[Die Auslagerung von Gefühlen… ]

„[…] Am Beispiel des Dosengelächters in Fernsehkomödien versucht Slavoj Zizek dieses Phänomen zu erklären: So wie, Lacan zufolge, der Chor im antiken Theater die Funktion hatte, anstelle der Betrachter Furcht und Mitleid zu empfinden, dem Zuschauer den Gefühlsausbruch also habe abnehmen sollen, lache das Fernsehgerät nach jeder Pointe selbst, damit der Zuschauer nicht emotional reagieren müsse. Vergnügen entsteht somit, indem ein Ding automatisch für den Konsumenten reagiert…
[…] Die Auslagerung von Gefühlen, Gedanken und Überzeugungen, die Möglichkeit, psychische Zustände in fremde Körper oder Automaten zu verlagern, läßt denn auch Robert Pfaller von einem gegenwärtigen Wandel zur Interpassivität im kulturellen Verhalten sprechen. Interpassive Personen genießen nicht selbst und treiben einen großen Aufwand, um dem Genuß zu entkommen; in einer Strategie der Ersatzhandlungen engagieren sie Personen oder Geräte, die an ihrer Stelle genießen. …“

Bruchstück aus: „Der Erzähler und der Cyberspace von Walter Grond“
Quelle: http://www.lesen.action.at/grond/cyb.htm

lemonhorse / 7 Februar 2005 / Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo / 0 Comments

[Glücklichster Tag auf der ganzen Welt… ]

Wir teilen uns 2 Thüringer Bratwürste – im alten Röhrenradio läuft Duke Ellington und meine Tochter sagt mit einem Stück Weissbrot in der Hand: „Das ist mein glücklichster Tag auf der ganzen Welt!

lemonhorse / 29 Januar 2005 / Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[In einem zerhackten Moment… ]

So segelt meine Verfassung in den Wogen des Kaffeebechers.

So dämmert der Gedanke auf den Shift-Tasten meiner Gefühlstastatur. So wippt die Narkose auf dem Bürostuhl. Und der Blick aus dem Fenster stürzt sich in einem zerhackten Moment auf die bunt angemalten Plastik-Kühe, die auf dem Dach der Industieschlachtanlage stehen.

lemonhorse / 27 Januar 2005 / Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Beim Geschirrspülen oder Scheißen… ]

„[…] Getreu der Devise, »daß nichts phantastischer ist als die Wirklichkeit und nichts fiktiver als das Leben«, tritt [Fauser] wie ein hartgesottener Literaturagent auf, der »angestellt ist beim Verfassungsschutz für Sprache und Zweifel«, dem Leben erbarmungslos auf der Spur. Er steigt hinab in dessen finsterste Abgründe, schnüffelt in stinkenden Löchern und versteckten Ritzen, watet im Kot einer tristen, sich im Todeskampf windenden Überflußgesellschaft und seziert unsentimental deren menschliche »Exkremente«, die als bierselige Stammgäste die Tresen gesellschaftlicher Randzonen bevölkern und vom »häuslichen Glück mitten im Minenfeld der sozialen Kämpfe« träumen. Fausers Bewunderung gilt den passionierten Verlierern, den glücklosen Veteranen des täglichen Überlebenskampfes, den Großmeistern des ewigen Selbstbetrugs […] .

Für ihn ist »der Poet ein Lumpensammler
er kommt mit den Abfällen aus
wie die Ratte und der Schakal«
(Trotzki, Goethe und das Glück, 1979).
Fündig wird er in den Großstädten; in den Zentren der Macht und des Scheins »begegnen wir der Psyche unserer Epoche.« Hier erhält er das konzentrierte Extrakt moderner Verhaltensformen, durchtränkt von Korruption, Angst, Lebensgier, Gewalt und Machtbesessenheit; Chiffren für im Grunde archaische Träume und Sehnsüchte, die bei Nichterfüllung mit Alkohol und Rauschgift kompensiert werden. Die Droge dient Fauser nur als Metapher für das Verlangen, sich an etwas zu berauschen, unstillbares Verlangen zu entwickeln.[…]“

[Aus dem „Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, herausgegeben von Dr. Thomas Kraft, München: Nymphenburger Verlag 2003]

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„[…] Wie bleibt man ein unabhängiger Schriftsteller? Ganz einfach: «Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique […].
Fauser schrieb über das Dasein unter den rebellierenden Studenten Sätze wie: »Revolution schien etwas zu sein, das man zuerst in sich machen musste, für sich, um sich herum, vor allem sexuell, aber auch psychisch und überhaupt ständig, auch beim Geschirrspülen oder Scheißen.«
[…] Ihm ging es offensichtlich darum, die Verbohrtheit ideologischer Hardliner zu beschreiben, die sich letztlich nicht viel vom bekämpften «System» unterschieden, mit dem sie wenig später ihren Frieden schlossen. An diesen Stellen ist das Buch sehr komisch – gehässig ist es nie. Vielleicht war «Rohstoff» gerade deshalb bei Erscheinen Anfang der Achtziger kein Verkaufsschlager.

Aus: ‚Literatur ist kein Partyservice‘ (Text über Jörg Fauser)
Quelle: Netzeitung – 14. Jul 2004 07:39 (Autor ?)
Link: http://www.netzeitung.de/voiceofgermany/295583.html

lemonhorse / 20 Januar 2005 / Fraktal.Text / 0 Comments

[Treppenhaus und Mageninhalt… ]

Als ich das erste mal in das Taxi stieg, war es um meine Contenance schon nicht mehr gut bestellt…

Zu einem späteren Zeitpunkt war ich bereits so stark vergoren, dass es ein Wunder war, dass ich unbeschadet aus dem zweiten Taxi steigen – die Haustür öffnen – und mich sogar noch das Treppenhaus hinaufwinden konnte. Ich fragte mich dabei: wie oft werden wohl all die Taxifahrer unfreiwillig Zeuge einer totalen Bankrotterklärung der jeweiligen geistigen Fähigkeiten ihrer Fahrgäste? – Und wie oft hatte ich aus einer vermeintlich sicheren Beobachterperspektive selbst diesem Vorgang beiwohnen dürfen – diesem Drahtseilakt welcher sich bietet wenn terranische Ureinwohner sich an allen möglichen Strassenecken zu jeder nur erdenklichen Uhrzeit in einem wilden Gefecht mit der tückisch gewordenen Schwerkraft befinden. Quälend schoss es mir mitten durch meinen morbid aufgeschwemmten Hochmut, dass ich mich nicht gerade meilenweit entfernt von einem eben solchen Zustand befinde.
Nun, dies alles ist nicht erquicklich und erst recht nicht besonders berichtenswert – wäre da nicht noch ein pikantes Detail, welches einer moralischen-persönlichen „Treffer-Versenkt-Situation“ gleichkommt – denn es ist nicht besonders reizend und elegant, einer angebeteten holden weiblichen Sonnengestalt ins Schlafgemach zu kotzen – oder?
Interessant ist, dass ich mich wie in Zeitlupe daran erinnern kann, wie meine neuronale Alarmanlage zwar die Drohende Katastrophe herbeinahen sieht, jedoch ausserstande ist, den Rest der übrig gebliebenen Psyche davon zu überzeugen, dass es nicht gerade der rechte Ort und die rechte Zeit ist den reichlich dünnflüssigen Mageninhalt durch eine eigentlich nicht dafür vorgesehene Öffnung hinausschwellen zu lassen.
Nun, was habe ich möglicherweise aus alledem gelernt? – Zum Beispiel, dass die Befindlichkeit noch dadurch zu steigern ist, wenn ein honoriger Vermieter um 7 uhr 55 anruft, um einem mitzuteilen, dass man sich doch bitte um die Säuberung des Treppenhausabschnittes sorgen möge.

lemonhorse / 18 Januar 2005 / Fraktal.Text, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Der expressionistische Phantast… ]

[…] „Doch verschmäht der ‚expressionistische Phantast‘ im allgemeinen die krummen Wege der Geltungssüchtigen, die Nützlichkeitshaltung liegt ihm nicht, er wirkt ehrlicher und sympathischer, geht aber bei seiner Kompromißlosigkeit an der Wirklichkeit auch fast zugrunde.“…

Aus: „Die Phantastischen – Typeneinteilung der Psychopathen nach Kurt Schneider“
=> http://www.hypies.de/neuro/KS/phantast.htm

lemonhorse / 22 November 2004 / Fraktal.Text / 0 Comments

[Diese innere Bejahung… ]

