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Author Topic: [Orpheus am Machtpol ... ]  (Read 1616 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Orpheus am Machtpol ... ]
« on: August 05, 2020, 11:04:50 AM »

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[...] Es soll das meistgesuchte Foto im US-amerikanischen Bundesarchiv sein: Ein Schnappschuss von Richard Nixon und Elvis Presley, wie sie händeschüttelnd im Oval Office stehen. Der Präsident präsidial lächelnd, der King in Schlaghose und Rüschenhemd, keineswegs eingeschüchtert, einen der mächtigsten Männer der Welt zu treffen, aber warum auch? Schließlich ist er der King, weltweiter Superstar und ohne Frage beliebter als der schon damals als „Tricky Dick“ bekannte Nixon, der ein paar Jahre später über den Watergate-Skandal stolpern wird.

Die Protagonisten, die sich an diesem 21. Dezember 1970 im Weißen Haus trafen, wissen natürlich noch nichts von der zukünftigen Geschichte, als Zuschauer von Liza Johnsons „Elvis & Nixon“ denkt man das Wissen um den baldigen körperlichen Verfall Elvis Presleys und den moralischen Richard Nixons stets mit, was die schier unglaubliche Geschichte, die hier erzählt wird, zusätzlich absurd macht.

Die genauen Hintergründe sind zwar offen, nur wenige Fakten sind bekannt, ungefähr so hat es sich jedoch zugetragen: Irgendwann, Mitte Dezember 1970, schaut Elvis in Graceland Fernsehen, sieht in den Nachrichten Bilder aus Vietnam, von der Bürgerrechtsbewegung, zunehmend aggressiven Protesten gegen das Establishment, dazu Aufnahmen von langhaarigen Hippies im Drogenrausch, Gewalt auf den Straßen, dem Verfall der Ordnung. Als aufrechter Amerikaner – und Republikaner – will Elvis nicht einfach zusehen, wie sein Land verfällt, sondern aktiv helfen.

Und so schreibt er einen Brief an den Präsidenten, gibt ihn persönlich am Weißen Haus ab und wartet auf einen Anruf Richard Nixons. Dieser soll ihn zu einem Sonderagenten des FBI ernennen, damit Elvis als Undercover-Agent für die Regierung arbeiten kann.

Die Vorstellung, dass einer der bekanntesten, meistfotografierten Menschen aller Zeiten als Undercover-Agent durchgeht, ist so absurd, dass sich eine Satire praktisch von selbst schreibt. Allzu leicht wäre es nun gewesen, sich über Elvis und besonders Nixon lustig zu machen, doch dankenswerterweise wählen Johnson und ihre beiden brillanten Hauptdarsteller Michael Shannon und Kevin Spacey einen anderen Weg: Auf dem schmalen Grad zwischen Hommage und Parodie balancieren die Mimen, ahmen die Manierismen ihrer Figuren zwar perfekt nach, verleihen ihnen jedoch trotz der Absurdität der Situation Würde. ...


Aus: "Der Schnappschuss" Michael Meyns (8.12.2016)
Quelle: https://taz.de/Komoedie-Elvis--Nixon/!5364085/

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[...] Ausschliesslich durch den albanischen Hades führt hingegen Ismail Kadares letzter Roman «Die Verbannte». Darin reflektiert der Autor nach dem Ende des kommunistischen Spuks nebenbei auch seine eigene zwiespältige Position als «Orpheus am Machtpol» (Theweleit), als gefeierter und beargwöhnter Paradeautor des Regimes. Hauptsächlich geht es aber um die perversen Mechanismen der Bespitzelung und um die Praxis der massenhaften Verbannung von vermeintlichen politischen Gegnern. Diese wurden zum Teil zusammen mit ihren Familien in Straflager oder in entlegene Ortschaften deportiert, wo sie oft lebenslang dahinvegetierten. ...


Aus: "Der sowjetische und der albanische Hades – zwei Romane des Altmeisters Ismail Kadare" Franz Haas (15.05.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/der-sowjetische-und-der-albanische-hades-zwei-romane-des-altmeisters-ismail-kadare-ld.1347539

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[...] Die Hadesfahrt der Musik lässt uns einen Zustand erleben, der präsent und wirksam ist, den wir spüren, der uns belebt oder erschreckt. Es gibt aber keine Möglichkeit, diese Erlebensform ins Tageslicht der Reflexion zu übersetzen. Wir sind im Bereich der kinetischen Semantik. Die Musik ist ihrem Wesen nach ein Nocturne, eine nächtliche Kunst. Sie ist ebenso erreichbar wie verloren. Musik ist unmittelbar zugänglich, man kann sie singen, abspielen, beliebig reproduzieren und doch scheint sie in einen Bereich zu führen, der uns entgleitet, den wir nicht reflexiv dingfest machen können. Eurydike – die Verlorene, Wiedergefundene und Wiederverlorene - ist eine wunderbare Metapher für das Wesen des Begehrens. . ... Meine These ist, dass die Musik der Versuch einer sublimierenden Bewältigung der primären Erfahrung mit der mütterlichen Stimme ist. Zu musizieren oder zu singen bedeutet, die Stimme zu beherrschen.
Nicht die Stimmausbildung habe ich hier im Auge, nicht die technische Seite der Stimmbeherrschung, sondern das psychologische Moment der Beherrschung der Stimme, die in der Erfahrung zunächst als Stimme des Anderen auftaucht, als mächtiges archaisches Objekt.
Wenn die Stimmte das erste, das archaische Objekt ist, so wird es auch das sein, an das sich nicht nur die berühmte ozeanischen Glücksgefühle knüpfen, sondern auch archaische Vernichtungsängste. Die griechische Mythologie verdichtet dies in der Figur der Sirene. Die Stimme ist, auf der Bühne des Unbewussten, ein gefährliches Objekt. Ein Objekt, das über Leben und Tod entscheidet. So wie die Stimme Leben spendet, hat sie auch eine destruktiv tödliche Seite

... Die Musik strukturiert sich nicht durch eine sprachliche Bedeutung und auch nicht durch eine Vorstellung, also ein imaginäres Element. Mit der kinetischen Semantik entdecken wir, jenseits der Sprache, einen archaischen Dialekt des Seelischen.

...


Aus: "Den Spiegel durchqueren - Der Orpheusmythos und die Psychoanalyse der Musik" Sebastian Leikert, Karlsruhe (15.6.2007)

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[...] Semantik (von altgriechisch σημαίνειν sēmaínein, deutsch ‚bezeichnen, ein Zeichen geben‘), auch Bedeutungslehre, nennt man die Theorie oder Wissenschaft von der Bedeutung der Zeichen. Zeichen können hierbei beliebige Symbole sein, insbesondere aber auch Sätze, Satzteile, Wörter oder Wortteile. ...

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Semantik

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[...] Die kinetische Energie (von altgriechisch κίνησις kínēsis, deutsch ‚Bewegung‘) oder auch Bewegungsenergie oder selten Geschwindigkeitsenergie ist die Energie, die ein Objekt aufgrund seiner Bewegung enthält. Sie entspricht der Arbeit, die aufgewendet werden muss, um das Objekt aus der Ruhe in die momentane Bewegung zu versetzen. Sie hängt von der Masse und der Geschwindigkeit des bewegten Körpers ab. ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kinetische_Energie
« Last Edit: May 07, 2021, 01:32:27 PM by Textaris(txt*bot) »
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Orpheus am Machtpol ...
« Reply #1 on: August 05, 2020, 11:09:32 AM »

Quote
[...] An jenem 27. Februar schrieb Benn seinem Freund Egmont Seyerlen, einem ehemaligen Schriftsteller, der sich seinerseits soeben verwandelte, in einen Nazi-Kollaborateur nämlich, der sich anschickte, den neuen Machthabern als Spezialist für die Enteignung von Gewerkschaftsvermögen an die Hand zu gehen. "Die Revolution ist da, und die Geschichte spricht. Wer das nicht sieht, ist schwachsinnig", rechtfertigte Benn seine Metamorphose. "Dies ist die neue Epoche des geschichtlichen Seins, über ihren Wert oder Unwert zu reden, ist läppisch, sie ist da."

Ein "unheimliches Dokument" nennt Theweleit diesen Brief, der "zeigt, wie Benn zum Terroristen wird". Keine Gegenwehr mehr, keine Distanzierung, statt dessen - "beinah zufrieden" - die totale Kapitulation vor dem totalen Staat. Bis dahin waren für den Expressionisten Benn Geist und Macht, Kunst und Macht "die allergegensätzlichsten Pole". Jetzt fallen sie in eins, werden identisch.



"Es ist der Moment, in dem der Kunst-Pol ins Feuer fliegt", so Theweleit. Der Moment auch, in dem sich Gottfried Benn, "Dr. Orpheus", an den Machtpol ankoppelt und auf die Kollaboration mit dem Nazi-Staat einläßt. So, wie sich auch Knut Hamsun an den Nazi-Machtpol anschloß. So, wie sich andere mit anderen Machthabern einließen - Ezra Pound mit Mussolini, Elvis Presley mit Richard Nixon, Andy Warhol mit den Konzern-Mächten von Campbell''s bis Mercedes-Benz.

"Orpheus am Machtpol" ist der Untertitel des zweiten Teils von Klaus Theweleits "Buch der Könige", jenem monumentalen "work in progress", an dem der Freiburger Freelance-Germanist seit mindestens 16 Jahren arbeitet, fast seit seiner berühmten Doktorarbeit von 1977 über "Männerphantasien" (SPIEGEL 52/1977).

Gemeint sind die Kunst-Könige, namentlich die Dichterfürsten, die Herrscher im Kunst-Reich. Vor sechs Jahren, im ersten Band des "Buchs der Könige", untersuchte Theweleit am Modell von Orpheus und Eurydike die Paar-Beziehung zwischen Künstlern und ihren Frauen und stellte die These auf, daß Kunst mit Menschenopfern, vorzugsweise mit Frauenopfern, erkauft wird. Frauen, schreibmaschinenkundige, Manuskripte erstellende Diktat- und Aufschreibengel, kurz: Recording Angels, werden dem Hades geopfert, damit Kunst, damit Literatur zustande kommt. Orpheus ist der Überlebende, Eurydike ist das Opfer; er verwandelt Schmerz in Kunst, sie schweigt und stirbt.

