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Author Topic: [1968 (Afterglow) // Notizen... ]  (Read 22124 times)

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #70 on: April 04, 2021, 01:03:01 PM »

Pathetisch gesagt: Wir haben die abgespaltene Emotionalität zurückerobert.

Quote
[...] taz FUTURZWEI: Lieber Herr Professor Sloterdijk, wir haben hier einen Brief von enttäuschten Lesern, die sich abwenden von dem, was wir als Vernunft verstehen, und zu den Corona-Protesten konvertieren. Wenn man das liest, denkt man, sie konvertieren von sich selbst zu etwas anderem. Uns interessiert, wie es genau funktioniert, dass angesichts einer krisenhaften Entwicklung Leute so wegkippen oder die Seite wechseln. Dem Sozialpsychologen fällt nichts dazu ein. Deshalb fragen wir den Philosophen.

Peter Sloterdijk: Ich fürchte, der Philosoph als solcher ist auch nicht imstande, hierauf sinnvoll zu antworten. Ich dürfte höchstens aus meiner eigenen Biografie schöpfen und mich daran erinnern, dass es in meiner Lebensgeschichte eine Periode gab, in der ich prekäre Erfahrungen gemacht habe, die ich nicht missen möchte, aber auch nicht festhalten konnte: das Glück, einer Sekte anzugehören, die im Besitz einer alternativen Wahrheit zu sein glaubt.

FUTURZWEI: Sie lebten um 1980 in dem Meditationszentrum des Bhagwan Shree Rajneesh im indischen Pune. Was suchten Sie?

Peter Sloterdijk: Damals gab es eine Phase, als bei uns die marxistisch codierten Rechthabe-Gefühle gegenüber dem Lauf der Welt am Verblassen waren, aber die Bereitschaft für eine alternative Wahrheit immer noch aktuell blieb, ob sie aus Indien kam oder von einem anderen Ende der Welt. Diese Neigung zu einer Konversion gegen das Gewöhnliche, so scheint mir, liegt auch heute wieder in der Luft. Jetzt wie damals wollen viele nicht glauben, dass die Vernunft bei der Mehrheit ist.

FUTURZWEI: Muss sie das denn?

Peter Sloterdijk: Nun ja. Lässt man sich auf die Annahme ein, dass Wahrheit auf die Dauer etwas mit Zustimmungswürdigkeit zu tun hat, so sollte es nicht falsch sein, wenn die Wahrheit sich um Mehrheit bemüht.

FUTURZWEI: Sind Sie damals auch aus der gesellschaftlichen Realität der späten 1970er-Jahre in eine alternative Wirklichkeit gewechselt?

Peter Sloterdijk: Nachdem das Wort »alternativ« so vergiftet ist, würde ich es anders ausdrücken. Die Fluchttendenz der späteren 70er-Jahre wies ja seltsamerweise in die Hauptrichtung der sozialen Entwicklung, sprich: Vermehrung der Freiheitsgrade, sexuelle Emanzipation, erhöhte Aufmerksamkeit für weibliche Werte. Was scheinbar als Orientalismus begonnen hatte, sollte sich als Vorschule zum kosmopolitischen Empfinden erweisen. 30 Jahre später wurde vom Mainstream eingeholt, was anfangs ins Abseits oder auf den Weg nach innen geführt hatte. Insofern hatten wir Poona-Reisenden Glück: Wären wir nicht vom Hauptfeld geschluckt worden, hätte sich die sektiererische Abspaltung vertieft. Das gilt vermutlich für die Vorhut meiner Generation insgesamt: Die 68er-Bewegung hatte die Form einer Sekte, die ironischerweise in den Mainstream mündete.

FUTURZWEI: Was ist denn damals mit Ihnen passiert?

Peter Sloterdijk: Mein Wechsel in die andere Wirklichkeit hatte damit zu tun, dass damals ein »alternatives« Wahrheitsverständnis aufgekommen war, vor allem dadurch, dass eine emotionale Komponente in die diskursiven Wirklichkeitsauffassungen eindrang. Die Sekte diente damals als ein Medium der emotionalen Vervollständigung. Pathetisch gesagt: Wir haben die abgespaltene Emotionalität zurückerobert. Mit bloß akademischen Mitteln, aber auch mit den Mitteln der traditionellen Psychoanalyse hätten wir sie nicht wiedergewinnen können. In den 70er-Jahren herrschte in der Subkultur eine gruppentherapeutische Euphorie. Die gipfelte in der Überzeugung, dass die Wahrheit im Gefühlsausbruch liegt und dass zur Authentizität eine gewisse Heftigkeit gehört.

FUTURZWEI: Das endete aber nicht zwangsläufig im Irrsinn.

Peter Sloterdijk: Sicher nicht. Doch warum? Weil wir damals in den inneren Grenzgängen den Unterschied zwischen Katharsis und Ausagieren kennenlernten. Wutausbrüche und Tränen sind manchmal Vorstufen zur Unterlassung von Verbrechen. Dadurch, dass die sektiererische Therapie- und Meditationsszene von damals eine Bewegung der menschlichen Vervollständigung war, musste sie eben nicht zur Abspaltung von der Gesamtgesellschaft führen. Diese Avantgarde-Idee, die damals mit einem gewissen Sektarismus verknüpft war, bedeutete ein Privileg, das Menschen in den 70er-, 80er-Jahren wahrnehmen konnten. Ich zähle mich zu den Begünstigten. Heute sehe ich hingegen mit Unruhe, dass auch viele Leute, die nicht zu denen mit den primitivsten Reflexen gehören, aus dem Gesprächszusammenhang der größeren Gesellschaft herausspringen, um ihre Wahrheiten nur noch subkulturell zu definieren. Diese Sezessionen zeigen eine riskante Dynamik auf. Man weiß nicht, ob diese Leute jemals zurückkommen.

FUTURZWEI: Versuchen Sie doch bitte eine Annäherung, was da genau passiert.

Peter Sloterdijk: Ich weiß nicht, wie die Matrix zu beschreiben wäre, aus der sich die sektiererischen Konversionen unserer Tage erklären ließen. Das allgemeine Schema von Krisenstress und Durchbruchsfantasie dürfte auch auf sie anwendbar sein. Hermann Broch hatte von den späten 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts an seine »Massenwahntheorie« formuliert, die ich in den 80er-Jahre studierte. Broch wusste, wovon er redet, er hatte die aufgepeitschten Massen der NS-Zeit vor Augen, und seine Faschismustheorie ist aktuell geblieben. Seiner Auffassung nach sind moderne Gesellschaften großformatige Ensembles in präpanischer Erregung, die unter dem Eindruck von Krisenstress mehr oder weniger plötzlich in akute Panikzustände versetzt werden können. Demnach wäre Panik der Stoff, aus dem die irrationalen Masseneffekte sind. Kollektivpaniken manifestieren sich in Massenflucht durch enge Ausgänge oder in der Zuflucht zu einem Retter. Der trägt das Mandat, das Volk wieder groß zu machen, indem er die befreiende Katastrophe herbeiführt.

FUTURZWEI: Werden die Leute, die jetzt abspringen, irgendwann wieder zur rationalen Betrachtung der Lage zurückfinden?

Peter Sloterdijk: Wenn ich Brochs Schema auf die aktuellen Verhältnisse in den USA anwende, sehe ich ein großes Segment der Population, das auf der Schwelle vom präpanischen zum panischen Zustand schwankt. Nachdem die panische Vorhut, die das Kapitol stürmte, zurückgeschlagen wurde, ist zu vermuten, dass zahlreiche Unterstützer sich zu milderen Formen von Sektarismus rekonvertieren werden. Auch fanatische Trumpianer werden wahrscheinlich nicht in der Dauerverrücktheit stehen bleiben. In Amerika sind die verschiedenen Formen des Irrationalismus sehr durchlässig und können jederzeit in weniger heftige Ausprägungen übergehen. Man weiß zum Beispiel, nicht alle, die sich bei Ron Hubbard und seiner Science-Fiction verhakt hatten, sind dabeigeblieben, obwohl man ihnen den Ausstieg schwer machte. Wer abfällt, kann sich dort drüben ziemlich leicht in mildere Formen des evangelikalen Separatismus einordnen.

FUTURZWEI: Die Frage ist doch, ob ein der Realität angemessenes wirtschafts- und klimapolitisches Rahmenprojekt überhaupt Konsens werden kann. Vielleicht sind die Lösungen für die aktuellen Probleme zu komplex, um populär zu werden, weswegen Radikalisierung und Irrsinn zunehmen.

Peter Sloterdijk: Eine Radikalisierung geschieht besonders in dem Augenblick, wo jemand sich selbst zum Medium des Zeitgeistes proklamiert, sagen wir etwa im »Modus Greta«. Radikalisierung liegt immer in der Luft, wenn Menschen die Flucht »aus der Angst in die Ekstase« vollziehen, um den Titel der bekannten klinischen Studie von Pierre Janet aus den 1920er-Jahren zu erwähnen.

FUTURZWEI: De l'angoisse à l'extase. [Von der Angst zur Ekstase. ... De l'angoisse à l'extase: études sur les croyances et les sentiments
Buch von Pierre Janet 1926]

Peter Sloterdijk: Konversionen sind für die kommenden Jahre und Jahrzehnte massenhaft zu erwarten; es ist sehr wahrscheinlich, dass immer mehr Menschen aus der Angst in die Ekstase aufbrechen, beziehungsweise aus der Ratlosigkeit in die Mission. Menschen als sinnsuchende Wesen sind leicht dazu zu bewegen, sich als Träger einer Mission zu verstehen, sobald sie spüren, wie der Appell eines Großproblems durch ihr eigenes Leben hindurchläuft.

FUTURZWEI: Wobei Greta Thunberg eine Zuwendung zu rationaler Politik repräsentiert und gerade nicht eine Abwendung.

Peter Sloterdijk: Sie wechselt aus der pubertären Ohnmacht in eine Ergriffenheit, aus der ihre Mission entspringt.

FUTURZWEI: Aber auf einer rationalen Grundlage: dass nur globale Politik in der Lage ist, die globalen Probleme zu lösen.

Peter Sloterdijk: In jeder Epoche werden andere Aufstiege in erweiterte Horizonte ausprobiert. Nach der Französischen Revolution führten die zeitgemäßen Konversionen regelmäßig zu liberalen oder zu sozialistischen Positionen. Wem dieses starke Entweder-oder zu anspruchsvoll schien – denn Liberalismus ohne Selbstlosigkeit ist ebenso undenkbar wie Sozialismus –, der konvertierte eher zur Nationalität und fand in der Behauptung des eigenen Kollektivs seine Mission. Was man als eine betrügerische Form der Selbstmission betrachten kann.

FUTURZWEI: Inwiefern?

Peter Sloterdijk: Dass man für das, was man durch Geburt sowieso ist, auch noch Partei ergreift, als ob die chauvinistische Selbstvergrößerung etwas Höheres sei. Dabei hatte der selige Nicolas Chauvin, der unter Napoleon diente, noch seine 17 Verwundungen, mit denen er prahlen konnte.

FUTURZWEI: Unsere Grundfrage lautet: Werden die Leute wirklich irre im Sinn einer Pathologie oder haben diese Formen von Wahrheitssuche im »alternativen« Bereich andere Ursachen? Sie haben jüngst in einem Essay über den »Zynismus des Pöbels« gesprochen und ihn als Reaktion auf den »Zynismus der Eliten« gedeutet. Zynischer Pöbel, das wären in den USA die Leute, die das Kapitol in Washington stürmen, bei uns sind es die Corona-Leugner, die keine Lust mehr haben, die Maske aufzusetzen, weil sie meinen, auf andere keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen, nachdem die anderen, scheinbar, auch keinerlei Rücksicht auf sie nehmen.

