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Author Topic: [Kunst & Linke Politik?... (Notizen) ... ]  (Read 761 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Kunst & Linke Politik?... (Notizen) ... ]
« on: July 28, 2020, 03:00:25 PM »

Quote
[...] Unter linken Denkern war die Kunst oft als bürgerlich verschrien. Eigentlich hat nur Antonio Gramsci in seinen Bemerkungen zur Populärkultur eine kohärente Theorie entwickelt. Der Soziologe Jens Kastner fasst das heterogene Feld linken Kunst-Denkens in einer Studie zusammen.

„Sind Sie ein Mann der Kunst, Premierminister?“ In der Netflix-Serie „The Crown“ schüttelt Harold Wilson den Kopf, als ihn Königin Elizabeth bei der Eröffnung eines Kunstmuseums zur Rede stellt. „Nein, ich bin Wirtschaftswissenschaftler“ entgegnet der Labour-Politiker der Monarchin, „da weiß man, was man hat“.

Linke Theorie und Praxis, dafür ließe sich die fiktive Szene heranziehen, stehen unter dem Primat der Ökonomie. Dass Kunst und Kultur darin aber eine wichtige Rolle spielen, zeigt der Soziologe Jens Kastner in seinem neuen Buch.

„Die Linke und die Kunst“ ist keine Streitschrift zur neu aufgeflammten Debatte um das Verhältnis von Kunst und Politik. Vielmehr verfolgt der Dozent an der Wiener Akademie der Bildenden Künste, Jahrgang 1970, den Stellenwert der Kunst in der Philosophie von Karl Marx über Antonio Negri bis Juliane Rebentisch.

Souverän arbeitet Kastner dabei die prägenden Phasen heraus. Orthodoxe Denker wie Lenin oder Georg Lukács hielten Kunst noch für einen bloßen Reflex der Produktionsverhältnisse. Dagegen setzen Denker der Kritischen Theorie wie Theodor W. Adorno oder Ludwig Marcuse die Idee des autonomen Kunstwerks.

Eine gleichsam kopernikanische Wende vollzieht Walter Benjamin. Seit seiner Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ gelten der technische Fortschritt, der soziale Status und die Macht der Institutionen als Parameter, die die Kunst mindestens genauso prägen wie die Intentionen ihrer Produzenten.

In einer dritten Phase kritisieren schließlich die zeitgenössischen Theorien des Feminismus und der Dekolonisierung Kunst als privilegierte Praxis der westlichen Moderne.

Kastner macht ein merkwürdiges Paradox aus: Die meisten der von ihm angeführten Denker gestünden der Kunst zwar großes emanzipatorisches Potenzial zu. Selbst der französische Soziologe Pierre Bourdieu nennt sie ein „Instrument der Freiheit“. Sieht man aber von Antonio Gramscis Bemerkungen zur Populärkultur in seinen legendären „Gefängnisheften“ oder Bourdieus unvollendet gebliebener Studie zu Édouard Manet ab, habe keiner von ihnen diesen Gedanken jedoch als kohärente Theorie ausgearbeitet.

Kastners materialreiches Panorama füllt eine echte Lücke. Erstmals erschließt sie das heterogene Feld linken Kunst-Denkens so umfassend wie verständlich. Seine Studie widerlegt das landläufige Vorurteil, die Linke respektiere das Eigenständige der Kunst nicht. Sie widerlegt aber auch das linke Vorurteil, Kunst lenke bloß vom Klassenkampf ab.

Anders als der „Art-Aktivismus“ heute sehen die meisten der von Kastner angeführten Denker die kritischen Möglichkeiten der Kunst aber eher darin, die Wahrnehmung zu verändern als ad hoc andere gesellschaftliche Verhältnisse durchzusetzen oder „konventionelle Illusionen“ zu zerreißen, wie es Friedrich Engels gefordert hatte.

Den „unerschütterlichen Glauben an die verändernde Kraft der Kunst“ bezog der marxistische Kunsthistoriker Anthony Blunt bekanntlich von den Werken des Barockmalers Nicolas Poussin, nicht von aktivistischen Aktionen wie Gustave Courbets Sturz der Siegessäule auf der Place Vendôme während der Pariser Commune. Das Bekenntnis legt der britische Schriftsteller John Banville in seinem Roman „Der Unberührbare“ Blunt in den Mund. In den 60er-Jahren war der langjährige Kurator von Königin Elisabeths Gemäldesammlungen als KGB-Spion enttarnt worden.


Aus: "Jens Kastner: „Die Linke und die Kunst“ - Die Kunst lenkt nicht vom Klassenkampf ab" Ingo Arend (21.01.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/jens-kastner-die-linke-und-die-kunst-die-kunst-lenkt-nicht.1270.de.html?dram:article_id=468321

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[...] Surrealismus ist eine kulturelle Bewegung, die in den frühen 1920er Jahren begann und ist am besten für seine visuellen Kunstwerke und Schriften bekannt. Künstler malten nervtötende, unlogische Szenen mit fotografischer Präzision, schufen seltsame Kreaturen aus Alltagsgegenständen und entwickelten Maltechniken, die es dem Unbewussten erlaubten, sich auszudrücken. Ziel war es, “die zuvor widersprüchlichen Bedingungen des Traumes und der Realität in eine absolute Realität, eine Überrealität aufzulösen”.

... Politisch war der Surrealismus trotzkistisch, kommunistisch oder anarchistisch. Die Spaltung von Dada wurde als eine Spaltung zwischen Anarchisten und Kommunisten charakterisiert, mit den Surrealisten als kommunistisch. Breton und seine Kameraden unterstützten Leo Trotzki und seine Internationale Linke Opposition eine Zeit lang, obwohl es eine Offenheit für den Anarchismus gab, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg noch deutlicher manifestierte. Einige Surrealisten, wie Benjamin Péret, Mary Low und Juan Breá, stimmten mit Formen des linken Kommunismus überein. Andere kämpften für die völlige Freiheit von politischen Ideologien, wie Wolfgang Paalen, der nach Trotzkis Ermordung in Mexiko mit seinem gegen-surrealistischen Kunstmagazin DYN ein Schisma zwischen Kunst und Politik vorbereitete und so den abstrakten Expressionisten den Boden bereiten sollte. Dalí unterstützte den Kapitalismus und die faschistische Diktatur von Francisco Franco, kann aber nicht als ein Trend im Surrealismus in dieser Hinsicht bezeichnet werden; Tatsächlich wurde er von Breton und seinen Verbündeten für betrogen gehalten und verließ den Surrealismus. Benjamin Péret, Mary Low und Juan Breá schlossen sich während des Spanischen Bürgerkrieges der POUM an.

Bretons Anhänger, zusammen mit der Kommunistischen Partei, arbeiteten für die “Befreiung des Menschen”. Bretons Gruppe lehnte es jedoch ab, den Kampf des Proletariats um die radikale Schöpfung zu priorisieren, so dass ihre Kämpfe mit der Partei die späten 1920er Jahre zu einer turbulenten Zeit für beide machten. Viele mit Breton eng verbundene Personen, namentlich Louis Aragon, verließen seine Gruppe, um enger mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten.

Surrealisten haben oft versucht, ihre Bemühungen mit politischen Idealen und Aktivitäten zu verknüpfen. In der Erklärung vom 27. Januar 1925 beispielsweise erklärten Mitglieder des in Paris ansässigen Büros für surrealistische Forschung (darunter André Breton, Louis Aragon und Antonin Artaud sowie etwa zwei Dutzend andere) ihre Affinität zur revolutionären Politik. Während dies zunächst eine etwas vage Formulierung war, hatten sich in den 1930er Jahren viele Surrealisten stark mit dem Kommunismus identifiziert. Das wichtigste Dokument dieser Tendenz innerhalb des Surrealismus ist das Manifest für eine freie revolutionäre Kunst, das unter den Namen Breton und Diego Rivera veröffentlicht wurde, aber tatsächlich gemeinsam von Breton und Leo Trotzki verfasst wurde.

Doch die Behauptung der Surrealisten, dass eine “proletarische Literatur” innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft unmöglich sei, führte 1933 zum Bruch mit der Association des Ecrivains et Artistes Révolutionnaires und zur Vertreibung von Breton, Éluard und Crevel aus der Kommunistischen Partei.

Im Jahr 1925 schlossen sich die Pariser Surrealisten und die extreme Linke der Kommunistischen Partei Frankreichs zusammen, um Abd-el-Krim, den Anführer des Rif-Aufstandes gegen den französischen Kolonialismus in Marokko, zu unterstützen. In einem offenen Brief an den Schriftsteller und französischen Botschafter in Japan, Paul Claudel, verkündete die Pariser Gruppe:

“Wir Surrealisten haben uns dafür ausgesprochen, den imperialistischen Krieg in seiner chronischen und kolonialen Form in einen Bürgerkrieg zu verwandeln. So haben wir unsere Energien der Revolution, dem Proletariat und seinen Kämpfen zur Verfügung gestellt und unsere Haltung gegenüber der koloniales Problem und damit zur Farbfrage. ”
Die antikoloniale revolutionäre und proletarische Politik des “Mörderischen Humanitarismus” (1932), die hauptsächlich von René Crevel entworfen und von André Breton, Paul Éluard, Benjamin Péret, Yves Tanguy und den Martiniquan Surrealisten Pierre Yoyotte und JM Monnerot unterzeichnet wurde, macht es vielleicht zum Original Dokument von dem, was später “schwarzer Surrealismus” genannt wird, obwohl es der Kontakt zwischen Aimé Césaire und Breton in den vierziger Jahren auf Martinique ist, der wirklich zur Kommunikation des sogenannten “schwarzen Surrealismus” führte.

