[Mythen meiner Kindheit #1… ]

” … Duisburg-Ruhrort, 28. Juni 1981: Wir sehen Kriminalhauptkommissar Horst Schimanski, gespielt von Götz George … „Diese Sendung war eine infame Beleidigung für jeden anständigen und korrekten Beamten, der seinen aufopferungsvollen Dienst für die Bevölkerung verrichtet“, stimmte die Nürnberger Zeitung aus der Distanz zu, und die Passauer Neue Presse meinte: „Dieser Tatort mixt Gassenjargon, handfeste Schlägereien, Spelunkenmilieu und schreckliche verbale Entgleisungen mit Rauschgift, Eifersucht und Waffenschmuggel zu einem dicken Brei und garniert ihn mit einer Lösung, die an Schwachsinn nicht zu überbieten ist.“ Nur die tageszeitung (taz) war begeistert: „Solche Bullen braucht das Land!“ …” | http://horstschimanski.info/legende.html


Götz George 1981 bei den Dreharbeiten zum WDR-Tatort «Duisburg-Ruhrort». Foto: Martin Athenstädt // “Tatort-Kommissar “Schimanski” Der Schauspieler Götz George ist gestorben” // via http://www.ruhrnachrichten.de/leben-und-erleben/unterhaltung/kino_film/aktuelles/Tatort-Kommissar-Schimanski-Der-Schauspieler-Goetz-George-ist-gestorben;art599,3051149 (26.06.2016)

Nachtrag #1

Matthias Dell (27. Juni 2016): ” … ein muskelbepackter Männerkörper unter eng anliegendem T-Shirt, der sich, hoch oben über dem von der Stahlproduktion tatsächlich noch erröteten Horizont der Arbeiterstadt, zwischen nicht gemachtem Abwasch und leeren Bierflaschen rohe Eier zum Frühstück reinpfeift. Schimanski war eine Sensation, ein Ordnungshüter mit Schnauzer und Parka, der “Scheiße” sagt … Die Größe der Figur zeigt sich daran, … was heute zur Standard-Ausstattung jeder Tatort-Kommissarin gehört (die privaten Macken)… Groß war der “Schmuddelkommissar” auch deshalb, weil er so vielen Widersprüchen Raum bot. Rechts freute man sich über den hart durchgreifenden Macker, links über das kleinbürgerliche Gerechtigkeitsgefühl gegenüber den Eliten, grün waren gesellschaftlich relevante Themen wie Umweltverschmutzung (Kielwasser), sozialdemokratisch die Sympathie für die streikenden Stahlarbeiter (Der Pott). … Bemerkenswert an Schimanski – und charakteristisch für Georges Rollen – ist nicht zuletzt, dass der Outlaw dennoch innerhalb der Institution entworfen wird. … In seinen Widersprüchlichkeiten war er etwas ganz Besonderes im (west)deutschen Nachkriegsfilm. …” | http://www.zeit.de/kultur/film/2016-06/goetz-george-nachruf

lemonhorse / 27 June 2016 / Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Kunst.Encoder / 0 Comments

[Zur Wahrnehmungsblase (Realitätstunnel) #5… ]

Renaissance der Aufklärung #4 (07.06.2016): ” … Hervorheben möchte ich seine [Jan Philipp Reemtsma (7. Juni 2016) >> http://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/03/jan-philipp-reemtsma-gewalt-menschen-grenzen-waffen-krieg] nüchterne, aber erschreckend treffende Bemerkung zur Bedeutung vom “Ich” in Extremsituationen: “Die Vorstellung vom Ich kann nicht stabil bleiben, wenn die Wirklichkeit anzeigt, dass es darauf gar nicht ankommt.” Vielen Dank für das bemerkenswerte Interview. …”| http://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/03/jan-philipp-reemtsma-gewalt-menschen-grenzen-waffen-krieg?cid=6956686#cid-6956686

T1 #4.1 (07.06.2016): ” … Es kommt nicht auf das Ich an oder auf die Selbstwahrnehmung? Was bedeutet diese Aussage für Sie? …”

Krombacher #4.2 (07.06.2016): ” … Es bedeutet, dass das Ich gar nicht so wichtig ist, wie wir denken, und die Realität keine Rücksicht auf einen nimmt. Das überrascht einen manchmal, weil man sich intuitiv selbst für das Wichtigste auf der Welt hält. …”

Nachtigaller #4.3: ” … Ich verstehe das mit der Vorstellung vom stabilen Ich und der Wirklichkeit auch nicht (kann es eine Vorstellung vom Ich unabhängig von der Wirklichkeit geben?) …”

abifiz #4.4 ” … @T1 @Nachtigaller … Es geht um eine Abfolge von Ereignissen, bzw. Auswirkungen. Wir setzen zunächst jemanden voraus, dem es bisher gelungen ist, ein sehr stabiles (höchst resilientes) Ich “aufzubauen”. Jetzt setzen wir diesen Jemanden einer immanent ausweglosen, durchdauernd “entwirklichende” Situation aus. In diesem Gedanken-Experiment kommt tendenziell jede menschliche Resilienz [psychische Widerstandsfähigkeit] irgendwann an ihr Limit. …”

lemonhorse / 8 June 2016 / Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Gespaltene.Deutung, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Zum Wahn der Liebe #56… ]

Walter Schubart “Religionen und Eros” Kap. VI, Entartungsformen, (1941): ” … Der geschlechtliche und der religiöse Enthusiasmus haben von Anfang an die Richtung auf die Anomalie, was schon Platon einsah; er nannte die Verliebtheit eine Art Wahnsinn … Die mildeste Form dieses Warnsinns ist in der Erotik die Eifersucht. Ihr entspricht in der Religion der Glaubenseifer. Eifersucht und Glaubenseifer sind Zerrbilder des Enthusiastischen. Sie sind pathologische Formen der erotischen und religiösen Ausschließlichkeit. Der eifersüchtige kämpft gegen alle, die ihm die Geliebte abwendig oder streitig zu machen drohen. Der Eiferer befehdet alle, die seinen Gott mißachten. In der Welt der Geliebten soll es nur einen Liebenden geben – fordert der Eifersüchtige. In der Welt soll es nur einen Gott geben – fordert der religiöse Eiferer. … Der Drang zur Ausschließlichkeit kann so mächtig anschwellen, daß er zum Verbrechen treibt. In der Erotik zur Tötung aus Eifersucht, in der Religion zum Heiligen Krieg, zum Massenmord im Namen Gottes. Eifersucht und Glaubenseifer enthalten immer und mit Notwendigkeit den Keim zur grausamen Handlung. Hier stoßen wir auf die erste Form jener Grausamkeit, die im Wesen der Religion und Erotik selbst begründet ist. Stärker als das Weib neigt der Mann dazu, den Drang nach Ausschließlichkeit, der sich in unzugänglicher Seelentiefe mit dem Machtwillen berührt oder berühren kann, zur Grausamen Kraftentfaltung zu steigern. Deshalb sind Eifersucht und Glaubenseifer besondere Gefahren der männlichen Seele. In den klassischen Dichtungen der Eifersucht – in Shakespeares Othello, Leo Tolstois Kreutzersonate und Arzibaschews Drama Revnost – sind es immer Männer, die aus Eifersucht freveln, und die großen blutbefleckten Fanatiker der Religionsgeschichte vom Schlage der Inquisitoren sind durchweg Männer gewesen. …”

” … Michael Heymel hat sich auf eine faszinierende Spurensuche begeben. Es geht um den deutschen Rechtsanwalt und Kulturphilosophen Walter Schubart, der nach seiner Emigration im Jahre 1933 zusammen mit seiner jüdischen Frau aus dem nationalsozialistischen Deutschland in Lettland eine reiche, international beachtete literarische Tätigkeit entfaltete. 1941 wurde das Ehepaar Schubart von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet und nach Kasachstan deportiert [Sein Werk “Religion und Eros” hat der Münchner Psychologe Prof. Friedrich Seifert im Jahre 1941 herausgegeben] . In dortigen Lagern verlieren sich ihre Spuren. In sorgfältiger Recherche und detektivischer Kleinarbeit rückt Heymel einiges zurecht, was sich an Legenden um die Eheleute, zumal um Schubarts Ehefrau Vera, gebildet hatte, und öffnet so den Blick für das überlieferte, teils vergessene, teils auch heutige Zeitgenossen (bis hin nach Japan) inspirierende Werk des Kulturphilosophen. […] Wie Schubart in das geistige Klima der 20er Jahre und seiner verbreiteten ‚Russophilie’ seinem Nietzsche entlehnten prophetischen Gestus und Oswald Spenglers abendländischen Untergangsvisionen gehört, wird von Heymel ausführlich nachgezeichnet. Aber in solcher Nachzeichnung zeigt sich zugleich die unverwechselbare Eigenart Schubarts, der sich dem Nihilismus der Epoche, gipfelnd in der Totalität der Macht, widersetzt, ein einsamer, sprachmächtiger Kämpfer zwischen den Fronten, auf verlorenem Posten, da und dort wahrgenommen als Repräsentant eines ‚anderen Deutschlands’. …” (Kristlieb Adloff, Erschienen in: Hessisches Pfarrblatt 4/2015,107-108) | Quelle: http://www.michaelheymel.de/mediapool/87/876413/data/Schubart_Rezension_HessPfBl_2015.pdf

lemonhorse / 3 June 2016 / Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo / 0 Comments

[Subjekt & Objekt #4… ]

” … Vito Acconci sagte über seine Perfor­man­ces, dass diese „von der Präsen­ta­tion eines Ich, einer Person, nicht von meinem Leben“ handeln. Acconci nähert sich diesem Ich aus der Distanz. Zwar mit einem neugie­ri­gen und enthül­len­den Blick, doch präsen­tiert er dieses Ich, als wäre es ein Ande­rer. …” | Aus: “Vito Acconci Centers Opening Portrait “, http://www.schirn.de/magazin/kontext/vito_acconci_centers_opening_portrait/ (23. Mai 2016) | https://de.wikipedia.org/wiki/Vito_Acconci

lemonhorse / 2 June 2016 / Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Gespaltene.Deutung, Kunst.Encoder / 0 Comments

[Transit… ]

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The Transit of Mercury, November 8, 2006 (Source)

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Transit of Venus – June 2004 (Source)

mifu1000 (10.05.2016): Wann kann man eigentlich den nächsten Erdtransit vom Mars aus beobachten? (Source)

lemonhorse / 12 May 2016 / Found.Stuff, Gedanken.Memo, Realitaets.Tunnel, Visual.Notes / 0 Comments

[Ein Vogel auf dem Zweig… ]

Ich sehe den alten Mann, der im Pflegezimmer sitzt. Wie er versonnen den Vogel auf dem Zweig durch das Fenster beobachtet – und es scheint so, als sei dieser Vogel nun für ihn die Welt.
Eine Welt, die unscharf zu den größer werdenden Rändern geworden ist. Und am Telefon kommen ihm die Worte völlig falsch vermengt durch den Hörer. So zusammenhanglos wird da plötzlich gesprochen. Da wundert sich der zehnjährige Urenkel mit dem Telefonhörer im Flur. Darum weint des nachts eine Frau unter der Bettdecke, findet sich hin gestürzt zu den Empfindungen eines kleinen Mädchens. Es fühlt sich so wehrlos und beschämend an, wenn man nur noch die verblassende Vergangenheit festhalten kann, während die Gegenwart versickert. Vielleicht wäre es ein Anfang unsere generelle Endlichkeit nicht mit tröstenden Beteuerungen zu übermalen. Was hilft die Theorie in den Büchern, die Bilder an den Wänden, die Daten auf den Festplatten, die Bedeutung all der Lebendigen Wesen, wenn das Lebensende plötzlich die Praxis des Seins konkret zerstäubt.
Die anderen haben noch ein paar Atemzüge mehr – aber es fehlt jemand, wenn jemand verschwunden ist. Daran ist nichts zu ändern. Die überlebenden haben die Erinnerung. Wenn Liebe im Spiel ist, so haben wir die Erinnerung und die Trauer. Und Trauer ist nie gleich. Trauer ist diffus, es werden sogar Dinge erhofft, die vorher nicht zur Debatte standen, weil die Trauer dazu verführt. Trauer kann durch so sonderliche Nichtigkeiten auslöst werden. Ein vergessenes paar Schuhe. Ein Schlaflied, was die Mutter dem Sohn vorgesungen hat, als er noch nicht mal mit dem Fahrrad fahren konnte. Trauer als bittersüße Droge von enthobener Benommenheit, ein melancholischer Genuss. Die Trauer ist nicht aufgeklärt, sie ist ungerecht, punktuell und parteiisch. Trauer kann bestens überrumpeln. Trauer bäumt sich unerwartet auf. Trauer vergilbt. Trauer geht auf Zehenspitzen in ein anderes Zimmer. Trauer stampft schnaubend auf wackeligen Beinen. Trauer wankt zur einen Seite der Wahrheit, reißt – wie durchfahren von einem Stromstoß – die Wahrheit vom Sockel. Trauer schreit auf, läuft blindlings gegen die Kulissen der Erinnerung und bringt alles zum beben. Trauer haut mit knöcherner Faust in den großen See der Gefühle, so dass Wasser in die Augen scheißt – und es ist oft vorgekommen, das die Trauer mir fast immer fernbleibt, wenn viele sie im gut gefüllten Saal erwarten.

lemonhorse / 10 May 2016 / Gedanken.Memo, Realitaets.Tunnel, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Zur Ontologie des nicht Seienden (Illusionen) #11… ]

via

” … So wird von Einbildung gesprochen oder Imagination, Erdichtung, Fiktion und Gaukelspiel, von Fata Morgana, Trugbild, Schimäre, Ausgeburt der Phantasie und Hirngespinst, von Wunschtraum oder Seifenblasen, von Wolkenkuckucksheim, Luftschloss, Phantasmagorie, Träumerei, schönem Schein bis hin zu trügerischer Hoffnung – wie es auch möglich ist, von verlorenen Illusionen zu sprechen, von gefährlichen, schädlichen, vergeblichen bis hin zu jugendlichen und romantischen Illusionen oder Illusionen der Jugend.

[E]ine große Zahl von Redewendungen hält [auch] die Alltagssprache bereit: danach kann man sich Illusionen nicht nur machen, man kann sie haben, wecken und nähren, in ihnen leben, sich der einen oder anderen Illusion sogar hingeben, für seine Illusionen gelegentlich aber auch teuer bezahlen müssen, an seinen Illusionen festhalten, sich gar an sie klammern, sie sich nicht nehmen lassen, aber auch aus seinen Illusionen gerissen werden oder erleben, dass sie einem genommen, wenn nicht sogar zerstört oder völlig zunichtegemacht werden. …” | Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Illusion (7. März 2016)

lemonhorse / 20 March 2016 / Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Gespaltene.Deutung, Realitaets.Tunnel, Visual.Notes / 0 Comments

[Zur Ontologie des nicht Seienden #10… ]

” … Die meisten verbeugten sich in Resignation vor der Übermacht des Faktischen … Aufgrund derselben Dispositionen biegen sich die Bibliotheksregale unter der Last von Hunderten faktensüchtiger Hitler-Biografien, indes man noch immer einen Roman vermisst, der zeigte, wie Adolf H. nach der Entlassung aus der Armee gemeinsam mit einem befreundeten jüdischen Maler einen florierenden Postkarten-Laden in Salzburg eröffnete, bis er schließlich 1932 bei einer sommerlichen Alpenwanderung durch Steinschlag tragisch verfrüht ums Leben kam. Aus einem solchen Konjektural-Roman träte ein anderes 20. Jahrhundert ans Licht. … ” | Peter Sloterdijk (2016), Quelle: http://www.zeit.de/2016/11/fluechtlingsdebatte-willkommenskultur-peter-slotedijk/komplettansicht

// Kontext: Leider sei ansonsten bei Sloterdijk hingedeutet zu: –>> [Weltdeuter und der Strom eines Unbewussten…] — Hinzugekommen ist als Nachtrag nun eine Kritik auf die Kritik Peter Sloterdijks Kritik (Es geht um Männerphantasien und politisierte Intellektuelle die dadurch auffallen, “dass sie Ideen umzingeln wie Frauen in Silvesternächten” [Herrn Sloterdijks Ideen seinen demnach wehrlose Opfer, die von politisierten Intellektuellen belästigt, bedränkt und kriminell bedroht würden.]… Peter Sloterdijk, Conférencier der Mühelosigkeit, der sich stets als Gewinner fühlen kann, weil er allein auf einem Feld spielt, dass er sich selbst erfunden hat … (Jürgen Kiel, 2009)) ]

Nachtrag #1
” … “Shifting Baselines” beschreiben das Phänomen, dass die Orientierungspunkte, anhand derer Menschen ihre Umwelt beurteilen, sich schleichend verschieben. …” http://www.uni-oldenburg.de/fileadmin/user_upload/wire/fachgebiete/produktion/download/081031Shifting-Baselines-Abschiedsvorlesung.pdf

Richard David Precht und Harald Welzer (in DIE ZEIT Nr. 13/2016, 17. März 2016): ” … Sich vor “Überrollung” und “Flutung” zu fürchten, wie es Peter Sloterdijk tut (ZEIT Nr. 11/16), ist in einer multipolaren Welt mit ökologischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten von gestern. … Statt mit der normativen Kraft des Faktischen haben wir es mit einer normativen Kraft des Fiktiven zu tun. In Staaten wie dem Libanon ist jeder Fünfte ein Flüchtling. Jordanien gibt ein Viertel seines Staatshaushaltes für Flüchtlingshilfe aus. In Deutschland ist nicht mal jeder Vierzigste ein Flüchtling, und die Staatsausgaben für Zuwanderer liegen im niedrigen einstelligen Bereich. Trotzdem konstatieren Kommentatoren “Staatsversagen”. So hält das völlig fiktive Bild eines kollabierenden und überrannten Landes dafür her, harte Maßnahmen zu fordern. Wer hier die öffentliche Ordnung kollabieren sieht, redet wohlgemerkt von Deutschland im Jahr 2016 und nicht von Syrien, Afghanistan oder Somalia. Nicht die Realität, sondern Übertreibung und Phantasma begründen die immer stärkere begriffliche Aufrüstung. … Die Migrationsbewegung, die wir derzeit erleben, ist keine sozialrevolutionäre Vereinigung. Aber sie ist eine Herausforderung an unsere kapitalistische Gesellschaft, die neue Impulse setzt, weil sie zum Umdenken zwingt. Weil sie uns dringlich vorführt, was wir alle wissen: wie unfair die Chancen auf ein erfülltes Leben in der Welt verteilt sind. In diesem Bewusstwerden von Unfairness liegt ihr gesellschaftlicher Sprengstoff. Wie früher die Sklaverei, die Frauenfrage oder die Arbeiterfrage haben wir die ungleiche Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen lange als naturgegeben betrachtet. Aber sie ist ebenso wenig naturgegeben wie einst die Rolle der Sklaven, der Frauen oder der Arbeiter. … Fragestellungen dieser Größenordnung wecken Ängste. Es sind naheliegende Ängste, denn von Lösungen sind wir, trotz des beherzten Einsatzes der Kanzlerin, weit entfernt. Es sind gerechtfertigte Ängste vor einem Anwachsen von Kriminalität, wenn es uns nicht gelingt, eine Integrationspolitik zu machen, die diesen Namen auch verdient. Doch eine pauschale Lösung gibt es nur in Märchen. In der Realität muss man der Herausforderung auf verschiedenen Feldern begegnen. Dabei wird klar, dass das Flüchtlingsthema genau dort Probleme sichtbar macht, wo sie ohnehin vorhanden sind und jetzt lediglich virulenter werden. … Aus sozialpsychologischer Perspektive mutet die vollkommen hysterisierte Diskussion allfälliger Real- und Fantasieprobleme mit “den Flüchtlingen”, die Klage über die “Willkommenskultur”, die dringend von einer “Verabschiedungskultur” (FAZ) abgelöst werden müsse, wie ein gespenstisches Realexperiment zum Phänomen der shifting baselines an. Gemeint ist die unbemerkte Verschiebung der normativen Maßstäbe, die man an Geschehnisse anlegt. Das Phänomen ist an vielen unguten historischen Beispielen ausführlich beschrieben. Die Referenzrahmen der Wahrnehmung und Deutung von Ereignissen und Situationen wandeln sich oft erstaunlich schnell, und alle halten sich auch dann noch für moralisch integer, wenn sie schon längst der Gegenmenschlichkeit und ihren Maßnahmen zustimmen. Man kann zur Illustration die Geschichte eines Deutschen von Sebastian Haffner lesen oder in der Gegenwart beobachten, wie unter dem mutwilligen Einsatz intellektueller Stichwortgeber ein “Flüchtlingsproblem” so ins Maßstablose vergrößert wird, dass am Ende die “Lösung” der “Krise” nicht etwa in der Modernisierung der Zuwanderungspolitik und des staatsbürgerlichen Selbstverständnisses, sondern in der Schließung der Grenzen imaginiert wird. …” | http://www.zeit.de/2016/13/migration-debatte-gefluechtete-zuversicht-jugend

andrea51 #61 (März 2016):” … Was ich dem Kommentar des Herrn Precht ankreide, ist: eine verklärende Sicht des modernen Kapitalismus. Die Frage: “Was kann der Kapitalismus leisten, was kann er nicht mehr leisten?” wird ohne viel Nachdenken mit einem positiven Bias belegt. Die Gleichsetzung der Arbeiterfrage des 19.Jhdts. mit der Migrationsfrage des 21. Jhdts. unterstellt, dass der Kapitalismus dazu in der Lage wäre, hunderte Millionen zusätzlicher Menschen in den Markt zu integrieren. Nichts absurder als das: Die Tatsache, dass es überhaupt eine Migrationskrise gibt, ist der Beweis dafür, dass der Kapitalismus diese Menschen eben nicht integriert. Anders gesagt: Wäre der Kapitalismus als Weltsystem in der Lage alle Menschen aufzunehmen, würden wir derart schicksalshafte Migrationsbewegungen gar nicht erleben. Es ist die Armut, die mangelnde Perspektive, nicht primär die Kriege, die die Menschen zur Migration treibt. Wie kann man also hoffen, dass eben jenes System, das den Wahnsinn im Weltmaßstab befördert, ihn dann beseitigt? Für mich ist das das Grundproblem aller hoffnungsfrohen Philosophen: Sie sind sich über die inhärente Grenze des Systems nicht bewußt und phantasieren sich in eine Zukunft, die durch die Tatsachen der Gegenwart bereits widerlegt ist. Hundertmal sympathischer ist mir ein Herr Sloterdijk, der das Ausschlußprinzip des Kapitalismus spürt, die Überflüssigmachung vieler, vieler Menschen, von dem Herr Precht keine Ahnung zu haben scheint…..” | http://www.zeit.de/2016/13/migration-debatte-gefluechtete-zuversicht-jugend?cid=6319679#cid-6319679
// [” … „Die Überflüssigen“ sind eine Gruppierung, die unter gleichen Namen Aktionsformen des sozialen bzw. zivilen Ungehorsams praktiziert. … Der Name wurde als Kampfbegriff gewählt, weil sich die Akteure als Menschen verstehen, die in einem „profitfanatischen“ System überflüssig gemacht werden. …” | https://de.wikipedia.org/wiki/Die_%C3%9Cberfl%C3%BCssigen_%28Gruppe%29- (26. Mai 2014)]]

tiefstapler #213 (März 2016 ): ” … Dabei wird klar, dass das Flüchtlingsthema genau dort Probleme sichtbar macht, wo sie ohnehin vorhanden sind und jetzt lediglich virulenter werden. Der kernsatz des ganzen Artikels! …” | http://www.zeit.de/2016/13/migration-debatte-gefluechtete-zuversicht-jugend?cid=6321222#cid-6321222

andrea51 #88 (März 2016): ” … Der Kapitalismus leidet seit geraumer Zeit unter Verengung, unter nicht ausreichender Aufnahme von Arbeitskräften im Verhältnis zum weltweiten Bevölkerungswachstum, hervorgerufen dadurch, dass die Arbeitsproduktivität schneller wächst als sich die Märkte mengenmäßig ausdehnen. Die Folge ist, dass mehr und mehr Menschen überflüssig werden, das alte Marx`sche Dogma der “industriellen Reservearmee” kehrt mit Wucht auf die Weltbühne zurück – nur, dass die Armee keine Reserve mehr ist, sondern schlichtweg “überflüssig”. Ein System, das unter Verengung leidet, wird Ausschluß suchen und nicht Integration. Es wird Mauern bauen, um es wenigstens für die Wenigen zu erhalten, und sich dagegen sträuben die Mauern, die gegen die “Überflüssigen” schützen sollen, niederzureissen. Diese kapitalistische Logik können oder wollen unsere Philosophen nicht sehen und dementsprechend weltfremd sind ihre Schlüsse. …” | http://www.zeit.de/2016/13/migration-debatte-gefluechtete-zuversicht-jugend?cid=6319795#cid-6319795

jjkoeln #90 (März 2016 ): ” … Ein schöner Artikel, der aufzeigt, dass es um Gerechtigkeit geht, dass es darum geht, die Ressourcen für ein grechte Gesellschaft wieder zu moblisieren, anstelle dem Irrweg eines “Trickle Down” oder einer alternativlos marktkonformen Demokratie zu folgen. Bei hinreichender Orgnisation und Ressourcenfreigabe gibt es keine “Flüchtlingskrise”. Aber das Vermögen, die Erbschaften und Wohngbiete der obersten 1% sind sakrosankt. Menschenrechte stehen eher zur Disposition als Vermögenswerte …” | http://www.zeit.de/2016/13/migration-debatte-gefluechtete-zuversicht-jugend?cid=6319805#cid-6319805

Für Elise #142 (März 2016 ): ” … Ein weiterführender Denkanstoss, den ich sehr gerne gelesen habe, weil er einen neuen Anlauf nimmt in dieser in allmählich hysterischer Endlosschleife – immer die gleichen Perspektiven! Denkmuster! Argumente! – ablaufenden Diskussionen. Die immer mehr um sich greifende Schwarz-Weiß-Malerei auch in den Foren finde ich langsam ziemlich ermüdend. …” | http://www.zeit.de/2016/13/migration-debatte-gefluechtete-zuversicht-jugend?cid=6320187#cid-6320187

maramalis #221 (März 2016 ): ” … Wir haben uns in den letzten Jahren mehrfach die Augen gerieben. Wer hätten den Beinah-Zusammenbruch des Kapitalismus in der Bankenkrise denn vorhergesehen oder auch nur annähernd für möglich gehalten. Der arabische Frühling hat an den Gitterstäben der nordafrikanischen und nahöstlichen Diktaturen gerüttelt – und einige davon zu Fall gebracht. Dass Menschen nun sich auf den Weg in eine sinnvolle Zukunft machen, auch nach Europa… erstaunt uns das wirklich? …” | http://www.zeit.de/2016/13/migration-debatte-gefluechtete-zuversicht-jugend?cid=6321629#cid-6321629

lemonhorse / 10 March 2016 / Daten.PolitixMicro, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Gespaltene.Deutung, Global.Politix:Micro / 0 Comments

[Ach Umberto († 19. Februar 2016)… ]

Der_Name_der_Rose_-_Hanser_1982

Ach Umberto, Il nome della rosa war der erste richtige Roman den ich in den 80igern mit (noch kindlicher jugendlicher) Leidenschaft bis zur letzten Seiten gelesen habe. Und heute am Nachmittag (am 19.02.2016…) hatte ich im Knooper Weg in einem Antiquariat (wie zufällig, ohne zu wissen, dass Du heute sterben würdest) ein Buch von Dir in der Hand.

… Danke für alles und so.

Arrivederci!

lemonhorse / 20 February 2016 / Gedanken.Memo / 0 Comments

[HAL 9000 & ewige Speicherung… ]

Andreas Wilkens (17.02.2016): ” … Forscher in Großbritannien haben eine kleine Glasscheibe entwickelt, auf der sich bis zu 360 Terabyte Daten speichern lassen. Sie ist etwa so groß wie ein Zwei-Euro-Stück, soll Temperaturen von bis zu 1000 Grad aushalten und mehrere Milliarden Jahre lang auslesbar sein …” | “Glasscheibe zur “ewigen Speicherung” großer Datenmengen soll marktreif werden“, http://www.heise.de/newsticker/meldung/Glasscheibe-zur-ewigen-Speicherung-grosser-Datenmengen-soll-marktreif-werden-3109718.html & https://www.southampton.ac.uk/news/2016/02/5d-data-storage-update.page & http://www.orc.soton.ac.uk/fileadmin/downloads/5D_Data_Storage_by_Ultrafast_Laser_Nanostructuring_in_Glass.pdf

// * kmueho (18.02.2016): ” … Kommt mindestens 15 Jahre zu spät – In Stanley Kubrics Film 2001 a space odyssey hat der HAL 9000 doch bereits solche transparenten Speichermodule:

Deactivation of Hal 9000
https://youtu.be/c8N72t7aScY


2001: A Space Odyssey” (R: Stanley Kubrick, 1968) *//

lemonhorse / 18 February 2016 / Cinema.Exposure, Daten.PolitixMicro, Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Global.Politix:Micro, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments

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