[Eingespülte Sandkörner… ]

Während ich in der Nacht über den Boden gleite, sehe ich die meterlangen Mondschatten auf der Straße, oder sind es riesige Fledermäuse mit mächtigen Flügeln, oder sind es die schaukelnden Äste unter den Straßenlaternen? Dann kommen plötzlich Regengüsse, die Hose ist schon nass, die Haut wird kühl, das Fahrrad tropft, die Kugellager der Fußpedale knirschen durch eingespülte Sandkörner. Die Nacht ist kurz, die Musik zusammen mit dem schummrigen Rotlicht der Garage verflogen. Im Kopf hallt der Klang nach. Die Augen halb auf im Dunkel, denke zurück. Schreibe mit einem Füller und schwarzer Tinte in Gedanken einen Brief an Dich in die Vergangenheit. Möchte mich tief vor Dir verbeugen. Möchte echte Demut vor Dir bekennen. Möchte in deinem Gesicht nach einem flüchtigem Lächeln suchen. Geläutert wäre ich dann wohl ein bisschen – sollst Du denken. Sag mir, waren wir alle liebeskriminell? Wie konnte ich das vergessen. Weit weg von jener bedeutsamen Moral der in Würde gealterten Gedanken. Führe mich in die Zeit, genau dort an Ort und Stelle, wo ich in der Fahrt die Gedanken fabuliere. Schäme mich dafür. Für jedes Wort. Will es Dir dennoch alles schreiben. Jetzt durch das Treppenhaus, die Socken regentriefend. Und ein Teil vom eigenen Kopf versinkt in einem alten Kissen, das Fenster steht auf kipp. Für ein paar Stunden sinkt alles dahin, der Schlaf breitet seine Schwingen aus. Er kommt und geht wie der eigene Atem. Der Kaffee im Bett, schnell noch werden zwischen Tür und Angel zwei Küsse hingegeben. Jetzt ist wieder Tag. Rollend auf dem alten Eisenesel, die Kette surrt, kühler Wind, aber keine Stille auf dem Waldweg, blätter rauschen mächtig durch den Raum. Wieder auf der Straße, Wolkenschatten mit Lichtflecken gleiten in Windeseile über den verblichenen Teer. Im Industriegebiet ein Wohlgeruch von gerade erst geschnittenem Gras, daneben lärmen zwei Rasenmähermotoren. Hier steht ein Briefkasten am Weg, in den man Briefe einwerfen kann, die in der Vergangenheit landen. Ich werfe da nichts rein – wie heißt es so schön im Englischen: act your age.

lemonhorse / 6 Juli 2016 / Gedanken.Memo, Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Ein Vogel auf dem Zweig… ]

Ich sehe den alten Mann, der im Pflegezimmer sitzt. Wie er versonnen den Vogel auf dem Zweig durch das Fenster beobachtet – und es scheint so, als sei dieser Vogel nun für ihn die Welt.
Eine Welt, die unscharf zu den größer werdenden Rändern geworden ist. Und am Telefon kommen ihm die Worte völlig falsch vermengt durch den Hörer. So zusammenhanglos wird da plötzlich gesprochen. Da wundert sich der zehnjährige Urenkel mit dem Telefonhörer im Flur. Darum weint des nachts eine Frau unter der Bettdecke, findet sich hin gestürzt zu den Empfindungen eines kleinen Mädchens. Es fühlt sich so wehrlos und beschämend an, wenn man nur noch die verblassende Vergangenheit festhalten kann, während die Gegenwart versickert. Vielleicht wäre es ein Anfang unsere generelle Endlichkeit nicht mit tröstenden Beteuerungen zu übermalen. Was hilft die Theorie in den Büchern, die Bilder an den Wänden, die Daten auf den Festplatten, die Bedeutung all der Lebendigen Wesen, wenn das Lebensende plötzlich die Praxis des Seins konkret zerstäubt.
Die anderen haben noch ein paar Atemzüge mehr – aber es fehlt jemand, wenn jemand verschwunden ist. Daran ist nichts zu ändern. Die überlebenden haben die Erinnerung. Wenn Liebe im Spiel ist, so haben wir die Erinnerung und die Trauer. Und Trauer ist nie gleich. Trauer ist diffus, es werden sogar Dinge erhofft, die vorher nicht zur Debatte standen, weil die Trauer dazu verführt. Trauer kann durch so sonderliche Nichtigkeiten auslöst werden. Ein vergessenes paar Schuhe. Ein Schlaflied, was die Mutter dem Sohn vorgesungen hat, als er noch nicht mal mit dem Fahrrad fahren konnte. Trauer als bittersüße Droge von enthobener Benommenheit, ein melancholischer Genuss. Die Trauer ist nicht aufgeklärt, sie ist ungerecht, punktuell und parteiisch. Trauer kann bestens überrumpeln. Trauer bäumt sich unerwartet auf. Trauer vergilbt. Trauer geht auf Zehenspitzen in ein anderes Zimmer. Trauer stampft schnaubend auf wackeligen Beinen. Trauer wankt zur einen Seite der Wahrheit, reißt – wie durchfahren von einem Stromstoß – die Wahrheit vom Sockel. Trauer schreit auf, läuft blindlings gegen die Kulissen der Erinnerung und bringt alles zum beben. Trauer haut mit knöcherner Faust in den großen See der Gefühle, so dass Wasser in die Augen scheißt – und es ist oft vorgekommen, das die Trauer mir fast immer fernbleibt, wenn viele sie im gut gefüllten Saal erwarten.

lemonhorse / 10 Mai 2016 / Gedanken.Memo, Realitaets.Tunnel, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Eine Art Auslieferung… ]

Wie schwindelerregend kurzzeitig ist der Orgasmus und die konkrete Liebe gegen den langen unterschwelligen Rausch, den die verdeckte Begierde unter den Teppich kehren kann. Genau dort kann all dies Material jahrelang herumliegen und übersehen werden. Die Essenz ist geistig kaum zu greifen, ist flüchtig, ist virtuell, liegt aber wie unbehauener Marmor im Abklingbecken des Gefühls. Wo kommt das Material her? – Es sammelt sich über die Zeit von überall und nirgends. Es sind zufällige wie auch kurze Begegnungen, drei vier Worte und ein paar Blicke. Meist hat fast alles nichts zu bedeuten und deutet auf fast nichts hin.

Und ich will morgens (bin gerade erst halb wach) unter der Dusche nicht an die Steine eines versunkenen Geröllhaufens denken. Ich will gar nicht wissen, welche Form diese Brocken haben und wie groß sie sind. Aber unter der Dusche denkt der Kopf manchmal ohne den Besitzer zu fragen einfach drauf los. Jeder Gedanke ein kleines Phantasma, eine schlichte Verwirrung oder eine winzige Halluzination. Gerne erzähle ich mir kleine Lügen um etwas zum grübeln zu haben. Und wie klein kann der Anlass sein. Wie kurz der Moment auf den sich Vorstellungen beziehen. Da war ein Blick nur mit freundlicher Anspruchslosigkeit getränkt. Doch dann wird er offener. Da steht für eine halbe Sekunde die Geste der Auslieferung wie eine Öffnung im Raum. Ist das ein Aufblitzen von wirklicher Nähe? Die Zeit dehnt sich. So eine Situation kann nicht nur die Zeit verlangsamen sondern auch den Kopf kosten. Eben noch fremd mit einem Menschen, schon können wir die Luftpost der Seele lesen.

Hinter einer Situation von sachlichen Schlichtheit lauert manchmal eine Art Auslieferung, Hingabe, Selbstaufgabe, Abtretung, Auflösung, Verschlagenheit und Lust. Ich hege keine Skepsis dem Genuss gegenüber. Mag jeder lutschen, küssen, lieben, empfinden und stöhnen wie, wo und so oft er mag. Aber für einen bestimmten Grad von Abstufung der Entsagung spricht der Fakt, dass letztendlich jeder wirkliche Nähe zu einer echten Verschmelzung führt. Hierauf folgt die unwiderrufliche Veränderung der Bedeutungen (man kann, bei der Entscheidung ob man den anderen wirklich treffen will – egal ob man ein Mann oder Frau ist – eben nicht ein bisschen schwanger sein!). Und danach: die Rückwege werden auch von der Logik der Gefühle grimmig bewacht.

So bleibt die Entscheidung bei uns, wie weit wir den Ausdruck des Blicks zu beschränken bereit sind. Wir entscheiden, wie weit wir uns bei mehrdeutigen Gefühlen reduzieren. So entgehen wir leichter der Ergreifung auf den Allgemeinplätzen durch die Sicherheitskräfte der Vernunft. So droht keinem die Inhaftierung des Gefühls. Keinem packt die kalte Selbstablösung. Keiner stolpert über seine Widersprüchlichkeit in den Scherbenhaufen den man in Zukunft hinterlassen würde. Keiner bedroht die Contenance der Gefühle der beteiligten. Es braucht dann kein atemloses aufeinander prallen, keine horizontalen Übereilungen. Es gibt nichts zu bereuen. Und später dann – wenn langsam das klare Denken die Oberhand gewinnt, wenn wir nicht mit dem Kopf gegen die Wand schlagen mussten, dann sind wir vielleicht für einen kleine Augenblick über irgendeinen Punkt in unserem Inneren nur noch leicht amüsiert und verwundert. Dort gibt es also einen Ort den ich selbst nicht kenne und nicht kennen kann. Ein Ort, wo wir im Schummerlicht kaum unsere Gesichter sehen können, wo wir haltlos in der Bestimmung von Gefühlen sind, weil die Gefühle erst noch Zeit brauchen und später kommen werden, weil da Bodennebel in unserem Psychischen Apparat zugegen ist, da der Tag noch gar nicht angebrochen ist.
Als Konsequenz aus den Duschbrausen-Halluzination, kann ich immerhin mit den Fingern schmunzelnd die Abstufungen der Enthaltsamkeit auf den beschlagenen Kacheln vermessen.

lemonhorse / 16 November 2015 / Gedanken.Memo, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Sentimental am Gustav-Peters Platz… ]

1# Sentimentalität ist eine Form der emotionalen Selbststimulation ohne Handlungsantrieb.

2# Gegenwärtig trifft der Herbstanfang häufig auf den 22. oder 23. September.