Die antikolonialen Revolutionsschriftsteller in der Négritude-Bewegung von Martinique, einer französischen Kolonie zu dieser Zeit, griffen den Surrealismus als revolutionäre Methode auf – eine Kritik der europäischen Kultur und ein radikal subjektives. Dies ging mit anderen Surrealisten einher und war sehr wichtig für die spätere Entwicklung des Surrealismus als revolutionäre Praxis. Die Zeitschrift Tropiques, die das Werk von Césaire zusammen mit Suzanne Césaire, René Ménil, Lucie Thésée, Aristide Maugée und anderen darstellt, wurde erstmals 1941 veröffentlicht.

1938 reiste André Breton mit seiner Frau, der Malerin Jacqueline Lamba, nach Mexiko, um sich mit Trotzki zu treffen (Gast von Diego Riveras Ex-Frau Guadalupe Marin). Dort lernte er Frida Kahlo kennen und sah ihre Bilder zum ersten Mal. Breton erklärte Kahlo zu einem “angeborenen” surrealistischen Maler.

...


Aus: "Surrealismus" HiSoUR (Datum ?)
Quelle: https://www.hisour.com/de/surrealism-35130/

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[...…] Am 24. Juni 1935 hielt André Breton als letzter Redner, ganz spät in der Nacht, da man ihn eigentlich gar nicht hatte auftreten lassen wollen, seinen Vortrag am von der Kommunistischen Partei Frankreichs organisierten »Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur« in Paris. Diese Rede sollte seine Trennung von der Kommunistischen Partei, der er 1927 beigetreten war, besiegeln. Der Rede voran gegangen war der Selbstmord des surrealistischen Dichters René Crevel, der den zu erwartenden Bruch der SurrealistInnen mit der KPF nicht ertragen wollte und, bevor er seinen Gashahn aufdrehte, schrieb: »Alles ekelt mich an!«. Der Rede voran gegangen war eine über 10-jährige Aktivität André Bretons, als einer jener Männer, der die Kunst in den Dienst der Revolution stellen wollte, ganz im Sinne des letzten Satzes seiner 1935 gehaltenen Ansprache, vor einem demonstrativ schon fast leerem Saal, bevor die VeranstalterInnen das Licht abdrehten, der lautet: »›Die Welt verändern‹, hat Marx gesagt; ›das Le-
ben ändern‹, hat Rimbaud gesagt: Diese beiden Losungen sind für uns das einzige.« (Becker 1998, 97)
    Mit diesem letzten Satz ist die Richtung gezeichnet, in die der Surrealismus seit 1924 gegangen war. Konsumiert man heute die Kunst der SurrealistInnen, so wird meistens vergessen, dass es sich bei ihnen um Künstler handelte – Künstlerinnen durften nur am Rande aktiv sein, Frauen generell nur als Musen, als Ein– und Ausreden einer revolutionären Liebe, eigentlich waren die Surrealisten ziemliche Männerbündler (Hörner 1998), man kann durchaus sagen Machos – die sich dem Umsturz der bestehenden Verhältnisse auf den verschiedensten künstlerischen und politischen Ebenen verschrieben hatten. Um jedoch über die surrealistische Avantgarde und ihr Verhältnis zu Kunst und Politik, ihre ganz spezielle Rolle im Paris der 20er und 30er Jahre verstehen zu können, muss zuerst einmal die Situation der französischen Intellektuellen dieser Zeit im Allgemeinen erklärt werden. Von diesem Überblick ausgehend können die Fragen gestellt werden, was damals Surrealismus bewirkt hat und was heute Surrealismus noch bedeuten kann oder soll.
    Die Intellektuellen dieser Zeit waren im Wesentlichen mit einer Frage konfrontiert: wie kann eine Demokratie, wie die französische, die es seit spätestens den 1880er Jahren immer wieder geschafft hat, ihre humanistischen Grundwerte zu verteidigen, die den Einfluss der Kirche und die Gewalt der AntisemitInnen relativ erfolgreich bekämpft hat, einen Ersten Weltkrieg zulassen, einen Krieg, der massiv viele Menschenleben gefordert hat (von manchen Abschlussklassen von 1914 hatten gerade die Hälfte der Schüler den Krieg überlebt), einen Krieg, der ganze Regionen verwüstet, der viele FranzösInnen bis hin zur Lethargie traumatisiert hat, durchaus auch jene, die anfangs diesen Krieg, die Möglichkeit der Revanche für 1870 begrüßt hatten. Denn das Gemetzel vor Verdun schien unvereinbar mit dem, wofür die III. Republik angetreten war, zumindest jene bürgerlichen, linksliberalen Kräfte in ihr, welche über Jahrzehnte die Innenpolitik des Landes geprägt hatten. Wie ist ein Georges Clemenceau zu verstehen, der seine Zeitschrift L‘ Aurore 1898 zum Massenmedium für Hauptmann Alfred Dreyfus und gegen den Antisemitismus eingesetzt hat, der später als Senator radikal für die Trennung von Kirche und Staat eingetreten war, dann plötzlich als Innenminister auf ArbeiterInnen schießen ließ und 1917 schlussendlich jener Regierungschef wurde, der Frankreich zum Sieg »führte« und zwar durchaus mit einer massiv chauvinistischen und populistisch, kriegshetzerischen Politik? Nicht umsonst wurde Clemenceau von den SurrealistInnen Schande–Clemenceau genannt. Der Anarchist Emile Cottin kann wohl diese Widersprüche einer humanistischen Unmenschlichkeit nicht akzeptieren und verübt auf Clemenceau am 19. Februar 1919 ein Attentat. Clemenceau überlebt die drei Kugeln in seinem Körper und setzt sich dafür ein, dass Emile Cottin, der am 14. März 1919 zum Tode verurteilt wird, nicht hingerichtet wird.

Am 8. März 1919 treffen sich zum ersten Mal die beiden werdenden Dichter André Breton und Paul Eluard in Paris, am 19. März 1919 erscheint die erste Nummer der dadaistischen Zeitschrift Littérature, von André Breton, Louis Aragon und anderen Schriftstellern (es war keine Frau dabei) herausgegeben. André Breton, Louis Aragon und Paul Eluard haben gerade die Schrecken des Krieges überlebt, alle drei als Sanitäter. Sie haben nach dem Krieg den Dadaismus entdeckt und haben alle ihre bürgerlichen Lebenspläne aufgegeben, um sich mit Hilfe der Kunst gegen die Welt der Väter – wie Jean–Paul Sartre später einmal schreiben wird (Sartre 1985, 188) – zu stellen.

... Was die surrealistischen Schocks versucht haben, war, auf den »absoluten Wahnsinn« hinzuweisen, der sich gerade in den 30er Jahren immer mehr ausbreitete, darin liegt der hauptsächliche Einfluss auf die ZeitgenossInnen der SurrealistInnen, die sicher nicht die einzigen waren, doch zählen sie zu den manchmal auffälligsten HinweiserInnen.

...


Aus: "Alexander Emanuely: Surrealismus und Revolution" (Datum?)
Quelle: http://spektakel.blogsport.de/broschur/broschur-1/alexander-emanuely-surrealismus-und-revolution/
« Last Edit: May 31, 2021, 07:34:33 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #1 on: July 28, 2020, 03:09:32 PM »

Quote
[...] Cancel Culture ist ein relativ junges Internet-Phänomen und bezeichnet den Versuch, politisch-moralisches Fehlverhalten Prominenter öffentlich zu ächten. Oder wie es die Philosophin Juliane Rebentisch formulierte, geht es um Online-Bewegungen, die fordern, der entsprechenden Person ihre öffentliche Bedeutung zu entziehen, sie also öffentlich nicht mehr stattfinden zu lassen. Entstanden ist das Phänomen in den USA, wo die Formulierung "jemand wurde gecancelt" inzwischen weit verbreitet ist. Ziel der Cancel Culture ist es letztlich, soviel öffentlichen Druck aufzubauen, dass die Person generell zur persona non grata wird.

Jemanden abzukanzeln, ist ein politisches Instrument. Geht es doch darum, eine politische Einstellung, ein Fehlverhalten anzuprangern und zu ahnden. Durch das Internet gewinnt das an Schlagkraft. Cancel Culture, so definierte es die Tageszeitung "Die Welt" ist "ursprünglich ein Instrument jener, die sich als Opfer empfinden. Von Minderheiten, die strukturellen Diskriminierungen ausgesetzt sind". Der Tagesspiegel in Berlin spricht von einem "Instrument der Entmachtung, das im Kulturbetrieb enorme Schlagkraft entfalten und Vertragskündigungen und Verkaufseinbrüchen führen kann", so wie im Fall Kevin Spacey.

Mehrfach, so der Vorwurf, soll der US-Schauspieler Kevin Spacey Männer sexuell belästigt haben. Nach Bekanntwerden dieser Vorfälle ächtet ihn die Kulturindustrie. Seine Agentur ließ ihn fallen. Netflix, wo Spacey in der Serie House of Cards sechs Staffeln lang den machtbesessenen US-Politiker Francis Underwood gespielt hatte, beendet die Zusammenarbeit. Die letzte Staffel wurde ohne ihn produziert. Und aus einem bereits abgedrehten Film von Ridley Scott - "Alles Geld dieser Welt"- schnitt man Spacey kurzerhand heraus.

Im Fall von Kevin Spacey ging es um ein Fehlverhalten, das juristisch aufgearbeitet wurde. Nicht immer sind allerdings die Verfehlungen, die zum Abkanzeln führen, rechtlich relevant. Immer wieder geht es um politische Meinungen, darum, was sagbar ist, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit sind. Kritiker werfen der Cancel Culture daher vor, eine Meinungsdiktatur im Sinne einer Political Correctness installieren zu wollen.

Inzwischen ist Cancel Culture längst kein amerikanisches Phänomen mehr. Auch in Deutschland spricht man immer wieder davon. Zum Beispiel beim Streit um den AfD-nahen Maler Axel Krause in Leipzig. Krause ist ein Vertreter der "Neuen Leipziger Schule", zu der auch Neo Rauch gehört. Gleichzeitig sitzt der Maler aber auch im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung. Auf seiner Facebook-Seite schrieb er von "illegaler Masseneinwanderung", die er für einen großen Fehler halte. Das war bereits 2018. Seine Galerie hatte zwischenzeitlich die Zusammenarbeit mit ihm beendet. Als er 2019 zur Leipziger Jahresausstellung eingeladen wurde, kam es zum Eklat. Nach Protesten wurde er ausgeladen, zeitweise stand die Ausstellung ganz in Frage. Nach einigem Hin und Her fand die Ausstellung ohne den umstrittenen Künstler statt. Er wurde "gecancelt".

