[Am Strassenrand und in Supermaerkten… ]

Im Kieler Industriegebiet nahe der Schnellstraße höre ich manchmal die Schweine aus den fahrenden Anhängern quicken bevor sie ein Stück weiter das Gelände der Massenschlachtungseinrichtung erreichen.
Kann es sein, daß die Befindlichkeiten wieder stärker auf die Straße getragen werden? – Da prügeln sich die Leute vermehrt auf dem Bürgersteig. Jedenfalls letzten Freitag auf dem Kieler Ostufer. Die Köper werden schmerzlich bearbeitet und sind doch schon halb betäubt. Die Bewegungen wirken verlangsamt – und die Leute stehen halb lachend halb beschämt mit einer Flasche Bier in Händen 2m daneben – ist nun mal Freitag Nacht, es ist eben der Alkohol, lass sie mal machen, es muss ja mal raus (so ähnlich steht es zumindest den umstehenden Leuten ins Gesicht geschrieben, als wir mit dem kleinen französischen Unfallauto in Schritttempo vorbeifahren) und fragen ob alles ok sei – jaja, is‘ alles ok, Polizei kommt gleich.
Dann war dann auch noch der junge Skater mit halb runtergelassenen Hose der sich nachmittags an der offenen Bushaltestelle von einer jungen Dame einen runterholen lässt (angrenzend an an die Schrebergärten und dem alten Bahnübergang), während ein Autofahrer auf der gegenüberliegenden Straßenseite neugierig in die Bremsen geht – um sich alsdann schmunzelnd und ein wenig aus der Fassung die Szenerie genauer anzusehen. Ich weiß nicht, ob es dadurch noch zu einem Auffahrunfall gekommen ist – denn wir 3 aus der Garage mussten mit dem kleinen französischen Unfallauto noch rasch zum Supermarkt, wo sich die Belegschaft zur Freude und (so wurde es vertrauensvoll aus interner Stelle an mich herangetragen) als belustigenden Zeitvertreib die Kundschaft auf den Überwachungsvideobändern ansieht.

lemon / 3 August 2009 / Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

lemon / 12 März 2009 / Kiel.Refugium, Visual.Notes / 0 Comments

[Zunächst begrüßt Du den Lichtschalter… ]

Visuelle Welten in der Zeitzentrifunge – [1967: Tatis herrliche Zeiten]: Der Film scheint losgelöst von eingefahrenen Erzählstrukturen. Es war seltsam, da ich nicht ganz klar auseinanderhalten konnte, was für 1967 futuristisch – oder einfach gerade in Mode war. Fast alle Frauen im Film hatten die gleiche Kleidlänge. Nur die eine Frau wirkte lebendig – durch das Lachen beim Klavierspielen. Mir wurde durch neugieriges Nachfragen mitgeteilt, das der faszinierende Citroën DS (La Déesse) „Die Göttin“ bedeutet.
Nach dem Film kommt das Schlendern durch Gaarden in der Nacht. Wie gerne würde ich mit analoger Nachtfotographie diesem Stadtteil zu Leibe rücken. Straße für Straße. Eckkneipe, Reisebüro, Fotoladen, Supermakt, Dönerbude, Apotheke, Leuchtreklame, Kopfsteinpflaster, Wohnungstüren. Immer diese Pläne, die dann in den Schubladen des Unbewussten wider zu versinken drohen. Vorbei am Vinetaplatz. Schmutziger Schnee liegt auch vor dem kleinen Holzkiosk der des öfteren schon mit einem Kuhfuß aufgebrochen wurde.
Vor ein paar Tagen wurde mir bewusst, das gerade Jetzt, wo die Straßen gefroren sind, bei meinem Torpedo 3-Gang Klapperrad die Rücktrittbremse nicht mehr geht. Es herrscht der Leerlauf wie bei einer Rennziege, dafür funktioniert die Vorderbremse um so besser. Ein Baumarkt entfesselt die Phantasie – ich entscheide mich für 6 kleine silberne Hacken mit 6mm Dübel um die Gardienenstange im Flur zu stabilisieren (Sonst reißt sie mir bei dem schweren Stoff samt der Halterung aus der Wand). Damit es an der Kasse klappt, müssen die kleinen Haken zuvor in eine Tüte gesteckt – und mit einem Maschienenlesbaren Code bedruckt werden. Julia hat für die Farbe gesorgt – am Ende soll ein langer blauer Vorhang vor der verzogenen Holztür hängen. Noch entweicht zu viel der Heizungsluft in das Altbautreppenhaus. Aber zunächst begrüßt Du den Lichtschalter im Erdgeschoss, der die ganzen Stockwerke mit einem Fingerdruck erleuchtet. Manche Treppenhäuser speichern besonders viel Zeit. Die gut gelaunte Verkäuferin bei den Gasflaschen macht Lennado wie auch mir (schon vor Monaten) ungewollt aber auch unnachgiebig klar, das der Sexus seine mehrdeutige Geheimsprache spielend in jede Situation einfädeln kann. Sie hielt uns gefangen mit ihrem spontanen Lachen, als sie uns den Gitterkäfig mit den Gasflaschen öffnete – und wir für kurz dachten, was wäre, wenn sie uns hier einschließt – nur so zum Spaß.

lemon / 8 Januar 2009 / Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Auf Abwegen… ]

Das Wort hat der Postzusteller:

[…] „Es regnet seit einigen Stunden, der Wind treibt die Blätter von den Bäumen und lässt sie durch die Luft segeln. Das Herbstlaub bedeckt die Straßen und Gehwege mit einem rotbraun glänzenden Teppich. Ein feucht – kühler Vormittag vergeht in einer dumpfen Hypnose. Während ich die Post aus der Tasche hole, kommt mir ein Mann entgegen. Seine Gangart sticht durch eine kerzengerade Körperhaltung hervor, der Blick ist dabei auf mich gerichtet. Vielleicht will er den Überbringer der Nachrichten abfangen, um zu fragen, ob was für ihn dabei ist, so wie es viele machen, die dringend etwas erwarten. Aber seine angebliche Zielstrebigkeit entpuppt sich als hilfloser Versuch der Selbstdisziplin. Je näher er durch die Flucht der Bäume heran kommt, desto deutlicher werden die torkelnden Ausbrüche seines Körpers, der nach Gleichgewicht tastet. Er ist völlig durchnässt. Für einen Moment legt er den Kopf in den Nacken und sein Gesicht weitet sich zu einer leidigen Grimasse, als würde er gleich verzweifelt auflachen müssen. Mit weit aufgerissenen Augen, die starrend den Weg fixieren, erkennt er mein Fahrrad rechtzeitig als Hindernis und streift mit hoch gezogenen Augenbrauen an mir vorbei. Er steuert den Hauseingang an, wo ihn eine sichtlich ältere Frau mit verschränkten Armen erwartet. In ihren dunklen, abgründigen Augen hat sich eine Mischung aus Wut und Mitleid gesammelt. Als er vor ihr auf wackeligen Beinen zum Stehen kommt, versucht er zu lächeln, und sie vollführt eine heftige Bewegung, wie um ihn zu schlagen, aber dann umarmt sie ihn und er sackt schluchzend in ihr zusammen.“

Aus: „Auf Abwegen“ Von Thomasio (22.10.2008)
Quelle: Das Wortbrocken Cafe im LASER#17

lemon / 23 Oktober 2008 / Fraktal.Text, Kiel.Refugium, Wortbrocken.Cafe

[Regelmäßig überrascht… ]

Wenn beim Aufsuchen der vielstimmigen inneren Meinungen nicht Milde im Umgang mit der Welt aufkommen will, so liegt es wohl an der aufbrausenden Debatte im Parlament der Seele. Regelmäßig bin ich überrascht und umgehauen, ob all der Dinge die existieren. Es ist schon etwas wahres daran, dass die Gedanken kommen wenn SIE es wollen. Aber ob sie sich in den entsprechenden Gehirnwindungen nur mit Mühe und Not für eine kurze Weile festkrallen können, oder sich dort zuhause fühlen – das haben sie aber womöglich nicht allein in der Hand. Die Gehirnlandschaften sind jedem Menschen eigentümlich gegeben – und die Landschaft verändert sich mit jedem Erlebnis auf’s neue. Zeit lagert sich ab. Die Augen sehen das gleiche anders. Morgens um 4:00 blicke ich durch das Schaufenster von einem bereits geschlossenen Schnellimbiss. Dort sitzt eine Frau müde und zusammengesunken auf einem Stuhl. Raucht nach einer anstrengenden Arbeitsnacht eine Zigarette. Bewegungslos stützt sie ihren Kopf auf die linke Hand und schaut mit der Zigarette in der rechten durch den Fußboden, ganz durch den Erdball hindurch.

lemon / 5 August 2008 / Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel

[Unter Kumuluswolken… ]

Simuliere ich mir einen neuen Geisteszustand. Es ist vorbei, ich stürze an einem Abhang von Nebensächlichkeiten entlang. Fachleute, Dilettanten, stille Meister, Wichtigtuer, Verzweifelte. Es ist wie, als würden wir alle ein wenig lügen, weglassen und beschönen, weil wir uns selbst vergessen haben. Noch immer verraten uns die Weglassungen, die Nebensächlichkeiten, welche die Welt bedeuten. Innehalten, kleine Gesten, Schweigen, Blicke, weggehen, wiederkommen, eine Handlung vollführt zu haben ohne es recht zu merken. Orte welche sich wie von Geisterhand mit Gefühlen aufladen. Wenn man zum Beispiel in einer Stadt eine bestimmte ‚Ecke‘ besonders mag. Da stehen wir als eine handvoll Menschen neben einem Koloss von Blech, Stahl, Rädern, Telefonleitungen, leere Joghurtbechern, Luftpumpen, Festplatten und unter Kumuluswolken.
Irgendjemand stirbt gerade zusammengekauert mit den Dingen, die noch unerledigt waren. Ein anderes Kind wird in die Welt gepresst und die Mutter ist erschöpft und verschwitzt. Wer von uns kann sich noch daran erinnern jauchzend die Muttermilch zu saugen – meine Herren im verzweifelten Häuserkampf um Macht, Annerkennung und Liebe? – Jeden Tag werden neue Löcher in die Seele gerissen. Kurz bleibe ich stehen. Treppenhäuser sind so eine Sache. Jedes hat seinen unverwechselbaren Geruch. Manche lassen mich kalt, aber manche Altbautreppenhäuser, in denen mir Erinnerungen hochkommen, von Momenten, die ich gar nicht erlebt haben kann, haben alles kommen und gehen gesehen.
Der alte Jürgen sitzt pissend auf halber Treppe, es ist Winter. Anna knallt die Wohnungstür zu, läuft weinend zur Strasse und die alte Frau Hennings hat heimlich den ganzen Streit mit angehört hinter der leicht geöffneten Tür.
Auf dem Bürgersteig torkeln mir seltsam angespannte Wortfetzen entgegen, von der anderen Strassenseite wird zurückgeflucht. Dann folgt ein Moment Stille. Die Elisabethstrasse hat für kurze Zeit die Welt vergessen.

lemon / 16 Juli 2008 / Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel

[Samstag morgen 9:16 – Linie 31… ]

Samstag morgen 9:16 – die Linie 31 setzt sich in Bewegung. Ich höre hinter mir eine reife Dame sagen: „Ja, ich muss oft an die Zeit zurück denken…“ – unwillkürlich entsteht vor meinem inneren Auge das Bild eines Gehirns, welches in einer durchsichtigen Lösung von komprimierter Zeit schwimmt – drumherum stehen Damen mit weiß gelocktem Haar in weißen Kitteln. Sie nehmen das Gehirn genau in Augenschein – hin und wieder sagen sie: Was für eine Zeit!
Zurück in der Gegenwart schweift der Blick durch das Fenster nach draußen – Haltestelle Karlstal im Stadtteil Kiel Gaarden. Würde ich hier nicht um die Ecke wohnen, ich würde den Ort vermissen. Dieser Ort ist eine öffentliche Wunde, in der geschminkten Welt von Beauty-Tips und Diät-Vorschlägen. Ein Schützengraben zur Abwehr der durchtränkenden Harmlosigkeit von Produktbeschreibungen . Hier am SKY Supermarkt Karlstal logiert ein Hofstaat von Alkies und Junkies mit einem kleinen Tross von illustren Mitstreitern und verbreiten ihre Idee von Öffentlichkeit. Aufregung, Wut, Lügen, Hoffnung, Enttäuschung, hier ein dreckiges Lachen, dort ein hilfloser Blick, hier ein großes Versprechen, dort ein heimliches Verschwinden. Wer macht den Hofnarren und wer ist das Gesetz. Bei den regelmäßig anberaumten Polizeidurchsuchungen obliegt es ihnen dann, die verschwitzten Taschen auszulehren und den Inhalt eben dieser fein säuberlich – unter den unterschwellig genervten wie auch strengen und leicht angespannten Blicken der Gesetzeshüter – auf dem Bürgersteig auszubreiten. Trotz alledem, so scheint es mir, ergeht es ihnen an der Mauer wie einer zerrütteten Familie, die bei allem Ungemach und nackter Gewallt zum Trotz, soweit es irgend möglich ist, zusammenhält. Sollte nicht ein schwacher Moment der mächtigen Suchtkrankheit alle Bemühungen unnachgiebig hinwegspülen. Dort an der Mauer direkt am Supermarkt, dort wo der Zigarettenautomaten hängt – ist eine Zuflucht in mitten von zerklüfteter Seelenlandschaft.
Ich sehe eine müde junge Frau mit Kinderwagen und ihren 3 Kindern die sich ungeduldig hin und her bewegen, ein Typ mit dunkler Sonnenbrille neben ihr. Er gibt sich mühe unangreifbar zu wirken – die drei alten Männer weiter links mit Bierflaschen und grau melierten Bärten kaum noch. Mittendrin laufen ein paar 1-Euro Arbeiter in neongelben Westen durch die Szenerie. Auf ihren Westen steht für alle gut sichtbar: Gaarden Aktiv. Sie laufen mit einer Mülltüte und einem Müllgreifer die Bürgersteige entlang. Manche haben sich aber auch einen Hackenporsche besorgt, auf dem sie die Mülltüte ziehen können. Es gibt verschiedenste Modelle – heute zum Beispiel sehe ich zum ersten mal das Model Umgebauter-Einkaufswagen.
Vorne beim Busfahrer gibt es wieder Ärger. Ein kleiner Mann mit osteuropäischen Akzent ist in einer mir unbekannten Angelegenheit ungehalten und macht sich verbal Luft. Der Busfahrer gibt noch ein „Das ist eben ihr Problem“ zum Besten. Neben mir ein alter Mann sagt für alle hörbar: „Es hat doch keinen Zweck, sag‘ einfach Salemaleikum und vergiss die Sache…“ – der kleine Mann schenkt meinem Sitznachbar keinerlei Aufmerksamkeit und setzt sich mit versteinertem Gesicht neben ein junges Mädchen das hypnotisiert mit ihrem Handy spielt. Jetzt kommt uf der gegenüberliegenden Sitzbank ein Rentner in Fahrt: „Ich habe 25 Jahre gearbeitet – die Nachtschichten sind viel schneller rumgegangen – 20:00 bis 6:00 Uhr – die Kollegen kamen immer mit Kaffeedurst – ich hab ihnen immer den Kaffee hingestellt. So ging die Zeit viel schneller rum als am Tag.“

lemon / 4 Juli 2008 / Fraktal.Text, Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel

lemon / 5 Januar 2008 / Fraktal.Text, Kiel.Refugium / 0 Comments

[Der Himmel auf Erden… ]


[Zur metaphysischen Aufdringlichkeit der Verkaufspsychologie]
(Werbebild, Kiel 12/2007)

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Kontext (1)
„… In der Kulturwissenschaft verwendet Johan Huizinga den Begriff Puerilismus für von ihm als infantil eingeordnetes Verhalten Erwachsener in der Moderne. Hierzu zählt er das Bedürfnis nach banaler Zerstreuung, die Sucht nach Sensationen, die Lust an Massenschaustellungen, Unterstellung von bösen Absichten oder Motiven bei anderen und Unduldsamkeit gegen jede andere Meinung, maßloses Übertreiben von Lob und Tadel. (vgl. Huizinga, J.: Homo Ludens – Vom Ursprung der Kultur im Spiel, Hamburg, 20. Auflage 2006, S. 221 f). …“ (15. Oktober 2010)
=> http://de.wikipedia.org/wiki/Infantilismus

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Kontext (2)
[…] Die ’Pataphysik präsentiert sich in Form einer Wissenschaft, Philosophie oder esoterischen Lehre, wo sie unter umgekehrten Vorzeichen ein Paralleluniversum erfindet, das an die Stelle der bekannten Welt treten könnte. Gefragt sind auch unsinnige wissenschaftliche Untersuchungen; so soll beispielsweise eine Berechnung der Oberfläche Gottes unternommen werden. Eine weitere Beschreibung der Ausgangsposition dieses Ansatzes lautet:
Die ’Pataphysik steht zur Metaphysik so wie die Metaphysik zur Physik.
=> http://de.wikipedia.org/wiki/Pataphysik (12/2007)

lemon / 12 Dezember 2007 / Kiel.Refugium, Visual.Notes / 0 Comments

lemon / 29 November 2007 / Überwachungssysteme, Kiel.Refugium, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments