[Studien zum autoritären Charakter #1 … ]

Detlef Borchers (11.08.2019): “ … Mit einer Studie zum autoritären Charakter unter dem Titel „Autorität und Familie“ hatte das Institut für Sozialforschung 1936 in Frankfurt begonnen und sie später nach der Emigration in den USA fortgeführt. „Was wir uns vorgesetzt hatten, war tatsächlich nicht weniger als die Erkenntnis, warum die Menschheit anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“, heißt es im Vorwort der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno. Das Ergebnis war eine vom American Jewish Committee finanzierte Studie zum autoritären Charakter, die nachwies, dass auch die Menschen in den USA für Nationalismen empfänglich sind und dass die „Anfälligkeit für faschistische Propaganda weniger mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen per se zusammenhänge, sondern dass solche Meinungen als Reaktionen auf psychische Bedürfnisse zu verstehen, Ausdruck einer bestimmten, der autoritätsgebundenen Charakterstruktur seien.“ …“ | https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Adorno-und-der-neue-Rechtsradikalismus-4493410.html?seite=all

Der NPD-Vorsitzende Adolf zu Thadden im Wahlkampf 1969.

Arno Widmann (15.07.2019): “ … [Adorno] war zu dem Schluss gekommen, dass „die Anhänger des Alt- und Neufaschismus heute quer durch die Gesamtbevölkerung verteilt sind.“ Sie waren keine Außenseiter, keine Deklassierten und Bei-Seite-Geschobenen. Der Neofaschismus, erklärte Adorno 1967, sei anders als oft vermutet eben gerade keine spezifisch kleinbürgerliche Bewegung. Wir lesen in unseren Zeitungen, hören in unseren Nachrichten, der Rechtsradikalismus sei in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Als handele es sich um eine Invasion. Adornos Analyse sah anders aus …“ | https://www.berliner-zeitung.de/kultur/theodor-w–adornos-rechtsradikalimus-vortrag-die-mitte-war-niemals-nazifrei-32857062

Sieglinde Geisel (08.10.2018): “ … „Autoritäre Politik besteht in ganz wesentlichen Teilen in der Vorstellung, dass nichts anderes existieren darf, dass alles, was der eigenen Meinung und dem eigenen Gesellschaftsbild widerstreitet oder nicht darin aufgeht, im Grunde raus muss aus dem Land, am besten aus der Welt. All das kann man im Prinzip als einen autoritären Versuch deuten, die Welt so einzurichten, die Gesellschaft so einzurichten, dass nichts mehr stört. Das heißt auch, dass man sich mit nichts Störendem mehr zu befassen braucht.“ …“ | https://www.deutschlandfunkkultur.de/autoritaeres-denken-und-die-afd-der-wunsch-nach-unterwerfung.976.de.html?dram:article_id=429960

Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ – Der Mensch als Anhängsel der Maschine – Eva-Maria Ziege im Gespräch mit Simone Miller (04.08.2019): “ … In den Augen Adornos wird der Mensch in der modernen Gesellschaft zum bloßen „Anhängsel der Maschine“, die er zu bedienen hat. „Er denkt, die Menschen leben in einer Situation der Erfahrungslosigkeit, die kompensiert wird durch eine Pseudo-Erfahrungswelt, also die Waren- oder Dingwelt, in der wir uns durch Konsum oder leere Vergnügungen einen Genuss einhandeln, der aber letztlich doch ein standardisiert produzierter, ein entfremdeter ist.“ – Autoritäre und antisemitische Ideologien entwickeln, Adorno zufolge, dadurch eine Verführungskraft, dass sie einen Ausweg aus dieser Erfahrungslosigkeit anbieten, eine „Scheinspontaneität“, wie Adorno schreibt. Sie erschienen als „Gegenmittel für die Leiden, die die rationale Zivilisation erzeugt“. … Ziege ist überzeugt, „dass Adorno bestimmte Ansätze in der modernen Welt der Technik erkannt hat, die heute ein Ausmaß erreicht haben, dass er sich so gar nicht vorstellen konnte“. Beispielsweise könne man in der Digitalisierung den von Adorno beschriebenen Erfahrungsverlust wiedererkennen: „Die digitale Welt suggeriert dem Menschen Erfahrung, aber gleichzeitig entzieht sie ihm diese auch dadurch, dass man sich in dieser künstlichen Welt bewegt.“ Am Smartphone werde das Individuum tatsächlich zum „Anhängsel der Maschine“. …“ | https://www.deutschlandfunkkultur.de/adornos-studien-zum-autoritaeren-charakter-der-mensch-als.2162.de.html?dram:article_id=455440

Wolfgang Hellmich (5.8.2019): “ … Mitschnitten seiner Vorträge und Vorlesungen stand Adorno kritisch gegenüber. In Reproduktionen sah er Zeugnisse der «verwalteten Welt». Das Adorno-Archiv setzt sich seit Jahren darüber hinweg und hält ihn damit noch 50 Jahre nach seinem Tod lebendig. Ein erfüllteres Nachleben kann sich ein Autor kaum wünschen. …“ | https://www.nzz.ch/feuilleton/was-theodor-w-adorno-1967-ueber-den-rechtsradikalismus-sagte-ld.1499266

Vortrag des Soziologen Theodor W. Adorno: „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ (1967)
Spieldauer: 01:12:08 // Österreichische Mediathek
Datum: 1967.04.06 [Aufnahmedatum]
Ort: Wien, Universität Wien
Archivformat: Tonband auf Kern (AEG)
Audio Stream ==> https://www.mediathek.at/oesterreich-am-wort/suche/treffer/atom/014EEA8D-336-0005D-00000D5C-014E5066/pool/BWEB/
// Mediatheksblog: Zum 50. Todestag: Adornos (6. August 2019)
Unter anderem über Rechtsradikalismus und Sexualtabus sprach der Philosoph in verschiedenen Vorträgen im Wien der 60er-Jahre | … Der vor 50 Jahren in der Schweiz verstorbene Philosoph Theodor W. Adorno hatte vielfältige Verbindungen nach Wien. Adorno hatte im Jahr 1925 bei Alban Berg studiert und kehrte in den 1960er-Jahren immer wieder für Vorträge nach Wien zurück. Die Österreichische Mediathek – vormals Österreichische Phonothek – hat diese Veranstaltungen in den 1960ern auf Tonband aufgezeichnet. Die mittlerweile digitalisierten Originalaufnahmen können online nachgehört werden. … | https://www.derstandard.de/story/2000106905604/zum-50-todestag-adornos-vortraege-hoeren

Kommentar von Bruno Heidlberger (August/2019): “ … Im Lichte des heutigen reaktionären Rechtsnationalismus lesen sich auch Adornos Studien zum autoritären Charakter wieder beklemmend aktuell, auch als Kritik an der neomarxistischen Linken. Adornos Mitautoren Leo Löwenthal und Norbert Guterman notieren in ihrer Studie „Agitation und Ohnmacht„, in der sie in den 30er Jahren die Reden rechtsextremer Führer in den USA erforscht haben: „Im Übergang vom Konkurrenz- zum Monopolkapitalismus […] hätten sich bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen Gefühle der Abhängigkeit, der Heimatlosigkeit, des Ausgeschlossenseins sowie der diffusen Angst, von unpersönlichen Mächten und Kräften beherrscht zu werden – Gefühle also, die generell das Unbehagen in der Moderne kennzeichneten – weiter verstärkt. Vor dem „großen Unbehagen“ in Überlegenheitsfantasien zu flüchten sei für den Menschen in der Moderne eine dauerhafte Option. Gleichwohl wird Faschismus von Adorno und seinen Mitstreitern als ein Phänomen der Moderne, das es in erster Linie sozialpsychologisch zu erklären gilt, aufgefasst. Mit Adorno wenden sie sich gegen die vulgärmarxistische Vorstellung, rechtsradikale Einstellungen seien lediglich auf soziale Missstände des Kapitalismus rückführbar. Sie vermuten stattdessen, dass „lange bestehende Sehnsüchte und Erwartungen, Ängste und Unruhen die Menschen für bestimmte Überzeugungen empfänglich und anderen gegenüber resistent machen“. Zu „diesen Sehnsüchten“, bemerkt der Publizist Gero von Randow, habe schon damals gezählt, „dass der permanente Veränderungsstress endlich aufhören möge.“ Das sei „verständlich, aber doch regressiv: die Verweigerung eines erwachsenen Umgangs mit der Welt.“ … Adorno sah im Nationalsozialismus keinen Betriebsunfall der Geschichte, sondern eine Folge des Monopolkapitalismus und der Moderne. Die nach 1945 zurückgekehrten Frankfurter sahen die Chance, eine Wiederkehr des Nationalsozialismus zu verhindern, aber weniger in der Beseitigung des Kapitalismus als in der demokratischen Umerziehung. Ihre Aufmerksamkeit galt dem „autoritären Charakter“ und seinen Vorurteilsstrukturen. Es ist darauf hinzuweisen, dass neurechte Vordenker und viele ihrer Anhänger aber weder Verführte noch schlecht Informierte, auch keine Opfer von Vorurteilen sind. Sie bevorzugen Ideologien der Ungleichwertigkeit, weil sie sich individuelle Vorteile davon versprechen. Wir dürfen nicht vergessen: „Alle politischen Extremisten meinen das, was sie sagen und herausschreien – ob rechts oder links […] das ist eine Lehre, die wir in peinlichen Lektionen gelernt haben .“ (Carl Zuckmayer 1966) … “ | zu: https://www.freitag.de/autoren/michael-angele/wie-viel-hoecke-steckt-in-adorno#1564823175031532

Max S. (08/2019): „… Der beste Satz in diesem Artikel [ Marc Reichwein (05.08.2019): „„Wunsch nach Unheil, nach Katastrophe““, Quelle: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article197963465/Adornos-Vorlesung-ueber-Aspekte-des-neuen-Rechtsradikalismus.html]:  „Doch die Sehnsucht der Menschen nach Mythen ist manchmal größer als die Akzeptanz von Realitäten.“ …“

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