Mitunter bewirkt das Abkanzeln jedoch genau das Gegenteil. Dass Krause bei der Ausstellung ausgeladen wurde, ließ ihn als vermeintliches Opfer dastehen. Sicher ist: Der Eklat um die Leipziger Kunstausstellung hat den Bekanntheitsgrad des Künstlers gesteigert. Und auch dem US-Rapper Kanye West hat das öffentliche Abkanzeln offensichtlich nicht geschadet.

Aufregung um seine Person gehört für ihn in gewisser Weise mit zum Geschäft. Er sei gecancelt worden, bevor es die Cancel Culture überhaupt gab, sagte er in einem Interview. Und so schaffte es sein jüngstes Album "Jesus is King" auf Anhieb an die Spitze der sogenannten Billboard 200-Charts in den USA. Es war also das meist verkaufte Album innerhalb der ersten Woche.


Aus: "Cancel Culture: Wenn Abkanzeln Karrieren beendet – oder nicht" (18.01.2020)
Quelle: https://www.br.de/nachrichten/kultur/kann-die-cancel-culture-in-social-media-wie-twittert-karrieren-beenden,RneqFkZ
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[Die Linke und die Kunst (Notizen) ... ]
« Reply #2 on: July 28, 2020, 03:10:23 PM »

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[...] In Denkmälern, Texten, Bildern, Filmen, Comics und TV-Serien stecken rassistische Klischees, werden immer noch rassistische Personen und Taten verherrlicht. Und dort gibt es auch, eines der größten Probleme, den "Rassismus in netter Form". Damit kann man ins Herz einer europäischen Kulturbiografie stechen: Die Kinderbücher, die man einst so geliebt hat, Pippi Langstrumpf oder Jim Knopf; die Comics, die man verschlungen hat, Tarzan oder Akim, Flash Gordon oder Prinz Eisenherz; die Schlager, die man gedankenlos trällerte, von faulen, kindlichen Südamerikanern etwa, ja, das war mexikanisch; die fragwürdigen Kinderlieder (Dra Chanasan …); das Blackfacing im Karneval oder bei den Heiligen Drei Königen; Straßennamen, an die man sich gewöhnt hat, ohne über Namensgebung nachzudenken; Firmenschilder, vom "Mohrenbräu" bis zum "Sarotti-Mohr"; alte Filme von Laurel & Hardy mit "lustigem" Blackfacing; Sonntagsmatinee-Western und ihrem heroischen Vernichtungskampf gegen die üblen "Rothäute"; Worte und Begriffe, die auch in weniger verdächtigen Texten auftauchen und doch in ihrer Bedeutung kontaminiert sind; schließlich sogar der umgekehrte Vorgang einer weißen Inbesitznahme schwarzer Musik, schwarzer Helden, schwarzer Kunst und vielleicht sogar schwarzer Politik durch die rebellischen Kinder des weißen Mittelstandes. Widerspruchsfrei ist am Ende nicht einmal "weißer Antirassismus" zu haben. All das steht in einer Geschichte, deren Bezeichnung "postkolonialistisch" einem viel zu leicht von der Hand geht.

Nicht rassistisch zu sein in einer Gesellschaft, die immer noch rassistisch geprägt ist und in einer Kultur, die immer noch nicht mit ihrem rassistischen Erbe umzugehen gelernt hat, ist unmöglich. Möglich und verpflichtend aber ist eine Arbeit an der Überwindung des Rassismus. Diese Arbeit beginnt mit einem Bekenntnis zur Widersprüchlichkeit und zur Unabschließbarkeit: Das Kind, das seine Eltern fragt, was Rassismus eigentlich einmal war, ist im Moment noch reine Utopie. Stattdessen ist die Realität zu beobachten, dass Rassismus aus dem Stadium der sozialen Latenz wieder an die Oberfläche der politischen Rhetorik gelangt, vom rechten Rand ausstrahlend bis in die viel beschworene Mitte der Gesellschaft.

Von diesem rechten Rand freilich kommt mit dem "gewöhnlichen Rassismus" auch noch jener, der an Barbarei alle übertrifft, der Antisemitismus, der uns seit Jahr und Tag fragen lässt, ob man noch Heidegger lesen, Richard Wagner hören, Ufa-Filme sehen kann, und wenn ja, mit welcher Haltung. Einer der beklemmendsten Augenblicke von Art Spiegelmans Graphic Novel Maus ist jener, in dem der Sohn wutentbrannt seinen Vater verlässt, den KZ-Überlebenden, der sich gegenüber seinen schwarzen Mitbürgern in den USA als Rassist entpuppt. Nichts ist klar, nichts erledigt, gar nichts.

Zur Arbeit am Antirassismus gehört allerdings auch, in der Dialektik von sozialem und kulturellem Rassismus wachsam und realistisch zu bleiben. Denn das Wesen des Rassismus ist nicht allein Ideologie, Semantik und Kultur, sondern vor allem politische, soziale und nicht zuletzt eben auch gewalttätige Praxis. Genau darum geht es ja den Protesten gegen rassistisch grundierte Polizeigewalt. Sie ist die Spitze eines Eisberges von realer Unterdrückung, realer Ausbeutung, realer Demütigung. Es geht um den Zusammenhang von Worten und Bildern auf der einen, Verhältnissen und Taten auf der anderen Seite.

Wenn wir also die Archive und die Produktion von Kunst und Kultur kritisch durchforsten, ist es die soziale Wirklichkeit des Rassismus, die uns hier hingebracht hat. Zwar ist es klar, dass mit einer universitären Debatte über Texte und Bilder noch lange keine soziale Gerechtigkeit geschaffen wird, aber es ist auch klar, dass Rassismus nicht in einer Kultur überwunden werden kann, die ihrem rassistischen Erbe gegenüber gleichgültig bleibt.

Es gibt nun mehrere Strategien, damit umzugehen. Nicht alle sind gleichermaßen realistisch oder Erfolg versprechend:

1. Wir lassen alles, wie es ist, in der Hoffnung darauf, dass eine im Wesentlichen aufgeklärte, tolerante und sich selbst historisch-kritisch verstehende Gesellschaft schon damit umgehen kann. Die Denkmäler, Bilder und Textstellen fungieren dann als Erinnerungen daran, wie hart der Weg zur besseren Zukunft war und ist. Leider kann sich eine solche Lösung des bedingungslosen Liberalismus auf keine Gemeinschaft beziehen, die diese Kriterien erfüllen würde. Diese müsste erst geschaffen werden – und wird derzeit offenbar eher verhindert.

2. Da wir unser kulturelles Erbe nicht verfälschen wollen, als hätte es den Rassismus nie gegeben und als ließe sich historische Schuld durch die Säuberung der Dokumente verdrängen, versehen wir diese Dokumente mit Kommentaren und Hintergrundwissen. Mit Texten oder Filmen wird bereits so verfahren, freilich in einem denkwürdigen Sinn: "So hat man das damals gesagt oder abgebildet (wie etwa das rassistische Klischee der übergewichtigen schwarzen Hausdienerin in Tom-und-Jerry-Cartoons), so würden wir das heute nicht mehr machen." Ob die bloße Distanzierung genügt, um etwas vom Rassismus in einer Kultur zu verstehen?

3. Wir nehmen eine selektive Bearbeitung vor. Öffentliche Ehrungen fragwürdiger Personen durch Denkmäler, Straßennamen oder Institutionen, wie gerade am Beispiel des Woodrow-Wilson-Centers in Washington, werden nicht mehr akzeptiert. Dem "normalen" kulturellen Erbe ist man nicht mehr in der Öffentlichkeit ausgesetzt, man kann es in ohnehin kuratierten Institutionen wie Bibliotheken, Museen oder Kinosälen besichtigen. Extreme Achtsamkeit wird bei der neuen Gestaltung des öffentlichen Raums, nämlich bei Werbung und PR erwartet; ein Fall wie die jüngst missratene VW-Werbung etwa (das "Wegschnippen" einer Person of Color durch eine weiße Hand …) zeigt, wie notwendig eine solche Achtsamkeit ist. Es ist der öffentliche Raum, als materieller wie als digitaler, in dem Rassismus auch in "historisierter" oder "harmloser" Form nicht geduldet werden darf.

4. Die Präsenz einer Gegen-Geschichte ist sehr wichtig. Kritik an den Dokumenten der Geschichte des Rassismus ist die eine Seite, die andere Seite ist die Dokumentation aus der Perspektive der Opfer. Der öffentliche Raum muss nicht nur von der bewusstlosen Darstellung der rassistischen Geschichte und der Klischees von heute befreit werden (durch Entfernung, Distanzierung oder Aufklärung), sondern auch zum Ort für Trauer, Erinnerung und Kritik. Das eine wie das andere wird die "Empfindlichkeit" der Rassisten provozieren.

5. All das wird nicht ausreichen. Es braucht eine fundamentale Erneuerung, ein rewriting der Kulturgeschichte der postkolonialen Gesellschaften und Nationen. Den Nachfahren der rassistischen Politik und den Immer-noch-Rassisten ist es zuzumuten, dass die Nachfahren der Opfer bestimmend an diesem rewriting beteiligt sind, das in der Tat nicht bloß in Text- und Bildwelten eingreift, sondern auch in die kulturellen Biografien, ja in das, was man "kulturelle Identität" nennt.   

Gleichgültig, auf welche Strategie man sich einigt – von der ersten, der Laissez-faire-solution abgesehen: Sie sind alle mit Schmerzen, mit Widersprüchen, mit Entfremdungen verbunden. Und Patentrezepte gibt es schon gar nicht. Nehmen wir ein wahrhaft vergiftetes Werk wie David Wark Griffiths Birth of a Nation. Ohne diesen Stummfilm von 1915 ist die Geschichte des Mediums kaum zu verstehen, aber mit ihm kommt der Keim eines Rassismus, der zwar in einem analytischen Seminar bestens zu entzaubern ist, beim "naiven" Betrachten (und auch das gehört zur Magie des Mediums) untrennbar mit Sentiment und Pathos verbunden ist. Die Geburt einer Nation ist rassistisch, und schmal ist auch hier der Grat zwischen Kritik und Mythos.

Um wie viel drastischer stellt sich das Problem bei einer weniger offensichtlichen Feier des rassistischen Erbes wie in dem Film Vom Winde verweht dar? Sklavenarbeit wird geschönt, die schwarzen Haussklaven werden als loyale Diener dargestellt, die sich voll und ganz mit ihren Herren und mit dem System ihrer Herrschaft identifizieren, die "befreiten Schwarzen" werden als Horden dummer Gewalttäter dargestellt, usw. Es ist ein durch und durch rassistisches Werk, das einen weißen Blick auf die Sklavenökonomie und ihre Brutalität generiert, nicht nur in dem, was ausgeblendet wird, sondern auch in der Verzerrung der Perspektiven. Eine schwarze Gegen-Geschichte wäre dringend erforderlich, aber gibt es dafür eine Basis in der politischen Ökonomie des Filmemachens? Als HBO ankündigte, den Film vorerst vom Markt zu nehmen, um ihn später in einer kommentierten Fassung anzubieten, schnellten die Verkaufszahlen der entsprechenden DVD dramatisch in die Höhe. Man will sich das "authentische" kulturelle Erbe nicht nehmen lassen. Eine Mehrheit der manischen DVD-Besteller würde den Verdacht, rassistisch zu sein, sicherlich weit von sich weisen. 

Nicht minder empört würden sich wohl hierzulande jene zeigen, die sich gegen eine "Zensur" von Texten oder Bilderbüchern wenden. Sie argumentieren oft im Namen einer Autonomie des Kunstwerkes, gewiss, aber auch im Namen einer kulturellen Biografie. Teile einer Kindheit müssen gebrochen werden, wenn Pippis Taka-Tuka-Land oder Micky Maus' kannibalischer "Besuch aus Afrika" als Rassismen enttarnt werden. So auch die Erinnerung an unangemessene Synonyme für Schokoküsse oder die Unmöglichkeit, laut den Namen des Mannes auszusprechen, der in Huckleberry Finn zusammen mit dem weißen Jungen auf dem Weg in die Freiheit war.

Ich (der Rassist, der keiner sein will) spreche als Erbe einer Kultur, in der Rassismus eben nicht nur in seiner brutalen, mörderischen und sadistischen Weise präsent war, sondern auch in einer subtileren, emotionalen und "familiären" Art. Wie lange mussten schwarze Kids darauf warten, bis auch sie einen Superhelden bekamen, und wie bedeutsam war der People-of-Color-Freund der weißen Helden für die postkoloniale Gesellschaft! Auch weiße Mädchen bekamen schwarze Puppen, aber immer erst als zweite oder dritte. Es ist nicht leicht, den strukturellen Rassismus der Popkultur als Erbschaft des Kolonialismus zu verstehen. Noch schwieriger ist es, ihn zu transformieren, sodass er ins postkoloniale Weltbild der Wir-sind-doch-nicht-rassistisch-Gesellschaften passt.

Im Zentrum einer Kultur, die den Rassismus in sich selbst und in der Welt überwinden will, steht neben dem rewriting der Kulturgeschichte und der Bearbeitung ihrer Dokumente das Problem der Restitution von Kunstwerken: Wie umgehen mit jener Beute des Kolonialismus, die zu einem Teil der eigenen Kulturgeschichte wurde? Das "Völkerkunde"-Museum als Traumort gehört ebenso dazu wie der Einfluss afrikanischer Plastik auf das Werk moderner westlicher Künstler. Gibt es für die einst geraubte Kunst überhaupt ein Zurück? Oder einen öffentlichen Raum, in dem sie wirklich für alle zugänglich wären? Ist auch hier zum Beispiel ein Mitausstellen der Umstände ihres Raubes notwendig, und, wiederum, die Präsenz einer Gegenerzählung?

Das Afrikanische, das Asiatische, das Lateinamerikanische – sie sind über die Diebstähle und Ausbeutungen des Kolonialismus und über die Marktstrategien der Popkultur Teil unserer eigenen Kultur geworden, die ihrerseits oszilliert zwischen einer weißen und einer "gesamten" Kultur. Aus der Beute wurde in Teilen eine Aneignung (wie die Aneignung der schwarzen Musik durch das weiße Business), und aus der Aneignung ein internes Amalgam. Wie kraus waren doch die Begründungen der Oi!-Skins und des Nazirock dafür, dass "ihre" Musik ihre Wurzeln im schwarzen Amerika oder in der Karibik hatte!

In der Musik, in der bildenden Kunst, in der Architektur. Wie soll ein weißes Bürgerkind, sagen wir, mit dem Afrikanischen in seiner Kulturbiografie verfahren? Muss das Afrikanische in mir (und es ist eine ganze Menge) also akzeptiert oder kritisch isoliert werden? Es ist die Umkehrung des Problems, von dem Whoopi Goldberg spricht, wenn sie sagt, dass sie die Bezeichnung "Afroamerikanerin" für sich ablehne. Sie sei vielmehr einfach Amerikanerin, denn ihre Vorfahren und sie selbst hätten das Land ebenso mit aufgebaut wie alle anderen. Wann haben wir das Recht, wann das Glück, "wir" sagen zu dürfen?

Wo Widersprüche herrschen, hilft, gelegentlich, Humor. Aber kaum etwas ist so kontaminiert im Diskurs des Rassismus wie das Lachen. Das effizienteste und sadistischste Mittel, zu verhindern, dass wir miteinander lachen (unter anderem über die Schrecken der Vergangenheit, schwierig genug, das), ist es, übereinander zu lachen. Das historische Blackfacing in den USA diente diesem weißen Lachen über die Schwarzen, das alles zugleich ausdrückte und verdrängte, das Empfinden der Überlegenheit, die Angst vor dem kommenden Aufstand und den klammheimlichen Neid. Was wäre Antisemitismus ohne "Judenwitze" – sogar der kultivierte Post-Antisemit pflegt eine Vorliebe für diesen "typisch jüdischen Humor", nicht wahr? Und der neofaschistische Terror bereitet seine Untaten nur zu gern mit "Satire" vor.

Wo lacht man über Rassismus, und wo lacht man rassistisch? Die Satireserie 30 Rock war sicherlich nie rassistisch, trotzdem tat Tina Fey, Hauptdarstellerin und Showrunner, recht daran, die Ausstrahlung von Folgen zu verhindern, in denen es um Blackfacing ging: Der kulturelle Code dieser Inszenierung ist an sich schon kontaminiert, unabhängig vom Inhalt der jeweiligen Szenen. In der amerikanischen Anwaltserie The Good Wife kommt es zu Auseinandersetzungen einerseits über die Identität des Unternehmens (man hat das Image einer "schwarzen Kanzlei", deswegen müssen die weißen Mitarbeiter gelegentlich in den Hintergrund treten) und andererseits über die reale Gleichheit (verdienen People of Color wirklich weniger als Weiße?) und mediale Restriktionen. "Sagen Sie doch einfach N…, wer hindert Sie", versucht ein schwarzer Rechtsanwalt seinen weißen Kontrahenten in einer Talkshow aus der Reserve zu locken, nachdem der sich über Restriktionen beklagt hat.

Die Komik solcher Szenen ist, wie man so sagt, quälend. Und das gilt wohl auch für entsprechende Szenen in Family Guy, wo der typische Vorstadtbürger Peter Griffin mit seinem schwarzen Freund und Nachbarn immer wieder in Konflikte gerät, weil der eine denkt, der andere denkt, man denke, dass der andere denkt, irgendetwas sei rassistisch gemeint. Den Meta-Humor über Rassismus gibt es auch hierzulande, zum Beispiel in einer Folge der Heimatkrimiserie Mord mit Aussicht, wo ein schwarzer Kriminalpolizist sich seufzend gegenüber der Protagonistin über die Empfindlichkeit seiner Chefin in Sachen rassistischer Kommentare äußert (ein "schwarzer Mann", aha, die eine meint die Kleidung, die andere argwöhnt die Hautfarbe).

Diese mehr oder weniger komischen Szenen gewöhnen uns an einen Alltag, in dem wir lernen müssen, mit der Allgegenwärtigkeit des Rassismus, hier als Realität und da als Projektion, umzugehen. Eine einfache Lösung gibt es nicht in den drei großen Problemfeldern des kulturellen Post-Rassismus – der kritischen Revision des rassistischen Erbes, des Umgangs mit der kolonialen und postkolonialen kulturellen Beute und mit dem Humor als Ventil für die verschiedensten Formen der Spannungen.

Es gibt jedoch eine sehr einfache, sehr strikte Grenze zum realen, expliziten und ideologischen Rassismus. Alles diesseits dieser Grenze zu ordnen und aufzuarbeiten, ist kompliziert. Der Rassismus, der keiner mehr sein will, hat noch viel zu tun.


Aus: "Cancel Culture: Es wird schmerzhaft" Ein Essay von Georg Seeßlen (30. Juni 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-06/cancel-culture-struktureller-rassismus-kolonialismus-popkultur/komplettansicht

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------ #1

Irgendwann wird es albern. ...


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Christoph Breer #1.15

Ich vermute mal, dass Sie das als Weißer sagen.


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Angus_Parvis #1.20

Und "natürlich" definieren weisse Westeuropäer, wann es albern wird? ;)


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Naturliebe #1.4

"Irgendwann wird es albern."

Es ist erst dann albern, wenn alle darüber lachen können.


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WirhabenkeinPlatz #16

Biologisch-evolutionär betrachtet ist der Rassissmus Teil der Überlebensstrategie von Gruppen. Das kann man nun gut oder schlecht finden. Ist aber ein Faktum.


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Tobias87 #16.1

Biologisch-evolutionär betrachtet ist auch die Fortpflanzung durch Vergewaltigung ein Teil einer Überlebensstrategie, werden dadurch doch Gene weitergegeben.
Ob etwas biologisch-evolutionär betrachtet Teil einer Überlebensstrategie ist, sagt also null komma nichts darüber aus, ob es richtig ist.


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Maxxee #26

Ich befürchte, Ausführungen wie in diesem Artikel stürzt viele Normalbürger in Verzweiflung. ...


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Zeitig19 #34

Wenn man wirklich einen pluralistischen und demokratischen Staat mit selbstverantwortlichen Staatsbürgern anstrebt, bleibt sicher nur die unter 1. beschriebene und im späteren Text salopp als "Laissez-Faire-Solution" bezeichnete Möglichkeit in Frage. Alles andere führt zu mindestens teilweiser (Meinungs-)Diktatur. Jeder sollte das mit etwas Nachdenken erkennen.


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Jens B #51

Bin 1961 geboren. Habe Pippi Langstrumpf, Jim Knopf, Tarzan, Flash Gordon oder Prinz Eisenherz geliebt oder verschlungen. Im Fasching habe ich mich am liebsten als "Rothaut" verkleidet, weil ich den Bogen, mit dem man echte Pfeile verschießen konnte, viel besser fand, als die olle Käpselespistole, die nur ein bisschen geknallt hat. Im Kino habe ich mich gefreut, wenn Winnetou gegen die bösen, alten, weißen Schurken gewonnen hat. Meine italienische Mitschülerin habe ich glühend beneidet, weil ihr Vater die größte Eisdiele am Ort besessen hat. Sie hat übrigens auch Abitur gemacht und studiert. Der Schlager "Zwei kleine Italiener" hat also die Lehrer nicht davon abgehalten, sie gerecht zu benoten.
Noch schlimmer. Die genannten Bücher habe ich auch meinen eigenen Kindern zu lesen gegeben.
Dieser Artikel hat mir erstmals die Augen geöffnet, wie rassistisch vergiftet meine Seele doch ist. Ich werde mir sofort auf Amazon die ganze Karl-May-DVD-Edition bestellen, solange die noch nicht auf dem Index steht. Und dann gabs da noch ein Buch von Otfried Preußler von einem kleinen weißen Nachtgespenst, das durch einen Sonnenstrahl zu einem schwarzen Taggespenst wurde.


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violettagetyourgun #51.1

Ich bin auch 1961 geboren.
Ich habe die gleichen Bücher gelesen, die gleichen Filme gesehen wie sie.
Ich hatte dunkelhäutige Puppen und liebte den Sarottimohren.
Mein Vater war ein großer Fan von Mohamed Ali.
Meine Mutter hört immer noch gerne Louis Armstrong und Otello.
Vor einigen Jahren habe ich Vom Winde verweht gesehen und fast die ganze Zeit über geweint.
Würde ich der Definition des Autors folgen, müssten wir eine Familie von Rassisten sein.

Absurder Gedanke.


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wandalina #53

Es fängt doch schon beim "Nachbar" an. Ist er nicht unserer Meinung und vertritt er nicht unsere Werte dann wird er ausgegrenzt. Ob er Schwarz, weiss, braun, Gelb oder einfach Pole ist, das "wir" wird es nie geben, da kann man die ganze Geschichte ausblenden und vernichten, das ändert den Menschen nicht. Wir werden immer "andere" nicht gerecht oder gleichwertig behandeln, außer sie sind wie "wir".


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Bluto Blutarski #73

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich ein schwarzer Millionär von einem weißen Obdachlosen nicht wirklich wirksam diskriminieren lässt.
Mich beschleicht mehr und mehr die Vermutung, all diese Diskussionen um Minderheiten aller Art dienen im Wesentlichen einem einzigen Ziel: Davon abzulenken, dass der wahre und ewige Graben zwischen den Habenden und den Nicht-Habenden verläuft.


Quote
------ #73.1

Der Graben verläuft zwischen den Was im Kopf-Habenden und den Nichts im Kopf-Habenden.


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multiply #74

Nationalisten fordern die Reinheit des Volkes. Rassisten die Reinheit der Rasse. Wohin das führt oder geführt hat hat die Geschichte gezeigt.
Jetzt kommen Anhänger des Woke-ism mit dem Ziel die Reinheit der Sprache und des Denkens zu etablieren. Was soll schon schiefgehen?


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WerSchreibtDa #79

Ist es heute bei einem gebildeten, durchschnittlichen Menschen wirklich Rassismus? Ich habe einen deutschen Nachbarn, den ich nicht mag. Bei einem Nachbarn aus Serbien hege ich das gleiche Empfinden. Ist es jetzt beim deutschen Nachbarn normale Abneigung und beim Serben Rassismus? Die Bayern mögen ja die Preussen auch nicht aber mögen (manche) Roberto Blanco ...
Sind Ablehnung und Sympathie nicht menschliche Eigenschaften? ...


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tonart #81

viele Beträge zeigen wie wichtig und richtig und überfällig die Debatte ist! ... und ja, es wird unserer Selbstherrlichkeit und Bequemlichkeit weh tun - jedoch ist dieser Schmerz nicht annähernd mit dem Leid der permanenten Herabsetzung als Folge des Kolonialismus vergleichbar.

Danke für den Artikel.


Quote
hansmaier2 #98

aus dem Artikel: "Nein, ich bin Rassist, weil ich in einer Gesellschaft lebe, in der immer noch struktureller Rassismus parallel zur sozialen Ungerechtigkeit verläuft, und in der jemand mit heller Hautfarbe, ob er oder sie es will oder nicht, Privilegien erfährt oder wenigstens Gefährdungen und Benachteiligungen vermeiden kann. "

Ich bin also Rassist, nur weil ich in dieser Gesellschaft lebe?
Wenn das mal kein Rassismus ist.
Ich fasse es nicht.



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vincentvision #100

Denkfaule, wenig differenzierende Menschen haben Vorurteile, gerne auch rassistische Vorurteile - und finden das auch ganz in Ordnung so...
Sie sind selten bereit, ihre Wahrnehmungen zu überprüfen, warum auch, so ist es viel leichter - und es hebt das Ego, wenn man sich der vermeintlich überlegenen Gruppe zugehörig fühlt.
Intelligente Menschen wissen, wie fehlbar unsere Wahrnehmung ist, wie sehr wir uns täuschen lassen, generalisieren und dadurch Vorurteilen schnell erliegen.
Sie bemühen sich, Einzelbetrachtungen anzustellen, ihre Vorerfahrungen nicht zu dominant werden zu lassen und dadurch nicht zu vorschnell zu urteilen.

Ganz einfach.

Und das sollte selbstverständlich sein - denn schließlich erwartet umgekehrt auch jeder, dass man ihn individuell beurteilt (und als Deutschen nicht pauschal mit Nazis, Fremdenfeinden, Spaßbremsen und Nörglern gleichsetzt).

Oder?


...
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[Die Linke und die Kunst (Notizen) ... ]
« Reply #3 on: July 28, 2020, 03:11:03 PM »

Quote
[...] "Während wir dies von der radikalen Rechten nicht anders erwarten, breitet sich auch in unserer Kultur zunehmend eine Atmosphäre von Zensur aus", hieß es jüngst in einem offenen Brief von 153 Intellektuellen (darunter auch Noam Chomsky, Margaret Atwood oder Salman Rushdie), der gleichzeitig in Harper’s Magazine, Le Monde, La Repubblica und der ZEIT erschien.

Seine Botschaft in einem Satz: "mehr Toleranz" für abweichende Meinungen. Der Aufruf ist bedenkenswert: Ein "Klima der Intoleranz" greife nicht nur in radikal rechten Kreisen um sich, die ohnehin intolerant seien, sondern vielmehr "in allen Lagern". Auch die politischen Gegner der radikalen Rechten müssten aufhören, weiter in "ideologischer Konformität" zu verharren, die eigene Kritik zum "Dogma" verkommen zu lassen und der verbreiteten Tendenz zu frönen, "komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen".

Dass sich über diesen Aufruf gerade diejenigen Linken empörten, die sich hiervon nicht zu Unrecht angesprochen fühlen durften, war ebenso wenig überraschend wie der Umstand, dass viele ihrer Empörung in kurzen Tweets Ausdruck verliehen. Natürlich entging ihnen die Ironie, dass sie ihre Kritik an dem Aufruf in eben jenem Duktus der "moralischen Gewissheit" formulierten, den der Brief zuvor problematisiert hatte. Doch auch damit war zu rechnen, denn tatsächlich wird unsere Zeit zunehmend und in nicht unerheblichem Maße von "linken" Gestalten geprägt, die alle genannten Momente in sich bündeln: einen Hang zu Konformität, krasser Komplexitätsreduktion und moralistischer Dogmatik.

Wie der Philosoph E.M. Cioran einmal hellsichtig bemerkt hat, kann es geschehen, "daß die Linke, die in die Mechanik der Macht verstrickt … ist, ihre Tugenden verliert, daß sie erstarrt und die Übel erbt, die gewöhnlich der Rechten eignen". Diese Beschreibung trifft unsere kulturelle Situation sehr genau.

Eine erstarrte und ins Pädagogische abgedriftete Linke, die sich durch ihre Weigerung bestimmt, "ihr eigenes Machtstreben zu reflektieren, ihren Aufstieg in den akademischen und kulturellen Institutionen" (Michael Hampe), ein dergestalt zur Karikatur verkommener Linksliberalismus, der vergessen hat, dass er nicht mehr unter allen Umständen subversiver Underdog ist, sondern sich an Universitäten oder in Social-Media-Kontexten explizite Machtzentren geschaffen hat, bringt einen epochalen Menschenschlag hervor: den digitalen linken Spießer.

Dieser droht die Linke leider für Leute von außerhalb dieser Blasen mittelfristig noch unattraktiver zu machen, als sie es ohnehin schon ist, denn auch und gerade für politische Bewegungen gilt: An ihren Langweilern sollst du sie erkennen. Der neue linke Spießer betrachtet Gegenwart und Vergangenheit mit puritanischem und polizeilichem Blick und genießt es, unablässig den Wuchs der Diskurshecken zu prüfen, mit der Gartenschere in der Hand.

Wahlweise stört er sich an den Scherzen von John Cleese oder Terry Gilliam, an einer Zeile von Nick Cave oder Steely Dan, an einer Karikatur von Ralf König oder an den Witzchen des Theoretikers Slavoj Žižek, von dem sein konservativer Freund Tylor Cowen behauptet, er habe den Humor eines "moderate right-winger", worauf sich Žižek gegenüber Cowen empört verteidigt: "Als ich jung war, war das noch linker Humor!"

Die linken Spießer begegnen allen unsensibel scherzenden oder gar andersdenkenden Zeitgenossen mit offener Verachtung, beweisen aber eine hohe Sensibilität, sobald man ihre eigene progressive Rolle in Zweifel zieht. Dies zu tun, ist jedoch nötig, denn ihr Zorn trifft in jüngerer Zeit sogar historische Figuren, auf deren Schultern sie stehen könnten, wenn sie deren Erbe nicht verspielten. Die Folge jener "ungeheuren Herablassung der Nachwelt" (eine Wendung von E.P. Thompson, die immer wahrer wird) ist ein äußerst abgeflachtes Verhältnis zur großen Andersheit namens Geschichte, die neuerdings ebenfalls von allen krummen Zweigen, von allen Irritationsmomenten bereinigt werden soll – jedenfalls sind es deftige Werturteile, die gegenwärtig geistesgeschichtliche Verdienste überschatten.

Zuletzt teilten bekannte italienische Linksintellektuelle, Politikerinnen und Aktivisten in den sozialen Netzwerken, anknüpfend an den alten Slogan von Lonzi, mannigfach ein Bild mit der Aufschrift "Sputiamo su Hegel" ("Wir spucken auf Hegel"): Der deutsche Philosoph – so  der sozial-mediale Tenor – sei letztlich nämlich nichts weiter als ein bösartiger Sexist gewesen. In der Verkürzung abstrus, aber ein exemplarischer Fall, finden doch in Deutschland längst vergleichbare "Debatten" statt (wobei hierzulande zufälligerweise Kant unter Beschuss gerät).

Es ist bedauerlich, dass ein Teil der Linken nicht mehr liest und wenn doch, dann bestenfalls Memes und Twitterbotschaften, zumindest ist das der Referenzrahmen, in dem dann die weitere Auseinandersetzung stattfindet. Aber spuckt nicht, wer auf Hegel spucken möchte, zugleich auch auf die bedeutende Rolle, die dieser für die Entwicklung des emanzipatorischen Denkens gespielt hat – und noch immer spielt: bei Judith Butler, Axel Honneth oder Jacques Rancière? Kennen die neuen linken Militanten die feministische Hegellektüre von Simone de Beauvoir, in der die Dialektik von Herr und Knecht analog zum Emanzipationsverhältnis von Mann und Frau gedacht wird? (Von den zahlreichen feministischen Lektüren der Antigone-Diskussion bei Hegel ganz zu schweigen...)

Gewiss: Der Hinweis darauf, dass die Beziehung zwischen Hegel und dem Feminismus auch gegenwärtig im Zentrum ernsthafter internationaler Debatten steht, ist für diejenigen, die den Autor der Phänomenologie des Geistes auf stumpfsinnige Weise abtun möchten, vollkommen uninteressant: Er lässt sich nämlich kaum für die eigene mediale Selbstinszenierung verwerten, die ja auch und gerade die Nicht-Leser unter den Linken motiviert. Aus demselben Grund geht sie auch jene Ambivalenz buchstäblich nichts an, die darin liegt, dass Hume, Kant oder Hegel zweifelsfrei rassistisch oder sexistisch schrieben und trotzdem ein unverzichtbarer Teil der europäischen Geistestradition sind, welche die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei, die Erklärung der Menschenrechte oder die gesetzliche Gleichberechtigung der Geschlechter hervorbracht hat.

Ganz unbestreitbar haben sie die Geschichte der Emanzipation mitgeprägt. Ob die neuen Linken ernstlich dem Aberglauben anhängen, wonach sich ein historischer Akteur jederzeit am eigenen Schopf aus der Geschichte ziehen könnte, um aus dem ahistorischen Ideenhimmel das moralisch Richtige zu deduzieren, ist am Ende schwer zu sagen. Sicher ist nur, dass es sie unablässig danach drängt, sich öffentlichkeitswirksam als moralische Instanz zu präsentieren, und dass sich jeder echte Spießer – auch der linke und digitale – durch sein Bedürfnis verrät, permanent als besonders tadelloses oder moralisch sattelfestes Exemplar unserer denkwürdigen Spezies wahrgenommen zu werden.

Das Schlimmste an den gegenwärtigen Spießern ist nun aber nicht, dass sie ahistorisch denken, jedes (vermeintlich) verunglückte Wort zur Würde des Skandals erheben, ständig Situationen des Verdachts organisieren (Wer hat was zu wem gesagt?) oder aus den Menschen wieder reumütige Geständnistiere zu machen versuchen. Das alles ist bloß schlimm. Schlimmer als schlimm ist, dass sie sich immer noch widerständig und "alternativ" fühlen, obwohl sie längst einem kulturell tonangebenden Milieu angehören. Eine unerlässliche Voraussetzung von Toleranz – und dieser Satz steht fest – liegt im ehrlichen Selbsteingeständnis von eigener Macht, auch diskursiver Macht (zum Beispiel an den Universitäten).

Nur die, die wissen, dass sie über Macht verfügen, können sich überhaupt die Frage stellen, ob sie andere tolerieren, das heißt: aushalten, erdulden möchten – oder eben nicht. Hieraus folgt: Die neopuritanische Linke muss sich darüber ehrlich machen, dass ihre Adepten in vielen politisch-kulturellen Konstellationen mittlerweile zu nichts anderem als Figuren der Macht geworden sind. Bislang versuchen sie es wortreich zu vermeiden, doch gerade sie hätten es nötig, sich ein Mantra von Adorno, einem maßgeblichen Vertreter der lesenden Linken, in Erinnerung zu rufen: "Wer innerhalb der Demokratie Erziehungsideale verficht" – mahnte dieser nämlich streng – "ist antidemokratisch, auch wenn er seine Wunschvorstellungen im formalen Rahmen der Demokratie propagiert."

Dass eine solche demokratische Gesinnung derzeit bei vielen Linken wenig praktische Würdigung erfährt, mag auch von der althergebrachten Arroganz herrühren, mit der insbesondere die einflussreichen französischen Linksintellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – vor und nach 1968 – über liberale Demokratien nachgedacht haben. Denn be­zeich­nen­derweise interessiert sich etwa Deleuze noch in den Neunzigerjahren gerade für ein "Demokratisch-Werden, das nicht mit den faktischen Rechtsstaaten zusammenfällt", während bei Barthes, Foucault, Lacan oder Kristeva demokratietheoretische Reflexionen fast gänzlich ausgespart werden. Anders als in früheren Zeiten, in denen der vielerorts immer abwegiger wirkende Terminus "linksalternativ" einen realen Sinngehalt hatte, fällt es indessen heute ins Gewicht, wenn diskursmächtige Linke immer noch in Begriffen wie "Subversion", "Aufstand", "Ereignis", "Unterlaufen", "Rebellion", "Widerstand" oder "Ungehorsam" denken, statt sich über die ganz konkrete demokratische Vermittlung progressiver Ideen den Kopf zu zerbrechen. Am Ende dieses Gedankens wird eine Linke, die ihre reale Diskursmacht leugnet, zwangsläufig moralisch totalitär. Sie duldet eben keinen Widerspruch, weil Widerspruch per se falsch ist. Die Macht, die sie hat, reicht ihr nicht, sie möchte sie weitestmöglich ausdehnen. Das aber zielt dann weder in faktischen Rechtsstaaten noch in anderen Gebilden auf einen demokratisch organisierten Diskurs.

Was die alte poststrukturalistische linke Avantgarde angeht, so bestach sie aus heutiger Sicht freilich durch ihren – für die linken Spießer der Gegenwart empörenden – Mangel an moralistischer Dogmatik. Sie verehrte de Sade, studierte Heidegger und rehabilitierte mit Nietzsche einen der politisch unkorrektesten Autoren der Geistesge­schichte. Im Übrigen betonte etwa Foucault, dass sich Fragen der Ent-Unterwerfung niemals dogmatisch, systematisch oder gar verwaltungstechnisch entscheiden ließen; vielmehr zähle der subversive Umgang mit Einzelfällen. Und auch Richard Rorty – der ein zentraler Vertreter der sogenannten postmodernen amerikanischen Linken war – glaubte nicht daran, dass sich gesellschaftliche Wirklichkeiten mit starren sprachlichen Regeln verändern ließen. Vielmehr brauche es idiosynkratische Einbildungskraft – "kreativen Sprachmissbrauch" –, eine Position, zu der sich auch Judith Butler einmal bekannt hat.

Den dominanten Strang der gegenwärtigen Linken, die mit dogmatischen Lösungen flirtet, ohne ihren Underdog-Status aufgeben zu wollen, vermag dies ebenso wenig zu beunruhigen wie der Umstand, dass sie keine funktionierenden ökonomischen Konzepte hat, um der sozialen Frage zu begegnen – man denke etwa an die exorbitanten Mietpreise oder an die prekären Lebensbedingungen des neuen Dienstleistungsproletariats. Aber auch das ist nicht verwunderlich, kann doch ökonomische Konzeptlosigkeit überhaupt als ein Grund dafür angesehen werden, sich mit derart verbissenem pädagogischen Eifer auf das Feld der Kultur zu stürzen.

Es geht nicht darum, jedes Interesse für Begriffe oder jede differenziertere Bewertung historischer Persönlichkeit zu diskreditieren. Die Verbissenheit aber, mit der man Debatten mit zugleich geleugneter diskursiver Macht moralistisch zu dominieren versucht, führt letztlich zu populistischer Reaktanz und schwächt die Linke noch dort, wo sie reale Probleme bekämpft. Denn natürlich gibt es, anders als es die politische Rechte behauptet, tatsächlich strukturellen Sexismus und Rassismus in Deutschland, und unter denen, die in universitären oder sozial-medialen Kontexten diskursmächtig sind, finden sich auch Menschen, die in anderen gesellschaftlichen Kontexten benachteiligt oder marginalisiert werden. Das Problem der Linken besteht offenkundig nicht darin, dass sie sich den Reaktionären entgegenstellt, die sich das kulturelle Zeichensystem der Fünfzigerjahre zurückwünschen und auf alle Ewigkeit stillstellen möchten. Sondern darin, dass sie diesen Kampf mit den zensorischen Instinkten führen möchte, die lange Zeit der politischen Rechten gehörten (anstatt an das selbstständige Urteil mündiger Menschen zu appellieren) und dass sie noch dazu die Klassendimension unterschlägt, die allen diesen Kämpfen inhärent ist.

Dass heute die AfD bei manchen Wahlen mehr Arbeiter-Stimmen erhält als jede andere Partei, ist in jedem Fall auch ein trauriges Zeugnis für die naserümpfende, spießig gewordene Linke, die in ihren schlechtesten Momenten zugleich den Eindruck erweckt, einen Klassenkampf "von oben" zu betreiben: eine Rebellion der tadellosen Vier-Zimmer-Altbau-Bourgeoisie gegen das schrecklich vulgäre, unaufgeklärte und politisch unkorrekte Proletariat. Solange die Linke das nicht begreift, werden sich ihre politischen Gegner die Hände reiben.



Aus: "Identitätspolitik: Die digitalen linken Spießer" Ein Gastbeitrag von Jan Freyn (18. Juli 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-07/identitaetspolitik-linke-intoleranz-zensur-demokratie-meinungsfreiheit/komplettansicht

Kontext: https://www.zeit.de/2020/29/cancel-culture-liberalismus-rassismus-soziale-gerechtigkeit

Quote
EinHistoriker #23

"Wie der Philosoph E.M. Cioran einmal hellsichtig bemerkt hat..."
Vielleicht bin ich ja auch nur ein moralisierender Linker, aber ich bezweifle, dass Cioran, ein Antisemit, Anhänger der rumänischen Eisernen Garde und Bewunderer Hitlers ein geeigneter Zeuge gegen die echte oder angebliche Linke ist.



Quote
kosmokrator #23.1

Sie bestätigen genau den Artikel. Welch verachtenswerte Anschauungen auch immer Cioran (oder jeder Mensch) hatte, dies diskreditiert nicht automatisch alle Aussagen.

Luther als Antisemit hat durchaus treffende Kritik am Katholizismus geäußert.

Che Guevara hat trotzdem dass er ein skrupelloser Mörder war manche sozialen Misstände korrekt angeprangert.

Die amerikanischen Gründerväter haben mit der amerikanischen Verfassung ein wunderbares Meisterwerk vollbracht obwohl sie zum Teil Sklaven hatten.

Usw.usf.

Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Hauptsächlich besteht sie aus Grautönen.
Und eine infantile Vereinfachung aller Zusammenhänge ist auch ein merkmal der regressiven Linken. Genau wie der extremen Rechten.


Quote
Thore-lk #58

Bravo!

Leonardo da Vinci: "Jede kleine Ehrlichkeit ist besser als eine große Lüge."


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« Reply #4 on: July 28, 2020, 03:15:55 PM »

Quote
[...] Welche Auswirkung die Cancel Culture auf die Freiheit der Kunst hat, das ist Thema einer Diskussion, die heute Abend die Philosophin Juliane Rebentisch mit Matthias Mühling, dem Direktor des Lenbachhauses, und der freien Kuratorin Katja Kobold führt. Ort ist das Lenbachhaus, denn die in den digitalen Medien geborene Cancel Culture hat inzwischen auch Auswirkungen auf Museen.

"Cancel Culture ist ein Internet- Phänomen: Es formieren sich Online-Bewegungen sozusagen in Reaktion auf Informationen, die bekannt werden über das moralisch politische Fehlverhalten von öffentlichen Personen. Bewegungen, die fordern, der entsprechenden Person ihre öffentliche Bedeutung zu entziehen, sie zu kanzeln, sie sozusagen öffentlich nicht mehr stattfinden zu lassen", erklärt Juliane Rebentisch. Und führt den wohl prominentesten Fall solcher Tilgung an: Kevin Spacey, der nach den Missbrauchsvorwürfen nicht nur aus dem bereits abgedrehten Film Ridley Scotts "Alles Geld der Welt" herausgeschnitten – im wahrsten Sinne getilgt wurde.

Wie #Metoo, so ging auch diese Bewegung ursprünglich von Opfern struktureller Diskriminierung aus, einer Diskriminierung, die von der herrschenden Kultur lange gedeckt worden ist. Der öffentliche Druck sorgt für eine Umkehr: Die bislang Diskriminierten emanzipieren sich, und die, die bislang von der Diskriminierung profitierten, werden angeklagt, oder müssen sich zumindest dafür rechtfertigen.

Der ditigale Tilgungsfuror aber richtet sich inzwischen längst nicht mehr nur gegen Fälle von "jusitiziablem Fehlverhalten" - wie Rebentisch ausführt - sondern längst auch gegen Künstler, wie etwa im Fall Axel Krause. Krause hat - vor allem auf seinem Facebook-Kanal - immer wieder AfD-nahe Äußerungen publiziert. Daraufhin hat sich nicht nur seine Galerie - die renommierte Leipziger Galerie Kleindienst - von ihm getrennt, er wurde auch bei der Leipziger Jahresausstellung ausgeladen. Damit kommt die Frage nach der freien Meinungsäußerung ins Spiel.

Doch das sind zwei verschiedene Vorgänge. Juliane Rebentisch sieht die private Galerie keineswegs in der Pflicht, alle Meinungen abzubilden - sie müsse ihre eigene Programmatik verantworten. "Aber man kann sich fragen, ob der Ausschluss von Krause aus der Jahresausstellung, die ja keine spezielle Programmatik verfolgt, [...] so sinnvoll war, oder ob sie nicht einen Effekt provoziert, den die Cancel Culture zuweilen auch hat: Nämlich, dass sich die von ihr Betroffenen gegenüber einer dann auch imaginierten Übermacht politisch Korrekter sozusagen als Fackeln der Freiheit stilisieren können".

Auf ganz andere Weise schränken Trigger-Warnungen inzwischen immer wieder die Freiheit der Bildenden Kunst ein. Auch bei ihnen haben wir es mit einem genuinen Online-Phänomen zu tun, das prominenteste Beispiel ist die Online-Petition "Remove Balthus' Suggestive Painting of a Pubescent Girl". Darin forderte die Unternehmerin Mia Merill das New Yorker Metropolitan Museum dazu auf, Balthus' Gemälde "Thérèse träumend", eine erotische Darstellungen eines jungen Mädchens, zu entfernen. Ein Bild mit solchen Trigger-Warnungen zu versehen, raube den Museumsbesuchern die Möglichkeit, sich mit einer Darstellung von Gewalt, die durchaus inmitten der bürgerlichen Gesellschaft stattfinden kann, zu konfrontieren.

Trigger-Warnungen haben zudem den negativen Effekt, dass Kuratoren und Museen im vorauseilenden Gehorsam, konfliktträchtige Themen und Darstellungen von vornherein zu meiden suchen, um nicht ins Kreuzfeuer zu geraten.

Kann man, oder muss man Werk und Künstler trennen, oder ist die (moralische) Verdammung des einen das Aus des anderen? Darf das Bild eines jungen Mädchens in sexuell eindeutiger Pose im Museum hängen oder muss es weg, weil es zu sexuellen Übergriffen verführt, wenn nicht gar sie legitimiert? Das sind nur zwei der vielen Fragen, bei denen sich Kunst und Politik ins Gehege kommen. Die Münchner Kammerspiele widmen dem Spannungsfeld von Kunst und Politik die Diskussionsreihe Dreieck, in der die Philosophin Juliane Rebentisch mit jeweils zwei Gesprächspartnern das Verhältnis von Kunst und Politik ausleuchtet.


Aus: "Wie frei ist die Bildende Kunst in Zeiten der Cancel Culture?" (11.11.2019)
Quelle: https://www.br.de/nachrichten/kultur/wie-frei-ist-die-bildende-kunst-in-zeiten-der-cancel-culture,RhVbQMd

https://www.muenchner-kammerspiele.de/inszenierung/das-dreieck-3-freiheit-der-kunst
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« Reply #5 on: June 13, 2021, 12:12:52 PM »

Quote
[...] Pjönjang – Kim Jong-un ist kein Fan südkoreanischer Popmusik. Im Gegenteil unternimmt sein Regime in Nordkorea alles, um jeden popkulturellen Einfluss aus dem kapitalistischen Nachbarstaat zu unterbinden. Und doch fällt es der Diktatur trotz aller Restriktionen und Strafandrohungen immer schwerer, die eigene Jugend von Musik, Filmen und Dramen aus Südkorea fernzuhalten.

Nach Meinung von Kim Jong-un ist es schlicht ein „bösartiger Krebs“, der aus dem Süden ins Land dringt. Seine Staatsmedien lässt er verkünden, dass dieser „Tumor“ die „Kleidung, Frisuren, Sprache und Verhaltensweisen“ junger Nordkoreaner:innen „korrumpiere“. Apokalyptisch heißt es dort auf allen Kanälen, dass die „Volksrepublik wie eine feuchte Mauer zerbröckeln“ würde, wenn der kulturelle südkoreanische Einfluss nicht „kontrolliert“ werde.

Das Wort „kontrolliert“ ist wie so viel aus dem Vokabular der Kim-Diktatur als Euphemismus zu verstehen. Tatsächlich heißt es: auf jeden Fall und unter der Androhung drakonischer Strafen verboten. Erst kürzlich berichteten nordkoreanische Quellen dem Internetmagazin NK News von einer öffentlichkeitswirksamen Hinrichtung. Das Medium, das als wichtigstes Sprachrohr der nordkoreanischen Exil-Opposition gilt, erzählte die Exekution eines Mannes vor den Augen seiner engsten Familie nach. https://www.fr.de/politik/nordkorea-mann-hingerichtet-kim-jong-un-antisozialistische-handlung-90781356.html

Sein Verbrechen: Er soll dabei erwischt worden sein, wie er USB-Sticks mit südkoreanischen Medieninhalten in der nordkoreanischen Provinz verkauft haben soll. Zum Verhängnis wurde ihm das neue „anti-reaktionären Gedankengesetz“, wonach bereits eine unterlassene Meldung solcher „antisozialistischer“ Aktivitäten sieben Jahre Straflager nach sich ziehen kann.

Und doch hat die südkoreanische Popkultur, die weltweit immer mehr Fans für sich gewinnt, nun auch die letzte Grenze erreicht: Nordkorea. Der wachsende Einfluss der nur im geheimen gehandelten und konsumierten südkoreanischen Popkultur hat Kim Jong-un und seine Machtzirkel in einen „Kulturkampf“ gezwungen. An dessen Ende könnte es tatsächlich darum gehen, ob die Kim-Diktatur auch zukünftig einen de facto uneingeschränkten Zugriff auf die Menschen im Land behält.

Kims Problem besteht in der schieren Menge der über die südliche Grenze ins Land gelangenden Kulturerzeugnisse. Selbst eine dermaßen straffe und penibel organisierte Diktatur wie die des Kim-Clans kann kaum garantieren, jederzeit und überall im gut 120.000 Quadratkilometer umfassenden Staat ein Auge auf die Endgeräte seiner Jugend zu haben. Erst recht dann, wenn die Inhalte nicht über das staatlich zensierte Internet, sondern mittels Datenträgern wie CDs, USB-Sticks und externe Festplatten gehandelt werden.

Und so ist in den letzten Monaten in Nordkorea kaum ein Tag vergangen, an dem Kim oder seine staatlichen Medien, die sich in seinem Land ausbreitenden „antisozialistischen und nichtsozialistischen“ Einflüsse nicht verteufelt hätten. Im Fokus der staatlichen Zensur stehen vor allem südkoreanische Filme, sogenannte K-Dramen und K-Pop-Videos. Im Zuge eines zunehmend als verzweifelt wahrgenommenen Bestrebens, diese Einflüsse zurückzudrängen, soll Kim Jong-un seinem Staatsapparat befohlen haben, die laut New York Times „kulturelle Invasion auszurotten“.

Kims Zensur ist mithin alles andere als das Wüten eines verstimmten Diktators. Sie fällt in eine Zeit, in der sich der Zustand der seit langem maroden nordkoreanischen Wirtschaft weiter verschärft. Die Gründe für diesen Zustand sind so vielfältig wie in ihrer Zusammenstellung giftig für die Dynastie der Kims. Die Corona-Pandemie, eine konsequente Abriegelung des Landes, eine kaum noch stattfindende Diplomatie mit westlichen Nationen: Der jüngsten nordkoreanischen Generation werden genügend Gründe geboten, empfänglich für Einflüsse von außen zu sein.

„Die jungen Menschen in Nordkorea finden nicht, dass sie Kim Jong-un etwas schulden“, erklärt Jung Gwang-il. Jung, ein in Südkorea ansässiger Exil-Nordkoreaner, betreibt ein Netzwerk zum Schmuggel von K-Pop in seine alte Heimat. „Er ist jetzt gezwungen, seine ideologische Kontrolle über die Jugend wieder geltend zu machen, wenn er die Zukunft der dynastischen Herrschaft seiner Familie nicht aufs Spiel setzen will.“

Die Loyalität der Millennials im Land gegenüber der seit drei Generationen herrschenden Kim-Dynastie wurde mehr als einmal auf die Probe gestellt. Sie wurden während einer Hungersnot in den späten 1990er Jahren erwachsen. Sie erlebten mit, wie das Regime keine Nahrungsrationen bereitstellen konnte und Millionen Menschen starben. Sie wurden von klein auf mit einem System vertraut, in dem Familien nur überlebten, indem sie ihre Lebensmittel auf inoffiziellen Märkten erstanden.

Neben den aus dem kommunistischen Schwesterstaat China ins Land geschmuggelten Nahrungsmitteln, kamen die heranwachsenden Leistungsträger:innen der „Volksrepublik“ so schon früh in Kontakt mit unter dem Tisch gehandelten Unterhaltungsmedien aus südkoranischer Produktion. Für das Narrativ des Regimes, wonach Südkorea ein verarmter Staat von Bettler:innen sei, ist diese Entwicklung brandgefährlich. Setzt sich die Überzeugung durch, dass diese vom Nachbarn behauptete Armut tatsächlich zwischen den eigenen Landesgrenzen beheimatet ist, muss Kim Jong-un ein zunehmendes Aufbegehren seiner Bevölkerung fürchten.

Und genau diese Wahrheit erzählen die über die südliche Landesgrenze geschmuggelten Dramen. Die nordkoreanischen Millennials sehen Geschichten von Südkoreaner:innen, die freiwillig Diät halten, um Schönheitsansprüchen zu genügen, während sie selbst im täglichen Kampf ums Überleben und inmitten eines ständigen Nahrungsmangels aufwuchsen. Um eine flächenbrandartige Verbreitung dieser Anschauung zu verbreiten, reagiert die Kim-Diktatur mit Gesetzen, die beispielsweise zwei Jahre Zwangsarbeit für jene bereithalten, die „im südkoreanischen Stil sprechen, schreiben oder singen“.

„Für Kim Jong-un hat die kulturelle Invasion Südkoreas ein erträgliches Maß überschritten“, sagte Jiro Ishimaru, Chefredakteur von Asia Press International. Seine Webseite wirft von Japan aus einen kritischen journalistischen Blick auf Nordkorea. „Er befürchtet, dass sein Volk anfangen könnte, den Süden als alternatives Korea zu betrachten, wenn es nicht mit harter Hand handelt.“

Und so lässt er seine Behörden nun auch nicht mit dem Internet verbundene Datenträger nach Inhalten und gar Akzenten durchsuchen, die auf einen Konsum südkoreanischer Medien hinweisen. Die jungen Frauen im Land sind angewiesen, von ihren männlichen Bekanntschaften als „Genossen“ zu reden. Finden sich Formulierungen wie „Honey“, einer in Südkorea üblichen Bezeichnung für den eigenen Liebhaber, folgen Verhöre und unangenehme Fragen. Dies kann so weit führen, dass die gesamten Familien derjenigen, die den „Marionettenakzent“ des Südens „nachahmen“, aus ihren Städten vertrieben und in die äußerste Provinz geschickt werden.

Und doch könnte es für Kim Jong-un und seine Staatspropaganda bereits zu spät sein, die entstandenen Risse zu kitten. Pop-Schmuggler Jung Gwang-il beispielsweise nennt den südkoreanischen Film „Eifersucht“ als einen Grund für seine Flucht aus dem Norden. Das K-Drama über junge Liebe sei ein „Kulturschock“ für ihn gewesen: „Im nordkoreanischen Fernsehen drehte sich alles um die Partei und den Führer“, erinnert er sich. „Wir haben dort nie eine so natürliche Darstellung menschlicher Emotionen gesehen. Nicht einmal einen Mann und eine Frau, die sich auch nur küssen.“

Mit seiner Erfahrung steht Jung nicht allein. Im Rahmen einer Umfrage der Seoul National University wurden 116 Menschen befragt, die in den Jahren 2018 und 2019 aus Nordkorea geflohen waren. Fast die Hälfte gab an, im Norden „häufig“ südkoreanische Unterhaltung gesehen zu haben. Im Moment besonders beliebt, so erzählt es Jung, sei die Serie „Crash Landing on You“. Dort dreht es sich um eine südkoreanische Erbin, die beim Paragleiten von einem Windstoß über die Grenze getragen wird und sich in einen nordkoreanischen Armeeoffizier verliebt.


Aus: "Südkoreanische Einflüsse: Feindbild K-Pop: Kim Jong-un führt Kulturkrieg um die nordkoreanische Jugend" Mirko Schmid (13.06.2021)
Quelle: https://www.fr.de/politik/nordkorea-kim-jong-un-kpop-kulturkrieg-nordkoreanische-jugend-suedkorea-90800619.html

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Thomas Ortlauf

Ergaenzend zum Girl Band Titel-Foto: Die "Gefahr" duerfte meiner Einschaetzung nach eher von den suedkoreanischen Boy Bands (fuer die z.B. meine Tochter auch sehr schwaermt) auf die WEIBLICHE nordkoreanische Jugend ausgehen (Untergrabung des martialischen Maennerbildes, "subversive" Zersetzung der "Kampfkraft" der nordkoreanischen "Volksgemeinschaft").


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Detlefvon Seggern

Auch Kim Jong wird im Zeitalter des weltweiten Internets, den Wandel der Zeit nicht aufhalten können, wo junge Menschen wie auch immer, mehr mitbekommen, das es auch ein anderes Leben gibt, als jenes, was ihnen Kim Jong vorschreiben will. Russland und China lassen diesbezüglich grüßen. Auch in der ehemalige DDR, ist dies durch noch so alle Abschottungsversuche des Staates, nicht gelungen ...


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