[Memento Mori #9… ]

Van Morrison – Astral Weeks (1968)
https://youtu.be/vDgyJbc66tI | https://de.wikipedia.org/wiki/Astral_Weeks

„I gotta home on high…“

tommi mclaughlin 3 years ago: “ … I had a friend who committed suicide. This song makes me think about him, could I find him, could I kiss a his eyes, lay him down in silence easy, to be born again. I miss him so much. …“

Jason Harshman 3 months ago: “ … My grandfather died in 2004. On the way to pick up his items from the nursing home me and my dad drove there in silent with Astral Weeks playing. … It was the first huge loss in my life and he meant everything to me. …“

Scott Davis 2 months ago: “ … We die. That is the way. …“

feedthepeople 1 year ago: “ … „To Be Born Again“. Released in 1968. Morrison was only twenty three years old when the album was completed, but the songs on Astral Weeks showed the perspective of a much older man. …“

lemon / 26 Juni 2020 / Akustische.Wellen, Found.Stuff, Gedanken.Memo, Kunst.Encoder / 0 Comments

[Der psychische Apparat #2… ]

“ … Das Imaginäre ist ein Sammelbegriff für alles „Bildhafte“. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Imagin%C3%A4re (Dezember 2018) // “ … Für Lacan bezeichnet das Imaginäre zwar einen Kern des Ichs, aber zugleich »das Element einer notwendigen Verkennung, einer ursprünglichen, nie wieder einholbaren Entfremdung des Ich ins Bild (seiner selbst)«. Das Ich ist Lacan zufolge wesentlich durch eine »Verkennungsfunktion« charakterisiert: Es ist das Ergebnis der Identifikation des Säuglings mit seinem idealisierten Spiegelbild, mit dem es gerade nicht identisch ist. … Susanne Lüdemann beschreibt das »kollektive Imaginäre« in Anlehnung an Castoriadis – aber zugleich auch in Umschreibung von dessen Theorie – als Ort einer kulturellen Manifestation des Unbewussten einer ganzen Gesellschaft: »Von der ›absoluten Egozentrik‹ (Freud) des Traums, den singulären Produktionen des individuierten Unbewußten, bis hin zum kollektiven Imaginären, wie es sich etwa in Mythen, Legenden, politischen Ideologien, aber natürlich auch in der alltäglichen Produktion der Massenmedien niederschlägt und konstituiert, reicht die Spannweite der primären und sekundären Bearbeitungen unbewußten Materials.« … Die Mechanismen der Verdichtung, Verschiebung und Darstellung bilden die primäre Bearbeitung des Traummaterials; die sekundäre Bearbeitung nimmt dem Traum seine »Absurdität und Zusammenhangslosigkeit« und nähert ihn »dem Vorbilde eines verständlichen Erlebnisses« …“ | Aus: „Die imaginäre Dimension der Politik“ von Wilhelm Fink (2014) | Quelle: https://orbilu.uni.lu/bitstream/10993/13194/1/Imag_Dim_Koh.pdf

Sabine am Orde und Tom Vesterhold (13.6.2020): “ … Es ist ja nicht das erste Mal, dass Margarete Vesterhold ihrem Sohn Nachrichten zukommen lässt, die direkt von der AfD stammen könnten. Seit mindestens drei Jahren geht das so. Mal ist es ein Post über libanesische Familienclans, mal ein Video über den angeblichen „Selbstmord Europas“ durch zu viele Einwanderer oder eine Meldung von einer „Gruppe der informierten Bürger“: „Ungarischer Geheimdienst: Tausende Migranten bereiten Bürgerkrieg in Deutschland vor.“ Dazwischen schickt Margarete Vesterhold ihrem Sohn, Fotos der Enkel oder Tierbilder, um sie den Kindern zu zeigen. Dann kommt wieder ein Fake-Zitat von Aydan Özoguz (SPD), der ehemaligen Migrationsbeauftragten der Bundesregierung: „Dass Asylbewerber kriminell werden, das ist einzig und allein die Schuld der Deutschen, weil deren Spendenbereitschaft sehr zu wünschen übrig lässt.“ Oder ein angeblicher Spruch von Sieglinde Frieß, einer grünen Bundestagsabgeordneten: „Ich wollte, dass Frankreich bis zur Elbe reicht und Polen direkt an Frankreich grenzt.“ … Was weiß ich, was Aydan Özoguz wirklich gesagt hat? Und was Sieglinde Frieß? Ich habe anderes zu tun, als diese absurden Pöbeleien zu widerlegen. Und ich habe Mama schon so oft gesagt, dass sie mich mit dem rechten Murks nicht behelligen soll. Wir haben uns schon so oft über Ausländer oder Flüchtlinge gezofft. Über ihr Menschenbild. Ihre sinnlose Angst vor dem Fremden. Knallharte Streite – und total sinnlose dazu. Die Frau ist unbelehrbar. … „Wir merkten: Wir brauchen eine Kommunikation, die nicht an der Oberfläche bleibt, die uns tiefer trägt. Sonst bleibt es bei Schlagabtauschen, die nichts ändern.“ … | https://taz.de/Rechtsruck-und-Familie/!5689436/

“ … Während im Realismus der Beobachter die Welt gleichsam von einem neutralen Standpunkt aus betrachtet, sich beobachtend nicht als Teil der Welt versteht, den Einfluss des Beobachters ausschließen will, weist der radikale Konstruktivismus darauf hin, dass dieser Standpunkt nicht eingenommen werden kann: Der Beobachter ist immer Teil der Welt und hat immer einen subjektiven Standpunkt und beeinflusst so immer auch die Beobachtung selbst. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Radikaler_Konstruktivismus (Mai 2020)

“ … Als Gegenbegriff zu einem naiven Realismus [Ihr zufolge sind die Dinge im Wesentlichen so, wie sie uns erscheinen] gewann nun der Konstruktivismus die Überhand, worunter ich die Positionen subsumiere, die uns weismachen wollen, dass wir keinen direkten Zugang zur Wirklichkeit haben, da wir zunächst Begriffe oder Systeme hervorbringen müssen, die „die Wirklichkeit“ oder „die Welt“ dann bestenfalls verzerrt erfassen. … Neuerdings sind es Gehirne oder vielmehr bestimmte Gehirnareale, die sowohl das Bewusstsein als auch seine bunten Umgebungsbilder erzeugen. Was bleibt, ist die Idee eines kognitiven Gefängnisses: „als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“ (Rilke). Dies gefiel schon Schopenhauer, der einer der Ersten war, die dem Gehirn die Funktion zuschrieben, die „Welt als Vorstellung“ hervorzuzaubern, an die sich die überlebenshungrigen Menschentiere dann in einer dauernden Lebensgeilheit verlieren. … Der Neue Realismus ist [ ] alles andere als naiv. Die Grundidee lautet [ ], dass wir die Wirklichkeiten, auf die wir Bezug nehmen, tatsächlich begrifflich und perspektivisch vermittelt erfahren. Diese Begriffe und Perspektiven sind selbst Wirklichkeiten und deswegen ihrerseits erkennbar. … Die Illusion, von welcher der Neue Realismus befreien will, ist die Illusion, dass wir in einem riesigen Täuschungszusammenhang gefangen sind. Denn dies ist nur eine Ausrede, die den Fatalismus der Freiheit vorzieht. Früher wurden Gott und Schicksal beschworen, um uns von unserer Freiheit zu entlasten, heute sind es die Natur, das Universum, das Gehirn, das egoistische Gen oder die Evolution. Darin sehe ich einen Täuschungszusammenhang, die Ideologie unserer Zeit. … “ | Aus: „Texte zum NEUEN REALISMUS: Markus Gabriel: Wir Verblendeten“ (Die ZEIT, 5. 06. 2014) | http://www.fachverband-ethik.de/fileadmin/daten_bawue/dateien/unterrichtsmaterialien/Reader-Neuer_Realismus.pdf

Markus Gabriel (2020): “ … Die [ ] These, die jetzt in Fiktionen [erschien 2020] ausbuchstabiert wird, lautet, dass unser geistiges Innenleben genauso zur Wirklichkeit gehört wie die uns umgebende Natur. Es gibt also keinen Wirklichkeitsabstand zwischen einem Juckreiz, der Erinnerung an einen schönen Sommerabend in Neapel und dem Vesuv. Das heißt, der Geist ist kein zweitrangiger Bewohner der Wirklichkeit, und umgekehrt hängt die Wirklichkeit auch nicht vom Geist ab. Weiteres Beispiel: Man hat Durst und erinnert sich an das kühlende Kölsch vom letzten Jahr. Dann geht man in den Kiosk und kauft genau deswegen ein Bier, weil man sich selbst in einer Erzählsituation betrachtet: „Ach, weißt du noch, das kühlende Kölsch …“ Das ist die Wirklichkeit des Geistes. Da steckt nicht anderes dahinter, weder Neuronenfeuer noch Klassenkampf. Das nenne ich die Unhintergehbarkeit des Geistes. Aus dem Geist kommt keiner raus. … Deswegen bin ich ja auch Neo-Existenzialist, wie ich das nenne: Wir Menschen sind als geistige Lebewesen das, was wir nicht sind, und wir sind nicht das, was wir sind. Kurzum: Wir können uns in keine Identität mit uns begeben. Auf der Basis kritisiere ich ja dann auch die sogenannte Identitätspolitik. Identitäten wie die Gesellschaft, die Rasse, das Geschlecht, die Religion, die gibt es alle gar nicht. Das sind schlechte Fiktionen, die von Leuten produziert werden, die inkompetent im Erzählen sind. …“ | Aus: „„Wir täuschen uns““ | https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wir-taeuschen-uns

Natasha Kelly im Gespräch mit Alexander Moritz (06.06.2020)“ … Warum weiß als deutsch imaginiert wird, geht ja damit einher oder führt ja dazu, dass Schwarze Menschen hier als Fremde gelesen werden, obwohl viele Familien seit vielen Generationen schon in Deutschland leben. Das reicht bis zur Kolonialzeit zurück, einige Familiengeschichten. Also, da sind wir jenseits zweiter oder dritter Generation. Und wenn wir nicht anfangen zu verstehen, dass dann im Prinzip die Kontinuität dieser Vorstellung sich in Gesellschaft einschreibt – das ist ja, was die Strukturen schafft – können wir ja gar keine Debatte auf einer strukturellen Ebene führen. … Das heißt, dass wir Rassismus auch als Struktur, das heißt, als historisch gewachsene Kontinuität einer lange andauernden rassistischen Ideologie lernen müssen zu verstehen. … Wenn weiße Menschen ihre Abwehrstrategien niederlegen … „Ja, aber ich will nicht als weißer Mann markiert werden.“ Oder: „Ich sehe keine Farbe. Für mich sind alle Menschen gleich.“ – Also, da sind schon ganze Bücher mit gefüllt worden, alleine mit den Abwehrstrategien. … Ich brauche keinen weißen Mann, der mir erzählt, was es bedeutet, eine Schwarze Frau in Deutschland zu sein. … Wenn wir [ ] uns [] die Geschichte des Rassismus ansehen: Die Geschichte des Widerstandes war auch immer kontinuierlich. Die ist ja nie abgebrochen, nur haben Weiße das Privileg gehabt, sich nicht daran zu beteiligen. … “ | Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/soziologin-zur-deutschen-debatte-ueber-rassismus-die.990.de.html?dram:article_id=478142

lemon / 15 Juni 2020 / Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Gespaltene.Deutung, Global.Politix:Micro, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre #45… ]

BRAVO 11 (1961)

“ … Edgar-Wallace-Filme sind Spielfilme, die auf Werken des britischen Schriftstellers Edgar Wallace (1875–1932) basieren. … Obwohl es international zahlreiche Verfilmungen von Stoffen dieses Autors gibt, werden heute vor allem die zwischen 1959 und 1972 entstandenen Wallace-Adaptionen der Rialto Film als Edgar-Wallace-Filme bezeichnet, auch wenn sie teilweise gar nicht nach Originalstoffen von Wallace gedreht wurden. … So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Edgar-Wallace-Filme (April 2020)

