lemon / 16 Januar 2020 / Found.Stuff, Visual.Notes / 0 Comments

[Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre #42… ]

John Michael Krois (‚ZUR DARSTELLUNG VON SYMBOLISCHEN UND SOZIALEN STRUKTUREN‘, 1999): “ … Cassirer schreibt in der Tat einen „klassischen“ Stil, aber er spricht nicht die Sprache des Rationalismus: „Vernunft“ gehört nicht zu seinen Begriffen; diese sei für ihn „vage und unbestimmt“ und nur dann sinnvoll, wenn man ihr die „differentia specifica“ hinzufügt [[https://de.wikipedia.org/wiki/Genus_proximum_et_differentia_specifica]]. Aus animal rationale [[“ Mit diesem Ausdruck hob Aristoteles die Fähigkeit des Menschen zu denken als die wesentliche, ihn vom Tier unterscheidende Eigenschaft des Menschen hervor.“] https://de.wikipedia.org/wiki/Animal_rationale] wird animal symbolicum [[ „Der Begriff animal symbolicum wurde von Ernst Cassirer geprägt. Der Begriff hebt die typisch menschliche Fähigkeit hervor, Symbole hervorzubringen und in einer Welt der Symbole zu denken und zu leben. “ ] https://de.wikipedia.org/wiki/Animal_symbolicum], statt Vernunft ist die Teilnahme an symbolischen Formen das Entscheidende am Menschen. Animal symbolicum ist und bleibt „a mythical animal“ und Mythos ist keine historische Wirklichkeit, sondern „a permanent element in human culture“. Jedoch ist das Symbolische – und nicht die Macht das Zentrum von Cassirers Kulturbetrachtungsweise. Deshalb kann er Kultur den Prozeß der menschlichen Selbstbefreiung nennen. Diese Behauptung basiert auf keiner inhaltlichen Anthropologie, weder auf einem Rousseauschen Vertrauen in eine allgemeine bonte naturelle der Menschen [[ Die natürliche Güte des Menschen (Rousseau) ]] noch auf einer Verehrung für die „höchsten Exemplare“ wie bei Nietzsche. In seinen letzten Schriften spricht er am deutlichsten seine Ansicht aus: das Symbol gewährt die Mittel für eine mögliche Befreiung von Angst, Unterdrückung und Unwissenheit, gleichwohl analysiert er ebenfalls im Spätwerk auch noch ganz andere Möglichkeiten. Albert Speer meinte in den Spandauer Tagebüchern, Cassirer habe in „The Myth of the State“ wo er die Theorie der technischen Instrumentalisierung des mythischen Denkens ausarbeitet, das Einmalige und Neue im dritten Reich richtig erkannt: die neu gefundene Möglichkeit der Auslöschung selbstverantwortlicher Persönlichkeiten, die Ausschaltung des rationalen Widerstands. Die Öffentlichkeit einer schriftlichen Gesellschaft, auch Radio und Film, können bedient werden, um mythische Formeln zu verbreiten und so zur wirkungsvollsten aller Herrschaftsmittel werden, denn so werden Menschen von innen durch ihre eigenen Phantasien und Emotionen gelenkt und nicht bloß von außen gesteuert.

… Der Unterschied zwischen Bourdieu und Cassirer liegt in ihren Auffassungen von dem, was Cassirer die „kritische Kräfte“ der Kultur nannte – ästhetische, ethische und intellektuelle. Wir finden ihn in Cassirers Behauptung, Kultur ist der Prozeß der menschlichen „Selbstbefreiung“. Cassirer begründet diese Behauptung mit seiner Symboltheorie, aber eine pauschale Formel dafür gibt er nicht, denn dieser Befreiungsprozeß sieht in jeder symbolischen Form anders aus. ln Bourdieus Soziologie der symbolischen Formen muß eine solche Behauptung unrealistisch sein, denn eine Befreiung aus Machtverhältnissen ist nur sehr bedingt, wenn überhaupt möglich. Cassirers Behauptung läuft Gefahr, das politische Feld ganz zu verlassen und in den Idealismus zurückzufallen. Man könnte Cassirers Symbolphilosophie als apolitisch bezeichnen, und so wäre die Grenze zu Bourdieus Auffassungen gezogen.

… im Gegensatz zu Cassirer sieht Bourdieu nicht einmal in der Kunst einen Bereich, in dem der Allgegenwärtigkeit von Machtverhältnissen zu entkommen wäre. Bourdieu lehnt die rein ästhetische Auffassung der Kunst zugunsten einer sozialkritischen ab.

… Für Cassirer ist Kunst symbolische Form, ein Ausdrucksphänomen und nur sekundär Gegenstand von Geschmacksurteilen. in der Kunst geht es zunächst weder um Genuß noch um Gefallen. Kunst ist eine Darstellung von Ausdruck in einer symbolischen Form. Kunst ist eine „Intensivierung und Illumination“ des Lebens [[„Beleuchtung hat einen rein praktischen Zweck: Man kann etwas sehen. Illumination erhebt sich über den reinen Zweck und wird zur Kunst“ ] Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Illumination_(Beleuchtung)]. In der Kunsterfahrung nehmen wir sinnliche Inhalte wahr, aber im Gegensatz zum praktischen Leben geht es nur um ihre Formen. Dadurch werden unsere Gefühle und Emotionen in der Kunsterfahrung fundamental verändert. In der Kunst haben wir zwar mit tragischen, komischen und lyrischen Inhalten zu tun, aber wir erleiden diese Inhalte als emotionale Zustände nicht, wir erleben eine befreiende Erleichterung von ihnen. Wir erleben „die ganze Skala des menschlichen Lebens“: „die kontinuierliche Oszillation zwischen all seinen Extremen – zwischen Freude und Trauer, Hoffnung und Angst, Jubel und Verzweiflung“. Diese Erweiterung der Gefühle würde im alltäglichen Leben unerträglich sein. Doch in dem Kunsterleben sind wir befreit von der Last: „Die Last der Emotionen wird uns von den Schultern genommen; was wir fühlen, sind ihre inneren Bewegungen, ihre Vibrationen und Oscillationen – ohne ihre Gravität, ihre unterdrückende Macht, ihr Gewicht und ihren Druck“. Kunst ist Katharsis, aber nicht einfach im Sinne einer psychologischen oder moralischen Reinigung der Gefühle. Kunst transformiert die Gefühle: wir fühlen, ohne zu leiden, wir erleben das Passivste an uns (unsere Gefühle) als etwas Aktives, indem wir ein Werk nachvollziehen. Wir erleben eine Befreiung von den Inhalten durch ihre symbolische Darstellung, die einen Gefühlsablauf anregt und gleichzeitig Distanz ermöglicht. …“

Aus: MITTEILUNGEN DES INSTITUTS FÜR WISSENSCHAFT UND KUNST 54. JAHRGANG 1999, NR. 2-3: „SYMBOL-STRUKTUR-KULTUR – Zur erkenntnistheoretischen Grundlegung der Sozial-und Kulturwissenschaften nach Ernst Cassirer, Claude Levi-Strauss und Pierre Bourdieu“ | Quelle: http://www.iwk.ac.at/wp-content/uploads/2014/06/Mitteilungen_1999_2-3_symbol_struktur_kultur.pdf

lemon / 15 Januar 2020 / Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Kunst.Encoder / 0 Comments

lemon / 15 Januar 2020 / Found.Stuff, Visual.Notes / 0 Comments

[Interieur #8 … ]

Lina Dinkla zu ‚Kiss me stupid‚ (USA – 1964): “ … Im Mittelpunkt steht ein Leitmotiv Wilders, ein Metathema, das in vielen seiner Filme auftaucht: „Nichts ist, wie es scheint“: das Verhältnis von Realität und Fiktion ist nicht klar erkennbar, die Figuren bewegen sich im Grenzbereich zwischen Wahrheit und Selbstentwurf, zwischen inszenierter Wirklichkeit und zu Wirklichkeit werdender Inszenierung. … Die Feuilletons der großen amerikanischen Tageszeitungen zerfetzten Kiss me stupid als „eine der längsten Stammtischzoten, die es je zum Film gebracht hat.“ Wilder selbst nahm diese […] Kritik gelassen auf und schrieb mit einer Art Galgenhumor sogar Dankesbriefe an seine Kritiker. [Das Thema der Prostitution und des außerehelichen Sex wird für die damalige Zeit in äußerst provokanter Weise behandelt] Heute erkennt man [ ] in solchen Überreaktionen die wahren Entgleisungen und der Film selbst erscheint harmlos-unterhaltend. …“ | http://www.filmzentrale.com/rezis/kuessmichdummkopfld.htm // https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BCss_mich,_Dummkopf

lemon / 12 Januar 2020 / Cinema.Exposure, Found.Stuff, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments

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lemon / 24 Dezember 2019 / Cinema.Exposure, Found.Stuff, Visual.Notes / 0 Comments

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