[Diktaturgeschichte & Realitätskerne #1 … ]

“ … „die heutige Demokratie in der Europäischen Union [seien] keineswegs ein Kind gestandener europäischer Liberalität“ [ ], sondern vielmehr „das Ergebnis eines schändlichen europäischen Sündenfalls: des genozidalen Weltkrieges“, der gleichbedeutend mit dem Scheitern des Konzeptes der europäischen Demokratie war. … CARLOS COLLADO SEIDEL (München) leitete mit einem groß angelegten Überblick über die Franco-Diktatur in Spanien die erste Sektion ein, welche sich der Entstehung und dem Charakter der südeuropäischen Diktaturen widmete. „Der Spanische Bürgerkrieg von 1936-1939 ist bis heute ein zentraler Referenzpunkt für die spanische Gesellschaft.“ … Die von António de Oliveira Salazar in Portugal errichtete Diktatur des Estado Novo (1933-1974) war die längste rechtsgerichtete Europas. Ein zweifelhafter ‚Rekord’, den CHRISTIANE ABELE (Paris/Freiburg) nach dem Wie sowie auf die Entwicklungsstufen des Regimes hin hinterfragte. … JANIS NALBADIDACIS (Berlin) hob zunächst die markanten Bedeutungsunterschiede der griechischen Militärdiktatur (1967-1974) gegenüber den zuvor präsentierten Vergleichsfällen in Spanien und Portugal hervor: Diese war die einzige, welche sich lange nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte und daher international wesentlich stärker verflochten war, was nicht zuletzt zu ihrer Durchlässigkeit für internationalen Protest und damit auch ihrer im Gegensatz zu den Diktaturen auf der iberischen Halbinsel geringen Verweildauer geführt habe. Kritisch sei in diesem Zusammenhang, die historiografische Etikettierung des Obristen-Regimes als „aus der Zeit gefallen“ zu betrachten, da diese „ahistorische“ und simplifizierende Perspektive den weiten Bedeutungszusammenhängen der Diktatur in keiner Weise Rechnung trage. … Mit einem Zitat Jorge Sempruns führte ULRIKE CAPDEPÓN (Hamburg) in die zweite Sektion ein, welche das Ende der Diktaturen und ihren Weg zur Demokratie thematisierte: „Spanien hat sich mit erdrückender Mehrheit für eine kollektive und gewollte Amnesie entschieden […]“. …“ | Aus: (‚Europas vergessene Diktaturen? Diktatur und Diktaturüberwindung in Spanien, Portugal und Griechenland‘, Stiftung Ettersberg, Europäische Diktaturforschung – Aufarbeitung der SED-Diktatur – Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße; Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Datum 04.11.2016 – 05.11.2016) | Quelle: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7037