Jochen König “ …. Der rückwärst gewandte Blick, der sich nicht um Tagesaktualität scherte, erlaubte den Machern hemmungslos in der Vergangenheit zu plündern. Gotischer Horror mit Nebelschwaden bis in die Baumwipfel, schreiende Käuzchen, Mönchskutten und andere mehr oder minder gruseliger Verkleidungen (Der Frosch mit der Maske, Der grüne Bogenschütze) wurden aufgefahren und lieferten sich ein Stelldichein mit einer naiven Komik, die Slapstick mit dem Vorschlaghammer reproduzierte und sich verbal gern in grobmotorischer Selbstreflexion versuchte. … Gewalt und Horror blieben angedeutet und wohlig, es starben zwar mächtig viele Menschen im Nebel, auf regennassen, nächtlichen Straßen oder exotischen Orten, aber richtig blutig wurde es erst, als die Serie bereits in den letzten Zügen lag, und der Einfluss der ungleich brutaleren italienischen Psycho-Thriller hinzukam. Das verpasste den Filmen zwar nicht den Todesstoß, doch rette es Edgar Wallace auch nicht. Die apolitische Harmlosigkeit und das rückwärtsgewandte Gesellschafts- und Menschenbild, trotz deutlicher ironischer Brechung, ließen die Filme angesichts der herrschenden Auf- und Umbruchsstimmung, der Konkurrenz durch junge Autorenfilmer, New Hollywood und ein Kommerzkino, das einerseits immer kostspieliger und andererseits wesentlich wilder wurde (Italo-Western, Horrorfilme mit mehr als angedeutetem Goregehalt, Krimis, die nicht nur politisch brisanter waren und ganz anders geartete, wesentlich alertere, modernere und reflektiertere Protagonist*innen aufwiesen) ließen die Filme nach Edgar-Wallace Werken und Motiven zu Auslaufmodellen werden. … für einen gepflegt eskapistischen Nostalgietrip gibt es unbehaglichere Zufluchtsorte. …“ | Quelle: https://www.krimi-couch.de/magazin/film-kino/edgar-wallace/

“ … In den weiblichen Hauptrollen drängen attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme), Brigitte Grothum (drei), Karin Baal (drei) oder Uschi Glas vor die Kamera. Meist geben sie das Opfer, das es vor Intrigen und den finsteren Machenschaften zu schützen gilt. Nicht selten enden männlicher Ermittler und weibliches Opfer als glückliches Liebespaar. …“ | Aus: „Kinogeschichte Im Bann des Killer-Froschs“ Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede (04.09.2009) | Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/kinogeschichte-a-948483.html

Philipp Stiasny, Berlin (02.06.2010): “ … Mit dem deutschen Kino der 1950er-Jahre ist es so eine Sache. Einerseits erreichte die Film- und Kinobranche in der Bundesrepublik um 1955 mit 800 Millionen Kino-Besuchen die höchste Nachfrage beim Publikum (im Vergleich dazu wurden im ungewöhnlich erfolgreichen Jahr 2009 im gesamten Bundesgebiet 146 Millionen Kino-Besuche gezählt). Auch heute noch werden Spielfilme aus den 1950er-Jahren vergleichsweise häufig im Vor- und Nachmittagsprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten gesendet. Zudem folgen viele aktuelle Fernsehfilme und Serien – darunter Arztfilme, Urlaubskomödien und Liebesdramen vor Bergpanorama – damals erprobten Formen und Konventionen. … Das Kino der 1950er-Jahre hat deutliche Spuren in der populären Kultur hinterlassen. Andererseits hat die akademische Forschung von wenigen Ausnahmen abgesehen um diese wichtige Epoche der deutschen Filmgeschichte bis in die 1990er-Jahre hinein einen großen Bogen gemacht. Viele Filmhistoriker ebenso wie Kritiker und Cineasten betrachteten die Filme als Dutzendware, als ideologisch rückwärtsgewandt und künstlerisch belanglos. …“ | Aus: „Das deutsche Kino der 1950er-Jahre“ | Quelle: https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-10617


Joachim Horvath (1999): “ … Den wissenschaftlichen Grundkonsens zur Filmkritik der 50er Jahre faßt Schmid wie folgt zusammen: „Augenfälligstes Merkmal der Kritik dieser Jahre ist die Vermeidung gesellschaftspolitischer Implikationen. Bedingt durch die besonderen Umstände der Nachkriegszeit entstand so die Form der erzählenden Filmkritik, welche als Text den Leser zu unterhalten vermochte, ohne ihn mit Hinweisen auf filmische Finessen zu belasten.” … Eine wichtige Sonderrolle in der filmkritischen Landschaft der 50er Jahre (und auch später noch) spielten die Organe der kirchlichen Kritik, der katholische „Film-Dienst“ zum einen, der sich bis heute gehalten hat, und der „Evangelische Film-Beobachter“ zum anderen, der schließlich im heutigen „epd Film“ aufging. Ihr Hauptanliegen war natürlich vor allem die Einstufung und Bewertung der aktuellen Filmproduktion nach den Maßstäben der kirchlichen Morallehre. Hierzu ein Zitat aus den Wertungskriterien der Katholischen Filmkommission von 1959: „Bei der Beurteilung des moralischen Gehalts sind Inhalt und äußere Erscheinungsform des Films an den Normen der katholischen Morallehre zu messen. Bei der Beurteilung der Wahrhaftigkeit ist insbesondere zu berücksichtigen, wieweit der Film geeignet ist, im Betrachter falsche Vorstellungen über die Lehre der Kirche sowie über den Menschen und seine Umwelt zu wecken.”
Um die Gläubigen davor zu bewahren, an ihrer Seele ernstlich Schaden zu nehmen, wurden die aktuellen Kritiken in Schaukästen öffentlich ausgehängt. Der Filmkritiker Peter Nau erinnert sich an seine eigene Jugend: „An einer Häuserwand auf dem Weg zu diesem Kino (einem verrufenen, in dem es vor allem amerikanische Gangster- und Kriminalfilme gab) hing der Schaukasten mit den Kritiken vom Katholischen Filmdienst. Ich liebte auch diese Kritiken. […] Im Lob und Tadel, in der Befürwortung und Ablehnung spiegelte sich der moralische Rigorismus der Filme wider, der in ihnen waltende Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen”
Weitere Merkmale der deutschen Filmkritik der 50er Jahre sind laut Prinzler, daß es ihr, wie bereits angedeutet, zumeist an den fachlichen Voraussetzungen mangelte, daß kaum Austausch der Kritiker untereinander stattfand, daß es keine Filmwissenschaft und keine Filmliteratur und somit auch keine kontinuierliche Wahrnehmung der internationalen Filmgeschichte gab. Dies führte vor allem zu einem gänzlich hilflosen Umgang mit Genrefilmen, die von der damaligen Kritik entweder überhaupt nicht oder nur verzerrt wahrgenommen wurden. Hierzu noch einmal Prinzler: „Das Melodram, in dem Gefühle ernstgenommen werden müssen, war ihr [der Filmkritik, J.H.] fremd. Auf Kriminalfilme reagierte sie mit moralischen Begriffen. Und den Western [damals etwas abschätzig „Wildwestfilm“ genannt, J.H.] konnte sie mit ihrem traditionellen Kulturbegriff schon gar nicht begreifen.” …“ | Aus: „Zur gegenwärtigen Situation der Filmkritik in Deutschland – Eine Analyse anhand ausgewählter Beispiele – Diplomarbeit im Fach Medienwissenschaft – Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen (Stuttgart, November 1999) | Quelle: https://hdms.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/274/file/Joachim_Horvarth.pdf

