[Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre #5… ]

Markus Brunner (2011): “ … Auf den endgültigen Zusammenbruch war »selbst bei zunehmend empfundener Ambivalenz die große Mehrheit innerlich nicht vorbereitet«, weil die Allmachtsfantasien und Projektionen den realitätsgerechten Blick in die Zukunft unmöglich gemacht hatten (ebd., S. 38). Das Ende durfte nicht nahen. … Der Verlust des narzisstisch besetzten Objektes und die damit einhergehende Drohung einer Melancholie, die mit allen Mitteln abgewehrt werden muss, stehen – neben der Abwehr von Schuld – im Zentrum der Mitscherlichschen Argumentation. Doch was heißt eigentlich eine Abwehr von Melancholie? … Hitler oder besser: die Idee der großen »Volksgemeinschaft«, […] diente im »Dritten Reich« in seiner Funktion als Ichideal-Ersatz auch der Integration unbewusster Triebregungen […]. Der Nationalsozialismus gestattete es den »VolksgenossInnen« tatsächlich in einer vorher nicht gekannten Weise Grandiositätsfantasien zu realisieren. Als »Erlebnisangebot« (Brockhaus 1997) ermöglichte er psychische Intensität, die Teilhabe an Kraft, Stärke, Kameradschaft, Gemeinschaft und auch Gewalt. … “ | Aus: „Die Kryptisierung des Nationalsozialismus – Wie die »Volksgemeinschaft« ihre Niederlage überlebte“ http://www.agpolpsy.de/wp-content/uploads/2013/11/brunner-2011-die-kryptisierung-des-nationalsozialismus-text.pdf

“ … Das Bild, das wir heute von den 50er Jahren haben, ist das der witzig geformten Nierentische, der lustig wippenden Petticoats und der Cocktailsessel. Heute finden wir das alles ein bisschen schräg, aber eigentlich ganz lustig. … Vieles wiederholte sich, wenn auch in einem neuen Gewand. Der Mief, die sozialen Vorurteile blieben, sie verschoben sich nur. Waren zunächst die Flüchtlinge oft genug „Menschen zweiter Klasse“, so waren es dann wenig später die „Gastarbeiter“. Soziale Vorurteile gegenüber „dem Fremden“ blieben erst einmal bestehen. Was man nicht kannte, lehnte man vorerst ab, denn es machte ja auch gleichzeitig Angst. So waren Anstand und gutes Benehmen wichtig. Das war sicher nicht falsch, aber der Schein nach außen war wichtiger als die Ehrlichkeit. So sollte alles seine Ordnung haben und blitzsauber sein, das Haus und die Kinder. Frauen putzten fleißig, Männer zeigten stolz ihre Neuwagen und wenn sie auch nicht die Wohnung putzten, dann zumindest ihr neues Auto. Jeder schaute nach jedem und keiner wollte in der Menge auffallen. Was könnten denn die Nachbarn sagen? Eine Frage, die sich viele Menschen stellten. … “ | http://www.zeitklicks.de/brd/zeitklicks/zeit/143/4/typisch-50er-jahre/

Michael Dienstbier (27. Dezember 2014): “ … Lange Zeit spielte die nationalsozialistische Terrorherrschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im kollektiven Gedächtnis der Deutschen keine Rolle: Die Verantwortlichen waren ja in den Nürnberger Prozessen abgeurteilt worden und in der BRD genoss man die Früchte des Wirtschaftswunders, richtete sich in der neuen Mittelklassegemütlichkeit ein, ließ den alten Adenauer die große Politik machen und die Vergangenheit Vergangenheit sein. …“ ( Aus „Niemals tut man so vollständig und so gut das Böse, als wenn man es mit gutem Gewissen tut“ – Kommentar zu: „Die Unfähigkeit zu trauern: Grundlagen kollektiven Verhaltens„)


Der Verlorene, (R. Peter Lorre, D 1951)

Jessica Ellicott (January 16, 2015): “ … Peter Lorre’s Der Verlorene (“The Lost One”) does not fit easily within the grand narrative of German film history. When discussing German film in the 1950s, one is usually told of a barren cultural landscape, populated by escapist Heimatfilme. Films that satisfied the perceived desire of post-war audiences to forget. …“ | https://fourthreefilm.com/2015/01/the-lost-one-in-german-film-history-peter-lorres-der-verlorene-1951/

“ … Der Verlorene, 1951 … In Hamburg drehte er als Regisseur und Hauptdarsteller den Spielfilm Der Verlorene. Von der Journaille verrissen und verhöhnt, vom Publikum ignoriert, verschwand der Film nach 10 Tagen aus den Kinos und in der Versenkung. …“ | http://der-film-noir.de/v1/node/130

Ein sehr schwieriges Thema, Tita Fürst-Koren (25. November 2017): “ … Es blieben einige Fragen für den Zuschauer offen. Wie ist es mit der Sühne, wann kann ein Mensch von der Schuld „befreit“ sein […] ? Darf man in einer besonderer Zeit, wie der Krieg ist, andere Maßstäbe für die Schuld haben, eben, weil es „so war“. …“ | https://www.amazon.de/Verlorene-Deutscher-Film-Peter-Lorre/dp/B002LEZ2J2

Friederike Schulz (05.07.2010): “ … Doch wer unfähig ist zu trauern, um den Verlust des Führers einerseits und um die Millionen Opfer andererseits, der kann sich auch der Gegenwart und der Zukunft nicht stellen, der verharrt in psychischer Starre, so das gewagte Fazit. Nimmt man das Buch heute zur Hand, überraschen diese Thesen noch immer – schließlich liegt hier das gesamte deutsche Volk wider Willen auf der Couch. …“ | http://www.deutschlandfunk.de/kursiv-kollektive-verdraengung.1310.de.html?dram:article_id=194124

Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (04.11.2017): “ … Liest man heute, fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung, Alexander und Margarete Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern, so kann man überrascht werden. … Die Deutschen seien, so konstatierten die Mitscherlichs, emotional so blockiert, dass sie sich nicht für die Opfer interessieren konnten. … Nicht nur der Moralismus, auch die Psychoanalyse behagte vielen Lesern nicht. Unberechtigt ist das nicht, ist doch der Schritt vom einzelnen klinischen Befund zum Kollektiv methodisch kaum ausgewiesen und das Verständnis von Trauer alles andere als klar. … Mehrfach argumentieren die Mitscherlichs, die Gefühlsstarre sei Resultat eines »gleichsam reflektorisch ausgelösten Selbstschutzmechanismus« gegen die totale psychische Entwertung gewesen, eine Regression, die einen »submoralischen Notstand« ausgelöst habe – die Deutschen hätten also gar nicht anders gekonnt, als nicht zu trauern. … der heutige Diskurs über die Erinnerungskultur ist geprägt durch so abstrakte wie kategorische Forderungen, ›niemals zu vergessen‹ und einen weitgehend entpolitisierten und neutralisierten Begriff von ›kulturellem Gedächtnis‹. Er könnte von einem Konzept von Erinnerung profitieren, dass sich der Ambivalenz und Doppelbödigkeit von Erinnerungen bewusst ist, das Individuum und Gemeinschaft aufeinander bezieht und auch die Dimension von Affekt und Abwehr – gerade diese! – denken kann. Die Psychoanalyse stellt hier ein Potential dar, das noch keineswegs ausgeschöpft ist. …“ | http://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2017/11/14/daniel-weidner-die-unfaehigkeit-zu-trauern-geschichte-einer-abwehr/

Caroline Fetscher (03.12.2017): “ … Handelt es sich bei Aggression um eine anthropologische Konstante, wie Lorenz in „Das sogenannte Böse“ behauptete, oder um kulturabhängige, einhegbare Triebabfuhr? Welche Rolle besaßen Freuds Konzepte von Eros und Thanatos, Libido und Destrudo bei Mitscherlich? … „Aggressive Triebbefriedigung“, schrieben die Mitscherlichs 1967 in „Die Unfähigkeit zu trauern“, sei „moralisch bis heute zulässiger geblieben als die zärtlich-sexuelle“. Altersempfehlungen für Filme stufen auch 2017 noch – oder wieder? – eher gewalttätige denn erotische Szenen als kindgerecht ein. …“ | http://www.tagesspiegel.de/wissen/aufarbeitung-der-ns-vergangenheit-wozu-die-deutschen-unfaehig-waren/20664540.html

fidelche (16. Juni 2012): “ … Detlef zum Winkel schrieb in Konkret 9/87 über Margarete Mitscherlichs Aufsätze zur »Erinnerungsarbeit« : „Die Nachkommen der Nazis sind nicht »weiß«, sie beginnen ihr Leben nicht an einem existentiellen Nullpunkt, sondern sind auf vielfache Weise – individuell wie kollektiv – von der Vergangenheit geprägt. Je weniger man sich das eingestehe, desto stärker sei man diesen Kräften ausgeliefert.“ …“ | https://thinktankboy.wordpress.com/f-rubriken/margaretemitscherlich/#comment-17769

seriousguy47 (14.06.2012) “ … [Es] sei schließlich noch auf eine merkwürdige Diskussion in konservativen Kreisen Baden-Württembergs hingewiesen, wo, ausgerechnet nach dem staatlich „übersehenen“ langjährigen Rechtsterrorismus (5), nach dem jahrzehntelangen Decken des Ohnesorg-Mörders Kurras durch Polizei und Justiz (6), den immer neuen Medienberichten über die Nicht-Ahndung von polizeilichen „Übergriffen“ (sprich Verbrechen) (7) und dem Nichtverfolgen eines in Italien rechtskräftig verurteilten SS-Mörders durch den Stuttgarter Oberstaatsanwalt Häußler (8) nebst öffentlicher Rückendeckung für denselben durch einen SPD-Justizminister (9), der Rücktritt der Integrationsministerin Öney gefordert wird, die sich in einer Diskussion verplappert hatte und die deutschen Zustände, politisch inkorrekt, nicht hinreichend von türkischen Zuständen separiert hatte, wo mit dem Begriff „tiefer Staat“ ein Staat im Staate gemeint ist, „bei dem Politik, Verwaltung, Justiz und Sicherheitskräfte mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeiten.“ Damit haben die oben genannten Zustände selbstverständlich nichts zu tun. Wir sind schließlich keine Türken (10). …“ | https://www.freitag.de/autoren/seriousguy47/margarete-mitscherlich-tot-unfahigkeit-zu-trauern-bleibt

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