Ines Geipel (geb. Schmidt) 1982 – ASV-Meeting in Koeln. Foto: Juergen Weyrich

“ … [Ines Geipel]: … Worüber wir auch nicht sprechen, ist die Tatsache, dass es mit 1990 kein Aufarbeitungsmodell für mehr als fünfzig Jahre Diktaturgeschichte gegeben hat. Woher auch? Wir sind ja überaus erfindungsreich, was Entlastungserzählungen angeht. … Aufarbeitung ist zäh, sie stößt auf Widerstände, bei Lichte besehen ist sie fast immer enttäuschend. … Mir geht es um eine Geschichte des Autoritären, der Gewalt, der Angst. Wir sagen DDR und denken dabei an einen stabilen, sicheren Käfig. Aber in ihm regierte die Angst, sehr viel Angst. Mein Modell wäre zu sagen: Okay, wir sind gedächtnispolitisch im Jahr 1975, wenn man als Nenngröße die alte Bundesrepublik setzt. Das war die Zeit, als die Nachfragen nach innen gingen, in die Familien, und als sich das politische Klima, die politische Haut der Gesellschaft veränderte. Im Westen verständigte man sich zu der Zeit auf einen Konsens: Was ist unser Maß, was das absolute No-Go? Im Osten existiert bis heute nur ein Konglomerat an Erzählungen. Du sitzt in einem Raum, willst über das Jahr 1989 sprechen, und jeder Anwesende bringt seine Version. Für den einen ist der 9. November 1989 der schlimmste Tag seines Lebens, die Nächste erzählt vom absoluten Glück. … Es ist unglaublich, mit welcher Härte die wirklichen Opfer der zweiten Diktatur wegerzählt werden. Fünfzig Jahre Diktaturerfahrung sind eben nicht nur traumatisierte Menschen, sondern auch eine traumatisierte Kultur. … Gerade das Autobiografische verlangt eine spezielle Art der Aushärtung. Es geht nicht um das Aufsammeln von Details, sondern: Halten die Sätze? Lege ich mit ihnen eine Wahrnehmung frei, die mit dem Ich, der inneren Apparatur, dem eigenen Koordinatensystem zu tun haben? Geht es dabei nicht zuerst um Realitätskerne, um eine Verdichtung von Erfahrung, die nach etwas Essenziellem in der Zeit sucht? …“ | https://www.derstandard.at/story/2000110569561/ex-ddr-athletin-und-autorin-ines-geipel-die-ddr-war | https://de.wikipedia.org/wiki/Ines_Geipel [ (2. November 2019): “ … In ihrem 2019 veröffentlichten Buch Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass greift Geipel das für die DDR-Geschichte so signifikante Thema des Verschweigens aus der Sicht mehrerer Generationen auf. Dabei bricht sie zum einen das „toxische Schweigen“ auf, mit dem nicht nur die SS-Vergangenheit ihrer beiden Großväter, sondern auch die Stasi-Tätigkeit des Vaters verhüllt wurde. … “ ]

Cornelia Geißler (30.10.19): “ … Der Autor beruft sich hier auf die Integrationsforscherin Naika Foroutan und den Soziologen Daniel Kubiak, benennt das Phänomen des „Othering“: Eine Gruppe von Personen wird als besonders herausgestellt. Nichelmann schreibt: „Wenn in Ostdeutschland ein Problem auftritt, dann ist es ein Problem von Ostdeutschland. Wenn in Westdeutschland ein Problem auftritt, dann ist es ein Problem von Gesamtdeutschland.“ Die Triebkraft für Nichelmanns Recherchen liegt allerdings ursprünglich in der eigenen Familie. Er fand als Kind eine NVA-Uniform, die seinem Vater gehört haben muss, der aber verstört das Gespräch darüber verweigerte. … Als Erwachsener erkennt er, wie sich die Erfahrungen seiner Altersgenossen mit den Eltern ähneln: „Deutlich spürbar ist ihre Angst, offen über das Leben und die eigenen Rolle in der DDR zu sprechen.“ Was ist da schief gelaufen? …“ | https://www.fr.de/politik/30-jahre-mauerfall/buch-fall-mauer-nachwendekinder-warum-sprichst-kein-ossisch-13178089.html

Johannes Nichelmann (3. 11. 2019): “ … Als Henning 39 Jahre alt war, besorgte er sich die Stasi-Akte seines Vaters. „Ich bin da erst wenige Jahre drüber hinweg. Es gab damals auch keine psychologische Begleitung.“ …“ | https://taz.de/DDR-Aufarbeitung-in-Familien/!5635412/

Katarina Witt über die Wende „Man schweigt den Schmerz weg“ (5. 11. 2019): “ … Katrin Gottschalk: Sie sind bekannt dafür, Ihr Privatleben sehr gut zu schützen. Kürzlich aber haben Sie doch eine sehr persönliche Geschichte erzählt. Für das Por­trätbuch „Ostfrauen verändern die Republik“ haben Sie geschildert, wie es Ihren Eltern nach der Wende gegangen ist.
Katarina Witt: Hören Sie auf, da fange ich gleich wieder an zu heulen.
Katrin Gottschalk: Ihr Vater ist damals arbeitslos geworden, und Sie haben Ihre Eltern noch jahrelang unterstützt. Eine sehr ostdeutsche Erfahrung. Wie geht man als Kind damit um?
Katarina Witt: Ich war damals 23 Jahre alt. Meine Eltern, die heute über achtzig sind, waren damals also genauso alt wie ich heute. Die haben immer versucht, Probleme von uns Kindern fernzuhalten. Dieser Umbruch Anfang der Neunziger, der Schmerz, der damit einherging, die Verletzungen, das bricht ja jetzt erst auf. Unsere Eltern fangen jetzt erst an, offen zu reden, und das ist für uns, ihre Kinder, neu. …
Katrin Gottschalk: Sind „Ossi“ und „Wessi“ für Sie Schimpfwörter?
Katarina Witt: „Ossi“ und „Wessi“ ist eher eine Frotzelei. Grundsätzlich ist aber „Ossi“ eher positiv bei mir ­besetzt als „Wessi“. (alle lachen) Für mich ist die Bezeichnung „Ostfrau“ mittlerweile ein Güte­siegel. …“ | https://taz.de/Katarina-Witt-ueber-die-Wende/!5636400/

“ … Steffen Mau: „Als wir in die Bundesrepublik hineinkamen, da hatten wir natürlich eine antifaschistische Erziehung genossen. Und die in der Bundesrepublik haben gesagt: Wir haben ´68 gehabt, wir haben das eigentlich durch. Wir sind da vollständig aufgeklärt. Und dann kam die Wehrmachtsausstellung 1995 des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Da haben sich viele Ostdeutsche gefragt: Was geht da eigentlich vor? Warum gibt es Demonstrationen in München oder Stuttgart gegen die Aussage, dass die Wehrmacht an Verbrechen des Nazi-Regimes beteiligt war? Das ist sozusagen im Weltbild der Ostdeutschen unvorstellbar, dass man so etwas überhaupt in Zweifel ziehen kann. Und ich sag einfach mal: dass die Ostdeutschen bei solchen Debatten fast nie zum Zuge gekommen sind.“ … Frank Blohm: „Der Westdeutsche sieht ja traditionell gern herab auf den Ostdeutschen, weil der sich ja so angepasst hätte und unterworfen hätte unter die Diktatur. Unterschlägt aber dabei, dass doch jeder von uns im Westen sich auch angepasst hat. So wird also der Ostdeutsche zur Projektionsfläche eigener Unzulänglichkeiten, wie das oft so ist, das Eigene wird verdrängt und dem anderen zugeschrieben, das Negative wird dem zugeschrieben. Und so ist es natürlich umgekehrt auch. Aber jetzt reden wir erst mal von den Westdeutschen, von denen ja immer so wenig geredet wird – weil: Der Westdeutsche redet ja gerne immer über die Ostdeutschen, ungern über sich.“ … „Das hat nicht so lange angehalten, diese Euphorie“, erinnert sich Jutta Voigt. In „Westbesuch“ nennt sie die Liebe zwischen denen, die sich 1989 in den Armen lagen, eine Amour fou: „Zwischen Ost und West. Na, eine verrückte Liebe, habe ich damals noch gedacht. Also Liebe stimmt ja nicht. Eine wilde Nacht – und dann war auch bald Schluss.“ …“ | https://www.deutschlandfunkkultur.de/westdeutscher-blick-auf-die-ddr-warum-der-westen-den-osten.976.de.html?dram:article_id=462762 ( Hans von Trotha, 06.11.2019)

lemon / 4 November 2019 / Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Gespaltene.Deutung / 0 Comments

[Identitätspolitik (Kulturelles Unterbewusstsein) #5… ]

Magdi Aboul-Kheir (29.03.2019): “ … Das neunminütige Video beginnt in „Germania magna“ im Jahr 16 nach Christus, und es folgt ein gewaltiger, gewaltvoller Bilderbogen durch zwei Jahrtausende deutsche Geschichte: Barbaren und Totschläger, Ritter und Faustkämpfer, Krieg und Terror, Blut und Feuer, SS und RAF, Kruzifix und Hakenkreuz und Hammer und Sichel – und natürlich Auschwitz. Es ist ein Panoptikum deutscher Untaten, deutscher Verdrängung, voller Anspielungen: Wölfe und Walhalla, brennender Zeppelin und V2 – mittendrin stets die Rammsteiner in vielen Rollen und Masken. … Rammstein arbeitet seit Jahrzehnten mit Kalkül und Provokation, das beginnt schon mit dem Namen, der sich auf die Flugplatz-Katastrophe von Ramstein bezieht, und endet noch lange nicht mit pornografischen Bildern. … “ | Quelle: https://www.swp.de/unterhaltung/musik/rammstein-provoziert-mit-video-in-kz-aesthetik-30582383.html

Zu einem Kommentar von Daniel Hornuff: Kapaster d.J. #134: “ … Pomp, Bombast und Ironie? …“

OleJohansen #115: “ … Rammstein versucht seit ihrer Gründung uns die Schizophrenie dieser (unserer) Gesellschaft vor Augen zu führen. …“

ItsDimitri #75: “ … Bombastischer Sound, Bombastische Inszenierung und dem Spiel mit Tabubruch und Provokation. Hier ist ja für jeden was zum drüber aufregen dabei, am einen Rand können sie sich über die schwarze Germania eschoffieren, am anderen über die Holocaustdarstellung,… Am Ende wird sowiso jeder in dieses Video das reininterpretieren was er darin sehen will. …“

MurrayBozinsky #142: “ … Ein bildgewaltiges, zeitgemäßes Video voller Anleihen aus den aktuellen Kino-, Videospiel- und Mode-Ästhetiken (20er Jahre). …“

asa nisi masa #87: “ … Der Zuschauer wird hier mit Gewalt-Riten totalitärer Ideologien konfrontiert, die mit dem pastosen Pinselstrich vulgärer Plastitzität ausgestellt und damit zugleich in der ihnen zugrundeliegenden Ästhetik desavouiert werden. Das stupende Rhythmusgekloppe in der Tonspur scheint diese überdrehte Darstellunsgweise zusätzlich unterstreichen zu wollen. Wenn die Band-Mitglieder im Video in die Haut der Baader-Meinhof-Gruppe, von SED-Kadern oder anderen Schurken schlüpfen, dann ist das vielleicht auch eine Anspielung auf das Doppelgängermotiv der Romantik, sprich ein Zeichen der Verunsicherung des Ichs in gesellschaftlichen (Identitäts-)Krisen, die eine Auslagerung des Leidens an der Entfremdung auf Traumgestalten und Spiegelbilder zur Folge hat, die dem kulturellen Unterbewusstsein entsprungen sind und als Folie dienen, dem Zwang sozial festgelegter Rollenbilder zu entfliehen, also Grenzüberschreitungen und Tabubrüche auszuleben. Weshalb sich möglicherweise auch der ein oder andere Rechtsradikale, der diese Ambivalenz nicht sehen kann bzw. will, von Rammsteins Musik so angezogen fühlt. …“

Aus einem Kommentar von Daniel Hornuff (28. März 2019): “ … Nun also ist das neue Video mit dem Titel Deutschland seit wenigen Stunden im Netz auffindbar – und deutlich wird, dass die Band an ihrer künstlerischen Strategie festhält. Sie präsentiert ein medial-barockes, popkulturell gemixtes, gigantisch-überfrachtetes Setting unterschiedlichster Figuren. Eine Collage deutscher Gewaltgeschichtsschreibung, von Germanenkriegern über Preisboxer bis hin zu Nazis und DDR-Kadern. Unzählige Handlungsstränge werden angedeutet in fantastischen Miniaturszenen, in denen sich wiederkehrende physische Grausamkeiten mit allerlei Grotesk-Surrealem wechselseitig verstärken. Es wird die Popexegeten noch ein paar Tage beschäftigen, all diese Referenzen aufzulösen. Im Gesamten setzt das Video – wie im Grunde fast alle Videos von Rammstein – auf wirkungsästhetische Affektion: Das Gigantomanische möge vor allem einen emotionalen Eindruck erzeugen und sich als inszenatorische Ausnahmeerscheinung im Gedächtnis verankern. Diese kalkulierte Aufwallung mag einerseits ermüdend wirken, da sie sich rasch in sich selbst erschöpft. Sie kann andererseits aber auch dazu verleiten, präzise gesetzte Andeutungen zu übersehen. Bei genauer Beobachtung fällt etwa auf, dass die Band die KZ-Referenz keineswegs zum Zwecke eines bequem integrierbaren Aufregers benutzt. … Mit dem neuen Video haben sich die Musiker – und sicherlich vorrangig der Regisseur Specter Berlin – als Vertreter der ästhetisierten Ironie erwiesen. Und es darf als gesellschaftspolitisches Verdienst gewertet werden, vor dem Hintergrund eines aktuell erstarkenden Nationalismus in nahezu allen Teilen der Welt das letztlich unpopuläre Prinzip der Ironie als künstlerische Haltung einzubringen. Gewiss, für Rammstein wird sich die Sache auszahlen. Das aber sollte nicht dazu führen, die Notwendigkeit einer ironischen Entgegnung im Zeitalter der identitätspolitischen Verhärtungen zu verkennen. Auch und gerade nicht im Kontext der Popkultur. …“ | https://www.zeit.de/kultur/musik/2019-03/rammstein-video-deutschland-holocaust

“ … Seit 2015 haben sich die politischen Koordinaten unseres Landes stark verändert – insbesondere im Osten Deutschlands. Was hat die breite Zustimmung zu Pegida, AfD und rechtsextremem Gedankengut möglich gemacht? Ines Geipel folgt den politischen Mythenbildungen des neu gegründeten DDR-Staates, seinen Schweigegeboten, Lügen und seinem Angstsystem, das alles ideologisch Unpassende harsch attackierte. Seriöse Vergangenheitsbewältigung konnte unter diesen Umständen nicht stattfinden. Vielmehr wurde eine gezielte Vergessenspolitik wirksam, die sich auch in den Familien spiegelte – paradigmatisch sichtbar in der Familiengeschichte der Autorin. Gemeinsam mit ihrem Bruder, den sie in seinen letzten Lebenswochen begleitete, steigt Ines Geipel in die ‚Krypta der Familie‘ hinab. Verdrängtes und Verleugnetes in der Familie korrespondiert mit dem kollektiven Gedächtnisverlust. Die Spuren führen zu unserer nationalen Krise in Deutschland. …“ | https://www.beck-shop.de/geipel-umkaempfte-zone/productview.aspx?product=27179235 (Erschienen: Februar 2019: Umkämpfte Zone, Geipel: Umkämpfte Zone, 3. Druckaufl., 2019)

“ … Beeindruckend findet [Alex Rühle (01.03.2019)] Geipels Versuch [‚Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass‘ (2019)], das Schweigen über SS- und Stasi-Vergangenheiten in der Familie mit dem Lügensystem DDR kurzzuschließen. Dass sie dabei das Verschweigen von Untersuchungen über Antisemitismus in der DDR offenlegt, die Gewaltentladungen innerhalb ihrer Familie jedoch nur andeutet, kann Rühle verstehen. Die Präsentation des eigenen Schicksals, erkennt er, steht hier nicht im Vordergrund. … “ | https://www.perlentaucher.de/buch/ines-geipel/umkaempfte-zone.html

“ … „Biographie ist mehr als nur eine rein persönliche Angelegenheit“, schrieb Beuys. … „Das entscheidende Wirkungsprinzip des ‚real existierenden Sozialismus‘ war Gewalt“, schrieb der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz in seinem 1991 erschienenen Psychogramm Gefühlsstau. … Jede Generation hängt an der Identität. Es geht um Referenzsysteme, Stereotype, um politische Koordinaten oder auch wie Karl Mannheim bereits in den zwanziger Jahren formuliert hat, um „Lebensstile, Habitus und einen spezifischen Generations-Diskurs“. … Manchmal sitze ich so rum, in einem Cafe, weiß nicht recht weiter und bekomme auf einmal das Gewicht der Zeit zu spüren … Mehr als 50 Jahre Diktaturerfahrung – Brüche, Tabus, Traumata, Kontinuitäten, Belastungen, Opfer-, Täter-, Mitläufererzählungen – all das sollte nun in die Identitätsgeschichte Ost, aber auch in die Familienbiographien integriert werden. … Der Psychoanalytiker Arno Gruen sprach von einem „latenten, verschiebbaren Hass“, der neu transponiert wurde. Das, weil nun eine doppelte Vergangenheit, die des Nationalsozialismus und der SED-Diktatur, derealisiert werden musste. …“ | Aus: Ines Geipel „Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“ (2019)

“ … Nach dem Mord an Gerold von Braunmühl schreiben seine Brüder einen offenen Brief an die RAF. Die „taz“ druckt ihn auf Seite eins. „Wer macht Euch zu Auserwählten Eurer elitären Wahrheit? Gibt es etwas außerhalb Eurer grandiosen Ideen, was Euch erlaubt, einem Menschen Eure Kugeln in den Leib zu schießen?“ – Die RAF hat nie geantwortet. …“ | Aus: „Aufarbeitung der RAF-Morde: Die Ohnmacht nach der Bombe“ Frank Bachner (18.10.2017), Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/aufarbeitung-der-raf-morde-die-ohnmacht-nach-der-bombe/20468178.html

“ … [Frank Bachner Gerd Nowakowski (19.06.2017)]: Sie haben mit fünf weiteren RAF-Mitgliedern die westdeutsche Botschaft in Stockholm überfallen, weil Sie inhaftierte RAF-Mitglieder freipressen wollten. Dabei hat Ihr Kommando zwei Geiseln erschossen. Kann man heute jüngeren Menschen erklären, dass die RAF glaubte, sie könnte der Bundesregierung auf Augenhöhe den Krieg erklären? — Lutz Taufer: Ich kann es nicht erklären. …“ | https://www.tagesspiegel.de/berlin/terror-der-roten-armee-fraktion-die-schuld-wird-mich-ein-leben-lang-begleiten/19942392.html (19.06.2017)

“ … Stefan Weiss (30. Mai 2018): Die 68er politisierten sich einst an den Gräuelbildern des Vietnamkriegs, die damals erstmals via Fernseher in die Wohnzimmer geliefert wurden. Heute scheint durch die mediale Überfrachtung mit Gewaltbildern eher ein Fluchtreflex einzusetzen. Man will eben nicht mehr hinsehen. Ist das gefährlich? – Helnwein: Der ganze Planet ist fest im Griff eines Systems, das Pasolini schon in den 60er-Jahren als Konsumterror, als den neuen Faschismus bezeichnet hat. Die Überflutung der Menschen mit überflüssigen Konsumprodukten, schwachsinnigem Entertainment, Kitsch und Gewalt in Massenmedien, Filmen und Computerspielen haben die Menschen desensibilisiert und in einen Zustand von Apathie getrieben. …“ | Aus: „Gottfried Helnwein im Interview: „Das Geschäft mit dem Tod läuft gut“ Interview: Stefan Weiss (30. Mai 2018), Quelle: https://derstandard.at/2000080648311/Gottfried-Helnwein-im-Interview-Das-Geschaeft-mit-dem-Tod-laeuft

spiegel.de (21.04.2017 ): “ … Es gibt kaum politische Biografien im Deutschland des vergangenen Jahrhunderts, die bizarrer sind als die von Horst Mahler. … Die Eltern des im Januar 1936 im schlesischen Haynau geborenen Mannes waren glühende Nationalsozialisten und Antisemiten, die gegen Kriegsende vor der Roten Armee flüchteten und in Dessau in der DDR landeten. Ihr Sohn war Mitglied der kommunistischen „Freien Deutschen Jugend“, als sein Vater sich eines Sonntags nach dem Frühstück der Familie im Garten erschoss. Er hatte den Untergang des großdeutschen Reichs nicht verkraftet. Die Mutter flüchtete aus der DDR nach West-Berlin, Sohn Horst bekam als exzellenter Student ein Stipendium der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ zugesprochen und studierte an der Freien Universität in West-Berlin Jura. …“ | http://www.spiegel.de/politik/deutschland/horst-mahler-auf-der-flucht-von-der-raf-zum-nazi-a-1144137.html | https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Mahler

n-tv.de (14. März 2019): “ … Eine Mail sei am Dienstag der Bundestagsabgeordneten Martina Renner von der Linken zugegangen, hieß es. Sie sei mit „Nationalsozialistische Offensive“ unterzeichnet gewesen und habe angekündigt, künftig Briefbomben zu verschicken und Bürger auf offener Straße zu exekutieren. Man verfüge über Sturmgewehre, Pistolen und biologische Kampfstoffe. Bekannt ist, dass unter dem Kürzel „NSU 2.0″ in den vergangenen Monaten auch Drohschreiben an eine Frankfurter Rechtsanwältin geschickt worden waren. … Bei den Schreiben an die Frankfurter Anwältin war Hintergrundwissen aus dem Informationssystem der Polizei offenbart worden, weshalb nun gegen hessische Polizisten ermittelt wird. …“ | Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Rechte-verschicken-wohl-Dutzende-Drohmails-article20905478.html

Dr.med.Horst Brodbeck zu ‚Klaus Theweleit: „Das Lachen der Täter: Breivik u.a.“‘ (02.02.2016): “ … Was aber ist los mit diesen Menschen? Hier geht Klaus Theweleit davon aus, dass es … zu einer „abgrundtiefen Fremdheit zwischen Welt und Ich“ (S.100) gekommen ist, die das Lachen („Hahahahaha“) zum „Ausdruck höchster Einsamkeit“ werden lässt. Theweleit nimmt an, dass es „die Einsamen sind, die sich tot lachen“ (S.101). Das Gelächter füllt eine innere Leere, die sich sonst füllen könnte mit der Gewissheit: „Ich weiß nichts, ich bin nichts, ich habe keinen Ort, ich habe niemanden, an den oder die ich mich wirklich halten kann; Nichts, das mich hält, ich falle“ (S.100). Hier lässt sich die Notwendigkeit von Bindung und Zugehörigkeit ableiten, die sich mit einer „Angst vor Unordnung und tiefem Wunsch nach Reinheit“ (S.168) verknüpft hat. Nichts darf stören: „Alles ‚Fremde‘: raus“ (S.160). Klaus Theweleit schreibt: „Der gepanzerte, von Schmutz- und Fragmentierungsängsten bedrohte Körper des soldatischen Mannes hält äußeres ‚Gewimmel‘, sei es von tatsächlichen Insekten und kleinen Tieren, sei es von Menschen ’niederer Rasse‘, die er ’selbstredend‘ als Ungeziefer bezeichnet, nicht aus. Er wird gewalttätig. … Es sind dies Akte der eigenen zwanghaften körperlichen Stabilisierung“ (S.169). … “ | https://www.psychoanalyse-aktuell.de/artikel/detail/news/klaus-theweleit-das-lachen-der-taeter-breivik-u-a/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=4efc4509c363afa1bf2689d3c2f9029b


Marietta Steinhart (20. März 2019): “ … Das kollektive us bezieht sich auf die menschliche Existenz mit ihren dunklen und hellen Seiten. … „Sei es die Angst vor dem Außenseiter, vor dem Ausländer oder vor dem Anderen“, sagt Peele. „Wir sind eine Gesellschaft von Menschen, die mit dem Finger auf andere zeigen.“ Peele interessiert, wohin das führt: zu einer Angst vor Einwanderern, vor Terrorismus, vor allem. Und ganz egal, ob die Protagonisten weiß oder schwarz sind, es sind Menschen wie wir, die unsere Welt für manch andere zur Hölle gemacht haben. … In Wir spielt jede der Schauspielerinnen und jeder der Schauspieler mit erstaunlicher Unheimlichkeit sein eigenes Double. … „Horror ist der dunkle Doppelgänger der Komödie“, sagt Peele. Schreien und Lachen kriechen bei ihm aus demselben versunkenen Ort. … “ | https://www.zeit.de/kultur/film/2019-03/wir-jordan-peele-horrorfilm-lupita-nyongo-rezension

lemon / 29 März 2019 / Fraktal.Text, Gespaltene.Deutung, Global.Politix:Micro / 0 Comments