„… Totalitarismus ist eine politologische Beschreibungskategorie. Sie untersucht Herrschaftssysteme, die im Gegensatz zum dem des autoritären Staates nicht nur eine diktatorische Regierungsform beinhalten, sondern darüber hinaus auch noch den Anspruch haben, in seinem Herrschaftsbereich einen „neuen Menschen“ gemäß einer bestimmten religiösen oder weltanschaulichen Ideologie zu erschaffen. Zu diesem Zwecke versucht der totalitäre Staat, durch Propaganda und Erziehung die unter seiner Herrschaft lebenden Menschen einer ständigen Indoktrination dieser herrschenden Ideologie auszusetzen, so dass nicht nur deren äusserlicher, formaler Gehorsam dem Staat gegenüber sichergestellt ist, sondern auch innerlich die herrschende Ideologie enthusiastisch aus vollstem Herzen bejaht wird, was eine Politisierung auch der privatesten Lebensbereiche mit sich bringt, denn Gedanken und Gefühle eines jeden Menschen sollen faktisch „von der Wiege bis zur Bahre“ manipuliert werden, um diese innere Bejahung der herrschenden Ideologie zu erzeugen. …“

Bruchstück aus „Totalitarismus“ | Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Totalitarismus

lemonhorse / 13 Oktober 2004 / Fraktal.Text / 0 Comments

[Dusch DADA… ]

Neue Dampfdusche hebt Wellness in ungeahnte Sphären

[…] Die neue Dampfdusche Scala Relax von PALME belebt mit einer Vielzahl an Funktionen Körper und Geist. Mit Lichttherapie und vier einzeln anwählbaren Farben, individueller Duftöldosierung oder unter der „Schottischen Dusche“. Oder vielleicht doch mit Tellerkopfbrause, Wasserfall-Schwallbrause und Massageset?

[…] SCALA Dusch-Modulsysteme bestechen mit modernster Technik und stilvoller Form. Alle Einbauvarianten verfügen über hochwertiges Einscheiben-Sicherheitsglas, bei den Alu-Profilen wählen Sie zwischen Silber, Chrom oder vielen Sanitärfarben. Die Armaturen und Beschläge sind in chrom glänzend.

[…] Hydromassage mit elektronischer Steuerung, Funkfernbedienung mit Touchscreen, drei verstellbare Massage-Brauseköpfe, Beleuchtung, Thermostatmischer mit Absperrung, fünffach verstellbare Massage-Handbrause, ein höhenverstellbarer Sitz und ein ausziehbares, bedienungsfreundliches Technikelement mit integrierter Entkalkungsanlage.

[…] Der Anwender findet in der Kabine einen Sitz, der durch seine Textilbespannung den notwendigen Komfort bietet, der das Dampfbad so angenehm wie möglich gestaltet. Der Sitz ist durch einfaches Umklappen der Reling höhenverstellbar und kann entlang der Reling frei positioniert werden. Wird er nicht benötigt, lässt er sich senkrecht einhängen und dementsprechend platzsparend verstauen.

Bruchstücke aus: „Neue Dampfdusche hebt Wellness in ungeahnte Sphären“
Quelle: http://www.baumarkt.de/b_markt/angebote/angebot-150.htm

lemonhorse / 10 Oktober 2004 / Fraktal.Text / 3 Comments

[„Entweder-Oder“ außer Kraft setzen… ]

[…] Der französische Philosoph Jacques Derrida ist in der Nacht zum Samstag gestorben. Er erlag im Alter von 74 Jahren in einer Pariser Klinik einem Krebsleiden der Bauchspeicheldrüse. Der Autor von „Die Schrift und die Differenz“ begründete in den 60er Jahren den Dekonstruktivismus.

[…] Nach Überzeugung des Pariser Gelehrten beruht die westliche Philosophie auf der falschen Annahme, dass man sich auf die wahre und unverrückbare Bedeutung von Worten und Begriffen verlassen könne. Mit der als Dekonstruktivismus bekannt gewordenen Methode versuchte Derrida stattdessen nachzuweisen,
dass es unmöglich ist, eine definitiv gültige Bedeutung von Texten zu ermitteln. Diesem Ansatz liegt die These zu Grunde, dass kein Gedanke und kein Konzept in Reinform vermittelbar ist. Eine objektiv wahre Deutung von Texten sei deshalb unmöglich.

[…] Am Bekanntesten ist er als Querdenker und Begründer des Dekonstruktivismus. Diese Analysemethode wandte er auf Literatur, Linguistik und Philosophie, aber auch auf Gesetzestexte und Architektur an. Im Fokus seiner Arbeit stand die Sprache. Er erkannte, dass diese mehrere Ebenen und daher auch mehrere Bedeutungen hat. Laut Derrida ist Sprache keinesfalls direkte Kommunikation.

