[Pier Paolo Pasolini… ]

[…] [„120 Tage von Sodom“] – Ist es wirklich verbietenswerte Exploitation, die sich darauf gefällt, das Verachtenswerte der menschlichen Animalie für viel Geld und Aufsehen auszuschlachten?

[…] Auf glitzernde Opulenz oder subtile Erotik verzichtet er ganz, sondern zeigt uns nur die Perversionen und Gewalttätigkeiten in einer Direktheit und Klarheit, dass sich durchaus der Magen des Zuschauers umdrehen mag.

Kontrastiert werden die schrecklichen Episoden, in denen die jugendlichen Opfer dazu gezwungen werden, sich inzestuös untereinander und innerhalb des eigenen Geschlechts zu paaren, und ihre eigenen Exkremente zu verspeisen, durch die hohe Kultiviertheit der „Bösen“. Hochtrabend zitieren sie Nietzsche und Baudelaire und hängen sich Picasso-Gemälde in ihrem Schloss auf. Ihr Verhalten bleibt untereinander immer gesittet und gebildet, wenden sie sich ihren zu Objekten degradierten Opfern zu, werden sie zu reißenden Bestien, nur darauf aus, ihnen Schaden hinzuzufügen und zu ejakulieren. Pasolini zeigt und sagt: Das Böse schlummert überall. Auch der intelligenteste, hochgestellteste Mensch hat jene dunkle Seite in sich.

Ja, Pasolinis Werk muss, auch wenn man das Gezeigte verabscheut, eine respektable Wahrheit zuschreiben. Er zeigt den Horror, das Unmenschliche im Schöngeistigen und zeigt auch, wie konsequent das Böse ist. Am Ende des Films stehen Folter- und Tötungsszenen, die zwar oft nur angedeutet werden, aber wieder durch die gleichgültige Freude der vier Männer zu einer fürchterlichen, absurden Intensität geschaukelt werden. Da wird skalpiert, verbrannt und zerschnitten. Und die Politiker tanzen, onanieren und scherzen dazu. Pasolini zeigt ein ehrliches Sittenbild; er erfindet die Perversion nicht, er bildet nur die Realität ab, zeigt uns, in welche Abgründe der menschliche Geist, unabhängig des Bildungsgrades, fallen kann.

[…] Pasolinis Werk ist auch eine Reflektion auf den Faschismus in seinem Land. Die Geschichte ist 1944 angesiedelt, kurz vor dem Ende Mussolinis, einer Zeit, in der sich das Volk dem diktatorischen Folterer untergeordnet hat, die Augen schließend und das Töten leugnend. Und so ist „Die 120 Tage von Sodom“ eine wichtige Parabel auf eine Politik, die ihr Volk vergewaltigt, ohne dass dieses rebelliert.

[Aus: „MITTERNACHTSKINO – 120 Tage von Sodom“ von Björn Last / Quelle: Sodom.htm]

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[…] Was spätestens aus heutiger Sicht eigentlich kaum der Erwähnung wert ist – ein Siebenundzwanzigjähriger wichst mit einem Sechzehnjährigen im Gebüsch, wird zum Skandal. Pasolini war damals bereits aufgrund seiner Tätigkeit als Schriftsteller, Pädagoge und Politiker eine „öffentliche Gestalt“ (Naldini); die Anzeige, der Skandal, der Prozeß und schließlich die Flucht aus dem heimatlichen Friaul in unbekannte Rom bilden einen biographischen Wendepunkt und bündeln einige Motive, die von da an mit Pasolini, ob er es will oder nicht, verbunden bleiben werden: persönliche Leidenschaft, politisches Engagement, öffentliche Erregung und nicht zuletzt: Homosexualiät.

[Aus: „Pier Paolo Pasolini… che vivo di passione“ von Stefan Broniowski (2000) / Quelle: http://www.kpoe.at/redout/Text/pasolini.html ]

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[…] Er kritisierte trotz seiner Religiösität die Kirche, als überzeugter Marxist den Marxismus und als Patriot forderte er in Zeitungsartikeln auf, der Regierung den Prozess zu machen. Fest steht, dass die Ermordung Pasolini die Möglichkeit nahm, seinen Pessimismus zu revidieren, den er in Salò verewigte.

[…] In diesem Pessimismus siedelt Pasolini den Sadismus zwar im Faschismus an, vor allem jedoch als „Symbol der Macht“, versteht die Herabsetzung der Sexualität und der Körper zur Ware jedoch als Analogie zur heutigen Gesellschaft.

[…] Die Zumutung dieses Films gründet nicht nur in den zugespitzten Gewaltszenen, sondern in der immanenten Gewalt des Systems, seines Regelwerks der Machtunterwerfung. Dieses funktionierende Konstrukt spiegelt der Film in seiner ästhetischen Umsetzung wider. Die strenge Bildkomposition durch kühle Farben, distanzierte Weitwinkelobjektive und abrupt geschnittene Montage, die jeden Ansatz von Mitleid mit den Opfern konsequent abbricht, die narrative Schlichtheit der mechanisch vollzogenen Riten, die den Film mit einer penetranten Langatmigkeit durchzieht, all das bereitet Angst vor der Aktualität dieses Films. Neben vielen von Pasolini geleisteten Interpretationen ist diese am offensichtlichsten: Jenes in ‚Salò‘ gezeigte Regelwerk und die Praxis der Machtausübung sind Grundbestandteil jeglicher Herrschaft. Gewalt wird (staatlich) sanktioniert, Regeln erlassen und genau wie bei de Sade lediglich ganz regelkonform in die Tat umgesetzt. Insofern ist auch unsere heutige Demokratie von einem latenten Ungleichgewicht im Mächteverhältnis geprägt, das die Gefahr eines Missbrauchs impliziert. Bemüht sich die Politik über die Gewaltenteilung noch um Ausgleich und Transparenz, tritt das Ungleichgewicht am deutlichsten in der (Global-) Ökonomie zutage, die sich nach klaren wirtschaftlichen Normen die Abhängigkeit vom Geld und vom Arbeitsplatz zu Nutze macht und dabei auch nur Regeln konform umsetzt.

Diese apokalyptische Sprengkraft hat sich in 28 Jahren nicht geändert, nur schreit deshalb heute keiner mehr auf. Denn gewalttätige Darstellungen bieten kaum mehr Anlass zur Empörung, sondern dienen als Schauermärchen vielmehr der individuellen Berauschung. Des Weiteren wird ‚Salò‘ geduldet, weil er sich als wahr erwiesen hat. Die breite Öffentlichkeit hat sich mit ihrer Opferrolle fraglos abgefunden, nur eine Minderheit nutzt die relativen Freiheiten, um ihren Protest kundzutun.

[Bruchstück aus: „Von der Wiederentdeckung eines Ungetüms (Die 120 Tage von Sodom)“ von Jörn Seidel (Leipzig Almanach Kulturtagebuch) / Quelle: pasolini_die_120_tage_von_sodom_joern_seidel.html]

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[…] „Salò“ bedeutete die Entkleidung menschlicher Beziehungen von allen Euphemismen: das Eintauchen in Höllenkreise exzessiver Sexualität, Gefühllosigkeit und Gewalt, mit Szenen, die im Kino bis dahin noch nicht zu sehen gewesen waren. Die Menschheit ist hier unterteilt in Herren und Knechte; das Ausschlachten der Körper, das Verzehren von Kot und Trinken von Blut, als Gipfel und zugleich tiefster Punkt der Konsumgesellschaft. „Salò“ rief mehr Ermittlungsbeamte auf den Plan als der Tod Pasolinis: Der italienische Staat verhängte zeitweise eine Totalzensur über den Film, gegen die zahlreiche Regiekollegen, darunter Bertolucci, Antonioni, Rosi und Visconti protestierten.

[…] Seine Ideale führten Pasolini zu den Kommunisten, deren ideologische Engstellen er zu Gunsten einer eher urchristlichen solidarischen Haltung aufzubrechen suchte. Er war ein dialektischer Träumer, ein blasphemischer Christ, ein emotionaler Analytiker, dem seine Hoffnungen auf eine bessere Welt freilich irgendwann nur noch als Utopie erschien: „…weil ich alt geworden bin, weil ich weise‘ geworden bin, weil ich die Dinge zu sehr akzeptiert habe.“ Dann drehte er „Salò“.

[Aus: „DAS FLIEGENDE AUGE – Der Käse des Gekreuzigten“ von RALF SCHENK (27.10.2005) – Quelle: berliner-zeitung/serie_kultur/495318.html]

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[…] Drei Wochen vor der Uraufführung von „Die 120 Tage von Sodom“ im November 1975 wurde Pasolini ermordet. In vielen Ländern wurde der Film damals zensiert, in einigen auch verboten, unter anderem in der Bundesrepublik.

[…] Als literarische Vorlage griff Pasolini das gleichnamige Fragment de Sades auf, dessen Handlung er in Mussolinis letzten Rumpfstaat, die Republik von Salò, verlegte. Eine Gruppe von Jungen und Mädchen werden von Faschisten in eine Villa verschleppt, wo sie den perversen Fantasien von vier „Herren“ ausgeliefert sind. An drei Tagen durchleiden die Opfer danteske „Höllenkreise der Leidenschaften, der Scheiße und des Blutes“. Nach sexueller Erniedrigung und der Tortur, ihre eigenen Exkremente zu verzehren, werden sie qualvoll zerstückelt. Doch bezieht der Film seine schockierende Wirkung nicht nur aus den Gewaltszenen, sondern vor allem auch aus der Strenge des formalen Aufbaus sowie der großbürgerlichen Kulturviertheit, auf der die Unterdrücker ihren Sadismus begründen.

[Aus: „Höllenkreise aus Blut und Scheiße – Wieder im Kino: Pasolinis ‚Die 120 Tage von Sodom'“ von Sebastian Preuss (08.05.2003)/ Quelle: 2003/0508/berlinberlin/0072/index.html]

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Der wegen Ermordung des italienischen Schriftstellers und Regisseurs Pier Paolo Pasolini verurteilte Pino Pelosi hat sein damaliges Geständnis widerrufen. Mehrere Unbekannte hätten den Mord begangen. Ob es neue Ermittlungen geben wird, steht nicht fest.

[Quell: http://shortnews.stern.de/shownews.cfm?id=572171]

lemonhorse / 22 November 2005 / Cinema.Exposure, Fraktal.Text / 0 Comments

[Notizen zu Metropolis]

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Bildquelle: „Metropolis“ UFA, R: Fritz Lang (1927)

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[…] 1933 wurde Fritz Lang zu einem Gespräch mit Propaganda-Minister Goebbels eingeladen. Dieser bot ihm die Führung des deutschen Film an. Lang zögerte seine Antwort hinaus und fuhr noch am selben Abend nach Paris. Seine Ehe mit Thea von Harbou – sie lebten seit 1931 getrennt – wurde geschieden. In Frankreich drehte Lang mehrere Filme, kam dann über London nach Amerika, wo er mit anderen die Anti-Nazi-League gründete.“

[Aus: „Metropolis (1926) – Deutsche Filmgeschichte by Thomas Staedeli“ – Quelle: http://www.cyranos.ch/metrop-d.htm]

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„[…] Fritz Lang meinte später zu dem Film: »Die Hauptthese war von Frau von Harbou, aber ich bin wenigstens zu fünfzig Prozent verantwortlich, weil ich den Film gemacht habe. Ich war damals nicht so politisch bewußt, wie ich es heute bin. Man kann keinen gesellschaftlich bewußten Film machen, in dem man sagt, der Mittler zwischen Hand und Hirn sei das Herz – ich meine, das ist ein Märchen – wirklich. Aber ich interessiere mich für Maschinen…«. “

[Aus: „Drehbeginn zu »Metropolis« in Berlin“ von Joachim Thurn – Quelle: berlinische-monatsschrift.de/bms/bmstxt00/0005gese.htm]

lemonhorse / 20 November 2005 / Fraktal.Text / 0 Comments

[Babelsberg… ]

[…] 1926 wird für Fritz Langs Großfilmproduktion Metropolis das inzwischen „Marlene Dietrich Halle“ genannte Großatelier hochgezogen. 1929 folgt das erste deutsche Tonfilmatelier, „Tonkreuz“ genannt wegen seiner gekreuzten Bauform: Melodie des Herzens mit Willy Fritsch entsteht dort, der erste deutsche komplett vertonte Spielfilm.

Der deutsche Film aus Babelsberg erreicht Weltgeltung, konkurriert mit Hollywood. Und dorthin gehen auch die Stars: Marlene Dietrich einen Tag nach der Premiere ihres Welterfolgs Der blaue Engel am 2. April 1930. Der UFA-Produzent Erich Pommer und Regisseure wie Lang, Lubitsch, Siodmak, Wilder, Zinnemann verlassen Deutschland, das auf dem Weg ins Dritte Reich ist, und machen Hollywood endgültig zum strahlenden Fixstern am Kintopp-Himmel.

In Deutschland selbst wird der Abstieg Babelsbergs kaum bemerkt. Propagandaminister Joseph Goebbels arisiert und verstaatlicht die Filmindustrie. Der Produktionsmotor dreht hochtourig im kulturellen Leerlauf. Tausend Filme spucken die Babelsberger Hallen aus während des Tausendjährigen Reiches, das von 1933 bis 1945 dauert: Lustspiele, Durchhaltefilme. Mit der Kapitulation wird das Babelsberger Vermögen beschlagnahmt und bis 1953 zwangsverwaltet. Babelsberg liegt nun in der DDR, die frisch gegründete Defa macht hier die Filme. Nach der Wiedervereinigung ersteht Studio Babelsberg neu; Weltgeltung wird es wohl nie mehr beanspruchen können: Heute werden auf dem Gelände im Auftrag von Fernsehsendern Telenovelas wie Bianca und Julia am Fließband gedreht.

[Aus: „Babelsberg: Niedergang einer Filmlegende“ von Frank Sauerland (www.kino-zeit.de) / Quelle: babelsberg-niedergang-einer-filmlegende.html]

lemonhorse / 20 November 2005 / Cinema.Exposure, Fraktal.Text / 0 Comments

[hallucinogenic cactus]

[…] BOSTON (AP) – A study of the effects of peyote on American Indians found no evidence that the hallucinogenic cactus caused brain damage or psychological problems among people who used it frequently in religious ceremonies.

[…] The study was conducted among Navajos in the Southwest by McLean psychiatrist John Halpern. It compared test results for 60 church members who have used peyote at least 100 times against those for 79 Navajos who do not regularly use peyote and 36 tribe members with a history of alcohol abuse but minimal peyote use.

Those who had abused alcohol fared worse on the tests than the church members, according to the study.

Church members believe peyote offers them spiritual and physical healing, but the researchers could not say with any certainty that peyote’s pharmacological effects were responsible for their test results.

[source: „Peyote Not Harmful to American Indians“ By MICHAEL KUNZELMAN (04.11.2005) – LINK: http://www.guardian.co.uk…]

lemonhorse / 20 November 2005 / Fraktal.Text / 0 Comments

[Weimar Republic’s Psychonautic Avantgarde]

[…] Of the hundreds of books, articles, essays, monographs and dissertations on Benjamin (over 3000 exist), only a handful discuss the writings on hashish and opium and the Drogenversuche [drug experiments] and none of them situate the experiments within a historical context. When Benjamin became a „test subject,“ he also became part of a long-forgotten community, the Weimar Republic’s psychonautic avant-garde, which included Benjamin’s friend, Ernst Bloch, his cousin Egon Wissing and Egon’s wife, Gert. With the synthesis of mescaline from peyote by Arthur Heffter in 1896-1897, Germany became the leader in psychopharmacological research.

[Source: „From ‚Rausch‘ to Rebellion: Walter Benjamin’s On Hashish and the Aesthetic Dimensions of Prohibitionist Realism“ – An introductory essay by Scott J. Thompson => http://www.wbenjamin.org/rausch.html]

lemonhorse / 16 November 2005 / Fraktal.Text / 0 Comments

lemonhorse / 14 November 2005 / Akustische.Wellen, Found.Stuff / 0 Comments

[Eyes in Bladerunner… ]

[…] It has been said that eyes are the gateway to the soul. This idea is indeed accepted by the majority of people at least in developed countries. This is demonstrated by the use of words in some everyday phrases and sayings. For example a common phrase is „Look me at the eyes and tell me the truth“. Moreover, eyes are also linked with perception. We must bear in mind that most of the eye symbolism in Bladerunner is tightly linked with the above associations.

The most interesting and important use of eye symbolism in the film is that eyes are used to determine if a person is a replicant or not…

[A Snatch from: „Eyes in Bladerunner“ by Thomas Karantinos (2003) / http://scribble.com/uwi/br/tkarantinos.html]

lemonhorse / 14 November 2005 / Cinema.Exposure, Fraktal.Text / 0 Comments

[MZ-80 K]

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[Aus: „Von der passiven zur aktiven Coputerei“ von Hans-Joachim Sacht (Chip Wissen / Vogel Verlag /1. Auflage 1982 / Seite 288)]

lemonhorse / 13 November 2005 / Found.Stuff / 0 Comments

[Weiche Sektoren]

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[Aus: „Commodore 64 Anwenderhandbuch“ von John Heilborn und Ran Talbott / Osborne/McGraw-Hill (Hamburg) – Ins Deutsch übersetzt von Peter Niemann (1983)]

lemonhorse / 11 November 2005 / Found.Stuff / 0 Comments

[Die Konstruktion von Situationen]

[…] «Unser Hauptgedanke ist der einer Konstruktion von Situationen – d.h. der konkreten Konstruktion kurzfristiger Lebensumgebungen und ihrer Umgestaltung in eine höhere Qualität der Leidenschaft.» [….] Die Konstruktion von Situationen eröffnet neue Möglichkeiten des Alltags, d.h. eine Befreiung von den festgelegten Strukturen und mechanisierten Prozessen unserer Lebenswirklichkeit.

[…] Subversive Spiellaune verbindet sich hier mit strenger Planung – Debord geht soweit, für die Konstruktion dieser Situationen eigentliche Drehbücher vorzuschlagen. Die spielerische Lust an der Zerstörung alles Hergebrachten und die pathetische Vision einer besseren Welt verbinden sich zur eigentümlichen Tonlage der «ernsten Parodie», die sich durch alle Texte und Aktionen der Situationisten zieht.

Es wäre jedoch ein Irrtum, die situationistische Sehnsucht nach einer Rückgewinnung der Lebenswirklichkeit im Sinne des Rousseauschen «Zurück zur Natur» zu interpretieren. Sie teilen das Wissen der radikalen Romantiker, dass vor den Pforten des Paradieses ein Cherubim mit flammendem Schwert steht, der jede Rückkehr verwehrt. Sie wählen im Gegenteil die Flucht nach vorne, indem sie die Lebenskonstruktion als solche akzeptieren.

[…] Das Umherschweifen ist eine Bewegungsart, die sich durch ihre Ziel- und Planlosigkeit, durch ihre Absage an die Hörigkeit ausgetretener Pfade, ihren Verzicht auf alle bisherigen Bewegungs- und Handlungsmotive den funktionalisierten Zwing-Strukturen der Stadt entzieht, ja diese zweckentfremdet. Mit der Methode des Umherschweifens soll die Stadt als Erfahrungs- und Erlebnisraum ausgelotet und auf ihre Möglichkeiten zur Konstruktion von Situationen befragt werden. So lassen sich Zonen der verdichteten Erlebensintensität ausmachen, welche zumeist nichts mit den städtischen Achsen und Knotenpunkten zu tun haben müssen. Eine kleine Gasse oder irgendeine Ecke können auf einem psychogeographischen Stadtplan viel grösseres Gewicht erhalten als eine Hauptverkehrsader. Solche «heisse» Zonen bilden auch die idealen Orte für wiederholte Interventionen, welche zur Kreation neuer Situationen führen können.

[Aus: „New Babylon. Aufstieg und Fall der Stadt Paris Zwischen Second Empire und 1968“ – Abhandlung von Juri Steiner von Zürich / Quelle: http://www.dissertationen.unizh.ch/2003/steiner/dissjst.pdf

lemonhorse / 11 November 2005 / Fraktal.Text / 0 Comments