[Unter Kumuluswolken… ]

Simuliere ich mir einen neuen Geisteszustand. Es ist vorbei, ich stürze an einem Abhang von Nebensächlichkeiten entlang. Fachleute, Dilettanten, stille Meister, Wichtigtuer, Verzweifelte. Es ist wie, als würden wir alle ein wenig lügen, weglassen und beschönen, weil wir uns selbst vergessen haben. Noch immer verraten uns die Weglassungen, die Nebensächlichkeiten, welche die Welt bedeuten. Innehalten, kleine Gesten, Schweigen, Blicke, weggehen, wiederkommen, eine Handlung vollführt zu haben ohne es recht zu merken. Orte welche sich wie von Geisterhand mit Gefühlen aufladen. Wenn man zum Beispiel in einer Stadt eine bestimmte ‚Ecke‘ besonders mag. Da stehen wir als eine handvoll Menschen neben einem Koloss von Blech, Stahl, Rädern, Telefonleitungen, leere Joghurtbechern, Luftpumpen, Festplatten und unter Kumuluswolken.
Irgendjemand stirbt gerade zusammengekauert mit den Dingen, die noch unerledigt waren. Ein anderes Kind wird in die Welt gepresst und die Mutter ist erschöpft und verschwitzt. Wer von uns kann sich noch daran erinnern jauchzend die Muttermilch zu saugen – meine Herren im verzweifelten Häuserkampf um Macht, Annerkennung und Liebe? – Jeden Tag werden neue Löcher in die Seele gerissen. Kurz bleibe ich stehen. Treppenhäuser sind so eine Sache. Jedes hat seinen unverwechselbaren Geruch. Manche lassen mich kalt, aber manche Altbautreppenhäuser, in denen mir Erinnerungen hochkommen, von Momenten, die ich gar nicht erlebt haben kann, haben alles kommen und gehen gesehen.
Der alte Jürgen sitzt pissend auf halber Treppe, es ist Winter. Anna knallt die Wohnungstür zu, läuft weinend zur Strasse und die alte Frau Hennings hat heimlich den ganzen Streit mit angehört hinter der leicht geöffneten Tür.
Auf dem Bürgersteig torkeln mir seltsam angespannte Wortfetzen entgegen, von der anderen Strassenseite wird zurückgeflucht. Dann folgt ein Moment Stille. Die Elisabethstrasse hat für kurze Zeit die Welt vergessen.

lemon / 16 Juli 2008 / Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel

[Samstag morgen 9:16 – Linie 31… ]

Samstag morgen 9:16 – die Linie 31 setzt sich in Bewegung. Ich höre hinter mir eine reife Dame sagen: „Ja, ich muss oft an die Zeit zurück denken…“ – unwillkürlich entsteht vor meinem inneren Auge das Bild eines Gehirns, welches in einer durchsichtigen Lösung von komprimierter Zeit schwimmt – drumherum stehen Damen mit weiß gelocktem Haar in weißen Kitteln. Sie nehmen das Gehirn genau in Augenschein – hin und wieder sagen sie: Was für eine Zeit!
Zurück in der Gegenwart schweift der Blick durch das Fenster nach draußen – Haltestelle Karlstal im Stadtteil Kiel Gaarden. Würde ich hier nicht um die Ecke wohnen, ich würde den Ort vermissen. Dieser Ort ist eine öffentliche Wunde, in der geschminkten Welt von Beauty-Tips und Diät-Vorschlägen. Ein Schützengraben zur Abwehr der durchtränkenden Harmlosigkeit von Produktbeschreibungen . Hier am SKY Supermarkt Karlstal logiert ein Hofstaat von Alkies und Junkies mit einem kleinen Tross von illustren Mitstreitern und verbreiten ihre Idee von Öffentlichkeit. Aufregung, Wut, Lügen, Hoffnung, Enttäuschung, hier ein dreckiges Lachen, dort ein hilfloser Blick, hier ein großes Versprechen, dort ein heimliches Verschwinden. Wer macht den Hofnarren und wer ist das Gesetz. Bei den regelmäßig anberaumten Polizeidurchsuchungen obliegt es ihnen dann, die verschwitzten Taschen auszulehren und den Inhalt eben dieser fein säuberlich – unter den unterschwellig genervten wie auch strengen und leicht angespannten Blicken der Gesetzeshüter – auf dem Bürgersteig auszubreiten. Trotz alledem, so scheint es mir, ergeht es ihnen an der Mauer wie einer zerrütteten Familie, die bei allem Ungemach und nackter Gewallt zum Trotz, soweit es irgend möglich ist, zusammenhält. Sollte nicht ein schwacher Moment der mächtigen Suchtkrankheit alle Bemühungen unnachgiebig hinwegspülen. Dort an der Mauer direkt am Supermarkt, dort wo der Zigarettenautomaten hängt – ist eine Zuflucht in mitten von zerklüfteter Seelenlandschaft.
Ich sehe eine müde junge Frau mit Kinderwagen und ihren 3 Kindern die sich ungeduldig hin und her bewegen, ein Typ mit dunkler Sonnenbrille neben ihr. Er gibt sich mühe unangreifbar zu wirken – die drei alten Männer weiter links mit Bierflaschen und grau melierten Bärten kaum noch. Mittendrin laufen ein paar 1-Euro Arbeiter in neongelben Westen durch die Szenerie. Auf ihren Westen steht für alle gut sichtbar: Gaarden Aktiv. Sie laufen mit einer Mülltüte und einem Müllgreifer die Bürgersteige entlang. Manche haben sich aber auch einen Hackenporsche besorgt, auf dem sie die Mülltüte ziehen können. Es gibt verschiedenste Modelle – heute zum Beispiel sehe ich zum ersten mal das Model Umgebauter-Einkaufswagen.
Vorne beim Busfahrer gibt es wieder Ärger. Ein kleiner Mann mit osteuropäischen Akzent ist in einer mir unbekannten Angelegenheit ungehalten und macht sich verbal Luft. Der Busfahrer gibt noch ein „Das ist eben ihr Problem“ zum Besten. Neben mir ein alter Mann sagt für alle hörbar: „Es hat doch keinen Zweck, sag‘ einfach Salemaleikum und vergiss die Sache…“ – der kleine Mann schenkt meinem Sitznachbar keinerlei Aufmerksamkeit und setzt sich mit versteinertem Gesicht neben ein junges Mädchen das hypnotisiert mit ihrem Handy spielt. Jetzt kommt uf der gegenüberliegenden Sitzbank ein Rentner in Fahrt: „Ich habe 25 Jahre gearbeitet – die Nachtschichten sind viel schneller rumgegangen – 20:00 bis 6:00 Uhr – die Kollegen kamen immer mit Kaffeedurst – ich hab ihnen immer den Kaffee hingestellt. So ging die Zeit viel schneller rum als am Tag.“

lemon / 4 Juli 2008 / Fraktal.Text, Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel

lemon / 5 Januar 2008 / Fraktal.Text, Kiel.Refugium / 0 Comments

[Der Himmel auf Erden… ]


[Zur metaphysischen Aufdringlichkeit der Verkaufspsychologie]
(Werbebild, Kiel 12/2007)

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Kontext (1)
„… In der Kulturwissenschaft verwendet Johan Huizinga den Begriff Puerilismus für von ihm als infantil eingeordnetes Verhalten Erwachsener in der Moderne. Hierzu zählt er das Bedürfnis nach banaler Zerstreuung, die Sucht nach Sensationen, die Lust an Massenschaustellungen, Unterstellung von bösen Absichten oder Motiven bei anderen und Unduldsamkeit gegen jede andere Meinung, maßloses Übertreiben von Lob und Tadel. (vgl. Huizinga, J.: Homo Ludens – Vom Ursprung der Kultur im Spiel, Hamburg, 20. Auflage 2006, S. 221 f). …“ (15. Oktober 2010)
=> http://de.wikipedia.org/wiki/Infantilismus

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Kontext (2)
[…] Die ’Pataphysik präsentiert sich in Form einer Wissenschaft, Philosophie oder esoterischen Lehre, wo sie unter umgekehrten Vorzeichen ein Paralleluniversum erfindet, das an die Stelle der bekannten Welt treten könnte. Gefragt sind auch unsinnige wissenschaftliche Untersuchungen; so soll beispielsweise eine Berechnung der Oberfläche Gottes unternommen werden. Eine weitere Beschreibung der Ausgangsposition dieses Ansatzes lautet:
Die ’Pataphysik steht zur Metaphysik so wie die Metaphysik zur Physik.
=> http://de.wikipedia.org/wiki/Pataphysik (12/2007)

lemon / 12 Dezember 2007 / Kiel.Refugium, Visual.Notes / 0 Comments

lemon / 29 November 2007 / Überwachungssysteme, Kiel.Refugium, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments

lemon / 8 August 2007 / Kiel.Refugium, Visual.Notes / 0 Comments

[Fluchten… ]

Entrückung, verstärkt in Einkaufstrassen, Wahrenhäusern + Supermärkten.

Zivilisation. Ineinader verwoben – Menschen, Systeme, Maschinen und Architektur. Wie die Dinge in der Wahrnehmung verschwimmen oder eine Einzelheit aus dem Meer von Formen und Gegebenheiten plötzlich in verblüffender Klarheit in das Bewusstsein dringt. Gesichtsausdrücke und Stimmen, die durch die Zeit fluchten.

steve steel: at 16.07.05 – 11:48
Dann solltest du erstmal am verkausoffenen Samstag
durch die Einkaufszone des neudeutschen Wahnsinns gehen…
was man da nicht alles sieht:
Leuchtbären,Strassgürtel, Mutanten dir dir ein Verkaufsgespräch aufzwingen und:ganz wichtig:
Sahlgiraffen mit schwarzen Farbüberzug….
undsoweiter undsofort…

lemon / 13 Juli 2005 / Fraktal.Text, Gespaltene.Deutung, Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel / 0 Comments