Peter Sloterdijk: Die Bilder vom Sturm aufs Kapitol werden uns noch eine Weile beschäftigen. Ich bin überzeugt, dass es keineswegs nur Unterschicht-Individuen waren, die sich da zusammengefunden haben. Es waren akademische Personen dabei, auch Militärs, Millionärssöhne und Staatsfeinde aller Couleur. In den USA läuft gerade eine interessante Diskussion darüber, ob es nicht »abwärtsmobile Intellektuelle« sind, zum Teil mit PhD – früher hätte man sie »deklassiert« genannt, die sich in den gegen den Konsensus meuternden Gruppen hervortun, weil sie dort Sprechrollen finden, wie sie sie als Hochschullehrer oder als Beiträger zu Feuilletondebatten nie und nimmer wahrnehmen könnten. Man sollte, scheint mir, solche Ereignisse immer auch mit dem Zynismus des geschulten Berufsberaters betrachten. Die Krise ist eine große Arbeitgeberin, und aus dem ideologischen Chaos entspringen immerzu wilde Karrieren, in die man nur im Modus der Selbsternennung gerät.

FUTURZWEI: Wenn ich bei der CDU nix geworden bin und zur AfD gehe, kriege ich dort eine beachtliche Rolle. Bekehrungen dieser Art sind sichtlich interessengeleitet. Aber es gibt unleugbar auch einen Teil der Gesellschaft, der es aufgegeben hat, an die Vertretung seiner Interessen im etablierten Parteienspektrum zu glauben. Der möchte jetzt einfach nochmal auf die Kacke hauen. Das ergibt seine alternative Wahrheit.

Peter Sloterdijk: Also hätten wir es nicht mit Wahrheitsuchern zu tun, sondern Wahnsinnssuchern, mit Krawallisten im Alternativengewand. Man kann das mit den grellen Posen in der Popkultur vergleichen. In der Multioptionsgesellschaft ist ein wenig Wahnsinn ein Geschäftsmodell. Man kommt vermutlich analytisch weiter, wenn man bei Phänomenen dieser Art eine Variante von politischem Existenzialismus als Deutungsschlüssel ansetzt, als wenn man beim Einzelnen tiefenpsychologische Motivforschung betreibt. Erweckungen gehören zu den elementaren Risiken von Lebensläufen, sie finden zu den ungewöhnlichsten Zeitpunkten statt. Oft geschehen sie zu Zeiten, wenn der äußere Druck zunimmt. Sektenforscher konnten zeigen, dass der Zustrom zu islamischen Gruppen sich verdoppelt, sobald die antiislamische Repression kulminiert.

FUTURZWEI: Das heißt?

Peter Sloterdijk: Das heißt, es gibt eine Dynamik der Gegenidentifikation. Wer der Mehrheit beitritt, löst sich auf. Mehrheit ist eine fade Bouillon. Meistens traut man sich nicht genügend Kompaktheit zu, um sich nicht in der Normalbrühe aufzulösen. In der Minderheit behält man Kontur. Wer verneint, spürt sich mehr. Im Übrigen muss man in diesem Zusammenhang auch an alte Soldatenweisheiten erinnern. Eine davon lautet: Noch immer hat der Krieg seinen Mann ernährt. Das heutige Äquivalent zum Krieg ist die andauernde Krise, auch die sorgt für die Ihren.

FUTURZWEI: Eine Sache, die auffällt, bei allem, was Sie schreiben oder in Interviews äußern: Die Medien, sagen Sie, sogar die Qualitätsmedien, seien Betreiber und Verstärker der Irrationalität. Weil das deren Geschäftsgrundlage ist?

Peter Sloterdijk: Ohne Zweifel. Die Medien sind in funktionaler Sicht Partner des Unfalls, des Verbrechens, des schlimmen Gerüchts. Sie bewirtschaften Ereignisse und Katastrophen. Die kurzfristige Katastrophenpublizistik hat naturgemäß einen irrationalen Anteil. Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, die Medien kooperierten allesamt mit dem Irrsinn. Aber denken Sie an die Resonanz auf einen Terroranschlag im eigenen Land oder innerhalb der Europäischen Union: Regelmäßig wird jeder Angriff im Maßstab von eins zu einer Million vergrößert, bis sich alle bedroht glauben. Dabei sollte man längst wissen, dass Terrorismus eine Kommunikationstechnik ist, die nur funktioniert, wenn sie mit medialen Multiplikationen rechnen darf. In Lenins Dekreten über den roten Terror von 1918 wird verordnet, dass die Publikation der Listen der von Revolutionären Ermordeten in einem Umkreis von einhundert Werst bei denen, die als Nächste dran sein könnten, Furcht und Zittern bewirken muss.

FUTURZWEI: Sie haben gesagt, was sich als Information ausgibt, ist in der Sache oft nichts anderes als Erregung, Vergiftung und Zerstörung der öffentlichen Urteilskraft.

Peter Sloterdijk: Das kann man im Hinblick auf viele Abläufe bestätigen. Die Verknüpfung zwischen der Epidemiologie und der Semantik wurde übrigens schon durch Jean Baudrillard vor einem halben Jahrhundert hergestellt. Demnach soll man bei jeder Nachricht neben dem Content auch die emotionale Ladung in Betracht ziehen, weil sie es ist, die für die Ausbreitung sorgt. Nachrichten sind Vektoren, sie sind erfolgreich, wenn sie informatische Epidemien auslösen. Das moderne Nachrichtenwesen vollzieht sich im Modus von künstlichen Epidemien, die binnen 24 Stunden Millionenpopulationen infizieren. Ohne die Ansteckungsfaktoren können emotionale und thematische Synchronisierungen größerer Populationen nicht gedacht werden. Gelegentlich findet auch effektive Information statt, denn im Wettstreit zwischen dem Mitteilungswert und dem Erregungswert einer Nachricht kann gottlob so etwas wie Lernen und Abklärung geschehen. Wäre es anders, blieben uns nur Verhetzung und Verrücktmacherei.

FUTURZWEI: Abgedriftete Milieus lassen aufklärerische Informationen nicht mehr an sich heran.

Peter Sloterdijk: Das finde ich sehr beunruhigend. Auch die Tatsache, dass Trump hartnäckig den Wahlsieg reklamierte, spricht dafür, dass er nur noch den Spiegelungen seiner Fiktionen begegnete. Für Tatsachen gab es in seinem Weltbild keinen Platz mehr.

FUTURZWEI: Für knapp die Hälfte der Wählerschaft in den USA, 74 Millionen Menschen, scheinen unsere Rationalitätskriterien also nicht mehr konsensfähig. Aus historischer Sicht beobachten wir in den totalitären Systemen genau diesen Effekt: Was wir als moderne Demokraten als vernünftig verstehen, wird völlig suspendiert, und eine andere Form von kollektiver Wahrheit wird etabliert. Insofern ist die Frage nach dem Irresein letztlich auch eine Frage nach dem Verhältnis von Mehrheit und Minderheit. Bei einer knappen Minorität von 74 Millionen wird es schwierig.

Peter Sloterdijk: Wer heutzutage auf eine reine Konsensus-Theorie der Wahrheit setzen wollte, gerät in eine etwas problematische Situation, vorsichtig gesprochen. Der Konsensus ist offenbar nicht imstande, sich dem Schwerefeld des Wahns zu entziehen.

FUTURZWEI: Damit rühren wir an einem heiklen Punkt der Gegenwart.

Peter Sloterdijk: Aber auch an einem heiklen Punkt der Vergangenheit. Denken Sie daran, dass im 17. Jahrhundert jeder dritte Spanier sich entschlossen hatte, in einen Orden einzutreten. Was verrät, wie sehr die Lebensperspektiven für die meisten Menschen auf der Iberischen Halbinsel jener Zeit versperrt waren. Der Aufbruch in die Neue Welt, die man gerne mit der spanischen Seefahrt verbindet, war nur relativ wenigen zugänglich.

FUTURZWEI: Worauf wollen Sie hinaus?

Peter Sloterdijk: Das war die höchste Blütezeit der spanischen Kultur, die Wendung »Siglo de Oro«, Goldenes Jahrhundert, klingt uns ja immer noch in den Ohren. Gleichzeitig war der Faktor kollektiver Verrücktheit so immens wie später kaum jemals wieder. Um das an einem prominenten Beispiel zu erläutern: Würde uns Isaac Newton heute über den Weg laufen, auch er ein Geschöpf des 17. Jahrhunderts, würden ihn die meisten für einen illuminierten Verrückten halten. Seine Biografen berichten, dass er ein paar Hundert Bücher mit naturwissenschaftlichen Titeln besaß, der Schwerpunkt seiner Bibliothek bestand aber aus esoterischen Büchern, deren Inhalt wir längst als Hokuspokus betrachten. Sobald Newton der Mathematik den Rücken kehrte, schwelgte er in Irrationalismen. Wahrscheinlich neigen wir dazu, den Verrücktheitsindex für kollektive Zustände in der Vergangenheit zu unterschätzen und für die gegenwärtige Zeit zu überschätzen.

FUTURZWEI: Wenn wir uns der Gemeinde der modernen Vernunft zurechnen würden und bestimmte Rationalitätsunterstellungen machen, dann stellt sich angesichts der Hälfte der amerikanischen Wählerschaft doch die Frage: Trägt denn das noch, wozu wir uns bekennen? Oder stehen wir als selbsternannte Vernünftige längst mit dem Rücken zur Wand? In einem Essay zum Brexit im Handelsblatt haben Sie vor Kurzem einige diagnostische Denkfiguren vorgeschlagen: Sie deuten den Populismus als Aggressionsform der Simplifikation und die Demokratie als Ernstfall der Epidemiologie. Was heißt das?

Peter Sloterdijk: Wir sehen die Flammenschrift an der Wand doch schon seit längerer Zeit. Bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich vom April 2017 haben in der ersten Runde mehr als 41 Prozent der Wähler für links- und rechtsradikale Wahnsysteme votiert, die unter den Namen Le Pen und Mélenchon firmieren, zusammen über 14 Millionen Stimmen, während der spätere Präsident Macron in der ersten Runde achteinhalb Millionen Stimmen auf sich vereinte und froh sein durfte, die zweite Runde zu erreichen, um sie dann gegen Le Pen zu gewinnen; die erreichte bestürzende 34 Prozent. Die Bereitschaft von Menschen, mit ihren Wählerstimmen verrückte Dinge zu treiben, ist seit der Verkündung des allgemeinen Wahlrechtes sehr hoch, die Einführung der allgemeinen Vernünftigkeit erfolgte offensichtlich asynchron. Das ist, möchte ich meinen, eine geschlechtsneutrale Beobachtung.

FUTURZWEI: In dem oben erwähnten Brief lauten die zentralen Formulierungen, auf den Punkt gebracht: Hiermit trete ich aus der Wirklichkeit aus! Zugleich mache ich anderen das Angebot, mit mir aus der Wirklichkeit auszutreten. Auch angesichts der Entwicklungen durch die Pandemie stellt sich die Frage: Wächst das Bedürfnis nach dem Austritt aus der Wirklichkeit?

Peter Sloterdijk: Wenn man das wissen könnte! Sie rühren jedenfalls an dem sensitiven Punkt. Man könnte Heraklit zitieren, der bemerkte, dass schlafend jeder Mensch in seiner eigenen Welt sei. Es komme aber darauf an, der gemeinsamen Tageswirklichkeit zu folgen. Seit jeher werden viele Communities über Trauminhalte oder Fest- und Rausch-Zusammenhänge gestiftet. Es gibt wohl so etwas wie einen Sozialismus der Nacht. Wir Europäer haben zur Stunde Glück, dass die Wirklichkeitskonstruktion der Mehrheiten im Moment zumeist ohne allzu deutliche neurotische und psychotische Komponenten geschieht, zumindest was die westeuropäische und skandinavische Grundsituation anbelangt.

FUTURZWEI: Wie das?

Peter Sloterdijk: Nun ja, das Verlangen nach Wahnsinn scheint bis auf Weiteres noch bei den Minderheiten zu sein, obschon es an vielen Stellen köchelt. Von den irrationalen Wellen in Frankreich haben wir gesprochen; was soll man erst von den Polen sagen, die meinen, ihr Land sei der Christus unter den Völkern und der vor einigen Jahren mit dem Flugzeug abgestürzte Präsident ein Märtyrer?

FUTURZWEI: In Polen ist die Ansicht populär, ihr damaliger Präsident sei ermordet worden. Beobachter im Ausland gehen eher davon aus, er habe neunzig Leben auf dem Gewissen, weil er den Piloten der Unglücksmaschine nötigte, zum vierten Mal den Landeanflug zu versuchen, bei Sicht gegen Null.

Peter Sloterdijk: Die Formel vom »Austritt aus der Wirklichkeit« scheint mir sehr entwicklungsfähig. Gerade kommt mir der Satz von Joseph Beuys ins Ohr: »Hiermit trete ich aus der Kunst aus.« Er wollte in etwas eintreten, was wirklicher und verbindlicher sein sollte als Kunst in ihrer betriebsförmigen Verfasstheit. Man kann es auch so sagen, dass viele Menschen sich gern im spitzen Winkel zur Wirklichkeit aufstellen, wodurch die sogenannte Wirklichkeit an ihnen abgleitet wie am Bug eines Schiffes. Man geht im Keil auf das sogenannte Reale zu, Frontalität ist in der Regel unerwünscht. Das Austreten aus der Wirklichkeit ist übrigens zu einer Industrie geworden, seit die Menschen dank der Vierzigstundenwoche sehr viel Freizeiten erlangt haben. Seit der frühen »Kritischen Theorie« ist die Diagnose ausgesprochen und hingeschrieben, dass die Unterhaltungsindustrie auf ihre Weise den Ernstfall der Industriegesellschaft inkarniert. Ablenkung gehört zu den ernstesten Dingen – schon Pascal hatte das erkannt, als er notierte, ein König ohne Unterhaltung sei ein elendes Geschöpf. Zumeist treibt man Unfugsprävention, indem man den Unfug ritualisiert.

FUTURZWEI: Dazu gehört auch der heilige Unernst, mit dem häufig über Politik gesprochen wird.

Peter Sloterdijk: Könnte es nicht sein, dass die reale Realität die Summe der Eskapismen ist? Ich habe jüngst gelesen, die Lebenserwartung bei russischen Männern sei in den letzten 20 Jahren kräftig angestiegen. Gegen das Ende der Sowjetunion lag sie so niedrig wie zuvor nur bei steinzeitlichen Bevölkerungen. Viele Menschen im Osten hatten nicht den Übergang vom Kapitalismus in den Sozialismus erlebt, sondern den in den Alkoholismus. Diese Tendenz gehört im Übrigen zu den Modernismen, an denen die muslimische Welt sich nicht beteiligt. Wahrscheinlich hat die Erregungs- und Gekränktheitsbereitschaft von Muslimen etwas mit ihrer Abstinenzkultur zu tun. Das wichtigste Ventil der dionysischen Kulturen steht bei ihnen nicht offen. Dann nimmt auch die Religion leichter einen rauschhaften endomorphinistischen Zug an.

FUTURZWEI: Könnte der Evangelikalismus US-amerikanischer Prägung zu einem Rauschdefizit führen, der sich dann in die Exaltiertheit der Wirklichkeitsdeutung übersetzt und in fanatische Gemeinschaftsbildung im Sinn einer Trump-Gefolgschaft übergeht?

Peter Sloterdijk: Man darf einen Zusammenhang vermuten. Dafür spricht die Tatsache, dass die evangelikalen Rituale sich als außerordentlich exportgeeignet erweisen. In Lateinamerika, wo die katholische Kirche das religiöse Feld jahrhundertelang nahezu monopolisiert hatte, hat man den protestantischen Sekten aus dem Norden Tür und Tor geöffnet. Die Triade aus Jubel, Arbeit und Struktur war bei den Ärmeren erfolgreich implantierbar. Sie gibt eine Art von Halt, wie er in der Szene des herkömmlichen katholischen Pauperismus nicht zu finden war. Über Phänomene dieser Tendenz wird man im Lauf des 21. Jahrhunderts noch einiges hören, denn die Sekten wachsen schnell. Es gehört ja, wie Canetti in Masse und Macht gezeigt hat, zum Wesen der Sekte, dass sie expandieren muss. Die Sektenmasse erhält sich, indem sie immer mehr vom Außen in sich hineinzieht. Ihre Hymne heißt: Wir werden immer zahlreicher.

...


Aus: "Philosoph Peter Sloterdijk im Gespräch: Austritt aus der Wirklichkeit" Interview: PETER UNFRIED und HARALD WELZER (2021)
Quelle: https://taz.de/Philosoph-Peter-Sloterdijk-im-Gespraech/!5763709/
« Last Edit: June 16, 2022, 03:17:57 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #71 on: September 08, 2021, 11:17:36 AM »

Quote
[...] Die Beatles haben ihren letzten öffentlichen Auftritt zu viert, lösen sich aber nicht auf. Ihre nächsten Kompositionen sind Teil der 68er-Revolte

... Wer im Erfolg der Beatles ein nicht nur musikalisches, sondern auch politisches Phänomen sieht, wird gleichwohl die Jahre vor 1966 am interessantesten finden. Politisch? Sie taten doch nichts, als von Liebe zu singen. Immerhin machten sie außerhalb der Konzerte keinen Hehl daraus, dass sie etwa den Vietnamkrieg der USA missbilligten. In Manila, der Hauptstadt der Philippinen, spielten sie im Sommer 1966 vor 80.000 Menschen, weigerten sich aber anschließend, mit der Diktatoren-Gattin Imelda Marcos zu Abend zu essen. In den USA galt damals noch die Rassentrennung, auch bei Konzerten. Die Beatles bestanden jedoch auf deren Aufhebung und machten davon ihren Auftritt abhängig. ... An der letztgenannten „Nebensache“ sieht man schon, was ihre „Politik“ war, nämlich dass sie ungeheure Massen von Jugendlichen versammelten, denen sie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit gaben. Wenn sie auch sonst nichts verlangten oder erwarteten – keine spezielle politische Botschaft vortrugen, wie das andere Bands taten –, eine Spaltung ihres Publikums ließen sie nicht zu. Und das Gefühl der Zusammengehörigkeit war keine Illusion.

... Wenn man die Lieder der Beatles durchgeht, ist All You Need Is Love wohl noch das politischste. Paradox genug! Denn hier wird nicht einmal von der Liebe, wie in anderen Liedern, viel erzählt (wie man auf sie hofft, was ihre Krisen sind, wie sie scheitert), sondern wir hören „love, love, love“ und nur so viel wird deutlich, dass es auch um den Frieden geht. Sie singen nicht „Make love, not war“, aber darauf läuft es hinaus. Wichtig die Nebenumstände: Da das Lied für eine Fernsehsendung bestellt worden war, die am 25. Juni 1967 per Satellit weltweit übertragen wurde und 600 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer fand – nicht weniger, eher mehr als die Mondlandung 1969 ...

... Vor 1968 indes hatten die Beatles zur Einigkeit und Freiheit und Selbstautorisierung einer riesengroßen Jugendbewegung beigetragen. Was war denn so besonders an ihrer Musik? An dem Lied, das Ende 1963 ihren Durchbruch zur weltweiten Berühmtheit bewirkte, lässt es sich vielleicht zeigen: I Want to Hold Your Hand. Man sieht schon, wieder nichts als Liebe. „Und wenn ich dich berühre, fühle ich mich glücklich“, „ich glaube, du wirst verstehen“ und so weiter. Bei „Ich kann meine Liebe nicht verbergen“ haben die Mädchen am lautesten gekreischt. ...


Aus: "1966: Tanz über Abgründen" (Michael Jäger | Ausgabe 35/2021)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/1966-tanz-ueber-abgruenden

Quote
man.f.red | Community (08.09.2021)

“There's nothing you can do that can't be done.”

Gestern Abend etwas nachgedacht; ich will versuchen, das Geschehen der 60er und 70er einmal etwas beispielhaft zu verkürzen, auch mit drei Musikstücken, die den damaligen ‚Geist der Zeit‘ aufzeigen mögen.

Die Bewegung im Westen, der 'Aufstand der Jugend' im weitesten Sinne, speiste sich im Wesentlichen durch drei kulturelle Quellen, die ich einmal so kategorisieren möchte:

- die ‚Liebe und Frieden‘ Fraktion,

https://vimeo.com/252765355

All you need is love Beatles 1967

- die ‚Freiheits'-fraktion (antiautoritäre Bewegung),

https://www.youtube.com/watch?v=Yo1vipNAC6w

Born to be Wild Steppenwolf 1968/69

- die ‚Widerstands'-fraktion‘ (APO, SDS, Initiativen, u.a.).

https://www.youtube.com/watch?v=XBHdTzuveww

Der Traum ist aus Ton Steine Scherben 1971/72

-

Über die Jahre oszillierte Jung-Mann und Jung-Frau durch die Farben dieses Spektrums, vor und zurück, nur relativ wenige können wahrscheinlich nur einem Farbstrahl zugeordnet werden.

Graphisch dargestellt ist dies auf dem Album-Cover von

https://www.youtube.com/watch?v=1vw1pdjydp0

Dark Side of the Moon Pink Floyd 1973

-

M.E. das Entscheidende in diesen Jahren war die tiefgehende Verschmelzung von ‚Liebe-Freiheit-Widerstand‘ die enorme kreative und konstruktive Potenziale bei Jung-Mensch freisetzte.

Das war etwas wie ‚der gerechte Zorn‘ (obwohl das auch nicht ganz greift).

Ich denke, an den Gestaltungsmöglichkeiten dieser emotionalen Amalgamation hat sich bis heute - im Prinzip - nichts geändert.

-

Der aufkommende Neoliberalismus und seine staatlichen Wächter/innen bogen diese ‚Kategorien‘ (Farben des Spektrums) nach Gesichtspunkten der kapitalistischen Verwertbarkeit um, z.B. in das Ersatzprisma von ‚Übersexualisierung – endlosem Konsum – geregeltem Aktivismus (e.g. Sport)‘ mit einer wesentlich strikteren Überwachung- und Ordnungsmacht.

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« Reply #72 on: September 15, 2021, 12:26:12 PM »

Peter Brückner (* 13. Mai 1922 in Dresden; † 10. April 1982 in Nizza) war ein deutscher Kritischer Sozialpsychologe und Hochschullehrer. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Br%C3%BCckner

Aus dem Abseits ist ein deutscher Dokumentarfilm von Simon Brückner aus dem Jahr 2015. Darin porträtiert er seinen Vater, den Sozialpsychologen Peter Brückner, der in den 1970er Jahren zur Symbolfigur der Studentenbewegung wurde. Der Kinostart war am 3. Dezember 2015. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Aus_dem_Abseits

Aus dem Abseits – Ein Film über Peter Brückner
Filmbesprechung von Klaus-Jürgen Bruder
Die Suche des Sohnes nach dem verlorenen Vater
(BRD 2015, Kinostart: 03.12.2015)
Regie, Buch: Simon Brückner
Filmbesprechung von Klaus-Jürgen Bruder  - Hamburg, 03.12.2015
http://www.film-und-politik.de/BRK-ADA.pdf

Aus dem Abseits (Trailer)- Kinostart: 03.12.2015
https://youtu.be/fErkfSg4mvU

« Last Edit: June 16, 2022, 03:19:30 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #73 on: February 03, 2022, 11:42:56 PM »

Der Neue Deutsche Film (auch Junger Deutscher Film, abgekürzt JDF) war ein Filmstil in der Bundesrepublik Deutschland der 1960er und 1970er Jahre. Prägende Regisseure waren Alexander Kluge, Hansjürgen Pohland, Edgar Reitz, Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Werner Herzog, Hans-Jürgen Syberberg, Peter Fleischmann, Werner Schroeter sowie Rosa von Praunheim und Rainer Werner Fassbinder. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Neuer_Deutscher_Film

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Quote
[...] Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) war wahrscheinlich die wichtigste Figur des deutschen Nachkriegsfilms. Ganz sicher kam ihm an Produktivität niemand gleich. Seine Filme sind nur noch selten zu sehen. Die frühen, die ihn sehr schnell bei der damals filmisch sehr interessierten politischen und kulturellen Avantgarde berühmt machten, sieht man so gut wie nie. Wer aber "Liebe ist kälter als der Tod", "Katzelmacher" oder "Warum läuft Herr R. Amok?" gesehen hat und mehr über Fassbinder erfahren möchte, der renne in die nächste Buchhandlung und kaufe "Fassbinder über Fassbinder", eine Sammlung von Interviews mit Fassbinder. Sie entstanden zwischen 1969 und 1982.

Er muss anfangen mit dem ersten Interview. Es entstand 1973 und wurde völlig zu Recht dem Band vorangestellt. Corinna Brocher wollte damals einen Film über Fassbinder drehen und unterhielt sich dafür mehrere Tage mit ihm. Diese Gespräche nehmen hier mehr als 150 Seiten ein. Sie sind nicht nur die beste Einführung in Leben und Werk Fassbinders, sie sind einer der besten Texte über 1968. Die Ursprünge und der Verlauf der Revolte werden selten so klar, so erschreckend klar wie hier. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass kaum jemand sie so extrem gelebt hat wie Fassbinder. Wer damals gegen den Vietnamkrieg war und nur drei, vier Mal im Jahr gegen ihn demonstrierte, ansonsten aber Schule und Studium brav absolvierte, der war gefeit vor den selbstmörderischen Verrücktheiten, wie sie im Fassbinder-Clan gelebt wurden. Aber man versteht 1968 nicht, wenn man nicht begreift, dass es damals vor allem um diese Verrücktheiten ging. Man nannte das "Bewusstseinserweiterung". Darunter versteht man damals wie heute in erster Linie extensiven Drogenkonsum. Aber 1968 gehörte zur "Bewusstseinserweiterung" auch die Infragestellung aller überkommenen Ansichten. Je selbstverständlicher sie einem erschienen, desto heftiger wurden sie in Frage gestellt. Es war die Zeit, in der das Private öffentlich wurde und die Normalen für verrückt erklärt wurden.

Heute, da in langen Jahren heftigster Auseinandersetzung geklärt wurde, wie weit man mit den Gedanken gehen und wie kurz die Strecke ist, auf der man ihnen mit Taten folgen darf, ist einem das damals fast Selbstverständliche ganz fern gerückt. Die verzweifelten, selbstanalytischen Gespräche, die Hinterfragung einer jeden Handlung, sind wieder in die Intimität der Zweierbeziehung verschwunden. Damals waren sie ein paar Jahre lang wenn nicht öffentlich, so doch in den kleinen Öffentlichkeiten der sich politisch gerierenden Gruppen. Fassbinder erzählt zum Beispiel, wie er seine erste Theatergruppe bekam: Er schlief mit der Frau des Chefs. Der hieß übrigens Horst Söhnlein und war später bei den Kaufhausbrandstiftern in Frankfurt/Main dabei. Er sprang aber noch rechtzeitig ab, bevor die sich zur Roten Armee Fraktion entwickelten. Nicht anders - das wissen wir heute nach den Forschungen von Jane Goodall - geht es bei Schimpansengruppen zu. Vielleicht gibt es auch unter ihnen Männchen, die das mit ähnlich emanzipatorischen Floskeln garnieren, wie Fassbinder das tat. Das Großartige aber ist, dass je länger man das Interview liest, einem immer unklarer wird, ob Fassbinder seine Geschichten zur Verteidigung erzählt und ihm die Wahrheit - oder das, was wir dafür halten - nur so nebenbei entschlüpft, oder ob Fassbinder uns nicht doch die Wahrheit erzählen möchte, weil er besessen ist von ihr. So sehr besessen, dass er an ihr festhält, auch wenn sie gegen ihn spricht.

Er hat sich einfach mehr für die Wahrheit als für die Moral interessiert. Er zeigt sich als das Schwein, das er ist, nicht aus Demut, sondern weil er es interessant findet, dass jemand, der so begabt, so deutlich den anderen überlegen ist, nicht verzichtet auf die niedrigsten, verwerflichsten Mittel, um seine Begabung zu praktizieren und durchzusetzen. Wer heute glaubt, Fassbinder sei nur ein Meister der Darstellung des Psychoterrors gewesen - man denke nur an einen der großartigsten Filme der Filmgeschichte, an "Martha", für den Corinna Brocher übrigens das Script führte -, der wird hier eines Besseren belehrt. Fassbinder war Psychoterrorist. Wenn er filmte, dann filmte ein Täter. Ein Täter freilich, der seine Opfer sehr gut beobachtet hatte. Ein Folterer, der genau Bescheid wusste, wann es wo besonders weh tat. Gerade das macht Fassbinders einzigartige Stellung im Neuen Deutschen Film aus. Er war kein Sozialdemokrat.

...

"Fassbinder über Fassbinder". Hrsg. von Robert Fischer. Verlag der Autoren, Frankfurt/Main 2004. 673 Seiten, broschiert, ISBN 3886612686

Rainer Werner Fassbinder: "Im Land des Apfelbaums". Gedichte und Prosa aus den Kölner Jahren 1962/63. Hrsg. von Juliane Lorenz und Daniel Kletke. Schirmer/Graf, München 2005. 187 Seiten, farbige und s/w. Fotos, gebunden, ISBN 3865550193



Aus: "Kein Sozialdemokrat - Vom Nachttisch geräumt: Die Bücherkolumne. Von Arno Widmann" (06.02.2006)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/vom-nachttisch-geraeumt/fassbinder-war-kein-sozialdemokrat.html
« Last Edit: February 03, 2022, 11:45:29 PM by Textaris(txt*bot) »
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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #74 on: February 11, 2022, 01:00:56 PM »

Hat ja niemand behauptet, dass der erst 1968 begann.

Quote
[...] Die "Akte Seberg" hat hunderte Seiten. Jede davon ist voll illegal erhaschter Einblicke in das Leben, die Psyche und das Bett der Schauspielerin Jean Seberg. Die Akte beinhaltet ihren Tagesablauf und ihre Aufenthaltsorte, Mitschriften ihrer Telefonate und heimlich geschossene Fotos. Und dazwischen sind interne Memos der US-Ermittlungsbehörde FBI abgeheftet, die für all das verantwortlich ist. Denn Seberg engagiert sich gegen Rassismus und für die US-amerikanische Black Panther Party. Das Ziel ihrer Überwachung wird in der Akte mit einem einzigen Wort zusammengefasst: ihrer "Neutralisierung".

Die Kettenreaktion, die zu alldem führt, wird 1956 in Gang gesetzt. Jean Seberg ist erst 17 Jahre alt, als sie durch eine Talentsuche vom ländlichen Iowa nach Hollywood gerät. Blutjung und unerfahren wird sie für Rollen ausgewählt, die sie nicht ausfüllen kann. Die Kritiker sind gnadenlos, der Regisseur, der sie entdeckt hat, ebenso. Als sie in einer Szene auf einen Scheiterhaufen steigen soll, gerät dieser tatsächlich in Brand. Die Flammen erfassen ihren Körper. Fasziniert von ihrem unverfälschten Schrei verwendet der Regisseur ihn im Film. Mit nur 21 Jahren verlässt Seberg Hollywood. Die Traumfabrik hat sie beinah zermalmt.

Sie geht nach Paris und erhält dort eine der Hauptrollen in "Außer Atem". An der Seite von Jean-Paul Belmondo spielt sie eine amerikanische Studentin, die einem Kleinkriminellen erst zur Geliebten und dann zum Verhängnis wird. Der Film bricht mit den etablierten Regeln des Kinos, stößt erst auf Unverständnis und wird dann zu einem Klassiker der Nouvelle Vague. Seberg mit ihrem raspelkurzen Haar und dem bildschönen Gesicht wird zur Ikone. Das T-Shirt, das sie in ihrer Rolle trägt, wird bis heute als kultiger Merchandise gekauft.

Seberg ist plötzlich ein Star des französischen Kinos. 1962 bringt sie in Paris einen Sohn zur Welt, dessen Vater der Schriftsteller Romain Gary ist. Die beiden heiraten und führen eine offene, von einvernehmlichen Affären geprägte Ehe. Sebergs Erfolg bleibt auch in ihrer Heimat nicht unbemerkt. Die nächsten Jahre lebt und arbeitet sie beiderseits des Atlantiks. 1968 reist sie für ein Engagement zurück in die USA, wo die Bürgerrechtsbewegung und die Proteste gegen den Vietnamkrieg gerade ihren Siedepunkt erreichen. Und Seberg weiß, auf welcher Seite sie steht.

Sie unterstützt die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) und Indigene, die nahe ihrem Heimatort leben. Ihr Engagement spricht sich herum, und wohl nicht ganz zufällig lässt sich auf einem Flug neben ihr der schwarze Aktivist Hakim Jamal nieder. Als die beiden den Flieger verlassen, hat er sie als Unterstützerin gewonnen. Ab da setzt Seberg sich für die Black Panther Party ein, eine sozialistische Bewegung, die für die Rechte schwarzer Amerikaner:innen kämpft.

Die Black Panthers setzen dabei auf Selbstverteidigung. Bewaffnet patrouillieren sie durch Stadtviertel, um Polizeigewalt zu verhindern. Daneben führen sie Sozialprogramme ein, etwa ein tägliches Frühstück für armutsbetroffene Kinder. Dieses Frühstücksprogramm unterstützt Seberg mit einer Spende. Es ist das erste Mal, dass sie auf dem Radar des FBI auftaucht. Denn die Behörde versucht, die Black Panther Party mit allen Mitteln zu zerschlagen.

Die Vereinigten Staaten sind damals, zur Zeit des Kalten Krieges, von der "roten Angst" ergriffen. Panik vor kommunistischer Unterwanderung umspült Politik, Bevölkerung und Behörden. Das FBI unter J. Edgar Hoover lanciert das berüchtigte Programm "Cointelpro". Es soll "subversive" Organisationen und Menschen durch Überwachung, Psychoterror und Verfolgung mundtot machen. Viele der verwendeten Methoden werden Jahre später von einem Komitee des US-Senats als illegal eingestuft. Doch Jean Seberg trifft das Programm mit aller Wucht.

Als Prominente ist sie für die Black Panthers eine wertvolle Verbündete, für das FBI eine Bedrohung. Seberg hilft der Bewegung mit Geld und Presseauftritten und gewährt Aktivisten in ihrem kalifornischen Haus Zuflucht. Noch 1968 lanciert das FBI eine Kampagne gegen sie. Ihr Telefon wird abgehört, ihre Briefe geöffnet, ihr Haus ausspioniert und jeder ihrer Schritte überwacht. Das FBI ist stets über ihren aktuellen Aufenthaltsort informiert. Seberg merkt, dass etwas nicht stimmt. Wenn sie telefoniert, hört sie ein Klicken in der Leitung. Auf der Straße wird sie beschattet. Auch in ihren privatesten Momenten spürt sie immer den Blick fremder Augen auf sich. Ihre Psyche beginnt zu splittern, doch endgültig zerbrechen wird Seberg erst im Jahr 1970.

Durch die Überwachung weiß das FBI von ihrer offenen Beziehung und ihren Liebschaften mit Black-Panther-Aktivisten. All das – die freie Ehe, ihr Aktivismus, ihr Umgang mit schwarzen Menschen und insbesondere schwarzen Männern – reicht schon einzeln für einen Skandal aus. Doch im Frühling 1970 erwartet Seberg ein Kind. Ihre Schwangerschaft bietet die Chance zu einem letzten, unerbittlichen Schlag. Und so wird in FBI-Memos in nüchternen Worten die Vernichtung der Jean Seberg skizziert.

"Es wird Erlaubnis erbeten, die Schwangerschaft von Jean Seberg, bekannte Filmschauspielerin, publik zu machen", steht in einer direkt an Hoover adressierten Meldung. Es soll das Gerücht gestreut werden, dass der Vater des ungeborenen Kindes ein Black Panther sei. "Wir glauben, dass die mögliche Veröffentlichung von Sebergs Lage dazu führen könnte, sie bloßzustellen und ihr Image in der Öffentlichkeit zu entwerten." Der FBI-Direktor erteilt die Erlaubnis – mit der Anweisung, so lange zu warten, bis Sebergs gewölbter Bauch auch sichtbar ist.

Der falsche Tipp wird Klatschblättern in Hollywood gesteckt. Im Mai landet er auf dem Schreibtisch einer Kolumnistin der "Los Angeles Times", deren Klatschspalte in über hundert Zeitungen landesweit erscheint. Die fingierte Geschichte ist an diesem Tag ihr großer Aufmacher. Seberg wird nicht namentlich genannt, doch ihre Identität ist nur allzu leicht erkennbar. "Papa soll ein prominenter Black Panther sein", schließt das Stück über ihre Schwangerschaft in honigsüßem Ton. Wenig später greift das große Nachrichtenmagazin "Newsweek" die Story auf – und veröffentlicht Sebergs Namen.

Im siebenten Monat schwanger flieht sie vor der medialen Kampagne in die Schweiz. Doch sie ist nervlich so am Ende, dass viel zu früh die Wehen einsetzen. Ihre Tochter Nina wiegt bei der Geburt nur 1,8 Kilogramm und stirbt zwei Tage später. Seberg lässt ihr Kind in ihrem Heimatort beisetzen und zuvor öffentlich aufbahren. Hunderte Paparazzi fotografieren den kleinen Leichnam. Er ist weiß.

Danach zerbricht Jean Seberg endgültig. Sie leidet an Angstzuständen, Paranoia und Depressionen. An jedem Todestag ihrer Tochter versucht sie, sich das Leben zu nehmen. Das FBI hat die Überwachung eingestellt. Doch Seberg, die in viele Scherben zersprungene Frau, wähnt ihre unsichtbaren Beobachter noch immer um sich. Sie verfällt Alkohol und Drogen und gerät immer wieder an Männer, die ihre Labilität ausnutzen.

Im Spätherbst 1979 verschwindet sie plötzlich aus ihrer Pariser Wohnung. Erst Tage später wird sie tot in einem geparkten Wagen entdeckt. Bei ihr wird ein kurzer Abschiedsbrief gefunden, die Pariser Polizei stuft ihren Tod als Suizid ein. Doch ein Jahr später nimmt sie wegen unterlassener Hilfeleistung Ermittlungen gegen unbekannt auf. Sebergs Blutalkohol lag bei fast acht Promille, einem Wert, den ein Mensch unmöglich selbst erreichen kann. Bis heute ranken sich verschiedene Verschwörungstheorien um ihren frühen Tod.

Nur Tage danach wird ein Antrag auf Dokumentenherausgabe an das FBI gestellt. Es muss die "Akte Seberg" veröffentlichen, die Zerstörung einer Frau liegt plötzlich offen da. Fassungslose Reporter:innen setzen die Scherben zusammen und erkennen die eigene Instrumentalisierung. Doch es ist zu spät. Jean Seberg wird auf dem Friedhof Montparnasse in Paris beigesetzt.


Aus: "Geradegerückt: Jean Seberg: Vernichtet vom FBI" Ricarda Opis (11.2.2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000133176570/jean-seberg-vernichtet-vom-fbi

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edifier

Keine Verschwörungstheorie

Kann so absurd sein, wie die Realität. Danke für den Artikel, welcher u.a. das nahtlose Zusammebewirken der Medien mit der US Politik beschreibt. Deswegen habe ich den Eindruck, dass kaum ein Reporter "fassungslos" darüber ist, wie er " instrumentalisiert" wird. In den meisten Fällen gilt : Herr verzeihe ihnen nicht, denn sie wissen genau,was sie tun.


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Zornica

Wir sind die Guten

Damals wie heute - geändert hat sich eigentlich nichts, auch die Öffentlichkeit hat nichts gelernt


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Mags

Aber die Russen sind doch die bösen.


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Ján Zelení

Der KGB war damals auch nicht zimperlich Dissidenten in die Psychiatrie zu sperren. Oder heutzutage mit Polonium oder anderen Substraten zu hantieren. Wobei sich auch die Russen damals (und heute) als die wahren "Guten" sehen.


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#wemnütztes

Das Verbrechen der einen rechtfertigt nicht das Verbrechen der anderen


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Tamimueller

Wenn man aus welchen Gründen auch immer, ins Fadenkreuz der Mächte gelangt, egal, ob Ost oder West, ist man ein armer Hund. Die gehen über Leichen. Skrupellos. Die Medien als Ausführungsgehilfen. Keine Entschuldigung, keine Veränderung, keine Verbesserung. Solche Fälle gibt es vermutlich immer noch.


Quote
Kreisky's Erben

Danke! Mich nervt das ewige ablenken auf andere.
In Russland ist es genauso falsch, wie überall anders auf der Welt. Nur spielen sich meiner Meinung nach die USA als die einzig wahren Verfechter der Demokratie auf und treten die Menschenrechte genauso mit Füßen, wie viele andere auch. Wenn sogar Schweden beim üblen Spiel gegen Assange mitgemacht hat, wie wird es dann in Staaten mit mächtigen Wirtschafts-und Geopolitischen Interessen sein.


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fizzzzzz

Deswegen, liebe Medien denkt immer dran: die Hand, die euch füttert, weiss schon, warum Sie das tut....


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Der Oley

zu Beginn des Kalten Krieges - der Kalte Krieg begann schon mit der Jalta Konferenz 1945. Nicht 1968. Soviel Geschichte muß sein.


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Puritsche

Hat ja niemand behauptet, dass der erst 1968 begann.


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Jene Grüne Straßenkatze

Danke für diesen Artikel. Er zeigt ganz gut, dass staatliche Intervention gegen unliebsame Personen nicht nur dann ein Problem ist, wenn die Mittel Pistolenkugeln, Giftpillen und Gefängnisstrafen sind. Es gibt so viele subtilere Methoden, jemanden zu "vernichten" (wie in Österreich manche Leute durchaus offen sagen, wenn sie wünschen, dass Karriere, Ruf und Privatleben einer Person zerstört wird). Und weil diese Methoden alle so soft sind, ist es viel weniger fassbar, was geschieht.


Quote
hilde peymann

heute dürfte sich seberg nicht mehr für schwarze einsetzen, weil cultural appropriation. so zynisch ist es inzwischen. rechts wie links im separierten identitätswahn statt solidarität. ...


Quote
Mark.Er

Fassungslose Reporter:innen setzen die Scherben zusammen und erkennen die eigene Instrumentalisierung.
Ist das Zynismus? Assange, Snowden.

Nein, wir sind nicht betroffen, wir machen da mit.
Ganz besonders UNSERE Journalisten. ...


Quote
Nada7791

Ein Dank an Ricarda Opis für diesen Artikel! Frau Seberg und ihr Schicksal ist, trotz des Kinofilms, vollständig an mir vorbeigegangen; es zeigt in voller Härte die Perversion eines in Angst erstarrten, von narzistischen Persönlichkeiten getriebenen Polizeistaats, der damals in den USA regierte. Die Figur Hoover ist von jeher umstritten, eine Aufarbeitung der Ära täte mehr als gut. Wer weiß, wie viele nicht so prominente Menschen das FBI unter dem Deckmantel des antikommunistischen Kampfes vernichtet und diskreditiert haben? Wer weiß schon, wie FBI (und wie die Dienste alle heißen) heute gegen unliebsame Menschen (müssen ja keine Aktivisten sein) vorgehen?


Quote
mauserle

Es war ja auch die McCarty-Ära, dem Senator, der sehr viel Prominente (auch Schauspieler wie Gary Cooper z.B.) vor den Untersuchungsausschuss zwangsvorgeführt hat, die dort wegen jeder noch so geringen Äußerung in Richtung Kommunismus streng verhört wurden, dann u.U. ihre Stelle verloren und Repressalien von Seiten der Regierung auf sich nehmen mussten.


Quote
fitzcarraldo

Leider fehlt den meisten Journalisten die Sensibilität für Beeinflussung durch Geheimdienste


Quote
Solomon Benvenisti

Jaja, die westlichen Werte, da muss man auch Opfer bringen.


Quote
Hattie Caroll

Jean Seberg hat alles richtig gemacht und wurde dafür vom FBI "vernichtet".
Die Methoden von J. Edgar Hoover standen den Methoden der Stasi um nichts nach und waren zudem auch noch illegal. Von offizieller Seite kam es bis heute nie zu einer Entschuldigung für derlei Machenschaften und wenn man an Guantanamo, George Floyd oder die drohenden 175 Jahre Haft für Julian Assange denkt, bekommt man nicht unbedingt den Eindruck, dass sich die Dinge in den USA seither zum Besseren verändert haben.


Quote
Puritsche

Das galt und gilt viel mehr für die UdSSR und Russland.
Im Westen wurde von 1968 bis jetzt der Staat viel kritischer gesehen.


Quote
Kommentatorin Frwdib527v

Die Macht des Staates gehört kontrolliert! Damals wie heute!
Wer glaubt, dass so etwas heutzutage nicht mehr möglich ist, der schaue sich die Schicksale von Edward Snowden, Julian Assange und Julian Hessenthaler an!


...
« Last Edit: February 11, 2022, 01:04:11 PM by Textaris(txt*bot) »
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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #75 on: March 29, 2022, 11:45:53 AM »

Quote
[...] Götz Haydar Aly (* 3. Mai 1947 in Heidelberg) ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Historiker und Journalist. ... In seinem 2008 erschienenen Buch Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück[22] analysiert Aly die Reaktion der Gegenseite auf die deutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre. Er greift dabei auf Akten deutscher Behörden und zeitgenössische Reaktionen, unter anderem von Joseph Ratzinger, Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal, zurück. Er kommt zu dem Schluss, dass die 68er ihren Eltern – der nationalsozialistisch geprägten „Generation von 1933“ – weitaus ähnlicher gewesen seien, als sie dies selbst wahrnehmen wollten.

Als Indizien für seine These benennt Aly den antibürgerlichen Impetus, die Gewaltbereitschaft, den Antiamerikanismus, den latenten Antisemitismus, das Ausblenden von Kritik an linken Despoten. Die 1968er seien als „Spätausläufer“ nicht die Lösung des Totalitarismus-Problems, sondern ein Teil des Problems selbst. Auch bei der Liberalisierung der Moral und Sitten seien die 68er nicht die Auslöser, sondern lediglich Nutznießer eines Prozesses gewesen, der schon in den 1950er Jahren begonnen habe. „Es ist schwer, den eigenen Töchtern und Söhnen zu erklären, was einen damals trieb“, so Aly angesichts seiner eigenen Biographie.[23]

Alys Buch über die politische Generation der 68er führte zu einer lebhaften Diskussion der Grundlagen der 68er-Bewegung.[24] Der Historiker Norbert Frei erklärte zu Alys Vergleich zwischen der „Generation von 1933“ und den 68ern: „Ich meine, hier hat sich einer um des medialen Knalleffekts willen zu einer historiographisch völlig überzogenen Darstellung hinreißen lassen.“ Der 68er-Generation eine 33er an die Seite zu stellen, dient nach Freis Auffassung „allein der Provokation, nicht der historischen Erkenntnis“.[25] Rudolf Walther wirft Aly vor, seine Gleichsetzung von 68er- und nationalsozialistischen Studenten sei ein Kurzschluss aufgrund lediglich gewisser äußerlicher Ähnlichkeiten.[26] ...


"Götz Aly"
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Datum des Abrufs: 29. März 2022, 09:31 UTC
https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6tz_Aly

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Quote
[...] Dagmar und ich gehören demselben Jahrgang 1947 an, wurden 68er, trafen uns bei der Westberliner Roten Hilfe, gingen berufliche Umwege, beschäftigten uns seit den 1980er Jahren wieder mit dem Nationalsozialismus, wählten später eher CDU als Grüne und haben jeweils ein Kind bekommen, das etwas anders als erwartet wurde. Meine Tochter heißt Karline. Dagmars Sohn heißt Timm. Sie hat ihn geliebt und wollte für ihn möglichst viel Selbstständigkeit und Normalität. Das war ihr wichtig.

Dagmars Geburtsjahr 1947 fällt in die sogenannte schwere Zeit. Unsere Eltern standen 1945 mit fast nichts da: materiell, ideell und moralisch entwurzelt und meist schwer traumatisiert: der Bombenkrieg, die vielen Gefallenen, Flucht, Vertreibung, Hunger. Über dem Land derjenigen, die den Krieg begonnen und Europa mit 19 Millionen deutschen Soldaten verwüstet hatten, lagen Starre und Orientierungslosigkeit. In den frühen 1950er Jahren folgte die von geschichtsabgewandter Betriebsamkeit geprägte Periode des Wiederaufbaus. Dabei herrschte in den meisten Familien eine merkwürdige Kälte. Oft fehlte es den späteren 68ern an dem, was man Nestwärme nennt, eine Generation emotional frierender Kinder.

Dagmars Mutter Roswitha war 1943 mit 27 Jahren Witwe geworden. Ihr Mann, Kapitänleutnant Heinsohn, war mit seinem U-Boot samt 45-köpfiger Besatzung bei Neufundland versenkt worden. Da saß sie nun mit ihren beiden Söhnen, schwanger mit dem dritten, im besetzten Polen, in der Hafenstadt Gdynia, umbenannt in Gotenhafen. Im Sommer 1944 floh Roswitha Heinsohn mit den Kindern nach Blankenhagen in Hinterpommern, im Januar 1945 weiter nach Schleswig-Holstein. Dort wurden der Flüchtlingsfamilie eineinhalb Zimmer unterm Dach zugewiesen. Am 28. Dezember 1947 wurde Dagmar in diese Situation hineingeboren. Dagmars Vater war Dietrich Sigismund von Doetinchem de Rande, der Gutsherr von Blankenhagen, der ersten Fluchtstation der Mutter.

Mit dem Wirtschaftswunder kam 1955 Bruder Andreas zur Welt. Dagmar schloss die Schule mit Mittlerer Reife ab. Dann geschah etwas, worüber sie später nicht sprach: Dagmar wurde als „Maid“ in die niedersächsische Landfrauenschule Obernkirchen gesteckt. Kaiser Wilhelm II. hatte dort seine Töchter hingeschickt, Richard Wagners Enkelin Verena und Hans-Dietrich Genschers Ehefrau lernten dort Hauswirtschaft, Gartenbau und Kleintierzucht – und eben auch, eingekleidet in Maidentracht samt Häubchen, unsere Dagmar, später von uns liebevoll „die Gräfin“ genannt.

Klar ist, dass solche familiären Abgründe zur Rebellion herausforderten, zur Suche nach etwas Neuem, nach menschlicher Nähe. Dagmar fing damit früh an. Sie ging nach Westberlin, zog in die legendäre Kommune 1, dann in die Kommune 2, lernte dort ihren ersten Freund, Ulrich Enzensberger, kennen. Man kann über die Kommunen, über die Wege und Irrwege, die Verrücktheiten, Verblendungen und das Scheitern der ummauerten Westberliner 68er sagen, was man will: Das Aussteigen aus der alten, eingefrorenen, kalten und verlogenen Welt der bundesdeutschen 1960er Jahre war verständlich.

Die Um- und Rückwege, die wir dann genommen haben, endeten manchmal komisch, manchmal tragisch. Nicht wenige sind gescheitert, auf Abwege geraten oder psychisch krank geworden, manche haben sich das Leben genommen. Auch Dagmar hatte schwere existenzielle Krisen. Wie schnell die Revolte von 1968 jedoch gewirkt hat, kann man auch daran ermessen, dass die Landfrauenschule Obernkirchen 1970 geschlossen wurde, und zwar „infolge gesellschaftlicher Veränderungen der 1968er-Jahre“.

Ich habe Dagmar 1971 bei der Roten Hilfe kennengelernt. Wir produzierten 1972 die schreckliche Broschüre „Vorbereitung der RAF-Prozesse durch Presse, Polizei und Justiz“. Horst Mahler saß als Mitbegründer der RAF und Terrorist im Knast. Er erschien uns als eine Art Heiliger, seine groben Briefe hielten wir für diskussionswürdige Botschaften. Eine Erklärung, die Ulrike Meinhof 1972 als Zeugin im Mahler-Prozess vor dem Berliner Landgericht abgegeben hatte, fand in der Roten Hilfe kein kritisches Echo. Sie lautete: „Der Antisemitismus war seinem Wesen nach antikapitalistisch. (…) Ohne dass wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen – denn die Leute haben ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vorging –, können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf mobilisieren.“ Ein ähnlicher Satz ist von Dutschke überliefert.

Wer die Lebenserinnerungen Marcel Reich-Ranickis liest, erfährt dort: 1964 war Ulrike Meinhof die „erste Person in der Bundesrepublik“, die, am Ende unter Tränen, „aufrichtig und ernsthaft wünschte“, von Reich-Ranicki über dessen „Erlebnisse im Warschauer Ghetto informiert zu werden“. Als sie sich 1976 im Gefängnis erhängte, wählte sie ausgerechnet die Nacht vom 8. zum 9. Mai. „Wäre es denkbar“, fragte Reich-Ranicki, dass es zwischen der deutschen Vergangenheit und dem Weg zum Terror „einen Zusammenhang gibt“?

Aber es wird noch verrückter. Horst Mahler, der als Holocaustleugner und Rechtsradikaler jahrelang im Gefängnis saß, hatte sich 1967 zusammen mit Joseph Wulf, Heinz Galinski, Max Horkheimer, Nahum Goldmann, Léon Poliakov und Fritz Bauer dafür eingesetzt, die Wannsee-Villa in einen Ort zur Erforschung nationalsozialistischer Verbrechen umzuwandeln. Das Vorhaben scheiterte.

1968 war in der alten Bundesrepublik auch der verzweifelte Versuch der ersten Nachkriegsgeneration, der deutschen Geschichte zu entrinnen. Plötzlich sprachen wir nicht mehr vom Nationalsozialismus und seinen Verbrechen, sondern vom internationalen Faschismus. Der hauste nicht so sehr in Deutschland, sondern in Washington, Saigon und Teheran, hieß Lindon B. Johnson, Reza Pahlewi, Nguyễn Văn Thiệu oder General Westmoreland. Der Vorteil: Sie alle hatten keine deutschen Namen und lebten Tausende Kilometer entfernt. Wir selbst schlugen uns auf die Seite der vermeintlich Guten, der Freiheitskämpfer, der Guerilleros.

Man kann diese Ausweichmanöver verstehen. Schließlich waren wir die Kinder der 1933er, wir mussten plötzlich, unvorbereitet und ungeschützt in die Abgründe deutscher Geschichte und unserer Familien blicken. Das Beste an der Roten Hilfe war, dass sie sich ziemlich schnell sang- und klanglos auflöste. Danach landeten viele von uns wieder im Morast deutscher Geschichte.

Dagmar wurde nicht, wie von ihr einmal gewollt, revolutionäre Lehrerin, sondern Hebamme. Damit markierte sie, dass sie sich von revolutionären Utopien verabschiedet hatte. In einem nächsten Schritt setzte sie sich mit der ihr eigenen Gründlichkeit mit dem Nationalsozialismus auseinander, plante die Ausstellung und schrieb die wesentlichen Teile des Buchs „Zerstörte Fortschritte. Das Jüdische Krankenhaus in Berlin“.

Den Titel hatte Klaus Hartung gefunden, ihr geschiedener Mann, der ihr zudem die Einleitung schrieb. Klaus sprach darin von „einer merkwürdigen öffentlichen Stummheit“, von „einer tonlosen Gegenwärtigkeit“, die über dem Thema liege, dem man „nun endlich mit größerer Sorgfalt“ nachgehe. Damit meinte er auch sich selber, unsere Generation, die damalige Neue Linke.

Das Jüdische Krankenhaus bestand bis 1945 – immer mehr der Gestapo und SS unterworfen. Dagmar schrieb am Ende ihres Buchs: „Die Geschichte des Jüdischen Krankenhauses im Dritten Reich ist weniger die Geschichte einer Institution als die von bedrohten und verfolgten Menschen.“ Um das möglichst genau darzustellen, hatte sie Überlebende in großer Zahl besucht: in Berlin und Mainz, in New York und Chicago, in Lugano, London, Haifa, Tel Aviv und Jerusalem. Sie befragte dem Holocaust Entronnene, hörte ihnen zu, verlieh ihnen in Deutschland eine Stimme.

Im Juni 1989 wurden Ausstellung und Buch im Jüdischen Gemeindehaus feierlich präsentiert. Dank Dagmars Arbeit waren etwa 40 Ehemalige des Jüdischen Krankenhauses nach Berlin gekommen, ältere Leute, teils hinfällig, „aber wache und energievolle Menschen sind es, die etwas wollen, voneinander und auch sonst“. So schilderte Klaus Hartung den Eröffnungstag in der taz.

Als Dagmar zum Podium schritt, verhaspelte sich die sonst so selbstbewusst Auftretende, verlor den Faden und fand kein Ende. Aber es wäre falsch zu sagen, sie hätte eine schlechte Rede gehalten. Sie zeigte die tiefe, damals weit verbreitete Unsicherheit. Wir 68er hatten zu mehr als 90 Prozent Väter, die Soldaten der Wehrmacht gewesen waren. Etwa 30 Prozent waren Mitglieder der NSDAP, deutlich mehr hatten dem Führer zugejubelt. Dagmars Stimme versagte immer wieder vor so vielen ihr freundlich und offenherzig zugewandten Juden, die überlebt hatten und nun – dank ihrer Recherchen – nach Berlin gereist waren.

Dagmar lebt von nun an in unserer Erinnerung. Wir erinnern uns mit einem Lächeln und mit Freude an ihre Eigenheiten und an ihre großen Stärken.


Aus: "Nachruf auf Dagmar von Doetinchem: Erinnerungen an die Gräfin" Götz Aly (15. 2. 2022)
Quelle: https://taz.de/Nachruf-auf-Dagmar-von-Doetinchem/!5831941/

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nzuli sana
16. Feb, 20:29

Aber die Rote Hilfe gibt es doch seit vielen Jahren mit zahlreichen Ortsgruppen.
Und eine Hebamme kann auch unter Linken zu finden sein. Zum Beispiel dem Netzwerk Solimed.
Seltsame Auffassungen.


...

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[...]  Anfang 2021 wird bei ihr ein seltener Tumor an der Speiseröhre entdeckt. „Man reißt sich zusammen“, hieß es in ihrer Kindheit. Das tut sie jetzt auch. „Ach, ich will nicht rumjammern“, sagt sie, wenn es allen Grund zum Jammern gibt. Als ihr klar wird, dass ihr Leben abhängig sein wird von Ärzten und immer neuen Therapieversuchen, schwindet ihr Lebenswille. Sie geht friedlich, als ihre Tochter auf der Palliativstation neben ihr am Bett sitzt und zeichnet.

Auf dem Friedhof in der Bergmannstraße liegen schon Steve und ihr Bruder Knut. Um ihn hat sie sich jahrelang gekümmert, als er, psychisch krank, in Berlin auf der Straße lebte. Nun ist sie zu den beiden in ihre letzte WG gezogen. ...


Aus: "Nachruf auf Dagmar Hartung von Doetinchem de Rande Die „Gräfin“" Lisa Seelig (25.02.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nachruf-auf-dagmar-hartung-von-doetinchem-de-rande-die-graefin/28080656.html
« Last Edit: March 29, 2022, 11:48:45 AM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #76 on: June 16, 2022, 02:59:31 PM »

Themen Morrisons: die Befreiung von Autoritäten, insbesondere von Vaterfiguren, die Bewusstseinserweiterung, rauschhafte Triebbefriedigung, die Lebensreise und die Geburt eines neuen Menschen, den keine Zwänge mehr plagen. Es sind Themen, die das konservative Establishment fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Der Gesamtzusammenhang des Songs ist schwer nachzuvollziehen. Warum? Weil sich wohl poetische Experimente und psychedelische Drogen mal wieder bestens verstanden haben.

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[...] Es geht wahrlich fix in den Sixties. Wie das Aufbegehren einiger Subkulturen vollzieht auch die Rockmusik in nur wenigen Jahren gewaltige Evolutionsschritte. Eine weltweite Gegenkultur entsteht, und der Soundtrack dazu sprengt schon bald den üblichen dreiminütigen Songrahmen. Stile und Arrangements werden vielfältiger, musikalische und textliche Strukturen werden komplexer, experimenteller. Zu einer der „Königsdisziplinen“ avanciert der amerikanische Psychedelic Rock, sein spektakulärstes Aushängeschild sind The Doors. Alles an dieser Band aus Los Angeles ist ungewöhnlich. Die Besetzung kommt ohne Bass aus, dafür dominiert eine Orgel; die zum Teil schwer zu deutenden Lyrics haben visionären Charakter; der exzessive Frontmann Jim Morrison, ein multimedial denkender Dichter und Ausnahme-Performer, hält nicht nur die Staatsmacht, sondern auch seine Bandkollegen in Atem: Die Songtexte rütteln auf, die Livekonzerte provozieren Polizeieinsätze und Tumulte.

Einer der berühmtesten und spektakulärsten Songs der Doors erscheint 1967 gleich auf dem ersten Album. The End, als simpler Trennungssong begonnen und dann über einen längeren Zeitraum hinweg zum psychedelischen Epos weiterentwickelt, dauert fast 12 Minuten und behandelt im Rahmen eines düster-dräuenden Klangszenarios die zentralen Themen Morrisons: die Befreiung von Autoritäten, insbesondere von Vaterfiguren, die Bewusstseinserweiterung, rauschhafte Triebbefriedigung, die Lebensreise und die Geburt eines neuen Menschen, den keine Zwänge mehr plagen. Es sind Themen, die das konservative Establishment fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Der Gesamtzusammenhang des Songs ist schwer nachzuvollziehen. Warum? Weil sich wohl poetische Experimente und psychedelische Drogen mal wieder bestens verstanden haben.

Zu Beginn des Stücks erklärt das Song-Ich, dass etwas zu Ende ist. Auch ein wunderschöner Freund wird besungen, und fast scheint es, als sei mit diesem Freund besagtes Ende selbst gemeint: „This is the end, my only friend, the end.“ Aussagen Jim Morrisons zufolge ist das Ende der Tod. Und dieser Tod habe überhaupt nichts Beängstigendes, sondern sei als Freund anzusehen, weil mit ihm doch alle Schmerzen endeten. Und wenn es heißt: „I’ll never look into your eyes again“, dann klingt – Auf Wiedersehen, Ende! – vielleicht schon ein Neubeginn an. In den darauf folgenden Versen ist von grenzenloser Freiheit die Rede, aber auch von einer römischen Wildnis des Schmerzes, von wahnsinnig gewordenen Kindern, merkwürdigen Szenen in der Goldmine und von einem archaischen See im Westen, den man auf einer Schlange erreicht: „Ride the highway West, baby / Ride the snake, ride the snake / To the lake, the ancient lake, baby …“ Schon etwas nachvollziehbarer klingt da die Ankündigung einer spirituelle Reise ins Unbekannte, die später in einem blauen Bus fortgesetzt wird: „The blue bus is callin’ us …“ Ein Kreativtrip nach der Wiedergeburt? Vielleicht in einem Bus wie dem der „Merry Pranksters“, die als Hippie-Aktivisten durch die USA fuhren, um Drogen-Events zu veranstalten? Na, wenn das so ist – da kann man schon mal zusteigen.

Aus dem Ich ist inzwischen ein Wir geworden, das aber schnell in einer neutralen Erzählung aufgeht. Und dann folgt eine der berüchtigtsten Songpassagen der Rockgeschichte. Es ist die Passage, in der ein Mörder morgens aufwacht, in seine Stiefel steigt, dann wie die Darsteller der griechischen Tragödie eine Maske wählt („He took a face from the ancient gallery“) und seine Familie aufsucht. Die Geschwister verschont er. Doch den Vater droht er zu ermorden, und der Mutter kündigt er an, mit ihr schlafen zu wollen: „He walked on down the hall / And he came to a door, and he looked inside / Father … – Yes, son? – I want to kill you / Mother, I want to …“ Es folgt kaum identifizierbares Geschrei, aber das „fuck you“ ist da, es wird aus Gründen der Selbstzensur klanglich zugekleistert und erst später in Remixes offenbart. Die Passage nimmt Bezug auf die Ödipussage und, nicht nur im Motiv der Befreiung von der Autorität des Vaters, auf Sigmund Freuds Theorie des Ödipus-Komplexes.

Die Mitglieder der Doors sehen hier weniger den Skandal, sondern eine theatralische Inszenierung frei nach Sophokles – auch wenn der griechische Tragödiendichter wohl etwas weniger direkt formuliert hätte und ohne Four-Letter-Words ausgekommen wäre. Vielleicht sind die Ablösung von Vaterfiguren und das lustvolle Ausleben der eigenen Sexualität eine existenziell wichtige Etappe auf der angedeuteten spirituellen Reise? Auf jeden Fall kehren die Lyrics rasch zum blauen Bus zurück – „C’mon, baby, take a chance with us“ – und dann schließt sich der Kreis mit der erneuten Feststellung, dass etwas unausweichlich zu Ende sei: „This is the end, my only friend, the end / It hurts to set you free / But you’ll never follow me / The end of laughter and soft lies / The end of nights we tried to die / This is the end.“ Einmal mehr scheint dieses Ende den Beginn von etwas Neuem zu markieren …

Der Text ist multiperspektivisch angelegt. Ich, Du, Er, Wir – alles fließt hier zusammen, einen logischen Zusammenhang sucht man vergebens. Aber vielleicht wird, ganz im Sinne der griechischen Tragödie, ein kathartischer Effekt angestrebt, eine seelische Reinigung? Schwierig. Der Rockexperte Tom Noga erkennt hier „die eklektische Struktur von Jim Morrisons Lyrik“, die Mischung aus griechischem Drama, aztekischer Mythologie und „einer Prise Kerouac. Ödipus trifft auf die große Weltschlange und die Freiheitsprosa des Beatnik-Schriftstellers.“ Das US-amerikanische Musikmagazin „Rolling Stone“ macht es sich einfach und sieht in dem Song „a goodbye to childhood innocence“. Jim Morrison selbst war überzeugt, The End biete die unterschiedlichsten interpretatorischen Anknüpfungspunkte. Er sollte recht behalten. Es wurde ein Song, in dem sich viele jugendliche Hörerinnen und Hörer der Sixties – die Suchenden, die Zweifelnden, die Experimentierfreudigen, die Frustrierten und die Rebellischen – auf unterschiedlichste Weise wiederfanden. Und der das gesellschaftliche Establishment komplett verstörte.

Im Rockclub „Whisky A Go-Go“ in Los Angeles gaben The Doors eine Zeit lang die Hausband. Doch nachdem sie das erste Mal The End komplett samt skandalöser Ödipus-Passage gespielt hatten, war damit Schluss. Grund genug für Elektra Records, die Combo unter Vertrag zu nehmen. The Doors wurden immer erfolgreicher – und Jim Morrison immer seltsamer: Er litt unter dem Erwartungsdruck, soff, nahm Drogen und zeigte, wie seine Mitstreiter mutmaßten, Anzeichen von Bewusstseinsspaltung. Gleichzeitig glaubte Morrison tatsächlich an die bewusstseinsverändernde Kraft von Musik und Drogen – an eine positive Transformation der Gesellschaft, ein Break on Through to the Other Side, wie es ein anderer berühmter Doors-Song formulierte. Passend dazu war er begeistert von den Ideen der anarcho-pazifistischen Theatertruppe The Living Theatre, die mit bewusster Manipulation und Entkleidungsaktionen arbeitete, um das Publikum zu unerwarteten Reaktionen zu bewegen. Und so provozierte Morrison nicht nur Ordnungshüter, die sich zunehmend alarmiert bei Doors-Konzerten einfanden, sondern auch Teile der Fans, die nicht jeder seiner Aktionen folgen konnten. Künstlerische Strategie oder persönliche Tragödie? Das war nicht immer auszumachen. Doch Verhaftungen, Freilassungen und die Beobachtung durch das FBI sind verbürgt.

Legendärer Höhepunkt dieser Dynamik war ein Auftritt am 1. März 1969 in Miami. Ganz offensichtlich zugedröhnt beschimpfte Morrison das Publikum und stachelte zum Umsturz auf. Zusätzlich simulierte er an seinem Gitarristen Fellatio – ein seinerzeit gewagter Bühnen-Stunt, den später David Bowie als Ziggy Stardust mit Mick Ronson zum Standardelement von Rockshows machen sollte. Darüber hinaus hantierte Morrison mit einem verstörten lebenden Lamm, um es schließlich, wie er ins Mikro nuschelte, „doch nicht zu ficken“. Und dann nestelte er auch noch an seiner schwarzen Rockerjeans und setzte dazu an, seinen Penis zu zeigen. Ob ihm das tatsächlich gelang? Oder ob er das Ganze sowieso nur andeuten wollte? Die Antwort kennt nur die Lederhose – denn eindeutige Belege für diesen letzten Akt der Provokation fehlen. Auf jeden Fall wurde Morrison irgendwann von der Bühne gedrängt und kurze Zeit später vor Gericht gestellt. Konzerte wurden abgesagt, Demonstrationen organisiert – gegen die Doors im Speziellen und gegen den Sittenverfall an sich. Die gerichtlichen Auseinandersetzungen dauerten Monate, teils entzog sich der Star, teils war er auf freiem Fuß. Bis er 1971 unerwartet mit nur 27 Jahren verstarb. Die genauen Umstände seines Todes in einer Pariser Wohnung sind bis heute ungeklärt. Morrison galt vielen als gefallener Engel und Prophet, als Kämpfer für die individuelle Freiheit und Opfer eines Systems, das mit überharter Verfolgung ein Exempel an ihm statuierte. Der Stoff, aus dem Rockmythen sind.


Aus: "1967 Was für ein Theater! - The Doors: The End" Michael Behrendt (2021)
Quelle: http://archiv.faustkultur.de/4648-0-Michael-Behrendt-The-Doors-The-End.html
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« Reply #77 on: June 20, 2022, 01:36:38 PM »

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[...] Für eine Gesellschaft der befreiten Arbeit und Liebe. Dušan Makavejevs Film „W.R. – Die Mysterien des Organismus“ ist eine Hommage an Wilhelm Reich.

... „Liebende Kameraden, fickt frei, eurer Gesundheit zuliebe! Der Krebs ist die Hysterie von Zellen, die zum Tode verurteilt sind. Krebs und Faschismus gehören zusammen. Der Faschismus ist ein Rausch sexuell verkrüppelter Menschen!“ So spricht eine Stimme aus dem Off über Aufnahmen aus einem sexualrevolutionären Aufklärungsfilm aus dem Jahr 1931.

So ist der Ton gesetzt für Dušan Makavejevs Film „W. R. – Die Mysterien des Organismus“, der zwischen 1968 und 1971 in den USA und Jugoslawien gedreht und vor vierzig Jahren auf der Berlinale gezeigt wurde, weswegen er dort nun wieder zu sehen ist.

„Die Mysterien des Organismus“ ist eine ernste, traurige, radikale, humorvolle und lebensbejahende Hommage an Wilhelm Reich. Dieser setzte sich mit der Funktion des Orgasmus auseinander, weil er annahm, dass mit jeder psychischen Erkrankung eine Störung der sexuellen Erlebnisfähigkeit einhergehe.

Dieser Film ist ein Klassiker, der nichts von seiner Relevanz verloren hat, abgesehen davon, dass niemand mehr an Revolutionen glaubt.

Makavejev vermerkt auf einer der Texttafeln, die den Film einleiten, Reich habe die Wurzeln der Angst vor der Freiheit, vor der Wahrheit und vor der Liebe im Menschen aufgedeckt. „Reich kämpfte für eine Arbeitsdemokratie, glaubte an eine Gesellschaft der befreiten Arbeit und Liebe.“

So kann man das zusammenfassen. 1931 hatte Reich den Deutschen Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik, kurz Sexpol, gegründet. Aus der KPD wurde er wegen seines Buches „Massenpsychologie des Faschismus“ hinausgeworfen. Schon 1936 kritisierte er die reaktionären Entwicklungen im Stalinismus scharf.

Die Kirche der Psychoanalytiker schloss ihn später unter anderem wegen seiner Theorie der Lebensenergie aus, die er in Orgonakkumulatoren auf den menschlichen Körper wirken ließ. In den späten 1950ern verbrannten die amerikanischen Behörden seine Bücher und sperrten ihn ein. 1957 starb er vor der Zeit, Opfer der Angst vor der Freiheit und der Liebe.

In den 1960ern hatten seine Ideen großen Einfluss auf die Studentenrevolte, offenkundig nicht nur im Westen, sondern auch im sozialistischen Jugoslawien, wo sie unter anderem Dušan Makavejev inspirierten.

...


Aus: "Ohne Orgasmus keine freie Gesellschaft: Die Angst vor der Liebe" Ulrich Gutmair (20. 2. 2020)
Quelle: https://taz.de/Ohne-Orgasmus-keine-freie-Gesellschaft/!5662832/

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[...] Reichs damalige Lebensgefährtin, die Tänzerin Elsa Lindenberg, hatte ihr Domizil in der Berliner ‚Künstlerkolonie‘, einer Hochburg des Widerstands gegen Hitler. Reich war Mitglied der dortigen kommunistischen Zelle, der u. a. der Schriftsteller Arthur Koestler, der Philosoph Ernst Bloch und der Schauspieler-Sänger Ernst Busch angehörten. Nur wenige Tage nach dem Reichstagsbrand kam es zu einer Großrazzia, über die der Völkische Beobachter am 15. März 1933 berichtete: „Heute Vormittag wurde durch eine Bereitschaft Schutzpolizei […] der große Block am Südwestkorso in Wilmersdorf, der den schönen Namen ‚Künstlerkolonie‘ führt, abgeriegelt und durchsucht. Dieser Gebäudekomplex beherbergte seit seinem Bestehen eine Auslese übelster Intellektueller und Kommune-Blutredner, die dort in luxuriösen Wohnungen, im Schutze eisenbeschlagener Türen, ihre Haßgesänge gegen das erwachende Deutschland verfaßten.“ Zu diesem Zeitpunkt war Wilhelm Reich schon nicht mehr in Berlin. Denn er gehörte zu den „österreichischen Staatsangehörigen“, die wegen „ihrer Betätigung in der kommunistischen Bewegung“ auf einer Liste standen, die die Gestapo im Mai 1933 der Bundespolizeidirektion Wien übermittelte. Dorthin war Reich geflohen, um seiner Verhaftung zu entkommen. Dass Reich in Gefahr war, das wusste auch Max Eitingon, der Vorsitzende der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG), der im Sommer 1933 (nach Palästina) emigrierte. Er ließ Wilhelm Reich „mitteilen“, das Berliner Psychoanalytische Institut (BPI) „nicht mehr [zu] betreten, damit, falls er verhaftet werden würde, dies nicht in unseren Räumen geschehen könne“. So steht es in einem der Berichte, die Felix Boehm – der im November 1933 als ‚arischer‘ Nachfolger Eitingons das Amt des DPG-Vorsitzenden übernahm – für Ernest Jones, den Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) anfertigte, um ihn über das ‚Schicksal‘ der Psychoanalyse unter Hitler auf dem Laufenden zu halten.

... Wilhelm Reich war – neben Otto Gross als Vorläufer und Erich Fromm als Zeitgenosse – einer der Pioniere der Erforschung der autoritären Persönlichkeit. Die 1933/34 in Szene gesetzte Ausgrenzung Wilhelm Reichs aus den psychoanalytischen Organisationen erfolgte nach Lesart der vereinspolitisch motivierten Geschichtsschreibung jedoch nicht wegen dieser – aus heutiger Sicht – begrüßenswerten Pionierleistung, sondern deshalb, weil aus Reich ein ‚schlechter‘ Psychoanalytiker wurde. Robert Waelder, ein vormaliger Lehranalysand Anna Freuds, der 1934 beim Luzerner Kongress an der Sitzung des IPV-Gremiums teilgenommen hatte, das den 1933 beschlossenen DPG-Ausschluss Reichs absegnete, formulierte in einer Besprechung der von Reich herausgegebenen Exil-Zeitschrift harsch: „So muß denn in aller Klarheit gesagt werden, daß die hier vorliegenden ‚wissenschaftlichen‘ Bestrebungen mit der Psychoanalyse nichts mehr zu tun haben, daß niemand, der Reich auf seinem Weg folgt, mehr Recht hat, sich noch auf die Psychoanalyse zu berufen […].“

Am 17. April 1933, also nur zehn Tage, nachdem Reich seinen Vortrag über die Massenpsychologie der nationalen Bewegung in Wien gehalten hatte, traf dort Boehm mit Freud zusammen, um mit ihm die weitere Politik der DPG zu besprechen. „Die Unterredung verlief sehr herzlich“, heißt es in einem Bericht Boehms für Jones (dem auch die folgenden Zitate entnommen wurden). Bei der Verabschiedung habe Freud u. a. den „Wunsch“ geäußert: „befreien Sie mich von Reich“. Nachdem Eitingon (vermutlich durch Boehm selbst) von diesem „Wunsch“ erfahren hatte, schrieb er an Freud, sollte Boehm tatsächlich „den Auftrag bekommen [haben], Reich hinauszuwerfen, so wird er das mit dem Takt machen, der uns sicher die Freude an der vollzogenen Tatsache ganz verderben würde“. Und dann setzte er noch hinzu: „Wir sollten Reich nicht gerade jetzt hinauswerfen […].“

... Reichs spätes Eintauchen in die Welt des Kosmischen ist vor dem Hintergrund einer von zahlreichen Verlusterlebnisse und Traumatisierungen geprägten Lebensgeschichte zu beurteilen (s. Bernd Nitzschke: Familiäre und gesellschaftliche Gewalt und Verfolgung im Leben Wilhelm Reichs. In: Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft, Heft 42, 2017). Anfang der 1960er Jahre konnte man in einer psychoanalytischen Fachzeitschrift einen Beitrag lesen, der den Titel trug: „Die Ermordung von wievielen seiner Kinder muss ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?“ Der – polemisch zugespitzten – Formulierung lag die Frage zugrunde, ob die psychische Erkrankung eines Überlebenden nationalsozialistischer Gewalt und Verfolgung als Traumafolgestörung anzuerkennen sei oder aber als anlagebedingt zu gelten habe. Im letzteren Fall konnte man die Forderung nach ‚Wiedergutmachung‘ zurückweisen. Unter der Zwischenüberschrift „Trauma und Psychose“ schrieb Kurt R. Eissler, der Autor dieses Beitrags, dass „die Widerstandskraft gegen psychotische Erkrankungen“ bei jedem Menschen „durch die Umwelt gestärkt oder geschwächt werden kann“. Auf Wilhelm Reich bezogen heißt das: bei der Beurteilung seines Spätwerkes wären neben den lebensgeschichtlich frühen auch die Traumata zu berücksichtigen, denen er nach seiner Flucht aus Deutschland ausgesetzt war.

Nach seiner Emigration kurz vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs im August 1939 wurde Wilhelm Reich in den USA erneut zum Objekt der Beobachtung – durch das FBI (Federal Bureau of Investigation) – und der Ausgrenzung – durch die FDA (Food and Drug Administration). Anfang der 1950er Jahre wurde seine ‚Orgon‘-Medizin als Quacksalberei verurteilt. Seine Schriften wurden zum zweiten Mal verbrannt (s. Philip B. Bennet: The persecution of Dr. Wilhelm Reich by the government of the United States. In International Forum of Psychoanalysis, 2009). Schließlich kam er wegen Missachtung des Gerichts ins Zuchthaus Lewisburg, Pennsylvania, wo er kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag am 3. November 1957 einsam und verlassen an Herzversagen – beziehungsweise an gebrochenem Herzen – starb.

Reich hatte sich in eine scheinbar bessere Welt gerettet, die er in den ‚Orgon‘-Schriften beschwor, während er die schlechte Welt, in der er Verfolgung und Vertreibung, Diffamierung und Verurteilung erlebte, mehr und mehr aus den Augen verlor. Bei einem 1951 unternommenen ORANUR-Experiment (abgeleitet von: ORgone Against NUclear Radiation) jagte er die Welt um sich herum buchstäblich in die Luft. Das in einen ‚Orgon‘-Akkumulator eingebrachte Radium hatte eine Explosion ausgelöst, bei der Mitarbeiter Reichs, seine Tochter Eva (aus erster Ehe) und seine zweite Ehefrau, Ilse Ollendorff, zu Schaden kamen, die sich kurz darauf (1954) von ihm scheiden ließ. Der Versuch, DOR (abgeleitet von: Deadly Orgon = radioaktive Strahlung) mit Hilfe heilsamer ‚Orgon‘-Energie unschädlich zu machen, war gescheitert. In einem Brief an Alexander Neill beschrieb Reich die Katastrophe mit diesen Worten: „Es war eine schreckliche und zugleich sehr aufregende Erfahrung, so als hätte ich den Grund des Universums berührt.“

Verworfen und ausgegrenzt geriet Wilhelm Reich bald nach seinem Tod in Vergessenheit. Ein Jahrzehnt später erinnerten sich dann aber die 68er-Rebellen an ihn, denn einige Titel seiner Bücher klangen so, als hätte er sie eigens für sie geschrieben: Die Funktion des Orgasmus (1927), Die sexuelle Revolution (1966). In Westdeutschland kam die Auseinandersetzung der Söhne und Töchter mit den Eltern, die ihnen nicht erklären konnten oder wollten, warum sie sich 1933 einer Diktatur beugten oder sie sogar enthusiastisch begrüßten, noch hinzu. Die 68er interessierten sich deshalb nicht nur für Marx und Freud, sondern auch für einen marxistischen Psychoanalytiker, der als Gegner der Nationalsozialisten im Exil ein Buch mit dem Titel Massenpsychologie des Faschismus veröffentlicht hatte.

Wollte man bisher die von Wilhelm Reich 1933 formulierte Analyse des realen Faschismus beziehungsweise der Gläubigkeit der Anhänger und Befürworter autoritärer Herrschaft (kirchlicher, politischer oder sonstiger Gruppierungen) nachvollziehen, musste man auf einen der ‚Raubdrucke‘ der Massenpsychologie zurückgreifen, die in der Folge der Wiederentdeckung Reichs durch die 68er-Bewegung erschienen sind, oder man nahm eine Neufassung zur Hand, in die Reich die ‚Orgon‘-Theorie umfangreich eingearbeitet hat. Bis heute zitierten geschichtsvergessene Autoren, die Reich kritisieren wollten, immer wieder spätere Überarbeitungen, ohne auf die Unterschiede zur Originalausgabe der Massenpsychologie zu achten, geschweige denn darauf hinzuweisen. Nun aber hat Andreas Peglau eine sorgfältig editierte Neuausgabe des Originaltextes der Massenpsychologie des Faschismus von 1933 vorgelegt, ergänzt durch das Nachwort zur 2. Auflage von 1934, eine Zeittafel mit den wichtigsten Lebens- und Werkdaten zu Wilhelm Reich sowie einen biographisch-zeitgeschichtlichen Abriss, in dem der Kontext des Werkes vorzüglich erläutert wird. Diese Neuausgabe ist allen Lesern zu empfehlen, die nachvollziehen wollen, wie sich ein jüdisch-marxistischer Psychoanalytiker 1933 in einer Exil-Publikation mit dem sich abzeichnenden Unheil nationalsozialistischer Macht- und Gewaltpolitik auseinandergesetzt hat.

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Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus. Der Originaltext von 1933.
Herausgegeben, redigiert und mit einem Anhang versehen von Andreas Peglau.
Psychosozial-Verlag, Gießen 2020.
280 Seiten , ISBN-13: 9783837929409




Aus: "Die Wiederkehr eines Verdrängten" Bernd Nitzschke (Nr. 1, Januar 2021)
Die Neuausgabe von Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ lädt zur wissenschaftshistorischen Rekonstruktion eines epochalen Werkes ein
Quelle: https://literaturkritik.de/reich-massenpsychologie-des-faschismus-die-wiederkehr-eines-verdraengten,27469.html

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