[…] Der Kern seines Denkens war die Annahme, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Verschiedene, auch sich widersprechende Deutungen betrachtete er gleichzeitig als wahr. Um dies zu beweisen, wendete Derrida eine Methode an, die als Dekonstruktivismus bekannt wurde. Dabei werden Texte so zerlegt, dass keine \“wahre Interpretation\“ mehr möglich ist. Die Dekonstruktion hat den Diskurs der siebziger und achtziger Jahre geprägt. Derridas Texte, die Denk- und Gattungsgrenzen in Frage stellen und mit Begriffen spielen, wurden von vielen als unverständlich angesehen.

[Bruchstück aus: „Französischer Philosoph Derrida in Paris gestorben“ (Frankfurter Rundschau online 10.10.2004)
Quelle: LINK

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[…]

Und der Autor eines Textes muss nicht der Autor von dessen Botschaft sein. Ziel seiner Denkschule ist es, das geschriebenen Wort von den sie einschränkenden Sprachstrukturen zu befreien, und so die Grenzen der Textinterpretation zu öffnen.

[…] Einige seiner wichtigsten Veröffentlichungen: „Gewalt und Metaphysik“(1964) „Die Schrift und die Differenz“ (1972) „Semiologie und Grammatologie“ (1975) „Die Postkarte. Von Sokrates bis an Freud und jenseits“(1980) „Aufzeichnungen eines Blinden“ (1996) „Marx’ Gespenster“ (1995) „Geschichte der Lüge“ (1997)

Bruchstücke aus: „Ein Meister der Dekonstruktion“ (09.10.2004)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/896/40856/

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[…] dass Dekonstruktion nicht nur Destruktion und nicht Konstruktion, sondern, in einer paradoxen Bewegung, beides meine: Dass sie Systeme und Hierarchien zerstört, um sie in einer neuen, offenen Ordnung wieder aufzubauen, um mit dem freiwerdenden Material zu spielen, das die Gegensätze wie Kultur und Natur, und sogar Mann und Frau, als kulturelle Setzungen entlarve…

[…] Er zeigte […] Wege der Öffnung, neue Perspektiven, Werkzeuge, um die Totalisierung des Denkens, das Entweder-Oder außer Kraft zu setzen.

Bruchstück aus „Adieu, D.“ Von Niklas Maak
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,322427,00.html

lemonhorse / 10 Oktober 2004 / Fraktal.Text / 0 Comments

[Kunstschutz-Offiziere und Trophäenkommissionen… ]

[…] Unter dem Begriff Beutekunst versteht man grundsätzlich während des Krieges geraubte Kulturgüter aus Kirchen, Schlösser, Bibliotheken, Museen und Universitäten des Kriegsgegners. Speziell die Raubzüge der Nationalsozialisten währen des Zweiten Weltkrieges, die als „größter Kunstraub aller Zeiten“ gelten, haben das Wort geprägt. Doch es kam auch auf Seiten der Alliierten, speziell Russlands, zu ähnlichen Aktionen, die sich im Zuge des wachsenden militärischen Erfolges und der Rückeroberung von besetzten Gebieten abspielten.

[…] Im Zweiten Weltkrieg ging der Raub von Kunst so organisiert vonstatten, wie nie in der langen Geschichte der Menschheit. Die Diktatoren Adolf Hitler und Josef Stalin übertrumpften sich gegenseitig, wie Historiker belegen. Bereits Jahre vor dem Überfall auf seine Nachbarstaaten hatte Hitler Kunst-Kundschafter ausgesandt, Spione, die als Gäste kamen. Unter dem Vorwand von Kulturforschung und wissenschaftlichem Austausch durchkämmten deutsche Sachverständige europäische Museen und Kunstdepots. Im Krieg kamen hinter den Panzern der Wehrmacht dann immer so genannte Kunstschutz-Offiziere, um die Beute waggonweise abzutransportieren. Oft brauchten sie nur ihre Listen abzuarbeiten. Nach Hitlers Niederlage drehte sein sowjetischer Gegenspieler den Spieß um. Mit den „Trophäenkommissionen“ hatte Stalin das Gegenstück zu den deutschen Kunstschutz-Offizieren geschaffen.
Bruchstück aus: „Beutekunst“ (Lexikon)
Quelle: http://www.politikerscreen.de/t-online/lexikon_detail.asp?ID=95

lemonhorse / 7 Oktober 2004 / Fraktal.Text / 0 Comments