[Diktaturgeschichte & Realitätskerne #1 … ]

“ … „die heutige Demokratie in der Europäischen Union [seien] keineswegs ein Kind gestandener europäischer Liberalität“ [ ], sondern vielmehr „das Ergebnis eines schändlichen europäischen Sündenfalls: des genozidalen Weltkrieges“, der gleichbedeutend mit dem Scheitern des Konzeptes der europäischen Demokratie war. … CARLOS COLLADO SEIDEL (München) leitete mit einem groß angelegten Überblick über die Franco-Diktatur in Spanien die erste Sektion ein, welche sich der Entstehung und dem Charakter der südeuropäischen Diktaturen widmete. „Der Spanische Bürgerkrieg von 1936-1939 ist bis heute ein zentraler Referenzpunkt für die spanische Gesellschaft.“ … Die von António de Oliveira Salazar in Portugal errichtete Diktatur des Estado Novo (1933-1974) war die längste rechtsgerichtete Europas. Ein zweifelhafter ‚Rekord’, den CHRISTIANE ABELE (Paris/Freiburg) nach dem Wie sowie auf die Entwicklungsstufen des Regimes hin hinterfragte. … JANIS NALBADIDACIS (Berlin) hob zunächst die markanten Bedeutungsunterschiede der griechischen Militärdiktatur (1967-1974) gegenüber den zuvor präsentierten Vergleichsfällen in Spanien und Portugal hervor: Diese war die einzige, welche sich lange nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte und daher international wesentlich stärker verflochten war, was nicht zuletzt zu ihrer Durchlässigkeit für internationalen Protest und damit auch ihrer im Gegensatz zu den Diktaturen auf der iberischen Halbinsel geringen Verweildauer geführt habe. Kritisch sei in diesem Zusammenhang, die historiografische Etikettierung des Obristen-Regimes als „aus der Zeit gefallen“ zu betrachten, da diese „ahistorische“ und simplifizierende Perspektive den weiten Bedeutungszusammenhängen der Diktatur in keiner Weise Rechnung trage. … Mit einem Zitat Jorge Sempruns führte ULRIKE CAPDEPÓN (Hamburg) in die zweite Sektion ein, welche das Ende der Diktaturen und ihren Weg zur Demokratie thematisierte: „Spanien hat sich mit erdrückender Mehrheit für eine kollektive und gewollte Amnesie entschieden […]“. …“ | Aus: (‚Europas vergessene Diktaturen? Diktatur und Diktaturüberwindung in Spanien, Portugal und Griechenland‘, Stiftung Ettersberg, Europäische Diktaturforschung – Aufarbeitung der SED-Diktatur – Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße; Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Datum 04.11.2016 – 05.11.2016) | Quelle: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7037

Ines Geipel (geb. Schmidt) 1982 – ASV-Meeting in Koeln. Foto: Juergen Weyrich

“ … [Ines Geipel]: … Worüber wir auch nicht sprechen, ist die Tatsache, dass es mit 1990 kein Aufarbeitungsmodell für mehr als fünfzig Jahre Diktaturgeschichte gegeben hat. Woher auch? Wir sind ja überaus erfindungsreich, was Entlastungserzählungen angeht. … Aufarbeitung ist zäh, sie stößt auf Widerstände, bei Lichte besehen ist sie fast immer enttäuschend. … Mir geht es um eine Geschichte des Autoritären, der Gewalt, der Angst. Wir sagen DDR und denken dabei an einen stabilen, sicheren Käfig. Aber in ihm regierte die Angst, sehr viel Angst. Mein Modell wäre zu sagen: Okay, wir sind gedächtnispolitisch im Jahr 1975, wenn man als Nenngröße die alte Bundesrepublik setzt. Das war die Zeit, als die Nachfragen nach innen gingen, in die Familien, und als sich das politische Klima, die politische Haut der Gesellschaft veränderte. Im Westen verständigte man sich zu der Zeit auf einen Konsens: Was ist unser Maß, was das absolute No-Go? Im Osten existiert bis heute nur ein Konglomerat an Erzählungen. Du sitzt in einem Raum, willst über das Jahr 1989 sprechen, und jeder Anwesende bringt seine Version. Für den einen ist der 9. November 1989 der schlimmste Tag seines Lebens, die Nächste erzählt vom absoluten Glück. … Es ist unglaublich, mit welcher Härte die wirklichen Opfer der zweiten Diktatur wegerzählt werden. Fünfzig Jahre Diktaturerfahrung sind eben nicht nur traumatisierte Menschen, sondern auch eine traumatisierte Kultur. … Gerade das Autobiografische verlangt eine spezielle Art der Aushärtung. Es geht nicht um das Aufsammeln von Details, sondern: Halten die Sätze? Lege ich mit ihnen eine Wahrnehmung frei, die mit dem Ich, der inneren Apparatur, dem eigenen Koordinatensystem zu tun haben? Geht es dabei nicht zuerst um Realitätskerne, um eine Verdichtung von Erfahrung, die nach etwas Essenziellem in der Zeit sucht? …“ | https://www.derstandard.at/story/2000110569561/ex-ddr-athletin-und-autorin-ines-geipel-die-ddr-war | https://de.wikipedia.org/wiki/Ines_Geipel [ (2. November 2019): “ … In ihrem 2019 veröffentlichten Buch Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass greift Geipel das für die DDR-Geschichte so signifikante Thema des Verschweigens aus der Sicht mehrerer Generationen auf. Dabei bricht sie zum einen das „toxische Schweigen“ auf, mit dem nicht nur die SS-Vergangenheit ihrer beiden Großväter, sondern auch die Stasi-Tätigkeit des Vaters verhüllt wurde. … “ ]

Cornelia Geißler (30.10.19): “ … Der Autor beruft sich hier auf die Integrationsforscherin Naika Foroutan und den Soziologen Daniel Kubiak, benennt das Phänomen des „Othering“: Eine Gruppe von Personen wird als besonders herausgestellt. Nichelmann schreibt: „Wenn in Ostdeutschland ein Problem auftritt, dann ist es ein Problem von Ostdeutschland. Wenn in Westdeutschland ein Problem auftritt, dann ist es ein Problem von Gesamtdeutschland.“ Die Triebkraft für Nichelmanns Recherchen liegt allerdings ursprünglich in der eigenen Familie. Er fand als Kind eine NVA-Uniform, die seinem Vater gehört haben muss, der aber verstört das Gespräch darüber verweigerte. … Als Erwachsener erkennt er, wie sich die Erfahrungen seiner Altersgenossen mit den Eltern ähneln: „Deutlich spürbar ist ihre Angst, offen über das Leben und die eigenen Rolle in der DDR zu sprechen.“ Was ist da schief gelaufen? …“ | https://www.fr.de/politik/30-jahre-mauerfall/buch-fall-mauer-nachwendekinder-warum-sprichst-kein-ossisch-13178089.html

Johannes Nichelmann (3. 11. 2019): “ … Als Henning 39 Jahre alt war, besorgte er sich die Stasi-Akte seines Vaters. „Ich bin da erst wenige Jahre drüber hinweg. Es gab damals auch keine psychologische Begleitung.“ …“ | https://taz.de/DDR-Aufarbeitung-in-Familien/!5635412/

Katarina Witt über die Wende „Man schweigt den Schmerz weg“ (5. 11. 2019): “ … Katrin Gottschalk: Sie sind bekannt dafür, Ihr Privatleben sehr gut zu schützen. Kürzlich aber haben Sie doch eine sehr persönliche Geschichte erzählt. Für das Por­trätbuch „Ostfrauen verändern die Republik“ haben Sie geschildert, wie es Ihren Eltern nach der Wende gegangen ist.
Katarina Witt: Hören Sie auf, da fange ich gleich wieder an zu heulen.
Katrin Gottschalk: Ihr Vater ist damals arbeitslos geworden, und Sie haben Ihre Eltern noch jahrelang unterstützt. Eine sehr ostdeutsche Erfahrung. Wie geht man als Kind damit um?
Katarina Witt: Ich war damals 23 Jahre alt. Meine Eltern, die heute über achtzig sind, waren damals also genauso alt wie ich heute. Die haben immer versucht, Probleme von uns Kindern fernzuhalten. Dieser Umbruch Anfang der Neunziger, der Schmerz, der damit einherging, die Verletzungen, das bricht ja jetzt erst auf. Unsere Eltern fangen jetzt erst an, offen zu reden, und das ist für uns, ihre Kinder, neu. …
Katrin Gottschalk: Sind „Ossi“ und „Wessi“ für Sie Schimpfwörter?
Katarina Witt: „Ossi“ und „Wessi“ ist eher eine Frotzelei. Grundsätzlich ist aber „Ossi“ eher positiv bei mir ­besetzt als „Wessi“. (alle lachen) Für mich ist die Bezeichnung „Ostfrau“ mittlerweile ein Güte­siegel. …“ | https://taz.de/Katarina-Witt-ueber-die-Wende/!5636400/

“ … Steffen Mau: „Als wir in die Bundesrepublik hineinkamen, da hatten wir natürlich eine antifaschistische Erziehung genossen. Und die in der Bundesrepublik haben gesagt: Wir haben ´68 gehabt, wir haben das eigentlich durch. Wir sind da vollständig aufgeklärt. Und dann kam die Wehrmachtsausstellung 1995 des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Da haben sich viele Ostdeutsche gefragt: Was geht da eigentlich vor? Warum gibt es Demonstrationen in München oder Stuttgart gegen die Aussage, dass die Wehrmacht an Verbrechen des Nazi-Regimes beteiligt war? Das ist sozusagen im Weltbild der Ostdeutschen unvorstellbar, dass man so etwas überhaupt in Zweifel ziehen kann. Und ich sag einfach mal: dass die Ostdeutschen bei solchen Debatten fast nie zum Zuge gekommen sind.“ … Frank Blohm: „Der Westdeutsche sieht ja traditionell gern herab auf den Ostdeutschen, weil der sich ja so angepasst hätte und unterworfen hätte unter die Diktatur. Unterschlägt aber dabei, dass doch jeder von uns im Westen sich auch angepasst hat. So wird also der Ostdeutsche zur Projektionsfläche eigener Unzulänglichkeiten, wie das oft so ist, das Eigene wird verdrängt und dem anderen zugeschrieben, das Negative wird dem zugeschrieben. Und so ist es natürlich umgekehrt auch. Aber jetzt reden wir erst mal von den Westdeutschen, von denen ja immer so wenig geredet wird – weil: Der Westdeutsche redet ja gerne immer über die Ostdeutschen, ungern über sich.“ … „Das hat nicht so lange angehalten, diese Euphorie“, erinnert sich Jutta Voigt. In „Westbesuch“ nennt sie die Liebe zwischen denen, die sich 1989 in den Armen lagen, eine Amour fou: „Zwischen Ost und West. Na, eine verrückte Liebe, habe ich damals noch gedacht. Also Liebe stimmt ja nicht. Eine wilde Nacht – und dann war auch bald Schluss.“ …“ | https://www.deutschlandfunkkultur.de/westdeutscher-blick-auf-die-ddr-warum-der-westen-den-osten.976.de.html?dram:article_id=462762 ( Hans von Trotha, 06.11.2019)

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