Ging der erste Band des "Buchs der Könige" der Frage nach, wie Orpheus, der Prototyp des Künstlers als Weltverwandler, es mit der Liebe hält, fragt jetzt der zweite Teil (der auf zwei Bände mit insgesamt 1750 Seiten angeschwollen ist), wie Orpheus es mit der Macht hält*. Der Brückenschlag zurück zu den "Männerphantasien", in denen etwa aus der Freikorps-Literatur heraus eine neue Faschismus-Theorie entwickelt wurde, ist offensichtlich und Theweleits Absicht: "Man kann dies hier lesen als ihren genuinen dritten Band."

... Theweleit schreibt Künstler-Geschichten, Liebes-Geschichten, Macht-Geschichten - und er schreibt sie wie kein anderer im deutschen Sprachraum. Er schreibt in (* Klaus Theweleit: "Buch der Könige 2, Orpheus am Machtpol. Recording Angels'', Mysteries". Stroemfeld-Verlag, Basel und Frankfurt am Main; 1750 Seiten; zwei Teilbände, ...) Exkursen, die Differenz zwischen Zitat und Kommentar scheint aufgehoben, übergeführt in eine Art Erzählstrom, in dem die Bild-Materialien schwimmen wie Inseln.

...

Zum Glück des Buches findet Theweleit aus all den Nazi-Krämpfen wieder heraus und wendet sich einem Gott seiner Jugend zu - Elvis Presley, seinem "Orpheus in Gold", einem erholsamen Gegenstück zu den verbiesterten Faschisten Benn, Pound, Hamsun oder Celine, wiewohl auch dieser Orpheus mit der Macht gemauschelt hat.

Auf aberwitzig skurrile Weise: 1970 sprach King Elvis bei Präsident Nixon im Weißen Haus vor, um sich einen Spezialausweis als Drogenfahnder vom "Federal Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs" zu verschaffen. Was auch gelang: Nixon lancierte eben, als Ablenkung vom Vietnamkrieg, eine Anti-Drogen-Kampagne, da kam ihm der Mega-Rocker Elvis als Kampagnereiter zupaß. Was Tricky Dick nicht wußte: Narziß Presley war selber ein schwerer Narcotic und wünschte sich das magische Emblem eines "Federal Narc" einzig, weil ihm die Plakette das Recht verlieh, jede verbotene oder verschreibungspflichtige Droge bei sich zu führen.

...


Aus: "„Wie einer zum Nazi wird“" Sigrid Löffler (05.12.1994)
Quelle: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9293848.html

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Quote
[...] im „Buch der Könige“ ist der Nicht-zu-Ende-Geborene die Hauptfigur, diesmal als Künstler. Statt über militärischen Drill versucht der Künstler, sich über Liebes-, Kunst- oder Machtbeziehungen weiterzugebären, zu wachsen und sich selber zu vermehren (und sei’s auf Kosten der Verminderung anderer). „Orpheus am Machtpol“ erzählt von den besonderen Gefahren, die dem Künstler drohen, wenn er sich mit der Macht verbündet ...


Quelle: https://www.kunstforum.de/artikel/der-kunstler-am-machtpol/

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[...] Der Künstler in Teufels Küche, im Machtgehege eines launisch paranoiden Diktators: Ismail Kadare, der einzige albanische Autor mit Weltruhm und stets enttäuschter Hoffnung auf den Nobelpreis - keiner kann wie er die Konstruktion des totalitären Albtraums beschreiben, die Eingeweide des politischen Terrors. In seinem neuen Roman «Der Nachfolger» räsoniert ein «grosser Künstler», ein Architekt im Dienst des Regimes, über die «gefesselten Seelen» der Günstlinge der Macht, «Kunst entsteht am Abgrund». Kadare weiss, wovon er schreibt, denn seine Kunst entstand zugleich unter den Schikanen und Privilegien der Schreckensherrschaft von Enver Hoxha. Auch er war ein «Orpheus am Machtpol» (Theweleit) und dennoch immer mit einem Fuss vor dem Erschiessungskommando.

Wie kaum ein anderer Autor entzweit Ismail Kadare die westeuropäische Literaturkritik, vor allem, nachdem er 2005 den internationalen Booker Prize bekam, wobei sein literarischer Rang nicht in Frage steht. Die einen finden es «unerträglich, wie sich Kadare im Nachhinein als Regimekritiker feiern lässt» («Weltwoche»), die anderen meinen, «wer darüber die Nase rümpft, sollte sich prüfen, ob er den Mut aufgebracht hätte» («FAZ»), 1982 ein Buch wie «Palast der Träume» zu veröffentlichen. Ein wenig recht haben beide Fraktionen, denn Kadare war bei aller Gefahr, in die er sich wissentlich begab, auch der Paradeautor eines Gruselregimes. Aber es sollte ihm heute kein Strick daraus gedreht werden, wenn es ihm damals immer wieder gelang, den Hals aus der Schlinge zu ziehen.

Eine sehr wohlwollende und doch halbwegs objektive Darstellung von Leben und Werk Kadares unternimmt Piet de Moor in seinem Buch «Eine Maske für die Macht. Ismail Kadare - Schriftsteller in einer Diktatur». Er verschweigt nicht Kadares Stellung im offiziellen Albanien, unterstreicht aber die List des Autors und sieht in seinen Romanen «Maskenbälle, um die Zensur hinters Licht zu führen». Zu Recht würdigt de Moor die literarische Qualität dieser Bücher - zwischen albanischer Geschichte, Balkan-Folklore, historischen Travestien und Metaphern der perversen Machtstrukturen der kommunistischen Realität.

...


Aus: "Die Architektur der albanischen Tyrannei" Franz Haas (19.12.2006)
Quelle: https://www.nzz.ch/articleEOED9-1.84240

« Last Edit: August 05, 2020, 11:34:00 AM by Textaris(txt*bot) »
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Orpheus am Machtpol ...
« Reply #2 on: August 05, 2020, 11:09:47 AM »

Quote
Mick Jagger wurde am 12. Dezember 2003 von Prince Charles zum Ritter geschlagen und damit Sir Mick Jagger.

Seitdem werden die Songs der Stones gerne für die Zwecke des Establishments verwendet. So wurde die Vorstellung von Windows 95 vor exakt 10 Jahren mit "Start me up" von den Stones begleitet – möglicherweise als dezenter Hinweis darauf, dass der Bootvorgang von Windows etwa genauso lange wie der Musiktitel benötigt. Bill Gates zahlte dafür auch entsprechend Tantiemen an die Plattenfirma der Rolling Stones.

Die Kanzlerkandidatin Angela Merkel und ihre Partei, die CDU, möchte sich auch gerne mit einem Stones-Song schmücken: Der Welthit "Angie" von 1973 läuft zum Ende der aktuellen Wahlkampfveranstaltungen, damit ihn die Besucher auf dem Heimweg vor sich hin summen und so am 18. September singend wählen gehen. Die anfallenden GEMA-Gebühren zahlt die Partei, eine GEMA-Sprecherin bestätigte der DPA, die CDU habe mit der Organisation einen Pauschalvertrag für die Nutzung der Musik und deren Abgeltung geschlossen. Dieser schließe auch Musikaufführungen bei Wahlkampfveranstaltungen ein.

Dass die Rolling Stones keinen Einspruch erhoben haben, sondern vermutlich vor Lachen auf dem Boden liegen, was für eine komische Partei wohl ausgerechnet dieses Lied im Wahlkampf spielen will, erklärt sich allerdings, wenn man sich den Song einmal genauer anhört. Ähnlich wie Ronald Reagan, der einst Bruce Springsteens bitterböses Vietnam-Veteranenlied "Born in the USA" nur aufgrund des Titels als vorbildlich-positiv-patriotisch lobte, will die CDU nun Angela Merkel mit einem zugegeben wunderschönen Musikstück assoziieren, das von leeren Taschen, Ziellosigkeit und in (Marihuana-) Rauch aufgegangenen verlorenen Träumen handelt.
Aus: "All die Träume, die wir einst hatten, sind in Rauch aufgegangen!" von Wolf-Dieter Roth (24.08.2005)
Quelle: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20792/1.html


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Schröder könnte "Age of Aquarius" als Intro wählen.
ein Kommentar von 'leider bereits' (24. August 2005 6:49)
Quelle: http://www.heise.de/tp/foren/go.shtml?read=1&msg_id=8681092&forum_id=83671

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[...] Los Angeles/Washington – Die Familie des 2017 gestorbenen Sängers Tom Petty will US-Präsident Donald Trump untersagen, Lieder Pettys im Wahlkampf einzusetzen. Trump habe bei seiner Wahlkampfkundgebung in Tulsa (Oklahoma) am Samstagabend (Ortszeit) den Tom-Petty-Hit "I Won't Back Down" ohne Genehmigung verwendet, hieß es in einer Erklärung auf der Facebook-Seite der Band Tom Petty and the Heartbreakers.

Petty hätte es niemals zugelassen, einen seiner Songs für eine "Kampagne des Hasses" zu benutzen. Er wollte Menschen zusammenbringen. Petty (1950-2017) und seine Familie würden "fest gegen Rassismus und Diskriminierung jedweder Art" stehen. Sie hätten Trumps Wahlkampfteam eine Unterlassungserklärung geschickt, hieß es weiter. Der Brief wurde von Pettys Töchtern, Ex-Frau Jane und Witwe Dana unterschrieben.

Immer wieder beschweren sich Musiker, dass Politiker ihre Songs ohne Genehmigung für Wahlkampfauftritte nutzen. So hatten etwa die Rolling Stones, Elton John, Ozzy Osbourne und Adele den US-Präsidenten dafür kritisiert. (APA, 22.6.2020)


Aus: "Trump verwendete unerlaubt Tom-Petty-Song bei Wahlkampf" (22. Juni 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000118227028/trump-verwendete-unerlaubt-tom-petty-song-bei-wahlkampf

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Morpheus Sandman

Er sollte lieber Free Fallin' verwenden, das käme der Realität näher.


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Dilbert

Interessant, dass immer wieder law and order Politiker Probleme mit dem Rechtsstaat haben.


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Rainer Freiherr von Risach

Nein, denn L&O ist ja immer nur für die anderen, nie für sich selbst.


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[Orpheus am Machtpol ... ]
« Reply #3 on: August 05, 2020, 11:14:52 AM »

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[...] Der Musiker Neil Young verklagt US-Präsident Donald Trump, weil sein Wahlkampfteam seine Songs bei Wahlkampfveranstaltungen verwendet hat. Der 74-jährige Musiker veröffentlichte auf seiner Website eine Klageschrift gegen Trumps Wiederwahlkampagne. Sein Anwalt bestätigte der Nachrichtenseite The Hill, dass die Klage bei einem Bezirksgericht in New York eingereicht wurde.

Die Vorwürfe drehen sich um die nicht genehmigte Verwendung der Songs Rockin' in the Free World und Devil's Sidewalk. Sie wurden etwa im Juni bei einer Trump-Kundgebung in Tulsa gespielt. Young wirft Trump Urheberrechtsverletzungen vor und verlangt für jeden weiteren Verstoß 150.000 Dollar Schadensersatz.

Young könne nicht zulassen, dass seine Musik "als 'Titelsong' für eine spalterische, unamerikanische Kampagne der Ignoranz und des Hasses" verwendet werde, heißt es in der Klageschrift. Der in Kanada geborene Musiker, der inzwischen auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, hatte Trump in der Vergangenheit als "Schande" für die USA bezeichnet. Schon 2015 hatte er sich beschwert, als Trump im Wahlkampf seine Songs verwendete.

Zahlreiche Musiker hatten sich bereits darüber beklagt, dass Trump bei Wahlkampfauftritten ihre Songs spiele, darunter Pharrell Williams, Rihanna, Aerosmith und Adele. Im Juni drohten die Rolling Stones Trump eine Klage an, sollte der Präsident im Wahlkampf noch einmal auf ihren Kultsong You Can't Always Get What You Want zurückgreifen.


Aus: "Neil Young verklagt Trump-Team wegen Nutzung seiner Songs" (5. August 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-08/us-wahlkampf-neil-young-klage-donald-trump-kampagne-musik

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ove.w #9

Neil Young - mein Held. ...


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annoo #12

Gibt es außer Kayne West überhaupt einen nennenswerten Künstler, der seine Kunst für Trumps Wahlkampf opfern möchte und überhaupt in einem Atemzug mit Trump genannt werden möchte? Also für Geld? Kaum vorstellbar.


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""In The Air Tonight": Phil Collins will Trump Liedernutzung verbieten" (27. Oktober 2020)
Der britische Musiker Phil Collins will US-Präsident Donald Trump untersagen, seinen Hit-Song "In The Air Tonight" im Wahlkampf einzusetzen... Immer wieder beschweren sich Musiker, dass Trump ihre Songs für Wahlkampfauftritte nutzt. So hatten etwa die Rolling Stones, Elton John, Ozzy Osbourne, Adele und die Familie des 2017 gestorbenen Sängers Tom Petty den US-Präsidenten dafür kritisiert. Der kanadische Rockstar Neil Young reichte im August eine Klage wegen Urheberrechtsverletzung ein. (APA, 27.10.2020)
https://www.derstandard.at/story/2000121209350/phil-collins-will-trump-lieder-nutzung-verbieten?ref=rec

« Last Edit: October 28, 2020, 10:01:48 AM by Textaris(txt*bot) »
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[Orpheus am Machtpol ... ]
« Reply #4 on: October 28, 2020, 09:49:37 AM »

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[...] Es gibt gewisse Formen der Wagner-Rezeption, die unser Bild des Komponisten seit Jahrzehnten dominieren – auch absolut zu Recht. Wagner ist ohne seine zuerst wilhelminische, dann nationalsozialistische Vereinnahmung kaum zu denken und er war selbst keineswegs schuldlos, dass diese möglich wurden. Das erkennt Ross auch an, aber auf den über 700 Seiten von Wagnerism kann er zeigen, dass der Wagnerismus der Nazis eben nur eine Spielart unter mehreren war, wenn auch jene, deren Gravitation die Wahrnehmung Wagners unwiederbringlich krümmen musste. Wie Philippe Lacoue-Labarthe einmal schrieb, ging Wagners Politisierung der Kunst aber nie auf in dem totalitären "Alles ist politisch". Nicht etwa, weil es einen apolitischen Wagner gäbe, auf den man sich zurückziehen könnte. Sondern vielmehr, weil in Wagner alles auf die großen Fragen hindrängte, die nur mit Musik nicht mehr beantwortbar sind.

... Wenn nun Alex Ross in Wagnerism eine Grundthese hat, dann ist es die, dass dieser Raum, in dem Musik unberührt ist von der Welt, nie existiert hat; dass es von Unaufrichtigkeit zeugt, wenn man ihn als gegeben voraussetzt; und dass der Fall Wagner zumindest den Vorteil hat, die Unmöglichkeit eines von der Rezeption unkontaminierten Werkes klar zu demonstrieren. 