Nein, auch wenn heute erst der 1 September ist. Für mich ist heute Herbstanfang. Ich kenne das schon, aber es steigert sich mit den Jahren – es ist die Sentimentalität ausgelöst durch einen spätsommerlichen Temperaturabfall. Ich fühle es im Bauch, im Margen, im Kopf, ein Anflug zart-schwerer Süße. Melancholie tanzt jetzt langsam im Sonnenlicht auf dem Balkon. Sie sieht in meine Augen und beginnt ganz leicht zweideutig zu lächeln. Schon schweife ich ab – sie lockt mich barfuß mit verspieltem Hüftschwung, mit leichten kreisenden, rückwärts gehenden Schritten. Mein Blick, ich ahne es, kann bereits nur noch ungenügend vorgeben, dass dieses zart-spöttische Entreißen aus der Gegenwart gegen meinen Willen wäre. Die Lust auf sentimentale Gedankensprünge und Rückbesinnung legt sich nun neben mir auf die unordentliche Matratze.

Wir liegen eine Zeitlang ganz still wie Geschwister zusammen. Wir horchen in uns hinein. Mit halb offenen Augen sehe ich, dass Melancholie versonnen und beiläufig die Weltkugel, die an einem Faden von der Zimmerdecke hängt, zur Seite schubst. Dann küsst sie mir die Stirn – wie eine Mutter ihren Sohn. Die Weltkugel zieht langsam elliptische Bahnen über uns. Wir lassen uns auf der Matratze treiben. Sie nimmt meinen Hand wie eine Frau, drückt fest zu und fragt: woran denkst du?

Wir schließen wieder die Augen. Ich erinnere mich zuerst nur an einen Geruch. Es ist der Geruch in einem alten Haus in Ratzeburg. Das Haus meiner Urgroßmutter. Es war eigentümlich – wir befinden uns irgendwo in der Mitte der siebziger Jahre. Das ganze Haus roch dezent vermodert. War es die Hausverkleidung, die mit Schimmelpilzen durchsetzt war? – Feuchtes grün lackiertes Holz, das wer weiß wie oft durch der Sonne Licht getrocknet – und immer wieder von neuem nass geregnet worden war? – Eine Holzverkleidung von der unten zum Boden hin der Lack abgeplatzt war?
Oder war es der Holzrahmen vom Komposthaufen im Garten wo die – waren es drei? – großen Kirschbäume standen. Dort wo die Stare hoch oben in den Zweigen krächzten? – Vielleicht verwechsle ich alles.

Im Keller vermischte sich der Geruch von altem grau schwarzem Mörtel mit dem dicken aromatischen Duft von gelagerten gelb-roten Äpfeln aus dem letzten Sommer (auf Zeitungspapier in Holzkisten eingelagert). Weiter hinten an der Wand: die Einweckgläser mit den eingekochten Mirabellen und Kirschen auf rustikalen Bretter-Regalen. Ich weiß nicht mal mehr ob die Erinnerungen echte Erinnerungen sind – oder ob ich sie mir nur (ohne es zu wissen) ausgedacht habe. Aber an den Geruch kann ich mich deutlich erinnern.

Im Schlafzimmer roch es besonders alt. Es waren die schweren Vorhänge, die früher als mein Urgroßvater noch gelebt haben mag, im Zigarrenrauch unmerklich langsam hin und her geschwungen haben mögen – auch war es wohl der Schweiß von alten Körpern.

Ich war hin und wieder zu Besuch bei Omi (meiner Urgroßmutter) – aber sie war irgendwie immer so weit weg. Es war eine unsichtbare Glaswand zwischen uns. Wenn sie mit mir redete war es mir, als könnte ich nie ganz präzise verstehen, was sie mir sagen wollte, obwohl ich die Worte hörte, die sie an mich richtete, konnte ich sie nicht recht verstehen.
Die einzige Sache, den ich sinngemäß noch rekonstruieren kann ist, dass ich dies faszinierende große Modellschiff, welches oben auf dem Holzschrank mit der Glastür stand, nicht zum spielen benutzen durfte.

Im Schlafzimmer war der hoch gewölbte bronzefarbene Bettbezug mit echten Daunenfedern gefüllt. Der dunkle Raum mit Bett und Vorhänge wog schwer für eine kleine Kindernase.

Die tickende Wanduhr mit ihren Eisenkettchen und goldenen länglichen Metallgewichten, die dunklen Teppiche an der Wand. Es war so still und leise am Gustav-Peters Platz zur Nacht – ich lag auf dem ausgeklappten Sofa mit einer Decke.

Draußen im Garten bei Kirschbäumen und Buchsbaumhecken lag immer schon die kopfgroße weiße Muschel (wer hatte sie nur aus dem Meer geholt?). Sie war zu einem drittel mit grünem Moos überwachsen. Ich dachte als Kind, diese Muschel würde bestimmt schon ewig da gelegen haben und würde auch immer da liegen bleiben.

Ich fuhr erst vor ein paar Jahren tatsächlich nach Ratzeburg. Ich wollte noch mal die überwachsene Muschel sehen. Aber schon das Haus war nicht mehr wiederzuerkennen. Immerhin stand es noch da. Natürlich machte nicht ‚Omi‘ die Tür auf, sie war vor bereits vielen Jahren in den Armen meiner Großmutter gestorben. Aber das Haus – ich bekomme die Bilder nicht mehr übereinandergelegt. Der Garten ist völlig verändert. Ich erkenne nichts wieder. Da hilft auch kein Tretbootfahren auf dem Ratzeburger See.