Claudius Seidl (04.05.2020): “ … Der französische Historiker Paul Veyne hat in seiner Geschichte des frühen Christentums den Sieg der neuen Religion über die alte unter anderem damit begründet, dass für ein Bauernmädchen zum Beispiel in der Provence die Jungfrau Maria einfach eine sympathischere und viel verständlichere Figur gewesen sei, als es Juno oder Diana jemals waren. Und wenn man sich die deutschen Filme der fünfziger Jahre anschaut mit ihren verklemmten und verspannten Helden, die schon deshalb keine Tiefe haben durften, weil über die Vergangenheit geschwiegen werden musste: Dann versteht man heute erst recht, warum sich die deutsche Jugend geistig und kulturell unbedingt von Robert Mitchum oder Rita Hayworth, von John Wayne oder Maureen O’Hara adoptieren lassen wollte. So hätten die deutschen Vorgeschichten in der amerikanischen Imagination und nicht mehr in der verdammten deutschen Wirklichkeit gespielt. …“ | Aus: „How deutsch are we?“ | Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wie-die-amerikanische-kultur-westdeutschland-beeinflusst-16751191.html

Gottfried Lobeck (golo7) 04.05.2020 – 16:21: “ … Auch Kitsch hat durchaus gewinnende Seiten! Und die verkrampfte Auseinandersetzung mit deutscher Vergangenheit 1968, die wenig Klarheit bewirkte, kann auch so gelesen werden, dass american way of life das Sein in merkwürdiger wie auch zuweilen gern gesuchter Weise verkrüppeln kann. …“

Wendy Corinna Fhields (WendyC) 04.05.2020 – 11:38: “ … Nochmal zu amerikanischen, pardon „us-amerikanischen“ Einflüssen: Wer mit BONANZA, KOJAK, CANNON, COLUMBO, FLIPPER und den STRASSEN VON SAN FRANZISKO aufgewachsen ist und die ersten McDonalds-Restaurants erlebt hat und sich dazu noch an das ewige kulturkritische Untergangsgeraune erinnert, das diese Sozialisation von konservativer wie linker Seite begleitete, der wird den Amerikanern ewig dankbar sein! MIAMI VICE statt Martin Heidegger! …“

usw.

lemon / 3 Juni 2020 / Cinema.Exposure, Daten.PolitixMicro, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Gespaltene.Deutung, Kunst.Encoder, Realitaets.Tunnel, Visual.Notes / 0 Comments

[Zum Wahn der Liebe #86 … ]

A Room with a View“ (1985)

“ … Phantasma (altgriechisch φἀντασμα ‚Erscheinung, Bild, Vorstellung, Gesicht‘ bzw. ein von der Gottheit gesandtes Vorzeichen, Wunder, Traumbild mit und ohne Traum, Gespenst, Geist) … Lacan bezeichnet damit die psychische Repräsentation eines Objekts oder einer Situation, an die sich das Subjekt bildhaft erinnert. Das Phantasma gehört somit dem Register des Imaginären an. Diese zunächst allgemeine Bestimmung spezifiziert Lacan, wenn er vom Phantasma als einer Form der Abwehr spricht. Oft liegen der Entwicklung eines Phantasmas traumatische Erlebnisse zugrunde, die jedoch im vorgestellten Bild abgewehrt und umgedeutet werden. Ein Beispiel dafür ist eine Pornografie, in welcher der Konsument sich ein Szenario entwirft (bzw. ein solches konsumiert), in dem reale Unterlegenheit und subjektiv empfundene Minderwertigkeit in sexuelle Unterwerfung der Frau und uneingeschränkte phallische Macht des Mannes umgedeutet wird. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Phantasma (Januar 2020)

Ela Angerer (2. Juni 2020): “ … Man verliebt sich nicht in eine reale Person, sondern in das Traumbild … Experten auf dem Gebiet der emotionalen Verwicklungen nennen diese Fixierung auch: Phantasma. Was ist dieses Phantasma? Jene notorische Fantasie, über die sich Aristoteles, Schopenhauer und Lacan den Kopf zerbrachen? Spielverderber sprechen von einem Hirngespinst und warnen: ein liebestechnischer Selbstbetrug, bei dem es weniger um das Gegenüber als um das Bild geht, in das der andere passt. Alle anderen ahnen: Es macht erst dann „klick“, wenn die neue Eroberung wie eine Blaupause über unsere innere Vorstellung von romantischer Liebe passt.
Ich weiß von Männern, die – halb bewusst, halb unbewusst – in jeder neuen Frau ihre vollbusige Kindergartentante suchen. Oder den charismatischen Polizisten, den sie vom Rücksitz des elterlichen Wagens aus beobachteten. Andere klopfen jede neue Bekanntschaft nach der sommersprossigen Mitschülerin ab, die sie einst so schmerzhaft ignorierte. Ein beliebtes Genre ist auch die Deutschlehrerin mit ihrem im Gegenlicht durchscheinenden Rock. … Ja, eine kleine Liebe mag auf dem Boden von Vertrauen und Realitätssinn gedeihen. Die große, leidenschaftliche Liebe hingegen, die kommt nicht ohne den künstlichen Lichtstrahl unserer Fantasie aus. …“ | Aus: „Lustprinzip – Gespenster der Leidenschaft: Vom Verlieben in ein Traumbild“ (02.06.2020) | https://www.derstandard.at/story/2000117580583/gespenster-der-leidenschaft-vom-verlieben-in-ein-traumbild

Wachstumsschmerz (2020): “ … Ich glaube ja, dass jedes Verlieben über eine gewisse Projektion läuft. … Für mich sind es eher Bedürfnisse, die auf die Person projiziert werden, die stammen natürlich aus der Jugend, wenn nicht aus der Kindheit. Das Problem ist, dass somit die andere Person für viel zu viele Projektionen herhalten muss, erstens hat die Person gar keine Ahnung, dass (und was) ich projiziere, und zweitens kann sie all diesen Projektionen gar nicht gerecht werden, und sollte das auch nicht. Der, der projiziert sollte das erkennen, passiert aber viel zu selten. …“

“ … [Es gibt] … das imaginale Phantasma, das etwas als real gegeben ansieht (a priori Korrelation zwischen Wahrnehmung, Wahrgenommenen und Sein) und zweitens um das imaginäre, das eine Korrelation verneint. Für gewöhnlich werden beide Phantasmen streng auseinander gehalten: Wir grenzen uns von falschen Auffassungen und Illusionen ab. Wir analysieren z.B. einen Traum oder eine Phantasie und bezeichnen diese Phänomene dann auch als solche. Wir tun dies jedoch immer vor dem Hintergrund einer vorausgesetzten Wahrheit und eigentlichen Realität. Das, was wir dabei als Realität bezeichnen, wird selbst nicht für eine Imagination gehalten. Es könnte sich jedoch herausstellen, dass genau das selbst ein Phantasma ist. Dass sich derartige Abgrenzungen nicht so einfach halten lassen, zeigt sich z.B. schon daran, dass ein bloß eingebildetes Angstobjekt, ein Horror-oder ein Liebesfilm ebenso intensive Gefühle und Reaktionen hervorrufen können wie eine reale Schlange vor uns oder die Anwesenheit einer geliebten oder verhassten Person. … Der psychotische Mensch, der von einem imaginalen Phantasma beherrscht wird, … irrt paradoxerweise genau dadurch, dass er glaubt sich nicht zu irren. In seiner absoluten Täuschung ist keine Täuschung möglich. Die Möglichkeit der Korrektur ist jedoch fundamental. Das verdeutlicht auch das bekannte Beispiel von Tschuang-Tse, der träumt, er sei ein Schmetterling. Als er aufwacht, kann er sich fragen, ob nun der Schmetterling träumt, Tschuang-Tse zu sein. Genau dies beweist aber, so Lacan [(J. LACAN: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Das Seminar Buch XI,Weinheim, Berlin 1987)], dass er nicht verrückt ist, denn er hält sich nicht für absolut mit sich selbst identisch. Es ist dieser Abstand von der eigenen Identität, die eigene Selbst-Differenz, der den nicht verrückten Menschen auszeichnet. …“ | Aus: „Gerhard Burda: Phantasma – Wirklichkeit –– Psyche : Grundzüge einer Theorie der Imagination“ (2016)

lemon / 3 Juni 2020 / Daten.PolitixMicro, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Gespaltene.Deutung, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Symbolische Formen (Ernst Cassirer) #3 … ]

Bibliothek Warburg

Frank Hartmann (Datum ?): “ … Aby M. Warburg [https://de.wikipedia.org/wiki/Aby_Warburg] hatte [eine] kulturwissenschaftliche Bibliothek angelegt, um das Nachleben der Antike, die Formen von Überlieferung in der abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte zu studieren.
Diese kunst- und kulturhistorische Sammlung umfasste auch ein Fotoarchiv mit hundertausenden von Zeugnissen von der klassischen Antike bis ins neunzehnte Jahrhundert, auch nichteuropäischer Kulturen. Warburgs Projekt einer Ikonologie oder Bildwissenschaft bedeutete eine der ersten signifikanten Erweiterungen der empirischen kulturwissenschaftlichen Basis. Diese Mischung von kunst- und formgeschichtlicher Forschung beeindruckte den Philosophen Cassirer nachhaltig. … Der Mensch, so Cassirer, ist immer in einer besonderen Welt, er lebt in seine bestimmenden Symbolwelten. … Den Menschen als Symbolwesen aufzufassen heisst, die innere Logik der Erfahrung nicht allein in vernunftkritischen Kategorien zu analysieren, sondern die „Logiken“ des mythischen, sprachlichen und alltagskulturellen Verstehens einzubeziehen. Der Mensch ist also nicht allein durch Vernunft und durch Sprache ausgezeichnet, sondern er verschafft sich seine Identität durch den allgemeinen Gebrauch von Symbolen: „Der Mensch kann der Wirklichkeit nicht mehr unmittelbar gegenübertreten; er kann sie nicht mehr als direktes Gegenüber betrachten. Die physische Realität scheint in dem Maße zurückzutreten, wie die Symboltätigkeit des Menschen an Raum gewinnt. Statt mit den Dingen hat es der Mensch nun gleichsam ständig mit sich selbst zu tun. So sehr hat er sich mit sprachlichen Formen, künstlerischen Bildern, mythischen Symbolen oder religiösen Riten umgeben, dass er nichts sehen oder erkennen kann, ohne dass sich dieses artifizielle Medium zwischen ihn und die Wirklichkeit schöbe.“ (Versuch über den Menschen, 1944) …“ | https://homepage.univie.ac.at/Frank.Hartmann/Vorlesung/ss02.htm

“ … Erst wenn es dem Individuum gelingt, den ‚Mechanismus‘ der Reiz-Reaktions-Sequenzen aufzubrechen und die unmittelbare Reaktion zu verzögern, entsteht die „Fähigkeit“, die eigenen „Reize anderen Personen oder sich selbst aufzuzeigen“ und das ‚mechanische‘ durch „rationales Verhalten“ zu ersetzen …“ | Quelle: M. R. Müller – „Das Bild als soziologisches Problem“ (Beltz Juventa, 2018)

“ … Zeichen sind [ ] für Eco alles, «was man zum Lügen verwenden kann» (SZ 26, 89). Ihr Vorhandensein bedeutet nicht notwendig, etwas offenbar zu machen, sondern gleichermaßen, mit ihrer Hilfe etwas kaschieren oder vertuschen zu können. Daraus folgt die Notwendigkeit ihrer Interpretation. Zeichen sind nicht allein eine Frage der Erkenntnis, sie gehen nicht unmittelbar in dem auf, was sie repräsentieren. Entsprechend hat es der Detektiv mit Hinweisen zu tun, die regelmäßig etwas anderes bedeuten können als sie zu bezeugen scheinen. Wenn es für ihn also darauf ankommt, das Entscheidende hinter einer Tat und ihr Zustandekommen herauszufinden, die Lüge zu demaskieren und den «tatsächlichen» Hergang bloßzulegen, so darf er sich nicht allein auf die Referenz der Zeichen verlassen, sondern er muss auf die Differenz zwischen Bezeichnung und Bedeutung pochen. Er muss sozusagen die wesentliche Dreistelligkeit des Zeichens in Rechnung stellen. Erst sie markiert die eigentliche «Schwelle der Semiotik». Allein das Kriterium des Sinns erlaubt, «den gesamten Kreis der Semiose abzudecken» (SS, 73). […]
… [ein] Zeichen [fungiert] stets als etwas, das für etwas anderes steht, [ ]. Peirce definiert es als „something which stands to somebody for something in some respect or capacity“ (Peirce, 1931, 2. 228) – eine Definition, die sich übersetzen lässt mit: etwas, das für jemanden in irgendeiner Hinsicht oder aufgrund irgendeiner Fähigkeit für etwas anderes steht. „In irgendeiner Hinsicht“, bedeutet, dass das Zeichen nicht die Totalität des Gegenstandes repräsentiert, sondern ihn –vermittels unterschiedlicher Abstraktionen– nur von einem bestimmten Gesichtspunkt aus oder im Hinblick auf einen bestimmten praktischen Zweck vertritt.» [Eco, Umberto: Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 1977, S.  30-31] … “ | Aus: „ZEICHEN Signo“ (Linguistik) | http://www.hispanoteca.eu/Linguistik/z/ZEICHEN%20Signo%20-%20Deutsche%20Zitate.htm

lemon / 19 Mai 2020 / Daten.PolitixMicro, Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Global.Politix:Micro, Kunst.Encoder / 0 Comments

[Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre #44… ]

The Big Lebowski“ (Ethan und Joel Coen, 1998)

Yogurt Sundae #1 (07.05.2020): “ … Ich habe mich immer gefragt, ob die Gruppe ‚Autobahn‘ (mit ihrem Album ‚Nagelbett‘) in ‚The Big Lebowski‘ durch Kraftwerk inspiriert wurde – welch ein Mythos. In diesem Sinne: mach’s gut, Florian… „

usa_gangsterstratege #1.1 (07.05.2020): “ … Das haben Sie sich ernsthaft gefragt?! …“

Scheherazade_1001 #1.2 (07.05.2020): “ … war das eine autorhetorische Frage? …“

SpamBot #1.3 (07.05.2020): “ … „Die im Film gezeigte Techno-Pop-Platte Nagelbett einer deutschen Band namens Autobahn, bestehend aus den Nihilisten, ist eine Anspielung auf die Gruppe Kraftwerk, die insbesondere durch den Titel Autobahn von ihrem gleichnamigen Album aus dem Jahr 1974 auch in den USA bekannt wurde. Das fiktive Plattencover im Film ist angelehnt an die Optik des 1978 veröffentlichten Kraftwerk-Albums Die Mensch-Maschine, das die Musiker ebenfalls in markanten roten Hemden mit schwarzen Krawatten zeigte.“ … https://de.wikipedia.org/wiki/The_Big_Lebowski …“

Eagle58 #30 (07.05.2020): “ … Und ‚Ruckzuck‘ ist das Leben vorbei! Mach’s gut, Florian … „

Kommentare Zu: https://www.zeit.de/kultur/2020-05/florian-schneider-esleben-kraftwerk-tot (6. Mai 2020)

lemon / 7 Mai 2020 / Cinema.Exposure, Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments

[Zwischen Lust und Melancholie #7… ]

Mado (R. Claude Sautet, FR 1976)

(SPON, 23.05.2007): “ … Tatsächlich hat sich Romy Schneider in ihren Filmen oft aus eigenem Antrieb und freien Stücken zur öffentlichen Frau gemacht, sich seelisch und körperlich entblößt. So bedrängte sie den Regisseur Claude Sautet, ihr 1976 in dem Film „Mado“ die kleine Nebenrolle einer depressiven Alkoholikerin zu geben. … Wie ihre Figur lag auch Romy Schneider damals oft tagelang im Bett, betäubt von Rotwein und Tabletten. … Sautets Kamera kann sich nicht lösen von ihrem betörenden Anblick … Wunderbar, dieses Lächeln, wenn sie zu seiner hohen Stirn blickt und leicht belustigt sagt: „Du verlierst deine Haare.“ Wenn sie den Kopf ganz tief senkt, um Piccoli von unten in die Augen zu blicken und sanft fragt: „Hast du großen Kummer?“ Allein Romy Schneider konnte Kraft und Verzweifelung, Ironie und Zärtlichkeit zu einem Ausdruck verbinden. Sie war eine Virtuosin der Gefühlsakkorde. …“ | https://www.spiegel.de/kultur/kino/romy-schneider-die-beruehrbare-a-484146.html

“ … „Mado“ beleuchtet einerseits die Auswirkungen der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre auf die Arbeiter und Angestellten. Genauso wirft der Film ein Licht auf die dubiosen Machenschaften von Unternehmern im Zusammenhang mit Staatsbeamten. Es zeigt sich ein Geflecht aus Korruption und den daraus folgenden Insolvenzen. …“ | https://www.romy-schneider.de/romy-schneider-filme/mado

André Schneider (2. Februar 2018): “ … Die Idee zu diesem Film hatte Sautet vor allem einem kurzen Erlebnis, das sich während der Dreharbeiten zu einem seiner früheren Filme ereignete, zu verdanken: Auf dem Nachhauseweg von einem Außendreh wollte er mit einem Assistenten eine Abkürzung nehmen und wäre dabei um ein Haar in einen Fluss gefahren. In »Mado« wird dieser Episode reichlich Platz eingeräumt; sie übernimmt gleichsam die Schlüsselfunktion. Bei einer abendlichen Autofahrt bleibt eine ganze Gesellschaft über Nacht auf einem schlammigen Feldweg hängen. Michel Piccoli spielt in diesem Film eine seiner dankbarsten und großartigsten Rollen: Er verkörpert den Industriemakler Simon, der über sein bisheriges Leben und seine Karriere reflektiert. …“

Carl-heinrich Bock (8. Juni 2004): “ … Beeindruckend bei Sautet sind die tragischen Personen, ja häufig ein wahres Labyrinth von Personen, die er in verschiedenen Alltagsszenarien auftreten lässt. Er mischt dazu eine Portion von zärtlicher, tiefer Leidenschaft und emotionaler Intelligenz. Er lässt Figuren in seinen Filmen auftreten, die einem bekannt vorkommen … Und häufig fallen seine Filme wie auch bei „Mado“ in eine „schmeichelnde, samtene Dunkelheit“. …“

lemon / 3 Mai 2020 / Cinema.Exposure, Found.Stuff, Gedanken.Memo, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments

[Ordnung, Herrschaft und Interessen #54… ]

Friedrich Merz (11. Juni 2019): “ … Deutschland geht es gut. Wir leben in einem der schönsten und wohlhabendsten Länder der Welt. … “ | Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/wirtschaftspolitik-deutschland-wohlstand-soziale-gerechtigkeit-demokratie-kapitalismuskritik/komplettansicht
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Grafik via Matthias Schnetzer (Ökonom in der Abteilung Wirtschaftswissenschaften und Statistik der Arbeiterkammer Wien) https://twitter.com/matschnetzer/status/1248203924894613504
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Georg Diez (10. April 2020): “ … Die Corona-Krise legt gnadenlos die Schwächen unseres kapitalistischen Systems offen. … Schon werden die ersten Forderungen laut, Steuersenkungen, Abschwächung der Klimaziele, und in den Parteizentralen, Lobbyorganisationen und Industrieverbänden laufen die Beratungen. Das Ziel ist es, ein System zu stabilisieren, das wesentlich auf den klimazerstörenden Kohlekapitalismus setzt und auf Wachstum als Antwort auf die sozialen Fragen – was in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten allerdings zu immer größerer Ungleichheit in den westlichen Gesellschaften geführt hat. Auch das zeigt sich nun in der Krise, die diejenigen, die eh schon prekär leben, härter trifft als andere. … In einem Text in Wired nannte Laurie Penny den späten Kapitalismus, dessen offensichtlichste Krise wir gerade erleben, einen „Todeskult“. … “ |https://www.zeit.de/kultur/2020-04/neoliberalismus-krisen-kapitalismus-coronavirus-politik/komplettansicht

nano846a (10.04.2020): “ … „Es muss also ein systemisches Umdenken geben.“ – Ein frommer Wunsch. Was wird nach der Krise passieren, nachdem die Wirtschaft am Boden, die Staaten hoch verschuldet sind?
Gnadenloser Kampf um Marktanteile, Staaten werden erstmal massive Sparprogramme einfahren und ein paar Krisenvorsorgeprogramme für die Zukunft. Business as usual, nur ein Stück härter. Und die Gesellschaft: Erstmal aufatmen nach den massiven Beschränkungen der Krise, Konsum, Events, Mobilität. …“

Arthur Philipp Dent #99 (11.04.2020): “ … Das wesentliche Problem, welches Corona aufdeckt, ist die Plünderung der Reichtümer durch eine Kaste von Investoren, Finanzindustrie, Großkonzernen, deren Lobby und die Politik dazu. Dabei hat die Umverteilung von unten nach oben System. Menschen, die mit mehreren Jobs in prekären Verhältnissen leben, um zum Beispiel die Miete der von Finanzinvestoren übernommen Wohnung bezahlen zu können, die durch gentrifizierung weltweit systematisch den Wohnungsmarkt in unglaubliche Höhen schrauben. Ebenso Bauern, die Subventionen erhalten um zu überleben, weil für Milch nicht genug bezahlt wird, die Gewinnspanne im Supermarkt stimmt und die Lebensmittelindustrie verdient prächtig. Die Gewinne gehen an die Investoren. Geht es irgendwo auf der Welt 3 Cent billiger zieht die Produktion dort hin. … [Es] gibt es eine gewaltige Akkumulation von Kapital bei einigen wenigen, die es weltweit verschieben, wo es gerade günstiger ist. Jetzt zeigt sich allerdings, dass die Systemrelevanz auf der unteren Ebene liegt, dort wo die Gesellschaft am laufen gehalten wird. … Dass sich nach Corona etwas ändert, ist zu bezweifeln, man wird schnell vergessen. … „

lemon / 11 April 2020 / Daten.PolitixMicro, Gedanken.Memo, Gespaltene.Deutung, Global.Politix:Micro, Visual.Notes / 0 Comments

[Unmaßgebliche Augenblicke #1 … ]

Ein neuer Tag. 6 Uhr. Langsam zu sich kommen. Der zweite Becher Kaffee war ohne Milch. Rasur, Socken, Schuhe, alte Jacke. Auf dem Klapperrad sitzend, landen ein paar kühle Regentropfen im Gesicht. Morgendämmerung an der Kieler Förde. Lastenkräne mit orangenen Signallampen über der matschigen Baustelle. Hier wird gebaut. Hier stehen zugleich die Zelte des Circus Royal, wo es kurz nach Pferdeäpfeln von Circuspferden duftet und das Rad über die provisorische Stromleitung holpernd übersetzt. Das Vorderrad erreicht die Klappbrücke. Der Uhrenwürfel an der Kaistrasse zeigt Punkt 8 Uhr.
Im Sophienhof sitzt wieder Chruschtschow. Sein Gesichtsausdruck, seine behäbige zugleich kraftvolle Körpersprache, lässt meine Gehirn, still und ohne Beteiligung von bewußtem Willen, seinen Namen ausspucken. Gehe ich an ihm vorbei, denke ich an die Archivaufnahmen von 1960 in denen Nikita Chruschtschow mit einem Schuh auf einen Konferenztisch hämmerte. Mit einem großen Hörgerät sitzt er im Mittelgang. Mal ist er ganz allein, mal sitzt er mit befreundeten oder unbekannten Delegierten der UNO auf der roten Sitzgelegenheit und beobachtet Szenerie. Chruschtschow schaut ruhig in das Gemenge. Die Sitzgelegenheit ist wie eine Insel im Gewusel, die allen Menschen gut tut, die was mit den Knien haben und mal eine Pause brauchen.
Vorfreude mischt sich mit leiser hysterischer Angst. Die Übung heißt freundlich, aber nicht zu vulgär zu werden. Hingegeben zu sein, aber zugleich auch aus Tackt ein Stückweit unbeteiligt zu bleiben. Zwischen Alltagslärm und Kapitalismus, kommt es in der Eingangshalle an der Supermarktkasse zu einem temperierten Sirenengesang (Nymphenblick) der süchtig macht.
Der Bon, nein Danke, den brauch‘ ich nicht. Das Studentenfutter und eine Gemüsesaftflasche landen in der zerlebten Ledertasche, die an der Schulter durch den Lederriemen zerrt.
Im Kieler Hauptbahnhof steht schon der dauerredende Holländer am Bahnsteig. Einer aus der Menge, schlank gewachsen, immer sprechend, einem inneren Zwang nach in ständigem Wortschwall gefangen. Ob ihm jemand zuhört ist Schnuppe. Was mag es für eine Sprache sein, woher kommen die kräftigen Gesten, der Blick ins Ungefähre, die Lautäußerungen, die ihm unwillkührlich aus dem Munde fahren – ist es Niederländisch (ich weiß es nicht)?
Die Tür schließt sich mit Regionalbahn-typischer Warntonfolge. Auf den Schienen geht es über die Autobahnbrücke an der silbernen Müllverbrennungsanlage vorbei.

lemon / 20 Februar 2020 / Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Kiel.Gaarden, Kiel.Refugium, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre #42… ]

