lemon / 17 Februar 2013 / Kiel.Gaarden, Visual.Notes / 0 Comments

[Unter der Balustrade… ]

Kiel. Kalter Regen und vereinzelt Schnee. Der schmilzt gleich wieder auf dem Gehsteig. Es ist dunkel auf nassen Straßen. Ein neues Jahr hat begonnen. Ich will noch eine Geschichte kopieren. Im Laden ist es warm. Der Laden hat ein paar Neonröhren an der Decke. Ich öffne die Klappe. Die Tür geht auf. Das Kopiergerät verstellt mir den Blick. Langsam versuche ich mich bodennah um 90 Grad zu drehen und zu fokussieren. Noch jemand muss hereingekommen sein. Für den lächelnden Ladeninhaber an der Ladentheke neben der Kasse müssten wir zwei Kunden sichtbar sein. Er kann alles sehen, wie bei einem beleuchteten Aquarium. Ich sehe immer noch nichts. Schriftzeichen von gesprochenen Worten fliegenden auf mich zu, ohne das ich die Ausmündung der Buchstaben zu Gesicht bekomme hätte. Jetzt kann ich einen Mund sehen. Da sind auch noch zwei Augen mit der Frau dazu. Was ist das für ein seltener Blick? Der Blick geleitet das weibliche Wesen als ganzes sanft wie einen Fisch durch das Wasser. Was ich sehe sind zwei wechselhafte und auch unterschiedliche Augen. Das bedeutet: das eine Auge schließt sich stärker und schneller als das andere beim sprechen. „Passiert es dir ganz von allein? – Weißt du etwas von der dynamischen Ausdrucksstärke deiner Augen? – Machst du es mit Berechnung?“ Sie schiebt den nun geschlossen Mund etwas nach rechts und macht eine kurze Pause: „Ja, das ist schon auch meine ungewollte Wirkung – ich habe das meistens beim Sprechen und beim Blinzeln – ich weiß davon, aber nicht immer.“ Und wieder, mitten in der Unterhaltung, sekundenlangsam bewegt sich der Lidschlag bei den Worten unterschiedlich. „Kann man so etwas üben? – Oder ist so etwas angeboren?“ Sie sagt: „Sieh genau hin!“ – Ihr Mund öffnet sich. Es tanzen weitere Sätze. Die Buchstabenkolonnen fluten taumelnd hinaus. Die Worte füllen zwar nur den oberen Rand meiner DIN A4 Seite, aber ich habe ihren Text immerhin abgefangen. Ich zeige ihr das Blatt Papier: „Wie findest du die Schrift?“ Jetzt bekomme ich eine Lächeln geschenkt. Es tropft und ich schäme mich für meine Haare, die wegen des Schneeregenwassers noch etwas triefen. Sie sagt: „Du hast zu sehr auf meinen Mund geachtet. Es geht aber auch um die Augen. Ich mache es noch ein mal, sieh genau hin!“ – Ich sehe jetzt die Letter direkt vor den unterschiedlich schnell herabfahrenden Augenlidern. Wäre ich ein A, ein B, oder ein C – oder ein Wort – ich wäre in Gefahr auseinander zu brechen. „Ich gebe auf. Ich verstehe es nicht. Warum können wir nicht zur Vereinfachung die Sexualität in der Ontologie verschachteln?“. Sie lacht mich mit geschlossenem Mund lautlos aus – und nickt dann langsam. „Du meinst die Dinge gesondert betrachten? – Du meinst das Reale? – Du meinst den unauflösbaren Rest, der in dem Imaginären und des Symbolischen nicht aufgeht? – Zwischen Mensch und Mensch?“ Ich betrachte den Kachelboden: „Zum Beispiel bleibt ein Teil vom realen Glänzen deiner Tränenflüssigkeit am Seienden ganz allgemein haften. Irgendwann werde ich eine Geschichte darüber schreiben, diese Geschichte hier, um mir diesen Glanz wieder aus dem Kopf zu jagen.“ Sie sagt: „Okay, versuchen wir es noch einmal – ich zeige dir meine Augenwelle noch einmal in Zeitlupe.“ Sie legt sich über den Fotokopierer und zeigt mir die unsymmetrische Wellenbewegung. Der Ladenbesitzer macht dabei eine kleine gelbe Dose auf, springt über die Theke, tanzt wie nichts über die Leitz Aktenordner, Radiergummis und Filzbuntstifte landet im Mittelgang und streut uns Fischfutter in die Luft.
Natürlich, das alles glaubt kein Mensch – aber die fliegend lachende Spöttertruppe, die himmelhochjauzende Lachbande mit ihren Instrumenten, die kennt so etwas. Sie flogen wärend der Geschichte gerade über den Vinetaplatz. Sie sahen abwechselnd durch die kleine Fensterluke des Copyshops. Dann suchten sie sich einen Balkon und drängten sich unter die Balustrade. Denn nicht mal die musikalischen Himmelsbanditen mögen den Kiel-Gaardener Schneeregen.

lemon / 5 Februar 2013 / Kiel.Gaarden, Realitaets.Tunnel, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

lemon / 24 November 2012 / Kiel.Gaarden, Kiel.Refugium, Visual.Notes / 0 Comments

lemon / 29 Mai 2011 / Found.Stuff, Kiel.Gaarden, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments

[Weltverschlitterung am Karlstal… ]

Synonyme für: schlittern

gleiten, rutschen, abgleiten, glitschen, schleifen, schusseln, schliddern, ausrutschen, rutschen, hinfallen, schliddern, gleiten, schleifen, schusseln, hinabrutschen, absacken, niedergehen, hinabgleiten, abwärts gehen, absteigen, sich entfernen, abgleiten, hinunterrutschen, schweifen, abweichen, versacken, gleiten, ausgleiten, den Halt verlieren, ausrutschen, fallen, glitschen, schwebend fliegen

-.-

Ich habe das Fenster auf Kipp. Irgendetwas wie eine alte Hupe ertönt draußen: „Andreas ich liebe dich!“ ruft eine Frauenstimme die Hausmauern empor. „Ach komm‘!“ ertönt es aus einem Fenster. Die Hupe wird noch drei mal betätigt, die Frau lacht heiser und fährt davon.

Vorgestern sprühte ein junger Mann (an genau der Stelle wo sich eben die Frau davon gemacht hat) einem anderen jungen Mann Reizgas ins Auge. Der reibt sich weinerlich das Gesicht und sagt: „Was soll denn der Scheiß, ich habe damit doch gar nichts zu tun!…“ Sie trotten wie alte Freunde weiter die Straße entlang, bis der eine dem anderen etwas leise zu zischelt und dann wieder versucht den anderen ins Gesicht zu sprühen, bei dem Versuch sich aber auch selbst etwas davon ins Gesicht sprüht. Ich stehe mit eingefrorenem Fragezeichen im Gesicht auf der anderen Straßenseite. Sehe den beiden noch ein mal nach, um dann wider an die Croissants zu denken, die ich besorgen wollte.

Am Vinetaplatz Ecke Karlstal ist die Alk – und Junky Schaubühne nicht nur eröffnet und in Hochform, sondern auch gut besucht. Um die 50 Menschen tummeln sich auf – und zwischen den Sommersonnenpflecken, die sich auf dem Bürgersteig ausbreiten. Ich komme zu spät und platze mitten in den zweiten Akt. Mitten im Geschehen einer mir noch unbekannten Tragikomödie: dürre Frau(1) schreit 5m weit zu einer opulenten Frau(2): „Ich bring dich um, du bist tot!“ – an der Ecke Elisabethstraße steht eine Frau(3) mit Kinderwagen und sagt zu ihrer Freundin mit den blond gefärbten Locken: „Das ist doch alles nur Show.“ – 5m zur linken sitzt auf der Bushaltestellen Bank ein Mann und gestikuliert wild mit seinen Armen. Der Krankenwagen kommt. Hunde bellen. „Sei endlich ruhig!“ werden sie prompt an geherrscht.

Gibt es eine göttliche Ordnung des weltlichen Taumels? Gibt es die Geschichte vom Glück im Elend? – Sollte es sie geben, so muss am Karlstal etwas vom Kometenstaub dieser Geschichte der Weltverschlitterung in den klebrigen Dreck neben dem Gulli gefallen sein.

lemon / 23 Mai 2011 / Kiel.Gaarden, Realitaets.Tunnel, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Neurologische Mikrosprengungen… ]

Zeit von oben. Die Kieler Förde aus der Luft aus betrachtet.
Über der Stadt wirkt die Zeitlichkeit etwas deutlicher im Bild.
Der Wind weht milde über das Baltisches Meer.
Der Himmel leuchtet hell grau – so das ich besser die Augen etwas zukneifen sollte.
Wenn ich von hier aus etwas im Blickfeld wahllos heranzoome sehe ich vielleicht wie
der Rost abbröckelt. Schon rostet uns Menschen das Lebensgefühl wie ein Vorhängeschloss einer Dachluke.

Dieses ungelenke Fliegen über den Häusern von Kiel Gaarden ist abwegig.
Schnell hinan und hinab. Meine Wünsche landen bereits auf dem Gehweg.
Neben mir laufen ein paar Menschen unbeirrt ihren Weg, denen es völlig einerlei zu sein scheint,
ob da etwas aus der Luft auf ihren Gehweg stolpert.

An der Ampel steht neben mir eine vielleicht 55 jährige Frau. Sie hat eine stark getönte Sonnenbrille auf, so das ich ihre Augen nicht sehen kann. Sie sagt: „Man könnte doch über die rote Ampel gehen, es kommt ja kein Auto“. Sie geht bei Rot über die Straße und wartet dann auf der anderen Seite. Die Ampel springt auf grün – und ich gehe über die Straße. Auf der anderen Seite nimmt mich die Frau in Empfang und sagt: „Sie sind so einer der die Regeln befolgt, stimmt’s?“ – Mir rutscht ein „Ja, manchmal“ heraus. Unsere Wege trennen sich. Irgendwo in einem bestimmten Rahmen hat ein Jeder seine Weltvorstellung versteckt. Ich fühle mich ertappt.

Zerbrochen wird die Selbstwahrnehmung schon beim ersten Becher Kaffee. In der Schwarzen Kaffe-Oberfläche siehst du dein verzerrtes Spiegelbild unter den Neoröhren am Bäckertresen. Wer soll das sein, den ich da sehe?

Draußen ist kein Entkommen vor zerbröckelter Sprache und augenblicklichen Gesten. Es geht zur Arbeit, noch dem Schlummer nah. Im Treppenhaus ein paar Straßen weiter ist die Luft mit Duschgel und Alkoholikerschweiß beträufelt. Vor dem Supermarkt am Karlstal hingegen steht leise und unabweisbar die kleine Urinwolke 30cm über dem Pflastersteinen, da müssen wir durch – denn wer Kiel Gaarden einfühlsam erforschen will, sollte in diesem Supermarkt am Karlstal einkaufen gehen. Ich stehe gerade an der Kasse. Freundlich werde ich gefragt, ob ich den Kassenbon behalten möchte. Hier unter den Überwachungsbildschirmen neben den Safttüten offenbart sich ein Stück seinsvergessene Wirkmacht des urbanen Träumers.

Es ist nicht einfach die Signale einzuordnen. Ruft der Moment: Was ist dein Begehr? – Und verblüfft staune ich: wovon zeugen dort die Tätowierungen am Hals? Oder die zarten Stoffturnschuhe? Und die Mobiltelefone werden in manchen Händen zu Abschottungswaffen. Wir Menschen werden angegriffen mit umfunktionierten handlichen Banalitätsmaschinen ausgestattet mit Variationen von Klingeltönen. Da redet wer mit irgendwem immer das Gleiche – nicht aber das Selbe. Doch manche Mobiltelefone brennen sich mit schleichendem Schmerz und als Einsamkeit in die innere Welt. Der tote Winkel der Selbstwahrnehmung. Jedes Telefonat birgt kleine neurologische Mikrosprengungen. Telefone legen mit jedem Wort Wunden in den Verbindungen frei.

lemon / 30 März 2011 / Gedanken.Memo, Kiel.Gaarden, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Schlendern (2)… ]

Mein Fieber macht mich Froh.
Die Bäume, der Himmel, die Wolken fluchten.
Fensterscheibenkino in der Linie 41.
Warum das spontane in-der-Welt-zu-sein-Glück mich
kurzzeitig fast erschlägt – an anderen Tagen sich aber
erst nach einem kräftigem Espresso Stück für Stück entfacht
(wenn überhaupt) – bleibt mir ein Rätsel aus Hirntiefen.

Nebensächliche Beobachtungen sind kaum zu bremsen:
eine wasserstoffblonde Frau mit der irregulären Anziehungskraft
einer Außerirdischen zieht sich den Pullover aus
und versprüht, ohne einen wahrnehmbaren Funken von
Zweifel, ihr Deo unter ihren Achseln und nebenbei im Linienbus.
Eine Sache von Sekunden. Aber dennoch lautmalerisch.
Ffffft (rechts), ffffftt (links).

Da wäre das Schlendern durch Kiel Gaarden.
Man läuft hier und da noch auf Kopfsteinpflaster.
Naturstein mit Ritzen. Dort sammelt sich Unrat
und wildes Kraut neben dem Straßenablauf.
Unwirsche Zustände liegen hier immerhin offen.
Das ist mir manchmal lieber als die gepflegte Verschlagenheit der Aufgeräumten.
Schnell ist es dunkel geworden. Herbst 2010.

Der Werftpark ist fast Menschenleer.
Vor Ismails Einzelhandelladen sehe ich durch das Schaufenster
und entdecke einen großen Gartenzwerg vor der Kassenwage.
Daneben einem hochgewachsenen Kaktus.
Die Verkaufslichter sind bereits aus.
Ein Stück weiter trinken ein paar Herren ihren Tee.
Auf einem Schild über den Eingang leuchtet neon-matt Arkadas.
Das heißt womöglich Freund (oder Freundschaft?), erinnert mich an das Wort Arkadien.
Beim Vorrübergehen höre ich gedämpft Stimmengewirr, Musik und Lachen.
Für einen Bruchteil einer Sekunde erblicke ich dort durch die Tür
John Wayne auf einer Bilderkollage an der Wand.

Ich frage mich für einen Moment, ob sich dieses Bild von
John Wayne (welches ich eben erst wie beschrieben im türkischen
Pub Arkadas erblickte) in gleicher weise interpretieren könnte, wie ein scheinbar lieblos
gebasteltes DIN A4 schwarzweiß Plakat für eine tönende Abendveranstaltung.
Das Plakat klebte übrigens an einer Häuserwand in der Elisabethstrasse.
Auf der Plakatkollage warb Sylvester Stallone in seiner Rolle als Rambo,
für eine lokale Punkband. Er war wie John Wayne kurzerhand zu einem
Masup Element geworden [*] .
Der Gartenzwerg, John Wayne und Rambo als Elemente der Aufeinanderschichtung von Weltbezügen. Als ironische Klischee-Kollagen. Aus Zufall und Montage.

lemon / 28 September 2010 / Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Kiel.Gaarden, Visual.Notes, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

lemon / 16 Mai 2010 / Kiel.Gaarden, Kiel.Refugium, Visual.Notes / 0 Comments

[Nächtliche Bürgersteigskulpturen… ]

Nächtliche Bürgersteigskulpturen und spontane Exponate.
Eine offene Dauerausstellung mit wechselnden anonymen Kunstobjekten.

Museum für sporadische Kunst
in der Elisabethstrasse (Kiel Gaarden)
Öffnungszeiten:
Mo.-Fr. 01:30 bis 4:30
Sa. 23:30 bis 04:30
Sonntag Ruhetag
(Eintritt frei)

lemon / 17 April 2010 / Kiel.Gaarden, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments

[Alkohol Ballett… ]

Diesmal sitze ich auf einem Klappstuhl auf dem Bürgersteig. In einer halben Stunde wird es wohl wieder hell werden. Es ist (mit Ausnahme der paar Leute die neben mir auf Klappstühlen sitzen und reden) fast still geworden. Die Lichter der Fenster sind allesamt erloschen.
Ich werde plötzlich zu einem zufälligen Zuschauer. Um mich verschwinden die letzten Gedankenfetzen einer wechselhaften Unterhaltung, da ein gewagter Auftritt meine Aufmerksamkeit ganz in seinen Bann zieht. Eine Ein-Mann-Darbietung. Da ist die beigefarbene Hose leicht nach unten verrutscht. Die Beine tänzeln einzeln etwas eruptiv und dennoch elegant nach vorn und wieder nach hinten. Stück für Stück schiebt sich der Körper in gebotenem Abstand direkt in mein Sichtfeld. Keiner sonst scheint den Auftritt zu bemerken. Doch für mich ist klar, die schmale Kaiserstraße gehört nun ganz seinem spontanen Auftritt auf dem Kopfsteinpflaster. Das übergroße orangefarbene T-Shirt wellt sich sacht von Wind und Bauch getragen, die Hand greift in blindem Vertrauen routiniert nach dem Rohr an dem auch ein Straßenschild seinen Halt findet – und dreht sich ausgesprochen geschmeidig um die eigene Achse – und das trotz der mehrheitlich autonomen Eigendynamik, die seinen Bewegungen innewohnt – doch er bleibt – auf den Beinen.
Nun verschwindet der Darsteller für kurze zeit hinter der Eckkneipe – und kommt noch einmal voller Schwung auf das Kopfsteinpflaster zurück, die Arme vollziehen nun kreisende Bewegungen in der Luft – zu guter Letzt gelingt noch eine 180 Grad Drehung mitten auf der Straßenbühne und bildet den Höhepunkt an verlangsamten Balance-Ausgleichsbewegungen. Die Darbietung bleibt ganz ohne vorausgeahntem Sturz und Applaus. Das unregelmäßige klicken der schwarzen Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster ist noch für ein paar Minuten zu hören.
Als ich kurz darauf im Hinterhof unter dem Stimmengewirr der bereits erwachten Vögel die Hauswände empor blicke, wird an manchen Himmelstellen das dunkle blau bereits aufgehellt. Ich verspüre diese spezielle Vorfreude, in wenigen Minuten wie ein nasser Sack auf die Matratze zu fallen.

lemon / 9 August 2009 / Kiel.Gaarden, Realitaets.Tunnel, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments