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Author Topic: [Der Bannfluch in der Kunst ... ]  (Read 7 times)

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[Der Bannfluch in der Kunst ... ]
« on: January 19, 2023, 09:39:05 AM »

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[...] Bekanntlich lagert der weitaus größte Teil der Museumsbestände im Depot. Um dann, wenn es politisch, sozial, kulturell oder auch rein ökonomisch passt, „wieder entdeckt“ zu werden. So wie kürzlich die grandiosen Spätmittelalter- oder die Frührenaissance-Sammlungen der Berliner Staatlichen Museen eine regelrechte Wiedergeburt in der Gemäldegalerie-Halle erlebten oder gerade das Münchener Lenbach-Haus weitgehend aus eigenen Beständen die offenkundig faszinierende Ausstellung „Kunst und Leben“ zeigen kann.

Hier lernt man aber auch: Die absurde Idee von der „Stunde Null“ hat auch die Museen und vor allem ihre Ausstellungen viel stärker geprägt als man gemeinhin meint: Immer wieder wurden seit den 1890er-Jahren ganze Epochen oder Regionen aus dem Bild der Kunst ausgeschlossen, ihre Werke ins Depot gebracht, um dann manchmal dort nach Jahrzehnten „wieder entdeckt“ zu werden.

Dem Bannfluch verfiel die Kunst aus der Zeit des Nationalsozialismus, sozialistische Staatskunst, kaiserlich-wilhelminische Kunst, die der skandinavischen Länder (es sei denn, sie ist Munch-symbolistisch oder Gallen-Kallela-nationalromantisch), die Kunst Osteuropas, wenn sie nicht gerade avantgardistisch ist, die Modernen Nord- und Südamerikas etc. pp.

Und immer wieder entdeckt man hinter diesen Ausschlüssen regelrechte Reinigungsaktionen – als etwa 1937 die Berliner Kuratoren der Gemäldegalerie zu „italienisch“ erscheinende niederländische Gemälde ins Depot verbannten, die Mischung von „romanischen“ und „germanischen“ Ideen politisch opportun unsichtbar machten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Montanunion diese Mischung zum Ideal Europas erhob, waren die Utrechter Caravaggisten plötzlich wieder hochaktuell.

Immerhin, gegen diese Verfälschung der Perspektive durch die Kuratoren gibt es ein Gegenmittel: Die maximale Öffnung der Depots. Durch Digitalisierung der Bestände, aber auch ganz physisch. Washington, London, Skandinavien, Rotterdam zeigen es: Selbst riesige Depots können für das breite Publikum geöffnet werden. Und damit neue, selbstbestimmte Perspektiven auf die Welt öffnen. Dort muss das Publikum nicht Vorlieb nehmen mit der „Wiederentdeckung“ dessen, was um Geschmack oder historische Kenntnis sorgenden Kuratoren verborgen wurde.


Aus: "Umstrittene Kunst: Macht die Depots auf" Nikolaus Bernau (18.01.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/umstrittene-kunst-macht-die-depots-auf-9203094.html
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