[Chemie + Bewusstseinszustand… ]

“ […] DMT ist ein chemisch nicht sehr komplexes Molekül, und ähnelt den Botenstoffen des Gehirns, dem Serotonin und Melatonin stark. Geraucht oder injiziert ist es eines der stärksten psychedelischen Drogen.
Innerhalb von wenigen Sekunden nach dem Konsum lösen sich Zeit, Raum und Widersprüche auf, es kommt zu Bilderfluten und hinter diesen liegen oft noch aufwühlendere Ebenen der Erfahrung.
[…] Die Konstellation der scheinbaren Unvereinbarkeit objektiver Erkenntnis über und subjektiver Erfahrung mit Psychedelika hat sich in den sechziger Jahren gebildet, als Universitätsangehörige wie Timothy Leary nicht nur Studien mit Probanden durchführten, sondern selbst mit Begeisterung auf den Psilocybin- oder LSD-Trip gingen. Mit „Turn on“ und „Tune in“ war es für Leary dann auch nicht mehr getan, es sollte auch zum sozialen „Drop out“ kommen. Das war zu viel für das „Establishment“.
Die Angst vor der Ekstase, tief verwurzelt in der calvinistisch-puritanisch geprägten amerikanischen Gesellschaft, die Angst vor der neuen sozialen Bewegung der Beatniks und Hippies, die ihre Finger – jeweils auf ihre Art – tief in die vom imperialistischen Größenwahn der Machthaber gerissenen Wunden legte und die Infragestellung diverser sozialer Kodizes durch die Gruppen, führten zu einem rigorosen Umgang mit der neuen Bewegung und ihren universitären Quellen und Ablegern. Dem „Summer of Love“ (Jefferson Airplane) folgte der „Winter in America“ (Gil Scott-Heron). Seither ist die damals weltweit als überaus verheißungsvoll angesehene Erforschung des menschlichen Geistes mit Hilfe von „psychedelischen Drogen“ wie LSDA und Psylocibin sanktioniert oder gar unmöglich geworden.
[…] Der Psychologe Strassman, der heute US-Behörden im Prozess der Arzneimittelzulassung berät, ließ sich von der US-Drogenbehörde DEA und der FDA die Applikation von reinem DMT genehmigen und injizierte seinen 60 Freiwilligen, die meist schon sehr erfahren im Umgang mit psychedelischen Substanzen waren, die Substanz in Abhängigkeit von ihrem Körpergewicht. Was dann folgte, waren wilde Abfahrten durch die Höhen und Tiefen der intellektuellen und emotionalen Beschaffenheit der Menschen, bis hin zu mystischen Ganzheiterfahrungen, die man sonst nur aus den Berichten religiöser Ekstatiker und von sich in spiritueller Auflösung befindlicher Meditationsexperten kennt. Selbst für erfahrene Acid-Heads ist die Wirkung des DMT, das den Geist innerhalb von Sekunden in (vermeintlich?) außerplanetarische Sphären katapultiert eine beeindruckende Erfahrung.
[…] Dort, wo die Wirkung der Droge über den psychisch-personalen Bereich hinaus geht, so folgert Strassman aus den Berichten, bestimmen entweder Begegnungen mit Außerirdischen oder mystische Erfahrungen das Erleben. Immer wieder kommen fremdartige Wesen in den Trips vor, die entweder den Neuankömmling in ihrer Sphäre mit Interesse begrüßen – oder ihn ignorieren. Die Beschreibungen der Probanden über Aussehen und Art dieser koboldartigen Entitäten gleichen sich frappant und alle Befragten sind sich sicher, dass sie hier keiner Halluzinationen erlegen waren, sondern tatsächlich Besucher in einer anderen Realität waren. Seither grübeln Strassman und die psychedelische Gemeinde um den Realitätsgrad der Aussagen und suchen nach Erklärungen für die Ereignisse, denn wer glaubt schon an Geister, geschweige denn, lässt sich gerne Geschichten über sie als wahr verkaufen? Der Psychologe in Strassman zweifelte und hielt sich am Grundsatz „It’s all in your mind“ fest, der Psychedeliker in ihm versuchte dagegen nicht zu schnell zu bewerten.
Letztlich siegte der Mensch in ihm und schrieb ein ehrliches und offenes Buch über seinen Versuch, Wirkung und Potenzial von DMT besser zu verstehen. Seine Antwort: Jeder ausgewachsene Körper produziert ständig dieses Tryptamin in sehr kleinen Mengen. Nach Ansicht von Strassman hält uns dies in unserem normalen, alltäglichen Bewusstseinszustand. Nahtodeserfahrungen und kosmische Ganzheitsgefühle dagegen setzen, so Strassman, hochwirksame Dosen von DMT in der tief im Hirn liegenden Zirbeldrüse frei. …“

Aus: „Die Formel für den mystischen Durchblick“ – von Jörg Auf dem Hövel (31.07.2004)
Quelle: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/buch/17947/1.html

lemon / 31 Juli 2004 / Found.Stuff, Fraktal.Text
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