiten der ökonomischen Elite bisher nicht zu entdecken: wahrscheinlich, weil sich ihre Mitglieder tatsächlich nicht als Anhänger einer Weltanschauung unter mehreren, sondern als Inhaber einer unbestreitbaren Wahrheit betrachtet haben. Und diese Wahrheit – dass der Markt praktisch alles besser könne als der Staat; dass die Börse letztlich das präzisere Abstimmungsinstrument sei als die demokratische Wahl; dass das Spitzenpersonal der Wirtschaft den Politikern himmelweit überlegen sei – beschränkte sich keineswegs auf die wirtschaftliche Sphäre. Diese Wahrheit sollte überall gelten, für Recht und Politik, Militär und Verwaltung, Kirche, Kindergarten und Krankenhaus. Nur stimmte sie nicht einmal für den eigenen Bereich. Es wirkt kurios, wenn Bundespräsident Horst Köhler nun mehr Moral für die Märkte einfordert und sich gegen Selbstzufriedenheit und Zynismus der Manager wendet. Er müsste seine Referenten ins Archiv schicken und sich seine eigenen Reden vornehmen, zum Beispiel die zum Tag der Deutschen Einheit 2004. Da war es noch das »westdeutsche Regelwerk«, das zu sehr geprägt war von »Selbstzufriedenheit«, außerdem von »überzogenem Anspruchsdenken« und einem »alles durchdringenden Regulierungseifer«. Köhler machte sich stark für einen »radikalen und nachhaltigen Abbau von Vorschriften und Bürokratie«. Ähnlich Hans-Werner Sinn, laut Bild-Zeitung »Deutschlands klügster Wirtschaftsprofessor«: »Jedes Land braucht eine Kulturrevolution, wenn der Filz über 50 Jahre akkumuliert wurde. Jetzt ist Deutschland so weit.« Schon 2002 sah Arnulf Baring (Bild: »Deutschlands klügster Historiker«) die Bundesrepublik als »DDR light«, regiert von einer »drohnenhaften Herrschaftskaste« aus ahnungslosen Politikern und wehrlos ohne eine Notstandsverfassung à la Weimar. Deshalb fand Baring, die Situation sei reif für »einen Aufstand gegen das erstarrte Parteiensystem. Ein massenhafter Steuerboykott, passiver und aktiver Widerstand, empörte Revolten liegen in der Luft.« Antizipierte er den Zusammenbruch der Finanzmärkte und die steuerfinanzierten Milliardenrettungspakete für Banken? Nein, es ging um die staatliche Unfähigkeit zum echten Sozialabbau.
In jener Zeit war auch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall omnipräsent, die es sich zum gut bezahlten Ziel gesetzt hat, die »Einstellung der Bevölkerung zur Wirtschafts- und Sozialordnung« zu verändern. Sie ging Medienpartnerschaften ein, versorgte Zeitungen mit kompletten Interviews, platzierte wirtschaftsfreundliche Sätze in Vorabend-Soaps, kaufte sich sozialstaatskritische Fernsehbeiträge, präsentierte zweifelhafte Städte-Rankings (mit einem kommunalen Krankenhaus konnte eine Stadt nicht gewinnen, sie hatte dann garantiert zu viele öffentlich Beschäftigte). Und immer lautete die Botschaft Wettbewerb, Deregulierung, Privatisierung, Beschneidung der Arbeitnehmerrechte. […] Nach so viel Gehirnwäsche können wir uns glücklich schätzen, dass es uns noch möglich ist, eine echte Krise zu erkennen, wenn wir sie vor der Nase haben.“ […]

FelixKrull »
19.10.2008
Dröhnendes Schweigen?
Bierdeckelarithmetiker Friedrich Merz hat doch erst am vergangenen Montag bei Beckmann ganz selbstbewusst und ungeniert Reklame für sein neustes Druckerzeugnis „Mehr Kapitalismus wagen“ gemacht, und Käpt’n Iglo Unsinn tat desgleichen heute auf Phoenix im Interview mit Wolfgang Herles für sein „Grünes Paradoxon“.

clubby »
19.10.2008
An die eigene Nase fassen,
Tja liebe Journalisten, fasst erstmal an Eure eigene Nase!!!
Ihr wart doch nie müde diesem Mainstream permanent zu folgen, und dieses Gerede der Neunmalklugen immer artig nachzuplappern. Hat sich irgednwer von Euch in den letzten Jahren mal die Mühe gemacht, deutlich gegen den Strom zu schwimmen, und diesen Thesen investigativ auf den Zahn zu fühlen. Waren Zeitung (auch Zeit) , Fernsehen und Rundfunk wirklich ausgeglichen in ihrer Darstellung? Wurden NICHT-neoliberalen Thesen der gleiche Diskussionfreiraum geboten wie den neoliberalen? Ein bischen Managergehaltsschelte, das wars dann auch schon. …

Serrax »
19.10.2008
Der Kapitalismus ist nicht in Gefahr. […] Solche Krisen wie aktuell sind keine Gefahr für den Kapitalismus. Solche Krisen GEHÖREN zum Kapitalismus! Und wer glaubt, diese Krise könnte die Welt – v.a. die asiatische – vom Kapitalismus abbringen, der irrt gewaltig.

AktenzeichenXY »
19.10.2008
Lieber Clubby: Es geht nicht, einen ganzen Berufsstand verantwortlich zu machen.
Es gibt oder gab zumindest jede Menge kritischer Journalisten. Doch wo sind die? In Hartz IV – oder sie krepeln in einem anderen Job vor sich hin, um sich über Wasser zu halten. Glauben Sie nicht, dass es keine investigativen Journalisten mehr gäbe. Nur: Sie hatten im neoliberalen Zeitalter keine Chance mehr. Bis auf ein paar Ausnahmen – etablierte Journalisten wie Leyendecker von der SZ – mussten fast alle schmerzlich merken, dass kritische Artikel nicht mehr angenommen werden….

HMRothe »
19.10.2008
Vielen Dank fuer den Artikel, dieses surreale Verschweigen des Offensichtlichen begann schon, mich fatal an die DDR-Presse der 80er zu erinnern.

colca »
20.10.2008
Donnerwetter,
Aber Hallo Frau Gaschke, habe ich Ihren Artikel tatsächlich bei der ZEIT gelesen? Das ist doch das Printmedium, in dem bis vor kurzem die „Neunmalklugen“ Joffes und Thumanns und wie sie alle heißen den Ton angaben – der sich nur wenig von den marktradikalen Einlassungen eines Köhler oder Sinn oder Merz unterschied. …

amadeusw »
20.10.2008
Die Kuchenesser,
Von Marie-Antonette wird erzählt, sie habe auf die Frage warum das Volk denn den Aufstand macht und sie zur Antwort bekam >sie haben kein Brot Majestät< geantwortet: „Dann sollen sie doch Kuchen essen“ Die Neunmalklugen des Artikels gehören auch in die Kategorie der >Kuchenesser< sie haben sich von den Nöten der gewöhnlichen Arbeitnehmer so weit entfernt, dass sie deren Probleme nicht mehr verstehen.

Aus: „Neoliberalimus – Die Neunmalklugen“
Von Susanne Gaschke (DIE ZEIT, 16.10.2008 Nr. 43)
Quelle: http://www.zeit.de/2008/43/Zukunft-des-Neoliberalismus

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Kontext#7

[…] Wenn eine Sendung den Namen „Milliarden für die Banker – Zahlt die Zecher der Steuerzahler?“ trägt, bleiben die Bezichtigen natürlich fern. Die Will-Redaktion hatte bei den Chefs der großen deutschen Kreditinstitute angefragt – doch die sagten alle ab.
[…] Das kurzfristige Profitstreben sei eine „Perversion des Wettbewerbes“. Wenn schon ein CDU-Politiker (Norbert Röttgen) so über die Wirtschaft schimpft, konnte man von den anderen Gästen natürlich nichts anderes erwarten.
[…]

20.10.2008 08:34 Uhr, Carsten meint:
Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn Norbert Röttgen und Erwin Huber jetzt auf die Auswüchse des Kapitalismus schimpfen, die sie stets gefördert hatten. Völlig absurd, dass gerade jene, die Gier zum Lebensprinzip erheben, jetzt die Moralkeule schwingen. ..

20.10.2008 09:45 Uhr JamesBlack meint:
Die Veranstaltung hatte Bild-Niveau. …

Aus: „Ackermann und die „Perversion des Wettbewerbs““
Von Frederic Spohr (20. Oktober 2008)
Quelle: http://www.welt.de/fernsehen/…

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Kontext#8

[…] Bald darauf erklärt der kahlhäuptige Dr. Mark Mobius, der 50 Milliarden Dollar von Singapur aus „arbeiten“ lässt und als „Finanzguru“ den Spitznamen „the bald eagle“ trägt, welche Vorteile es hat, dass Teile der Dritten Welt jetzt „Emerging Markets“ heißen und renditestarke, steuerfreie Entwicklungsmärkte für die internationalen Kapitalströme sind. Für moralische Fragen, sagt der bare Adler, sei er „nicht zuständig“.

