[Momentaufnahme #1… ]

(Ende Januar 2016): Kiel ist gerade wie eine nasse dunkle glitschige angegammelte Holzplanke mit Nieselregen und eine handvoll Wind darüber. Gegenüber wird matt weißes Kiosklicht auf verschmierten Fenstern zurückgeworfen. Ich drehe doch noch die Heizung an und schalte die Lampe auf der Arbeitsplatte aus. Angenehm ist die Stille und die Dunkelheit. Wenn ich jetzt in die Straße hinunterschaue, glimmt auf ein paar Pflastersteinen noch dunkelrote Farbe spiegelbildlich auf einer dünn-kalten Wasserschicht. Eine tiefe Schlaflust rieselt in den psychischen Apparat. Was ich gerade noch wahrnehme – oder wie es sich anfühlt, dass die Zeit mich verändert – all das nehme ich mit auf die Matratze. Dann warte ich ab, in welche Gedankenspurrillen ich noch hinein rutsche, bevor dann nichts mehr für mich zu erinnern ist, bevor es weitergeht. Bevor ich morgen früh den Becher Kaffee mit ein paar Tropfen Sahne umrühre, bevor sich die Augen im ersten Moment noch nicht richtig scharf stellen.

lemonhorse / 3 February 2016 / Fraktal.Text, Kiel.Gaarden, Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Marshall McLuhan (1977)… ]

This rare archival footage of McLuhan speaking to an ABC [Australian Broadcasting Corporation] journalist on his visit to Australia was recorded on 19 June 1977 in Sydney. ABC Archive notes: “Canadian expert on electronic media, Marshall McLuhan, arrives in Australia to address a seminar on Australian radio. He advocates shortening of TV transmission time and better balance between TV, radio and press. McLuhan speaks about the effect of TV on children.”

Jabba Jay vor 11 Monaten: I tried to watch till the end but I had other things to do.

lemonhorse / 2 December 2015 / Daten.PolitixMicro, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Global.Politix:Micro, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Zwischen Lust und Melancholie #1… ]

“Among Fields of Crystal” – 3:24
Piano and electric piano: Harold Budd
Other instruments, treatments: Brian Eno

The Plateaux of Mirror is a 1980 album by ambient musicians Harold Budd and Brian Eno. This is the second installment of Eno’s Ambient series which began in 1978 with Ambient 1: Music for Airports
–> https://en.wikipedia.org/wiki/Ambient_2:_The_Plateaux_of_Mirror

// ” „Das Vergnügen, sich selbst schlecht zu machen, übertrifft bei Weitem dasjenige, schlecht gemacht zu werden.“ E. M. Cioran (1973) … Freuds Denken hätte nicht so viel Erfolg gehabt, hätte es sich lediglich um eine Theorie psychischer Störungen gehandelt. Indem er das Pathologische analysierte, zielte Freud darauf ab, das Pathos bloßzulegen, aus dem wir alle bestehen. … Wir sollten nie vergessen, dass bei Freud das Psychische immer mit dem Außer-Psychischen getränkt ist, das Subjekt ist niemals rein. Freud sagt, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist, und damit verleiht er Rimbauds Verdikt Je est un Autre Körper. Tatsächlich ist das Haus des Ichs immer besetzt vom Nicht-Ich. Ein Teil ist das Über-Ich, der andere ist das Es. Es ist „das Fleisch“ – wie die Theologen es nannten – als sinnliches Begehren; und dieses Fleisch ist im Haus des Ichs vertreten durch Phantasien, Gefühle und Gedanken, die alle unpassend sind, weil Es ein aufdringlicher Fremder bleibt, ein unwillkommener Gast des Ichs. … Ich bin immer gleichzeitig von beiden bedingt – vom Gewissen jenseits meines Bewusstseins und von der ungebärdigen Unbewusstheit des Fleisches. Zum Glück kommandiert uns das Über-Ich nicht immer in unserem Haus herum, nicht jeder ist depressiv. Unsere Selbstachtung ist der Beweis dafür, dass das Über-Ich uns, wenigstens zeitweise, verschont. Wenn wir unserem Ich-Ideal gerecht werden, ruht das Über-Ich. Der Melancholische hingegen verliert seine Selbstachtung: Sein Über-Ich, der mitleidlose padre padrone, wütet in seinem eigenen Haus und zwingt ihn zu Boden. Aber warum wird der Melancholische vom eigenen Ideal verfolgt? Vielleicht ist das melancholische Subjekt auf sein eigenes Ideal neidisch? …”
Aus: “Freuds Annäherung an Trauer und Melancholie – und danach” Benvenuto, Sergio., Psychotherapie-Wissenschaft [online], Jahrgang 1 Nummer 2 (7 Juni 2011) | Quelle: http://www.psychotherapie-wissenschaft.info/index.php/psy-wis/article/view/35/151

lemonhorse / 24 October 2015 / Akustische.Wellen, Found.Stuff, Kunst.Encoder, Realitaets.Tunnel, Visual.Notes / 0 Comments

[Zur Ontologie des nicht Seienden #9… ]

Gegenstände, deren Gebrauch und Zweck uns nicht mehr bekannt sind, geben uns Rätsel auf. … sein Eingebundensein in ein bestimmtes System des Denkens und der Vorstellung von Welt fehlt uns heute … Mit ihm verschwand die besondere Theorie der Position des Menschen in der Welt …

de.wikipedia.org, (27. August 2015): ” … Als Dispositiv (von frz. disposition, Entscheidung, Anordnung oder Anweisung) begreift man in der Soziologie im Anschluss an Michel Foucault eine Gesamtheit bestimmter begrifflich fassbarer Vorentscheidungen, innerhalb derer sich die Diskurse und die sozialen Interaktionen entfalten können, die in sprachpragmatisch relevanten Aspekten der Erfassung, Beschreibung und Gestaltung der Lebenswelt einer Gesellschaft Ausdruck finden. … Foucault entwickelte den Begriff im Rahmen seiner Diskursanalyse, vergleichbar damit ist etwa der Begriff eines historischen a priori. Grundlegend ist die Annahme, dass Verhalten, um als soziale Handlung wahrgenommen werden zu können, den Regeln des Dispositivs genügen muss … Am Beispiel archäologischer Artefakte lässt sich die Vorstellung von Dispositiven erklären: Gegenstände, deren Gebrauch und Zweck uns nicht mehr bekannt sind, geben uns Rätsel auf. Wozu wurden sie benutzt? Wer konnte – und durfte – sie gebrauchen? Wie oft ist der Gegenstand verändert worden, bis er seine endgültige Form erreicht hat? Wie viele diskursive Praktiken mussten durchlaufen werden, bevor man sich einigte, den Gegenstand so und nicht anders zu gestalten? Es gab eine Zeit, in der er evident war – wichtig oder sogar überlebensnotwendig. Heute sagt er uns nichts mehr. Das damalige Sprechen über seinen Zweck, sein Eingebundensein in ein bestimmtes System des Denkens und der Vorstellung von Welt fehlt uns heute – dieser Diskurs ist erloschen. Mit ihm verschwand die besondere Theorie der Position des Menschen in der Welt, in deren Zusammenhang der Gegenstand relevant war. …” | https://de.wikipedia.org/wiki/Dispositiv

lemonhorse / 8 October 2015 / Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Zum Wahn der Liebe #51… ]

” … Das Misstrauen gegenüber dem eigenen Tun ist ein durchgängiges Motiv. Dabei gelingt es Pehnt, die Allgemeinplätze der Liebe immer wieder infrage zu stellen. Zum Beispiel: Wieso glauben wir eigentlich, dass eine Liebesgeschichte nur eine gültige Version hat? …” | (Franziska Wolffheim, “Wenn es sich ausgeliebt hat: Die Trockenheit des Herzens”, 17.09.2015 | via)

// ” … Reality tunnel is a term, akin to the idea of representative realism, coined by Timothy Leary (1920-1996). It was further expanded on by Robert Anton Wilson (1932-2007), who wrote about the idea extensively in his 1983 book Prometheus Rising. The theory states that, with a subconscious set of mental filters formed from his or her beliefs and experiences, every individual interprets the same world differently, hence “Truth is in the eye of the beholder”. … We don’t see things as they are, we see them as we are. – Anais Nin … For Wilson, a fully functioning human ought to be able to be aware of his or her reality tunnel, and able to keep it flexible enough to accommodate, and to some degree empathize with, different reality tunnels, different “game rules”, different cultures…. Constructivist thinking is the exercise of metacognition to become aware of our reality tunnels or labyrinths and the elements that “program” them. Constructivist thinking should, ideally, decrease the chance that we will confuse our map of the world with the actual world. …” | https://en.wikipedia.org/wiki/Reality_tunnel

// ” … Subjektivität (lateinisch für Unterworfenheit) ist in der europäischen Philosophie diejenige Eigenschaft, die ein Subjekt von einem Gegenstand unterscheidet. Wie diese Eigenschaft genauer zu fassen ist, ist in Philosophie und Wissenschaft seit Beginn der Antike umstritten. Im abgeleiteten Sinne steht Subjektivität auch für dasjenige Verhältnis eines Subjekts zu seiner Umwelt, das nicht objektiv ist. …” | https://de.wikipedia.org/wiki/Subjektivit%C3%A4t

lemonhorse / 17 September 2015 / Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Bericht aus dem Hinterhof (06.06.2015)… ]

Kiel. Im Niemannsweg rauschen die Bäume ehrwürdig ruhig im Wind, die Borderline-Patienten sind ja auf offener Straße nicht zu sehen. Jeder Stadtteil hat seine Selbstverständlichkeit. Düsternbrook hält sich daran. Das Fahrrad klappert. Die abschüssige Kurve noch, dann zieht es mich wieder auf das Ostufer.
Auch auf dieser Seite der Kieler Förde ergeht man sich im Erfüllen von vorhersehbarem: von der Eckkneipe gegenüber brüllt ein Mann (wie alt mag er sein?) um die fünfzig mit versoffenem Ton einer Frau hinterher. Er bewirft alsdann die Dame mit einer vollen Flasche Bier, die Dame (schlau genug) ist aber schon um die Häuserecke verschwunden und entwichen. Der Flaschenwurf war um zwei Sekunden alkoholverzögert und auch nich zielgenau. Die noch mit dem silbernen Kronkorken verzierte braune Flasche prallt in leicht gebogener Bahn auf die Kühlerhaube von einen VW-Polo. Akustisch ein kurzes Znack-(Pause)-Zrotz-Klock-Klock-Geräusch. Eine kleine Delle im Lack. Eigentlich ist gar nichts passiert. Schon ist wieder Ruhe in der Medusastraße.
Das alte Rad klappert nun gesteigert beim überfahren des Kantsteins – und trägt mich weiter zu einer kleinen Pizzeria. Runter vom Rad. Bin in der Gutenbergstraße – gar nicht weit weg vom Schrevenpark.
Direkt neben mir geht ein hölzernes Garagentor auf. Ich sitze bereits auf einem Gartenstuhl in einem Hinterhof. Vom Holz und der Machart her betrachtet, könnte das knarrende Tor vielleicht in den 30iger Jahren zusammengebaut worden sein. Ein kleiner aber beleibter Bestattungsunternehmer mit stark augenvergrößernder Brille und schwarzer Anzugshose betritt das hinterhöfische Als-ob-Theater. Ein paar tapsige Schritte von kleinen breiten Füßen. Der Gang hat etwas marionettenhaftes. Doch die Füße, in Kunstleder und Gummisohle gebettet, haben keine Fäden und Ösen. Mit einer etwas zu engen und zugeknöpften Weste schiebt der Herr Bestatter den schwarz-rot-gold verzierten Kaffeebecher vor sich langsam über die mit etwas Unkraut umzingelten Kopfsteinpflaster. Er nimmt einen kleinen Schluck aus seinem nur noch mäßig dampfenden Deutschland-Becher. Der Herr in Schwarz sagt recht laut “ja, ja, ja…”. Ich frage mich dabei, ob er seine Worte an sich selbst, an niemanden, oder an mich adressiert hat. Möglicherweise weiß er es selber nicht genau. Wir sehen uns an. Er wagt sich noch zwei weitere Schritte zum Als-ob-Bühnenzentrum vor. Hinter ihm das geöffnete Garagentor. Dahinter nur noch dunkler Schatten. Noch ein mal entkommt seinem Mund ein “Ja, ja, ja.”
Die Sonne brennt auf den weißen Campingtisch. Ich fühle die Hitze auf dem Gesicht. Der Sommer 2015 hat begonnen. Es ist so hell, dass ich die Augen ein wenig zukneifen muss. Selbstvergessen und etwas verlegen nicke ich dem Mann samt seinem patriotischen Becher zu, schweige und esse das nächste Stück Pizza mit der Hand. Ich schließe die Augen ganz. Noch vor ein paar Minuten fuhr ich an einem Kiosk vorbei. Ein in der Sonne glänzender BMW liegt auf der linken Seitentür vor einem Zebrastreifen. Ein Polizist spricht in sein Funkgerät: “…ja zwei junge Männer, sie sind weggelaufen, ich brauche noch einen Wagen hier…” – das Blaulicht des Notarztwagens geht fast unter, denn der Himmel ist ja schon so voller Blaulicht.
Schon will mir jemand freundlich auf dem Gehweg eine alte Kleinbildkamera verkaufen, die aussieht als wäre sie samt Schutzhülle und Bedienungsanleitung aus dem Nord-Ostseekanal gefischt worden. Die Kamera sieht mich halb erblindet an und ich höre das kurze Stöhnen einer verlotterten Weltseele.

lemonhorse / 15 June 2015 / Gedanken.Memo, Kiel.Gaarden, Kiel.Refugium, Realitaets.Tunnel, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

[Wissensordnung und Sprachgebrauch #1… ]


Posted by nothing-cheesy // via

// … die Einsicht, dass die Sprache die Realität nicht bloß abbildet, sondern mittels ihrer Kategorien und Unterscheidungen auch herstellt. Typischerweise ist mit dieser Perspektive auch eine Abkehr von einer objektivistischen Sicht auf die Gesellschaft verbunden… | http://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus

Nachtrag (04.06.2015): // Mister Micawber, Language Coach (knowledge or knowledges? Tue May 06, 2008 1:58 am knowledge or knowledges?): “Knowledge is uncountable.” // John V (Sun Apr 07, 2013 12:17 pm knowledge or knowledges?): ” … “Knowledges” comes essentially from bad translation of French: specifically Foucault. … Foucault, however, uses it to define a relative position of knowledge, i.e., knowledge is never absolute – there are different perspectives, ways of seeing which may all contain elements of truth. The idea is clearer if we think of Foucault’s idea that statements about reality are discourses, which means that even statesments which should be patently obvious such as “little Jimmy has a temperature” become questionable because they come from specific social/historical circumstances.
In English “knowledges” is pretentious. It implies that the user of such terms has more knowledge than we mortals who thought the word did not exist but were wrong. … I think maybe people are intimidated by the rubbish Foucault wrote, but it is not all his fault. Bad translation does not help …” | http://www.english-test.net/forum/ftopic24559.html

lemonhorse / 1 June 2015 / Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Kunst.Encoder, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Subjekt & Objekt #2… ]

” … Given the nature of emotional contagion, film is especially well suited to produce it. … Such scenes, which are typically shot in close-up and focus on a characters face, contain several eliciting conditions of emotional contagion. … The most serious challenge to identification accounts of character engagement, including those that emphasize the roles of empathy and simulation, has come from Noël Carroll, who has repeatedly charged that such accounts fail to explain the majority of our reactions to fictional film characters (Carroll 2007, 2008: 177–84). Carroll doesn’t deny that something akin to simulation, empathy, or identification can sometimes occur during the film viewing experiences, but he argues that when spectators’ emotions match those of the characters, it is typically due to criterial prefocusing (which I’ll explain below), not a process of identification or simulation (2008: 149–91). Carroll offers several arguments to support his position. First, he says that spectators’ emotions have different objects from those of the characters, and thus the emotions cannot be the same. This, he claims, is because we observe characters’ situations from outside the narrative. Second, spectators often have different information or more information than the characters, and so they have a different experience of the narrative events. Finally, spectators often have different desires or preferences from those of the characters and ones that can be in conflict with those of the characters. If empathy, simulation, or some other form of identification were a major part of our interaction with characters, there would be greater symmetry than occurs between the characters’ mental states and those of the spectators. …”

From: “”EMPATHY AND CHARACTER ENGAGEMENT” (Amy Coplan) – THE ROUTLEDGE COMPANION – TO PHILOSOPHY AND FILM”, Edited by Paisley Livingston and Carl Plantinga (First published 2009) | http://e-edu.nbu.bg/pluginfile.php/303072/mod_resource/content/0/9780415771665_-_Paisley_Livings_-_The_Routledge_Companion_to_Philosophy_and_Film_-_Routledge.pdf

lemonhorse / 5 May 2015 / Cinema.Exposure, Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Kunst.Encoder, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Zur Wahrnehmungsblase (Realitätstunnel) #2… ]

… es gibt keinen Punkt, an dem eine Gedankenkette wie “A vermutet, dass B weiß, dass X; und A vermutet auch, dass B denkt, dass A glaubt, B wisse X; usw.” zum Stoppen kommt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Common_Ground, 4. März 2014)

” … In Konflikten … geht die Meinung darüber, was … passiert, weit auseinander. Beide Seiten beschuldigen sich immer wieder der Desinformation und beide werfen Medien vor, parteiisch zu sein. Ursache dafür ist ein Phänomen, das Eli Pariser die Filter-Blase genannt hat – beide Seiten informieren sich aus unterschiedlichen Quellen und es gibt kaum Informationslieferanten, die von allen genutzt werden.
Das ist nicht überraschend und auch kein neues Phänomen. Spannend aber ist, wie eindeutig sich dieser Bias [Trend] in den Daten sozialer Netzwerke beobachten lässt.
Gilad Lotan … hat Daten von Twitter, Instagram und anderen Netzwerken analysiert und visualisiert, um diese Form der “personalisierten Propaganda”, wie er es nennt, zu zeigen. Dazu hat er bei Medium einen Text veröffentlicht.
Lotan untersuchte Twitterer, die im Juli 2014 in irgendeiner Form auf die Bombardierung der Schule des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNRWA) in Gaza reagierten. Der Inhalt der Reaktionen waren nicht entscheidend, vielmehr erstellte Lotan eine Karte, auf der die Accounts danach angeordnet wurden, wem sie folgen. …
Das alles sagt nichts darüber aus, wie Medien über den Konflikt berichten und welche Berichte nun richtig oder falsch sind. Es zeigt aber, dass diejenigen, die die Berichte lesen und kommentieren, sich in vollkommen unterschiedlichen Sphären bewegen. Was die Gefahr erhöht, dass sie kein Verständnis füreinander aufbringen und die andere Seite als Gegner erleben, den es zu bekämpfen gilt. Und es erhöht die Gefahr dafür, dass die Beteiligten auf jeder Seite anfällig für Propaganda sind. Der Krieg am Boden hat also offensichtlich leider auch im Netz zu einer klaren Front geführt. Noch mal, das ist nicht neu. Aber es ist dank Lotans Analyse nun sichtbar. …” | Aus: “Personalisierte Propaganda” Kai Biermann (8. August 2014) >> http://blog.zeit.de/open-data/2014/08/08/gaza-propaganda-twitter/ | (Gilad Lotan – NYC https://medium.com/@gilgul ): “Israel, “Gaza, War & Data” >> https://medium.com/i-data/israel-gaza-war-data-a54969aeb23e

Outside_Observer, 8. August 2014 um 17:37 Uhr: Vor 20 Jahren, als das Internet noch in den Kinderschuhen war, hatte ich grosse Hoffnung, dass sich Menschen nun unabhängig informieren könnten, und dass das zur allgemeinen politischen Bildung beiträgt, und Konflikte entschärft.
Das Gegenteil ist der Fall. Überall bilden sich eigene Blasen und eigene Welten, und man liest nun mal am Liebsten, was die eigenen (Vor)Urteile bestätigt. Das Internet vertieft die Gräben und Konflikte. Dazu kommt, dass durch die Anonymität die Aggressivität der Kommentare enorm zunimmt. Auch das färbt ins wirkliche Leben (die “real reality”) ab.

Le Toast, 8. August 2014 um 18:01 Uhr: Das ist wirklich sehr interessant … dass das Internet maßgeblich dazu beiträgt, dass Leute sich ihre Informationen nach dem Filtern, was sie hören bzw. lesen wollen. Differenziertes Auseinandersetzen mit einer Thematik wird eben von der Notwendigkeit eines vergleichsweise hohen kognitiven Aufwandes begleitet, da keine Heuristiken, wie z.B. Vorurteile mehr sinnvoll genutzt werden können. Vorurteile, Stereotypen, etc. machen es aber sehr viel einfacher, sich ein Bild zu machen, das jedoch von der Realität (ob die jetzt objektiv oder relativ ist, sei mal dahingestellt) enorm abweichen kann.
Man muss versuchen davon wegzukommen, eine eindeutige Einteilung in Gut und Böse erreichen zu wollen, wenn man schon (wie wir) emotional weitgehend unverwickelt ist in der ganzen Sache.

lemonhorse / 3 December 2014 / Daten.PolitixMicro, Fraktal.Text, Gespaltene.Deutung, Global.Politix:Micro, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

[Es ist immer 17:09…]

Der orange-rote Klappziffernwecker steht seit Monaten auf 17:09 – ich sehe mir die Ziffern immer wieder wie zufällig an. Ich brauchte die Steckdose des Klappziffernweckers für den Drucker, der jetzt auf dem Holzstuhl steh. Dadurch habe ich eine symbolische Zeitstillstandszone in dem Zimmer hergestellt. Es ist immer 17:09. Es klappert nachts nicht mehr. Der Drucker ist für die Flugtickets in das Zimmer eingedrungen. Diese kleine schwarze Maschine druckt etwas aus und andere Maschinen lesen mit einem Piepp-geräusch am Flugplatz, was der kleine schwarze Drucker geschrieben hat. Ich als Mensch war nur der Übermittler auf 2 Beinen, der benötigt wurde, damit die zwei Maschinen miteinander reden können. Sie haben sich über das Stück Papier verabredet, dass eine Flugmaschine mich mitnehmen soll – bis in die Höhe von 11km. Immerhin sitze ich am Fenster. Nachts sehen die Großstädte von hier oben aus wie glühende Lava.
Lieber würde ich jetzt mit G. eine Zigarette rauchen in seiner kleinen Kellerküche. Wir könnten über Elektronenröhren reden. Zum Beispiel über die EL156. Seinen alten zerfledderten Arbeitssessel hat G. kürzlich aus der Kellerwohnung verbannt – der stand dort über Jahrzehnte. Wir haben so manche Nacht auf ihm gesessen und G. hat dann gekonnt den Lötkolben geschwungen. Er wollte schon seit Jahren mal alles umbauen und wieder Platz schaffen. Jetzt hat er mit dem Sessel augenscheinlich begonnen den Gedanken in die Tat umzusetzen.
Oder ich könnte bei S. einen Becher Kaffee trinken in der Wik. Dort wo die alten Klinikgebäude im Anscharpark zerfallen. S. sagt, sie könne nichts für Später zurücklegen, obwohl sie die ganze Zeit wie wild arbeitet. Manchen Gästen würde sie gern andere Preise für das Essen abverlangen. Höhere Preise für die Kieler-Nachrichten-Leser, gleichbleibende Preise für die Leute, die sie immer schon unterstützt hätten.
Oder ich würde mit V. über Musikequipment reden. Vielleicht würden wir dann etwas später loslegen, V. würde in die Tasten hauen – und ich die Gitarrenseiten hin und her schwingen lassen. Aber V. arbeitet jetzt in Hamburg, kommt darum seit den letzten Wochen etwas später zur Probe.
Oder ich begegne T. im Treppenhaus. Wie das wohl wird. Gerade wurden “wir” verkauft. Das alte Haus aus der Jahrhundertwende hat die Kontonummern und den Besitzer gewechselt. Unten aus dem Keller kommt etwas vermoderte Luft, diese reicht aber nur bis in den ersten Stock. Wir lächeln uns kurz an – und fragen einander wie es uns denn so geht – und ich würde T. vielleicht fragen, ob die Stadtwerke den Strom in seiner Wohnung wieder eingeschaltet hätten.
Es ist 17:09. Ich liege im Bett, habe die Augen zu. Ich schlafe. Ich träume. Es ist nicht leicht Dich (meine erste große Liebe) so zu sehen. Warum liegst du im Bett? Warum hat du dich die letzten 25 Jahre nicht verändert? – Warum sagst du denn nichts? – Ach, es war nur ein Traum. Es ist wieder morgens. Es ist 17:09. Ich trinke einen Becher Kaffee mit J. – ein Blick in die Augen, ein schneller Kuss, schon halb im Flur. Mal schnell quer über die Straße. Ein Stück weiter überblickt der Funkturm die Stadt. Als würde er uns alle ungerührt beobachten, wie ein alter bentongrauer ungelenker Mann auf einem Bein, der seit Jahren inne hält. Die Linie 41 war gerade noch zu bekommen, denn das Rasieren hat zu lange gedauert. Die zwei Halogenlampenreihen an der Linienbusdecke fluchten als Parallelen über unseren Köpfen. Diese seltsame Mischung von Anonymität und Privatheit ist ein ungeheure Quelle für den Psychogeographen. Hier tritt alles zu Tage, die eher leeren Blicke der Müdigkeit, oder wer mit wem den Augenkontakt wagt, wer sich mit Kopfhörer und Touchscreen in die cybernetische Welt der Taschentelefone zurückzieht. Wer traurig ist, wer noch fast wie betäubt sich fühlt, wer in der morgendlichen Ich-Verdünntheit mit wackeligen Gedanken auf die Reise gegangen ist.

lemonhorse / 26 November 2014 / Gedanken.Memo, Realitaets.Tunnel, Traum.Log, Wortbrocken.Cafe / 0 Comments

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