Auf dem Rückweg lief ich noch mal zum Auto – ich dachte: die Reise war umsonst, es ist nichts mehr da. Doch dann sehe ich aus den Augenwinkeln eine betagte Frau, die ‚am Gutav‘ – nicht nur aus einem Fenster gegenüber – sonder auch wie aus einem anderen Jahrhundert herausschaute. Nachdem ich ihr in groben Zügen von meinen Erinnerungen erzählt hatte, holte sie ein Photoalbum aus ihrem Haus und reichte es mir durch das Fenster. Die Bilder zeigten mir bräunlich-weiße (nicht schwarz-weiße) Bilder, auf denen meine Großmutter als Kind zu sehen war, auch Pferdegespann, und das Sonntagskleid einer vielleicht 5 Jährigen. Sie sagte: „Natürlich ja, an die ‚Stasi Drude‘ erinnere ich mich noch gut!…“. Aus dem Photoalbum sahen mich die Augen eines kleinen, etwas schüchternen Mädchens an. Mir wurden für kurz die Augen feucht, ich fragte mich, ob meine mir so herznahe 1998 an Alzheimer verstorbene Großmutter wohl jemals selbst diese etwas vergilbten braun-weißen Fotos gesehen hatte.

lemonhorse / 1 September 2015 / Gedanken.Memo, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Gemäßigte Entrissenheit… ]

1 # [ “ … Die Verkoppelung von Selbstgewissheit [des Ichbewusstseins („Cogito ergo sum“ = „Ich denke, also bin ich.“)] und Verschiedenheit vom Körper hat einen Riss zur Folge, der [ ] Innen und Außen trennt. … Indem [sich] das Denken auf sich selbst bezieht, wird die Trennung von res cogitans [›die denkende Sache, die denkende Substanz‹] und res extensa [›die ausgedehnte Sache, die ausgedehnte Substanz‹. Descartes bezeichnet die Gesamtheit des Seienden, die außerhalb und unabhängig vom Bewusstsein existiert, als „res extensa“] für das Denken wirklich. Darin spiegelt sich der Schritt von der Selbsthabe zum Selbstsein. … So ist es eine Selbstunterscheidung des Selbst, das Selbsthabe und Selbstsein in sich selbst unterscheidet. … Die Schwäche Descartes – und das ist ihm stets vorgehalten worden – bestehe in der vollständigen Disjunktion von Geist und Körper. Tatsächlich zeigt sich daran ein Rest noch mittelalterlichen Denkens, fasst er doch beide als Substanzen (res) auf. In einer historischen Perspektive muss man Descartes in Schutz nehmen: Der Briefwechsel mit Elisabeth von Böhmen/von der Pfalz zeigt, dass Descartes in seinen späten Lebensjahren die Auffassung vertrat, dass es sich bei der Dichotomie [„Zweiteilung“] von Geist und Körper um eine gedankliche Unterscheidungen handelt und nicht um real distinkte Entitäten [verschiedene Dinge an sich]. …“ // Aus: Christoph Asmuth „Selbsthabe und Selbstsein: possessivität und Performanz des Körperlichen“ (2010) >> https://digitalis.uc.pt/en/livro/selbsthabe_und_selbstsein_possessivit%C3%A4t_und_performanz_des_k%C3%B6rperlichen]

2 # [ „… René Descartes (1596–1650) beschreibt in seinem Werk „Traité des passions de l’âme“ [„Die Leidenschaften der Seele“], (Paris 1649) sechs Grundformen von Affekten, die zu zahlreichen Zwischenformen miteinander kombiniert werden können: Freude (joie), Hass (haine), Liebe (amour), Trauer (tristesse), Verlangen (désir), Bewunderung (admiration). …“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Affekt, 08/2015)]

Es kommt mir der Gedanke (oder ist es ein Verdacht?), dass es weitere „Grundformen von Affekten“ geben könnte. Wie wäre es zum Beispiel mit „gemäßigter Entrissenheit„. Eine Art Denken, welches Gefühlsanteile in sich trägt – und sich einstellen kann, wenn Gedanken sich (fast erstaunt) bei ihrer eigenen halbwegs automatischen Entstehung selbst zuschauen (nachdenken über die im Selbst entstehenden Gedanken).

Dabei geht es zeitlich mit dem Rad den Kantstein hinunter. Es ist ein altes Rad auf dem ich sitze. Das Hinterrad hat bereits angerostete Speichen – und wieder zu viel Spiel in der Hinterachse. Dabei war die alte Sachs-Dreigangnarbe erst vor ein paar Monaten neu eingestellt worden. Sie hat sich wohl selbst beim Fahren wieder losgeruckelt.

Vorbei driften mir zur Linken die Häuser in denen die Käuflichkeit Freudenfeste feiert. Ein Fester ist geöffnet. Zwei junge Frauen sitzen im vierten Stockwerk auf dem Fensterbrett, rauchen und lachen etwas überschwänglich, leicht nervös aber auch durchaus selbstbewusst. Alle anderen roten Fenster sind verschlossen. Vielleicht machen sie sich über die Seinsweise und die tatsächlichen Gegebenheit der Klienten Lustig. Warum sollten sie da auch nicht lachen – mitten in dem verworrenen Verhältnis von Geld, Akt und Wahrheit.

Das Gleiten über die Straßen ist angenehm bei lauem Wind. Plötzlich beginnt die Affektillusion – Menschen auf Parkplätzen und Gehwegen werden zu gemäldehaft strukturierten Nebensachen, die Stadt verwandelte sich in ein Museum von Bauwerken mit Anhäufungen von seltsamen Objekten, Hauskanten, aufgeplatzten Teerdecken, Säulen aus Gussbeton, überwucherten Gehwegplatten, verrosteten Brückengeländer und moosüberzogene Mülleimer.

Die betrachtende Ziellosigkeit frönt als ein Rausch in mir. Das Wogengeplätscher der Kieler Förde und die Werftgeräusche, Dieselmotoren, Ampeln und Verkehrsschilder fliegen rein unter der Maßgabe der Ästhetik vorüber.

Ist das temporäre Entgleiten von konkreten präzisen Zielvorstellungen an meinem Zustand schuld? Ist es ein inneres Loslassen von Folgerichtigkeit für wenige Momente? – Ist es das zufällige Fehlen von ein paar Peitschenhieben auf meinem üblicherweise halb betäubten seelischen Apparat? – Und müssten wir nicht einem Schüttelfrost der Überforderung anheim fallen, wenn wir wirklich klar sehen würden, was jeden Moment in uns – und um uns herum passiert? Bräuchte nicht jeder von uns die Kraft von vielleicht so etwa 800 Gehirnen, um auch nur oberflächlich geistig wohl sortiert zu sein?

Meist zwingt uns eine Konsequenz von Dingen und Vorgängen in ein Korsett. Die Konsequenz bemächtigt sich meines Gehirns fast unbemerkt. Das führt im schlimmsten Fall zu einer Art Verhetzheit. Es geht beispielsweise einfach nur darum die Miete zu zahlen, essen zu müssen, verlässlich zu sein, mit den anderen mitzudenken, zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo da zu sein, offensichtlich mitzufühlen, die Verantwortung für irgendetwas zu tragen, für das eine oder andere Problem Aufmerksamkeit zu haben, zu bemerken was hier und dort gespielt wird (und so weiter).

Und weil ich wegen der beschriebenen Dinge alles andere als diesen zwingenden Momenten enthoben sein kann, weil ich sonst auf lange Sicht gegen ein stehendes Auto oder eine Strassenlaterne knallen würde, weil ich mir sonst aus Selbstvergessenheit in die Hose pissen urinieren würde, weil ich sonst mit mir selbst in heftigste Konflikte käme, werde ich wohl meistens vernünftig sein und den vorgesehenen Strukturen gehorchen, also parieren.

So bleibe ich ein zersplitterter, zerbrochener und teilerblindeter Spiegel. Die meisten Dinge bleiben undeutlich. Manchmal blitzt ein klar umrissenes Bild auf, in dem bisschen Leben was uns je bleibt.

Also tun wir nicht so, als wären wir unseres Glückes Schmied. Wir sind nur ein kleiner Schweißtropfen unter der Achselhöhle von diesem. Und unseres Glückes Schmied lebt vielleicht genauso geistig prekär wie wir, er würde vielleicht lieber ein verworrener Fahrradfahrer an der Kieler Förde geworden sein – und flucht hin und wieder, so er denn mit voller Wucht auf seinen schweren alten Amboss schlägt.

lemonhorse / 19 August 2015 / Gedanken.Memo, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Bericht aus dem Hinterhof (06.06.2015)… ]

Kiel. Im Niemannsweg rauschen die Bäume ehrwürdig ruhig im Wind, die Borderline-Patienten sind ja auf offener Straße nicht zu sehen. Jeder Stadtteil hat seine Selbstverständlichkeit. Düsternbrook hält sich daran. Das Fahrrad klappert. Die abschüssige Kurve noch, dann zieht es mich wieder auf das Ostufer.
Auch auf dieser Seite der Kieler Förde ergeht man sich im Erfüllen von vorhersehbarem: von der Eckkneipe gegenüber brüllt ein Mann (wie alt mag er sein?) um die fünfzig mit versoffenem Ton einer Frau hinterher. Er bewirft alsdann die Dame mit einer vollen Flasche Bier, die Dame (schlau genug) ist aber schon um die Häuserecke verschwunden und entwichen. Der Flaschenwurf war um zwei Sekunden alkoholverzögert und auch nich zielgenau. Die noch mit dem silbernen Kronkorken verzierte braune Flasche prallt in leicht gebogener Bahn auf die Kühlerhaube von einen VW-Polo. Akustisch ein kurzes Znack-(Pause)-Zrotz-Klock-Klock-Geräusch. Eine kleine Delle im Lack. Eigentlich ist gar nichts passiert. Schon ist wieder Ruhe in der Medusastraße.
Das alte Rad klappert nun gesteigert beim überfahren des Kantsteins – und trägt mich weiter zu einer kleinen Pizzeria. Runter vom Rad. Bin in der Gutenbergstraße – gar nicht weit weg vom Schrevenpark.
Direkt neben mir geht ein hölzernes Garagentor auf. Ich sitze bereits auf einem Gartenstuhl in einem Hinterhof. Vom Holz und der Machart her betrachtet, könnte das knarrende Tor vielleicht in den 30iger Jahren zusammengebaut worden sein. Ein kleiner aber beleibter Bestattungsunternehmer mit stark augenvergrößernder Brille und schwarzer Anzugshose betritt das hinterhöfische Als-ob-Theater. Ein paar tapsige Schritte von kleinen breiten Füßen. Der Gang hat etwas marionettenhaftes. Doch die Füße, in Kunstleder und Gummisohle gebettet, haben keine Fäden und Ösen. Mit einer etwas zu engen und zugeknöpften Weste schiebt der Herr Bestatter den schwarz-rot-gold verzierten Kaffeebecher vor sich langsam über die mit etwas Unkraut umzingelten Kopfsteinpflaster. Er nimmt einen kleinen Schluck aus seinem nur noch mäßig dampfenden Deutschland-Becher. Der Herr in Schwarz sagt recht laut „ja, ja, ja…“. Ich frage mich dabei, ob er seine Worte an sich selbst, an niemanden, oder an mich adressiert hat. Möglicherweise weiß er es selber nicht genau. Wir sehen uns an. Er wagt sich noch zwei weitere Schritte zum Als-ob-Bühnenzentrum vor. Hinter ihm das geöffnete Garagentor. Dahinter nur noch dunkler Schatten. Noch ein mal entkommt seinem Mund ein „Ja, ja, ja.“
Die Sonne brennt auf den weißen Campingtisch. Ich fühle die Hitze auf dem Gesicht. Der Sommer 2015 hat begonnen. Es ist so hell, dass ich die Augen ein wenig zukneifen muss. Selbstvergessen und etwas verlegen nicke ich dem Mann samt seinem patriotischen Becher zu, schweige und esse das nächste Stück Pizza mit der Hand. Ich schließe die Augen ganz. Noch vor ein paar Minuten fuhr ich an einem Kiosk vorbei. Ein in der Sonne glänzender BMW liegt auf der linken Seitentür vor einem Zebrastreifen. Ein Polizist spricht in sein Funkgerät: „…ja zwei junge Männer, sie sind weggelaufen, ich brauche noch einen Wagen hier…“ – das Blaulicht des Notarztwagens geht fast unter, denn der Himmel ist ja schon so voller Blaulicht.
Schon will mir jemand freundlich auf dem Gehweg eine alte Kleinbildkamera verkaufen, die aussieht als wäre sie samt Schutzhülle und Bedienungsanleitung aus dem Nord-Ostseekanal gefischt worden. Die Kamera sieht mich halb erblindet an und ich höre das kurze Stöhnen einer verlotterten Weltseele.

lemonhorse / 15 Juni 2015 / Gedanken.Memo, Kiel.Gaarden, Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Es ist immer 17:09…]