John Michael Krois (‚ZUR DARSTELLUNG VON SYMBOLISCHEN UND SOZIALEN STRUKTUREN‘, 1999): “ … Cassirer schreibt in der Tat einen „klassischen“ Stil, aber er spricht nicht die Sprache des Rationalismus: „Vernunft“ gehört nicht zu seinen Begriffen; diese sei für ihn „vage und unbestimmt“ und nur dann sinnvoll, wenn man ihr die „differentia specifica“ hinzufügt [[https://de.wikipedia.org/wiki/Genus_proximum_et_differentia_specifica]]. Aus animal rationale [[“ Mit diesem Ausdruck hob Aristoteles die Fähigkeit des Menschen zu denken als die wesentliche, ihn vom Tier unterscheidende Eigenschaft des Menschen hervor.“] https://de.wikipedia.org/wiki/Animal_rationale] wird animal symbolicum [[ „Der Begriff animal symbolicum wurde von Ernst Cassirer geprägt. Der Begriff hebt die typisch menschliche Fähigkeit hervor, Symbole hervorzubringen und in einer Welt der Symbole zu denken und zu leben. “ ] https://de.wikipedia.org/wiki/Animal_symbolicum], statt Vernunft ist die Teilnahme an symbolischen Formen das Entscheidende am Menschen. Animal symbolicum ist und bleibt „a mythical animal“ und Mythos ist keine historische Wirklichkeit, sondern „a permanent element in human culture“. Jedoch ist das Symbolische – und nicht die Macht das Zentrum von Cassirers Kulturbetrachtungsweise. Deshalb kann er Kultur den Prozeß der menschlichen Selbstbefreiung nennen. Diese Behauptung basiert auf keiner inhaltlichen Anthropologie, weder auf einem Rousseauschen Vertrauen in eine allgemeine bonte naturelle der Menschen [[ Die natürliche Güte des Menschen (Rousseau) ]] noch auf einer Verehrung für die „höchsten Exemplare“ wie bei Nietzsche. In seinen letzten Schriften spricht er am deutlichsten seine Ansicht aus: das Symbol gewährt die Mittel für eine mögliche Befreiung von Angst, Unterdrückung und Unwissenheit, gleichwohl analysiert er ebenfalls im Spätwerk auch noch ganz andere Möglichkeiten. Albert Speer meinte in den Spandauer Tagebüchern, Cassirer habe in „The Myth of the State“ wo er die Theorie der technischen Instrumentalisierung des mythischen Denkens ausarbeitet, das Einmalige und Neue im dritten Reich richtig erkannt: die neu gefundene Möglichkeit der Auslöschung selbstverantwortlicher Persönlichkeiten, die Ausschaltung des rationalen Widerstands. Die Öffentlichkeit einer schriftlichen Gesellschaft, auch Radio und Film, können bedient werden, um mythische Formeln zu verbreiten und so zur wirkungsvollsten aller Herrschaftsmittel werden, denn so werden Menschen von innen durch ihre eigenen Phantasien und Emotionen gelenkt und nicht bloß von außen gesteuert.

… Der Unterschied zwischen Bourdieu und Cassirer liegt in ihren Auffassungen von dem, was Cassirer die „kritische Kräfte“ der Kultur nannte – ästhetische, ethische und intellektuelle. Wir finden ihn in Cassirers Behauptung, Kultur ist der Prozeß der menschlichen „Selbstbefreiung“. Cassirer begründet diese Behauptung mit seiner Symboltheorie, aber eine pauschale Formel dafür gibt er nicht, denn dieser Befreiungsprozeß sieht in jeder symbolischen Form anders aus. ln Bourdieus Soziologie der symbolischen Formen muß eine solche Behauptung unrealistisch sein, denn eine Befreiung aus Machtverhältnissen ist nur sehr bedingt, wenn überhaupt möglich. Cassirers Behauptung läuft Gefahr, das politische Feld ganz zu verlassen und in den Idealismus zurückzufallen. Man könnte Cassirers Symbolphilosophie als apolitisch bezeichnen, und so wäre die Grenze zu Bourdieus Auffassungen gezogen.

… im Gegensatz zu Cassirer sieht Bourdieu nicht einmal in der Kunst einen Bereich, in dem der Allgegenwärtigkeit von Machtverhältnissen zu entkommen wäre. Bourdieu lehnt die rein ästhetische Auffassung der Kunst zugunsten einer sozialkritischen ab.

… Für Cassirer ist Kunst symbolische Form, ein Ausdrucksphänomen und nur sekundär Gegenstand von Geschmacksurteilen. in der Kunst geht es zunächst weder um Genuß noch um Gefallen. Kunst ist eine Darstellung von Ausdruck in einer symbolischen Form. Kunst ist eine „Intensivierung und Illumination“ des Lebens [[„Beleuchtung hat einen rein praktischen Zweck: Man kann etwas sehen. Illumination erhebt sich über den reinen Zweck und wird zur Kunst“ ] Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Illumination_(Beleuchtung)]. In der Kunsterfahrung nehmen wir sinnliche Inhalte wahr, aber im Gegensatz zum praktischen Leben geht es nur um ihre Formen. Dadurch werden unsere Gefühle und Emotionen in der Kunsterfahrung fundamental verändert. In der Kunst haben wir zwar mit tragischen, komischen und lyrischen Inhalten zu tun, aber wir erleiden diese Inhalte als emotionale Zustände nicht, wir erleben eine befreiende Erleichterung von ihnen. Wir erleben „die ganze Skala des menschlichen Lebens“: „die kontinuierliche Oszillation zwischen all seinen Extremen – zwischen Freude und Trauer, Hoffnung und Angst, Jubel und Verzweiflung“. Diese Erweiterung der Gefühle würde im alltäglichen Leben unerträglich sein. Doch in dem Kunsterleben sind wir befreit von der Last: „Die Last der Emotionen wird uns von den Schultern genommen; was wir fühlen, sind ihre inneren Bewegungen, ihre Vibrationen und Oscillationen – ohne ihre Gravität, ihre unterdrückende Macht, ihr Gewicht und ihren Druck“. Kunst ist Katharsis, aber nicht einfach im Sinne einer psychologischen oder moralischen Reinigung der Gefühle. Kunst transformiert die Gefühle: wir fühlen, ohne zu leiden, wir erleben das Passivste an uns (unsere Gefühle) als etwas Aktives, indem wir ein Werk nachvollziehen. Wir erleben eine Befreiung von den Inhalten durch ihre symbolische Darstellung, die einen Gefühlsablauf anregt und gleichzeitig Distanz ermöglicht. …“

Aus: MITTEILUNGEN DES INSTITUTS FÜR WISSENSCHAFT UND KUNST 54. JAHRGANG 1999, NR. 2-3: „SYMBOL-STRUKTUR-KULTUR – Zur erkenntnistheoretischen Grundlegung der Sozial-und Kulturwissenschaften nach Ernst Cassirer, Claude Levi-Strauss und Pierre Bourdieu“ | Quelle: http://www.iwk.ac.at/wp-content/uploads/2014/06/Mitteilungen_1999_2-3_symbol_struktur_kultur.pdf

lemon / 15 Januar 2020 / Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Kunst.Encoder / 0 Comments

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