... Wagnerism handelt tatsächlich so gut wie gar nicht von Musikern. Sondern von Friedrich Nietzsche, Paul Verlaine, George Eliot, den Prä-Raffaeliten, dem Esoteriker Joséphin Péladan, Willa Cather, Rudolf Steiner, Theodor Herzl, W.E.B. DuBois. "Der chaotische posthume Kult, der als Wagnerismus bekannt wurde", schreibt Ross, "war keineswegs ein rein oder auch nur vornehmlich musikalisches Ereignis". Ross positioniert Aspekte wie das berühmte Leitmotiv bei Wagner jenseits der Musik: Es handelt sich um einen dramatischen Kunstgriff, kognitiv eher denn ästhetisch, eher der Literatur als der Musik zugehörig. Kein Wunder, dass sich Kunst- und Unterhaltungsformen, die zu Wagners Lebzeiten entweder gar nicht existierten oder noch in den Kinderschuhen steckten, später so bereitwillig bei Wagner bedienten.

... Der wilhelminische Nationalismus hat Wagner eingedeutscht, das viktorianische England ihn archaisiert, der französische Wagnérisme ihn zur Ikone der Moderne erklärt. In den USA sah man in ihm einen letzten Fürsprecher unverbrauchter Natur. Er war ein Prophet des l’art pour l’art für die einen, ein Exportschlager und Markenname für die anderen, und für wieder andere ein Prophet des musikalischen Populismus. Nietzsche selber sah in ihm die Kapitulation eines allesbejahenden Dionysiers vor einem zutiefst europäischen Nihilismus.

Alex Ross zeichnet am Ende nicht etwa die Geschichte der Wagner-Rezeption als die einer unendlichen Aneinanderkettung mehr oder minder produktiver Missverständnisse. Vielmehr haben für ihn die verschiedenen Wagnerianer die Signale nur zu genau gehört: Wagner hatte sich ihnen als mehr denn bloße Musik angeboten. Sie loteten nun aus, wie viel in diesem Mehr Platz finden konnte an Interpretation. Viele Zeitgenossen waren empört von den ständigen Gesten der Entgrenzung, des Ozeanischen in Wagner; aber der Skandal dieser Entgrenzung reicht noch weiter über die Melodien, die Plots, die immer wieder herausgezögerte harmonische Auflösung hinaus. Sie tangiert, was Musik tangieren kann: wie weit und wie unkontrolliert sie bedeuten kann und darf.

...


Aus: "Richard Wagner: Das Politische in der Kunst, im Künstler" Adrian Daub (27. Oktober 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/musik/2020-10/richard-wagner-wagnerism-alex-ross-moderne/komplettansicht

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Jürgen Handschick #6

Musik ist eine höchst "gefährliche" Kunstform. Keine andere ist in der Lage, so schnell und so umfassend Emotionen zu wecken.
Musik verkauft alles, .zB. in der Werbung. In Filmen steuert sie die Erwartungen und Empfindungen der Zuschauer, sie kann Massen bewegen und jeden einbinden.
Musik kann emanzipatorisch sein, wie z.B. Mikis Thodorakis oder einige Rockbands zeigen, sie kann aber auch destruktiv und reaktionär sein.
Und sie ist noch nicht mal geschützt als Produkt des Urhebers, jeder kann sie für seine Zwecke nutzen.
Richard Wagner war ein genialer Komponist, der die Musik als manipulatorische Macht auf die Spitze getrieben hat.
Bis heute wird sich an diesem "Schatz" bedient. Überall wird Wagner benutzt, wenn es um eindrückliche Momente geht.


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wolfgang faller #13

Ich selbst kann mir die Musik von Wagner nicht anhören, ohne die politische Verortung zu berücksichtigen. Die Nazis wussten wohl, warum sie Wagners Werke zu Propagandazwecken nutzten und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Wagners Musik in Israel immer noch ein Tabuthema ist, selbst wenn Barenboim ihn in Schutz nimmt und dort seine Stücke sogar schon aufführte, allerdings unter Buhrufen des Publikums. Wagner ist jedenfalls ein gutes Beispiel dafür, dass herausragende Künstler sowohl ein politisches als auch ein emotionales Problem darstellen können. Als Phänomen und Faszinosum wird er weiterhin durch die Köpfe rauschen und dies nicht nur bei den eingefleischten Wagnerianern.

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« Reply #5 on: October 28, 2020, 10:34:26 AM »

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[...] Das neue Album der Ärzte versucht den Klamauk inmitten stürmischer Zeiten. Ist das noch Punk oder schon peinlich? ... Das Witzeln über den Selbstwiderspruch „authentischer Punk“ gehört zudem zum Gründungsmythos, und so frohlocken die Jünger selbst dann, wenn drei Mitte-50-Jährige plötzlich im Fernsehen neben Ingo Zamperoni auftauchen und maximal staatstragend die Titelmelodie der Tagesthemen spielen.

...


Aus: "Die Klassenclowns kalauern wieder" Konstantin Nowotny (26.10.2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/konstantin-nowotny/die-klassenclowns-kalauern-wieder

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eigentlichschon | Community

Als Gradmesser gilt: Was es in die Tagesthemen schafft ist entweder schon lange tot [...] oder politisch so bedenkenlos wie ungefährlich.


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« Reply #6 on: September 05, 2022, 11:48:20 AM »

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[...] Böse Menschen haben keine Lieder, sagt der Volksmund. Ein Irrtum — auch im Dritten Reich drehte sich viel um die Musik, von den nationalsozialistischen Kampfliedern über Hitlers Wagner-Verehrung bis hin zu Schlagern wie "Lili Marleen". Bislang war die populäre Musik in der Zeit des deutschen Faschismus allerdings noch wenig erforscht.

Das soll sich nun ändern: In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten internationalen Projekt untersuchen derzeit Musikwissenschafterinnen und -wissenschafter die in der NS-Diktatur produzierte populäre Musik: Schlager, Kabarettchansons, Operetten und Filmmusik.

Neben dem Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald sind auf österreichischer Seite das Institut für Theorie und Geschichte der Anton-Bruckner-Privatuniversität Linz und die Abteilung für Musik- und Tanzwissenschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg beteiligt. Die wichtigste Forschungsgrundlage bilden die Archive der damaligen Musikverlage.

Diese waren bisher schwer zugänglich, vieles blieb unter Verschluss. Erfreulicherweise ändere sich das jetzt, berichtet die Leiterin des Linzer Teams, Carolin Stahrenberg: "In den letzten Jahren haben sich einige neue Quellen eröffnet. Einerseits sind Bestände in die öffentliche Hand übergegangen, andererseits haben wir direkten Zugang in den Verlagen bekommen."

Weitere Quellen sind etwa das Notenarchiv der Verwertungsgesellschaft AKM oder Nachlässe populärer Komponisten wie Nico Dostal oder Fred Raymond, Schöpfer des 20er-Jahre-Gassenhauers "Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren". Dabei interessieren sich die Forschenden vor allem für das komplexe Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft: "Wir wollen sehen, wie groß die Einflussnahme der Diktatur auf die Produktion populärer Musik war oder ob diese Prozesse eher vom Markt reguliert wurden."

Populärmusik ist Stahrenberg zufolge schnell dem Vorwurf ausgesetzt, sich besonders gut für eine politische Vereinnahmung und den Transport ideologischer Inhalte zu eignen. "Dabei ist das bei populärer Kultur eigentlich genau andersherum: Es gibt eben keine Subventionierung von oben, wo entschieden wird, sondern der Markt ist das Regulativ. Das heißt: Entscheidend ist, was gekauft wird."

Stahrenbergs Salzburger Kollegen Nils Grosch zufolge liegt hier das Spannungsfeld: "Wie funktioniert in einem Staat, der auch in kultureller Hinsicht alles auf eine bestimmte Linie einschwören möchte, die Kontrolle in einem Bereich, der primär kommerziellen Gesetzen gehorcht?" Für Musikproduzierende ging es — wie auch heute — darum, inhaltliche Entscheidungen danach zu richten, was sich gut verkauft. Und das war in der damaligen Zeit auch im deutschsprachigen Bereich vieles, was international angesagt war.

"Die Musikverlage haben wichtige Entscheidungen getroffen und waren die kommunikativen Mittler zwischen den Komponisten und dem Publikum. Dabei geht es immer darum, welche Genres auf dem Markt gebraucht und vom Publikum nachgefragt werden — und welche eben nicht", erklärt Grosch. Die Musikproduktion jener Zeit sei dadurch deutlich vielfältiger gewesen, als man es bei diesem Unterdrückungsstaat vermuten würde: Ein Verbot von Jazz oder Swing habe es — wie häufig angenommen — zum Beispiel so nicht gegeben.

"Da gibt es sehr viele Vorurteile, dass auch auf stilistischer Ebene bestimmte Dinge nicht erlaubt waren. Der Begriff ‚entartete Musik‘ hat sich sehr ins öffentliche Bewusstsein gedrängt als Indikator dafür, dass es im Dritten Reich eine umfassende, auch stilistisch interessierte Kulturpolitik gab." Das sei inzwischen in vielerlei Hinsicht zu Recht infrage gestellt worden.

Nach 1933 herrschte im deutschen Kulturbetrieb zunächst noch große Unklarheit, welche Musik man produzieren und aufführen durfte. Die Frage war vor allem, wie man mit Werken von Komponisten umgehen sollte, von denen jeder wusste, dass sie Juden waren. Der einschneidende kulturpolitische Schritt im Dritten Reich betraf schließlich weniger die Kunst als die Kunstschaffenden. Denn auch hier galt wie überall die rassistische Vorgabe, jüdische und andere "nicht-arische" Menschen keinesfalls mehr am sozialen Leben teilhaben zu lassen und sie mit Zwang, Gewalt und Mord aus der Gesellschaft zu entfernen.

Dieser Wahnsinn machte dann selbst vor Werken nicht halt, die inhaltlich unpolitisch und formal eher konventionell waren. Die Operette "Im weißen Rössl" etwa wurde 1935 verboten, weil sie großteils von einem jüdischen Komponistenkollektiv stammte. Die um einen großen Hit gebrachten Musikproduzenten reagierten pragmatisch mit einer Kopie: Das vom Stoff und der Musik her sehr dem österreichischen Original ähnelnde Singspiel "Saison in Salzburg" wurde 1938 in Kiel uraufgeführt und anschließend im ganzen Reich ein großer Erfolg.

In der Populärmusik ist in den ersten Jahren nach der Machtübernahme der Nazis vom folgenschweren politischen Wandel also noch wenig zu hören. Das ändert sich aber nach dem Überfall auf Polen 1939: Stetig werden mehr Ressourcen dem Militär zugeordnet und somit weniger Lieder produziert. Viele Männer kämpfen und komponieren nicht mehr. Die populäre Musik erhält eine neue Rolle.

"Der Zugriff des NS-Staates auf die Musik wird erst nach Kriegsbeginn intensiviert. Je stärker der Krieg nicht mehr nur nach außen geht, sondern auch als Bedrohung nach innen empfunden wird, desto mehr bekommt die populäre Musik eine neue Funktion."

Das Regime setzt nun vor allem auf "Durchhalteschlager". Das bekannteste Beispiel stammt aus dem Jahr 1942 – gesungen von Zarah Leander: "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n". Das besungene Wunder blieb der zu diesem Zeitpunkt bereits dem Untergang geweihten NS-Diktatur zum Glück verwehrt. (Johannes Lau, 4.9.2022)


Aus: "Popmusik unter dem Hakenkreuz" Johannes Lau (4. September 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000138663915/popmusik-unter-dem-hakenkreuz

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Canosso

Teilweise nicht richtig,
"Fred Raymond, Schöpfer des 20er-Jahre-Gassenhauers "Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren".
Der Text stammt von Fritz Löhner-Beda und Ernst Neubach, https://de.wikipedia.org/wiki/Heidelberg_in_der_Dichtung#Fred_Raymond,_Fritz_L%C3%B6hner-Beda,_Ernst_Neubach
Fritz Löhner-Beda wurde im KZ ermordet [https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_L%C3%B6hner-Beda].


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strejdaúr Gustav

Die Lieder von Lale Andersen sind sicher keine "Durchhalteschlager";
"Lili Marlen" nicht, und "Es geht alles vorüber" noch weniger, das grenzt schon ans Defätistische.


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hurchzua

Das besungene Wunder in "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n" war sicher nicht der "Endsieg".

Der Autor Bruno Balz hat das 1941 geschrieben; unmittelbar nachdem er aufgrund seiner Homosexualität von der Gestapo verhaftet und gefoltert worden war. Wenn ein konkretes "Wunder" gemeint war, dann wohl seine Rettung.

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n ist ein von Bruno Balz und Michael Jary geschriebener Schlager aus dem Jahr 1942. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_wei%C3%9F,_es_wird_einmal_ein_Wunder_gescheh%E2%80%99n

In 1941 - dem Jahr der Produktion - schien es auch noch, als wäre für den Sieg dieser Verbrecherregimes kein "Wunder" nötig.


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Grügo

Stimmt, Popmusik gab es zu Zeiten der Reichsmusikkammer sicher noch nicht, nur entweder “deutsche” oder “entartete” Musik. Da gibt’s schon weitergehende Informationen, z. B.
Als die Jazzmusik während der Weimarer Republik auch Deutschland eroberte und zum Symbol der „Goldenen Zwanziger“ avancierte, regte sich bereits erbitterter Protest aus vaterländisch-konservativen und rechtsextremen Kreisen. Nach Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933 verschärfte sich der Konflikt: Diese sogenannte „fremdländische“ Musik sollte „ausgemerzt“ werden. Nach ersten diesbezüglichen Verboten und der Einrichtung der „Reichsmusikkammer“, welche in den folgenden Jahren die Ausgrenzung jüdischer Musiker bedeutete und den künstlerischen Austausch mit ausländischen Jazzmusikern erschwerte, folgte wegen den 1936 in Berlin abgehaltenen Olympischen Spiele eine liberale Phase. Doch mit dem Siegeszug des neuen Jazzstils Swing und dem Erstarken der „Swing-Jugend“ kam es ab 1937/38 zu weiteren Repressalien. Gauleiter, Polizeidirektoren oder Gaststätteninhaber verhängten nun mehrere Swing , Jazz- und Swingtanzverbote für einzelne Regionen, Städte oder Lokale. Trotz dieser Einschränkungen blieb der Jazz weiterhin präsent, weil unkundige Kontrolleure leicht zu überlisten waren und einzelne NS-Funktionsträger selbst Sympathien für den gefälligen Swingstil hegten. ...
https://holocaustmusic.ort.org/de/politics-and-propaganda/third-reich/jazz-under-the-nazis/


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Easy Rawlins

Interessant ist ja auch dass viele der Schlagerstars der NS-Zeit mitnichten deutsch waren: Zarah Leander, Marikka Rökk, Lale Andersen, Rosita Serrano, Johannes Heesters, etc.


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