Der orange-rote Klappziffernwecker steht seit Monaten auf 17:09 – ich sehe mir die Ziffern immer wieder wie zufällig an. Ich brauchte die Steckdose des Klappziffernweckers für den Drucker, der jetzt auf dem Holzstuhl steh. Dadurch habe ich eine symbolische Zeitstillstandszone in dem Zimmer hergestellt. Es ist immer 17:09. Es klappert nachts nicht mehr. Der Drucker ist für die Flugtickets in das Zimmer eingedrungen. Diese kleine schwarze Maschine druckt etwas aus und andere Maschinen lesen mit einem Piepp-geräusch am Flugplatz, was der kleine schwarze Drucker geschrieben hat. Ich als Mensch war nur der Übermittler auf 2 Beinen, der benötigt wurde, damit die zwei Maschinen miteinander reden können. Sie haben sich über das Stück Papier verabredet, dass eine Flugmaschine mich mitnehmen soll – bis in die Höhe von 11km. Immerhin sitze ich am Fenster. Nachts sehen die Großstädte von hier oben aus wie glühende Lava.
Lieber würde ich jetzt mit G. eine Zigarette rauchen in seiner kleinen Kellerküche. Wir könnten über Elektronenröhren reden. Zum Beispiel über die EL156. Seinen alten zerfledderten Arbeitssessel hat G. kürzlich aus der Kellerwohnung verbannt – der stand dort über Jahrzehnte. Wir haben so manche Nacht auf ihm gesessen und G. hat dann gekonnt den Lötkolben geschwungen. Er wollte schon seit Jahren mal alles umbauen und wieder Platz schaffen. Jetzt hat er mit dem Sessel augenscheinlich begonnen den Gedanken in die Tat umzusetzen.
Oder ich könnte bei S. einen Becher Kaffee trinken in der Wik. Dort wo die alten Klinikgebäude im Anscharpark zerfallen. S. sagt, sie könne nichts für Später zurücklegen, obwohl sie die ganze Zeit wie wild arbeitet. Manchen Gästen würde sie gern andere Preise für das Essen abverlangen. Höhere Preise für die Kieler-Nachrichten-Leser, gleichbleibende Preise für die Leute, die sie immer schon unterstützt hätten.
Oder ich würde mit V. über Musikequipment reden. Vielleicht würden wir dann etwas später loslegen, V. würde in die Tasten hauen – und ich die Gitarrenseiten hin und her schwingen lassen. Aber V. arbeitet jetzt in Hamburg, kommt darum seit den letzten Wochen etwas später zur Probe.
Oder ich begegne T. im Treppenhaus. Wie das wohl wird. Gerade wurden „wir“ verkauft. Das alte Haus aus der Jahrhundertwende hat die Kontonummern und den Besitzer gewechselt. Unten aus dem Keller kommt etwas vermoderte Luft, diese reicht aber nur bis in den ersten Stock. Wir lächeln uns kurz an – und fragen einander wie es uns denn so geht – und ich würde T. vielleicht fragen, ob die Stadtwerke den Strom in seiner Wohnung wieder eingeschaltet hätten.
Es ist 17:09. Ich liege im Bett, habe die Augen zu. Ich schlafe. Ich träume. Es ist nicht leicht Dich (meine erste große Liebe) so zu sehen. Warum liegst du im Bett? Warum hat du dich die letzten 25 Jahre nicht verändert? – Warum sagst du denn nichts? – Ach, es war nur ein Traum. Es ist wieder morgens. Es ist 17:09. Ich trinke einen Becher Kaffee mit J. – ein Blick in die Augen, ein schneller Kuss, schon halb im Flur. Mal schnell quer über die Straße. Ein Stück weiter überblickt der Funkturm die Stadt. Als würde er uns alle ungerührt beobachten, wie ein alter bentongrauer ungelenker Mann auf einem Bein, der seit Jahren inne hält. Die Linie 41 war gerade noch zu bekommen, denn das Rasieren hat zu lange gedauert. Die zwei Halogenlampenreihen an der Linienbusdecke fluchten als Parallelen über unseren Köpfen. Diese seltsame Mischung von Anonymität und Privatheit ist ein ungeheure Quelle für den Psychogeographen. Hier tritt alles zu Tage, die eher leeren Blicke der Müdigkeit, oder wer mit wem den Augenkontakt wagt, wer sich mit Kopfhörer und Touchscreen in die cybernetische Welt der Taschentelefone zurückzieht. Wer traurig ist, wer noch fast wie betäubt sich fühlt, wer in der morgendlichen Ich-Verdünntheit mit wackeligen Gedanken auf die Reise gegangen ist.

lemonhorse / 26 November 2014 / Gedanken.Memo, Realitaets.Tunnel, Traum.Log, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Die kaum beleuchteten Objekte… ]

Wenn das Wasser in die Schuhe läuft. Wenn die rostigen Spritzwassertropfen das Fahrradkettenfett umspielen. Die Wolken über mir im Dunkeln brechen. Wenn ich hungrig an Julias Pflaumenkuchen denke, so erscheint mir der allein gelassene Fahrradweg – und die kaum beleuchteten Objekte – wie ein Museum für unbeobachtete Situationen.
An der Gitarre bin ich am Ende fast im stehen eingeschlafen, die Handgelenke und Finger wurden lahm. Doch ich war froh und enthoben von den Klängen, die wir erschufen – und so rauchten wir zuletzt dann eine Zigarette noch.

lemonhorse / 26 September 2013 / Realitaets.Tunnel, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Morgens am Ostring (Blütenbeschreibungen)… ]