Aus: „“Let’s make money“: Mit allen Raff-Finessen“
Von Peter von Becker (12.10.2008)
Quelle: tagesspiegel.de/kultur/Finanzkrise;art772,2634204

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Kontext#9

[…] [ngo/ddp] Post-Chef Klaus Zumwinkel ist am 15. Februar zurückgetreten. Der vermögende Spitzenmanager hat inzwischen den Vorwurf der Steuerhinterziehung offenbar zugegeben. Zumwinkel soll mittels Geldanlagen in liechtensteinische Stiftungen Steuern in einer Größenordnung von rund einer Million Euro am Fiskus vorbeigeschleust zu haben. Laut „Financial Times Deutschland“ sind möglicherweise Tausende Verdächtige ins Visier der Steuerfahnder geraten, weil sie Steuerhinterziehungen über Liechtenstein abgewickelt haben sollen. Damit könnte ein Großteil der deutschen Führungselite betroffen sein. Es handle sich um eine vierstellige Zahl, hieß es am 15. Februar aus Regierungskreisen in Berlin. Allein die Staatsanwaltschaft Bochum bestätigte, dass bei der Behörde mehrere hundert Steuerverfahren anhängig sind. Die „Süddeutsche Zeitung“ will aus Justizkreisen erfahren haben, dass gegen 120 bis 150 Verdächtige wegen Steuerhinterziehung ermittelt werde. Etwa 900 Durchsuchungsbeschlüsse soll es geben. Nach Angaben von „Spiegel Online“ sollen konservativen Schätzungen zufolge insgesamt mindestens 300 Mio. Euro an den Finanzämtern vorbei nach Liechtenstein geschleust worden sein, nach anderen Angaben allerdings bis zu 4 Mrd. Euro. Die Internet-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) hält bereits zahlreiche Verhaltens-Tipps für vermögende Steuerhinterzieher bereit. …

Aus: „FAZ berät Steuerhinterzieher – Großteil der deutschen Führungselite könnte von Ermittlungen betroffen sein“
(15. Februar 2008)
Quelle: ngo-online.de/ganze_nachricht.php?Nr=17308

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Kontext#10

[…] von Billerbeck: Wenn man hört, das Geld angelegt wird, irgendwie verschwindet irgendwohin, dann denkt ein normaler Mensch eigentlich sofort an Kriminalität, an so was wie Mafia. Aber das, was Sie in dem Film schildern, ist wie schon in Ihrem vorigen Film über Lebensmittel alles legal. Wir sehen in Ihrem Film keine jugendlichen Zocker, die ein großes Spiel spielen, sondern es begegnen uns gestandene Männer mittleren Alters, die ganz offen über das reden, was sie tun. Ein Fondsmanager beispielsweise, Dr. Mark Mobius, der sagt: „Es gibt einen berühmten Ausspruch, dass die beste Zeit zu kaufen ist, wenn das Blut auf den Straßen klebt. Ich füge hinzu, auch wenn es dein eigenes ist. Denn wenn es Krieg, Revolution, politische Probleme und Wirtschaftsprobleme gibt, dann fallen die Preise von Aktien und jene Leute, die an diesem Tiefpunkt kauften, haben jede Menge Geld gemacht„.

Wie, Herr Wagenhofer, haben Sie es eigentlich geschafft, dass solche Manager, die sich ja ansonsten gerne hinter ihrem Fachchinesisch verbergen, so offen vor der Kamera über ihr Tun sprechen?

Wagenhofer: Na ja, ich weiß nicht, die Frage kommt sehr oft. Ich weiß oft gar nicht genau, wie ich sie beantworten soll. Das ist vielleicht auch der Grund, warum man drei Jahre für so einen Film braucht. Tatsache ist, dass diese Leute, auch der Herr Mobius, ein hoch intelligenter Mensch ist, eine wirkliche Koryphäe in seinem Fach, aber eben nur diesen einen Blick hat und der davon überzeugt ist, dass diese eine Richtung, die er hier eingeschlagen hat und die hinter diesem Wirtschaftssystem steckt, das jetzt da so gebeutelt wird, das ist auch seine Haltung. Er glaubt daran. Er glaubt wirklich, dass damit der Welt Gutes getan wird. Und warum er es in so einfachen Worten sagt, ist, weil ich so einfache Fragen stelle. Ich sag, Sie müssen es bitte so erklären, dass nicht Ihre Kollegen in der Wallstreet oder sonst wo auf dem Finanzplatz verstehen, sondern wir wollen es verstehen. Wir, ich, ich bin schon ein ganz normaler Mensch, ich bin ein Filmemacher, aber ich bin kein Bankexperte, kein Wirtschaftswissenschaftler, gar nichts. Bitte sagen Sie uns, erklären Sie uns das. Und dann kommt es eben so zustande.

von Billerbeck: Gab es eigentlich jemanden, den Sie interviewen wollten und der Ihnen eine Absage erteilt hat?

Wagenhofer: Ja, gab es, einen berühmten Herrn hier in Deutschland, Josef Ackermann. …

Aus: „“Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das für die Menschen da ist“ – Regisseur Wagenhofer untersucht die globalen Geldströme“ (Erwin Wagenhofer im Gespräch mit Liane von Billerbeck) 29.10.2008
Quelle: dradio.de/dkultur/sendungen/thema/867765/

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[…] „Finanzkrise“ und ähnliche Worte hören sich immer so putzig nach Naturkatastrophe an. Dabei geht es um Kriminalität sui generis. […] Die politisch akzeptierten Spielregeln der weltweiten Finanzindustrie dienen nur einigen wenigen Mächtigen und Reichen. Mit der Globalisierung werden durch die länderübergreifende Konkurrenzsituation Arbeiter und Angestellte gezwungen, für immer weniger Geld immer mehr zu arbeiten. Und 11,5 Trillionen Dollar Privatvermögen stecken in Steuerparadiesen. Herrmann Scheer sieht ein neues Zeitalter der Barbarei aufziehen – unausweichlich. Nicht das Geld arbeitet für uns. Jemand anderes arbeitet für uns – und das unter extremen Ausbeutungsbedingungen, die unseren Wohlstand sichern. Und der zerbröselt gerade auch noch … Die USA sind die größte Wirtschaftsmacht – und die am höchsten verschuldete Nation. Alles ein riesiger fake, sagt Wagenhofer. Die Folgen? Morgen wieder in der Tagesschau …

Aus: „[Krimi] – Let’s Make Money“
Von Lena Blaudez (01. November 2008)
Über „Let’s Make Money“ ein Dokumentarfilm von Erwin Wagenhofer (Österreich 2008)
Quelle: http://www.titel-magazin.de/modules.php…

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Kontext#11

[…] Ich selber bin durch den Kapitalismus privilegiert. Mir geht es hier gut. Ich könnte zwar alle meine Ersparnisse nach einem Einkaufsbummel im örtlichen Discounter in einem Einkaufswagen nach Hause bringen, doch die Umstände, in denen ich hier lebe, ermöglichen mir ein materiell relativ sorgenfreies Überleben in Wohlstand. Das gilt für mich. Für die meisten von uns und für Herrn Joffe. Wie kommt man aber darauf, den Status Quo des Kapitalismus als voll funktionsfähiges Gesellschaftsmodell zu feiern? […] Auch wenn man kein “Weltverbesserer” ist, sollte man sich bewusst machen, dass etwa mehr als eine Milliarde Menschen nicht einmal Zugang zu sauberem Trinkwasser hat und Firmen wie Nestlé den Wassermarkt in Entwicklungsländern monopolisieren. Prost. Mal ehrlich, solche Firmen haben ihr soziales Gewissen in die Marketingabteilung ausgelagert und wer ernsthaft glaubt, dass die völlige Liberalisierung der (Finanz-)märkte zum Wohle aller sei, dem kann ich ein Sozialpraktikum in einem von unserer Wirtschaftsdiktatur zerrütteten Land empfehlen. Firmen sind weder gut noch böse, sie sind profitorientiert und nicht sozial. Das ist ihre Natur. Aber aus realen Gewinnen realer Produkte wird ein perverses Glücksspiel gemacht. Losgelöst von “echten” Werten wird mit dem potentiellen Gewinn potentieller anderer Gewinne, die mit geliehenem Geld anderer Anleihen, dass verzinst wurde, spekuliert – vereinfacht gesagt. Dass damit die Raffgier asozialer Arschlöcher reale Massenentlassungen, Hungersnöte und Kriege auslösen können, dafür danke ich dir, Weltwirtschaftssystem. […] das hier ist nicht der moralische Zeige-, sondern der moralische Mittelfinger.

Aus: „Kapitale Fehler“ (markus am September 30th 2008 in Gesellschaft)
Quelle: http://blog.argwohnheim.de/2008/09/30/kapitale-fehler/

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usw.

lemonhorse / 14 Oktober 2008 / Fraktal.Text, Gespaltene.Deutung, Global.Politix:Micro