Erst mittags – in einem Raum mit verwirrend vielen Waschbecken, wird mir vor einem der Spiegel bewusst, dass ich das T-Shirt verkehrt herum trage (die Nähte sind nach außen gekehrt).
Faszinierend, wie ich die Handgriffe unter der Dusche und im Badezimmer durch ständige Wiederholung in der Zeit immer weiter automatisiert habe. Ich bin zwar gar nicht wach, aber der Ablauf geht wie von allein – so ist das vielleicht mit dem T-Shirt zu erklären. Der Moment war womöglich wie ein Automobil (selbst beweglich). Die Bewegungen der Automobile sind besetzt mit seltsamen Fahrergesichtern, die an mir vorbei schwirren.
Aufgewacht bin ich dann morgens am Ostring. Ich warte auf grünes Licht an einem Knotenpunkt – an einer der Hauptschlagadern der Stadt. Nachts kann man die weißen und roten Blutkörperchen (Autos von vorn – weißes Licht; Autos von hinten – rotes Licht) sehen.
Jetzt ist der Himmel über mir blau. Fast überall. Der Kieler Funkturm aus Beton steht kerzengerade in mitten einer kleinen grauen Wolke. Die Wolke sieht nicht echt aus. Sie bewegt sich nicht. Die Wolke sieht aus, als wäre sie eine Airbrush Auftragskunst.
Ich muss husten (ich hatte keine Wahl). Die Erkältung ist hartnäckig. Da hilft es, einen erhitzten Fliederbeersaft plus Honig mit J. zu trinken – wir teilen uns morgens den Kaffee und momentan zusätzlich einen grippalen Infekt.
Was für ein glänzend gelbliches Herbstlicht. Am Anfang nervten mich die zarten Blütenbeschreibungen in dem Tagebuch von Hans Carossa (Tagebücher 1910-1918). Der Autor hält auch im gesteigerten Kriegswahn an seinen Wetter – und Pflanzenbeschreibungen fest, sie erscheinen mir zunehmend in einem ganz anderen Licht (wenn er als Frontarzt angesichts der wahllos hin gemordeten Massen an Mitmenschen weiterhin an seinen Wetter – und Pflanzenbeschreibungen festhält).
Bei André Gide (Aus den Tagebüchern 1889-1939) stoße ich auf Selbstdisziplinierungsversuche (z.B. Schweigen zu können) – und auf das Motiv andere willentlich zu verwirren. Besonders verwirrend finde ich sein Konzept das vorher geplante „Verwirrung stiften“ bei einer Person als einen geplanten Akt der Selbstdisziplin zu sehen – oder habe ich das alles nur falsch zusammengereimt (mir sind beim lesen öfter die Augen zugefallen)?
Und Elternabende sind kein Aphrodisiakum. So anstrengender, beharrlicher, verkrampfter die Eltern in den Gesprächsrunde sind, um so leichter fällt es mir die guillotinesken Gedanken der Lehrkräfte zu erahnen.
Aber ich bin am Ostring. Am Ostring starre ich für einen unkontrollierten Bruchteil einer Sekunde auf die straff mit dunkelbraunen groben Baumwollsocken umhüllten Fußballgestärkten und von Kraft wie Ausdauer strotzenden Waden einer Fußballspielerin. Sie sitzt vor mir an der Ampel auf dem Rad. Die Fußgängerampel am Ostring lässt uns lange nebeneinander warten. Die Automobile werden bevorzugt behandelt. Schnell erteile ich der „Ich-möchte-wie-ein-leerer-Karton-von-ihren-Schnenkeln-zerquetscht-werden“ Phantasie eine Absage. Aber ich erinnerte mich nebenbei, wie viel Spaß wir im Vorschulalter daran hatten „Sklave“ zu spielen – natürlich nur, wenn die um ein paar Jahre ältere Nachbarin (hieß sie Stefanie?) dabei war. Mit jemand anderen wäre unsere Spielidee nie aufgekommen. Wir fragten uns hin und wieder meist etwas verschämt den Kopf zur Seite wippend: „Wollen wir Sklave spielen?“ – Wir liefen zur Wiese mit der Au. Dann riss sie einen besonders jungen und biegsamen Zweig von einem Strauch, schlug mich zärtlich und redete gedämpft-lautstark auf mich ein, welche Fehler ich bei meiner Sklavenarbeit gemacht hätte. Jetzt müsse sie mich strafen. Ich musste dann „Aaaar-ohhh!“ stöhnen.
Die Glühlampe im Badezimmer ist durchgebrannt. Das bedeutet Zähne putzen im Schummerlicht.

lemonhorse / 28 August 2013 / Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Kiel.Refugium, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Festgeschraubte Sekunden… ]

Du öffnest mir mit künstlichen Vampirzähnen die Hinterhoftür.
Es riecht nach vertrocknetem Kaffee.
In dieser Nacht sind alle anderen Häuser der Stadt unbewohnt.
Bücher springen auf, die Dichter steigen aus ihren Gräbern.

-.-

Worte halten den Atem an und starren auf das Bild an der Wand.
Worte bleiben stehen und wollen sich nicht in das Gedankenfluss-Wasser fallen lassen.
Wie du die steinerne Treppe hoch steigst.
Eine festgeschraubte Sekunde aus deinem Leben.
Als Dia auf die Wand geworfen.
Alles hat sich jetzt ausgetauscht und abgenutzt.
Dein weites Hemd.
Die Jeans.
Die Lederschuhe.
Unsere Zellen.
Ich komme nicht mehr heimlich in der Nacht.
Du schreibst keine Briefe mehr.

-.-

Wie du die Augenbrauen im Zigarettenrauch hochgezogen hast morgens um 3:45 – und gelacht hast bei:
(Nick Cave, Into my arms ): „… I don’t believe in an interventionist God
But I know, darling, that you do…

Ich weiß nicht, war es Romantische Ironie ** – um derentwillen wir lächelten und frohlockten?

… Romantische Ironie meint nicht einfach die ironische Brechung von romantischen Ästhetik-Elementen, vielmehr zählt sie sich selbst zu diesen Elementen romantischer Ästhetik. Romantische Ironie ist weder gänzlich zu trennen von Verfahren der ästhetischen Illusionsbrechung, noch mit solchen einfach gleichzusetzen – die nachträgliche Störung von zunächst aufgebauter ästhetischer Illusion gehört unter anderem zu ihrem Repertoire, aber auch das nachträgliche Unterlaufen von zuvor aufgestellten inhaltlichen Positionen. …

-.-

Und Jahre später, als ich an der Briefklappe gerüttelt hatte, ging es dir nicht gut und du sagtest: „Ich komme die Treppe nicht runter – ich melde mich, wenn es mir wieder besser geht.“ – Jahre sind vergangen. Ich fahre immer mal wieder verstohlen an der Mietwohnung vorbei – und sehe nach, ob dein Name noch auf dem Klingelschild steht.

lemonhorse / 5 März 2013 / Gedanken.Memo, Realitaets.Tunnel, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments